Project Gutenberg's Der Deutsche Lausbub in Amerika (2/3), by Erwin Rosen

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Title: Der Deutsche Lausbub in Amerika (2/3)
       Erinnerungen und Eindrcke Zweiter Teil

Author: Erwin Rosen

Release Date: April 6, 2019 [EBook #59218]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER DEUTSCHE LAUSBUB IN AMERIKA, VOL 2 ***




Produced by Norbert H. Langkau, Matthias Grammel and the
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             [Illustration]




           Memoiren Bibliothek

                IV. Serie

               Siebter Band


     Der Deutsche Lausbub in Amerika

              * 2ter Teil *

                  von

               Erwin Rosen

             [Illustration]




                  Der
            Deutsche Lausbub
               in Amerika

              Erinnerungen
              und Eindrcke
             von Erwin Rosen

               Zweiter Teil


              Dritte Auflage

      Verlag -- Robert Lutz -- Stuttgart




          Alle Rechte vorbehalten.
  Druck von A. Bonz' Erben in Stuttgart.


                Copyright 1912
         by Robert Lutz, Stuttgart.




Inhalt


                                                               Seite

             Bei der amerikanischen Zeitung.

  Bob bei den Mnchner Neuesten Nachrichten. -- Die armen
    Teufel von deutschen Journalisten. -- Ein Mnchner
    Zeitungspalast. -- Im amerikanischen Reporterzimmer.
    -- Wie das Zeitungsbaby sein Handwerk erlernte. --
    Das Geheimnis der Presse. -- Im Presidio. -- Ich
    lerne telegraphieren. -- Die Sprache des Kupferdrahts.
    -- Telegraphisches Lachen. -- Vom groen Lebenswert           21


                     Reporterdienst.

  Was der Amerikaner von seiner Zeitung verlangt. -- Der
    scoop. -- Der verunglckte Dampfer Hongkong. -- Die
    Mnner der schnellen Entschlsse. -- Wie ein Reporterstck
    inszeniert wird. -- Auf der Jagd nach der Sensation.
    -- Im Maschinenraum. -- Wie ich die Kunst des Zuhrens
    ausbte. -- Der Dmon im Stahl. -- Zeitungsknig Hearst.
    -- Eine Anekdote von der gelben Gefahr des Kaisers und
    der Hearstschen Gelben Presse. -- Ein schwarzer Tag           38


                 Das Kommen des Krieges.

  Vorgeschichte des spanisch-amerikanischen Krieges. -- Die
    Guerillakmpfe zwischen Spaniern und kubanischen
    Insurgenten. -- Die Glckssoldaten der Virginia. --
    Gespannte Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten
    und Spanien. -- Grausamkeiten. -- Die kubanische Junta
    in New-York. -- Der Untergang der Maine. -- Der
    Racheschrei. -- Kriegserklrung. -- Meine groe Idee!
    -- Die groe Idee funktioniert nicht! -- Aber ich mu
    unbedingt nach Kuba                                           56


                 Der Lausbub wird Soldat.

  Die verbogene Lebenslinie. -- Ein schneller Entschlu. --
    Beim Oberleutnant Green vom Signaldienst. -- Ich werde
    angeworben! -- Abschied von Allan McGrady. -- =B
    Company= des 1. Infanterieregiments. -- Korporal
    Jameson. -- Wiggelwaggeln. -- Der sprechende Sonnenspiegel.
    -- Ich gehe nach Kuba!                                      66


       Das Sternenbanner auf dem Wege nach Kuba.

  Der Krieg des Leichtsinns. -- Aus Leutnants werden
    Majore. -- Eine kleine Vergelichkeit. -- Segenswnsche
    und Vorschulorbeer. -- Von lieben diebischen Mgdelein. --
     Die Armee in Hemdrmeln. -- Das militrische
    Telegraphenbureau in Tampa. -- Die spanische
    Gespensterflotte. -- Admiral Cervera in der Falle von
    Santiago de Cuba. -- Die Depeschenhlle. -- Roosevelts
    Rauhe Reiter ohne Gule! -- Auf dem Meer. -- Eine
    schwbische Ueberraschung. -- Von redenden Tuchfetzen
    und sprechenden Wolken. -- Nachtalarm. -- Beginn des
    Bombardements von Baiquiri                                    77


                 Auf kubanischem Boden.

  Die Kste wird bombardiert. -- Theodore Roosevelt und
    seine Zahnbrste. -- Die Landung. -- Ein Tag ungeduldigen
    Fluchens. -- Die Arbeit beginnt. -- Tropenregen.
    -- Meine Hngematte. -- Nachtruhe = deux=. -- Hunger
    und Arbeit -- aber ach, was waren das fr schne Zeiten!
    -- Der Major stiehlt einen Karren. -- Telegraphenbau-Arbeit.
    -- Palmen und Kletterei. -- Bei den toten rauhen Reitern
    von =La Quasina=. -- Im Insurgentenlager. -- Der
    Mangobauch. -- Der Jesus-Christus-General                     94


              Beim Jesus-Christus-General.

  Das Hauptquartier in der Vorpostenlinie. -- General Shafter,
    Hchstkommandierender. -- Die Trumpfkarte im
    Spiel. -- Proviant her! -- Ein sogenannter Spaziergang.
    -- Die spanische Verteidigungslinie. -- Die Nacht
    vor der Schlacht. -- Das Telegramm nach Washington.
    -- Die Regimenter ziehen dem Feind entgegen.                 121


            Die Schlacht vom San Juan Hgel.

  Der Morgen vor der Schlacht. -- Ein Schattenspiel im
    Nebel. -- Die Schlacht beginnt. -- Wir legen die Linie
    nach der Front. -- Meine erste Granate. -- Wie ich das
    Gruseln lernte. -- Wie andere das Gruseln lernten.
    -- Auf dem Weg zur Feuerlinie. -- Die Furt. -- Die
    Panik des 71. Regiments. -- In der Feuerlinie am
    Waldrand. -- Wir schieen mit. -- Die Schtzengrben
    im San Juan Hgel. -- Der Gnadenschu. -- Der Angriff
    ohne Befehl. -- Der San Juan Hgel wird im Sturm
    genommen. -- Zusammenhnge der Schlacht. -- Bei den
    spanischen Gefangenen. -- Rum und Zigaretten. -- Am
    Lagerfeuer. -- Sie begraben die Toten.                       136


               Der Tag nach der Schlacht.

  Am Lagerfeuer. -- Vom Arbeiten in den Schtzengrben.
    -- Nchtlicher Tropenregen. -- Auf dem Weg zur
    Front. -- Die spanischen Scharfschtzen. -- Der stille
    Wald. -- Verwesungsgeruch. -- Das Tal der Toten. --
    Der Kopf. -- Blogelegte Grber. -- Das Kommen des
    Grauens. -- Das Leichenfeld. -- Im Hauptquartier des
    linken Flgels. -- Die Schtzengrben auf dem Hgel.
    -- Heftiges Gewehrfeuer in der Sternennacht. -- Mein
    Maultierritt. -- Vom Feuerschein beim Feind und dem
    Rtsel der Nachtattacke                                      169


          Der Untergang der spanischen Flotte.

  Jubel in den Schtzengrben. -- Der Hafen von Santiago
    de Cuba. -- Das Felsentor. -- Castillo del Morro. --
    Das Warten, das Lauern! -- Die Heldentat des Leutnants
    Hobson. -- Durchbruch des spanischen Geschwaders.
    -- Die Seeschlacht. -- Die Hlle der fnfunddreiig
    Minuten. -- Eine kleine Yacht schiet zwei Zerstrer
    in den Grund. -- Eine Merkwrdigkeit in der Geschichte
    des Seekriegs. -- Der Mann im Kommandoturm und der
    Mann hinter der Kanone. -- Was von der Gespensterflotte
    brig blieb                                                  193


                  In den Schtzengrben.

  Von Siegesberichten und Sorgen. -- Ein Murren geht durch
    die Schtzengrben. -- Die Meinung des alten Sergeanten.
    -- Ungeduld! -- Der Humor der Front. -- Krankheit und
    Schwche. -- Die berhmten kubanischen Leibschmerzen.
    -- Fieber und Ruhr. -- Stimmungen und Verstimmungen.
    -- Ein Freudentag. -- Freund Billy aus Wanderzeit und
    Eisenbahnfahrt. -- Zwei Gefechtstage. -- Wie ich ein
    Held sein wollte. -- Der Friedensbaum. -- Die
    Kapitulation von Santiago de Cuba                            207


                  Nach Santiago de Cuba.

  Das Hauptquartier wird energisch. -- Die Enttuschung
    der Mnner in den Schtzengrben. -- Die verbotene
    Stadt. -- Wir werden nach Santiago beordert. -- Das
    Legen der Linie. -- In den spanischen Schtzengrben.
    -- Ein Tauschgeschft mit den hungrigen Spaniern. --
    In der Stadt. -- Die toten Gchen. -- Von Licht
    und Schatten. -- Das Hauptquartier des Siegers               226


                      Im Kabelbureau.

  Der spanische Telegraphendirektor. -- Unter Dach und Fach.
    -- Wir requirieren Wsche. -- Der wundersame Patio.
    -- Das groe Baden. -- Der brauchbare Antonio. --
    Wir rsten ein Mahl. -- =Caballeros
    telegraphistas!= -- Oh, der verdammte Speck! --
    Man mu ein Loch in die Uhr schieen! -- Das
    Feuerrad. -- Im Dunkel                                       239


            Auf der Insel des gelben Fiebers.

  Ich bin gar nicht tot. -- Im Hafenhospital von Santiago.
    -- Die gelbe Flagge im Boot. -- Die Schmerzen im Leib.
    -- Der sterbende Trompeter. -- Warum ich den Neger
    erschieen wollte. -- Schlafen, nur schlafen! -- Das
    Dunkel zwischen Tod und Leben. -- Dr. Gonzales. -- Ich
    bin Sergeant geworden. -- Das Haus des Elends. --
    Krankenpfleger und Totengrber. -- Wie der Rauhe Reiter
    Himmelsblumen pflckte. -- Eine nchtliche Schreckensszene.
    -- Der Insel der Verdammten wird Hilfe. -- Die
    Krankenschwestern                                            255


            In der Zeltstadt von Montauk Point.

  Die Friedensbotschaft. -- Ein brutaler Krieg. -- Die bse
    Lage der amerikanischen Invasionsarmee. -- Auf den
    General folgt der kaufmnnische Organisator. -- Wie
    die Zeltstadt von Montauk Point erstand. -- Mein
    letzter Tag in Santiago de Cuba. -- Im Gesundheitslager.
    -- Die Komplimente des Trusts. -- Wie mir ein Vermgen
    entging. -- Die New Yorker Invasion. -- Von begeisterten
    =ladies=. -- Das Sicherheitsventil. -- Wie Leutnant
    Hobson in der Welle der Hysterie ertrank                     287




Vorwort


Ich bin der glckliche Besitzer eines kleinen Neffen, der sich bestimmt
schon den Ehrentitel eines Lausbuben erobert htte, verlebte er sein
junges Leben in sddeutschen Landen. Da er das aber nicht tut und
ein Hamburger Jung' ist, so dnkt ihm der Begriff Lausbub fremd.
Bald groartig und erstrebenswert, bald verchtlich und gemein. Es
ist mir passiert, da ein Haufen von Schulkindern mich achtungsvoll
anstarrte, whrend mein Herr Neffe ihnen erklrte, das sei ein
famoser Lausbubenonkel. Ich mute es aber auch erleben, da dieser
Neffe mir bei passendem Anla feindselig entgegendonnerte: Lausbub
aus Amerika! Nicht anders ist es mir ergangen mit groen Leuten. Da
meinten die einen, dieser Lausbub sei etwas gar Lustiges. Die andern
aber schttelten die Kpfe: Wie kann man so geschmacklos sein und sich
selber einen Lausbuben nennen!

So sei mir gestattet, ein Wrtchen dreinzureden. Wir alle kleben
an der heimatlichen Scholle, seien wir nun Weltenwanderer oder
niemals hinausgekommen ber den Bannkreis der Vaterstadt; an jener
Scholle, auf der wir als Kinder spielten. Und mir klingt es aus
meiner Mnchner Jugendzeit herber: Du ganz verflixter Lausbub!
A solchener Lausbub!! Wie lustig das tnt, wei kein Mensch auer
mir. So lustig kann es keinem sein, so viele auch gelacht haben mgen
ber das Wrtchen mit den verschiedenen Gesichtern. Oh du herzig's
Lausbble, kost die sddeutsche Mutter. Lausbub! sagt der Vater, und
der Ton bedeutet den Stock. Entrstung kann in dem Wort liegen oder
verblffte Anerkennung einer besonderen Leistung jungenhaften Tobens
oder ein Schelten oder eine Resignation. Auf gar keinen Fall aber ist
ein Lausbub ein Musterknabe. Sondern einer, der eine tiefgewurzelte
Vorliebe fr dumme Streiche hat und einen dicken Schdel und rhrige
Ellbogen.

Lausbub! klingt es herber aus meiner Jugend.

Und weil das Wrtchen noch ein weites Stck ins Leben hinein auch den
Mann kennzeichnet, so sonderbar das klingen mag -- dumme Streiche,
dicken Schdel, rhrige Ellbogen! -- so gab es diesen Bchern ihren
Titel.

       *       *       *       *       *

An einem sonnigen Novemberabend im Jahre 1897 sa ich auf der Terrasse
des Golden Gate Parks in San Franzisko, starrte aufs Meer hinaus,
trumte von meiner Arbeit, wie das junge Menschen tun, denen die Arbeit
noch andere Dinge ersetzt, und war stolz wie ein Knig als jngster
Reporter einer groen Zeitung. So unverrckbar stand es fest, das
Groe, das Bleibende: die Zeitung und ich -- ich und die Zeitung --
das war die Lebenslinie. Sie war es und sie blieb es. Wie krumm sie
sich aber gestaltete, diese Lebenslinie, wie wackelig, wie verbogen und
schief, das ist eines der humorvollsten Dinge in einem Leben reich an
freiwilligem und unfreiwilligem Humor. Wenige Monate darauf war ja die
Lebenslinie schon vergessen, und der berstolze Reporter steckte im
blauen Rock der regulren Armee Onkel Sams. Es sollte ihm fters noch
hnlich ergehen mit dieser Lebenslinie ...

Der Lausbub, Farmer, Apotheker, Arbeiter, Fischpkler, Professor,
Reporter wurde also Soldat und machte den spanisch-amerikanischen Krieg
auf Kuba mit. Was er dort erlebte und sah, schildert dieses Buch; so
wie er es damals erlebte und damals sah im Zeichen junger Mnnlichkeit,
berschumend in der Begeisterung, ein Mann zu sein im Krieg.

    Hamburg, im Sommer 1912.

                                                         Erwin Rosen.
                                                        (Erwin Carl).




Zweiter Teil




Bei der amerikanischen Zeitung.

     Bob bei den Mnchner Neuesten Nachrichten. -- Die armen Teufel von
     deutschen Journalisten. -- Ein Mnchner Zeitungspalast. -- Im
     amerikanischen Reporterzimmer. -- Wie das Zeitungsbaby sein
     Handwerk erlernte. -- Das Geheimnis der Presse. -- Im Presidio. --
     Ich lerne telegraphieren. --- Die Sprache des Kupferdrahts. --
     Telegraphisches Lachen. -- Vom groen Lebenswert.


Ein Jahr mag es her sein oder zwei, als ich in meiner Vaterstadt
Mnchen einen alten amerikanischen Zeitungsfreund auf der Strae
traf. Wir gingen zunchst zum Frhschoppen ins Hofbruhaus, und gegen
Ende der zweiten Ma weinte Bob beinahe. Zu traurig fand er es, da
einer, dem es einmal vergnnt gewesen war, die Nase in die Welt der
amerikanischen Zeitung zu stecken, sich nun fr deutsche Zeitungen
plagen und schinden mute!

Er nahm die Mnchner Neuesten Nachrichten vom Tisch und zerknllte sie.

=You poor devil!= sagte er. Du armer Teufel -- du ganz armer Teufel.
Euer Bier ist ein Wunder! Eure Gemtlichkeit ist prachtvoll! Eure Kunst
ist grandios! Aber eure Zeitungen -- groer Gott, Mann, das ist doch
keine Zeitung -- das ist ja ein Miniaturblttchen -- =damn it=, das
ganze Dings da, das sich eine Zeitung nennt, hat nicht einmal Raum
genug fr einen einzigen anstndigen Prozebericht!

Worauf er des weiteren ausfhrte, da es ihm ja an und fr sich schon
unverstndlich sei, wie irgend jemand irgend wo anders leben knne als
in =God's Country=, im Lande Gottes, in den gottbegnadeten Vereinigten
Staaten, denen zur absoluten Vollkommenheit nichts, aber auch nichts
fehle, als das nicht weniger gottbegnadete Bier der Kunststadt Mnchen.
Ein ewiges, mit sieben zolldicken Brettern vernageltes Geheimnis jedoch
sei und bleibe es ihm, da einer, dem es vergnnt gewesen sei ---- usw.
usw.

Ich lachte und fhrte ihn in das Gebude der Mnchner Neuesten
Nachrichten.

Die Mnner der Mnchnerin sind allezeit gastfreundlich und gar
liebenswrdig gegen ihre Mitarbeiter, wovon der, der dieses Buch
schrieb, ein dankbar Lied zu singen wei. Bob bekam manches zu sehen
und manches zu hren. Wir plauderten mit dem Feuilletonredakteur ber
das Wesen des knstlerischen Feuilletons (das dem amerikanischen
Journalisten ein Buch mit sieben Siegeln ist) -- wir unterhielten
uns mit dem Mann der inneren Politik ber den Leitartikel (der den
Zeitungen Amerikas etwas vllig Nebenschliches bedeutet) -- wir
suchten die Lokalredaktion heim, und ihr Schriftleiter benutzte
natrlich die gute Gelegenheit, ein nettes Interview ber die Mnchner
Eindrcke des amerikanischen Journalisten herauszuschinden.

Gut! sagte Bob drauen auf dem Korridor. Verdammt gut! Die Leute
verstehen ihr Geschft. Sie haben ihre Arbeit lieb. Schade nur, da den
armen Teufeln so lcherlich wenig Zeilenraum zur Verfgung steht.
Dann blieb er kopfschttelnd stehen. Da sagt man immer, in =Germany=
seien die Leute so beraus vorsichtig mit ihren Dollars! brummte er.
Aber ich will gehngt werden, wenn's bei uns eine einzige Zeitung
gibt, die ihre Leute auch nur annhernd so luxuris beherbergt wie das
Blttchen da! =It's remarkable!=

Immer erstaunter wurde sein Kopfschtteln, je mehr der Rume der
Redaktion er sah. Da waren Mbel, deren jedes Stck ein groer Knstler
entworfen hatte, und Wunder von knstlerischen Schreibtischen und
Beleuchtungskrper aus Bronze und kostbare Klubsessel und zauberhafte
Tapeten und Perserteppiche und Jugendoriginale an den Wnden, und von
der Hast und der Hetze des Zeitungslebens war uerlich aber auch
gar nichts zu sehen. Leise nur wie ein Summen drang das Drhnen und
Stampfen der riesigen Rotationsmaschinen aus dem betonumpanzerten
Erdgescho. Dann plauderten wir wieder mit anderen Mnnern, und Bob
sah, da der Zeitungsgeist ein Weltgeist ist und die Zeitungsarbeit
berall die gleiche, gewaltige, gigantische trotz aller Unterschiede
der Art und des Formats. Er gluckste vor Wonne, als wir hinbergingen
in das Reich der Jugend und Saal auf Saal der wundervollsten
Kunstdruckmaschinen durchschritten, der vielen Dutzende sthlerner
Bilderzauberer, die noch viel wunderbarer sind als das grte
Rotationsungetm.

Gut -- gut -- verdammt gut! sagte Bob. Aber wenn ich mich nicht sehr
irre, so habt ihr doch eins nicht: Unseren amerikanischen Reporter ...

Da lachte ich und gab keine Antwort.

Denn meine Zeiten amerikanischen Reportertums sind mir wie ein liebes
Mrchen erster Jugendliebe, und ein gar verkncherter Kritikus mu der
sein, der Zeiten erster Liebe kritisch urteilend betrachtet. Ich glaube
nicht, da wir in der deutschen Zeitungswelt gerade amerikanische
Reporterart haben. Ich wei nicht einmal, ob es wnschenswert
wre, htten wir sie. Ich wei nur, da mein eigenes Erleben als
zwanzigjhriger Lausbub im amerikanischen Zeitungsdienst mir eines der
Jugendmrchen bedeutet, von denen man zehrt in den Tagen der Reife.

       *       *       *       *       *

uerlich war nichts Mrchenhaftes daran.

Der Tag eines Reporters beim =San Francisco Examiner= begann mit
Arbeit, war ausgefllt mit Arbeit, endete mit Arbeit, und des Nachts
trumte man von der Arbeit.

Als ich zum erstenmal meinen Platz an einem Ecktisch im Reporterzimmer
einnahm, kam ich mir so unendlich hilflos, so geistesarm, so ber alle
Maen unfhig vor, da ich am liebsten wieder davongelaufen wre.
Ich starrte auf das weie Papier, das vor mir lag, betrachtete das
Tintenfa, sah mitrauisch auf die Schreibmaschine auf dem kleinen
Tischchen neben mir und wunderte mich, was in Dreikuckucksnamen ich nun
eigentlich anfangen sollte. Zwlf Mnnern, dem gesamten Reporterstab
der Zeitung, war ich hintereinander vorgestellt worden, und ein jeder
hatte gelchelt und ein jeder irgend etwas Liebenswrdiges gesagt, um
sich dann in keiner Weise mehr um meine grlich verlegene Wenigkeit
zu bekmmern. So sa ich da, mit dem krampfhaften Gefhl, da es die
Aufgabe eines Reporters war, irgend etwas zu schreiben. Aber was, zum
Teufel?

Ueberall um mich klapperten Schreibmaschinen. Die Tre wurde
fortwhrend aufgerissen, und Leute kamen herein und gingen hinaus.
Meine neuen Kollegen schwatzten und lachten -- mitten in ihrer Arbeit.
Wie es mglich sein konnte, in diesem Hllenlrm einen vernnftigen
Gedanken zu Papier zu bringen, war mir vorlufig ein Rtsel.

Es roch nach frischer Druckerschwrze. Papier bedeckte kncheltief
den Boden, allerlei Papier, handbeschrieben, maschinenbeschrieben,
bedruckt. Die Wnde entlang standen zerschnitzelte und
tintenbeschmierte Pulte und kleine Tischchen, auf denen blanke
Schreibmaschinen thronten. Die eine Schmalseite des Zimmers nahm der
Bcherstnder ein mit seinen unzhligen Nachschlagewerken. Eine Notiz
in roter Tinte besagte, da der Snder, der dabei ertappt wrde, ein
Buch nicht an seinen richtigen Platz zurckzustellen, zu Pn und Strafe
jedem Anwesenden ein Glas Bier zu stiften habe. Da waren Telephone
an den Wnden und der elektrische Meldeapparat der Feuerwehr und
das Spezialtelephon zum Polizeihauptquartier und eine Karte von San
Franzisko und ein Tisch stand in der Zimmermitte, fuhoch mit den
neuesten Zeitungen bedeckt. Ueberall glitzerten elektrische Glhbirnen,
denn der Raum war zu gro, als da das einzige Fenster selbst am
hellsten Sonnentag ihn htte erleuchten knnen. Die geweiten Wnde
waren dicht bekritzelt. Gegenber der Eingangstre stand in groen
Lettern:

Fremdling, der du hier eintrittst, mach schleunigst, da du wieder
hinauskommst, denn unsere Zeit brauchen wir selber!

Und darunter deutete eine roh hingezeichnete Hand auf den groen
Schreibtisch in der Ecke beim Fenster:

Allan McGrady, Lokalredakteur, Oberbonze, Hohepriester! Achtung, der
Kerl beit!!

Und mit einemmal waren alle die Mnner verschwunden und der Raum leer.
Nur der Mann, der bi, war noch da. Er sah von seiner Arbeit auf und
rief mich beim Namen.

Mr. McGrady?

Allan McGradys scharfe Augen blinzelten vergngt ber die
Rnder der goldenen Brille hinweg. Ein Lcheln huschte ber das
scharfgeschnittene, glattrasierte Gesicht. Sagen Sie lieber gleich Mac
zu mir, mein Sohn, meinte er grinsend, denn in ein paar Tagen tun
Sie es doch. Hier hat jeder seinen Spitznamen, und ich werde wohl Mac
genannt werden bis zu meinem seligen Ende. Ihren Spitznamen kann ich
Ihnen brigens prophezeien: als jngster Reporter sind Sie und bleiben
Sie das =baby= bis Einer kommt, der noch jnger und noch dmmer ist wie
Sie!

Ich mu ein sehr verblfftes Gesicht gemacht haben --

Wenn ich sage dumm, so meine ich das natrlich nur im Reportersinn,
und hoffentlich werden Sie auch in diesem Sinne in etlichen Monaten
nicht mehr dumm sein. Und nun will ich Sie ein bichen orientieren,
mein Sohn. Hier gibt's keine Herren und keine Knechte. Wir sind alle
zusammen Arbeiter im Dienste der Zeitung, und in unserem Leben darf
und kann es nichts Wichtigeres geben als die Zeitung. Sie ist es, die
uns vereint. Wir sind eine groe Familie. Wir teilen unsere Zigarren
und unseren Whisky, manchmal sogar unser Geld -- nun, Sie werden das
sehr bald herausbekommen. Wir sind alle Blutsbrder. Wenn Sie etwas
nicht wissen, fragen Sie Ihren Nachbar. Wenn Sie etwas bedrckt, kommen
Sie zu mir ... Halten Sie vor allem den Kopf hoch und lassen Sie sich
nicht verblffen! Sie werden ganz von selber sehen und hren und lernen
-- und weder ich noch irgend jemand kann Ihnen da viel helfen. Der
Journalist mu einem im Blut stecken, und wer's nicht in sich hat,
wird's nie! Und nun --

Er teilte mir meine erste Arbeit beim Examiner zu.

       *       *       *       *       *

Um neun Uhr morgens versammelte sich die Reporterschar im
Reporterzimmer, whrend Mac schon eine Viertelstunde vorher sich
an seinem Schreibtisch eingefunden hatte. Eine selbstverstndliche
Voraussetzung war natrlich, da jeder der Herren des Stabes nicht
nur das eigene Blatt, sondern auch die anderen Morgenzeitungen San
Franziskos beim Frhstck grndlich gelesen hatte. Diese morgendliche
Konferenz hatte immer eine lustige und eine etwas weniger lustige
Seite. Man lachte und plauderte und spielte allerlei Schabernack, Mac
so gut wie wir alle, bis er auf einmal zu Mr. Allan McGrady wurde und
seine berhmte Geste der Ernsthaftigkeit annahm. Er pflegte dann die
Hnde in die Hosentaschen zu stecken.

Kurz, scharf, sacksiedegrob war seine Rede --

=Baby=! (Das war ich!) der =Call= (das war eine Morgenzeitung San
Franziskos) hat Ihre Geschichte ber den Mann, der total betrunken
im Citygefngnis eingeliefert wurde und in dessen Taschen man 15
000 Dollars fand, ebenfalls gebracht. Das ist traurig und von Ihnen
unrecht. Wenn Ihnen ein Polizeisergeant -- welcher war es?

McBride.

Aha -- McBride. Wenn Ihnen McBride guten Stoff erzhlt, so sorgen Sie
geflligst dafr, da er von da ab seinen Mund hlt und vor allem den
Call-Leuten gegenber nichts ausplaudert. Wie Sie das machen, ist mir
egal!

Aber Mac, Sie haben neulich doch geschimpft wie unsinnig, als ich dem
andern Sergeanten fnf Dollars gab, damit ---- 

Ganz richtig, mein Sohn! Das macht man auch nicht mit Geld, denn Geld
ist rar, sondern mit Liebenswrdigkeit und Schlauheit. Mann, strengen
Sie ihren Witz an! Bin ich vielleicht eine Amme und in alle Ewigkeit
verdammt, Sie an dem Quell der simpelsten Weisheit lutschen zu lassen?

Ich war tief beschmt.

Na, die Sache ist brigens bei uns besser als im =Call=. Johnny (das
war Chefredakteur Lascelles) lt Ihnen sagen, die Geschichte sei fidel
und nicht bel ...

Das war McGradys Art der Anerkennung.

So wurde allmorgendlich Spalte fr Spalte der Arbeit des vorhergehenden
Tages durchbesprochen und einem immer wieder eingehmmert, da es fr
den, der im Reporterzimmer hausen wollte, nichts auf der Welt gab
und geben durfte als ein einziges Interesse und eine einzige Liebe:
Die Zeitung und die Interessen der Zeitung. Erstens die Zeitung und
zweitens die Zeitung und drittens berhaupt nichts als die Zeitung!

Der Lausbub fhlte sich in der Luft des Reporterzimmers bald so wohl
wie ein Fisch im Wasser. Weil er jung war und einen Schu Enthusiasmus
im Blut hatte, schien ihm das, was in Wirklichkeit ernstes und hartes
Schaffen war, ein lustiges, kinderleichtes Spiel. Immer neu und
eigenartig. Immer lockend. Immer aufregend. Holtergepolter ging's mit
der Arbeit den ganzen Tag hindurch bis spt in die Nacht hinein. Das
Zimmerchen in der Donnellystreet bei Madame Legrange sah mich nur zum
Schlafen. Im Eifer merkte ich gar nicht, da ich ein hart gerittener
Gaul war und beim Examiner in einem einzigen Tag mehr lernen mute,
als das anspruchsvollste Professorenkollegium eines Gymnasiums in einem
ganzen Wochenpensum verlangt htte ...

Denn der gute Wille und das bichen Talent taten's noch lange nicht.
Eine ungeheure Menge von Material mute ich verdauen und einen Wust
faktischen Wissens mir aneignen, vor dem ich entsetzt zurckgefahren
wre, htte ich auch nur eine Ahnung gehabt, da ich ja gar nicht
spielte, sondern bffelte. Aber die Zeitung hatte ihre eigene
Art, zu lehren und lernen zu lassen. Sie appellierte an Ehrgeiz und
Ehrgefhl und Kraft, indem sie Vertrauen schenkte. McGrady lie es
mich nie fhlen, da ich Anfnger und Lehrling war, und seine leitende
Hand fhrte weiche Zgel. Vom ersten Tag an bekam ich wie alle
anderen meine Aufgaben zugeteilt und arbeitete in allen Abteilungen
des Nachrichtendienstes. Ich wurde aufs Polizeihauptquartier
geschickt und zu den einzelnen Polizeisergeanten, assistierte bei der
Berichterstattung in groen Kriminalfllen, wurde bei den lokalen
politischen Gren eingefhrt und im Hafendienst verwendet. Ein
lchelnd gegebener Rat, wie von Gleichstehendem zu Gleichstehendem, als
wortkarge Selbstverstndlichkeit hingeworfen, eine lustige Derbheit,
die niemals etwas Verletzendes hatte, ein Wort hier, ein Wink dort,
die stete Fhlung vor allem mit Mnnern, die ihre Arbeit kannten und
liebten und gute Kameraden waren, wie ich sie im Leben selten gefunden,
zeigten mir bald die richtigen Wege.

Das Problem war einfach genug. Wer Nachrichten einholen wollte, durfte
sich nicht auf Auge und Ohr verlassen, sondern mute sehr genau wissen,
wer die Mnner waren, die Nachrichten geben konnten, und was die
Nachrichten selbst bedeuteten.

Die Hauptsache mssen wir immer schon wissen, ehe wir zu fragen
beginnen, pflegte McGrady trocken zu sagen.

Das war das Grundprinzip und leicht zu begreifen. Wenn ich zum
erstenmal zu einem hohen Beamten der Stadt geschickt wurde, um eine
wichtige Auskunft einzuholen, so mute ich wissen, wer der Mann war,
was er geleistet hatte, welche Tragweite die Angelegenheit in Frage
hatte. Das Wissen lieferte die Zeitung selbst. Man drckte auf einen
elektrischen Knopf, und einer der Pagen erschien. Der bekam einen
Zettel. Auf diesen Zettel hatte man zum Beispiel geschrieben: John
McAllister, Schatzmeister San Franziskos. Neubau der Wasserwerke. In
wenigen Minuten kam der Page zurck, mit zwei blauen Aktenmappen,
numeriert und berschrieben: Schatzmeister McAllister -- Wasserwerke.
Ihr Inhalt waren die Ausschnitte aus dem Examiner aus allen Nummern, in
denen Artikel oder Notizen ber McAllister und die Wasserwerke gebracht
worden waren. Die berflog man und wute nun ber den Mann und die
Sache, was zu wissen war. Ein Hilfsmittel von unschtzbarem Wert war
diese ausgezeichnete Registratur, ein wahres Tischlein-deck-dich fr
den Zeitungsmann. Ein Redaktionssekretr hatte tagaus tagein nichts zu
tun, als jede Zeitungsausgabe in ihren einzelnen Artikeln und Notizen
zu klassifizieren, zu registrieren, und die Akten in musterhafter
Ordnung zu halten. Nichts fehlte, von der groen Politik bis zu einer
Statistik aller Grofeuer. So wurde jede einzelne Arbeitsaufgabe zu
einer Quelle des Wissens. Man lernte jeden Tag, jede Stunde im Tag.

Die vielen Menschen, mit denen ich zusammenkam, und die vielen
Dinge, mit denen ich mich beschftigen mute, waren wie immer neu
vorbeihuschende, farbenbunte, lebenspackende Bilder. Die Zeitung wurde
zum Gtzen; das Reporterzimmer zum Heim, in dem man oft a, immer sein
Glas Bier trank, wo man sich wohl fhlte wie nirgends. Ich wrde jeden
ausgelacht haben damals, der mir gesagt htte, da ich Zeitungsleben
und Zeitungsarbeit auch nur auf eine kurze Spanne Zeit freiwillig
aufgeben knnte. Und tat es bald darauf doch ... Es gibt noch strkere
Reize. Aber sie sind selten. Wenige Arten ttigen Schaffens wohl
vermgen einen Menschen so mit Leib und Seele einzufangen wie der
Zeitungsdienst. Ein Wirbel tollen Lebens war es, in dem ich stand.
Wenn man arbeitete, hatte man die Wirklichkeit unter den Fingern; die
Menschen, wie sie lebten, und die Dinge, wie sie sich zutrugen; immer
neue Menschen und immer andere Dinge. Das Schauen und Erleben, das
andere Mnner der Arbeit in kargen Freistunden suchen muten, gab die
Zeitung im Dienst.

Das war das Geheimnis des =San Francisco Examiners=, und es ist und
bleibt das Geheimnis der Presse -- aller groen Zeitungen aller Lnder
und Sprachen. Die Zeitung bannt die Mnner, die ihr dienen, in einen
Zauberkreis. Sie verlangt Unerhrtes an Arbeitskraft und Hingebung,
aber Unerhrtes gibt sie auch. Sie schenkt ihren Mnnern brausendes
Leben und gewaltige Macht. Das flchtig hingeschriebene Wort eines
Zeitungsmannes spricht zu Hunderttausenden. Es vermag hunderttausend
Meinungen zu beeinflussen, vermag Groes in Gutem und Bsem. Wem
ihre Spalten offenstehen, der ist Fhrer und Lenker und Erzieher von
Tausenden, ohne da diese Tausende auch nur seinen Namen kennen --

Wir sind Mnner ohne Namen, sagte Allan McGrady einmal lchelnd
in einer abendlichen Plauderstunde. In jedem von uns steckt ein
Stckchen romantischen Narrentums. Wer kennt uns? Einige Verleger,
einige Redakteure, einige Freunde vom Bau. Die groe Masse, zu der
wir sprechen, kennt uns nicht. Ob ich unter einen Artikel Allan
McGrady schreibe oder Hans Jakob Ypsilon, ist ganz gleichgltig -- von
tausend Lesern sieht kaum einer nach dem Namen. Wir knnten ebensogut
Nummern tragen. Die Zeitung verschluckt uns mit Haut und Haaren und
Persnlichkeit. Er lachte. Und das bichen Geld? Du lieber Gott,
der Mann im Wolkenkratzer da drben, der altes Eisen billig kauft und
teuer verkauft, verdient zehnmal mehr als wir alle zusammen. Und wenn
wir einmal alt werden und nicht mehr knnen, dann wirft man uns aus
dem Zeitungstempel und setzt uns auf die Strae. Deswegen sind wir im
Grunde alle Narren, liebe Kinder. Ich bin ein Narr, und du bist ein
Narr, Jack Ferguson, und du bist auch ein Narr, =baby=!

Wrdest du deine Arbeit an der Zeitung aufgeben, Mac, wenn du eine
Million erbtest? fragte grinsend Jack Ferguson, der lteste Reporter.

Nein, natrlich nicht!

Siehst du!

=Well=, das ist eben das Narrentum! brummte Allan McGrady.

Oh nein, sagte Jack Ferguson fast feierlich. Es ist mehr. Es ist das
kuriose Etwas, das den Soldaten vorwrtstreibt. Es ist jenes sonderbare
Etwas, das hoch ber Geld und Geldeswert steht ------ 

Schrumm, schrumm, sagte Allan McGrady. Prosit Kinder!

Das kuriose Etwas war die Begeisterung. In ihr wurde die Arbeit zum
Spiel. Zum Sport. Man tat eigentlich nichts anderes den ganzen lieben
Tag, als nach Arbeit zu suchen und sich der Arbeit zu freuen. Unser
Vergngen sogar hing sicherlich irgendwie mit der Zeitung zusammen.
Wenn man im Reporterzimmer plauderte, unterhielt man sich ber die
neueste Wendung in den politischen Verhltnissen oder ber den letzten
Kriminalfall oder den schwebenden, noch nicht ganz aufgedeckten
Spitzbubenstreich der Stadtvter San Franziskos. Es war einem eben zur
Manie geworden, sich nur fr das zu interessieren, was die Zeitung
interessierte.

       *       *       *       *       *

Zu all der Arbeit in den Babyzeiten kam noch besonderes technisches
Lernen, das in sonderbarer Zuflligkeit meine nchste Zukunft stark
beeinflussen sollte. Ich lernte telegraphieren. Die Examinerleute
hatten damals die Marotte, die Sprache des Kupferdrahtes grndlich
zu erlernen, denn das konnte fr die Zeitung sehr wichtig sein.
Unser Lehrmeister war ein liebenswrdiger amerikanischer Offizier,
Oberleutnant Green, der Chef des militrischen Signaldienstes im
Departement von Kalifornien. Drei, viermal in der Woche fuhren wir
zum Presidio, dem Fort beim Goldenen Tor, und arbeiteten dort im
Signalbureau, bald mit dem Leutnant selbst, bald mit Mr. Hastings,
einem alten Signalkorpssergeanten.

Nach den ersten Lektionen schon fesselten mich die Geheimnisse der
Teufelei elektrischen Stromes gewaltig. Der Mechanismus der Instrumente
war zwar sehr einfach. Die Wechselwirkung zwischen Taster, Strom und
Magnet hatte nichts besonders Wunderbares. Das mhselige Formen von
Buchstaben durch Punkte und Striche schien zuerst sogar langweilig.
Aber sobald ich eine gewisse Fertigkeit erreicht hatte, bte das
Telegrapheninstrument eine ganz merkwrdige Lockung auf mich aus. Denn
nun wurde aus den toten Punkten und Strichen lebendige Sprache.

Im Gegensatz zu der in Europa blichen Art des Telegrammlesens vom
Papierstreifen oder durch Druckmaschine liest der amerikanische
Telegraphist fast nur durch Gehr. Das Klicken des Magneten spricht zu
ihm. Er schreibt das Gehrte nieder wie nach Diktat. Er erreicht dabei
eine Geschwindigkeit von durchschnittlich 30 Worten in der Minute, die
sich bei Benutzung der Schreibmaschine auf vierzig, ja sogar fnfzig
Worte steigern lt. Mein Ohr gewhnte sich sehr rasch an die Sprache
des Telegraphen. Was zuerst ein mhsames Zhlen der Punkte und Striche
gewesen war, um die einzelnen Buchstaben herauszuhren, wurde bald zum
Begeistertsein ber eine neue, klare, deutliche Schrift. Ich hrte, wie
ein Telegraphist das lernen mu, nicht mehr die einzelnen Buchstaben,
sondern deutlich erklang das ganze Wort. Es war genau so wie Lesen
lernen. Zuerst mute man sich um den Buchstaben mhen, um dann spter
eine ganze Zeile in einem einzigen Bild in sich aufzunehmen. Ein
kleines Beispiel:

Wenn ein Telegraphist mit einem andern sich ber den Draht hinweg
unterhlt und lachen will, dann klickt er: ha -- ha -- ha. Im
Morsealphabet sieht das so aus --


.... .--ha .... .--ha.


Auf dem Papier sind die vier Punkte des h und der Punkt, Strich des
a etwas Totes und Nichtssagendes. Sobald wir sie aber im Instrument
erblicken, werden sie lebendig, sind charakteristisch, lsen sofort das
antwortende Gelchter aus.

Das Telegraphieren war ein famoses neues Spiel. Der empfindliche
Magnet reagierte so blitzschnell auf jeden Fingerdruck, da sich
die anscheinend so komplizierten Morsebuchstaben schneller formen
lieen als auf dem Papier mit Tinte und Feder. Der Name Erwin in
Telegraphenschrift sieht sehr verzwickt aus:


.Pause . .. Pause .-- -- Pause .. Pause --. Wortpause


Telegraphieren lt er sich in drei Sekunden!!

Nach drei Wochen bereits erwies mir der alte Sergeant Hastings das
Kompliment, mir lachend zu sagen, da ich mich jetzt schon bald um eine
Anstellung bei der =Western Union= (das war die groe amerikanische
Telegraphen-Kompagnie) bewerben knne. So vergngt war er ber seinen
Lehrmeister-Erfolg, da er mich dann in die unterirdischen Kasematten
des Kstenforts fhrte.

Aber 's ist strikt privatim! mahnte er.

So sah ich den berhmten Minentisch der Kstenverteidigung San
Franziskos. Es war eine =camera obscura=. Auf eine ungeheure, in
winzige Quadrate eingeteilte Tischplatte in der Kasemattenkammer
reflektierten die Kameraspiegel ein Stck Meer. Es sah fast unheimlich
aus, wenn die Segler und die Dampfer im Spiegelbild ber die schwarzen
Linien der Quadrate huschten, die alle Nummern trugen. Es _war_
unheimlich! Denn in Kriegszeiten bedeutete jedes Quadrat entweder eine
Torpedomine oder ein Schufeld, auf das mehrere Geschtze sorgfltig
einvisiert waren. Glitt nun ein feindliches Schiff ber Quadrat 39, so
drckte der Minenoffizier auf den elektrischen Knopf Nummer 39, und das
feindliche Schiff flog in die Luft, von einer Mine in Stcke gerissen
oder von riesigen Sprenggranaten zerfetzt. Theoretisch. Es sah sehr
schn aus.

Und dann gingen wir in die Kantine.

       *       *       *       *       *

Das Zeitungsbaby lernte die ersten Griffe seines neuen Handwerks ...
Aber weit wichtiger als all das Praktische war der groe Lebenswert,
den die Zeitung wie im Spiel schenkte: Die Begeisterung fr die Arbeit!




Reporterdienst.

     Was der Amerikaner von seiner Zeitung verlangt. -- Der =scoop=. --
     Der verunglckte Dampfer Hongkong. -- Die Mnner der schnellen
     Entschlsse. -- Wie ein Reporterstck inszeniert wird. -- Auf der
     Jagd nach der Sensation. -- Im Maschinenraum. -- Wie ich die Kunst
     des Zuhrens ausbte. -- Der Dmon im Stahl. -- Zeitungsknig
     Hearst. -- Eine Anekdote von der gelben Gefahr des Kaisers und der
     Hearstschen Gelben Presse. -- Ein schwarzer Tag.


Das Leben des Amerikaners ist Hast und Hetze, nicht aus der
Lebensnotwendigkeit der Jagd nach dem Dollar nur, sondern weil Hasten
und Hetzen ihm von Kindesbeinen an gar nichts zu Beklagendes, sondern
etwas Wunderschnes bedeuten. =Hustle!= ist sein Motto -- rhr' dich,
rege dich, ntze die Zeit! Und =hustling= verlangt er auch von der
Zeitung. Der Mann, dem riesige Wolkenkratzer, donnernder Straenlrm,
jagende Eile im Stadtbild eine Art Kulturbedrfnis sind, verlangt von
seiner Zeitung viel Lrm und gewaltigen Spektakel, und die grellen
Farben, die sein Auge im Tagesleben berall erblickt. Zwei Zoll hoch
mssen die Ueberschriften sein und gepfeffert in krftigen Worten,
so wie seine eigene Ausdrucksweise es ist; bertrieben, wie er gern
bertreibt, der Mann, der sein Land das Land Gottes nennt, anstatt
bescheidentlich vom Vaterland zu sprechen wie andere Leute. Die
Eile, den raschen Entschlu, das schnelle Schaffen, die in seinem
persnlichen Leben rumoren, will er auch in seiner Zeitung sehen. Ihm
imponiert das Bild, die Tat, die groe Schilderung, das Verblffende;
weise Worte mchte er nur gelegentlich und dann mit Vorsicht genieen!
Rauschendes Leben mu an seinem inneren Ohr vorbeiflieen, wenn er in
den weichen Polstern der Hochbahn New Yorks die Zeitung berfliegt, auf
da seine Lektre im Einklang mit dem Taktschlag seines Tages klinge.
So ist aus dem hastenden Amerikaner heraus und seiner Liebe fr grelle
Lichter und lauten Lrm die amerikanische Zeitung entstanden.

Ihre Dollarjagd, ihre Hetzerei, ihr Sensationsdrang.

Sieht man aber nher zu und whlt man sich durch den
marktschreierischen Wortkram der Ueberschriften und der Floskeln in den
Aufstzen, so entdeckt man erstaunt, da hinter der brutalen Sensation
eine grndliche, ehrliche, bewunderungswrdige Arbeitsleistung von
ganz gewaltigen Verhltnissen steckt und zwar hufig gerade da, wo
der als so leichtsinnig verschrieene Reporter gearbeitet hat. Dieser
Reporter, der so gut wie die Besten die jungfrische Kraft und den
Unternehmungsgeist und den Bienenflei des Dollarlandes reprsentiert.
Er ist es, der seiner Zeitung die groen Erfolge verschaffen mu, die
man in der Zeitungssprache =scoops= nennt. Sie allein machen Eindruck
auf den modernen Amerikaner; sie allein sichern dem Blatt ein rasches
Emporschnellen der Zirkulation, ein Wachsen im Ansehen.

=Scoop= heit wrtlich eine groe Schaufel. =To scoop in= bedeutet
einheimsen, einschaufeln, einsacken, und im bertragenen Sinne will
der spttische Zeitungsausdruck besagen: Da man eine hochwichtige
Neuigkeit ganz fr sich allein, ganz zu allererst eingeheimst,
eingeschaufelt hat, whrend die betrbte Konkurrenz wehmtig dasteht
und den kahlen Boden vierundzwanzig Stunden spter nach schbigen
Resten absucht. Ich erlebte einen prachtvollen =scoop= beim Examiner.
Und half mit dabei.

       *       *       *       *       *

Frhmorgens war es. Noch hatte die Arbeit nicht begonnen und die
Reporterfamilie auf der Jagd nach den Ereignissen des Tages sich
ber die Stadt zerstreut, als McGradys Telephon, das von der
Examinerzentrale nur dann eingeschaltet wurde, wenn es sich um eine
sehr wichtige Mitteilung handelte, rasselnd erklingelte. Mac nahm den
Hrer ab:

Examiner -- Nachrichtendienst.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Jawohl -- Leuchtturmwrter -- Station Goldenes Tor -- ja -- _wie_
heit der Dampfer -- die Hongkong? -- jawohl! Anscheinend verunglckt,
jawohl Wird von einem Trampdampfer eingeschleppt?

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Pause, lange Pause. Wir alle lauschten in atemloser Spannung. Dann
fragte Mac weiter:

Der Dampfer ist nur durch ein gutes Fernrohr sichtbar, sagen Sie?

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Haben Sie die Nachricht einer anderen Zeitung gegeben? -- Nein?
-- Schn. Erstatten Sie nur die Ihnen dienstlich vorgeschriebenen
Meldungen an die Behrden und benachrichtigen Sie keine andere Zeitung.
Ja? Danke. Sie erhalten von uns fnfundzwanzig Dollars. -- Schlu.

Das Telephon klingelte ab.

Allan McGrady hngte langsam und bedchtig den Hrer auf, ging
zu seinem Schreibtisch, nahm sich eine Zigarette und zndete sie
umstndlich an, whrend wir schweigend dastanden. Dann wandte er sich
um.

Hayes! Telephonieren Sie doch, bitte, an die
Schleppdampfergesellschaft. Wir brauchen den schnellsten Schlepper, den
sie haben. Mu in einer halben Stunde unter Dampf sein. Examinerdienst,
blicher Charter fr einen Tag. Nein -- warten Sie. Nicht einen,
sondern zwei Schlepper brauchen wir.

Zwei Schlepper -- in einer halben Stunde! wiederholte Hayes.

Richtig. Hayes ging zum Telephon und McGrady klingelte. Ich lasse
Mr. Lascelles bitten, befahl er dem eintretenden Pagen.

Von uns sagte keiner ein Wort, denn jeder wute, da es sich um etwas
Groes handelte; um rasches Denken, um schnelles Disponieren. Da jede
Minute und jeder gesprochene Satz kostbar waren. Der Chefredakteur
kam augenblicklich. Wenn ein Redakteur den andern oder gar den Chef
bitten lie, anstatt sich selbst zu bemhen, so bedeutete das: Eile,
Dringend, Expre!

Die beiden Herren schttelten sich die Hnde.

Guten Morgen, Lascelles, sagte McGrady, der nie ruhiger und khler
sprach, als wenn er sehr aufgeregt war. Verzeihen Sie, aber wir haben
hier eine Sache, die keinen Aufschub duldet.

Lascelles nickte nur. McGrady fuhr fort:

Der Leuchtturmwrter von der Goldenen-Tor-Station telephoniert,
er habe soeben den Dampfer Hongkong der San Franzisko-China-Linie
gesichtet. Der Dampfer werde von einem kleinen Honolulu-Trampdampfer
eingeschleppt. Sie alle wissen, da die Hongkong berfllig ist. Um
was es sich handelt, lt sich ja allerdings noch nicht sagen. Mr.
Lascelles, ich habe zwei Schleppdampfer beordert --

Weshalb zwei?

Wir haben Eile. Ich mchte vorschlagen, da wir die Nachmittagsausgabe
zwei Stunden frher erscheinen lassen mit zwlf bis zwanzig Spalten
Hongkong an erster Stelle. Ich persnlich bin dafr, alles andere
Lokale hinauszuwerfen. Nur Hongkong, wichtige Politik, Brse,
Vermischtes. In zwei Stunden frhestens hat der =Call= die Nachricht
von den Behrden, auf jeden Fall aber nach uns. Selbst wenn es sich nur
um eine Stunde oder auch eine halbe Stunde Differenz handeln sollte, so
haben wir doch Vorsprung, und die Leute vom =Call= kommen sicher nicht
auf den Gedanken, da wir zwei Stunden frher erscheinen knnten!

Teufel -- das knnen wir aber doch nicht, Mac!

Ich meine, es mte eben gehen, sagte Allan McGrady nachdenklich.
Wir lassen die Setzer und die Maschinenleute der Nachtschicht holen.
Was Manuskript anbetrifft, so soll der zweite Schlepper die ersten
Nachrichten bermitteln, sobald es nur irgendwie geht, und der Rest
mu eben auch im Handumdrehen da sein -- ich kann mich auf meine Leute
verlassen. (Es geschah sehr selten, da McGrady dergleichen sagte,
aber wenn es geschah, so htten wir uns in Stcke zerreien lassen fr
ihn!!)

Die Mglichkeit des Gelingens ist da, antwortete Lascelles rasch.
=Allright=, Mac. Disponieren Sie. Sie wissen, da wir gute tausend
Dollars Extraausgaben riskieren und der alte Mann uns die Hlle hei
machen wird, wenn die Sache schief geht. Verfrhte Ausgabe also. Wissen
Sie was? Es ist neuneinhalb Uhr. Um zwlf Uhr, oder sagen wir halbeins,
lassen wir ein Extra verteilen: Die Hongkong hilflos eingeschleppt.
Eines der grten Schiffe der kalifornischen Chinalinie mit knapper Not
dem Untergang entgangen. Eine Tragdie der See. Siehe ersten Bericht im
Nachmittags-Examiner. Oder so hnlich ...

Ausgezeichnet! sagte Mc Grady. Wenn wir den Anschlu erwischen,
ist es eine groe Sache. Meine Herren, der gesamte Stab geht auf den
Schleppdampfer mit Ausnahme von Hayes. Hayes -- weinen Sie nicht, Sie
haben schwierige und verantwortungsvolle Arbeit genug; Sie mssen auf
die Frisco-China-Linie und zu den Versicherungsgesellschaften. Orders
kann ich Ihnen kaum geben, meine Herren. Ferguson als der Aelteste wird
disponieren. Nur ganz allgemein: Wir wenden die natrliche Methode an.
Die Ereignisse werden photographisch geschildert. Die Schilderung
beginnt von dem Augenblick an, in dem Sie den Schleppdampfer betreten.
Diesen ersten Teil soll Ferguson machen. Hetzfahrt und so weiter. Die
Hongkong wird gesichtet -- Beschreibung, bitte, wie der Kasten aussieht
-- man klettert an Bord -- (er lachte) und wenn einer der Herren
dabei ins Wasser fallen sollte, wr' das eine schne Sache --

Schallendes Gelchter.

-- und wenn einer der Herren so gtig sein wrde, dabei im
Dienste des Examiners zu ertrinken, so wr' das noch viel schner
vom Zeitungsstandpunkt aus! (Das war Macs gruselige Art von
Humor.)Passagiere schildern also -- sie interviewen -- Kapitn,
Offiziere interviewen -- sehen, was los ist -- sperrt sich der
Kapitn, so wird ihm unter die Nase gerieben, da der Examiner und die
ffentlichkeit sich nicht bluffen lassen -- die Wahrheit kommt doch an
den Tag. Los, meine Herren! Ich bitte mir aus, da flott gearbeitet und
beim Schreiben auf der Heimfahrt keine Zeit an stilistische Knsteleien
verplempert wird. Das ntige Zurechtdeichseln besorgen Lascelles und
ich hier auf der Redaktion. Los!

Einen Augenblick! rief Lascelles. Zeitungen mitnehmen! Ist gute
Reklame. Die Passagiere werden sich freuen, nach sechzehn Tagen wieder
eine Zeitung aus dem Lande Gottes zu sehen!

Eine Minute spter strmten in Holtergepoltereile zehn Zeitungsmnner
zum Hafen, und fnfundzwanzig Minuten darauf jagten in sausender
Fahrt die Hochseeschlepper Furor und Golden Gate durch das
Schiffahrtsgewimmel der inneren Bai dem Goldenen Tore zu. An den
Flaggenstangen im Heck flatterten die Hausflaggen der Zeitung
mit ihrer grellroten Inschrift auf weiem Grund: =San Francisco
Examiner=. Das Fahrttempo war viel zu schnell fr die innere Bai,
aber der Examiner durfte bei seinen Beziehungen zur Hafenpolizei eine
kleine Gesetzesbertretung schon riskieren. Die Schiffe, denen wir
begegneten, wurden aufmerksam, und mehr als einmal schallten brllende
Megaphonfragen zu uns herber, was in Dreikuckucksnamen denn eigentlich
los sei. Unser Kapitn antwortete gewhnlich: Erkundigt euch beim
nchsten Polizisten! Oder grimmiger:

Sind -- in Eile -- haben ---- keine Zeit ---- euch -- was vorzulgen!
=Goodbye=!!

Alcatras Island, die winzige, mit Kanonen gespickte Felseninsel im
Zentrum des Hafens, huschte vorbei; die schmale Bai wurde breiter,
die Wogen gingen hher. Das Husermeer verschwand im Dunstkreis. Die
Fischerflottillen in der ueren Bai waren bald berholt. Die nackten,
felsigen Ufer schoben sich nher zusammen.

Wir dampften durch das Goldene Tor. Ferguson hatte, auf einen
Decksessel hingekauert, schon lngst zu schreiben begonnen. Nun sah er
auf und gab uns seine Instruktionen, die auf eine genaue Verteilung
der Arbeit hinausliefen. Mir wurde die Beschreibung des Maschinenraums
zugeteilt, whrend Ferguson selbst das Interview mit dem Chefingenieur
der Hongkong bernahm. Aber der blinde Glckszufall hatte mir, dem
Jngsten, eine lohnendere Aufgabe gegeben als ihm, dem Alterfahrenen
... In einer Viertelstunde wurden Rauchwolken sichtbar am Horizont,
und bald darauf tauchte die schwarze Masse eines Riesenschiffes
auf, geschleppt von einem winzigen Dampfer. Das war die fnf Tage
berfllige Hongkong.

       *       *       *       *       *

Die elektrischen Lampen glhten im Maschinenraum, aber die gewaltigen
Feuerlcher der Kessel lagen grau und leblos da und Stille herrschte.
Ich kletterte mhselig von Plattform zu Plattform auf den schmalen
sthlernen Leitern.

'n Morgen, sagte unten ein alter Mann mit weien Haaren im blauen
Maschinistenkittel. Er betrachtete mich vergngt aus blinzelnden Augen
und schob bedchtig den Pfeifenstummel aus dem linken Mundwinkel in den
rechten, whrend er mit der einen Hand die Lagerung eines sausenden
Dynamos prfend betastete und mit der andern ein frischgewaschenes Hemd
nher an die Feuerung des kleinen Hilfskessels hielt. Guten Morgen!

Erzhlen Sie mir alles! sagte ich.

Zeitung?

Ja -- Examiner.

Dacht' ich mir, grinste der Alte. Ich bin der dritte Ingenieur
dieses gesegneten Schiffes, und wie Sie sehen, beschftige ich
mich damit, ein bichen elektrische Kraft zu fabrizieren und die
Familienwsche zu trocknen. Mann, hier ist nichts los! Der Laden ist
zu. Wir haben das Geschft aus Mangel an Betriebskapital aufgegeben.

Weiter! bat ich geduldig.

Weiter nichts.

Propellerbruch, wie ich hre, nicht wahr?

Propellerschaftbruch, junger Mann, fachmnnisch ausgedrckt, sagte
der Alte und drehte seine trocknende Familienwsche nach der anderen
Seite. Das heit, da ungefhr in der Mitte zwischen hier und Honolulu
in zweitausend bis dreitausend Meter Tiefe auf dem Grunde des Meeres
ein Propeller, ein drei Meter langes Stck Propellerschaft, ungefhr
sechs Heckplatten mit Zubehr, dreiviertel eines Steuerruders und noch
verschiedene andere belanglose Kleinigkeiten liegen, alles zusammen
etwa achtzigtausend Pfund schwer und etliche hunderttausend Dollars
wert. Das is' alles!

-- -- -- -- -- -- --

Wie das passiert ist? Er spuckte krftig auf den Boden. Junger Mann,
ich bin siebenundzwanzig Jahre lang Maschinist, und trotzdem wei ich
das ebensowenig wie Sie. Sehen Sie, ein Propellerschaft ist sozusagen
'n Luder! 'n dickes, langes Stck Stahl, das vor jeder Ausreise von
einem halben Dutzend Ingenieuren und mindestens drei Behrden Zoll fr
Zoll abgeklopft und untersucht und begutachtet wird. Das wir whrend
der Fahrt pflegen und htscheln, len und salben, als wr's 'n Baby. 'n
Stck Stahl, das eine Krafteinwirkung von sechstausend Pferdekrften
und Wasserwiderstnde von achtzehntausend Pferdekrften auf seinem
runden Buckel aushalten mu. 'n Stck Stahl, dem die Krfte und die
Widerstnde hie und da -- es kommt nicht hufig vor, dem lieben Gott
sei Dank -- zu viel werden. Dann geht's knax, und der Teufel ist los!

Was passiert dann?

Oh, nichts von Bedeutung. Er lachte schallend auf und schlug sich
aufs Knie. Es passiert das, was uns passiert ist. Ungefhr das,
was geschieht, wenn man einer kleinen Katze pltzlich den Schwanz
abschneidet -- der Schwanz fllt herunter, nicht wahr, und die kleine
Katze gebrdet sich ungewhnlich lebendig und aufgeregt. Na, unser
Propellerschwanz mit einigem Zubehr, das er im Vorbeigehen mitnahm,
liegt -- =well=, zwischen hier und Honolulu. Die Katze ---- 

Die Maschinen?

-- jawohl -- die Maschinen! -- die Maschinen wurden aufgeregt. Das ist
ungefhr so, als wenn vier Pferde aus Leibeskrften an einem schweren
Sandwagen zerrten und pltzlich rissen smtliche Strnge. Worauf die
vier Gule bereinanderpurzeln und mit den Beinen strampeln wrden ...
Um drei Uhr nachts ist es passiert. Ich hatte die Wache, Hand an der
Drosselung. Drei Sekunden nach dem groen Krach hatte ich abgedrosselt
und fnfzig Sekunden spter das hintere mechanische Sicherheitsschott
geschlossen. Die drei Sekunden jedoch gengten den Maschinen
vollkommen, um bereinanderzupurzeln -- Lagerungen verballert,
Hochdruckzylinder verbogen, Kolben schief, als wren sie besoffen, alle
Verbindungen gelockert, alle Schrauben heidi -- ein Jammer, junger
Mann, ein trauriger Jammer. Zum Weinen! Aber das verstehen Sie nicht --
sind ja kein Maschinenmensch ...

Und dann?

