Project Gutenberg's Drei Erzhlungen fr junge Mdchen, by Clementine Helm

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Title: Drei Erzhlungen fr junge Mdchen

Author: Clementine Helm

Release Date: December 1, 2017 [EBook #56098]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DREI ERZHLUNGEN FR JUNGE MDCHEN ***




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                           Drei Erzhlungen

                           fr junge Mdchen

                                  von

                           Clementine Helm.

(Verfasserin von Backfischchens Leiden und Freuden, Lilli's Jugend &c.)


                               Leipzig,
                         Georg Wigand's Verlag
                                 1873.




Das Recht der Uebersetzung ist vorbehalten.




                                Inhalt.


                                               Seite

                   1. Esther Wieburg               1

                   2. Verwaist                   129

                   3. Neue Wege                  199




                           Esther Wieburg.


Wie gesagt, Herr Pastor, darin kann ich Ihnen nicht Recht geben, das
=ist= keine Erziehung fr ein Mdchen! Einen Jungen mgen Sie alle
diese Dinge lernen lassen, meinetwegen; aber ein Mdchen kann in ihrem
ganzen Leben nichts damit anfangen. Das ist meine Meinung, und dabei
bleibe ich, sowahr ich Friederike Booland heie!

Frau Friederike Booland, die Sprecherin dieser energischen Worte,
bekrftigte den Schlu ihrer Rede damit, da sie ihre groe, knochige
Hand laut schallend auf den Schreibtisch niederfallen lie, neben
welchem sie stand. An diesem Schreibtische aber sa derjenige, dem ihre
Rede galt, Pastor Wieburg, der Geistliche im Dorfe Rahmstedt. Seit
Jahren schon lebte Frau Booland hier im Hause, nachdem ihr eigener
Gatte, der Schulmeister des Dorfes, gestorben, und von jenem Tage
an fhrte sie die Zgel des Haushaltes mit ebensoviel Energie als
Gewissenhaftigkeit. Pastor Wieburg htte keine bessere Haushlterin
finden knnen und so berlie er ihr getrost alle Regierungssorgen. Nur
ein Departement hatte er sich vorbehalten, und das war die Erziehung
seines einzigen Kindes, eines kleinen, dunkelugigen Mdchens. So
groen Respect Frau Booland nun auch vor allen Meinungen und Ansichten
ihres Brodherrn hatte, in diesem Punkte war sie seine stete Gegnerin,
und sie scheute sich nicht, dies immer wieder gegen ihn auszusprechen,
so wenig Erfolg ihre Worte auch haben mochten. Pastor Wieburg hrte
ihre Reden geduldig an, ohne den Flu derselben durch Widerspruch zu
hemmen, so lange seine Pfeife brannte. War diese jedoch zu Ende, so
stand er ruhig von seinem Stuhle auf, ging nach dem Ofen, die Asche aus
der Pfeife zu klopfen, und dann sagte er gleichmthig: Schon recht,
Frau Booland; aber jetzt mchte ich Ruhe haben, meine Predigt fertig zu
arbeiten. Sie sind wohl so gut, und kommen ein andermal wieder.

Frau Booland blieb alsdann freilich nichts brig, als sich mit einem
Knix zu empfehlen. Aber ihr sonst gutmthiges Gesicht war dann durchaus
nicht sonnenhell, und leise vor sich hin brummend ging sie die Treppe
hinunter, um sie nach einiger Zeit von Neuem zu ersteigen und abermals
ihre Vorwrfe anzubringen.

Er ist und bleibt unverbesserlich! rief sie auch heute voll Aerger,
als sie die Thr der Studirstube etwas krftiger als gewhnlich
geschlossen hatte und zu ihrem Haushalte zurckkehrte. Es ist, als ob
ich zur Wand redete, so wenig Eindruck machen meine Worte auf ihn! Wenn
er nur wenigstens mit mir stritte oder mir seine Meinung sagte. Aber
nein, steif und ruhig sitzt er in seinem Stuhle und lt mich reden und
reden, und am Ende mu ich wieder abziehen und alles bleibt beim Alten.
O diese Mnner!

Als Frau Booland in ihrem gerechten Grimme das Wohnzimmer im
Untergescho des Pfarrhauses betrat, flogen ihre Blicke nach einer Ecke
in der Nhe des Fensters, wo ein niedriger Arbeitstisch stand, an dem
ein kleines Mdchen schrieb. Es war Esther, ihre junge Pflegebefohlene,
fr deren Wohl und Wehe die brave Frau soeben vergeblich gekmpft hatte.

Schreiben und schreiben, und nichts als lesen und schreiben den
ganzen Tag! rief Frau Booland verdrielich. Bist du denn noch nicht
bald fertig fr heute, Estherchen? Du sollst noch ein Bischen in
die Luft, Kind, ich denke, du hast genug gelernt. Hast den ganzen
Nachmittag schon studirt, der Kopf mu dir ja brummen von all' der
grausamen Gelehrsamkeit, du armer kleiner Fisch.

Ich bin bald fertig, Tante, nur noch dies eine =Verbum= mu ich zu
Ende schreiben, entgegnete das kleine Mdchen aufsehend. Vater schilt
sonst, denn er sagt ohnehin immer, ich sei nicht fleiig genug!

Das Gott erbarm! Noch nicht fleiig genug! rief die Wittwe, ihre
Hnde zusammenschlagend. Es ist ein Elend, da du kein Junge geworden
bist, dann htte dies Gelerne einen Sinn, aber so? Was in aller Welt
willst =du= damit anfangen?

Ich wollte auch lieber, ich wr' ein Junge, das weit du ja, Tante!
Und Vater will gewi einen aus mir machen, da er mich so viel lernen
lt, rief Esther lachend und nickte der erzrnten Frau begtigend
zu. Aber bitte, Tante, ich mchte das Bischen Tageslicht noch gern
benutzen, um meine Arbeit fertig zu machen. Ich komme dann auch gleich
zu dir in den Garten. Und ohne sich weiter stren zu lassen, schrieb
das Kind eifrig weiter, whrend die letzten Strahlen der Herbstsonne
ber ihr dunkles Haar forthuschten und ihre blassen Wangen vom
Abendroth leise gerthet wurden.

Frau Booland hatte von ihrem Standpunkte aus allerdings guten Grund,
sich ber die Art und Weise zu beklagen, in welcher ihre kleine
Pflegebefohlene von ihrem Vater erzogen wurde. Pastor Wieburg war ein
durch und durch braver, rechtschaffener Mann und fr seine Gemeinde
ein trefflicher Seelsorger; auerdem aber ein ernster, ja strenger und
verschlossener Gelehrter, der den Verkehr mit der Auenwelt mied und
nur seinem Amte und seiner Wissenschaft lebte. So lange Esther, das
einzige Kind seiner frh verstorbenen Gattin, noch zu klein war, um
lernen zu knnen, hatte er sich sehr wenig um sie bekmmert, und sie
vllig der Sorge Frau Booland's berlassen. Das schchterne, kleine
Mdchen war auch viel lieber in der Gesellschaft dieser guten Frau, als
in der des ernsthaften, schweigsamen Vaters, der nur immer Ruhe gebot,
wenn sie in seiner Nhe spielte und ihre Puppen stets sehr unsanft in
die Ecke warf, hatte sich ja einmal eine in die Nhe seiner Bcher
verirrt.

Als Esther jedoch lter ward und ihr Vater bemerkte, da in dem kleinen
Krperchen eine starke Seele und viel Verstand wohnte, da wuchs sein
Interesse fr das Kind. Er hatte sich einen Sohn gewnscht, um auf
ihn all' sein Wissen und seine Gelehrsamkeit zu bertragen; nun hatte
er statt dessen eine kluge kleine Tochter bekommen, sie sollte ihm
den Sohn ersetzen. Wirklich lernte die kleine Esther bald mit so viel
Eifer und Erfolg, da ihr Vater immer mehr Gefallen an ihr fand und sie
wie einen Knaben unterrichtete. In der Zeit, wo andere kleine Mdchen
mhsam einzelne Worte zusammen buchstabiren, und mit dem Schieferstifte
unsichere Kritzeleien auf die Tafel malen, konnte unsere kleine Esther
schon recht gelufig lesen und schreiben, und nicht etwa nur in ihrer
Muttersprache, sondern auch in den Anfangsgrnden des Lateinischen,
dem sich spter sogar das Griechische zugesellte. Bei diesem eifrigen
Lernen und Studiren blieb freilich zum steten Leidwesen der braven Frau
Booland wenig Zeit brig zur Erlernung all' der weiblichen Knste und
Kenntnisse, welche diese husliche Frau in der Erziehung eines Mdchens
fr unerllich hielt. Esther zeigte leider auch wenig Vorliebe fr
dergleichen Dinge, und die Geheimnisse der fnf Stricknadeln blieben
ihr sehr lange Zeit ein Buch mit sieben Siegeln. Tante Booland strickte
und nhte ja den ganzen Tag, was sollte Esther sich damit qulen, und
die kleinen Dienste in Kche und Kammer, wozu ihre Erzieherin sie
anzuleiten sich abmhte, erschienen Esther ebenfalls erstaunlich
berflssig. Was kam denn darauf an, ob ein Kleid drinnen im Schranke
hing oder drauen, ob die Schuhe absolut im Kasten stecken muten,
und Kamm und Brste nicht mit der reinen Wsche Gemeinschaft halten
durften. Wenn Esther nur fand, was sie suchte, so war sie zufrieden;
fr alles andere mochte Tante Booland sorgen, die immerfort hinter ihr
her lief, um wieder aufzurumen, was ihr kleiner Wildfang in Unordnung
gebracht hatte. Wenn dann Frau Booland bse werden und darauf dringen
wollte, da die leichtfertige kleine Dirne selbst Ordnung schaffe, dann
hatte Esther immer Nthigeres zu thun und absolut gar keine Zeit fr
dergleichen.

Aber Tante, ich =mu= doch jetzt lernen, Papa wird sonst zu bse!
Bitte bitte, mache du es doch nur, das nchste Mal will ich es gewi
thun! So hie es stets, wenn das kleine Frulein etwas vornehmen
sollte, was ihr nicht behagte, und da Frau Booland nicht beurtheilen
konnte, in wieweit Esther's Entschuldigung begrndet war, sondern nur
immer mit stillem Grauen des Kindes Gelehrsamkeit anstaunte, so wagte
sie auch nie, energisch gegen Esther's Unarten einzuschreiten. Beim
Vater fand die arme Frau fr derartige Klagen auch kein Gehr; denn
dieser hatte jene wunderlichen Ideen ber Freiheit in der Erziehung,
wie sie Rousseau einst lehrte, und ihm war es ganz recht, wenn seine
Tochter frei und ungebunden und nicht geleckt und geschniegelt
aufwuchs. Sie soll mir ein tchtiges Frauenzimmer werden ohne
weibische Faxen und Narrheiten! pflegte er auf Frau Booland's Klagen
zu antworten. Solche hausbackne Tugenden lernt sie noch zeitig genug!
Jetzt lat mir das Mdel damit in Ruhe, sie kann ihre Zeit besser
anwenden.

So wuchs die kleine Esther denn heran mit allen Neigungen und
Beschftigungen eines Knaben, und krftig wie ihr Geist entwickelte
sich auch ihr Krper bei dieser Lebensweise. Obwohl sie weder blhende
Farben, noch besonders krftigen Krperbau besa, so war sie doch
ein gesundes, frisches Kind, und ihre feinen Glieder besaen eine
auffallend groe Gewandheit und Festigkeit. Sie sprang und turnte,
lief und kletterte wie der tollste Junge, und fr sie war kein Baum zu
hoch und kein Graben zu breit. Freilich in welchem Zustande Kleider
und Schuhwerk nach solchen Thaten vor den entsetzten Blicken der Frau
Booland erschienen, das kmmerte Esther wenig, ihr thaten nie die
Finger weh vom Ausbessern dieser Sachen, denn wie htte =sie= dazu Zeit
gehabt! Tante Booland schalt und brummte zwar stets bei jedem neuen
Ri, aber im Grunde freute sie sich doch, wenn ihr blasser Schtzling
lieber in Feld und Wald umhersprang, statt immer ber den bsen Bchern
zu sitzen. Deshalb, wenn Esther ihrer Ansicht nach genug studirt hatte,
nahm Frau Booland des Kindes Strohhtchen vom Nagel, drckte ihr ihn
auf die schwarzen Flechten und sagte: Basta fr heute, mein kleiner
Fisch! Jetzt lauf' hinber zum Bertel. Aber zum Nachtessen sei wieder
hier, du weit, dein Vater liebt die Pnktlichkeit!

Dann blitzten Esthers tiefschwarze Augen in heller Freude auf, und wie
ein Pfeil sprang sie empor. Gewhnlich nahm sie noch einige Bcher
unter den Arm, wenn ihre Arbeiten noch nicht fertig waren, dann aber
jagte sie wie ein Reh durch die Laubgnge ihres Gartens, und weiter
hinaus ber die Dorfstrae, Wiesen und Felder. Sie hatte nur ein Ziel
und das war der Gutshof ihres Dorfes Rahmstedt.

Aus den Fenstern des Gutshofes konnte man den ganzen Weg bis zur
Pfarre bersehen. Sobald nun Esthers leichte Gestalt daher geflogen
kam, dauerte es nicht lange, da knarrte die Gartenthr, und ein
mchtig groer schwarzer Neufundlnder sprang laut bellend in langen
Stzen ber Hecken und Zune, der kleinen Esther entgegen, die er
fast umrannte. Hinter dem Hunde drein aber kam athemlos ein blonder
Knabe daher, der Esther frhlich anlachte. Dann faten die beiden
Kinder sich an den Hnden, und lustig ging's nun zusammen in die
weite Welt hinein, bis sie zuletzt den Hafen aufsuchten, nmlich
den Blumengarten im Gutshofe. Auf der Freitreppe am Hause sa dann
zuweilen eine stattliche junge Frau, welcher Esther freundlich die
Hand zum Gru entgegenstreckte, und dann verlie das kleine Mdchen
ihren Spielgefhrten, um sich neben die Dame zu setzen, welche gern
mit der Kleinen plauderte. Auch ein groer, freundlicher Herr kam dann
wohl seitwrts ber den Hof geschritten, wo er mit den Dienstleuten
gesprochen oder in den Stllen nachgesehen hatte, und begrte das
Kind. Das war Herr von Ihlefeld, der Gutsherr von Rahmstedt, die
schne, junge Dame aber seine Frau und Hubert, auch Bertel genannt, das
einzige Kind der Beiden. Ein behagliches, glckliches Familienleben
herrschte in dem Hause, und die kleine Esther war ein tglicher, gern
gesehener Gast in demselben. Man rechnete sie so zur Familie, da stets
ein Gedeck mit fr sie aufgelegt wurde, und jederzeit ein Bett fr
sie bereit stand, besonders im Winter, wenn die Kleine Abends nicht
in Wind und Wetter den Weg nach Hause machen sollte. Und wie Esther
hier, so war auch Bertel tglich der Gast im Pfarrhause. Pastor Wieburg
hatte es bernommen, den Knaben zu unterrichten, und so war derselbe
neben Esther sein tglicher Schler. Bertel war zwei Jahr lter als
Esther; das kleine Mdchen lernte aber so rasch und war so eifrig
und ehrgeizig, da sie vielen Unterricht mit dem Knaben gemeinsam
hatte, und das waren fr Esther die herrlichsten Stunden. Die kleinen
Gelehrten, nannte man die Kinder in der Umgegend, denn nirgends wuten
andere Kinder ihres Alters so viel, als diese Beiden.

Ich werde einmal ein Gelehrter, wie du, Onkel Pastor, pflegte Bertel
zu sagen, und wirklich schien er auch dauernd Freude am Lernen zu
haben. Esther aber lernte eigentlich nur darum so eifrig, weil Bertel
lernte und sie eben nichts thun und denken mochte, was dieser nicht
auch that. Htte ihr junger Spielgefhrte angefangen, Seil zu tanzen
oder Schuhe zu nhen, Esther wre ohne Zgern auch mit auf das Seil
gestiegen, oder htte sich hingesetzt, Schuhe zu flicken, denn Bertel
that es ja. Wenn sie frh aufwachte, so flogen ihre Gedanken hinber
nach dem Gutshofe, und ihre Blicke wanderten beim Ankleiden fortwhrend
nach dem Gartensteg woher Bertel ja nun kommen mute. Der Tag bestand
fr sie eigentlich nur aus zwei Hlften: der, wo sie =mit= Bertel,
und der, wo sie =ohne= ihn war. Die letzte Hlfte suchte sie immer
mglichst abzukrzen, denn es war ja die Schattenseite ihres Tages,
die Zeit =mit= Bertel aber das Licht, die Sonne, dem ihre junge Seele
zustrebte mit allem Denken und Fhlen. Und wie Esther, so ging es ihrem
kleinen Freunde. Auch er kannte keine Freude, keinen Genu ohne seine
junge Gespielin, und am liebsten wre er oft den ganzen Tag auf dem
Pfarrhofe geblieben. Er nannte Esther seinen besten Kameraden, und wie
Kameraden verkehrten die beiden Kinder auch mit einander.

Man konnte nicht schner und liebenswrdiger sein, als es der schlanke
Bertel war, das gestand Jeder, der den Knaben sah, und fr Esther aber
war ihr Kamerad der Inbegriff alles Schnen, Guten und Ausgezeichneten.
Das dunkelugige und tief brnette Mdchen bildete einen ganz
eigenthmlichen Contrast zu dem rosigen Knaben, dessen feines,
mdchenhaft zartes Gesicht von einer Flle dichter blonder Locken
umgeben wurde. Esther war kaum hbsch zu nennen; denn etwas scharfe,
unregelmige Zge und die brunliche Haut htten sie wenig anziehend
gemacht, wenn nicht die groen schwarzen Augen mit strahlendem Feuer
aus diesem Gesichtchen geleuchtet und dicke, seidenweiche schwarze
Flechten den kleinen Kopf umkrnzt htten. Und verschieden wie im
Aeueren waren die beiden Kinder auch an Charakter und Temperament.
Die braune Esther war Feuer und Leben bis in die kleinste Fingerspitze
hinein, furchtlos und unternehmend, rasch und leicht erregbar. Ihr
warmes Herz bestand harte Kmpfe mit ihrem Eigensinn und ihrem sehr
energischen Willen; aber wenn dieser Wille sich beugte, dann war sie
sanft und weich und gut. Der blonde Hubert hingegen hatte bei einem
uerst scharfen Verstande ruhigere Besonnenheit und Ueberlegung und
einen weichen, fgsamen Sinn, der sich durch fremde Einflsse sogar
allzuleicht bestimmen lie. Etwas Scheues und Abgeschlossenes im
Charakter des Knaben wurde durch die eigenthmliche Erziehung, welche
der ernste Pastor Wieburg ihm ertheilte, noch vermehrt, und auer
Esther besa der kleine Gelehrte eigentlich keinen nennenswerthen
Umgang. Aber lebendig und kraftvoll wie sein kleiner Kamerad Esther
war auch Hubert trotz dieser Gelehrsamkeit und trotz seines schlanken,
mdchenhaften Krpers. Doch war er nicht so wild und ungestm als
jene, ja zuweilen erschien er mit dieser Besonnenheit sogar feige und
zaghaft. Erreichte seine Geduld aber die Grenze, dann konnte er heftig
und leidenschaftlich aufflammen mit Esther um die Wette.

Esther hingegen gab sich der augenblicklichen Regung ganz hin, und
besonders, wenn es galt, fr Bertel etwas zu thun, da gab es kein
Ueberlegen. Die Liebe zu ihrem kleinen Freunde war fr sie schon in
den ersten Jahren ihres Beisammenseins der Punkt, um den sich alles
bewegte, was sie dachte und that, und fr ihn schien ihr kein Opfer zu
schwer. Das Beste, was sie bekam an Naschwerk, oder Obst oder sonstigen
Dingen legte sie stets fr ihn zurck; alles was ihm lstig oder
unangenehm war, nahm sie in ihre Hand, und wo sie dem lteren Knaben
mit ihren schwachen Krften Hlfe leisten konnte, that sie es ohne
Zagen. Bekam er Schelte, so klagte sie sich oft auch als Missethterin
an, um ihn nicht allein leiden zu lassen, und sie konnte ganz auer
sich gerathen, wenn er Schmerzen litt und sie ihm nicht helfen konnte.
In den Unterrichtsstunden, die sie gemeinsam hatten, freute sie sich
vielmehr ber ein Lob, das Bertel gespendet wurde, als ber ihr
eigenes, und wenn Bertel, wie es in den Naturwissenschaftsstunden oft
geschah, fr die der Knabe am wenigsten Interesse zeigte, eine Arbeit
schlecht gemacht hatte oder Fragen verfehlte, da setzte Esther oft
absichtlich in ihre nchste Arbeit auch Fehler, oder stellte sich
unwissend, nur um nicht besser zu sein als Bertel.

Eines Tages war Hubert krank geworden und konnte nicht zum Pfarrhause
kommen. Esther wollte natrlich gleich zu ihm eilen, Tante Booland
aber lie sie nicht fort, denn der Arzt hatte ihr gesagt, Bertel werde
das Scharlachfieber bekommen, sie mge Esther's Zusammensein mit dem
Kranken verhten, damit sie nicht angesteckt wrde. Esther war auer
sich, da man sie nicht zu Bertel lassen wollte. Drei Tage hielt sie
es aus, ging aber jammernd und klagend umher; als sie nun aber hrte,
Bertel lge im Fieber, sie drfe unter Wochen nicht zu ihm, sonst
bekomme sie auch diese Krankheit, da sah sie Frau Booland stumm und
thrnenlos an. Dann ging sie hinaus in den Garten, in der Dmmerung
aber rannte sie in einem unbewachten Augenblicke mit Blitzeseile nach
dem Gutshofe. Hier schlich sie leise die Treppe hinauf, ohne gesehen zu
werden und versteckte sich hinter einem Schranke, der neben der Thr
von Bertels Krankenstube stand. Dort wartete sie lange geduldig, bis
sie sah, da die Wrterin und dann auch Frau von Ihlefeld das Zimmer
verlassen hatten; da huschte sie zur Thr hinein. Wirklich war in
diesem Augenblicke niemand als der Kranke in der Stube, und mit einem
leisen Jubelrufe strzte Esther zu Bertel hin, der ihr voll Entzcken
die Arme entgegenstreckte. Nun bleibe ich bei dir, Bertel! sagte
Esther, ihm das heie Gesicht streichelnd, ich halte es nicht aus ohne
dich, und wenn du krank bist, will ich es auch werden!

Frau von Ihlefeld sah bei ihrem Eintritt voll Schrecken, wer an Bertels
Bett sa. Kind, sagte sie, Esther zurckziehend, wer hat dir
erlaubt, herzukommen, und wer hat dich hier hereingelassen? Willst du
auch das Scharlachfieber bekommen?

Ja, wenn Bertel krank ist mag ich nicht gesund sein, rief Esther
und schmiegte sich an den Kranken. In demselben Augenblicke kam Frau
Booland herein, ganz auer sich vor Angst und Schrecken. Sie schalt
Esther wegen ihres Ungehorsams und wollte sie sogleich wieder mit sich
fort nehmen. Esther aber weinte und strubte sich und wollte bei Bertel
bleiben, den sie umschlungen hielt. Da trat der Arzt herein und Esther
flog auf ihn zu und bat, er mge erlauben, da sie hier bleibe.

Frau Booland aber rief angstvoll: Nein, ich leide es nicht! Wenn du
noch lnger bei dem Kranken bleibst, wirst du unfehlbar angesteckt, und
mich trifft dann die Verantwortung fr deine Thorheiten. Gleich komm
mit mir, ehe es zu spt ist!

Es ist schon zu spt, Frau Booland, sagte der Arzt leise.
Esther hielt den Kranken umschlungen, als ich eintrat, da ist der
Krankheitsstoff bereits in sie bergegangen, wenn sie berhaupt dafr
empfnglich ist. Ein lngeres Bleiben schadet jetzt nicht, lassen wir
die Kinder ruhig beisammen; Bertel kann es nur zutrglich sein, Esther
um sich zu haben.

Frau Booland war leichenbla geworden, denn sie sah schon ihren
Liebling von der Krankheit ergriffen in Fieberphantasien liegen; aber
zu ndern war hier nichts mehr. Esther erhielt die Erlaubni, auf dem
Gutshofe zu bleiben und war glckselig. Sie wich nicht von Bertels
Lager, und sobald der Kranke nur wieder Unterhaltung haben durfte, war
sie unermdlich, ihm vorzulesen, mit ihm zu spielen, oder ihm sonst
wie die Zeit zu vertreiben. Freilich dauerte es nicht lange, da mute
auch sie sich legen, von der Krankheit ergriffen, und nun stellte man
die Betten der Kinder neben einander. Frau Booland kam, ihren kleinen
Liebling zu pflegen, und nach kurzer Zeit war es dann der genesene
Hubert, der Esther unterhielt, wie sie es erst an seinem Bette gethan.
Aber so sehr Esther auch zu leiden hatte, denn sie wurde bedeutend
krnker als Bertel, keine Klage kam ber ihre Lippen. Sie hatte es ja
so gewollt und war bei Bertel, da war alles gut!

Und wie sie hier keine Furcht kannte, so zeigte sie kurze Zeit darauf
abermals ihre muthige, selbstvergessende Liebe zu Hubert. Pastor
Wieburg kam eines Tages sehr erregt in das Zimmer und sagte: Frau
Booland, lassen Sie Esther nicht auf die Strae; ich hre soeben von
unserem Knechte, da sich ein fremder, toller Hund auf dem Felde vor
dem Gutshofe herumtreiben soll. Die Bauern sammeln sich eben im Dorfe,
Jagd auf ihn zu machen. Esther blickte bei diesen Worten nach der Uhr.
Die Zeit war ganz nahe, in der Bertel zu den Stunden kommen mute. Wenn
er nun von dem tollen Hunde nichts wute und ihm vielleicht gerade in
den Weg lief! Auf dem Felde beim Gutshofe trieb sich das Thier herum,
er =mute= es ja treffen! Kaum hatte Pastor Wieburg und Frau Booland
den Rcken gewendet, als Esther in den Garten flog und durch den Garten
hindurch auf die Landstrae, den Weg nach dem Gutshofe einschlagend. In
athemloser Hast strzte sie vorwrts, damit sie noch auf dem Gutshofe
ankam, ehe Bertel ihn verlie. Und wenn nun gar vielleicht Hector mit
ihm kam, wie gewhnlich, dann war die Gefahr eine doppelte; denn dieser
wrde unfehlbar den fremden Hund angreifen, wenn er in der Nhe war.

Schon war Esther ber ein Stck jenes Feldes gelaufen, auf dem der Hund
sich heruntertreiben sollte. Sie sah nichts Verdchtiges und rannte dem
Hofthore zu, das vor ihr lag und aus dem jeden Augenblick Bertel treten
konnte. Da pltzlich hrte sie es hinter sich schnaufen und rcheln,
und als sie sich umblickte, rannte der tolle Hund hinter ihr drein. Zur
Seite springen, einen dicken Pfahl ergreifen, der am Wege lag, und mit
diesem dem Hunde einen wuchtigen Hieb ber den Kopf versetzen, war das
Werk eines Augenblickes. Der Hund taumelte, bellte dumpf und schlich
dann in der Richtung fort, in der er gekommen, Esther aber strzte
in Todesangst ohne umzuschauen nach dem Hofthore, das sie aufri und
blitzschnell hinter sich wieder zuwarf. Die Leute des Gutes, die hier
auf dem Hofe versammelt waren, um sich zur Jagd auf den Hund zu rsten,
sahen voll Schrecken auf Esther, deren einzige Worte beim Hereinfliegen
waren: Ist Bertel noch zu Haus? Erst als er ihr selbst entgegentrat
gab sie sich zufrieden und sank erschpft auf eine Bank im Hofe, sich
den Angstschweis von der Stirn trocknend. Nun umringte man sie und lie
sich von ihr erzhlen, da der tolle Hund ihr ganz in der Nhe des
Hauses begegnet sei, und whrend die Knechte hinauseilten, Jagd auf das
unglckliche Geschpf zu machen, zog Bertel sie in das Haus hinein,
sie mit Vorwrfen berschttend, da sie sich um seinetwillen solcher
Gefahr ausgesetzt habe.

Esther blickte den Knaben lachend an und sagte: Daran, da =mich=
der Hund beien konnte, habe ich gar nicht gedacht, als ich vom Hause
fortgerannt bin. Aber jetzt wird sich Tante Booland schn um mich
ngstigen, nun will ich nur schnell wieder nach Haus laufen. Nicht
eher, als bis der Hund unschdlich gemacht ist! rief Bertel sie
zurckhaltend. Da aber hrte man einen Schu in der Nhe, und gleich
darauf kamen die Leute zurck und erzhlten, da man den Hund getdet
habe, der wie betrunken umher getaumelt sei. Daran ist der Schlag
Schuld, den ich ihm mit dem Pfahle gegeben habe, lachte Esther, und
dann lief sie eiligen Schrittes wieder zu Frau Booland zurck, die in
Todesangst nach ihr ausschaute. --

So wuchsen die beiden Kinder mit einander auf Jahr um Jahr, und von
Liebe umgeben und glcklich durch stetes Beisammensein, vergingen
ihnen die sorglos frohen Jugendjahre wie ein heller Sommertag. Whrend
der blonde Bertel zu einem schnen schlanken Burschen emporwuchs, war
Esther noch immer das braune Mdchen mit den feurigen Augen und dunklem
Haar; aber ihre Gesichtszge wurden weicher und anmuthiger, und mit
ihrem schlanken, grazisen Krperchen war sie ein allerliebstes Mdel
geworden. Aber ein Wildfang blieb sie trotz ihrer 13 Jahre, und Frau
Booland hatte oft ihre Noth mit ihr; bse freilich konnte niemand
ihr sein. Aber auch geistig entwickelten sich beide Kinder sehr zur
Zufriedenheit der Ihren, und den kleinen Professor besonders, wie man
Bertel nannte, war Pastor Wieburg mit unermdlichem Eifer bestrebt,
immer mehr zu frdern, so lange er seiner Leitung anvertraut blieb,
denn er war ein selten begabter Knabe. Aber endlich mute man sich doch
zu einer Aenderung entschlieen, um so mehr, da Pastor Wieburg anfing
zu krnkeln und den Unterricht oft unterbrechen mute. Das Gymnasium
der nchsten Stadt war vortrefflich, und so entschlossen sich Hubert's
Eltern schweren Herzens, den Knaben knftige Ostern dorthin zu geben.

Das war das erste groe Ereigni in dem Leben der beiden Kinder. Sie
hatten die Trennung, so oft auch davon die Rede war, doch immer in so
ferne Zeiten verschoben, da es wie ein entsetzlicher Donnerschlag
ber sie kam, als sie erfuhren, da in wenig Wochen Hubert's Abreise
erfolgen sollte.

Ich gehe mit dir nach H.., sagte Esther entschlossen und stellte sich
an Bertel's Seite. Vater hat gewi nichts dagegen; ich werde ja dann
studiren wie du, und ohne dich lerne ich hier keine Zeile mehr, das
wei ich. Was sollst du denn ohne mich anfangen, Bertel?

Hubert sah das kecke Mdchen nachdenklich an.

Ich glaube, das wird doch nicht gehen, Esther, sagte er traurig,
denn ich werde ja auf ein Gymnasium kommen, wo lauter Knaben sind, da
pat kein Mdchen hinein.

So ziehe ich Knabenkleider an, das ist kstlich, das habe ich mir ja
immer gewnscht! jubelte Esther und klatschte in die Hnde.

Aber deine langen Zpfe? sagte Bertel kopfschttelnd.

O die schneide ich ab, rief Esther frhlich. Da habe ich doch
endlich Ruhe vor Tante Booland, die frh Morgens immer so lange daran
kmmt und flicht, da mir die Geduld oft ausgeht und ich ihr davon
laufe. Da sieh', das ist bald geschehen! Rasch ergriff sie eine
Scheere und that einen tiefen Schnitt in ihr prachtvolles Haar. Aber da
trat Frau Booland in das Zimmer und ri ihr die Scheere aus der Hand.

Bist du unklug, Kind? Was treibst du denn wieder? rief sie heftig.

Ich gehe mit Bertel auf das Gymnasium nach H., da kann ich die dummen
Zpfe nicht brauchen, entgegnete Esther, an den Flechten reiend.

Mit auf's Gymnasium? sagte Frau Booland lachend. Nun damit hat es
gute Wege, da la nur deine Zpfe in Ruhe, mein Kind. Mdchen kommen da
nicht hin.

Ich gehe auch als Junge mit, versteht sich! rief Esther rasch. Tante
Ihlefeld giebt mir gewi von Bertels Kleidern, damit ich gleich mit
kommen kann. Frau Booland fing herzlich an zu lachen ber Esthers
Plne, die sie fr Scherz hielt. Als sie dann aber sah, da ihr junger
Wildfang wirklich im Ernst solchen Gedanken Raum gab, war sie still und
sagte leise vor sich hin: Im Stande wre sie's, glaub' ich. Das hat
ihr Vater von =der= Erziehung!

Als sie mit ihrem Schtzling dann am Abend allein im Schlafzimmer war,
zog sie Esther auf ihre Knie, was sie selten that und sprach mild und
freundlich: Mein liebes Mdchen, ich mu dir einmal etwas sagen.
Du bist jetzt schon 13 Jahre alt, da wird es wirklich Zeit, da du
den Jungen ausziehst. Thust du es nicht selbst, so thun es dir andere
Leute, und das ist ein schlimmes Ding. Dein Vater hat dich studiren und
aufwachsen lassen, wie einen Knaben; aber du bist und bleibst trotz
alledem =doch= ein Mdchen. Siehst du, ich bin nur eine einfache Frau;
aber das, was sich schickt, besonders fr ein junges Mdchen, das du
nun bald sein wirst, wei ich so gut als jede groe Dame, da folge mir
nur getrost. Bertel geht fort, er ist eben ein Knabe und mu sich fr
seine zuknftige Laufbahn vorbereiten; aber mit ihm gehen kannst du
nicht, denn das schickt sich nicht. Wozu auch? Ein Mdchen hat einen
anderen Lebenslauf vor sich, als ein Knabe. Er mu in die Welt, das
Mdchen gehrt in das Haus. Bis jetzt warst du ein Kind, da pate sich
alles; aber nun wird das anders, das hilft einmal nichts und mut du
dir gefallen lassen. Fr junge Mdchen schickt sich vieles nicht, was
sich fr junge Mnner schickt; so will es die Sitte, und ihr mssen
wir uns Alle beugen. Ueber kurz oder lang muten sich eure Wege doch
scheiden, das ist so der Lauf der Welt und die Bestimmung des Menschen.
Und nun sei verstndig und mache Bertel das Herz nicht schwer mit
Weinen und Klagen; denn dann wird ihm das Fortgehen noch viel saurer.
Nicht wahr, Esther, daran willst du denken, ihm zu lieb?

Esther hatte schweigend zugehrt, denn Tante Booland sprach selten so
ernst und zusammenhngend mit ihr. Sie machte zuerst ein finsteres
Gesicht, denn ihr Eigenwille bumte sich arg in ihr empor; nach und
nach aber wurde sie nachdenklich, und ein tiefes Roth zog sich ihr ber
Stirn und Nacken. Sie bi die Lippen fest auf einander, wie sie immer
that, wenn sie von einem neuen Gedanken berrascht wurde, sagte aber
kein Wort. Auf die letzte Frage von Tante Booland nickte sie rasch
und ernst mit dem Kopfe; dann lehnte sie ihre Stirn eine lange Weile
still an die Brust ihrer treuen Pflegerin, die ihr leise ber das Haar
strich. Endlich aber brach sie in einen Strom von Thrnen aus und rief
jammernd: Ach Tante Booland, ohne Bertel kann ich ja aber nicht leben!

Einmal mut du es lernen, Kind, es geht nicht anders, sagte Frau
Booland sanft. Der liebe Gott giebt uns so manches Schwere zu tragen,
und du wirst noch manchesmal in deinem Leben sagen: >ich kann es
nicht!< Und doch wirst du es lernen; denn der himmlische Vater legt
uns keine grere Last auf die Schultern, als wir zu tragen im Stande
sind. Dir hat Gott ein starkes Herz gegeben, deshalb wirst du dem armen
Bertel die Trennung leicht machen, wozu wrst du sonst seine brave,
kleine Esther?

Das kindliche Mdchen wischte sich entschlossen die Thrnen aus den
Augen und lchelte zuversichtlich. Ich will ihm helfen, Tante! sagte
sie fest, und dann legte sie sich still und ergeben in ihr Bettchen.
Lange noch bewegten sich ihre Lippen im Gebet und baten um Muth und
Kraft fr die schwere vor ihr liegende Zeit, dann aber schlo der
Schlaf ihr die mden Augen.

Am andern Tage war mit Esther sichtlich eine Vernderung vorgegangen.
Sie war bleicher und ruhiger als sonst, und auf ihrem Gesicht lag ein
nachdenklicher Zug. Als Hubert zum Unterricht kam, und Esther ihm im
Garten entgegen lief, geschah es mit etwas zgernden Schritten, und
ein brennendes Roth flog einen Augenblick ber ihre Stirn. Dann aber
rief sie in ihrer alten muntern Weise: Ach Bertel, unsere schnen
Plne werden doch zu Wasser, mit dir ziehen kann ich nicht. Die andern
Jungens wrden doch merken, da ich ein Mdchen bin, und dann bissen
sie mich sicher zum Neste hinaus, wo ich mich einschleichen wollte,
wie's neulich die Schwalben mit dem Spatz machten, weit du wohl noch?

Hubert sah sehr bleich aus. Er nickte still mit dem Kopfe und sagte:
Ich wute es gleich und wollte es dir nur nicht sagen, Esther. Aber
ich glaube, ich komme bald wieder; denn so allein ohne dich und ohne
euch alle, -- ich =kann= es nicht ertragen!

Mit einem lauten Sthnen warf er sich auf eine Bank nieder und weinte
so ungestm und leidenschaftlich, wie Esther es noch nie von ihm
gesehen hatte. Erschrocken setzte sie sich zu ihm und lehnte ihren
Kopf an seine Schulter. Dicke Thrnen rollten auch ber ihr Gesicht,
und ihre Brust arbeitete heftig. Aber entschlossen richtete sie sich
bald empor, prete die Hnde fest aufeinander und sagte leise: Bertel,
sei ruhig, einmal mutest du ja fort, hier auf unserem Dorfe kannst
du ja doch kein groer Gelehrter werden. Aber das sollst du, denn ich
will stolz auf dich sein, und alle sollen es. Und nun malte sie dem
Knaben in heiterer Weise aus, wie schn es sein msse, wenn er nun zu
den Ferien nach Hause kommen und ihnen erzhlen werde, wie er dort in
der Stadt lebe, wie viel er jetzt lerne und studire, und welches seine
Kameraden sein wrden. Bertel hatte das Gesicht mit den Hnden bedeckt
und schluchzte leise.

Kameraden? rief er jetzt heftig. Sprich mir nicht von Kameraden! Bis
jetzt habe ich noch keinen Jungen gefunden, der mir zugesagt htte, und
ich werde sicher auch keinen finden. Du bist mein liebster und einziger
Kamerad, Esther, und du sollst es mir bleiben, das gelobe ich dir, wenn
auch tausend andere um mich sein werden; dich ersetzt mir keiner!

Er ergriff Esthers Hand und blickte finster vor sich nieder, Esther
aber sa strahlenden Auges neben ihm. Ihre Lippen zitterten, aber sie
sprach nicht. Sie sah ihren blonden Bertel im Geiste unter der Schaar
anderer Knaben, und wie viel schner er sein wrde, als alle anderen,
und wie viel klger. Und doch war und blieb er =ihr= Bertel, ihr
Kamerad wie bisher. Nun wollte sie auch nicht mehr daran denken, wie
allein, ach so trostlos allein sie sein wrde!

Esther hatte in Gedanken einen Zweig des Fliederbusches herabgezogen,
unter dem sie saen und dessen Bschel noch kahl und ohne Knospen
standen.

Wenn die blhen, bist du wieder hier, Bertel, rief sie pltzlich und
schttelte den Zweig. Ostern ist in diesem Jahr so frh, gerade zu
Pfingsten wird dann alles blhen, Flieder, Goldregen, Schneeballen,
alles, alles. Und die ersten Veilchen schicke ich dir in die Stadt,
Bertel, denn da kannst du gewi keine pflcken. Von den Erdbeeren aber
und den Stachel- und Himbeeren in unserem Garten soll kein Mensch etwas
bekommen, die schicke ich dir auch alle oder hebe sie dir auf, und
auch die Haselnsse unten am Wasser. Komm, wir wollen geschwind einmal
nachsehen, Bertel, am Ende sind unten am Wasser schon Veilchen heraus,
oder _Primula veris_. Weit du auch noch, wie die braune Pflanze heit,
die zuerst im Frhjahr auf der Wiese blht?

Bertel's trbes Gesicht war unter dem Plaudern Esthers wieder hell
geworden; jetzt lachte er und sagte: Ach was, Botanik ist einmal nicht
mein Steckenpferd, ich kann mir das Zeug nicht merken. Verrathe mich
aber nicht bei deinem Vater.

So komm, ich will dein Mentor sein, _Tussilago_ heit das Pflnzchen,
mein kluger Herr, rief Esther lustig und zog ihn mit sich fort; denn
was sie gewollt, hatte sie durch ihr Plaudern erreicht, Bertel verga
seine trben Gedanken. Und in dieser Weise gelang es ihr von jetzt an
stets, ihren Kameraden zu erheitern, ob ihr selbst auch oft das arme
junge Herz zerspringen wollte vor Weh. Bertel durfte nicht sehen, wie
schwer ihr die Trennung wurde, sonst wre er mit noch traurigerem
Herzen von ihnen gegangen. Und wie gut hatte sie es doch im Vergleich
mit ihm: Sie blieb zurck in ihrem schnen Garten und traulichen
Hause, hatte Vater und Tante Booland um sich, und dort drben den
Gutshof mit Onkel und Tante Ihlefeld. Alles, ihre Blumen und Bcher,
ihre Hhner, Hunde, Katzen, die Ziegen und Kaninchen im Stall und die
Vgel im Walde drauen, alles blieb ihr, whrend der arme Bertel alles
verlassen und allein hinaus mute unter lauter fremde Menschen. War
es da nicht ihre Pflicht, heiter zu sein und ihm das Herz nicht auch
noch schwer zu machen? O Tante Booland hatte recht, =sie= durfte Bertel
nichts vorklagen!

Aber trotz alledem wurden ihre Wangen immer blsser, und ihre Augen
blickten immer angstvoller um sich, je nher der Tag der Abreise
kam. Endlich hatten die beiden Kinder den letzten Unterricht beim
Vater gehabt, und Bertel hatte Abschied genommen. In einigen Stunden
fuhren seine Eltern mit ihm nach der Stadt. Esther hatte mitfahren
sollen; aber Frau Booland meinte, fr Bertel sei es besser, sie thte
es nicht, und so blieb sie zurck, willig und sanft, wie sonst nie,
wenn etwas gegen ihren Willen war. Sie setzte sich mit einem Buche
in die Fliederlaube, in der sie neulich mit Bertel gesessen, ihre
Augen waren aber so roth, als sie dann zum Essen in das Zimmer kam,
da Frau Booland sie mit innigem Mitleiden anblickte. Vor ihrem Vater
aber verbarg Esther, da sie geweint, denn er konnte weinerliche
Frauenzimmer nicht leiden. Es war gut, da er viel von der Schule und
den Lehrern sprach, wo Bertel jetzt Unterricht haben werde, da bemerkte
er doch Esthers Kummer nicht, von dessen Gre er keine Idee hatte. Die
einfache Frau Booland wute das besser, als der gelehrte Herr Pastor.

Es waren traurige Tage fr Esther, diese ersten nach Bertel's Abreise.
Wohl hatte sie sich alles vorgefhrt, was sie an Glck vor Bertel
voraus habe, da sie zu Hause blieb, whrend er unter fremde Menschen
und Verhltnisse kam; aber jetzt, nachdem er fort war, fhlte sie
erst, =was= sie verloren. Wie im wachen Traume ging sie daher, sie
meinte immer, jetzt msse jemand kommen und sie wecken. War denn die
Sonne nicht mehr am Himmel, da so wenig Glanz ber Garten und Wiese
lag? Und waren denn das ihre lieben Blumen, die so wenig Farbe und Duft
hatten, das ihre lustigen Thiere, die mit ihr sonst so frhlich durch
den Hof und Garten sprangen? Und ihre Bcher, wie langweilig sahen
diese Buchstaben sie an, das Lernen war ja eine Strafe statt wie bisher
eine Lust. Und wie endlos war so ein Tag! Sonst kamen die Mittag- und
Abendstunden, wo sie zum Essen gerufen wurde, immer viel zu frh,
jetzt sah sie fort und fort nach der Uhr, ob denn die Stunden noch
immer nicht rascher davongehen wollten. Nach dem Stege aber, auf dem
Bertel jeden Morgen gekommen war, konnte sie vor Jammer gar nicht mehr
hinsehen, und nach dem Gutshofe zog sie jetzt so wenig. Onkel und Tante
Ihlefeld waren zwar sehr gut und lieb zu ihr, wie bisher; aber es war
so de in dem Hause und Hofe, und auch Bertel's Neufundlnder sah so
traurig aus und heulte laut auf, wenn Esther ihn streichelte und leise
sagte: Ach Hektor, unser Bertel ist fort!

Hubert war jetzt unter eine ziemlich groe Zahl von Pensionairen
aufgenommen, welche bei einem der Professoren des Gymnasiums wohnten.
Der zarte, scheue Knabe fhlte sich anfangs unsglich unbehaglich
unter all' den fremden Gesichtern, und das laute Treiben seiner
Stubengenossen war ihm sehr zuwider. Auch in der Klasse, unter deren
Schlern er einer der jngsten war, kam er sich wie verloren vor;
denn niemand achtete weiter auf ihn, und die Lehrer hatten ihre
Aufmerksamkeit der ganzen Klasse zu schenken. Wie anders war das,
als bisher bei seinem Lehrer! Aber eigentlich lernte es sich gut in
Gemeinschaft mit so vielen, die alle dasselbe Ziel verfolgten. Und hier
waren einige so kluge, eifrige Mitschler in der Klasse, da galt es
fleiig sein, wenn er es ihnen gleich thun wollte! Und das wollte und
mute er, das war ohne Frage.

So lernte er denn mit unverdrossenem Eifer und verga dabei, wie
einsam er unter den vielen Mitschlern dastand, denen er sich, wie es
seine Neigung war und wie er Esther versprochen, nicht anschlieen
mochte. Aber dieses Abschlieen reizte die andren Knaben zu Neckereien
und Spottreden und bereitete ihm bald manchen Verdru. Man gab ihm
allerlei Spitznamen, nannte ihn Jungfer Bertel, Muttershnchen,
Blondel, Mehlweichen und suchte ihn zu Zank und Streit aufzustacheln.
Bertel that, als merke er nichts und kmpfte seinen Aerger tapfer
nieder; denn ihm war aller wste Zank und Lrm in der Seele verhat.
Das reizte seine Kameraden doppelt, die solche Selbstberwindung fr
Feigheit hielten. Mit einem Feigling aber meinte man sich ungestraft
alles erlauben zu knnen. Nun erhielt Bertel eines Tages einen langen
Brief von Esther. Zwei seiner Stubenkameraden, die dabei zugegen waren,
sahen, wie freudig er denselben las.

Von wem ist der Brief? fragte Franz Reichard.

Von Esther! entgegnete Bertel zerstreut und las eifrig weiter.

Esther? Wer ist Esther? forschte Franz weiter. Ist das eine
Schwester von dir?

Nein doch, la mich in Ruh'! Esther ist -- nun Esther ist Esther!
sagte Bertel kurz abweisend und kehrte Franz den Rcken.

Esther ist Esther! Eine schne Erklrung! rief dieser spttisch.
Du, Walter, fuhr er dann lachend fort und winkte seinem Kameraden
verstndnivoll zu, weit du schon, Jungfer Bertel ist mit einer
alttestamentarischen Freundschaft behaftet. Knigin Esther heit seine
Coeurdame.

I was tausend, Mehlweichen! rief Walter. Du bist ja ein Mordskerl!
Und ein Jdchen hast du zur Freundin? Da heit's wohl:


    Ihrer Augen schwarze Kohlen
    Haben mir das Herz gestohlen?


Wahrhaftig, du bist ja ganz vernarrt in ihren Brief, la doch 'mal
sehen, was die schwarzhaarige Schne dir schreibt! Und dabei blickte
er frech in Esthers Brief, als wollte er ihn lesen. Bertel wurde
dunkelroth vor Aerger, bekmpfte seinen Verdru aber und sagte nur,
sich rasch abwendend: Ach Unsinn, Esther ist eine Predigertochter und
keine Jdin. Unwillkrlich aber blickten ihn dabei seiner Freundin
schwarze Augen aus dem Briefe an, die allerdings einer kleinen Jdin
alle Ehre gemacht htten, und er achtete bei diesem Gedankengange
so wenig auf seine Umgebung, da er nicht bemerkte, wie Franz sich
herbeischlich und pltzlich einen raschen Griff nach dem Briefe that.
Bertel jedoch hielt fest, und so bekam der Brief einen groen Ri. Nun
aber war Huberts Geduld zu Ende. Mit dem Rufe: Wart', das sollst du
ben! flog er wie ein Pfeil auf den schlechten Kameraden los, fate
ihn um den Leib und warf ihn zu Boden. Franz war einer der strksten
Burschen der Stube, und nachdem er sich von der ersten Ueberraschung
erholt hatte, fing er an mit Bertel zu ringen. Ein heier Kampf
entspann sich, denn Franz war strker als sein Angreifer; Bertel aber
besa trotz seines zarten, schlanken Krpers eine groe Zhigkeit und
Gewandtheit, und mit Vorsicht wute er sich stets gegen alle Angriffe
zu decken. Er hatte zu Hause viel geturnt und oft mit den Dorfkindern
gerungen, denn sein Vater pflegte zu sagen, ohne richtige Balgerei
wird keiner ein rechter Junge. So gelang es ihm endlich, den Gegner zu
bezwingen und ihm das Knie auf die Brust zu setzen.

Jetzt versprichst du mir, mich ungeschoren zu lassen! rief er mit
funkelnden Augen. Ich dulde eure Flegeleien nicht lnger, da ihr es
nur wit. Wer mich nicht in Ruhe lt, dem zeige ich, da ich Fuste
habe. Und damit schlug er auf den groen Burschen so tapfer los, da
es schallte, und Walter ganz verblfft daneben stand. Franz knirschte
vor Aerger, konnte sich aber nicht rhren, und da er ein weicher Junge
war trotz seiner groben Glieder, so bat er schlielich himmelhoch,
Bertel mchte ihn loslassen, er versprche auch alles, was er verlange.
Hubert sprang auf und lie ihn frei, Franz aber schttelte sich, strich
sich die Haare glatt und dann trat er zu seinem Gegner heran. Du hast
mich gut verarbeitet, Bertel, sagte er sthnend und reckte seine
langen Glieder. Bis jetzt dachte ich, du wrst feige, weil du dir
alles gefallen lieest; aber nun habe ich Respect vor dir. Wer Courage
hat, den lasse ich in Ruhe. Wollen wir Frieden schlieen?

Hubert sah dem ehrlichen Burschen ganz erstaunt in das feuerrothe
Gesicht; es war ein guter Zug darin, und Bertel ergriff ohne Zgern die
dargebotene Hand. Recht gern, Franz, sagte er herzlich, mir soll's
recht sein; ich bin kein Freund von Zank und Streit.

So hatte die Schlgerei ein gutes Ende und in ihren Folgen trug sie
vortreffliche Frchte. Bertel hat den Franz gezwungen! hie es bald
in der ganzen Anstalt, und das war wie ein Orden; denn Franz war fr
einen tchtigen Raufer bekannt und also nicht gut mit ihm anzubinden.
Niemand hielt den blonden Bertel ferner fr einen Feigling und wagte
ihn bswillig zu foppen; hatte derselbe doch auch jetzt an dem lteren
Franz einen Kameraden zur Seite, der sich des jngeren in allen
Dingen annahm, denn er hing dem neuen Schler mit immer wachsender
Freundschaft an. Hubert war diese Freundschaft zwar ganz angenehm
und schmeichelhaft, eigentlich aber wagte er nicht recht, dieselbe
anzunehmen; hatte er nicht Esther gelobt, sie allein solle sein Kamerad
sein und bleiben? Und war es nicht Wortbruch, wenn er hier nun doch
eine neue Freundschaft schlo? Lange aber hielten solche Gedanken nicht
vor; es war doch eben gar zu angenehm, nicht allein dazustehen unter
so viel Schlern, und Esther selbst hatte sicher nichts dagegen. Sie
konnte doch einmal nicht bei ihm sein, warum sollte er sich da nicht an
jemand aus seiner jetzigen Umgebung anschlieen? Esther blieb ihm ja
doch immer so lieb, als sie ihm je gewesen war, das verstand sich von
selbst. --

Trotz dieser Ueberzeugung sprach er in seinen Briefen an Esther doch
nicht viel von seinem neuen Freunde. Die Scene aber, welche ihr Brief
veranlat hatte, berichtete er ihr getreulich, und Esther glhte vor
Wonne und Stolz, da ihr Bertel sich so tapfer gehalten hatte, und
tief innen im Herzen regte sich etwas, wie ein Jauchzen, da =sie= der
Anla zu diesem ersten Kampfe Bertels gewesen war. Davon sagte sie aber
Tante Booland nichts, als sie den Brief vorgelesen, sie wute selbst
nicht warum. Freilich ahnte Esther nicht, da Bertel gerade in Folge
davon, da sie es war, die jenen Kampf veranlat hatte, von jetzt an
sorgfltig vermied, wieder von ihr zu sprechen. Er frchtete abermalige
Neckereien seiner Kameraden, die ohnehin nicht ganz ausblieben; denn
ab und zu erkundigte man sich nach seiner jungen Freundin, welche fr
die Knaben durch jene Schlgerei einen geheimnivollen Reiz erhalten
hatte. Bertel gab aber immer verlegene ausweichende Antworten, und
wenn er Esther auch nicht vllig verleugnete, so wnschte er doch, die
Sache todt zu schweigen, um die Neckereien der Jungens los zu werden.
Mdchen passen einmal nicht in eine Jungenpension, nicht einmal in
Gedanken! entschuldigte er sich heimlich, und wirklich verging jetzt
mancher Tag, wo Bertel so von seinen Arbeiten und seinen Kameraden
in Anspruch genommen wurde, da er seiner kleinen Esther gar nicht
gedachte. Dann aber fiel ihm sein Unrecht pltzlich wieder schwer
auf die Seele, und nun schickte er ihr, wie um vor sich selbst sein
Erkalten wieder gut zu machen, einen so herzlichen, kameradschaftlichen
Brief, erzhlte ihr so getreulich von seinem Lernen und Leben
und Treiben, da Esther voll Entzcken ihres lieben getreuen
Kameraden gedachte, der sie unter all' den neuen Verhltnissen nicht
vernachlssigte. Sie wollte ihm auch zeigen, da sie seiner in treuer
Anhnglichkeit gedachte, und trotz ihrer Abneigung gegen weibliche
Handarbeiten mhte sie sich jetzt hufig ab, um fr Bertel irgend etwas
anzufertigen. Zum ersten Male im Leben zeigte sie Geduld und Ausdauer
bei diesen Arbeiten. Die Knaben in der Pension trugen hellblaue Mtzen
mit roth und silbernen Bndern, und wenn das Band besonders schn war,
so bestanden die silbernen Streifen aus kleinen gestickten Bltterchen.
Eine solche Mtze hatte Bertel sich gewnscht, und Esther sa nun mit
eiserner Geduld und nhte mit ihren kleinen ungeschickten Fingern
unermdlich Blttchen um Blttchen, so sauer ihr auch die ungewohnte
Arbeit wurde. Endlich war das Werk vollendet und zu seinem nchsten
Geburtstage prangte die Mtze unter Bertels Geschenken, die ihm nach
der Pension gesandt wurden. Ein feuriger Dankesbrief lohnte Esther
die gewaltige Mhe, und von nun an war sie immer mit irgend einer
Arbeit fr ihren kleinen Freund beschftigt, zur stillen Freude Tante
Boolands, die ihr getreulich beistand, wo die Schwierigkeiten gar zu
gro wurden. Aber gut war es, da Esther nicht erfuhr, wie Bertel alle
solche Arbeiten vor seinen Schulkameraden verleugnete, um sich nicht
neuen Neckereien auszusetzen. Die Mtze machte den Anfang. Als seine
Geburtstagsgeschenke bewundert wurden, betrachtete sein neuer Freund
Franz mit etwas neidischen Blicken den zierlichen Streifen an der Mtze.

Wer hat dies gestickt, Bertel? fragte er neugierig. Bertel wurde
roth und wandte sich ab. Deine Mutter? forschte Franz weiter. Ja!
sagte Bertel kurz und fing ein anderes Gesprch an. Aber die Lge
brannte wie Feuer auf seiner Seele, und er schalt sich selbst wegen
seiner Feigheit, die ihm nicht erlaubte, dem Spotte der Mitschler zu
trotzen. Sie wrden mir nimmer Ruhe lassen, und ich knnte die Mtze
nie tragen ohne gefoppt zu werden! rechtfertigte er sich vor sich
selbst; aber gegen Esther htte er diese Untreue nie eingestehen mgen.
Aber freilich folgten diesem ersten Verleugnen bald andere, bis er
sich schlielich gar kein Gewissen mehr daraus machte, alle Geschenke
Esthers vor seinen Kameraden zu verheimlichen, nur um Ruhe zu haben.