Schloen wir den Laden. Lieen Dampf ab, dichteten das
Kollisionsschott, pumpten das Stck pazifischen Ozean aus, das in den
Maschinenraum gedrungen war, und sttzten unsere armen Maschinen mit
allerlei Geblk. Mann, sehen Sie nur hin! Der Hochdruckzylinder sieht
aus wie 'n Baugerst -- pfui Deibel! Das erledigt, warteten wir auf
die gttliche Vorsehung und den dreckigen Trampdampfer, der mit seinem
bichen Schleppen ein Riesenvermgen an uns verdient.

Darf ich den Maschinenraum ansehen?

Kommen Sie! Sie werden sich wundern! Er sieht ungefhr so aus wie ein
Zwischendeck mit siebenhundert seekranken Chinesen am dritten Tag der
Ausreise von Hongkong. To -- tal ver -- saut!!

Seufzend hing er das schon beinahe getrocknete Hemd ber eine blanke
Kupferrhre und fhrte mich in das Allerinnerste der Hongkong. Ein
beschwerliches Kriechen war es, schmale Gnge entlang und unter den
Leibern sthlerner Ungeheuer durch. Ein Gewirr von Balken sttzte
die einzelnen Teile der Riesenmaschinen, die der furchtbare Sto der
im Augenblick des Bruchs entfesselten widerstandslosen Krfte vllig
unbrauchbar gemacht hatte; zerbrochene, verbogene Rhren, geknicktes
Gestnge, schiefe Stahlsulen, abgesprungene Harteisenstcke, weigrau
an den Bruchrndern, lagen umher.

Hbsch, nicht? sagte der alte Mann. Nun stellen Sie sich, bitte,
vor, da ein winzig kleiner Fehler, ein vllig unsichtbarer,
unentdeckbarer Ri in einem runden Stck Stahl von zwanzig Zoll
Durchmesser ausreichte, um fr eine halbe Million Dollars Maschinen in
drei Sekunden ber den Haufen zu werfen!!

Da beschlo der Lausbub, seinem Teil des Berichts die berschrift zu
geben: Der Dmon im Stahl!

Er fand das sehr schn!!

Whrend der Furor in einer Wolke von schwarzquellendem Rauch hafenwrts
sauste, schrieb ich und schrieb und schrieb, denn es war ja so
leicht. Hatte mir doch das Glck das Schnste und Packendste in einem
groen Zeitungsereignis bescheert -- den grimmigen dsteren Humor der
Wirklichkeit ...

Unser =scoop= gelang glnzend. Mit flammenden berschriften und
sechzehn Spalten Hongkong erschien der =Examiner= zwei Stunden vor
dem =Call=. In einer Gesamtzeit von sieben Stunden vom Einlaufen der
Meldung bis zur Ausgabe der fertigen Zeitung war ein fr die Hafenstadt
unendlich interessantes Ereignis lebendig und exakt geschildert
worden, in der Ausfhrlichkeit einer graphischen Darstellung von
ber dreitausend Zeilen Lnge. Nichts fehlte. Das Aussehen der
Hongkong -- der Bericht des Kapitns -- die Schilderung der Leute des
Schleppdampfers -- die Szenen des Schreckens der Unglcksnacht.

Es war einer der groen Tage der Zeitung gewesen.

       *       *       *       *       *

Der Hongkongbericht war in gekrzter Form nach New York und Chicago an
das New York-Journal und die Chicago-Dispatch telegraphiert worden,
denn wir und jene beiden Bltter arbeiteten stets Hand in Hand.
Gehrten wir doch einem gemeinsamen Eigentmer, dem Verleger des New
York-Journal, William R. Hearst. Als wir uns am nchsten Morgen im
Reporterzimmer einfanden, hielt uns Mac lachend eine Depesche entgegen.
Wir lasen:

Examiner, Frisco. -- Komplimente, Mac. Gute Arbeit. Erwarte
ausfhrlichen Bericht. -- Hearst.

Das war bezeichnend fr William R. Hearst, dem nichts zu klein war im
Zeitungsdienst, um sich nicht persnlich darum zu bekmmern, und nichts
zu gro, sich mit seinen Zeitungen nicht daran zu wagen. Ich sah Hearst
erst Jahre spter. Aber im Reporterzimmer wimmelte es von Anekdoten
ber den Alten. Als Hearsts Vater, der Besitzer des New York-Journal,
gestorben war und ihm die Zeitung hinterlassen hatte, wurde aus dem
bedeutungslosen Jungen, der bisher nur durch modische Kleidung und
grelle Kravatten aufgefallen war, mit einem Schlage ein Arbeiter. Er
erklrte den redaktionellen und geschftlichen Leitern seiner Zeitung,
da in Zukunft er der Herr sei und sonst niemand. Die wollten sich
totlachen.

Dann kam das Entsetzen.

Der junge Hearst gnnte sich nicht einmal die Zeit zum Essen -- und
anderen Leuten erst recht nicht. Zu schlafen schien er berhaupt nicht.
Er war der Schrecken der Metteure. Er nchtigte im Setzersaale und
schrieb bis aufs letzte -- i -- Pnktchen die Schriftarten vor, die die
Ueberschriften der einzelnen Artikel anziehend machen sollten fr Seine
Majestt das Publikum.

Sein Leben gehrte seiner Zeitung. Das folgende wahre Geschichtchen
illustriert seine Manier vortrefflich. Er gab ein Souper, das sich
lange ausdehnte. Um drei Uhr morgens brachte ihm ein Bote die erste
Kopie der Morgenausgabe des Journal, das soeben zur Presse gegangen
war. Hearst sprang nach einem Blick auf die Zeitung wtend auf,
ohne seinen verblfften Gsten auch nur ein Wort der Erklrung zu
geben, und rannte in die Nacht hinaus. Nach Luft schnappend, kam er
im Journalgebude an, lie die Presse stoppen und telephonierte den
Chefredakteur herbei.

Alles -- weil die berschrift des Leitartikels Hearst nicht zugkrftig
genug war!

Er pflegte stundenlang der Lnge nach ausgestreckt in seinem
Privatkontor auf dem Teppich zu liegen, die Riesenseiten des Journal
vor sich ausgebreitet, um die Wirkung der Aufmachung zu studieren.
Den groen Eindruck brauchte er -- fr die groe Masse. Die war sein
Gtze. Er gab Unsummen aus fr Spezialdrhte, mietete einen Privatdraht
zwischen New York und Washington, um die Kongredepeschen frher
zu haben, gewann Generle und Minister als Mitarbeiter. Er schlug
die Zeitungen New Yorks wieder und wieder in der Schnelligkeit und
Ausfhrlichkeit wichtiger Nachrichten. Der Erfolg bei der groen Masse
kam fast augenblicklich. Die Auflagenziffern des New York-Journal
schnellten zu verblffender Hhe empor, und aus der einen Zeitung wurde
ein Zeitungssyndikat in New York, Chicago und San Franzisko, mit Hearst
als Alleinbesitzer. Damals entstand das Wort von der Gelben Presse.

Ueber seine Entstehung habe ich von amerikanischen Zeitungsfreunden
folgendes Geschichtchen erzhlen hren:

Als der deutsche Kaiser der gelben Gefahr sein Zeichentalent widmete
und die Vlker Europas warnte, ihre heiligsten Gter zu wahren, kam
der Karikaturist einer Washingtoner Zeitung auf die hbsche Idee, die
kaiserliche Zeichnung, die in Amerika groes Aufsehen und bei der
Abneigung gegen die gelbe Rasse starken Beifall erregt hatte, polemisch
zu verwerten. Er zeichnete in einem Bild einen messerschwingenden
Chinesen, in einem andern Bild daneben den das Journal schwingenden
Hearst, umgeben von tanzenden Teufelchen, die alle schrien: Sensation!
Sensation!! Sensation!!! Das eine Bild trug die Ueberschrift: Die Gelbe
Gefahr Europas! das andere: Die Gelbe Gefahr Amerikas! Die politische
Welt der Vereinigten Staaten lachte und nannte den Zeitungsmann den
gelben Hearst und seine Zeitungen die gelben Zeitungen. Die Gelbe
Presse!

Wie nun das bissige Wortbild auch entstanden sein mag, es kennzeichnet
mit seinem Vergleich mit der krassesten aller Farben, dem schreienden
Gelb, den Hunger nach Sensation vorzglich. Tut auch Unrecht, wie
alle Schlagworte. Hearst hat starken Einflu auf die Entwicklung der
amerikanischen Presse ausgebt und dem modernen Nachrichtendienst
unvergeliche Dienste geleistet. Und lange vor Roosevelt schon kmpfte
er gegen die Trusts. Seine politische Stellung als einer der Fhrer der
demokratischen Partei wird von Jahr zu Jahr strker.

       *       *       *       *       *

Nur einen einzigen Tag in jenen Monaten versumte ich den
Zeitungsdienst.

Das war an jenem Tag, als frhmorgens Madame Legrange klopfte und mir
einen Brief brachte, einen Brief aus Deutschland. Ich freute mich
gewaltig. Mein wortkarger Vater schrieb mir nur selten, aber zwischen
den Zeilen der wenigen Briefe konnte ich lesen, da meine jungenhafte
Begeisterung im Dienste der Zeitung und mein naives Schildern des
Lebens um mich ihn freuten. In knappen Worten sprach der Freund zum
Freund. Nur dann und wann blitzte ein Rat, eine Warnung auf. Du wirst
vielleicht nie nach Deutschland zurckkehren, aber vergi dein Land
nicht, denn seine Art bleibt deine Art! schrieb er mir einmal. Du
hast es sehr schwer, denn du bist niemand Verantwortung schuldig als
dir selbst ... hie es ein andermal. Vor allem aber verblffte mich
die genaue Kenntnis der amerikanischen Verhltnisse, die aus diesen
Briefen sprach; eine weit grndlichere und tiefere Kenntnis als die
meinige, der ich doch im Lande lebte und schaffte. Das flte mir
gewaltigen Respekt ein. Wenn das deutsche Heimweh ber mich kam, und
das tat es manchmal, nahmen die Sehnsucht und die Trume die Form an,
da ich es mir ertrumte, dem Vater einst als erfolgreicher Mann wieder
gegenberzutreten. Der Erfolgreiche dem Erfolgreichen. Der Freund dem
Freund. Der Gleichberechtigte dem Gleichberechtigten.

Und nun las ich und sa erstarrt auf meinem Bett. Mein Vater war tot.
Gestorben an einer frchterlichen Krankheit, nach jahrelangem Siechtum,
das mir auf seinen Befehl verheimlicht worden war. Sie hatten ihn vor
Wochen schon begraben.

An jenem Tag der Verzweiflung begann ich zu ahnen, was Alleinsein
im fernen Lande in Wirklichkeit war und was die Bande des Bluts
bedeuteten, aber Jahre sollten noch vergehen, bis ich verstand, da
in dem Grab im Mnchner Nordfriedhof mein Allereigenstes lag. Da aus
meinem Vater meine Kraft und mein Leichtsinn und meine Art stammte, und
da ich dem Mann, der als kriegsinvalider Offizier nach den Feldzgen
der Jahre 1866 und 1870 frisch und kraftvoll nach einem neuen Leben
gegriffen und sich als nationalkonomischer und wirtschaftlicher
Geistesarbeiter einen reichen Wirkungskreis geschaffen hatte, alle
Zhigkeit des Wollens und Willens verdankte.




Das Kommen des Krieges.

     Vorgeschichte des spanisch-amerikanischen Krieges. -- Die
     Guerillakmpfe zwischen Spaniern und kubanischen Insurgenten. --
     Die Glckssoldaten in Viriginia. -- Gespannte Beziehungen zwischen
     den Vereinigten Staaten und Spanien. -- Grausamkeiten. -- Die
     kubanische Junta und New York. -- Der Untergang der Maine. -- Der
     Racheschrei. -- Kriegserklrung. -- Meine groe Idee! -- Die groe
     Idee funktioniert nicht! -- Aber ich mu unbedingt nach Kuba ...


Schweres Kriegsgewlk berschattete im Jahre 1898 die Neue Welt. Unten
im Sden auf der Insel Kuba tobte seit Jahren ein Kleinkrieg zwischen
Herren und Knechten, zwischen einer Rasse, die sich im Niedergange
befand, und bsem Mischblut; zwischen Spaniern und Kubanern. Die reiche
Insel, das Tabaksland, das Zuckerland war bitterarm geworden unter
spanischer Miwirtschaft, und unertrglicher Steuerdruck lastete auf
ihm. Die spanisch-indianischen Mischlinge, die westindischen Neger
und Halbneger, nie Freunde harter Arbeit, wurden durch das unfhige
spanische Beamtentum mit seinem die Hnde in den Scho legenden
=maana=-Glauben noch grndlicher verdorben, als sie von Mutter Natur
aus schon waren. Korruption war berall im Land. Hungersnot folgte auf
Hungersnot. Bitteres Elend herrschte seit vielen Jahren. Da schlugen
sich die Mischlinge in die Bsche, und langsam wuchs unter Fhrung von
Abenteurern die national-kubanische Erhebung; ein Guerillakrieg, der
von beiden Seiten mit einer Wildheit und einer Grausamkeit gefhrt
wurde, die dem benachbarten Amerika den Atem stocken lie und ihm eine
altschmerzende Episode ins Gedchtnis rief, die in den Vereinigten
Staaten bses Blut gemacht hatte: Das Sterben der Mnner der Virginia.

Vor einem Jahrzehnt, denn solange schon wtete der Kleinkrieg zwischen
Spaniern und Insurgenten, waren amerikanische Glckssoldaten in dem
Schooner Virginia gen Kuba gesegelt und im Sden gelandet, sich in den
Reihen der Revolutionre Ruhm und Glck zu erkmpfen. Ein spanisches
Kanonenboot fing den Schooner ab. Vierundzwanzig Stunden spter
knallten die Schsse der spanischen Pelotons, und die Glckssoldaten
der Virginia waren tot. Amerika zitterte vor Entrstung, wenn auch
das amtliche Washington sich wohl oder bel auf den Boden des
internationalen Rechts stellen und erklren mute, jene amerikanischen
Abenteurer htten den Schutz des Mutterlandes verwirkt, als sie sich
auf ihre ungesetzliche Unternehmung einlieen. Vergessen aber wurden
die Mnner der Virginia nie.

Schon zu Ende des Jahres 1897 waren die Beziehungen zwischen den
Vereinigten Staaten und Spanien gespannt, denn Washington hatte
wiederholt energisch darauf hingewiesen, da in der Tabak-und
Zuckerindustrie Kubas Millionen amerikanischen Geldes steckten und die
unhaltbaren Zustnde auf der Insel den wirtschaftlichen Interessen
der Vereinigten Staaten schadeten. Da wurde der spanische General
Weyler als Generalkapitn auf die Insel gesandt, und der Kampf gegen
die Insurgenten begann im groen Stil. Der grimmige Soldat ersann das
System der Blockhauslinien. In Fcherform wurden von den militrisch
stark besetzten Zentren aus kleine Blockhuser in das Innere des Landes
vorgeschoben, um in stetig fortschreitender, geschtzter Angriffslinie
die Revolutionre zusammenzudrngen und das Land Meile fr Meile von
ihnen zu subern. Quer ber die ganze Breite der Insel schob sich
die =trocha=. Eine gewaltige Kriegsmaschine war es: Undurchdringbare
Drahtverhaue verbanden die Blockhuser. Vor diesem Grtel kleiner
Festungen lief eine zweite Linie von Wolfsgruben und Sprengminen, die
eine bloe Annherung an die =trocha= schon zu einem tdlichen Wagnis
machten.

Ein furchtbares Gemetzel begann. Tier kmpfte gegen Tier, denn
die halbverhungerten, verzweifelten, gechteten Menschen in den
Wldern waren zu Tieren geworden, die mit ihren Macheten jeden der
verhaten spanischen Soldaten, der ihnen in die Hnde fiel, grausam
abschlachteten, und die erbitterten Spanier zeigten sich nicht weniger
grausam als jene. Sie schonten weder Weib noch Kind. So tobte der
Kleinkrieg. Immer wieder wurden die =trocha= da und dort in Kmpfen
bis aufs Messer von den Insurgenten durchbrochen; hatten doch diese
menschlichen Gerippe, die wenig mehr besaen als ihre Waffen, nichts
zu verlieren und alles zu hoffen. Gefangene wurden von den Spaniern
ohne weiteres erschossen; zu Dutzenden, zu Hunderten. In New York
aber sorgte eine kubanische Junta, eine Vertretung der Insurgenten,
getreulich dafr, da die amerikanische ffentliche Meinung in Schrift
und Bild jede Greueltat der spanischen Soldaten erfuhr, whrend ber
die Schandtaten der Revolutionre klglich geschwiegen wurde. Grelle
Schilderungen von Hunger, Jammer und brutaler Unterdrckung aber
verfehlen ihre Wirkung auf den Amerikaner nie.

Alles drngte zur Einmischung der Vereinigten Staaten. Der langsam
erwachende Imperialismus, der eine Ausdehnung der amerikanischen Macht
forderte und Taten verlangte; das Kapital und starke wirtschaftliche
Interessen, die nicht nur ihre Geldanlagen auf der Nachbarinsel retten
wollten, sondern auch von einem amerikanischen Kuba sich goldene Berge
versprachen; der Zug der ffentlichen Meinung endlich, die die blutigen
Greuel im Nachbarhause nicht mehr mit ansehen mochte.

Die Stimmung war gespannt zum Platzen.

Da flog am 15. Februar des Jahres 1898 abends 9 Uhr im Hafen von
Havana der groe amerikanische Kreuzer Maine in die Luft und sank
augenblicklich. Die gesamte Besatzung von ber sechshundert Mann ging
zugrunde.

Jetzt jagten sich die Ereignisse.

Ein Schrei der Entrstung gellte ber Amerika. Rache fr die Maine!
durchbrauste es die Zeitungen; =Remember the Maine!= donnerte es in den
Massenmeetings. Denn fr jeden Amerikaner war es selbstverstndlich,
da ein heimtckischer spanischer Torpedo die Maine und ihre 600
Amerikaner in die Luft gesprengt hatte.

Die kubanischen Insurgenten wurden von der Regierung der Vereinigten
Staaten als kriegfhrende Partei anerkannt. Scharfer spanischer
Protest in unziemlichen Ausdrcken. Kurzer Notenwechsel, der die
Lage nur verschrfte. Am 25. April erklrte das amerikanische
Reprsentantenhaus, der Senat und der Kongre, den Kriegszustand mit
dem Knigreich Spanien.

Am selben Tage noch erhielt das amerikanische Geschwader in Ostasien
unter Admiral Dewey telegraphische Instruktionen. Nach fnf Tagen war
die spanische Philippinenflotte in der Seeschlacht von Manila am 1. Mai
1898 vernichtet.

       *       *       *       *       *

Der Lausbub wre nicht das Menschenkind voller Unrast und
tiefgewurzeltem Drngen nach grellem Erleben gewesen, htte sich
nicht inmitten des Kriegslrms sein abenteuerliches Blut geregt. Das
Soldatenblut vielleicht auch vom Grovater und Vater her, den alten
Offizieren.

Ich verschlang die sich jagenden Nachrichten und brllte mit in Jubel
und Freude, als Lascelles mit der Depesche vom Siege bei Manila ins
Reporterzimmer strzte. Kein Stockamerikaner htte begeisterter
sein knnen! Wieder jagten sich die Ereignisse. Mit immer grerer
Bestimmtheit trat die Nachricht auf, da eine Amerikanische Armee
von der Insel Kuba Besitz ergreifen sollte und -- ich wurde sehr
nachdenklich, ohne eigentlich zu wissen warum. Ich wurde zappelig.
Wie schal und gleichgltig schien auf einmal das begeisternde
Reporterleben! Ich wurde unzufrieden. Was scherte mich die Zeitung,
wenn es Krieg gab! Krieg!! Blutigen Krieg! Kmpfe im tropischen Land!!!

Ich sah mich zwei Nchte hintereinander im unruhigen Traum als kolossal
tapferen Offizier, der seine Leute im Sturm zum Siege fhrte ... Und
am nchsten Morgen kam mir die groe Idee! Man mute die Gelegenheit
beim Schopfe packen! Die Mglichkeiten des Berufs muten ausgenutzt
werden bis zum letzten! Kriegskorrespondent wollte ich sein -- aber
selbstverstndlich -- _Kriegskorrespondent_!!!

Ich drckte mich im Reporterzimmer herum, bis die Kollegen alle
fort waren. Kaum war der langbeinige Ferguson mit seinen polternden
Schritten als letzter aus der Tre gestiefelt, als ich schon auf den
Schreibtisch in der Ecke zuscho --

Mac, haben Sie einen Augenblick Zeit fr mich? Ich mchte gern in
einer persnlichen Angelegenheit ...

Natrlich, mein Sohn, unterbrach er mich lachend. =Allright=!
Wieviel brauchen Sie denn nun eigentlich?

Es -- es handelt sich nicht um Geld, Mac, stotterte ich.

Nun, und wo brennt es dann?

Krieg -- Kuba ...

Kuba, eh? Was in der Hlle haben Sie denn mit Kuba zu tun?

Aber ich lie nicht locker. Glauben Sie wirklich, Mac, da wir in Kuba
einfallen werden?

Er nahm seine goldene Brille ab und putzte sie bedchtig.

Nun, ich bin nicht der Kriegsminister! meinte er. Aber Sie knnen
immerhin Ihren letzten Stiefel darauf verwetten, da die Insel ein
bichen besetzt wird von uns, denn sie ist die groe Wurst, um die
man sich zankt. Die Geschichte wird brigens so ziemlich in Ruhe und
Frieden ablaufen, denke ich mir. Die Spanier wren Narren, wollten sie
uns ernsthaften Widerstand entgegensetzen. Na, es kann auch anders
kommen. Vor allem aber reden Sie jetzt ruhig heraus, lieber Junge! Was
wollen Sie eigentlich, zum Teufel? Was haben Sie sich da wieder in den
Kopf gesetzt??

Ich will nach Kuba!

Dachte ich mir, =sonny=!

Ich wute, da ich puterrot geworden war und merkte, da ich
ungeschickt stotterte in der Aufregung, aber jetzt hie es reden,
reden, reden ... Mac -- helfen Sie mir, Mac! Sie wissen ja nicht,
wieviel mir daran liegt!! Mein Vater war Offizier -- und ich wollte als
Junge immer schon Offizier werden und -- Sie verstehen mich vielleicht
...

Allan McGrady nickte ernsthaft vor sich hin.

Legen Sie ein gutes Wort fr mich ein beim Alten, Mr. McGrady! Ich
will gewi kein Geld verdienen dabei. Nur mitkommen --

Pfui, wer wird auf die Preise drcken!

Oh, Mac, Sie wissen doch, wie ich es meine.

Ich wei, ich wei. Und nun Vertrauen gegen Vertrauen, Sie Mann
der Tollheiten. Zwanzig Jahre bin ich im Zeitungsdienst. Mein Name
ist nach meiner besten Ueberzeugung etwas wert in der Zeitungswelt
und beim Alten. Nun sehen Sie: Ich wrde drei Finger meiner linken
Hand hergeben, wenn ich damit erreichen knnte, von Hearst nach Kuba
geschickt zu werden! Drei Finger, mein Junge! Mit Vergngen!! Mit
wonnevoller Wonne!!!

Aber -- stotterte ich, aus allen Wolken gefallen. _Sie_ knnen das
doch erreichen!

Er lachte. Es ist nett von Ihnen, mir das Unmgliche zuzutrauen.
Ich knnte mir jedoch mit der gleichen Aussicht auf Erfolg es in
den Kopf setzen, heute abend um sechs Uhr Prsident der Vereinigten
Staaten sein zu wollen. Mann, Sie ahnen nicht, was es bedeutet,
Kriegskorrespondent zu sein. Da schickt man die Auserlesensten der
Auserlesenen hin. Leute von unermdlicher Tatkraft, glnzende Federn
-- Mnner, die in jeder Lage einen Ausweg zu finden wissen -- Mnner
mit militrischen Kenntnissen ersten Ranges -- ach du lieber Gott.
Gibt es da unten wirklich ernsthafte Kmpfe, so sind die Hlfte der
Kriegskorrespondenten fr den Rest ihres Lebens gemachte Mnner. Die
Namen der Glcklichen -- Glck gehrt auch dazu! -- werden beinahe
so berhmt werden wie diejenigen der siegreichen Generale. Schlagen
wir's uns aus dem Kopf, mein Junge! Fr unsere Zeitungen gehen
selbstverstndlich Davis und McCullock nach Kuba, kommt es so weit;
Davis, der ein groer Schriftsteller und Hearsts Freund ist, und
McCullock, der beim tollen Mullah im Sudan war! Das ist gar keine
Frage!

Da trat Lascelles ein.

=Good morning=, Mac! rief er. Denken Sie mal, der Teufel ist endlich
los! Washington telegraphiert die Mobilmachung der =National Guard=!
Bedeutet natrlich, da Onkel Sam nach Kuba marschiert. Und ich wrde
drei Finger drum geben, stnde ich in McCullocks Schuhen!!

Mac blinzelte mir zu.

Als wolle er sagen: Siehst du! Da ist noch einer! Einer, der schon
hoch geklettert ist auf den Sprossen der Zeitungsleiter und trotzdem
das nicht erreichen kann, was du dir in den dicken Schdel gesetzt
hast. Du blutiger Anfnger ... du!!

       *       *       *       *       *

Ich schlich mich fort. Miserabel schlecht arbeitete ich an jenem Tag,
denn in meinem Kopf rumorte und lrmte und hmmerte es: Kuba -- Kuba --
Krieg ...

Kreuz und quer lief ich durch das flaggengeschmckte San Franzisko.
Unter aufgeregten Menschen, die von nichts sprachen als vom Krieg
und von Kuba. Teufel -- Teufel ---- Und immer lauter rumorte in mir
das trotzige blinde Wollen des Augenblicks, wie es noch hundert Male
rumort hat in meinem spteren Leben, zum Glck manchmal, manchmal
zu meinem Unglck. Spter, wenn man die wirkliche Kraft gefunden und
sich rckschauenden Humor eingefangen hat, denkt man gern an solche
Augenblicke der Tollheit. Hat man sie doch auf Heller und Pfennig
bezahlt in der Mnze des Lebens und das Recht auf frhliche Erinnerung
erworben, mag auch die Vernunft sich wehren mit ihrem: Es wre doch
besser gewesen, wenn ...

So lief ich umher in den Straen.

Einem neuen Spielzeug nach, das hpfende Teufelchen vor mir baumeln
lieen und das ich nicht erhaschen sollte und das vielleicht nur
deshalb so begehrenswert schien. Die Sehnsucht gestaltete sich zur
fixen Idee. Sie wurde zum harten Wollen.

Der Lausbub dachte also nach. Dachte angestrengt nach, vernnftig.
Ueber die Vernnftigkeit dieses Nachdenkens aber wrde jeder andere
Mensch sich krankgelacht haben: Es bestand im Wesentlichen darin,
da ich fortwhrend dasselbe dachte -- Ich will aber nach Kuba! Zum
Teufel, ich will aber doch nach Kuba!!

Die kleinen Affren des Lebens, die links und rechts neben Kuba,
und die schleierhafte Zukunft, die hinter Kuba lag, kmmerten mich
furchtbar wenig. Sie waren nebenschlich. Erstens wollte ich mit in
diesen Feldzug, und zweitens mute ich mit, und drittens ging ich
berhaupt auf jeden Fall mit! Darber war ich mir nun klar, und damit
schien mir die Angelegenheit erledigt.

Ich -- mute -- unbedingt -- nach -- Kuba!!




Der Lausbub wird Soldat.

     Die verbogene Lebenslinie. -- Ein schneller Entschlu. -- Beim
     Oberleutnant Green vom Signaldienst. -- Ich werde angeworben!
      -- Abschied von Allan McGrady. -- =B Company= des 1.
     Infanterieregiments. -- Korporal Jameson. -- Wiggelwaggeln. --
     Der sprechende Sonnenspiegel. -- Ich gehe nach Kuba!


Da meine Verhltnisse sich vllig ndern wrden, der mhsam
erarbeitete erste Lebenserfolg vllig ber den Haufen geworfen wurde,
die Zukunft sich anders gestalten mute -- an meine ganze schne
Lebenslinie dachte ich auch nicht einen Augenblick lang. Her nur mit
dem praktischen Trotz, der trichte Wnsche in Wirklichkeit umsetzt!

Ich ging zum Oberleutnant Green ins Presidio.

Hoffentlich kommen Sie nicht in beruflicher Angelegenheit, sagte
er lchelnd, als ich in das kleine Signalbureau im Adjutanturgebude
trat, denn nicht ein Wrtchen knnte ich Ihnen in diesen Zeiten sagen.
Befehl von Washington!

Das wre an und fr sich schon eine Neuigkeit im Zeitungssinne!
lachte ich. Aber ich komme mit einer persnlichen Bitte ... Und ich
erzhlte ihm, was ich mit Allan Mc Grady gesprochen hatte und erklrte,
da ich es mir nun einmal in den Kopf gesetzt htte, den Feldzug
mitzumachen. Der Offizier hrte aufmerksam zu.

Sie wollen also Soldat werden?

Ja.

Und Ihr Beruf?

Auf den pfeif' ich!

Hm. Haben Sie sich da in Ihrer Enttuschung ber die
Kriegskorrespondentengeschichte nicht in eine Idee verrannt, deren
Tragweite Sie nicht bersehen? Wrden Sie sich unter allen Umstnden
anwerben lassen, auch wenn ich nicht helfe?

Ja, unter allen Umstnden.

Schn. Wie alt sind Sie?

Zwanzig Jahre und drei Monate.

Hm. Das Gesetz schreibt zwar ein Alter von 21 Jahren vor, aber um
der paar Monate willen wollen wir uns nicht streiten. Ich will Ihnen
helfen. Sie scheinen ja ernstlich genug zu wollen, und des Menschen
Wille ist sein Himmelreich. Unter den besonderen Umstnden wird Ihnen
brigens eine kurze Dienstzeit in der blauen Jacke Onkel Sams gar nicht
schaden. Nun hren Sie, bitte, genau zu. Was ich Ihnen jetzt sage, ist
vertraulich: Wir knnten Sie im Korps gebrauchen, und das wre wohl
auch das Beste fr Sie, schon weil die Arbeit sehr interessant ist.
Telegraphieren knnen Sie ja schon. Der Haken ist nur der, da ich zur
Anwerbung nicht autorisiert bin. Der Signalkorpsdienst der Vereinigten
Staaten besteht augenblicklich nur aus etwa dreiig Offizieren und
etlichen fnfzig Sergeanten. Mannschaft haben wir vorlufig gar nicht.
Ich erwarte jedoch von Stunde zu Stunde die Order, die ein Signalkorps
im greren Stil fr den Krieg organisiert. Sie lassen sich also jetzt
fr das hiesige Regiment, das 1. Infanterieregiment, anwerben. Ich
werde dafr sorgen, da Sie sofort zum Telegraphendienst abkommandiert
werden, und sobald das neue Signalkorps autorisiert ist, werde ich Sie
versetzen lassen. Abgemacht?

Ja.

Schn. Sie mssen sich auf drei Jahre verpflichten, aber eine
vorherige Entlassung wrde keinen besonderen Schwierigkeiten begegnen,
wenn Sie eine solche nach Beendigung des Feldzugs wnschen.

Ich horchte auf, denn das war es gerade, was ich wollte!

Abgemacht?

Ja.

=Well=, ich hoffe, da Sie den Schritt, den Sie heute unternehmen,
nicht bereuen werden. Und nun wollen wir die Sache ins Reine bringen.
Warten Sie hier einen Augenblick, bitte. Ich werde den Adjutanten
verstndigen, der Sie formell anwerben wird.

Nach kurzer Zeit kam er wieder. Kommen Sie mit, bitte!

Wir gingen ber den Korridor ins Adjutanturzimmer. Dort sa an einem
Schreibtisch ein junger Leutnant, und an einem groen Tisch arbeiteten
zwei Sergeanten. Fast gleichzeitig mit uns trat ein Militrarzt ins
Zimmer, der mich in einen Nebenraum winkte. Ich mute mich auskleiden
und wurde untersucht. Das war in wenigen Minuten geschehen. Dann
ging's wieder ins andere Zimmer, und der Leutnant stellte mir die
knappen geschftsmigen Fragen der Anwerbung.

Sie wollen freiwillig in den Kriegsdienst der Vereinigten Staaten
treten?

       *       *       *       *       *

Es ist keinerlei Zwang auf Sie ausgebt worden?

       *       *       *       *       *

Sie sind nicht verheiratet?

       *       *       *       *       *

Sie sind im Besitz der amerikanischen Brgerpapiere? (Oberleutnant
Green flsterte da dem Adjutanten etwas zu, und ich glaubte zu
verstehen: Ist =allright= -- ich brge fr den Mann.) Der Werbeoffizier
wartete keine Antwort ab. Natrlich. Sie stammen aber von deutschen
Eltern, nicht wahr?

So kam ich um die Notwendigkeit herum, meine Absicht, Brger der
Vereinigten Staaten werden zu wollen, feierlich beschwren zu mssen.
Da ich diese Absicht durchaus nicht hatte, so erfreute mich das
ungemein. Wre es aber notwendig gewesen, so htte ich damals sieben
Brgererklrungen abgegeben und sieben Eide geschworen, nicht nur
einen. Ich wollte doch nach Kuba!

Fnf Minuten spter hatte ich dem Adjutanten die kurzen Worte des
Fahneneids nachgesprochen und war Soldat in =Company B, 1st Regiment,
U. S. Infantry= -- bis um acht Uhr morgens des nchsten Tages beurlaubt,
um meine Angelegenheiten in Ordnung zu bringen.

       *       *       *       *       *

Allan McGrady fiel beinahe vom Stuhl --

Heh? Sagen Sie das noch einmal! schrie er.

Ich habe mich im Presidio anwerben lassen. Ich wollte nun einmal nach
Kuba ...

Ist also kein schlechter Witz?

Nein.

Sie Dickschdel -- Sie ganz unglaublicher Dickschdel! Ich pflege mir
meine Entschlsse gerade auch nicht vier Wochen lang zu berlegen, aber
das bricht doch den Rekord! Luft das Shnchen hin und wird Soldat!
Mir nichts, dir nichts! Weshalb sind Sie denn eigentlich nicht zu mir
gekommen? Htten mir doch wenigstens sagen knnen, was Sie vor hatten!
So viel Vertrauen zu mir htten Sie doch wenigstens haben knnen!

Ich versuchte, ihm zu erklren, da das alles sehr pltzlich gegangen
war.

Verdammt pltzlich! rief McGrady. Verdammt unberlegt. Sie haben
sich in die Nesseln gesetzt! Aber ich werde dafr sorgen, da Ihnen
aus Ihrem Anstellungsvertrag mit dem Examiner keine Schwierigkeiten
erwachsen. Schlielich hat jeder Dickkopf das Recht, sich den Schdel
an derjenigen Mauer einzurennen, die ihm am besten gefllt!

Er lachte und nickte vor sich hin. Im Grunde verstehe ich Sie ja. Ich
glaube berhaupt, da in mir ein besonderes Verstndnis ist fr -- nun,
sagen wir, unschilderbare Sausewinde Ihres Schlags; die Gtter mgen
wissen, weshalb und woher. Also: Die Dummheit haben Sie nun einmal
gemacht, denn eine Dummheit ist es vom Standpunkte der Vernunft.
Eines mchte ich Ihnen aber sagen, mein Junge -- sorgen Sie dafr, da
Sie so schnell als mglich wieder aus der Uniform schlpfen, wenn die
Geschichte vorbei ist! Sie sind viel zu jung, als da man auch nur eine
Ahnung haben knnte, was aus Ihnen noch werden wird, aber -- well, das
ist alles Unsinn! Lassen Sie von sich hren, =sonny=!

Ich bin Ihnen sehr dankbar, Mac.

Und der gereifte Mann, der mir stets ein vterlicher Freund gewesen
war, schttelte mir die Hand. Der Amerikaner hatte Verstndnis fr den
abenteuerlichen Drang und dessen Wert im Leben. In der alten Heimat
drben htten sie mich einen leichtsinnigen Narren genannt; mehr noch,
einen Verlorenen, der eine gesicherte soziale Stellung um einer Laune
willen wegwarf. Ich wollte aber auf meine eigene Fasson selig oder
unselig werden ...

Uebrigens wollte ich auch als Soldat fr den Examiner schreiben ber
--

Mac unterbrach mich. Werden verdammt wenig Zeit und Gelegenheit dazu
haben! Lassen Sie aber von sich hren. Kommen Sie wieder, so wartet
hier ein Platz fr Sie; gegen Zeilengeld im schlimmsten Fall.

Noch ein Hndedruck.

Ich habe Allan McGrady nie wieder gesehen.

       *       *       *       *       *

=B Company= des ersten regulren Infanterieregiments war auf voller
Kriegsstrke und ich der einzige Rekrut. Meine Ausbildung drngte sich
in Tage zusammen, und wenn der Lausbub auch Lust und Talent gehabt
htte, zu nachdenklicher Besinnung zu kommen, so wrde er doch ganz
gewi keine Zeit dazu gehabt haben.

Ein neues Spiel begann. Ein Wirrwarr neuen Lernens. Der alte Korporal
meiner =squad= wurde dazu abkommandiert, mich in seine besondere
Obhut zu nehmen. Zum Uniformdepot ging es zuerst, und in einer Stunde
war ich ein bewaffneter und uniformierter blauer Junge Onkel Sams
geworden. Hellblaue Hosen, knappe dunkelblaue Jacke, Mtze. Alles
neu, aus ausgezeichnetem Stoff, gut sitzend. Die Sparsamkeiten der
Alten Welt, deren Armeen ihre Uniformen von Soldatengeneration auf
Soldatengeneration vererben, liebt der Amerikaner nicht. Dafr bezahlt
er fr seine kleine Armee ein Militrbudget, das fast so hoch ist
wie diejenigen der europischen Mchte ... Mein Bett, die =bunk=,
wurde mir angewiesen im Mannschaftszimmer, mit nagelneuen Wolldecken
und nagelneuem Bettzeug. Dann marschierte mich der alte Korporal nach
einem einsamen schattigen Fleckchen in einer Eichenallee beim groen
Paradefeld des Presidio, und heie Arbeit begann. Leibesbungen.
Kommandodrill. Gewehrgriffe. Arbeit von morgens bis abends, aber
Arbeit, die mir genau die gleiche Freude machte wie das Lernen auf der
Texasfarm und in der Texasapotheke und bei der San Franziskozeitung,
denn wie jenes weckte sie den Ehrgeiz, sich geschickt und rasch
auffassend zu zeigen. Und dann war's eine kleine Episode. Das
Groe lag im Kommenden. Fabelhaft rasch ging's mit der Ausbildung.
Korporal Jameson, der schnauzbrtige alte Kalifornier, verstand sein
Soldatenmetier von Grund auf und hielt sich nicht mit langweiligen
Wiederholungen auf, sobald er merkte, da der neue Kompagnierekrut
begriffen hatte.

=You're allright=, sagte er. Lesen Sie das Zeug selber! Und gab mir
sein =Manual of Infantry-Drill=, das Infanteriereglement. Da suchte ich
mir die einfachen Anweisungen fr den Kompagniedrill heraus, whrend er
gemtlich seine Zigarette rauchte, und dann probierten wir's praktisch.

Wenn ein einziger alter Unteroffizier sich Tag auf Tag einzig
und allein nur mit der Ausbildung eines einzigen jungen Soldaten
beschftigt, der weder dumm noch faul ist, so knnen Wunder an
Schnelligkeit erzielt werden. Zehn Stunden und mehr im Tag wurde
gearbeitet. Zu dem Infanteriedrill kam whrend zwei Stunden des
Nachmittags Unterweisung im Signaldienst durch den Signalsergeanten
Hastings. In Flaggensignalen vor allem, denn so einfach auch der Code
des Wiggelwaggelns war, so erforderte es doch viel Uebung des Auges
und beim Gebrauch des Feldstechers. Aber es war sehr interessant.
Die groen Signalflaggen, zwei Meter beinahe im Quadrat und an einer
drei Meter langen Stange befestigt, bildeten die Buchstaben durch ein
Geschwungenwerden nach rechts und nach links. Die rechte Seite hie
2, die linke 1. So bedeutete ein einmaliges Schwingen nach rechts
den Buchstaben =c=. Aber in der Signalsprache sagte man nicht =c=,
sondern 2. Alle Buchstaben waren Kombinationen dieser beiden Ziffern.
22, also ein zweimaliges Schwingen nach rechts, bedeutete a; 11, ein
zweimaliges Schwingen nach links, bedeutete n; 212, rechts -- links
-- rechts war =m=. Eine Pause, ein gerades Emporhalten der Flagge vor
dem Leib trennte die einzelnen Buchstaben. Ein gerades Niederschwingen
der Flagge auf den Boden zeigte das Ende eines Wortes an; ein
zweimaliges Niederschwingen den Schlu eines Satzes; ein dreimaliges
den Schlu der Depesche. Die Flaggen, die je nach der Witterung, der
Sichtigkeit und dem Hintergrund aus Rot mit weiem oder Wei mit rotem
Zentrum bestanden, waren auf sehr groe Entfernungen sichtbar. Wir
verstndigten uns mhelos vom Presidiohgel nach dem Meeresstrand
hinunter, eine Entfernung von fast zwei Kilometern.

Noch viel mehr Freude machte mir der Heliographendienst, denn hier
konnte eine Geschwindigkeit erzielt werden, die dem Telegraphieren
wenig nachstand. Es war ein raffiniertes kleines Instrument, dieser
sprechende Sonnenspiegel -- zwei auf einer sthlernen Querstange
angebrachte Spiegel, die sich durch ein Przisionswerk von Schrauben
nach jeder Richtung hin einstellen lieen. Der eine Spiegel wurde
durch Korn und Kimme wie bei einem Gewehr scharf auf den Empfnger
einvisiert, der andere so, da er die Sonnenstrahlen direkt auffing.
Die beiden Spiegel ergnzten sich und warfen nach den feststehenden
Regeln der Lichtspiegelung und ihrer Brechungswinkel zusammen ein
glnzendes Licht in Form einer groen knstlichen Sonnenscheibe nach
dem anvisierten Punkt.

Vor den Spiegeln stand eine Deckplatte, die durch leichten Fingerdruck
geffnet und geschlossen werden konnte. Mit langen und kurzen
Lichtblitzen bermittelte man so die Buchstaben des Morsealphabets.

Daneben kamen Uebungen im Legen und Verbinden von Telegraphen-und
Telephonleitungen und das interessante Anzapfen, das Melken der
stdtischen Drhte auf offener Strae mit unseren Taschenapparaten.

Der Signalrekrut wurde auf den Krieg vorbereitet.

Holtergepolterarbeit war es, mit viel Aufregung und mit vielem Lernen.
Und mir gefiel es immer besser im Soldatenrock.

Von meinen Freunden beim Examiner hrte ich nur ein einziges Mal.

Das war an einem Nachmittag, als ich auf Jamesons Kommandos voller
Eifer mit Holzpatronen schnellfeuerte. Da tauchten am Alleerand zwei
Gestalten auf, und als ich hinsah, erkannte ich Ferguson und Hayes.
Gemtlich kauerten sie sich unter eine Eiche und sahen zu.

Wohl Freunde von Ihnen? fragte der Sergeant leise. Ja? Dann wollen
wir Schlu machen! Wie alle Sergeanten witterte Jameson Bier!
Weggetreten! kommandierte er.

Zwei Stunden spter brachte ich meine Freunde zum Fortausgang.

Freund, Sie sind ein groer Narr! sagte Ferguson. Aber wenn ich so
jung wre wie Sie, htte ich's vielleicht auch so gemacht. Viel Glck!

Ich aber dachte: Der Narr bist du, guter alter Ferguson. Du mut in
San Franzisko bleiben -- und ich gehe nach Kuba!




Das Sternenbanner auf dem Wege nach Kuba.

     Der Krieg des Leichtsinns. -- Aus Leutnants werden Majore. --
     Eine kleine Vergelichkeit. -- Segenswnsche und Vorschulorbeer.
     -- Von lieben diebischen Mgdelein. -- Die Armee in Hemdrmeln. --
     Das militrische Telegraphenbureau in Tampa. -- Die spanische
     Gespensterflotte. -- Admiral Cervera in der Falle von Santiago de
     Cuba. -- Die Depeschenhlle. -- Roosevelts Rauhe Reiter ohne
     Gule! -- Auf dem Meer. -- Eine schwbische Ueberraschung. -- Von
     redenden Tuchfetzen und sprechenden Wolken. -- Nachtalarm. --
     Beginn des Bombardements von Baiquiri.


Das Kriegsfieber schttelte Amerika.

Ein guter Mann, so sagen kluge Frauen, mu wie ein Kind sein, in seinem
Tiefsten, Innersten, Wahrsten. Unter der mnnlichen Oberflche, die
in der Welt drauen ein einheitliches Gefge von Kraft und Arbeit
scheint, versteckt sich das groe Kind mit dem Lachen und Weinen des
Kindes, dem aufstampfenden Trotz und der Weichheit, dem Begehren nach
Spielzeug, dem begeisterten Haschen nach allem Neuen, dem Leichtsinn,
den Ungezogenheiten. Dies Kindsein liegt tief in der Natur der Mnner
des amerikanischen Reichs; tiefer als in irgend einem anderen groen
Volk. Das Draufgngertum, das Jungfrische, das Kindliche. Die Mnner,
die spter die Kosten des Panamakanalbaus um die Kleinigkeit von 500
Millionen unterschtzten, weil sie viel zu begierig nach dem neuen
Spielzeug waren, sich bei langweiligem Rechnen lange aufzuhalten,
sprangen mit gleichem Unbekmmertsein in Kriegstrubel und Kriegsgefahr.

In Tagen wurde eine Armee aus dem Boden gestampft. Der Miliz mit
ihrem ausgezeichneten Menschenmaterial fehlte es an Offizieren.
Da befrderten die amerikanischen Kinder ganz einfach fast jeden
Offizier der regulren Armee um einen, zwei, oft drei Grade, machten
die Leutnants zu Majoren, die alterfahrenen Sergeanten zu Leutnants,
und steckten sie in die Milizregimenter. Die Glckssoldaten holte
man herbei, die in den sdamerikanischen Revolutionen Truppen
gefhrt und Pulver gerochen hatten. Ein Roosevelt pfiff auf sein
Ministerportefeuille und wurde aus dem Unterstaatssekretr der
Marine ein einfacher Reiteroberst, der Rauhe Reiter warb. Zeltlager
erstanden berall im Land. Millionen von Goldstcken wurden mit
vollen Hnden hinausgeschleudert, den Kriegsbedarf ber Nacht zu
schaffen. Es fehlte an Torpedojgern, an Depeschenbooten. Da kaufte
man fr Unsummen die schnellsten Hochseeschlepper und die flinksten
Privat-Yachten der amerikanischen Hfen, armierte sie mit Geschtzen
-- und die Flottenergnzung war fertig. Man verschwendete Millionen an
die Ausrstung der Invasionsarmee -- und die groen Kinder vergaen
ganz, ihr auch nur eine einzige Feldbckerei, eine einzige Kaffeemhle
zu beschaffen. Schiffszwieback, fetten Chicagospeck, ungebrannten
Kaffee gab man ihr mit als Tropenkost! Htten die Kmpfe um Santiago
nur drei Wochen lnger gedauert, so wre auch der letzte Mann von
Zwanzigtausend von der Speckruhr gepackt worden. Die leichtsinnigen
Kinder, die sich auf die deckende Macht an Menschen und Gold ihres
Landes verlieen, rechneten ja gar nicht damit, da der Feldzug lnger
als einige Wochen dauern knnte. Gelandet -- gesiegt -- die Spanier
ber den Haufen geworfen! So rechnete man! Beinahe -- _beinahe_ -- wre
es anders gekommen!

Ein Krieg des Leichtsinns und des Optimismus.

       *       *       *       *       *

General Shafter, der kommandierende General des Departements der
pazifischen Kste, war zum Hchstkommandierenden der Invasionsarmee
ernannt worden. Mein Oberleutnant Green zum Oberst und Chef des
Signaldienstes. Zwlf Stunden nach Eintreffen der Marschorder zogen
der Stab des Kommandierenden und das erste Infanterieregiment
durch das flaggenwimmelnde, jubelnde San Franzisko, und auf der
=Southern Pacific= ging es gen Sden und Osten, vom Stillen Ozean zum
Atlantischen Meer, nach Tampa in Florida. Dort konzentrierte sich die
Invasionsarmee.

Im Schlafwagen fuhren wir! Selten wohl ist eine Armee so teuer, so
bequem, so schnell befrdert worden. An den Hauptstationen hatten die
begeisterten Brger riesige Tische aufgestellt und sie mit guten Sachen
beladen, und wenn der Zug hielt, dann konnte man sich einfach nicht
retten vor hndeschttelnden Mnnern, die einem Zigarren in die Taschen
stopften, und alten Damen, die einen mit Delikatessen und frommen
Segenswnschen berschtteten. Es war wie eine Fahrt durchs Mrchenland
inmitten von lauter Knusperhuschen, die man nur anzubeien brauchte.
Von den Hrten kriegerischer Zeiten hat in jenen Tagen gewi kein
einziger Mann der Zwanzigtausend, die auf Schnellzgen nach Florida
eilten, auch nur das Geringste versprt. Nichts war zu gut und zu teuer
fr die blauen Jungens.

Es gab Vorschulorbeer in gehuften Massen. Wer eine Uniform trug,
wurde verhtschelt -- besonders von der jungen Weiblichkeit. Onkel Sams
Tchter hatten es sich in ihrer glhenden Begeisterung in die Kpfchen
gesetzt, sich wenigstens kriegerische Trophen unter die Kopfkissen zu
stecken und vom Krieg zu trumen, konnten sie selbst nicht kmpfen. In
Scharen berfielen sie unseren Zug an jeder Haltestelle und geizten
nicht mit Kssen und Versprechungen, fr uns zu beten. Das war sehr
angenehm. Ich bin leider nie wieder in meinem Leben von so vielen
holdseligen Mgdelein gekt worden.

Weniger angenehm jedoch war, da die Frauenzimmerchen dabei stahlen
wie die Raben! Sie mausten die Patronen aus den Grteln und schnitten
einem beim Kssen heimtckischerweise die blanken Knpfe von der
Uniform. Am zweiten Tag hatte ich berhaupt keine Knpfe mehr am Rock
und mute mir Sicherheitsnadeln erbetteln, meine Ble zu decken. Die
farbiggestickten Flaggen an den Aermeln, das Abzeichen des Signalkorps,
und die Messingflaggen an der Mtze gingen schon am ersten Tag heidi.
Aber es war dennoch sehr schn.

Knpfe konnten ja telegraphisch nachbeordert werden.

So zogen wir gegen Tampa, den berhmten Winterbadeort der
amerikanischen Millionre, und -- schnappten entsetzt nach Luft. Tampa
mochte ja ein Traum von Schnheit sein im Winter -- jetzt, im Sommer,
konnte man es ein Vorgemach der Hlle nennen. Wir zogen uns schleunigst
die Rcke aus und nahmen sie so bald nicht wieder in Gebrauch. Sobald
-- das heit, vier Monate lang, denn kurz darauf in Kuba trug man
erst recht keinen Rock. Man nannte uns schwitzende Gesellen die Armee
in Hemdrmeln! Feuchthei war die Luft und hei der gelbe Sand und
lauwarm das Wasser des Meeres am Strand. Sengende Hitze lagerte ber
den Tausenden von Zelten, die das Stdtchen umrahmten, und es mag
ungemtlich genug gewesen sein in den winzigen Segeltuchhtten. Dagegen
hatten wir vom Signaldienst das groe Los gezogen. Wir wohnten vornehm
im Tampahotel, das sonst nur Millionre beherbergte.

Im Privatbureau des Hotelbesitzers war der militrische
Telegraphendienst eingerichtet worden.

Dort hauste der Teufel der Aufregung.

Whrend der Tage des Wartens auf das Einschiffen lebten wir
Telegraphisten in stndigem Hasten. Das Signaldetachement bestand aus
Oberst Green, dem Major Stevens, vom Artillerieleutnant drei Grade
hher befrdert, dem Leutnant Burnell, vom Signalsergeanten befrdert,
sieben Sergeanten und vierzig Mann. Ich gehrte zu der Stabsabteilung
von sechzehn Mann unter Major Stevens. Die brigen, von denen wir
vllig getrennt waren, bildeten das Ballon-Detachement. Wir Signalleute
waren sehr selbstndig, denn die Offiziere wurden durch den geheimen
Nachrichtendienst, die Verhandlungen mit kubanischen Insurgenten,
das Dechiffrieren ganz in Anspruch genommen. Die Verantwortung
des eigentlichen telegraphischen Dienstes war uns ganz allein
aufgehalst. Das Arbeiten mit den vorzglichen Apparaten und der gut
funktionierenden Linie bot freilich uerlich keine Schwierigkeiten.
Aber man lebte in einer Luft furchtbarer Aufregung. Wir sechzehn Mann,
drei Sergeanten darunter, hatten vier Morseapparate und vier =long
distance= Telephone zu bedienen. Die Arbeit hetzte. Es schwirrte von
Depeschen aus Washington. Die Rapportmeldungen jagten sich, wurden
doch alle Telegraphenleitungen, nach dem Norden sowohl wie besonders
nach den kleinen Floridainseln, militrisch berwacht, um ein Anzapfen
des Drahtes durch Spione zu verhindern, und die Fhrer der Patrouillen
muten sich in bestimmten Zeitabstnden melden. Ein unbeschreiblicher
Wirrwarr von Ausrstungsfragen, Personalangelegenheiten,
Chiffretelegrammen huschte ber den Draht. Tag und Nacht arbeiteten wir
im Schweie unserer Angesichter. Kaum Zeit zum Schlafen fanden wir.
Jeder Einzelne von uns war gewarnt worden, da jede Nachlssigkeit im
Aufnehmen von Meldungen durch ein Kriegsgericht schwer bestraft werden
wrde. Verrat von Telegrammen wurde mit Erschieen bedroht.

Aber mit keinem Zeitungsknig htt' ich getauscht!

Denn keiner in der Armee auer den hchsten Offizieren konnte dem
Pulsschlag der Ereignisse so lauschen wie wir Signalleute.

Unsere gierigste Neugier galt den Telephonen. Ueber sie kamen die
wichtigsten Depeschen, telegraphisch abgeklopft zur Vorsicht, mit einem
Bleistift am Schallbecher, im Armeecode, der sich vom blichen Morse
etwas unterschied. Die Meldungen der Flotte.

In den Tagen des Hangens und Bangens in Tampa galten alle Hoffnungen
und alle Befrchtungen den Nachrichten vom Meer. Die spanische Flotte
in Westindien war verschwunden. Man wute, da kurz vor Ausbruch
des Krieges in den kubanischen Gewssern nur einige Stationsschiffe
gewesen waren, ein starkes Geschwader aber unter Admiral Cervera
auf hoher See kreuzte. Nach diesem spanischen Geschwader suchten
seit vielen Tagen in nimmerendender Jagd die gesamten atlantischen
Seestreitkrfte der Vereinigten Staaten. Torpedoboote und Torpedojger
huschten von kubanischem Hafen zu kubanischem Hafen. Die Linienschiffe
patrouillierten den Ozean weithin ab. Cervera und seine Flotte
blieben verschwunden -- und waren doch wieder gegenwrtig wie ein
aus dem Nichts drohendes Gespenst. Die Kenntnis ihrer Stellung, ihre
Vernichtung war der Angelpunkt, um den alles sich drehte. Schien
doch ein Transport von zwanzigtausend Mann in ungeschtzten Schiffen
selbst unter strkster Flottenbedeckung ein =va banque= Spiel,
solange die Gefahr bestand, da Cervera die in sich selbst wehrlosen
Truppenschiffe angreifen wrde. Bis eine Seeschlacht geschlagen war,
konnten alle Transportschiffe gesunken sein!

Tag fr Tag kamen und gingen die Gerchte und die falschen Meldungen.
Da telephonierte ein Torpedojger von einer der winzigen Floridainseln,
siebzig Seemeilen sdlich seien starke Rauchwolken gesichtet worden;
Bericht folge. Drei Stunden spter kam zum Herzbrechen enttuschend
die Aufklrung: Englischer Kohlentramp! Beschlagnahmt! Oder es hie:
Gestern gemeldeter Radius abgesucht. Erfolglos ...

Von Stunde zu Stunde stieg die Aufregung in Tampa. In dem kleinen
Vorzimmer des Telegraphenraums warteten stndig Offiziere des
Generalstabs auf die neuesten Drahtmeldungen, und selten verging ein
halber Tag, in dem nicht die unsinnigsten Gerchte umherschwirrten.
Bald sollte ein spanisches Torpedoboot unweit Tampas gesichtet worden
sein -- bald gar eine entscheidende Seeschlacht geschlagen ... Drauen
aber in Port Tampa an den riesigen Kais harrten in langen Reihen die
schwarzen Kolosse der Transportdampfer, stndig unter Dampf.

Bis das Gespenst beschworen wurde.

An einem heien Sonnenmorgen kam, wieder von einer der kleinen Inseln
bei Key West, eine Depeschenboot-Meldung der Flotte bers Telephon:

_Gesuchtes Santiago!_

In den Hafen von Santiago de Cuba hatte sich die spanische
Westindienflotte geflchtet, um zu kohlen und zu reparieren. Und sa in
der Falle! Jener Hafen lag weit inland, und seine Einfahrtstrae war
so schmal, da zwei Schiffe sie nicht gleichzeitig passieren konnten
-- vor dem Hafen aber lag nun das starke atlantische Geschwader der
Vereinigten Staaten. Die spanische Flotte konnte nicht heraus. Die
amerikanische nicht hinein. Die Spanier durften den Durchbruch kaum
wagen, htten sie sich doch einzeln Schiff fr Schiff angreifen lassen
mssen; die amerikanische Einfahrt hinderten Seeminen und die Kanonen
des Morrokastells am Hafeneingang.

Sergeant Souder hatte die Depesche dem Kommandierenden gebracht. Eine
Viertelstunde spter strmte ein Generalstabsoffizier herein, schlo
vorsichtig die Tre und erklrte uns halblaut, da derjenige um seinen
Kopf rede, der auch nur den Namen Santiago de Cuba erwhnen wrde. Als
er gegangen war, sahen wir uns mit glnzenden Augen an, und der alte
Sergeant Hastings lie eisige Limonade bringen mit sehr viel Sodawasser
und sehr wenig Sherry, denn er und wir alle wuten, da jetzt harte
Arbeit kam. Es dauerte auch nur Minuten, bis Oberst Green erschien
und den telegraphischen Befehl an alle Hauptstationen gab: Draht nach
Washington frei bis auf weitere Order! Damit war aller Privatverkehr
und jeder amtliche Verkehr der Zwischenstationen ausgeschaltet. Eine
Depesche konnte wenige Minuten nach Abgang von Tampa schon im Weien
Haus in Washington vom Prsidenten und vom Kriegsminister gelesen
werden.

Whrend der nchsten zwanzig Stunden war das Telegraphenzimmer
eine Hlle. Schweitriefend saen wir vor den Apparaten, uns jede
halbe Stunde ablsend, und sandten und empfingen die endlosen
Chiffretelegramme.

Die Wrfel der Entscheidung waren im Rollen.

       *       *       *       *       *

Shafters Armee sollte Santiago de Cuba angreifen. Wenn diese Festung
fiel, war die spanische Flotte den vereinigten amerikanischen
Streitkrften zu Wasser und zu Lande ausgeliefert.

Revolver umgeschnallt, den Krag-Jrgensen Karabiner zur Hand, Tornister
neben uns, so arbeiteten wir bis zur letzten Minute, whrend die Armee
sich einschiffte. Als die letzten gingen wir an Bord. Je zwei von
uns waren auf ein Transportschiff zum Signaldienst whrend der Fahrt
kommandiert worden. Den Namen meines Dampfers habe ich vergessen, das
Schiff aber und seinen Kapitn nicht. Es war eines der kleinsten,
vollbepackt mit Maultieren, die zum Lastentransport verwendet werden
sollten; den einzigen Vierflern der Invasionsarmee auer ganz wenigen
Pferden fr den Stab.

Die Pferde der Kavallerie muten auf Shafters Befehl in Tampa
zurckgelassen werden, weil unsere Kundschafter gemeldet hatten, da
Kavallerie in dem Kriegsgelnde keine Verwendung finden knne. Teddy
Roosevelt und seine Rauhen Reiter von Cowboys stellten sicherlich ein
Kavallerieregiment dar, nach dem jeder Kavalleriegeneral sich die
Finger geschleckt htte, und ihren Weltruhm haben er und sein Regiment
ehrlich und ernsthaft verdient. Aber komisch bleibt es doch, da der
berhmte Rauhe Reiter Name mit Gulen so gar nichts zu tun hat. Als
Infanteristen kmpften sie und fluchten sehr, weil der kurze Karabiner
viel schlechter scho als das Infanteriegewehr.

Sergeant Souder und ich kletterten ber den schmalen Laufsteg an
Bord unseres Dampfers und suchten, wie das selbstverstndlich war,
sofort den Kapitn auf. Whrend wir die Treppe zur Kommandobrcke
hinaufstiegen, gellten die Dampfpfeifen, und die Transportflotte setzte
sich in Bewegung.

Runter mit euch! schrie der Kapitn. Hab keine Zeit! Auf der
Kommandobrcke habt ihr berhaupt nichts zu suchen!

Ein nervser Herr! lchelte Souder, und wir stiegen wieder auf Deck.

Eine Stunde spter -- wir beobachteten durch unsere Feldstecher das
majesttische Schauspiel der dahindampfenden Truppenschiffe und
Kreuzer, ber fnfzig an der Zahl -- kam Mr. Kapitn auf Deck und
sprach uns ungndig an:

Signalkorps?

Jawohl.

Auf meiner Kommandobrcke habt ihr nichts zu suchen -- mein
Signalisieren kann ich selber besorgen. Verstanden?

Souder grinste.

Ich frchte, Sie irren sich, sagte er gelassen. Ich und mein
Kamerad sind fr den militrischen Signaldienst auf diesem Schiff
verantwortlich und mssen schon bitten, auf die Kommandobrcke
zugelassen zu werden. Vom Deck sind Flaggen nicht sichtbar. Sie haben
doch sicherlich entsprechende Befehle erhalten, Herr Kapitn?

Hier kommandiere und signalisiere ich! schrie der cholerische Herr.

In mir aber war ein groes Lachen, hatte ich doch den deutschen Akzent
herausgehrt und freute mich ber den deutschen Dickschdel.

Weshalb sind Sie eigentlich so wtend, Kapitn? fragte _ich_ ganz
ernsthaft in deutscher Sprache.

Jesses noi! schrie er. Das kleine Mnnchen war wie umgewandelt.
Jetzt isch der Aff von 'm Signaliste au no deutsch -- noi! Wo kommet
denn Sie her?

Das ist eine furchtbar lange Geschichte, sagte ich, wieder sehr
ernsthaft. Aber seien Sie doch friedlich. Wir tun hier nur unsere
Pflicht. Es wre Ihnen doch sehr unangenehm, wenn wir uns mit dem
Flaggschiff in Verbindung setzen und uns beschweren mten. Sie sind
doch benachrichtigt worden, da das Signalkorps den Signaldienst
bernimmt?

Ha -- freili! Wisset Se, i ha' ja auch nix dagege'! I bin nur aus 'm
Husle g'wese, weil die Offizier' mi chikaniert habe. Ha! Signalisiere
Se, soviel Se wllet! Ha! 's freut mi!

Um die Geschichte kurz zu machen -- Mr. Kapitn war ein Wrttemberger,
auf allerlei Umwegen in die Dienste einer New Orleans'er Reederei und
jetzt als Kapitn des gecharterten Dampfers in die Dienste Onkel Sams
geraten. Fortan aber schliefen Souder und ich in der besten Kabine
und wurden genhrt wie zwei Herrgtter in Frankreich -- einschlielich
gelegentlicher Flaschen Sekt. Der Lausbub hatte wiederum Glck gehabt!

Souder entweder oder ich, alle beide meistens, waren Tag und Nacht
auf der Kommandobrcke. Wren wir nicht so begeistert, so aufgeregt,
so gierig nach Nachrichten gewesen, so htten wir wahrscheinlich
furchtbar geflucht ber das Unwesen des Signalisierens der Marine.
Nie lieen die Flaggen einem Ruhe! Ich wei nicht, wie das bei
anderen Flotten gehalten wird, aber die Amerikaner jedenfalls waren
darin ekelhaft. Entweder wollte man von uns wissen, wie's um die
Gesundheit der Maultiere stnde, oder man wiggwaggelte unter dem
dringenden Alarmsignal, der Dampfer habe wenigstens fnf Meter zu wenig
Kielabstand, oder irgend jemand sandte seine Komplimente und wnschte
zu erfahren, weshalb das Antwortssignal auf die Depesche vorhin nicht
prompter gegeben worden sei. Auerdem sausten bestndig die flinken
Torpedoboote um uns herum und trompeteten alle Augenblicke irgend
etwas Ueberflssiges durch ihre Megaphone, um auch ihren Senf dazu zu
geben. Der cholerische Schwabe wurde beinahe verrckt vor Wut. Wir aber
lernten Geduld und Humor und rgerten gelegentlich das Flaggschiff,
indem =Souder, 1st class sergeant U. S. Signalcorps= im Auftrage des
Kapitns in Kommando des Truppenschiffs so und so Anweisungen fr die
Behandlung eines fiktiven kranken Maulesels erbat, dem wir natrlich
die scheulichsten Symptome andichteten. Dann lachte die gesamte
Flotte und signalisierte (durchaus unoffiziell zwar) schlechte Witze
und gnzlich unausfhrbare Ratschlge. Die Kinder, die gute Mnner doch
sein sollen, wollten ihr Spielzeug haben, selbst in ernstesten Zeiten.

In hetzender Fahrt jagte die Transportflotte gen Sden.

Vier Tage lang dauerte die Meerfahrt, und jede Stunde der vier
Tage war Aufregung und nichts als Aufregung. Mit jeder Minute
geizten Souder und ich, die wir nicht oben auf der Brcke zubringen
konnten; mit Essenszeit und Schlafensstunden. Jede Flagge, die an
den Signalleinen emporstieg, war ein nervs erregendes Ereignis,
das von unbeschreiblicher Wichtigkeit sein konnte, und jeder bloe
Dienstrapport stellte eine bittere Enttuschung dar, weil man stndig
in atemraubender Gier auf das Groe wartete.

Mrchenhaft schienen mir die bunten Tuchfetzen der Signalflaggen. Sie
sprachen und erzhlten. Sie befahlen und lachten. Sie waren es, die
den starren Schiffsmassen Leben einhauchten und der schwimmenden Stadt
auf dem Meer die Gesetze diktierten. In den Nchten aber leuchtete und
funkelte und glitzerte es tageshell in Fluten von Licht. Kein dunkles
Fleckchen lieen die gewaltigen Scheinwerfer der Kriegsschiffe auf dem
weiten Wasserkreis, in dem wir schwammen, und in unablssiger Bewegung
hoben und senkten und kreuzten sich die weien Lichtbndel, um dann
auf einmal kerzengerade nach oben sich auf eine Wolke zu richten. Dann
sprach die Wolke. Sie blitzte grell auf -- lang -- kurz ------ kurz
... kurz ... lang ... -- und aus dem Aufleuchten formten sich, so
leicht lesbar wie Schrift, die Buchstaben, die Worte, die Stze, die
Depeschen. Und wir starrten in das Licht um uns und suchten angstvoll
nach dem tiefroten Aufglhen an den Schiffsmasten, das nach dem
Geheimcode Gefahr bedeutete.

Nur einmal whrend der Fahrt wurde das nchtliche Alarmsignal gegeben.
Souder schlief und ich hatte die Wache, als spt nach Mitternacht
pltzlich fnfhundert Meter etwa vor uns die drei Gefahrlaternen wie
winzige glhende Punkte aufflammten.

Alarm! schrie ich, und der Kapitn strzte aus dem Steuerhaus.

Da begann der Scheinwerfer zu reden:

Langsamste Fahrt -- Indiana -- Ponton verloren -- Kollisionsgefahr --

Teufel -- schrie der Kapitn, und gellend hallten seine schrillen
Kommandos in die Nacht, den Ausguck zu verdreifachen, whrend der
erste Offizier auf der Brcke den Befehl zum Abstoppen der Maschinen
hinunterklingelte.

Lange Minuten des Harrens. Wir alle wuten, um was es sich handelte.
Der Kreuzer Indiana schleppte einen ungeheuren Landungsponton aus
schweren Balken, der zum Ausschiffen der Geschtze bentzt werden
sollte. Oft genug hatten wir ber das ungefge Anhngsel des
Kriegsschiffes gelacht. In dem hohen Seegang war die Schlepptrosse
gerissen, und irgendwo inmitten der Flotte trieb nun die Holzmasse des
Pontons, mchtig genug, im Zusammenprall ein Schiff leck zu stoen.
Die Truppenschiffe kamen zum Stillstand, und die Torpedojger und
Depeschenboote sausten im Scheinwerferlicht umher, nach dem Durchgnger
zu suchen. Die Minuten vergingen. Dann auf einmal wimmelte es wieder
von Signalen: Dem Befehl zur Weiterfahrt. Man gab den Ponton verloren,
froh genug, da er schon weit hinten im Kielwasser schwimmen mute und
wenigstens keine Gefahr mehr bedeutete.

       *       *       *       *       *

Frhmorgens kurz nach Sonnenaufgang am fnften Tag tauchte, ein
gelbgrauer Streifen, die Kste Kubas auf. Wir rannten wie besessen nach
unseren Kabinen, Waffen und Tornister auf die Brcke zu holen, um jeden
Augenblick zur Ausschiffung bereit zu sein. Doch die Eile war sehr
berflssig. Noch achtundvierzig Stunden lang kreuzte die Flotte an
der Santiagokste, untertags so nahe, da die hellen Sandstreifen und
die dunklen Wldermassen klar zu unterscheiden waren; in den Nchten
weit drauen im Meer. Am dritten Tag aber in der Frhe dampfte die
Schiffsmasse in nchste Nhe der Kste, die Kriegsschiffe weit voran.
Immer nher kamen wir.

Anker werfen! Transportschiffe in Kiellinie! befahlen jetzt die
Flaggen.

Auf den Kriegsschiffen aber wurde es lebendig. Bunte Wimpel stiegen an
den Masten empor, nur der Marine verstndlich. In ungeheuren Kreisen
dampften die Linienschiffe und die Kreuzer, Schiff dicht hinter
Schiff, die Kste entlang. Umruderten uns, um sich in Gefechtsstellung
zu entwickeln, kehrten wieder zurck. In ganz langsamer Fahrt. Ich
suchte mit dem Feldstecher den Strand ab. Glatt und ruhig spielte das
Meer an der schmalen, gelben Sandlinie, von der Hgel mit dichtem
Buschwerk aufstiegen bis an den Horizont. Im Vordergrund berspannte
eine eiserne Brcke eine kleine Schlucht von grellgelbem Gestein. Ihr
Gittergefge sah sonderbar zierlich und gebrechlich aus und schien zu
schwanken, zu zittern in der flimmernden Sonnenglut. Auf der Brcke
stand ein Frachtwagen, hoch beladen mit Felsblcken. Links daneben
ragte aus dem Buschwerk ein winzig kleines Huschen.

Kreis auf Kreis zogen die Kriegsschiffe.

Da -- eine weie Dampfwolke scho aus einem groen Kreuzer, und ein
furchtbares Krachen lie mich zusammenfahren ...




Auf kubanischem Boden.

     Die Kste wird bombardiert. -- Theodore Roosevelt und seine
     Zahnbrste. -- Die Landung. -- Ein Tag ungeduldigen Fluchens. --
     Die Arbeit beginnt. -- Tropenregen. -- Meine Hngematte. --
     Nachtruhe = deux=. -- Hunger und Arbeit -- aber ach, was waren
     das fr schne Zeiten! -- Der Major stiehlt einen Karren. --
     Telegraphenbau-Arbeit. -- Palmen und Kletterei. -- Bei den toten
     Rauhen Reitern von =La Quasina=. -- Im Insurgentenlager. -- Der
     Mangobauch. -- Der Jesus-Christus-General.


Dichter Rauch und greller Feuerschein quoll aus allen Kriegsschiffen.
Ohrenbetubend war das Krachen. Der Schiffsboden, auf dem ich stand,
bebte und zitterte, trotzdem wir mehrere hundert Meter entfernt lagen.
Schu krachte auf Schu. In das dumpfe Drhnen der schweren Geschtze
rasselte grell der hellere Klang der Schnellfeuerkanonen; wie grausiger
Donnerschlag und hallendes Stahlklirren, als ob Riesenschmiede auf
berirdischem Ambo hmmerten. Man konnte nicht denken -- man mute
nur stehen und starren. Aus dem Drhnen heraus gellte es schrill in
scharfen Mitnen; ein Surren, ein Zischen, ein Gebrause. Schu --
Schu -- Schu -- Dutzende, Hunderte von Explosionen ... Schu --
Schu ------ und die Minuten wurden zu Ewigkeiten. Heulend jagten die
Stahlmassen durch die Luft und strzten sich auf den Sand und das
Buschwerk da drben, die so still dalagen wie ein wehrloses Ding, das
ein Starker zu Boden geschlagen hat und nach Gefallen zerhmmert.
Nichts regte sich. Nirgends war Bewegung an Land. Nur das Buschwerk
duckte und zitterte und wand sich wie ein Getreidefeld im Hagelschauer
unter dem Sturm von Geschossen. In ungeheuren Rissen zerfetzten
die Granaten den Buschwald, und blanke Erdstreifen tauchten auf im
schwarzen Busch, wenn Dampf und Staub der Explosionen verweht waren.
Aeste wurden durch die Luft geschleudert. Erdmassen spritzten empor.
Ueberall, an vielen Stellen zugleich.

Und dann wurde es mit einem Schlag still, und schwere Rauchschwaden,
wei und grau und fahlgelb, wlzten sich bers Meer, da einem der
beiende Pulvergeruch giftig und atembeklemmend in Augen und Lungen
drang. An Land regte sich nichts.

Der kommandierende General signalisierte: Befehle abwarten!

Wir starrten und starrten, und auf einmal regte es sich auf dem Wasser.
Die Dampfbarkassen der Kriegsschiffe schossen herbei, und Dutzende von
Booten, in denen es von Waffen glitzerte, huschten dem Lande zu. Die
landenden Truppen kamen alle von einem einzigen groen Transportschiff
... Souder sprang nach seiner Kabine und holte die Liste der Schiffe
und Truppen.

Roosevelt ist's! rief er. Die Rauhen Reiter!

       *       *       *       *       *

So landete Theodore Roosevelt mit seinem Regiment als Erster auf
kubanischem Boden. Er hatte es durchgesetzt, da ihm die Ehre der
Vorhut zugeteilt wurde. Man hat Roosevelt oft genug nachgesagt, da
er auch als Reiteroberst der praktische Politiker geblieben sei, der
vortreffliche Regisseur, der sich und seine Leute geschickt in Szene zu
setzen wute mit vollberechneten Effekten. Sicherlich zu unrecht. Der
Mann, der in sein Leben eine so gewaltige Flle von Sehen und Schaffen
und Erfolg hineindrngte, wie wenige Mnner seiner Zeit, und einer
der berhmtesten Prsidenten der Vereinigten Staaten werden sollte,
ahnte damals gewi nicht, da jeder Schritt auf kubanischem Boden ihn
dem Prsidentenstuhl nher brachte. Er lebte nur. Er lebte das ttige
Leben. Er war mit Leib und Seele Soldat. Der Name der Rauhen Reiter,
die erst fr diesen Krieg angeworben waren, hatte in der Armee bereits
Mrchenklang. In Tampa schon waren sie berhmt geworden. Selbst die
alten Regulren aus den Indianerkriegen hatten einen Heidenrespekt
vor dem Regiment, das sich aus den besten Reitern und den sichersten
Schtzen des ganzen Landes zusammensetzte, den Cowboys, den westlichen
Grenzern und -- den Shnen der amerikanischen Millionre. Aber auch
die muten Qualitten haben. Kein Mann wurde aufgenommen, der nicht
vorzglich ritt und besser scho. Die jungen Millionre warfen, und das
schien den alten Regulren am mrchenhaftesten, links und rechts mit
Gold um sich, und wer in Tampa Tabak brauchte oder Durst hatte, der
ging nur geruhig ins Rauhe Reiterlager. Ein sonderbares Regiment ...
Um Roosevelt selbst kmmerte sich die Armee wenig. Berhmt machte ihn
erst seine Zahnbrste!

Als er eingebootet wurde, schrie ihm sein Bursche nach: Wie ist das
mit Ihrem Gepck, Herr Oberst?

Roosevelt, der Brotsack und Offizierstornister umgeschnallt trug, wie
jeder Soldat, rief zurck:

Was zum Kuckuck soll ich mit Gepck? Doch -- eh -- gib mir meine
Zahnbrste!

Diese ntzliche Notwendigkeit eines reinlichen Menschen steckte Oberst
Roosevelt grinsend in das Band seines Rauhen Reiterhuts und bemerkte
dabei, das sei das einzig wirklich ntige persnliche Gepck. Fr alles
andere msse schon der Herr Generalquartiermeister sorgen! Und fortan
trugen Kind und Kegel, Mann und Offizier der kubanischen Armee Onkel
Sams als besonderes Symbol im Hutband die Zahnbrste.

Der Mann mit der Originalzahnbrste und seine Leute aber machten
nicht nur ihrem Vorschuruhm groe Ehre als tolle Draufgnger und
zhe Kmpfer, sondern hatten auch unverschmtes Glck, denn berall
waren sie dabei, wo es wirklich der Mhe wert war. Bei La Quasina,
in der ersten Schtzenlinie der Schlacht vom San Juan Hgel, und im
Nahkampf um das Blockhaus. In den ersten Tagen dagegen entging das
Rauhe Reiter-Regiment nur mit knapper Not einer Katastrophe. Die
strmisch vordrngende Roosevelt-Vorhut fiel in einen Hinterhalt wenige
Kilometer vom Strand und hatte schwere Verluste, ehe es ihr nach kurzem
Feuerkampf gelang, die Spanier zurckzuwerfen.

Den ganzen Tag ber waren die Boote hin und hergefahren zwischen
Schiffen und Strand, in langen Ketten, von Barkassen geschleppt. Ein
Regiment nach dem andern wurde gelandet; regulre Kavallerie, zwei
Infanterieregimenter. Bunt wie eine scheckige Kuh war die Segurana,
das Transportschiff des kommandierenden Generals, von Flaggenwimpeln
und flatternd geschwungenen Signalfahnen. Doch die Befehle galten stets
anderen Schiffen.

6tes Kavallerieregiment ausbooten!

7te Infanterie an Land!

Fr uns aber kam kein Befehl. Mit brennenden Augen sahen Souder und
ich durch die Feldstecher und fluchten so grimmige Flche, da der
kleine Schwabenkapitn uns schmunzelnd erklrte, er knne ja auch
allerhand leisten, aber das sei der Limit! Wir verwnschten den
kommandierenden General zehntausend Klafter tief unter den Boden,
und seinem Generalstab flehten wir Pest und Verdammnis an den Hals.
Dasitzen mssen an Bord der alten Maultierfhre! Warten mssen, whrend
lumpige Freiwilligenregimenter an Land durften! Wir kochten vor Wut.
Wir zappelten in kindischer Ungeduld und tanzten Tnze des Jhzorns auf
der Brcke. Endlich hielt es Souder nicht mehr aus. Gegen Abend, als
auf der Segurana eine Pause in dem ewigen Signalisieren eingetreten
war, rief er privatim ihren Signaldienst an:

=Seg S O -- P P P= -- Segurana Signal Office -- Privat, privat,
privat ... Sergeant Hastings hat Dienst! sagte er zu mir. Guter
alter Junge, der Hastings. Wird uns schon sagen, was los ist --

=Seg S O= antwortete prompt: =I -- I= -- jawohl, jawohl!

Worauf Souder flaggte:

Privat! -- Wann -- geht -- Signalstab -- an -- Land?

Und sofort kam die bissige Antwort: =Hell knows -- we do not -- you --
go -- to hell -- no time -- to answer fools' questions.= -- Das wei
die Hlle; wir nicht. Fahrt zur Hlle -- wir haben keine Zeit, jedes
Narren Fragen zu beantworten!

Souder sprang kerzengerade in die Luft: Ich bring Hastings um, schrie
er, wenn ich ihn erwische! Ich schie ihn tot! Sieben Lcher mach ich
ihm in den Bauch! Aber ich hab es immer schon gesagt, da Hastings ein
gemeiner Kerl ist!

Zu dem Schaden aber hatten wir noch den Spott, denn jedes gesegnete
Schiff im Umkreis rief uns an und signalisierte: =ha -- ha --
ha!= Hahaha aber bedeutet auf telegraphisch ein ganz groes
Gelchter. Woraus ersichtlich ist, da Soldaten in Kriegszeiten
keine Sonntagsschler sind und sich nicht immer einer gewhlten und
einwandfreien Sprache befleiigen; man spricht scharf und handelt
scharf in solchen Zeiten groer Aufregung. Und dann waren ja weder
Damen noch geistliche Herren anwesend.

Und wir warteten. Wir warteten scheulich lange. Eine Nacht noch und
fast einen Tag. Whrend der Nacht aber konnten wir uns wenigstens --
auf dem Umwege ber Blinklampen -- mit Hastings privatim unterhalten,
der besserer Laune geworden war. Teile der Blockadeflotte hatten, so
erzhlte er, bei Cabaas und Aguadores in Scheinangriffen die Kste
ebenfalls bombardiert -- bei Cabaas waren sogar Truppen gelandet
worden, um die Aufmerksamkeit der Spanier von uns abzulenken -- die
Rauhen Reiter sollten auf spanische Schtzenlinien gestoen sein und
Verluste erlitten haben -- ebenso regulre Kavallerie. Da wurden
wir natrlich noch zappeliger, und von Schlaf war gar keine Rede.
Gestiefelt und karabinerumhangen hockten wir auf der Brcke, wartend,
wartend, und tranken aus unseren Blechbechern die Flasche Mumm extra
dry, die der gute Kapitn uns zum Abschied spendierte, so gleichgltig,
als sei das edle Getrnk Wasser gewesen.

Der Morgen verging. Der halbe Nachmittag noch. Souder und ich wurden
hysterisch. Knurrten wie bissige junge Hunde und suchten verzweifelt
uns die Augen fast aus dem Kopf nach dem Signal, nach dem verdammten
Signal. Da pltzlich hob sich an Bord der Segurana die rote
Korpsflagge mit dem weien Innenquadrat wieder und rief uns an:

Signaldienstbefehl -- Signalkorps an Bord Segurana!

=I -- I= -- jawohl, jawohl!

Seine Abschiedsgre mute uns der lachende Kapitn nachschreien, in
solch lcherlicher Geschwindigkeit sausten wir auf Deck und bers
Fallreep in das lngst wartende Boot ------

Auf der Segurana gab uns Oberst Green seine Anweisungen:

Vier Kilometer stlich von hier ist, so erklrte er ungefhr, von
der Marine das Haitikabel aufgefischt und die Verbindung mit Washington
hergestellt worden. Telegraphisten der Marine sind dabei, die Linie
unter Bentzung der alten spanischen Leitung hierher zu verlngern.
Den Kabeldienst bernehmen Kabelexperten. Unsere Aufgabe ist es,
telegraphische und telephonische Verbindung mit der Vorpostenlinie
herzustellen. Im Einzelnen habe ich euch nur zu sagen: Ich verlasse
mich auf jeden von euch. Wir werden schwere Arbeit haben. Ihr werdet
ganz selbstndig arbeiten mssen. Eure Befehle erhaltet ihr ber den
Draht. Offizieren der Truppen werdet ihr im Notfalle sagen, da ihr
strengsten Befehl habt, Anweisungen nur von euren Signaloffizieren
entgegenzunehmen. Depeschen drfen nur angenommen werden, wenn der
aufgebende Offizier, ganz gleichgltig welchen Ranges, sie schriftlich
gibt und unterzeichnet. Mndliche Nachrichten werden unter keinen
Umstnden weder ber den Telegraphen noch bers Telephon befrdert.
Kommandierenden Offizieren, denen ihr begegnet, werdet ihr melden, der
Chef des Signaldienstes lasse sie bitten, dafr zu sorgen, da die
Truppen die Drhte nicht beschdigen. Das wre alles. Noch eins -- ich
verbitte mir jede berflssige Schieerei! Dazu seid ihr nicht da!

Da kam sich der Lausbub kolossal wichtig vor.

       *       *       *       *       *

Die See ging hoch, und lngs des Strandes hatte sich eine ungemtliche
Brandungslinie entwickelt. Unsere Boote wurden umhergeschleudert,
als wren sie Eierschalen. Geradeaus am Strand zu landen war
unmglich. So muten wir uns der alten Landungsbrcke bedienen, und
die lag gute zwei Meter ber dem Wasserspiegel. Es war jedesmal ein
Kunststck, sich von dem stampfenden Boot emporzuschwingen. Stunden
brauchten wir, um die Hunderte von schweren Rollen dnnen isolierten
Kupferdrahtes an Land zu schaffen, die Telephone, die kombinierten
Telephon-und Telegraphenapparate, die Trockenbatterien, die Flaggen.
Ein unbeschreiblicher Wirrwarr herrschte am Strand. Ueberall waren
Scke, Kisten, Munition aufgestapelt, und zwischen diesen Bergen von
Kriegsmaterial rannten aufgeregte Offiziere umher, die den Proviant
fr ihre Schwadronen und Kompagnien haben wollten. Wir errichteten
sofort dicht am Strand die Telegraphenstation mit einer Hauptbatterie
und waren kaum fertig mit Zeltbauen und Aufstellen des Apparats, als
urpltzlich die Dunkelheit hereinbrach und weiteres Arbeiten unmglich
machte. Mit der Dunkelheit kam Regen. Nein, nicht Regen -- der Ausdruck
ist viel zu schwach -- sondern ein Wolkenbruch. Nein, nicht ein
Wolkenbruch. Sondern es regnete, wie es in den Tropen regnet. Das waren
nicht Wassertropfen, sondern dicke Wasserschnre, Schnur an Schnur.

Souder und ich hatten vorher schon unser winziges Soldatenzelt
aufgebaut, von dem er die Hlfte trug und ich die Hlfte, und kamen uns
sehr schlau vor, als wir bei den ersten Tropfen schleunigst unter Dach
krochen. Aber ach -- was war ein Zelt gegen diese Wassermassen! Der
angeblich wasserdichte Segeltuchstoff gab nach einer Minute schon den
hoffnungslosen Widerstand auf ...

Teufel -- rck' ein wenig! schrie Souder. Mir luft ein Bach, ein
richtiger, gesegneter Bach, am Hals herunter!

Reg' dich nicht auf um Kleinigkeiten, erwiderte ich erbost. Ich --
liege -- in -- einem -- See! Rck' du!

Doch das konnte er ebensowenig wie ich. Wir fllten das winzige Zelt ja
bis zum letzten Winkel. Oben regnete es herein. Von vorne und hinten
kamen, klatsch, klatsch, die Gsse. Unten rieselte ein Bach.

=Oh hell!= sagte der Sergeant, sprang auf und warf dabei das Zelt um,
da unsere sttzenden Karabiner ins Wasser plumpsten. Nsser knnen
wir doch nicht werden!

Und ich sah erstaunt, wie er sich Rock, Hose, Stiefel, Gamaschen, Hemd
herunterri und splitternackt dastand. Ich nehme ein Bad! grinste
er. Gratis. Passende Gelegenheit. Ein kubanisches Brausebad --
=Shampooing= obendrein -- kost' sonst einen Dollar fufzig ... Wie nett,
da der Regen hierzulande wenigstens warm ist!

Ich machte es ihm schleunigst nach, und als kurz darauf unser Major
Stevens, im Gummimantel, eine Magnesiumfackel in der Rechten, in dem
Miniatursee einhertappte, ri er die Augen gewaltig weit auf.

Eh -- wer ist das? -- eh, Souder -- Carl -- seid ihr verrckt
geworden? -- na, Jungens, das ist nicht bel! Wir splitternackten
Kubakmpfer standen ganz mechanisch stramm! Rhrt euch, rhrt euch,
Kinder, bei allem was lustig ist! Und nun versucht eben, zu schlafen,
so gut es geht. Ich habe fr uns alle Gummiponchos besorgt, und das
nchstemal seid ihr besser daran. =Good night!=

Nach wenigen Minuten hrte der Regen auf, und erst als wir in unsere
triefenden Kleider krochen, fiel mir Esel ein, da ich mir ja in Tampa
eine wundervolle, sndhaft teure Hngematte gekauft hatte! Aus Seide!
So dnn, da ich sie bequem in der Tasche tragen konnte. Sie sollte mir
noch unschtzbare Dienste leisten. Spter bekam ich heraus, da in der
ganzen Armee auer mir nur der kommandierende General noch so schlau
gewesen war, fr die so naheliegende Bequemlichkeit einer Hngematte zu
sorgen. Ich band das seidige Ding an zwei Bumchen fest und kletterte
vergngt hinein.

Das ist Seide, nicht wahr? fragte Souder, mich und meine Hngematte
mit seiner Signallaterne bedchtig ableuchtend. Stark? Fest?

Unzerreibar! sagte ich stolz.

=Very good!=

Und im gleichen Augenblick war er zu mir hineingeklettert, so entrstet
ich auch protestierte, und seine patschnassen, schwerbestiefelten Fe
suchten sich mit gttlicher Ungeniertheit ihre Ruhepunkte in der Gegend
meiner Ohren. So lagen wir und rauchten noch lange nassen Tabak aus
nassen Pfeifen. Ach, was waren das fr schne Zeiten! Tte ich heute
dergleichen, so wrde ich mir wahrscheinlich keuchenden Husten, eine
schwere Bronchitis und eine tdliche Lungenentzndung holen. Ach, was
waren das fr schne Zeiten!!

Die Kavallerieschwadron im Dickicht nebenan leistete auch fr uns die
Dienste einer Weckuhr.

    =I can't get 'em up,
    I can't get 'em up,
    I can't get 'em up in the morning!=

Sie stehen nicht auf, sie stehen nicht auf, sie stehen nicht auf des
Morgens ...

Heiliger Moses! keuchte Souder, als er hinplumpste.

Groer Csar! schrie ich und kollerte neben ihn.

Denn steif wie ein Stock war der eine wie der andere, er und ich; kaum
bewegungsfhig, wie nsseverschimmelt, wie verrostet. Die Kleider
muten getrocknet sein ber Nacht, aber sie waren schon wieder feucht
und klebrig geworden im Morgentau. Wir stampften umher und stellten mit
inniger Genugtuung fest, da in nchster Nachbarschaft noch vierzehn
andere Gestalten tuschend hnlich schwankten und stampften, der Major
darunter so gut wie der Leutnant. Geteilte Unbequemlichkeit ist halbe
Unbequemlichkeit. Wir sahen freilich nur die Oberkrper der Gestalten.
Ihre Beine sahen wir nicht. Die ahnten wir nur. Sie steckten wie
auch die unsern in den dickgelben Schwaden des Bodennebels, aus dem
stickige Moderluft heraufdrang, belriechend, boshaft, giftig -- in
Rauch aufgelste Pestilenz. Da kroch ber das struppige Buschwerk ein
glhendroter Fetzen Sonne --

Wer -- hat -- eine Kaffeemhle? schrie der alte Sergeant Hastings.

Deine Gromutter -- zu Hause! war Souders prompte Antwort.

Aber das Lachen verging ihm bald, als wir selbander unsere Brotscke
und Tornister untersuchten und entsetzt den breiigen Inhalt beguckten.
Die hochfeinen =sandwiches= des guten Schwabenkapitns hatten sich
in ihre Molekle aufgelst -- in Brei -- Brei -- fleischfaserigen
Brei. Doch ein hungriger Magen macht erfinderisch, und wir gingen zum
Bach. Der Brei schwamm fort. Als Niederschlag blieb, was sonst noch
im Brotsack geblieben war: die vier Pfund fetten Specks der eisernen
Ration, ihre zwei Dutzend Schiffszwiebacke, die selbst eine Nacht
im Brei nicht hatte erweichen knnen, und ihre grnen Kaffeebohnen,
ein halbes Pfund. Salz und Zucker dagegen waren beim Teufel. Wir
nahmen unsere Feldbratpfanne, rsteten vorerst den grnen Kaffee ber
offenem Feuer (es wurde nichts Rechtes!) und unterhielten uns dabei
gegen alle Disziplin darber, wer wohl der verantwortliche Schafskopf
sein knne -- verantwortlich dafr, da einer eisernen Ration grne,
ungerstete Kaffeebohnen beigegeben wurden! Mit dem Rsten ging es ja
noch halbwegs. Aber die Kaffeemhle! Der verantwortliche Schafskopf
hatte obendrein vergessen, der Armee auch nur eine einzige Kaffeemhle
mitzugeben! Souder zerklopfte kurzentschlossen seine Bohnen im
Blechtopf mit einem Stein, und ich mute anerkennen, da es einen
besseren Ausweg nicht gab. So bereiteten wir vier Wochen lang das
unentbehrliche Getrnk eines Soldaten im Krieg -- wir und die gesamte
Armee! Wenn die Flche, die damals auf den =commissary general=, den
Chef des Armeeverpflegungswesens, herabgeflucht wurden, wrtlich in
Erfllung gegangen wren, so htten zwanzigtausend separate Teufel ihn
siebenmal zwanzigtausendmal separat holen mssen ... Wir brieten uns
Speck. Wir zerbissen die infam harten Zwiebacke.

Leutnant Burnell und sechs Mann blieben bei der Station zurck, um den
Kabelleuten entgegenzuarbeiten. Major Stevens und zehn Mann (dabei
waren Souder und ich) bildeten den eigentlichen Telegraphenbaudienst
der Armee -- elf -- _elf_ -- Mann! Ganze elf Mann!! Wir waren am
Aufbrechen, als ein Meldereiter fr die Segurana herbeijagte, der
sich bei uns einen Augenblick verschnaufte und erzhlte, da bei La
Quasina, sechs Kilometer in Front etwa, gestern das erste Gefecht
stattgefunden hatte. Nach schweren Verlusten hatten die Rauhen Reiter
und regulre Kavallerie unter General Young die Spanier aus ihrer
ersten Verteidigungsstellung geworfen. Die Vorposten standen jetzt eine
halbe englische Meile ber La Quasina hinaus.

Wir brllten uns heiser vor Begeisterung.

Der Major aber durchstberte mit Hastings, dem dienstltesten
Sergeanten, all das aufgestapelte Material zum Linienbau; den
Haufen von Drahtrollen, die Telephone, die Kombinationsapparate, die
Trockenbatterien, die Eisenstangen fr die Erdleitung.

Wo sind denn die Werkzeuge? fragte er kopfschttelnd.

Wir haben keine! antwortete der alte Hastings.

Was? rief der Major, keine Drahtzwicker? Keine Klemmzangen? Keinen
Gummi zum Isolieren?

Nix, Herr Major! sagte Hastings. Wir konnten in Tampa nichts
geliefert bekommen. Wir haben keine Werkzeuge. Ich persnlich besitze
eine Beizange, die ich auf der Segurana -- hm -- gefunden habe ...

Na, htten Sie da nicht noch mehr finden knnen? brummte der Major.

Er kopfschttelte immer mehr und betrachtete den Haufen von Drahtrollen
und rechnete mit den Sergeanten, wieviel Kilometer Draht wir elf
Mann auer den Instrumenten tragen konnten. Sechs bis acht Kilometer
hchstens. Transportmittel gab es ja nicht in diesem Krieg von
leichtsinnigen Kindern. Dann war er auf einmal verschwunden. Ebenso
pltzlich aber kam er wieder, im Schweie seines Angesichts einen
groen Proviantkarren vor sich herschiebend.

Los, Jungens! keuchte er. Los -- ehe sie uns erwischen!

Denn: Der Herr Major hatte unten am Strand den Karren -- gestohlen!

Fr die gute Sache! Von da ab htten wir uns fr diesen Mann
totschlagen lassen. Das war ein Mann! Vielleicht erzhle ich
spter einmal, wie Major Gustave W. S. Stevens das Schatzamt des
Signaldienstes bemogelte, um das Geld fr die ersten Flugversuche der
Armee zu schaffen, das der Kriegsminister und der Chef des Signalstabs
nicht hergeben wollten. Aber das ist ja eine ganz andere Geschichte.

Der Major zog seinen Uniformrock mit den schn glnzenden
Silberstreifen und den goldenen Adlern aus und arbeitete so hart wie
wir daran, die Instrumente und den kostbaren Draht auf dem Karren
zu verstauen. Unterdessen hatten Leutnant Burnell und seine Leute
die ersten fnfzig Meter Draht gelegt und die Verbindung mit dem
Stationsinstrument hergestellt.

Vorwrts ging es jetzt. Der Pfad, der den Hgel hinauffhrte, war ein
armseliges Weglein kaum zwei Meter breit und so tief verschlammt vom
Regen der Nacht und den Futritten von Tausenden, da man einsank
bis zu den Kncheln. Und vollgestopft von Truppen. Infanteristen.
Batterien, deren Mannschaften langsam und mhselig Zoll fr Zoll die
Geschtze vorwrtsschoben, denn die Gule konnten es nicht schaffen.
Links und rechts aber vom Weg starrte der Buschurwald mit seinen
verrankten, verschlungenen, verdornten Gewchsen, die so fest waren wie
eine Mauer und uns keinen Schritt weit eindringen lieen.

Platz! schrie Major Stevens. Spezialdienst. Signalkorps!

Die Infanterie duckte sich an die Wegseite, und holtergepolter
jagten wir vorbei mit unserem Karren. Wir hatten uns lange Stangen
mit gabeligen Enden geschnitten und warfen den ausgezeichnet
isolierten Leitungsdraht einfach ber das Urgebsch, nur alle
hundert Meter spannend und festknpfend. Rasch kamen wir vorwrts,
rascher als die Infanterie. Die marschierte nur, whrend uns die
Neugier vorwrtspeitschte. Dann kamen wir zu den Geschtzen und wren
beinahe stecken geblieben, konnten doch die schweren Stahlmassen in
dem engen Pfad nicht ausweichen, wollten auch gar nicht, oder ihre
Herren vielmehr wollten nicht, denn Offiziere und Kanoniere spuckten
ohnehin schon Galle ber den miserablen Weg und pfiffen natrlich auf
Telegraphendrhte und derlei Belanglosigkeiten. Wie es uns gelang,
an den Kanonen vorbeizukommen, ist mir heute noch ein halbes Rtsel.
Ich wei nur, da der Major fluchte und puffte wie ein Hausknecht,
da wir den Draht und die Instrumente abluden und sie im Laufschritt
vorwrtsschleppten, da wir den gestohlenen Karren auseinanderlegten
und ihn stckweise ber die Kpfe der Artillerie hinwegtrugen. Dagegen
wei ich noch ganz genau, da ich an einer Ecke einem unverschmten
Artilleristen, der mich absichtlich behinderte, eine schwere Drahtrolle
gewaltig um den Schdel schlug ... Wie roh das war! Wie leid mir das
tut in der Erinnerung! Aber -- ach, was waren das fr schne Zeiten!

Jetzt brannte die Sonne kerzengerade hernieder, als htte sie sich
das Weglein und nur das Weglein zum Heizen ausgesucht, und dampfende,
ekelfeuchte Hitze hllte uns ein, vermengt mit giftigen Modergerchen
aus dem tausendjhrigen Dschungel zur Seite, dem Hexenkessel mit
seinen hlichen Dmpfen aus faulender Feuchtigkeit und schwrzendem
Heisein. Dicht, starr, stand der Urwald. Der Gedanke stieg in mir auf,
wie es berhaupt mglich sein konnte, in dieser eingekeilten Enge einen
Feind anzugreifen oder von einem Feind angegriffen zu werden; eine
Schtzenlinie zu entwickeln, vorwrtszustrmen. Da ich zwanzig Jahre
alt und neugierig war, befragte ich den Major darber, als er neben mir
schritt. In Tampa hatten wir ihn kaum zu Gesicht bekommen. Aber die
wenigen Stunden schon auf kubanischem Boden hatten zwischen ihm und
uns jene eigentmliche Verbindung des Vertrauens hergestellt, die von
Mann zu Mann berspringt nur in Zeiten mnnlicher Hchstleistung, wenn
jeder, der Fhrer und der Gefhrte, hergibt, was in ihm ist. Er war
unser und wir waren sein. Darber redete man nicht. Das fhlte man. Man
stand zusammen und man fiel zusammen. In unserem Schneid und unserer
Arbeit lag seine Hoffnung auf Glck und Ehren -- und aus seinen Hnden
nur konnte unser Lohn gegeben werden.

Die Disziplin litt nicht darunter, wenn auch die uerlichen
Unterschiede zwischen Mann und Offizier sich als uerlich und
belanglos verwischten.

=Well=, sagte er lchelnd, es ist eine scheuliche Gegend, wie Sie
ganz richtig bemerken. Ich bin von Hause aus Artillerist und kann mir
lebhaft vorstellen, da es hllisch unangenehm wre, wrden wir jetzt
mit Schrapnell berschttet!

Ich wurde puterrot. Ich hatte -- aber -- durchaus -- nicht Angst!
stammelte ich.

Nein, mein Sohn. Wei ich. Nebenbei bemerkt gibt es keinen Menschen,
der unter Schrapnellfeuer nicht Angst haben wrde. Und weiterhin
nebenbei bemerkt sind wir nach meiner Karte in einer Viertelstunde aus
dem Busch heraus. =Well= -- haben Sie eigentlich Tabak? Ich mu vorhin
mein Etui verloren haben --

In Bchlein rannte der Schwei an uns herab, und ich war kaum weniger
na als nach dem Wolkenbruch in der Nacht vorher. Wir segneten den
schlauen Major und seine Karre aus dankbaren Herzen und schmissen
alles, was nicht niet und nagelfest war, auf das Vehikel; Brotscke und
Rcke und Tornister und Wolldecken und Telegraphenapparate. Aber es war
noch immer zu hei. Einer machte den Anfang, als wir einmal hielten und
Luft schnappten, und die andern machten es ihm schleunigst nach: Ein
schamhaftes Verschwinden hinter einen dicken Baum! Und -- Strmpfe?
Ueberflssig, weg damit. Unterhemd? Lcherlich, weg damit. Unterhosen?
Unglaublich bei dieser Hitze, weg damit. Jetzt war uns whler! Instinkt
hatte uns wie zwanzigtausend anderen Simplizitt in der Vereinfachung
der Felduniform gelehrt, die in Zukunft aus Stiefeln, Gamaschen,
Reithose, blauem Flanellhemd, Schlapphut bestand, und sonst aus nichts.
Das war genug und bergenug! Viele von den Offizieren lieen sich die
Schulterstreifen aufs blaue Flanellhemd nhen ... Nur keinen Rock in
dem Backofen!

Jeder einzelne Mann tat sein Bestes. Sicherlich stellte es eine
respektable Leistung dar, beim Linienbauen die marschierenden Truppen
weit zu berholen. Der Draht funktionierte ausgezeichnet. Wir setzten
uns jede halbe Stunde in Verbindung mit Leutnant Burnell in Baiquiri,
der uns an Neuigkeiten meldete, da der Hauptlandungspunkt von nun an
Siboney sei, wenige Kilometer westlich von Baiquiri. Er lasse zwei Mann
zum Stationsdienst zurck und werde mit den brigen von Siboney eine
Drahtlinie zum Kreuzungspunkt der beiden Straen bei La Quasina legen.

Da weitete sich das Weglein, und der Busch wurde niedriger, drftiger,
bis pltzlich der Schlick des Pfades sich in weichen Moosboden
verwandelte. Rings um uns reckten sich schlanke braune Stmme mit
fcherigen Wipfeln empor; ein Hain von Kokospalmen.

Teufel! sagte Major Stevens.

Tausend Teufel! -- sagten wir ...

Denn die luftige Schnheit machte auf uns nicht den geringsten
Eindruck, sintemalen sie schwere und langwierige Arbeit bedeutete.
War es doch nun vorlufig zu Ende mit dem wunderschn bequemen und
schnellen Aufwerfen des Drahts auf den dichten Busch. Den Draht einfach
auf den Boden zu legen, ging nicht. Die nachmarschierenden Truppen
htten ihn zertrampelt, zerrissen. Und nicht einmal Klettereisen hatten
wir!

Nun, dann klettern wir eben so! sagte der Major. Souder, holen Sie
mir doch aus dem Baum da ein halbes Dutzend Kokosnsse -- und Sie,
Hastings, telegraphieren, bitte, dem Leutnant Burnell, da wir frische
Kokosmilch trinken und lebhaft bedauern, ihn nicht einladen zu knnen.

Schallendes Gelchter. Die gute Laune war wieder da.

Es lt sich auerordentlich schwer vorstellen, was es heit, als
todmder, abgearbeiteter, hitzeerschpfter Mensch mit schweren
Drahtrollen Kokospalmen hinaufzukrabbeln; ich wenigstens packte mit
Hnden und Fen und Knien ums liebe Leben zu und war schlapp wie ein
nasses Handtuch nach dem dritten Baum. So lernten wir die relative
Wichtigkeit der Werte fr die Bedrfnisse des Augenblicks fein
unterscheiden und waren entsprechend froh, als der dreckige Schlamm
und der stinkende Dschungel wieder kamen. Bedeuteten sie doch flottes
Vorwrtskommen fr uns. Lichter aber war es. Man konnte wenigstens
sehen. Man hatte Ausblick ber den niedrigen Busch und das wuchernde
Gras hinweg auf ppige Baumgruppen tiefen Grns und sanftansteigende
Hgel im Vordergrund.

In dem Schlamm des schmalen Weges aber, bei einem Grasbschel hier,
in einer kleinen Bodensenkung dort, an Baumstmmen glitzerten
gelbmetallisch blanke Patronenhlsen und mehrten sich zu vielen
Hlsenhuflein, als wir uns vorwrtsarbeiteten. Unser Lachen und
Geschwatze war pltzlich verstummt. Ein zertrampelter grauer Schlapphut
lag am Weg -- dort eine Wolldecke -- dort ein Tornister, von dessen
Segeltuchbraun tiefdunkel und bedeutungsvoll rostfarbene groe Flecke
scharf abstachen. Und da leuchtete aus tiefem Gras und dornigem
Gestrpp blanke Erde, frisch aufgeworfen, und aus den lehmigen
Erdschollen ragte Griff und Klinge eines Offizierssbels. Ungeschickte
Hnde hatten das Soldatengrab mit Steinen und Holzstckchen umrahmt.
Man sah der Arbeit die hastende Eile an. Ein zweites Hgelchen
frischer Erde kam, ein drittes; Dutzende jetzt auf einmal. Ein Hut
lag auf dem einen, ein Reiterhandschuh auf dem andern, ein Symbol zum
Wiedererkennen auf jedem ...

Feierlich und langsam erhob der Major die Rechte zum Hut und grte,
hochaufgerichtet, kerzengerade, als sei er auf Parade, die Mnner, die
da unter dem Boden lagen, gestorben fr ihr Land. Ein jeder von uns
verstand. Alle Hnde hoben sich zum Salut fr die toten Rauhen Reiter.

Wir waren bei La Quasina.

Dicht bei den Grbern kampierten wir in dieser Nacht. Im
Dmmerungsgrauen, als ich die Wache beim Instrument hatte, meldete der
Draht: Der kommandierende General wird morgen sein Hauptquartier in
die Vorposten verlegen. Das Signaldetachement erwartet den General auf
der Strae von La Quasina-El Pozo, an einem Punkt, der telegraphisch
mitgeteilt werden wird. Die Linie ist bis tausend Yards ber La Quasina
hinaus fertigzustellen.

Ich weckte den Major.

Das htte Zeit gehabt bis zur Reveille ... brummte er.

       *       *       *       *       *

=Seor!=

=Seores!=

Ich -- Kohlenmann -- Keywestdampfer ... drei Jahr, =damn= -- ich fein
Englisch sprechen ---- 

Ein klein Biskuit, =seor=, please!

=Eviva el Cuba Libre= und gut' =Americanos= -- und eine Skeletthand
steckte mir eine kohlschwarze Riesenzigarre in den Mund.

=Plenty= Hunger -- Biskuits =bueno=, aber nix gut die amerikanisch'
Speck ... =damn= Speck --

Sie zeterten und schrien und kreischten und gestikulierten. Piff,
piff! zischte der eine, mit den Hnden die Gebrde des Anlegens
und Zielens machend, h -- piff, piff, piff, piff ... o -- h.
=Espagnoles= dort (er deutete in den Busch) -- =Americanos= piff,
piff, 'urrah, viel 'urrah, viel laufen, =Espagnoles= weg. =Plenty
bueno!= Ein anderer brllte: Da -- da vorne -- =Seores= werden sehen
-- der =commandante= -- der groe Garcia -- =el liberator= ...

Wir standen und starrten. Das also waren kubanische Insurgenten, und
so sahen begeisterte Freiheitskmpfer aus und so schnatterten sie, die
Heroen, die den Tod dem Knechttum vorzogen. Achtundvierzig Stunden
spter berzeugten wir uns, ein wie erbrmlich feiges und faules
Gesindel diese berhmten, todesmutigen Freiheitskmpfer in Wirklichkeit
waren. Aber wenn ich schaudernd an die traurigen Gestalten denke, so
mchte ich die berharten Worte bedauern, mit denen wir vollsaftigen,
kraftvollen Mnner damals die ausgehungerten Mnnlein berschtteten.
Sie taugten ja nicht zum Kmpfen und Arbeiten. Das waren keine Menschen
mehr. Nicht einmal Tiere. Sondern wandernde Skelette. Sie hatten sich
ein Lager in den Busch hineingehauen und aus Zweigen ein drftiges
Obdach zusammengeflickt. In Fetzen schlotterten ihnen die Jacken und
die Hosen aus schmutziggrauem, dnnem Baumwollstoff um die abgemagerten
Glieder, und viele hatten nicht einmal eine Jacke, sondern liefen mit
bloem Oberkrper umher. So winzig, so krank, so schwach sahen die
kleinen Mnnlein aus, die viele Monate lang Tag fr Tag gehungert
hatten, da ich mir dachte:

Ein einziger Faustschlag, und nicht einmal ein krftiger, und =Seor
Insurgente= ist auer Gefecht gesetzt!

Wie arme verkrppelte Kinder sahen sie aus, die Krieg spielten -- die
man bemitleiden mute ob des Gewichts des Sbels, den sie an einem
Strick umgeschnallt trugen. Eine schwere und furchtbare Waffe war
dieser Sbel, Machete genannt; eine Art zum Sbel verlngerten Messers,
das nichts hnlicher sah als dem biederen Kchenmesser deutscher
Hausfrauen, freilich ins Riesenhafte vergrert. Ein gerader Sbel
mit plumpem Holzgriff und breiter Klinge, haarscharf geschliffen.
Vorzglich waren auch die Gewehre dieser Jammergestalten: Moderne
Mauserschnellfeurer, deutsches Modell 88, und amerikanische Winchesters
mit kupferumhllten Geschossen. Die Mnner aber hinter diesen Gewehren
waren sicherlich nichts wert.

Die armen, armen Teufel!

Sie bissen gierig in die steinharten Schiffszwiebacke, die wir ihnen
schenkten, und schnatterten dabei ber Hunger und Elend. Eine Handvoll
Reis, ein Brotfladen waren Seltenheiten gewesen monatelang; von
Frchten und Beeren hatten sie sich ernhrt.

Ein Weib schlich herbei, mit gekrmmter Hand um einen Zwieback
bettelnd. Um ihren Krper war rockartig ein Fetzen schmutzigen
Baumwollstoffs geschlungen, die bloen Brste hingen schlaff und
verdorrt weit herab, die hungrigen Augen lagen tief in den Hhlen. An
den Rockfetzen aber klammerte sich ein frchterliches menschliches
Wesen.

Ein nacktes Kind, ein Mannkind, drei Jahre alt vielleicht, das -- auf
den drren Zndholzbeinen des Elends einen frchterlichen Falstaffbauch
trug. Winzige Glieder, ein spitziger, magerer Kopf, und ein
Zuckerhutleib, der in seiner Aufgedunsenheit den Nabel weit vordrngte.
Ein Monstrum, ekelerregend, Mitleid heischend.

=Nix bueno= -- Mangobauch! erklrte die Mutter.

Der Major, der Spanisch verstand, schenkte dem Weib einen blanken
Silberdollar und sprach mit ihr. Er erklrte uns das Monstrum. Die
Fruchtnahrung, die auf Erwachsene abmagernd wirkte, fhrte bei Kindern
zu schweren Verdauungsstrungen, weil nur ungeheure Mengen den steten
Hunger sttigen konnten. Daher der Bauch, das Aufgedunsensein.
Obendrein war die hufigste Frucht, der orangenartige Mango, stark
terpentinhaltig und wurde von einem kindlichen Magen schwer verdaut.
Daher der Name Mangobauch. Zu Hunderten sahen wir spter um Santiago
die migestalteten kleinen Geschpfe, die so ausgehungert waren,
da sie fraen wie Tiere und an unseren Lagerfeuern Mahlzeiten
hinabschlangen, die ein ausgewachsener hungriger Mann nie htte
bewltigen knnen.

Noch lange kreischten sie uns nach, die kubanischen Insurgenten:

=Eviva los Americanos -- Cuba Libre!=

Das arme Kind aber heulte zum Steinerweichen in gellenden Mitnen.
Verschwanden doch mit uns die schnen, schnen Biskuits; infam harte,
kaum geniebare Schiffszwiebacke fr uns, kstliche Leckerbissen fr
das im Walde gezeugte Geschpf des Jammers.

       *       *       *       *       *

Der Pfad war wieder das alte verschlammte, schmale Weglein, eingerahmt
von undurchdringlichem Gestrpp. Wir konnten den Draht wieder mit
unseren Stangen aufwerfen und kamen rasch vorwrts. Da erschallte
dumpfes Pferdegetrappel und drei Reiter trabten herbei.

Der kommandierende General! meldete der fhrende Korporal kurz, einen
Augenblick seinen Gaul einzgelnd.

Bald darauf kam das Hauptquartier. General Shafter, der
Hchstkommandierende, sa in einem winzigen Wgelchen, das zwei
Maultiere zogen und ein Kavallerist lenkte. Der Stab ritt hinterdrein
im Gnsemarsch, denn so schmal war der Saumpfad, da zwei Pferde, die
Reiter trugen, kaum nebeneinander schreiten konnten.

Die Kolossalgestalt des Generals lehnte erschpft im Sitz. Auf Shafters
Knien lag eine Karte. Der Wagen hielt, als der Major vortrat und seine
Meldung erstattete:

Ein Offizier, drei Sergeanten, sieben Mann des Signaldetachements.
Linie von Baiquiri bis hierher vollendet und in guter Ordnung.

Der kommandierende General nickte und sagte mit einer Stimme, die so
kinderartig hell und schrill war, da sie weithin gellte:

Sehr -- gut -- Major. Bei Jesus Christus -- das -- haben -- Sie -- gut
-- gemacht, Major. Sie folgen, Major, und bleiben -- im Hauptquartier
-- bis -- auf -- weitere Orders -- Jesus Christus!

Und das Wgelchen rollte weiter. Ein halber =troop=, eine halbe
Schwadron der 6ten Regulren Kavallerie bildete die Eskorte des
Hchstkommandierenden.

So sah ich zum erstenmal den Jesus-Christus-General.




Beim Jesus-Christus-General.

     Das Hauptquartier in der Vorpostenlinie. -- General Shafter,
     Hchstkommandierender. -- Die Trumpfkarte im Spiel. -- Proviant
     her! -- Ein sogenannter Spaziergang. -- Die spanische
     Verteidigungslinie. -- Die Nacht vor der Schlacht. -- Das
     Telegramm nach Washington. -- Die Regimenter ziehen dem Feind
     entgegen.


Auf einer Strecke von kaum einer halben englischen Meile passierte uns
Unglck auf Unglck. Mit einemmal funktionierten die Apparate nicht
mehr, als wir wieder Baiquiri andrahten wollten, und der Major mute
Hastings und zwei Mann zurckschicken, nach dem Schaden zu suchen.
Sie fanden ihn zum Glck bald: ganz in der Nhe des Insurgentenlagers
war der Draht zerrissen. Dann kamen fnfmal hintereinander lichte
Waldstellen, die langwieriges Klettern und Drahtspannen erforderten.
So wurde es Nachmittag, bis wir endlich das Hauptquartier inmitten der
Vorposten erreichten, erschpft, todmde. Oberst Green mit dem ihm
persnlich attachierten Signalsergeanten kam uns entgegen.

Schlafen, Leute! befahl er. Myers, holen Sie Kaffee, da hinten beim
Kochfeuer. Und dann wird sofort geschlafen!

Das Signalzelt war bereits errichtet und das Instrument drinnen
aufgebaut worden. Den Dienst bernahm der Sergeant Oberst Greens. Wir
anderen aber tranken gierig heien Kaffee, wickelten uns in unsere
Decken und legten uns Mann neben Mann dicht um die Auenwand des
Zeltes; in unseren feuchten, durchschwitzten Kleidern, den patschnassen
Stiefeln, in die der Schlamm trotz allen festen Geschnrtseins
eingedrungen war. Ich war so mde ... Stiefel ausziehen! rief
die scharfe Stimme des Majors -- runter mit den Stiefeln! Und
widerwillig zog ich sie aus. Ich war so ------ Die Augen konnte ich
kaum offenhalten und nicht der Mhe wert war es mir, den Wirrwarr um
mich zu betrachten. Da standen riesige Zelte und Pferde wieherten im
Hintergrund und viele Offiziere kamen und gingen und ... schlafen, nur
schlafen! Ich schob mir den Tornister unter den Kopf und wickelte mich
fest ein. Da begann das Instrument drinnen zu sprechen in scharfem
Ticktack. Klick, klick, klick -- klack, klack -- kurz, kurz, kurz, --
lang, lang -- aber die klingenden Punkte und Striche flossen in ein
nichtssagendes Geklapper zusammen fr mein mdes Hirn -- klick, klick,
klack ... da war ich eingeschlafen.

       *       *       *       *       *

Das Hauptquartier lag dicht am Weg, an dem ewigen Schlammpfad, den
keiner der Mnner von Kuba je vergessen wird. Gegenber ragte der
dornige Busch. Die Zelte standen in einer Lichtung, in der einmal
ein Haus gewesen sein mute, denn verwittertes Geblk lag umher,
und gegen das Weglein zu trotzte noch ein Stck Zaun aus verfaulten
Pfosten und verrostetem Stacheldraht. Das Signalzelt war dicht beim
Eingang aufgebaut. In Linie, nicht weit davon, schimmerte weigrau
das Dutzend Zelte des Stabes, und hinter ihnen erhoben sich die
winzigen Segeltuchhtten der trooper der 6ten Kavallerie. In der Mitte,
fnfzig Schritte vor uns, stand das Zelt des kommandierenden Generals.
Zwei Pfostenpaare waren kreuzweise in den Boden geschlagen und eine
Hngematte an ihnen befestigt. In dieser lag krank und mrrisch General
Shafter, der Befehlshaber der Armee, der alte Indianerkmpfer, der
Mann, den der amerikanische Regulre niemals anders nannte als den
Jesus-Christus-General. Es sind spter viel Steine geworfen worden
auf diesen Mann; einen Zauderer hat man ihn genannt und Schlimmeres
in seinem Land. Ein Zauderer war er. Aber die Schimpfer vergaen,
da auf seinen Schultern und nur auf seinen Schultern die ungeheure
Verantwortung fr das Leben von vielen Menschen und die Ehre einer
Flagge ruhten, die gar arg bedroht waren durch den Leichtsinn, der
in Hast und Aufregung die Sorge fr eine Armee sehr leicht genommen
hatte. Doch das verstand ich erst spter. Wenn ich von General Shafter
in diesen Seiten erzhle, so darf der Leser nicht vergessen, da ich
versuche, ganz einfach zu schildern, was der Lausbub im Soldatenrock
damals sah -- das wirkliche Sehen und Hren. Der Jesus-Christus-General
hatte fr mich Zwanzigjhrigen im Lager damals und im Feld spter
nicht viel von der Glorie des Leiters einer kmpfenden Armee, sondern
ich sah mit meinen jungen Augen nur das Allzumenschliche des Kranken
und Uebererregten. Der Mann heute versteht. Da jene Tage in Kuba dem
amerikanischen Invasionsheer keine Katastrophe brachten sondern Siege,
ist fr den nchternen Beurteiler ein Wunder. Und Shafter wute das!
Als einziger vielleicht. Er wute, da kein Proviant da war -- er
wute, da alle Vorteile des Gelndes auf der Seite des auch numerisch
starken Gegners lagen. Er wute recht gut, weshalb er zauderte. Dennoch
gebe ich meine Eindrcke ungeschminkt wieder, denn ber das Persnliche
weit hinaus zeigen sie etwas einzig Dastehendes in der modernen
Kriegsgeschichte: Eine Schlacht, einen Feldzug, der nicht von Generalen
gewonnen wurde, sondern von einzelnen Hufchen tapferer, zher
Mnner, die in jungenhafter Begeisterung frhlich drauf losgingen,
ohne sich viel um Befehle zu scheren. Das Mnnliche, das Tchtige des
Einzelnen war Trumpf und gewinnende Karte in dem riskanten Spiel dieses
sonderbaren Krieges.

       *       *       *       *       *

Dutzende Male brachte ich dem General Shafter Depeschen an jenem 30.
Juni des Jahres 1898, und jedesmal sagte er mit der gleichen dnnen,
schrillen Falsettostimme, die einem durch Mark und Bein drang:

Jesus Christus -- was gibt's?

Es ist kaum mglich, das Scharfe, Ungeduldige wiederzugeben, das in
dem ewig wiederkehrenden Ausruf lag, der dem General seinen Beinamen
eingetragen hatte. Frmmlern gab es spter nach dem Kriege, als von
Shafters Eigenheiten erzhlt und geschrieben wurde, Veranlassung, ihn
als gotteslsterlichen Frevler zu verdammen.

Lasse Oberst Green bitten -- Jesus Christus -- marsch, Mann -- halten
Sie sich nicht mit Salutieren auf -- Jesus Christus!

Immer Jesus Christus ----

Hunderte Male gellte es so. Und jedesmal fuhr ich zusammen, wenn die
schneidende Stimme erklang.

General Shafter war ein Kolo. Aechzend lag die unfrmliche Gestalt
in der Hngematte, auf viele Kissen zurckgelehnt, fluchend wie ein
Dragoner. Die Stimme gellte vor Wut und Ungeduld. Aber im nchsten
Augenblick konnte sie, wenn auch schrill und nervs, liebenswrdig zu
einem Adjutanten sagen: Lassen Sie sich ablsen, lieber Jameson --
Jesus Christus, Sie mssen ja todmde sein!