                   *       *       *       *       *

Esther war seit Bertels Fortgang viel stiller und ernster geworden.
Die wilde Hummel, wie man sie im Hause nannte, sa jetzt oft
stundenlang bei Tante Booland, ihr vorlesend oder auch wohl bei einer
kleinen huslichen Beschftigung helfend. Nur manchmal sprang sie
pltzlich rasch auf, rannte durch Hof und Garten oder hinber nach dem
Gutshofe, und dann kam sie mit roth geweinten Augen zurck. Aber selten
nur sprach sie es aus, wie unsglich Bertel ihr fehle, und wenn irgend
jemand sie fragte, ob sie den Kameraden nicht sehr vermisse, dann
zuckten ihre dunkeln Augenbrauen leise und sie sagte stolz: Ein Junge
kann nicht ewig mit Mdchen spielen, er mu fort und lernen, wenn er
ein Gelehrter werden will.

Am liebsten hrte sie es, wenn ihr Vater ber Bertel sprach. Jetzt,
nachdem sein Schler ihn verlassen, wagte der Prediger erst es
auszusprechen, wie groe Erwartungen er von Bertel hege, und was er
fr ein kluger, talentvoller Knabe sei. Seine Eltern lobten den Sohn
zwar auch in unbegrenzter Weise, aber das hatten sie auch bisher schon
gethan. Von Pastor Wieburg aber, dem strengen, schweigsamen Manne
fiel ein Lob viel schwerer in die Wagschaale, als von allen anderen
Menschen. Ihre eigenen Lehrstunden hatten fr Esther allen Reiz
verloren, seit sie allein lernte, und sie sah es nicht ungern, da ihr
Vater, durch krperliche Leiden belstigt, diese Stunden jetzt sehr
beschrnkte. Nur wenn sie dem Vater bei seinen Arbeiten helfen konnte,
wozu die gelehrte Erziehung, welche sie erhalten, sie wohl befhigte,
dann war sie eifrig und fleiig; und so verging ihr manche Stunde mit
Vorlesen griechischer oder lateinischer Bcher, mit Nachschlagen oder
Abschreiben, oder mit Niederschreiben von Dictaten, da der Vater seine
schwachen Augen in dieser Weise gern schonte. Immerhin aber blieb fr
Esther jetzt viel mehr freie Zeit brig als frher.

Nun wird das kleine Ding wohl endlich einmal ein Frauenzimmer werden!
sagte Frau Booland oft still fr sich, wenn sie ihres Zglings hufige
Musestunden mit Behagen bemerkte. Jetzt kann man doch mit gutem
Gewissen noch andere Dinge von ihr verlangen. Aber der Geschmack an
diesen anderen Dingen wollte bei Esther noch gar nicht kommen trotz
dieser freieren Zeit, und Frau Booland sah nun wohl, da ein Kind
in spteren Jahren schwer etwas lernt, wozu es nicht von frh auf
angehalten wurde. Esther lag trotz ihrer 13 Jahre mit der Ordnung und
Sauberkeit noch immer in ewiger Fehde, und alles andere war ihr lieber,
als stricken und nhen oder sonstige weibliche Beschftigungen; die
Arbeit fr Bertel ausgenommen. Hart konnte Tante Booland unmglich
zu ihrem Herzblttchen sein, und so that sie selbst lieber nach wie
vor alle die Dinge, die Esther zukamen, um nur das arme Kind nicht
allzusehr zu qulen. Sie wird es schon von selbst machen, wenn sie
einmal verstndiger ist, trstete sie sich selbst, ich kann ihr die
liebe Jugend unmglich dadurch verbittern. Und so blieb alles so
ziemlich beim Alten.

Da brachte der Winter ein schweres Leid ber die Bewohner des
Pfarrhauses. Pastor Wieburg wurde von einem Schlagflu zur Hlfte
gelhmt und war unfhig, sich zu bewegen, ja fast zu sprechen und zu
denken. Nun aber zeigte die wilde Esther pltzlich, da ein braver
Kern in ihr verborgen lag, und sie auch still und geduldig sein
konnte. Vereint mit Frau Booland pflegte und versorgte sie unermdlich
den hlflosen Vater und bernahm Geschfte, welche ihr bis dahin
unertrglich oder langweilig gewesen waren. Stundenlang konnte sie
still an dem Bette des Kranken sitzen, oder alles um ihn her ordnen
und zurechtmachen, ohne ungeduldig zu werden, und oft stand sie selbst
am Heerdfeuer, um ein Gericht zu berwachen, das sie ihm nach Frau
Boolands Anweisung bereitete. Die wilden Sprnge und das ungestme
Davonstrmen vertauschte sie mit leisem Tritt und vorsichtigen
Bewegungen, und wer die besonnene, sanfte Esther hier am Bette des
Vaters sah, der htte das wilde Kind aus Wald und Wiese nicht wieder
erkannt. Frau Booland stand oft mit gefaltenen Hnden still neben dem
Lager und beobachtete ihren jungen Liebling, und eine Thrne stahl sich
dann in ihr gutes Auge. Gott segne und schtze das arme Herzchen!
sagte sie leise und seufzte tief auf, denn unwillkrlich schweiften
ihre sorgenden Gedanken in die Zukunft.

Und nur zu bald sollten diese Sorgen Begrndung finden. Statt der
Genesung nahte ein sanfter Tod dem Erkrankten, und Esther weinte schon
nach wenig Wochen am Sarge ihres geliebten Vaters. Das frh verwaiste
Mdchen schmiegte sich in ihrem Kummer jetzt mit doppelter Innigkeit an
das treue Herz, das ihre Kindheit behtet und bewahrt hatte.

O Tante Booland, rief sie weinend, als sie an der Seite dieser braven
Frau vom Friedhofe zurckkehrte und das einsame Pfarrhaus wieder
betrat, aus dem man ihren Vater zur ewigen Ruhe hinweggetragen, nicht
wahr, du verlt mich nicht auch, sondern bleibst bei deiner armen
kleinen Esther?

Nein, mein liebes Herzenskind, ich verlasse dich nicht, wenn's
der liebe Gott nicht anders bestimmt, sagte Frau Booland sanft
und streichelte die Wange des Mdchens. Dabei aber flogen ihre
Blicke unruhig und sorgenvoll hinber nach dem Gutshofe, und eine
erwartungsvolle Spannung trieb sie rastlos umher, so da sie zum ersten
Male im Leben selbst bei ihrer Nharbeit keine Ruhe fand. Rasch fuhr
sie oft empor, als hre sie jemand kommen, und immer wieder blickte sie
nach dem Wege hinaus, der durch das Dorf fhrte.

Endlich steigerte sich die Erwartung der braven Frau bis zum
Aeuersten; denn sie hrte drauen im Hofe Schritte und sah gleich
darauf Frau von Ihlefelds schlanke Gestalt in das Haus eintreten.

Herr und Frau von Ihlefeld hatten mit dem Pfarrhause stets freundlichen
Verkehr gepflogen, so lange Pastor Wieburg Pfarrer ihres Dorfes
Rahmstadt gewesen, und die Freundschaft der Kinder hatte die beiden
Huser in mannigfache Verbindung gebracht. Der ernste, abgeschlossene
Pfarrer besuchte den Gutshof zwar nur selten; aber er war jederzeit
dort ein geehrter und lieber Gast. Herr von Ihlefeld besa wirkliche
Hochachtung fr ihn und auch die Gutsherrin, obwohl sie vor dem ernsten
Manne eine kleine Scheu nicht berwinden konnte, ehrte in demselben
den wrdigen Geistlichen und langjhrigen Freund. Beide Gatten aber
waren vom tiefsten Danke beseelt fr die treue Liebe und Hingebung, mit
welcher Pastor Wieburg jahrelang ihren einzigen Sohn unterrichtete und
ihm der sorgsamste Lehrer und liebevollste Erzieher gewesen war.

Aber trotz dieses freundschaftlichen Verkehrs und trotz der
steten Freundlichkeit, welche Esther im Gutshofe geno, konnte
man doch bemerken, da Herr und Frau von Ihlefeld jederzeit etwas
Zurckhaltendes im Umgang mit den Gliedern des Pfarrhauses behielten.
Sie waren und blieben stets die adlige Herrschaft von Rahmstedt, und
ihre Freundlichkeit glich nur zu hufig der Gunstbezeugung eines
Hheren gegen Niedriggestellte. Besonders die einfache Frau Booland
hatte oft von dem Stolze der Gutsherrin zu leiden; aber in ihrer
Demuth klagte sie nie ber derartige Krnkungen. Der Pfarrer bemerkte
dergleichen Schwchen bei seinen Freunden kaum, oder lchelte nur
im Stillen darber, Esther aber war viel zu sehr sorgloses Kind, um
dergleichen zu empfinden.

Bei der Erkrankung des Pfarrers aber hatten sich Herr und Frau von
Ihlefeld theilnehmend und wahrhaft freundschaftlich bewiesen, und
mehr als einmal hatte die Gutsherrin, wenn sie auf den leider zu
erwartenden Trauerfall Bezug nahm, mit inniger Theilnahme zu Frau
Booland gesagt: Um Esthers Zukunft soll der Kranke keine Sorge haben,
dieses lieben Kindes werden wir uns annehmen, das versteht sich von
selbst. Aber in welcher Weise dies geschehen wrde, darber sprach
sie sich nie weiter aus, und so war es natrlich, da Frau Booland
der jetzigen Entscheidung mit lebhafter Unruhe entgegensah. Drohte
der braven Pflegerin ja doch die Trennung von ihrem Lieblinge, der
sie mit wirklich mtterlicher Liebe anhing. Und doch wagte sie nicht
zu klagen und solche Gedanken laut werden zu lassen; denn was konnte
es fr Esther's Zukunft denn Besseres geben, als im Hause von Bertels
Eltern liebevolle Aufnahme zu finden? Ihre Phantasie wob dann in reger
Geschftigkeit weiter an den herrlichen Zukunftstrumen fr ihren
jungen Pflegling, und wenn ihr auch die hellen Thrnen dabei ber
das ehrliche Gesicht tropften, dachte sie an die Trennung und an ihr
eigenes einsames Leben, so schalt sie sich doch immer wieder selbst
ber solchen Egoismus, der noch an das eigene Glck neben dem der
geliebten Esther denken konnte.

Und nun war der Augenblick gekommen, der ihr die Kunde bringen
mute, da Esther jetzt mit Frau von Ihlefeld gehen und sie allein
zurcklassen sollte! Die brave Frau Booland hatte all' ihre Kraft
zusammen zu nehmen, um Frau von Ihlefeld ruhig und mit der
gewhnlichen hflichen Ergebenheit entgegen zu gehen. Die Gutsherrin
war ein seltener Gast in dem Pfarrhause, nur whrend der Krankheit
Pastor Wieburgs hatte sie dasselbe hufiger besucht, um Esther ihre
Theilnahme zu beweisen; der Kranke selbst erkannte sie kaum noch.
Hubert begleitete heute seine Mutter; denn zur Beerdigung seines
theuren Lehrers war er auf einige Tage aus der Pension nach Hause
gekommen. Whrend die beiden Kinder nun in Esthers Stbchen beisammen
waren, und Bertel seine junge Freundin zu trsten und zu zerstreuen
suchte, sa im Wohnzimmer Frau von Ihlefeld der erregten Frau Booland
gegenber und sagte nach einer kleinen Pause, whrend welcher das
Herz der ehemaligen Frau Schulmeisterin fast hrbar klopfte: Meine
gute Frau Booland, ich habe Ihnen schon mehrfach angedeutet, da
nach Herrn Pastor Wieburgs Tode die Sorge fr dessen Tochter mein
und meines Mannes Sache sein wird; das sind wir demjenigen schuldig,
der unserem Sohne ein so treuer, vterlicher Freund gewesen ist.
Wir haben vielfach nachgedacht, was fr Esther wohl das Beste sein
mchte. Wollten wir sie zur Lehrerin ausbilden lassen, so mte sie
noch lange Zeit in eine Pensionsanstalt gehen; denn sonderbarer Weise
hat sie gerade die Dinge, welche eine Erzieherin wissen mu, nicht
gelernt trotz aller Gelehrsamkeit. Moderne Sprachen kann sie nicht
und mit Musik und Zeichnen ist es auch nicht viel geworden. Aber bei
der Eigenthmlichkeit Esthers wrde sie ein solcher Aufenthalt sehr
unglcklich machen, denke ich mir. Das Einfachste wre, sie zu uns in
das Haus zu nehmen. Aber auch dagegen spricht vieles. Esther ist ein
armes Mdchen, eines schlichten Landpredigers Tochter, angewiesen auf
eine Zukunft voll bescheidener Aussichten und einfacher Lebensstellung.
In unserem Hause aber wrde sie sehr verwhnt werden, wrde Ansprche
lernen, welche fr ein Mdchen brgerlicher Herkunft und ohne Vermgen
nicht passend wren. Und doch wrde es, glaube ich, krnkend fr
sie sein, wollte ich, um diese Uebelstnde zu vermeiden, ihr eine
untergeordnete Stellung in unserem Hause zuweisen.

So haben wir denn beschlossen, ihr ein kleines Eigenthum zu schenken,
in dem sie mit dem mtterlichen Vermgen, welches ihr geblieben ist,
eine bescheidene selbstndige Existenz finden kann. Sie, meine brave
Frau Booland, wrden ein gutes Werk thun, wenn Sie Esther zur Seite
blieben, wie bisher. Das kleine Haus, das neben der Frsterei liegt,
und ein Stckchen Garten und Feld soll Esthers Eigenthum werden. Ich
denke, das wird ihr lieb sein, besonders wenn sie hrt, da es Bertels
Idee war, ihr dies zu schenken; er glaubt, der nahe Wald wird fr
Esther einen besonderen Reiz haben. Er ist immer so sinnig und gut,
unser braver Sohn, und mchte jedem eine Freude machen, und wir kommen
seinen Wnschen immer gern nach, wenn es mglich ist. Ich denke, Esther
wird sich gegen uns und gegen Hubert auch stets dankbar beweisen, denn
sie ist ja ein liebes, bescheidnes Mdchen und wird es hoffentlich auch
stets bleiben. Nun aber rufen Sie mir Esther, liebe Booland, damit ich
mit ihr ber diese Sachen sprechen kann.

Frau Booland war froh, da sie einen Grund hatte, hinaus zu gehen;
denn in ihr jagten und berstrzten sich tausend Gedanken und Gefhle,
und doch wagte die bescheidene Frau nicht, dieselben gegen die stolze
Gutsherrin auszusprechen. Mit einer leichten Verbeugung erhob sie sich
vom Stuhle und schritt dann rasch zum Zimmer hinaus.

Gott sei Dank, da ich fort konnte! sagte sie tief aufathmend und
legte die groe Hand wie beruhigend auf ihr weies Brusttuch. Ist
das eine Welt! Sind das Menschen! Hochmuth, Hochmuth und nichts als
Hochmuth! Ja, sorgen wollen sie fr das arme, herzige Kindchen; aber
mit welcher Miene, welcher beleidigenden Art und Weise! Die Fe soll
sie ihnen wo mglich dafr kssen, und da sie sich nur ja nicht etwa
untersteht, sich jemals ihres Gleichen zu dnken! Und da mu Bertel
erst noch kommen und ihnen den Weg zeigen, und eigentlich ist's nur,
um ihm einen Wunsch zu erfllen, sonst htten sie es sicher gar nicht
gethan. Nun Gott sei Dank, da es so gekommen ist, da kann ich doch
bei meinem Herzblttchen bleiben! Mir konnte ja kein greres Glck
passiren. Aber fr Esther! Nein, nein, auch fr Esther ist es besser
so, als um Gotteswillen in einer Familie zu leben, die ihr hochmthig
das Brgerblut vorwirft und sie wohl gar zum Hauspudel herabwrdigen
mchte. Was? Meine Esther, dies kluge, liebreizende Geschpfchen,
meine Wonne und mein Augentrost, die Gespielin des braven Bertel, soll
die etwa Kammerjungfer der gndigen Frau werden, damit sie nur nicht
vergit, da sie kein =von= vor ihrem Namen hat und also nicht werth
ist, in Gemeinschaft mit solchen hochgebornen Leuten die Fe unter den
Tisch zu stecken? Nein, mein Goldkind, das litte ich nun und nimmer,
da wollte ich mir lieber die Hnde abarbeiten, um dich vor solcher
Existenz zu bewahren. Aber so sind sie nun, diese vornehmen Leute! Den
Sohn herzuschicken Tag fr Tag, da er von unserem Herrn Pastor die
schnsten gelehrtesten Dinge lernt, von denen sie sich alle zusammen
kein Ttelchen knnen trumen lassen, dazu sind sie nicht zu vornehm,
das nehmen sie von dem armen brgerlichen Pfarrer recht gern an Jahr
fr Jahr. Aber der Dank dafr, wenn er auch schlielich gegeben wird,
hat einen gar unangenehmen Beigeschmack. Nun Estherchen soll's aber
nicht merken, das liebe unschuldige Herz; sie soll nur die Freude von
dem Geschenk haben, mir zhen Alten kann der Beigeschmack doch nichts
mehr schaden.

Unter derartigen Worten und Gedanken hatte Frau Booland das Zimmer
erreicht, in dem Hubert und Esther beisammen saen. Bertel hatte
seiner kleinen Freundin bereits den Plan mitgetheilt, den seine Mutter
Frau Booland erffnete; aber freilich in sehr anderer Weise, als
Frau von Ihlefeld es gethan. So fand denn Tante Booland ihren jungen
Liebling mit freudig strahlenden Augen und glhenden Wangen an Bertels
Seite sitzend, und voll Entzcken flog sie ihrer braven Pflegemutter
entgegen und verkndete ihr die erfreuliche Neuigkeit. Frau Booland
lachte mit ihr durch ihre Thrnen hindurch, dann aber fhrte sie beide
Kinder zu Frau von Ihlefeld hinab. Hier hatte sie die Genugthuung, zu
bemerken, da Hubert, als seine Mutter anfing, auch gegen Esther von
der bescheidenen Lebensstellung und Herkunft zu sprechen, an welche
sie allein Ansprche machen knne, pltzlich feuerroth wurde und
heftig sagte: Mama, la doch, das ist ja alles ganz egal. Ich bin
Esthers Bruder, und also ist Esther ebensoviel als ich. Sie hat mir
versprochen, sie will als meine Schwester alles von mir annehmen, wenn
sie etwas braucht, und als erstes Geschenk gebe ich ihr das hbsche
kleine Haus, niemand anders, nicht wahr? So hast du's mir wenigstens
versprochen, Mama. Esther hat sich auch schon bei mir bedankt; aber
eigentlich braucht sie das gar nicht, da sie meine Schwester ist.

Frau von Ihlefeld war sehr roth geworden bei dem kindischen Gesprch
ihres Sohnes; doch lchelte sie und sagte ausweichend: Schon gut,
lieber Bertel! Esther wird sich hoffentlich recht wohl in der neuen
Heimath fhlen und ihr Vaterhaus nicht zu schmerzlich entbehren. Wir
aber, mein liebes Kind, wollen dir auch ferner treu zur Seite stehen,
das verspreche ich dir.

Dabei kte sie das junge Mdchen liebevoll, und Esther weinte bald,
bald lachte sie wieder, innig aber dankte sie fr alle Liebe und Gte,
die ihr zu Theil wurde. Und wie viel Grund hatte sie zu Glck und
Freude! Der Gedanke, ihr liebes Dorf nicht verlassen zu mssen, in der
Nhe von Bertel und dessen Eltern zu bleiben, und bei der Pflegerin
ihrer Kindheit, der treuen Tante Booland, ferner leben zu knnen -- es
war eine schne, beglckende Aussicht mitten in ihrer Trbsal, und sie
gab sich diesem Glcke mit vollem Herzen hin.

                   *       *       *       *       *

So sehen wir denn mit dem beginnenden Frhjahr unsere kleine Esther
als Bewohnerin eines hbschen, freundlichen Huschens, das rings von
einem netten Grtchen umgeben ist. Unmittelbar hinter dem Hause erhebt
sich der dichte Laubwald, und in einiger Entfernung davon liegen
die Huser des Dorfes und der Gutshof. In nchster Nachbarschaft
steht das Haus des Frsters, und Esther sowohl als ihre treue Tante
Booland sind hier wie im ganzen Dorfe liebe, gern gesehene Gste. Ein
harmlos glckliches, friedliches Dasein erblhte fr Esther in dieser
traulichen Huslichkeit, sie selbst aber wuchs heran zu einem frischen,
schnen, frhlichen Mdchen, das alle Menschen lieb hatten.

Mehr als ein Jahr war so vergangen, da durchlief eine schreckliche
Kunde das Dorf Rahmstedt. Oft schon hatte man sonderbare Gestalten auf
dem Gutshofe ein- und ausgehen sehen, schbig gekleidete, jdische
Mnner. Man sprach vom Verkauf des Gutes und von groen Verlusten,
welche Herr von Ihlefeld gehabt habe, eines Morgens aber fand man
den unglcklichen Gutsherrn erschossen in seinem Zimmer. Ein Brief
an seine Gattin sagte dieser, da sie am Bettelstabe wren in Folge
unglcklicher Speculationen, in welche er sich eingelassen habe, und
da er nicht im Stande sei, diesen Schlag zu berleben. Auch sie und
seinen armen Sohn habe er durch seinen Leichtsinn unglcklich gemacht,
das knne er nicht mit ansehen. Dem Todten wrden sie eher verzeihen
als dem Lebenden, darum scheide er lieber von ihnen.

Es war ein furchtbarer Schlag fr die unglckliche Frau. Sie, die
so stolz und erhaben ber all' denen gestanden hatte, welche sie
umgaben, sie mute es nun ertragen, da man sie von ihrer Hhe strzte
und sie hinausstie in die Welt, arm und hlflos wie das rmste Weib
ihres Dorfes. Das ganze prachtvolle Gut ging in andere Hnde ber,
und die arme Frau rettete von der ganzen Habe kaum so viel, sich vor
der bittersten Noth zu schtzen. Wie verzweifelt irrte sie durch die
wsten Zimmer des schnen Hauses, nicht wissend, wohin sie sich wenden
sollte in ihrem grenzenlosen Elend; denn erbarmungslos achteten die
hartherzigen Glubiger wenig ihres Kummers. Suchte doch jeder so
schnell wie mglich sich fr seine Verluste an dem hinterlassenen
Besitzthum schadlos zu halten, und obwohl der Todte noch nicht
bestattet, whlten doch schon fremde Hnde in seinen Papieren und
versiegelten die ganze Hinterlassenschaft. Da flogen hastige Schritte
die Stufen der Freitreppe hinauf, und an das Herz der trostlosen Wittwe
schmiegte sich weinend und zrtlich ein schlankes Mdchen. Es war
Esther. Noch zitterte das Entsetzen ber die frchterliche Nachricht
in allen ihren Gliedern; aber der unglcklichen Frau gedenkend kmpfte
sie alle andern Gefhle nieder und gab nur dem einen Raum: der Mutter
Bertels Hlfe und Trost zu bringen so viel in ihren Krften stand. Und
sie konnte es ja, dem Himmel sei Dank, konnte es durch die einstige
Gte derer, denen sie nun helfen wollte. Jetzt war sie ja die Reiche
ihren ehemaligen Wohlthtern gegenber und konnte ihnen den Zins
abtragen fr so viele Gte und Liebe. O wie glcklich machte sie der
Gedanke, und mit welchem Entzcken erfllte sie diese Aussicht!

Frau von Ihlefeld umschlang Esther mit einem Schrei der Verzweiflung,
und dann brach sie in einen Strom von Thrnen aus. Bis dahin hatte
das Entsetzen ber das furchtbare Schicksal, das sie betroffen, wie
eine Felsenlast auf ihr gelegen und sie aller Thrnen und aller
klaren Gedanken beraubt. Beim Anblick des Kindes aber, das weinend
an ihr Herz sank, wich der Bann, der auf ihr lastete, und sie fand
erlsende Thrnen. Als die arme Frau endlich ruhiger wurde, da schlang
Esther ihre Arme um sie und zog sie mit sich hinaus aus den wsten,
unheimlichen Rumen, in denen so Schreckliches ber sie gekommen war,
und fhrte sie schweigend nach ihrem eigenen kleinen Hause am Walde.

Hier ist jetzt Ihre Heimath, liebe Tante Ihlefeld, sagte Esther
freudig. Bertel hat mich seine Schwester genannt, so habe ich also ein
Recht, unsere theure Mutter in meinem Hause zu haben und zu pflegen,
denn es ist ja auch das Ihre. Nicht wahr, Tante Ihlefeld, Sie bleiben
bei uns?

Frau von Ihlefeld verbarg ihr Gesicht in den Hnden und weinte
bitterlich. O Kind, Kind, schluchzte sie, Gott segne dich, du bist
ein braves Mdchen! O, was wird Bertel sagen! Und wieder brach das
unglckliche Weib unter der Last ihres Jammers zusammen. Aber in der
jetzigen Umgebung fand sie doch eher Ruhe und Fassung, und Esther, wie
auch die gute, einfache Frau Booland verstanden es, ihr das schwere
Schicksal zu erleichtern.

Und nun kam Hubert. Man hatte ihm erst nach und nach das schreckliche
Schicksal mitgetheilt, das ber ihn und seine Mutter hereingebrochen
war, und der arme Knabe war wie vernichtet von der Nachricht. Einer
seiner Lehrer begleitete ihn nach Rahmstedt, da er den Fassungslosen
nicht allein lassen wollte, und es war ihm gelungen, den armen Bertel
wenigstens so weit zu beruhigen, da er der Mutter gegenber seinen
Kummer zu beherrschen versprach, um dieselbe nicht noch unglcklicher
zu machen. Esther hatte mit groer Umsicht dafr gesorgt, da Hubert
bei seiner Ankunft den Gutshof gar nicht betrat. In ihrem Huschen fand
das erschtternde Wiedersehen statt zwischen Mutter und Sohn, und hier
bereitete Esther auch fr Bertel die Wohnung. So klein das Haus war,
die unteren Rume gengten fr sie und fr Tante Booland, die oberen
aber gehrten Frau von Ihlefeld und Bertel.

Ein ganz neues Leben begann nun fr unsere Esther. Sie hatte die Sorge
fr zwei geliebte Wesen bernommen, das forderte all' ihre Krfte
heraus sowohl des Geistes als des Krpers. Die Mittel zum tglichen
Unterhalt waren sehr beschrnkt; denn Frau von Ihlefeld rettete aus
den Trmmern ihres Besitzthums nur einen ganz unbedeutenden Rest.
Und doch galt es, die arme verwhnte Frau nicht allzuschmerzlich
fhlen zu lassen, was sie alles zu entbehren hatte, vor allem aber
galt es, Bertels Pension weiter zu bezahlen, damit er seine Studien
nicht unterbrechen mute. Und doch besa Esther nur das kleine
mtterliche Vermgen, welches gerade fr ihre eigenen bescheidnen
Bedrfnisse ausreichte. Aber sie blickte mit frohem Muthe all' diesen
Schwierigkeiten in das Antlitz. Sie hatte versprochen, fr Bertel und
dessen Mutter zu sorgen, und nun mute sie auch die Mittel dazu finden.

Ich bin gesund und kann arbeiten, Tante, sagte sie entschlossen zu
Frau Booland, als diese bedenklich hin und her berlegte, wie man sich
einzurichten habe. Bis jetzt habe ich dir und andern berlassen, fr
mich zu arbeiten, nun will ich selbst mit angreifen, dadurch ersparen
wir gewi manche Ausgabe. Fr fremde Hlfe drfen wir jetzt nichts mehr
bezahlen, denn du sollst sehen, deine faule, kleine Esther wird die
Hnde besser rhren als bisher.

Wirklich fing das junge Mdchen jetzt mit energischem Entschlusse an,
sich des Hauswesens und aller sonstigen Geschfte anzunehmen. Nur die
groben Arbeiten in Haus, Hof und Garten berlie sie einer jungen Magd,
bei allen andern Geschften in Kche und Haus aber und allen Arbeiten
der Nadel stand sie der fleiigen Frau Booland jetzt unermdlich zur
Seite. Die frhe Morgenstunde fand Esther schon in voller Thtigkeit;
denn frh mte sie anfangen, wollte sie mit allem fertig werden, was
sie bernommen hatte. Mit wahrhaftem Heroismus griff sie in den vor
ihr stehenden hochaufgepackten Korb, in dem die Wsche Bertels und
seiner Mutter ihrer ausbessernden Hand wartete, und wenn die ungewohnte
Arbeit sie auch manchen Seufzer und manchen Schweistropfen kostete,
das brave Kind verlor die Ausdauer nicht. Sie hatte die Pflichten
einmal bernommen, so wollte sie auch nicht als Feigling der Fahne
wieder entfliehen, der sie Treue gelobt. Die sorglose Esther frherer
Tage, welche leichtsinnig alle Mhe des Ordnens und Aufrumens ihrer
nachsichtigen Pflegemutter berlie, sie trippelte schon von frh ab
geschftig im Hause herum, fr Tante Ihlefeld alles fertig zu machen,
was diese bedurfte. Mit dem Morgenkaffee erschien Esthers lachendes
Gesichtchen in dem stillen Zimmer ihres Gastes und verscheuchte die
traurigen Gedanken, welche auf der gebeugten Frau lasteten. Geschftig
rumte sie die beiden Zimmer auf, welche Frau von Ihlefeld bewohnte;
denn es war ihr Stolz, dies selbst zu machen; niemand durfte ihr das
abnehmen. Dann half sie derselben bei ihrem Anzuge, kmmte ihr das
schne blonde Haar, das Bertel von der Mutter geerbt, und verrichtete
freiwillig und eifrig alle Dienste einer Kammerjungfer bei der
verwhnten Frau, welche nie im Leben selbst dergleichen Dinge gethan
hatte. Was Frau Booland einst mit Zorn und Unwillen erfllte, der
Gedanke, da ihr Goldkind Esther eine dienende Stellung bei Frau von
Ihlefeld einnehmen knnte, das war jetzt etwas so Selbstverstndliches
geworden, da auch Tante Booland es nur loben konnte. Aber freilich,
unter wie andern Verhltnissen geschah es jetzt!

Es ist wirklich ein Prachtmdel, die Esther! dachte Frau Booland
eines Tages und blickte voll Stolz in das frische, brunliche Gesicht
ihres Lieblings, das von Eifer und Freudigkeit glhte, whrend es
sich ber einen feinen Kuchenteig bckte, zu dessen Bereitung ihre
Pflegemutter sie angeleitet hatte.

Wenn sie etwas ordentlich will, dann kann sie es auch. Fr sich
selbst htte sie nie einen Finger gerhrt und lieber nie einen Bissen
Kuchen gegessen, wenn sie ihn htte selbst backen sollen. Aber wen sie
lieb hat, fr den thut sie alles und ginge durch's Feuer.

Tante Ihlefeld wird einmal staunen, wenn ich ihr morgen frh mit dem
Kaffee diesen Lieblingskuchen bringe! rief Esther frhlich. Dem
Bertel mchte ich auch davon schicken, er it ihn auch so gern, und
eine kleine Freude wrde ihm jetzt so gut thun, dem armen Jungen.
Meinst du nicht auch, Tante?

Gewi, mein Goldkind, thue es nur! entgegnete Frau Booland. Aber
streiche die Butter nicht gar zu dick darauf, mein Schatz, es ist
unntz und Butter ist theuer.

Esther blickte betroffen auf. Da ist wohl eigentlich mein ganzer
Gedanke unklug gewesen, Tante, sagte sie nachdenklich. Kuchenbacken
kostet Geld, daran dachte ich nicht, wir mssen ja sparsam sein.

La nur, Kind, beruhigte Frau Booland, du wolltest der gndigen
Frau eine Freude machen und sie mit etwas aufheitern, da sind die paar
Groschen keine Verschwendung. Wir wollen sie schon anderweitig wieder
ersparen.

Tante, was meinst du! rief Esther, ich werde mir den Kaffee
abgewhnen, er erhitzt mich doch nur und das ist gleich eine Ersparni.
Was ich bisher an Kaffee und Zucker verbrauchte, bringe ich jetzt Tante
Ihlefeld, da kostet es nicht mehr als bisher. Und meine Weibrodchen
knnen wir auch sparen. Ich trinke ein Glas Milch, wenn's hoch kommt,
und dazu schmeckt Schwarzbrod vortrefflich. Besinne dich einmal, was
knnte man denn noch weiter sparen. Du hast mich so verwhnt, liebste
Tante, da ich gar nicht wei, was entbehren heit. Und doch wre es
mir eine so groe Wonne, fr Tante Ihlefeld und Bertel mir =recht=
groe Entbehrungen aufzuerlegen.

In dieser Opferfreudigkeit fand sie denn noch tausend kleine Dinge,
welche sie als unntz aufgab; bald die Butter auf dem Vesperbrode,
bald Obst oder Honnig oder Fleischwerk. Dann opferte sie auch allerlei
berflssige Kleinigkeiten an ihrer Kleidung, um Ersparungen zu machen:
das farbige Band ihres schwarzen Haares und die bunte Schleife am
Kragen wurden fr festliche Gelegenheiten in den Kasten gelegt, und die
seidene Schrze ersetzte jetzt eine von Kattun oder Wolle. Wo sie in
ihrer Lebendigkeit sich bisher wenig darum gesorgt hatte, wenn ein Ri
ihr Kleid verdarb, oder Schmutzflecke es unbrauchbar machten, da wachte
sie jetzt mit ngstlicher Sorgfalt darber, ihren Anzug zu schonen,
damit er um so lnger hielt und die Ausgaben fr neue Sachen erspart
blieben. Was sie aber Schnes oder Zierliches besa und geschenkt
bekam, das trug sie hinauf zu ihrer lieben Tante Ihlefeld, um dieser
ein Lcheln oder einen freundlichen Blick zu entlocken. Jeden Morgen
stellte sie frische Blumen auf den Tisch des Wohnzimmers, brachte
die blhenden Pflanzen, welche ihr Fenster schmckten, hinauf in das
Stbchen der Wittwe, und immer fand sie irgend eine kleine Gabe, welche
sie mit dem Frhstck auf den Tisch stellte. Den weichen Lehnstuhl
ihrer verstorbenen Mutter setzte sie in Frau von Ihlefelds Fenster, und
ihren eigenen zierlichen Nhtisch davor. Gestickte Kissen und Fubnke,
ihren kleinen Teppich und ihre feinsten Gardinen, alles brachte sie
herbei, die Wohnung freundlich auszuschmcken, und selbst ihr zahmer
Kanarienvogel erhielt dort am Fenster sein Pltzchen und zwitscherte
der traurigen Frau seine frhlichen Lieder zu, als wollte er auch
helfen ihre trben Gedanken zu verscheuchen.

Frau von Ihlefeld dankte Esther fr diese liebende Sorge mit
wehmthigem Lcheln und thrnendem Auge. In der ersten Zeit, welche
ihrem Unglck folgte, war sie wie betubt von dem entsetzlichen Schlage
und unfhig, fr sich selbst zu denken und zu sorgen. So wurde Esthers
Liebe fr sie ein doppelter Segen. Nach und nach aber begann sie,
selbst zu sorgen und zu berlegen, in welcher Weise sich ihre und
ihres Sohnes Zukunft gestalten sollte. Ihr Gatte hatte ihr stets alles
fern gehalten, was die Sorge fr das tgliche Leben betraf, und hatte
der zarten Frau nie Einblick in seine Geschfte und Unternehmungen
gestattet, um sie nicht zu beunruhigen. So stand sie denn doppelt
hlflos ihrem Schicksale gegenber. Nahe Verwandte besa sie selbst
nicht, und denen ihres Gatten hatte sie stets ziemlich fern gestanden.
Jetzt jedoch wandte sie sich an dieselben, Hlfe und Rath von ihnen
erbittend. Nun aber erfuhr sie erst, da auch diese Verwandten durch
den Ruin ihres Gatten bedeutende Verluste erlitten hatten und in Folge
davon wenig geneigt waren, noch weitere Opfer zu bringen. Frau von
Ihlefelds Stolz strubte sich unter diesen Verhltnissen auch dagegen,
von denen Hlfe anzunehmen, welche ihrem Gatten zrnen muten, und
so legte sie allein Gott ihre und ihres Sohnes Zukunft an das Herz.
Von Esther Opfer anzunehmen, krnkte sie nicht; denn sie fhlte nur
zu sehr, da es einzig Liebe und Dankbarkeit war, welche diese zu
allem antrieb, und so war und blieb das junge Mdchen nach wie vor die
einzige Versorgerin der einst so stolzen Frau.

Das Verhltni zwischen Esther und Frau von Ihlefeld gestaltete
sich mehr und mehr so herzlich und innig, als es unter den frheren
Umstnden nie der Fall gewesen wre, und auch die brave Frau Booland
hatte jetzt keinen Grund mehr, sich ber den Stolz der gndigen Frau zu
beklagen.

Um Esther doch auch etwas Freundliches zu erzeigen, unterwies Frau von
Ihlefeld dieselbe jetzt im Franzsischen, was Esther bei ihrem Vater
nicht gelernt hatte. Man kann nicht wissen, wozu du es im Leben noch
brauchst, mein Kind, sagte sie, und Esther lernte mit Freuden, schon
um ihrer Lehrerin willen.

So ging die Zeit hin und auch diese Wunden schlossen sich nach und
nach. Bertel war seit dem Unglcksfalle stiller und ernster geworden
und hatte sich mit doppeltem Eifer dem Studium gewidmet. Ich habe
jetzt keine anderen Hlfsquellen mehr im Leben, sagte er zu Esther,
als diese eines Tages seine bleichen Wangen sorgenvoll ansah und ihm
wegen des zu groen Fleies Vorwrfe machte. Aber Gott wei, fgte er
dster hinzu, ob ich berhaupt einmal studiren kann, ich habe ja kein
Geld dazu! Da fuhr Esther angstvoll empor und blickte Bertel in das
Gesicht. Es =mu= dazu da sein, Bertel, entgegnete sie fest. Bertel
sah gedankenvoll vor sich nieder. Esther, sagte er tonlos, meine
Mutter und ich nehmen jetzt schon zu viel von dir an, ich wei, du
entbehrst selbst dabei. Aber zum Studiren reicht es doch nicht.

Es =mu= aber geschafft werden, Bertel, denn studiren mut du,
rief Esther abermals entschieden. Und was meine sonstigen Ausgaben
betrifft, darber mache dir nur keine Gedanken. Bin ich nicht deine
Schwester, Bertel? Und wrdest du nicht dasselbe fr mich thun?

Bertel nickte stumm mit dem Kopfe. Du hast recht, sagte er nach einer
Pause, von niemand anderm wrde ich solche Opfer annehmen, von dir
thue ich es mit Freuden.

Esther blickte ihren jungen Freund mit glcklichem Stolze in das feine
Gesicht. Leider bin ich ja kein Junge wie du, sagte sie nachdenklich,
und kann nicht mit dir studiren; da mut du es nun fr uns Beide thun.
Damit ich mein Schrflein aber auch beitrage, arbeite ich nun fr dich,
dann habe ich doch auch meinen Antheil an deinem Ruhme. Und habe nur
keine Angst, ich werde schon die Mittel finden, wenn die Zeit da ist,
wo du studiren sollst.

Bertel war von jeher so daran gewhnt, Esther in allen praktischen
Dingen fr sich eingreifen zu lassen, da er auch jetzt sich
vertrauensvoll aller weiteren Sorgen entschlug. Schon als kleines
Mdchen hatte sie dem Knaben alles abgenommen, was ihm unbequem oder
lstig war; denn dem kleinen Gelehrten hatten alle praktischen Dinge
von jeher schon Schwierigkeiten bereitet, und die rhrige Esther griff
berall zu. War fr die Stunden ein Buch zu heften, oder Tafelstifte
zu spitzen, Tinte einzugieen oder Linien zu ziehen, immer war Esther
die geschftige Martha. Und wenn sie dann beim Spiel in Wasser oder
Koth gerathen waren, oder beim Klettern und Haselnssesuchen sich das
Haar zerzausten, so wute Esther immer rasch dem Uebel abzuhelfen. Denn
wenn sie selbst auch an Tante Booland eine gar nachsichtige Erzieherin
hatte, so fand doch Bertel mit beschmutzten Kleidern oder wstem
Aussehen weniger gute Aufnahme bei seiner Mutter. Esther wird schon
helfen, das war Bertels Trostspruch in allen Verlegenheiten seiner
Kindertage, und Esther wird schon helfen, so hie es auch jetzt,
das verstand sich ganz von selbst, darber brauchte Bertel sich keine
Sorgen zu machen.

                   *       *       *       *       *

Esther stand nach diesem letzten Gesprch lange am Fenster und war
in tiefe Gedanken verloren. Als Kind hatte sie nie viel Worte darum
gemacht, wenn sie Bertel die kleinen Sorgen abnahm, sondern eben
einfach zugegriffen. Auch jetzt galt es, nicht erst lange mit ihm zu
berlegen, wie sie ihm helfen sollte. Genug, da sie es versprochen
hatte. Es war Dmmerstunde und die Abendglocke lutete im Dorfe. Esther
trat mit Hut und Tuch unter die Hausthre und sagte zu Frau Booland,
welche erstaunt fragte, wohin sie denn gehe: Ich will der Frau
Pastorin eine Probe des neuen Gestrickes bringen, Tante, ich komme bald
wieder. Und rasch eilte sie die Dorfstrae hinab dem Pfarrhause zu.

Der neue Prediger von Rahmstedt war ein freundlicher, leutseliger Mann,
der sich Esthers sowohl, als der unglcklichen Frau von Ihlefeld sehr
thtig angenommen hatte. Auch seine Frau war herzlich und liebevoll
zu Esther, und mit Frau Booland hatte sie sogar innige Freundschaft
geschlossen. Gern weilte das junge Mdchen denn auch jetzt noch in
dem ihr so theuren Pfarrhause. Auch die Kinder Pastor Krauses, zwei
Knaben und ein Mdchen, hingen mit groer Liebe an Esther und empfingen
dieselbe immer mit lautem Jubel; denn das junge, heitere Mdchen
verschmhte es nicht, sich ihnen in Garten und Wald zu lustigen Spielen
anzuschlieen.

Als Esther heute Abend das Pfarrhaus betrat, sagte sie der Frau
Pastorin und den Kindern nur flchtig guten Abend und eilte auf das
Studirzimmer des Pfarrers. Die kleine Studirlampe brannte schon auf dem
Schreibtische, der Geistliche aber ging in Gedanken verloren in seinem
Zimmer auf und ab.

Verzeihen Sie mir, wenn ich Sie stre, Herr Pastor, sagte Esther
eintretend, aber ich mchte Ihnen heute eine groe Bitte vortragen,
die ich nicht aufschieben darf.

Bitte, meine liebe Esther, sprechen Sie, Sie stren mich nicht,
entgegnete der Pfarrer freundlich, indem er des jungen Mdchens Hand
ergriff und sie nach dem Sopha fhrte, wo er sich erwartungsvoll neben
sie setzte.

Lieber Herr Pastor, sagte nun Esther etwas zaghaft, Sie sagten mir,
da Sie bald einige Knaben erwarten, die Sie mit Ihren Shnen erziehen
und unterrichten lassen wollen. Haben Sie fr diese schon einen Lehrer
engagirt?

Nein Esther, noch nicht bestimmt, ich bin noch in Unterhandlung mit
einem jungen Manne. Aber warum? Wollten Sie mir vielleicht einen
vorschlagen? entgegnete der Pfarrer.

Ja, Herr Pastor, das wollte ich allerdings und zwar mich selbst!
sagte Esther errthend.

Wie, Sie selbst, liebe Esther? Wie soll ich das verstehen? erwiederte
Jener lchelnd.

Sie wissen vielleicht, da mein Vater mich im Lateinischen und
Griechischen, sowie in den Wissenschaften sehr sorgfltig unterrichtet
hat, sagte Esther nun muthig aufschauend. Ich bin genthigt, mir
jetzt Geld zu verdienen, und durch Unterricht vermchte ich das doch
wohl am besten. Aber bei Mdchen knnte ich nicht Erzieherin oder
Lehrerin werden; alte Sprachen lernen diese nicht, neue Sprachen aber
sind mir fremd, und diese werden von einer Erzieherin gefordert. Knaben
jedoch kann ich das lehren, was ich gelernt habe. Deshalb kam mir der
Gedanke, mich Ihnen als Lehrerin anzubieten, vielleicht versuchen Sie
es mit mir. Geht es nicht, so ist ein Wechsel ja bald gemacht. Sie
wrden mich unendlich glcklich machen, wollten Sie den Versuch wagen,
Herr Pastor.

Pastor Krause blickte ganz erstaunt in Esthers brennend rothes
Gesichtchen, das sich ihm erwartungsvoll zuwandte. Mein liebes
Kind, sagte er sanft, es ist eine Riesenaufgabe, fr welche Sie,
ein Mdchen, sich melden. Abgesehen davon, da ich bezweifle, Ihre
Kenntnisse wrden ausreichen, so ist so ein Rudel wilder Jungen kein
Spa; ein zartes Mdchen ist dem nicht gewachsen.

Ich bin kein zartes Mdchen, Herr Pastor, sagte Esther lachend,
mein Vater hat mich nicht nur im Unterricht wie einen Jungen erzogen.
Ich bin eigentlich immer ein wilder Bursche gewesen und wrde mit den
Jungens sicher auskommen.

Der Prediger sah von Neuem berrascht in Esthers flammendes Auge,
und zum ersten Male fiel ihm der feste, energische Zug auf, der auf
ihren Lippen ruhte. Er schttelte nun lchelnd den Kopf und sagte:
Ja, liebe Esther, ein solcher Lehrer mu sich aber erst einer Prfung
unterziehen.

Natrlich, ich bitte dringend darum, entgegnete Esther rasch.

Gut, so mag es gleich geschehen, liebes Kind, rief Pastor Krause
und holte Bcher und Schreibzeug herbei, denn die Sache fing an,
ihn aufs Aeuerste zu interessiren. Er lie nun Esther lesen und
bersetzen, richtete eine lange Reihe Kreuz- und Querfragen an sie,
lie sich kleine Vortrge ber allerlei wissenschaftliche Gegenstnde
halten, und schlielich gab er ihr einige schriftliche Aufgaben, welche
sie zu Hause ausarbeiten sollte. Sein Gesicht nahm whrend dieser
Prfung mehr und mehr den Ausdruck freudigen Staunens an, und als
er endlich Esther entlie, reichte er ihr die Hand und sagte ernst:
Sie haben mich wahrhaft berrascht, Esther. Ich wei nicht, was ich
mehr anstaunen soll: Ihre trefflichen Kenntnisse oder Ihren verehrten
Lehrer. Jedenfalls kann ich wegen Ihres =Wissens= die Knaben Ihnen
berantworten; aber wir wollen uns Beide die Sache doch noch weiter
berlegen. Wenn Sie mir die Arbeiten bringen, sprechen wir weiter
davon.

Aber als Esther einige Tage darauf das Studirzimmer mit ihren
Ausarbeitungen wieder betrat, kam ihr Pastor Krause uerst herzlich
entgegen und sagte: Esther, ich glaube, ich engagire Sie auf der
Stelle. Ich habe noch viel ber Sie nachgedacht und ich meine, Sie sind
der Sache gewachsen. Alles, was ich ber Sie gehrt, zeigt mir, da Sie
ein Mdchen sind, stark an Seele und Geist, und ein solcher Lehrer ist
einer Schaar Knaben wohl gewachsen. Sie werden schon mit den Brschchen
fertig werden, und im Uebrigen stehe ich Ihnen ja zur Seite.

So trat Esther denn wenig Wochen darauf ihr neues Amt im Pfarrhause
an. Drei fremde Knaben waren mit den beiden Shnen des Pastors ihre
Schler, und der Unterricht ging vortrefflich. Pastor Krause hatte
einige Stunden bernommen, die brigen aber gab Esther. Die Knaben
machten zwar Anfangs groe Augen zu ihrer jugendlichen Lehrmeisterin,
bald aber bekamen sie den hchsten Respect vor ihr; denn nicht nur, da
sie im Unterricht eifrig und tchtig war, sie verstand auch, die oft
unbndigen, bermthigen Burschen vortrefflich im Zaume zu halten.
Gerade da sie selbst der tollen und wilden Streiche eine solche Menge
gemacht hatte, schrfte ihren Blick fr die Streiche ihrer Zglinge,
die oft ganz verblfft waren, wie schnell Esther ihre Plne und
Absichten durchschaute. Fr sie selbst aber erschlo sich eine reiche
Quelle der Freude durch diese Thtigkeit, und lehrend lernte sie selbst
alles das wieder, was im Laufe der Jahre ihrem Gedchtnisse entschlpft
war.

Und mit welch' freudigem Stolze empfing sie dann die Einnahmen, die ihr
aus ihrer Lehrerthtigkeit erwuchsen! Mit leuchtenden Blicken zeigte
sie eines Tages Frau von Ihlefeld ihren kleinen Schatz, den sie in
Jahresfrist fr Bertel gesammelt hatte.

Du gutes Kind, welche Opfer bringst du! seufzte die Wittwe traurig.
Wenn ich selbst doch nur nicht so gnzlich aller Mittel beraubt wre!
Immer habe ich noch gehofft, eine alte Schuld, die mein armer Mann
ausstehen hatte, wrde noch einmal einlaufen; aber auch diese Hoffnung
ist sicher vergebens.

Eine Schuld, liebe Tante? fragte Esther erstaunt. Warum fordern Sie
dieselbe denn nicht ein? Wer ist denn der Schuldner?

Das ist ja eben das Unglck, entgegnete Frau von Ihlefeld klagend.
Der Schuldner ist todt, und durch ein unbegreifliches Versehen
ist der Schein verschwunden, der die Schuld besttigt. Ein Vetter
meines Mannes, der uns vor einigen Jahren besuchte, bedurfte zu einem
Unternehmen eines Kapitals, das mein Mann ihm vorscho. Ich selbst war
dabei, als sie es in meinem Zimmer besprachen und ich sah, wie der
Vetter die Schuldverschreibung aufsetzte. Wo dies Papier dann aber
hingekommen ist, wei ich nicht; mein Mann suchte oft danach, besonders
nachdem die Nachricht vom pltzlichen Tode des Vetters eintraf. O mein
Gott, jenes Kapital von 15 Tausend Thalern htte meinen unglcklichen
Mann vielleicht gerettet! Aber da der Schuldschein verschwunden war,
hat er nicht gewagt, von dem Erben des Vetters jene Summe zu fordern.
Und so ist alles Wnschen vergebens, das Geld ist und bleibt verloren.

Wer ist denn der Erbe dieses Vetters, Tante? fragte Esther. Ein
Kaufmann in Sdfrankreich, in Nmes glaube ich, entgegnete Frau von
Ihlefeld. Er heit Richard und ist ein Neffe unseres Vetters Etienne
de Villemaud.

Und Sie glauben, er wisse nichts von der Schuld? forschte Esther.

Augenscheinlich hat der Vetter die Summe nicht als Schuld verzeichnet,
und sein schneller Tod hat alle Mittheilungen ber seine Verhltnisse
unmglich gemacht, sagte Frau von Ihlefeld niedergeschlagen. Herrn
Richard kann niemand die Summe abfordern, der den Schuldschein nicht
vorzeigt. Aber whrend wir im Wohlstand lebten, sorgte ich mich
wegen solchen Verlustes wenig, und mein Mann hat mir bis zum letzten
Augenblick alles verborgen gehalten, was ihn bekmmerte. Ich ahnte ja
nie, da mit dem unseligen Gelde so viel Glck und Frieden zu Grunde
gehen knne.

Esther suchte das Gesprch auf einen anderen Gegenstand zu lenken,
denn Frau von Ihlefeld wurde durch solche Erinnerungen stets von
Neuem aufgeregt. Im Stillen aber konnte sie den Gedanken an jenen
verschwundenen Schuldschein nicht los werden. Fast das ganze Besitzthum
der Ihlefeld'schen Familie war in fremde Hnde bergegangen. Wenn
der Schein in irgend einem Schranke oder Fache verborgen lag, so war
er unwiederbringlich fr Bertel und dessen Mutter verloren. Und doch
welcher Besitz wre fr Bertel eine solche Geldsumme! Aber es war eine
Thorheit, sich mit solchen Gedanken abzugeben. Wre der Schein nur
irgendwie zu finden gewesen, so htte Herr von Ihlefeld in seiner Noth
und Verzweiflung sicher alles daran gesetzt, ihn zu entdecken. Das
Verschwinden des Scheines war eben ein Unglck wie alles andere, was
ber die Familie hereingebrochen. Es war das Beste, nicht mehr daran
zu denken. --

Jetzt bezog Hubert die Universitt, und Esther bergab ihm mit
freudigem Stolze ihre so tapfer erworbenen Schtze.

Du bist und bleibst eben mein bester Kamerad, Esther, sagte Bertel,
die Summe freudig annehmend. Ich kann dir nicht besser danken, als
indem ich alle meine Krfte opfere, um das schne Ziel zu erreichen,
das mir vorschwebt. Aber nie, und wenn ich hundert Jahr alt werde, will
ich vergessen, welche Hand es war, die mir zu dem Ziele verhalf. Ich
wei, mein Glck ist auch das deine, darum nehme ich deine Opfer ohne
Zgern an. Gott segne dich fr alles, was du an mir thust, Esther!

Die Einzige, die sich mit all' diesen Arbeiten, Mhen und Opfern
Esthers nicht ganz einverstanden erklrte, war Frau Booland. Sonst
fand sie immer alles vortrefflich, was ihr Liebling unternahm; aber
die jetzige Thtigkeit ging doch etwas gegen ihren Sinn. Das arme
junge Blut qult sich da Tag fr Tag mit den wilden Jungens ab, statt
ihre Jugend in Ruhe und Freude zu genieen, sagte sie eines Tages
in einer traulichen Stunde zu ihrer jetzigen Freundin, der Pastorin
Krause. Ihre Shne sind freilich auch dabei, liebe Pastorin, und ich
selbst bin wohl mit daran Schuld, da der Herr Pastor dem braven Kinde
das Amt anvertraute; warum lobte ich sie auch immerfort so gegen ihn,
besonders nachdem Esther sich um die Stelle bemht hatte, und er mich
ber das Kind ausforschte. Aber lgen kann ich einmal nicht und we
das Herz voll ist, de geht der Mund ber. Aber jetzt geht er mir auch
wieder ber, denn mein Herz ist voll Jammer um das liebe Goldkind, das
noch nichts als Arbeit in seinem jungen Leben kennen gelernt hat. Und
Gott wei, ob ihr all' ihre Mhe und Qulerei einmal ordentlich gedankt
wird; denn wenn das Unglck die arme Frau von Ihlefeld auch ordentlich
gebeugt hat, die gndige Frau bleibt sie noch immer bis in die kleine
Fuzehe hinab, und da habe ich so meine Gedanken. Estherchen ist und
bleibt halt eben Brgerblut, das aber erkennt =die= Frau nie fr
Ihresgleichen, und wenn das Kind noch tausend Mal mehr fr sie thte.

Aber Hubert denkt doch nicht so, liebe Frau Booland, das sollte Sie
trsten, entgegnete die Pastorin.

Nein, =stolz= ist der nicht, das mu wahr sein! sagte Frau Booland
den Kopf erhebend. Aber, aber, so wie er sollte, ist er doch auch
nicht. Alles was Esther fr ihn thut, nimmt er ruhig hin, als verstnde
sich das ganz von selbst so. Danken mag er ihr wohl, denn er ist ein
lieber, weicher Junge; aber er hat keine Idee, und frgt auch weiter
nicht danach, =was= Esther alles opfert, nur um ihm das Leben leicht
zu machen. Das Mdchen ginge mit Freuden fr ihn durch das Feuer, und
er? Nun ja, wenn er dadurch Nutzen htte, wrde er sie auch ruhig
gehen lassen. Lieb hat er sie, das ist gewi; aber immer nur, wie man
einen guten Kameraden lieb hat, und so nennt er sie ja auch immer. Die
leidenschaftliche Liebe aber, die meine kleine Esther von Kindesbeinen
an schon fr den hbschen Jungen gehabt hat, und die jetzt wie ein
stilles Feuer das ganze Mdchen durchglht, davon hat der junge Herr
keine Ahnung. Ach ich wei es nicht, aber mir ist das Herz oft gar zu
schwer, denke ich an Esthers Zukunft. So ein Prachtmdchen verdiente
ein herrliches Schicksal; aber, aber, wie wird das einmal werden? Ich
hrte neulich einige Worte, als Esther dem Bertel das Ersparte mitgab;
es war so recht bezeichnend. Ich wei, Esther, sagte Bertel, mein
Glck ist auch das deine, darum nehme ich deine Opfer ruhig an.

Nun ja, =mein= Glck ist auch das =deine=! Da liegt's. Aber ob =ihr=
Glck auch das =seine= ist? Davon schweigt die Geschichte, und erst die
Zukunft kann es lehren.

Legen wir alles in Gottes Hnde, meine liebe Frau Booland, sagte
die Pastorin trstend. Die brave Schullehrerswittwe nickte still mit
dem Kopfe und eilte ihrem kleinen Waldhause zu, an dessen Thr sie ihr
Goldkind, wie gewhnlich, wenn sie ausgegangen war, freudig erwartete.

Ein Jahr verstrich Esther noch in gewohnter Thtigkeit, da rief sie
eines Tages Pastor Krause in sein Studirzimmer. Meine liebe Tochter,
sagte er freundlich, Sie haben den Ihnen anvertrauten Posten whrend
der ganzen Zeit mit seltener Treue und Tchtigkeit ausgefllt, so
da Sie stolz auf Ihre Schler sein knnen. Aber jetzt mu ich das
Amt leider aus Ihren Hnden nehmen, denn die Knaben sollen auf das
Gymnasium in der Stadt, fr dessen Oberklassen sie jetzt reif sind.
Nun will ich Sie aber trotzdem doch nicht zu Athem kommen lassen,
mein liebes Kind. Ich habe eine Aufforderung aus England erhalten,
einen jungen Lehrer dorthin zu schicken, welcher in einer vornehmen
Familie einige Knaben zu unterrichten versteht. Auf meine Anfrage,
ob der Lehrer nicht ein junges Mdchen sein knnte, welches so viel
Kenntnisse besitzt, da sie meine Shne zum Gymnasium vorbereitet
htte, erhielt ich eine Antwort, welche sich auerordentlich erfreut
ber solches Anerbieten ausspricht. Eine sehr bedeutende Summe ist der
jungen Lehrerin zugesichert, und so ergeht denn die Anfrage an Sie,
liebe Esther, ob Sie diese Stelle annehmen wollen. Aber freilich, eine
Bedingung ist dabei, welche Ihnen vielleicht Schwierigkeiten machen
wird: man wnscht, da Sie auch fertig franzsisch sprechen. Doch auch
das wird sich einrichten lassen. Die Stelle ist erst in einem halben
Jahre anzutreten, bis dahin lernen Sie alles. Die Schwester meiner
Frau hat eine franzsische Pension in Genf und wird Sie mit Freuden
als lieben Gast bei sich aufnehmen. Den Ausfall, den Ihre Einnahmen in
dieser Zeit erleiden, deckt die Aussicht auf baldige grere Summen,
die Ihnen in England zuflieen werden. So denke ich, sind die Wege
gebahnt, und Sie sind mit mir zufrieden, liebe Esther. Habe ich Recht?

O sehr, sehr, lieber, guter Herr Pastor, rief Esther, welche jetzt
wie aus einem Traum erwachte. Hastig ergriff sie die dargebotene Hand
Pastor Krauses. Verzeihen Sie mir nur, da ich nicht augenblicklich
mit Entzcken aufjuble, sagte sie und eine Thrne glnzte in ihrem
Auge. Aber eine Trennung von meinen Lieben ist mir ein gar zu
bengstigender Gedanke. Ich war ja noch nie auch nur einen Tag vom
Hause fort, und nun.... Aber haben Sie Geduld mit mir, Herr Pastor!
Ich werde schon alles in mir verarbeiten und Ihnen dann Ehre machen,
das verspreche ich Ihnen. Jetzt aber mu ich zuerst mit Tante Booland
sprechen, frher kann und darf ich nichts bestimmen.

Aber Frau Booland nahm die Nachricht freudiger auf, als Esther
gefrchtet hatte. Muthig bekmpfte das brave Weib allen Jammer ihres
Herzens, den eine lange Trennung ihr verursachen mute, nur um Esther
den Abschied leicht zu machen. Die Pastorin Krause hatte schon seit
einiger Zeit geheime Besprechungen mit Frau Booland gehabt und ihr
alle diese Plne mitgetheilt, welche ihr Gatte Esther darlegte. So
berraschten sie Esthers Mittheilungen denn nicht mehr, sondern fanden
schon ein vielfach bearbeitetes Terrain vor sich.

Ich bin froh, da du einmal ein Stckchen von Gottes schner Welt
sehen sollst, meine kleine Esther, sagte Frau Booland heiter. Hier in
unserem Dorfe versauerst du ja ganz und gar, und Arbeit hast du hier
wie anderswo. Die Schwester unserer lieben Pastorin freut sich schon
auf dich, da wirst du eine schne, vergngte Zeit verleben, und was
die Sache mit England betrifft, nun, gute Menschen sollen es ja auch
sein, zu denen du kommst, sagt der Herr Pastor. Du lernst dort ein
Bischen von der groen Welt kennen, das ist auch gut, und fr alles
andere lassen wir den lieben Gott sorgen. Deine alte Tante Booland
wird dir dein Huschen indessen gut versorgen, da du jeden Augenblick
wieder in dein warmes Nest zurckkommen kannst. Mit bsen Gedanken ber
die Trennung wollen wir uns das Herz nicht unntz schwer machen, mein
Goldkind; denn wir haben ja alle Beide starke Herzen und sind nicht aus
Wachs oder aus Marzipan gemacht.

Aber Esther hatte noch eine andere Trennung zu berwinden, mit welcher
ihr junges Herz noch viel schwerer kmpfte. Ihren Bertel sollte sie
verlassen! Und doch war er es ja gerade, der sie hinaustrieb in die
Welt; denn fr wen sonst htte sie diese Opfer gebracht, fr wen sonst
das friedliche Stillleben ihrer Heimath aufgeben mgen? Nur damit ihr
junger Freund sorglos und unbekmmert seinen Studien obliegen, noch
Jahr fr Jahr ungetheilt der Wissenschaft leben konnte, ohne fr sein
tgliches Brod sorgen zu mssen, unterwarf sie sich all' diesen Dingen
freudig und unverdrossen. Deshalb, wie sehr ihr auch das Herz blutete,
schrieb sie dennoch einen jubelnden Brief an Bertel, der ihm alle diese
Plne mittheilte. Er durfte ja nicht ahnen, wie schwer ihr das Opfer
wurde. Ein letzter Besuch Bertels vor Esthers Abreise war das Einzige,
was sie sich von ihm erbat, und in vollen Zgen genossen Beide noch
einmal das Glck ihres Beisammenseins.

                   *       *       *       *       *

So sagte denn Esther eines Morgens der lieben, traulichen Heimath
Lebewohl, von ihren Freunden im kleinen Waldhause wie von Pastor
Krauses bis zur nchsten Stadt begleitet, von wo die Eisenbahn sie gen
Sden weiter fhrte. Sie war einer befreundeten Dame anvertraut worden,
die nach der Schweiz reiste, und bald vertrieben die stets neuen
Eindrcke, welche Esther auf dieser ersten Reise fast berstrzten, die
Schmerzen des Abschiedes.

Die groen Stdte, in denen sie bernachteten, erregten ihr Staunen
und ihre Neugierde; als sich aber endlich die hohe Kette der Alpen
vor ihren Blicken ausbreitete mit ihren majesttischen Huptern, auf
denen Eis und Schnee lagerte, whrend saftig grne Matten und Wlder
die Vorberge deckten, und unzhlige Ortschaften wie Spielzeug auf der
Ebene verstreut lagen, da jubelte Esther auf vor Wonne und Entzcken,
und ihr junges Herz gab sich rckhaltlos den Eindrcken hin, die sie
bestrmten. Und nun gar der herrliche Genfersee, der schimmernd blau
zu ihren Fen ruhte, rings umkrnzt von kstlichen Bergen, grnen
Fluren und lachenden Drfern, hoch oben alles berragend, aber die
Jungfrau mit ihren ewigen Eisfeldern und der leichten Wolke, welche
fast immer ihren hchsten Gipfel krnt. Es war so namenlos herrlich,
da Esther fromm ihre Hnde in einander legte und thrnenden Auges Gott
dankte, der sie in diese Wunderwelt geleitet. Denn hier am Fue dieser
herrlichen Jungfrau, am Rande dieses kstlichen Sees sollte sie ja
leben und Tag fr Tag diese Wunder vor Augen haben! Welch eine Aussicht
war dies, und wie schlug ihr das Herz bei diesem Gedanken voll Freude
und Wonne.

Genf selbst freilich, die alte Stadt mit ihren vielen engen Straen
gefiel Esther weniger; aber das Haus Madame Gautier's lag vor dem
Thore mitten in einem hbschen Garten, da hatte man die schnste
Aussicht gleich vom Fenster aus vor sich. Man empfing Esther mit groer
Freundlichkeit, und besonders Madame Gautier war so herzlich und gut,
als sei die neue Hausgenossin die Tochter ihrer Schwester. Eine Menge
frhlicher junger Mdchen umgab sie frh und spt, und diese schienen
sich frmlich den Rang streitig zu machen, ihr Angenehmes zu erzeigen.

So fhlte sich Esther denn wie in eine neue herrliche Welt versetzt und
ihre Briefe, die sie nach Hause schickte, athmeten nichts als Glck und
Behagen.

Esther war bereits einige Monate im Hause Madame Gautier's und ihr
eifriges Bestreben war, die franzsische Sprache mglichst schnell und
grndlich zu erlernen. Sie machte auch bald die besten Fortschritte,
hatte ja doch Frau von Ihlefeld schon vortrefflich vorgearbeitet,
als sie Esther Unterricht ertheilte, dem das junge Mdchen freilich
wegen ihrer anderweitigen Beschftigungen wenig Zeit hatte widmen
knnen. Frau von Ihlefeld hatte Esther einige franzsische Bcher zur
Lectre mitgegeben, welche sie aus ihrem einstigen Besitzthum mit sich
genommen, und Esther war erfreut, so gute Fortschritte zu machen, da
sie diese Bcher bald selbstndig lesen konnte. Eines Tages wagte sie
sich sogar an Gedichte und griff nach einem Buche, das lngst schon ihr
lebhaftes Interesse erweckt hatte. Es war sehr elegant eingebunden und
von ziemlich groem Format, auf dem inneren Deckel aber standen die
Worte: _A son cousin Oscar de Ihlefeld Etienne de Villemaud. Auteur._

Esther kam beim Anblick dieses Namens das Gesprch wieder in den
Sinn, das sie mit Frau von Ihlefeld gehabt hatte, und die Erinnerung
an jenen unglcklichen verschwundenen Schuldschein. Jener Etienne
war also Dichter und hatte dies sein Werk dem Vetter als Geschenk
hinterlassen. Zerstreut lie Esther die Bltter des Buches durch
ihre Finger gleiten und berblickte die Ueberschriften der Gedichte.
Dabei schob sich ein zusammengefaltetes Papier aus dem Buche, und
Esther schlug es gleichgltig auseinander, irgend ein abgeschriebenes
Gedicht vermuthend. Aber wer beschreibt ihre Ueberraschung -- das
zusammengefaltete Papier war der verloren geglaubte Schuldschein!

Esther zitterten die Kniee von dem freudigen Schreck, und lange wollte
sie ihren Augen nicht trauen. Aber da stand ja alles, wie Frau von
Ihlefeld es ihr mitgetheilt: Oscar von Ihlefeld, Besitzer vom Rittergut
Rahmstedt, hatte am 6. Mai 18.... an Etienne de Villemaud eine Summe
von fnfzehntausend Thalern bergeben; die Zinsen sollten zum Kapital
geschlagen werden. Unterzeichnet war der Schein von den beiden Vettern
und alles in voller Ordnung und Richtigkeit.

Wahrscheinlich lag das Buch als Geschenk Etienne's auf dem Tische, und
Herr von Ihlefeld hatte in Gedanken den Schein da hinein gelegt, als er
ihn in sein Zimmer trug; denn Frau von Ihlefeld sagte ja, die Sache sei
in ihrer Gegenwart und ihrem Zimmer verhandelt worden.

O welch ein Fund war das! Und wie gut, da der Schuldschein bis jetzt
verborgen gewesen, sonst wre das Geld sicher auch noch verloren
gegangen wie alles andere. Nun hatte ja alle Noth und Sorge ein Ende!
Nun konnte Bertel studiren und reisen nach Herzenslust, wie er so
sehnlich wnschte, und die arme Frau von Ihlefeld sah nun wieder
bessere Tage. Esther schwindelte der Kopf von der Flle der Gedanken,
und lange sa sie sinnend und Plne schmiedend an ihrem Fenster. Zum
erstenmale schaute ihr Auge theilnahmlos auf die wunderschne Welt,
die sich vor ihr ausbreitete, und ihr Herz jubelte nicht auf ber die
Pracht und Herrlichkeit, in welcher die Abendsonne das stolze Haupt der
Jungfrau umkleidete, deren Gipfel in Gluth getaucht in den glnzenden
Abendhimmel hinein ragte, whrend der See zu Fen des Berges wie ein
rosiger Spiegel blitzte und schimmerte.

Und du, was willst du denn nun noch lnger im fremden Lande, fern
von deinen Lieben? dachte Esther mit leuchtenden Blicken. Nun ist
es ja nicht mehr nthig, Geld zu verdienen; denn nun hat Bertel ja
mehr, als du in deinem ganzen Leben fr ihn zusammenscharren knntest.
Ade Freunde, ade Schweiz und England, nun geht's wieder heim in mein
kleines Waldhaus, dem schnsten Orte der Welt trotz Alpen und Gletscher
und Seen.

Eben wollte sich Esther an den Schreibtisch setzen, um einen jubelnden
Brief nach Hause zu senden mit der herrlichen Botschaft, da trat Frau
von Gautier in ihr Zimmer.

Meine liebe Esther, sagte sie dann freundlich, obwohl Sie mir ein
gar lieber Gast sind, und ich Sie ungern wieder fort lassen mchte,
so gebietet mir doch die Rcksicht auf Ihre Verhltnisse, von denen
meine Schwester mir einiges mitgetheilt hat, Ihnen ein Anerbieten
zu machen, welches soeben an mich gerichtet ist. Die Vorsteherin
eines Pensionates in Sd-Frankreich, in le Vigan bei Nmes, wnscht
eine junge Dame fr ihr Institut zu engagiren und bietet ihr sehr
annehmbare Bedingungen. Wollen Sie diese Stelle annehmen, so erreichen
Sie Ihren Zweck, franzsisch zu lernen, dort ebensogut, verdienen in
dieser Zeit noch nebenbei etwas und lernen ein neues Land und andere
Verhltnisse kennen, was immer ein Vortheil ist fr jedermann. Aber
besinnen freilich drfen Sie sich nicht lange; denn schon bermorgen
will Mademoiselle Bertin wieder abreisen und Sie dann natrlich gleich
mitnehmen, denn fr ein junges Mdchen ist eine so weite Reise allein
nicht sehr rathsam.

Esther hatte bei den ersten Worten Madame Gautier's gleich sagen
wollen, da es mit ihren Plnen jetzt berhaupt ein Ende habe und
sie so bald als mglich wieder nach Hause reisen werde. Aber als
sie hrte, wohin sie mit jener Dame gehen sollte, da schwieg sie
pltzlich betroffen. Das war ja wie eine Sendung vom Himmel gerade
im entscheidenden Momente! Sd-Frankreich, Nmes, dahin sollte sie?
Und war es nicht gerade dort, wo jener Herr Richard wohnte, der Erbe
jenes Etienne und jener Schuld? Wie, wenn sie diesem Winke folgte und
in dem Orte selbst diesen Mann aufsuchte? Eine Reihe von Jahren war
seit jener Zeit verstrichen, wenn nun der Mann nicht mehr dort lebte?
Eine schriftliche Erfahrung konnte groe Schwierigkeiten bereiten,
whrend man an Ort und Stelle sicher leicht zum Ziele gelangte. Und
wie, wenn auch dieser Mann vielleicht todt war und man wieder neue
Personen vor sich hatte? Wie viel Zeit und Mhe war vielleicht nthig,
um an's Ziel zu kommen, wo persnliches Eingreifen rasch alles in
Ordnung bringen konnte! Und besser, sie sagte erst gar nichts von der
Auffindung des Scheines, sondern trat ihren Freunden gleich mit dem
glcklichen Resultate entgegen. Warum ihnen erst vorher so unruhige
Stunden bereiten, ehe sie ihr Ziel erreichen konnte? Nein, rasch ohne
Besinnen und Zgern wollte sie mit dieser Franzsin reisen, rasch dort
in Frankreich diesen Herrn Richard oder seine Erben aufsuchen und erst
dann mit der vollen, glcklichen Lsung hervortreten. Zeit zum Fragen,
ob sie reisen sollte, hatte sie ja auch gar nicht, d'rum lieber ganz
schweigen, bis alles glcklich erreicht war. Dann war die Freude voll
und ungetheilt, und wie im Triumphe wollte sie dann wieder nach der
Heimath ziehen, beladen mit Schtzen fr ihren geliebten Bertel.

Ein so unerfahrenes junges Mdchen, als Esther war, konnte wohl solchen
Plan schmieden und auf dessen glckliche Ausfhrung rechnen. Welches
nun aber die Erfolge ihrer Bemhungen waren, das wollen wir weiter
sehen.

Ueber den Quai de Bergue eilten in Genf zwei Tage darauf eine ltliche
und eine junge Dame der Messagerie zu, von wo aus die Posten nach
Frankreich abfahren. Es war Mademoiselle Bertin und unsere Esther.
Schon von Weitem sahen sie das hochgebaute und hochbepackte gelbe
Gebude, Postwagen genannt, das sie ber die Grenze fhren sollte.
Die Franzsin traf bei der Post einen alten Herrn, Monsieur Martin,
welcher mit ihnen reiste. Eben wollte dieser im Innern des Wagens Platz
nehmen, als Mademoiselle pltzlich mit Schrecken bemerkte, da ihre
Postbillets aus Versehen Pltze auf der Banquette bezeichneten. Mit
aller Lebendigkeit einer Sdlnderin fuhr sie auf den sie begleitenden
Diener los, ihn zur Rechenschaft zu ziehen, dieser sagte aber ganz
phlegmatisch: Mademoiselle wollte doch absolument heute reisen,
andere Pltze aber gab's nicht mehr. La banquette war allerdings
fr eine ltliche Dame ein etwas bedenklicher Sitz, denn er befand
sich in hchster Hhe der ohnehin schon himmelhohen Kutsche. Ihrer
Verzweiflung machte jedoch ihr alter Freund bald ein Ende; denn sehr
froh, seinen heien Innenplatz mit dem luftigen auf der Banquette zu
vertauschen, kroch er vergngt wieder aus dem Wagen heraus und berlie
der Dame sein Billet. Nun brachte der Knecht eine hohe Leiter herbei,
und leicht wie ein Eichktzchen kletterte Esther die Sprossen empor,
ihrer ehemaligen Turnknste sich erinnernd. Langsamer folgte ihr alter
Nachbar, und whrend Esther auf der schmalen Banquette sich's mglichst
behaglich zu machen suchte, bestieg der alte Herr einen bequemeren Sitz
zur Seite, eine Art Lehnstuhl. Vergngt hllte er sich in einen weichen
Schafpelz, der auf dem Sitze lag, und der ihm bei der rauhen Herbstluft
sehr willkommen war; er freute sich seines kstlichen Platzes. Eben
wollten die sechs starkknochigen Pferde ihr beschwerliches Tagewerk
beginnen, da klimmte noch ein Passagier zur Banquette empor. _Oh,  la
bonheur_, rief er, sich zu dem alten Herrn wendend, Monsieur wollen
den Hemmschuh fhren? Was Hemmschuh? rief dieser verwundert. Nun
ja, das ist der Platz fr denjenigen, der dies Geschft bernimmt,
sagte der Conducteur lachend und zeigte auf die Schraube, welche der
Alte ganz gemthlich als Sttze fr seine Arme benutzt hatte. Mit sehr
saurer Miene wickelte sich dieser nun aus seinem warmen Schafpelze
heraus und kletterte auf die Banquette zu Esther, die ihm herzlich
lachend neben sich Platz machte. Dies kleine Ereigni hatte die ganze
Gesellschaft der Auenkutsche einander nher gebracht; denn auch der
Postillion auf seinem Sitz zu Fen Esthers nahm an der allgemeinen
Heiterkeit Theil, und unter Lachen und Scherzen fuhr man ber Genf's
holpriges Straenpflaster und berschritt endlich die franzsische
Grenze. Esther war kindlich vergngt, von ihrem hohen Sitz aus die
herrliche Gegend gemchlich berschauen zu knnen, und ihr alter
Nachbar stimmte herzlich in diese Freude mit ein, denn auch er war ein
groer Naturfreund. Bald erzhlte er Esther, er sei eigentlich ein
geborener Deutscher, lebe aber nun schon seit vielen Jahren in Nmes.

In Nmes? rief Esther hoch erfreut aus. O kennen Sie da vielleicht
einen Herrn Richard?

Richard? sagte Herr Martin nachdenklich. Welchen Richard, mein
Frulein? Es giebt deren eine ganze Menge in Nmes.

Ich meine den Neffen eines Herrn Etienne de Villemaud, der vor einigen
Jahren gestorben ist, entgegnete Esther.

Hm, da kann ich wirklich nicht dienen, sagte der Alte kopfschttelnd.
Haben Sie eine Empfehlung an ihn, so bin ich gern bereit, Ihnen
behlflich zu sein, den richtigen Richard aufsuchen zu helfen.

O Sie sind sehr gtig, rief Esther erfreut, das wre mir in der That
sehr lieb, denn ich habe allerdings ein Anliegen an ihn.

Ich werde Ihnen die nhere Adresse des Herrn schreiben, mein Frulein,
wenn Sie es mir erlauben, sagte Herr Martin verbindlich. Esther sprach
nochmals ihre Dankbarkeit aus und fhlte ihr Herz sehr erleichtert,
da sie gleich im ersten Augenblick eine Hand gefunden hatte, die
ihr den Weg zu bahnen versprach. Voll froher Hoffnungen schaute sie
dem Gelingen ihres Unternehmens entgegen und geno nun mit doppeltem
Vergngen die so mannigfachen Freuden, welche diese interessante Reise
ihr darbot.

Ueberall, wo whrend der Postfahrt der Wagen hielt, umdrngte eine
Schaar bettelnder elender Kinder die Reisenden, ihre zerfetzten Hte
hinhaltend mit dem Rufe: _Charit, s'il vous plat, charit!_
Esther mute bei diesem Elend immer an die sauberen Schweizer Drfer
zurckdenken, die sie jetzt gesehen, und an ihr eignes freundliches
Dorf Rahmstedt, in dem solche Armuth etwas Unbekanntes war.

Der schwerfllige Postwagen brachte seine Passagiere bis zu der
Eisenbahnstation Seyel, und von da aus flog Esther auf Dampfesflgeln
ihrem Ziele zu, zur Rechten die Berge des Jura, links Savoyen mit
seinen wilden, romantischen Landschaften und verfallenen Drfern.

Die Gegend bis Lyon war unendlich schn. Das reizende Thal der Rhone
nahm die Reisenden auf, und zu beiden Seiten erhoben sich anmuthige
Berge. Schumend und rauschend scho das Wasser der Rhone neben der
Eisenbahn hin, ihre blauen Wellen wie schwere Atlasfalten auf- und
abrollend. Leichte Kettenbrcken schwebten hoch oben darber, und
auf felsigem Ufer, zackige Bergspitzen im Hintergrunde, erhoben sich
terrassenfrmig unzhlige kleine Ortschaften. Es war uerst malerisch.
Lyon, das sie Abends erreichten, interessirte Esther lebhaft, und
muthig durcheilte sie am Morgen vor der Weiterreise allein einige
Straen. Prachtvolle Lden fesselten ihr Auge, und schne Quais, aber
auch viel Verfallenheit; doch jedes, auch das verfallenste Huschen,
hatte seinen Balcon und seine Blumen. Von Lyon ab wurde die Landschaft
lieblicher: Maulbeerbume mit ihrem frischen, saftigen Grn deckten die
Felder, echte Kastanien standen dazwischen, Weinstcke rankten ihre
Reben am Boden hin, wie es dort Sitte, und dunkle Cypressen erhoben
ihre dsteren schlanken Zweige gen Himmel. Groe Heerden grauer und
schwarzer Schafe weideten zu vielen Tausenden in der Ebene, unzhlige
Maulesel hoben dazwischen ihre groen Kpfe empor, und abenteuerlich
aussehende Hirten mit zottigen Fellen um die Schulter bewachten die
Heerden. In der Gegend von Avignon erinnerten zahlreiche Ruinen an die
ehemalige Herrlichkeit dieser Gegenden. Esther htte wohl gewnscht,
hier weitere Ausflge in die Umgegend machen und sich dies interessante
Stck Land nher ansehen zu knnen; aber ihre Begleiterin drngte zur
Weiterreise. Sie fuhren den ganzen Tag immer weiter in das Land hinein,
bis endlich am Abend Nmes erreicht war. Wie gern wre Esther mit dem
freundlichen Herrn Martin gegangen, der sich hier von ihnen trennte;
ihr Herz klopfte freudig bei dem Gedanken, dem Manne vielleicht ganz
nahe zu sein, den sie suchte, und wegen dessen sie eigentlich die
ganze Reise unternommen. Aber sie hatte sich Mademoiselle Bertin
verpflichtet, und so mute sie mit ihr weiter. Im Vorbeigehen sah sie
die mchtigen Trmmer einer alten rmischen Arena in die Luft hinein
ragen; die Sulen des berhmten Maisen care warfen im Mondschein
breite Schatten hernieder, und wundervolle Baumgnge umsumten einen
freien Platz, in dessen Mitte hohe Fontainen ihre Wasser im Mondlicht
funkeln lieen.

Esther eilte mit ihrer Gefhrtin an all' diesem Zauber vorber, denn
ihr Ziel lag noch vor ihnen. Eine lange Postfahrt die Nacht hindurch
brachte sie nach dem kleinen Stdtchen le Vigan, das sie am Morgen
erreichten. Obwohl es schon spt im November war, zeigte doch die
warme Nacht, da man sich im Sden befand, und Esther athmete mit
Behagen die angenehme Nachtluft. Mit neugierigen Blicken schaute sie
sich dann in dem Orte um, der sie aufnehmen sollte; aber der Anblick
dieses Stdtchens war uerst wenig erfreulich. Die Lage des Ortes
zwar war hchst romantisch zwischen Felsen und Bergen; aber die Stadt
selbst hatte graue, dstere, steinerne Huser, viele davon elend
und verfallen. Schweine und anderes Vieh trieb sich in den Straen
umher, und der Haupteindruck des Ganzen war berall Armuth, Koth und
Verfallenheit. Es war Sonntag und die Straen wenig lebhaft; aber als
die Postkutsche hielt, sah Esther, da eine ganze Schaar junger Mdchen
und Kinder den Wagen umringten.

Kaum hatte Madame Bertin den Fu an die Erde gesetzt, so wurde sie
mit lautem Jubel von dieser Schaar begrt, und es war gar kein Ende
zu finden mit Kssen und Umarmungen. Esther stand still zur Seite und
betrachtete sich voll Staunen diese Welt, in die sie eintreten sollte;
denn es waren in der That die Pensionairinnen Madame Bertin's, die sie
hier vor sich sah. Aber welch ein Anblick! Welch ein Schmutz und welch
ein Gelumpe unter diesen jungen Mdchen, und das sogar am Sonntage!
Ueber groen Reifrcken elende, schmutzige Kleider, zerrissene Schuhe
an den Fen, die im Straenkothe umherhpften, da das Wasser hoch
aufspritzte, und auf dem schwarzen, wirren Haar wunderliche Mtzchen
von unaussprechlicher Unsauberkeit. Dabei aber die niedlichsten
Gesichterchen mit feurigen schwarzen Augen, lachenden Mulerchen und
blendend weien Zhnen, und alle grazis und zierlich, vergngt und
glckselig, als feierten sie das herrlichste aller Feste.

Esther wurde nun vorgestellt und gleich mitten im Straenkoth von
all' den schmutzigen jungen Wesen so herzlich umarmt und gekt, als
wre sie eine liebe, alte Bekannte. Es kostete Esther eine wahrhafte
Ueberwindung, die Arme dieser kleinen, unsauberen Mdchen und diese
schmutzigen Hnde mit den schwarzen Ngeln nicht von sich zu stoen,
und lchelnd mute sie ihrer guten Tante Booland gedenken, welcher ein
einziger Ri oder Schmutzfleck in Esthers Kleidern schon so groes
Entsetzen erregt hatte. Was wrde sie wohl zu dieser jungen Schaar
sagen! Aber trotz alledem mute man diesen lustigen, gutherzigen
Kindern gut sein, und getrosten Muthes folgte ihnen Esther nach der
Wohnung Madame Bertin's.

Aber auch hier war der Eindruck: Schmutz und Verfall wohin man
blickte. Hinter einer zerbrckelten Mauer versteckte sich ein altes
steinernes Gebude, in dessen unteren Rumen die Pensionsanstalt sich
befand. Steinerne von Schmutz bedeckte Fubden in allen Zimmern,
finstere verwahrloste Kamine, Spinneweben an den lichtlosen Fenstern,
und unbehaglich dstere Mbel berall -- das war der Anblick, der
sich Esther beim Eintritt in das Haus darbot. Nur der sogenannte
Salon war mit rothseidenen Sophas und Fauteuils ausstaffirt, welche
aber auch von Staub berzogen waren und sich berhaupt wohl wundern
mochten, wie sie in diese Rume gerathen konnten. Esthers eigenes
kleines Zimmer bestand in einem Raum, der einen Durchgang bildete fr
die ganze Pensionsgesellschaft, und auerdem vollgepfropft war von
allem mglichen Hausgerth, so da es einen unsglich unbehaglichen
Aufenthalt bildete. Das waren denn nun freilich keine schnen
Aussichten fr Esther, die an ein behagliches Leben gewhnt war, und
das Herz schlug dem armen Kinde etwas bange in dieser Umgebung. Aber
war es nicht ihr Bertel, fr den sie alles zu ertragen hatte? Wie
leicht wurde bei diesem Gedanken jede Last! Ihr frischer Jugendmuth
erhielt bald wieder die Oberhand, und ihr Humor regte sich und half
ihr ber die tausend Unannehmlichkeiten fort, die sich ihr sonst noch
entgegenstellten.

Hchst fremdartig und unangenehm war ihr vor allem auch die
sdfranzsische Kost. Gleich am ersten Morgen sah Esther mit Staunen,
da das Frhstck der jungen Mdchen aus nichts bestand, als aus einer
Scheibe harten grauen Brodes, das Einige sich am Heerdfeuer rsteten,
und einigen Zwiebeln, Salatblttern oder Kohlrabistcken. Fr Esther
hatte man rcksichtsvoll ein unaussprechliches Gebru aus einer Art
Kaffee bereitet, und seufzend weichte sie ihre Scheibe gersteten
Brodes darin auf, zufrieden, da sie wenigstens mit dem Genu jener
Zwiebeln und Kohlrabi verschont blieb. Aber beim Mittagsessen konnte
sie sich auch diesen Freuden nicht entziehen. Einer steifen Suppe von
Brod und Kohlrabi folgte eine Art Salat von dicken Zwiebelstcken,
und Hammelfleisch, das auen verkohlt, innen aber ganz roh war, und
mit dem Esther sich durchaus nicht befreunden konnte trotz ihres
jugendlichen Appetits. Ein Beigeschmack von Knoblauch und ranzigem Oel
umschwebte alle Gerichte; denn bekanntlich wird im Sden das Oel statt
der Butter zur Bereitung der Speisen benutzt, und so wohlschmeckend
solches Oel in frischem Zustande ist, so widerlich wird es in etwas
verdorbenem, wie man es hier benutzte. In einer Pension nimmt man nicht
immer das Beste und darf eben nicht sehr whlerisch sein.

Esther a stets mit heftigem Widerwillen, und in ihrem ersten Briefe
an Frau Booland ergtzte sie sich damit, dieser einen sdfranzsischen
Speisezettel mit einigen fr eine Deutsche grauenvollen Gerichten zur
Disposition zu stellen. -- Zuerst also, liebe Tante, schrieb sie,
erscheint eine dicke Suppe von Weinbergschnecken mit einem Zusatz von
Knoblauch, Oel und Brod. Dann als _entre-met_, den Appetit zu reizen,
giebt es rohe Zwiebeln, als Fleischspeise ein Ragout von Kaninchen
mit Cichoriensalat, und zum Dessert rohe Saubohnen und ein Dutzend
groer, lebender Schnecken. Was meinst du zu diesen Delikatessen, mein
Tantelchen? Wie sehne ich mich unter diesen Knoblauch- und Oelgerichten
nach meiner lieben deutschen Kost, zu welcher ihrerseits aber die
jungen Franzsinnen die Kpfe schtteln, erzhle ich ihnen davon.
Ueberhaupt komme ich mir hier, liebe Tante Booland, vor, wie verbannt,
und oft ist mir, als ob ich in Afrika unter den Wilden wre, denn ich
lerne die wunderbarsten Zustnde hier kennen. Die kleine Schaar hier
ist so unreinlich, so ungebildet, so wild und fremdartig, wie ich mir
nie junge Mdchen gedacht htte. Freilich sind hier in dieser Pension
keine Kinder aus feinen Husern; in vornehmeren Erziehungsanstalten
mag es ganz anders sein, und ich bedauere, da ich so schlimm ankommen
mute. Bei uns hier sind meist Tchter von Brgern, Handwerkern und
Weinbauern, die alle keine Ansprche an eine Erziehung machen, wie
wir sie gewhnt sind, denn wie viel wohlerzogener und gebildeter sind
Mdchen solchen Standes bei uns in Deutschland. Ich wei oft nicht,
ber was ich mehr staunen soll: ob ber diese verwahrlosten Kinder
oder ber diejenigen, die sie erziehen und belehren; denn deren
Bildung und Lebensweise lt eben auch gar viel zu wnschen brig. Die
ganze Mdchenschaar von einigen 30 solcher lebendigen, plappernden,
schwarzbraunen und unsauberen Geschpfchen sehr verschiedenen Alters,
hat meist in einer einzigen Klasse Unterricht, jedoch in zwei
Abtheilungen, und da kannst Du Dir nun eine Vorstellung von diesem
Unterricht machen! Auf einer Seite des Saales spreche ich auf die
kleinen, unruhigen Geister ein, auf der andern ein Lehrer; aber wie
wenig da wirklich verstanden und gelernt wird, ist begreiflich. Es
kommt aber hierauf auch herzlich wenig an, wie mir scheint; ber
Elementarkenntnisse kommen diese Kinder sicher nie weit heraus, man
verlangt das aber auch gar nicht. Sobald sie die Pension verlassen
und nach Hause zurckkehren, arrangirt man eine Heirath fr sie,
und wozu ntzen dann noch die Kenntnisse? Das Wissen scheint einer
solchen kleinen Franzsin erstaunlich unntzer Ballast fr das Leben.
Wenn sie nur recht munter zu plaudern und zu lachen versteht und sich
recht grazis und zierlich bewegt, mehr verlangt niemand von ihr.
Aber freilich, von dieser Anmuth und Grazie der Bewegungen, dieser
steten verbindlichen Freundlichkeit, dieser ewigen und unverwstlichen
Heiterkeit haben wir steifen, groben, ernsthaften Norddeutschen
keinen Begriff, und so sehr mein Herz sich oft emprt ber diese
unbeschreiblichen Zustnde, immer wieder vershnt mich die hinreiende
Liebenswrdigkeit dieser Kinder des sdlichen Frankreichs. Du solltest
nur einmal sehen, liebste Tante, mit welcher unnachahmlichen Grazie
unsere doch schon ltliche Mademoiselle Bertin bei dem Dner an der
Spitze der Tafel prsidirt. Fr Jeden hat sie ein Lcheln, ein
verbindliches Wort, eine gefllige Handreichung. Anmuthig erfat sie
mit ihren hchst unsaubern Fingern ihr Glas, noch anmuthiger fhrt sie
es an den ewig lchelnden, ewig freundlich plaudernden Mund, und mit
reizender Grazie reicht sie hier einem Kinde s lchelnd ein Stck
des schauerlich harten Brodes, dort einem andern einen winzigen Bissen
verkohlten Cotteletts, als seien es seltene Kostbarkeiten. Am Ende des
wundervollen Mittagmahles subert sie voll lchelnder Anmuth mit ihren
Lippen Gabel, Messer und Lffel, die sie alsdann in ihre Serviette
einwickelt; die ganze Tischgesellschaft thut das Gleiche, und bei der
nchsten Mahlzeit benutzt man diese also gereinigten Gerthschaften von
Neuem, ohne jemals eine andere Suberung fr nothwendig zu halten! --
Und wie spahaft sehen alle diese jungen Mdchen aus mit ihren groen
weien oder schwarzen Mtzen auf dem Kopfe! Sie sind nmlich viel zu
trge, sich tglich ihr Haar zu kmmen und zu flechten, das geschieht
hchstens ein Mal in der Woche; die brigen Tage steckt man die wirren
schwarzen Flechten und Locken unter eine solche Mtze, die deckt alles.
Aber wie sieht die aus! Wrdig des ganzen Anzuges! Als ich mir am
ersten Morgen Gesicht und Nacken in frischem Wasser badete, sah meine
junge Stubengenossin mich ganz erstaunt an und sagte: Waschen Sie sich
immer so, Mademoiselle? Natrlich, Louison, erwiederte ich, thun
Sie es denn nicht auch? _O mon dieu non!_ rief sie ganz entsetzt
aus, ich wrde sicher den Tod davon haben! Und wirklich sah ich nun,
da sie nur eben die Zipfel eines Tuches in's Wasser tauchte und sich
die Augen damit anfeuchtete, das war die ganze Wsche. Da man sich
auch Mund und Zhne reinigt, da Nagel- und Kleiderbrsten existiren
und benutzt werden, da Seife schmutzigen Hnden ein Bedrfni ist,
alles das sind Dinge, welche nicht zur Kenntni dieser jungen Mdchen
gehren. Und doch wre in diesem Lande, wo der Sommer so hei und lang
ist, Reinlichkeit ein doppeltes Bedrfni. Ich sehne mich ordentlich
danach, einmal einen Blick in andere Pensionen und andere Huser zu
thun; denn unmglich kann doch solche Unsauberkeit allgemein verbreitet
sein. Was ich jedoch hier in dem kleinen Orte sehe, gleicht freilich
alles mehr oder weniger unserer theuren Pensionsanstalt! Aber wenn
ich nun an den Menschen und deren Sitten auch vieles anders wnsche,
wie kstlich ist dafr die Natur, die mich umgiebt! Ein so entzckend
schnes Thal, wie das ist, in dem unser altes kleines Stdtchen liegt,
kann man so bald nicht wieder finden. Von den Bergen rauschen frische
Quellen hernieder und bilden tausend kleine Cascaden; das ppigste
Grn, durchzogen von blhenden Bschen und Bumen, deckt trotz der Nhe
des Winters noch berall Hhen und Tiefen, und von einzelnen nackten
Felsspitzen schauen prchtig zerfallene Ruinen herab in das Thal, von
ehemaliger Gre und Herrlichkeit erzhlend. Pflanzen, von denen wir
kleine Zweige zu Hause als kostbare Schtze im Fenster stehen haben,
blhen und wuchern hier als riesige Bsche und Strucher, und was
ppiger Pflanzenwuchs ist, davon habe ich jetzt erst einen Begriff
bekommen. Wie wrdest Du, beste Tante, die Du die Blumen so liebst,
Dein Herz erfreuen an all' den kstlichen Gewchsen, welche mich hier
umgeben und welche die Verfallenheit und Unsauberkeit so reizend
verhllen, da man beinahe mit derselben ausgeshnt wird. --

So verstand es Esther, die Augen fr das Schne zu ffnen, das sie
umgab, und fr die unerquickliche Existenz, in welche das Schicksal sie
gefhrt, sich mglichst reiche Entschdigung zu suchen. Ihr heiterer
Sinn erfreute sich mehr und mehr an der Liebenswrdigkeit ihrer
Umgebung, und die lustige junge Schaar hing bald mit feuriger Verehrung
an der neuen Lehrerin.

Mit sehnschtiger Erwartung hoffte Esther von Tag zu Tag auf eine
Nachricht von Herrn Martin aus Nmes; aber Woche auf Woche verging
und noch immer kam kein Brief. Esther glaubte, der alte Herr werde
sein Versprechen wohl vergessen haben, und es werde ihr nichts brig
bleiben, als die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Dazu aber mute
sie das Weihnachtsfest abwarten, wo einige Tage Ferien den tglichen
Unterricht unterbrachen und ihr eine Reise nach Nmes ermglichten. Da
aber brachte der Brieftrger ihr eines Morgens doch noch den sehnlich
erwarteten Brief, und erwartungsvoll ffnete Esther denselben. Ihr
alter Freund schrieb ihr sehr verbindlich und freundlich und bat um
Verzeihung, da er sie so lange auf Nachricht habe warten lassen; aber
er sei durch Krankheit verhindert worden, sein Versprechen zu erfllen.
Nun freue er sich, ihr ber den betreffenden Herrn Richard Bescheid
sagen zu knnen. Derselbe sei Kaufmann und habe vor Jahr und Tag eine
berseeische Reise angetreten. Wann er von derselben zurckkommen
werde, sei ungewi, wahrscheinlich im kommenden Frhjahr. Da der Herr
unverheirathet sei und auch keine sonstigen Anverwandten in Nmes habe,
bedauere Herr Martin, nichts Genaueres weiter ber ihn erfahren zu
knnen.

Diese Nachricht war fr Esther sehr betrbend. Alle ihre schnen Plne,
Hoffnungen und Wnsche schienen fr jetzt scheitern zu sollen; denn
wenn derjenige, von dem Esther die Schuld einfordern wollte, fern war,
und niemand weder seinen Aufenthalt noch die Zeit seiner Rckkehr
angeben konnte, so war ja alles vergebens. Selbst wenn sie Frau von
Ihlefeld von der Auffindung des Scheines sagen wollte, erreichte
sie damit weiter nichts, als diese unnthig aufzuregen, denn in der
Ferne htte dieselbe ja noch weniger wirken knnen. Esthers hatte
doch wenigstens noch immer die Hoffnung, da Herr Richard whrend
ihres Aufenthaltes in Frankreich zurckkommen wrde. Sie prfte
lange, was das Beste sein mchte, und sehnlichst wnschte sie, sich
mit jemand berathen zu knnen. Nach reiflicher Ueberlegung war sie
entschlossen, ruhig in ihrer jetzigen Stellung zu bleiben und ihr
Geheimni wie bisher fr sich zu behalten, bis sie dennoch vielleicht
bald mit dem glcklichen Resultat vor ihre Lieben hintreten konnte.
Das Opfer, welches sie brachte, war gro; denn die Existenz, in der
sie auszuharren beschlo, wurde mit dem herankommenden Winter immer
unerfreulicher. Frhe Klte und sogar Schnee kamen Mitte December
ber die Berge gezogen und machten sich in dem kleinen hochgelegenen
Stdtchen, das im Sommer seiner khlern Temperatur wegen als angenehmer
Aufenthalt besucht wurde, ziemlich unangenehm fhlbar. Und man litt in
diesen Gegenden vielmehr durch die Klte, als im Norden, wo man sich
dagegen zu schtzen versteht. Aber hier besonders, in dieser wsten
Pensionsanstalt, wurde der Aufenthalt durch Klte und Schnee fast
unertrglich. Die steinernen Fubden, durch keinen Teppich geschtzt,
waren ohnehin schon kalt wie Eis; aber mit ihren dicken Holzschuhen,
Sabots genannt und wie kleine Khne gestaltet, trugen die unruhigen
Fe der quecksilberigen jungen Schaar unablssig alle Nsse und allen
Schnee von Hof und Strae mit herein, so da der Fuboden sich binnen
Kurzem in einen wahren Sumpf verwandelte. Keine Thre schlo und kein
Fenster hielt Wind und Klte ab, und wenn es dem schwarzen Kamin auch
wirklich endlich gelungen war, nach unsglichem Rauchen und Qualmen
etwas Wrme um sich her zu verbreiten, der erste Windsto warf diese
oder jene Thr wieder auf, und aus dem offenen Hausflur strmte dann
die ganze Winterklte wie im Triumphe herein, denn niemand beeilte
sich, ihr den Eingang wieder abzuschneiden. Besonders wenn der Mistrl
wehte, ein Wind, der dort heimisch und von markdurchdringender Schrfe
und Intensitt ist, wute man sich mitten im Zimmer und selbst im Bett
kaum zu retten vor Zugluft und Unbehagen. Dieser Wind dauert stets
mehrere Tage, der Himmel ist dabei tiefblau und die Sonne blitzend,
aber die Luft von einer Schrfe, da nichts vor ihrem Eindringen
schtzt, und Thren und Fensterrahmen Spalten bekommen, so trocknet der
Wind sie aus.

Aber so sehr Esther durch diese Zustnde litt, die muntern Franzsinnen
lieen sich dadurch wenig aus ihrer guten Laune bringen, und wenn der
Wind recht eisig durch Thr und Fenster pfiff, dann trappelten sie
desto lustiger mit ihren hlzernen Sabots auf dem steinernen Fuboden
umher, da man meinen konnte, eine Schwadron Crassire komme ber das
Steinpflaster geritten. Es war ein unaussprechlicher Spectakel; aber
den lebendigen Kindern machte das gerade Vergngen. Gut, da Esthers
Nerven von solider Strke waren, sonst htte sie diesen Lrm und dieses
Treiben nicht lange ertragen. -- So kam das Weihnachtsfest heran, und
Esther's Herz bermannte jetzt eine so unsgliche Sehnsucht, da sie
all' ihrer tapfern Entschlossenheit bedurfte, um nicht die Flinte in
das Korn zu werfen und auf und davon zu gehen, der lieben Heimath
wieder zu, mit den Ihren das schnste aller Feste zu feiern. Hier in
Frankreich hatte man keine Idee von der Feier des Weihnachtsfestes, wie
Esther es kannte; Geschenke gab man sich am Neujahrstage, aber ohne
besondere Festlichkeit.

Der Arzt der Pension, dessen Frau eine Deutsche war, hatte sich sehr
freundlich gegen Esther bewiesen und das junge Mdchen durfte diese
Familie zuweilen besuchen. O wie athmete sie hier auf in dieser
sauberen, geordneten Huslichkeit, und hier fhlte sie erst, wie leicht
man bei verstndiger Vorsorge den dortigen Winter ertragen konnte, der
trotz Mistrl doch unendlich viel milder war als ein deutscher. Von
dieser Familie wurde Esther eingeladen, das Weihnachtsfest mit ihnen
zu feiern, und freudig folgte das junge Mdchen dieser Aufforderung.
Am Nachmittage schon machte sie sich auf den Weg, und bei kstlich
warmem Sonnenschein, wie er in der Heimath etwa im Mai die Erde wrmt,
durcheilte sie die Straen. Ihr Weg fhrte sie durch einen groen
ffentlichen Garten, auf dessen Terrassen eine Menge Frauen bei ihrer
Spindel saen, gerade wie im Sommer, die Kinder zu ihren Fen spielend.

Aber wie kstlich war auch noch alles grn trotz Winter und Schnee!
Ueppiges Moos deckte berall die ruinenhaften Mauern, saftig grne
Wiesen zogen sich weithin, Cypressen und Lorbeer und immergrne
Eichen standen mit vollem Laube in dichten Gruppen, Oliven mit ihrem
matten Grn breiteten sich dazwischen aus. Eine Menge wundervoller
fremdartiger Bume wlbten ihr Laubdach ber Esther, von denen
besonders einer mit brennend rothen Frchten ihr Auge entzckte, man
nannte ihn Arbousier. Dichte Hecken von hohem Oleander und in weien
Dolden blhenden Gewchsen zogen sich ringsum, ppige Schlingpflanzen
rankten sich hernieder, und berall blhte die Monatsrose in Flle,
von Veilchen, Narcissen, Tazetten und tausend anderen Blumen umringt.
Es war eine Pracht und ein Reichthum in der Natur, da Esthers
Herz laut jubelte und sie sich nicht satt sehen konnte an all' dem
Schnen. Wie herrlich mute diese Natur erst im Frhjahr sein, wenn am
Weihnachtsabend, mitten im Winter, schon alles in dieser Weise blhte
und duftete!

Die Doktorin empfing Esther mit groer Herzlichkeit, und das junge
Mdchen verlebte den Abend so angenehm, da ihr Heimweh fast gnzlich
Abschied nahm. Mit Jubel begrte sie eine schne grne Tanne, den
lieben nordischen Weihnachtsbaum, der in vollem Lichterglanze ihr
entgegenlachte, als wre sie zu Hause in ihrem trauten Waldhause. Man
hatte den Baum in eine riesige Vase gepflanzt, und statt der Aepfel
lachten goldene Apfelsinen aus dem grnen Laube. Eine dicke Guirlande
von frischen rothen Rosen, die man am Morgen im Weinberge gepflckt,
zog sich um den Rand der Vase; hohe silberne Candelaber waren mit
Gewinden von Lorbeer und Oleander umschlungen und durch Rosenketten
verbunden, und an diesen Guirlanden wie an dem Tannenbaum hing eine
Menge buntes Zuckerwerk und silberne und goldene Kugeln. Es war ein
reizender Anblick. Fr Esther lagen einige hbsche Geschenke unter dem
Baume, und als beste Gabe ein dicker Brief aus der Heimath, den der
Doktor heimlich dem Brieftrger abgenommen hatte. Esthers Dank und
Freude war namenlos, einen so herrlichen Weihnachtsabend htte sie
nimmer in der Fremde erwartet, und diese Freude strkte sie wieder fr
all' die vielen unangenehmen Tage, welche noch vor ihr lagen.

Unter wenig erfreulichen Verhltnissen, in welche Esther ihr Geschick
gefhrt, verging der Winter, und ein Frhjahr kam herbei, so warm und
wonnig und so reich an Blthen und Dften ringsum, da Esther alles
Ungemach verga und mit vollem Herzen diese Zauberwelt geno. Sie
schrieb glckselige Briefe an ihre Lieben in der Heimath, bei denen
der Winter noch mit all' seinen rauhen Lften und mit Klte und Schnee
regierte, whrend es rings um Esther schon blhte und duftete.

Als dann aber auch in Deutschland das Frhjahr gekommen war, da brannte
die Sonne schon so hei und sengend auf die Fluren hernieder, in denen
Esther umherwanderte, da sich diese gar oft ihren nordischen Himmel
herbei wnschte.

Mit dem Frhjahr sollte sich ja vielleicht Esthers Hoffen und
Harren belohnen, so glaubte sie sicher, und ihr alter Freund hatte
ihr versprochen, sobald er Kunde ber die Rckkehr Herrn Richard's
erhalten knne, wolle er sie sogleich benachrichtigen. Aber Woche um
Woche verging abermals, und kein Brief kam. Die warmen Frhlingstage
verwandelten sich in heien Sommer, unter dessen sengender Sonnengluth
alles verdorrte und verbrannte, so da statt der saftigen Fluren eine
gelbbraune Decke sich berall ausbreitete, und Menschen und Thiere nach
Khlung schmachteten.

Jetzt bot das eisig kalte Steinhaus, in dem Esther wohnte, allerdings
angenehmen Schutz vor der Sonnengluth; aber doch freute sich das junge
Mdchen, da einige Wochen Ferien die Stunden unterbrechen sollten,
denn sie fhlte sich oft unendlich mde und angegriffen. Das stete
vergebliche Hoffen machte sie nervs und niedergeschlagen, sie sah
ja, da ihr Opfer vergebens sein und sie ohne das Geld nach Hause
zurckkehren mute. Sie hatte gehofft, die Erlangung dieses Schatzes
werde ihr die Stellung in England ersparen, und sie knne wieder zurck
in ihr Waldhaus. Nun schwand auch diese Freude; denn wenn sie nichts
verdiente, litt Bertel Mangel und konnte nicht weiter studiren. So
mute sie also jene Stelle binnen Kurzem antreten; man wollte dort
nicht lnger warten, wie Pastor Krause ihr schrieb. Schon beabsichtigte
Esther, gleich beim Beginn der Ferien nach Hause zurck zu kehren,
da schrieb ihr Herr Martin, seine Frau wollte fr einige Wochen in
das Seebad nach Cette gehen und wrde sich freuen, wenn Esther sie
begleiten wolle. Er bitte sie, vorher fr einige Tage in Nmes ihr Gast
sein zu wollen. Esther zgerte anfangs, dies Anerbieten anzunehmen,
ihre angegriffene Gesundheit aber bedurfte allerdings der Strkung
durch Seebder; denn neue Pflichten erwarteten sie ja, fr welche sie
eines krftigen Krpers bedurfte. So nahm sie denn Abschied von ihren
liebenswrdigen Pensionsgefhrtinnen, die ihr trotz aller Mngel und
Fehler herzlich lieb geworden waren, und eilte unter das gastliche Dach
ihres guten alten Freundes in Nmes.

Hier wurde sie mit groer Herzlichkeit aufgenommen und fand eine
angenehmere Huslichkeit, wenn auch ein deutsches Hauswesen diese
sdlichen Zustnde bedeutend an Behagen bertraf. Frau Martin war
eine lebendige, liebenswrdige, alte Dame, und die beiden guten Alten
machten es sich zur Aufgabe, Esther alle Sehenswrdigkeiten von Stadt
und Umgegend zu zeigen.

Es traf sich gerade, da man einen Geburtstag in der kaiserlichen
Familie feierte, wozu die ganze Stadt sich mit Fahnen, Guirlanden und
Teppichen geschmckt hatte, was den Straen einen uerst freundlichen
Anblick verlieh. Groe Processionen durchzogen die Stadt, Abends war
brillantes Feuerwerk und Illumination, das Schnste aber war am andern
Tage ein Volksfest in den alten Mauern der Arena, wozu jedermann
freien Zutritt hatte. Unser altes Prchen fhrte natrlich seinen Gast
auch dahin, und mit Staunen und Entzcken sah Esther dieses prchtige
Schauspiel mit an. Die vortrefflich erhaltenen Ruinen der einst durch
die Rmer erbauten Arena waren jetzt von oben bis unten berdeckt von
vielen Tausend Menschen, und jedes Pltzchen, so klein oder gefhrlich
es auch sein mochte, war besetzt. Alle diese Terrassen, Bogen, Arkaden,
ja selbst der oberste Rand der Umfassungsmauer, alles stand gedrngt
voll Menschen, und da war kein Stein, kein Pfeiler, der nicht seine
interessante Gruppe aufwies. Auf einzelnen losgebrochenen Mauerresten
standen und hingen khne Burschen, und whrend ihre braunen Gesichter
vor Vergngen leuchteten, baumelten sie lustig mit den nackten Beinen
ber dem Abgrunde und lachten der ngstlichen Rufe und Blicke um
sie her. Mnner und Weiber, Kinder und Greise, zerrissene Bettler
und elegante Damen, alles drngte sich dicht an einander, sitzend,
stehend, hngend, kauernd oder liegend, wie es eben ging; aber alles
jubelnd, schreiend, lachend und hoch oben darber der tiefblaue Himmel,
wie ihn eben nur der Sden aufzuweisen hat. Whrend unten in der
Arena Seiltnzer und Jongleure ihre Knste zeigten, ein Luftballon
emporgelassen wurde und bei laut kreischender Musik allerlei Tnze
und Scherze aufgefhrt wurden, wanderten auf der untersten Terrasse
eine Menge Verkufer umher, die Zuschauer mit Frchten und Gebck zu
versorgen. Mit wahrhafter Virtuositt schleuderten diese Hndler ihre
Waaren bis hoch zu den obersten Sitzen hinauf, und gelbe Citronen,
goldene Apfelsinen, lange Weibrode, Feigen, Pfirsiche, Stcke Melonen,
alles flog und schwirrte durch die Luft und wurde ebenso geschickt
aufgefangen als geschleudert. Verfehlte aber ein unglckliches Gebck
oder eine leckere Frucht einmal ihr Ziel und rollte in ein Gebsch oder
in das lose Steingerll, dann zitterte die Luft von endlosem Jubel, und
tausend Hnde und Fe waren in Bewegung, den Schatz zu erobern. Esther
war ganz hingerissen von dem Zauber dieses echt sdlichen Festes, und
feurig und lebendig wie auch ihr Temperament war, jubelte sie mit ihren
franzsischen Nachbarn um die Wette und verga es vollstndig, da von
allen Seiten der verhate Knoblauchgeruch sie einhllte, und eine Menge
hchst uncivilisirter Beine ber ihrem Kopfe baumelten.

Nach einigen in Nmes froh verlebten Tagen reiste Esther in
Gesellschaft der alten Frau Martin nach Cette ab, das prchtig am
Gestade des Mittelmeeres sich hinzog. Von dort gedachte sie einige
Wochen spter in die Heimath zurckzukehren, und Frau von Ihlefeld dann
selbst die Erlangung jenes Kapitals zu berlassen, da ihr diese Freude
nicht vergnnt ward. Der Anblick des Meeres war ein neuer Genu fr
Esther, und mit Entzcken badete sie ihre Glieder in dieser herrlichen
Fluth. Sie fhlte sich durch die Bder bald wunderbar gestrkt und
belebt, und da auch das Zusammensein mit Frau Martin durchaus angenehm
war, so freute sich Esther aus voller Seele dieser schnen Tage. Leider
aber war Frau Martin schon nach Kurzem genthigt, wieder nach Hause
zurckzukehren, da ihr Mann heftig erkrankte; da sie aber hoffte, bald
wieder nach Cette kommen zu knnen, blieb Esther zurck, durch die alte
Dame den braven Hauswirthen warm empfohlen.

In dieser Zeit war es, wo eine junge Dame Esthers Bekanntschaft
erneuerte, welche schon in Nmes in der Arena neben ihr gesessen und
sie mehrfach angesprochen hatte. Esther freute sich, Gesellschaft zu
haben, und obwohl sie eigentlich keinen groen Gefallen an der Dame
fand, kam sie doch tglich mit derselben zusammen. Sie nannte sich
Mademoiselle Lasson, war sehr heiter und gesprchig, und Esther verga
in ihrer Gesellschaft alle trben Sehnsuchtsgedanken. Dies veranlate
sie, hufiger mit Mademoiselle Lasson zusammen zu sein, als sie sonst
wohl gethan htte.

An einem herrlichen Sommerabend ging Esther auch wieder mit ihrer
neuen Freundin am Meeresstrande spazieren, und mit ihnen noch viele
andere Badegste. Man hatte in der Ferne das Herankommen eines Schiffes
gesehen, und das Einlaufen eines solchen in den Hafen war stets ein
Vergngen fr die Fremden. Auch Esther freute sich des Anblicks, wie
das schne, stolze Schiff auf den Wellen daher segelte, und als dann
die Ankommenden ausstiegen, betrachtete sie dieselben voll natrlicher
Neugierde. Da ging einer der angekommenen Herren an ihr vorber.
Mademoiselle Lasson begrte denselben und zwar mit so lauten Worten
und frhlichem Lachen, da Esther etwas scheu zurcktrat. Der Herr
blickte auf und schien ber die Begrung durchaus nicht erfreut; denn
mit einem kurzen Seitenblick auf Esther ging er leicht grend davon.

Wer war der Herr, Mademoiselle? fragte Esther rasch.

O, ein alter Bekannter von mir, Monsieur Richard; er schien mich nicht
recht zu erkennen, sagte die Dame achselzuckend.