Der General war entweder schon vom Fieber gepackt oder wenigstens
durch die tropische Hitze furchtbar mitgenommen. Seinen gewaltigen
Schdel bedeckte ein Handtuch, auf dem Eisstcke lagen, und neben der
Hngematte stand ein Kocheimer mit Eis gefllt. Dennoch gnnte sich
Shafter nicht einen Augenblick Ruhe an jenem 30. Juni. Es war ein
Hetzen und Hasten, ein Kommen und Gehen. Stets umstanden Adjutanten
die Hngematte, Bleistifte und Befehlsformulare in den Hnden, und
die hohen Offiziere des Generalstabs schienen fortwhrend Vortrag zu
halten. Wir hrten hufig ganze Stze herberhallen und verstanden, so
schwer jede Kombination fr einen Uneingeweihten auch war, da es sich
um Meinungsverschiedenheiten handeln mute. Es lag wie Elektrizitt
in der Luft. Wie schwle Spannung. Alle Augenblicke kamen Shafters
Adjutanten gelaufen mit Telegrammen an den Generalquartiermeister in
Siboney, die in schrfster Fassung Proviant und Munition verlangten.
Einmal hie es ungefhr so:

Kommandierender General befiehlt Herbeischaffung Proviants fr Front,
ganz gleichgltig, ob Strae verstopft; Truppen mssen Strae freigeben
-- mitsendet energischen Offizier ...

Schwer muten Sorge und Verantwortung auf General Shafter liegen.

       *       *       *       *       *

Major Stevens winkte von seinem Zelt. Ich sprang hinzu.

Treten Sie ein, befahl er. So! Holen Sie sich unauffllig Karabiner,
Revolver und Feldstecher. Tun Sie, als ob Sie das Gewehr putzen
wollten. Gehen Sie langsam den Pfad aufwrts. Sie treffen mich etwa
hundert Yards weiter oben. Verstanden?

=Yes, sir.=

Sie sprechen mit Niemanden ber diese Sache. Verstanden?

=Yes, sir.=

Klopfenden Herzens wartete ich an der bezeichneten Stelle, bis der
Major aus dem Gebsch trat.

So! Es wre mir lieb, wenn Sie mich auf einem kleinen Spaziergang
begleiten wrden, sagte er, weil ich annehme, da Sie nach Ihrer
zivilen Stellung Augen im Kopfe haben, die sehen knnen. Nun hren
Sie: Wir wissen im Grunde gar nichts. Wir wissen den Teufel, was da
vorne los ist. Ich will aber was wissen. Offiziell ist ein Vorgehen
ber die Vorposten hinaus strengstens verboten. Wir gehen jetzt
zusammen spazieren und werden uns ber die Vorposten hinaus verlaufen.
Verstanden?

=Yes, sir.=

Schn. Die Karte hier ist miserabel, aber immerhin geht daraus hervor,
da hier -- sehen Sie? -- bei El Pozo -- das ist 'ne alte Zuckermhle
--, wo unsere Spitze steht und das eigentliche Santiagotal beginnt,
Plantagen sind, die ein Erklettern des Hgels da -- sehen Sie? --
gestatten sollten. Durch den Busch kmen wir nie hindurch!

Da kam ich mir wieder kolossal wichtig vor ...

Wir marschierten in scharfem Tempo etwa zwei Kilometer weit den Pfad
entlang, kamen in einen Mangowald, kreuzten einen kleinen Bach,
passierten an Infanteriepatrouillen vorbei, wurden dutzende Male
angerufen. Dann bogen wir scharf links ab. Wir waren jetzt inmitten
hohen wuchernden Grases und mchtiger Baumgruppen. Hinter der zweiten
Baumgruppe schon trat ein Kavallerieleutnant hervor, mit dem der Major
leise sprach. Ich hrte den Leutnant sagen:

Auf Ihre Verantwortung, Major. Meine Leute kann ich instruieren. Aber
wenn Sie den Rckweg verfehlen, riskieren Sie, von anderen unserer
Posten ber den Haufen geschossen zu werden!

Da kam ich mir noch viel wichtiger vor!

Nun begleitete uns der Leutnant.

Der lichte Wald wurde noch dnner, die Baumgruppen sprlicher. Vor uns
lag eine schmale Flche niederen Grases. Drben war Gestrpp.

Halt! rief eine Stimme.

Freunde ... antwortete der Leutnant. Einer vor! rief die Stimme
wieder. Der Leutnant ging vor, um die Losung zu geben, die Shafter und
Santiago lautete, und dann sahen wir eine Soldatengestalt aufspringen,
die flach am Boden gelegen hatte. Der junge Offizier instruierte den
Posten, da der Herr Major und der Signalmann rekognoszieren wrden
und da er auf unsere Rckkehr achten msse. Wir wrden am jenseitigen
Gestrpprand laut Washington rufen und dann aufrecht ber die
Grasflche laufen.

Los! sagte der Major. Ich wette meinen Kopf, da innerhalb
fnfhundert Yards berhaupt kein Spanier ist, sonst wre die Schieerei
schon lngst losgegangen!

Aber trotzdem verzichteten wir, ohne ein Wort darber zu verlieren, auf
falsches Schamgefhl und krochen sehr vorsichtig auf dem Bauch durchs
Gras, uns innig und liebevoll an Mutter Erde anschmiegend.

Sehen Sie was?

Nein, Major.

Wir kamen der Gestrpplinie nher und suchten Busch fr Busch mit
unseren Feldstechern ab. Vorne links, dreihundert Meter vielleicht
entfernt, stieg ein Hgel empor, der erste einer sich weithin
erstreckenden langen Hgelkette. Auf den steuerten wir zu, immer auf
dem Bauche rutschend. Wir sahen nichts und hrten nichts. So gelangten
wir bis zum unteren Hgelrand. Wohl eine Viertelstunde lang lagen wir
hinter einem Baum und suchten den Weg durch die Glser ab. Dann krochen
wir wieder vorwrts, uns mit Hnden und Fen einkrallend, denn der
Abhang war steil.

Suchen Sie die Kuppe ab! flsterte der Major.

Ich machte einen Bogen hin, einen Bogen her. Sah nichts.

Nichts?

Nein.

Groer Gott! Eine einzige spanische Batterie hier oben knnte uns den
Teufel zu schaffen machen!

Es ist unglaublich! Er kauerte hinter einen Busch und schob
vorsichtig die Zweige auseinander. So! ich kann sehen! Decken Sie mir
den Rcken und achten Sie auf jedes Gerusch! Ewigkeiten schien mir
sein Schauen zu dauern. Auf dem Bauche liegend starrte ich um mich, da
mir die Augen trnten, bis endlich der Major leise pfiff und aus dem
Busch zu mir kroch. Nehmen Sie meine Stelle ein, sagte er. Sehen Sie
sich zuerst die Karte an. Wir sind im Santiagotal ... Dies hier ist
das San Juan Flchen. Auf diesem Hgel sind wir. Nun passen Sie auf:
Sie werden in viertausend Yards Entfernung etwa in ganz unbestimmten
Umrissen Gebude sehen. Das ist Santiago de Cuba. Das Glitzernde
zwischen den beiden Waldlisiren ist das Flchen. Suchen Sie das
ganze Vorgelnde ab, ob Sie Truppen oder irgend etwas Bewegliches
entdecken knnen.

Ich kroch in den Busch, mich im Blattwerk deckend, und guckte zuerst
mit bloen Augen, dann durch das Glas. Gestrpp -- Wald -- helle Flecke
-- wellige kleine Hgel, die wie in Nebel eingehllt zu sein schienen
-- ein grauer Streifen am Horizont, auf dem ich im Glas deutlich die
Rote Kreuzflagge unterschied. Dann suchte ich, zitternd vor Aufregung,
die hellen Flecke ab, und mir schien, als ob ich einmal oder zweimal
auf dem Grasfleck vor einem der kleinen Hgel ein Glitzern she.

Bei den Hgeln dort -- dicht beim Flchen! murmelte ich.

Richtig! sagte der Major. Dort bewegen sich zweifellos spanische
Truppen. Aber suchen Sie vor allem das nhere Vorgelnde ab!

Ich suchte und suchte, Busch bei Busch, Fleck bei Fleck. Das schmale
Tal erstreckte sich, ein schwer bersehbarer Gelndemischmasch von
Gestrpp und wirklichem Wald und hellen freien Grasstrecken in fast
immer gleicher Breite von sechs-oder siebenhundert Metern, bis an den
grauen Streifen, der Santiago bedeutete. Seine Breite trennte uns von
unseren Vorposten, die drben auf der welligen Talgrenze am Waldrand
standen. Das Flimmern dort vorne konnte ich wieder deutlich wahrnehmen.
Sonst sah ich nichts. Der Major war zu mir gekrochen.

Noch etwas gesehen?

Nein, Major.

Wie weit schtzen Sie die Entfernung bis zu der Wellenlinie, wo Sie
das Flimmern sehen?

Dreitausend Yards.

Hm. Zweitausendfnfhundert! brummte er. Ich denke, wir haben genug
gesehen.

Dann ging es zurck. Ich war jetzt grndlich nervs geworden und ich
glaube, dem Major ging es ebenso, denn im gleichen Impuls verzichteten
wir auf das langsame Kriechen und rannten in langen Sprngen von Baum
zu Baum und von Busch zu Busch der aufflligen Gruppe von Mangobumen
zu, die wir uns wohl gemerkt hatten. Am Gestrpprand brllten wir laut:

Washington!

Freunde ... hallte es herber, und wir schnellten uns vorwrts im
Gras, so schnell uns nur die Beine laufen wollten, sehr froh, wieder im
Schutze der Vorposten zu sein.

Prosit! sagte der Major und reichte mir seine Feldflasche. Bitte,
trinken Sie mit Andacht, denn das ist ewigalter Kentuckywhisky, und die
Gtter mgen wissen, wann uns ein solcher Trunk wieder beschert wird.

Er lachte ein unfrhliches Lachen. Uebrigens haben wir unsere Hlse
umsonst riskiert. Die San Juan Verteidigungsstellung -- das ist dort,
wo wir das Flimmern sahen -- ist dem Hauptquartier bekannt. Halten
Sie nur den Mund ber unseren Spaziergang, sonst werden wir auch noch
ausgelacht! Ich hatte gehofft, auf der Hgelkette da drben Artillerie
zu entdecken -- na, und damit ist's Essig gewesen! Die Geschichte war
also umsonst.

Da kam ich mir gar nicht mehr wichtig vor.

       *       *       *       *       *

Die Pechfackel auf dem alten Zaunpfosten warf feuerrotes, flackerndes
Licht ber die Zelte des Hauptquartiers. General Shafter sa auf einem
Feldstuhl, gegen die Zeltwand gelehnt, und sah mit seinen scharfen
grauen Augen von einem zum andern der Offiziere, die ihn umstanden. Auf
groen Kisten links und rechts neben ihm brannten in Flaschenhlsen
Kerzen. Um ein Uhr nachts bernahm ich den Hilfsdienst beim Instrument,
zusammen mit Souder, und wenige Minuten spter brachte ich dem General
eine Depesche. Vom Generalquartiermeister in Siboney, der den Abgang
eines Maultiertransports mit Infanteriemunition meldete.

Jesus Christus, was warten Sie noch, Mensch! herrschte Shafter mich
an.

Die Unterschrift, General.

Unterzeichnen Sie! befahl er einem Adjutanten, der nun seinen Namen
in mein Depeschenbuch kritzelte. Marsch, Signalmann!

Ein sacksiedegrober Herr, der Jesus-Christus-General!

Eine Viertelstunde verging. Da kam der Major zu uns ins Signalzelt
gekrochen und sagte, gemtlich dahockend, auf den schwarzen
Schnurrbart beiend, wie das seine Art war: Hm -- Souder -- Carl --
nein, kann euch nicht brauchen -- sollt bei mir bleiben. Sie knnen
nachher Hastings wecken, Carl, und ihn in mein Zelt schicken. Der
rechte Flgel, Kinder, greift bei Tagesanbruch an, und General Chaffee
braucht Flaggenmnner. Ich werde Hastings hinschicken und zwei Mann.
Wir werden ebenfalls bei Tagesanbruch losmarschieren und die Linie
im Santiagotal legen und bei Gott, ich glaube, wir haben das bessere
Teil erwhlt wie Martha in der Bibel. Mte mich sehr irren, wenn sich
die Hauptaffre nicht bei unseren Hgeln -- er zwinkerte mir zu --
abspielt. Mund halten, Kinder! Ich bitte mir brigens aus, da morgen
flott gearbeitet wird!

 ... Jesus Christus! gellte es herber vom Zelt des Kommandierenden.

Und dann brachte ein Adjutant eine Depesche, die merkwrdigerweise
nicht chiffriert war. So ungefhr lautete sie:

Kommandierender General der Armee, Washington. -- Greife bei
Tagesanbruch an. Brauche Verstrkungen, Proviant, Hospitalschiff. --
Shafter.

Da schien es uns, als wollten die Minuten so gar nicht vergehen,
und wir fluchten frchterlich ber den Kleinkram von Depeschen nach
Siboney, die alle mehr Proviant, mehr Munition forderten. Souder,
der ein Knstler im Bearbeiten des Tasters war, telegraphierte mit
fabelhafter Geschwindigkeit, wollte er doch die Arbeit loswerden und
schwatzen. Zwanzig Minuten lang hielt es der Sergeant in Siboney aus,
dann unterbrach er:

=p p p= Privat. Hll' und Verdammnis, seid ihr verrckt geworden? Ich
komm' nicht mehr mit -- hab doch keine Schreibmaschine hier -- mu
bleistiftkritzeln -- lang -- samer!!

Arbeite, mein Sohn! antwortete Souder. Und sei nicht so verdammt
vertraulich. Wir sind in den Vorposten und du bist sicher vom Schu --
also arbeite wenigstens, Freund!

Warte -- wenn ich dich erwische ... kam es wtig klickend zurck.

Woraus hervorgehen mag, da wir nicht etwa letztwillige Verfgungen
trafen und uns gegenseitig letzte Lebewohlbriefe an unsere Brute
anvertrauten, wie das in frommen Bilderbchern von Soldaten vor der
Schlacht berichtet wird, sondern da wir uns einfach bodenlos freuten
-- wie kleine Jungens, denen die Mama gesagt hat: In fnf Minuten
drft ihr auf die Strae und Indianer spielen!

       *       *       *       *       *

Die tief heruntergebrannte Pechfackel loderte. Auf dem schlammigen
Weglein drauen zog es immerwhrend, ohne Aufenthalt, vorbei von
Mnnern, so mde, da sie gebeugt schritten. Regiment auf Regiment
passierte. Mann hinter Mann, so schmal war der Pfad. Graubrtige
Obersten -- Rekruten mit Kindergesichtern. Bodenlos war das Weglein
geworden, und die Fe der keuchenden Menschen machten bei jedem
Schritt und Tritt ein merkwrdig plumpsendes, saugendes Gerusch, wenn
sich die Stiefel aus dem zhhaltenden Schlick befreiten.

Regiment auf Regiment zog vorbei, dem Feind entgegen.




Die Schlacht vom San Juan Hgel.

     Der Morgen der Schlacht. -- Ein Schattenspiel im Nebel. -- Die
     Schlacht beginnt. -- Wir legen die Linie nach der Front. -- Meine
     erste Granate. -- Wie ich das Gruseln lernte. -- Wie andere das
     Gruseln lernten. -- Auf dem Weg zur Feuerlinie. -- Die Furt. --
     Die Panik des 71. Regiments. -- In der Feuerlinie am Waldrand. --
     Wir schieen mit. -- Die Schtzengrben im San Juan Hgel. -- Der
     Gnadenschu. -- Der Angriff ohne Befehl. -- Der San Juan Hgel
     wird im Sturm genommen. -- Zusammenhnge der Schlacht. -- Bei den
     spanischen Gefangenen. -- Rum und Zigaretten. -- Am Lagerfeuer. --
     Sie begraben die Toten.


Die Nacht ging zu Ende. Graugelbe Bodennebel flossen ber die Lichtung
hin, in wellender, wogender Masse, wie Wasserfluten sich bers Land
ergieen. Menschen und Zelte standen auf einem Nichts; auf dampfigem,
zitterigem, schwadigem Rauch. Es war bitter kalt. In tiefer Stille
lag das Hauptquartier, in dumpfes, nchtliches Grau noch gehllt.
Gleich trben Schatten die Zelte. Totenstill war es. Nur in dem
mchtigen gelben Fleck dort bei dem groen Mangobaum, dem Zelt des
kommandierenden Generals, war schwaches Licht und lautloses Leben.
Gespenstisch leuchtete dort Kerzenschein durch die Zeltwnde, immer
wieder unterbrochen von einem Schatten. Da drinnen ging ein Mann auf
und ab in rastlosem Hin und Her.

Das war General Shafter.

Langsam stiegen die Nebel. Schwaden auf Schwaden lsten sich, in
weigrauen Dunst verwallend. Wie Dampf umhllte es die Zeltmassen und
schwebte hher und hher. Wie dnner Regen fast fiel der Morgentau, und
frostig schlichen Klte und Feuchtigkeit in die Haut.

Da leuchtete warm und rot ein Feuer auf, drauen am Lagerrand.

Gott sei dank! Souder nahm unsere Blechbecher und ging.

Kaffee! sagte er, als er wiederkam. Wollen zuerst die Feldflaschen
fllen!

Gute Idee, murmelte ich.

Ich holte noch zwei Becher. Der dampfendheie Trank vertrieb uns rasch
das nasse, klebrige Gefhl und die Uebernchtigkeit. Wir aen einen
Zwieback, zndeten die Pfeifen an. Immer mehr und mehr lichtete sich
das trbe Grau. Da -- da -- was war das? -- Souder und ich sprangen auf.

Was war das? flsterte er.

Still -- still!

Kaum hrbar, wie aus ewigweiter Ferne, gespenstisch leise, erklang es
in dumpfem Schallen -- krang -- krang, krang ... tacktacktack.....
leise, ganz leise, als ob Erbsen auf einen Blechteller geworfen wrden.
Ein wenig lauter nun, dann schwcher wieder, mit Pausen von Sekunden --
jetzt in vollerem Klang, und doch schwach und ferne wie abgedmpfter
Trommelwirbel. Gewehrfeuer. Deutlich erkennbares Geknatter. Nichts
regte sich um uns. Jeder schien zu stehen und zu lauschen.
Muschenstill war es. Bis die klare Stimme eines Offiziers schallend
rief:

Das ist General Chaffee!

Und im gleichen Augenblick, als folge dem Blitz der Donnerschlag,
ergellten schrill jauchzende Jubelrufe, geschrien von den Mnnern des
Hauptquartiers ... hei -- ih -- hei -- iiii -- ih!

Aus der Stille wurde Bewegung, Wirrwarr.

Offiziere eilten hin und her, scharfe Kommandorufe befahlen das Satteln
der Pferde. Unser Major kam gerannt, im Laufen eine Pappschachtel
aufreiend und sich die Revolverpatronen in die Taschen stopfend.

Signaldetachement -- =attention=! befahl er. Myers und Bruning
bleiben hier. Myers, Sie berbringen dem Stabssergeanten den
Befehl, fr unsere neue Linie gleichzeitig ein Telephon und einen
Taschenapparat einzuschalten, die je nach Funktionieren ausgewechselt
werden. Abtreten! Die brigen -- attention! Er inspizierte uns rasch
und lchelte, als er sah, da wir uns alle Taschen mit Patronen fr
unsere Karabiner und Revolver gefllt hatten. Jeder Mann trgt eine
Rolle Draht! Los!

Und hinaus ging es auf den schlammigen Pfad, der jetzt de und
verlassen dalag; im Laufschritt, in langen Sprngen, immer vorwrts mit
dem Draht, den unsere Stangen hoch ins Gebsch schleuderten. Nichts
behinderte uns. Die Truppen waren schon in Front. So ging es rasch
und glatt mit der Arbeit, und als wir nach den ersten tausend Yards
die Linie prften, war alles in Ordnung; das Hauptquartier meldete
sich sofort. Weiter! Das dumpfe Geknatter des Feuergefechts in der
Ferne hrten wir kaum noch in dem Lrm der Arbeit, als es auf einmal
schrill und klar irgendwo vorne knallte -- kreng, kreng ... in scharfem
Gerassel -- kreng, kreng, kreng -- bing ...

Vorwrts! schrie der Major. Vorwrts, Kinder -- wir wollen dabei
sein!

Lnger wurden die Sprnge. Keinem Menschen begegneten wir auf dem
Weglein, obgleich das Feuern aus nchster Nhe zu kommen schien. Der
Schlammpfad verbreiterte sich zu einem breiten Morast, in tausende von
Lchern und Erhhungen zertrampelt von Tausenden von Tritten, um eine
Ecke ging es, und aus dem Halbdunkel, der Stille des Waldwegs wurde
flutende Helle, drhnender Lrm.

Von der Kuppe des Hgels da drben schossen weie Dampfwolken, und
dumpfes Gekrache erschtterte die Luft. Nun Stille. In grellem
Sonnenlicht lag breit der Weg da, frei und offen auf einer Strecke von
mehreren hundert Metern, dann in dunkler Waldlinie sich verlierend.
Grasland sumte ihn; ein Busch, ein Mangobaum hie und da. Dicht an
der Wegbiegung flo trge ein Bach von schmutziggelbem Wasser, das
San Juan Flchen. Zwei Bretter fhrten ber das Wsserlein zu einem
engen Pfad durch niedriges Gebsch auf den Hgel. Rechts bog der breite
Weg ab, das Tal entlang; links fhrte der Fupfad zum Hgel. Zwischen
beiden, ganz im Vordergrund, erhob sich verwittertes altes Gemuer mit
allerlei Maschinen, die Ueberreste der alten Zuckermhle von El Pozo.
Im nchsten Augenblick jagten Reiter an uns vorbei auf das Gemuer zu,
sprangen ab, rissen Karten aus den Taschen. Das war der Generalstab.

Bang! krachte ein Geschtz auf dem Hgel.

Ruhig, Kinder -- ruhig! sagte der Major. Der Draht wird von dem
Mangobaum dort ber den Bach gespannt ---- in dem Einschnitt drben
errichten wir die Station -- Carl, bringen Sie das Telephon hinber
und stellen Sie die Verbindung her!

Ich nahm den Apparat und ging zum Steg. Auf den Brettern zauderte ich
einen Augenblick, denn ich war wie ausgetrocknet vor Durst, hatte
ich doch den Kaffee in der Feldflasche schon lngst ausgetrunken und
brannte ja die Sonne so glhend hei herab trotz des frhen Morgens,
da der Schwei in Strmen an mir herunterlief. Aber das Wasser
da unten, pfui Teufel, nein, das Wasser da unten sah denn doch zu
schmutzig aus. Ich zauderte -- zauderte ---- und der Durst siegte glatt
mit sieben Lngen ber Appetitlichkeit und Vernunft, denn der Lausbub
beugte sich schleunigst nieder, Blechbecher in der Hand; tauchte ein,
lpfte den gefllten Becher empor und sah in malosem Erstaunen, da
aus den beiden Seiten dnne Wasserstrahlen spritzten. Links ein Loch,
rechts ein Loch; eingebeult das eine, ausgebeult und zerfetzt das
andere. Da -- da war ja eine Kugel durchgefahren! Ich starrte verblfft
den Becher an und blieb wie angenagelt stehen. Eine Kugel durch meinen
Becher gefahren! Whrend er an meiner Brottasche hing! Und ich hatte
nichts gemerkt!

Schmei 'n weg -- taugt nichts mehr! rief Souder, als ob ich das
nicht selber gewut htte.

Nachtrglichen Schrecken aber empfand ich nicht und auch dann noch
nicht, als es ber meinem Kopf gellend daherfuhr, doch unwillkrlich
duckte ich mich. Denn was das unheimliche Sausen da oben bedeutete,
verstand ich sofort, und jeder andere htte es verstanden -- s --
ss -- sss -- surrr -- ssss -------- N -- nein, es lt sich nicht
wiedergeben, dieses sausende unheimliche Schwirren, dieses Surren,
dieses gellende Dahergepfiffenkommen. Aber ich frchtete mich ganz
bestimmt noch nicht, sondern trug behutsam das schwere Telephon an
seinen Platz, wenn ich auch gar zu gern auf irgend etwas losgeballert
htte, damit auch andere Leute es sausen und schwirren hrten. Ich nahm
meinen Karabiner von der Schulter. Der Major sah mir lchelnd zu und
zerkaute seinen Schnurrbart.

Warten, warten! sagte er leise. Hat noch gar keinen Sinn. Wir kommen
schon noch daran.

Im gleichen Augenblick fror ihm das Lcheln fest und seine Augen
wurden starr. Aber er blieb kerzengerade stehen. Ich fhlte, wie ich
totenbla wurde. Mit gellendem Geheul kam da etwas herangejagt, etwas
Frchterliches -- sss -- ssss -- hui. iih.. iiiiih ... schrillend
wie eine Dampfpfeife -- entsetzlich -- ich glaubte den Luftdruck zu
verspren -- ich hatte so frchterliche Angst, da ich am liebsten
hinausgebrllt htte in Furcht und Grauen wie ein wildes Tier,
htte ich nur gekonnt. Aber ich konnte nicht. Der Hals war mir wie
zugeschnrt. In meiner Kehle steckte ein groes rundes Ding, das mich
wrgte und drosselte und ersticken wollte, whrend eine eiserne Faust
mir auf den Schdel schlug. Ich -- wollte -- schreien -- ich -- konnte
nicht!

Und es war herangeheult und schlug krachend ein. Flammen sprhten auf,
und ich wurde zu Boden geschleudert ...

Ich spuckte die Erde aus.

Pfui Deibel, sagte der Major und diesmal lachte er nicht, das war
eine Granate!

F -- f -- furchtbar! stotterte ich.

Und schmte mich nicht zum Sagen, als die klaren harten Augen des
Majors mich scharf ansahen, denn ich hatte, als echter Junge, eine
bodenlose Angst, er knne mir die blasse, schlotternde Furcht angemerkt
haben. Heutzutage wrde ich mich schleunigst und gnzlich =sans gne=
tief in Mutter Erde einkratzen, wenn Granaten in der Nachbarschaft
umherheulten -- aber -- aber mir scheint, Krieg lt sich doch
am besten fhren mit Zwanzigjhrigen und den Urimpulsen, die vom
Urmenschen her in junger Mnnlichkeit schlummern. In den nchsten
dreiig Sekunden mssen gewaltige Erregungen an meinen jungen Nerven
gezerrt haben. Ich wei noch ganz genau, da ich an allen Gliedern
zitterte und am liebsten geheult htte. Da ich krampfhaft nach Luft
schnappte. Da mir zum Erbrechen bel war. Da aber die Eitelkeit in
mir sich auf einmal wehrte, und da ich mich bolzengerade aufrichtete,
als es wieder heulend daherkam -- und doch war es nur eine Komdie,
die ich mir selber vorspielte -- denn ich frchtete mich wirklich! Ich
frchtete mich schandbar!! Die Granate schlug ein. Ziemlich weit weg
von uns diesmal.

Da kam der Umschwung.

Bang -- bang -- krachten die Geschtze der amerikanischen Batterie auf
der Hgelkuppe dicht vor uns.

Fnfzig Meter hinter den Geschtzen am Kuppenrand lag ein alter
Stall, oder was das Ding sein mochte, ein halbzerfallenes, niedriges
Holzgebude jedenfalls, und auf dem flachen Dach drngte sich eine
Menge halbnackter Kubaner, die bei jedem Schu der Batterie ein
infernalisches Freudengebrll ausstieen und mit Hnden und Beinen
zappelten in unheiligem Vergngen. Einen greulichen Skandal machten
sie. Ich sah ganz mechanisch hin (dennoch schlotterte in mir die
Angst!) und empfand ebenso mechanisch die Abneigung des weien Mannes
gegen derlei sdlndische Hanswurstiaden. Whrend ich guckte, kam
es wieder dahergeheult und -- schlug feuerspeiend und dampfsprhend
mitten in das Dach, mitten in die gestikulierenden, tanzenden,
schreienden Shne der Perle des Sdens hinein ... und den Bruchteil
einer Sekunde spter sah das Dach genau so aus wie das gute alte
Sprungbrett im Ungererbad in Schwabing, wenn an heien Augusttagen wir
Jungens uns zum Sprung drngten: Die Seores hopsten. Sie machten die
erstaunlichsten Kopfsprnge. Sie schienen in geradezu wahnsinniger Eile
den interessanten Ausblicksort zu verlassen. Es schlenkerte nur so in
der Luft von kubanischen Freiheitskmpfern. So schnell ist nirgends in
der Welt jemals eine randalierende Galerie gerumt worden!

Da lachte ich, da mir die Trnen in die Augen kamen, und lachte und
lachte, und lachen htte ich mssen, wenn auch der heulende Dmon
aus der Maschine mit seinem grimmigen Kriegshumor zwanzig zeternden
Hampelmnnern den Garaus gemacht htte. Merkwrdigerweise war aber
nicht ein einziger der Spektakler verletzt worden, wie uns zehn Minuten
spter ein Artillerieleutnant lachend erzhlte. Der Major lachte
auch. Das ganze Detachement lachte. Und in diesem Lachen starb meine
schlotternde Furcht eines rechtzeitigen Todes; man kann nicht lachen
und sich frchten zugleich. Aber in meinem Hals brannte und wrgte
etwas, und die Kehle war mir wie ausgedrrt. Ich sprang die wenigen
Schritte zum Bachufer hin, warf mich in den zhen gelben Lehm auf den
Bauch, steckte den Kopf ins Wasser und trank gierig wie ein Tier in
langen Zgen das schmutzige, lauwarme Zeug --

Carl! rief der Major scharf.

Ich trank und trank.

Carl! Lassen Sie den Unsinn! Sie holen sich bestimmt das Fieber!

Er schttelte mibilligend den Kopf, als ich ein wenig beschmt
zurckkam, mir den Schmutz von Hemd und Hosen reibend, und brummte
irgend etwas ber die verdammte Wassersauferei. Aber in seinen Augen
war ein Lcheln ...

Die Batterie droben feuerte jetzt nur selten, vereinzelte Schsse in
langen Zwischenrumen, und die spanischen Geschtze schwiegen ganz.
Hie und da summte und surrte es ber unseren Kpfen. Im Wald knallten
vereinzelte Schsse.

Den schmalen, steilen Hgelpfad herab kamen Kanoniere, halb kletternd,
halb rutschend, irgend etwas mit sich zerrend; ein graues bndeliges
Etwas. Als sie die Krmmung im Gestrpp erreicht hatten, wo der
Pfad breiter und ebener wurde, hoben sie das graue Bndel auf ihre
Schultern und schritten langsam nher, behutsam, als trgen sie eine
schwere Last. Der eine, ein Korporal, salutierte den Major: Kanonier
von der Batterie Grimes, =sir=, meldete er. Kanonier Johnson,
=sir=. Herzschu. Ich habe Order, =sir=, den Toten am Hgelrand zu
begraben. Er schlug die Zipfel des Bndels zurck, und da lag in der
grauen Armeewolldecke ein toter Mann. Aus dem blulichen, furchtbar
verzerrten Gesicht starrten weitoffen tiefbraune Augen, als knnten
sie noch sehen. Herzschu, sir, sagte der Korporal. Stand neben
mir. Sprang in die Luft und war tot. Sie hatten dem Toten Jacke und
Hemd aufgerissen, und der Korporal deutete feierlich auf den winzigen
schwarzen Punkt unter der linken Brustwarze, der sich scharf von der
weien Haut abhob. Wir grten stumm, whrend die Kanoniere ihre Last
wieder aufnahmen und im Gebsch verschwanden.

Es war sonderbar still geworden; nur dann und wann kam das
peitschenartige Schallen aus dem Wald. Ich sah mich um. Jede Farbe,
jeder Gegenstand, jeder Schatten trat klar und scharf hervor im grellen
Sonnenlicht; knallgelb der breite, verlassene Weg, hellgrn das
ppige Gras am Wegrand, dunkler die mchtigen Wipfel der Gruppen von
Mangobumen, leuchtend dazwischen am Weg und im Gras allerlei bunte
Flecke, blau und wei und grau. Das weie Segeltuch der Tornister
und das Grau der Soldatendecken und das Blau der Uniformrcke, die
berall umherlagen am Weg entlang. Die zur Front eilenden Truppen
hatten alles weggeworfen, was sie irgendwie entbehren konnten, und
mehr. Beim Gemuer der alten verfallenen Zuckermhle, deren rostige
Maschinenreste rot glnzten in der Sonne, standen in kleinen Gruppen
die Generalstabsoffiziere, ber Karten gebeugt. Ein Pferd wieherte
leise. Weiter weg graste friedlich ein Maultier und wedelte krampfhaft
mit dem geschorenen Schwanzstummel, sich die Fliegen zu verscheuchen.
Da kam es wieder herangeheult und schlug in Dampf und Flammen ein,
keine zwanzig Schritt weg von der ntzlichen Migeburt aus Pferd
und Esel, die ihre berhmte Indolenz sogar im Granatfeuer glnzend
bewhrte. Denn Mr. Maultier wedelte eifrig weiter mit dem Schwanz und
lie sich nicht eine Sekunde lang in der angenehmen Beschftigung des
Grasens stren.

Bravo! rief Souder. Das is 'n richtiges, approbiertes,
Geschtzfeuer-stubenreines, verdammt famoses, altes Onkel-Sam-Maultier
-- hurrh -- schert sich den Teufel um die alten Granaten -- hurrh!!

Schallendes Gelchter.

Oberst Green kam von der Zuckermhle herbeigeschritten, begrte
unseren Major, flsterte mit ihm und breitete eine Karte auf den
Knien aus, hier und dorthin deutend. Ich verstand: -- spanische
Batterie feuert mit rauchlosem Pulver -- noch nicht entdeckt -- jawohl,
berhaupt nur ein einziger Weg -- natrlich verstopft -- nein, Major,
hat vorlufig noch gar keinen Sinn -- Sie kmen wahrscheinlich gar
nicht durch mit Ihren Leuten -- wie meinen Sie? -- Hm ... Dann sprach
der Major eifrig auf ihn ein, und der Oberst nickte und ging wieder.

Achtung! befahl der Major laut. Sergeant Ryan -- Sie bernehmen die
Station! Sie bleiben unter allen Umstnden beim Apparat und sind mir
fr alle Meldungen verantwortlich. Den Befehl zur Verlngerung der
Linie bis zum Waldrand dort erhalten Sie von Oberst Green persnlich
und lassen dann den Draht von drei Mann ber die Mangobume den Weg
entlang legen. Ich werde nun den geeigneten Platz zur Anlage der
nchsten Station in der Feuerlinie feststellen. Mit mir kommen -- und
suchend glitt sein Auge von einem zum andern.

Da sahen wir ihn hungrig an wie gierige Hunde, die lechzend darauf
warten, wem wohl von ihnen der Herr den Brocken zuwirft.

Mit mir kommen Souder und Carl. Eine Signalflagge, Karabiner,
Revolver, Feldflasche, Glas -- sonst nichts!

=Oh hell= ... murmelte einer der Enttuschten.

       *       *       *       *       *

In zehn Minuten hatten wir den Waldrand erreicht und marschierten nun
wieder auf dem alten Dreckpfad, der uns schon so vertraut geworden war.
Die starre Gebschwand freilich war verschwunden, denn links und rechts
lag zwar rankenversponnener Urwald, verwuchert von Schlinggewchsen,
aber ein Stck weit wenigstens konnte man hineinsehen. Da und dort im
Schlamm steckte ein Tornister, eine Wolldecke, ein Hut. Wir sprangen
vorwrts, so rasch es gehen wollte in der drrenden Hitze. Immer noch
knallten nur vereinzelte Schsse. Nach einigen hundert Metern kamen
uns Verwundete entgegen mit blutigen Verbnden um Kpfe und Glieder,
langsam zurckstolpernd, aber wir sahen kaum hin, denn brennende
Neugierde und hetzende Ungeduld trieben uns vorwrts. Ein Toter
lag am Wegrand, die Knie emporgezogen, die Arme lang ausgestreckt.
Die glasigen Augen schienen starr in den Schlamm zu blicken. Der
Pfad krmmte sich. An der Ecke, aus den Bumen, flatterte die Rote
Kreuzfahne, und am Boden kauerten sthnende Gestalten, zwischen denen
Aerzte hin und her eilten. Die Verbnde glnzten grell wei. Wir
eilten weiter. Das Gewehrfeuer wurde heftiger und schien von berall
zu kommen; von vorne und von links und von rechts; ber unseren Kpfen
sauste es zischend und surrend und dumpf aufklatschend in Laub und
Bumen. Ein Verwundeter blieb stehen, salutierte tppisch und ri die
Kleider auf, uns in groteskem Stolz eine winzige Schustelle im Bauch
unter dem Nabel zeigend.

Teufel, sagte er. Es tut gar nicht weh! Wo is -- mm -- das
Hospital?

Ich deutete rckwrts. Und grinsend schritt der Schwerverwundete dahin,
nachdem er sich noch Feuer fr seine Pfeife von Souder hatte geben
lassen ... =Good God!= sagte der Major leise.

Ah -- und nun fing der Tanz an -- racktacktacktack -- rack -- kreng,
kreng ... schweres rollendes Feuer irgendwo da vorne, klar und hell
dazwischen Salven. Ueberall um uns schlug es ein in die Bume. Zu sehen
aber war nichts -- gar nichts ... Doch! Wieder krmmte sich der Weg,
und zwischen den Bumen schimmerte es blau und sthlern von Truppen und
drhnte von Lrm und Geschrei.

Laufschritt -- Laufschritt ... rief der Major.

Ein Leutnant hinkte herbei, eine blutige Binde um den Fu.

Schwer verwundet?

Nein, Herr Major. Knchel kaputt.

Tut mir leid, tut mir sehr leid. Was sind das fr Truppen?

71tes Freiwilligen-Regiment. Das New Yorker Regiment, Major.

Ich danke sehr.

Und weiter ging es im Laufschritt, und nach drei Minuten waren wir
mitten -- in einem Tollhaus. Unter Wahnsinnigen, unter Menschen, die
Waffen trugen und jung waren, und dennoch kreischten in frchterlicher
Angst wie Weiber. Sie stieen sich und drngten sich und schrien und
duckten und hielten die Hnde schtzend vor die Kpfe, irgend eine
unsichtbare Gefahr abzuwehren. Der Weg war vllig verstopft. Ein
panikgeschttelter Menschenhaufe wogte hin und her, den Offiziere
vergeblich vorwrts zu treiben versuchten. Eine Kette hatten sie
gebildet, die Kapitne und Oberleutnants und Leutnants, und fluchten
und schrien und hieben mit den flachen Sbeln drein. Ich starrte.
Irgend etwas war da -- irgend etwas ...

Pack, Pack -- verfluchtes Pack! zischte der Major.

Da warf dicht vor uns ein Korporal mit gellem Schrei die Arme empor,
strzte schwer zu Boden, und die Soldaten um ihn wichen entsetzt
zurck. Revolver 'raus, Kinder! schrie der Major. Mir nach!

Platz!! _Platz!!! Zurck in die Bume!!_!

Was alle Drohungen und alles Gebrll der eigenen Offiziere nicht
vermocht hatten, erzielte das messerscharfe, schrille Kommando mit
seiner klaren, bestimmten Weisung. Links und rechts von uns taumelte es
in die Bume, und langsam wurde der Weg frei.

Ich sah tiefen Schlamm -- sonnenfunkelndes Wasser ... Wir drngten
uns vorwrts. Der Pfad senkte sich abschssig und verlor sich in
einen breiten Bach schmutzigen Wassers. Mitten im Wasser lag ein
toter Soldat, und dicht am Bachrand kauerten Leichen -- drei -- fnf
-- sieben ---- im Knuel, hingeschleudert von den Geschossen; das
Flchen war unter scharfem feindlichem Feuer. Die New Yorker zeterten.
Hinter uns kam es herangerasselt, und in scharfem Tempo jagte die
Maschinengeschtz-Abteilung herbei, Regulre im Laufschritt, drei
Gatlingkanonen vorwrtsschiebend und stoend und zerrend. Hop -- hinein
ins Wasser -- hop -- waren sie hinber, ohne einen einzigen Mann
verloren zu haben. Wir mit ihnen. Drben ertnte eine laute Stimme:

Re -- gu -- lre! -- auf mein Kommando -- zu Zweien reiht euch ein --
im Laufschritt -- vorwrts marsch ... marsch -- eins, zwei -- eins,
zwei -- eins, zwei ...

Und in scharfem Takt trippelte, als sei sie auf Parade, eine halbe
Kompagnie regulrer Infanterie heran, gefhrt von einem blutjungen
Leutnant, trippelte im gleichen Takt hinein ins Wasser, trippelte
heraus -- Das panikbefallene New Yorker Regiment aber steckte immer
noch unter den Bumen.

Der tckische Zufall des Kriegs hatte es gefgt, da scharfes,
indirektes spanisches Feuer sich auf die von berall vllig unsichtbare
San Juan Furt im Walde konzentrierte, gerade in dem Augenblick, als
die New Yorker Freiwilligen ins Wasser marschierten. Die ersten waren
weggefegt worden, in einem Haufen, und da und dort noch im Regiment
strzten Getroffene. Die Spitze drngte zurck und die Panik war da.
Die Soldaten, die im Gedrng nichts mehr sehen, den unsichtbaren Feind
nicht erblicken konnten, wurden wie toll vor Angst.

Der Major war stehengeblieben und kaute auf den Schnurrbart. Sie
erinnern sich doch, sagte er, an das Flchen, das wir gestern vom
Hgel aus sahen?

Jawohl, Major.

Na, das hier ist's. Haben Sie eine Ahnung, ob wir links abgekommen
sind? Ich glaube, ja. Die erste Wegkrmmung war nach links, die zweite
ebenfalls, nicht wahr?

Jawohl. Die Hgel, die wir sahen, mssen schrg vorne rechts sein.

Glaub' ich auch. Hm. Sagen Sie einmal, wie ist Ihnen zumute?

Ich -- ich mchte etwas sehen! stotterte ich.

Er lachte. Und Sie, Souder?

Wenn der Herr Major gestatten -- ich finde, es ist eine verdammte
Gemeinheit, da im Wald stecken zu mssen und beschossen zu werden und
nicht ein einziges Mal selber schieen zu drfen. Und ich bin froh, da
ich ber dem Wasser bin!

Ich auch -- Teufel, ich auch! lachte der Major. Na, Kinder, ich bin
zufrieden mit euch und ich werde noch viel zufriedener sein, wenn ihr
mglichst wenig plaudert. Wir htten eigentlich schon lngst zur Linie
zurckkehren sollen und haben hier gar nichts zu schaffen. Ich mu mir
da erst eine faustdicke Lge ausdenken, um -- na ja. Wollen uns noch
ein bichen umgucken!

Und er lachte. Ein Spitzbubenlachen ...

Verschwunden waren die harten, energischen Linien aus seinem
scharfgeschnittenen Gesicht, das der dichte schwarze Schnurrbart lter
erscheinen lie, als es in Wirklichkeit war, und verschwunden die
abwehrende Wrde des Aelteren und Befehlenden. So jung ich war, so
begriff ich doch, da in ihm das Gleiche vorging wie in mir; da die
Neugierde ihn plagte bis zum Bersten und die jungenhafte Sehnsucht,
dabei zu sein. Ein Junge war er jetzt wie ich -- wie Souder ---- ein
Junge, der es ebenfalls als eine verdammte Gemeinheit empfand, da im
Wald zu stecken und -- _nicht sehen zu drfen_.

Fortgesetzt pfiff es ber uns dahin.

Der Schlammweg war noch da, aber im Walddunkel blitzten helle
Strecken auf im Sonnenlicht. Es wurde immer lichter. Die Bume wichen
auseinander und bildeten Gruppen, und scharfausgeprgte Lichtflecke
im Gesichtskreis lieen freies Grasland ahnen. Da fuhr ich auf einmal
zusammen, denn in das Knattern hinein drhnte es in rasselnder
Frchterlichkeit.

Die Gatlings! schrie der Major. Jungens, wir sind da! Er ri das
Glas hervor. Rechts! Vorwrts -- vorwrts!

Wir strmten zwischen den Bumen dahin, stolperten ber Wurzeln und
Ranken, tappten im tiefen Gras und waren am Waldrand, mitten in langer
Schtzenlinie, umtost von einer Hlle drhnenden Geknatters.

Mit blitzartiger Geschwindigkeit warfen wir uns zu Boden, denn jetzt
pfiff es nicht mehr angenehm hoch oben in den Bumen dahin, sondern
dicht an den Ohren vorbei. Ich befhlte verstohlen meine linke
Ohrmuschel -- n -- nein -- es war nichts -- aber es mute scheulich
nahe gewesen sein! Dann rkelte ich mich und streckte mich und bohrte
mit meiner Krperschwere, um mich der schtzenden Erde so nahe
anzuschmiegen, als es nur irgendwie mglich war.

Rechts lag der Major, links Souder. Schienen sich auch recht wohl zu
fhlen am Erdenbusen, lagen wenigstens sehr flach da! Ich hob den Kopf
ein wenig und sah -- nichts. Dicht vor meiner Nase war eine winzige,
wellenartige, grasbewachsene Bodenerhhung, was mir sehr zweckmig
schien, aber -- zum Kuckuck, ich wollte doch etwas sehen! Langsam
streckte ich die Hand vor, jeden Augenblick erwartend, da eine Kugel
hineinfuhr, und kratzte mir einen runden Ausschnitt in die schtzende
Deckung. Und nun verga ich auf einmal die wiedergeborene Angst und
starrte wie gebannt in die Sonnenhelle hinaus. Zehn Schritte vor mir
lag ein toter Regulrer, auf dem Rcken, zusammengekrmmt, das Gewehr
noch in den Fusten ber dem Leib. Sein Schdel war eine einzige
Blutmasse.

Vor mir konnte ich eine weite, freie Strecke berblicken. Gras,
Gestrpp, ein paar Bume. Dahinter erhob sich, dreihundert Meter etwa
entfernt, ein massiger Hgel, an den links und rechts sich andere Hgel
anschlossen. Es war der San Juan-Hgel. Ich sah durch das Glas. Auf
dem Hgel rhrte sich nichts, aber ich konnte braune Linien entdecken,
ber denen Dunstfden schwebten. Das waren Schtzengrben. Dunst von
rauchschwachem Pulver. Oben auf der Kuppe des Hgels, im Gestrpp,
stand ein Blockhaus.

Neben mir scho etwas vorwrts; der Major war es, der in zwei Stzen
zu dem Toten sprang, sich neben ihn hinwarf -- ah, jetzt griff er nach
dem Gewehr in seinen Hnden und hakte ihm den Patronengrtel aus, dann
eilig mit seiner Beute zurckkriechend ... Da schob ich den Karabiner
vor -- bang -- auf die braune Linie dort im Hgel -- bang -- bang.

Neue fnf Patronen. Auch der Major und Souder gaben Schu auf Schu
ab. Ich feuerte und feuerte. Und unaufhrlich kam es herangesaust und
schlug dumpf ein irgendwo.

Mein Karabinerlauf war hei geworden. Ich sah um mich. Die Mnner der
Schtzenlinie lagen im Gras nach links und nach rechts den Waldrand
entlang, so weit man sehen konnte. In dichten Haufen hier, vereinzelt
dort, feuernd, was die Gewehre hergaben. Links, zwanzig, dreiig
Schritte vor mir, hockte hinter dem dicken Stamm eines Mangobaums ein
Trompetersergeant, der mit rasender Schnelligkeit scho. Die glnzende
Signaltrompete auf seinem Rcken leuchtete wie flackerndes Licht. Und
Lrm berall --

Sthnen -- Schreie ----

Jetzt ein Brllen, da der Atem mir stockte. Ein wahnsinniges Aufheulen
-- und ein Mensch sprang empor wie ein Ball und wlzte sich im Gras vor
der Feuerlinie, sprang wieder auf und brllte mit einer Stimme, die
nichts Menschliches mehr hatte:

M -- mein L -- leib -- das bre -- ennt! -- oah.. oh ...

Das furchtbare Ding tanzte und sprang und brllte wie ein Tier -- und
dann gellte es auf einmal, so berlaut, so entsetzlich, als drnge alle
Hllenpein und aller Schmerzensjammer sich in einen einzigen Aufschrei:

=K -- i -- ii -- ll me! K -- ii -- ll me!= Ttet mich -- Freunde,
ttet mich!

Ich war auf die Knie geschnellt und hob den Karabiner, aber der Lauf
zitterte und wackelte wie ein Grashalm im Wind. Das frchterliche Ding
vor mir scho noch einmal auf, taumelte, brach zusammen und lag still
da. Viele Gnadenschsse hatten seinen Jammer geendet.

Ruhe! kommandierte eine scharfe Stimme.

Zur Hlle mit der Ruhe! schrie es in Antwort.

Und pltzlich, als sei das ein Signal gewesen, sprach und schrie ein
jeder, da das Stimmengewirr den Feuerlrm bertnte. Die berspannten
Nerven waren am Zerreien, und die Spannung machte sich Luft.

'ran an die Bande da drben! schrie einer links. Hier ist 6te
Kavallerie.

Hier ist 1te Infanterie --

Bei Gott, sollen wir Regulre uns hier verpfeffern lassen?

Bajonette wurden herausgerissen und schnappten klirrend in die Federn
an den Gewehrlufen ein. Der Major zog seinen Revolver.

Schnellfeuer!! schrie irgend jemand.

Rasselnd rollte das Feuer mit furchtbarer Geschwindigkeit aus
dem Waldrand. Wie von selbst eine Pause nun. Da schrie der
Trompetersergeant gellend:

Jungens -- Regulre -- gebt ihnen -- Hlle --

Und er sprang zehn, zwlf Meter weit vor und warf sich hin. Andere
folgten -- warfen sich hin -- weiter unten andere -- warfen sich hin,
feuerten ... Auf einmal lag ich ebenfalls ein Stckchen weiter vorne
und pumpte das Karabinermagazin leer. Noch weiter vorne sah ich den
Major. Dann rannte es neben mir, und ich lief mit, die Augen immer auf
dem Major, und holte ihn ein und warf mich hin, weil die anderen sich
hinwarfen, und feuerte, weil die anderen feuerten.

Gebt -- ihnen -- Hlle! brllte es.

Ich stolperte ber Stacheldraht, fiel, sah, wie der Major und Souder
wenige Schritte neben mir ebenfalls strzten, griff in den Draht und
ri mir die Hnde blutig, kam frei, sprang wieder vorwrts. Neben mir
Souder und der Major. Da, ganz in der Nhe, ragte es grasig steil auf,
und braune und blaue Flecke krabbelten an Hnden und Fen empor; -- da
-- brllendes Geschrei ertnte, und vorwrts ging es mit den anderen.

In Grasbschel krampften wir uns ein, und das niedrige Gestrpp packten
wir und schoben und zerrten uns hoch. Plumps -- fielen wir in einen
Schtzengraben, fluchten, kletterten wieder --

und _waren oben_ ...

Unten lag ein Tal voller Gestrpp, und zwischen dem Gestrpp sah ich
zwei, drei weie Hte auftauchen, weit weg, und feuerte blindlings
hinterdrein ------ auf die einzigen Spanier, die ich berhaupt deutlich
zu Gesicht bekommen hatte!

Lassen Sie die Schieerei! sagte der Major. Wir haben hier berhaupt
nichts zu suchen und htten gar nicht mitmachen drfen. Jetzt aber
ist es hchste Zeit, an unsere Pflicht und unsere Station zu denken!!
Warten Sie hier auf mich!

So wurde die Schlacht vom San Juan-Hgel gewonnen. Nicht von einer
Armee, nicht von Regimentern, nicht von Kompagnien einmal, sondern
von einem Haufen, nein, von Dutzenden von Huflein einzelner Mnner,
denen das anscheinend ergebnislose Schieen aus der Schtzenlinie
auf die Nerven fiel. Dazu kamen die schweren Verluste, gegen die
man wehrlos war. Ich bin berzeugt, da der arme Teufel mit dem
zerschossenen Unterleib, der schreiend in seiner Qual vor der Front
hin und her taumelte, sein gut Teil zu dem Siege beigetragen hat, zu
dem mhelosen Siege, denn jenes anscheinend so tollkhne Anstrmen
gegen den Hgel kostete nur wenige Menschenleben, so aufregend es war
whrend der kurzen zehn Minuten des Vorwrtsjagens. Von einzelnen
Mnnern wurde der Hgel genommen. Eine Feuerleitung existierte nicht,
noch irgendwelche hhere Fhrung, in der entscheidenden Phase. Nicht
aus Mangel an Disziplin, denn bei den Regulren wenigstens war die
Disziplin vorzglich, sondern aus Mangel an Gefhrtwerden. Gab es doch
berhaupt keine Verbindung zwischen den einzelnen Verbnden. Man hatte
sorglos Regiment auf Regiment in den engen Waldweg hineingestopft ohne
eigentlichen Plan, und in natrlicher Notwendigkeit lsten sich die
Regimenter sofort in kleine Trupps auf, als sie in die Feuerzone des
schwierigen Terrains kamen, nach langem hilflosem Beschossenwerden im
Urwald. Von da aus arbeitete sich eben Trupp fr Trupp und Huflein
fr Huflein vorwrts; in echt amerikanischer Neugierde und in echt
amerikanisch leichtsinnigem Selbstvertrauen. Jeder Mann fhlte sich
als weier Mann und Amerikaner von vornherein mindestens zwei
Spaniern, zwei Dagos, gewachsen. Ein Spanier ist ja fr den echten
Sohn Onkel Sams nur drei Schattierungen besser als ein Chinese. Ein
verachteter =dago=. Die moralische Ueberlegenheit war da; leicht genug
einem Feind gegenber, der sich auf die Defensive beschrnkte und seine
Sache fr eine verlorene zu halten schien.

Diese Ueberlegenheit, und nur sie, gab den Ausschlag.

Die spanische Verteidigungslinie auf den Hgeln mit ihren vorzglich
angelegten Schtzengrben war ganz ausgezeichnet und uneinnehmbar,
wren Mnner gleichen Selbstvertrauens es gewesen, die sie besetzt
htten. Der Spanier verfgte obendrein ber ein besseres und
schnellerfeuerndes Gewehr als es das dnische Krag-Jrgensen auf der
amerikanischen Seite war, das deutsche Mausergewehr -- er kannte
alle Entfernungen -- alle Vorteile waren auf seiner Seite. So siegte
nur selbstvertrauender Leichtsinn in diesem exotischen Krieg des
Leichtsinns. Die Schlacht vom San Juan-Hgel gewannen schneidige,
leichtsinnige Jungens, die, auch die Regulren nicht, keine wirklichen
Soldaten im modernen Sinne darstellten trotz aller persnlichen
Tchtigkeit, denn sie wurden nicht gefhrt wie Soldaten. Erst lange
nach der Entscheidung griffen die ordnenden Hnde hherer Fhrer ein.

Im Hauptquartier herrschte furchtbarer Wirrwarr.

Gegen den Willen des Hchstkommandierenden eigentlich wurden
die Einzelkmpfe jenes Tags gekmpft und durchgefhrt, dem die
Kriegsgeschichte den Namen der Schlacht vom San Juan-Hgel gegeben hat.

Der alte General Chaffee hatte in den Nachmittagsstunden des 30. Juni
ganz allein, nur von einem Adjutanten begleitet, das Gelnde auf dem
uersten rechten Flgel rekognosziert und das Drfchen El Caney stark
besetzt gefunden. Mit dem Morgengrauen griff seine Brigade an, unter
hnlichen Verhltnissen wie beim San Juan-Hgel spter, und whrend das
heie und langwierige Feuergefecht um das kleine Dorf tobte, erhielt er
General Shafters Befehl, den Kampf sofort abzubrechen und der Brigade
Hawkins bei den San Juan-Hgeln zu Hilfe zu eilen. Man frchtete das
Schlimmste im Hauptquartier. Die starken Verluste im Fernkampf (20
Offiziere und 100 Mann tot, 70 Offiziere und 700 Mann verwundet),
zusammen mit Alarmmeldungen wie dem Versagen des 71. Regiments, hatten
den Stand der Dinge in sehr bsem Licht erscheinen lassen, und ber
die Erfolge des Tages war niemand wohl erstaunter als der Generalstab.
General Chaffee zgerte. Er frchtete den demoralisierenden Eindruck
eines Zurckgehens, das als Niederlage gedeutet werden mute. Da machte
sich die Sache eigentlich von selbst. Kleine Trupps strmten vor,
und er bentzte diesen gnstigen Augenblick, mit zwei Regimentern zu
strmen. In wenigen Minuten war das alte Steinkastell genommen, das
Dorf besetzt und der Feind in wilder Flucht.

Gleichzeitig fast oder wenig spter spielte sich der Endangriff
auf den San Juan-Hgeln ab, gleichfalls gegen den Befehl des
Hchstkommandierenden, der das Abwarten von Verstrkungen anbefohlen
hatte. In hnlich selbstndiger Weise wurde der Hgel rechts vom
Blockhaus von versprengten Truppen der Division Kent, der Hgel links
vom Blockhaus von den Rauhen Reitern, Regulrer Kavallerie und Teilen
des 1. und 9. Regiments unter Roosevelts Fhrung genommen. Alle fast
gleichzeitig. Um drei Uhr nachmittags war die gesamte Hgellinie, die
in weitem Bogen Santiago umschlo, im Besitz der Amerikaner.

       *       *       *       *       *

Ich ri mein Flanellhemd herunter und wand es aus, wie eine Waschfrau
ein Stck nasser Wsche auswringt. So na war es von Schwei, als ob
ich es nicht vom Leib, sondern aus dem Zuber Wasser gezogen htte.
Den letzten Rest schmutzigen San Juan-Wassers trank ich aus meiner
Feldflasche und war glcklich, in meiner Tasche unter den Patronen noch
ein Stckchen steinharten Zwiebacks zu finden. Unterdessen feuerte
hie und da jemand. Die Spanier erwiderten das Feuer nur schwach, und
den Mnnern auf dem San Juan-Hgel wurde die Geschichte sehr bald
langweilig, wenn es ihnen auch nicht an Munition fehlte, da inzwischen
ein Maultiertransport mit Patronenkisten nachgekommen war. Sie waren
hungrig und durstig und mde. Und trsteten sich mit allerlei Spssen.

Witze flogen hin und her. Sie verloren den Humor nicht, diese zhen
Regulren, wenn sie auch vllig erschpft waren und zur Krftigung
nichts hatten als die jmmerlichen Reste verschmutzten Wassers in den
Feldflaschen, ein paar harte Zwiebacke, ein Stck Speck im Tornister.
Sie halfen sich selbst, wie sie unter hllischem Feuer sich selbst
geholfen hatten; kratzten sich neue Schtzengrben aus gegen den Feind
zu mit ihren kurzen, breiten, praktischen Haubajonetten, und ruhten die
einen, whrend die anderen arbeiteten, im schwachen, unregelmigen,
abflauenden Gewehrfeuer. Dann eilten Offiziere hin und her und brachten
langsam Ordnung in die aus allerlei Regimentern zusammengewrfelten
Soldatenhuflein und organisierten planmiges Arbeiten in den
Schtzengrben.

Der Brigadestab hatte sich hinter dem Blockhaus auf der sanft
abfallenden Hgelkuppe versammelt. Whrend der Major mit den Offizieren
sprach, gingen Souder und ich zu den gefangenen Spaniern hinber, die
in Trupps eben herbeigefhrt wurden. Dreiig, vierzig Mann mochten es
sein im ganzen. Sie wurden von einem halben Dutzend Regulrer bewacht,
die ihnen die Mausergewehre, die Bajonette, und die Patronengrtel
abgenommen und auf einen Haufen geworfen hatten. Zuerst standen die
Spanier scheu da, als ob sie Mihandlungen befrchteten. Als aber
einer ihrer Wchter betrbt seine leere Feldflasche beguckte, trat
ein Spanier vor und bot ihm die seine an. Das war in dem Augenblick,
als wir hinkamen. Der Mann im braunen Khaki betrachtete die Flasche
vergngt.

Wasser? fragte er.

=Bueno -- bueno!= grinste der Spanier.

Der Infanterist setzte die Flasche an den Mund, tat einen tiefen Zug,
wurde krebsrot im Gesicht, tanzte auf einem Bein umher und hustete
gewaltig.

Verdammt, verdammt, verdammt ... brllte er, das ist ja Rum --
httest's mir nicht sagen knnen, da das klarer Rum ist?

Da lachten die kleinen Mnnlein, und Leben kam in sie. Allerlei riefen
sie uns zu, und wir grinsten und sagten =bueno -- bueno=, wenn wir
auch kein Sterbenswrtchen verstanden; tranken aber mit um so grerem
Verstndnis einen krftigen Schluck des brennenden Jamaikarums und
lieen uns mit Vergngen ein bichen in die Feldflaschen schtten.
Dabei redeten die Gefangenen schnatternd auf uns ein. Sie waren alle
kleiner als wir und schienen sehr jung. Zuckerhutfrmige, weie
Strohhte trugen sie und lappige Segeltuchschuhe und sonderbare
Uniformen aus weiem Baumwollstoff mit feinen blauen Streifen. Einer,
ein kleiner Bursche, ein Kind fast noch, stellte sich vor uns hin,
die Arme ausgestreckt, und erzhlte in sprudelndem Wortschwall irgend
etwas. Wir begriffen sehr bald, denn der temperamentvolle Sdlnder
wute sich in Gesten und Mienenspiel ganz ausgezeichnet auszudrcken.
Ein Ausdruck furchtbaren Entsetzens kam in sein Gesicht und seine Augen
sprhten.

Bum -- bum, bum, bum -- machte er. =Muy= bum, bum!

Er bedeckte das Gesicht mit den Hnden und tat als ob er strze, und
deutete auf den Boden, und machte eine werfende Handbewegung, einmal,
zweimal, fnfmal ---- =sempre= bum, bum, bum ... und die Arme ahmten
die mhende Bewegung einer Sense nach. In seinem Schtzengraben mute
es bs zugegangen sein.

Er meint die Gatlings, sagte der Major, der hinzugetreten war.
Maschinengeschtzfeuer hat die Kameraden neben ihm weggemht; kein
Wunder, da ihm das auf die Nerven gefallen ist, dem armen Teufel!