Herr Richard? rief Esther freudestrahlend. Herr Richard aus Nmes?
Der Neffe des Herrn Etienne de Villemaud?

Wie seine Verwandten alle heien, wei ich wahrlich nicht, lachte
Jene, ich glaube aber, den Namen gehrt zu haben. Er that diesem
Herrn hier den Gefallen, zu sterben und ihm sein schnes Geld zu
hinterlassen, wenn ich nicht irre. Was wissen Sie denn von diesem Kauz,
liebe Kleine?

Esther war so aufgeregt vor Freude, Glck und Wonne, da sie zitterte
und ihrer Begleiterin in kurzen Worten sagte, da es fr sie von
unendlicher Wichtigkeit sei, diesen Herrn zu treffen. O bitte, wir
wollen ihm schnell nacheilen, da er nicht abreist, ehe ich ihn
gesprochen habe! rief sie glhend und zog Mademoiselle Lasson mit sich
fort.

Halt, liebe Kleine, nicht so hitzig! lachte diese und machte ein so
sonderbares Gesicht, da Esther verlegen stehen blieb.

Sie sind ja sehr eilig hinter dem Herrn her, der wenig von uns wissen
zu wollen schien. Ich wei, er kehrt hier bei einem Bekannten ein,
da werden Sie ihn zeitig genug treffen auch ohne so groe Eile. Aber
hingehen wollen wir, da Ihnen so viel daran zu liegen scheint. Ich darf
doch mit Ihnen gehen?

Esther dankte ihrer Begleiterin herzlich, da sie ihr zur Seite bleiben
und sie zu der Wohnung Herrn Richard's fhren wollte. Zuerst aber
eilte sie nach Hause, das wichtige Papier zu holen, das ihr bisher
so viel Angst und Sorge, Hoffnung und Enttuschung gebracht hatte.
Ihre Begleiterin fhrte sie bis zu dem betreffenden Hause, dann aber
verabschiedete sie sich, was Esther im Grunde nicht unlieb war, sollte
doch niemand weiter von ihrem Geheimni erfahren.

Als sie Herrn Richard gegenber stand, schlug ihr doch das Herz
gewaltig vor banger Erwartung, besonders da jener Herr ihr sehr kalt
und erstaunt entgegentrat und sie mit wenig freundlichen Blicken
anschaute und nach ihrem Begehr fragte. Esther nannte ihren Namen und
versicherte sich zuerst, da sie auch die gesuchte Persnlichkeit vor
sich habe; dann aber nahm sie mit zitternder Hand den Schuldschein aus
ihrer Brieftasche und sagte: Mein Herr, wissen Sie von dieser Schuld?

Herr Richard blickte das Blatt voll Staunen an und sagte: Der Empfang
der Summe ist in den Bchern meines Vetters notirt, aber kein Name.
Ich habe bisher umsonst gewartet, da der Glubiger sich melden solle.
Aber mein Frulein, wie kommen =Sie= zu dem Schuldscheine? Und wieder
blickte er Esther prfend in das glhende Gesicht.

Der Schein war seit Jahren verloren, durch einen Zufall kam er in
meine Hnde, sagte Esther ruhig, aber unwillkrlich noch tiefer
errthend.

So, durch einen Zufall? Und Sie wnschen, ich soll das Geld an Sie
auszahlen? entgegnete der Kaufmann scharf.

Ja, natrlich wnsche ich das, sagte Esther unbefangen.

So besitzen Sie eine Vollmacht, welche Sie berechtigt, die Summe von
mir zu fordern im Namen des Glubigers? entgegnete Herr Richard.

Eine Vollmacht? sagte Esther betroffen. Nein, wozu bedrfte es einer
solchen? Herr von Ihlefeld ist todt, seiner Familie aber stehe ich so
nahe, da Sie mir das Geld getrost ohne solche Vollmacht einhndigen
knnen. Ich bin mit dem Sohne des Hauses erzogen und besitze das volle
Vertrauen der Mutter, welcher ich mit der Ueberbringung des Geldes eine
unerwartete Freude machen will, da sie in sehr drftigen Umstnden
lebt. Ich habe ihr die Auffindung des Schuldscheines, den ich in
einem Buche fand, welches sie mir geliehen, nicht mitgetheilt, um ihr
unnthige Unruhe zu ersparen. Mein Weg fhrte mich nach Frankreich, und
so nahm ich Gelegenheit, den Erben jenes Herrn Etienne von Villemaud
aufzusuchen, um Frau von Ihlefeld bei meiner Heimkehr das Geld statt
des Scheines zu berreichen. Schon glaubte ich meine Hoffnungen
betrogen, da Sie fr unbestimmte Zeit von der Heimath abwesend waren;
da fhrte ein gnstiger Zufall mich heute in Ihre Nhe, und so ist der
Zweck meines Aufenthaltes in Frankreich doch nicht vergebens.

Herr Richard hatte Esther's Erzhlung mit einiger Ungeduld angehrt;
jetzt sagte er kalt: Darf ich um Ihre Legitimation bitten, mein
Frulein?

Mein Pa liegt in Nmes bei Herrn Martin, sagte Esther unbefangen,
ich glaubte ihn hier nicht zu brauchen.

So? entgegnete der Kaufmann ironisch. Ich wei nicht, mein Frulein,
ber was ich mich mehr wundern soll: ber Ihre Dreistigkeit, ohne
jegliche Vollmacht und Legitimation eine solche Forderung zu stellen,
oder ber die Naivitt, mir jenes Mrchen zu erzhlen, den Schein
betreffend. Haben Sie in der That geglaubt, irgend jemand wrde Ihnen
ohne Sicherheit und ohne Vollmacht jene Summe auszahlen? Wer brgt denn
dafr, da Sie das Geld auch den Erben bringen, da diese gar nichts
davon wissen, da der Schein gefunden ist?

Mein Herr! fuhr Esther emprt auf, wie knnen Sie mich so
beleidigen? Ich bin die Tochter eines Predigers und keine Diebin.

Wenigstens wren Sie eine sehr ungewitzigte Diebin, mein Frulein,
sagte Jener trocken. Denn ohne Vollmacht wrde Ihnen schwerlich jemand
das Geld geben, ich wenigstens bin kein solcher Thor. Aber da Sie
glaubten, das Geld werde Ihnen ausgezahlt werden ohne Vorzeigung des
Scheines, so entstand diese Hoffnung vielleicht schon bei Erlangung
desselben. Gerade da Sie der Familie so nahe standen, ermglichte ja
die Erwerbung jenes Papieres. Jene Dame, in deren Gesellschaft ich Sie
soeben am Strande sah, ist eine sehr schlechte Empfehlung fr Ihre
Soliditt und Ehrlichkeit, mein Frulein. Sie selbst habe ich nicht die
Ehre zu kennen, ich gestehe Ihnen aber ehrlich, da ich Ihnen gleich
mit Mitrauen entgegen kam, denn Sie werden das Sprichwort kennen:
_Dis-moi que tu hantes, et je te dirai que tu es._

Esther war auer sich. Mein Herr! rief sie, in Thrnen ausbrechend,
Sie beschimpfen ein ehrliches, schutzloses Mdchen! Meine
Unerfahrenheit hat mich in eine bse Situation gebracht; aber gerade
diese sollte Ihnen dafr brgen, da ich unschuldig bin. Jene Dame
kenne ich kaum und habe keine Ahnung davon, da sie fr ein ehrliches
Mdchen keine passende Gesellschaft ist. Uebrigens verlange ich jetzt,
da Sie augenblicklich an Frau von Ihlefeld schreiben und sich nach
Esther Wieburgs Ruf erkundigen; ich selbst werde ein Gleiches thun und
die Auffindung des Scheines und alles andere berichten. Sie haben die
unbescholtene Tochter eines Predigers tdtlich beleidigt; Gott verzeihe
es ihnen. Dann schrieb sie rasch Frau von Ihlefelds Adresse auf einen
Zettel und wandte sich stolz nach der Thr; mit einem kalten Gru ging
sie hinaus. Zu Hause angekommen sank sie weinend auf ihre Knie. Lange
schluchzte sie krampfhaft und leidenschaftlich; denn der Gedanke, hier
als eine Diebin, als eine schamlose Betrgerin behandelt worden zu
sein, war ihr entsetzlich. Wenn auch nach kurzer Zeit der Verdacht von
ihr genommen wurde, der Schatten hatte doch auf ihr geruht und ihr war,
als sei sie nun fr ewig gebrandmarkt. O Bertel, Bertel, deinetwegen
habe ich alles das zu ertragen! rief sie, das Gesicht in den Hnden
verbergend.

Aber endlich ermannte sie sich und eilte nach ihrem Schreibtische. Sie
mute Herrn Martin brieflich bitten, ihren Pa ihr zu bersenden, den
sie bei ihm deponirt hatte, damit sie sich durch diesen legitimiren
konnte. Dann aber schrieb sie an Frau von Ihlefeld, dieser ihr ganzes
Wnschen und Hoffen darlegend, und wie sie vergebens durch die
Auffindung jenes Schuldscheines und die Erwartung, gleich selbst die
Geldsumme erheben zu knnen, zu der Reise nach Frankreich bestimmt
worden sei. Dann erzhlte sie ihr die Behandlung, welche sie durch
Herrn Richard erlitten und bat dringend um jene wichtige Vollmacht,
damit sie das Geld erheben knne, und ihre Ehre wieder hergestellt
werde. Als sie das Schreiben fortgetragen, fand sie bei ihrer Rckkehr
einen Brief in ihrem Zimmer. Er war aus der Heimath. Welch ein
herrlicher Trost in aller Trbsal und Krnkung. Voll Freude ffnete
sie das Schreiben, es war ein Brief von Bertel und ein kurzer von Frau
Booland. Esther las den kurzen Brief zuerst, er lautete:


                      Mein liebes theures Kind!

  Heute schreibe ich Dir nicht viel, obwohl mir das Herz zum Zerspringen
  voll ist. Bertels Brief enthlt das Weitere. Ich habe es immer
  gedacht, so werde es einmal kommen; denn Adel bleibt Adel, und Geld
  hat einen schnen Klang. Bertel ist ein guter Sohn, er will seine
  Mutter nicht betrben, indem er ihrem Willen entgegen ist, er ist ja
  so leicht zu etwas zu bestimmen. Ob er dadurch freilich den Dolch in
  =das= Herz stt, das ihm anhngt mit unerschtterlicher Treue, und
  dessen dieser Undankbare nie und nimmer wrdig war, das kommt nicht
  in seinen Sinn. Aber genug, mein Herzblatt, ich will meine bittern
  Thrnen still fr mich weinen und Dir dein armes Herzchen nicht noch
  schwerer machen. Nun gehst Du nicht nach England, sondern bleibst bei
  mir, Deiner ewig und unwandelbar getreusten

                                        Friederike Booland.


Mit zitternder Hand faltete nun Esther Bertels Brief von einander.
Was konnte er enthalten, da Tante Booland so gegen ihn erzrnte?
Die Buchstaben schwammen vor ihren Augen, lange Zeit konnte sie
die geliebten Schriftzge nicht festhalten. Endlich aber las sie,
was Bertel schrieb. Nach einigen unwichtigeren Notizen erzhlte er
ihr, da er seit einiger Zeit ein hufiger Gast in seinem einstigen
Vaterhause in Rahmstedt sei, das jetzt in den Besitz eines entfernten
Anverwandten, eines Herrn von Sassen, bergegangen sei. Die Frau sei
todt, eine ltliche Cousine vertrete ihre Stelle im Hause. Er sei hier
mit groer Freundlichkeit aufgenommen worden, und auch seine Mutter
sei, nachdem sie den ersten Schmerz berwunden, in das Haus wieder
eingetreten, wo sie so Schreckliches erlebt. Nun verkehrten sie Beide
hufig mit diesen Verwandten, welche frher im Auslande lebten, und
es habe sich ein sehr inniges Verhltni zwischen beiden Familien
gebildet. Die hchst anmuthige junge Tochter Susanne, das einzige
Kind des Onkels, sei ihm wie eine Schwester entgegengekommen, und er
sei dem hbschen Kinde herzlich zugethan. Mit Esther freilich drfe
er sie nicht vergleichen, aber wer kme dieser berhaupt gleich? --
Seine Mutter habe ihm nun vor einigen Stunden gesagt, da der Onkel
eine Verbindung ihrer beiden Familien sehr wnsche, und Bertel ihm
trotz seiner Armuth einst ein willkommner Gatte fr sein Kind sein
werde. Frau von Ihlefeld habe keinen hhern Wunsch, als da ihr Sohn
zu diesem Plane die Hand reiche, und auch Susanne werde sich sicher
damit einverstanden erklren, das drfe er erwarten; denn sie sei ein
gutes, fgsames Kind, das dem Willen des Vaters schwerlich entgegen
sein wrde. Der Reichthum des Onkels, schrieb Bertel weiter,
sichert meiner Mutter eine sorgenfreie Zukunft, und fr mich selbst
erschliet sich eine neue Welt. Mein einstiges Vaterhaus nimmt mich
wieder auf als Sohn und Erben, und der Besitz dieses lieben Mdchens
giebt mir zugleich die Mittel in die Hand, die Trume meiner Jugend zu
verwirklichen und im Dienste meiner Wissenschaft Reisen zu machen. Ein
Archolog, zu dem ich mich bilden will, ist nichts ohne Reisen, und so
verschafft dieser Bund allen Theilen Glck und Vortheil. Aber so sehr
ich entschlossen bin, einen so wichtigen Schritt zu thun, schrieb
Hubert weiter, so mu ich doch wissen, wie Du darber denkst, meine
gute Esther. Schreibe es mir ganz ehrlich; denn einen bessern Freund
als Dich habe ich ja nie besessen, und nie im Leben habe ich etwas
Wichtiges ohne Deinen Rath und Deine Billigung unternommen. Wohl wei
ich es, meine liebe theure Schwester, mein Glck ist auch immer das
Deine gewesen, das hast Du mir bewiesen, seit wir als kleine Kinder
schon alles Leid und alle Freuden mit einander getheilt haben. Doch ich
mchte ein Wort von Deiner lieben Hand sehen, mchte von Dir selbst
hren, da Du mein Vorhaben billigst, sonst kann ich meines Glckes
nicht froh werden. Lange war ich unschlssig, ob ich mich in dieser
Weise binden sollte; aber meine Mutter drngt, und ich sehe ja selbst
ein, da diese Verbindung groe Vortheile fr uns hat. Aber dennoch
-- ach Esther, mein lieber, getreuer Kamerad, sage auch Du, da ich
recht thue, da Du es vernnftig und gut findest, und da Du auch
ferner meine liebe, treue Schwester bleiben willst. Dann erst bin ich
ruhig darber, da ich dem Drngen meiner Mutter nachgegeben und will
das innere Unbehagen berwinden, das mich peinigt, ich wei selbst
nicht, weshalb. Ohne Dich bin ich ja immer nur ein halber Mensch, immer
sttzest und ergnzest Du mich, Du mein besseres Ich, der Schutzengel
meines Lebens!

Esther sa nach Beendigung dieses Briefes bleich und still auf ihrem
Sessel. Die Hnde waren in ihren Schoos gesunken und hielten den Brief
noch fest, ihre Augen waren geschlossen und die Lippen zitterten leise.
Endlich entrang sich ein Ton ihrer Brust, die angstvoll athmete. Es
war wie der Schrei eines Versinkenden. Heftig warf sie pltzlich beide
Arme empor und sprang vom Sitze auf. Eine furchtbare Angst trieb sie
umher, und wie verzweifelt durcheilte sie fort und fort ihr Zimmer, die
Hnde fest in einander gekrampft und leise sthnend. Aber keine Thrne
kam in die heien Augen und erleichterte ihrer gepreten Brust den
entsetzlichen Kampf, den sie zu bestehen hatte.

O was ging in diesem jungen Herzen vor, whrend ihr Fu angstvoll im
Zimmer auf und nieder eilte! Ihr war, als htte eine grausame Hand
mit einem Wurfe pltzlich alles in Trmmer geschlagen, was das Wesen
ihres ganzen Lebens ausgemacht hatte; als htte sie bis jetzt in sen
Trumen gelegen, und nun sei sie mit einemmale geweckt worden zu einem
Dasein, so furchtbar, so grauenvoll, da das Herz ihr davor erbebte.
Was war es nur, das man ihr zertrmmert? Was war es, das man ihr so
pltzlich entrissen? War es das Herz in ihrer Brust oder ihr Fhlen,
ihr Denken? Ein Schmerz durchdrang sie so entsetzlich, wie sie ihn noch
nie im Leben empfunden, und doch wute sie nicht, war es der Krper
oder der Geist, der so grausam litt. O Bertel, Bertel! rief sie
endlich verzweifelt und schlug die Hnde vor das Gesicht, und jetzt
brach ein Strom Thrnen hervor, so leidenschaftlich und berwltigend,
als wollte sich ihr ganzer Krper in Thrnen auflsen.

Schwach und gebrochen ruhte Esther endlich im Lehnstuhle, und ihre
Augen blickten hinauf zum Himmel, von woher Hlfe und Trost allein noch
kommen konnte. Ihre Gedanken waren klarer geworden, und jetzt erst
wute sie, was ihr zertrmmert worden. Es war der Traum ihrer Zukunft.
Ohne da sie sich je davon Rechenschaft gegeben, hatte sie ihr Leben
mit all' seinem Hoffen und Wnschen, Denken und Fhlen so vllig mit
dem ihres geliebten Bertel zusammengeschmolzen, da es fr sie eben
eine Unmglichkeit war, sich ihre Existenz von der ihres Spielgefhrten
getrennt zu denken. Vom ersten Tage ihres Zusammenseins an hatte sie
nur an ihn gedacht und fr ihn gelebt und gesorgt, und so war es
geblieben bis zu dieser Stunde. Was fragte sie je nach ihrem eigenen
Wohlbehagen, ihren eigenen Bedrfnissen, wenn nur Bertel zufrieden
war! Wie sie als kleines Mdchen nur um seinetwillen gelernt, nur an
den Spielen Freude hatte, die ihm lieb waren, und fr alles gesorgt
hatte, was er bedurfte, so war es bis heute noch geblieben. Fr wen
mhte sie sich Tag fr Tag mit den Schlern bei Pastor Krause? Fr
wen hatte sie sich die Schmerzen der Trennung auferlegt und wollte
in England Erzieherin werden, und fr wen war sie endlich hier nach
Frankreich gegangen, hatte alles Ungemach in jener Pension und heute
selbst Schmhungen und Verdchtigungen ertragen? Ach fr ihn, fr ihn
allein, der ihr Gedanke war frh und spt, und dem sie den Weg bahnen
wollte zu Glck und Ehre und Ruhm. O und welcher Jubel hatte ihr Herz
erfllt beim Auffinden des Scheines! Nun ward er ja wohlhabend und die
Sorgen hatten ein Ende, und sie, sie hatte es ihm verschafft! Aber nun
war alles aus! Nun bedurfte er ihrer nicht mehr und ihrer Arbeit und
Mhe; nun gaben ihm Andere mit vollen Hnden, was er brauchte und mehr
als er brauchte. Aber nun gehrte er auch diesen Anderen, und sie hatte
keine Rechte mehr an ihn. Sie war allein, allein mit ihrem Herzen, das
er verschmht hatte, eine Andere trat nun an diese Stelle!

Weiter konnte Esther mit ihren Gedanken nicht kommen, es kam wieder wie
ein Krampf ber sie, und leise wimmernd sank sie zusammen. Htte sie
nur wenigstens jemand gehabt, der mit ihr sprechen konnte; aber diese
trostlose Einsamkeit, es war zu schrecklich!

Endlich jedoch trat ein Friedensengel zu dem armen, einsamen Kinde.
Und Du wirst ihm doch noch immer lieb und theuer sein, trotz aller
neuen Bande! Er wird Deiner bedrfen nach wie vor trotz alles
Reichthums und alles Wohlbehagens! so tnte es in ihrer Brust.
Ich will ihm bleiben, was ich ihm bis jetzt gewesen, seine treue,
helfende Freundin, das kann ihm weder Geld noch Gut noch sonst etwas
auf der Welt ersetzen. O mchte er nur glcklich werden, mchte diese
Susanne ihn lieben! Doch wie sollte sie nicht, wie sollte man Bertel
nicht lieben, den schnen, herrlichen Bertel! Aber warum er nur nicht
glcklicher schreibt? Ein Unbehagen peinigt ihn und lt ihn nicht
froh werden. Liebt er denn Susanne nicht? Ist es =nur= der Wunsch
seiner Mutter, der ihn bestimmte und die Aussicht auf Reichthum und
Wohlbehagen? O, das wre schrecklich! Da seine Mutter ihn drngt, ist
doch sehr unrecht; aber sie meint freilich, Bertels Glck dadurch zu
sichern.

Aber das Geld allein ist's wohl nicht, was Tante Ihlefeld zu dem
Wunsche treibt, Bertel soll diese Cousine heirathen! Wie schreibt Tante
Booland? Adel bleibt Adel! Tante Ihlefeld hat mich ja immer fhlen
lassen, da ich nicht ihresgleichen bin, ich wei es recht wohl, wenn
ich auch nie darber sprach. Wute ich ja doch, da Bertel nicht so
stolz war und seine kleine Esther wirklich wie eine Schwester liebte.
Und die will ich ihm bleiben! Ach jetzt erst wei ich ja, da ich noch
andere Wnsche im Herzen fr uns Beide hatte; aber er hat wohl an mich
nie anders gedacht, als an eine treue Schwester.

O mein Gott, mein Gott, rief Esther flehend und hob die Hnde zum
Himmel empor, o gieb mir die Kraft und die Selbstberwindung, ihm auch
ferner diese treue Schwester zu bleiben! Ich mu es -- und ich will es!

Dann setzte sie sich nieder, Bertel einige Zeilen auf seinen Brief
zu antworten, wie er gebeten. Es war ein schweres Werk; aber Esther
vollendete es mit ihrem starkem Herzen und starken Willen. Sie schrieb
Bertel, da er sie richtig beurtheilt, =sein= Glck sei auch das Ihre,
und Gott mge den Schritt segnen, den er thun wolle, oder nun wohl
bereits gethan habe. Sie aber verspreche, ihm und seiner Frau ihr
ganzes Lebenlang eine treue Schwester und Freundin zu bleiben.

Weiter schrieb sie nichts, sie konnte es nicht. Und nun war ihr, als
habe sie ihr Lebensglck in das Grab gelegt, nun war alles, alles
vorber. Eine Mdigkeit und Gleichgltigkeit kam ber sie, wie
sie nie im Leben noch erfahren. Was kmmerte sie es jetzt, was aus
ihr wurde, wohin sie ging, was die nchste Zeit nun bringen wrde?
Es war ihr alles gleich. Sollte sie hier bleiben oder nach England
gehen oder wo sonst hin. Nur jetzt nicht nach Hause, nur nicht sehen,
da Bertel durch den Besitz dieser Susanne glcklich war und andern
angehrte, als ihr. Nach Hause in das stille Waldhuschen, ohne Arbeit
und Zerstreuung, in steter Nhe jener grausamen Frau, die ihr Bertel
entrissen, durch deren Willen er zu diesem Schritte gedrngt worden --
nein, das war unmglich! Tante Booland mute dies einsehen trotz aller
ihrer sehnschtigen Liebe. Nein, lieber fort unter fremde Menschen, wo
sie arbeiten und ihre Gedanken ableiten konnte! -- Hier wollte sie nur
noch so lange bleiben, bis die Vollmacht ankam. Dann wollte sie Herrn
Richard bitten, das Geld an Frau von Ihlefeld zu senden, sie selbst
aber wollte sich direct nach England in die Familie begeben, welche sie
mit Ungeduld erwartete.

Es waren traurige Tage fr die arme Esther, die bis zur Ankunft dieses
Briefes vergehen muten. Sie blieb fast immer zu Hause; denn am Strande
frchtete sie entweder Herrn Richard zu begegnen, oder jener Dame,
welche ihr so unsglich geschadet hatte. Esther begriff nun wohl, htte
Herr Richard sie nicht mit dieser Begleiterin gesehen, so wre er
ihr nicht gleich so mitrauisch entgegen getreten, sondern wrde sie
hchstens fr ein sehr unerfahrenes Mdchen gehalten haben, aber nicht
fr eine mgliche Diebin und Betrgerin.

                   *       *       *       *       *

Whrend fr Esther die Tage trbe und langsam dahin schlichen,
verlassen wir sie fr einige Zeit und kehren zurck nach dem kleinen
Waldhause zu Rahmstedt.

Kurze Zeit nach Absendung jenes Briefes von Esther war Bertel der
Verlobte von Susanne von Sassen. Die Verlobung sollte jetzt noch ein
Geheimni bleiben, bis Bertel promovirt hatte. Susanne war fast
noch ein Kind und auch Bertel noch zu jung fr eine Heirath; so traf
alles passend zusammen. Bertel ward aber auch jetzt schon als Sohn
des Hauses aufgenommen, und das jugendliche Brautpaar lernte sich
jetzt im tglichen Beisammensein erst nher kennen. Susanne war eine
bildhbsche, kleine Blondine, gut und weichherzig und von frhlichem
Gemth; aber weder besonders klug noch auch sehr gebildet. Ein hbsches
Kleid war ihr tausendmal lieber als ein gutes Buch, und Vergngen
und Tanz ging ihr ber alles. Sie hatte ihre sechzehn Lebensjahre in
sem Nichtsthun und steter Frhlichkeit vertndelt, unter Spielen und
Tanzen, Lachen und Schwatzen. Verwhnt als einziges Kind reicher Eltern
kannte sie keinen andern Willen, als den ihren, und kein Wunsch blieb
ihr versagt. Da man auch fr Andere leben, sich auch ntzlich machen
konnte in der Welt, das war ihr ebenso fremd, wie alles, was Ernst oder
Arbeit hie. Aber bei alledem war sie ein gutes, fgsames Kind, und als
der Vater ihr sagte, er wnsche, da sie den hbschen, liebenswrdigen
Hubert von Ihlefeld heirathen solle, da war sie nicht unzufrieden
damit, obwohl sie eigentlich vor dem klugen, gelehrten jungen Vetter,
von dem alle Welt mit so groer Bewunderung sprach, etwas Furcht hatte.
Er war oft gar so ernsthaft, und an Tanzen und hbschen Kleidern
fand er gar kein Vergngen. Er sah es gar nicht einmal, wenn sie
ein schnes neues Kleid ihm zu Ehren angezogen hatte und unterhielt
sich eigentlich immer viel mehr mit ihrem Vater ber so schrecklich
ernsthafte Sachen, statt da er mit ihr schwatzte und lachte. Aber er
war so ein bildhbscher Junge, und es war eine so groe Ehre, mit einem
so gelehrten Manne verlobt zu sein; vielleicht lernte er bei ihr noch
Lachen und Tanzen und Freude an all' dem, was sie liebte. Nun war sie
eine Braut, das klang doch zu hbsch! Wenn sie es nur erst ffentlich
wre! Wie wrden ihre Freundinnen sie beneiden! --

Und so tanzte und lachte und spielte sie um Bertel her, wenn dieser bei
ihr war und trieb tausend Tollheiten, sobald er versuchte, ein ernstes
Wort mit ihr zu sprechen.

Bis dahin hatte Bertel nur das reizende Kind in ihr gesehen, jetzt
erst bemerkte er, wie oberflchlich und unbedeutend sie war. Das Bild
Esthers trat unwillkrlich daneben, und Bertel, der wenig Mdchen
kennen gelernt, hatte geglaubt, alle mten so viel wissen und so klug
und strebsam sein, als sie. Ein Unbehagen, wie er es neben Esther nie
empfunden, kam ber ihn, wenn er lngere Zeit mit Susanne verkehrte,
und obwohl er alles auf die groe Jugend seiner Braut schob und von
der Zukunft erwartete, da sie ernster und gediegener werden mchte,
so konnte er doch nicht recht froh neben ihr werden. Oft schon hatte
er ihr von Esther erzhlt, und jetzt that er es noch hufiger in der
Hoffnung, Susanne solle fhlen, wie sehr er wnsche, sie mge Esther
hnlich werden. Aber der lustigen Susanne lag nichts ferner, als
solcher Wunsch. Sie staunte Esthers Vortrefflichkeiten und Wissen an
wie etwas hchst Sonderbares und Merkwrdiges, der Wunsch aber, selbst
so zu sein, kam ihr nie, im Gegentheil, ihr graute bei dem Gedanken, so
viel lernen und arbeiten zu mssen und so ernsthaft und fleiig zu sein.

Htte Bertel sich aus Liebe mit ihr verlobt, so wrde er Susanne's
Fehler kaum bemerkt haben; denn Liebe umgiebt alles mit einem sonnigen
Glanze, und selbst kleine Fehler erscheinen an einem geliebten Wesen
als etwas Anziehendes. Jetzt aber, ohne eine so innige Neigung
traten ihm Susannes Mngel mit jedem Tage unangenehmer entgegen; die
Folge davon aber war, da auch er seiner leichtherzigen jungen Braut
weniger gefiel, die immer daran gewhnt war, da alles ihr huldigte
und schmeichelte. Da aber ihr Brutigam dies nicht nur unterlie,
sondern sie sogar zuweilen tadelte, das war dem verwhnten Kinde hchst
empfindlich. Schon in den ersten Tagen ihres Brautstandes schmollte
ihr hbscher kleiner Mund mehrfach, und warf sie das blonde Kpfchen
rgerlich in den Nacken. Ein solch' kindisches Benehmen war Bertel aber
etwas ganz Fremdes und mifiel ihm in hohem Grade; Esther war ja nie
launisch gewesen.

So waren die ersten Tage von Bertels Brautstand vergangen. Seine Mutter
berhufte ihn mit Liebkosungen und Zrtlichkeit, denn sie war ihm
innig dankbar, da er sich ihrem Willen so bald gefgt trotz seines
ersten Widerstrebens. Aber Frau Booland, die alte treue Freundin aus
Bertels Kinderjahren, sie hatte jetzt kein gutes Wort und keinen
freundlichen Blick mehr fr ihren einstigen Liebling. Finster schaute
sie drein, wenn Bertel bei ihr eintrat, wie er gewhnt war, und bei
all' seinen Schmeichelworten und Erzhlungen blieb ihr sonst so
gesprchiger Mund fest verschlossen.

Tante Booland, du bist mir sehr bse, sage es nur, rief Bertel
endlich, nachdem er mehrmals vergebens versucht, ihr einen freundlichen
Blick abzuschmeicheln. Gnnst du deinem armen Bertel wirklich gar kein
Wort mehr?

Wer mir keins gnnt verdient es nicht besser! entgegnete Frau Booland
kurz. Die Zeiten sind vorbei, wo man Tante Booland noch um Rath
fragte. Jetzt ist sie fr gewisse Leute gar nicht mehr in der Welt. O
Undank, Undank! Dann aber seufzte sie tief auf und schwieg beharrlich,
und Bertel versuchte umsonst, seine alte Freundin milder zu stimmen, es
ging nicht. Aber ihre rothgeweinten Augen gaben ihm viel zu denken und
vermehrten das Unbehagen, das auf seinem Gemthe lastete.

Da kam Esthers Brief an mit der Erzhlung dessen, was sie nach
Frankreich getrieben und was sie um dieses Schuldscheines willen hatte
ertragen mssen. Auch Herrn Richards Brief mit der Anfrage, welche
Bewandni es mit Esthers Erzhlung habe, folgte gleich darauf. Welch'
eine Nachricht war das!

Frau von Ihlefeld berreichte Bertel Esthers Brief mit zitternder Hand,
als dieser in das Zimmer trat. Die Thrnen perlten ber ihr bleiches
Gesicht, und mit leiser Stimme sagte sie nichts als: Lies, Bertel!
Dieser blickte seine Mutter berrascht an und durchflog Esthers Zeilen.
Dann sank er auf einen Stuhl und bedeckte schweigend sein Gesicht mit
den Hnden. Auch Frau von Ihlefeld schwieg, aber sie weinte leise in
ihr Tuch. Endlich stand sie auf, trat zu ihrem Sohne heran und legte
ihre Arme um seinen Hals.

Mein lieber, lieber Sohn! sagte sie weich und kte seine Stirn,
auf der dicke Schweistropfen standen. Bertel aber erwiederte ihre
Zrtlichkeit nicht, sondern lie die Hnde schlaff herabsinken und
schaute dster vor sich nieder. Rede doch, Bertel, sprich mit mir!
flehte die Mutter, aber Bertel hrte sie kaum. Es arbeitete furchtbar
in seiner Brust; endlich stand er rasch auf und eilte zur Thre. Wo
willst du hin, Bertel? rief Frau von Ihlefeld angstvoll.

La mich, Mutter, ich mu allein sein! sthnte er leise und schob die
Mutter zur Seite. Dann strzte er zum Zimmer hinaus.

Frau von Ihlefeld blickte ihm bestrzt nach, wie er schnellen Schrittes
in den Wald hinein eilte. Dann aber nahm sie Esthers Brief und den des
Herrn Richard und ging zu Frau Booland hinab. Diese staunte nicht wenig
ber den seltenen Besuch; denn seitdem Bertel mit Susanne verlobt war,
hatte sich Frau von Ihlefeld mehr von ihr zurckgezogen und wieder
ihren ehemaligen hochmthigen Ton gegen sie angeschlagen. Und nun kam
sie sogar zu ihr herab und hatte Thrnen im Auge. Als dann aber Frau
Booland Esthers Brief gelesen, da brachen die Wellen der Erregung ber
der alten treuen Pflegerin zusammen, und sie zitterte und flog wie ein
Blatt im Winde, whrend sie weinend und schluchzend in ihren Stuhl
zurcksank.

O das Kind, das Kind! sthnte sie immerfort schluchzend, weiter
aber konnte sie nichts hervor bringen. Frau von Ihlefeld versuchte,
mit der erschtterten alten Frau zu reden; denn ihr Herz war ihr zum
Zerspringen voll. Aber Frau Booland schwieg bei allen ihren Reden und
schien sie kaum zu hren, und so verlie Jene nach einiger Zeit das
Zimmer, mde der vergeblichen Versuche. Sie wird wahrlich stumpf und
alt, murmelte Frau von Ihlefeld verdrielich, zu reden ist gar nicht
mehr mit der armen Person.

Frau Booland sa noch eine lange Weile still und in sich versunken
am Fenster und schaute in das flammende Abendroth, das den Himmel in
seltener Pracht berzog. Ihr Zimmerchen lag nach dem Walde hinaus,
und die verschwindende Sonnengluth tauchte die Wipfel der Bume in
wundervolle Farbentne. Die Abendluft zog weich und wrzig zum Fenster
herein und spielte um die faltige Stirn der Matrone, welche das weie
Haar mild und freundlich umrahmte. Ihr Auge schweifte wehmthig in die
Ferne, als wollte es den Raum durchdringen, der sie von ihrem lieben
Kinde trennte. Banger und banger legte die Sehnsucht sich um ihr altes
Herz, und endlich konnte sie es im Zimmer nicht lnger aushalten. Dort
drben im Walde stand eine kleine Bank, da hatte sie so oft mit ihrer
Esther gesessen, da zog es sie hin, als knnte sie ihren Liebling dort
wieder finden, wie frher.

Als Frau Booland langsamen Schrittes in die Nhe dieser Lieblingsbank
kam, sah sie, da schon jemand dort sa. Ihre alten Augen konnten
aus der Ferne nicht erkennen, wer es war, und so trat sie unbemerkt
nher heran. Es war Bertel. Er hatte den Kopf in beide Hnde gesttzt
und das Gesicht verhllt und schien so in sich versunken, da er die
Herantretende nicht bemerkte, selbst als sie dicht vor ihm stand.

Bertel, du bist's? rief Frau Booland verwundert, und erschrocken fuhr
der junge Mann bei dieser Anrede empor. Nun sah die alte Frau, da
Bertels Gesicht ganz verstrt war und von Thrnen berfluthet. Kaum
erkannte er die vor ihm Stehende, als er laut weinend an ihre Brust
sank.

O Tante Booland, was hab' ich gethan! rief er ganz auer sich und
schluchzte wie ein Kind. Die groe, stattliche Alte schlang ihre Arme
fest und zrtlich um die schlanke Gestalt, als sei es wieder der kleine
Bertel, den sie in frheren Jahren so oft beruhigt und getrstet,
wenn ein kindliches Leid ihn zu ihr gefhrt. Liebevoll strich sie
wie ehemals ber sein weiches, blondes Haar und gab ihm sanfte
Schmeichelworte, um ihn zu beruhigen. Bertel lie sich alles gefallen;
es war ihm ein Trost, sich an dieser treuen Brust ausweinen zu knnen.
Frau Booland setzte sich endlich auf die Bank, und Bertel lie sich
neben ihr nieder, den Kopf immer noch an ihre breite Schulter lehnend,
denn ihm war so wohl im Schutze dieser alten treuen Freundin. Die Alte
sah bewegt in ihres Lieblings schnes Gesicht, und indem sie ihm die
prachtvollen Haarlocken von der Stirn strich, die in wilder Unordnung
darber gefallen waren, sagte sie mild: Nun, mein armer Junge, was
qult dich denn so? Sprich dich doch aus, du weit, ich meinte es immer
gut mit dir.

Ja, ich wei es! rief Bertel und kte die breite, derbe Hand, die
so zrtlich um ihn bemht war. O Tante Booland, aber auch du kannst
mir nicht mehr helfen, es ist ja zu spt. O mein Gott, mein Gott,
welch' ein Thor bin ich gewesen, welch' ein verblendeter Narr! Und in
wildem Grimm ballte er die Hnde und schlug sich damit vor die Stirn.
Frau Booland schttelte den Kopf, und die Hnde ihm vom Gesicht herab
ziehend sagte sie ernst: Mit Klagen und Jammern hat noch nie jemand
einen Grashalm bewegt, la das jetzt, Bertel. Was bereust du denn und
was erkennst du jetzt erst?

Was ich erkenne? rief Bertel heftig, da ich nicht werth bin, Esther
die Fe zu kssen! O =was= hat sie gethan, was ertragen fr mich und
um meinetwillen! O Tante Booland, sage mir nur das Eine, nicht wahr,
Esther liebt mich?

Esther hat dich geliebt, seit ihr zusammen als kleine Kinder gespielt
habt, entgegnete Frau Booland und eine Thrne rollte ber ihre
gefurchte Wange.

O das meine ich nicht, Tante, rief Bertel, nicht wie eine Schwester
und nicht als mein lieber bester Kamerad, wie ich sie immer nannte.
Ich meine, glaubst du, da sie mich noch lieber hat, -- o so lieb, wie
=ich= sie habe? So unsglich, so unaussprechlich lieb, da ich fr sie
sterben knnte, wenn ich wte, sie wrde glcklich dadurch!

Wie Bertel? Du liebst Esther, und doch willst du eine Andere
heirathen? sagte Frau Booland tief verletzt und blickte voll Erstaunen
in Bertels erregtes Gesicht.

O das ist ja eben das Entsetzliche! rief Bertel in Verzweiflung und
verhllte wieder sein Gesicht. Kannst du es denn glauben, da mir
soeben erst die Binde von den Augen gefallen ist? Da es soeben erst,
als ich Esthers Brief an meine Mutter gelesen, wie ein Blitz durch
meine Seele ging und mir die Tiefen meines eigenen Herzens enthllte?
O niemand, niemand wohnt ja in diesem Herzen, als meine Esther, dies
theure, geliebte Mdchen, die all' ihr Glck und all' ihre Ruhe
hingegeben seit ich denken kann, nur damit ich glcklich sein konnte.
O das mu ja Liebe sein, ja sie =mu= mich lieben! Und ich Thor habe
diese Liebe hingenommen wie etwas, das sich von selbst versteht, o und
jetzt, jetzt -- habe ich ihre Liebe verrathen!

Frau Booland sa schweigend neben dem unglcklichen Jngling; denn auch
sie wute ja nicht zu rathen und zu helfen!

Meine Mutter hat die Schuld! sprach Bertel weiter. Sie hat mir keine
Ruhe gelassen, bis ich auf ihren Plan einging, und jetzt wei ich erst,
was es war, das mich zurckhielt und mir immer zurief: Thu' es nicht,
thu' es nicht! Aber wenn eine Mutter bittet und fleht, dann giebt der
Sohn doch endlich nach, ich wenigstens konnte nicht anders! Und ich
deckte ja mir den Abgrund selbst zu mit so herrlichen Blumen, sagte mir
immer wieder, welche Vortheile aus dieser Heirath entstehen wrden, so
da ich wirklich zuletzt selbst daran glaubte. Aber jetzt ist mir die
Binde von den Augen gerissen, und ich sehe erst ganz, was ich gethan!
Mich selbst habe ich unglcklich gemacht, o und was noch viel tausend
Mal schlimmer ist, auch Esther! Das ist der Dank fr alle ihre Liebe,
alle ihre jahrelangen Opfer! Und fr wen opferte ich dieses herrliche
Mdchen? Fr eine leichtfertige, eitle Puppe, die mich ewig unglcklich
machen wird und ich sie; denn wir werden nie zu einander passen, o nie,
nie!

Aber mein Gott, Bertel, =so= sprichst du von deiner schnen Braut!
rief Frau Booland in hchstem Erstaunen.

Ja, es ist nicht anders, ich sehe es mit jeder Stunde deutlicher,
es war ein entsetzlicher Irrthum, mich mit ihr zu verloben! sagte
Bertel vor sich hin brtend. Aber es ist einmal geschehen; meine Ehre
verlangt, da ich das Wort einlse, das ich gegeben, denn ich gab es
freiwillig. O es ist entsetzlich!

Wieder brach Bertel unter der Last seines Jammers zusammen, und Frau
Booland sttzte sinnend den Kopf auf ihre Hand; ihre Lippen schlossen
sich immer fester und energischer auf einander, und ihre Augen wurden
immer lebendiger. Bertel, sagte sie endlich und legte ihre Hand auf
des jungen Mannes Schulter, hre mich einmal an. Ich bin eine alte
Frau und habe auf der ganzen Welt kein anderes Glck, als das meiner
Esther und auch deines, mein lieber Sohn. Was es mir fr ein Kummer
gewesen ist, als ich sah, wie man dich zu diesem Bunde zu bestimmen
suchte, das hat der liebe Gott allein erfahren. Wute ich ja doch, da
meiner Esther Glck und Leben damit zu Grunde ging. Denn Bertel, das
sage ich dir jetzt: du magst Esther sehr lieb haben; aber was Esther
fr dich fhlt, davon hast du doch keine Idee. Die Liebe zu dir ist
der Lebensodem des Kindes; nimm ihr diese, und du nimmst ihr auch das
Leben, oder wenigstens das beste Theil davon; denn der schale Rest, der
dann noch brig bleibt, ist meine herrliche Esther nicht mehr. Aber
auch dein Unglck geht mir nahe, mein armer Junge. Freilich hast du
dein Wort gegeben, das ist richtig, und ehrenvoll wre es nicht, nun
zurckzutreten, gerade jetzt, wo du selbst Geld hast und das Ihre nicht
mehr brauchst. Aber da darum drei junge Herzen unglcklich werden
sollen, -- denn die arme kleine Susanne thut mir auch leid, sie ist
ein gutes kleines Herze, fr dich aber scheint sie freilich keine Frau
zu sein, -- ja, warum ihr alle zusammen unglcklich werden sollt, das
sehe ich denn doch auch nicht ein. Bist du es zufrieden, Bertel, wenn
ich fr dich eintrete, und die Sache in die Hand nehme? Ein leichtes
Werk wird es wohl nicht sein, das sage ich mir; aber was wre mir fr
meine Esther zu schwer? Und im schlimmsten Falle, wenn meine Versuche
miglcken, krht kein Hahn darum, da die alte Frau sich blamirt hat
mit ihren Vorschlgen. Nun also, Bertel, sage, ist dir's recht, soll
ich mein Heil versuchen?

Was willst du denn thun, Tante Booland? sagte Bertel zerstreut und
theilnahmlos.

Das la mein Geheimni sein! entgegnete die Alte aufstehend. Wenn
mein Plan gelingt, wirst du schon zufrieden sein, gelingt er nicht --
nun dann ist's berhaupt einerlei. Aber deine Zustimmung mu ich haben,
sonst kann ich nicht handeln. Willst du sie mir geben?

Meinetwegen alles, was du willst, Tante, sagte der junge Mann trbe,
Hoffnung habe ich fr mich keine mehr auf der Welt. Ich habe mein
Glck mit eigenen Fen zertreten, nun mu ich die Folgen tragen. O
wenn nur =sie= nicht auch dadurch leiden mte; das ist der Fluch, der
mich zu Boden drckt!

Nur Muth und Gottvertrauen, mein Junge! Es wird vielleicht noch alles
gut, trstete Frau Booland, noch einmal liebevoll ber Bertels Backen
streichend. Dann ging sie nach dem Hause zurck, setzte sich ihre
Sonntagshaube auf und nahm ihr bestes Umschlagetuch um die Schultern.
Mit ihren groen, festen Schritten durcheilte die rstige Alte alsdann
die Dorfstrae, und nach einiger Zeit betrat sie den Gutshof.

Die Sonne war bereits untergegangen, und matte Dmmerung lag auf
Haus und Garten, als Frau Booland die breite Terrasse berschritt
und den herbeieilenden Diener fragte, ob sie das gndige Frulein
sprechen knne. Frulein Susanne war im Garten, die brige Herrschaft
jedoch ausgefahren. Frau Booland sagte, sie wolle das Frulein selbst
aufsuchen, und so durchwanderte sie den schon leise dunkelnden Park,
bis sie endlich Susannes helles Kleid erblickte, das rasch hier
und dort zwischen dem Gebsch auftauchte. Frhliches Gelchter und
Gekreisch drang bis zu Frau Booland, welche lauschend nher trat.

Nun sah sie, wie sich die leichte Gestalt Susannes soeben auf einem
niedern Baumstamme schaukelte, whrend ber ihr auf einem Zweige ein
bunter Papagei sa und heftig kreischend mit den Flgeln schlug.
Mit dem Schnabel hackte er wthend in die Schnur, die um seinen Fu
geschlungen war und welche Susanne in ihrer Hand hielt. Das Geschrei
und der Aerger des Vogels schienen des jungen Mdchens Heiterkeit
immer mehr zu erregen, und sie rief lustig, indem sie die Schnur bald
fester, bald loser hielt: Peterchen, Papchen, kleiner Trotzkopf,
rgere dich doch nicht so, los lasse ich dich doch nicht. Mut auch
fhlen, wie's thut, einen Faden um's Bein zu haben, an dem immerfort
gezogen und gezerrt wird; 's ist abscheulich, nicht wahr, Papchen? O
ganz abscheulich! Und wieder zerrte sie und lachte und schwang sich
auf dem Aste hin und her, whrend der Papagei aus Leibeskrften schrie
und flatterte.

Frau Booland sah dem kindischen Treiben still eine Weile zu und hatte
dabei ihre Gedanken. So, die Schnur drckt dich also ganz abscheulich,
mein Pppchen? sagte sie leise und runzelte die Stirn. Denkst wohl,
ich wei nicht, welche Fessel du meinst? Und das ist ein Gegenstand zu
Possen und Vergngen? Armer Bertel, gut, da du es nicht siehst! Nein,
nein, das ist nichts fr meinen ernsten, lieben Jungen; dies Kind pat
fr ihn sicherlich nicht, das glaube ich gern.

Dann aber schlug sie das Gebsch zurck und trat auf Susanne zu. Guten
Abend, Frulein Susanne! sagte sie mit einem hflichen Knix und ging
noch nher auf das junge Mdchen zu. Diese sprang rasch von ihrem
schwankenden Sitze herab und ri dabei auch den Papagei von seinem
Zweige nieder, der nun kreischend auf ihre Schulter flog und sich dort
lebhaft hin und her schaukelte. Susanne lachte laut auf, und indem sie
Frau Booland die Hand zum Gru reichte, rief sie frhlich: Gut, da
jemand kommt, mich besser zu unterhalten, als mein dummer Peter. Er
will absolut nicht sprechen lernen, ich mag mich noch so viel mit ihm
qulen. Er ist gerade so dumm als ich, ich spiele auch lieber, als da
ich lerne.

Frulein Susanne, sagte Frau Booland jetzt hflich, htten Sie wohl
ein halbes Stndchen Zeit fr mich brig? Ich mchte gern etwas mit
Ihnen sprechen.

Ach mein Gott, doch nichts Ernsthaftes? rief Susanne in komischem
Schrecken. Sie machen ein so feierliches Gesicht, liebe gute Tante
Booland, Bertel schickt Sie doch nicht etwa, um mich auszuschelten?
Ach lieber Gott, ich bin den ganzen Tag in Angst, da ich wieder etwas
Dummes oder Kindisches gemacht habe. Bertel ist so furchtbar streng,
gerade wie unser alter Schulmeister drben in der Dorfschule, vor dem
die Kinder auch solche Furcht haben. Liebe, einzige Tante Booland,
sagen Sie doch nur, wollen Sie mich wirklich schelten?

Nein, nein, Frulein Susanne, lchelte die Alte, das fllt mir nicht
ein. Setzen Sie Ihren Papagei dort auf den Baum, da er uns nicht mit
seinem Geschrei strt, und dann kommen Sie ein Bischen drben in die
Laube; ich habe eine Geschichte, die ich Ihnen erzhlen will, das freut
Sie ja immer so, nicht wahr, Kindchen?

Ach ja, ja, das ist reizend von Ihnen, Tante Booland! rief das junge
Mdchen und hob den Papagei auf den nchsten Baum, wo sie ihn mit der
Schnur festband, indem sie noch mehrmals kosend mit der Hand ber
seinen Kopf und Rcken fuhr. So Papchen, nun langweile dich nicht
zu sehr, sagte sie dann fortgehend und nickte dem Vogel noch einmal
freundlich zu, dann hing sie sich an Frau Boolands Arm und folgte
dieser in die nahestehende Laube. Hier war es schon ziemlich dunkel;
aber da plaudert es sich am Besten, sagte Susanne und rckte dicht an
die Alte heran, fr welche sie eine ganz besondere Zuneigung gefat
hatte. Frau Booland war jederzeit freundlich, gefllig und nachsichtig
gegen das harmlose Kind gewesen und wute ihr immer allerlei Neues oder
auch Altes zu erzhlen, was der heiteren Susanne Spa machte. Heut
nun war es freilich keine frhliche Erzhlung, welche die Alte fr
Susanne bereit hielt. Aber doch hrte diese still zu, ganz gegen ihre
Gewohnheit, obwohl Frau Booland lange und ernst sprach, und endlich
klang es sogar, wie leises Weinen aus dem Innern der Laube. Aber die
Dunkelheit verhinderte zu erkennen, aus wessen Augen die Thrnen
flossen. Nach langer Zeit traten die beiden Gestalten in den dunkeln
Laubgang heraus, die Hnde fest in einander geschlungen. Die Alte
kte dann rasch die schne weie Stirn des jungen Mdchens und eilte
davon, Susanne aber ging zu ihrem Vogel und nahm ohne ihr gewhnliches
Scherzen und Lachen den schreienden Papagei auf die Hand. Wir wollen
die Fessel lsen, nicht wahr, mein Papchen? sagte sie unterwegs zu
dem Vogel, indem sie die Schnur von seinem Fue knpfte und ihn
streichelte. Still kehrte sie dann in das Haus zurck. Hier setzte
sie sich sogleich an ihren Schreibtisch, ergriff Feder und Papier und
schrieb folgenden Brief:


                           =Liebe Esther!=

  Sie mssen mir schon erlauben, da ich Sie so nenne, wie wir Alle
  es hier thun, obwohl Sie uns nicht kennen. Wir aber kennen Sie sehr
  gut, und besonders ich habe mir so viel von Ihnen erzhlen lassen,
  da mir ist, als she ich Sie vor mir. Da ich jedoch einen Brief an
  Sie schreibe, liebe Esther, hat heute einen ganz besonderen Grund;
  eigentlich bin ich ein sehr faules Mdchen, dem Briefeschreiben
  eine groe Last ist. Ich habe nmlich eine sehr, sehr groe Bitte
  an Sie. Liebe, gute Esther, aber Sie mssen mir nicht bse sein --
  bitte, bitte, heirathen Sie doch Bertel an meiner Stelle! -- Wissen
  Sie, liebe Esther, ich bin ein gar zu dummes, kindisches, kleines
  Mdchen, ber das sich der kluge Bertel seit den wenigen Tagen unserer
  geheimen Verlobung schon so sehr viel gergert hat, und ich kann doch
  wirklich nichts dafr. Wir htten uns lieber gar nicht mit einander
  verloben sollen; denn wenn ich Ihnen ganz heimlich etwas sagen darf,
  (aber verrathen Sie es nicht!) ich frchte mich vor dem gelehrten,
  ernsthaften Bertel! Und das ist doch gar nicht hbsch; denn ich traue
  mich gar nicht mehr zu lachen und vergngt zu sein, weil Bertel dann
  immer schilt. Er ist der einzige Mensch, dem ich nicht gefalle, und
  das ist doch zu rgerlich fr mich! Ich wei gar nicht, warum Papa
  es so gern wollte, da ich Bertels Braut werden sollte, fr einen
  gelehrten Mann passe ich doch gar nicht. Mir gefllt ein hbscher
  Officier viel tausendmal besser, und der junge Graf Redern, der immer
  so liebenswrdig zu mir ist und so frhlich mit mir lacht, sieht
  viel prchtiger aus in seiner glnzenden Uniform und dem schwarzen
  Schnurrbart, als Bertel in seinem dunklen Rckchen, obwohl Bertel
  zehn Mal schner ist als er. Sehen Sie, liebe, gute Esther, Sie sind
  so furchtbar klug und gelehrt, Sie gefallen Bertel hundert tausend
  Mal besser, als ich kleines Gnschen, und Sie haben ihn ja auch so
  sehr lieb, sonst htten Sie gewi nicht alles das fr ihn gethan und
  ertragen, was Tante Booland mir erzhlt hat. Ich wei, Bertel mchte
  mich jetzt so gern wieder los sein, und mir wre es auch viel lieber,
  er heirathete eine Andere, als mich. Ich werde ihm das sagen, sobald
  er zu mir kommt, und dann mt Ihr Beide ein Paar werden. O wie ich
  mich darauf freue! Und nicht wahr, liebe Esther, wir werden dann recht
  gute Freunde? Denn wenn ich Sie nicht jetzt schon so lieb htte,
  gnnte ich Ihnen meinen lieben, schnen, klugen Bertel doch nicht!
  Kommen Sie recht recht bald zu uns Allen, es erwartet Sie mit offenen
  Armen

                                                 Ihre =Susanne=.

  _P. S._ Ich habe gehrt, da Sie tief brnett sind, das pat herrlich
  zu dem blonden Bertel! Ich meine, ein blonder Mann mu immer eine
  brnette Frau haben und umgekehrt. Ich bin ein Blondkopf, also? -- --


Nun siegelte das junge Mdchen den Brief rasch, schrieb die Adresse
darauf und steckte ihn in die Postmappe, welche jeden Abend nach der
nchsten Poststation getragen wurde. Als sie dies Geschft beendet,
seufzte sie tief auf, strich sich die blonden Lckchen aus der Stirn,
die bei der ungewohnten Anstrengung herabgefallen waren, und sah in
den Mond, der eben ber den Bumen des Parkes heraufstieg. Aber ihre
Gedanken wurden schnell durch das Rollen eines Wagens abgezogen. Herr
von Sassen und seine Cousine kehrten zurck. Susanne lauschte, bis ihr
Vater in seinem Zimmer war, dann trippelte sie eilig zu ihm. Als sie
bei ihm eintrat, nahm sie eine sehr ernsthafte Miene an, und indem sie
ihre zierliche kleine Figur so hoch aufrichtete, als ihr berhaupt
mglich war, stellte sie sich vor ihren Vater.

Papa, ich habe etwas sehr Ernsthaftes mit dir zu sprechen! sagte sie
feierlich und zog das weiche Kindergesichtchen in ernste Falten.

Wie? Etwas Ernsthaftes, meine lustige, kleine Lachtaube? sagte Herr
von Sassen frhlich. Da bin ich aber wirklich neugierig zu hren,
was das sein mag. Dabei nahm er den Lockenkopf seines hbschen
Tchterchens zwischen beide Hnde und sah ihr lustig in die braunen
Rehaugen. Susanne entzog sich aber den Liebkosungen des Vaters und
sagte schmollend: Papa, du denkst immer, ich kann niemals ernsthaft
sein. Aber ich bin wirklich kein kleines Kind mehr, und damit du
siehst, ich kann auch einmal etwas ganz Ernsthaftes denken, so will ich
dir nur sagen, da ich mir berlegt habe, ich will Bertel lieber nicht
heirathen.

Herr von Sassen fuhr berrascht auf. Und das nennst du ernsthaft
sprechen, kleine Suse? lachte er, blickte dabei aber sein Tchterchen
doch etwas schrfer an; denn sie sah allerdings nicht aus, als scherze
sie. Sie stand mit gesenkten Augen vor ihm, und als sie dieselben
aufschlug, waren sie voll Thrnen.

Suschen, mein Herzenskind, was ist denn vorgefallen? rief Herr von
Sassen erschrocken; denn Thrnen in des frhlichen Kindes Augen, das
war etwas ganz Unerhrtes. Susanne fiel dem Vater pltzlich um den
Hals, und ihr blondes Kpfchen in den dunklen Vollbart desselben
schmiegend schluchzte sie bitterlich.

O Papa, Papa! rief sie endlich flehend, erlaube doch nur, da ich
Bertel nicht heirathe! Wir Beiden passen wirklich nicht zusammen. Wenn
du deine kleine Susanne lieb hast, Papa, zwinge mich nicht, und sei
mein guter, lieber kleiner Papa, der du immer gewesen bist!

Und nun schlang sie ihre vollen weichen Arme von Neuem zrtlich um
seinen Hals und kte seinen Mund und seine Augen so strmisch, da er
gar nicht im Stande war, sogleich zu antworten. Endlich aber machte er
sich frei und blickte sein Kind kopfschttelnd an.