Er sagte irgend etwas zu dem Burschen, der in raschem Stimmungswechsel
lachend nickte und ein Pckchen Zigaretten hervorzog ... Zwei
Pckchen, drei Pckchen. Zigaretten! Mir traten die Augen beinahe aus
den Hhlen vor Neid. Teufel, die hatten Zigaretten, und in meiner
Tasche waren nur noch ein paar Krumen nassen, schlechten Tabaks! Der
Major mute hnliches empfinden, denn er nahm das Pckchen rasch
und zndete sich sofort eine Zigarette an, gleich darauf Souder und
mir eine anbietend. Ob ich zugriff! Ah -- welch ein Labsal das war,
so scharf die kubanische Zigarette auch schmeckte. Kstlich! Hunger
und Durst und Mdigkeit waren vergessen. Da drngten sich auch schon
die Gefangenen um uns und berschtteten uns mit Zigarettenpckchen,
die sie in Hlle und Flle besaen. Das Silberstck, das der Major
dem jungen Burschen anbot, wurde zurckgewiesen. Er hielt es noch
zwischen den Fingerspitzen, als ein Kubaner herbeistrzte, laut auf
ihn einschreiend, und den silbernen Dollar mit der einen Hand wegri,
whrend er mit der anderen dem Major einen gelben Papierfetzen
hinwarf. Dann rannte er Hals ber Kopf davon und war verschwunden.
Ein verblffteres Gesicht, als es der Major machte, htte kein Mensch
machen knnen.

=D -- d -- damn it!= stotterte er. Nix Papier, nix Papier, nix gut
Papier -- hat der Kerl gesagt. Was beim Kuckuck soll das nun heien?

Sein Gesicht wurde noch verblffter, als ich den gelben Fetzen aufhob,
denn das nix gut Papier war ein nagelneuer, richtiger, korrekter,
amerikanischer Zwanzig Dollarschein.

Was? rief der Major.

Ein Zwanzig Dollarschein!

Was? Er sah die Banknote an. Der Esel! Der unbeschreibliche Esel!!
brllte er, lachend wie nicht gescheit. Will kein Papier -- hartes
Silber ist ihm lieber! Hat das Geld natrlich fr irgend einen Dienst
bekommen -- Herrgott, was mssen diese Leute fr schlechte Erfahrungen
mit spanischem Papiergeld gemacht haben ... Stecken Sie 'n ein, stecken
Sie ihn ein; trinken Sie Mumm extra dry dafr mit Souder, wenn wir
wieder im Lande Gottes sind!

So kostete ihm die Schlacht vom San Juan-Hgel einen Silberdollar,
und uns brachte sie vier Flaschen Mumm =got americain=, die wir im
Restaurant des Kapitols in Washington drei Monate spter getreulich
tranken.

Da kam General Hawkins mit seinem Stab, und die spanischen Gefangenen
wurden in Reih und Glied aufgestellt, um befragt zu werden. Der Major
schlo sich dem Stab an.

Wir mssen zurck, sagte er, als er wiederkam. Die Linie mu nach
vorne!

Der Wald und der Schlammpfad nahmen uns wieder auf. Von den Hgeln her
hallte schwaches Gewehrfeuer.

       *       *       *       *       *

Es war Nacht geworden. Das Ballon-Detachement, das in aller Morgenfrhe
nicht weit von der San Juan-Furt auf einer Walddichtung einen
Aufstieg versucht hatte, mit dem Resultat geringer Erkundung, einiger
Leichtverwundeter und eines zerschossenen Ballons, war bald darauf
zurckgekommen und hatte schon begonnen, die Linie nach der Front zu
legen. Wir kampierten beim El Pozo Hgel, auf der ersten Station, und
sollten mit dem Morgengrauen Drahttransport und Linienbau aufnehmen. An
Schlaf dachte lange niemand. Der Diensthabende am Instrument gab und
empfing fortwhrend Meldungen, denn die telegraphischen Nachrichten aus
der Front wurden von unserer Station aus telephonisch weitergegeben.
Was die Adjutanten, die wenigen Meldereiter und die Ordonnanzen der
zweiten Station, die irgendwo im Wald steckte, an Depeschen brachten
und durch uns dem Hauptquartier bermitteln lieen, war fast nie etwas
anderes als lautes Drngen: Proviant -- Proviant -- Munition! Es fehlte
am Ntigsten in den Schtzengrben. Aber um zehn Uhr oder elf Uhr
trampelte eine Karawane schwerbeladener Maultiere auf dem La Quasina-El
Pozo Weg daher, die =Mules= strrisch, die Treiber fluchend ber den
furchtbar schlickigen Weg. Sie erkundigten sich bei uns, ob wir denn
nicht glaubten, da auch sie Gelegenheit bekommen wrden, ein bichen
mitzumachen. Auch sie hatte das Schiefieber angesteckt.

In dem wunderschn handlichen Loch dicht bei der Station, das die neben
uns platzende Granate am Morgen gerissen hatte -- diese Granate und
dieses Loch werde ich nicht vergessen, wenn ich auch sehr alt werden
sollte! -- zndeten wir aus allerlei gesammeltem Reisig und drrem
Holz ein gewaltiges Feuer an, kochten miserablen Kaffee und brieten
schlechten Speck. Viele Wolldecken hatten wir uns aufgelesen -- sie
lagen ja berall umher -- und saen auf weichen Sitzen, Zigaretten
rauchend. In hohem Ansehen bei den Kameraden, nicht etwa, weil wir
hatten mit dabei sein drfen, denn darber machten sie nur schlechte
Witze, sondern weil wir Rum mitbrachten, der den dnnen Kaffee
merkwrdig verbesserte. Und Zigaretten! Wir sprachen nur wenig. Waren
viel zu mde dazu. Zwei, drei Feuer flackerten auf der Flche zwischen
Hgel und Wald. Die Batterie hatte El Pozo schon lngst verlassen, um
auf einem der eroberten Hgel Stellung zu nehmen.

Einer nach dem andern wickelte sich in Decken und legte sich hin. Ich
htte gern geschlafen, aber ich war so unruhig, so aufgeregt, da
ich still am Feuer sitzen blieb und grbelte. An meinen Vater dachte
ich, der mit Leib und Seele Soldat gewesen war, und an die wenigen
Abende, an denen er sich herbeigelassen hatte, von Kniggrtz oder
von Vionville zu erzhlen; kurz, knapp, unpersnlich, wie das seine
herrische Art war. Wie er ganz sachlich davon gesprochen hatte, da
Artilleriefeuer stark demoralisierend wirke -- _und ich dachte an meine
Granate_ ...

       *       *       *       *       *

Da erklang es leise und zitterig irgendwo drauen in der stillen Nacht
-- tra -- lalalah -- tra -- lalaah ... tara -- rarah.... und die Wlder
fingen den leisen Trompetenklang auf und erstickten ihn langsam, da es
noch leiser und noch wehmtiger schallte -- tara -- tara -- ta -- ra --
la -- ra -- la -- r -- aaaa ... dumpf austnend in wehem, weichem Moll.
Und zitternd erklang es wieder und wieder, da nun, dort jetzt. War eine
Trompete ausgeklungen in leisem Hallen, setzte traurig eine andere ein
-- tara -- lala ------ Immer und immer wieder zitterte er in die stille
Nacht hinaus, der Zapfenstreich, der heute traurig erzhlte: Gefallen
auf dem Felde der Ehre!

Sie begruben die Toten.




Der Tag nach der Schlacht.

     Am Lagerfeuer. -- Vom Arbeiten in den Schtzengrben. --
     Nchtlicher Tropenregen. -- Auf dem Weg zur Front. -- Die
     spanischen Scharfschtzen. -- Der stille Wald. --
     Verwesungsgeruch. -- Das Tal der Toten. -- Der Kopf. --
     Blogelegte Grber. -- Das Kommen des Grauens. -- Das
     Leichenfeld. -- Im Hauptquartier des linken Flgels. -- Die
     Schtzengrben auf dem Hgel. -- Heftiges Gewehrfeuer in der
     Sternennacht. -- Mein Maultierritt. -- Vom Feuerschein beim
     Feind und dem Rtsel der Nachtattacke.


Khl und frostig kam der frhe Morgen.

Das Lagerfeuer war am Erlschen, zusammengebrannt zu einem Haufen
weilich grauer Holzasche. Nur wenn ein Luftsto daherstrich,
leuchteten rote Glutpnktchen auf, und feine rote Feuerschlangen
huschten wirr umher in dem kleinen Berge weien Staubes. Zitternd
scho da und dort ein schwaches Flmmchen auf, flackerte ein wenig
in rotgelbem Licht, lste sich los, schwebte sekundenlang ber den
huschenden Feuerschlangen und ward aufgesogen von der rings alles
umhllenden, schwarzen, tiefdunklen Nacht. Sekundenlang wurden die
Schlfer in den Decken dicht am Feuer in gespenstisch verschwimmenden
Umrissen sichtbar --

Dann und wann, wenn ein Windsto die schweren Wolkenmassen zerri,
tauchten die Bume und der nahe Waldrand in ungeheuren zackigen
Schatten auf, scharf sich abzeichnend im matten, fahlen Licht des
Morgendmmerns. Still war es berall, totenstill. Kein Laut klang
in die Nacht hinein auer dem leisen, ganz leisen Klicken da drben,
zwanzig Schritte weit weg. Ein winziger Lichtstreifen, der Schein
der Signallaterne bei den Instrumenten, zeigte undeutlich Gestalten
am Telephon und am Telegraphenapparat, ber Taster und Membranbecher
gebeugt, eifrig schreibend.

Ich sa und lauschte. In dieser Nacht hatte ich kaum geschlafen. Das
Klicken, das von der Front kam und zum Hauptquartier ging, erzhlte
in kurzen, knappen Meldungen an den kommandierenden General von
Arbeit, Arbeit, Arbeit. Sie hatten arbeiten mssen wie Maulwrfe in
dieser Nacht, die mden Mnner auf den Hgeln. Tief in die Erde hatten
sie sich eingegraben, Kilometer auf Kilometer von Schtzengrben
ausgehoben, Verschanzungen aufgeworfen. Hin und wider waren sie
marschiert, bis die einzelnen Verbnde sich nach dem Wirrwarr des
Schlachttags wieder zusammengefunden hatten. Und in das Erzhlen von
harter Arbeit klang, in den scharfen Befehlen vom Hauptquartier, die
Sorge --

Denn immer wieder befahl General Shafter neue Verschanzungen, und immer
von neuem schrfte er den Kommandeuren der Front ein, um jeden Preis
die Hgellinie zu halten und auf keinen Fall ohne ausdrcklichen Befehl
ber sie hinaus vorzugehen.

Nein, ich konnte nicht mehr schlafen.

So ging ich zu den Instrumenten hin und hockte mich neben Souder, der
jetzt den Dienst am Fronttelephon hatte.

Ist nichts Besonderes los, brummte er. Weshalb schlfst du denn
nicht?

Kann nicht ----  murmelte ich.

Gedankenlos hrte ich zu, wie der Sergeant mit halblauter, monotoner
Stimme eine Meldung telephonisch weitergab -- dringend, dringend,
dringend. Vom Hauptquartier an die Generale Lawton, Kent, Chaffee,
Bates ... Da klatschte ein Wassertropfen auf meine Hand, ein zweiter
nun, ein dritter, und kaum war ich aufgesprungen, als es schon
herabbrauste in schweren Wassermassen.

Die Instrumente! brllte Souder.

Fluchend rumpelten berall um uns Gestalten in die Hhe. Alles
rannte blindlings nach den aufgestapelten Tornistern, um tastend und
tappend in der Dunkelheit die Gummidecken hervorzusuchen. Aber sie
konnten nicht schtzen gegen diese Fluten. Nach vieler Mhe gelang
es uns, wenigstens ein Zelt fr die Station zu errichten und es mit
den Gummidecken halbwegs wasserdicht zu machen. Die Instrumente
funktionierten. Die Mnner aber, die den Dienst hatten, hockten mitten
im Wasser, denn in Bchen kam es den Hgel herabgeschossen.

Es regnete und regnete. Nicht einzelne Tropfen fielen, sondern
schwer und geschlossen sauste es herab, wie ein Strom fast aus
geffneter Schleuse. In die Haut drang uns das Wasser, und ins Mark
hineinzuschleichen schien sich die Klte. Frierend und zhneklappernd
standen wir da und rhrten uns nicht. Es wre sinnlos gewesen, gegen
diese Wassermassen Schutz suchen zu wollen. Flssiger, breiiger
Schlamm umsplte unsere Knchel, und dampfig stieg es auf aus unseren
ekelfeuchten Kleidern. Und es regnete und regnete; eine Viertelstunde
lang, eine halbe Stunde.

Dann wurde es mit einem Schlage still. Ueber den Hgeln drben tauchte
ein Lichtstreifen auf, wurde breiter, leuchtete heller, und froh
und warm ergo sich der Sonnenschein bers Tal. Bald loderten die
Kaffeefeuer auf, und nasse Menschen umstanden sie in dichten Knueln.
Der Dunst trocknender Kleider stieg muffig empor und mischte sich mit
den Bodengerchen des tropischen Fieberlandes.

Major Stevens trat zu uns und verteilte aus einem Glasrhrchen
Chininpillen.

       *       *       *       *       *

Es war um Mittag, und die Sonne brannte glhendhei aus wolkenlosem
Himmel auf den Weg zum Wald hernieder, auf dem Souder und ich
dahinschritten, schwer bepackt ein jeder mit Taschenapparat, Flaggen,
Waffen, Tornister und Decke. Die sdliche Station bei der Brigade Bates
auf dem linken Flgel -- das Ballondetachement legte die neue Linie --
war uns beiden zugeteilt worden.

Still lag der breite Lehmweg zum Wald da. Zu beiden Seiten, im Gras
und im lehmigen Schlamm, auf dem die Gluthitze schon harte Krusten
gebildet hatte, lagen noch in Haufen die Decken, die Tornister, die
Mntel, verregnet und verschmutzt. Nicht weit vom Weg unter einem Baum
streckte ein totes Maultier in grotesker Starrheit die vier Beine in
die Hhe. Der furchtbar aufgedunsene Bauch des Tieres sah aus wie eine
groe braune Kugel. Schwacher Verwesungsgeruch drang herber; kaum
bemerkbar, wre der Kadaver nicht zu sehen gewesen, aber doch schon
unertrglich in der eklen, heien, berfeuchten Hitze.

Von den Hgeln her hallte unregelmiges Gewehrfeuer.

Es hatte mit Tagesanbruch begonnen und ununterbrochen den ganzen
Vormittag gedauert. Nur vereinzelte Schsse waren es, mit langen
Pausen oft und seltenem lebhafterem Geknatter. Aus den Meldungen des
Vormittags wuten wir, da es nur Feuer aus den Schtzengrben war und
wahrscheinlich hben wie drben wenig Schaden anrichtete.

Sagen sich gegenseitig Guten Tag! brummte Souder. Machen ein bichen
Spektakel! U -- iih -- wie ist das hei! An mir ist kein trockener
Faden mehr --

Im gleichen Augenblick duckte er sich, denn eine Kugel zischte in
unangenehmer Nhe ber unseren Kpfen dahin. Wir rissen beide die
Karabiner von den Schultern und sphten links und rechts in den Wald
hinein, Baum fr Baum mit den Glsern absuchend.

Ich sehe nichts! sagte der Sergeant leise. Wo der Kerl nur stecken
mag?

Dort -- in dem Baum dort! flsterte ich.

Unsinn, Mann! Was du siehst, ist nur ein heller Lichtfleck ...

Wir waren grndlich angesteckt von der Scharfschtzennervositt auf
der amerikanischen Seite, die in jedem Sonnenfleck in einer Baumkrone
einen spanischen Schtzen sah. Nicht nur jeder Soldat, mit dem wir
gesprochen hatten, wute von Hunderten unheimlicher Scharfschtzen zu
erzhlen, die sich hinter unserer Angriffslinie umhertrieben, sondern
eine besondere Depesche vom Hauptquartier hatte sogar befohlen, die
Wlder sorgfltig abzusuchen und die auf den Bumen versteckten Spanier
zu finden und unschdlich zu machen. Die Armeefama bertrieb. Aber
doch war an den Gerchten viel Wahres. So manchen Spanier hatten die
amerikanischen Regulren nach langem Suchen in den Bumen entdeckt
und erbarmungslos herabgeschossen; denn die Truppen empfanden das
heimliche Feuern aus Verstecken innerhalb der amerikanischen Linien
als etwas Heimtckisches, Unerlaubtes. In Wirklichkeit befanden
sich diese spanischen Scharfschtzen sehr gegen ihren Willen auf
verlorenen Posten. Sie hatten sich in dem Gelnde vor der spanischen
Verteidigungslinie in Baumkronen eingenistet, als Spher und Vorposten,
ehe der amerikanische Marsch auf die Hgel begann. Dann waren sie durch
das rasche Vordringen der amerikanischen Regimenter abgeschnitten
worden.

Da blieben sie in ihren Verstecken. Hllenqualen der Angst mssen sie
ausgestanden haben. Blieben, wo sie waren, in Todesangst -- feuerten
wohl auch auf vereinzelte amerikanische Soldaten in halbem Irrsinn
-- statt herabzuklettern und sich gefangen zu geben. Sie frchteten
sich zu sehr. Man hatte ihnen zu viel erzhlt von den amerikanischen
Barbaren, die gekommen seien, die Insel zu stehlen, und Gnade und
Barmherzigkeit nicht kennten. Sie mochten bei der Madonna und allen
Heiligen fest daran glauben, da der Yankee seinen Gefangenen den
Bauch aufschlitze, wie das die lieben kubanischen Insurgenten zu
tun pflegten. So warteten sie zitternd und feuerten blindlings auf
amerikanische Patrouillen und starben.

Trotz allen Sphens entdeckten wir aber nichts und stampften endlich
weiter.

Der Pfad war heute noch schlammiger und noch tiefer eingelchert
von Tausenden von Menschentritten und Maultierhufen. Als wir um die
Wegkrmmung bogen, sahen wir unter den Bumen, ein gut Stck im Wald,
ein groes weies Hospitalzelt mit der Roten Kreuz-Flagge. Weiter vorne
am Pfad hockten berall Verwundete, die zum Erbarmen elend aussahen
mit ihren schlammbeschmutzten, blutbefleckten Verbnden und den ber
und ber schmutzigen Kleidern und den blassen Gesichtern. Sie muten
warten, bis die Aerzte Zeit fr sie fanden. An einem Busch war ein
Packmaultier angebunden, und sein Fhrer verteilte aus einer groen
Kiste Kautabak und Rauchtabak an die Soldaten.

Mann, der Tabak ist gut! hrten wir einen Verwundeten sagen. Wenn du
jetzt noch ein bichen Whisky httest, wrd' ich mir gern _noch_ ein
Loch in den Arm schieen lassen!

Totenstille herrschte im Wald. Wo gestern die Kompagnien, die
Regimenter, die Menschenmassen in der rasenden Eile und dem schreienden
Drngen der Schlacht dahingestrmt waren auf dem schlammigen Pfad
und den grasverwucherten Lichtungen, wo Granaten geheult und Kugeln
gepfiffen hatten, da war es jetzt still und ruhig und friedlich wie
auf einsamem Buschweg. Hinter uns lag der Verbandplatz; vor uns in der
Ferne die Hgel. Auf dem Weg selbst begegneten wir keinem Menschen.
Dann und wann nur tauchten abseits in den Lichtungen Soldatengestalten
auf, die tiefgebckt mit Hacke und Spaten hantierten, und hie und da
ertnte leise abgedmpfter Trompetenklang, als letzte Ehrung ber
einem Grab geblasen. Die verstreuten Toten, die ihr Schicksal auf
versteckter Stelle im Dschungel ereilt hatte, wurden aufgesucht und
begraben. Langsam tappten wir vorwrts. Der graugelbe Schlamm war oben
schon verkrustet und verstaubt in der Gluthitze, aber unter der dnnen
Schicht verbarg sich zhflssiger Morast, in den man tief einsank
bei jedem Schritt. Durch das Baumlaub drangen hei und stechend die
Sonnenstrahlen. Wie erstarrt schienen Bume und Bsche. Kein Blatt
raschelte, kein Grashalm regte sich --

Ich blieb stehen und trocknete mir den Schwei von der Stirne. So hei
haben wir's noch nicht gehabt! murrte ich. Herrgott, die Hitze ist
kaum zum Aushalten! Und wie dumpfig und sonderbar das riecht!

Souder wechselte das schwere Telephon von der einen Schulter auf die
andere und sah sich bedchtig um. Weit du was? sagte er. -- Machen
wir, da wir aus dem alten Wald hinaus und zu unserer Station kommen!

Aber schon nach wenigen hundert Schritten blieben wir wieder stehen und
sahen uns an. Einer den andern. Keiner wollte mit der Sprache heraus.

In der Luft lag fade, faulend, slich, leiser Verwesungsgeruch.

Irgendwo im Gestrpp mssen noch Tote unbeerdigt liegen, sagte der
Sergeant endlich. Was es mit der Luft hier fr eine Bewandtnis hat,
ist klar genug.

Aber ein Mensch kann doch nicht von gestern auf heute in Verwesung
bergehen, wandte ich erstaunt ein.

Warum denn nicht? meinte der Sergeant achselzuckend. Bei dieser
Gluthitze! Denk' doch an das Maultier, an dem wir vorbeigekommen sind,
dicht bei der Station vorhin! Das war gestern auch noch lebendig!
Wollen einmal nachsehen, wo der arme Teufel liegt --

Der Weg war hier viel breiter und zerteilte sich in den lichten
Waldstellen in winzige, in das Gras hineingetrampelte Pfade,
voneinander getrennt durch niedriges Gestrpp und kleine hgelige
Graswellen. Dazwischen ragten breite Mangos und schlanke Kokospalmen
mit ihren massigen Blttern, die wie groe Fcher den Weg
berschatteten und nur da und dort einen gelbglnzenden, sengenden
Sonnenstrahl durchdringen lieen. Die Luft war hei und dumpf und
dampfig, und in die Schwle hinein drngte sich der Aasgeruch und
schien alles zu umschweben und an allem festzuhaften.

Dort drben mu es sein! rief Souder.

Wir stapften durch den Schlamm, bogen seitwrts ab, kamen in hohes
Gras, und auf einmal trat ich auf etwas Weiches, Klebriges. Ich
glitschte aus, rutschte und schlug der Lnge nach schwer hin, mitsamt
der Drahtrolle und dem Telephon, dessen Glocke leise klingend ertnte.

Verdammt! schrie ich wtend.

Was gibt's denn? rief Souder, der einige Schritte voraus war, und kam
zurck.

Er lachte laut auf, als ich mich brummend zwischen Draht und Instrument
und Tornister emporarbeitete, aber das Lachen verging ihm bald ----
Mann -- du bist dem -- dem Ding da -- auf den Kopf getreten!
stotterte er.

Aus der grasigen, welligen Erhhung mit den verstreuten Lehmschollen,
da, wo ich gestolpert war, ragte ein menschlicher Kopf aus dem Boden.
Ein schwarzbehaarter Hinterkopf. Und mitten auf den armen Schdel
mute ich getreten sein. Mein schwerer Stiefel hatte die halbverweste
Kopfhaut auseinandergerissen. Zwischen den schwarzen Haaren schimmerte
es blutigbraun von ekelerregender Flssigkeit.

Ich sprang entsetzt zurck und tanzte wie besessen zwischen den
Grasbscheln umher, mir krampfhaft die Stiefel abwischend. Pfui
Teufel! brllte ich in malosem Ekel. Pfui Teufel!

Der arme Kerl sprt nichts mehr, sagte der Sergeant. Aber er machte
einen weiten Bogen um den Kopf, whrend er sprach, und kam zu mir
herber. Ich fuhr immer noch mit den Stiefeln im Gras hin und her --

Kann die verfluchte Bande denn die Toten nicht tief genug
hineinbegraben! schrie ich auer mir.

Souder zuckte die Achseln. Machen wir, da wir weiterkommen! sagte
er gelassen. Schn ist's nicht, aber man mu sich nicht viel Gedanken
darum machen. Tot ist tot -- und lebendig ist lebendig. Zwischen einer
toten Katze und einem toten Mann ist nicht viel Unterschied. Beide
------ aber machen wir, da wir weiterkommen! Uebrigens kann kein
Mensch was dafr. Wenn du gestern abend dazu kommandiert worden wrest,
die Gefallenen zu beerdigen, so httest du auch keine sechs Fu tiefen
Lcher gegraben in deiner Mdigkeit! Der Regen hat's getan! Der hat die
lose Erde weggewaschen -- man sieht's ja -- guck' nur hin!

Ich danke! Fllt mir gar nicht ein!!

Hab' dich nicht so! brummte der Sergeant. Weiter -- weiter!

Und ich schmte mich ber mein Getue, denn es schien mir unmnnlich
und unsoldatenhaft -- jawohl, ich schmte mich! Aber ich ging mit sehr
vorsichtigen Schritten und machte einen groen Bogen um jede Erhhung,
die ein Grab vermuten lie.

Der Verwesungsgeruch war und blieb in der Luft.

Einmal sah ich einen Arm aus dem Boden ragen dicht am Weg, ein anderes
Mal einen bestiefelten Fu, der in grotesker Steifheit aus der Erde
emporzuwachsen schien. Und der Aasdunst umfing uns fortwhrend.

Jetzt wird's mir aber bald auch zu viel ------  sagte Souder, sich
sein schmutziges Taschentuch vors Gesicht haltend.

Kurz vor der ersten San Juan-Furt begegneten wir einem Korporal vom 5.
Infanterieregiment mit sechs Mann, die Hacken und Schaufeln trugen. Der
Korporal war ein graubrtiger alter Regulrer.

Verdammt, Sergeant, sagte er knurrig, Ihr Signalmenschen habt's
besser als wir!

Das verstehst du nicht, mein Sohn!

So! Eh? =Damn the whole damned= ---- Sieh mal her! Er zog eine
Handvoll Blechmarken aus seiner Tasche, wie jeder Soldat sie zur
Identifizierung um den Hals trug. Da! Siebenundzwanzig Mann haben wir
begraben! Und sie waren nicht schn, die siebenundzwanzig Leichen! Da
im Wald, dort im Wald, haben wir Lcher gegraben und die =stiffs= unter
die Erde geschaufelt. Waren wir an einer Stelle fertig, so erwischte
uns sicher hundert Schritt weiter ein Offizier, der uns an eine andere
Stelle schickte. Sie liegen berall -- und, Sergeant -- es waren welche
dabei -- die wir nicht anfassen konnten -- mit den Schaufeln haben wir
sie in die Lcher gestoen ...

Wir haben auch welche gesehen! erklrte Souder trocken, und wir
gingen weiter. Wir durchwateten die Furt, da, wo gestern die 71er
gefallen waren, und sahen eine Leiche im Wasser liegen.

Teufel -- Teufel! rief Souder und sprang in mchtigen Stzen das Ufer
hinan. Und ich wute, da er das fhlte, was ich fhlte. Was zuerst
nur Ekel gewesen war, der Abscheu des lebendigen Menschen vor dem
frchterlichen Geruch des toten Menschen, wurde jetzt zu einem Grauen,
zu entsetztem Grauen, was wohl die nchste Wegbiegung bringen konnte --
zu einer Angst, zu atembeklemmender Angst. Ich sprach kein Wort und er
sprach kein Wort. Aber ich sah, da er scheu zur Seite blickte Schritt
auf Schritt, und er merkte es, da ich wieder in Furcht und Grauen mir
jeden Fubreit Weg, jedes Gestrpp am Wegrand betrachtete. Der Pfad
war eng. Undurchdringlicher Busch begrenzte ihn auf der linken Seite,
whrend rechts niedriges Gestrpp den Ausblick auf Baumgruppen und
Grasland erlaubte.

Und jetzt wurde der Verwesungsgeruch strker und immer strker. Wir
gingen ihm nach -- instinktiv -- ohne ein Wort zu sagen ------

Dicht hinter dem Gestrpp lag ein Stck nackten, lehmigen Erdlandes,
auf dem kaum einige Grasbschel wuchsen. Die kahle Flche senkte sich
in sanfter Neigung zu einem Bchlein voll trben, schmutziggelben
Wassergerinsels, das irgendwo in den San Juan flieen mochte. Ueber dem
Bach stieg wellig eine ppige Grasflche an mit vielen Mangobumen, die
scharfe Schlagschatten warfen im grellen Sonnenlicht. Das kleine Stck
weichen Landes, das einst ein Feld, ein Acker gewesen sein mochte,
war wie zerfetzt von Furchen und Rinnen und ausgetrockneten Tmpeln,
gegraben von dem Regenstrom der Nacht im Suchen eines Weges zum Bach
hinab. Auf diesem Stck Land waren gestern tote Mnner beerdigt worden.
Der Regensturm hatte das weiche, gelockerte Erdreich weggewaschen --

Aus der Furche dort, keine fnf Schritte weit weg, ragten Finger
empor. Eine rostbraune, verwesende Hand mit einem Stck Aermel, an
dem gelbe Metallknpfe schimmerten. Starr und steif reckten sich die
nassen verwesenden Finger gen Himmel, weit auseinandergespreizt,
wie anklagend, und an dem einen Finger schimmerte golden ein Ring.
Der Fu mit dem Stiefel stak festgeklebt zwischen zwei Erdschollen.
Den Krper selbst bedeckte noch Erdreich. Wir waren entsetzt
stehengeblieben, starrend, sprachlos. Dutzende von Gefallenen muten
in dem schrecklichen Leichenfeld da liegen. Eifrmig wuchsen die halb
blogelegten Leiber zwischen den Furchen, aus den Erdschollen empor.
Und der Geruch, der Pesthauch ... Finger sah man; man sah Hnde,
Arme, Fe, Krper. Ein Ellbogen hier, sonderbar gekrmmt, verrenkt,
unnatrlich. Ein Hinterkopf dort. Der Hals ber dem aufgerissenen Hemd
glnzte blulich und man sah -- Herrgott, man glaubte wirklich, es zu
sehen und es mitzuerleben -- wie die Gluthitze ihre Verwesungsarbeit
verrichtete. Wie es faulte. Wie Haut und Muskeln und Sehnen
dahinschwanden. Eine braune Lache hatte sich gebildet, auf der es lig
glitzerte, und der Hals war nur noch eine blaubraune, verfallende
Masse --

Drben ber dem Bach im Gras tauchte der Korporal mit seinen Leuten auf.

Hierher! brllte Souder. =For Gods sake= -- kommt hierher!!

Der Korporal sprang herbei und prallte zurck, als die Verwesungsluft
ihm ins Gesicht schlug.

Wo -- wo? stotterte er.

Wir deuteten, und er sah die Greuel in der Erde.

Schnell! schrie er seinen Leuten zu. Mein Gott -- schnell, Jungens!
Erde drauf!

Und die Schaufeln der schweibedeckten Soldaten fuhren in die Erde.
Dicht neben Leibern und Gliedern. Sie arbeiteten wie Wahnsinnige. Sie
arbeiteten fr sich selber. Sie wollten befreit sein von dem Anblick,
von der Unertrglichkeit. Ein groer Lehmklumpen fiel hart geworfen,
schwer, klatschend auf den verwesenden Kopf nieder --

Da rannten wir zurck auf den Weg, der Sergeant und ich, und rannten
weiter und liefen noch ein gutes Stck weit -- bis uns der Atem ausging.

Das -- das waren gestern noch lebendige Menschen! keuchte Souder,
als wir einen Augenblick stehenbleiben und rasten muten. Junge --
lebendige -- Menschen -- =my God, my God=, so knnten wir jetzt auch
daliegen, du und ich! Und du mtest dich vor mir ekeln, wenn ich es
wre, und ich mich vor dir, wenn es dich getroffen htte -- =my God=!

Auf dem kurzen Weg zu unserer neuen Linie sahen wir noch vier halb
blogelegte Leichen. Alle dicht am Weg. Unter den Bumen und im
Gestrpp muten noch Dutzende und Aberdutzende liegen; Hunderte
vielleicht, denn der Verwesungsgeruch lag schwer berall in der Luft.

So sah es aus auf dem Feld der Ehre -- am andern Tag ...

       *       *       *       *       *

Dicht am Fu des San Juan-Hgels trafen wir auf die Linie. Die
Ballonmannschaften waren bereits fertig mit ihrer Arbeit. Dem Draht
folgend, der straff von Baum zu Baum gespannt war, hatten wir bald
das Hauptquartier des linken Flgels erreicht und sahen zwischen den
Zelten das Ende des Isolierdrahts von einem dicken Busch baumeln.
Wir schalteten ein, meldeten uns und erfuhren, da unsere Station
dienstlich Nummer 4 heie -- =S O= 4. Die neue Blockhausstation war
=S O= 3, El Pozo =S O= 2, das Hauptquartier, das nicht vorgeschoben
wurde, sondern auf dem alten Platz verblieb, =S O= 1. Wir machten aus
unseren Zeltwnden und den Gummidecken ein gerumiges Zelt zurecht.
Umherliegende leere Munitionskisten gaben einen Tisch und Sthle.

Das Hauptquartier der Brigade lag auf einem schmalen Streifen Grasland
mit vielen Bumen, dicht an die steil aufragende Hgelwand gedrngt
und binnen fnfzig Schritt vom San Juan-Flchen begrenzt, das in
weiter Krmmung hinter dem Hgel dahinflo. Unser Zelt stand auf einer
schrgen Stelle dicht im Wasser, nicht weit von den beiden groen
Zelten des Generals und seiner Adjutanten. Dann und wann krachte oben
auf dem Hgel ein Schu.

In die steile Hgelwand waren Stufen geschaufelt worden. Wir
kletterten hinauf, um den General zu suchen, der irgendwo oben in
den Schtzengrben war, und uns bei ihm zu melden. Die rohe Treppe
verlief in einen breiten Gang, so tief ausgegraben, da die hohen
Wnde vlligen Schutz vor feindlichem Feuer boten, wenn man sich ein
wenig duckte. Andere Gnge mndeten rechts und links ab. Die Kuppe
des Hgels war zerwhlt wie ein Ameisenhaufen. Der breite Hauptgang,
in dem wir standen, verlief schnurgerade zum Kuppenrand und mndete
dort in den eigentlichen Schtzengraben, der sich weithin dehnte,
dicht besetzt mit hingekauerten Soldatengestalten. Gut zwei Meter
breit war der fast mannshoch ausgehhlte Schtzengraben. Eine breite
Erdstufe an der Vorderseite erlaubte den Schtzen, bequem im Liegen
zu feuern. Sandscke in langen Reihen, markiert durch ausgestochene
Rasenstcke und Gezweig, verdeckten und sicherten die Schtzenstellung.
Als wir den Kuppenrand erreicht hatten, kauerten wir uns vor eine der
schieschartenartig ausgehhlten Oeffnungen in der Grabenwand -- sehr
vorsichtig, denn alle Augenblicke zischte es surrend ber unseren
Kpfen dahin -- und sphten durch die Glser auf das sonnenbestrahlte
Gelnde.

Dort, halbrechts vor uns, in verblffender Nhe anscheinend, lag
Santiago de Cuba. Klar, scharf, grell traten einzelne Gebude hervor;
ein riesiges, langgestrecktes, schneewei glitzerndes Haus vor allem,
ber dem die Rote Kreuz-Flagge wehte. Andere Gebude sahen selbst
in meinem guten Glas undeutlich und nebelhaft aus. Ich schtzte die
Entfernung auf vielleicht anderthalb Kilometer. Eher weniger. Zwischen
Hgeln und Stadt erstreckte sich buschiges Gelnde mit vereinzelten
Grasflecken und Baumgruppen. Die Hgelwand senkte sich vom Kuppenrand
dem Feind zu ziemlich steil in eine Niederung mit vielem Gestrpp. In
einer Entfernung von zweihundert Metern waren im Gras und zwischen den
Bschen da und dort verdchtige Flecke zu sehen, bald gelblich hell,
bald dunkel und schwarz. Das mute Erde von Schtzengrben sein, und
dort mute der Feind liegen.

General Bates, der Befehlshaber des linken Flgels, war im
Schtzengraben weiter rechts, wie uns ein Korporal sagte, den wir
befragten. Wir liefen hinter den Schtzenreihen entlang und meldeten
uns bei dem General. Der alte Herr, der mit einigen Offizieren im
Graben kauerte, grte dankend und sagte zu einem Adjutanten:

Mr. Jameson, weisen Sie dem Signalsergeanten eine Ordonnanz zum
Ueberbringen von Meldungen zu. =Allright=, Sergeant, Sie knnen zur
Station zurckkehren. Senden Sie mir, bitte, sofort Nachricht, sobald
Sie Privattelegramme nach den Vereinigten Staaten annehmen drfen.

Kaum waren wir wieder beim Instrument, so lief die erste Depesche ein:

General Shafter wird um fnf Uhr die Stellung besichtigen und ersucht
General Bates, einen Offizier zur Fhrung nach dem Blockhaushgel zu
senden.

       *       *       *       *       *

Es war nach acht Uhr abends und still berall. Souder und ich saen
rauchend vor unserem Zelt, dicht am niederen Eingang; schweigend, damit
wir das leise Anrufen des Taschenapparats sofort hren konnten. Ueber
uns glitzerte und strahlte in unsglicher Pracht der Sternenhimmel;
milchig, sprhend in weier Glut in Milliarden von zitternden, bebenden
Lichtpunkten.

Da fiel ein Schu. Ein zweiter, ein dritter ... In rascher Folge
knallte es scharf drhnend in der stillen Nacht. Und mit einemmal
peitschte der Schall frmlich daher in donnerndem Klang, in Tausenden
von Schssen, in schweren Salven, in rasselndem Schnellfeuer.

Der General strzte aus dem einen Zelt, die Adjutanten aus dem anderen,
und Hals ber Kopf rannten sie zur Hgelwand, zur Erdtreppe, laufend
wie Jungens. Ich sa mit offenem Munde da, so berraschend pltzlich
war der Hllenlrm gekommen. Hoch ber meinem Kopf zischte es drhnend,
surrend, brausend daher.

Zwei Armeen schossen aufeinander in tiefer Nacht. Die Spanier griffen
an. Ein schweres Nachtgefecht hatte begonnen.

Wir krochen ins Zelt und warteten in atemloser Spannung auf
Nachrichten. Das Gewehrfeuer dauerte in ununterbrochener Heftigkeit
fort. Souder griff wohl zehnmal nach dem Taster, zog aber immer wieder
die Hand zurck, denn er wagte es nicht, in so ernster Zeit der
Blockhausstation mit einer privaten Anfrage zu kommen. Endlich klickte
es nach einigen Minuten, und eine Depesche vom Hchstkommandierenden an
General Bates lief ein, mit dem Befehl, telegraphische Meldung ber den
Stand des feindlichen Nachtangriffs zu erstatten. Fast gleichzeitig kam
ein Adjutant und brachte ein lakonisches Telegramm zur Weitergabe an
General Kent, an die Blockhausstation:

Was -- bedeuten -- die -- Feuer?

Als jedoch der Sergeant den Schlssel ffnete und den Taster ergriff,
klickten die metallenen Stbchen nur matt, tonlos beinahe -- _die
Verbindung war unterbrochen_! Mit einem grimmigen Fluch schob er den
Schlssel wieder zu.

=Break in the line=! sagte er kurz. Sind abgeschnitten! Bring' dem
General das Telegramm, melde ihm, da die Linie nicht funktioniert, und
bitte um Orders!

In langen Stzen sprang ich die Erdstufen hinan, eilte durch den tiefen
Hauptgang und war in den Schtzengrben. Dicht an die Wnde gekauert
lagen die regulren Infanteristen in langen Reihen da, und in endlosem
Geknatter hallten ihre Schsse in die Nacht hinaus. Offiziere rannten
ab und zu und befahlen immer wieder gellend:

Niedrig halten -- niedrig halten, Leute! Zweihundert Yards -- auf die
schwarze Gestrpplinie -- dort, wo es am dunkelsten ist -- niedrig
halten!

Und ber die Wlle der Grben kam es in schweren Lagen vom Feind
dahergepfiffen, bald hoch in der Luft, wie es schien, bald verzweifelt
nahe. Feuerschein rtete den Sternenhimmel. Weit rechts von der
belagerten Stadt flammten am Himmelsrand wie glhende Sonnen gewaltige
Feuer an drei Stellen, hher das eine als die beiden anderen. Unten im
Tal leuchtete es dann und wann winzig auf wie Glhwrmchenschein ...

=Fix bayonets!= brllte irgend jemand irgendwo, und klirrend fuhren
die Eisen auf die Gewehrlufe.

Am Ende des Hauptgangs fand ich den General. Er sah mich sofort und
fragte kurz:

Nachrichten? Was gibt's, Mann?

Ich berreichte die Depesche vom Hauptquartier und meldete die
Unterbrechung der Linie.

Was? Der Draht funktioniert nicht? rief der alte Herr scharf. Sie
mssen sofort los und unter allen Umstnden den Fehler finden. Die
Verbindung mu schleunigst wiederhergestellt werden. Knnen Sie das?

Ich glaube ja, General. Die Linie bis zur Blockhausstation ist nur
kurz und unschwer abzusuchen.

Im Dunkeln?

Wir haben Magnesiumfackeln.

Gut. Machen Sie sich unverzglich an die Arbeit. Haben Sie Anschlu,
so senden Sie General Shafter diese Depesche. Die Meldung an das
Hauptquartier, die mir der General nun diktierte, hatte ungefhr
folgenden Inhalt: Nordwestlich von Santiago brennen drei groe Feuer
auf den Hgeln. Was diese Signale bedeuten, ist nicht bekannt. Das
feindliche Gewehrfeuer scheint von den spanischen Schtzengrben zu
kommen. Wahrscheinlich steht ein Angriff bevor.

Ich kugelte beinahe die Erdstufen hinab, in solcher Eile war
ich, denn die allgemeine nervse Erregung da oben auf den Hgeln
ber das unheimliche nchtliche Gewehrfeuer hatte mich grndlich
angesteckt. Souder hatte das Tascheninstrument und Ersatzdraht
bereits hergerichtet. Dicht beim Adjutantenzelt stand, an einen Busch
angebunden, ein Maultier.

Nimm das Maultier! sagte der Sergeant. Du kommst schneller vorwrts
dann!

Und ich kletterte in den infam unbequemen hlzernen Packsattel,
schlug dem Tier die Hacken in die Seite, und los ging es. Es war
ein abscheulicher Ritt, wenn er auch nur eine knappe Viertelstunde
dauerte. Wir hatten nur noch eine einzige Magnesiumfackel in unseren
Tornistern gefunden, und die mute aufbewahrt werden zur Arbeit
an der Bruchstelle. So lie ich alle paar Schritte ein Zndholz
aufflammen und starrte in dem schwachen Lichtschein zur Linie hinauf,
ob sie noch straff gespannt war. Dabei bockte das Biest von einem
Maultier fortwhrend. Obendrein war der eckige Holzsattel das reine
Folterinstrument. Auf einmal --

Halt! Ha -- aalt!

=Friend=! schrie ich.

Losung!

Zum Teufel -- ich hatte die Losung nicht! In meiner Verwirrung dachte
ich darber nach, was ich antworten sollte ... da knallte es, und eine
Kugel pfiff dicht an meinem Kopf vorbei.

Du verdammter Lmmel! brllte ich in unbeschreiblicher Wut. Wenn du
noch einmal schiet, hau' ich dir alle Knochen kaputt, =you son -- of
-- a -- gun= -- du ballernder Sohn einer alten Kanone! Hier -- ist --
Signalkorps! Bei der Arbeit! Hrst du, du Narr!

Und auf dem ganzen Ritt hrte ich Kugeln pfeifen. Auf den Hgeln wurde
geschossen, vom Feind her kam es, und hinter den Hgeln scho man erst
recht. Das nchtliche Feuern hatte die Menschen verrckt gemacht. Sie
verloren den Sinn fr Richtung. Sie witterten einen Feind in jedem
Gerusch, ob das nun vor ihnen war oder hinter ihnen, und blafften
schleunigst darauf los. Mindestens sechs, sieben Mal ist auf mich und
das alte Maultier geschossen worden in jener Nacht.

Ziemlich in der Nhe der Blockhausstation erst fand ich den Bruch an
einer niedrigen Stelle, zwischen zwei Bschen. In drei Minuten war der
Schaden ausgebessert, und ich gab meine Meldungen auf. Klickend kam es:

Von General Kent. -- Feind greift nicht an. Nichts Neues.

Von General Lawton. -- Nichts Neues. Falscher Vorpostenalarm.

Vom Hauptquartier. -- Was -- bedeuten -- Feuer? Sofort Bericht!

Langsam begann das Gewehrfeuer abzuflauen. In gestrecktem Galopp jagte
ich zur Station zurck ------

       *       *       *       *       *

Was die flammenden Holzste auf den Bergen bei Santiago bedeutet
hatten, erfuhren wir erst viele Wochen spter. Es waren verabredete
Signale, die die Ankunft von 3000 Mann Verstrkungen fr die Spanier
unter General Escario bedeuteten. Die Frage, ob es sich bei dem
heftigen Feuer in der Nacht zum 3. Juli nur um nervses Geschiee oder
um den wirklichen Versuch einer Nachtattacke der spanischen Truppen
handelte, ist nie gelst worden.




Der Untergang der spanischen Flotte.

     Jubel in den Schtzengrben. -- Der Hafen von Santiago de Cuba. --
     Das Felsentor. -- Castillo del Morro. -- Das Warten, das Lauern! --
     Die Heldentat des Leutnants Hobson. -- Durchbruch des spanischen
     Geschwaders. -- Die Seeschlacht. -- Die Hlle der fnfunddreiig
     Minuten. -- Eine kleine Yacht schiet zwei Zerstrer in den Grund.
     -- Eine Merkwrdigkeit in der Geschichte des Seekriegs. -- Der Mann
     im Kommandoturm und der Mann hinter der Kanone. -- Was von der
     Gespensterflotte brig blieb.


Um elf Uhr nachts wurde es still oben in den Schtzengrben und drben
beim Feind. Das Instrument klickte leise und perlte in eiligen Punkten
und Strichen Wort auf Wort und Satz auf Satz hervor -- Anfragen
vom Hauptquartier, ob ber die Bedeutung des Feuerscheins etwas
bekanntgeworden sei; Befehle, die Vorposten zu verstrken und in keinem
Fall die Schtzengrben zu verlassen.

Leg dich hin! In drei Stunden wecke ich dich! brummte Souder.

In wenigen Minuten war ich eingeschlafen -- und dann weckte mich
der Sergeant -- und dann trumte ich vor mich hin und die Stunden
vergingen, ohne da wir angerufen wurden -- und dann weckte ich
wieder ihn -- und so trieben wir es bis in den hellen Morgen hinein,
glckselig, endlich einmal grndlich schlafen zu knnen.

Die Ordonnanz hatte uns Kaffee und gebratenen Speck und Zwiebcke vom
Kochfeuer des Stabs geholt. Die unteren Wnde unseres kleinen Zelts
schlugen wir hoch, Luft und Sonne hereinzulassen, denn prachtvolles
Tropenwetter hatte dieser Sonntag Morgen gebracht, hell und sonnenfroh
mit krftigem Wind, der das Feuchte und Dumpfige der Hitze wie zaubernd
hinwegfegte.

=hr hr hr!=

Wir beugten uns beide ber den Apparat und lasen staunend die Depesche
vom Hauptquartier, die kurz befahl, die Feindseligkeiten einzustellen,
da der Hchstkommandierende Santiago zur Kapitulation aufgefordert und
das Bombardement der Stadt angedroht habe! -- Souder rannte nach dem
Zelt des Generals.

Nun verging Stunde auf Stunde in gespanntem Warten. Da, Mittag mochte
es sein, klickte es scharf und eilig -- =S O 4 -- S O 4= ----

=hr -- hr -- rrrrrssssss ---- hr!=

Und die Augen traten uns fast aus dem Kopf, denn das surrende Sausen im
Magneten bedeutete, da der Geber drben auf =S O 3= in fieberhafter
Ungeduld den Taster tanzen lie, und es sagte so deutlich, als htte
er es uns in die Ohren geschrien: Wichtig -- aufpassen, aufpassen --
wichtig ber alle Maen!

Sie haben kapituliert! flsterte Souder.

Ganz langsam und klar kam es:

General Bates. -- Flottenmeldung. Das spanische Geschwader ist
vernichtet. Cervera gefangen. Smtliche feindlichen Schiffe sind
zerstrt. Die amerikanischen Geschwader haben weder Schiff noch Mann
verloren. -- Shafter.

Wir starrten uns an und waren sekundenlang wie gelhmt von dem
gewaltigen Eindruck der wenigen gewaltigen Worte. Dann ri der Sergeant
das Telegrammformular an sich und sprang in mchtigen Stzen zum Hgel,
zum General, der kurz zuvor das Quartier verlassen und sich in die
Schtzengrben begeben hatte. Ich blieb im Zelt und wartete krampfhaft
auf den nchsten Anruf. Aber der Klopfer rhrte und regte sich nicht.
Da erklang es leise wie fernes Brausen in dumpfem, undeutlichem Klang
und doch machtvoll und stark, da es einen im Innersten packte und
klopfenden Herzens lauschen lie. Lauter wurde der Schall und immer
nher kam er. Und mit einem Male ergellte es droben auf unserem Hgel
in furchtbar schrillendem Stimmenklang aus Tausenden von Mnnerkehlen
in hellem Jubel -- das wilde amerikanische Hurra, den Indianern
abgelauscht in seinem schrillen Klang:

Ii -- iii -- iih ...

Urgewaltig. Furchtbar. Minutenlang dauerte das Gellen und das Gebrause.
Der Siegesjubel der Mnner in den Schtzengrben. Ich stand vor dem
Zelt und brllte mit, wie betrunken, was Brust und Kehle nur hergeben
wollten.

       *       *       *       *       *

Die Einfahrt zum Hafen von Santiago de Cuba ist einer der schnsten
Flecke der Welt. Ungeheure Felsenmassen ragen aus tiefblauem Meer
in tiefblauen Himmel empor, steil abfallend, und spalten sich in
winziger Enge, einem Meeresarm Durchla zu gewhren, so schmal, da
zwei groe Seeschiffe nicht nebeneinander die Einfahrt wagen knnen.
Es sieht aus, als htte das Meer einst in Arbeit von Jahrhunderten
seinen Weg hineinfressen mssen in die Felsen und sich die lange
schmale Wasserstrae bahnen, die erst nach vier Seemeilen sich zu der
gewaltigen Bucht weitet, an deren Ostrand Santiago de Cuba liegt.
Droben auf den Felsen bei der Einfahrt klebt in schwindelnder Hhe
ein uraltes, spanisches Festungswerk, das Castillo del Morro, mit
altertmlichen Bastionen und Felsentreppen und verwitterten Mauern.

Jetzt drhnten um Felsennest und alte Burg und blaues Meeresgestade
seit Wochen schwere Schiffsgeschtze.

In der Bucht von Santiago hatte das spanische Geschwader des Admirals
Cervera Anker geworfen und ergnzte krampfhaft seine Kohlenvorrte
aus den kmmerlichen Hilfsmitteln der verlotterten spanischen
Hafenverwaltung, whrend in den Maschinenrumen die Ingenieure
fieberhaft klopften, hmmerten, reparierten. Drauen aber vor
der Felsenenge lagen Tag und Nacht die Panzer des amerikanischen
Geschwaders -- wartend, lauernd -- lauernd, wartend ... Denn jeden
Augenblick konnte die spanische Flotte zwischen den Felsenwnden
hervorbrechen. Noch war die Gespensterflotte eine stndige Drohung und
eine stete Gefahr.

Die Hafeneinfahrt zu erzwingen schien unmglich. Wenn auch die
altmodischen Geschtze des alten Kastells nicht viel taugten, so
schtzten die Einfahrt doch zwei moderne Batterien auf den Felsen und
zahllose Seeminen. Die Amerikaner begngten sich damit, die dicken
Mauern des alten Forts und die Batterien immer wieder zu bombardieren,
aber ohne viel Schaden anzurichten. Freilich machten sie schon in
den ersten Tagen der Blockade einen tollkhnen Versuch, die schmale
Hafeneinfahrt so zu versperren, da dem spanischen Geschwader ein
Passieren unmglich wrde.

Der Plan wurde von dem Marineleutnant Hobson erdacht und durchgefhrt.
Ein groer Kohlendampfer, der Merrimac, ein hundertundzwanzig Meter
langes Schiff, sollte der Trriegel des Felsentors werden. Seine
Unterwasserventile und besonders gebohrte Lcher unter der Wasserlinie
wurden nur leicht geschlossen und durch hlzernes Hebelwerk so
schwach gesttzt, da die Erschtterung einer schweren Explosion die
Verschlsse wegfegen und das Schiff sofort zum Sinken bringen mute. Im
Schiffsraum am Bug wurden Sprengladungen angebracht, die von der Brcke
aus elektrisch entzndet werden konnten. Hobson wollte den Merrimac
mitten in die Felseneinfahrt steuern, wenden, und das Schiff in der nur
hundert Meter breiten und wenig tiefen Einfahrt sinken lassen. So da
es wie ein Querdamm die schmale Wasserstrae sperrte. Das Unternehmen
mute aller Voraussicht nach das Leben der Mnner kosten, die diesen
schwimmenden Trriegel lenkten.

Am 3. Juni kam der waghalsige Plan zur Ausfhrung. Der Merrimac
mit Leutnant Hobson und sieben Freiwilligen bemannt, fuhr in voller
Fahrt der Felsenenge zu und erhielt furchtbares Feuer von Morro, den
Batterien auf den Felsen und dann, als er die Einfahrt erreichte, auch
von zwei spanischen Kreuzern, die in einer Krmmung der Wasserstrae
verborgen waren. Nur ein einziger Schu traf. Aber dieser eine Schu
zerschmetterte das Steuerruder des Merrimac in dem Augenblick, als
Hobson die Mine springen lie. Die Wendung, die das sinkende Schiff
ausfhren sollte, wurde dadurch unmglich, der Merrimac trieb
noch ein Stck weit dem Felsenufer zu und sank dicht am Strand, die
Fahrtrinne freilassend. Der Plan war miglckt. Leutnant Hobson und
die Mannschaft waren wie durch ein Wunder unverletzt geblieben und
konnten in das Boot springen, das der Merrimac mit sich schleppte.
Aber ein Entkommen war unmglich, und sie muten sich der Pinasse eines
spanischen Kriegsschiffs gefangen geben.

Wieder begann das Warten und das Lauern, das Lauern und das Warten ...

Nach der Schlacht vom San Juan-Hgel wurde die Lage des spanischen
Admirals unertrglich. Siegten die amerikanischen Truppen zu Lande, so
mute die Kapitulation von Santiago de Cuba die unrhmliche Uebergabe
seines starken Geschwaders nach sich ziehen, ohne da es sich ernstlich
mit dem Gegner gemessen hatte.

Admiral Cervera beschlo den Durchbruch.

Als im Morgengrauen des 3. Juli das Morrokastell meldete, da das
amerikanische Schlachtschiff Massachusetts verschwunden sei und der
Panzer New York, das Flaggschiff des amerikanischen Admirals Sampson,
nach Osten dampfe, hielt er die Gelegenheit fr gnstig.

Das spanische Geschwader bestand aus den vier groen Schlachtschiffen
Infanta Maria Teresa, Almirante Oquendo, Viscaya und Cristobal
Colon, sowie den beiden schnellen Torpedobootzerstrern Pluton und
Furor. Die beiden amerikanischen Geschwader der Admirale Sampson und
Schley aus den groen Schlachtschiffen Massachusetts, New York,
Iowa, Indiana, Oregon, Texas, Brooklyn und einer Reihe von
Hilfsschiffen. Die Massachusetts, die nach Guantanamo gedampft war,
um ihre Kohlenvorrte zu ergnzen, und die New York, die Admiral
Sampson zu einer Besprechung mit General Shafter in Siboney landen
sollte, kamen fr den Kampf vorlufig nicht in Betracht.

Vor der Felseneinfahrt lagen, zwei Seemeilen entfernt, in ungeheurem
Bogen die amerikanischen Schlachtschiffe. Um halb zehn Uhr morgens
erschien die Maria Teresa, das Flaggschiff des spanischen Admirals,
in der Felseneinfahrt. In Abstnden von 800 Metern folgten die brigen
spanischen Schlachtschiffe und viel spter erst, aus irgend einem
unerklrlichen Grunde, die beiden Torpedobootzerstrer. Sie brachen
in rasender Fahrt hervor. Der Kesseldruck war vor dem Auslaufen
durch knstliche Mittel aufs uerste gesteigert worden, whrend die
amerikanischen Schiffe unter kleinen Feuern dalagen, wie sie gelegen
hatten seit vielen Wochen. In langer Linie wandte sich die spanische
Flotte nach Westen und erffnete sofort das Feuer.

       *       *       *       *       *

Der Kampf, der sich nun abspielte, liest sich in unseren Zeiten der
Dreadnoughts und des sorgfltigen Abwgens von Schiff gegen Schiff,
Geschtz gegen Geschtz, Gefechtswert gegen Gefechtswert wie ein schwer
zu glaubendes Mrchen. Mag der Kriegswissenschaftler auch einwenden,
da die spanischen Schlachtschiffe vom Maschinenraum bis zu den
Geschtzen sich in einem Zustand schlimmer Vernachlssigung befanden,
das Mrchen bleibt. In seiner Gesamtheit war das Ende des Kampfes
vielleicht vorherzusehen -- in seinen erstaunlichen Einzelheiten
niemals.

Die spanische Flotte lie das amerikanische Geschwader bald weit
hinter sich zurck, und nur ein einziges amerikanisches Schiff,
die Brooklyn, hatte Dampf genug, zu folgen. Eine Viertelstunde
lang schien es, als sei der waghalsige Durchbruch geglckt. Die
Brooklyn ertrug das gesamte Feuer der vierfachen Uebermacht allein,
und die Schsse der anderen amerikanischen Schiffe muten auf so
groe Entfernungen abgegeben werden, da sie sehr wenig wirksam
waren. Aber der knstlich gesteigerte Dampfdruck der Spanier lie
bald nach, whrend in den amerikanischen Maschinenrumen fieberhaft
gearbeitet wurde. Langsam verringerten sich die Entfernungen, und die
Schlacht begann. Die Oregon kam an die feindliche Linie heran,
dann die Texas, und ein furchtbarer Granatensturm fegte ber die
spanischen Schiffe. Maria Teresa und Almirante Oquendo, die von
ihren Genossen, der Viscaya und dem Colon, berholt worden waren
und nun als letzte in der Linie dampften, standen in zwanzig Minuten
lichterloh in Flammen, schwer getroffen, kampfunfhig. Treffer in
den Geschtztrmen hatten ein entsetzliches Blutbad unter ihren
Mannschaften angerichtet. Die beiden Schiffe waren verloren.

Langsam wandten sie sich der Kste zu und liefen auf den Strand,
zerfetzt, zerschossen, brennend.

Das war fnfzehn Minuten nach zehn Uhr. Fnfunddreiig Minuten hatten
den gewaltigen Kriegsmaschinen den Garaus gemacht. Fnfunddreiig
Minuten in einer Hlle von Flammen und Verderben. Viele der spanischen
Matrosen sprangen in ihrer Todesangst ber Bord und versuchten, an Land
zu schwimmen. Doch kubanische Insurgenten, die in der Nhe des Strandes
kampierten, waren herbeigelaufen und feuerten erbarmungslos auf die
Unglcklichen im Wasser, bis ein amerikanisches Schiff Mannschaften
landete und die Bestien mit dem Bajonett vertrieben wurden.

       *       *       *       *       *

Zwanzig Minuten nach den vier spanischen Schlachtschiffen waren die
beiden schnellen Torpedobootzerstrer Pluton und Furor zwischen den
Felsenwnden erschienen und von den amerikanischen Schlachtschiffen
Iowa und Indiana beschossen worden, die aber ihr Hauptaugenmerk
auf die groen spanischen Panzer richten muten. Die Zerstrer wurden
schwer beschdigt, waren aber nicht kampfunfhig. Vernichtet wurden sie
durch -- ein winziges, ungepanzertes, amerikanisches Schifflein, eine
kleine Yacht, die eine einzige Granate zerfetzt htte.

_Admiral Plddemann_ schreibt in seinem Werk _Der Krieg um Kuba_:

Immerhin lag die Gefahr vor, da sich die Zerstrer vermge ihrer
groen Schnelligkeit dem Feuerbereich der Schiffe bald entziehen
wrden. Da trat die Gloucester in Aktion. Dieses Fahrzeug war vor dem
Kriege eine Privatyacht mit Namen Corsair gewesen, es hatte eine hohe
Geschwindigkeit und war durch Armierung mit Schnell-Lade-Kanonen in
einen, sozusagen, Hilfstorpedobootszerstrer verwandelt worden.

Als die ersten Schiffe in der Hafeneinfahrt erschienen, dampfte
Gloucester mit mchtiger Fahrt darauf zu und lie den Dampfdruck hoch
gehen, da das Erscheinen auch der Zerstrer mit Sicherheit zu erwarten
war. Als diese etwa zwanzig Minuten spter herauskamen, dampfte sie mit
17 Knoten Fahrt darauf zu, engagierte die schon durch die Panzerschiffe
schwer Beschdigten dann auf nahe Entfernung und zerscho sie, ohne
selber getroffen zu werden, dermaen, da der Furor 15 Minuten nach
dem Auslaufen bei einem letzten Versuch, die Hafeneinfahrt wieder zu
gewinnen, in sinkendem Zustande auf den Strand gesetzt wurde, whrend
der Pluton wenige Minuten spter in tiefem Wasser sank. Gloucester
rettete, was noch an Menschenleben zu retten war und mit den Wellen
kmpfte, und folgte dann den Panzerschiffen.

Das Wunder war geschehen. Eine kleine ungeschtzte Yacht, die trotz
ihrer Schnellfeuerkanonen den Namen eines Kriegsschiffs nicht
verdiente, und von der niemals mehr erwartet worden war, als das
Aufbringen von Handelsschiffen mit Kontrebande, hatte zwei spanische
Zerstrer in den Grund geschossen, die ihr einzeln schon in jeder
Beziehung weit berlegen waren.

So hatte eine kleine halbe Stunde zwei Schlachtschiffe des spanischen
Geschwaders und zwei schnelle Zerstrer von hohem Gefechtswert
vernichtet. Uebrig blieben die Schlachtschiffe Viscaya und Cristobal
Colon.

Der Cristobal Colon schien als einziges spanisches Schiff dem
Verderben zu entrinnen, denn seine Geschwindigkeit wurde immer grer,
und bald war er auer Gefechtsweite weit drauen auf dem Meer. Auf die
unglckliche Viscaya aber konzentrierte sich nun das Feuer von drei
amerikanischen Panzern: Brooklyn, Oregon und Texas.

Binnen wenigen Minuten kam das Ende, wie es kommen mute. Das schwer
verwundete Schiff schleppte sich brennend dem Strande zu und lief
auf. In diesem Augenblick erfolgte eine furchtbare Explosion, die das
vordere Drittel der Viscaya in Fetzen zerri. Ein Torpedo entweder,
der schubereit im Lancierrohr lag, oder eine Munitionskammer war
von einer amerikanischen Granate getroffen worden. Die grlichen
Szenen beim Stranden der Infanta Maria Teresa und des Almirante
Oquendo wiederholten sich. Halbverbrhte, schwerverwundete Mnner,
die beinahe wahnsinnig geworden waren in der Todesangst dieser Minuten
in der Hlle, kmpften zu Hunderten in den Fluten -- und aus den
amerikanischen Feinden wurden warmherzige Lebensretter, die Hals ber
Kopf die Boote bemannten. Nicht nur fischten sie die Unglcklichen in
den Wellen auf, sondern sie holten unter schwerster Lebensgefahr die
armen Verwundeten aus den brennenden spanischen Schiffsrumen, deren
Munitionskammern jeden Augenblick in die Luft fliegen konnten. Admiral
Cervera, schwer verwundet, wurde unter feierlicher Stille an Bord eines
amerikanischen Panzers geleitet und mit militrischen Ehren empfangen.
Mannschaften und Offiziere salutierten stumm, als er seinen Degen dem
Sieger hinreichte. Smtliche Kommandeure der spanischen Schlachtschiffe
waren verwundet worden; zwei, der Kommandant der Maria Teresa und der
Chef der Zerstrerflottille, hatten den Tod gefunden.

       *       *       *       *       *

Unterdessen war in jagender Fahrt die New York mit Admiral Sampson
auf dem Kampfplatz erschienen. Sie folgte der Brooklyn, der
Oregon, und der Texas, die Oel feuerten und in immer grerer
Geschwindigkeit dem Cristobal Colon nachjagten. Ueber zwei Stunden
dauerte die Verfolgung. Um 12 Uhr 50 Minuten waren die Brooklyn und
die Oregon so nahe an den Feind herangekommen, da das Feuer erffnet
werden konnte. Der Kapitn des Colon sah, da das Schicksal seines
Schiffes besiegelt war. Um den Colon dem Feind zu entziehen, ihn zu
vernichten und doch die Mannschaft zu retten, wandte auch er und lief
in sausender Fahrt auf den Strand. Der Cristobal Colon sank in sieben
Meter tiefem Wasser.

So war die Seeschlacht von Santiago de Cuba geschlagen und das
spanische Geschwader bis auf das letzte Schiff zerstrt.

Hunderte von Menschenleben und Millionen und Abermillionen an
schwimmendem Kriegsmaterial hatten die wenigen Minuten dem spanischen
Knigreiche gekostet. Die Tabellen der Verluste der beiden
Flotten lesen sich wie eine Fabel. Vier gewaltige Panzer und zwei
Zerstrer hatte der Tag Spanien geraubt -- von den amerikanischen
Schlachtschiffen war kein einziges schwer beschdigt oder auch nur
so verletzt worden, da es seine Gefechtsfhigkeit beeintrchtigt
htte! Sechshundert spanische Matrosen waren im Kampf gettet worden
oder in den Fluten ertrunken, hundertfnfzig Schwerverwundete und
vierzehnhundert Gefangene, von denen viele verwundet waren, nahmen die
amerikanischen Schiffe auf.

_Die Amerikaner aber hatten nur einen einzigen Toten und einen einzigen
Verwundeten, beide auf der Brooklyn!_

Ein Mrchen. Ein Wunder. Eine kaum glaubliche Merkwrdigkeit in der
Geschichte des Seekriegs, die gar nachdenklich stimmen mag. Nicht
Panzerwerte und Geschtzzahl allein sind es, die eine Seeschlacht
entscheiden, sondern der Mann im Kommandoturm und der Mann hinter der
Kanone.

Zwei Monate spter, als ich an Bord eines der letzten Truppendampfer,
die Santiago de Cuba verlieen, staunend die Schnheit von Felsennest
und alter Burg und blauem Meeresgestade bewunderte, sah ich am Strand
des Felsentors den Furor. Wenige Minuten spter kamen die Wracks der
Viscaya und des Almirante Oquendo in Sicht. Der Cristobal Colon
war einige Tage nach der Schlacht vllig gekentert. Die Infanta Maria
Teresa hatten die Amerikaner zwar gehoben und notdrftig ausgeflickt,
aber whrend des Transportes nach den Vereinigten Staaten war sie bei
den Bahamas gestrandet und gesunken.

Tropenfeuchtigkeit und Tropensonne hatten die armen Reste von
zerschossenem Stahl und zerfetztem Eisen, die nur wenige Meter ber das
Wasser hervorragten, mit einem leuchtendroten Kleid von Rost berzogen.
Spitzige, zackige Stahlfetzen und Eisentrmmer berall. Unfrmliche
verbeulte Stmpfe, die einst Schornsteine gewesen waren.

Schlechtes altes Eisen. Das war brig geblieben von der
Gespensterflotte.




In den Schtzengrben.

     Von Siegesberichten und Sorgen. -- Ein Murren geht durch die
     Schtzengrben. -- Die Meinung des alten Sergeanten. -- Ungeduld!
     -- Der Humor der Front. -- Krankheit und Schwche. -- Die
     berhmten kubanischen Leibschmerzen. -- Fieber und Ruhr. --
     Stimmungen und Verstimmungen. -- Ein Freudentag. -- Freund Billy
     aus Wanderzeit und Eisenbahnfahrt. -- Zwei Gefechtstage. -- Wie
     ich ein Held sein wollte. -- Der Friedensbaum. -- Die Kapitulation
     von Santiago de Cuba.


Die Armee auf den Hgeln jubelte.

Erst viele Wochen spter, als Dampfer auf Dampfer Regiment auf
Regiment nach der amerikanischen Heimat zurckbrachte und die Mnner
der Schtzengrben sich gierig auf die alten Zeitungen strzten, von
ihren eigenen Taten zu lesen, erfuhren sie zu ihrem groen Erstaunen,
da die Ereignisse in den ersten Julitagen im Tal von Santiago de Cuba
den Leuten zuhause im Lande Gottes nicht nur glorreiche und hchst
bertriebene Siegesberichte gebracht hatten, sondern auch schwere
Sorgen.

Sie lasen verblfft, da General Shafter nach der Schlacht am San
Juan-Hgel am Abend des 2. Juli nach Washington gekabelt hatte, die
Stellung des Feindes auf seiner zweiten Verteidigungslinie sei fast
unangreifbar und die Lage auerordentlich ernst, denn ein Vorgehen
msse schwerste Verluste bringen ------ Sie lasen schmunzelnd, da
der General, der die amerikanische Gesamtarmee kommandierte, General
Miles, dem kranken und berpessimistischen Shafter noch in der
gleichen Nacht lakonisch geantwortet hatte, er mge vor allem -- den
spanischen Befehlshaber zur bedingungslosen Kapitulation auffordern!
Das Bombardement der Stadt androhen, wenn General Toral sich weigere!
Sie lasen lachend, wie glnzend dieser echt amerikanische Bluff
gelungen war: Zwar hatten die Spanier die Uebergabe abgelehnt, aber
Waffenstillstand trat ein am 3. Juli und es begannen Verhandlungen,
die den Anfang vom Ende bedeuteten. Sie lasen noch manches mehr. Oft
vielleicht mit einem recht unbehaglichen Gefhl. Wie der Hunger ihnen
in der Schlacht geholfen hatte, ohne da sie es wuten, denn die armen
Teufel von Spaniern waren schon Ende Juni auf halbe Rationen gesetzt
worden, weil das verrottete spanische Regierungssystem auf der Insel
sich um die Kleinigkeit der Verproviantierung einer Armee zufllig
nicht gekmmert hatte. Wie gewaltig stark die Drahtverhaue der zweiten
spanischen Stellung waren. Wie furchtbar hoch die Krankenzahl in der
amerikanischen Armee.

Und sie fingen zu Hause an, viele Dinge zu begreifen, die sie nicht
begriffen hatten im Tal von Santiago de Cuba.

       *       *       *       *       *

Ein Murren ging durch die Schtzengrben.

Hundertmal, wenn wir Depeschen auf den Hgel brachten, wurden
Souder und ich von den schmutzstarrenden, verwahrlosten Gestalten
im Graben angehalten und mit Fragen bestrmt, ob denn nichts sich
rege im Hauptquartier und wie die Dinge stnden und wann endlich der
Waffenstillstand zu Ende sein werde. Der verdammte Waffenstillstand!

Da drben war der Feind! Dort lag die Stadt, dort waren Huser, in die
der Schandregen nicht eindringen konnte; dort gab es Betten, in denen
man schlafen, und Herde, auf denen man kochen konnte! Warum, weshalb im
Namen aller Vernunft verpfefferte man nicht drei Stunden lang das Gras
und das Gestrpp da drben mit allem, was Gewehre und Patronengrtel
nur hergeben wollten, und strzte sich dann bergabwrts Hals ber
Kopf auf die kleinen Mnnlein, die schon davonlaufen wrden wie sie
davongelaufen waren von den Hgeln!

Ein alter Sergeant der 5. Regulren, der oft zu unserem Zelt kam, zu
schwatzen, verkrperte die Stimmung in den Schtzengrben ausgezeichnet:

Hll' und Teufel! sagte er. Ich werde nicht dafr bezahlt, mich mit
hherer Strategie zu befassen. Das berlass' ich dem jesuschristlichen
Dicken! Wenn mir befohlen wird, im Dreck herumzusitzen und mir alle
halbe Stunde die Jacke vollregnen zu lassen und so viel schlechten
Speck zu fressen, da ich zeitlebens keinem anstndigen Schwein mehr
ins Gesicht sehen kann, -- dann halt ich's Maul und gehorche. Aber
verdammt will ich sein, wenn ich's verstehe! Magazinfeuer, wrd' ich
sagen -- Bajonett auf das alte Schieeisen -- und in fnfundzwanzig
Minuten wre die alte Geschichte erledigt. Aber der Dicke mu es ja
wissen! Mir kann's recht sein. =Bye, bye=, Jungens! Lat euch euren
Speck recht gut schmecken! Achtet auf eure Gesundheit!

Worauf wir ihm ergrimmt Lehmklumpen nachwarfen. Wer in diesen Tagen von
Speck und werter Gesundheit sprach, der war ein Raufbold, der boshaft
an die wundeste aller wunden Stellen rhrte, und forderte ttlichen
Angriff heraus.

So murrten die Mnner in den Schtzengrben.

Ungeduldig waren sie wie Kinder und frech wie Spatzen. Aber das
Schimpfen klang immer noch lustig, und niemals lag in ihm der Ton
der Auflehnung. Man lachte mitten im Gezeter und nahm die harten
Entbehrungen nicht ernst, wenn sie es auch im Grunde waren, die die
Ungeduld gebaren. Man mute warten -- man begriff nicht, weshalb in
Kuckucksnamen man solange warten mute -- aber es wrde schon kommen,
oh, es wrde schon kommen ... Rhrend war es in Wirklichkeit, mit welch
prachtvollem, trockenem Humor diese Mnner ein Leben ertrugen, das in
seiner Hrte so gar nichts Humoristisches hatte, und wie sie aus Jammer
und Elend immer und immer wieder die lustige Seite herauszufinden
wuten. Droben in dem breiten Hauptgang hatten sie einen Wegweiser
aufgestellt, auf dem in derben Lettern stand:

Revolver mssen beim Portier abgegeben werden (links -- Dreckstrae
Nr. 3), denn auf Befehl des kommandierenden Generals ist Schieen in
diesem Vergngungslokal nicht gestattet! Nur Herren mit garantiert
anstndigem und friedfertigem Benehmen haben Zutritt! -- in blutigem
Hohn auf den Waffenstillstand.

Ein anderes Schild beim Eingang eines besonders sumpfigen
Schtzengrabens besagte grimmig: Warnung! Angeln ist hier verboten!!
Im Hauptschtzengraben hatten sie auf Brettchen von Munitionskisten mit
irgend einer schwarzen Farbe, die sie gottweiwo aufgetrieben haben
mochten, allerlei Sprche gemalt und die Brettchen in die Lehmwand
hineingesteckt wie Gedenktafeln:

Erzhle mir nicht, o Freund, da du Bauchweh hast! Deine Symptome
interessieren mich nicht. Ich hab sie nmlich selber! lachte ein
Spruch.

Und der Herr schuf Regen und Sonnenschein ... Fr Kuba hat er seine
Schaffensfreudigkeit verdammt bertrieben! hie es auf einer anderen
Tafel. Ihre Nachbarin sagte:

Bist du schlechter Laune, so haue einen Insurgenten. Das ist gesunde
Bewegung fr dich und macht aus dem Cubano vielleicht einen Menschen;
der Stecken lehnt hinten in der Ecke. Das gab die Einschtzung, in der
Seor Insurgente bei der Armee stand, famos wieder!

So sah der Humor der Schtzengrben aus. Grimmiger, harter, verkrustet
trockener Humor war es, der ahnen lie, wie zh und kraftvoll die
Mnner sein muten, die in Krankheit und Schwche lachen und sich ber
ihren eigenen Jammer lustig machen konnten. Denn krank waren sie alle,
zum mindesten nicht gesund.

Die Regenzeit Kubas hatte nun im Ernst begonnen. Tag fr Tag,
dutzende Male oft in einem Tag, regnete es in tropischer Gewalt in
ungeheuerlichen Wassergssen -- und der Viertelstunde klatschenden
Regens folgte ebenso ungeheuerliche Sonnenhitze, die mit der
verdampfenden Feuchtigkeit alle Miasmen aus dem Boden zog und Menschen
und Dinge in belriechenden Dampf hllte. Morgens und abends lagen
stundenlang dick und gelb zhe Nebelschwaden ber dem Boden, kalt,
feucht und dumpfig. Selten verging eine Nacht ohne Regen, und dann
schliefen die Mnner in den Schtzengrben auf nassem Boden in nassen
Decken. Jetzt, in den Tagen der Waffenruhe, durfte zwar immer ein Teil
der Regimenter auf dem Gelnde hinter den Hgeln Zelte aufschlagen,
aber die winzigen Soldatenzelte schtzten nur wenig gegen diesen
Regen und gar nicht gegen Bodenfeuchtigkeit und Nebel. Die Kleider
faulten einem fast am Leib. Souder und ich schleppten zweimal im Tag
Wasser herbei aus dem San Juan und wuschen unsere Krper und irgend
ein Kleidungsstck, doch es ntzte nichts. Seife hatten wir lngst
keine mehr. Was das Ausrinsen im Wasser gut machte, verdarben wieder
in ein paar Stunden Regen und Schwei. Starrer Schmutz war es, in dem
man lebte. Widerlicher Schmutz. Die Mnner in den Schtzengrben, die
nicht so viel Zeit und Gelegenheit zur Reinigung hatten wie wir, waren
noch schlimmer daran. Schmutz, Schmutz, berall Schmutz ... Die Nsse
verdarb rasch das Schuhzeug, so fest und derbe es war, und oft wurden
Patrouillen nach rckwrts zu den Hospitlern geschickt, um die Stiefel
der Schwerkranken und Gestorbenen zu holen.

Immer gleich blieb die Nahrung. Speck, Hartbrot, Speck. Man weichte
die harten Zwiebacke auf, tat Zucker hinzu und Speckstckchen und
briet sich den breiigen Mischmasch. Trank hllenstarken Kaffee dazu.
Einmal kam eine Sendung Bchsenfleisch, aber es war verdorben. Derartig
schlechte Behandlung lt sich auf die Dauer kein Magen gefallen.

So rebellierten zuerst die Mgen. Langsam schlich sich Krankheit in
die Schtzengrben. Kaum einen Mann gab es in der Front, der nicht
wenigstens an einer leichteren Form von Ruhr litt. Auch da noch half
der Humor, das Abschttelnwollen krperlicher Schwche, wie es in
junger Mannesart liegt. Die verschmutzten Mnner lachten ber die recht
unangenehmen und schmerzhaften Aeuerungen ihrer gestrten Verdauung
und machten lustige Witze, hchst unanstndige Witze zumeist, ber
das viele Aufgesuchtwerden der primitiven Stellen, die man in der
Zivilisation verenglndert mit =W. C.= zu bezeichnen pflegt. Aber nach
und nach versprte ein jeder immer krftiger die blen Folgen der
ewigen Magenbeschwerden und der Fieberanflle, denen keiner entging.
Die schlechten Witze fingen an, geqult zu klingen. Das lustige
Lachen von gestern ber das berhmte kubanische Bauchweh zog heute
nicht mehr. Die Gesichter wurden bla, und der energische, springige
Gang der Regulren trge. Auf das Fieber htte man schlielich
gepfiffen -- aber der Magen, der Magen! Bitter und gallig schmeckte
der schlechtgerstete Kaffee, weil die halbzerstampften Bohnen ewig
lange sieden muten. Der Speck schimmerte lig und durchsichtig, denn
die Sonnenhitze hielt ihn stndig in schner brhwarmer Temperatur.
Man konnte ihn bald nicht mehr sehen und nicht mehr riechen. Die
Schiffszwiebacke waren trocken kaum zu essen, und der fade Brei, der
sich hchstens aus ihnen bereiten lie, wurde einem zum Ekel. Der
Magen, der Magen! Er war es, aus dem die ble Laune kam.

Und die Stimmungen!

Wenn ich in den Schtzengrben nach dem General oder irgend einem
hheren Offizier suchte, schien es mir beinahe komisch, wie die sonst
so unverwstlich derben und unverwstlich lustigen Regulren nun auf
einmal Stimmungen unterworfen waren. Manchmal lagen sie faul und
apathisch da und lieen einen ruhig ber ihre Leiber hinwegsteigen,
viel zu trge, sich zu rhren oder gar zu reden. Manchmal wieder konnte
das leiseste Gercht, das Hoffnung auf Soldatenarbeit gab, oder der
unsinnigste Scherz sie blitzschnell aufrtteln. Als mich einmal ein
Korporal fragte, was denn los sei (ich trug ein Telegramm in der Hand),
antwortete ich rgerlich:

Es ist Dienstgeheimnis und du darfst es nicht weiter sagen: Washington
telegraphiert, da ein Dampfer mit einer neuen Speckladung abgegangen
ist!

Pfui Deibel! sagte der Korporal.

Die Mnner links und rechts von ihm lachten wie toll und erzhlten
den mageren Witz weiter, der nun richtig die ganze Linie entlang
schallende Heiterkeit auslste.

Doch das Lachen war selten geworden. Ein jeder wute, da die Zeiten
bitterernst waren und ein grimmiger Feind die Hgel bedrohte, ein
schlimmerer Feind als die verachteten kleinen Mnnlein da drben:
Krankheit, Fieber, Ruhr, Malaria. Und ein jeder gab sich Mhe, auf das
dumpfe Brausen in seinem Schdel frhmorgens im Nebel nicht zu achten
und auf die Schmerzen in Magen und Darm nach den Mahlzeiten. Weil
keiner krank werden _wollte_.

       *       *       *       *       *

Souder und ich waren brummig oft, und bellaunig, und nicht weniger
ungeduldig als alle anderen. Weder ihm noch mir blieben die grimmigen
Leibschmerzen erspart, und er und ich wuten ganz genau, wie es
war, wenn einem nach belriechender Nebelnacht die Fieberfliegen
im Kopf summten und man sich fluchend vom Sanittssergeanten des
Brigadequartiers gewaltige Dosen Chinin geben lie, die einem die
Ohren klingen machten. Aber die Linie, der Draht, das klappernde
kleine Instrument versorgten uns stets mit so viel Arbeit und so
starkem Interesse an Spannung und Erwartung, da wir Kopfschmerzen und
Leibgrimmen prompt zu vergessen pflegten. Waren die Depeschen in diesen
Tagen auch selten wichtig, so wartete man doch wenigstens immer auf
eine, die wichtig sein wrde.

Da kam der 7. Juli. Der vierte Tag des Waffenstillstandes. Die
Linie zu =S O 3= war wieder einmal schadhaft geworden und die Reihe
diesmal an uns, den Fehler zu suchen. Mivergngt machte ich mich mit
Ersatzdraht und Zwickzange auf den Weg und fand den Schaden bald.
Irgend ein Spitzbube in Uniform mochte zu irgend etwas ein Stckchen
Draht gebraucht haben und hatte einfach einen halben Meter der Linie
mit seinem Taschenmesser herausgesgt. Ich schimpfte, wie ein regulrer
Signalmann ber so lsterlich infame Schndung schimpfen mute, und
reparierte. Weil ich nicht weit von =S O 3= war, beschlo ich, bei der
Blockhausstation vorzugucken. Ich schlenderte den breitausgetretenen
Pfad hinter den Hgeln entlang, auf dem es von Soldaten wimmelte, denn
Zelt an Zelt reihte sich auf der Hgelseite. Hier kampierten die Rauhen
Reiter. Pltzlich blieb ich stehen, und hei und kalt berlief es mich.

War -- das -- ein Traum -- ein Fiebergaukelspiel?

Eine klingende, metallische Stimme, eine liebe alte Stimme hatte mich
gerufen bei meinem Namen aus alten Zeiten. Klar und hell --

Ed! Ha -- a -- llooh -- Ed!!

Ich stand und starrte und wollte meinen Ohren nicht glauben.

Halloh -- Ed!

Von einem Zelt nicht weit vom Weg kam ein Rauher Reiter-Offizier
gelaufen, ein Leutnant. Unter dem graubraunen Feldhut mit dem
glitzernden Regimentsemblem von gekreuzten Reitersbeln leuchteten
gro und lachend graublaue Augen -- die alten Augen ...

Billy! schrie ich. Halloh, Billy -- Bi -- i -- illy!

Und er sprang herbei, und wir schttelten uns die Hnde, denn sprechen
mochte keiner ein Wort, und dann lachten wir wie unsinnig und dann
schttelten wir uns wieder die Hnde und dann lachten wir wieder.

Billy war es, der alte Billy, der Billy aus Wanderzeit und
Eisenbahnfahrt.

Billy in der Uniform eines =First Lieutenant=, eines Oberleutnants
des Rauhen Reiter-Regiments. Gar kein Staunen versprte ich ber die
silbernen Streifen auf seiner Schulter. Dieser Mann war einer der
wenigen Menschen, die dazu geboren sind, zu fhren und zu leiten unter
allen Umstnden. Seien sie arm oder reich. Die vornehm sein mssen und
Herren ber andere, mgen sie auch einen einzigen Rock nur ihr eigen
nennen. In der alten Welt htte man freilich aus Billy keinen Offizier
gemacht. Sein Lebensgang wre denn doch nicht einwandfrei genug gewesen
-- um die schne Phrase zu gebrauchen. In Amerika sah man sich den Mann
an und -- griff zu. Billys Familie hatte ihm eigentlich gegen seinen
Willen das Leutnantspatent bei den Rauhen Reitern erwirkt. In der
entscheidenden Unterredung jedoch mit Theodore Roosevelt hatte Billy
klipp und klar erklrt, da er erwhnen msse, er sei vor noch nicht
langer Zeit als Tramp, oder als eine Art von Tramp zum mindesten, auf
den Eisenbahnen herumvagabundiert.

=You are allright!= war Roosevelts knappe Antwort gewesen.

       *       *       *       *       *

Komm' in mein Zelt! sagte Billy.

Wir hockten uns auf die Wolldecke hin am Boden, und Billy holte
feierlich eine kleine Feldflasche aus einem Winkel hervor, erklrend,
da es unter den Rauhen Reitern komische Kuze von Millionren gebe,
die sich durch ihre Privatyachten Zigarren und Whisky bringen lieen.
Wir tranken in Andacht den goldigbraunen Bourbon. Rauchten eine
Zigarette.

Du bist also beim Signalkorps, eh? begann Billy. Haben sie nicht
genug Verstand gehabt dort, dich wenigstens zum Sergeanten zu machen?

Anscheinend nicht! lachte ich. Uebrigens habe noch nicht einmal
vorschriftsmig gegrt, Herr Leutnant!

Das ist allerdings schrecklich, meinte Billy. Kraft dieser schnen
silbernen Schulterstreifen also befehle ich dir nun, sofort zu
erzhlen. In Colorado war's irgendwo, als du verschwandest -- und das
hat mich damals mehr Kopfschmerzen gekostet als du ahnst, mein Junge.
Drei Monate suchten wir nach dir, Joe und ich, bis wir es endlich
aufgeben muten. Erzhlen, erzhlen!

Da berichtete ich von der Fahrt nach St. Louis und dem Erleben dort
und von der Kupferhlle und vom Zeitungsdienst und von San Franzisko.
Von Frank und von Allan McGrady. Lachende Linien kamen in das
scharfgeschnittene, hagere, rassige Gesicht.

Und bei dieser Geschichte hier in Kuba mutest du natrlich auch dabei
sein! rief er endlich und fllte lustig augenzwinkernd das winzige
Feldflaschenglas fingerhoch ... Aber natrlich! Ich brauche dir wohl
nicht zu sagen, mein Junge, da du ein Narr wrest, wrdest du die
blaue Jacke nicht recht bald wegwerfen. Bleib du bei der Zeitung! Ich
wnschte, ich wte so gut wie du es von dir wissen solltest, was ich
zu tun htte. Unter uns gesagt waren diese Schulterstreifen billig wie
Brombeeren. Es gehrte nicht viel mehr dazu, aus dem alten Billy einen
Leutnant zu machen, als sieben Wrtchen des alten Onkels van Straaten,
der im Kongre sitzt. Wenn diese nachgerade langweilige Affre hier
jedoch beendet ist -- dann adieu, Leutnant Billy!

Weshalb machten sie dich gleich zum Oberleutnant? lachte ich.

Bin ich vorgestern erst geworden! berichtete er vergngt.
Telegraphisch. Von wegen der Schlacht. Teddy sorgt fr seine Leute.
Wei der Kuckuck, wo Jack (das ist mein Putzer) den Oberleutnantsstern
aufgegabelt hat. Aufgenht hat er ihn mir jedenfalls auf die Jacke --
und meine Wrde erdrckt mich beinahe!

Erzhlen -- erzhlen ... Wir rechneten uns aus, da wir beim Sturm auf
den San Juan-Hgel keine hundert Meter voneinander entfernt gewesen
sein konnten, und im Planters-Hotel in Tampa im gleichen Saal gegessen
haben muten, ohne es zu ahnen. Wie gro die Welt war und doch wie
klein! Stunde auf Stunde verschwatzten wir, bis ihn und mich der
Dienst rief.

Wochen spter, als ich auf der Insel des gelben Fiebers aus dem
Delirium erwachte und denken und verstehen konnte, gab mir der Arzt
einen Briefumschlag. Fnf gelbe Banknoten steckten darin, zu zwanzig
Dollars eine jede. Und ein Zettel:

Lieber Ed. Unser Schiff dampft heute, den 30. Juli, nach dem alten
Land. Der Doktor schreibt mir, du wrdest durchkommen. Wute, sie
wrden dich nicht unterkriegen, alter Junge. Das Geld kannst du
vielleicht gebrauchen. Gib es mir zurck, wenn es dir pat. Hrte von
Major Stevens, du seiest zum Sergeanten ernannt worden. Auf Wiedersehen
-- Billy.

Ich sollte ihn erst in einem Jahr wiedersehen, unter Verhltnissen, die
noch viel merkwrdiger waren als das Begegnen im Tal von Santiago.

       *       *       *       *       *

Die Krankheitsziffern in den Schtzengrben stiegen zu erschreckender
Hhe, und immer blasser und gelber wurden die Gesichter der Mnner auf
den Hgeln. Unertrglicher schien die Sonnenglut von Stunde zu Stunde
fast und frchterlicher die endlosen Regengsse. Noch war die Zahl der
schweren Erkrankungen an wirklicher Ruhr und Malaria verhltnismig
gering, die Zahl der Leichtkranken jedoch ungeheuer gro. Den ganzen
Tag ber umringten sie das Doktorzelt, und der Sanittssergeant
verteilte im Schweie seines Angesichts unablssig Chininpillen und
Opiumprparate.

Die Befehle und Meldungen, die ber unseren Draht gingen, zeigten zwar
nur einen winzig kleinen Ausschnitt der allgemeinen Situation, aber sie
lieen unschwer erkennen, da die Fhrer der Truppen voll Besorgnis
waren und da alles nach einer Entscheidung drngte. Am 8. und 9.
Juli gab es viel zu tun. Die Depeschen, die genaue Berichte ber die
Krankenzahl einforderten, jagten sich. In den Antworten der einzelnen
Regimenter hie es immer wieder: Allgemeiner Gesundheitszustand hchst
unbefriedigend. Chefrzte kamen vom Hauptquartier und untersuchten die
Truppen; lange Konferenzen fanden statt im Zelt des Generals.

Da telegraphierte am Abend des 9. Juli das Hauptquartier, da mit
Mitternacht der Waffenstillstand ablaufe. Die Wirkung auf die
Truppen, die nun sofort in den Schtzengrben konzentriert wurden,
war verblffend. Die gedrckte Stimmung schien wie weggeblasen. Die
Aussicht auf Arbeit machte die Mnner in den Schtzengrben wieder
frisch und krftig. Ueberall von den Hgeln erklang an jenem Abend der
Tingeltangelschlager, den die Soldaten im Uebermut des Sieges in der
Kampfnacht gesungen hatten. Er war zum Schlachtlied der kubanischen
Armee geworden --

    =When the bells go tinge -- linge -- ling
    We'll join hands and sweetly we shall sing --
    There'll be a hot time
    In the old town
    Tonight, my Darling!=

Heut abend ist der Teufel los im Stdtchen ...

Mit dem Morgengrauen begann das Kleingewehrfeuer auf der ganzen Linie.
Vom San Juan-Hgel her drhnten Geschtze. Die Spanier erwiderten das
Feuer nur schwach. Ein unbedeutendes Ferngefecht war es -- wie auch am
nchsten Tag.

Mir ist dieser 10. Juli eine lustige Erinnerung. Im Laufe des
Nachmittags lief eine Depesche ein, in der Prsident McKinley unserem
General Bates seine Ernennung zum =Major General= anzeigte, der
hchsten militrischen Wrde in den Vereinigten Staaten. Das war
natrlich ein groes Ereignis. Ich machte mich sofort auf den Weg
nach den Schtzengrben, um dem General das Telegramm zu bringen.
Ueberall knatterte es vorne auf dem Hgel, und dann und wann pfiff
eine feindliche Kugel durch die Luft. Ich eilte durch den Hauptgang
und erfuhr von der Stabsordonnanz, da der General im Schtzengraben
rechts sei. Nach wenigen Schritten sah ich auch schon die Gruppe der
Stabsoffiziere. Und -- da packte mich eine ganz verrckte Idee ...
Ein Held wollte ich sein! Auszeichnen wollte ich mich -- auffllig
auszeichnen -- wunderbar tapfer sein ... Gedacht, getan. Mit einem Ruck
richtete ich mich auf und stand kerzengerade da, da Kopf und Schultern
ber die Brstung des Schtzengrabens hinausragten. Zischend surrte
eine Kugel an meinem Ohr vorbei. Eine zweite. A -- aah! So -- ooh! So
-- oo -- benahm sich ein Ritter ohne Furcht und Tadel im Kugelregen --
so -- olche Leute machte man zu Offizieren -- in meinem Kopf wirbelte
es von Tapferkeit und Todesverachtung -- =sans peur et sans reproche=
-- a -- aah -- =fais ce que dois, adviegne que pourra= -- =c'est
command au chevalier= ... und ganz langsam und bolzengerade stelzte
ich ber die Beine der feuernden Infanteristen hinweg auf den General
zu. Begeistert war ich -- von mir selber. Ich kam mir wirklich wahrhaft
heldenhaft vor. S -- sss -- ssss ---- zischte es. Und ich reckte mich
noch hher auf und stellte mich stramm hin und meldete eiskalt:

Depesche fr =Major General= Bates!

Der alte Herr, der im Graben kauerte, streckte die Hand nach der
Depesche aus und sah mich scharf an.

Mich aber berlief ein leichtes Zittern. Jetzt -- jetzt -- jetzt mute
es kommen --

Der General sah mich noch immer scharf an und um seine Mundwinkel
zuckte es. Dann sagte er leise, aber sehr deutlich:

=Get down, you fool!=

Duck dich -- du Narr!

Da klappte ich zusammen wie ein Taschenmesser. Aus war's mit dem
Heldentum. Und zu meiner Ehre sei es gesagt, da der Bruchteil einer
Sekunde mir gengte, um zu erkennen, welch furchtbar lcherlicher
Hanswurst ich soeben gewesen war.

       *       *       *       *       *

Die kriegerischen Ereignisse im Tal von Santiago de Cuba nahten rasch
ihrem Ende. Am 12. Juli begannen wieder die Verhandlungen. Am gleichen
Tag traf der Hchstkommandierende der amerikanischen Armee, General
Miles, in Siboney ein. Am 13. Juli hatten er und General Shafter eine
Besprechung mit General Toral, dem spanischen Kommandierenden. Am 14.
Juli kapitulierte Santiago de Cuba, und die spanische Armee gab sich
kriegsgefangen.

       *       *       *       *       *

Es war um Mittag des 14. Juli. Zwischen den amerikanischen und
spanischen Linien, dreihundert Meter etwa rechts seitlich von unserem
Hgel, hundertundfnfzig Meter in Front, stand inmitten einer weiten
grasigen Flche ein ungeheurer Mangobaum. Ein Riese. Der mchtige Stamm
zeichnete sich im grellen Sonnenlicht scharf gegen das Grn und Gelb
des Bodens ab. Die breitwipflige Krone ragte massig empor, wuchtig
in ihrem Dunkel wie ein Gebude. Da erzitterten Trompetentne. Der
Paraderuf, jedem Regulren wohlbekannt. Feierlich, gedehnt. Und die
Mnner in den Schtzengrben sprangen auf die Brstungen, kauerten
sich hin und sahen schweigend zu, wie aus dem Bodeneinschnitt beim
San Juan-Hgel Reiter in langsamem Schritt hgelabwrts ritten dem
Baumriesen zu. Ich konnte durch mein Glas die Gestalten deutlich
erkennen. General Miles war es, General Shafter, einige Offiziere, zwei
Trompeter. Gleichzeitig glitzerte es drben in den spanischen Linien
von Epauletten und goldenen Borten und Pferden und Reitern in dunklen
Umrissen.

Die beiden Reitertrupps kamen sich nher, hielten einen Augenblick.
Dann sprangen die Offiziere von ihren Pferden, und Ordonnanzen
brachten Feldsthle und stellten sie auf im Schatten des Mangoriesen.
In den amerikanischen Schtzengrben war es muschenstill.
Fnfzehntausend Mnner, sechzehntausend, siebzehntausend, warteten
in tiefem Schweigen. Drben beim Feind tauchten aus Gestrpp und
Dschungelgras in langer Linie weie Strohhte auf und Gestalten in
hellen Uniformen. Still war es. Ganz still. Zwanzig Minuten lang,
eine halbe Stunde vielleicht. Dann kam Bewegung in die Gruppe beim
Mangobaum. Pferde wurden herbeigefhrt, Reiter stiegen in die Sttel,
und langsam ritten die beiden Trupps zu ihren Linien zurck. Die Mnner
in den Schtzengrben schauten noch immer. Niemand sprach. Nichts
rhrte und regte sich.

Da blitzte ein Farbenfleck auf in dem tiefen Dunkel der Mangobaumkrone.

Rot -- blau ... Er wurde deutlicher. Breitete sich aus. Und ich
starrte und starrte, einer von Tausenden, und sah den Farbenfleck sich
entfalten in grelle Streifen und winzige Punkte.

Ueber dem Friedensbaum flatterte das Sternenbanner.

Eine Sekunde lang noch war alles still. Dann ergellte wie aus einer
einzigen Kehle brausend und donnernd ein furchtbarer Jubelschrei.

Santiago de Cuba war gefallen.




Nach Santiago de Cuba!

     Das Hauptquartier wird energisch. -- Die Enttuschung der Mnner
     in den Schtzengrben. -- Die verbotene Stadt. -- Wir werden nach
     Santiago beordert. -- Das Legen der Linie. -- In den spanischen
     Schtzengrben. -- Ein Tauschgeschft mit den hungrigen Spaniern.
     -- In der Stadt. -- Die toten Gchen. -- Von Licht und Schatten.
     -- Das Hauptquartier des Siegers.


Der Klopfer des Instruments berschttete uns mit Punkten und Strichen.

Noch mehr? fragte Souder zwischen zwei Telegrammen bei =S O= 3 an.

Massenhaft mehr! kam die Antwort.

Sergeant Hastings sa am Schlssel drben auf der Blockhausstation,
der beste Sender des Korps, und unter seinen geschickten Fingern
wurde das mechanische Klicken des Messingstngchens zum lebendigen
Sprechen; so mhelos verstndlich, da der Sergeant und ich uns
zwischen Schreiben und Lauschen fortwhrend unterhalten konnten, wenn
auch in abgerissenen Stzen ---- und jeder Satz ungefhr wrde uns ein
Kriegsgericht eingetragen haben, htte der Generalstabsoberst, der auf
Befehl des kommandierenden Generals die Depeschen zeichnete, all die
Unverschmtheiten mit anhren knnen.

Jawohl! Jaw -- oohll! Rei' das Maul nur recht weit auf, mein Sohn!
Schrei' Befehle, da dir die Hosentrger platzen! Denn du weit es
ja, da jetzo tiefer Friede herrscht in dieser schnen Gegend -- und
du verstehst dein Metier und du weit es ja, da alle Kriegskunst im
Frieden darauf hinausluft, recht laut und recht viel zu kommandieren!
Auf da jedermann mglichst chikaniert werde! Hol' dich der Teufel! --
Was sagt er?

Es ist mit Strenge darauf zu achten, da alles Trinkzwecken dienendes
Wasser gehrig abgekocht wird -- klickte der Klopfer.

Gehrig abgekocht wird! hhnte Souder. Du bist ja von vorgestern,
Oberstchen. Wer jetzt nicht schon die Cholera im Bauch hat, kriegt
sie nimmer. Kable lieber nach Washington und sorge dafr, da sie uns
endlich gar nichts schicken als immer nur Speck und Speck und Speck! --
Was ist das?

Offizieren darf ohne Erlaubnis des kommandierenden Generals, der diese
Erlaubnis nur in besonderen Fllen erteilen wird, Urlaub nach Santiago
de Cuba nicht gewhrt werden.

Aha! Die Schulterstreifen drfen auch nicht hinein! Was dem Regulren
recht ist, mu dem Leutnant billig sein. Der Regulre knnte sich
besaufen, und der Leutnant vielleicht auch, aber sicherlich der Herr
Oberst. Also geht nur der Herr Oberst ins Stdtchen, damit er mehr
unter sich ist! Oh -- hol dich der Teufel!

Dabei lag natrlich in den telegraphischen Befehlen zielbewute
Vernunft, whrend die Kritik des Mannes hinter dem Gewehr purste
Unvernunft darstellte. Begreifliche Unvernunft jedoch. Dem
begeisterten Jubelgeschrei des Sieges war in einer kurzen Stunde
ganz gewhnliches Geschimpfe gefolgt in den Schtzengrben. Die
derben alten Regulren da droben auf dem Hgel drckten sich noch
viel saftiger aus als der lustige Signalsergeant. Als sie die Fahne
flattern sahen ber dem Friedensbaum, hatten sie sich eingebildet, da
es ein paar Stndchen hchstens dauern knne, bis der Befehl gegeben
wrde, mnniglich solle seine Siebensachen zusammenpacken zum Einzug
in die Stadt. Hei -- oh -- zum Marsch in die Stadt! So mancher mochte
zungenschnalzend kalkuliert haben, was fr schne Dinge die silbernen
Dollars in der Tasche alle kaufen konnten -- diese silbernen Dollars,
die so vllig wertlos und vergngungsbar gewesen waren seit Wochen im
Drecklager.

Ausgerutscht!

Die Trume von netten Mahlzeiten, reinen Betten und dankbaren, vom
spanischen Joch befreiten Mgdelein zerrannen in vlliges Nichts. Es
fiel dem Jesus-Christus-General gar nicht ein, seinen braven Truppen
im Namen des dankbaren Vaterlandes begeistertes Lob und dergleichen
zu spenden und sie einzuladen, sich doch Santiago gtigst anzusehen.
Sondern er telegraphierte kurz und grob, jeder Mann, der ohne Pa in
der Stadt angetroffen werde, wrde vor ein Kriegsgericht gestellt
und schwer bestraft werden! Das Hauptquartier telegraphierte des
Ferneren, smtliche Regimenter sollten sofort Zeltquartiere beziehen.
Rund um jedes Zelt seien Abzugsgrben fr das Regenwasser zu graben.
Die Zeltgassen gehrig zu drainieren. Die Verpflegung der Truppen
habe von nun an wieder durch die Kompagniekchen zu geschehen. Die
kommandierenden Offiziere wurden ersucht, fr Reinigung der Wsche und
Uniformen ihrer Mannschaften zu sorgen. Und so weiter und berhaupt!

Die braven Regulren aber, die so gern in der Stadt des Feindes
spazieren gegangen wren, fluchten abscheulich. Was wuten sie davon,
da Santiago de Cuba ein Fiebernest war mit primitivsten sanitren
Verhltnissen und unmglich als Quartier fr tropenungewohnte Truppen,
ehe Strme von Karbol den Unrat weggefegt hatten! Was wuten sie davon,
da ein kommandierender General die Zgel der Disziplin fester in die
Hand nimmt, ehe er eine siegesbermtige Armee in eine eroberte Stadt
fhrt! Sie wuten nur, da weiterkampiert wurde in Regengssen und
Sonnenbrand ------ Sie sollten nicht in wirklichen Betten schlafen
knnen -- nicht auf wirklichen gepflasterten Straen wandeln -- nicht
wieder Menschen sehen, die keine Uniform trugen -- nicht wirkliches
Brot sich kaufen knnen ----

Hei -- oh, wie wurde da geschimpft auf den Hgeln!

Wir schimpften mit.

Am nchsten Tag aber wandelte sich unser Schimpfen in freudige
Ueberraschung. Ein Diensttelegramm befahl dem Sergeanten Souder und dem
Signalisten Carl kurz und bndig, sich sofort bei der Blockhausstation
zu melden. Zum Linienlegen nach Santiago de Cuba.

Zwischen drei und vier Uhr nachmittags brachen wir von der
Blockhausstation auf, der Major Stevens, ein Kabeltelegraphist von
Siboney, drei Sergeanten und zwei Signalisten. In fnfzehn Minuten
hatten wir den Draht vom Hgelgipfel zum Friedensbaum gespannt. An
diesem Tag kmmerte sich keiner von uns darum, da die Sonne einem
glhendhei auf den Schdel brannte und das schweiige Hemd patschna
am Leibe klebte und der Atem in kurzen Sten kam und ging. Vorwrts,
nur vorwrts! Nach Santiago de Cuba! Wir liefen nicht mehr mit den
schweren Drahtrollen, sondern wir rannten. Mir war nicht wohl zumute
dabei. Aber ich pfiff auf das sonderbare Flimmern vor den Augen und
die eigentmliche Schwere und Benommenheit im Kopf. Mochten sie doch
rumoren, die Magenkobolde und die Fieberteufel! Ich hatte an andere
Dinge zu denken. Ich hatte Eile. Wir rannten. Durch das Gestrpp der
Hgelniederung, der gelben Linie zu, die die Strae nach Santiago de
Cuba bedeutete.

Links -- links! keuchte der alte Sergeant Hastings, der neben mir
lief. Nach dem Baum dort. Und ein bichen langsamer. Ich bin mir in
meinem Leben noch nicht so ausgepumpt vorgekommen. Sie sehen brigens
extra miserabel aus!

Mir fehlt nichts, sagte ich.

Na, mir auch nicht, brummte er, aber ich knnte gerade nicht
behaupten, da ich jnger und gesnder geworden bin!

Weiter -- weiter. Wir arbeiteten in kleinen Gruppen von je zwei und
zwei Mann. In dem offenen Gelnde mute der Draht sorgfltig von Baum
zu Baum gespannt werden. Ich erkletterte zwei Bume, und sauer genug
wurde mir das Steigen, so bequemen Halt auch die vielen Aeste der
Mangos boten. Ein halbes dutzendmal fehlte nicht viel und ich wre
gefallen. Nein, gesnder war ich nicht geworden!

Da tauchten bei einer Baumgruppe Gestalten in amerikanischen Uniformen
auf und eine laute Stimme befahl uns, zu halten. Der Leutnant, der den
Posten von fnf Mann kommandierte, kam herbei, und wir muten einige
Minuten warten, bis der Major, der weiter hinten die Linie prfte,
erschien und dem Offizier unsere Psse vorwies.

Die spanischen Regimenter haben die Schtzengrben verlassen,
meldete der Offizier, und kampieren auf der Strae nach Santiago
entlang, links und rechts vom Weg. Sie werden binnen wenigen hundert
Schritten auf das erste spanische Lager stoen, Herr Major. Ich habe
Befehl, passierenden Offizieren und Mannschaften eine Anordnung des
kommandierenden Generals zu bermitteln --

Wei schon, wei schon, nickte der Major. Signaldetachement --
=attention=!

Wir stellten uns erwartungsvoll in Reih und Glied. Der Leutnant las:

Der kommandierende General befiehlt, da jede herausfordernde Haltung
den Spaniern gegenber vermieden wird. Die Entwaffnung der spanischen
Armee und die Besetzung von Santiago findet erst in einigen Tagen
statt. Spanische Offiziere sind zu gren wie die eigenen Vorgesetzten.
Besuch von Restaurants oder Wirtschaften in der Stadt ist verboten. Sie
sind brigens geschlossen.

Der Major betrachtete uns vom Kopf bis zu den Fen und sagte
dann schmunzelnd: Sergeanten und Signalisten! Ich habe in meiner
militrischen Laufbahn noch niemals eine so verwahrloste und klapprige
Gesellschaft gesehen wie euch. Sergeant Hastings -- aus Ihrem rechten
Stiefel guckt Ihr Zeh! Im brigen wei ich nicht, wer am schmutzigsten
und abgerissensten ist. Ich bitte mir aus, Hastings, da Sie als
ltester Sergeant das in Ordnung bringen. Sie werden in der Stadt
irgend einen englischsprechenden Kubaner auftreiben, es gibt deren
genug, und ihn auf meine Kosten als Putzer fr das Detachement
anstellen. Die ntigen Einkufe an Wsche und so weiter besorgen Sie
ebenfalls auf meine Kosten, Sergeant. Jeder Mann nimmt zweimal tglich
ein Glas Whisky mit einem Chininpulver -- fr den Whisky und das Chinin
werde ich sorgen. Achtet auf eure Gesundheit, Leute! Ich bin sehr
zufrieden mit euch.

Weiter ging's. Mit verdoppelter Schnelligkeit. Wie mir ging es wohl
jedem andern: Das Wasser lief einem einfach zusammen im Munde, wenn
man an dieses Dorado von frischer Wsche und kubanischem Putzer und
Reinlichkeit dachte!

Wenige hundert Schritte nur hatten wir die Linie weitergelegt, als
uns eine angenehme Ueberraschung wurde. Da, wo die eigentliche Strae
begann, die in scharfem Bogen von Osten herkam, lagen im Gras eine
umgestrzte Telegraphenstange und verwickelter Kupferdraht. Einige
Meter weiter begann die Stangenreihe. Soweit wir es durch die Glser
erkennen konnten, war die Leitung dort intakt.

Anschlieen! befahl der Major vergngt. Das Ding scheint zwar aus
uralten Zeiten zu stammen, wird aber wohl funktionieren. Die Linie wird
bei jedem zehnten Pfosten geprft.

So ging es sehr rasch vorwrts. Dicht hinter dem Gestrpprand zweigten
rechts und links von der Strae die spanischen Schtzengrben ab. Sie
waren viel flacher gegraben als die unsrigen auf den Hgeln und boten
wirksamen Schutz eigentlich nur liegenden Truppen. Das Wunderbare aber
war, wie die Spanier jede Baumgruppe, jede winzige hgelige Welle
zu einer kleinen Festung gestaltet hatten. Wo Bume standen, war
inmitten der Baumgruppen der Boden tief ausgehhlt worden, so, da ein
halbes Dutzend Schtzen in der Hhlung kauern konnten. Viele Reihen
stacheligen Drahts verbanden Baum mit Baum. Stacheldraht war berall.
Scharfschtzen in diesen Lchern muten fast unerreichbar gewesen
sein fr Infanteriefeuer und htten Dutzende von Angreifern, die der
Stacheldraht behinderte, wegschieen knnen. Der Major schttelte
fortwhrend den Kopf, und einmal platzte er heraus:

Das wre eine nette Bescherung gewesen ---- 

Die Strae wurde breiter, der Boden ebener, wie festgestampft. Wir
hrten Stimmen aus dem dnnen Gebsch, das den Weg einsumte, und ein
spanischer Offizier trat auf die Strae; eine schlanke Gestalt in
schneeweier Uniform mit Goldlitzen an den Aermeln und am Kragen. Er
blieb berrascht stehen, salutierte den Major in straffer Haltung,
wandte sich rasch und verschwand wieder im Gebsch. Einen Augenblick
nur hatte ich in das tiefernste junge Gesicht gesehen, aber der
Schmerz, der Ha in diesen Augen machten gewaltigen Eindruck auf mich.
Der Gedanke scho mir durch den Kopf, was ich wohl empfinden wrde,
wren wir besiegt worden. Was war mir Amerika! Mir, dem Fremden, der
sein Leben zu Markte getragen hatte im Spiel! Und ich wute, da ich
bitterunglcklich gewesen wre, lge das Sternenbanner im Staub. In
frhlichem Uebermut und tollem Abenteurerdrang nur war das Spiel
gespielt worden, aber es hatte Strkeres ausgelst, wie gutes Spiel
es mu. Zusammengehrigkeit. Seit den Tagen im Tal von Santiago ist
mir die Flagge der Vereinigten Staaten viel mehr gewesen als ein
gleichgltiger Fetzen in Rot und Blau wie all die vielen anderen, die
mich als Deutschen nicht kmmern. Es gibt Spiele, die man nicht vergit.

In einem sonderbaren Gefhl von Mitleid beinahe und doch brennender
Neugierde sah ich mich um. Das Gebsch an den Wegseiten wurde lichter
nach wenigen Schritten. Gestalten tauchten auf im Gezweig und tiefen
Gras; helle Uniformen, Zelte. Mitten zwischen spanischen Truppen
marschierten wir nun, und wenn wir hielten, um die Linie zu prfen,
umdrngten die Soldaten uns in Haufen.

Sie sahen alle bleich und abgemagert aus. Die dnnen Uniformen waren
schrecklich abgerissen. Die meisten hatten keine Stiefel an den
Fen, sondern Segeltuchschuhe mit Sohlen aus Stricken. Sie trugen
keine Waffen. Ihre Gewehre waren nicht ordentlich in Kompagniereihen
zusammengestellt, sondern in groen Pyramiden aufgestapelt mit Haufen
von Bajonetten daneben. Die Zelte waren erbrmlich; Stcke Segeltuch,
an einen Baum oder einen Busch gebunden und dachartig schrg gegen
den Boden gespannt. Viele Spanier lagen gleichgltig da, Zigaretten
paffend. Andere schnatterten aufeinander ein mit vielem Gestikulieren.
Manchmal sah uns einer finster an, aber die meisten schienen lustig
genug und winkten uns zu. Wieder prften wir die Linie. Ein spanischer
Unteroffizier, an seinem Aermel wenigstens war eine schmale goldene
Tresse, trat an mich heran und zog mir eine Patrone aus dem Grtel.
Dafr gab er mir einen Rahmen mit fnf Mauserpatronen.

=Pour souvenir!= sagte er in gebrochenem Franzsisch.

Im Augenblick folgten andere seinem Beispiel, und ein Handelsgeschft
mit Patronen entwickelte sich. Die Leute hatten alle Hunger! Das wuten
wir und hatten uns auf der Blockhausstation Tornister und Taschen mit
Speckstcken und Zwiebacken vollgestopft, die es im Ueberflu gab. Die
stets hungrigen armen Teufel von =Cubanos= waren ja wie besessen hinter
einem Stck Hartbrot her. Als Trinkgelder und Dolmetscher hatten uns
die Rationen Onkel Sams in Santiago dienen sollen. Nun wanderten sie in
die Mgen der spanischen Soldaten am Weg. Die Spanier rissen uns die
Speckstcke und die Zwiebacke aus den Hnden, so schnell wir sie nur
aus den Feldtaschen hervorholen konnten, drngten uns Zigaretten und
kleine Flaschen mit Rum auf dafr und bissen verhungert in das Hartbrot
hinein, als sei es ein kstlicher Leckerbissen.

An Regiment auf Regiment kamen wir vorbei. Pfade zweigten ab links
und rechts, und zwischen den Bumen leuchteten grelle Farben im
Sonnenschein, weie und gelbe und blaue, die ersten Huser Santiago de
Cubas. Dann verschwanden die Bume, und aus dem Weg wurde eine breite
Strae, die zwischen hlzernen Htten hinfhrte, in denen die Aermsten
von Santiago wohnten. Da und dort an einer Ecke lungerten Mnner und
Weiber in zerfetzten Kleidern, aber sie schlichen scheu davon, als
wir nher kamen. Splitternackte Kinder mit schrecklich aufgedunsenen
Buchen rannten schreiend in die Htten.

Die alte Drahtlinie fhrte schnurgerade den Weg entlang in eine schmale
Gasse von Steinhusern. Drhnend hallten unsere schweren Schritte auf
dem holperigen Pflaster. Flache Dcher hatten die Huser und klein und
niedrig waren sie und grell und bunt angestrichen. Aber sie sahen uralt
aus trotz der leuchtenden Farben. Die Steinstufen an den Toren waren
tief ausgetreten.

Totenstill und verlassen lag das Gchen da. Was es an Leben barg,
versteckte sich hinter massigen Tren mit bronzenen, kastilischen Lwen
als Klopfern und vergitterten Fenstern. Auf die grellen Huserwnde
warfen die Sonnenstrahlen blendendes Licht, und schwer und schwarz lag
der Huserschatten auf dem Pflaster. Aus den alten Mauern schien dumpfe
Moderluft zu quellen. Still war es, so still, da man leiser auftrat.
Die Gchen und die Huser schienen zu schlafen. Dunkel war es fast.
Was die glhende Sonne an Lichtfreudigkeit auf die gelben und weien
Wnde zauberte, lschten die vielen dunklen Schatten wieder aus, die
lang und spitz und breit und stumpf in totem Schwarzviolett sich ber
die Gasse hinzogen und ber Tren und Fenster krochen. Zwischen den
spitzen Pflastersteinen wucherte Gras, und auf dem Fusteig trat man
in tiefe Lcher. Nirgends war ein Mensch zu sehen. Kein Gesicht zeigte
sich hinter all den Gitterfenstern.

Mehr schmale Gchen. Mehr gelbe, blaue, weie Huserchen, alle alt und
alle verwittert. Ueber einem flachen Dach ragte in der Ferne fein und
zierlich der Kathedralenturm in das tiefe Blau.

An der Ecke, bei einem Brunnen, in dessen Steinwnde viele Jahre
und viele Wassertropfen groe Lcher gefressen hatten, stand ein
amerikanischer Kavallerist, Karabiner im Arm, und deutete nach
vorwrts, wo das Gchen sich verbreiterte. Und bald wurde aus der
Stille Lrm. Zwar sahen die kleinen Huser noch immer ber alle Maen
alt und vertrumt aus, und vor Fenstern und Tren lagen hlzerne Lden,
mit schweren Eisenstangen fest verschlossen. Aber Inschriften in gelben
und goldenen Lettern ber Tren und Schaufenstern zeigten, da hier
doch noch lebendige Menschen wohnen muten, die arbeiteten und kauften
und verkauften. Weiter oben standen sie, die lebendigen Menschen,
in dichten Gruppen; einem knallgelben Haus gegenber. Sie trugen
spitze Strohhte und dnne Hosen und Jacken, bald braun, bald wei,
bald farbig, aber immer zerfetzt. Weiber waren dazwischen mit wirrem
Haar und kurzen Rcken, unter denen die braunen Beine hervorguckten,
und neben ihnen kauerten nackte Kinder. Alle schrien und zeterten.
Sie schrien nach Brot, denn unter der armen Bevlkerung von Santiago
herrschte arge Hungersnot. Spanische Gendarmen drngten sie zurck.
Vor dem knallgelben Haus scharrten und wieherten viele Pferde, von
amerikanischen Regulren gehalten. Offiziere kamen und gingen. Es war
das Hauptquartier des Siegers.




Im Kabelbureau.

     Der spanische Telegraphendirektor. -- Unter Dach und Fach. -- Wir
     requirieren Wsche. -- Der wundersame Patio. -- Das groe Baden. --
     Der brauchbare Antonio. -- Wir rsten ein Mahl. -- =Caballeros
     telegraphistas!= -- Oh, der verdammte Speck! -- Man mu
     ein Loch in die Uhr schieen! -- Das Feuerrad. -- Im Dunkel.


Der Lehrer der franzsischen Sprache an dem bayrischen Gymnasium von
Burghausen an der Salzach, in dem dickschdelige bayrische Bauershne
in glnzenden schwarzen Hosen sich die erste wissenschaftliche Reife
ersitzen und leichtsinnige Mnchner Frchtchen gezwiebelt werden --
Monsieur wrde sich gewundert haben, htte er gewut, da in diesem
Augenblick der hinausgeschmissene Lausbub ihn im Kabelbureau von
Santiago dankbar segnete. Mein Burghausener Franzsisch war zwar ein
grammatikalisches Gerippe nur, aber es gengte. Bei Gott, es gengte!

Wir waren im Kabelbureau von Santiago de Cuba. Der Major stand
breitspurig da, bi sich auf den Schnurrbart und bemhte sich offenbar,
hflicher zu sein, als ihm der Sinn stand. Ihm gegenber tnzelte ein
kleines Mnnchen von einem lackbestiefelten Bein aufs andere. Sie
waren das Schnste an ihm, diese prchtigen Lackstiefel, wenn auch der
schneeweie Leinenanzug ihnen einige Konkurrenz machte. Das Mnnchen
war der spanische Telegraphendirektor. Der zappelige Spanier fuhr mit
wohlgepflegten, ringgeschmckten Hnden beschwrend auf den Major zu.

Ich weiche der Gewalt! sagte er. (Auf Franzsisch -- daher mein
Segnen!)

Es handelt sich hier nicht um Gewalt, mein Herr, antwortete der Major
in einem sehr verstndlichen aber entschieden grlichen Franzsisch,
sondern um eine ausdrckliche Abmachung der Kapitulation, wonach die
Telegraphenlinien vorlufig zu militrischen Zwecken von uns bernommen
werden. Wo sind Ihre Beamten, mein Herr?

Die schnen Hnde beschrieben wilde Kreise:

Sie wichen der Gewalt.

Dann werden Sie selbst so freundlich sein mssen, mein Herr, mir die
verschiedenen Verbindungen zu bezeichnen!

Ich -- ich -- habe schriftlich ... stotterte das Mnnchen und deutete
auf die Tische mit den Telegraphentastern. An jeden war ein Zettel
gehngt, auf dem die Verbindungen und die Anrufszeichen angegeben waren.

Sehr schn! knurrte der Major mit einer ironischen Verbeugung. Oh --
hier haben wir ja die Santiagotal-Linie. Hastings, rufen Sie doch =S O=
3 an!

Der Sergeant beguckte brummig den schweren, altmodischen Taster, der
unseren modernen leichten Morseinstrumenten gegenber so verchtlich
war, wie es ein Mistwagen fr ein Automobil sein wrde, und begann zu
klopfen. Die Blockhausstation meldete sich sofort.

Es ist gut, sagte der Major. Ich mache Sie dafr verantwortlich,
mein Herr, da alle Apparate sich in Ordnung befinden. Die Instrumente
des Kabels nach Jamaica werden gegenwrtig von meinem Kabelexperten
geprft ...

Ich lehne alle Verantwortung ab! schrie der nervse
Telegraphendirektor.

Aber durchaus nicht, meinte der Major freundlich. Sie werden im
Gegenteil so liebenswrdig sein, sich heute abend um neun Uhr im
Hauptquartier einzufinden. Dann werden wir festsetzen, unter welchen
Bedingungen die Befrderung von Telegrammen und Kabelgrammen in
spanischer Sprache bernommen wird. Ich mache Sie jetzt schon darauf
aufmerksam, mein Herr, da wir Ihrer und Ihrer Beamten fr den Dienst
bedrfen werden.

Ich gehorche der Gewalt, zeterte das Mnnchen.

=Trs bien=, sagte der Major. Auf Wiedersehen also heute abend um
neun Uhr im Hauptquartier! Und der Herr Telegraphendirektor trippelte
mit wutgertetem Gesicht der Tre zu.