Ich begreife dich nicht, Susanne, sagte er ernst. Den braven,
schnen Bertel, auf den jedes Mdchen stolz sein wrde, willst du nicht
haben? Ich denke, du bist die glcklichste Braut unter der Sonne? Aus
euch Mdchen werde ein Anderer klug! Und das jetzt so wie aus der
Pistole geschossen? Wei denn Bertel, da du andern Sinnes geworden
bist? Wie krnkend ist das fr ihn. Und ich freute mich so, einen so
ausgezeichneten Schwiegersohn zu bekommen. Ich begreife dich wirklich
nicht, Susanne.

Das junge Mdchen zog den Vater zum Sopha, und sich dicht an ihn
schmiegend sagte sie leise: Papa, komm, ich will dir alles erzhlen!
Und dann legte sie ihren Kopf an seine Schulter, nahm seine groe Hand
zrtlich zwischen ihre kleinen, feinen Fingerchen und erzhlte ihm die
Geschichte, die sie soeben in der dunklen Laube im Garten gehrt hatte.

Als sie zu Ende war, sa Herr von Sassen noch eine lange Weile
schweigend neben seiner Tochter. Endlich kte er ihre Stirn und sagte
sanft: Und du, kleine Susanne, an dich selbst denkst du gar nicht
dabei?

O Papa, rief das junge Mdchen lebhaft, an mich denke ich wohl.
Soll ich es dir gestehen? Mir ist zu Muthe, wie meinem Papagei vorhin.
Nachdem ich die Schnur abgelst, die ich um sein Bein gebunden, um ihn
fest zu halten, schlug er frhlich mit den Flgeln und war so vergngt,
wieder frei zu sein. Mich hat meine Fessel schon in den paar Tagen so
gedrckt, da ich gar nicht mehr recht lustig sein konnte. Bertel ist
so schn und gut, das ist wahr; aber er ist dabei so furchtbar klug und
gelehrt -- und das Papa, das pat nicht fr mich, und ich passe nicht
fr ihn. Es ist mir ein wahrer Trost, da ich es jetzt wei, er wird
froh sein, wenn ich ihm sein Wort zurckgebe. Nun kann ich doch auch
wieder lachen und jubeln wie frher, ich glaube, bei Bertel htte ich
das ganz und gar verlernt.

Wenn es so steht, mein Kind, und nicht der Edelmuth allein dich
bestimmt, so ist es freilich besser, wir lsen das Band, sagte Herr
von Sassen ernst, Susanne aber blickte ihn lachend an und rief: Nein
Papa, zu einer Tugendheldin ist deine kleine Suse verdorben. Htte ich
Bertel wirklich lieb, so wie ich denke, da man seinen Brutigam lieb
haben =mu=, dann htten tausend Esthers kommen knnen, ich wre nicht
zurckgetreten.

Ich will gleich einige Worte an Bertel schreiben, das sind wir ihm
schuldig, sagte Herr von Sassen aufstehend.

Ja, ja, thue das, Papa, rief Susanne und kte den Vater noch einmal
herzlich, dann hpfte sie frhlich trllernd zur Thr hinaus. Herr
von Sassen blickte ihr sinnend nach, dann sttzte er den Kopf in die
Hand und seufzte. Sie mag recht haben, dies Kind ist nicht fr Hubert
geschaffen, sagte er traurig. =Mir= geht es an das Herz, diesen
lieben Jungen nicht Sohn nennen zu knnen, =sie= jubelt und singt, da
sie ihn los ist. O ihr Mdchen, was seid ihr fr ein wunderlich Volk!
Dann griff er zur Feder und schrieb:


                           =Lieber Hubert!=

  Soeben macht mir meine kleine Susanne das Gestndni, da sie trotz
  aller Liebe und Bewunderung, die sie fr Dich hege, doch nicht deine
  Frau werden wolle und mich bitte, Dir das mitzutheilen. Sie behauptet,
  Ihr Beiden patet nicht fr einander, und da ich mein einzig Kind
  nicht zu einem Bunde zwingen will, dem ihr Herz widerspricht, so
  bitte ich Dich, sie frei zu geben. Ein inniger Wunsch meines Herzens
  geht freilich damit zu Grabe; denn ich htte Dich so gern meinen Sohn
  genannt! Aber, lieber Bertel, wenn auch meine wunderliche kleine
  Tochter anderen Sinnes geworden ist, mir wirst Du immer so lieb sein
  und bleiben, als wrest Du mein Sohn. Sieh' auch ferner noch mein Haus
  als das Deine an, und wie sich auch Deine Zukunft gestalten mge, Du
  wirst jederzeit einen treuen, vterlichen Freund besitzen in

                                      Deinem =Adolph von Sassen=.


Diesen Brief in der Hand strzte Hubert in das Zimmer seiner alten
Freundin, Frau Booland.

Das ist dein Werk, Du Zauberin, sieh' hier! rief er und warf das
Blatt Papier der Alten in den Schoo; dann umschlang er sie mit beiden
Armen und erdrckte sie fast vor ungestmer Freude.

Ich bin ja frei, Tante, frei wie der Vogel in der Luft. O Dank, Dank!
Nicht wahr, du bist es, die mich gerettet hat?

Die Alte schob den Ungestmen sanft von sich, um den Brief zu lesen,
der so verhngnivolle Worte enthielt. Dann nickte sie mit dem Kopfe
und sagte bewegt: Braves, liebes Kind! Sie htte es sicher auch
gethan, selbst wenn sie dich lieb gehabt htte! O Bertel, dies liebe
Herz ist besser als du denkst! In diesem leichtherzigen, sorglosen
Kinde ruht ein tief gefhlvolles, edles Gemth. Du hast sie nicht
geliebt, sonst httest du den Schatz wohl erkannt, und sie htte sich
an deiner Seite herrlich entwickelt; Gott gebe ihr ein anderes Herz,
das es versteht, sie glcklich zu machen; denn wahrlich sie verdient
es!

Nun hatten die Beiden noch eine lange Unterredung, und die Folge
derselben war ein uerst geschftiges Kramen und Gehen und Bedenken
von Seiten unserer guten alten Dame Booland, die einen riesenhaften
Entschlu gefat hatte. Am andern Morgen wanderte sie schon in frher
Stunde eilig durch das Dorf, dem Pfarrhause zu, um ihrer lieben
Pastorin das volle Herz auszuschtten, whrend Hubert indessen eine
wichtige Zwischensprache mit seiner Mutter hielt. Frau von Ihlefelds
Herz hatten in der ganzen letztvergangenen Zeit tausend widerstreitende
Gefhle und Gedanken bestrmt; denn wenn bisher einerseits ihr
sehnlichstes Wnschen und Hoffen dahin gerichtet war, ihrem Sohne
durch die Verbindung mit der Familie von Sassen den Weg zu Reichthum
und Wohlbehagen zu bahnen, so fhlte sie andererseits doch gar wohl,
welches Unrecht sie dadurch an der groherzigen Esther beging, und mit
welchem Undank sie die Opfer dieses edlen Mdchens lohnte, deren Liebe
zu Bertel ihrem scharfsichtigen Frauenauge nicht entgangen war. Aber
Hubert schien Esther nicht zu lieben, sonst htte er sich schwerlich
den Bitten seiner Mutter gefgt. Das war fr Frau von Ihlefeld eine
groe Beruhigung; jetzt mute man suchen, sich Esther auf irgend eine
Weise dankbar zu erzeigen fr alles, was sie gethan hatte. Die Mittel
dazu muten sich finden, es konnte nicht allzu schwer sein; denn
Esther war ja ein einfaches, anspruchsloses Mdchen. Aber als jetzt
nach Ankunft von Esthers letztem Briefe ihr Sohn so aufgeregt davon
strmte, da schlug auch Frau von Ihlefelds Herz unruhiger. Was hatte
Bertels Gemth so heftig bewegt, als er diesen Brief las? Ahnte er
Esthers Liebe zu ihm, die ja nicht mehr zu verkennen war? Jetzt aber
war ja die Brcke abgebrochen, an Esther durfte er nicht mehr denken!
Wie gut, da dieser Brief erst jetzt kam, nachdem alles fertig und
Bertels Zukunft gesichert war; wre er frher gekommen, Hubert wre
schwerlich auf ihre Plne eingegangen! Whrend Frau von Ihlefeld noch
ihren Gedanken nachhing, trat ihr Sohn mit dem Briefe Herrn von Sassens
zu ihr, freilich ohne zu gestehen, wer diese Wandlung in Susannes Seele
hervorgerufen. Da aber erwachte der ganze Stolz in dem Herzen der
noch immer vornehmen Frau; zornig fuhr sie auf und rief heftig: Wie?
Das bietet man uns? O wahrlich, in frheren Tagen htte man das nicht
gewagt! Erst wei man nicht Wege genug, dich heran zu ziehen, und jetzt
wirft man dich wieder fort, wie ein Spielzeug, das der albernen kleinen
Prinzessin nicht mehr gefllt! Und der schwache Vater leidet solche
Thorheit? O sie ist deiner gar nicht werth, das leichtsinnige Ding!
Dich so zu behandeln, es ist ja emprend. Gut denn, la sie laufen,
sie verdient es nicht besser! Gott sei Dank, wir haben jetzt nicht
mehr nthig, durch andere unsre Lage zu verbessern. Wenn es auch kein
groes Vermgen ist, das wir erhalten, so gengt es doch, bis du einmal
eine Anstellung bekommst. Und weit du, was du jetzt thun solltest,
Bertel, gerade um der hochmthigen Susanne zu zeigen, da du dir aus
ihrem Korbe nichts machst? Verlobe dich mit unserer Esther! Sie liebt
dich, dessen bin ich sicher, und wenn ich es recht bedenke, kannst du
eigentlich nie ein Mdchen finden, das besser zu dir pat. Freilich,
sie ist nur ein Brgerkind, und unser alter Adel wird arg dadurch
geschdigt; -- aber lieber Gott, wir sind dem guten Mdchen doch sehr
viel Dank schuldig, und sie wird dich und mich sicher stets mehr in
Ehren halten, als es jene leichtfertige Susanne gethan htte.

Hubert hatte seine Mutter ruhig ausreden lassen; denn das Herz war ihm
so bervoll, da er jeden Augenblick in Gefahr war, sein Geheimni zu
verrathen. Seine Mutter aber durfte nicht ahnen, da er selbst die Hand
zu dem Bruche mit Susanne geboten, sie htte ihm das nie vergeben.
Rastlos schritt er whrend ihrer Rede in dem kleinen Zimmer auf und
nieder. Als aber Frau von Ihlefeld von dem neuen Verlobungsplane
sprach, da trat er rasch an das Fenster, seine Bewegung zu verbergen.
So freudig berrascht er auch war, von seiner Mutter selbst eine
Aufforderung zu erhalten, von der er sich gefrchtet hatte, ihr zu
sprechen, so verletzte es ihn doch, da sie glauben konnte, sein Herz
sei so rascher Wandelung fhig. Wie, wenn er nun Susanne wirklich
geliebt htte, wie sie geglaubt? Konnte er dann augenblicklich eine
Andere an ihre Stelle setzen? Und seine Mutter gestand jetzt, sie
habe gewut, da Esther ihn liebte; trotz alledem berredete sie ihn
zu der Verbindung mit Susanne! In Huberts Seele stritten tausend
Gedanken mit einander, und er fhlte, da sein Herz mehr und mehr von
bittren Gefhlen gegen seine Mutter erfllt wurde, in deren Hnden er
wie Wachs bald so bald so geformt werden sollte, gerade wie es ihren
Zwecken entsprach. Aber endlich verwandelte sich diese Bitterkeit in
Zorn gegen sein eigenes, schwaches Gemth, das diesen Anmuthungen so
wenig eigene Willenskraft entgegengesetzt hatte. Seine Mutter, so
wenig er auch deren Handlungsweise billigen konnte, war doch nur durch
die Liebe zu ihrem Sohne dazu getrieben worden; ihr durfte er nicht
zrnen. So gab er denn keinem jener bittern Gedanken Worte, sondern
sich zu seiner Mutter wendend, sagte er weich: Liebe Mutter, es ist
mir lieb, da Susanne mir ihr Wort zurckgegeben. Ich htte sie nie
glcklich machen knnen; denn seit der Ankunft von Esthers Brief wei
ich erst, wie sehr ich Esther liebe und immer geliebt habe. Ich danke
Gott fr diese Lsung, und ich bin glcklich, da dein Wunsch mit dem
meinen zusammentrifft. Eine bessere Tochter, als Esther knnte ich dir
nie zufhren. Dann kte Hubert mit Innigkeit seiner Mutter, die ihn
betroffen anblickte, die Hand; aber Beide schwiegen, denn sie fhlten
wohl, da es besser sei, alles Weitere unerrtert zu lassen.

Frau von Ihlefeld wandte das Gesprch auf den Brief, den sie soeben im
Begriff war, sowohl an Esther, als auch an Herrn Richard zu schreiben,
um Esther aus der peinlichen Situation zu erlsen, in welcher das brave
Kind sich befand.

Nur an Herrn Richard schreibe sogleich, liebe Mutter; alles andere
bernehme ich selbst, sagte Hubert freudig errthend. Morgen frh
reise ich selbst zu Esther.

Frau von Ihlefeld blickte erstaunt auf ihren Sohn, dessen rasches
entschlossenes Wesen ihr etwas ganz Neues war. Sein Gesicht war
pltzlich so strahlend schn geworden, von Wonne und Glckseligkeit,
da sie ihr Auge fast erschrocken auf ihm ruhen lie; denn jetzt erst
erkannte sie, was in ihrem Sohne vorging. Bertel, mein liebes, theures
Kind! rief sie unwillkrlich und streckte ihm die Arme entgegen, und
mit dem jubelnden Ruf: O meine Mutter! hielt der Sohn seine Mutter
umschlungen.

Fr Esther war indessen die Zeit mit bleiernem Flgelschlage
dahingeflogen. Ein unsgliches Weh erfllte ihre Brust; sie htte sich
am liebsten nieder gelegt, um nie wieder aufzustehen; denn was sollte
sie noch hier auf Erden, wo Glck und Freude fr sie verschwunden
waren. Mde und gleichgltig sa sie eines Abends am Fenster ihres
Zimmerchens und schaute in die fast unheimliche Gluth, welche die
sinkende Sonne ber Himmel und Meer verbreitete, als solle die ganze
Erde von dem glhenden Feuer verzehrt werden. Endlich verblichen die
brennenden Tinten; kalte Abendschatten legten sich ber Land und
Meer, und der Zauber von Licht und Glanz, der soeben noch die Welt
in wonniger Pracht erstrahlen lie, er war geschwunden; graue Nebel
stiegen empor, und erloschen war aller Reiz und alle Schnheit.

Wie mein Leben! seufzte Esther, die trben Blicke ber das Meer
hinbersendend. Seine Liebe war die Sonne, in deren goldnem Scheine
mein armes Leben in wunderbarer Herrlichkeit lachte -- nun ist meine
Sonne erloschen, mein Leben todt und reizlos und von grauen Nebeln
umhllt!

Sie legte ihren Kopf gegen die kalten Scheiben des Fensters, denn ihre
Stirn brannte und suchte Khlung. Da wurde an die Thr geklopft. Ein
Brief, mein Frulein! Hastig griff Esther nach demselben. Er war auf
der Heimath, aber die Schrift kannte sie nicht. Mit fliegender Hand ri
sie ihn auf; es war Susannes Brief.

Als Esther das Schreiben gelesen, strich sie langsam ber ihre Stirn.
War es denn Wirklichkeit, was sie soeben durchlebte, oder trieben
muthwillige Trume ihr Spiel mit ihr? Sie trat nher an das Fenster,
den Brief noch einmal zu lesen; aber ihr armer Kopf, der in den letzten
Tagen so Furchtbares durchdacht und durchkmpft, schwindelte heftig,
und die Buchstaben schwammen durch einander. Esther zndete Licht an,
ging einige Male im Zimmer auf und nieder, um sich zu sammeln, und dann
setzte sie sich still in den Lehnstuhl, den Brief noch einmal ruhig zu
lesen. Whrend ihre Augen diese Zeilen jetzt von Neuem durcheilten,
flog mehrere Male ein Lcheln ber ihre Zge, und endlich schttelte
sie wehmthig den Kopf. Liebes, herziges Kind, seufzte sie leise, du
ahnst nicht, was deine Worte mir fr Schmerzen bereiten! Gott, mein
Gott, was heit das alles nur? Sie wei von meiner Liebe zu Bertel,
die mir bis vor Kurzem selbst noch ein Geheimni war? Sollte Tante
Booland mit ihr davon gesprochen haben? aber ich selbst habe ja nie
etwas gesagt, das sie dazu berechtigte, und diese treue Seele wrde
mein heiligstes Geheimni doch nicht preisgeben. Und wem preisgeben!
Der Braut dessen, den ich liebe. O nein, nein, das ist unmglich. Aber
woher sonst sollte Susanne es wissen? Und Bertel? O wenn er dieses
holde, kleine Geschpf wirklich liebt, wie trostlos mu er sein, da
sie ihm sein Wort zurckgiebt und den Bund wieder lst, der ihn so
zu beglcken schien. In welches Wirrsal strzt mich dieser kindische
Brief! Und dabei keine Nachricht von den Meinen! Jetzt knnte doch nun
Antwort hier sein; warum schreibt nur niemand?

Es war fr Esther eine traurige Nacht, welche der Ankunft dieses
Briefes folgte. Schlaflos wlzte sie sich auf ihrem Lager umher,
und tausend Gedanken durchkreuzten ihren heien, schmerzenden Kopf.
Hoffnung, Liebe und Zuversicht kmpften mit Schmerz und Zweifeln,
und erst der heraufdmmernde Morgen brachte ihr Schlaf und Ruhe.
Sie schlief schwer und tief viele Stunden lang; es war als ob ihr
erschpfter Krper Krfte sammeln wollte fr die bevorstehenden
Wonnetage, welche leise und sonnig, aber ungeahnt fern am Horizonte
heraufzogen.

Die Sonne stand schon hoch im Mittag, als Esther erwachte. Ueberrascht
fuhr sie empor und rieb sich die Augen; ihr war, als htte sich etwas
Besonderes zugetragen, aber lange konnte sie keinen klaren Gedanken
fassen. Ein Klopfen an der Thr schreckte sie auf. Hastig sprang sie
empor und ffnete. Es war die Hauswirthin, welche ihr mittheilte, ein
Herr habe vor einiger Zeit nach ihr gefragt, da Mademoiselle aber auf
fteres Klopfen nicht geantwortet, so sei der Herr wieder fortgegangen
mit dem Versprechen, in einigen Stunden wieder vorzufragen.

Esther forschte nach dem Aeueren des Fremden, und aus der Beschreibung
schien ihr hervorzugehen, da Herr Richard sie besucht habe. Ihr Herz
schlug strmisch. Schnell kleidete sie sich an, und kaum war sie
fertig, da sah sie wirklich Herrn Richard auf das Haus zuschreiten und
gleich darauf bei ihr eintreten.

Mein Frulein, sagte der Kaufmann, indem er zgernd an der Thr
stehen blieb, darf ich es wagen, Sie aufzusuchen, nachdem Sie neulich
so tief beleidigt von mir schieden? Ich komme, Sie um Verzeihung zu
bitten, da ich Sie so bitter krnkte. Aber die Umstnde, unter denen
ich Sie kennen lernte, mssen mein Betragen gegen Sie entschuldigen;
ich kann jetzt eben nichts weiter thun, als die Bitte an Sie richten:
Verzeihen Sie mir, denn ich kannte Sie nicht.

Warum sind Sie jetzt andrer Meinung geworden, mein Herr? fragte
Esther mit leise zitternder Stimme, ohne jedoch ihrem Gaste einen
Schritt entgegen zu treten.

Hier diese Zeilen sagen mir, welches edle Herz ich beleidigt und
gekrnkt habe! rief Herr Richard und hielt dem jungen Mdchen einen
Brief hin. Esther trat jetzt schnell nher und erkannte Frau von
Ihlefelds Handschrift.

Frau von Ihlefeld hat Ihnen geschrieben, mein Herr? sagte sie hoch
errthend. Sind Sie angewiesen, mir das Geld zu bergeben?

Wenn ich recht verstehe, so wird Herr von Ihlefeld in diesen
Tagen selbst kommen, die Schuld einzufordern, entgegnete Herr
Richard sorglos, erschrak aber ber die Wirkung, welche diese Worte
hervorbrachten.

Selbst? Er will selbst kommen? stammelte Esther erbleichend, und
pltzlich vergingen ihr die Sinne. Mit einem leisen Sthnen sank sie
zusammen, und fiel dem rasch zuspringenden Herrn Richard bewutlos in
die Arme.

Als sie sich endlich erholte, blickte sie scheu und erschrocken um
sich; bald aber war sie wieder das starke Mdchen, und hrte jetzt
ruhig an, was Herr Richard ihr mitzutheilen hatte. Dieser erzhlte nun,
da Frau von Ihlefeld ihm geschrieben, Esther Wieburg sei der gute
Engel ihres Hauses; was sie fr ihren Sohn und sie selbst gethan, knne
nur Gott dem edlen Kinde vergelten, und wer ihr wehe thue, krnke ein
Herz, das immer nur fr das Glck Anderer geschlagen.

Und ich habe dies Herz so tief gekrnkt! schlo Herr Richard, der
erglhenden Esther herabhngende Hand an seine Lippen fhrend. Sagen
Sie mir, Frulein Esther, wollen Sie mir verzeihen?

Das junge Mdchen blickte ernst vor sich hin. Sie kannten mich ja
nicht, Herr Richard, sagte sie sanft, und ich glaube, es war sehr
thricht von mir, jene Forderung ohne Beweisgrnde an Sie zu stellen.
Es mag in der Welt wohl so viel schlechte Menschen geben, da man
sich vorsehen mu. Lassen wir das jetzt. Mein Zrnen war vielleicht
ganz ungerecht; Sie konnten wohl kaum anders handeln, als Sie gethan,
das sehe ich mehr und mehr ein, da ich ruhiger darber nachgedacht
habe. Aber nun lesen Sie mir die Worte vor, die Sie zu der Vermuthung
veranlassen, Hubert werde selbst kommen.

Herr Richard faltete den Brief und berlas ihn schnell. Hier ist's,
sagte er dann und las: Was nun die Geldsumme betrifft, von welcher
der Schuldschein meines Vetters spricht, so soll diese Sache der
braven Esther keine Mhe mehr verursachen. Mein Sohn wird selbst....
In diesem Augenblicke aber hrte man eine Stimme in dem Hausflur.
Esther stie einen lauten Schrei aus und sprang empor; aber ihre Fe
zitterten so heftig, da sie kraftlos auf ihren Sitz zurckfiel. Da
hrte man rasche Schritte; die Thr flog auf, und Bertel stand in dem
Zimmer. Esther! rief er jubelnd und in demselben Augenblicke lag das
geliebte Mdchen an seiner Brust.

Lange fanden die beiden glcklichen Menschen kein Wort fr das
Entzcken ihres Herzens. Esther war so erschttert von diesem
pltzlichem Wiedersehen, da sie kraftlos und weinend in ihres Freundes
Armen lag, der ihren lieben Kopf zrtlich kte und immer von Neuem an
seine Brust drckte. Die sesten Schmeichelnamen, wie sie nie ber
seine Lippen gekommen, flsterte er dem vor Freude erbebenden Mdchen
in das Ohr, und endlich erhob diese unter Thrnen lchelnd ihr Gesicht.
Nie hatte Bertel bis jetzt so zu ihr gesprochen, nie hatte sie noch an
seiner Brust gelegen wie jetzt, und noch nie war sie ihm gegenber so
schwach und weichmthig gewesen.

Verzeih' mir, Bertel; die Freude, Dich wiederzusehen, macht mich ganz
hinfllig! sagte sie, die Thrnen aus den Augen trocknend. Dann schrak
sie pltzlich etwas zusammen, machte sich aus Huberts Armen los und
flsterte, sich verlegen umschauend: Aber wir sind ja nicht allein,
erlaube da ich dir Herrn Richard....

Doch kein Herr Richard war mehr in dem Zimmer; an seiner Stelle aber
stand eine andere Person, welche still, die hellen Thrnen auf dem
guten, alten Gesicht, auf die beiden Kinder ihres Herzens schaute. Es
war Frau Booland.

Tante, liebe, gute Tante! jubelte Esther und flog zu der Alten, die
ihre groen Arme weit nach ihr ausbreitete und sie dann so energisch
ber ihrem Herzblttchen schlo, als sollten sie sich nie wieder ffnen.

Aber liebe, einzige Tante Booland, solche Reise hast du zu unternehmen
gewagt! rief Esther endlich, als sie wieder auf eigenen Fen stand;
denn die groe, starke Frau hatte das schlanke Mdchen wie ein kleines
Kind zu sich empor gehoben, als knne sie nur so ihrer strmischen
Zrtlichkeit Genge leisten. Du mut ja Tag und Nacht gefahren sein,
um schon heute hier anzukommen.

Die Alte schob die zerknickte Haube zurecht, die im Sturme des
Entzckens auf und davon zu fliegen drohte, und dann mit ihren groen
Hnden Bertel drohend, der lachend und von Glck strahlend neben Esther
stand, rief sie rgerlich: Hat der Bengel da mir armen, alten Frau
denn Ruhe gegnnt unterwegs? Durfte ich meine alten Knochen denn auf
der ganzen heillosen Hetzparthie nur ein einzig Mal ordentlich in ein
Bett legen? War's nicht immer, als stnde einer mit der Hetzpeitsche
hinter uns und triebe uns vorwrts? Wei Gott, wie's der Bursche fertig
gebracht hat, mich ganzbeinig bis hierher zu schleifen, nun aber
bringen mich keine zehn Pferde von hier wieder fort, ehe ich nicht
ordentlich einmal wieder ausgeschlafen habe!

Aber Tante Booland, die Betten hier zu Lande, bedenke doch! Du hast
dich ja verschworen, dich in keins wieder zu legen, so lange du in
diesem heillosen Franzosenlande bist, rief Bertel lachend.

Herr du mein Gott, ja da hast du Recht, Kind! rief Frau Booland
entrstet. Hat man je so etwas von einem Nachtlager erlebt, wie da in
dem Neste,.... na wie hie es denn gleich? Avignon, ergnzte Hubert.

Ja, diesem Avignon! Und das haben sie noch die Frechheit, =Betten=
zu nennen! Nicht eine einzige Feder ist ja in so einem harten,
entsetzlichen Dinge von einem Bette! Mein armer Kopf rollte zum
Verzweifeln immer von einer Seite zur andern auf diesen harten
Rollkissen, gerade als wlzte ich mich im Fieber. Na und berhaupt,
ist das ein Land! Solch ein Schmutz, solches Ungeziefer, solche Hitze
und solcher Staub, und dann.... puh, so entsetzliches Essen! Du armer
Wurm, wie hast du es denn nur drei Tage hier aushalten knnen! Ich
wre schon am ersten Morgen wieder auf und davon gelaufen. Und dann
diese Eisenbahnen! O mein Gott, dieser Lrm, dies Getreibe, diese
Wirthschaft! Wre es nicht mein Herzblttchen gewesen, das ich mir hier
aus dem Heidenlande wieder holen wollte, schon in der ersten Stunde
wre ich umgekehrt nach meinem lieben, stillen Waldhause! Und solches
Reisen, solch' Umhertreiben auf Eisenbahnen und Landstraen, solch'
Umherwlzen in fremden, himmelschreienden Betten, solch' grliches
Essen und Trinken, Schmachten und sich todt mde und elend machen
nennen die Leute nun Vergngen! Na, wenn ich erst wieder glcklich
in meinem Waldhause auf unserem lieben Dorfe bin, da soll mich Gott
bewahren, wieder solche Thorheiten zu begehen und mich einem verrckten
Liebhaber als Reisebegleiter anzubieten!

Whrend Frau Booland ihren Gefhlen in dieser Weise Luft machte, hatte
Bertel Esther neben sich auf das Sopha gezogen, und whrend er beide
Hnde des jungen Mdchens ergriffen, ruhte sein Auge forschend auf
ihren Zgen.

Warst du krank, Esther? fragte er jetzt angstvoll, und erschrocken
wandte nun auch Frau Booland ihre Blicke auf ihres Lieblings Gesicht,
das allerdings von der Anstrengung und dem unbehaglichen Leben der
vergangenen Monate, und nun gar von den durchkmpften, schweren Tagen
der letzten Woche schmal und bleich geworden war, wie nie zuvor. Esther
beruhigte die beiden geliebten Menschen, sa aber unbeschreiblich
ngstlich und unbehaglich an Bertels Seite, immerfort bestrebt, ihm
ihre Hnde zu entziehen, die er jedoch nicht frei gab. Da erhob sich
Frau Booland rasch von ihrem Stuhle, auf den sie sich erschpft
niedergelassen hatte und sagte, sich die Stirn mit dem Tuche abwischend
und dann den Staub von ihrem Kleide schttelnd: Aber mein Gott, wie
sieht man nach so einer Reise aus! Es ist ja ganz grauenvoll, solchen
Schmutz mit sich herum zu tragen. Estherchen, da nebenan ist wohl dein
Schlafstbchen? Ich will mich dort nur ein Bischen zurecht machen; lat
euch die Zeit indessen nicht lang werden, ihr Kinderchen!

Und eilig huschte sie in das anstoende, kleine Zimmer, dessen Thr
nur halb geschlossen war, ihren beiden Lieblingen im Hinausgehen noch
schelmisch zulchend. Sie klinkte das Thrschlo fest hinter sich zu,
und Esther war allein mit ihrem Freunde.

Esther, nicht wahr, du hast einen Brief von Susanne erhalten? fragte
Bertel, sobald Frau Booland das Zimmer verlassen.

Ja Bertel, gestern, erwiederte Esther und tiefe Gluth flog ber ihr
blasses, brunliches Gesicht.

So weit du, da wir nicht mehr verlobt sind?

Esther schttelte den Kopf und sagte scheu: Ich kann nicht glauben,
da es Susanne Ernst mit diesem kindlichen Briefe gewesen ist. Wenn du
sie liebst, wird sie sich bald anders besinnen.

Aber ich liebe sie ja nicht, Esther! rief Bertel, das junge Mdchen
wieder bei beiden Hnden ergreifend. Ich liebe ja niemanden, als
dich, Esther, du mein Glck, mein Stolz, der gute Engel meines ganzen,
ganzen Lebens! O, jetzt erst wei ich es ja, da ich dich geliebt habe,
seit wir als kleine Kinder zusammen in Wald und Wiese spielten, und
ich danke Gott auf meinen Knieen dafr, da es endlich klar in mir
geworden ist! Und nun erzhlte Bertel alles, was er seit der Ankunft
von Esthers letztem Briefe durchlebt und durchkmpft hatte, und wie er
jetzt nur noch einen Wunsch auf der Welt habe, -- Esthers Liebe.

Darf ich Undankbarer, Verblendeter denn noch hoffen, da du mich
lieben kannst, Esther? fragte er endlich weich, und seine Stimme
zitterte. Esther aber schlang ihre Arme um seinen Hals, und das Gesicht
an seine Wange schmiegend, schluchzte sie: Mein Bertel, mein lieber,
ewig geliebter Bertel!

Im Zimmer war es sehr still geworden, und man hrte nichts, als ein
merkwrdig lebhaftes Rumoren und Umhergehen in der anstoenden Kammer.
Frau Booland mute eine uerst umfangreiche Toilette machen, denn es
dauerte erstaunlich lange, ehe sie damit zu Ende war und wieder in
dem Zimmer bei Esther und Hubert erschien. Diesen aber war die Zeit
indessen so wenig lang geworden, da sie die alte, treue Freundin
vllig vergessen hatten. Als Frau Booland endlich zu ihnen hereintrat,
fhrte Bertel seine Esther zu ihr und sagte: Hier unserer treuen Tante
Booland danken wir die glckliche Lsung. Ohne sie wre ich nicht hier
und wir Beiden nicht das glcklichste Brautpaar unter Gottes Sonne.

Na, Gott sei Dank, da wir endlich am Ziele sind! jubelte die Alte,
ihre beiden Kinder an die breite Brust ziehend, wo sie alle Beide
reichlich Platz hatten. Nun aber macht, da wir von hier fort kommen;
der Boden brennt mir unter den Fen.

Ehe man jedoch an die Abreise denken konnte, mute die
Geldangelegenheit mit Herrn Richard in Ordnung gebracht werden. Hubert
bernahm jetzt diese Sache und war erfreut, in dem neuen Vetter einen
unendlich liebenswrdigen Mann zu finden. Die Geldsumme, welche sein
Onkel von Huberts Vater geliehen, hatte gute Zinsen getragen; denn
jenes Unternehmen, wozu es gegeben worden, glckte ber Erwarten. Aus
den 15 Tausend Thalern waren im Laufe der Jahre zwanzig geworden, und
Herr Richard, welcher ein ungewhnlich groes Vermgen erworben hatte,
war hoch erfreut, durch Rckerstattung jenes Kapitals zum Glcke so
lieber Anverwandter beitragen zu knnen. Das frhliche Lcheln, mit
dem Esther jetzt den Vetter ihres geliebten Bertel empfing, als dieser
kam, sie als die Braut seines Anverwandten zu begren, sagte demselben
besser, als Worte es thun konnten, da Esther die peinliche Scene,
welche zwischen ihnen vorgefallen, vergessen habe. Aber zu unserer
Hochzeit mssen Sie kommen, lieber Vetter! rief Bertel in frhlichem
Uebermuthe beim Abschiede, nur dann verzeiht Ihnen Esther ganz.

Mit wie frohem Herzen sagte jetzt Esther dem Lande Lebewohl, in
dem sie so viel schwere Stunden durchlebt hatte! In Nmes sprach
sie noch bei dem braven, alten Ehepaar Martin vor, um ihnen alles
Erlebte mitzutheilen und sie mit Hubert und Tante Booland bekannt zu
machen. Nach le Vigan jedoch fhrte sie ihre Lieben nicht, so sehr
sie auch gewnscht htte, den guten Doktorsleutchen mndlich von
ihrem Glcke zu erzhlen. Aber Tante Booland htte nie wieder Ruhe
im Herzen gefunden, htten ihre eigenen Augen jene Zustnde in der
Pension gesehen, in denen ihr Herzblttchen so lange Zeit leben mute.
Aber alle jene herrlichen Gegenden, jene schnen Stdte mit all' den
Sehenswrdigkeiten, woran das Land so reich war, sah und geno Esther
jetzt, wie sie es auf der Herreise so sehnlich gewnscht hatte; denn
langsam und in kleinen Stationen traten sie die Rckkehr in die Heimath
an, um die alte Frau Booland nicht zu ermden. Die Behaglichkeit dieser
Art zu reisen, sowie das Glck ihrer Kinder, das sie umgab, vershnte
Frau Booland jetzt auch mit allem, was Reisen hie, und vergngt lie
sie sich berall herumfhren und alles Sehenswerthe zeigen, so da sie
nun eine etwas bessere Meinung von dem Lande erhielt, in dem Esther so
lange gelebt hatte.

Eine unaussprechlich tiefe, stille Glckseligkeit ruhte auf Esthers
Antlitz, als sie in ihr liebes Dorf einfuhr, und Hand in Hand saen
die beiden glcklichen Jugendgespielen nebeneinander, ohne ein Wort zu
sprechen.

Aber als sie jetzt in die Nhe der Kirche und der ehemaligen Wohnung
Esthers kamen, da ertnte pltzlich Glockenschall und froher Gesang.
Blumenkrnze in den Hnden und bunte Fahnen in der Luft schwingend,
eilten die Kinder des Dorfes dem Brautpaare entgegen, und jubelnder
Zuruf begrte die Ankommenden, welche unter einem festlich prangenden
Triumphbogen umringt und angehalten wurden. Pfarrer Krause schritt mit
seiner Familie an der Spitze des Zuges, und als derselbe den Wagen
erreichte, hielt der Geistliche im Namen seiner Gemeinde eine kurze,
freudige Ansprache an Hubert und Esther, in welcher er die Glckwnsche
aller derer darbrachte, in deren Mitte die Beiden aufgewachsen waren
und welche bisher alles Leid und alle Freude mit ihnen getheilt
hatten. Ein lautes Hurrah folgte dieser Ansprache; die Glocken tnten,
die Fahnen flatterten, und bedeckt von Blumen und Krnzen fuhr das
junge Paar durch das Dorf, von dessen Einwohnern bis zu dem Waldhause
geleitet. Auch dies Huschen war festlich geschmckt; als aber jetzt
Esther und Bertel an die Brust der Mutter sanken, welche sie in der
Thr empfing, da blieb kein Auge trocken, und in stiller Rhrung
umstanden die Dorfbewohner das Huschen.

In ihr Wohnzimmer eingetreten, erblickte Esther eine Menge Blumen und
Geschenke, welche ihr hier von den Freunden zur Begrung dargebracht
wurden. Zwischen diesen Geschenken stand eine groe, geschlossene
Kiste, welche Tags zuvor erst angekommen war. Sie kam aus Frankreich
und war an Esther adressirt. Verwundert ffnete das junge Mdchen
dieselbe und fand eine Flle der schnsten Stoffe darinnen in Seide,
Leinen und Battist, wie sie eine junge Hausfrau nur je zur Ausstattung
ihrer neuen Haushaltung wnschen konnte. Ein kleines Kstchen lag
obenauf, mit der Inschrift Esther, und in demselben ruhte ein
kostbarer Schmuck nebst einem kleinen Briefe von der Hand des Herrn
Richard. In den verbindlichsten Worten bat er seine neue Cousine,
diese Sendung von ihm anzunehmen, als einen Beweis seiner unbegrenzten
Verehrung fr das edelste, tapferste, weibliche Herz, das ihm je
begegnet sei.

Whrend Esther mit diesem Briefchen noch ganz bestrzt vor der
prachtvollen Gabe stand, und Frau Booland in hellem Entzcken bald die
Steine des Schmuckes im Lichte funkeln lie, bald wieder die kstlichen
Stoffe aus einander faltete, wurde auch Bertel ein Briefchen bergeben.
Es kam von Herrn von Sassen und lautete folgendermaaen:


                         Mein lieber Hubert!

  Wo alles Dich und Deine liebe Braut mit Jubel empfngt, da will auch
  ich nicht zurckbleiben. Bald hoffe ich Euch persnlich begren zu
  knnen; fr's Erste nur die Nachricht, da unser verehrter Kronprinz
  soeben die Anfrage an Dich ergehen lt, ob Du fr seine Reise nach
  Italien, Griechenland und dem Orient, welche er in einigen Monaten
  antreten wird, sein Begleiter sein willst. Die Anerbietungen, welche
  auerdem hinzugefgt sind, versprechen so viel Genu und Vortheile,
  da ich gewi bin, Dein Herz jubelt ihnen zu, wenn Dir auch eine neue
  Trennung von Deiner Braut fr's Erste wenig lockend sein mag. Eine
  Professur fr Archologie soll im Laufe der nchsten Zeit an der
  Universitt B. besetzt werden, und ich mte mich sehr irren, wenn
  unser gndiger Kronprinz nicht im Sinne htte, seinen Reisebegleiter
  fr diese Stelle vorzuschlagen, wenn er diesen als einen tchtigen
  Gelehrten erkannt hat. Da dem so sein wird, dafr ist mir nicht
  bange, falls Du dieser Reisegefhrte bist. Ich freue mich sehr, da
  meine Dienste, welche ich in frheren Jahren dem Hofe geleistet habe,
  jetzt noch so gute Frchte tragen. Deiner verehrten Braut meinen
  besten Gru und die Bitte, mir nicht zu zrnen, da ich ihr den
  Geliebten wieder entfhren will, nachdem sie kaum die Schwelle ihres
  Hauses betreten. Meine kleine Susanne sendet Esther aus der Ferne ihre
  Gre und freut sich, bei ihrer Heimkehr aus B., wohin sie fr einige
  Monate durch meinen Bruder entfhrt worden, eine liebe Freundin in ihr
  begren zu drfen. Bald umarmt Dich in vterlicher Liebe

                                       Dein =Adolph von Sassen=.


Das waren denn wundervolle Neuigkeiten! Der hchste Wunsch Bertels,
eine Reise nach jenen Lndern unternehmen zu knnen, auf deren
klassischen Boden so reiche Schtze fr seine Wissenschaft ruhten,
sollten sich ihm erfllen, und unter welch' verlockenden Bedingungen!
Esther war es zuerst, welche aufjubelte und keinem Zgern Raum gab,
obwohl sie sich von Neuem von dem Geliebten trennen sollte. Gehren
wir uns denn jetzt nicht fr ewig, mein lieber Bertel? rief sie
freudestrahlend, als Hubert sie etwas trbselig anschaute in dem
Gedanken abermaliger Trennung.

Reise in Gottes Namen, mein Geliebter, und wenn du dann heimkehrst,
la dir zum Schlu die schne Professur von deinem Kronprinzen
schenken; dann wissen wir gleich, wo wir eines Tages, so Gott will,
unsere Htte bauen werden.

Und so geschah es denn auch. Hubert erwarb vor allem den Titel eines
Doktors der Philosophie, und als solcher begleitete er dann mit
noch einigen andern strebsamen, jungen Gelehrten den Kronprinzen
nach jenen schnen Lndern, reiche Schtze sammelnd an Kenntnissen
und Erfahrungen. Ein ganzes Jahr verging, ehe die kleine Expedition
heimkehrte, und diese Zeit verlebte Esther in ihrem Waldhause in
stillem, glcklichen Seelenfrieden. Tante Booland war unermdlich, an
der Ausstattung des jungen, knftigen Haushaltes zu arbeiten; Frau von
Ihlefeld aber fhlte tglich von Neuem, welchen Schatz sie an Esther
gewonnen. Keine andere Tochter htte ihr je mit grerer Liebe und
Verehrung anhngen, keine ihr je die Tage mehr verschnern knnen, als
dieses Mdchen, das so brav und klug, so selbstvergessend und treu
stets fr die Ihren lebte und dachte.

Als dann endlich das Trennungsjahr vorber und Bertel heimgekehrt war
von seiner Reise, da schaute die Morgensonne eines Tages mit ganz
besonderem Glanze in die freundliche, reich geschmckte Dorfkirche
von Rahmstedt. Hier stand Pastor Krause am Altare, und seine tief
bewegten Worte erklangen feierlich in dem kleinen Gotteshause, das die
Menge der Andchtigen kaum fassen konnte. Zu den Fen des Geistlichen
aber kniete ein junges Paar, deren Ehebund seine Hand einsegnete; es
war Hubert und Esther. An dem Schicksale dieser braven Kinder des
Dorfes Rahmstedt nahm Alt und Jung den innigsten Antheil, und es war
ein langer, frhlicher Zug, welcher das junge Paar nach dem reich
bekrnzten Waldhause geleitete, in dem Tante Booland ein festliches
Hochzeitmahl hergerichtet hatte. Am selben Tage fhrte Bertel dann
seine Esther als stattliche Frau Professorin nach B., der neuen Heimath
des glcklichen Paares, denn hier hatte der talentvolle, junge Mann
in der That jene Stelle an der Universitt erhalten, von der Herr von
Sassen gesprochen.

Wenige Monate spter begrte ein anderes junges Ehepaar auf der
Durchreise unsere Freunde in B. Die blonde Susanne lag bald lachend,
bald weinend an Esthers Halse, ihr hbscher junger Gatte aber, jener
schwarzbrtige Graf Redern, dem das junge Mdchen bald nach Esthers
damaliger Rckkehr Herz und Hand geschenkt hatte, stand ungeduldig
daneben, um auch seinerseits die hbsche Frau Professorin zu begren,
an der seine kleine Frau mit so schwrmerischer Liebe hing. Bald darauf
flog das schne, junge Paar dem herrlichen Italien zu, lustig und
frhlich wie ein paar glckliche Kinder, welche fr einander geschaffen
schienen zu heiterer Lebenslust. Auch Frau von Ihlefeld folgte ihren
Kindern bald nach, und an dem huslichen Heerde derselben, an dem nur
Friede und Freude waltete, erblhten der schwer geprften Frau noch
einmal frohe, glckliche Tage. In diesem Hafen konnte sie ausruhen
von allen Strmen, die ber sie dahin gezogen, und einen frohen
Lebensabend genieen, den die Liebe ihrer Kinder verschnte. Tante
Booland aber htete stillen und frhlichen Sinnes das kleine Waldhaus
in Rahmstedt, in dem Esther in jedem Sommer einige Wochen oder Monate
verlebte, dankbaren Herzens ihrer Kindheit gedenkend und all' der
wechselvollen Schicksale, welche ihr jetziges Glck an der Seite ihres
Bertel begrndete. Die wissenschaftliche Ausbildung, welche sie einst
gemeinsam mit ihrem Spielkameraden erhalten, befhigte sie jetzt, den
Arbeiten Bertels mit Interesse und Verstndni zu folgen, und was sie
einst so sehnlich gewnscht: ein Knabe zu sein, um Antheil nehmen zu
knnen an ihres Gespielen ehrenvoller Laufbahn, das wurde ihr nun in
=der= Weise zu Theil, wie es eben fr ein weibliches Wesen am besten
und wnschenswerthesten ist. Wie frher das Kind Esther, so kannte auch
jetzt Bertels Gattin kein schneres Ziel und keine bessere Aufgabe,
als Huberts Lebensglck und keinen hheren Stolz, als den Ruhm ihres
Gatten.




                              Verwaist.




                            Erstes Kapitel.

                             Der Abschied.


Dacht' ich's doch! Da sitzt sie wieder bei ihren Bchern und lernt,
als sollte sie morgen gleich noch ein Examen bestehen! O du Nimmersatt,
hast du denn immer noch nicht genug Weisheit? so rief Fanny, ein
junges Mdchen von 16 Jahren, indem sie in ein groes Zimmer trat,
dessen ganze Einrichtung den Charakter einer Schulstube trug. Mitten an
einem der kahlen Arbeitstische, die mit Bchern und Schreibmaterialien
bedeckt waren, neigte sich ein anderes junges Mdchen ber ihre Bcher
und lie sich durch den Eintritt Fanny's in ihrer Arbeit wenig stren.
Diese aber trat hinter den Stuhl der Freundin, schlug ihr neckend das
Buch zu, und indem sie die Arme um den Hals derselben schlang, fuhr sie
scheltend fort: Nein, Agathe, ich lasse dir keine Ruhe, bis du mit mir
hinaus in den Garten kommst, wo wir Alle beisammen sind. Hier in der
abscheulichen Schulstube ist es so dumpf und enge, und du bist wieder
so bleich, da ich es nicht lnger leide, dich hier sitzen zu sehen.
Du liebe Gelehrsamkeit, ich dchte, heute knntest du dir wahrlich
Ruhe gnnen! Du hast uns ja beim Examen Alle durch deine Antworten
berflgelt, und es ist nur eine Stimme darber, da du die beste
Schlerin der Anstalt bist.

Die Angeredete blickte still vor sich hin und schttelte den Kopf.

Du glaubst es nicht, Agathe? rief Fanny lebhaft. So geh' und frage
alle Lehrer, besonders Herrn Lobner; da wirst du erfahren, ob ich Recht
habe! Aber statt da du dich darber freuen solltest, machst du so
groe, traurige Augen, da mir wahrhaftig selbst ganz bange dabei wird.
Du bist doch gar zu ernst fr deine 16 Jahre, Mdchen!

Agathe seufzte, und Thrnen traten ihr in das Auge. Kann ich dafr,
wenn ich ernster bin, als all' ihr andern? sagte sie sanft. Ist nicht
auch meine Zukunft ernst und trbe, und mu ich da nicht doppelt eifrig
sein, mir so viel Kenntnisse, als mglich, zu erwerben? Was soll denn
aus mir werden, wenn ich mir nicht selbst in der Welt forthelfen kann?
Ich habe ja keinen Vater, ach und jetzt auch keine Mutter mehr, die fr
mich sorgt, wie du, beste Fanny! Ach da =sie= noch lebte!

Heie Thrnen strzten bei diesen Worten aus Agathes Augen, und Fanny
zog die schluchzende Freundin liebevoll an ihr Herz und strich ihr
sanft ber das dunkle Haar. Du sollst ja in dem Hause deines Onkels
eine zweite Heimath finden, liebe Agathe! sprach sie trstend. Sei
doch guten Muthes; deine Zukunft wird sich gewi besser gestalten, als
du jetzt frchtest!

O, bei meinem Onkel, Fanny, schluchzte Agathe; das ist es ja eben,
wovor ich mich frchte! Ich kenne weder ihn, noch die Tante, und obwohl
meine Mutter immer sehr gut von ihrem Bruder sprach, so ist er mir
doch ein Fremder, und das Herz schlgt mir so unaussprechlich bange
bei der Aussicht, in jenem Hause zu leben! Gott mag es mir verzeihen;
denn gewi sind solche Gedanken eine groe Snde, und ich sollte lieber
dankbar dafr sein, da sie die arme Waise bei sich aufnehmen.

Du bist noch zu unglcklich ber den Tod deiner guten Mutter und
siehst alle Dinge deshalb so trbe und schwer an, liebes Herz,
trstete Fanny; Agathe aber schttelte wehmthig den Kopf und weinte
still noch eine Weile am Herzen der Freundin. Endlich aber richtete sie
sich auf, und getrost die Blicke zum Himmel aufschlagend, sprach sie
ruhig: Wie der liebe Gott es will, so mag es geschehen! Diese Thrnen
haben mein Herz erleichtert; nun ist mir wohl. Habe Dank, meine liebe
Fanny, du treue Seele, da ich mich gegen dich aussprechen durfte. Aber
auch von dir soll ich ja scheiden, o von allem, was mir lieb und theuer
ist!

Wir wollen uns recht oft schreiben, Agathe, das wird ein neuer Genu
sein, den uns die Freundschaft giebt, rief Fanny heiter. Aber nun
komm' in den Garten; die Luft wird dir gut thun. Von dem vielen Lernen
wirst du nur noch schwermthiger.

Drfte ich nur noch hier in der Pension bleiben, bis ich so weit
ausgebildet wre, um als Erzieherin mich ntzlich zu machen! seufzte
Agathe, der Freundin folgend. Mein grter Kummer wre es, knnte ich
beim Onkel meine Studien nicht fortsetzen, was ich fast frchte.

Warte es doch nur erst ruhig ab, du kleinmthiges Kind! Warum machst
du dir nur im Voraus solche Skrupel? scherzte Fanny und nach und nach
gelang es ihr wirklich, die traurige Freundin zu erheitern und ihr
die Zukunft in weniger dstern Farben erscheinen zu lassen. Traulich
plaudernd gingen die beiden jungen Mdchen in dem Garten auf und
nieder, bis die Hausglocke sie zum Abendbrod rief, und sie im Verein
mit den brigen Schlerinnen der Anstalt dem Hause zueilten.

Kommst du mit mir, Agathe, Herrn Lobner Lebewohl zu sagen? fragte
am andern Morgen Fanny, indem sie schnell bei ihrer Freundin eintrat.
Sieh, diesen schnen Blumenstrau und die reizende Tasse hat mir Mama
fr ihn geschickt; ich hoffe, er wird sich freuen. Hast du auch etwas
fr ihn, Agathe?

Ich? Nein, Fanny. Was knnte ich armes Mdchen bringen; ich habe ja
nichts! sagte Agathe traurig.

O dann gieb du ihm die Blumen, bestes Herz! drngte Fanny, Agathen
den Strau in die Hand drckend; diese aber gab ihn der Freundin sanft
zurck und sagte leise: Nein, Fanny, ich danke dir fr deine Liebe.
Aber ich denke, da unser liebster Lehrer mir auch ohne dies sein
freundliches Andenken bewahren wird, wenn ich ihm lieb geworden bin,
und wre dies nicht der Fall, so wird ihm mein Geschenk auch keine
Freude machen.

So schenke ich ihm auch nichts! rief Fanny rgerlich.

Das wre sehr unrecht, da deine Mutter ihm dies Geschenk bestimmt,
sagte Agathe. Komm, komm, es wird ihm gewi Freude machen.

Bald traten die beiden jungen Mdchen in das Zimmer des ersten Lehrers
der Anstalt, Herrn Lobner, einem zwar noch jungen Manne, der sich aber
durch seinen vortrefflichen Unterricht, wie durch die milde und doch
ernste Weise, in welcher er den Schlerinnen gegenber trat, die Liebe
und Verehrung aller dieser jungen Herzen erworben hatte.

Mit Freude und Rhrung empfing er den Dank der beiden jungen Mdchen,
welche ihm jetzt schon Lebewohl sagten, obwohl sie noch einige Tage in
der Pension blieben; aber seinen Unterricht sollten sie jetzt nicht
mehr genieen. Der Tag ihrer Einsegnung lag vor ihnen und mit diesem
die Trennung von dem Hause, das besonders Agathen unbeschreiblich lieb
geworden war.

Milde ermahnende Worte gab Herr Lobner den jungen Mdchen mit auf den
Weg: die lebhafte, etwas leichtsinnige Fanny ermahnte er zu Ernst und
grerer Besonnenheit; der stillen Agathe sprach er Muth und heitere
Zuversicht in die Seele. Mit unbeschreiblicher Wehmuth ruhte sein Auge
auf der einsamen Waise, und wie segnend legte er seine Hand auf das
Haupt des armen Kindes. Fanny's Geschenk nahm er freundlich dankend
an, dann ergriff er Agathes Hand, und sein kleines Heft von dem Tische
nehmend, sagte er bewegt: Willst du mir wohl diese Arbeit als Andenken
zurcklassen, Agathe? Es ist dein letzter Aufsatz; ich mchte mir ihn
zur Erinnerung an meine fleiigste Schlerin aufbewahren.

Agathe errthete tief und vermochte nicht zu antworten; aber mit beiden
Hnden des theuren Lehrers Hand ergreifend, drckte sie dieselben
inbrnstig an ihre Brust; dann eilte sie schnell zum Zimmer hinaus,
denn Freude und Wehmuth bestrmten ihr Herz so mchtig, da sie ihre
Thrnen nicht lnger zurck halten konnte.

                   *       *       *       *       *

Palmsonntag war gekommen, und feierlich zitterten die Glockentne durch
die sonnige Frhlingsluft. Drinnen im Gotteshause stand andchtig
eine Schaar junger Mdchen und Knaben an den Stufen des festlich
geschmckten Altares und empfing die Weihe als Christen. Mit ihren
eigenen Lippen sprachen sie jetzt das Gelbde aus, das sie in den Bund
der Gemeinde Christi einfhrte, und tief bewegt erklang der Segen des
Geistlichen am Schlu der Feier.

Auch Agathe war unter der Zahl jener festlich gekleideten Mdchen,
welche jetzt vom Altar hinweg gingen, und die Augen mit dem Tuche
verhllend, sah sie nicht, wie sie einsam auf ihrem Stuhle zurck
blieb, als Freunde und Verwandte herbei kamen, die Confirmanden aus der
Kirche zu fhren. -- Mein Vater und meine Mutter verlassen mich, aber
der Herr nimmt mich auf! das waren die Worte, die der Geistliche ihr
als Zuspruch mit in die Welt gegeben, und tief erschttert fhlte sie
die ganze Gewalt derselben. Sie hatte niemanden, als Gott im Himmel,
den Vater der Waisen, an dem sie halten konnte; aber war Er nicht der
festeste Stab, der treuste Helfer in Noth und in Kummer?

Still und getrost wollte das einsame Kind eben die Kirche verlassen,
den Gefhrtinnen folgend, da fhlte sie eine Hand auf ihrer Schulter,
und eine sanfte Stimme sprach: Gott segne dich, mein theures Kind!
Agathe wandte sich berrascht um und blickte in das treue Auge ihres
Lehrers, welcher ihr innig die Hand drckte und dann tief bewegt an
ihrer Seite blieb. Erst am Ausgange der Kirche trennte er sich von dem
jungen Mdchen; denn hier wartete dieser ein zweites Herz, das treu und
liebevoll fr sie schlug. Es war die alte Anne Sommer, die Dienerin
ihrer Mutter, welche Agathe seit ihrer frhesten Jugend gekannt,
und dem einzigen Kinde ihrer theuren Herrin stets die wrmste Liebe
bewahrt hatte. Frau Sommer war die Wittwe eines Corporals und eine gar
wunderliche Alte; gro und krftig von Gestalt, und doch so grau und
runzlich wie ein alter verwitterter Ulmenbaum. Aber ihre Gutmthigkeit
und ihre frische Laune machten sie zum Liebling aller ihrer Bekannten,
und trotz ihrer etwas auffallenden Manieren konnte niemand der alten
Soldatenfrau bse sein. Agathe hing mit unendlicher Zrtlichkeit an
dieser treuen Seele und lie sich willig von ihr auf offner Strae
herzen und kssen.

Mein Herzchen, mein Vgelchen, meine arme, kleine Blume! rief die
Alte ganz hingerissen von Zrtlichkeit und streichelte Agathes bleiche
Wangen mit ihren groen, rauhen Hnden; dann schlang sie wieder ihre
Arme um des Mdchens feine Gestalt, so da diese ganz in den Kleidern
der lebhaften Alten verschwand.

Ach Anne, knntest du wenigstens mit mir ziehen, wenn ich hier fort
gehe, dann frchtete ich mich nicht so sehr, seufzte Agathe. Aber so
allein in die fremde Stadt, zu diesen fremden Verwandten; ach Anne, es
drckt mir fast das Herz ab!

Nur Courage, mein Goldkferchen, nur immer stramm dem Feinde in's
Auge gesehen, und Care formirt, da er dir nichts anhaben kann!
sagte die Alte fest und machte eine Bewegung, als schultre sie das
Gewehr. Wir Soldatenkinder frchten uns vor keinem Popanz, und kme
er selbst in Gestalt deiner Frau Tante! Nur nicht ngstlich! das war
meines guten Corporals Sprchwort, und das hat ihm zuletzt denn auch
den Soldatentod gebracht, der alten braven Seele, Gott segne ihn!
Wer wei, wer wei, mein Vgelchen, wie die Sachen kommen! fuhr sie
dann nach einer Pause geheimnivoll fort, und in ihrem Kopfe zog Plan
auf Plan vorber, wie sie es wohl bewerkstelligen knnte, ihrem lieben
Kinde nach Leipzig zu folgen, wohin dieses in wenig Tagen abreiste.