Der verdammte Narr! platzte der Major heraus. So, Jungens. Ich mu
ins Hauptquartier. Die Apparate im Kabelzimmer gehen euch vorlufig
nichts an. Befrdert werden von euch heute abend nur die Telegramme an
=S O= 3, die ich durch Ordonnanzen sende. Richtet euch so gut ein als
mglich, damit ihr mir morgen frisch seid, denn wir werden Arbeit in
Hlle und Flle haben. Stadturlaub gibt es heute noch nicht. Ihr habt
hbsch hier zu bleiben. Das Ntige schicke ich euch.

Dann ging er.

Wir aber waren schon auer Rand und Band, kaum da der Major die
Tre hinter sich geschlossen hatte. Karabiner, Revolver, Tornister,
Feldtaschen schmissen wir in eine Ecke, da es krachte, und lachten und
schrien und spektakelten. Weil wir ein richtiges Dach ber uns hatten
und in einem wirklichen Zimmer waren; wieder einen Tisch sahen und
Sthle zum Draufsitzen.

Meinetwegen kann's jetzt Niagaraflle vom Himmel herunterregnen!
schrie Sergeant Souder und lie sich mit voller Wucht in einen Stuhl
fallen. Hoh! Das also ist ein Stuhl! So sieht ein Stuhl aus? So sitzt
es sich in einem wirklichen ehrlichen Stuhl -- oah ... Und er rkelte
sich und reckte sich und streckte die Beine gewaltig lang aus, der
Sergeant Souder.

Schreiend phantasierten wir einander vor, was wir in den nchsten
vierundzwanzig Stunden alles essen wollten. Ungeheuerliche Gensse
dachten wir uns aus. Aber bald wurden wir des Spektakelns mde und
gingen als gute Soldaten daran, die Oertlichkeit zu rekognoszieren.
Den langen Telegraphentischen und den klobigen Instrumenten schenkten
wir kaum einen Blick -- die wrden wir schon noch kennen lernen. Den
Kabeltelegraphisten, der jetzt aus dem Nebenzimmer kam und uns erzhlen
wollte, da die spanischen Kabeleinrichtungen durchaus nicht seinen
Beifall fnden, schrien wir einfach nieder.

Morgen! Morgen, mein Sohn, wollen wir dein gesegnetes Kabel
beschnffeln -- heute nicht! knurrte der alte Hastings. Heute mssen
wir herausbekommen, wo man sich waschen kann und wie man etwas zu
essen auftreibt und -- o Lord, so viele schne Dinge, wie ich sie alle
notwendig brauche, gibt es berhaupt gar nicht! Jungens, dies Ding hier
sieht aus wie eine Kirche!

Kein bler Vergleich. In mattem Halbdunkel nur lieen die hohen, schwer
vergitterten, buntbeglasten Fenster gedmpfte Lichtstrahlen in den
riesigen Raum einstrmen. Aus steinernen Fliesen war der Boden, und
sonderbar hoch wlbte sich in vielen spitzen Bogen die weie Decke.
Alt und vertrumt wie die Gchen drauen, war auch das Haus hier.
Uralt schien alles. Die kunstvollen, eisengeschmiedeten Gitter, die uns
von dem schmalen Schalterraum abschlossen, das buntbemalte Kruzifix
in der Ecke, die sonderbaren eisernen Tintenfsser auf den Tischen,
das Kupferschmiedewerk der Lampen, die aussahen wie Ampeln. Sogar die
vielen an den Wnden angenagelten Verordnungen schienen aus einer
anderen Zeit zu stammen mit ihrer schnrkeligen, verzierten, pretisen
Schrift.

An der einen Seitenwand des Raums waren vier Tren. Souder ri die
erste auf und schrie: Hierher, Jungens! Da steht ein Waschstand und da
ist Seife, bei meiner armen Seele, und hier hngen Handtcher. =Glory
be to God.= Knnt ihr euch berhaupt noch vorstellen, wie Handtcher
aussehen?

Wir strzten herbei und jubelten.

Dann ging's zur nchsten Tre. Hinter ihr war eine Art Wandschrank,
in dessen Fchern drei groe Pakete lagen. Ritsche -- ratsche -- ri
Hastings das dnne Papier von dem einen ... und seine Augen wurden gro
und grer.

Und fhre uns nicht in Versuchung! sagte er. Kinder, es ist traurig,
doch ich mu euch daran erinnern, da das Zeug auf keinen Fall uns
gehrt, gehre es, wem es mag. Finger weg!

Aber wir hatten ihm die Stcke schon aus den Hnden gerissen und
tanzten begeisterte Kriegstnze. Es war ja nicht zu glauben -- es war
zu schn, um Wirklichkeit zu sein. Wsche hielten wir in den Hnden.
Reine Wsche -- frisch von der Waschfrau! Seidene Wsche darunter gar!!
Hemden und Hosen und Kragen und Strmpfe und feine Leinenanzge ...
Irgend ein spanischer Telegraphenbeamter, der ein hchst verwhntes
und sehr feines Herrchen sein mute, hatte sich aus irgend welchem
Grunde seine Wsche ins Bureau schicken lassen. Nein, nicht einer nur.
Mehrere. Die Wschestcke waren verschieden gro.

Sie passen mir tadellos, grinste Souder, der ein Paar Hosen prfend
vor sich hinhielt.

Zum Teufel -- la das Zeug liegen, rief Hastings. Es ist
Privateigentum.

Schrei nicht so, antwortete Souder gemtlich. Ich wei schon, da
du hier Rangltester bist. Aber sag einmal, Freund, soll ich in diesem
blutigen Krieg nicht einmal ein reines Hemd und eine saubere Unterhose
erbeuten drfen?

Wir knnen uns doch Wsche _kaufen_! knurrte Hastings.

Ganz richtig -- vorlufig kaufe ich mir diese hier --

Und wenn der Major ------ 

La mich zufrieden! schrie Souder. Wenn der Major so dreckig wre
wie ich, so wrde er sich die feine Wsche hier mit der gleichen
Gemtsruhe stehlen, wie ich das zu tun gedenke. Pardon -- requirieren
wrde sie der Major. Zum Kuckuck, wir sind doch keine Sonntagsschler!

Sergeant Hastings hielt ein Hemd in der Hand und sah es lange und
liebevoll an.

Ich habe eine Idee! sagte er endlich. Er ging zum Tisch, nahm ein
Telegrammformular und schrieb: Die hier fehlenden Wschestcke habe
ich mir aus Gesundheitsrcksichten fr mich und meine Kameraden
angeeignet. Der Eigentmer erhlt Bezahlung von mir. Hastings,
Signalsergeant.

Dieses merkwrdige Schriftstck legte er in den Schrank an Stelle der
fehlenden Pakete und schlo ihn sorgfltig wieder zu, nachdem wir uns
ein jeder ausgesucht hatten, was wir brauchten.

Die Sache ist =allright=! meinte der alte Sergeant schmunzelnd. Ohne
den Fetzen Papier wr's Plnderung -- mit dem Fetzen Papier ist's
dienstliche Requisition.

Vielleicht gibt's noch mehr zum Requirieren! lachte ich.

Die dritte Tre barg einen Aktenschrank mit allerlei Formularen.
Die vierte ging in einen groen Raum, der nur durch das Troberlicht
vom Bureau her erleuchtet wurde. Er war gnzlich kahl und leer. Nur
an den Wnden standen Ballen mit zusammengeschnrten Papieren. Eine
offene Tr gegenber zeigte ein kleines Gemach mit allerlei Germpel
und einem Herd in der Ecke. Helles Licht strmte aus einer hohen und
breiten Oeffnung in der Mauer. Ausgetretene steinerne Stufen fhrten
zu einem kleinen Hof hinab, versteckt und still und wundersam. Von
maurischen Hufeisenbgen getragen, gesttzt von schlanken weien Sulen
neigte sich ringsum weit in den Patio hinein der dachartige Vorsprung.
Vertrumtes Pltschern klang rieselnd in die Stille. Rankenversponnen
waren die Wnde, und da und dort leuchteten blaue und rote Blten
aus dem tiefen Grn. In der Mitte stand der Springbrunnen mit einem
gewaltigen Lwen von sonderbar eckigen Formen, aus dessen Maul ein
dnner Strahl in das marmorne Bassin fiel. Uebergro, schwarzdunkel
sah das Brunnenbild aus im khlen, gedmpften Licht der untergehenden
Sonne. Aus roten Ziegelsteinen war der Boden. Rechts und links guckten
flache Dcherreihen ber die Mauern herein, und gegenber ragte eine
graue Huserwand mit kreuzweis vergitterten Fenstern empor.

Es geht nicht, brummte Souder kopfschttelnd und sah zu den Fenstern
hinauf. Nee -- es geht nicht!

Was geht nicht? fragte ich.

In den Springbrunnen da hineinzusteigen, wie ich es gern mchte.
Die Kleider herunter und hinein in den Brunnen! Aber die =ladies=
knnten's belnehmen ...

Da guckte ich mir den Brunnen an, und in meiner Seele stieg ein groes
Wnschen auf nach einem groen Bad. Aber whrend ich noch guckte, wurde
drben in der grauen Huserwand ein Fensterladen ein wenig geffnet,
und ein Frauengesicht sah neugierig auf uns herab, sofort wieder
verschwindend, als ich lustig hinaufwinkte. Nein, es ging wirklich
nicht! Aber es fiel mir ein, da ich in der Kche in einem Winkel eine
Art Zuber gesehen hatte. Den holte ich und warf ihn in den Brunnen, und
Souder und ich holten ihn zusammen heraus, wassergefllt.

Halleluja! rief der alte Hastings. Ihr mt aber ja nicht glauben,
da die alte Badeanstalt euch beiden allein gehrt. Vorwrts, marsch,
hinein mit der Badewanne ins Zimmer ...

Und ein groes Baden hub an in dem leeren Gemach neben dem Bureau.
Einen frchterlichen Spektakel machten wir dabei. Im Nu hatten wir uns
ausgezogen und kugelten bereinander; fnf Mnner, die sich pufften
und stieen, um in einem mittelgroen Zuber und einer ziemlich kleinen
Waschschssel mglichst schnell, mglichst grndlich und mglichst
gleichzeitig zu -- baden.... Der Kabeltelegraphist, der ein langsamer
Geselle war und sich beim Auskleiden nicht gesputet hatte, mute
auf allgemeine Einschreierei seine Hosen wieder anziehen und in der
Waschschssel ohn' Unterla frisches Wasser herbeischleppen. Den Zuber
zerrten wir ein halbes dutzendmal zur Kchentre und strzten ihn
einfach um. Das Wasser wrde ja schon irgendwohin ablaufen. In fnf
Minuten waren die Kche und das Nebengemach ein kleiner See. Wir aber
badeten. Wir spritzten wie nicht gescheit. Wir zankten uns um das
einzige Stckchen Seife -- und tanzten umher unter allerlei Kapriolen
und pfiffen und schrien und schwelgten in Wasser und Seifenschaum. Ein
Zuhrer wrde uns reif frs Tollhaus gehalten haben.

Da ffnete sich knarrend eine Tre und eine krhende Stimme rief:
=Caballeros!=

Still! sagte Hastings. Da ist jemand!

=Seores!!=

Oh, es ist nur ein =Cubano=, lachte Souder und schrie laut: Fahr'
zur Hlle -- dies Bureau ist geschlossen!

Nix Hlle! meckerte die Stimme in gebrochenem Englisch. Mich
geschickt von =Seor Capitano= mit einem Brief, =Seores=!

Gleichzeitig schob sich eine Gestalt in die Tre, und ein kleiner
Kubaner stand da, uns listig anfunkelnd aus den Fuchsaugen in dem
mageren braunen Gesicht. Ich Antonio! erklrte der Magere. Mich
Generalagent sein fr die =caballeros telegraphistas=!

Was? schrie Hastings.

Der Kubaner grinste und gab ihm einen Brief.

Brummend wischte sich der splitternackte Sergeant den Schaum aus den
Augen und las laut:

Sergeant Hastings! begann der Brief. Der Ueberbringer heit Antonio
und ist ein Spitzbube. Aber er kann ein bichen Englisch und wird
Ihnen alles besorgen, was Sie brauchen. Inliegend zwanzig Dollars.
Sehen Sie Antonio auf die Finger! -- Stevens.

Antonio mochte ein Spitzbube sein, aber fr uns war er ein Juwel. Er
hatte einen Sack mitgebracht, den er nun in die Kche schleppte und
ausleerte. Ich guckte, faselnackt noch immer, neugierig zu, wie aus dem
Sack allerlei Bratpfannen und Tpfe rollten und allerlei Proviant in
Armeeverpackung: Zucker, Salz, Mehl.

Mich fein kochen! erklrte Antonio stolz. Mich berhaupt alles!!

=Bueno!= nickte ich -- kletterte in eine seidene Unterhose und
schlpfte, o Wonne ber Wonne, in ein batistenes Hemd. Die ganze Welt
htte ich umarmen knnen, so glcklich kam ich mir vor, wenn ich auch
merkwrdig mde war und alle Glieder mich schmerzten. Zunchst uerte
sich meine Glcksstimmung darin, da ich Antonio einen Silberdollar
schenkte, den er mit einer tiefen Verbeugung und einem =gracias,
Seor= grinsend einsteckte. Wahrscheinlich hielt er mich fr verrckt.
Aber Antonio war diesen Silberdollar unter Brdern wert und ganz gewi
auch die fnfzig Prozent Spitzbubentaxe, die er ohne Zweifel auf jeden
Einkauf draufschlug.

Ein Juwel war er, ein Wunder, ein Genie, das im Augenblick die
Situation erkannt und es instinktmig begriffen hatte, da den
=telegraphistas= die Silberstcke locker saen, so man sich ihnen nur
ntzlich zu machen wute. Und Antonio setzte in ganz unspanischer
und unkubanischer Weise seinen Intellekt und seine Beine in rapide
Bewegung. Er zog ein Rasiermesser und einen Streichriemen aus der
Tasche, erklrte, da er in friedlichen Zeiten Barbier sei, wenn es
auch jetzt mit dem Geschft sehr faul stehe, und hatte im Handumdrehen
uns alle ausgezeichnet rasiert. Er kam und ging, verschwand und war
wieder da. Er schleppte bauchige Flaschen herbei voll schweren Rotweins
und viele Zigaretten und viele Zigarren -- und wir priesen dankbar die
Gte der Gtter, die uns in ein Land gefhrt hatten, in dem man fr
wenige Dollars so viele schne Dinge bekommen konnte. Er brachte uns
Arme voll =alpergatos= zum Aussuchen, und wir steckten unsere Fe in
die wonnige, weiche Tuchbekleidung, auf deren Stricksohlen es sich
so leicht ging, und wunderten uns, da die Dinger kaum einen halben
Dollar kosteten. Er brachte Holz und brachte Kohlen und machte Feuer
an im Kchenherd und zauberte Eier herbei und rupfte Hhner, die er
gottweiwo aufgetrieben hatte -- und wenn's dem Herrgott in Frankreich
gut gegangen ist, so ging es uns armen Signalisten besser noch im
kubanischen Land.

Antonio war berall. Er hatte auch seine Frau herbeigezaubert, die
fnfmal so dick war wie ihr Gatte. Sie briet jetzt Hhner und rhrte
Omelettes, whrend er, allgegenwrtig, Uniformen mit Benzin putzte und
unsere Flanellhemden wusch und doch sofort mit einem Zndholz da war,
wenn man sich eine frische Zigarette nahm.

Oh, es ging uns ausgezeichnet; wir hatten es ber alle Maen gut!
Lmmelig saen wir da auf den bequemen Sthlen, streckten unsere Beine
lang aus auf die Telegraphentische und waren sehr zufrieden.

Antonio, eine Zigarre!

Antonio flog.

Antonio -- ein Zndholz!

=Si, si, Seor.=

Antonio! Mach' die Tr zu ...

Wie Granden von Spanien kamen sie sich vor, die =caballeros
telegraphistas= ------

       *       *       *       *       *

Als das Essen auf den Tisch kam, geschah etwas Sonderbares -- wir aen
fast nichts. Ausgehungert htten wir uns auf die allererste anstndige
Mahlzeit seit langen Wochen strzen mssen, aber einsilbig saen wir da
und stocherten migestimmt auf den Tellern herum. Und der Kubaner hatte
sich so groe Mhe gegeben! Ein Tischtuch hatte er herbeigezaubert und
wirkliche Teller und wirkliche Bestecke. Auf groen Platten prangten
die Hhner und die Omeletten. Purpurrot schimmerte der schwere Wein in
den Glsern.

Ihr et ja nichts! brummte Hastings.

Du ja auch nicht, knurrten wir.

Wei der Teufel, was das ist, sagte Souder.

Der Kabeltelegraphist legte Messer und Gabel vor sich hin. Ich
glaube, ich wei, was es ist, sagte er. Als ich noch bei der
Western-Union-Telegraphen-Company war, schickten sie mich einmal in
ein verdammtes Nest in Arizona, wo es nur halbvergiftetes Wasser zu
trinken gab, Wasser, das mehr Alkalisalze enthielt, als fr einen
Christenmenschen gut war. Vier Monate spter wurde ich in St. Louis
sehr krank -- weil mir das Alkaligift fehlte, an das mein Magen sich
gewhnt hatte. Der Doktor hat mir das gesagt. So geht's uns auch jetzt.
Unsere Magen sind auf den verdammten Speck eingefuchst und knnen
anstndiges Essen noch nicht vertragen!

Der verdammte Speck! brummte Souder.

Mimutig saen wir da, verdrossen und bler Laune. Da stand nun auf
Platten und Tellern, wonach man sich wochenlang gesehnt ------ ja, der
verdammte Speck!!

Um wenigstens etwas Leben und Freude in die grliche Mahlzeit zu
bringen, brachten wir ein Hoch auf den Major aus und zerschmetterten
unsere Glser an der Wand, wie amerikanische Offiziere es tun in ihren
Messen bei groen Toasten. Aber es war auch da kein rechter Zug in der
Sache.

Antonio rumte kopfschttelnd die Herrlichkeiten wieder ab.

       *       *       *       *       *

Die anderen spielten Poker an dem runden Tisch in der Ecke. Ich war
zu mde. Allein sa ich in der anderen Ecke, den Spielern gegenber,
auf einem Stuhl, den ich schrg gegen die Wand gelehnt hatte, um recht
bequem zu sitzen. Es schien mir, als sei mir der schwere Wein in den
Kopf gestiegen, so wenig ich auch getrunken hatte. Ein Glas nur oder
zwei.

Furchtbar mde war ich, aber gar nicht schlafensmde, eher berwach.
Gliedermde nur. Die Glieder schmerzten mich so. Die Arme und die
Beine schmerzten mich, als ob irgend etwas in ihnen zerre und reie.
Dann wieder wurden sie mir bleiern schwer, und es kostete mich Mhe,
die Zigarette zum Munde zu fhren. Wie sonderbar sie schmeckte, diese
Zigarette! Nach gar nichts, rein nach gar nichts. Weg damit!

Antonio!

=Si, seor.=

Eine Zigarre, bitte ...

Er schnitt die Spitze ab und gab mir Feuer, geruschlos verschwindend.
Ich rauchte und schttelte den Kopf, denn auch die Zigarre schmeckte
nach gar nichts ...

Wie die Uhr an der Wand gegenber glitzerte und funkelte! Sie hatte
ein gelbmetallenes Zifferblatt, und die glnzende Scheibe schien alles
Licht im Zimmer an sich zu saugen und wiederzustrahlen. Sie blendete
mich. Aber es war doch nicht der Mhe wert, aufzustehen. Und der Pendel
der Uhr schwang immerwhrend hin und her und der bestand auch aus einer
glnzenden kleinen Scheibe und der leuchtete auch. Ich mute immer
wieder hinsehen.

Tik -- tak -- tik -- tak ...

Laut wie Gehmmer war der Pendelschlag.

Dazwischen hrte ich deutlich meinen eigenen Pulsschlag in der Schlfe
und der groen Halsader: eins, zwei, drei, vier -- eins, zwei, drei,
vier -- vier Pulsschlge immer auf einen Pendelschlag ... Ach was,
dummes Zeug. Wenn ich nur nicht so bleiern mde wre ...

Ich habe vier Knige, meine Herren! Das Geld ist mein! sagte eine
Stimme ganz weit weg.

Vier Knige sind viel! dachte es in mir.

Tik, eins, zwei, drei, vier -- tak, eins, zwei, drei, vier ... Wie doch
die infame Scheibe da drben glitzerte und blendete! Ich machte die
Augen zu, aber selbst mit geschlossenen Lidern sah ich Fluten von Licht.

Man mute ein Loch in diese Uhrscheibe schieen -- mitten hinein -- und
das gab dann einen dunklen Punkt -- und dann konnte sie nicht mehr so
leuchten ...

Tik -- tak ----

Mitten hinein mute man schieen!

Da begann die Scheibe sich langsam zu drehen, und dann bewegte sie sich
immer schneller in funkelndem Kreis und wurde zum flammensprhenden
Feuerrad, das mit frchterlicher Geschwindigkeit sich sausend schwang.

Und immer noch schneller ...

Da barst es funkensprhend mit dumpfem Krachen und es wurde ganz dunkel
...




Auf der Insel des Gelben Fiebers.

     Ich bin gar nicht tot! -- Im Hafenhospital von Santiago. -- Die
     gelbe Flagge im Boot. -- Die Schmerzen im Leib. -- Der sterbende
     Trompeter. -- Warum ich den Neger erschieen wollte. -- Schlafen,
     nur schlafen! -- Das Dunkel zwischen Tod und Leben. -- Dr.
     Gonzales. -- Ich bin Sergeant geworden. -- Das Haus des Elends. --
     Krankenpfleger und Totengrber. -- Wie der Rauhe Reiter
     Himmelsblumen pflckte. -- Eine nchtliche Schreckensszene. -- Der
     Insel der Verdammten wird Hilfe. -- Die Krankenschwestern.


Viele Wochen spter. Der Krieg war zu Ende.

Der Transportdampfer hatte mich auf amerikanischem Boden gelandet, in
Montauk Point, dem Lager der aus Kuba zurckgekehrten Truppen. Lange
mute ich suchen, bis ich in den Zeltreihen das Signalkorps fand.

Guten Tag, Kinder! sagte ich, ins Sergeantenzelt eintretend, in dem
Hastings, Souder und Ryan beisammensaen. Die drei Mnner fuhren empor
wie aus der Pistole geschossen.

Verdammt -- er ist's! brllte Souder.

Teufel! Willkommen, Sergeant! schrie Ryan.

Du bist also nicht tot? fragte der alte Hastings und ri den Mund
weit auf vor Staunen.

Ich bin gar nicht tot! lachte ich seelenvergngt. Ich glaube es
wenigstens nicht. Guten Tag, Kinder!

Dann ging's an ein Beglckwnschen, und ein groes Erzhlen hub an. Auf
Soldatenart. Ich war wtend auf dich! grinste Souder. Machen sie den
Menschen zum Sergeanten, sagte ich mir, und der Esel geht hin und
stirbt! Lt Wochen und Wochen ppiger Kriegslhnung im Stich. So 'was
Dummes!

Wutet Ihr denn nicht ----?

Nichts wuten wir. An dem Abend im Kabelbureau -- du erinnerst dich?

Und ob!

Erinnerst du dich auch an Antonio?

Natrlich.

Den haben wir mitgenommen -- na, du wirst ja sehen. An jenem Abend
also bist du mit dem Stuhl zusammengeknaxt und hast mir damit eine
wunderschne Pokerhand verhunzt, die ich eben bekommen hatte. Das
vergess' ich dir sobald nicht ... Einen Augenblick!

Er ging und kam wieder, einen Arm voll Bierflaschen herbeischleppend --

Bums -- lagst du am Boden. Wir waren so erschrocken, da wir die
Karten hinwarfen -- Teufel, wenn ich an meine schnen drei Asse
denke! -- und dich schleunigst aufhoben, wobei du mir brigens einen
niedertrchtigen Futritt gegeben hast, mein Junge. Du schriest wie
besessen und erzhltest allerlei Bldsinn von einer Uhr. Zuerst dachten
wir, es sei der Wein. Aber wir hatten doch gar nichts getrunken.
Dann schickten wir den Antonio ins Hauptquartier zum Major, und ein
Stabsarzt kam, der sagte, du seiest sehr krank, und am frhen Morgen
brachten wir dich ins Hafenhospital. Als ich tags darauf dort wieder
vorfragte, hie es, du seist auf die Gelbfieber-Insel geschafft worden
und wahrscheinlich schon tot. Du httest Gelbes Fieber. Dann hie es,
du lgest im Sterben. Adieu, dachten wir uns. Der arme Teufel ist schon
lngst begraben!

       *       *       *       *       *

So also war es zugegangen an dem Abend im Kabelbureau. Ich wute
nichts davon. Die langen Stunden jener ersten Gelbfiebertage sind mir
wie trbes undurchsichtiges Grau, aus dem nur da und dort grell und
schrecklich das Erinnern leuchtet. Ich wei, da ich, erwachend, um
mich sah und mich auf einer Matratze liegend fand, in einem groen
hellen Raum, mit vielen anderen Soldaten, die auch am Boden lagen,
auch auf Matratzen -- und da mir dies und alles andere unendlich
gleichgltig war. Da ich mich auch nicht mit einem einzigen Gedanken
darum kmmerte, was eigentlich geschehen war mit mir, ob ich krank sei
oder nicht, und wo ich mich befand. Weder etwas sehen wollte ich, noch
etwas hren, noch etwas wissen. Nur schlafen, schlafen. Meinetwegen
konnte geschehen, was da wollte, wenn man mich blo schlafen lie
und meine Ruhe nicht strte. Schlafen, nur schlafen! Dem Zwang der
bleiernen Mdigkeit gehorchend, die ber mir lag wie schwerer Alp.

Eine Hand erfate meinen Arm, fhlte nach dem Puls, schob meinen Aermel
zurck, griff mit harten Fingern in die Haut am Oberarm, zog sie empor,
lie sie zurckschnellen. Da und dort betastete mich die Hand. Sie
ri meine Kleider auf und legte sich mir auf den Leib. Ich sprte das
alles und wurde rgerlich. Zu dumm, da die -- die Hand da einen nicht
in Ruhe lassen konnte! Eigentlich htte ich mir die dumme Hand ja ganz
gern angeguckt, aber es war doch nicht ganz so einfach, die Augen zu
ffnen. Es machte wirklich zu viel Mhe! Nein, lieber nicht.

Wie fhlen Sie sich? fragte eine Stimme.

Du meinst wohl, ich werde dir antworten? dachte ich. Du bist ein
groer Esel, wer du auch sein magst. Siehst du denn nicht, da ich
schlafen will?

Wie geht es Ihnen?

Zu dumm -- die Fragerei, dachte ich blo.

Da betastete mich wieder die Hand. Ein Finger legte sich auf mein
Augenlid, und eine Stimme, die laut zu drhnen schien, schrie dicht an
meinem Ohr:

Tut das weh?

Geh weg! brummte ich.

Und es wurde wieder hbsch still und dunkel. Nach langer Zeit dann
schien es mir, als ob meine Matratze sich bewege und aufgehoben wrde
und fortgetragen. Ich hrte Stimmen und fhlte helles Sonnenlicht mehr
als ich es sah. Da wachte ich endlich auf und ffnete wirklich die
Augen. Ich war mitten auf dem Wasser, in einem groen Boot. Deutlich
sah ich den breiten Rcken des Ruderers vor mir, sah wogendes Wasser,
Husermassen, grne Hgel in der Ferne; sah eine groe gelbe Flagge
ber mir flattern. Diese gelbe Flagge kam mir bekannt vor. Sie war es,
die das erste halbwegs klare Denken in mir auslste.

Hm -- ich wute doch -- natrlich! Gelbe Flaggen waren
Krankheitsflaggen. Pest bedeuteten sie, Cholera, Gefahr der Ansteckung.
Hm ja. Zu dumm. Halbbegriffen huschte mir der Gedanke durch den Kopf,
da ich also doch wahrscheinlich recht krank sein mute. Aber -- wenn
man krank war, dann war man eben krank -- andererseits -- wie konnte
man denn krank sein, wenn einem gar nichts fehlte als Schlaf? Zu dumm!
Zu dumm, da sie einen nicht schlafen lieen.

Und ich machte die Augen wieder zu.

Um nichts in der Welt htte ich sie geffnet, denn nun war es
wunderschn still und ruhig. Leise nur und wie aus weiter Ferne hrte
ich gedmpfte Gerusche, und undeutlich war das traumhafte Empfinden,
da irgend etwas mit mir geschah. Da man mich trug -- da sie mich
irgendwo hinlegten ...

Pltzlich fuhr ich empor.

Luft -- Luft! Oh -- der frchterliche Schmerz im Leib! Das Brennen!
Luft, zum Teufel!

Es war dunkel. Ich sah nichts. Wo war ich? Was war geschehen? Souder,
der Tlpel, mute gestolpert sein, als er ins Zelt kam in der
Dunkelheit -- auf den Bauch hatte er mich getreten mit den schweren
Stiefeln -- ah, wie das brannte. Ich prete die Fuste gegen den Leib.
So, jetzt war's besser. Wo bin ich? Was -- ist -- das?

Und wie mit einem Schlage kam durch den aufrttelnden Schmerz die Kraft
des Sehens in mein Auge, und in mein Hirn die Fhigkeit des Denkens.
Ich sah die Mnner auf dem Boden liegen, sah den Neger in der Uniform
eines Sanittssoldaten, begriff, da es Schwerkranke waren, unter denen
ich mich befand, und da ich selbst sehr krank sein mute. Mhsam
richtete ich mich auf, die Fuste immer noch gegen den Bauch gepret,
denn das half.

Heh, du!

Der Neger kam einen Schritt nher.

Was fehlt mir? Was ist das hier?

Inselhospital, Herr. Fr Gelbes Fieber und Typhus. Bin selber erst
heute frh mit den ersten Kranken hergeschickt worden. Morgen kommen
die Betten --

Was -- fehlt -- mir?

Wei ich nicht, antwortete der Neger mrrisch. Bichen Typhus, denk
ich mir, oder 'n bichen Fieber. Is nich schlimm, Herr. Furchtbar viel
Arbeit hier fr mich. Ich bin ganz allein ---- 

Angst packte mich, furchtbare Angst. Gel -- bes Fieber -- die Schmerzen
im Leib -- das schreckliche Mdesein ------ Regungslos hockte ich da
und starrte um mich. Unter mir lag ein Strohsack. Ich war in einem
kleinen Raum, der arg verwahrlost aussah vom roten Ziegelsteinboden
bis zu den beschmierten Kalkwnden. Die schmutzigen Fenster lieen nur
trbes Licht herein. Nackt und kahl war alles. An der einen Wand stand
ein kleiner Tisch mit Glsern und Flaschen und einem Stuhl davor. Links
und rechts von mir und gegenber lagen der Wand entlang auf Strohscken
die Kranken. Wenige nur. Ich begann zu zhlen -- eins, zwei, zehn ...

Wieder packte mich die Angst. Gelbes Fieber -- die Schmerzen im Leib
-- die, die ---- verdammt, es war ja gar nicht so schlimm mit den
Schmerzen, wenn man nur die Fuste ordentlich gegen den Bauch prete --

Mein Auge hatte sich jetzt an das Halbdunkel gewhnt. In der Ecke
schrg gegenber kauerte auf einem Strohsack, an die Mauer gelehnt, ein
riesiger Trompetersergeant, die glitzernde Trompete noch umgeschlungen.
Sein weies Gesicht war nach vorne gebeugt, und ein gefrorenes Grinsen
klebte auf seinen Zgen. Der Oberkrper bewegte sich ruckweise, in
immer gleichem Takt, immer ein wenig vorwrts, immer ein wenig zurck.
Mit jeder Bewegung kam und ging ein rchelndes Rlpsen aus seinem Hals,
regelmig wie das Ticken einer Uhr. Ueber das Hellbraun seines Rocks
und das Metallgelb der Trompete tropfte trickelnd ein schwarzrotes
Blutbchlein. Immer gleich blieben sich das Grinsen und das Rlpsen.
Bei jedem Ruck nach vorwrts flo ein wenig schwarzes, dickes Blut aus
dem Mund.

Da verschwand auf einmal das Grinsen von dem Gesicht.

Die Augen ffneten sich weit, der Mund sperrte sich auf, da er aussah
wie ein schwarzes Loch, und etwas Rotschwrzliches scho strmend
hervor aus ihm, sich ber Mann und Strohsack ausbreitend in dunkler
Lache. Der Krper aber schnellte vorwrts in gewaltigem Ruck und sank
dann langsam zur Seite. Auf dem Strohsack daneben hatte der schlafende
Mann den Arm weit von sich gestreckt, und seine gelbe Hand lag flach
mit gespreizten Fingern auf dem Ziegelsteinboden. Um diese Finger und
diese Hand ging langsam der Blutstrom. Er kroch hinein zwischen die
Finger. Wie ein gezackter, weier Fleck ragte die Hand aus der Lache.

Es wrgte mich.

Der Neger kam langsam und faul herbei, nahm gleichgltig eine Decke und
warf sie ber den toten Trompeter. Sonst rhrte und regte sich niemand.
Die Mnner auf den Strohscken lagen still da, schweratmend die einen,
wie tot die anderen. Der Neger ging wieder an den Tisch, setzte sich
auf den Stuhl und blickte stumpf vor sich hin. Ueber mich kam wieder
die alte Mdigkeit, groes Gleichgltigsein, willenlose Erschlaffung.
Ich fiel zurck auf den Strohsack. Und es wurde Nacht um mich.

Mde, mde erwachten meine Sinne wieder. Ich schlug die Augen auf und
sah, da links, im trben Licht der Laterne in der Ecke, etwas glitzern.
Neben mir. Die silbernen Schulterstreifen eines Offiziers waren es,
eines Leutnants. Ich sah schrfer hin. Der Offizier lag ruhig da, lang
ausgestreckt, und sein Leib hob und senkte sich im Auf und Nieder ganz
langsamer, sehr tiefer Atemzge. Aber --

Nein, es war nicht mglich! Ich sah Gespenster im Fieber. Herrgott, das
gab es doch nicht!! Ich versuchte nachzudenken, aber es wollte nicht
gehen. Herrgott, das konnte doch nicht sein! War ich schon wahnsinnig?
Mit einem Ruck richtete ich mich auf -- beugte mich hinber --
streckte tastend die Hand danach aus -- mit schwachen, zitternden,
tppischen Fingern ----

Denn etwas Furchtbares war da.

Mit leisem Gesurre umschwebten mich Hunderte und Aberhunderte von
winzigen, schwarzen Pnktchen, wogten unruhig auf und ab, schwebten,
sanken tiefer und lieen sich wieder dort nieder, von wo sie gekommen
waren -- in den starren, weit geffneten Augen des Leutnants ...

Der Offizier lag im Sterben. Noch ging und kam sein Atem in langen
Zgen, doch die Kraft, die Augen zu schlieen, hatte er nicht mehr.
Aber er lebte noch -- er lebte noch! Und die Augen des Lebenden sahen
schwarz aus wie Kohlensckchen. Viele, viele kleine Fliegen wimmelten
in entsetzlichem Gekribbel in den Hhlen des menschlichen Lichts. Auf
den armen, wehrlosen Augen! Auf den Augen!!

Ich wollte aufschreien, aber aus dem Schrei wurde nur ein Sthnen.

Was gibt's? fragte brummig der Neger vom Tisch.

Komm her, du schwarzer Hund!

Wa -- as?

Komm her, du -- schwarzer -- Hund!!

Ich hatte suchend herabgetastet an mir selber und wirklich im Grtel
den Revolver gefunden. Sie hatten ihn mir noch nicht abgenommen. Ich
ri ihn aus dem Holster und nahm die Waffe in beide Hnde und richtete
sie auf den Neger --

Komm her, du ----!

Seine Augen wurden gro und erschrocken, da ihr Wei sonderbar abstach
gegen die schwarze Haut. Langsam schlich er herbei, die Augen starr auf
den Revolver.

Da! Die Augen!! keuchte ich.

Nicht schieen, Herr -- Jesus Christus, nur nicht schieen! stotterte
der Schwarze.

Die Fliegen!!

Er -- sprt nichts mehr -- ganz gewi nicht ...

Du verfluchte Bestie! Nimm ein Tuch! Deck es ber ihn!

Ich -- ich hab aber kein Tuch, Herr --

Da hob ich den Revolver. Der Neger ri sich mit furchtbarer Kraft
ein Stck Hemd von der Brust, verscheuchte die Fliegen mit heftigen
Schlgen und warf den Fetzen dem Sterbenden bers Gesicht ... Surre --
surre -- umschwirrte es mich. Langsam hob und senkte sich der Leib des
Leutnants.

Ruhe da drben! murmelte von einem Strohsack gegenber eine Stimme.
Lat einen doch schlafen ...

       *       *       *       *       *

Schlafen, nur schlafen.

Nichts mehr sehen wollen, nichts mehr denken mssen. Der Neger schlich
zum Tisch zurck, plumpste auf den Stuhl, griff nach einer Flasche,
aus der er etwas in ein Arzneiglas schttete, und leerte es auf einen
Zug. Ah! Das -- Herrgott, das war Whisky -- oder Rum -- oder ... irgend
etwas, das betubte, Ruhe schenkte! In der Flasche dort steckte das
Vergessen! Ich wollte aufspringen, aber ein furchtbarer Schmerz scho
mir durch den Leib. Schwer fiel ich zurck. Da drckte ich die eine
Hand in den Bauch und wlzte mich vom Strohsack. Ich schob den Revolver
vor mir her und kroch ber den Boden hin. Der Neger flchtete sich in
eine Ecke. Endlich, endlich, war ich am Tisch. Packte ein Tischbein.
Zog mich langsam, ganz langsam empor. Griff nach der Flasche --

Nicht trinken, Herr! schrie der Neger.

Gegen das Tischbein gelehnt, hob ich die Flasche mit beiden Hnden,
denn sie dnkte mich schwer, und trank; trank etwas, das im kranken
Magen wie Hllenfeuer brannte. Der Revolver war klirrend zur Erde
gefallen. Und ich trank und trank und lie betubt die Flasche aus den
Hnden gleiten und mute gewaltig husten und war inmitten sprhender
Lichtfluten und sah weiglhende Sterne tanzen. Dann wurde es wieder
dunkel.

       *       *       *       *       *

Stechender Schmerz ber dem Herzen erweckte mich. Ich schlug die Augen
auf und machte sie schleunigst wieder zu, denn das Licht blendete mich,
schlug sie wieder auf und blinzelte verwundert auf die Gestalt, die
sich ber mich beugte. Hm ... verwirrter, verwilderter Haarschopf --
braunes Gesicht mit warmen gtigen Augen hinter der goldbernderten
Brille -- hohe Stirn mit schwerer Hiebnarbe -- massige Schultern in
weier Jacke -- eine lange, schmale Hand, die etwas Glitzerndes hielt
... Die Hand senkte sich, und wieder versprte ich den leise stechenden
Schmerz in der Brust --

Lassen Sie die Dummheiten! murmelte ich rgerlich und wunderte mich
im gleichen Augenblick, wie sonderbar dnn und fade meine Stimme klang.

Das sind keine Dummheiten! sagte ein lachender Mund dicht ber meinen
Augen.

Zu -- dumm!

Pst -- psst! Die schmale Hand legte sich auf meine Stirn. Sch ...!
Wer wird so unhflich sein! Wenn Sie es aber durchaus wissen wollen
-- die Dummheit war eine kleine Strychnineinspritzung, die Ihr Herz
notwendig braucht. So! Nun wollen wir wieder schlafen!

Aber ...

Pscht! Sie haben auf der ganzen weiten Welt nichts zu tun jetzt als zu
schlafen!

Und ich machte gehorsam die Augen zu.

Am gleichen Tag noch folgte dem ersten Erwachen das zweite, und wieder
kam die glitzernde Spritze, und abermals fhlte ich den stechenden
Schmerz auf der Brust. Ein Lffel voll kondensierter Milch wurde mir
eingeflt.

Pfui Deibel! knurrte ich.

Sagen Sie das lieber nicht! meinte der Mann in der weien Jacke
lchelnd. Denn diese nahrhafte Milch wird, ein Lffel jede Stunde,
noch lange Ihr einziges Nahrungsmittel bilden.

Wieso denn? Ich -- ich habe Hunger!

Aha! Hunger haben wir? Wir sind schon wieder ganz intelligent? Knnen
reden und denken, nicht wahr? Schn. Wollen Sie mir versprechen, sofort
wieder einzuschlafen, wenn ich Ihnen alles sage?

J -- ja.

Die sonderbar groen, warmen Augen sahen mich unverwandt an und die
ruhige Stimme erzhlte kurz, ich sei recht krank gewesen an gelbem
Fieber. Jetzt aber knne ich mich wieder so gut wie gesund nennen,
immer vorausgesetzt, da ich recht viel schlafen wrde in den nchsten
Tagen. Ueberhaupt nur schlafen! Und recht geduldig sein und nicht
murren. Denn sehen Sie, wenn man vier Tage lang getobt und geschrien
hat, dann ist der Krper arg mitgenommen und mu ausruhen. Schlafen
Sie! Freuen Sie sich, da Sie eine Krankheit, wie gelbes Fieber es ist,
berstehen konnten!

Da hab ich wieder einmal Glck gehabt! murmelte ich.

Ganz gewi! sagte der Mann in der weien Jacke. Aber nun wollen wir
wirklich schlafen!!

Ich nickte nur.

Viele Stunden gingen noch hin in diesem Halbbewutsein des
arbeitsunfhigen Hirns, das mit dem geschwchten Krper litt und
schwach war. Ich sah alles nur wie durch Schleier. Die Menschen, die
Dinge um mich schienen Schatten zu sein. Dann aber regte sich gewaltig
der ursprnglichste Lebensdrang: Hunger hatte ich! Frchterlicher
Hunger qulte mich. Im Wachen und Schlafen hatte ich keinen anderen
Gedanken als den einzigen: Essen! Gebt mir doch zu essen! Wollt Ihr
mich denn verhungern lassen? Wenn der Mann in der weien Jacke sich
blicken lie, bat und bettelte ich um ein Stck Brot wie ein Kind, und
meinen bittersten Feind sah ich in ihm, wenn er mit unerschtterlicher
Ruhe mir immer erklrte, das gelbe Fieber habe meine Magenwnde und
meine Drme so beschdigt, da jede andere Nahrung als flssige mein
Tod sein wrde. Ich glaubte es ihm nicht. Denn ich hatte ja solchen
Hunger!

Ich hrte nichts und sah nichts, sondern trumte nur vor mich hin und
stellte mir vor, wie kstlich ein Butterbrot schmecken mte -- ein
kleines Butterbrot. Ich trumte nicht etwa von ppigen Mahlzeiten mit
vielen Gngen, sondern von Brot nur, einfachem Brot. Die Herrlichkeiten
des Paradieses htte ich dahingegeben fr ein kleines Stck Brot. Ich
hrte Menschen schreien in bitterer Leidensnot und wandte nicht einmal
den Kopf. Die hatten ja nur Schmerzen. Ich aber hatte Hunger. Und dann
kam der Tag, an dem ich vier oder fnf Lffel Suppe bekam, schlechte
Tomatensuppe, aus einer Konservenbchse zusammengepantscht, mit einem
Stckchen oder zwei aufgeweichten Brots. Da dnkte ich mich glcklich
und reich.

Mehr Suppe am nchsten Tag. Mehr aufgeweichtes Brot. Milch dann im
Glas, nicht mehr im Lffel, dnnen Reisbrei -- Suppe endlich mit
viel Brot. Der Tag kam, an dem ich die zitternden Fe aus dem Bett
streckte und hinauskroch und verlegen dastand, mich krampfhaft an den
Eisenstangen des Betts festhaltend. Langsam fing ich an, die Dinge
um mich wirklich zu sehen und wirklich zu begreifen. Mit tastenden
Schritten ging es zurck ins Land der Gesundheit.

       *       *       *       *       *

Eines Tages schlich ich hinter Doktor Gonzales her (das war der Mann in
der weien Jacke) und erwischte ihn gerade noch bei der Tre.

Ich mchte entlassen werden, bat ich.

Er lchelte, fate mich am Arm und zog mich zur Tre hinaus in den
grellen Sonnenschein. Kaum war ich im Freien, da merkte ich, wie
schwach ich in Wirklichkeit war, denn sauer genug wurden mir die
wenigen Schritte zu dem Zelt des Doktors, das auf dem Rasen vor dem
gelben Gebude aufgeschlagen war. Doktor Gonzales schttete ein paar
Tropfen Whisky in ein Glas, go Sodawasser darauf und gab mir das
Getrnk. Hei, wie stark und hellhrig das machte --

Von einem Zurckkehren zur Truppe kann keine Rede sein, Sergeant,
erklrte er. In vier Wochen vielleicht!

Bin ich denn Sergeant? fragte ich.

Da bekam ich Billys Brief und vom Doktor eine gedruckte Liste der
Befrderungen im Signalkorps -- ich war Sergeant ... Und ich las Billys
Brief und mute mich schleunigst hinsetzen, denn es wurde mir schwarz
vor den Augen. Der Arzt lchelte.

Sie sind noch lange nicht dienstfhig, Sergeant, sagte er. Zum
mindesten nicht unter den Verhltnissen in Santiago. Dagegen glaube
ich, da Beschftigung Ihnen gut sein wird. Sie knnen mir ntzlich
sein. Sie haben in Ihren Fieberzeiten Ihr ganzes Leben hinausgeschrien
und -- ich kann Sie brauchen. Er wurde sehr ernst. Die Zustnde hier
sind entsetzlich. Wir haben nur gelbes Fieber und Typhus in schwerster
Form. Meine Hilfsmittel sind lcherlich gering. Es fehlt am Ntigsten.
Ich kann weder Hilfskrfte noch Arzneimittel bekommen. Meine beiden
Krankenwrter sind willig genug, aber ich mte sechs haben nicht
zwei. Ich werde Ihnen Arbeit geben, die Ihren Krften entspricht. Sie
sind also fr die nchsten Wochen, er lchelte ein wenig, nicht mehr
Sergeant erster Klasse des Signalkorps, sondern mein Assistent!

       *       *       *       *       *

Das kleine Inselchen mitten in der Santiagobai, die Gelbfieberinsel,
war eigentlich die Quarantnestation des Hafens. Ein morscher
Landungssteg fhrte vom Wasser auf ein Stck Rasen. Dann kam das Haus,
eine echt spanisch verwahrloste Krankenbaracke. In den Mauern des
niederen, langgestreckten Gebudes klafften Risse. Es enthielt nur
einen einzigen Raum und einen noch lteren Anbau, in dem die Wnde von
Wasser trieften und die Fubodenbretter verfault waren. Hinter dem Haus
lagen Bretterhtten; eine Kochhtte die eine, Kloaken die anderen, mit
tiefen Lchern im Boden und Schwrmen von Fliegen. Dahinter erstreckte
sich gelber Sand. Im Hause reihte sich Bett an Bett. Schwerkranke
waren es alle, Sterbende viele. Hier kmpfte Tag und Nacht, in einem
Alleinsein, das schrecklich gewesen sein mu, ein einziger Arzt fr
das Leben vieler Menschen. Als Hilfe hatte Doktor Gonzales nur zwei
Krankensoldaten und mich und einen alten Kubaner, der kochen mute und
Eimer hinein und hinausschleppen und Grber graben. Nicht einmal die
ntigsten Krftigungsmittel hatte der Arzt fr die Kranken -- nicht
einmal reine Wsche fr sie -- nicht einmal Arzneien in gengender
Menge und Auswahl -- nicht die Mglichkeit einmal halbwegs sorgfltiger
Pflege ... Es war ein frchterliches Krankenhaus.

Wenn ich nicht wte, da sich das hier bald ndern mu, sagte
Doktor Gonzales zu mir am ersten Tag der Arbeit, als wir einen Toten
hinaustrugen, so wrde ich -- ja, ich wei nicht, was ich tun wrde
... Aber das Hospitalschiff ist abgegangen von New York, und bei seiner
Ankunft bekommen wir alles, was wir brauchen, im Ueberflu.

Man knnte doch wenigstens Soldaten zur Arbeit herkommandieren! wagte
ich zu sagen.

Damit sie sterben? antwortete der Arzt scharf. Sehen Sie sich doch
die Kloaken an! Die Fliegenschwrme berall! Den Schmutz! Hier wimmelt
es von Krankheitserregern in jedem Sonnenstubchen. Sehen Sie sich die
verfluchte gelbe Baracke nur an! Die Gelbfieber-und Typhuskeime, die
in ihr stecken, knnten eine Armee auffressen. Nein, hierher kommt
mir kein Gesunder! Deswegen lasse ich Sie arbeiten. Wer Gelbes Fieber
gehabt hat, ist immun. Er ist gesalzen gegen Fieberkrankheiten, wie
man zu sagen pflegt. Und in fnf, sechs Tagen, =please God=, ist das
Hospitalschiff da, und dann wollen wir diesen Hllenfleck mit Karbol
berschwemmen und -- ja, dann wird's anders werden!

Wir begruben den Toten.

Der Kubaner hatte ein Loch in den Sand gegraben, hundert Schritte
vom Haus, auf einem winzigen Hgel, von dem die gelbe Flche sich in
sanfter Neigung zum Meer senkte. Auf dem eisernen Feldbett trugen wir
den toten Mann zu seinem Grab, der Arzt und ich und der Kubaner und der
Neger. Wir stellten das Bett neben das Grab, packten die Zipfel der
Wolldecke, auf der der Tote lag, und hoben die Last vorsichtig ber die
Grabffnung. So standen wir, an einer Ecke des Grabes ein jeder, und
bckten uns und knieten dann und legten uns flach hin und lieen die
Leiche hinabgleiten. Aber unsere Arme reichten nicht weit genug. Das
Bndel in der Decke schwebte einen halben Meter hoch ber dem Boden des
Grabes.

Loslassen! befahl Doktor Gonzales.

Ich sah, da es nicht anders ging, da wir uns nicht anders helfen
konnten -- aber doch schttelte mich ein unbezwingbares Grauen, als die
Leiche plumpsend unten aufschlug und die Wolldecke sich verschob, das
geistergelbe Gesicht blolegend, das nun aus der Tiefe gen Himmel zu
starren schien. Der Arzt nahm rasch die Schaufel vom Sandhaufen, bckte
sich und schob mit dem Stiel die Decke wieder ber das tote Gesicht.

Ruhe in Ehren! sagte er leise. Du bist fr dein Land gestorben.

Wir nahmen die Hte ab, und der Kubaner schickte sich an, das Grab
zuzuwerfen.

Das war das Begrbnis.

Ein toter Mann wurde in der verschmutzten Wsche, in der er gestorben
war, in ein Loch geworfen -- ein mrrischer Kubaner schaufelte Sand
hinein -- ein schwitzender Neger stand daneben und half, leise fluchend
ber die schwere Arbeit in der heien Sonne. Roh war's, frchterlich
roh, nicht zum Beschreiben brutal. Und doch htte jeder Narr sehen
mssen, da es eben nicht anders ging in der Not der Verhltnisse.
Weil ich so schwach war vielleicht, erschien mir alles noch roher und
furchtbarer -- der trostlos de Sand -- die niederen Grabhgel links
und rechts mit ihren Holzstckchen, auf denen groe Nummern standen --
der schmutzige, gefhllose Totengrber ...

Der Arzt sah gedankenvoll auf die Grabhgel. Fnfundzwanzig tdlich
verlaufene Flle bis jetzt! sagte er zu mir. Ein verhltnismig
gnstiges Resultat!!

Wir gingen ins Haus, whrend Neger und Kubaner das Grab zuschaufelten.
Von Bett zu Bett fhrte mich Doktor Gonzales. Er zeigte mir, wie man
die Schnelligkeit der Atmung ma, und wie man ungebrdige Fieberkranke
durch krftigen Druck auf das Rckenmark beruhigte, whrend das
Fieberthermometer eingefhrt wurde. Das Ueberwachen der Temperaturen
sollte meine Arbeit sein. Darauf kam es, so erklrte mir der Arzt,
vor allem an, denn von seinem rechtzeitigen Eingreifen beim Steigen
und Fallen der Fieberkurve hing Leben und Tod ab. Auf den Neger und
den anderen Krankensoldaten konnte er sich nicht verlassen. Die
Leute waren nicht nur beinahe zu Tode gearbeitet mit hunderterlei
Pflichten, sondern es war auch ganz unmglich, den einfachen Menschen
beizubringen, da ein Unterschied von wenigen Graden auf dem
Thermometer der Unterschied zwischen Leben und Sterben war.

Und ich kann ja nicht berall zugleich sein! murmelte der Arzt, und
etwas Trauriges kam in sein ruhiges, kraftvolles Gesicht.

Ich schrieb mir die Namen auf von Bett zu Bett und begann meine
Arbeit, whrend er mir zusah und bald ein Fiebermittel gab, bald eine
Strychnineinspritzung machte. Dabei erklrte er mir leise, da er sich
hier so starker Mittel bediene, wie sie so leicht kein Arzt anwenden
wrde.

Wir wissen so wenig von den Erscheinungen dieser Krankheit. Ihre
Bekmpfung ist sogar in geregelten Verhltnissen ein Problem. Hier aber
mu ich mit Keulenschlgen auf das Fieber losschlagen. Es mu herunter
um jeden Preis, steigt es auf vierzig Grad; und das Herz mu gezwungen
werden zur Arbeit, koste es was es wolle an Kraft, fllt es bis zu
fnfunddreiig Grad.

So ging ich von Mann zu Mann und legte die Hand auf feuchte Leiber
und lernte, mit unendlicher Geduld und vielen kleinen Kniffen,
Fiebermessungen zu machen bei Menschen, die sich fortwhrend hin
und her wlzten und keinen Augenblick still hielten. Heie, dumpfe,
schweigeschwngerte Luft erfllte den Raum. Vierzig Menschen lagen in
eisernen Feldbetten die Wnde entlang. Einige wenige, die Glcklichen,
hatten Nachthemden und weie Jacken; die meisten aber lagen in den
schmutzigen blauen Flanellhemden da, in denen sie gekommen waren. Die
einen waren still und schienen ruhig zu schlafen. Die anderen lallten
und schrien und tobten wie lrmende Kinder. Hier schrie einer nach
seiner Mutter, dort johlte ein anderer ein Negerlied, dort gab einer
mit dnner zitternder Stimme kreischende militrische Befehle: Feuer
aus dem Magazin -- auf dreihundert Meter -- Schne -- eell -- feuer!!
Der Neger und der Krankensoldat liefen fortwhrend auf und ab. Bald
halfen sie einem ins Bett, der im Fieberwten herausgefallen war; bald
untersttzten sie sich gegenseitig, einem sich verzweifelt Wehrenden
ein wenig Milch im Lffel einzuflen; bald liefen sie zur Tre und
holten die Eimer, denn schon wieder hatte ein Kranker sein Bett
beschmutzt.

Da rief mich der Arzt. Auf dem Bett, an dessen Fuende er stand, lag
ein junger Mensch, der kaum achtzehn Jahre zhlen mochte. =Corporal
Clancey, F troop, Rough Riders= hie es auf dem Zettel an der Wand
ber dem Bett. Das Gesicht, das in der Krankheit eine sonderbare, fast
olivengelbe Farbe angenommen hatte, war von mdchenhafter Schnheit und
Weiche. Die wunderbar groen, braunen Augen glnzten irre in feuchtem
Fieberglanz. Der Arzt sah bald den Mann an, bald das Thermometer, das
er in der Hand hielt, und schttelte den Kopf.

Helfen Sie mir, ihm den Mund ffnen, sagte er.

Ich tat es mit einem Lffel, und der Arzt schttete dem Kranken ein
Pulver in den Rachen und trufelte ein wenig Wasser tropfenweise in
den regungslosen Mund. Die Wirkung war eine fast augenblickliche. Der
bebende, zitternde Krper streckte sich. Die Augen schlossen sich fast
ganz, und die unruhig fuchtelnden Hnde sanken kraftlos auf die wollene
Decke.

Der Mann hatte ber vierzig Grad, erklrte Doktor Gonzales. Ich
frchte, er ist nicht mehr zu retten. Bleiben Sie bei ihm, messen Sie
ihn alle zehn Minuten und rufen Sie mich sofort bei Untertemperatur.

Ich holte mir eine Kiste aus der Mitte des Zimmers -- amerikanische
Munitionskisten waren die einzigen Sthle in diesem Krankenhaus -- und
setzte mich ans Bett. Nach zehn Minuten ma ich: Sechsunddreiig.

Der Kranke lag still da. Sein Mund war halbgeffnet. Die glnzenden
Augen schienen zwischen halbgeffneten Lidern hervorzublinzeln. Da
huschte pltzlich ein Lcheln ber das weiche, schne Gesicht, als
trume der Knabe einen wunderschnen Traum. Die schlaffen Hnde auf
der Bettdecke begannen sich zu regen und leise auf und nieder zu
bewegen in langsamem Tasten. Die Hnde ffneten und schlossen sich und
griffen wunderbar weich zu, als suchten sie etwas. Lchelnd betrachtete
ich diese Hnde. Wie schlank sie waren, wie kindlich fein, wie sie
erzhlten von guter Rasse und sorgsam gelernter Pflege! Und wie
zierlich sie tasteten -- husche, husche -- zugreifend -- fein, ganz
fein -- behutsam -- wie die Fingerspitzen ber die rauhen Deckenhaare
glitten -- als suchten sie etwas -- als wollten sie greifen -- pflcken
------

Da sprang ich entsetzt auf. Was war das? Dieses Tasten, dieses
Suchen! Hatte mir nicht einst die alte Kinderfrau in ihren gruseligen
Dmmerstundengeschichten erzhlt, da Sterbende Himmelsblumen pflckten
--

Doktor Gonzales! schrie ich.

Er kam mit raschen, geruschlosen Schritten von gegenber, beugte
sich ber das Bett, sah scharf auf die rastlos gleitenden Hnde, zog
die Spritze aus dem Ledertschchen, fllte sie und stach ein ber dem
Herzen. Die Hnde wurden sofort still. Ich starrte wie gebannt in das
Gesicht auf dem Kissen und sah in fast unmerklichem Uebergang das Gelb
sich langsam rten. Dann scho pltzlich gesunde Blutfarbe in die
Wangen. Das aufgepeitschte Herz tat seine Schuldigkeit. Eine winzige
Gabe eines furchtbaren Gifts hatte einen Sterbenden von den Pforten des
Todes zurckgerissen.

Da schnellte in jhem Wechsel der Krper mit gewaltigem Ruck empor. Die
groen Augen starrten, der Mund wollte sich ffnen, wollte schreien --
aber die Kehle brachte nur lallende Tne hervor. Die Hnde wurden in
die Hhe gerissen und schlugen wild nach links und nach rechts, und
die Fe zuckten und stieen, da die Eisenstbe unten am Bett dumpf
klirrten. In gewaltigen Sten schnellte der Leib auf und nieder.
Der Mann wre aus dem Bett gefallen, htten wir ihn nicht krampfhaft
gehalten. Und whrend ich noch versprte, wie unter meinen Hnden die
zuckenden Muskeln sich wehrten, sank der Rauhe Reiter steif zurck und
lag still da. Sein Mund schien zu lcheln.

Lassen Sie ihn hinaustragen! sagte der Arzt ganz langsam und ganz
leise.

Ich legte meine Hand auf seinen Arm. Hat er schlimme Schmerzen leiden
mssen? fragte ich entsetzt.

Nein! antwortete Doktor Gonzales. Nein -- aber wir wissen diese
Dinge ja nicht. Er mag in Himmelsseligkeiten geschwelgt haben oder
Hllenqualen erlitten in seinen letzten Sekunden im lebendigen Leib
-- wir wissen es nicht. Unter anderen Verhltnissen htte ich ihn
vielleicht retten knnen. Durch sorgfltige, stndige Ueberwachung,
durch mildere Mittel zur rechten Zeit. Nach meiner besten Ueberzeugung
jedoch hat der Junge nicht gelitten. Das ist ja der einzige freundliche
Fleck in diesem Hllenbild: Sie wissen es nicht, unsere Kranken, wie
elend es ihnen geht! Sie wissen nicht einmal, wie krank sie sind!!

       *       *       *       *       *

Nein, sie wuten es nicht.

Ein Mitleid, wie ich es nie in meinem Leben gekannt hatte, packte
mich, wenn ich von Bett zu Bett, von Mann zu Mann schritt; ein
Mitleid, das mich stark machte, denn es lie vergessen, wie schwach
ich selbst noch war. Die Mnner des Krieges waren zu Kindern geworden.
Das unbegreifliche, geheimnisvolle Walten der Fiebermchte hatte den
rauhen Soldaten alles genommen, was stark und mnnlich und roh und
brutal an ihnen war. Nicht uerlich hilflos nur waren sie geworden
wie Kinder, sondern kindlich im Geist in allen ihren Lebensuerungen.
Weich und anschmiegend, dankbar ber alle Maen fr ein gutes Wort,
fr ein Streicheln, das sie im Fiebertraum zu empfinden schienen und
mit einem Lcheln beantworteten. Die wenigen, die auf dem Wege der
Besserung waren, hatten alle Hunger. Aber sie fluchten nicht und
zeterten nicht nach Soldatenart, sondern sie bettelten alle um Milch,
sie baten um Brot -- wie ein Kind seine Mutter bittet. Sie lachten
lustig im Fieberlallen und sangen Lieder, die sie ganz gewi nicht
gesungen htten bei gesunden Sinnen. Das nur und das nur allein machte
die Hlle ertrglich. Man sah selbst all das Furchtbare mit kindlichen
Augen, ohne viel nachzudenken darber ... Es mute so sein -- das mit
den belriechenden Eimern -- das mit den schmutzigen Blechlffeln, mit
denen man von Mann zu Mann ging, Milch ftternd, ohne sie abzuwischen
oder gar zu waschen -- das mit den Kloaken drauen, die frchterliche
Pestluft in den Raum strmen lieen, wenn man im Ein-und Ausgehen die
Tren ffnete. Es mute so sein, denn es war nun einmal nicht anders.