Noch einmal betete Agathe an den Grbern ihrer theuren Eltern, von
denen sie mit traurigem Herzen Abschied nahm; noch einmal umarmte sie
ihre Schulfreundinnen, und vor allem die treue Fanny, und noch einmal
blickte sie in die treuen Augen ihres geliebten Lehrers, -- dann
fhrte der fortrollende Wagen die junge Waise hinaus aus den lieben,
bekannten Umgebungen, hinaus in die weite, fremde Welt. -- Agathe hatte
sich weinend in die Ecke des Wagens gedrckt, um sich den Blicken der
Mitreisenden zu entziehen; da hrte sie ngstlich ihren Namen rufen und
erkannte in der Morgendmmerung die groe Gestalt ihrer treuen Anne,
welche mit mchtigen Schritten neben dem Wagen herlief, der gemchlich
ber das Steinpflaster polterte.

Hier, hier, mein Liebling, mein Goldkind! rief Frau Sommer athemlos
und warf Agathen ein Pckchen in den Wagen. Hier nimm das hinein in
dein Nestchen, mein armer, kleiner Vogel; es sind Pfefferkuchen, die
du so gern knupperst; die alte Anne hat sie dir gebacken, da du eine
kleine Gesellschaft unterwegs hast. Der liebe Gott gehe mit dir, mein
Herzblatt, mein ses, armes Kindchen! Sei nicht gar zu traurig, sollst
sehen, ich bin bald wieder bei dir. Adieu, adieu, mein Herzchen; beht
dich Gott, beht dich Gott!

Die letzten Stze rief die treue Seele unter heftigen Schluchzen in
den Wagen hinein, an dessen Fenster sie sich fest angeklammert hatte,
und trotz des schnelleren Fahrens trabte sie athemlos noch eine Weile
nebenher, bis endlich der Kutscher ber das alte Weibergewinsel
schimpfte und die Pferde zu schnellem Trabe anfeuerte. Da nickte
die Alte ihrem Lieblinge noch einmal zu; die Finger lsten sich vom
Kutschenschlage, und mit gefalteten Hnden blickte Anne Sommer dem
Wagen nach, ein Gebet fr das Wohl der armen Waise auf den Lippen.




                           Zweites Kapitel.

                           Die neue Heimath.


Es war schon vllig dunkel geworden, als Agathe in Leipzig ankam, dem
Orte ihrer Bestimmung, und die Fahrt whrend des ganzen Tages in dem
engen Wagen war ihr zuletzt so lstig geworden, da sie sich freute,
endlich am Ziele zu sein, so bange ihr auch das Herz vor Erwartung
klopfte. -- Vor einem alten dstern Eckhause in der Hainstrae hielt
der Wagen, und schlfrig kam der Hausknecht mit der Laterne herbei, dem
Kutscher zu leuchten, der hier einige Passagiere seines Lohnfuhrwerkes
abzusetzen hatte. Die engen, finstern Straen mit den hohen Husern,
deren Giebel und Erker weit vorsprangen und dem Himmel noch weniger
Einblick gewhrten, bedrckten Agathes Herz unbeschreiblich. Sie
schaute in der vllig fremden Umgebung ngstlich um sich; da hrte
sie pltzlich, wie eine grobe Stimme fragte: Is Freiln Wiggers mit
gekommen?

Ja ja, hier ist sie! rief Agathe schnell und htte den schmutzigen
Lasttrger vor Entzcken um den Hals fallen mgen, da er unter all'
den fremden Menschen sich ihrer annehmen wollte. Schnell sprang sie
aus dem Wagen, und der Kutscher reichte den kleinen Koffer des jungen
Mdchens herab, welchen der groe Packtrger wie einen leichten Ball
auffing.

Is das alles? fragte er dabei verwundert, als Agathe sich zum
Fortgehen anschickte. Auf deren bejahende Antwort blickte der Mann
ordentlich mitleidig auf den kleinen Koffer, und gab einem Rollwagen,
der neben ihm stand, einen Tritt, da er zur Seite fuhr. Na, der war
von Ueberflu! murmelte er dabei lachend und rief einen Knecht herbei,
der den Karren bis zu seiner Rckkehr in Verwahrung nahm. Dann schwang
er den Koffer auf die Schulter, und schritt schnell vor Agathen her,
Strae auf, Strae ab, bis sie vor einem Hause des Thomaskirchhofes
Halt machten.

Gehen Sie nur da 'nauf, liebes Mamsellchen, sagte er auf die
erleuchtete Treppe deutend. Se kennen nich fehlen, die erste Thr
rechts is es! Ich mu mit dem Kofferchen die Hintertreppe rauf, sonst
giebts e Donnerwetter da oben!

Er schob grend die Mtze zur Seite und verschwand im dunkeln Hofraum;
Agathe aber stand bald vor der bezeichneten Thr, an welcher der Name
Niedrer in goldner Schrift zu lesen war. Ach diese Thr allein trennte
sie ja jetzt von der neuen Heimath! Was mochte alles hinter derselben
auf sie warten; wie mochten diejenigen ihr entgegen treten, die ihr
nun Vater und Mutter ersetzen sollten! Noch einmal wandte sie ihr Auge
zu dem empor, der ihr Muth und Hoffnung gegeben, wenn sie verzagen
wollte, und getrost streckte sie ihre Hand nach dem verhngnivollen
Klingelzuge aus.

Eine nette, freundliche Dienerin ffnete die Thr, und Agathe trat in
den Vorflur. Auf ihre Frage nach Onkel und Tante sagte das Mdchen
verlegen, der Herr sei verreist, und Madame eben im Begriff, in
Gesellschaft zu gehen; sie wolle das Frulein aber anmelden. Agathe
ging es wie ein Frost durch die Glieder; das war ein sonderbarer
Empfang. Sie hatte sich so unsglich danach gesehnt, diesen Verwandten
an das Herz zu sinken, diesen guten Menschen, die sich der armen Waise
erbarmten; aber konnte sie das nun? Mit klopfendem Herzen folgte sie
endlich der zurckkehrenden Dienerin, welche sie in ein elegantes
Zimmer fhrte, mit der Weisung, sich etwas zu gedulden, Madame werde
gleich kommen.

Agathe harrte bangen Herzens; die Erwartung wollte ihr den Athem fast
rauben. Endlich ging die Thr auf, und eine groe, stattliche Dame
in eleganter Toilette trat rauschend in das Zimmer. Sie blieb einen
Augenblick stehen, dann streckte sie dem jungen Mdchen ihre mit vielen
Ringen bedeckte Hand hin und sagte mit etwas schleppendem, affectirten
Tone: So, bist du da? Guten Tag, liebe.... Wie heit du doch?

Agathe, liebe Tante! flsterte diese ngstlich und kam zaghaft
herbei, der Dame die dargebotene Hand zu kssen. Doch noch hatte sie
sich der Tante nicht ganz genhert, als sich pltzlich ein wthendes
Hundegebell erhob, und ein kleiner Bologneserhund zhnefletschend auf
Agathe losfuhr. Erschrocken sprang diese einige Schritte zurck; die
Tante aber lachte laut auf und hob den kleinen Hund auf den Arm, indem
sie ihn herzte und kte.

Du spahafter, kleiner Bursche, willst wohl nicht leiden, da man
deiner Herrin die Hand kt? rief sie, den Hund von Neuem liebkosend.
Denkst, du hast allein das Recht dazu, mein kleiner Liebling? Soll
dich wohl wieder gut machen fr den Kummer, den ich dir verursacht,
nicht wahr, kleines Bellochen? Nun so komm, weit ja, wo's was Gutes
fr dich giebt, du Schelm!

Dabei ging sie nach einem Glasschranke, und holte eine Hand voll
des schnsten Confectes heraus, das sie dem Hunde darbot. Dieser
beschnupperte es, whlte sich einige Stcke davon aus, und lie
sich dann beruhigt nach einem zierlichen Korbe tragen, in welchem
von rothseidenen Betten sein Lager bereitet war, ber das sich ein
ebensolcher Baldachin wlbte.

Agathe hatte all' dem staunend und mit weit geffneten Augen
zugeschaut; sie glaubte zu trumen. Die Tante jedoch unterbrach ihre
Reflexionen, indem sie sich jetzt wieder zu ihr wandte und sagte: Du
siehst, ich habe den kleinen Kerl etwas verwhnt; aber er ist mir so
lieb, da ich ihm nichts verweigern kann. Ich hoffe, ihr werdet auch
gute Freunde werden; denn ich will ja meinen kleinen Liebling deiner
speciellen Sorge anvertrauen. Meine alte Cousine, die ihn bis jetzt
versorgte, versteht ihn nicht richtig zu behandeln; deshalb ist es mir
ganz lieb, da du zu uns kommst! Aber jetzt mu ich fort, liebes Kind,
schlo die Dame, einen prachtvoll trkischen Shawl um die Schultern
schlingend; la dir in der Leutestube etwas zu essen geben, wenn du
Hunger hast!

Dabei ging sie mit affectirt vornehmer und majesttischer Haltung an
Agathen vorber, und nickte ihr einen leichten Gru zu; dann war sie
fort. Agathe stand lange wie gelhmt noch immer an derselben Stelle
und blickte der Tante mit starren, verwunderten Augen nach. Sie also
war es, die ihr die Mutter ersetzen sollte! Wieder lief es dem jungen
Mdchen wie Eis durch die Adern, und voll Schrecken berdachte sie
die Worte, welche sie gehrt hatte. Unfreundlich war die Tante nicht
gewesen, das mute sich Agathe gestehen; aber doch hatte sie ihr nicht
ein Wort gesagt, das sie freundlich im Hause willkommen geheien, nicht
eines, das ihr warm zum Herzen gesprochen htte. Ich will meinen
kleinen Liebling deiner Sorge anvertrauen; deshalb ist es mir ganz
lieb, da du zu uns kommst! Das war eigentlich der Inhalt der Rede,
die sie begrt hatte. Also Hundewrterin! sprach Agathe leise vor
sich hin und blickte nach der Wiege des Schooshundes. Deshalb bin ich
hier willkommen, nur deshalb! -- Aber nein, ich thue der Tante gewi
Unrecht, dachte sie dann wieder; ich bin so reizbar, so empfindlich,
hatte einen so anderen Empfang erwartet! Es wird gewi anders, wenn
ich erst hier bekannt bin. Die Tante ist gewi gut, sonst wre sie
zu dem Hunde auch nicht freundlich. Lange stand das junge Mdchen
und berdachte in dieser Weise alles, was sie gehrt und gesehen; da
endlich ffnete sich die Thr, und ein altes, gutes Gesicht blickte
herein.

Willst du nicht etwas Warmes genieen, liebes Kind? sprach
eine sanfte Stimme, und Agathe sah nun eine kleine, verwachsene
Frauengestalt neben sich, deren unregelmiges, altes Gesicht mit
gewinnender Freundlichkeit zu dem jungen Mdchen aufblickte.

Ich bin die Cousine, liebes Kind! sprach sie zutraulich, Agathes
fragende Blicke verstehend. Ich besorge das Hauswesen und habe dir
etwas Warmbier zurecht gemacht. Ich denke, es soll dir gut thun. Willst
du mit mir kommen?

Agathe folgte ihrer gutherzigen Fhrerin nach einem kleinen Zimmer,
das neben der Kche lag, und das ganz hbsch und behaglich aussah, so
einfach auch die Einrichtung desselben war. Ein kleiner, gedeckter
Tisch stand am Fenster, und bald fllte der Duft des wrzigen Warmbiers
die Stube und erregte in Agathen lebhafte Elust, denn sie hatte den
Tag ber wenig genossen. Die Cousine leistete ihr Gesellschaft, und
gemthlich saen sie in traulichem Geplauder beisammen. Agathe war
glcklich, ein Wesen hier zu finden, das ihr Theilnahme bewies, und
gegen das sie sich aussprechen konnte.

Ja, es ist ein wunderliches Haus, in das du hier eintrittst, liebes
Kind! sagte die Cousine seufzend, nachdem Agathe ihre Verwunderung
ber den sonderbaren Empfang ausgesprochen hatte; du wirst dich noch
ber vieles verwundern.

Aber der Onkel, liebe Cousine, wie ist denn der? sprach das junge
Mdchen gespannt.

Mein Vetter! Hm, der mchte freilich wohl manches anders haben!
erwiederte die Kleine; aber was kann das helfen! Er ist ein guter,
lieber Mann; aber seine Schwche erlaubt ihm nicht, der Frau zu wehren,
wenn sie launisch und bse ist, und so bleibt es beim Alten. Sie
regiert, er gehorcht, das ist das Ende von allen Dingen.

Wo ist er denn? Ich hatte gehofft, ihn sogleich kennen zu lernen!
seufzte Agathe.

Mein Vetter freute sich auch darauf; aber die Cousine brauchte
allerlei fr das Geschft; da mute er fort, er mochte wollen oder
nicht! sagte Jene. Aber morgen frh kommt er zurck.

Fr das Geschft? Was denn fr ein Geschft? entgegnete Agathe. Ich
glaubte, der Onkel sei Buchhalter des Hauses F. und habe selbst kein
Geschft?

Er nicht, aber sie! sagte die Cousine. Es ist ein Putzgeschft,
das Madame als Mdchen schon gehabt hat, und da es ihr selbst keine
Mhe macht, aber Geld einbringt, so setzt sie es fort: denn Geld
braucht sie zu ihrem Staate mehr, als er ihr geben kann. Unter den
Ntherinnen wirst du nun wohl auch dein Pltzchen bekommen, liebe
Agathe; Madame hat schon davon gesprochen. Ich soll Putzmacherin
werden? rief Agathe auffahrend, und helle Gluth bedeckte ihr bleiches
Gesicht. Wenigstens wei ich es nicht anders! entgegnete die Cousine
achselzuckend.

Agathen entsank der Bissen Brod, den sie zum Munde fhrte, und Thrnen
strzten aus ihren Augen. O meine schnen Trume! rief sie traurig
und bedeckte das Gesicht mit den Hnden. Die gute Alte blickte
mitleidig auf das junge Mdchen und seufzte leise, dann aber suchte
sie ihr Muth und Trost zuzusprechen. Sie irre sich vielleicht; die
Tante habe es vielleicht ganz anders im Sinne, als sie sich denke,
und am Ende knne es einem jungen Mdchen ja nicht schaden, wenn sie
etwas Putzmachen lerne; es sei eine gar gute und ntzliche Zugabe
fr's Leben. Agathe war gern bereit, Trostgrnden Gehr zu leihen,
auch konnte sie den vernnftigen Worten ihrer Gefhrtin nicht so ganz
Unrecht geben. Sie sprachen noch eine lange Zeit mit einander; endlich
aber fielen Agathen die Augen vor Mdigkeit zu, und die Cousine fhrte
sie in ein Nebenzimmerchen, in welchem auer wenigen Meubel zwei Betten
standen.

Wir schlafen hier zusammen, liebes Kind, sagte die gute Alte
freundlich; dann half sie dem jungen Mdchen beim Auskleiden, und trotz
der vielen Gedanken, welche auf Agathe einstrmten, schlo der Schlaf
dennoch bald ihr mdes Auge, und fhrte sie zurck in den lieben,
schnen Kreis, den sie verlassen. --




                           Drittes Kapitel.

                            Erster Morgen.


Als Agathe am folgenden Morgen erwachte, konnte sie sich lange Zeit
gar nicht besinnen, wo sie denn sei und was mit ihr vorgegangen. Das
freundliche Gesicht der alten Cousine, das zur Thr herein schaute,
rief ihr jedoch sogleich alles Erlebte zurck, und schnell erhob sie
sich, um sich anzukleiden.

Der Onkel ist soeben zurck gekommen, sagte die Cousine. Er erwartet
dich vorn im Zimmer; eile dich, liebes Kind!

Agathe kleidete sich so schnell als mglich an, und bald hatte sie ihre
Toilette beendet. Sie trug noch Trauerkleider; denn ihre Mutter war
erst krzlich gestorben.

In dem kleinen Zimmer nebenan, dessen Thr Agathe zgernd ffnete, kam
ihr der Onkel, ein kleiner, starker Mann, mit ausgebreiteten Armen
entgegen.

Sei mir willkommen, mein liebes Kind! sagte er sanft und zog das
junge Mdchen in seine Arme. Agathe schmiegte sich bewegt und glcklich
an die Brust des lieben Mannes, den sie zwar noch nie gesehen, aber
der sie so herzlich begrte, als sie nur hoffen und wnschen konnte.
Nun stellte dieser das junge Mdchen vor sich hin und betrachtete sie
prfend von oben bis unten.

Ganz wie meine liebe, gute Schwester, als sie so jung war! rief er
dann bewegt und streichelte Agathes Wange. Ganz ihre lieben, blauen
Augen und das weiche, braune Haar! Sei nur auch so fromm und brav, als
sie es war, mein Kind, so wird es dir gut gehen. Das junge Mdchen
kte die Hand das Onkels, dieser aber sagte etwas hastig: Jetzt komm
aber zu meiner Frau, sie erwartet dich, und -- und wenn sie vielleicht
manchmal etwas streng gegen dich ist, so denke immer, sie meint es gut
mit dir, und verliere den Muth nicht; es wird alles schon ganz gut
werden. Agathe folgte dem Onkel und fand in dem Zimmer, in welchem die
Tante sie gestern empfangen, einen reich besetzten Frhstckstisch, an
dem Madame in Gesellschaft ihres Hundes das Frhstck einnahm.

Agathes freundlichen Morgengru erwiederte sie mit leichtem Kopfnicken;
dann aber wandte sie sich zu ihrem Gatten und sagte verdrielich:
Du lt mich lange warten, Albert! Ich dchte, Agathe konnte zu dir
kommen, statt da du sie aufsuchtest!

Nein, liebe Marie, ich hatte sie gestern bei ihrer Ankunft nicht
begren knnen, darum ging ich gleich jetzt zu ihr, sagte Herr
Niedrer sanft. Uebrigens brauchtest du ja nicht mit dem Frhstck auf
uns zu warten.

Das habe ich auch nicht! Aber du weit, da ich Bellochen die Milch
nicht gern selbst gebe, das ist deine Sache! sagte Madame rgerlich.
Das arme, kleine Thier stirbt fast vor Hunger.

Der gehorsame Gatte ergriff schnell die zierliche Schale mit Milch,
blies, da sie sich abkhlte, und neigte sich dann zu dem Hunde herab,
der knurrend den Morgentrunk zu sich nahm. Den Kuchen, aus welchem
ferner das Frhstck des Kleinen bestand, reichte ihm die Hand seiner
Herrin. Bellochen beliebte es jedoch, von demselben nur die oberste
Zuckerdecke abzulecken; den darunter liegenden Kuchenteig stie er
knurrend mit der Schnauze von sich, und Madame griff schnell nach einem
andern Stck Kuchen, das der liebe Hund dann abermals in gleicher Weise
beknabberte. Darauf streckte sich das Thier ghnend und mit der Zunge
die Schnauze beleckend und legte sich endlich mit geschlossenen Augen
auf dem Sopha zurecht, an der Seite Madames.

Agathe hatte belustigt zusehen; aber sie wute nicht, ob sie es wagen
durfte, sich an den Tisch zu setzen, da die Tante gar keine Notiz von
ihr nahm. Sie zupfte ngstlich an ihrem Taschentuche, strich sich den
kleinen Kragen glatt und trat verlegen von einem Fue auf den andern.

Aber so komm doch nher, du schchternes Kind, und frhstcke mit
uns! rief jetzt der Onkel, der ihre Verlegenheit bemerkte, und schob
einen Stuhl herbei, auf dessen uerster Ecke Agathe schchtern Platz
nahm.

Ich dchte, sie knnte sich den Stuhl wohl selbst holen; junge Mdchen
mssen sich nicht bedienen lassen! sagte Madame scharf. Ein peinliches
Schweigen entstand, das nur durch das Geklapper von Tassen und Lffeln
unterbrochen wurde, und Agathen stand der Angstschwei auf der Stirn.
Sie dachte mit Sehnsucht an die frohe Frhstcksstunde in der Pension,
wo sie zwar nur Milch und trocknes Weibrod erhielten; aber wie viel
tausend Mal besser hatte ihr dies geschmeckt, als hier in diesem
eleganten Zimmer der se Kaffee und das leckere Gebck, welches der
Onkel ihr reichlich zuertheilte. Die Tante kmmerte sich um nichts, als
um ihren Hund, der etwas verstimmt schien, denn er fing an zu knurren
und sich unruhig hin und her zu werfen. Wahrscheinlich litt er an
Verdauungsbeschwerden.

Wie sehr Agathe meiner Schwester gleicht, Marie! sagte der Onkel
endlich, die Stille unterbrechend. -- Ich glaubte, deine Schwester sei
schn gewesen, erwiederte Frau Marie gleichgltig.

Ja, das war sie auch, und Agathe hat ganz diese hellblauen Augen. Sie
wird ihr gewi noch viel hnlicher werden, wenn sie lter ist, sagte
der Onkel.

So? Nun meinetwegen; aber so lange sie dieses blasse Gesicht hat, ist
von Schnheit keine Rede, entgegnete die Tante und streckte sich auf
dem Sopha. Aber la mich jetzt in Ruhe; ich bin wieder so furchtbar
angegriffen.

Ach leiden Sie auch an den Nerven, wie meine Mama? wagte jetzt Agathe
zu sagen. Sie sehen so wohl aus; ich htte es nicht gedacht!

Das war ein schlimmes Wort, das schlimmste fast, was sie htte sagen
knnen! Es berhrte den unangenehmsten Punkt in den Empfindungen
Madames; denn niemand durfte daran zweifeln, da sie schwach und
leidend sei, obwohl sie nur aus Bequemlichkeit und Ziererei die Kranke
spielte.

Unwillig blickte sie deshalb Agathe bei diesen Worten an, und das
helle, blaue Auge erhielt etwas so Stechendes, da Agathes Herz
erzitterte.

Denkst du etwa, ich verstelle mich? rief sie, dunkelroth vor Aerger.
Das sind oft gerade die schlimmsten Uebel, bei denen man wohl und
blhend aussieht! -- Aber, fuhr sie dann streng fort, jetzt mein
Kind, steh' auf, und mache dich ntzlich! Hier, bernimm gleich zuerst
dein tgliches Geschft, meinen kleinen Bello zu waschen und ihm dann
die Locken zu kmmen. Aber da du ihm ja nicht weh thust, wie die
Cousine, die immer so furchtbar unzart mit dem armen Thierchen umgeht!

Agathe war sehr erschrocken ber den Verweis, den sie erhalten, und
verschluckte nur mit Mhe die Thrnen. Schnell stand sie vom Stuhle
auf und nherte sich dem Hunde, um ihn auf den Arm zu nehmen. Aber
knurrend fletschte ihr dieser die Zhne entgegen und drohte zu beien.
Das brachte der Tante ihre gute Laune zurck; lachend gab sie Agathen
ein Stck Zucker und sagte: Du mut dir erst seine Gunst erwerben. Da,
gieb ihm das, dann wird er nicht beien.

Agathe that, wie ihr geboten, und wirklich lie sich der verzogene,
kleine Hund jetzt ruhig auf den Arm nehmen.

Geh' nur zur Cousine, die wird dir zeigen, was du zu thun hast; aber
eile dich, es wartet noch andere Arbeit! rief die Tante, und Agathe
war froh, auf diese Weise wenigstens wieder zum Zimmer hinaus zu
kommen; ihr Schutzgeist, der Onkel, war schon vor ihr fortgegangen,
seinen Geschften nach, die ihn bis Mittag vom Hause fern hielten.

Aber welch' bse Arbeit war diese Hundetoilette! Mit warmem Wasser
und feiner Seife wurden die langen Haare des Thieres erst wieder und
wieder gebadet, dann suberlich abgerieben und endlich mit Kamm und
Brste gekmmt und geglttet, als wren es die Locken eines kleinen
Kindes. Aber Bello betrug sich bei seiner Toilette viel schlimmer, als
das unartigste Kind; denn er zappelte und bellte und bi um sich, da
ihm Agathe eine fremde Wrterin war, so da diese ohne die Hlfe der
Cousine nimmermehr damit zu Stande gekommen wre. In Schwei gebadet,
mit verschobenen Kleidern und zerkratzten Hnden trug sie das kleine
Ungethm endlich zu seiner Herrin zurck, welche noch immer behaglich
auf dem Sopha ruhte, und in die Lectre eines Romanes vertieft war.

Hier, gieb dem Thierchen sein zweites Frhstck! rief nun Madame,
Agathen Semmel, Butter und feine Wurst hinschiebend. Das junge Mdchen
schnitt ein zierliches Brdchen ab, bestrich es mit Butter und legte
eine Wurstscheibe darauf.

Mein Gott, schmiere doch nicht so mager! rief Madame entrstet,
und ich glaube gar, du verlangst, da Bellochen die Schale mitessen
soll! -- Still lchend verbesserte Agathe die Fehler und hielt dem
Hunde das Frhstck hin. Das Thier knurrte verdrielich, fra erst die
Wurstscheibe vom Brode, dann leckte er die Butter ab; mehr aber mochte
er nicht, er war entschieden nicht bei Laune. Das arme, kleine Thier!
rief Madame ngstlich; wenn er nur nicht krank wird! Lege ihm sein
Bettchen glatt, er wird schlafen wollen.

Als Agathe den Hund auf sein Lager mglichst sanft gebettet hatte,
sagte die Tante, sich vom Sopha erhebend: Nun komm mit mir; ich will
dir zeigen, was du weiter thun sollst, denn ein junges Mdchen mu
immer fleiig sein, und wer essen will, mu auch arbeiten.

Sie ging schnell voraus, durchschritt ein Nebenzimmer und ffnete
endlich die Thr eines groen Gemaches, in dem eine Anzahl junger
Mdchen eifrig bei der Arbeit saen. Vor ihnen auf groen Tischen lag
eine Menge Draht, Stroh, Seidenzeug, Band und Blumen, sowie angefangene
Hte und Hauben, und lustig flogen die Finger mit der Nadel durch die
Arbeit. Als Madame Niedrer eintrat, erhoben sich die jungen Mdchen
grend und setzten um so eifriger ihre Nherei fort.

Hier bringe ich Ihnen eine neue Schlerin, Frulein Schneider, sagte
Madame und wandte sich zu einer etwas ltlichen Dame, welche den jungen
Mdchen zur Seite auf einem erhhten Stuhle sa.

Meine Nichte Agathe wird jetzt hier mit arbeiten; haben Sie die Gte,
sie anzuleiten. Komm Agathe, sprach sie dann zu dem zaghaft um sich
blickenden Mdchen, hier ist Frulein Schneider, die Directrice des
Geschfts. Sie wird dir zeigen, was du zu thun hast; gieb dir ja rechte
Mhe, etwas zu lernen.

Nach diesen Worten wandte sie sich zu den jungen Nherinnen und
betrachtete deren Arbeit. Mit einigen war sie zufrieden, an vielen aber
hatte sie etwas zu tadeln, und besonders lange sprach sie mit Frulein
Schneider ber die Garnirung der Hte, welche sie anders wnschte.
Agathe bewunderte im Stillen, wie gut die Tante mit all' diesen
Sachen Bescheid wute, und besonders, wie schn und geschmackvoll die
Anordnungen waren, welche sie fr die Zusammenstellungen der einzelnen
Theile gab. Aber der Ton, in welchen sie mit den Damen redete, war
nicht angenehm. Kurz und bestimmt gab sie ihre Befehle, zwar nicht
unfreundlich, aber kalt und scharf, wie Nordwind. Alles athmete auf,
als sie sich endlich wieder entfernte. Die jungen Mdchen blickten
sich bedeutungsvoll an und zischelten lachend unter einander, und auch
Frulein Schneider schaute froher d'rein, als vorher. Sie bat Agathe,
neben ihr Platz zu nehmen und gab ihr eine leichte Arbeit in die Hand.

Haben Sie schon etwas Putzmachen gelernt, Frulein? sagte sie dabei
freundlich.

Nein, niemals, entgegnete Agathe. Ich komme eben aus der Pension und
da hatten wir zu Handarbeiten wenig Zeit.

Ist es Ihr Wunsch, das Putzmachen zu lernen? fragte die gute Dame
theilnehmend weiter.

Ach nein, mein Wunsch ist es bis jetzt nie gewesen, sagte Agathe
unbefangen. Ich wollte ja so gern Erzieherin werden.

Erzieherin? rief Frulein Schneider verwundert. Welche sonderbare
Idee! Da mu man ja so viel lernen! Nein, liebes Kind, werden Sie
lieber Putzmacherin; das ist eine leichte, angenehme Beschftigung, so
recht etwas fr uns Damen, und wer sein Fach gut versteht, der findet
immer sein Brod dabei. Das sehen Sie am Besten an Madame Niedrer,
unserer Frau Principalin. Sie hat sich als Mdchen schon damit ihren
guten Unterhalt verdient, und jetzt ist es ihr immer noch eine schne
Erwerbsquelle, denn sie hat gar vornehme Kundschaft. Aber freilich,
einen bessern Geschmack, als Madame, hat auch niemand unter den
Modisten in ganz Leipzig; das mu man sagen! Obwohl sie jetzt nicht
mehr selbst arbeitet, so versteht sie die Sachen doch besser, als
wir Alle, und ehe sie nicht gesehen hat, wie ein Hut oder eine Haube
garnirt ist, schicke ich nichts nach dem Verkaufszimmer. -- Da sehen
Sie z. B. diese Capotte! fuhr die gesprchige Dame lebhaft fort und
hob einen violetten Sammthut empor. Ich wollte sie mit grnen Blttern
und weien Knospen garniren; es sah recht hbsch aus. Aber Madame warf
nur =einen= Blick darauf, und da sah ich wohl, wie wenig ihr mein
Arrangement gefiel. Und ich mu ihr Recht geben; denn kann man wohl
etwas Geschmackvolleres finden, als diese dunklen Stiefmtterchen mit
dem feinen goldnen Rande, welche sie statt der Bltter und Knospen
whlte? Der Hut ist dadurch so fein, so vornehm geworden, da ihn
eine Prinzessin aufsetzen knnte, ohne sich der Arbeit zu schmen.
Nun wer wei, was kommt. Es wre nicht das erste Mal, da der Hof
uns mit seinen Auftrgen beehrte; denn in Dresden hat man gar keinen
Geschmack. Leipzig ist klein Paris, und Madame Niedrer's Geschft kann
es mit jedem Pariser Modistenladen aufnehmen; das wei ich so sicher,
als ich schon seit 10 Jahren hier auf diesem Stuhle sitze! Sie sprach
dies alles mit einem unaussprechlichem Stolze und Selbstbewutsein,
und ihre kleine Gestalt wuchs ordentlich auf dem hohen Stuhle. Agathe
aber blickte mit stillem Entsetzen zu der gesprchigen Dame auf, denn
der Gedanke, zehn Jahre hindurch hier zu sitzen, Tag fr Tag, Sommer
und Winter, von Morgens frh bis Abends spt, erregte ihr frmlich ein
Grauen.

Zehn Jahre? Das ist ja schrecklich! Ist Ihnen das Putzmachen denn da
nicht unertrglich geworden? rief sie unwillkrlich und seufzte tief
auf.

Die jungen Mdchen stieen sich mit dem Ellbogen gegenseitig an und
lachten heimlich; Frulein Schneider aber sah mit strengen Blicken von
ihrem Throne herab und rief: Lassen Sie das alberne Lachen, meine
jungen Damen. Frulein Agathe wird bald selbst finden, wie angenehm
unsere Arbeit ist, sobald sie sich nher damit befreundet.

Agathe dachte im Herzen, zu dieser Ueberzeugung werde sie wohl nie
kommen; denn wenn weibliche Arbeiten ihr auch nie unangenehm gewesen
waren, so sah sie es doch als ein groes Migeschick an, sich nur mit
der Nadel, nie aber mit Lesen, Schreiben und Zeichnen beschftigen zu
knnen. Aber sie behielt ihre Gedanken fr sich und arbeitete ruhig
weiter.

Die jungen Mdchen durften nicht viel sprechen, weil sie dies von ihrer
Arbeit abzog, und da jetzt auch Frulein Schneider schwieg, hrte man
nichts, als das Rascheln des Seidenzeuges und das Pfeifen der vielen
Fden, welche mit der Nadel durch die Arbeit fuhren. So verging Stunde
um Stunde. Nur einmal, als die Glocke elf schlug, entsank die Nadel
den Hnden. Jedes der jungen Mdchen zog eine trockene Semmel aus
der Tasche, und ein allgemeines frugales Frhstck, bei dem ein Glas
Wasser das Getrnk abgab, unterbrach den rastlosen Eifer. In dieser
Arbeitspause durften sich auch die Zungen rhren, und nun schwatzte und
lachte und zischelte es durcheinander, da es eine Lust war. Agathe
arbeitete still weiter, denn sie hatte kein Frhstck, und sie war
whrend ihrer stillen Arbeit, bei der sie ungestrt denken konnte, so
traurig geworden, da sie auch gar keine Lust zum Essen hatte.

Aber da ffnete sich die Thr, und die alte Cousine kam freundlich
grend herein.

Ich bringe dir das Frhstck, liebe Agathe, sagte sie, dem jungen
Mdchen eine Semmel reichend. Verzeih', da ich sie dir trocken gebe;
aber fette Speisen drfen nicht hier in das Arbeitszimmer kommen; es
wrde gar zu leicht etwas dadurch verdorben.

O, ich kenne es nicht anders; in der Pension gab es auch keine
Butter, entgegnete Agathe und griff dankend nach dem Weibrod.
Unwillkrlich schweiften ihre Gedanken hin nach der lieben Pension, in
der jetzt auch gerade Freistunde war und Semmeln verzehrt wurden. O,
knnte sie dort sein, nur eine Viertelstunde, dort unter den lieben,
frhlichen Freundinnen; knnte sie, wie sonst, von ihren Stunden, ihren
Arbeiten, ihren Lehrern mit ihnen plaudern, ein paar Mal durch den
Garten laufen, um frische Luft zu schpfen; es war so eng, so schwl,
so drckend hier in dem Arbeitszimmer! Aber was half das alles; sie sa
hier, und mute hier bleiben. Die Frhstckszeit war jetzt vorber, und
eifrig ging es nun wieder an die Arbeit. Bald fuhren wieder die Nadeln
wie Blitze durch die Luft, und Schweigen breitete sich wie vorher ber
die fleiigen Arbeiterinnen. Zwei Stunden vergingen noch so; aber als
es ein Uhr schlug, erhob sich Frulein Schneider, legte die Arbeit
fort, verneigte sich und verschwand. Dies war das Lsungszeichen fr
die junge Schaar. Die Arbeit flog zur Seite, und nicht fnf Minuten
vergingen, so war das Zimmer leer, und Agathe blieb allein zurck. Aber
auch sie warf jetzt schnell die Arbeit aus der Hand und seufzte tief
auf; denn noch nie in ihrem Leben hatte sie so viele Stunden hinter
einander genht. Der Kopf war ihr ganz dumm davon geworden; er hatte
so gar keinen Theil an der Arbeit der Hnde nehmen knnen. Die Finger
thaten ihr weh, der Rcken schmerzte, und sie war so mde, als htte
sie drei Tage hinter einander genht. Lieber zwlf Stunden schreiben
und lesen, als zwei hinter einander nhen! seufzte sie und blickte
zum Fenster hinaus, wo sie einige der jungen Mdchen eilig die Strae
hinauf trippeln sah.

O, die sind doch frei und knnen fort aus diesem Hause! dachte Agathe
sehnschtig. Aber ich, ich bin hier fest gebannt, kann nicht fort, mu
Hunde warten, Hte nhen und mich schelten lassen; -- o mein Gott, mein
Gott, ich bin doch zu unglcklich!

Sie drckte das Gesicht in beide Hnde und weinte bitterlich. Die
Thrnen erleichterten ihr Herz, und bald kamen ruhigere Gedanken.
Knnte es nicht noch viel schlimmer sein, du thrichtes Kind? tnte
es in ihrer Brust. Was bist du denn, da du so groe Ansprche machen
kannst? Die Tante ist nicht zrtlich, aber doch auch nicht gerade
unfreundlich gegen dich. Du hast ihren Hund zu besorgen; das ist nicht
sehr angenehm, aber doch auch kein groer Kummer, und da du wie diese
anderen jungen Mdchen viele Stunden bei der Nharbeit sitzen mut,
geschieht ja, damit du etwas lernst. Das ist doch eigentlich sehr
vernnftig von der Tante gehandelt; denn sie will dir die Mittel geben,
dir spter selbst fortzuhelfen. Du wnschtest dies freilich in einer
andern Weise zu thun, aber das kostet wieder Geld; denn zum Lernen
braucht man Unterricht, und wer soll den bezahlen?

Solche Gedanken kamen der guten Agathe noch gar viele; aber so sehr
sie sich auch bestrebte, ihr Geschick ruhig hinzunehmen, es wollte und
wollte nicht gehen! O wenn ich nur lernen drfte, um Erzieherin werden
zu knnen, dann wollte ich alles, alles ertragen! das war immer wieder
der Schlu aller ihrer Gedanken und Betrachtungen.

Endlich wurde sie von der Cousine zum Mittagessen gerufen, und ihr
trauriges Gesichtchen in ein mglichst heiteres verwandelnd, verlie
sie mit der guten Fhrerin das Arbeitszimmer.




                           Viertes Kapitel.

                        Schoohund und Zughte.


Die Tante hatte bestimmt, da Agathe mit der Cousine zusammen das
Mittagbrod einnahm; sie selbst a spter, denn Herr Niedrer kam erst um
drei Uhr aus dem Comptoir nach Haus. Um diese Zeit aber sollte Agathe
schon wieder mit den Arbeiterinnen fleiig sein, deren Arbeitsstunden
von Morgens neun bis Mittag ein Uhr whrten, dann Nachmittag von zwei
bis sieben Uhr. Agathe freute sich, da sie mit der guten Cousine so
traulich allein an dem kleinen Etisch im Fenster, wo sie gleich am
ersten Abend mit ihr gesessen, ihr Mittagbrod verzehren konnte; leider
aber war die freie Stunde bald vorber, und Schlag zwei Uhr mute sie
wieder in das Arbeitszimmer. Da fing der Flei wie des Morgens von
Neuem an und dauerte ohne bedeutende Unterbrechung bis sieben Uhr.
Frhlich packte die junge Gesellschaft dann alles zusammen; lachend
und scherzend ging es zum Hause hinaus, und Agathe war wieder allein,
beneidete wieder die forteilenden Mdchen, welche doch jetzt am Abend
wenigstens frei waren und ihrem Familienkreise zueilen konnten. =Sie=
hatte ja keine Eltern, keine Geschwister, die sie freudig erwarteten;
ungeliebt und unbeachtet stand sie allein in der Welt; niemand sehnte
sich nach ihr, niemand bedurfte ihrer, niemand fragte nach ihrem Wohl
und nach ihrem Weh! O es war zu traurig, zu niederdrckend. Die trben
Gedanken kamen wieder ber sie, strker und banger als je; denn die
langanhaltende, ungewohnte Arbeit war ihr unertrglich und hatte ihr
allen Muth und alle Hoffnung genommen. Mit Grauen dachte sie daran, da
es so einen Tag wie den andern fortgehen sollte. Sie blickte in ihre
Zukunft wie in einen dunklen, erschreckenden Nebel, der sie einhllen
und alle Hoffnungen ersticken wrde.

Aber meine freie Zeit soll wenigstens meinen armen lieben Bchern
gehren! rief sie endlich froh auffahrend und eilte nach ihrer Kammer.
Die gute Cousine hatte ihre wenigen Sachen nett und sauber in Schrank
und Komode geordnet, und mit wahrem Jubel griff Agathe nach einem Werke
Schillers, ihres Lieblingsdichters, dessen Schriften sie noch von ihrer
Mutter zum letzten Geburtstage erhalten hatte. Sie verlor sich schon
nach kurzer Zeit so sehr in die wundervolle Sprache des Trauerspiels:
Die Jungfrau von Orleans, in welches sie sich vertiefte, da sie
den Eintritt der Tante gar nicht bemerkte, welche pltzlich neben ihr
stand. Agathe fuhr empor, als htte sie ein Unrecht begangen und legte
das Buch schnell zur Seite. Befehlen Sie etwas, liebe Tante? fragte
sie hastig.

Ich wollte wissen, was du treibst, sagte diese kalt. Du hast den
ganzen Tag gesessen; es ist nthig, da du dir jetzt einige Bewegung
machst, du wirst sonst noch bleicher. Geh' aus, und sieh dir die Stadt
an, und nimm Bello mit dir; er ist heute auch noch nicht an die Luft
gekommen.

Ja wohl, liebe Tante! entgegnete Agathe, blickte aber ngstlich zum
Fenster hin, denn es war schon fast ganz dunkel, und sie vllig fremd
in der Stadt.

Die Cousine kann dich heute ein Stck begleiten, damit du dich nicht
verlufst, sagte Madame Niedrer, indem sie sich wieder entfernte.

Die Tante ist doch sehr gut, da sie so fr meine Gesundheit sorgt,
dachte Agathe und kleidete sich schnell an, so ungern sie ihrem
Buche Lebewohl sagte. Dann lockte sie den Hund mit einem Stck Kuchen
an sich, nahm ihn auf den Arm und eilte, von der Cousine begleitet,
in's Freie. Sie ergtzte sich an dem bunten Treiben, das die Straen
dieser Handelsstadt belebte; aber das Gewirr in denselben, die hohen,
berhngenden Huser, die dunkeln Hfe und Gchen, durch welche sie
gingen, und die in der Dmmerung noch unheimlicher aussahen, bedrckten
das Herz des jungen Mdchens mehr und mehr. Dazu kam, da Bello unruhig
wurde und weder auf Agathes Arm, noch auf dem der Cousine bleiben
wollte, und doch wagte Agathe nicht, ihn auf den Boden zu setzen; denn
in dem Gewhl und der Dunkelheit htte sie ihn sicher verloren.

Warte, wir wollen ihn anbinden! sagte die Cousine und zog eine Schnur
durch das Halsband des Hundes. Aber damit war nichts gebessert; denn
nun wollte das Thier nicht vom Fleck, bellte und stemmte sich, Agathe
mochte ziehen, so viel sie wollte. Die Vorbergehenden lachten und
neckten die junge Hundewrterin, so da diese dem Weinen nahe war. Aber
die Cousine trstete und half treulich, indem sie den Widerspenstigen
von hinten mit dem Fue vorwrts stie, und so, ziehend und stoend
gingen sie ein Stck Weges weiter. Aber endlich trat ein muthwilliger
Bursche dem Hunde auf eine Pfote, und nun war nichts mehr mit dem
Thiere anzufangen. Winselnd warf es sich zu Boden, und als ihn Agathe
wieder auf den Arm nahm, war er so bissig und bsartig, da der
Spaziergang mglichst schnell beendigt werden mute.

Die Tante war sehr rgerlich, sowohl ber den Unfall, der ihrem
Lieblinge widerfahren war, als ber die schnelle Rckkehr Agathes.
Mein armes Hundchen bedurfte der frischen Luft so sehr, sagte sie,
du httest ihn wohl noch eine Weile fhren knnen.

Aber liebe Tante, es war ja nicht mglich; laufen wollte er nicht, und
auf dem Arme blieb er auch nicht! entschuldigte sich Agathe.

Ach du verstehst das liebe Thier nur nicht zu behandeln! rief die
Tante heftig und streichelte die verletzte Pfote ihres Lieblings. So
unaufmerksam, ihn treten zu lassen!

Das junge Mdchen wollte sich schchtern zurckziehen, da sagte die
Tante: Bleib nur hier, Agathe; du sollst mit mir Karte spielen. Ich
bleibe heute Abend zu Hause, denn ich bin so sehr angegriffen.

Karte, liebe Tante? Das kann ich nicht; ich habe nie Karte gespielt,
erwiederte Agathe erstaunt.

So? Nun so geh' zur Cousine, sie soll es dir beibringen, damit du
morgen mit mir spielen kannst, sagte die Tante. Die alte Person mag
ich nicht mehr um mich haben, sie spielt auch gar zu schlecht! Gieb dir
rechte Mhe, da du es morgen schon kannst; ich langweile mich sonst zu
schrecklich.

Ich will Ihnen vorlesen, liebe Tante, das ist doch hbscher
als Kartenspiel, wagte Agathe zu sagen, aber Madame entgegnete
verdrielich: Nein, la mich damit in Ruhe, das greift meine Nerven an
und ist zum Einschlafen langweilig. Geh' nur, und lerne Kartenspiel.

So blieb denn Agathen nichts anderes brig, als den Befehlen der Tante
zu gehorchen, und die alte Cousine um Unterricht in dieser vllig
unbekannten Kunst zu bitten.

Es wurde ihr sehr schwer, alles das zu merken, was nthig war, und der
ganze schne Abend verging, ehe sie Boston, das Lieblingsspiel der
Tante, begriffen hatte, der schne Abend, an dem sie sich so unsglich
gern mit ihren Bchern beschftigt, ihren frheren wissenschaftlichen
Arbeiten einige Zeit gewidmet htte!

Den Onkel sah sie beim Abendbrod erst wieder. Er war freundlich wie am
Morgen, aber um die Beschftigungen Agathes bekmmerte er sich nicht;
das war die Sache seiner Frau, dahinein durfte er sich nicht mischen.

Aber doch bertrug er ihr auch ein Geschft, das Agathen mit der
Zeit sehr angenehm wurde; es war das Vorlesen der Zeitung nach dem
Abendbrode. Bald bestand in dieser Lectre Agathes einzige geistige
Beschftigung; denn so wie dieser erste Tag, vergingen alle brigen,
nur mit dem Unterschiede, da Agathe den Hund am Tage spazieren
fhren mute, statt Abends, und zwar in der einzig freien Zeit von
eins bis zwei Uhr, sobald sie ihr Mittagbrod verzehrt hatte. Doch war
die Tante so gtig, ihr noch eine halbe Stunde lnger zu bewilligen,
ob zum Vortheil Agathes oder Bello's blieb freilich unentschieden.
Bald hie das junge Mdchen bei der frhlichen Straenjugend, welche
sich um die Mittagszeit zum Spielen in der Nhe einfand, nur noch
das Hundefreiln. Aber statt sie, wie im Anfange, zu necken, half
ihr bald dieser, bald jener gutherzige Junge, den Hund zu beruhigen,
wenn derselbe seine bsen Mucken bekam, und oft genug wurde er von
solch' kecker Hand tapfer durchgeprgelt fr seine Unarten, was Agathe
durchaus nicht verwehrte; denn Bellochen lernte jetzt ordentlich, was
es heit, ein artiger Hund zu sein.

So vergingen Agathen die Tage in ihrer neuen Heimath. Am Morgen begann
sie ihr Tagewerk mit der Toilette des Hundes, dann nhte sie bis ein
Uhr, a geschwind, und fhrte alsdann ihren Schutzbefohlenen an die
Luft, was ihr freilich selbst sehr zutrglich war. Dann wurde wieder
genht bis sieben Uhr, und regelmiges Kartenspiel mit Onkel und Tante
sowie schlielich die Zeitungslectre beschlo den Tag und raubte ihr
jegliche freie Minute. Wohl versuchte sie bis in die Nacht hinein zu
lesen und zu studiren; aber dies duldete die alte Cousine mit Recht
niemals; denn Agathes zarter Krper bedurfte nach der Arbeit des Tages
unbedingt der Ruhe. Die einzige freie Zeit hatte Agathe nur, wenn die
Tante Abends ausgegangen war; aber sie ging dann auch immer so spt,
da nur noch wenige Stunden bis zum Schlafengehen brig blieben. Aber
doch waren diese Stunden die Freude und Wonne des eifrigen Kindes, und
an ihnen richtete sich ihr Herz auf, wenn sie oft unter der Last ihrer
geisttdtenden Arbeiten zu erliegen meinte.

Auch an den Sonntagen gehrten einige Stunden ihr selbst, und nie
waren ihr diese Feiertage so lieb und werthvoll gewesen, als jetzt.
Regelmig besuchte sie dann des Morgens die Kirche, und hier fand
sie Trost fr alles, was ihr Herz bedrckte, und frischen Muth, der
Zukunft hoffend entgegen zu sehen. Auch am Nachmittage blieb sie sich
einige Stunden selbst berlassen, ehe der Abend mit dem Kartenspiel
heran kam, und da sie diese schne Freiheit benutzte, um zu ihren
Bchern zu flchten und Briefe an ihre lieben Freundinnen zu schreiben,
versteht sich von selbst. -- Aber wre dem schnen Sonntage nur nicht
das Erwachen am Montag frh gefolgt, das war gar zu traurig! Wie
eine lange Kette von sechs schweren, drckenden Bleigewichten lagen
diese kommenden Wochentage vor ihr, und nie begann sie ihr Tagewerk
ohne Seufzer, sie mochte sich selbst noch so sehr deshalb schelten.
Leider zeigte sie zu den feinen Arbeiten, die sie jetzt erlernte, sehr
wenig Geschick. Es gehrten gewandte, flinke Finger dazu, und groe
Leichtigkeit der Hand, um all' die Tausend Fltchen und Kniffchen und
niedlichen Zierlichkeiten hervorzubringen, wodurch aus Nichts etwas
Hbsches entsteht, und dazu war Agathe ganz und gar nicht gemacht. Sie
hatte eine schwerfllige Hand, arbeitete langsam und gewissenhaft, und
machte so kleine zierliche Stiche, als nhte sie feine Wsche. Schon
bei dem ABC der Putzmacherkunst war sie in Verzweiflung, und Frulein
Schneider mit ihr; was sollte erst werden, wenn die schweren Aufgaben
daran kamen. Das ABC, das jede Schlerin erst lernen mute, um dann zu
den hheren Graden zu gelangen, war nmlich das Nhen von Millionen
dicht an einander stoenden, kleinen Sumen, in welche Fischbeine
geschoben wurden, um dann die sogenannten Zughte zu geben, in denen
Madame Niedrers Geschft eine besondere Berhmtheit erlangt hatte,
weshalb denn diese massenhaften Sume auch nimmermehr ein Ende nahmen.
Staunend hatte Agathe gleich am ersten Morgen gesehen, mit welcher
Blitzesschnelle die Nadeln der jungen Mdchen bei dieser Arbeit durch
das Seidenzeug fuhren. Nun sollte sie es ebenso machen; aber damit kam
sie nun und nimmer zu Stande. Vorsichtig nhte sie Stich um Stich,
und solch Zughtchen, von ihrer Hand gefertigt, wrde vielleicht am
jngsten Tage einmal fertig geworden sein. Und wie mit dieser Arbeit,
so ging es ihr mit allen andern. Einst die beste Schlerin der ganzen
Pension, war und blieb sie die schlechteste hier in der Arbeitsstube.
Frulein Schneider war zum Glck eine sehr gutherzige Dame und sah
wohl, wie viel Mhe sich die arme Agathe gab. Sie verschwieg ihrer
Principalin die Ungeschicklichkeit des jungen Mdchens; aber freilich
nderte sie dadurch in der Sache nichts, und Agathe fhlte sich von
Tage zu Tage muthloser. Dazu kam, da Bello krank wurde und sie diesem
unleidlichen Gesellen jetzt jede ihrer freien Stunden opfern mute. Das
Thier litt zuweilen an Krmpfen, und wenn diese sich einstellten, dann
gerieth das ganze Haus in Aufregung. Madame Niedrer lag schluchzend im
Sopha, unfhig ihren Schmerz zu berwinden, oder sie kniete neben dem
Lager des Hundes, Agathen zusehend, wie sie nach Angabe des Thierarztes
den Kranken mit aller Anstrengung frottirte, da ihr der Schwei von
der Stirn rann, oder das Thier in warme Decken einhllte, die immer neu
erwrmt werden muten. Bei solchen Krankheitszufllen hatte Agathe auch
in der Nacht keine Ruhe; denn alsdann stand das Bett des Hundes neben
dem ihren, und sie mute viele Male in der Nacht aufstehen, dem Thiere
auf der Spirituslampe se Milch zu erwrmen und ihm dieselbe dann
einzuflen. Die Cousine half dabei natrlich gern und nahm Agathen die
Hlfte der Arbeit ab; aber Agathe war doch immer in Angst und Sorge;
denn ihr war der Hund anvertraut, und passirte ihm etwas, so bekam sie
die Vorwrfe. Bello war gewhnt, stets bei der Nachtlampe zu schlafen,
und so brannte dieselbe natrlich auch jetzt neben Agathes Bett. In
einer Nacht aber war das Licht ausgegangen, und Bello bekam in Folge
davon wieder seine Krmpfe; denn das zarte Geschpf hatte sich ber
die ungewohnte Finsterni alterirt, die es umgab. Kein Mittel wollte
helfen, und am nchsten Tage war Bello so krank, da Madame Niedrer
fassungslos umherirrte.

Fahre mit ihm nach der Klinik, Agathe, rief sie weinend, ich kann es
nicht, ich bin zu trostlos!

So holte sich denn Agathe einen Wagen, nahm Bello auf den Schoos und
fuhr nach der Thierarzneischule. Es war eine entsetzliche Fahrt,
denn jeden Augenblick dachte sie, das Thier wrde sterben. In der
Klinik wurde sie von einer Menge junger Aerzte umringt, welche sich
des Hundes anzunehmen schienen, hierbei aber Agathen mehr ansahen,
als den armen Bello. Das junge Mdchen wurde von Minute zu Minute
unruhiger; tdtliche Verlegenheit und Angst frbte ihre zarten Wangen
immer tiefer; aber gerade dies erhhte ihre Schnheit, und beiflliges
Flstern erhob sich rings um sie her. Sie fhlte, wie unpassend es
war, da sie allein hier unter den jungen Aerzten stand; aber was
sollte sie thun? Den Hund konnte und durfte sie nicht verlassen, und
ein lterer Mann, der sich mit ihm beschftigte, fand gar kein Ende in
seinen Untersuchungen. Lassen Sie den Hund hier, und holen Sie ihn
morgen wieder ab, meine Dame, falls er da noch lebt! sagte endlich
der alte Herr, und froh aufathmend eilte Agathe davon, umringt von den
jungen Aerzten, die ihr die Thr ffnen, ihr einen Wagen herbeirufen,
sie begleiten, kurz ihr alle mglichen Dienste erzeigen wollten.
Schluchzend kam Agathe zu Hause an; denn das schchterne Kind war auer
sich ber das, was sie hatte ertragen mssen, und ihre Aufregung war so
gro, da Madame Niedrer's Vorwrfe darber, da sie den Hund in der
Klinik gelassen, gar keinen Eindruck auf sie machten. Als aber Madame
am andern Tage verlangte, sie solle wieder hingehen und Bello abholen,
da erklrte sie mit einer fr die Tante vllig neuen Entschiedenheit,
das thue sie nicht, die Cousine mge hingehen. Trotz Madames Zorn ob
solcher Opposition lie sich Agathe nicht bestimmen, und so wurde
wirklich die Cousine an ihrer Stelle abgeschickt. Zum Glck war Bello
wieder gesund; Agathe aber hate ihn jetzt nur doppelt, denn die Angst
und Sorge um ihren Liebling lie Frau Niedrer gar nicht mehr zu Ruhe
kommen, und Agathe hatte schlimmere Tage als je. Heulte und wimmerte
das Thier, so sollte sie dafr einstehen; denn die Tante behauptete,
sie besorge ihn schlecht. Lief er in pltzlicher Laune zur Thr hinaus,
so mute sie von der Arbeit fort hinter ihm d'rein springen, um ihn
zurck zu holen, damit er sich nicht wieder erklte, und kam sie dann
athemlos zurck, so zitterten ihr die Hnde von dem Kampfe mit dem
widerspenstigen Thiere, und die Arbeit wollte noch weniger gehen, als
bisher schon. So verging Woche um Woche; ihre Lage wurde nur schlimmer
statt besser. Zum Lesen und Lernen kam sie jetzt gar nicht mehr, und
ein schwerer, stiller Trbsinn lagerte sich auf ihr Herz. Es war ihr
alles gleichgltig; am liebsten wre sie im Grabe bei ihrer lieben,
theuren Mutter gewesen, denn das Leben hatte trotz ihrer Jugend gar
keinen Reiz mehr fr sie.




                           Fnftes Kapitel.

                              Wiedersehn.


Still und in sich gekehrt ging Agathe eines Tages vor einem der Thore
Leipzigs spazieren. Der Sommer war in voller Pracht in das Land
gezogen; in den Grten standen Rosen und Lilien in voller Pracht, und
die blhenden Lindenbume neigten ihre duftenden Zweige zu dem jungen
Mdchen herab, als wollten sie ihr Liebes und Freundliches erzeigen.
In dem frischgrnen Laube der schattigen Baumgnge, unter denen Agathe
dahin schritt, sangen die Vgel frhliche Lieder, und die Sonne blickte
mild und warm vom blauen Himmel hernieder. Aber Agathe hatte heute fr
gar nichts Sinn. Allerlei Verdru und Aerger bedrckte ihr Herz mehr
als gewhnlich, und sie fhlte sich so einsam, so allein in der Welt,
da sie sich wie verstoen vorkam. Thrne auf Thrne rollte ber ihre
Wange, und mde setzte sie sich endlich auf eine der Bnke, welche
unter den Bumen standen. Bello war ungewhnlich artig und legte sich
ruhig zu ihren Fen nieder, und so wurde sie durch nichts von ihren
Gedanken abgezogen.

Aber pltzlich fuhr sie zusammen; der Ton einer Stimme schlug an ihr
Ohr, und wie trumend starrte sie in ein liebes, treues, nur gar zu
wohl bekanntes Gesicht.

Mein Goldkind, bist du es denn wirklich? Mu ich dich gleich hier
finden, mein armes kleines Vgelchen? so rief schon von Weitem die
bekannte Stimme der alten Soltatenfrau, und in ihrer ganzen gewichtigen
Hhe und Breite strmte sie mit groen Schritten auf Agathe los.

Anne, meine Anne! jubelte das junge Mdchen und flog mit offenen
Armen an die Brust der alten, treuen Seele, und laut schluchzend
umschlang diese ihren Liebling.

Ach Anne, dich schickt mir der liebe Gott! sagte endlich Agathe.
Gerade heute wollte ich ganz verzagen, und aller Muth war mir
entschwunden. Aber nun ist alles gut, nun bist du hier, nun habe ich
jemanden, der mich lieb hat. Nicht wahr, du bleibst hier, Anne? Du
ziehst hierher und lt dein armes Kind nicht mehr allein? Ach Anne,
wenn du wtest, wie traurig ich bin, du verlieest mich nicht wieder!

Nun will ich denn das, mein Herzkferchen? Will ich denn wieder fort?
Habe ich nicht meine ganze Bagage im Train, damit ich hier Quartier
nehme? rief die Alte frhlich und lachte mit ihrer lauten, rauhen
Stimme, da die Vorbergehenden verwundert auf das sonderbare Prchen
blickten. Die alte Soltatenfrau war eine geborne Schlesierin und
hatte heute den groen Staat ihrer Heimath angelegt, welche Tracht
sich allerdings unter den glatten, weien Mtzchen und den modischen
Kleidern der Leipziger Stubenmdchen gar wunderlich ausnahm. Sie trug
einen feuerrothen Rock mit weiter Schrze und Mieder, darber den
rothen schlesischen Friemantel, welcher, wie der blaue Regenschirm,
Sommer und Winter den Schlesier begleitet, und den Kopf deckte eine
Mtze mit langen Bndern, von einem groen, schwarzseidenem Tuche
umschlungen, dessen Schleifen wie ein Paar mchtige Fcher ber der
Stirn schwebten.

Agathe war so glcklich ber das Wiedersehen ihrer treuen Anne, da
ihr alle Traurigkeit entschwunden war. Froh, der braven Freundin ihr
Herz ffnen zu knnen, erzhlte sie alles, was ihr begegnet, und alles
Leid, das sie zu tragen hatte. Anne begleitete die Erzhlung mit den
theilnehmendsten Zeichen und Ausrufungen, indem sie wie ein =Telegraph=
mit ihren langen Armen in der Luft umher focht; glckselig aber war
sie, da sie Agathe wenigstens den Trost geben konnte, sie werde sich
ihrer nun aus allen Krften annehmen, da sie ihr so nahe sei.

Ach gute Anne, du kannst mir ja doch nicht helfen! seufzte Agathe.
Aber im Herzen hoffte sie doch wieder von Neuem, seit sie diese treue
Seele neben sich wute.

Wer wei, ob ich dir nicht einmal beistehen kann, wo du es am
wenigsten denkst, sagte die Alte, und schritt gedankenvoll neben
Agathe her, die sich bei diesem Wiedersehen schon sehr versptet hatte
und nun eilte, nach Hause zu kommen.

Besuche mich morgen ganz frh, Anne, den Tag ber habe ich keine
Zeit, rief Agathe noch beim Abschied; dann winkte sie der Alten noch
einmal zu und flog die Treppe hinauf.

Du armes, armes Vgelchen! Das ist kein Ort fr dich! sprach Anne
leise, indem sie ihr nachblickte und dann still ihres Weges ging.

Wie sie bleich aussieht und mager. Diese Tante mu gar kein Herz im
Leibe haben, sonst knnte sie solche kleine, blasse Blume nicht von
frh bis Abend an die Nherei schmieden, wie einen Galeerenstrfling!

Das Wiedersehen ihrer alten treuen Freundin hatte Agathen so frhlich
gestimmt, da die Cousine ganz verwundert drein schaute, sich aber
herzlich mit dem jungen Mdchen freute, als sie den Grund zu deren
Frohsinn erfuhr.

Gegen die Tante sprich aber lieber nicht davon; sie liebt solche
Besuche nicht, sagte die Cousine, und da Agathe berhaupt in Gegenwart
der Tante sehr wenig sprach, so wurde es ihr nicht schwer, gegen
dieselbe zu schweigen. Dem Onkel aber theilte sie die Anwesenheit der
Alten mit, sobald sie einmal mit ihm allein war, und in seiner milden
Weise nahm auch er herzlichen Antheil an der Freude des guten Kindes.

Anne kam am folgenden Morgen, wie sie versprochen, ihren Liebling zu
besuchen, und aus den weiten Taschen ihres rothen Frierockes holte sie
eine Menge Briefe und kleine Geschenke heraus, welche die Freundinnen
der Pension an Agathe schickten. O, was fr eine Freude war das, welch
ein herrlicher, glcklicher Tag! Das junge Mdchen lachte und weinte
vor Entzcken, und fiel ihrer Anne immer wieder dankend um den Hals.
Die ganze unaussprechliche Sehnsucht ihres Herzens nach den vergangenen
Zeiten war durch diese Boten aus der Heimath ihrer Kinderjahre ber sie
gekommen.

Anne versprach, Agathen recht oft zu besuchen, und sie hielt Wort;
fter aber noch traf sie mit ihrem Lieblinge auf deren tglichen
Spaziergngen zusammen, wodurch dieselben nicht wenig an Reiz gewannen.

Wieder verging Woche um Woche; der Herbst vertrieb den Sommer, und
die fallenden Bltter deckten die Laubgnge vor der Stadt, in denen
Agathe so gern auf und nieder wandelte. Aber wenn auch die Natur um sie
her ein anderes Ansehen gewann, die Lage Agathes blieb dieselbe. Kein
freundlicher Hoffnungsstern wollte an ihrem Himmel aufgehen, wie sehr
sie ihn auch ersehnte und Plan auf Plan schmiedete und selbst an den
Eisenstben zu rtteln versuchte, die sie umschlossen.

Eines Tages jedoch schritt ihr die alte Soldatenfrau in groer
Aufregung entgegen, und kaum erreichte ihre rauhe Stimme Agathen, als
sie frhlich ausrief: Hurrah, mein Goldkind, ich sehe Licht! Helles
Licht, sage ich dir! Dabei focht sie mit ihren groen Hnden gewaltig
in der Luft umher, als risse sie dunkle Schleier herab, die besagtes
Licht verhllten. Die Bresche ist geschossen, nun mu auch die Festung
bald fallen; denn die Bresche ist die Hauptsache, sagte mein Corporal,
wenn er sich vor einer Attaque den Schnurrbart strich, schlo sie
dann und fuhr sich ber die Lippen, um zu zeigen, wo der Schnurrbart
gesessen, der so regen Antheil an den Berathungen ihres Corporals hatte.

Aber was giebt's denn nur, Anne, was hast du nur? rief Agathe
neugierig und zog die Alte auf eine Bank.

Was es giebt? Eine Stelle giebt es fr dich, mein Vgelchen! jubelte
die Alte. Aber wie gesagt, Sturm mssen wir laufen, sonst kommt uns
ein Anderer zuvor, oder deine Frau Tante bekommt gar Wind und verrennt
uns den Weg.

Eine Stelle? Du trumst wohl, Anne; fr mich eine Stelle? rief Agathe
unglubig. Was soll ich armes Ding denn fr eine Stelle ausfllen!
Ich kann ja nichts als Hunde warten und Karte spielen! Nicht einmal
Putzmachen begreife ich; ich bin ja zu gar nichts zu gebrauchen!

Das wird sich finden! sagte die Alte stolz und schttelte den grauen
Kopf, da die Fcher ihrer Mtze hin und her schwankten. Jeder
soll thun, was fr ihn pat! Putzmachen ist eine gute, ehrenwerthe
Beschftigung, das versteht sich; aber wer kein Geschick dazu hat,
sondern Kopf zu was anderm, der soll sich damit nicht abqulen, sondern
lieber das thun, was ihm leichter wird! Ich kenne dich besser und wei,
wer in der Pension stets die beste Schlerin gewesen ist! Es ist mir
ganz egal, was du seitdem gethan hast; in dir steckt mehr, das mu ich
wissen. Ich kenne mein liebes Kind vom ersten Tage an, als es auf die
Welt kam, damit Basta!

Aber so sag' doch, was hast du denn fr eine Stelle? lachte Agathe
und ergriff zrtlich die schwielige Hand der braven Freundin.

Nun du weit doch, da ich die Aufwartung bei Madame Gro bernommen
habe, hub die Alte geheimnivoll an. Diese hat jetzt Besuch von ihrem
Bruder, der mit seiner kranken Frau nach Frankreich oder Italien, oder
wo es ist, gehen will. Da kam mir denn ein Gedanke: Wenn sie fr die
arme, kranke Dame nur eine weibliche Begleitung htten, liebe Madame
Gro, sagte ich gestern Abend zu meiner Herrin, und hatte so meine
Absichten. Eine Kranke bedarf so manches, was der Mann nicht versteht,
und die liebe, kranke Dame wird das gewi spter empfinden. Sehen Sie,
Madame, sagte ich weiter, mein Corporal war der beste Mann in der
ganzen Welt; aber wenn ich krank im Bett lag, da war er wie ein kleines
Kind; es fehlte an allen Ecken; denn er verstand gar nichts, was nicht
zum Dienste gehrte. Was meinst du nun, mein Goldkind, was ich bei
den Worten im Sinne hatte? Nichts anderes, als da du die Leute als
Gesellschafterin begleiten solltest! schlo die Alte mit glnzenden
Augen, und ich glaube, es wird was draus, denn Madame Gro fand meine
Gedanken vortrefflich.

Ich, Anne, Gesellschafterin? Ach, mein Gott, wo denkst du hin! rief
Agathe ganz erschrocken.

Aber warum denn nicht? sagte die Alte eifrig. Ist es nicht besser,
du pflegst eine gute, kranke Dame (denn sehr gut ist sie, das habe
ich gemerkt), als da du Hunde wartest und dich zu Tode stichelst?
Denke doch, sie gehen vielleicht nach Frankreich; da kannst du ja noch
was lernen und siehst dich in der Welt um! Hier bei deiner elenden
Putzmacherei verkmmerst du ganz; ich kann das nicht lnger mit
ansehen. Gelt, Schfchen, du gehst darauf ein?

Agathe begriff nur zu wohl, wie Recht die treue Seele hatte, und die
Aussicht, in fremde Lnder zu gehen, und dort noch vieles zu sehen und
zu lernen, was fr ihre Ausbildung ntzlich sein mute, tauchte wie ein
Strahl freudiger Hoffnung vor ihren Blicken empor.

Aber sie werden mich nicht nehmen, Anne, seufzte sie traurig.

Dafr la mich sorgen, das wird sich finden, sagte die Alte. Meine
Bresche ist gut angelegt, ich werde schon siegen, da ist mir nicht
bange. Aber deine Tante, das ist die Hauptsache, die wird nicht
wollen. Sie hat von dir wenig Kosten; du lieber Gott, was braucht denn
so ein armes, kleines Vgelchen; aber Hlfe hat sie von dir in Menge,
und gewi denkt sie, du sollst einmal Directrice in ihrem Geschft
werden, damit sie die jetzige nicht mehr zu bezahlen braucht. Die alte
Cousine hat neulich so was gesagt, und die Sache wre freilich fr sie
bequem.

Ach, mein Gott, das wre ja schrecklich! rief Agathe, und dachte mit
Entsetzen an die zehn Jahre, in welchen Frulein Schneider bereits
jenen hohen Directricensitz einnahm, und der ihrer wartete, um sie ihr
ganzes Lebenlang dort fest zu halten.

Aber wie soll ich es der Tante sagen? ich werde dazu nie den Muth
haben! fuhr Agathe ngstlich fort.

Nun la mich nur machen; es soll schon alles gut gehen! trstete
Anne. Morgen gehst du mit mir zu Madame Gro, ihr lernt euch
gegenseitig kennen, und das andere findet sich dann.

Am andern Tage trat denn die gute Anne Sommer getrost mit ihrem
Liebling in das Zimmer ihrer Herrin, und mit einem frhlichen: Na, da
ist das Goldkind, Madame! schob sie militrisch grend, zwei Finger
an die Fcher ihrer Haube gelegt, die schchterne Agathe vor Madame
Gro hin.

So jung noch, und so zart? konnte sich die Dame nicht enthalten,
auszurufen, als sie Agathen betrachtete. Sie wird sich fr diese
Stelle nicht eignen, liebe Sommer.

Soll sie denn die kranke Madame heben und tragen? sagte die
Soldatenfrau barsch.

Nein, das soll sie nicht! entgegnete Madame Gro. Aber sie wrde
doch zuweilen des Nachts aufstehen mssen, oder dergleichen Dinge thun,
und wenn sie schwach und krnklich ist, so hlt sie das nicht aus; denn
das Leben bei einer Kranken ist angreifend.

Aber ich bin nicht schwach, wenn ich auch bleich aussehe, sagte
Agathe jetzt angstvoll, denn sie frchtete so sehr, abgewiesen zu
werden.

Kommen Sie mit zu meiner Schwgerin, liebes Kind; sie mag selbst
entscheiden, sagte endlich Madame Gro nach einigem Zgern, und
bald stand Agathe vor der Kranken, einer sanften, jungen Frau, deren
durchsichtige Farbe die bse Krankheit verkndete, welche ihren zarten
Krper zerstrte. Sie blickte Agathen mit sanftem, seelenvollem Blicke
an, und dieser traten Thrnen in das Auge; denn unwillkrlich dachte
sie an ihre geliebte Mutter, die ja auch so zart und leidend ausgesehen
hatte, ehe sie von der Erde schied. Frau von Menzel, so hie die
Kranke, bat Agathen, sich neben sie zu setzen und erkundigte sich nach
ihren Verhltnissen. Agathe erzhlte anfangs zaghaft und schchtern;
aber die rege Theilnahme der Kranken flte ihr bald groes Vertrauen
ein, und offen legte sie derselben nun ihre ganze Lage dar und
verhehlte nicht, wie innig sie wnschte, bei ihr bleiben und mit ihr
gehen zu knnen. -- Frau von Menzel reichte dem jungen Mdchen endlich
die Hand und sagte freundlich, sie gefalle ihr sehr wohl, und herzlich
wnsche sie ihre Begleitung. Deshalb, wenn sie mit ihnen gehen wollte,
so mge sie nur mit ihren Verwandten darber Rcksprache nehmen. Aber
freilich sei nicht viel Zeit zu verlieren, denn schon in drei Wochen
wollten sie abreisen.

Agathe kte voll des innigsten Dankes die Hand der gtigen Dame.
Ihr Herz fhlte sich unbeschreiblich zu ihr hingezogen, und mit
aufrichtiger Freude versprach sie, alles zu thun, um die Zufriedenheit
derselben zu verdienen. Mit frohem Herzen kehrte sie dann zu ihrer Anne
zurck, und diese war so glcklich ber das Gelingen ihres Planes, da
sie wie ein Kind sprang und tanzte.

Aber nun die Tante; ach, wre das erst berstanden! jammerte Agathe.
Wenn ich es nur dem Onkel sagen knnte; aber ich sehe ihn ja nie
allein. Und was hilft das auch; er schickt mich doch zu der Tante, denn
er frchtet sich, ihr etwas Unangenehmes zu sagen.

So nimm das Herz in die Hand, und geh' gleich zu ihr, sagte Anne.
Ich warte in der Kche drauen auf die Antwort; zu Hause lt es mir
doch keine Ruhe.

Agathe that, wie Anne ihr gerathen, und nun stand sie vor der Thr,
die zu dem Zimmer der Tante fhrte. Sie hrte ihr Herz ordentlich
klopfen und kmpfte nach Athem; endlich aber drckte sie muthig auf die
Thrklinke, und nun war sie im Zimmer.

Liebe Tante, wenn ich Sie nicht stre, mchte ich Ihnen etwas sagen,
begann sie ziemlich khn.

Was willst du? Warum bist du nicht bei der Arbeit? sagte die Tante
streng und blickte nach der Uhr, welche Arbeitszeit verkndete.

Ich.. ich werde das Putzmachen doch nie lernen, verzeihen Sie, liebe
Tante! stotterte Agathe, ihre muthige Haltung schon etwas verlierend.

Du wirst es nie lernen? Was soll das heien? Du willst nicht, bist
faul, ich wei es lange! fuhr die Tante auf. Aber es hilft dir alles
nichts, du sollst dein Brod hier nicht umsonst essen, sondern es dir
verdienen; verstehst du mich? Jetzt geh' und bessere dich, und la mich
solche Reden nicht wieder hren! Du bist ein armes Mdchen; du mut
daran denken, dir dein Brod spter selbst zu verdienen.

Ja wohl, liebe Tante, das will ich auch, stammelte Agathe. Wenn Sie
es mir erlauben, so mchte ich eine Stelle annehmen.

Eine Stelle? rief die Tante staunend. Ich glaube, du weit nicht,
was du sprichst! Was willst du ungeschicktes Mdchen denn fr eine
Stelle annehmen?

Ich soll eine kranke Dame nach Italien begleiten, sagte Agathe
wieder muthiger. Sie will mich mitnehmen, wenn Sie es mir erlauben.

Will dich mitnehmen? Also alles schon fix und fertig verabredet?
rief die Tante jetzt, und ihr Zorn loderte empor. Also hinter meinem
Rcken schmiedest du solche Rnke, du falsches Mdchen? Ohne mir vorher
ein Wort zu sagen, lt du dich von andern Leuten engagiren! Aber,
mein liebes Kind, daraus kann ein fr alle Mal nichts werden! Du wirst
hier bleiben und nach wie vor dich beschftigen, wie bisher; denn
ich sehe wohl, es ist Faulheit, was dich forttreibt! Du denkst, als
Gesellschafterin wirst du ein bequemes Leben fhren und in der Welt
umher reisen. La es dir lieb sein, da ich dich davon zurck halte,
denn du wrdest gar bald sehen, wie sehr du dich geirrt hast.

Aber liebe Tante, ich wrde franzsisch lernen und vielleicht dann
Erzieherin werden knnen, wenn ich die Dame begleite. O bitte, bitte,
erlauben Sie es mir doch? flehte Agathe weinend und mit dem Muthe der
Verzweiflung.

Nein, sage ich dir! Meine Erlaubni bekommst du nicht! fuhr die Tante
heftig auf. Erzieherin! Glaubst du, die wird man so mir nichts, dir
nichts durch ein Bischen franzsisch schwatzen? Dummes Zeug! Schweig
jetzt, und geh an die Arbeit! Das ist mein letztes Wort ber die Sache!

Weinend eilte Agathe zu ihrer alten Anne, die ihrer in der Kche
harrte. Aber kaum hatte sie der treuen Seele ihr Leid geklagt, als sie
die Stimme der Tante hrte. Geschwind schob sie die alte Soldatenfrau
die Hintertreppe hinab und flog in das Arbeitszimmer, um neuer Schelte
zu entgehen. Aber wie viel stille Thrnen, wie viel Seufzer und wie
viel Gedanken begleiteten nun jeden Stich, den ihre Nadel langsamer und
schwerflliger als je zu Stande brachte.




                           Sechstes Kapitel.

                             Treue Hlfe.


Frau Anne Sommer war zwar die Hintertreppe hinab gegangen, da Agathe es
so gewollt; aber gedankenvoll und leise vor sich hin brummend, trabte
sie die Treppe im Vorderhause wieder herauf, klingelte, und lie sich
bei Madame Niedrer anmelden.

Bitte um Entschuldigung, wenn ich stre! sagte die Alte mit ihrer
rauhen Stimme und schritt auf Madame Niedrer zu, welche mit hchster
Verwunderung diesen sonderbaren Besuch eintreten sah.

Ich bin Frulein Agathes frhere Dienerin, Madame! fuhr die Alte
weiter fort, und habe eine groe Bitte an Sie.

Mein Gott, nicht einmal in seinem Zimmer ist man vor Betteleien
sicher! rief die Angeredete unwillig und ergriff den Klingelzug.

O bitte, ich bettle nicht! sagte die Alte stolz und richtete sich in
ihrer ganzen Lnge auf. Ich komme nur, um fr Frulein Agathe etwas zu
bitten.

Was will Sie? Ich habe keine Zeit; rede Sie schnell! rief Madame
Niedrer heftig.

Madame, Ihre Nichte wnscht eine Stelle anzunehmen; ich bitte Sie
flehentlich, erlauben Sie ihr das! sprach die Alte nun laut und
dringend, aber immer noch bescheiden, wie bisher.

Was geht das Sie an; damit hat Sie gar nichts zu schaffen! rief
Madame zornig. Sie ist es gewi, die ihr die Stelle suchte und das
undankbare Mdchen gegen ihre eigenen Verwandten aufhetzte. Auf der
Stelle gehe Sie, oder ich klingle, da man Sie hinaus bringt!

Hoho, Madame, sprechen Sie so, so brauche ich auch nicht hinter dem
Berge zu halten! brach nun Anne Sommer los und athmete schwer und
tief. Ja, ich bin es, da haben Sie recht; aber ich bin es auch, der
das arme Kind lieber ist, als irgend jemanden in der ganzen Welt. Und
darum will ich, da sie glcklich wird. Hier aber geht sie ganz und gar
zu Grunde, und d'rum soll sie fort. Sind Sie denn von Stein, Madame,
da Sie es mit ansehen knnen, wie das arme, zarte Kind leidet an
Krper und auch an ihrem Geiste? Denn sie arbeitet sich elend und grmt
sich zu Tode, da sie nicht noch etwas lernen und sich weiter ausbilden
kann. Darum, Madame, entweder Sie erlauben ihr, da sie lernt statt zu
nhen, oder Sie lassen sie fort.

Die Alte hatte in ihrem Eifer die Hand empor gehoben; ihre Augen
blitzten, und drohend stand sie vor der Frau des Hauses. Diese
war zuerst etwas berrascht; bald aber fate sie sich und sagte,
die Klingel ziehend: Augenblicklich verlt Sie mein Haus, Sie
unverschmte Person! Meine Nichte bleibt hier und wird Putzmacherin,
damit Punktum; Sie aber lt sich nie wieder blicken!

Dabei gebot sie der eintretenden Dienerin, das Weib fortzubringen; sie
selbst aber verlie stolz und heftig das Zimmer.

So also geht's nicht! brummte Anne vor sich hin, als sie wieder auf
der Strae war. Du hast dem armen Kinde mehr geschadet, als gentzt;
das war dumm von dir, Anne. Jetzt strenge deinen alten Kopf an; denn
fort mu sie, nun erst recht. Jetzt hat sie's nun gewi doppelt
schlimm, die arme, kleine Maus.

Das war allerdings der Fall. Die Tante war so unfreundlich und streng
gegen Agathe und gnnte ihr so wenig freie Zeit, da das arme Mdchen
es kaum geduldig ertragen konnte. Und was sollte aus ihrer Stelle
werden! Die Tante gab nie ihre Einwilligung, das wute sie jetzt nur
zu gut, und ohne dieselbe konnte sie natrlich nicht fort. Den Onkel
um Hlfe zu bitten, war auch nutzlos; denn wo die Tante so entschieden
gesprochen, verhallte sein Wort und Wille wie ein Ton im Winde. Und
doch verging die Zeit, und konnte sie diese Stelle nicht annehmen, wer
wei, wann sich wieder etwas so Passendes finden wrde.

Agathe fand Tag und Nacht keine Ruhe, und die gute Cousine, der sie ihr
Herz ausschttete, wute auch weder Rath noch Hlfe. Auch Anne Sommer
war Anfangs sehr aufgeregt und sorgenvoll gewesen, seit einiger Zeit
jedoch schwieg sie, schien aber so sicher und guten Muthes zu sein,
da Agathe sie nicht begriff; denn ihr war jede Hoffnung entschwunden.
Sage nur der guten Frau von Menzel, wie sehr ich ihr danke und wie ich
bedaure, sie nicht begleiten zu knnen, Anne, sagte Agathe weinend,
und Anne nickte still mit dem Kopfe, sah aber ganz heiter dabei aus,
als lache sie in sich hinein.

So waren zwei Wochen von der Zeit verstrichen, welche bis zur Abreise
Frau von Menzel's noch vergehen sollten. Agathe gab sich Mhe, gar
nicht mehr an ihre schnen Hoffnungen zu denken; aber natrlich wollte
ihr das nicht gelingen, sie wurde nur immer trauriger.

In ihre Gedanken verloren, schritt sie eines Tages wieder unter
den Linden auf und nieder, und unwillkrlich verglich sie das
gelbe, trockene Laub am Boden, das unter ihrem Fue rauschte, mit
den gestorbenen Hoffnungen ihrer Jugend. Da sah sie Anne Sommer in
ungewhnlicher Hast auf sich zukommen; sie hatte einen Zettel in der
Hand und sagte freudig: Nun ist's gut; jetzt hab' ich alles, was ich
brauche. Nun kommt es nur auf dich an, ob du willst oder nicht, mein
Herzkind!

Was soll ich denn wieder, Anne; was hast du denn wieder im Sinn?
sagte Agathe niedergeschlagen.

Ob du mit Frau von Menzel reisen willst! rief Anne lebhaft.

Ach la doch nur dies unglckliche Thema! sagte Agathe sich
abwendend, denn die Thrnen brachen ihr wieder hervor. Du weit ja,
ich darf nicht.

Ja du darfst! Hier steht es schwarz auf wei! jubelte Anne und hielt
ihren Zettel triumphirend empor. Madame freilich erlaubt es nicht, das
steht fest; aber was thut uns das? Dein Vormund ist der Onkel, und der
hat es mir hier drauf geschrieben, da er nichts dagegen hat. Na, Mhe
freilich hat's gekostet, ehe er sich dazu entschlo; denn seine bse
Frau durfte nichts davon wissen. Aber ich habe ihm keine Ruhe gelassen,
habe ihm das Herz so weich gemacht, da er dir doch endlich seine
Erlaubni gab. Denn gut ist er und helfen mchte er dir, das mu ich
sagen; aber die Furcht vor der Frau lt ja alles das nicht aufkommen!

Wie? Du hast die Erlaubni des Onkels? rief Agathe in in hchster
Verwunderung Wo hast du ihn denn gesprochen?

In seinem Comptoir, mein Schfchen! Drei Mal bin ich bei ihm gewesen
und habe ihn bestrmt, bis ich den Zettel hatte! rief die Alte und
rieb sich vergngt die harten Hnde, da es raschelte. Aber Abschied
zu Hause darfst du freilich nicht nehmen, dann wre alles umsonst.
Madame sperrte dich sicher ein; darum entschliee dich nur und komm
gleich mit mir, das ist das Allerbeste; es ist alles schon vorbereitet.

Wie? Ich soll gleich mit dir kommen? rief Agathe, die Augen weit
ffnend. So ohne Abschied, ohne alles, ohne....

Ja den Abschied von deiner zrtlichen Tante, den mut du freilich dran
geben, lachte die Alte; alles andere aber ist besorgt, da sei ruhig.
Die alte Cousine packt eben deine Sachen zusammen, die ich in der
Dmmerung abhole; sie wei um alles, ist aber verschwiegen und freut
sich, da du fort kommst. In meiner Wohnung bleibst du bis zur Abreise
von Menzels. Auch sie wissen um unsern Plan und reisen deshalb einige
Tage frher; die guten Menschen, sie haben dich so lieb gewonnen.

Aber das ist ja eine wahre Entfhrung! Ich laufe ja davon, als wre
ich ein Verbrecher rief Agathe ganz auer sich vor Bestrzung.

Nun ja, was bleibt denn anders brig, wenn dein Onkel seine Frau nicht
zwingen kann und will? lachte die Alte. Er hat ja eine Furcht vor
ihr, als wre sie Napoleon seine grte Kanone!

Aber dem Onkel mu ich Lebewohl sagen; von ihm kann ich nicht so
fortlaufen, es wre zu abscheulich! sagte Agathe.

Nun dann komm schnell, und besuche ihn in seinem Comptoir, drngte
die Alte. Bis zwei Uhr ist er dort allein; das trifft sich gut.

Eilig gingen die beiden Freundinnen nach dem Arbeitszimmer des Onkels,
der in groer Unruhe in demselben auf und nieder ging.

Agathe! rief er freudig, als das junge Mdchen schnell bei ihm
eintrat, und zog dasselbe an die Brust.

O mein lieber, lieber Onkel! schluchzte Agathe, verzeihe mir!

Ich habe dir nichts zu verzeihen, Kind! sagte Herr Niedrer sanft.
Ich sehe ein, da es besser fr dich ist, du verlt unser Haus und
nimmst die Stelle bei jenen braven Leuten an. Deshalb habe ich auch
meine Einwilligung dazu gegeben. Gehe mit Gott, mein gutes Kind, und
bleibe gut und brav. Alles andere la dich nicht kmmern; ich wei, was
ich thue. Du kannst ruhig sein, sowohl was dich selbst, als auch was
mich betrifft. Bist du in Noth, so wende dich getrost an mich; mein
Herz wird dir immer offen sein, wenn es auch mein Haus in Zukunft nicht
mehr sein kann.

Agathe konnte sich schwer von dem Onkel trennen; aber Fremde kamen,
und nach einer letzten innigen Umarmung eilte sie fort. Die treue Anne
hatte in ihrem Stbchen alles zum Empfange des lieben Gastes bereitet,
und bald schlo sie die Thr hinter der Entfhrten.

Hier bist du sicher, mein Vgelchen! rief sie frhlich. Hier finden
dich selbst die scharfen Augen deiner Frau Tante nicht.

Agathe sa stumm und traurig da, und alle Frhlichkeit der guten
Soldatenfrau war nicht im Stande, sie zu erheitern. Ihre Gedanken
flogen nach dem Hause, das sie verlassen; sie kam sich wie eine
Verbrecherin vor. Im Geiste sah sie den furchtbaren Zorn der Tante,
die jetzt schon ihr Ausbleiben bemerken mute. Dann kam die Stunde,
in welcher der Onkel heimkehrte, und in Todesangst dachte sie daran,
da er vielleicht eben jetzt der Tante ihre Flucht mittheilte; denn er
hatte versprochen, sich ihrer treu anzunehmen, und sie zu vertheidigen
und zu schtzen.

Unsinn! Er ist der Generalfeldmarschall seiner Truppen; was er will,
mu in seinem Hause geschehen, so gehrt sich's! sagte Anne Sommer mit
grimmigem Ernst, als Agathe ihre Sorge aussprach, der Onkel werde um
ihretwillen gewi viel Aerger und Verdru zu leiden haben. Htte er
es dir nicht erlaubt, wrdest du natrlich nicht desertirt sein. Aber
jetzt beruhige dich, und sei kein Nrrchen. Heute Abend werde ich ja
erfahren, wie es dort steht.

In der Dmmerstunde holte Anne Agathes Koffer ab, den die alte Cousine
heimlich gepackt hatte, und durch sie erfuhr denn die Alte, da es
freilich einen sehr heftigen Auftritt zwischen Herrn und Madame Niedrer
gegeben habe. Der Herr sei aber so fest und bestimmt bei seinem Willen
geblieben, da Madame sich schlielich beruhigt und sich vor den
Leuten das Ansehen gegeben habe, als sei Agathes Entfernung mit ihrer
Zustimmung erfolgt.

Unter den jungen Arbeiterinnen des Putzgeschfts hatte Agathes Flucht
groe Heiterkeit hervor gerufen; denn alle hatten das innigste Mitleid
mit ihr gehabt. Selbst Frulein Schneider lchelte, als sie den ersten
Schreck berwunden und gestand seufzend, sie habe jetzt eine Sorge
weniger; denn zu einer Putzmacherin htte sie Frulein Agathen doch
nimmermehr heran bilden knnen.




                          Siebentes Kapitel.

                           Im fremden Lande.


Es war an einem schnen, sonnigen Herbsttage, als eine blasse Frau, auf
den Arm ihres Mannes gesttzt, eines der Eisenbahncoup's bestieg und
sich freundlich nach einem jungen Mdchen umschaute, das an dem Halse
einer groen Frau hing, deren bunte Bauerntracht wunderlich gegen die
dunkle Reisekleidung des Mdchens abstach.

O Anne, behalte mich lieb, und habe ewig Dank fr alles! schluchzte
Agathe, denn sie war es. Die alte Soldatenfrau fand keine Worte und
streichelte nur immer wieder die Wangen des jungen Mdchens, indem ihr
einzelne, dicke Thrnen ber das gute Gesicht liefen.

Ich mu fort, lebe wohl, meine Anne; vergi deine Agathe nicht! rief
diese endlich, rasch davon strzend, und eilte, ohne zurck zu blicken,
nach dem Wagen. Aber hier erwartete sie noch ein anderer Abschied.
Der Onkel war es, welcher ihr noch Lebewohl sagen und ihr mittheilen
wollte, da zu Hause alles gut stehe, die Tante ihr sogar einen Gru
schicke. Das erleichterte Agathes Herz unbeschreiblich; denn sie machte
sich wegen ihrer Flucht doch unsgliche Vorwrfe. Nun konnte sie ruhig
abreisen, und trotz der Thrnen, die ihr Auge trbten, als sie dem
guten Onkel zum letzten Male die Hand reichte, schlug ihr Herz doch
froh und hoffend der Zukunft entgegen.

Die Reise war schn und genureich, und da man wegen der Kranken
nur kleine Tagestouren machen konnte, auch durchaus fr Agathe
nicht anstrengend. Die Geschfte, welche sie zu besorgen hatte,
wurden ihr sehr leicht, und die groe Milde und Freundlichkeit der
Kranken berhrten Agathen um so angenehmer, als sie von der Tante nur
strenge, kalte Behandlung erfahren hatte. Herr von Menzel, ein reicher
Gutsbesitzer, war ein heiterer, freundlicher Mann, der die junge
Gesellschafterin wie eine Tochter behandelte, und bald fhlte sich
Agathe so glcklich, wie noch nie in ihrem Leben. Die Aerzte hatten es
fr gerathen gehalten, die Kranke nach Nizza zu schicken, dessen warme,
geschtzte Lage ihrer kranken Brust vielleicht noch Heilung bringen
konnte. Die weiche Seeluft des Mittelmeeres, an dessen Ufern sich diese
schne Stadt hinzieht, umwehte die Kranke mit ihrem schmeichelnden
Hauche und that ihr bald so wohl, da sie in Agathes Begleitung
tglich einen kleinen Spaziergang machen konnte. Die eifrige, kleine
Gesellschafterin suchte der sanften Kranken alle Wnsche vom Auge zu
lesen, und diese wieder dachte immer daran, das gute, junge Mdchen
mglichst zu schonen und ihr Gelegenheit zu geistigen Beschftigungen
zu verschaffen, wonach sich, wie sie wute, Agathes Herz so innig
sehnte. Sie selbst war eine fein gebildete Frau und lie sich von
Agathe oft durch Vorlesen guter Bcher unterhalten; bessere Fortbildung
aber fand sich fr das junge Mdchen bald noch durch den Verkehr mit
einem wrdigen Geistlichen aus der franzsischen Schweiz, welcher
dasselbe Haus mit ihnen bewohnte. Er hatte Agathes eifrige Lernbegierde
bemerkt, und freundlich bot er ihr an, sie sowohl in der franzsischen
Sprache als auch in einigen Wissenschaften zu unterrichten, da er, wie
er sagte, seine Musestunden nicht besser ausfllen knne. Gern gab die
Kranke ihre Einwilligung, und mit innigem Entzcken widmete sich nun
Agathe all den Dingen, nach denen sie im Hause des Onkels so vergebens
verlangt hatte.

Diese innere Freudigkeit, verbunden mit der herrlich reinen Luft der
Berge und der ppigen, krftigen Kost, welche ihr jetzt geboten wurde,
lieen auf Agathes Wangen bald frische Rosen erblhen. Das zarte,
blasse Kind wuchs zur schnen, frischen Jungfrau heran, und voll
wahrhaft mtterlicher Liebe verfolgte Frau von Menzel die krperliche
wie geistige Entwickelung des jungen Mdchens. Schn und genureich
schwanden die Tage wie Stunden dahin, und die Liebe der Menschen, mit
denen sie lebte, erwrmten Agathes Herz eben so sehr, als die herrliche
Natur, welche sie umgab.

Der Herbst verging, und der Winter mit seinen rauhen Tagen zog in das
Land. Aber die Lage Nizza's, welches im Norden und Osten geschtzt und
von milder Seeluft umgeben ist, verhindert die scharfen Winde, diesen
Zufluchtsort der Kranken zu erreichen, an welchem sich die kleine
Familie glcklich und wohl fhlte. Herr von Menzel hatte fr einige
Zeit nach der Heimath zurckkehren mssen, und da er die Kranke in
Agathes treuen Hnden wute, verlie er sie mit ruhigem Herzen. Agathe
schlo sich in dieser Zeit um so enger an die sanfte Frau an, die ihr
immer mehr Freundin wurde und sie nie wieder von sich lassen wollte.
Aber wenn die Kranke auch an keine Trennung dachte, so mute es Agathe
im Stillen nur zu hufig thun, denn sie bemerkte nur zu gut, wie die
Krankheit der theuren Frau immer grere Fortschritte machte. Das milde
Klima konnte das Leiden nur hinziehen, nicht heben, und mit tiefem,
geheimen Kummer, aber heiterem Auge hrte sie, wie die Kranke Plne
auf Plne entwarf, welch schnes Leben sie ferner mit einander fhren
wollten. Agathe kte dann in dankbarer Liebe die schmale, abgezehrte
Hand ihrer gtigen Freundin; aber in ihrem Herzen konnte sie solchen
schnen Trumen keinen Glauben schenken. Der Winter war vorber und
fr den nahenden Frhling und Sommer whlte die Familie einen anderen,
den heien Sonnenstrahlen weniger ausgesetzten Aufenthalt in den
Schweizer Alpen. Agathe hatte die Freude, da auch ihr Freund, der
Geistliche, fr einige Zeit mit ihnen zog; denn er hatte die Familie
so lieb gewonnen, da er sich nicht so schnell von ihnen trennen
mochte. -- Aber war es nun der Wechsel des Ortes, oder war es die,
allen Brustkranken gefhrliche Frhlingsluft, Frau von Menzel wurde
bald so leidend, da ihr Ende schneller herannahte, als selbst Agathe
in den bangsten Stunden gefrchtet hatte. Mit stiller Ergebung trug
der unglckliche Gatte die herannahende Trbsal, und Agathe wurde
ihm sowohl durch ihre treue Pflege, als durch den tiefen Ernst ihres
Gemthes unendlich lieb und trostbringend. Die Kranke selbst ahnte
ihren Zustand nicht. Sie wurde schwcher und schwcher; aber indem ihr
blaues Auge wunderbar glnzte, sprach sie lchelnd von der schnen
Zeit, in welcher sie wieder gekrftigt sein und sich der herrlichen
Natur werde erfreuen knnen.

Wie sehne ich mich, wieder in die warme Sonne zu kommen und den
weiten, blauen Himmel sehen zu knnen! sprach sie eines Tages freudig
und wendete ihr Auge nach dem Fenster. Tragt mich in's Freie, ich
mchte der schnen Gotteswelt nher sein, bat sie dann sanft, und
langsam rollte ihr Gatte und Agathe das Ruhebett der Kranken an die
offene Thr der Veranda.

O wie wird mir so wohl, mir ist, als ffne sich mir der Himmel! sagte
sie begeistert und breitete die Arme aus; dann schlo sie die Augen
und sank leise zurck. Eine selige Verklrung ruhte auf ihrem Antlitz;
der Himmel hatte sich ihr wirklich geffnet, sie schwebte empor zu der
ewigen himmlischen Herrlichkeit.

Der Kummer des einsamen Gatten war so unsglich tief und ergreifend,
da Agathe den eigenen Schmerz zu bekmpfen suchte, um den
unglcklichen Mann trostreich zur Seite stehen zu knnen. Aber war sie
allein, so strzte Leid und Jammer um so mchtiger ber ihr zusammen,
und schluchzend kniete sie an der Hlle der lieben Verklrten, die
ihr Freundin und Mutter geworden war. O Gott, mein Gott! betete sie
inbrnstig, was soll nun aus mir werden! Verla Du mich nicht; nimm
mich in Deinen treuen Schutz, und fhre mich gndig weiter an Deiner
Vaterhand. Allein bin ich nun wieder, allein und obdachlos; o nimm Du
dich ferner der armen Waise liebend an!

Und sie hoffte nicht vergebens. Wohl war jetzt ihres Bleibens nicht
mehr in den bisherigen Verhltnissen; denn Herr von Menzel kehrte so
schnell als mglich wieder nach der Heimath zurck, um die theure Hlle
seiner Gattin in dem dortigen Erbbegrbni der Familie beisetzen zu
lassen. Aber ehe der Sarg der Verklrten geschlossen wurde, ergriff der
Trauernde Agathes Hand und sprach mit tiefer Bewegung: Meine liebe
Agathe, Sie sind meiner Gattin theurer gewesen, als Sie glauben knnen.
In Ihnen hat sie bis zu ihrem letzten Augenblicke eine treue Freundin
und Tochter besessen. Welchen Trost auch mir Ihre Gegenwart gewhrt
hat, davon lassen Sie mich schweigen; aber es ist mir ein inniges
Herzensbedrfni, Ihnen zu zeigen, wie dankbar ich Ihnen bin und mein
ganzes Leben hindurch sein werde. Ich glaube Ihnen davon einen, wenn
auch nur geringen Beweis geben zu knnen, indem ich Sie bitte, mir die
Sorge fr Ihre weitere geistige Ausbildung zu berlassen. Sie wnschen
sehr, Erzieherin werden zu knnen, das wei ich, und Ihre schnen
Anlagen befhigen Sie auch vllig dazu. Wollen Sie nun fr ein Jahr als
Zgling in das treffliche Erziehungsinstitut in Neufchtel eintreten,
um daselbst noch die letzte Ausbildung zu erhalten, so wird es mich
freuen, einen Ihrer Wnsche erfllt zu sehen. Alle Vorbereitungen zu
Ihrer Aufnahme sind getroffen, und der Geistliche, Ihr wrdiger Freund
und Lehrer, wird Sie gern dahin begleiten, sobald Sie es wnschen.

Agathe war wie in einem Taumel von Glck und Wonne. In demselben
Momente, wo wieder alle schnen Hoffnungen entschwanden, und sie
abermals angstvoll einer unsichern Zukunft entgegen blickte, stand
sie am Ziele ihrer sehnlichsten Wnsche. Sie fand keine Worte, ihren
Dank und ihre Freude auszudrcken; aber aus ihrem Auge leuchtete eine
bessere Antwort, als der Mund zu geben vermochte. Ueber dem verklrten
Antlitz der Entseelten reichte sie ihrem Freunde und Beschtzer die
Hand, und im stummen Danke zitterten ihre Lippen.

Herr von Menzel war abgereist, und traurig kehrte Agathe an der Seite
des Geistlichen von dem Bahnhofe zurck, wo sie dem theuren Manne und
seiner stillen, verklrten Begleiterin das letzte Lebewohl gesagt
hatte. Der Geistliche hatte ihr gleich nach dem Tode der Kranken in
freundlichster Weise angeboten, sein Haus in Genf und seine Familie
fr's Erste ganz als die ihrige zu betrachten, und Agathe hatte diese
Zufluchtssttte dankbar angenommen, bis sich eine andere Stelle fr sie
finden wrde. Jetzt aber wnschte sie natrlich, sobald als mglich in
jenes Pensionat einzutreten, und der Geistliche versprach schon andern
Tages mit ihr nach Neufchtel abzureisen.

Madame Reutin, die Vorsteherin der Anstalt, war von Agathe's Ankunft
bereits unterrichtet und empfing das junge Mdchen mit groer
Herzlichkeit. Agathe war eine der ltesten Pensionairinnen, und
da Madame Reutin an den Schicksalen ihres neuen Zglings groen
Antheil nahm, und bald bemerkte, welchen Eifer dieselbe besa, um
sich mglichst viel Kenntnisse zu erwerben, so widmete sie ihr ganz
besondere Aufmerksamkeit. Sie suchte das stille, sinnige Mdchen
viel in ihrer Umgebung zu beschftigen und zeigte ihr so viel Liebe,
da Agathe bald ihre Schchternheit verlor und sich in den fremden
Verhltnissen ungemein wohl fhlte. Der Unterricht war vortrefflich,
und so reifte die begabte Agathe schnell zu einem geistig fein
gebildeten Mdchen heran, welches nach Verlauf eines Jahres gar wohl
befhigt war, die Stelle einer Erzieherin auszufllen.

Herr von Menzel, mit dem Agathe in stetem brieflichen Verkehr war,
bot ihr an, noch lnger in der Anstalt zu bleiben, und Madame Reutin
schlug ihr vor, die Stelle einer Hlfslehrerin zu bernehmen, da
sie das sanfte Mdchen ungern von sich lie. So entschlo sich denn
Agathe, noch einige Zeit im fremden Lande zu bleiben, obwohl ihr Herz
unbeschreiblich nach ihrer treuen Anne verlangte, welche ihr rhrend
zrtliche Briefe schrieb, zwar auf merkwrdig dickem Papier, und mit
heftiger Verschwendung von Dinte, da die Buchstaben gro und gewaltig
auftraten, und schwer zu entziffernde Hieroglyphen bildeten, aber
nichts desto weniger die innigste Liebe und Anhnglichkeit aussprachen.
Auch der Onkel und ihre Freundinnen aus der Pension schrieben Agathen
fleiig, und jeder Brief erregte ihr so tiefes, gewaltiges Heimweh,
da nur der Wunsch nach fernerer Ausbildung sie noch von der Rckkehr
in die Heimath abhielt. Ja Heimath, hatte sie denn berhaupt eine? Sie
wute ja gar nicht, wohin sie gehen sollte, verlie sie ihren jetzigen
Aufenthalt. Dieser Gedanke hing sich immer wie ein Bleigewicht an ihren
Wunsch, nach Deutschland zurck zu kehren, und sie hatte deshalb an
Anne Sommer wie an ihre Freunde geschrieben, sich nach einer Stelle fr
sie umzusehen.

Fast zwei volle Jahre waren jetzt seit Agathes Abreise von Leipzig
verstrichen, da erhielt sie eines Tages einen Brief von ihrer Freundin
Fanny, welcher die frohe Kunde brachte von deren Verlobung mit einem
jungen Gutsbesitzer. Mit dieser freudigen Botschaft aber verband sich
noch eine zweite, welche Agathen betraf.

Jetzt zu Dir, meine beste Agathe! lautete Fanny's frhlicher Brief.
Mein Brutigam ist der lteste Sohn einer zahlreichen Familie, und
seine beiden jngsten Schwestern, Mdchen von 10 und 12 Jahren, knnen
meiner Ansicht nach nicht lnger ohne specielle Aufsicht bleiben.
Auch ihr Schulunterricht scheint mir mehr als mangelhaft, was auf
dem Lande freilich kein Wunder ist. Meine gute Schwiegermutter hat
durchaus nichts dagegen einzuwenden, die jungen Springinsfelde unter
die Zucht einer Erzieherin zu stellen, falls ich ihr eine verschaffen
knnte, die, wie sie sagte, nicht gar zu strend in das Familienleben
eingriffe. Sie hat etwas sonderbare Vorstellungen von allem, was
Erzieherin heit, und da ich sie von ihrem Vorurtheil gern kuriren
mchte, so wrde dies allein schon mich bestimmen, Dich, meine gute
Agathe, dringend aufzufordern, diese Stelle bei meinen kleinen
Schwgerinnen zu bernehmen. Tausend andere Grnde aber drngen sich
auerdem noch herbei, um Dich mit Bitten zu bestrmen, vor allem meine
grenzenlose Sehnsucht nach meiner liebsten Freundin. Komm, komm, so
bald als mglich, meine Agathe; Du wirst von all' meinen Lieben mit
offenen Armen erwartet und wirst Dich glcklich unter uns fhlen, dafr
brgt dir deine treuste Fanny.

Ein Postscriptum fehlte dem Briefe nach junger Mdchen Art natrlich
auch nicht; es lautete: Uebrigens wirst Du Dich freuen, ein liebes,
bekanntes Gesicht hier in unserer Nhe zu finden. Wem das aber
zugehrt, sage ich nicht; Du magst selbst kommen, es dir anzusehen.

Das war denn allerdings eine so wundervolle Kunde, da Agathe mit
glhenden Wangen zu Madame Reutin eilte, ihr alles mitzutheilen und sie
um Erlaubni zur Heimkehr zu bitten.

Freudig willigte die gute Dame sogleich in Agathes Wnsche, und so
ungern sie das brave Mdchen von sich lie, so sehr freute sie sich
doch andrerseits ber die gute Wendung, welche deren Schicksal abermals
genommen. Nicht ohne die tiefste Bewegung schied Agathe kurze Zeit
darauf aus der Anstalt, wo ihr so viel Gutes zu Theil geworden, sowie
aus dem herrlichen Lande, in dem sie eine reiche, glckliche Zeit
verlebt hatte.




                            Achtes Kapitel.

                             Die Heimath.


In dem Herrenhause des Dorfes Schnfelde waren die jngern Glieder
der Familie seit dem frhen Morgen in groer Bewegung. Geschftig
liefen sie die breiten Treppen auf und nieder und hielten wichtige
Zwiegesprche mit Grtner und Stubenmdchen, die Krnze und Guirlanden
aus den wenigen Blumen des Gartens zusammenwanden, welche die
Herbstklte noch brig gelassen hatte. Bald thronte ber der Hausthr
ein mchtiger Kranz, in dessen Mitte das Wort Willkommen prangte,
und frische Guirlanden umzogen die Thr des Wohnzimmers, in dem einige
Kinder in groer Aufregung um ein blhendes, junges Mdchen versammelt
waren, das sie mit Fragen bestrmten.

Nicht wahr, Fanny, sie trgt keine Brille, wie die alte Frulein
Danton, Lucie Blow's Erzieherin? rief Marie, ein zwlfjhriges
Mdchen.

Und auch keine Schnupftabaksdose, nicht wahr? setzte Hannchen hinzu,
die jngere Schwester. Die Mama behauptet es.

Ob sie wohl Pferd mit mir spielen wird, Fanny? Ich will sie auch nicht
so derb mit meiner Peitsche schlagen, als gestern den Anton; aber dann
mu sie auch nicht heulen, wie der immer gleich thut! rief der kleine
Max und fuhr knallend mit der Peitsche durch die Luft.

Ihr werdet's ja sehen, Kinder, macht mich doch nur nicht todt mit
euren Fragen, lachte das junge Mdchen. Aber jetzt adieu; Friedrich
fhrt eben vor, und ihr wit, die Pferde stehen nicht ruhig. Seid
hbsch artig, da meine liebe Agathe nicht gleich eine gar zu
schlechte Meinung von euch bekommt. Adieu, adieu, ihr lustiges Corps!

Fort flog der Wagen, in dessen Mitte das junge Mdchen frhlich lachend
thronte, noch lange gefolgt von dem gellenden Hurrah der kleinen
Gesellschaft. Einige Stunden vergingen, und sie kehrte zurck, Freude
und Glck in den lieblichen Zgen, denn an ihrer Seite sa die Freundin
ihrer Jugend, unsere Agathe.

Was Fanny verheien, das fand die Ankommende besttigt. Offene Arme
empfingen die neue Hausgenossin, gute treffliche Menschen hieen
sie freudig in ihrer Mitte willkommen. Man kam ihr als der liebsten
Freundin der Schwiegertochter mit Vertrauen und Herzlichkeit entgegen
und dankte es ihr aufrichtig, da sie die Erziehung der jngsten Kinder
zu bernehmen versprochen hatte, und so begrte man in ihr nicht die
gefrchtete Erzieherin, sondern ein liebes, neues Glied der Familie.
Agathe war unsglich glcklich ber solche Aufnahme; denn oft hatte ihr
Herz gezittert, ob wohl die Erzieherin in dem vornehmen Hause auch gern
gesehen und nicht vielleicht als fremder Eindringling behandelt oder
gar als eine Art Dienstbote kalt und vornehm aufgenommen sein wrde.
Aber schon das Willkommen, das ihr von fern so freundlich entgegen
leuchtete, sagte ihr, da sie nichts zu frchten habe, und all die
guten, frohen Gesichter, welche sie umdrngten, sprachen gar wohlthuend
zu ihrem zagenden Herzen. Frau von Wedell, die Herrin des Hauses,
umarmte sie gleich beim Eintritt, und bald erschien auch der Gutsherr
selbst, Agathen in einfach herzlicher Weise willkommen zu heien.

Bald war die junge Erzieherin in dem Familienkreise heimisch, und
nun begann ein Leben voll Lust und freudiger Arbeit. Mit regem
Eifer machte sich Agathe an die Aufgabe, die ihr gestellt war, die
Erziehung der beiden Mdchen Marie und Hannchen. Aber auch der wilde
Max wurde von ihr mit Beschlag belegt, und den Flei ihrer Schler
belohnte die frhliche junge Lehrerin gern damit, da sie sich an
den Spielen betheiligte, welche sowohl Max als die kleinen Mdchen
in den Freistunden vornahmen. Ueberhaupt war Agathe jetzt so heiter
und frisch, da man das einst so traurige, blasse Mdchen gar nicht
wieder erkannte. Frau von Wedell gestand lachend, da sie freilich eine
ganz andere Vorstellung von einer Erzieherin gehabt habe, da sie sich
dieselbe nie anders als keifend und verbissen, und mit den wunderlichen
Attributen einer alter Jungfer versehen, habe denken knnen.

Agathe hatte in der ersten Zeit die Freude, ihre liebe Fanny, die fr
einige Wochen zum Besuch ihrer Schwiegereltern gekommen war, im Hause
zu sehen. Der Brutigam war ein frischer, liebenswrdiger junger Mann,
der im kommenden Jahre ein zweites Gut des Vaters bewirthschaften
sollte, und mit Ungeduld dieser Zeit entgegen sah, da er alsdann seine
Fanny als junge Frau daselbst einfhren wollte.

Aber das liebe, bekannte Gesicht, von dem du mir geschrieben, Fanny,
wo ist das? sagte Agathe bald nach ihrer Ankunft und sphte suchend
berall umher. -- Du hast doch nicht etwa meine alte Anne hierher
entfhrt, da du weit, sie schwrmt fr Entfhrungen? fuhr sie
scherzend fort, denn im Stillen hatte sie jetzt keinen greren Wunsch,
als dies treue Wesen wiederzusehen.

Nein, Agathe, die alte Soldatenfrau holen wir nchstens einmal auf
ein paar Wochen zu uns; Leipzig ist ja nur drei Stunden von Schnfelde
entfernt, sagte Fanny, welche sich diese Erlaubni schon von ihrer
Schwiegermutter erbeten hatte, da sie wute, welche Freude sie dadurch
Agathen bereitete.

Nein, mein Schtzchen, du mut besser rathen! fuhr sie neckend fort.
Giebt es denn gar kein liebes Gesicht mehr unter der Sonne, als das
alte, verwitterte Antlitz deiner Frau Corporalin? Besinne dich doch!

Aber Agathe besann sich nicht; sie wute ja gar nicht, wohin sie ihre
Gedanken wenden sollte. Sinnend blickte sie zum Fenster hinaus, das
von schnen alten Linden beschattet wurde. Da schrak sie pltzlich
zusammen, und ein Ausruf freudiger Ueberraschung kam ber ihre Lippen.

Fanny, ist das nicht unser Lehrer, Herr Lobner? rief sie, auf einen
Herren deutend, der eben in einiger Entfernung an dem Hause vorber
ging.

Nun ja, erkennst du ihn wirklich? lachte Fanny frhlich. Ich dachte
schon, du httest deine besten Freunde vergessen, du leichtsinniges
Kind!

Aber wie kommt der hierher, liebste Fanny? rief Agathe, freudig
erglhend.

Um deinetwillen nicht, mein Tchterchen, denn er hat von deinem
Hiersein keine Ahnung, neckte Fanny. Er ist wohlbestallter Prediger
im Pfarrdorf Schnfelde, und wird die Ehre haben, Seelsorger seiner
einstigen, liebsten Schlerin von nun an zu werden. Wie gefllt dir
das, Schtzchen?

Fanny, ist das wahr? Ist unser lieber, lieber Herr Lobner wirklich
hier Prediger? rief Agathe jetzt strahlend vor Freude und ergriff
Fanny's Hand.

Meinst du, er tauge nicht dazu? Nun dann geh morgen in die Kirche, und
berzeuge dich selbst. Es ist Sonntag; um 9 Uhr hlt er die Predigt,
sagte Fanny.

Aber das ist ja herrlich! jubelte Agathe, Fanny umarmend. Wie ist
das denn nur gekommen? Wer hat ihn denn hierher gezogen?

Nun Papa Wedell, dem er so gefiel, als er sich um die Stelle bewarb,
da er ihn auch ohne meine Frsprache in die leerstehende Pfarre
eingesetzt htte, rief Fanny. Aber wie gesagt, da er hier seine
kleine, blasse Freundin aus der Pension ebenfalls in Amt und Wrden
finden sollte, davon hat er bis jetzt keine Ahnung. Der Anblick dieser
Ueberraschung soll mein Lohn fr all die Mhe sein, die ich mir um euch
alle Beide gemacht habe.

Wessen Freude ber das Wiedersehen grer war, ob die Agathes oder die
ihres einstigen Lehrers, wre freilich schwer zu entscheiden gewesen.
Die schelmische Fanny, der Herr Lobner seine Stelle verdankte, hatte
demselben wirklich Agathes Ankunft verheimlicht, und kaum traute dieser
seinen Augen, als ihm das junge Mdchen an der Seite ihrer Freundin
entgegen kam.

Es war ein frohes Wiedersehen, und doch voll tief innerlicher Bewegung;
denn an Agathe's Seele zog all das vorber, was sie in der Zeit erlebt,
welche zwischen jenem Abschiede in dem Zimmer des theuren Lehrers und
dem jetzigen Augenblicke lag.