Und ich ma und ma und ftterte hilflose Menschen mit Milch und wusch
beschmutzte Menschen aus einem schmutzigen Eimer mit einem schmutzigen
Fetzen eines alten Hemdes. Ruhe gab es keinen Augenblick. Bald schritt
der Arzt meine Bettseite ab, bald ich die seine. Dutzende Male mute
ich ihn rufen, weil die Fieberbilder sich fortwhrend vernderten.

Am Sptnachmittag war der Neger verschwunden. Doktor Gonzales und ich
suchten endlich nach ihm und fanden den armen Kerl in einer Ecke bei
einer Kloake, dumpf vor sich hinstarrend. Der Sandboden zeigte, da
er sich erbrochen haben mute. Jetzt sah ich den Arzt zum ersten Male
erregt.

Herrgott, nimmt es denn kein Ende? schrie er. Neger sind doch
sonst immun! Mu denn das verfluchte Fieber gerade den schwarzen
Krankensoldaten packen, den ich brauche!

Mit vieler Mhe trugen wir ihn hinein und legten ihn auf das Bett, auf
dem vor kurzem der Rauhe Reiter gestorben war. Die Leiche hatten wir
drauen in einer schattigen Ecke auf dem Boden liegen lassen mssen,
um das Bett frei zu bekommen. Und wieder ging es an die Arbeit, mit
einem Mann weniger. Gegen Abend wurden die Kranken ruhiger und die
Fiebertemperaturen gleichmiger.

Wir wollen schnell etwas essen, sagte Doktor Gonzales, -- dann den
Toten beerdigen -- und dann mssen Sie Ruhe haben. Sie knnen in meinem
Zelt schlafen, damit Sie wenigstens in frischer Luft sind.

Wir aen ein Gemengsel von Reissuppe und Brot und tranken dnnen
Tee, und ich durfte eine halbe Zigarette rauchen, die mir wie ein
Gttergeschenk erschien.

Und jetzt mssen wir wieder Totengrber spielen! sagte Doktor
Gonzales, halb lchelnd, halb traurig.

Das Grab war gegraben. Er rief den Kubaner und den Krankensoldaten, und
zusammen trugen wir den Knaben, der sich die Himmelsblumen erpflckt
hatte, zu seiner Ruhesttte im heien Kubasand. Tiefe Finsternis
umhllte die Insel des Gelben Fiebers, denn Nacht folgt auf Tag im
kubanischen Land ohne Uebergang. Der Arzt, der neben mir schritt,
trug eine Laterne, die trbe brannte und das Dunkel nur in winzigem
Umkreis erhellte. Stolpernd, suchend, tappten wir vorwrts mit unserer
Last, fanden den Sandhgel, fanden das Grab. Wir schlugen die Decke
auseinander, faten die Zipfel an, hoben den Krper ber die schwarze
Oeffnung im Sand, bckten uns --

Da fhlte ich, wie der Sand unter meinen Fen nachgab, und griff
mit der freien linken Hand in den aufgeworfenen Sandhaufen, mich zu
sttzen. Aber ich rutschte. Ich rutschte langsam. Ich rutschte immer
mehr. Da packte mich jhes Entsetzen, und ich lie den Zipfel der Decke
los, mochte auch die Leiche hinabstrzen. Aber im gleichen Augenblick
brckelte der Boden unter meinen Fen weg. Ich schrie gellend auf.
Wie ein Tier brllte ich. Ich hrte jemand fallen mit mir -- hrte die
Laterne klirren.

Und stand in furchtbarer Finsternis in einem tiefen Loch und schrie
wie ein Verrckter und trampelte auf etwas entsetzlich Weichem herum
und wute, da die Masse unter meinen Fen der Rauhe Reiter war. Ich
brllte -- ich brllte in einem hysterischen Grauen ohne Grenzen.
So schwach und elend war ich noch nach dem langen Kranksein. Mit
den Ngeln krallte ich mich in die Sandwand ein und versuchte mich
emporzuziehen, und sprang. Aber der lose Sand gab unter meinen Fingern
nach, und ich prallte in hartem Sto auf das nachgebende weiche
Fleisch, das sich zu rhren und lebendig zu werden schien. Als ob der
tote Mann nach mir greifen wollte -- mich festhalten ----

Hilfe! brllte ich.

Da flammte ein Zndholz auf, eine eiserne Faust packte mich, zog, half
mir. Und ich sank erschpft auf den Sand. Ich hrte, halb bewutlos,
wie das Grab zugeschaufelt wurde und sprte, wie der Arzt mich unter
dem Arm fate und mir aufhalf. Der Kubaner schritt mit der wieder
angezndeten Laterne voran. Als wir in seinem Zelt waren, sprach Doktor
Gonzales kein Wort, sondern go nur mit zitternder Hand ein wenig
Whisky in ein Glas und gab es mir zu trinken. Auch er trank. Dann
setzte er eine kleine silberne Spritze an meinen Arm ...

       *       *       *       *       *

Mit dem Morgen begann wieder das Tagewerk. Es setzte sich fort durch
zehn Tage hindurch, im gleichen Raum, unter den gleichen Verhltnissen,
im gleichen schrecklichen Einerlei der Hilflosigkeit, und viele
Menschen sah ich sterben in diesen Tagen. Die einen schliefen ermattet
ein, die andern starben in kmpfendem Sichaufbumen. Aber sie kmpften
im Fieber nur und wuten es nicht und erlitten keine Todesangst, denn
der Fiebertod ist ein gtiger Tod. Und ich half die Lebenden fttern
und in ihren Krpern nach dem geheimnisvollen, unberechenbaren Auf
und Nieder der Fieberkobolde spren, und oft dnkte es mich, als sei
das kleine Quecksilberwerkzeug eines der groen Wunder der Welt. Gar
schnell hatte ich mich an den Jammer und das Elend gewhnt und sah
stumpfe, alltgliche Notwendigkeit im alltglichen Erleben von Grauen
und Sterben. Heute, im rckschauenden Betrachten, wei ich, da es eine
Hlle war, in der ich lebte damals. Eine Hlle --

Am zehnten Tag jedoch ward der Insel der Verdammten Hilfe. Boote
landeten. Junge Frauen in schneeweien Kleidern schritten ber den
Rasen vor dem gelben Haus. Sie sprachen nicht viel, sie fragten nichts,
sondern packten Wsche aus und bekleideten die Kranken und wuschen sie.
Sie putzten und suberten und pflegten.

Man stand da, wollte seinen Augen nicht trauen, glaubte, ein Wunder
zu erleben. Kiste auf Kiste, Korb auf Korb, Sack auf Sack wurde aus
den Booten an Land geschafft. Es war, als wollte das reiche Volk eines
reichen Landes in verschwenderischem Geben gut machen, was die Not des
Krieges an den armen Mnnern auf der Insel des Gelben Fiebers gesndigt
hatte. Da waren schwere Weine in ungezhlten Flaschen und teurer
Schaumwein in ganzen Krben und feine Hemden und groe Schinken und
Fleisch und Ewaren in sorgsam geschlossenen Blechbchsen und weies
Brot. Zelte erstanden auf dem Rasen und auf dem Sand. Das gelbe Haus
wurde mit Karbol berschwemmt und verlassen, denn die Kranken sollten
nun in luftigen Zelten liegen.

Wie ein Mrchen war es.

Am Sptnachmittag fhrte mich der Arzt in sein Zelt. Er fllte zwei
Glser mit Schaumwein, trank mir zu und sagte mit lachenden Augen:

Hier endet Ihre Arbeit, Sergeant!

Zwei Wochen aber blieb ich noch im Aerztezelt, denn Doktor Gonzales
verweigerte mir immer wieder lachend den Gesundheitsschein.

       *       *       *       *       *

Die Wandlung war gro.

Nicht nur uerlich vernderten sich die Dinge auf der Gelbfieberinsel:
das Elend in Ueberflu, der Schmutz in Sauberkeit, das ohnmchtige
Zusehenmssen in kraftvolles Eingreifen mit reichen Mitteln -- sondern
auch im Tiefsten. Die kleine Welt um uns schien anders. Es war, als
liege ein gar fremdartiges, sonderbares Klingen in der Luft. Wie
wiegender schmeichelnder Walzerklang.

In harter Mnnerwelt hatte man gelebt viele Wochen lang. Sich gebalgt
mit dem Feind. Nicht viel Federlesens gemacht um Hunger und Strapazen
und Wunden. Das ging einmal nicht anders. Man war marschiert und hatte
gefochten -- im Dreck kampiert, gefiebert auf den Hgeln ------ Der Tag
brachte es mit sich. Was war weiter dabei!

Da tnte der neue Klang.

Was uns Selbstverstndliches, Alltgliches gewesen war, schien
den jungen Frauen, die uns pflegten, eine Wunderwelt. Sie waren
freiwillige Krankenschwestern, aus guten amerikanischen Familien.
Ideale Begeisterung hatte sie nach Kuba gefhrt, ihr Scherflein
beizutragen im Krieg. Sie sahen keine Selbstverstndlichkeiten; sie
sahen die Dinge mit ganz anderen Augen an. Fr sie waren die blassen
genesenden Mnner in den Zelten alle mitsammen Helden, die heldenhaft
mit Tod und Teufel gekmpft hatten.

Sie setzten sich auf die Betten zu den Kranken, auf die Feldsthle
vor die Zelte zu den Genesenden, und baten und bettelten so lange,
bis ihnen die Geschichten von der Schlacht vom San Juan-Hgel und vom
Lagerleben und vom Krankheitselend immer und immer wieder erzhlt
wurden. Dann glnzten ihre Augen, und sie wurden weich und wuten gar
nicht, was sie einem alles Gutes antun sollten. Ich hab's hundertmal
selber erlebt und hundertmal mit angehrt --

Was mut du gelitten haben, du armer Junge!

Hm -- eh -- 's ist nicht so schlimm gewesen, war gewhnlich die
verlegene Antwort.

Oh, du armer Junge! Soll ich dir ein Schlckchen Wein bringen?

=Oh yes, please. Thank you, miss!=

Du mut nicht Frulein zu mir sagen. Ich bin Schwester Irene. Du --
bist du denn nicht fast gestorben vor Angst, du armer Junge, als du den
frchterlichen Hgel hinaufstrmen mutest?

Nee!

Aber es mu doch entsetzlich gewesen sein!

Ja. Da kletterte einer vor mir (der Erzhler war ein junger Sergeant
der 5. Regulren), der zappelte immer mit den Beinen und ich mute
hll -- hm -- sehr aufpassen, da mir der verfl ... hem -- der Kerl
nicht ins Gesicht trat. Es _war_ scheulich!

Und die Todeskugeln!

Oh, an die Schieerei hatte man sich gewhnt!

Und keinen einzigen Mann gab es auf der Insel des gelben Fiebers, der
nicht seinen wohlgefllten Sack voller Heldenruhm eingeheimst htte.
Zuerst war das etwas Unbehagliches. So prahlhnsig kam man sich vor.
Man horchte immer scheu zum Nachbar hinber, ob der nicht lachte,
wenn Schwester Irene oder Schwester Edith oder Schwester Lizzie einem
dickgestrichene Heldenkomplimente machte. Aber gar bald wirkte die
Bewunderung merkwrdig wohltuend. Es war doch sehr nett, in schnen
Augen immer wieder lesen zu drfen: du bist ja ein famoser Junge!
Sie fanden sich prachtvolle Menschen gegenseitig, die bewundernden
Frauen und die bewunderten Mnner. Sie gingen miteinander spazieren
im Inselland halbe Nchte lang, Genesende und ihre Pflegerinnen. Sie
saen immer zusammen und tuschelten und hatten sich schrecklich viel zu
sagen. Man wurde arg verwhnt auf der Gelbfieberinsel in jenen Tagen.




In der Zeltstadt von Montauk Point.

     Die Friedensbotschaft. -- Ein brutaler Krieg. -- Die bse Lage der
     amerikanischen Invasionsarmee. -- Auf den General folgt der
     kaufmnnische Organisator. -- Wie die Zeltstadt von Montauk Point
     erstand. -- Mein letzter Tag in Santiago de Cuba. -- Im
     Gesundheitslager. -- Die Komplimente des Trusts. -- Wie mir ein
     Vermgen entging. -- Die New Yorker Invasion. -- Von begeisterten
     =Ladies=. -- Das Sicherheitsventil. -- Wie Leutnant Hobson in der
     Welle der Hysterie ertrank.


In einer Augustnacht war es.

Wir saen vor dem Aerztezelt, der Doktor und ich, rauchten eine
beschauliche Zigarette und schauten auf die Bai hinaus. Wundersam
funkelten und glitzerten im Wasser die Sternenbilder. Da erklang ein
dumpfes Brausen, wurde mchtiger, schwoll an zu Getse. Eine Rakete
zischte empor ber der Stadt, eine zweite, eine dritte. Drben ber dem
Wasser jubelten und schrien viele Menschen.

Eine Schlacht in Portorico! rief der Doktor aufspringend.

Ich widersprach ihm. Die letzten Nachrichten von der benachbarten
spanischen Insel hatten besagt, da die Besetzung Portoricos durch eine
amerikanische Armee unter General Miles nach unblutigen Kmpfen nun
vollendete Tatsache sei. Whrend wir noch hin und her sprachen, kam das
Boot vom Hafenhospital. Der Kubaner, der es ruderte, sprang auf uns
zu, aufgeregt mit den Armen in der Luft fuchtelnd.

=Cuba libre!= brllte er. =Cuba libre, Seores!!=

Und er bergab dem Doktor einen Zettel. Das hektographierte Stck
Papier enthielt die kurze Mitteilung des amerikanischen Gouverneurs
von Santiago an die einzelnen kommandierenden Offiziere, da heute, am
12. August, in Washington das vorlufige Friedensprotokoll zwischen
den Vereinigten Staaten und Spanien unterzeichnet worden sei. Spanien
gab der Insel Kuba ihre Unabhngigkeit, trat Portorico an die
Vereinigten Staaten ab und erklrte sich bereit, ber einen Ankauf
der Philippinen durch die Vereinigten Staaten zu unterhandeln. Die
kriegsgefangenen Spanier wurden auf Kosten der Amerikaner nach ihrer
Heimat zurckgesandt. Kriegsentschdigung verlangten die Vereinigten
Staaten nicht.

=Cuba libre!= brllte der Kubaner wieder und tanzte schreiend und
jubelnd umher.

Doktor Gonzales aber streckte herrisch die Rechte aus, sagte irgend
etwas auf Spanisch in scharfem Ton, und der berfreudige Patriot
schlich brummend zu seinem Boot zurck.

Was sagten Sie eben? fragte ich neugierig.

Oh nichts! antwortete Doktor Gonzales und zndete sich eine frische
Zigarette an. Ich sagte ihm nur, er solle sich zum Teufel scheren
... =Cuba libre!= Kuba Bldsinn! Ein freies Kuba, regiert von freien
Strolchen, die eigentlich in ein Zuchthaus gehrten! Es trstet
mich nur, da unser guter alter Onkel Sam der Gesellschaft frher
oder spter einen gewaltigen Tritt vor den Hintern geben und einen
amerikanischen Staat aus Kuba machen wird. Da er es nicht gleich jetzt
tut, ist Schwche, Verschwendung, Hinauswerfen an Zeit und Geld!

Da lachte ich leise vor mich hin, denn der Doktor war zwar
amerikanischer Brger und amerikanischer Offizier, stammte aber selber
von kubanischen Eltern und mute es ja wissen! Und dann gingen wir in
die Zelte der Damen und in die Krankenzelte und lsten Hurrageschrei
aus mit der groen Neuigkeit. Doch der Jubel ber den Frieden bei
uns in den Zelten hatte nicht die geringste Aehnlichkeit mit dem
urgewaltigen, donnernden, brausenden Siegesschrei, der von den Hgeln
des Santiagotals gellte, als das Sternenbanner damals an dem Mangobaum
emporstieg. Da hatte Mann ber Mann triumphiert -- jeder einzelne Mann
im Santiagotal in die eigenen Hnde das Gttergeschenk des schwer
errungenen Erfolgs empfangen. Die groe politische Friedensaktion aber
am grnen Tisch interessierte die Armee sehr wenig.

Recht nett! sagte ein typhuskranker Infanterieleutnant der Regulren,
als wir ihm die Friedensbotschaft vorlasen. Nun wollen wir gemtlich
sein und nach Hause gehen!

=Goodbye Cuba! To hell with Cuba!!= riefen die Rekonvaleszenten in
den Zelten.

Das war das Leitmotiv des Wiederhalls, den die Friedensklnge in den
Mnnern der Armee von Kuba ertnen lieen:

Adieu Kuba! Hol dich der Teufel! Wir gehen nach Hause!

       *       *       *       *       *

So war denn der Krieg beendet.

Dieser wunderschn brutale Krieg mit seinen wunderschn klaren und
einfachen Ursachen. Ein Krieg der Macht. Ein brutaler Faustkampf.
Unmoralisch ber alle Maen. Der Groe fra den Kleinen -- denn ich
bin gro und du bist klein. Und doch wieder moralisch im hchsten
Sinne. Unter dem starken neuen Herrn wurden in wenigen Jahren auf den
Philippinen, auf Kuba, das immer eine Art amerikanischen Protektorats
sein und nie ganz selbstndig werden sollte, auf Portorico, berall
in Westindien, ungeheure Werte geprgt, die in alle Ewigkeit brach
gelegen htten unter der spanischen Miwirtschaft. Spanien aber, das
gedemtigte, zu Boden geschlagene Spanien, das beraubte Spanien, das
die Neue Welt entdeckt hatte und zum Dank bis in den Staub gedemtigt
wurde von der Neuen Welt, erstarkte nur unter den Schlgen des Krieges.
Es lernte. Seine kraftvolle Arbeit in Marokko whrend der nchsten zehn
Jahre erstaunte jeden, der frher spanische Beamte und Gouverneure in
spanischen Kolonien bei der Arbeit gesehen und sie hchstens fr eine
Operette tauglich befunden hatte. So wurde im letzten Ende Unmoral zu
Moral.

Der unersttliche Groe aber atmete erleichtert auf, als der kleine
Gegner davonschlich. Teufel -- es war doch gar nicht so einfach
gewesen, und recht viel Glck hatte man ntig gehabt! Zwar lie es
sich leicht berechnen von Anfang an, da man am Ende erfolgreich
sein mute. Die Siege der amerikanischen Flotte im pazifischen Ozean
wie im westindischen konnten auf dem Papier auskalkuliert werden.
Kein Sieg jedoch, kein Gebietszuwachs, keine neue imperialistische
Weltmachtstellung htten es in der ffentlichen Meinung des eigenen
Landes gutmachen knnen, wenn amerikanische Mnner zu Tausenden im
Tal von Santiago zugrunde gegangen wren, weil der leichtsinnige
Krieg sie in leichtsinniger Ausrstung ins Fieberland geschickt
hatte. Die Invasionsarmee war dezimiert von Fieberkrankheiten. In den
ersten Tagen des August schon hatten, ein unerhrtes Geschehnis vom
militrischen Standpunkt aus, ihre Generale in einem scharfen Schreiben
an den Obergeneral Shafter die sofortige Zurckbefrderung der Armee
nach den Vereinigten Staaten verlangt. Der Krankheitsstand lasse das
Schlimmste befrchten. Das merkwrdige Vorgehen der hohen Offiziere,
das wahrscheinlich mit General Shafter verabredet worden war, sollte
starken Eindruck auf die obersten militrischen Behrden in Washington
sowohl wie auf die ffentliche Meinung in den Vereinigten Staaten
ausben. Da ein solcher Schritt berhaupt notwendig wurde, beweist die
Unsicherheit und Gefhrlichkeit der Lage fr die Truppen vor Santiago
beim Ende des Krieges. Zwar war die spanische Flotte vernichtet,
Portorico besetzt, die Provinz Santiago de Cuba erobert, eine spanische
Armee von 23000 Mann kriegsgefangen. Damit hatte man gewaltige
Erfolge errungen, war aber auch auf dem toten Punkt angelangt. Eine
spanische Armee von ber 80000 Mann, auf die verschiedenen Provinzen
verteilt, hielt Kuba noch besetzt. Ein Vordringen der amerikanischen
Invasionsarmee auf dem Landwege schien unmglich -- das Angreifen
Havannas, des Herzens der Insel, durch die Flotte ein zum mindesten
gewagtes Unternehmen.

So ergab sich eine beinahe lcherliche Lage: der tote Punkt. Die
amerikanische Armee kampierte noch immer im Santiagotal und litt
entsetzlich unter Klima und Fieber. Niemand wute, was anfangen mit
ihr. Der Leichtsinn, die Ueberhastung des ganzen Krieges rchte
sich. In den Vereinigten Staaten regte sich scharfe Kritik. Schon
zu Beginn des Krieges, als im Sden Amerikas die in rasender Eile
zusammengetrommelten Freiwilligenregimenter in Feldlagern untergebracht
wurden, in die bei dem vlligen Mangel an allem Ntigen rasch der
Typhus einzog, war die Regierung scharf angegriffen worden. Und
jetzt das Fiebertal von Santiago! Noch sickerte die Wahrheit nicht
ganz durch; noch wute man im Heimatland nicht, da seit dem Tag
der Uebergabe der spanischen Armee mehr amerikanische Soldaten an
Krankheiten gestorben waren, als die Gefechte an Menschenleben gekostet
hatten. Die militrische Fhrung war ratlos.

Da kam der Friede.

Und es war, als ziehe der amerikanische Dollarmann jubelnd den
Soldatenrock aus, der berall ein wenig drckte und nirgends so recht
passen wollte, weil er in solcher Eile hatte zurechtgeschneidert
werden mssen. Die Nation des Organisierens entsann sich ihres
Berufs. Der Leichtsinn, die Ueberstrzung, das Ueberhasten verschwand
im zauberischen Wechsel. Khle Ueberlegung trat an ihre Stelle. Dem
General folgte der kaufmnnische Organisator -- der echte Amerikaner,
der mit Geld nicht knausert, wenn das Ziel der Mhe wert ist, und sich
bei Kleinigkeiten nicht lange aufhlt.

Das Klima des Santiagotals war unertrglich in dieser Jahreszeit? Dann
weg mit der Armee! Sie ersetzt durch Regimenter von Negern und Weien
der Sdstaaten, die gegen Fieberkrankheiten immun waren! Die Armee war
krank? Dann in ein ungeheures Krankenhaus mit ihr, auf da sie gesund
werde! Ansteckungsstoffe waren zu befrchten in jedem Uniformrock, in
jedem Hemd? Weg dann mit der gesamten Ausrstung der Armee!

=Regardless of cost!= hatte Prsident McKinley kurz gesagt. Der
Kostenpunkt ist Nebensache!

Die Amerikaner waren's zufrieden. Sie, die keine direkten Steuern
bezahlten und ihre Kriegskosten einfach durch eine Biersteuer und eine
Schecksteuer aufbringen konnten, wuten recht gut, da die ber Nacht
errungene Weltmachtstellung, die neue Ausdehnung des amerikanischen
Reichs, Milliarden an kaufmnnischen Dollars wert war. Niemand murrte,
als die leitenden Hnde in den reichen Yankeesckel griffen. Strme von
Gold flossen dahin.

Eine ungeheure, kahle, sandige Flche auf der Insel Long Island wurde
zum Gesundheitslager der Armee erwhlt. Dort war es khl, jetzt im
August schon. In allen Richtungen fegte Tag und Nacht vom Meer her der
frische Wind. Der sollte sie wegblasen, die Fieberschlaffheit und das
Tropenmdesein. Die Zeltstadt von Montauk Point entstand. Gassen und
Straen schneeweier Zelte. Die Gewerbe des Landes arbeiteten wie im
Fieber, die Stadt zu erbauen. Jedes Zelt wurde aus neuem Segeltuchstoff
neu zurechtgeschneidert, denn kein altes Schmutzstubchen sollte Raum
haben im Gesundheitslager. Jedes Zelt erhielt einen Fuboden aus
sorgsam zusammengefgten und gegltteten Brettern, ein jedes einen
kleinen eisernen Ofen, ein jedes neue schneeweie Betten und Sthle
und Regale. Die Straen wurden sorgfltig ausgebaut und ein System von
Abgukanlen angelegt. Aerzte und Krankenpflegerinnen versammelten
sich. Die Eisenbahnen schleppten gewaltige Mengen von Uniformen und
Wsche herbei. Um das Lager wurde ein Postenkreis von besonders
ausgesuchten Regimentern gezogen, die keinen Menschen hinauslassen
durften und keinen hinein, jede neue Ansteckung zu verhten.
Dampfertransporte mit den neuen fiebersicheren Truppen gingen nach
dem Santiagotal; Frachtdampfer mit groen Mengen von Lebensmitteln,
die sehr sorgfltig ausgesucht wurden; Hospitalschiffe, deren
Aufgabe es war, das Schmutznest Santiago nach allen Regeln moderner
Desinfektionskunst sauber zu machen. Dann dampften die Schiffe mit den
kranken Regimentern heimwrts zum Gesundheitslager.

Und ein so grozgiges, ein so bewunderungswrdig zielbewutes Arbeiten
setzte ein auf der windumbrausten Sandflche beim atlantischen Ozean,
da es alles wieder gut machte, was der Leichtsinn gesndigt hatte
in Kuba. Mann fr Mann der kranken Armee wurde betreut, gepflegt,
gewaschen, gesubert, neubekleidet wie ein Kindlein. Man stellte
die Kompagnien in langen Linien auf, wenn sie vom Schiff kamen, und
lie sie sich splitternackt ausziehen und verbrannte auf groen
Scheiterhaufen jeden Fetzen, den sie am Leibe getragen hatten;
man badete sie, gab ihnen reine Wsche, neue Uniformen, nagelneue
Ausrstung bis zum Tornister, erklrte ihnen, sie mchten sich um
Gottes willen nur pflegen. Nichts auf der Welt htten sie zu tun als
ihre Waffen zu reinigen und instandzusetzen. Nicht einmal zu kochen
brauchten sie. Dafr sorgten groe Feldkchen, und Sachverstndige
wachten darber, da das Soldatenessen ja recht schmackhaft und
wohlbekmmlich war. Im Land stritt man sich um die Ehre, Liebesgaben
fr das Gesundheitslager schenken zu drfen. Damen der Gesellschaft
zankten sich um den Vorzug, die Kranken zu pflegen.

       *       *       *       *       *

Als das Ruderboot an einem der letzten Tage des August den
Signalkorpssergeanten von der Gelbfieberinsel nach Santiago brachte,
war dieser Sergeant kerngesund und wunderte sich sehr, wie ihm nach
diesen Schlemmertagen das Soldatenleben wohl behagen wrde. Sie hatten
ihn schrecklich verwhnt auf der Insel, der Doktor und die Frauen in
Wei, die so heroisch ihre Pflicht taten und doch immer Zeit und Lust
brig hatten fr manches Gekicher und vielen Uebermut. Sie hatten
dem Sergeanten gar noch einen groen Korb zurechtgepackt, in dem
Schaumweinflaschen eintrchtiglich neben altem Burgunder und allerlei
guten Schelchen in Blechbchsen lagen, auf da es Mr. Sergeant wohl
ergehe auf dem Heimatsdampfer. Und ich beguckte mir gesttigt und
gesund das tiefblaue Wasser und die grnen Berge ber der Bai und das
Stdtchen mit seinen grellen Farbenflecken in rot und blau und gelb und
meldete mich beim Gouverneur und empfing den Befehl, mit der City of
Galveston noch am gleichen Nachmittag die Heimreise anzutreten -- als
einer der letzten der alten Armee vom Santiagotal.

Es war gerade noch Zeit zu einem kurzen Spaziergang die Plazza entlang
und zu kleinen Einkufen. Und in groer Wut schied ich von Santiago de
Cuba!

Die grnen und gelben Scheine, die Billy mir geschickt hatte,
knisterten so wunderschn in den Taschen, und eine Stunde nur wurde
einem da gegeben, sich die Stadt zu begucken, die Stadt des Feindes,
die so viele Wochen lang eine mrchenhafte Vorstellung nur gewesen war!
Htte man sich da nicht einen Gaul mieten mssen und den Schlammpfad
noch einmal abreiten! Die San Juan-Hgel erklettern! Sich bei der alten
Zuckermhle das alte Loch betrachten, das jene Granate gerissen! Oh,
zum Teufel mit dieser unanstndigen Eile ... Hchst rgerlich ging ich
an Bord.

       *       *       *       *       *

Der Laderaum des kleinen Dampfers war von oben bis unten vollgepfropft
mit Waffen und Munition. Die Mausergewehre, die Bajonette, die
Patronenvorrte der Kriegsgefangenen spanischen Armee wurden in
das Arsenal von New York geschafft. Ein kranker Offizier, den eine
Pflegerin begleitete, und ich waren die einzigen Passagiere. Als wir
Long Island sichteten, fiel mir ein, da ein Mausergewehr und ein
Bajonett oder zwei recht nette Andenken sein wrden.

Sind die Dinger eigentlich abgezhlt? fragte ich den Kapitn beim
letzten Mittagessen. Ich meine, nimmt man es genau oder nicht so
genau? Ich mchte gern ein paar von den spanischen Schieprgeln haben!

Ih wo! antwortete der lachend. Sie sind ja in meinen Laderaum nur so
hineingeschaufelt worden.

Dann werde ich ein bichen stehlen! erklrte ich vergngt.

Meinetwegen, grinste der Kapitn, wenn Sie sich durchaus abschleppen
wollen mit den alten Dingern. Nehmen Sie sich, so viele Sie wollen. Im
brigen ist's gar kein Stehlen. Das verrostete Zeug ist wenig genug
wert. Greifen Sie zu! Auf ein paar hundert Stck mehr oder weniger
kommt's nicht an.

So ging ich an Land mit zwei Mausergewehren und zwei Bajonetten unterm
Arm und warf sie irgendwohin im Sergeantenzelt des Signalkorps und
verlebte einen langen Abend voller Erzhlens mit meinen Kameraden. Die
hatten mich ja fr tot gehalten.

Ich konnte mich gar nicht fassen vor Erstaunen ber die wundersame
Zeltstadt --

Der Soldat ist Trumpf heutzutage! erklrte Souder lachend. In der
Armee von Kuba gewesen zu sein ist jetzt wertvoller als vier Asse beim
Pokern. Menschenkind, 's ist einfach ein Wunder, da sie uns nicht auch
noch in Watte packen!

Mr. Soldat aus Kuba war tatschlich Trumpf. Nicht nur die amtlichen
Stellen hatten beschlossen, da er eine Zeitlang leben sollte wie der
Herrgott in Frankreich, sondern alle Welt wetteiferte obendrein, ihm
gute Sachen zuzustecken. Die bsen Trusts sogar.

Ueberall in der weien Stadt hatte die Amerikanische Tabakgesellschaft
kleine Zelte errichtet, die groe Plakate trugen: Tabak fr die Mnner
von Santiago! Kommt, Jungens, und greift zu!! Trat man an das kleine
Zeltfensterchen, so erkundigte sich ein liebenswrdiger Verkufer so
beflissen danach, was man zu haben wnsche, als sei man ein wertvoller
alter Kunde. Zigaretten? Welche Sorte? Kautabak? Die neue Marke mit
dem Champagnergeschmack sei besonders zu empfehlen! Pfeifentabak? Und
alles war hbsch eingewickelt und auf jedem Pckchen stand: Mit den
Komplimenten der Amerikanischen Tabakgesellschaft. Groe Brauereien
hatten Bierzelte eingerichtet und verschenkten ein besonders leicht
eingebrautes Krankenbier in reizenden kleinen Flaschen -- mit den
Komplimenten der oder jener Brauereigesellschaft. Teufel, Teufel! Zwar
taten sie's nicht aus Liebe und Begeisterung allein, sondern es mochte
auch ein bichen Sinn fr die famose Reklame dabei sein! Es gab Zelte
mit Sodawasser; es gab Bonbons und Schleckereien; es gab Streichhlzer,
Taschentcher, Bleistifte, Briefpapier, Briefmarken sogar -- immer mit
den verschiedensten Komplimenten. Auf den Briefmarken hatte der Spender
seine Firma eingelocht -- mit seinen Komplimenten. Mr. Soldat lebte vom
Fetten des Landes.

Doch es sollte noch besser kommen, viel besser.

Am Tag meiner Ankunft war das Lager fr seuchenfrei erklrt und die
Sperre aufgehoben worden. Eine Stunde spter verkndeten groe Plakate
in New York Vergngungszge der Long Island-Eisenbahngesellschaft zur
Armee von Santiago. Um elf Uhr morgens am nchsten Tag kam die erste
Invasion. Zwischen den Zelten der weien Stadt flutete es schwarz von
Menschen, dollarjagenden New Yorkern, die aber augenblicklich an gar
nichts zu denken schienen, als einen Soldaten der Armee von Santiago zu
erwischen und ihm die Hnde aus den Gelenken zu schtteln. Fnf Minuten
nach Ankunft des Zuges konnte man sich in unserem Sergeantenzelt
berhaupt nicht mehr rhren, ohne einem eleganten New Yorker auf
die Fnf-Dollar-Stiefel zu treten. Es regnete Zigarren, und aus den
Flschchen in den New Yorker Hftentaschen ergossen sich schnpsige
Getrnke.

=Good morning, good morning! Fine morning!!= redete ein New Yorker
auf mich ein und packte meine Hand. Teufel, wie der Mensch drckte!
Whrend ich mir noch berlegte, ob ich liebenswrdig lcheln oder ihm
einen Sto vor den Magen geben sollte, fiel sein Blick auf meine beiden
Mausergewehre in der Zeltecke.

=Oh! Spanish guns!= rief er entzckt.

Jawohl; =Mausers=! antwortete ich.

=Fine, fine! How much?=

Ich sah ihn verblfft an, aber da hatte der Mann aus New York das
Gewehr schon gepackt und mir einen Zwanzigdollarschein in die Hand
gedrckt, und whrend ich noch nach Worten suchte, war das andere
Gewehr auch schon weg und ein zweiter Zwanzigdollarschein da.

Teufel! Ich drngte mich durch die hndeschttelnde Gesellschaft
und warf mich auf mein Bett und schalt mich siebenundzwanzigmal
hintereinander den frchterlichsten Esel seit Erschaffung der Welt.
Eselhaft, begriffsttzig, bldsinnig ber alles erlaubte Ma hinaus.
Niemals wrde ich ein Amerikaner werden! Niemals wrde ich Hornochse
den Wert der Dinge und den Wert des Geldes wahrhaft begreifen lernen!

Welch ein Geschft ging hier zum Teufel! Hundert Mausergewehre htte
ich an Land schleppen knnen, umsonst, zollfrei, geschenkt! -- Hundert
Stck zu zwanzig Dollars macht zweitausend Dollars -- hundert Bajonette
obendrein zum allermindesten -- hundert Stck zu fnf Dollars macht
fnfhundert Dollars, macht zusammen zweitausendfnfhundert Dollars.

Verdammt, verdammt, verdammt nochmal!

Ueber zehntausend Mark -- heiliges Donnerwetter!

Durch die Hnde schlpfen lassen hatte ich mir mein erstes wirkliches
Geschft auf amerikanischem Boden. Den idealen amerikanischen
=business-job= -- den Humbugschlager -- mit Intelligenz -- ohne Kapital
------

Ich Esel -- ich Hornochse!

Doch nicht einmal ein junger Teufel frisch aus der Hlle htte es bers
Herz bringen knnen, inmitten dieser berliebenswrdigen, berfrohen,
bergtigen Menschen auf lngere Dauer zu fluchen. Sie, die harten New
Yorker mit dem harten Dollarsinn, waren in der Laune, das Hemd vom
Leibe wegzuschenken. Der sentimentale Romantiker kam zum Durchbruch,
der in jedem richtigen Amerikaner steckt in merkwrdigem Gegensatz zu
dem rohen Kampf ums Dasein in der Neuen Welt. Kein Sdfranzose, kein
italienischer Heisporn, kein spanischer Leidenschaftsmensch htte
naiver und kindlicher begeistert sein knnen als diese gewitzten Mnner
aus der =matter of fact= Dollarwelt. Man sah es ja frmlich, wie diese
Leute ihr Hirn anstrengten, einem etwas Gutes zu tun. Wie jungenhaft
einfach und natrlich sie sich gaben -- wie der warmbltige Mensch
hervorguckte unter der abgeworfenen khlen Geschftsmaske -- und wie
doch wieder die Gewohnheit so stark war, da sie nur in klingender
Mnze begeistert sein konnten, diese Mnner New Yorks. Der leiseste
Vorwand gengte ihnen, mit Geld um sich zu werfen. Sie ersannen sich
stndig neue Vorwnde, den Wohltter zu spielen. Und im Grunde war das
heilsam fr die New Yorker Dollarmenschen, denn sie begriffen nun,
da man mit dreizehn Dollars Einkommen im Monat ein ganzer Mann sein
konnte! -- Sie wurden daran erinnert, da es noch andere Werte auf der
Welt gab als =business=!!

Auf einmal aber traten die Mnner in dem dunkeln Grau oder Braun oder
Blau der Herrenkleidung vllig und grndlich in den Hintergrund. Die
wandelnden Trume im duftigen Wei und den leuchtenden Farben in den
Zeltstraen nahmen die Zgel in die Hand. Das duftige Wei regierte.
Die Mnner waren weg. Schlanke Frauengestalten erschienen.

=Goodbye, Johnny!= hauchte ein blauer Mrchenhut. Geh und amsiere
dich, Mnnchen! Um vier Uhr (das war geschlagene drei Stunden
vordatiert) treffen wir uns bei der Station. Weit du, ich mu mir von
den Jungens alles, alles erzhlen lassen und da kann ich dich doch
nicht brauchen dabei. =Goodbye, Johnny!!=

Und die zweite Invasion begann.

Die zweite Form von amerikanischer Begeisterung. Diese Mdchen und
Frauen empfanden erstens das Bedrfnis, diesen unglaublichen und ihnen
ganz ungewohnten Helden vom Santiagotal, an deren Ohren wirkliche,
echte Todeskugeln vorbeigepfiffen waren, ihre dankbare Reverenz zu
erweisen. Zweitens wollten sie sich aber amsieren. Sie saen auf
unseren Betten, wippten mit allerliebsten Fchen.

Rische-Rasche machten die seidenen Unterrckchen.

Hast du dich gar sehr gefrchtet in der Schlacht vom San Juan-Hgel?
fragte mich ein Dinglein in roter Seidenbluse.

Ach nein, antwortete ich verlogen.

Das Schwarz und Wei deiner Sergeantenstreifen steht dir
ausgezeichnet! meinte das Dinglein in sonderbarem Gedankensprung --
sonderbar fr mich -- damals ...

Ich war paff.

Was bedeuten denn die komischen Flaggen auf deinen Aermeln?

Weit du, sagte der Lausbub (das war auch ein Gedankensprung) ------
wenn hier nicht so viele Leute wren, so mchte ich dir einen Ku
stehlen!

Oh pfui!! hauchte sie. Aber ihre Augen sagten gar nicht pfui.

Es war ein Idyll. Es war eine Orgie in Begeisterung. Es war praktischer
Humor ersten Ranges, wie die gutgezogenen New Yorker Mnner ihre
Dollarfrauen dem Flirt berlieen -- und ich wunderte mich mehr
als einmal, ob nicht mancher gute Ehemann das verfluchte Heldentum
verdammt ungemtlich empfand. Sie saen auf unseren Betten, die
Mdelchen und die Frauen, und sie naschten mit groen verwunderten
Augen Soldatenessen von unseren blechernen Soldatentellern. Sie waren
sehr nett. Sie kten wohl auch einmal -- in dem erhebend moralischen
Bewutsein, da sie durchaus unpersnlich kten. Sie kten Helden
frs Vaterland. Die Mnner wollten ihre Dollars los werden. Die Frauen
ihre Liebenswrdigkeit.

Ich plauderte lange mit dem Dinglein in der roten Bluse. Das war ein
kluges Mdchen. Auch sie wollte Andenken haben, aber es fiel ihr nicht
im Traum ein, mit teuren Dollars zu operieren wie die Mnner. Sie
machte se Augen -- und drehte mir einen vergoldeten Sergeantenknopf
ab. Sie machte noch sere Augen -- und holte ein Scherchen aus
der Handtasche hervor, um mir kaltbltig die kostbaren seidenen
Sergeantenabzeichen von den Aermeln zu trennen. Sie schenkte einen Ku
-- und stopfte sich alle Taschen voller Patronen und Messingflaggen,
wie wir sie an den Mtzen trugen, und den verschiedenen Dingen im
allgemeinen, wie sie berall umherlagen.

Hast du denn auch ein liebes kleines Mdel? fragte die rote Bluse.

N -- nein! flsterte ich, mit tiefem und ehrlichem Bedauern, denn
rote Blusen und die lieben kleinen Mdchen darin schienen mir gerade
jetzt etwas besonders Reizendes.

Ach du armer Junge!! (bums dich -- war wieder ein vergoldeter Knopf
weg!) Weit du -- ich mchte sehr gut zu dir sein!

Und da fhrte ich sie durch unsere weie Stadt und zeigte ihr all
die Zelte und sah sie erschauern vor der Bedeutung des riesigen
seidenen Sternenbanners, das vor dem Zelt des kommandierenden
Generals im Windgebrause flatterte. Erschrecklich viel Limonade trank
sie. Erschrecklich viele kleine Paketchen von Tabak und winzigen
Bierflschchen und Soldatenbonbons nahm sie mit als Andenken und
versprach hoch und heilig, sie in Ehren zu halten fr alle Ewigkeit.
Ich aber wunderte mich, wie das kleine Persnchen es fertig brachte,
all die gemopsten und geschenkten Schelchen zu verstauen. Des Rtsels
Lsung fand ich nicht. Und wir verzehrten noch mehr Sigkeiten und
tranken noch mehr Limonade und gingen eine lange Nachmittagsstunde
am sandigen Strand spazieren, weit von der Zeltstadt, aber keineswegs
in Einsamkeit, denn wo man auch hingeriet irgendwo um Montauk Point
herum, ergingen sich reizende Frauen mit den Mnnern der Armee vom
Santiagotal. Sie muten sich Helden nennen lassen, die armen Mnner,
bis sie errteten wie Backfische.

Es war eine Orgie.

Adieu, lieber Junge! sagte das Dinglein bei der Station, und ich
htte darauf geschworen, da der feine vielsagende Hndedruck sieben
verschiedene Wahlverwandtschaften zum mindesten bedeutete. Doch im
gleichen Augenblick scho das gleiche Dinglein in der gleichen roten
Bluse auf einen mageren Jngling in korrektem Schwarz und allerneuestem
korrekten New Yorker Hut zu und warf sich, jawohl, warf sich, an seinen
Hals!

Freddy, jubelte sie -- ach, du lieber guter Freddy, es war ja so
s!

Da begriff ich, da ich im Erleben der roten Bluse eine ganz
gewhnliche Episode war. Ein Rhrchen war ich, ein lcherliches
Sicherheitsventil, eine mechanische Vorrichtung, dem Hochdruck der
Begeisterung der amerikanischen Frau Luft zu verschaffen. Er wre sonst
gefhrlich geworden.

Du verflixter kleiner Fratz! murmelte ich.

       *       *       *       *       *

Es dauerte aber gar nicht lange, so erreichte der Hochdruck der
Begeisterung in Amerika das berspannte Stadium. Es wurde allerorten
und in allem gewaltig bertrieben im Siegesjubel. Man war wie ein
glcklicher Spieler, der im ersten Taumel des Gewinnens nicht wei was
tun vor Freude und links und rechts mit vollen Hnden die Goldstcke
hinausschleudert. Ein solches Schleudern war es im Dollarland damals!

Und bald wurde das echte, starke, wahre Gefhl der Begeisterung zum
sentimentalen Gefhlskitsch.

Die Frauen vor allem machten lcherliche Dummheiten.

Eine Flutwelle der Hysterie ergo sich ber das Yankeeland. Zuerst
natrlich erreichte die Welle das nahe New York. Die Zeitungen
berichteten, lchelnd anfnglich, dann entrstet, da mit den Jungens
in Blau eine Abgtterei getrieben werde, die in ihren Formen schon ein
Unfug genannt werden msse!

Mann! Bringe mir heute abend zehn Helden zum =supper=! befahl die
New Yorker Ehefrau. Und Mr. Ehemann, wohldressiert von Kindesbeinen
an, ging los, ob's ihm nun besonders gefiel oder nicht, und gabelte
gehorsam zehn Helden auf. Frisch von der Strae weg.

Heidi, es war lustig!

Mrs. Ix, die New Yorkerin und Milliardrin, gab schleunigst einen
Soldatenball. Mrs. Ypsilon, gleichfalls Milliardrin, trumpfte ber
und erlie =prestissimo= die Einladungen zu einem Sergeantenball, bei
dem es mrchenhaft wohlhabend herging. Mrs. Zett, auch sie natrlich
Milliardrin, fuhr von morgens frh bis abends spt mhsam berredete
Helden in ihrem vornehmen Landauer in den Straen New Yorks spazieren.
Die groen Blumengeschfte erhielten Anweisungen von Damen der
Gesellschaft, jedem Soldaten Blumen zum Begeisterungsgeschenk zu machen
-- was reizend gewesen wre, wenn die gtigen Spenderinnen nicht gar so
deutlich dafr gesorgt htten, da ihre Namen in allen Zeitungen und an
allen Blumenladenfenstern recht laut und krftig in Erscheinung traten.

Die nervse Welle lief weiter -- wuchs an. In Washington wurde sie zur
Sturmflut.

Eines Tages meldete sich in der Stadt des Kapitols ein junger Leutnant
beim Marineminister. Er hie Hobson und war ein Held. Hatte mannhaft
Leib und Leben darangesetzt mit offenen Augen und war nur wie ein
Wunder dem Tode entgangen, als er in der Santiago-Felsenenge den
Merrimac in die Luft sprengte. Nun war der junge Leutnant der Held
des Tages in Washington. Seine Kommandeure, der Marineminister, der
Prsident der Vereinigten Staaten berschtteten ihn mit Glckwnschen
und Danksagungen. Man gab einen Ball zu seinen Ehren.

Und damit fing das Unglck an.

Als Hobson den Ballsaal betrat, schritt eine junge Dame der
Washingtoner Gesellschaft auf ihn zu, berreichte ihm einen groen
Blumenstrau und besttigte ihm in wohlgesetzten Worten, da er ein
Held sei und sein Name unvergnglich auf den Tafeln des Vaterlandes
leuchten werde. Dann kam ihr besonderer Dank. Im Namen der
amerikanischen Frau; im Namen der fraulichen Gesamtheit; im Namen der
Weiblichkeit:

Schlanke, weie Arme legten sich um des Leutnants goldbestickten
Uniformkragen und ein amerikanischer Frauenmund kte ihn lang und
innig.

Vor versammeltem Mannsvolk und bewundernder Frauenschar.

Am nchsten Tag wurde das weihevolle Ereignis in vielen Zeitungsspalten
geschildert. Die Gesellschaftsreporter fanden mhelos die richtigen
Tne. Sie lachten sich zwar wahrscheinlich halbtot dabei im
Redaktionssanktum bei Bier und Zigarette -- aber die Tne fanden sie!

Sie sprachen ernsthaft und gediegen von allerhchster Ehre. Sie
flteten zart vom symbolischen Weiheku. Sie nahmen gedankenvoll das
Konversationslexikon zur Hand und fanden auch glcklich klassische
Vorbilder, die sich prachtvoll zu Vergleichen eigneten und die ganze
sentimentale Geschichte auf ein anstndiges Niveau hoben. Am nchsten
Tag durcheilte die wichtige Nachricht Amerika.

Ueber das weibliche Amerika brauste ein Sturm der Begeisterung.

Das war gro. Edel. Ungeheuer. Das war Heldenlohn. Schner und reicher
als alle Schtze an Gold und Ehren.

Man gab einen zweiten Ball in Washington, wiederum zu Ehren des
Leutnants, und wiederum begann er mit einem Weiheku. Diesmal jedoch
schlossen sich die anwesenden Damen der ersten Weiheksserin ziemlich
vollzhlig an. Es schien ihnen wohl Anstandsgebot, einem wirklichen
Helden wahrhafte Ehren auch reichlich genug zu erweisen. Es hagelte
Ksse auf Hobson herab -- und der arme Leutnant wurde verrckt! Der
mannhafte Mann, der Held, der Todeskmpfer wurde zum Schwchling
und eitlen Toren. Er wurde hysterisch, genau so hysterisch wie die
Ksserinnen. Er lie sich berallhin einladen, zu Dutzenden von
Bllen in Washington allein, in Boston, in Baltimore, und wurde berall
gekt.

Es war tragikomisch. Nein, tragisch mehr als komisch. Der Amerikaner
vertrgt und ermutigt sogar sentimentale Dinge, wenn sie mit Frauen
zusammenhngen, namentlich bis zu einem gewissen Punkt. Dann aber
schnappt irgend etwas bei ihm.

Bei der Hobson Ksserei schnappte es! Noch einige Male berichtete die
amerikanische Presse in nicht ganz echt klingender Begeisterung ber
die Hobsonblle und die Weiheksse. Dann war es aus. Eine New Yorker
Zeitung machte den Anfang:

Mr. Hobson lt sich schon wieder kssen! Die Sache wird zur blen
Gewohnheit!! berschrieb sie einen lustigen Bericht.

Und nun donnerte ein nimmer endenwollendes Gelchter herab auf den
armen Hobson. Man nannte ihn den gekten Hobson -- den kssenden
Hobson. Man erwog ernsthaft, ob eine Vernderung seiner Mundlinien
zu befrchten sei durch die starke Inanspruchnahme der Lippen --
man hie ihn den bestgekten Mann der Welt -- man zeichnete ihn in
bissigen Karikaturen umdrngt von kulechzenden Frauenantlitzen --
man riet ihm ernsthaft, auch den Westen Amerikas abzugrasen. Ein
besonders niedertrchtiger Schreibersmann empfahl ihm das Erheben von
Eintrittskugeld. Ganz Amerika lachte drei Wochen lang.

Das Unglaubliche, das Brutale, das Tragische war geschehen. Ein braver
Mann, der sich den Dank seines Vaterlandes ehrlich verdient hatte,
war fr alle Zeiten zu einer lcherlichen Hanswurstenfigur geworden.
Heute noch lst der Name Hobson in Amerika ein vergngtes Schmunzeln
aus. Der Held der Santiagofelsenenge ist vergessen -- der Vielgekte
unsterblich geworden.

So ertrank Leutnant Hobson von der amerikanischen Marine in der Welle
der Hysterie.

       *       *       *       *       *

Im Sergeantenzelt trmten sich die Zeitungen. Sie lagen in Haufen in
allen Ecken; sie stapelten sich in Ballen auf gegen die Zeltwand, da,
wo mein Bett stand; sie bedeckten oft genug sogar den Fuboden, da man
so recht im knisterigen, raschelnden, dnnen Zeitungspapier watete. Die
Kameraden schimpften.

Du bist verrckt! erklrte Souder.

Werft ihn doch hinaus mitsamt seinen alten Zeitungen! schlug Hastings
gemtlich vor.

Geht weg -- geht doch weg -- schert euch nur ja zum Kuckuck! war
gewhnlich meine Antwort, brummend in knurrigem Ton gegeben, aber
lachend gemeint.

Und doch wieder sehr ernsthaft. Die Mitbewohner des Zeltes wuten
recht genau, da es nicht erlaubt war, den Sergeanten Carl beim
Zeitungslesen zu stren (man mochte reden soviel man wollte, aber nicht
mit ihm), oder gar auch nur eine einzige seiner kostbaren Zeitungen
aus dem Zelt fortzunehmen, sofern man sich nicht Ungemtlichkeiten
aussetzen wollte. So lie man ihn gewhren. Wenn die New Yorker
Invasion einen einmal nicht plagte, wurde Poker gespielt im Zelt,
unglaublich viel und unglaublich hoch, denn mnniglich hatte Geld in
Menge und kein Mensch etwas zu tun, oder viel Bier getrunken, viel
geplaudert, viel gelacht. Der Zeitungssergeant aber -- so nannten sie
mich -- lag auf seinem Bett und las und las. Er war eben ein bichen
verrckt.

Das Zeitungsfieber hatte mich wieder gepackt.

Ich las und las. Spalte auf Spalte verschlang ich, und Stunde auf
Stunde verrann. Fr nichts hatte ich Sinn und alle Dinge waren mir
gleichgltig seit dem Morgen, an dem die Post die bestellten Zeitungen
gebracht hatte. Zwei gewaltige Pakete waren es gewesen. Alle Nummern
des =New York Journal= und des =New York Herald= vom allerersten Beginn
des Krieges bis zum heutigen Tag. Die Zeitungen des Krieges. Lckenlos.
Und ich lag langgestreckt auf meinem Bett und kicherte selig, wenn
in den Zeitungsspalten lustige Teufelchen der Uebertreibung tanzten,
und atmete keuchend in heller Begeisterung, wenn ich die glnzenden
Kriegsbilder las, die groe Zeitungsmnner gemalt hatten. Murmelte in
Gedanken wohl auch einmal irgend etwas vor mich hin.

Er ist ohne Zweifel bldsinnig geworden! behaupteten dann lachend
die Sergeanten. Dabei stibitzten sie aber eifrig die Nummern, die ich
gelesen hatte.

Begeistert war ich, gebannt. Gefangen im Zauberkreis der Zeitung. Ich
suchte nach Namen, die ich kannte, nach Federn, die Meister waren in
jener Zeit. Wie ein Kolossalgemlde entstand vor den lesenden Augen
aus den Zeitungsspalten die Geschichte des Kriegs. In leuchtenden
Farben. In kleinsten Einzelheiten gemalt. Und doch wieder in wunderbar
groem Zug. Ein Irrtum war zwar da und dort einmal unterlaufen, ein
gar zu greller Farbenfleck einmal hingekleckst. Im ganzen aber --
welch ein Bild! Mit wenigem Aendern, mit Streichen, mit Ausscheiden
und Zusammenziehen, bedeuteten die vielen Aufstze mit den schreienden
Ueberschriften in den Papierstapeln da neben meinem Bett die Geschichte
eines Krieges, wie sie glnzender, lebendiger, wahrhafter nicht
geschrieben werden konnte. Sie waren berall dabei gewesen, die Mnner
der Feder mit ihren sehenden Augen, die das Groe stets vom Kleinen
zu unterscheiden wuten. Lckenlos war der Krieg beschrieben von der
fieberigen Aufregung in Tampa bis zum Flaggenhissen am Friedensbaum;
vom Treiben in der Santiagostadt bis zum Elend in den Hospitlern.
Kriegskorrespondenten waren auf Dampfyachten stndig hin und her
geeilt zwischen Siboney und der nchsten Kabelstation auf Jamaica --
McCulloch war mit unter den ersten gewesen beim Sturm auf den San
Juan-Hgel -- Richard Harding Davis hatte sich einen unsterblichen
Namen errungen in der amerikanischen Zeitungswelt durch seine
Schilderungen des Santiagotals. Ich sah die Einzelleistungen in diesen
wunderbaren Schwarzdruckspalten und in ihnen die ungeheure Arbeit,
die Begeisterung, die Energie, die vor nichts zurckgeschreckt war.
Sah aber auch, als wre ich dabei gewesen, die Arbeit der Zeitung
selbst; das Sammeln der wichtigen Nachrichten aus vielen Quellen, das
Ausscheiden, das Sichten, das Zusammenstellen -- das Malen des Bildes
von der reichen Farbenpalette.

Und oft lag ich stundenlang da in diesen Tagen und starrte trumend zur
Zeltdecke empor.

Ich sah wieder die alten zerschnitzelten Tische im Reporterzimmer
und die Mnner an ihnen, zum Greifen deutlich, und roch
frische Druckerschwrze und hrte dumpf und drhnend gewaltige
Rotationsmaschinen stampfen. Ich erlebte wieder im Traum die Hast und
die Hetze, das berauschende Arbeitsstrmen und den stillen schweigenden
Erfolgsjubel, die des Zeitungsmannes Teil sind. Groe Sehnsucht kam
ber mich. Davonlaufen htte ich mgen. Lcherlich schien mir die
Uniform jetzt in den Zeiten des Friedens. Sie drckte mich. Sie wollte
so gar nicht passen. Firlefanz waren die breiten Sergeantenstreifen
in Schwarz und Silber nun; Tand die grellbunten Flaggen in wei und
roter Seide auf den Aermeln. Ein erledigtes Stck Leben schienen mir
diese fnf Monate im Soldatenrock. Sie waren reich gewesen an farbigem
Schauen und kstlich wrden sie einst sein in der Erinnerung, aber sie
durften beileibe nicht verlngert werden zu den langen drei Jahren, die
der Pakt eigentlich vorschrieb.

Eines Morgens ging ich zu Major Stevens ins Offizierszelt. Der Major
war nur wenige Tage frher als ich im Gesundheitslager eingetroffen,
nachdem er im Santiagoer Hospital eine bsartige Malariaerkrankung
berstanden hatte.

Was gibt's, Sergeant? fragte er knapp, gemessen, dienstlich, ganz
Offizier. Mit der Gemtlichkeit war es jetzt vorbei.

Ein persnliches Anliegen, Herr Major!

Oh! Sein Ton vernderte sich. Nehmen Sie Platz, Sergeant, was kann
ich fr Sie tun?

Ich mchte Sie bitten, Herr Major, meine Entlassung aus der Armee zu
befrworten.

Er kaute auf seinem Schnurrbart. Dann schttelte er energisch den Kopf.
Geht jetzt nicht, Sergeant! sagte er.

Die Worte trafen mich schwer.

Der Major lachte ein wenig. Sie haben doch nicht etwa Grund zur
Unzufriedenheit?

Nein. Aber --

Ich wei, ich wei. Sergeantenstreifen locken Sie wohl nicht
besonders! Es war ein sehr gefhrliches Experiment, Mr. Carl, den Kopf
in die regulre Armee zu stecken, denn unter drei Jahren wird so leicht
keiner losgelassen. Es wird aber gehen. Einige Monate jedoch mssen
Sie warten. Ich wrde mich lcherlich machen, wenn ich gerade jetzt
ein derartiges Gesuch befrwortete. Auerdem wrde es ohne Zweifel
abschlgig beschieden werden. Also in Ihrem eigenen Interesse --

Und er erklrte mir, da der Krieg die Notwendigkeit gezeigt habe, ein
Signalkorps in grerem Stil zu organisieren. Wir wrden in wenigen
Tagen nach Fort Myer bei Washington kommandiert werden, um dort als
Stammtruppe Hunderte von neuen Signalisten heranzubilden. Da nur
gelernte Telegraphisten angeworben werden sollten, so wrde diese
Ausbildung sehr schnell gehen und die Leute bald nach den Philippinen
und Kuba gesandt werden knnen, wo man sie brauchte.

Unter diesen Umstnden wird es dem Chef nicht einfallen, einem
Sergeanten die freiwillige Entlassung zu gewhren. Wird Ihr Gesuch aber
abschlgig beschieden, so knnen Sie es sobald nicht wieder einreichen.
Sie mssen warten. In drei, vier Monaten, dann wird's gehen. Solange
werden Sie es recht gut aushalten knnen. Wir bauen eine Ballonhalle --
wir beschftigen uns mit dem Problem der Lenkbarkeit eines Luftschiffs
-- wir experimentieren mit der neuen Marconi-Telegraphie ohne Draht --
wir bekommen elektrische Automobile -- interessant genug wird's werden.
Ich bin brigens zum Kommandeur des neuen Signalforts ernannt worden.
Sie werden vorlufig mein Sekretr sein. =Good morning, sergeant!=

Da ging ich zum Strand hinunter und lief lange auf und ab. Nicht zu
ertragen schien mir mein Unglck ...

       *       *       *       *       *

Ein lustiges Lcheln stiehlt sich ber mich im Erinnern an jenen
Abschnitt in den jagenden Lausbubenzeiten. Ich war in Wirklichkeit
ber alle Maen unglcklich damals, da ich den Sergeantenrock nicht
abschtteln konnte -- mit einem Halloh und einem Heidi, wie ich alles
Unbequeme abgeschttelt hatte in der Vergangenheit und abschtteln
sollte in der Zukunft. Kreuzunglcklich bin ich gewesen. Und das
Lcheln wird zu einem groen Lachen, wenn ich mich daran erinnere,
wie prachtvoll die vier Monate meines Sergeantentums in Fort Myer bei
Washington werden sollten. Und wie alles ineinandergriff. Wie ich durch
das Signalkorps wieder zur lieben alten Zeitungsarbeit kam und wie es
wieder dahinging in Hast und Hetze ber den amerikanischen Erdteil, ein
neues Wanderleben ...

Zeiten kamen und Verhltnisse, in denen kein Mensch geahnt haben
wrde, da der Mann der Feder je ein simpler Sergeant der Regulren
gewesen sein konnte -- und Zeiten kamen wieder, da der Sergeant
von dereinst sich auf das Soldatenblut besann und in einer der
Venezuela-Revolutinchen Glckssoldaten kommandierte. Wie sich das
alles zutrug -- ja, das ist eine andere Geschichte und so umstndlich,
da sie leider noch in einem dritten Band geschrieben werden mu.


     _Ende des zweiten Teils._




Anmerkungen des Bearbeiters


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 Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert.

 Mglicherweise unterschiedliche Schreibweisen wurden beibehalten.





End of the Project Gutenberg EBook of Der Deutsche Lausbub in Amerika (2/3), by 
Erwin Rosen

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER DEUTSCHE LAUSBUB IN AMERIKA, VOL 2 ***

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the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
without further opportunities to fix the problem.

1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of
damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
violates the law of the state applicable to this agreement, the
agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
remaining provisions.

1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
Defect you cause.

Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org



Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search
facility: www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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