Gott hat seine Hand wunderbar ber Ihnen gehalten, liebe Agathe!
sagte der junge Geistliche freundlich, als das junge Mdchen ihm ihre
Schicksale mitgetheilt hatte. Ich htte nicht geglaubt, da mir so
bald die Freude werden wrde, Sie wieder zu sehen, und nun gar unter so
erfreulichen Verhltnissen. Irre ich nicht, so haben Sie wie ich, Ihren
jetzigen Wirkungskreis Ihrer gtigen Freundin zu danken, durch deren
Frsprache auch ich meine Stelle erhalten.

Fanny wies allen Dank von sich und behauptete, sie habe nur aus purem
Eigennutz sich fr ihre alten Freunde verwendet; denn da sie selbst nun
bald in der Nhe residiren werde, so wollte sie doch im Voraus schon
fr freundliche Nachbarschaft sorgen.

Jetzt begann eine so reiche, wundervolle Zeit fr Agathe, da diese
Gott nicht genug dafr danken konnte, der sie in dies Haus gefhrt
hatte. Ihr Wirkungskreis befriedigte sie tglich mehr und mehr; die
etwas verwilderten Zglinge gewannen unter Agathes milder und kluger
Leitung sichtlich an gutem Betragen wie an Kenntnissen, und alle
Bewohner des Hauses betrachteten die junge Erzieherin als liebes
Familienglied. Mehrere Abende der Woche verbrachte Herr Lobner in der
Familie des Gutsherrn, und diese Stunden waren fr Agathe unschtzbar.
Ihr einstiger Lehrer war ihr jetzt ein treuer Freund geworden, der ihr
als kluger und besonnener Rathgeber in allen den schwierigen Fragen zur
Seite stand, ber welche ein so junges, unerfahrenes Mdchen bei der
Erziehung verschiedenartiger Kinder zweifelhaft sein mute.

Bald kam denn nun auch die alte, treue Anne Sommer in das Herrenhaus,
und das war ein Fest nicht nur fr Agathe, sondern auch fr die ganze
brige Familie; denn jeder gewann die brave, wunderliche Alte lieb, und
ergtzte sich an der Soldatensprache, wie an den handfesten Manieren
derselben. Die Kinder besonders hingen wie die Kletten an ihrem rothen
Frierock und konnten nie mde werden, die prchtigen Geschichten
anzuhren, die sie ihnen erzhlte, und die stets von Krieg und
Soldatenwesen handelten.

An ihrem Goldkinde Agathe hing die Alte, wenn es mglich war, noch viel
zrtlicher, als frher, und die Freude ber deren blhendes Aussehen,
wie ber das Glck, das aus ihren schnen Zgen sprach, machte sie
ordentlich wieder jung. Htte das nur ihre arme Mutter noch erlebt,
sagte sie oft leise vor sich hin, dann wre sie ruhiger zum groen
Appell gegangen, zu dem sie der groe Kriegsherr im Himmel so zeitig
abgerufen, die liebe Seele! Aber ihr Segen ruht auf dem Kinde, das ist
sicher!

Die Alte kehrte nach einigen Wochen wieder nach Leipzig zurck, doch
blieb sie ein hufig wiederkehrender und immer gern gesehener Gast in
Schnfelde. Die Nachrichten, die sie Agathen aus dem Hause des Onkels
brachte, zeigten, da dort noch alles seinen ehemaligen, stillen
Fortgang hatte, bis auf eine groe, erschtternde Begebenheit -- Bello
war gestorben! -- Auf seinen rothseidnen Kissen lag er eines Morgens
kalt und todt, und keine heie Thrne seiner trostlosen Herrin konnte
den geliebten Freund wieder ins Leben zurck rufen. Ein kleines Grab,
von Blumen berdeckt, bezeichnete im Garten einer Freundin die Stelle,
an welcher die geliebte Hlle ruhte. Noch vermochte kein Nachfolger
seine Stelle zu ersetzen, und Agathe dachte mit Freuden daran, da die
alte, gute Cousine dadurch fr einige Zeit eine lstige Arbeit weniger
hatte.

In angenehmer Weise vergingen Agathen die langen Wintertage, und wieder
schaute endlich der frhliche Lenz zum Fenster herein und verkndigte
seine Ankunft durch weiche Luft und duftende Blumenglocken, welche
unter dem schmelzenden Schnee zum Vorschein kamen.

Aber mit der berall erwachenden Frhlichkeit zog abermals eine Flle
neuer Freuden in das Herz unserer Agathe. Werfen wir einen Blick zum
Fenster hinaus, und sehen wir die lange Kastanienallee hinab, in
welcher die Baumzweige schon groe, braune Knospen tragen, so zeigen
sich uns zwei Personen, die still und schweigend neben einander gehen.
Ihr Mund ist jetzt stumm, aber was er soeben gesprochen, das leuchtet
noch wunderbar in den Augen der Beiden, welche mit unaussprechlicher
Liebe auf einander blicken. Agathe ist soeben die Braut ihres Freundes
und Lehrers, des braven Pfarrers Lobner geworden. Was damals schon die
Seelen Beider verband, als Lobner von Agathe Abschied nahm und als
einziges Andenken das kleine Schreibebuch von der Schlerin erbat, das
war fort und fort lebendig in ihnen geblieben, und hatte nun, da sie
sich auf ihrem Lebenswege so bald wieder begegneten, feste, dauernde
Gestalt erhalten. Lngst schon ahnten Beide, da sie einander theuer
waren; jetzt wuten sie es, jetzt gehrten sie einander fr das Leben.

Also das wre mir geglckt! rief Fanny, voll Freude in die Hnde
schlagend, als sie die Verlobung ihrer beiden Freunde erfuhr. Ich
bitte mir die Ehre der Anerkennung aus; mir kommt das Verdienst zu,
euch Beide zusammen gebracht zu haben. Denn, meine liebe Agathe,
nimm mir's nicht bel, allen Respect vor deinen Talenten in der
Erziehungskunst, aber wahrlich, es war mir viel mehr darum zu thun,
dich wieder in die Nhe unseres lieben Freundes Lobner zu bringen, als
meinen kleinen Rangen von Schwgerinnen eine Erzieherin zu verschaffen.
Deshalb htte ich dich nicht so knall und fall aus der Schweiz
hercitirt. Aber Gelegenheit macht Diebe. Mit meiner Pfarrerwahl war
mir's so trefflich gelungen, nun fehlte nur noch eine nette, kleine
Pfarrfrau dazu. Und wen htte ich meinen neuen Herrn Pastor, sowie mir
selbst besser dazu whlen knnen, als die Verfasserin jenes kleinen,
ominsen Schreibebuchs, das in der Bibel unseres sehr ehrenwerthen
Herrn Pastor Lobner seinen Platz erhielt, als das Heiligste, was
besagter Herr im Besitz hat?

Der glckliche Pfarrer zog seine erglhende Braut an das Herz; der
schelmischen Fanny aber drohte er mit dem Finger und sagte lachend:
Warten Sie nur, Sie Schelm; das ist gewi die Rache dafr, da die
schne Tasse nicht mehr lebt, die eine leichtsinnige Schlerin mir
einst als Andenken schenkte. Aber nur Geduld, jetzt werde ich die
Scherben all' wieder zusammen suchen, und als ewige Erinnerung sollen
diese Reste unter dem Bilde der Freundin aufgestellt werden, welches
einst ber dem Nhtischchen der jungen Frau Pastorin Lobner hngen
wird.

                   *       *       *       *       *

Wieder blhten die Rosen und Lilien in den Grten, und die Linden
neigten ihre vollen Blthenbschel zur Erde herab, gerade wie an jenem
Tage, an dem einst Agathe verlassen und einsam in den Baumgngen
Leipzigs dahinschritt, bis sie von den Armen ihrer treuen Anne
umfangen wurde, und neue Freude und Hoffnung in ihr Herz einzog. Auch
heute schaute das alte Gesicht der Soldatenfrau in die glnzenden
Augen ihres Lieblings, und ihre rauhe Hand strich schmeichelnd ber
die zarte Wange des Mdchens. Aber Muth und Trost brauchte die alte,
treue Seele ihrem Goldkinde heute nicht zuzusprechen, denn das reinste
Glck spiegelte sich auf dem holden Gesicht derselben. Die blhende
Myrthe schmckte Agathes dunkle Locken, und Brautkleid und Schleier
verkndeten, da der schnste Tag ihres Lebens gekommen war.

Man feierte in Schnfelde heut eine Doppelhochzeit; Fanny sowohl als
Agathe sollten als junge Frauen in die neue Heimath einziehen, welche
die Liebe ihnen bereitete. Es war ein schnes Fest, das die Familie
feierte; denn trat Fanny jetzt als wirkliche Tochter in das Haus
ihrer neuen Eltern, so zhlte man auch Agathe durch die innigsten
Herzensbande zu den Kindern des Hauses und freute sich, sie als die
Frau des braven Predigers im Orte zu behalten.

Fanny hatte die Freude, von ihrer Mutter, welche ihre Tage in der
Nhe der einzigen Tochter zu beschlieen gedachte, an den Traualtar
begleitet zu werden; aber auch Agathe stand nicht einsam. Der Onkel
Niedrer war der Einladung Agathes gefolgt und fhrte die geliebte
Nichte ihrem Gatten zu, und zu Agathes unaussprechlicher Freude gehrte
auch Herr von Menzel zu den Hochzeitgsten, die Schnfelde beherbergte.
Die Tante Niedrer freilich konnte es nicht ber sich gewinnen, ihren
Gatten zu begleiten; aber einige schne Geschenke, welche sie Agathen
schickte, zeigten doch, da sie ihr vergeben hatte.

Das freundliche Pfarrhaus, in das wir unsere Agathe nun zum Schlu noch
begleiten, war durch die Gte aller ihrer Freunde hchst behaglich und
nett eingerichtet worden. Denn sowohl der Onkel Niedrer, als auch Herr
von Menzel und die Gutsherrschaft waren bemht gewesen, alle Schrnke
und Kasten der jungen Hausfrau zu fllen und ihr ein wohlausgestattetes
Huschen zu bergeben. Aber neben dem blhenden Gesichtchen der jungen
Frau Pastorin zog noch ein altes, verwittertes mit in das Haus, dem mit
Agathen zugleich eine schne, stille Heimath geworden war. Wer es ist,
brauche ich nicht erst zu sagen. Der neue, rothe Frierock glnzt nicht
herrlicher, als das glckliche Gesicht der Alten, die ihn trgt, und
obwohl das neue schwarze Kopftuch von untadelhaft starkem Seidenzeug
ist, so knnen die mchtigen Schleifen doch kaum ihre steife Wrde
bewahren, denn der Kopf, den sie zieren, schwankt und zittert heut in
nie erlebter Aufregung.

Dir danke ich ja alles, meine Anne, mein Glck und meine Heimath, und
nie mehr lasse ich dich von mir! sagte die junge Frau mit Thrnen im
Auge, als sie gemeinsam mit ihrem Gatten die alte Anne Sommer in das
trauliche Hinterstbchen einfhrte, das sie ihr behaglich eingerichtet
hatten. Wrst du nicht gekommen, mir die Wege zu bahnen, wer wei, wie
es jetzt mit mir stnde!

Du sest als Directrice auf dem hohen Stuhle und nhetest
Zughte, da sich die Knigin selbst nicht zu schmen brauchte, sie
aufzusetzen, neckte der Pfarrer frhlich. Und in den Freistunden
exercirtest du junge Bello's als Rekruten ein! lachte die Alte, da es
drhnte.

Ach um alles, schweigt mir nur davon! seufzte Agathe in komischer
Angst. Zwei Dinge in der Welt sind es, die nie in unser Haus kommen
sollen, das sind Schoohunde und Zughte.

Halt, dergleichen Bedingungen darf man nie im Leben stellen, wie es im
Sprchlein heit:


    Du sollst dich nie mit Schwur vermessen,
    Von dieser Speise will ich nicht essen!


rief der Geistliche schelmisch. Wer wei denn, was in dem Kasten
steckt, den ich soeben fr dich aus Leipzig erhalten habe! Dabei
holte er eine kleine Kiste herbei, deren schon losen Deckel er schnell
ffnete und sie dann Agathen berreichte.

Die junge Frau blickte verwundert hinein und zog ein Tuch fort, das den
Inhalt noch verhllte. Und was lag nun vor ihr? Ein wunderniedliches,
weiseidenes Zughtchen, in dessen Hhlung sich ein zierlicher
Schoohund verkroch, zwar nur aus Wachs, und in verkleinertem
Maastabe, aber dem theuren Bello so hnlich, wie das Kind der Mutter.
Ein Brief begleitete die Sendung; er war von der guten, alten Cousine
und enthielt nebst tausend herzlichen Glckwnschen von ihr und allen
Bewohnern der Arbeitsstube die Bitte, beifolgenden Scherz freundlich
aufzunehmen. Das Hundchen war ein Abbild dessen, den sich Madame
Niedrer zu Erinnerung an ihren theuren Bello verfertigen lie, und
dessen Doppelgnger sich die Cousine fr Agathen verschafft hatte. An
dem Hute aber hatten alle Mitglieder der Arbeitsstube einige jener
furchtbaren, kleinen Sume genht, welche einst den Schrecken und
die Verzweiflung Agathes ausmachten. Frulein Schneider garnirte das
Kunstwerk schlielich mit zierlichen Maiblumen, und dieses Htchen war
in der ganzen langjhrigen Praxis der wrdigen Directrice das Erste und
Einzige gewesen, das ohne vorherige Prfung ihrer Principalin in die
Welt hinaus wanderte.

Also nun birgt unsere Pfarre dennoch gerade jene beiden verpnten
Gegenstnde, Schoohund und Zughut! O du arme Agathe! rief der Pfarrer
lustig und hielt die beiden Geschenke hoch empor. Agathe aber hatte
Thrnen im Auge, whrend ihr Mund lchelte, und innig bewegt sagte sie:
Ja, es ist recht so! Gerade diese beiden Dinge sollen mir immer vor
Augen stehen; denn sie werden mir eine stete Mahnung daran sein, wie
gtig Gott die arme Waise aus Trbsal zu Glck und Frieden fhrte.




                              Neue Wege.




Auf dem weichen Teppich eines kleinen, behaglichen Zimmers schritt ein
schlanker Mann in mittleren Jahren unruhig auf und nieder und whlte
mit seiner Hand oft ungeduldig in dem vollen, dunkelblonden Haar, das
sein angenehmes Gesicht beschattete. Zuweilen blieb er stehen und
schaute aufmerksam nach der hbschen Frau, welche sich leicht in die
Kissen des Sophas zurcklehnte und mit einer Handarbeit beschftigt
war. Whrend das Gesicht des Mannes sich immer lebhafter rthete und
Spuren des Verdrusses zeigte, ruhte auf den Zgen der noch ziemlich
jung aussehenden Frau eine milde Freundlichkeit, und ihr Auge blickte
ab und zu mit einem ungemein sanften Ausdrucke von der Arbeit auf.

Du bist zu gut und nachsichtig gegen sie, Gertrud, und dadurch
erreichst du einmal nichts bei dem verwhnten Mdchen, sagte
Geheimerath Seebald, jener blonde Mann, endlich unwillig und blieb vor
seiner Frau stehen, welche soeben eine lngere Mittheilung gemacht zu
haben schien und ihren Gatten nun fragend anblickte.

Aber, lieber Gustav, bedenke, wie frei und unabhngig Frida in diesen
letzten Jahren gewesen ist, entgegnete die Frau sanft. Es ist
fr jedes junge Mdchen eine schwere Sache, sich einer Stiefmutter
unterzuordnen; fr Frida aber ist es doppelt schwer, da du sie so
vllig ungehindert schalten und walten lieest. Nun soll das arme Kind
mit einemmale ein Muster von Ordnung und Vortrefflichkeit sein; aber
du vergit, da gerade in dem so wichtigen Uebergange vom Kinde zur
Jungfrau ihr niemand zur Seite stand, der sie leitete und sie eines
Bessern belehrte, sobald sie Fehler beging.

Niemand? rief der Geheimerath lebhaft. Habe ich ihr nicht eine
Gouvernante gehalten und Dienstleute und alles was sie sonst brauchte?

Ja, lieber Gustav, nur eben allzuviel! entgegnete Frau Gertrud still
lchelnd. Die Gouvernante war vielleicht keine ganz glckliche Wahl;
ihre Erziehungsresultate wenigstens sprechen fr wenig Geschick und
Klugheit. Ich bitte dich heut nur, habe Geduld mit Frida; es wird schon
besser werden. Ich verberge mir nicht, da ich keinen leichten Stand
ihr gegenber habe, da sie mich als unwillkommenen Eindringling eher
hassen als lieben mag. Aber ich vertraue auf ihren Verstand und ihr
gutes Herz und auf meine geduldige Liebe zu dem Kinde.

Ich tadle an Frida weniger ihre schlechten Eigenschaften, als vielmehr
ihr Benehmen gegen dich, liebe Gertrud, sagte der Geheimerath
verstimmt. Ist es nicht emprend, da meine lteste Tochter dir mit
Mitrauen und Klte entgegentritt, wo sie doch vielmehr froh sein
sollte, eine liebevolle Mutter und Freundin in dir zur Seite zu haben,
die ihr alle die Lasten abnimmt, welchen ein so junges Mdchen ja noch
gar nicht gewachsen ist. Und da Frida auch dafr kein Verstndni hat,
was du fr mich bist, der ich lange Jahre hindurch einsam und freudlos
dagestanden habe, und vor allem, welche treue Mutter ich in dir fr
ihre kleinen Geschwister gewonnen, die so unsglich einer andern Pflege
und Liebe bedurften, als sie ihnen Wrterinnen geben konnten, -- siehst
du, Gertrud, alles das ist's, was mich so sehr gegen Frida aufbringt.
Sollte ich sie etwa erst um Erlaubni fragen, ehe ich einen neuen
Ehebund schlo? Wahrlich, das verwhnte Kind scheint es beansprucht zu
haben.

Eben =weil= sie ein verwhntes Kind ist, Gustav! sagte Gertrud sanft.
Vielleicht wre es in der That besser gewesen, du httest vorher mit
ihr gesprochen und ihr deine Lage und die der Kinder vorgestellt. Du
httest ihr damit ein Vertrauen bewiesen, das ihr schmeichelte, httest
an ihr Herz und ihren Verstand appellirt und uns Allen die Situation
dadurch erleichtert. Indem du ihr mit der fertigen Thatsache gegenber
tratest, reiztest du ihren Trotz und ihre Opposition ganz unnthig;
denn jetzt hat sie absolut keinen Antheil an dem, was du fr gut und
nthig fandest und kommt mir mit Abneigung und Mitrauen entgegen. Da
ich unter diesen Umstnden fr's Erste sehr vorsichtig sein mu und sie
vor allem wegen ihrer Fehler jetzt noch nicht tadeln mag, ist wohl ganz
natrlich. Aber wenn Frida erst einsehen wird, da ich nur ihr Bestes
will und da sie nur Erleichterung und Annehmlichkeiten durch meinen
Eintritt in die Familie hat, dann wird sich das alles bald ndern.

Gebe es Gott; es lastet wie ein Alp auf mir und lt mich des Glckes
gar nicht froh werden, das du mir in das Haus gebracht hast, meine
geliebte Gertrud! sagte der Geheimerath seufzend, indem er den Arm um
seine Gattin legte, die jetzt an seiner Seite stand. Aber das sage
ich dir: wenn Frida sich noch ein einzig Mal so beleidigend und so
ber alles Maa hochfahrend gegen dich betrgt, wie es heut Vormittag
der Fall gewesen, dann mu ich auf eine Aenderung denken. Dergleichen
Unbilden sollst du nicht durch das thrichte Mdchen ausgesetzt sein;
das darf ich nicht leiden.

La doch nur jetzt gut sein, liebster Gustav, entgegnete Gertrud
tief errthend. Mich krnken solche Ausbrche von Frida's Laune nicht
nachhaltig. Wenn ich mich in ihre Stelle versetze, wre ich gegen meine
unwillkommene Stiefmutter vielleicht auch nicht sehr liebenswrdig.

Nein, nein, Gertrud, es liegt tiefer; es ist nicht blos
augenblickliche, ble Laune, glaube es mir, sagte der Geheimerath
dster. Es wre fr Frida vielleicht auf alle Flle gut, sie kme eine
zeitlang aus dem Hause, in andre, einfachere Verhltnisse. Es sprechen
auch noch einige andre Grnde fr einen solchen Wechsel, welcher sie
dem Einflu einiger unklugen Freundinnen, sowie allerlei Thorheiten
entzge, die sie sich, wie ich sehr stark vermuthe, in den Kopf gesetzt
hat.

Aber nur jetzt nicht, nicht gleich nach meinem Eintritt in deine
Familie, bat Gertrud dringend. Welche Grnde dich auch fr einen
solchen Wunsch bestimmen mgen, warte noch damit, ich bitte dich.
Bedenke doch, welches Licht es auf deine Frau werfen wrde, die die
lteste Tochter aus dem Hause treibt, sobald sie nur den Fu in
dasselbe setzte.

Wenn es nthig wre, wrde niemand meine sanfte, engelsgute Frau
beschuldigen, sondern nur meine stolze, trotzige Tochter, das glaube
mir, Gertrud, erwiederte der Geheimerath milde und kte die schmale,
weie Stirn seiner Gattin. Aber du magst Recht haben. Besser,
wir schieben die Sache noch etwas hinaus, vorausgesetzt aber, wie
gesagt, da Frida solche Auftritte vermeidet, wie ich heute Morgen
im Nebenzimmer mit anhrte. Dergleichen =darf= in meinem Hause nicht
vorkommen; das leide ich nicht.

Nach diesem Gesprche trennten sich die beiden Gatten; der Geheimerath
ging an seine Geschfte, Gertrud in das Zimmer ihrer beiden kleinen
Stiefkinder, einem Knaben von sechs und einem Mdchen von vier Jahren.
Es waren blasse, krnklich aussehende Kinder, welche die Stiefmutter
mit ziemlich gleichgltiger Miene anblickten, als dies zu ihnen
herantrat.

Zeigst du Kthchen Bilder, lieber Franz? sagte Gertrud freundlich und
strich dem Knaben ber das glatte, dunkle Haar.

Ja, Mama, die Bilder sind aber so langweilig; ich kenne sie schon
alle so sehr, klagte Franz, mit seinen schwimmenden, dunklen Augen zu
Gertrud aufschauend.

So kommt mit in mein Zimmer, Kinder; ich will euch heute einmal
wieder die hbschen Kupferstiche zeigen, die euch neulich so gut
gefielen, sagte die Mutter freundlich. Ein leises Roth der Freude zog
ber des Knaben blasse Wange, und rasch sprang er vom Stuhle auf, der
voranschreitenden Gertrud zu folgen. Die kleine Katharine trippelte
eilig hinterdrein, und bald neigten sich die beiden Kindergesichter
ber einen Band schner, groer Kupferstiche, welchen die Mutter ihnen
auf den Tisch gelegt.

Erklre Kthchen die Bilder, wenn sie nicht alles versteht; du bist
ja schon ein verstndiger Junge, sagte Gertrud lchelnd zu Franz,
der ernsthaft mit dem Kopfe nickte und ganz stolz sein Amt eines
Informators antrat, indem er sich Geschichten zu den bildlichen
Darstellungen erfand, denen Kthchen mit gespannter Aufmerksamkeit
lauschte. Gertrud setzte sich inde still an ihre Arbeit und lie ihren
Gedanken freien Lauf, bis nach einer Weile die Thr des Nebenzimmers
heftig aufgerissen wurde, und ein junges Mdchen rasch eintrat.

Franz, du unartiger Junge, du hast mir gewi wieder mein Buch
fortgenommen, rief sie rgerlich und kam zu den Kindern. Bilder
beseh'n, und immer und ewig Bilder beseh'n, weiter treibst du den
ganzen Tag nichts. Meine Bcher =sollst= du aber nicht nehmen; das
weit du doch?

Franz war feuerroth geworden und antwortete nichts; Gertrud aber sagte
milde: Welches Buch fehlt dir denn, Frida?

Das junge Mdchen wandte den Kopf nur halb nach der Fragenden um und
sagte kurz: Ein Dumas'scher Roman, in dem Franz einige Bilder gesehen
hat, die ich hineingelegt.

Das Buch liegt in deines Vaters Zimmer, liebe Frida, entgegnete
Gertrud. Er hielt die Lectre fr nicht ganz passend fr ein so junges
Mdchen und nahm das Buch an sich. Ich will dir bessere Bcher geben,
liebes Kind, als diese leichtfertigen, franzsischen Romane. Hast du z.
B. die Bcher von Jeremias Gotthelf schon gelesen?

Frida blickte ihrer Stiefmutter jetzt voll in das Gesicht. Es war
ein feines, schnes Kpfchen, das auf den jungen, siebzehnjhrigen
Schultern sa, der edlen Bildung ihres Vaters sehr hnlich und von
vollem, blonden Haar umwogt. Aber die maalos moderne Frisur verdarb
das prachtvolle Haar ebensosehr, wie der stolze Ausdruck des Gesichtes
der Schnheit dieser Zge schadete. Bei Gertruds Worten warf sie den
Kopf hochmthig zurck und sagte scharf: Wer hat denn in meinem Zimmer
herumspionirt und Papa meine Bcher zugetragen?

Nicht in deiner Stube lag das Buch, Frida, entgegnete Gertrud ruhig,
sondern im Ezimmer trieb es sich herum. Dein Vater sah es dort liegen
und bltterte darin.

Papa hat sich doch sonst nicht um meine Lectre bekmmert, warum denn
jetzt auf einmal? sagte Frida spitz. Von selbst ist er sicher nicht
darauf verfallen, und ich mchte doch sehr bitten, mich auch ferner mit
dergleichen in Ruhe zu lassen. Solche Hetzereien sind grlich.

Du bist noch zu jung, liebe Frida, um jedes Buch lesen zu knnen,
das dir in die Hand kommt, erwiederte die Mutter immer noch ruhig,
obwohl ihr zartes Gesicht bei Frida's bsen Worten abwechselnd bleich
und roth wurde. Bse gemeint ist dabei nichts, im Gegentheil bin
ich gern bereit, dir viel bessere Lectre zu geben, als du in deiner
natrlichen Unkenntni dir aussuchst. Du weit, ich habe eine sehr
reiche Bibliothek sie steht dir gern zu Diensten.

Ich danke, ich bin in der Leihbibliothek abonnirt, sagte Frida kurz
und ging hinaus, die Thr sehr unsanft in das Schlo werfend. Gertrud
strich sich mit der Hand langsam ber das Gesicht und seufzte. Dann
aber blickte sie heiter nach den beiden Kindern, welche frhlich ber
ein spashaftes Bild lachten, das sie soeben aufgeschlagen, und Franz
brachte das Buch zu der Mutter, damit diese ihnen die Geschichte
erzhlte, die herrlich sein mute. Gertrud erfllte bereitwillig die
Bitte und verga in dieser Weise einigermaen den hlichen Auftritt,
den Frida veranlat hatte. Sie frchtete aber freilich trotz aller
Sanftmuth und trotz der unablssigen Mhe, die sie sich gab, Frida fr
sich zu gewinnen, da ihr dies nicht gelingen werde, und einige Tage
spter brach denn auch wirklich die Katastrophe herein, welche Gertrud
trotz aller Liebe und Milde nicht abwenden konnte.

Gertrud hatte sich zum Ausgehen fertig gemacht und sagte, in das
Zimmer tretend, zu Frida, welche am Clavier sa: Aber willst du dich
nicht anziehen, mein Kind? Ich sagte dir ja, wir wollten bei Prsident
Wehrmann und Regierungsrath Keller Besuche machen. Dein Vater wird
gleich eintreten, uns abzuholen; beeile dich etwas.

Frida wandte in ihrer beliebten Weise den Kopf nur halb herum und
spielte weiter. Die Mutter wartete einige Augenblicke, dann forderte
sie das junge Mdchen von Neuem auf, nur mhsam ihre Ungeduld
verbergend; denn sie wute, wie ungern ihr Gatte wartete, wenn er
ausgehen wollte. Frida aber spielte noch immer und sagte nur leichthin:
Ich gehe nicht mit!

Du gehst nicht mit, Frida? Warum nicht? rief Gertrud erstaunt.

Weil ich keine Lust habe, entgegnete Frida schnippisch. Ich kann das
Volk nicht ausstehen.

Wen meinst du eigentlich, liebes Kind? sagte Gertrud betreten, und
ihre Stirn rthete sich vor Unwillen.

Wen ich meine? rief Frida nachlssig; nun deine Prsident Wehrmanns
und Kellers und wie sie alle heien. Eine langweiligere Gesellschaft
kenne ich nicht. Ich habe meinen eigenen Bekanntenkreis; jene Leute
besuche ich nicht.

Du wirst dich doch wohl dazu entschlieen mssen, liebe Frida, sagte
Gertrud ruhig, denn jene Familien gehren zu dem Kreis der Freunde
deines Vaters, und da schickt es sich nicht anders, als da die Tochter
des Hauses mit uns Besuche bei ihnen macht.

Das sind wieder einmal solche herrlichen Neuerungen, wie sie jetzt
massenhaft ins Haus kommen! rief Frida trotzig. Es ist doch
mindestens sonderbar, da mir jetzt fortwhrend geboten wird, das thu,
und das la, wo ich doch bisher ganz gut selbst wute, was ich zu thun
und zu lassen hatte.

Dein =Vater= will es so, mein Kind, sagte Gertrud kurz.

Papa will es nur, weil =du es= willst; sonst fiele es ihm gar nicht
ein, mir Dinge zuzumuthen, die mir unertrglich sind! fuhr Frida
leidenschaftlich auf. Aber ich werde deshalb doch thun, was mir
beliebt, wie ich es bisher gethan habe; ich bin alt genug und bedarf
keiner Gouvernante mehr. Und wenn Papa kommt, will ich es ihm selbst
sagen; warum hat er mir Situationen octroyirt, die mich empren
mssen! Dabei warf sie ein Notenheft so strmisch auf den Flgel,
da die losen Bltter weit im Zimmer umherflogen, und stie den
Clavierschemel mit dem Fue zur Seite, da er umstrzte.

Augenblicklich schweigst du, und mge deine Mutter die bsen
Reden vergessen, die du fhrtest! rief jetzt aber die Stimme des
Geheimeraths, welcher rasch in das Zimmer eintrat. Ich habe alles mit
angehrt, was du gesagt hast, du unartiges Mdchen; aber jetzt hat das
Spiel ein Ende. In dieser Weise dulde ich es nicht lnger, da meine
Tochter ihrer Mutter gegenbertritt. Geh' jetzt auf dein Zimmer und
erwarte dort das Weitere.

Frida warf den Kopf trotzig zurck und ging hinaus. Gertrud aber
verbarg schluchzend ihr Gesicht in dem Tuche.

Grme dich nicht, liebe Gertrud, sagte ihr Gatte weich. Ich fhle
deutlich, ich habe einen groen Fehler begangen, da ich Frida so
vllig zgellos aufwachsen lie. Gebe Gott, da es noch nicht zu spt
ist, sie zu ndern. Ich kenne sie in der That kaum wieder. Eigentlich
ist sie ein gutes, frhliches Geschpf; aber jetzt ist sie wie
ausgetauscht, und mir scheint, es wird immer schlimmer statt besser.
Was ich dir neulich schon sagte, das wiederhole ich: das Beste ist, sie
kommt eine Weile aus dem Hause. Wir entziehen sie dadurch auch zugleich
dem Einflu einer ihrer nchsten Freundinnen, die in hohem Grade
ungnstig auf ihr weiches Gemth einwirkt, wie ich frchte. Ich kann
ihr den Umgang mit dieser Familie nicht untersagen; auch wrde ich die
Sache dadurch nicht bessern, sondern nur Heimlichkeiten hervorrufen.

Du erwhntest neulich schon etwas der Art, sagte Gertrud; welche
Freundin meinst du?

Franziska von Froreich, ein eitles, leichtsinniges, aber kluges und
angenehmes Mdchen, entgegnete der Geheimerath. Sie hat den Kopf voll
Phantastereien und Thorheiten, und leider steckt sie meine empfngliche
Frida sehr damit an. Durch unsere wrdige Geheimerthin Gerold, eine
mtterliche Freundin meines Hauses, habe ich einige Dinge erfahren,
die mich in der That beunruhigen. Im Hause dieser Froreich's hat
Frida einen jungen Mann kennen gelernt, der ganz das Zeug dazu hat,
einen phantastischen siebzehnjhrigen Mdchenkopf zu verdrehen; denn
er ist schn, elegant, witzig und angenehm, gerade wie es ein Held
der Romane sein mu, die sie lesen. Dieser junge Herr scheint alle
Knste zu verstehen, die Herzen unerfahrener Mdchen zu gewinnen. Mit
dieser singt und musicirt er, mit jener schwrmt er fr Literatur und
bringt ihr Gedichte, dann wieder treibt er Blumensprache oder sonstige
Fadaisen mit ihnen, tanzt vortrefflich, zeichnet etwas, kurz, es giebt
eben nichts, was er nicht verstnde und wte. Aeltere Frauen schtteln
die Kpfe, den Mnnern ist er gleichgltig oder im Wege. Niemand aber
wei recht, wer er ist und was er eigentlich treibt. Meiner hbschen
Frida aber hat er das Kpfchen augenscheinlich grndlich mit seinen
Sigkeiten verdreht, und wenn ich etwas sorglicher die Augen offen
gehalten htte, als ich leider gethan, so wrde ich wohl selbst gesehen
haben, worauf mich liebe Freunde jetzt aufmerksam machen. Ich denke
jedoch, Frida ist noch ein solches Kind, da ihr die Sache aus dem
Kopfe kommt, lebt sie einige Monate in anderen Kreisen, und besonders
auch fern von Franziska, die sich darin scheint gefallen zu haben, als
Beschtzerin dieser keimenden Liebe eine interessante Rolle zu spielen.

Hast du gegen Frida etwas ber diese Sache erwhnt? sagte Gertrud
nachdenkend.

Thrichter Weise allerdings! entgegnete der Geheimerath
achselzuckend. Ich glaubte, ihr klar machen zu knnen, da an einem
jungen Manne elegantes und einschmeichelndes Wesen etwas Gefhrliches
sei, und da es verdienstvollere Eigenschaften gbe und wrdigere,
um die Achtung und Liebe eines Mdchens zu gewinnen. Aber das war
nur Oel in's Feuer. Sie vertheidigte ihren jungen Verehrer mit
flammenden Augen, und ich bin sicher, htte ich ihr den Verkehr mit
demselben jetzt untersagt, die Sache wre bei Frida's Heftigkeit wohl
zu einer bsen Wendung gekommen. Ich zog es daher vor, sie mit ihrer
jugendlichen Schwrmerei zu necken und das Ganze scherzhaft und leicht
zu nehmen. Aber ich kann dir sagen, liebe Gertrud, ich bin froh, dich
jetzt zur Seite zu haben, damit du ber das Kind mit treuen Mutteraugen
wachest und mit vorsichtiger Frauenhand den Knoten lsest, der sich da
etwa zu schlingen droht. An dem jungen Galan ist nichts, davon bin ich
berzeugt, seit ich ihn etwas nher beobachtet; aber mein Mnnerkopf
versteht es nicht, da das Rechte zu ergreifen.

Gertrud sah ernst sinnend vor sich nieder. Du kannst auf meine Hlfe
rechnen, Gustav, sagte sie sanft. Aber die Aufgabe ist keine leichte.
Wie ich Frida beurtheile, wird sie sich schwer von einer ernsten
Neigung zurckbringen lassen, und Widerstand ihr die Sache vielleicht
noch anziehender machen. Sie glaubt dann wohl eine jener Romanheldinnen
zu sein, die fr ihre Liebe schwere Opfer zu bringen haben, wie sie
in den Bchern gelesen. Lassen wir fr jetzt die ganze Angelegenheit
unberhrt, vielleicht wirkt Zeit und Entfernung gnstig auf ihr Gemth.
Wenn du sie unter recht einfache, frische und brave Menschen bringen
knntest, so wre dies wohl das beste Mittel, das Kind zu ndern und zu
bessern; aber wo finden wir solche?

Ich denke, ich habe sie schon gefunden, entgegnete der Geheimerath
heiter. Die Sache liegt mir lnger schon im Sinn; denn seit jener
Mittheilung unserer lieben, alten Freundin, Frida's keimende
Neigung betreffend, war ich entschlossen, das Kind fr eine Weile
anderen Hnden anzuvertrauen und sie aus den hiesigen Verhltnissen
fortzuschicken. Seitdem aber kam durch dich, meine Gertrud, neues
Glck ber mich, und ich hoffte, auch ber Frida, und so gab ich den
Gedanken jener Trennung auf. Nun aber ist dieselbe nthiger als je,
nthig fr alle Theile, und so zgere ich nicht lnger. Ich werde Frida
meiner Schwgerin anvertrauen, der Schwester ihrer Mutter. Das ist
eine einfache, gute und tchtige Frau, und ihre Tchter liebe, nette
Mdchen. Bei ihnen ist unser Kind wohlaufgehoben. Mein Schwager, ein
braver, trefflicher Mann, hat eine Pachtung in Mecklenburg bernommen,
und das Landleben wird Frida mit vielem ausshnen, was ihr in den sehr
einfachen Verhltnissen sicher nicht gefallen wird. Ich habe bereits
frher schon einmal angefragt, ob meine Schwgerin mir das Opfer
bringen will, Frida fr einige Zeit in ihr Haus zu nehmen, und sie ist
gern dazu bereit. Du bist wohl so freundlich, liebe Gertrud, in Frida's
Sachen nachzusehen, was sie etwa bedarf. Staat wird sie berflssig
genug haben, fr alles andere aber bernimm, bitte, die Sorge.

Whrend Frida's Eltern noch Weiteres mit einander besprachen, lag das
junge Mdchen in ihrem Zimmer auf dem Sopha, das Gesicht in die Kissen
gedrckt, und ihre Brust athmete heftig. Aber Thrnen flossen trotz
aller Leidenschaft nicht aus den heien Augen. Mit ihren kleinen,
weien Zhnen bi sie fest in das feine Taschentuch, das sie vor die
Lippen drckte, und ri so heftig daran herum, da es in Stcken flog.
Da ballte sie die Fetzen grimmig in der kleinen Hand zusammen und
schleuderte den Knul in die Ecke; ihre hbschen Fe aber stampften
nun so energisch den Boden, da die hchst eleganten Stiefelchen,
welche sie umschlossen, in allen Nhten krachten.

Unertrglich! Unertrglich! rief sie ungestm und schlug die Hnde
vor das Gesicht. Mich so zu behandeln, mir das zu bieten, und in ihrer
Gegenwart! O, ich mchte ersticken vor Aerger. Und was nun seine Worte
heien sollten? >Erwarte dort das Weitere!< Was soll ich erwarten? Will
man mich etwa einschlieen, mich gefangen halten bei Wasser und Brod,
bis ich kirre werde und der Frau Mutter zu Fen liege? O da knnen sie
lange warten; aber es ist abscheulich, ganz abscheulich vom Papa. Bis
jetzt war er immer so gut und that alles, was ich wollte; nun ist er
wie verwandelt. Und an allem ist =sie= allein schuld, ich wei es wohl,
sie mag sich verstellen wie sie will. Aber ich dulde es nicht, nein,
absolut nicht!

In dieser Weise trieb es das heftige Mdchen noch eine lange Weile,
ohne dabei ruhiger zu werden. Da ffnete sich die Thr und ihr Vater
trat herein.

Frida, sagte er ruhig und ernst, ich denke, es wird fr alle
Theile besser sein, wir versuchen es, eine Aenderung dadurch im Hause
eintreten zu lassen, da du deine Tante Marie, die dich lange schon
so freundlich eingeladen hat, fr einige Zeit besuchst. Ich habe dich
zu sehr verzogen, ich sehe es jetzt wohl ein; der Schaden jedoch lt
sich nicht so schnell gutmachen. Aber deine treffliche Mutter soll
nicht durch dich leiden. Ich hoffe, bei Tante Marie wirst du etwas
vernnftiger werden und als ein verstndigeres Mdchen heimkehren.
Suche deine Sachen zusammen, bermorgen bringe ich dich nach Dahme.

Also eine Verbannung! sagte Frida kalt. Gut, ich gehe und mache
Platz; es mag das Beste sein, du hast Recht, Papa. Zwei Willen das geht
nicht. Schade nur, da du das jetzt erst merkst, und ich darunter so
bitter leiden mu. Aber es mag drum sein; ich danke dir, da du mich
fortschickst.

Es war kein guter Geist, der aus Frida in diesem Augenblicke sprach.
Ihr Vater stand ihr traurig und rathlos gegenber und wute nicht, wie
er den Weg zu ihrem Herzen finden sollte. Da fiel sein Blick auf ein
Bild, das ber Frida's Nhtischchen hing. Leise ergriff er die Hand
seiner Tochter und fhrte sie zu diesem Bilde. Es war das ihrer Mutter.

Frida, sagte der Vater weich, was wrde sie dazu sagen, wenn sie
hrte, wie ihr Kind mit ihrem Vater spricht!

Das junge Mdchen zuckte leise zusammen und erblate. Einen Augenblick
stand sie mit gesenkten Lidern vor dem Bilde, dann rief sie: Papa!
und laut schluchzend sank sie an ihres Vaters Brust. Still hielt dieser
sein Kind in den Armen, sprechen konnte er nicht, und auch Frida
weinte nur heftig ohne zu sprechen. Endlich aber stammelte sie erregt:
Verzeih mir, Papa! O ich bin zu, zu unglcklich! Und wieder weinte
sie leidenschaftlich.

Ich verstehe dich nicht, Kind, sagte der Vater sanft und streichelte
ihre Wange, du bist mir vllig rthselhaft; denn wenn du nur wolltest,
so wrde dir aus deiner jetzigen Situation unendlich viel Glck und
Freude erwachsen; aber erzwingen kann ich es freilich nicht. Machen
wir deshalb den Versuch einer Trennung in aller Liebe, Frida, hrst
du wohl? ohne von Verbannung oder dergleichen Thorheiten zu sprechen.
Ein Landaufenthalt wird dir in allen Fllen gut thun; der letzte
Winter hat dich etwas bla und nervs gemacht. Tante Marie hat dich
lieb und freut sich lange schon auf dein Kommen, und ihre Tchter
werden dir ein angenehmer Umgang sein. Scheiden wir in aller Liebe und
Herzlichkeit fr eine Weile von einander, und wenn du dann wieder zu
uns zurckkommst, wirst du alles mit anderen Augen ansehen, de bin ich
sicher.

Frida schttelte zwar leise und unglubig den Kopf; aber der gute
Geist, den ihr Vater heraufbeschworen, breitete seine Hnde ber sie.

Wie du willst, Papa. Ich glaube, du hast Recht, und es ist gut fr
alle Theile, sagte sie weich und ergeben. Ich werde meine Sachen
zusammen suchen, dann knnen wir fort, je eher je lieber.

Der Geheimerath kte sein Kind liebevoll und sagte leise: So ist's
recht, Frida, mache deinem armen Vater das Herz nicht gar zu traurig.
Ich danke dir, und =sie= wird dich dafr segnen. Dabei blickte der
weiche Mann noch einmal feuchten Auges nach dem Bilde seiner ersten,
unsglich geliebten und betrauerten Gattin, dann verlie er still das
Zimmer.

Frida setzte sich wie gebrochen diesem lieben Bilde gegenber, und
leise rannen noch einige Thrnen ber ihre Wangen. Aber es waren
gute Gedanken, welche jetzt durch ihre Seele zogen. Sie gedachte
jener traurigen Zeit, als diese treue Mutter von den Ihren schied,
nachdem sie noch dem kleinen Kthchen das Leben geschenkt hatte, und
welche Zerstrung dieser Tod in die Familie brachte. Ihr Vater war
wie vernichtet von Kummer und Leid; das schwache, neugeborne Kindchen
lag kraftlos und still in seiner Wiege, und das matte Lebenslicht
schien verlschen zu wollen. Sich selbst berlassen, trieben sich
die andern Kinder im Hause umher, Frida selbst erst 12 Jahre alt und
unfhig, die jngeren Geschwister zu zgeln. Wohl kamen dann Fremde
in das Haus, sich der Kinder und des Hauswesens anzunehmen; aber es
war ein zerfahrener Geist in dem Ganzen, und der Hausherr besa nicht
Kraft und Umsicht genug, es zu ndern. Summen wurden verschwendet,
die Leute gewechselt, bald Strenge, bald Gte versucht, die Dinge
anders zu gestalten, es war vergebens. Dann erkrankten die Kinder am
Scharlachfieber, zwei von ihnen, welche vielleicht bei sorgsamerer
Pflege gerettet werden konnten, erlagen der Krankheit, und die beiden
Jngsten blieben krnklich und bla, nachdem sie genesen waren. Endlich
bernahm Frida die Oberleitung des Hauswesens, sie war ja sechzehn
Jahr alt und also ein erwachsenes Mdchen. Aber statt besser, wurde es
nur schlimmer. Frida fhlte das wohl, wute es aber nicht zu ndern.
Sie war sich selbst nicht klar, da ohne Anleitung und ernsten Sinn,
nur voll Interesse fr ihr Vergngen, ihren Putz und ihre Freundinnen,
sie einer solchen Aufgabe nicht gewachsen war. Frei und ohne jegliche
Schranke lie der Vater sie schalten und walten, that alles, was Frida
wollte, gab ihr Geld ber Geld und bewilligte alle Vorschlge, nur um
Ruhe und Frieden im Hause zu haben. Und doch erreichte er damit wenig,
Frida aber brachte er groen Schaden. Ein dunkles Gefhl sagte dies dem
jungen Mdchen gar wohl; aber doch war es gar zu schn, so unbeschrnkt
leben und befehlen zu knnen, sie wnschte es nicht anders.

Welch ein Donnerschlag war da fr sie die Nachricht, ihr Vater
werde wieder heirathen! Tiefe Entrstung ergriff Frida ber solches
Unterfangen, und mit lebhaftem Mitrauen und starker Abneigung trat sie
der unwillkommnen Stiefmutter entgegen. Mit innerer Emprung bergab
sie den Hnden der neuen Hausfrau alle Pflichten, welche jetzt ihr
obgelegen, und denen sie freilich nur allzu lssig nachgekommen war.
Die Uebergabe dieser Geschfte konnte sie nicht ndern und mute sie
schweigend ertragen. Aber eines stand fest: sie selbst wollte nie etwas
mit dieser Stiefmutter gemein haben und sich nie und nimmer ihrer Macht
unterwerfen. Freilich suchte diese neue Mutter durch unsgliche Geduld
und Milde solche Entschlsse zu strzen und Frida's Herz zu erobern,
Frida jedoch stemmte sich mit aller Macht dagegen, und wie sie ihre
vermeintlichen Rechte glaubte schtzen zu mssen, das haben wir selbst
gesehen. Aber es war ihr nicht wohl dabei. Sie fhlte Tag tglich,
welchen Schatz ihr Vater mit dieser Mutter in das Haus gefhrt, und wie
wohl geordnet jetzt alles seine stillen Wege ging. Wie froh und heiter
blickte ihr Vater jetzt in die Welt hinein, wie wohl versorgt waren
die kleinen Geschwister, und wie ordentlich und gesittet thaten die
Dienstleute ohne Lrm und ohne Widerspenstigkeit ihre Pflichten. Aber
trotz dieser Einsicht konnte sie die Erbitterung und den Verdru nicht
aus ihrem Herzen scheuchen, und so war es besser, sie ging. Mochte
ihr Vater Recht haben oder nicht, mochte Zeit und Entfernung gnstig
wirken oder nicht, fr jetzt =konnte= es nicht so bleiben, das sah und
begriff sie. Der vorige Trotz ihres ungebndigten, kindischen Herzens
hatte jetzt ruhigerer Einsicht Platz gemacht, ja endlich behauptete
die Jugend so sehr ihr Recht, da die bevorstehende Reise mit ihren
neuen Verhltnissen und Eindrcken ihr sehr lockend erschien, und sie
sich von Herzen auf den Landaufenthalt freute, den sie sich lange schon
gewnscht. So machte sie denn gute Miene zum bsen Spiel, erzhlte
ihren Freundinnen von der bevorstehenden frohen Aussicht und war ganz
heiter und guter Dinge. Gertrud ging auf diese Stimmung Frida's nur zu
gern ein und half ihr eifrig, fr die Reise alles in Stand zu setzen,
wobei sie freilich wnschte, gar vieles von dem Putz und Staat aus den
Koffern wieder heraus zu legen, den die eitle Frida einpackte, welche
sich einen sonderbaren Begriff von den Bedrfnissen ihres Landlebens zu
machen schien.

So war denn einige Tage spter der Schritt geschehen und Frida im
Hause der Tante Marie. Ihr Vater war wieder abgereist, Frida aber sa
bald nach ihrer Ankunft bei einem Briefe an ihre liebste Freundin, und
damit wir sehen, wie es ihr in der neuen Umgebung gefllt, blicken
wir ber die Schulter der Schreiberin und nehmen Kenntni von ihren
Freundschaftsergssen.


                      Liebste, beste Franziska!

  Drei Tage sind schon darber hingegangen, da ich meinem Papa
  Lebewohl gesagt habe und hier in das Haus von Onkel und Tante Bremer
  eingetreten bin. Wie voll ist mir das Herz, und wie sehr verlangt mich
  danach, Dir, meiner besten, liebsten Freundin, von meinem Ergehen und
  meiner hiesigen Situation Kunde zu geben. Aber bis jetzt kam ich nicht
  dazu; denn ich kann Dir sagen, da ich vllig benommen bin von der
  Neuheit meines Aufenthaltes. Eine Sehnsucht und ein Verlangen nach
  meinem himmlisch behaglichen Vaterhause, nach Dir und meinen anderen
  geliebten Freundinnen erfllt mich von frh bis spt, und wenn ich
  mich nicht schmte, ich packte am liebsten wieder ein und eilte zurck
  zu Euch Allen, trotz der unertrglichen Verhltnisse im Vaterhause.

  Ach Deinem Herzen, mein Frnzchen, als dem meiner intimsten Freundin,
  habe ich ja allein den wahren Sachverhalt anvertraut, Du allein weit
  ja, was und wer mich aus dem Vaterhause hinaus getrieben. Die, die
  sich jetzt meine Mutter nennt, ist es, ich wei es wohl, und wenn ich
  auch um Papa's willen heiteren Auges geschieden bin, Du weit besser,
  wie es in mir aussieht. Ach eines nur beruhigt und trstet mich trotz
  allem -- da ich diese Reise nicht schon einige Monate frher antreten
  mute. Du ahnest und weit warum, meine se Freundin! Die himmlischen
  Stunden in Eurem Hause, wo ich =ihn= sehen und sprechen durfte, ach
  sie sind ja doch ohnehin jetzt vorber, seit er fort ist. Aber wo ist
  er, warum sagte er es nicht, und warum ging er so pltzlich fort ohne
  unser Wissen? Zum Winter aber, wenn ich wieder bei Dir bin, dann will
  ja auch er wiederkommen, das hoffte er so sicher, als ich ihn zum
  letzten Male sprach. O dieses letzte Mal, Frnzchen, es wird mir ewig
  in der Seele bleiben!

  Wie oft hast Du mir versichert, ich sei ihm nicht gleichgltig, Du,
  liebe, treue Freundin, ach immer und immer konnte ich nicht daran
  glauben. Aber beim Abschied, da habe ich es wohl glauben mssen, (o
  und =wie= gern!) denn da ich es Dir jetzt nur gestehe, er hat es mir
  nur allzudeutlich gesagt. Aber nicht blos in trocknen, prosaischen
  Worten, wie ein Anderer es wohl an seiner Stelle gethan htte; o nein,
  das wre dieses genialen, poetischen Kopfes nicht wrdig! Nein, er hat
  mir in einigen entzckenden Versen seine Gefhle gestanden. Denke nur,
  Verse von ihm selbst. O ich mte ein Herz von Eis oder Stein haben,
  wenn mich diese Worte nicht gerhrt htten, und der Blick, von dem
  sie begleitet waren. Ich mu Dir wirklich als Shne fr mein sptes
  Vertrauen dieses Gedichtchen hersetzen; urtheile selbst, =was= ich
  dabei fhlte.


     In einem stillen Thale
     Blht eine Rose hold,
     Die Bltter glhn und glnzen
     Wie ser Minne Sold.

     Da kommt mit mdem Schritte
     Ein Wandersmann daher,
     Sein Aug' ist matt und trbe,
     Sein Herz ist bang und schwer.

     Doch wie mit holdem Zauber
     Weht's um ihn wunderbar,
     Und weiche Rosendfte
     Umspielen Stirn und Haar.

     Und wie ein Himmelsbote
     Schaut ihn das Rslein an:
     Wohl kann ich Heilung bringen,
     Du armer, kranker Mann.

     Wem ich am Herzen ruhe
     In stiller Lieb' und Treu',
     Dem lchelt Freud' und Wonne
     Und ses Glck aufs Neu.

     O Rose, holde Rose,
     So sei auf ewig mein!
     Des Herzens banges Sehnen,
     Das stillest du allein!

     An treuer Brust geborgen
     Blhst du in sichrer Huth;
     O Rose, sei mein eigen,
     Nur dann ist alles gut!


  O wenn Papa dies lse, dann wrde er eine andere, hhere Meinung
  von den Gaben dieses herrlichen Mannes bekommen! Aber um alles in
  der Welt, ihm darf ich es nicht sagen, er wrde mir nie verzeihen,
  da ich solche Dinge angenommen habe von einem jungen Manne, der
  ihm ganz fremd, und, wie ich mit blutendem Herzen bemerkt, durchaus
  nicht willkommen ist. So mag es denn ein ses Geheimni zwischen uns
  bleiben, mein Frnzchen, und wenn er wieder zurckkehrt, dann geht
  hoffentlich die Sonne heller fr uns auf. Was kmmert es mich, wer
  und was er ist, wonach Papa so sorglich forschte! Er ist Deiner Mama
  von einem Jugendfreunde empfohlen, das gengt mir, und wer so edel
  und vornehm in seiner Erscheinung, so fein und ritterlich in seinem
  Benehmen ist, der kann kein untergeordnetes Menschenkind sein. Der
  Stempel edler Abkunft ist ja seiner schnen Stirn aufgeprgt! -- Doch
  genug; ich verliere mich in meine sen wonnigen Trume, und doch mu
  ich ihnen hier so ganz Lebewohl sagen und der rauhen Wirklichkeit um
  mich her leben. La Dir jetzt hiervon ein Wenig erzhlen und bedaure
  mich, Du Getreue!

  Franziska, was giebt es doch fr Existenzen, und was das Wunderbarste
  ist, wie glcklich scheinen mir hier die Leute alle in diesen mehr als
  einfachen Existenzen. Mir steht der Verstand still, und Dein scharfer
  Humor fnde hier nur allzureichen Stoff fr Witz und Spttereien.

  Also mit dem Anfang zu beginnen, das heit, mit unserer Ankunft hier
  in Dahme. Auf der Eisenbahnstation erwartete uns die Tante Marie
  selbst, eine groe, brnette Frau mit starken Zgen und einer derben
  Art und Weise, sich auszudrcken. Ich kannte sie jedoch schon, obwohl
  ich sie damals mit Kinderaugen anblickte, denen alles Neue schn
  erscheint. Leider sehen diese Kinderaugen jetzt auch noch anderes,
  an der Tante z. B. gleich einen mehr als einfachen Anzug und einen
  Hut, den Noah's Eheweib fglich htte tragen knnen, so uralt war
  er und bot Schutz vor Sonne, Wind und Regenwetter. Sie schlo mich
  strmisch in ihre groen, starken Arme und schttelte mir die Hnde
  so energisch, da meine feinen, blagrauen Josephinenhandschuhe, die
  ich mir zur Reise frisch angeschafft, sogleich in einem breiten Ri
  auseinander platzten. Zieh die Dinger herunter, Kind! rief sie
  lachend, als sie sah, was sie angerichtet; aber das lie ich wohl
  bleiben, die scharfe Sonne htte mir die Haut gleich abscheulich
  verbrannt. Eine breitbauchige, schwerfllige Kalesche nahm uns dann
  auf, vor welche ein paar lcherlich plumpe Ackergule gespannt waren,
  die ein roher Knecht vom Kutschbocke aus dirigirte. Meine hohen
  Koffer blickte die Tante mit starrem Schrecken an, auf der Kalesche
  hatten =die= keinen Platz. Wir mssen einen Leiterwagen herschicken,
  anders geht's nicht, sagte die Tante achselzuckend. Was schleppst du
  denn alles mit dir in der Welt herum? fragte sie lachend, in solchen
  Koffern hat ja ganz Dahme Platz. Aber dann zogen Knecht und Pferde
  Tante's Aufmerksamkeit auf sich, und wir waren kaum zum Bahnhofe
  hinaus, da rief sie gebieterisch: Stillhalten, Michel! Wie der Blitz
  schwang sie sich dann auf den Bock, griff dem tlpelhaften Knechte in
  die Leine und kutschirte nun selbst.

  Ich bitte um Verzeihung, lieber Schwager, sagte sie dabei uerst
  munter, mein Mann brauchte unsern Kutscher heut anderweitig, ich
  mute den Michel nehmen. Da der aber gewhnlich nur Arbeitswagen
  fhrt, will ich ihm den ungewohnten Posten lieber abnehmen.

  Du fhrst selbst, Tante? rief ich erstaunt, sie nickte aber blos
  und schnalzte mit der Zunge, und in raschem Trabe fhrten die plumpen
  Gule uns und die alte Kalesche durch Wiesen und Felder. Auf einige
  Worte und Zeichen der Tante sprang nach einer Weile der Michel
  vom Wagen herunter und lief zu einem Trupp Arbeiter, die im Acker
  beschftigt waren.

  Das ist schon Dahme'scher Grund und Boden! rief die Tante stolz und
  deutete mit der Peitsche hinber. Sie sind gerade beim Dngen.

  Auch ohne ihre Erklrung htten meine Geruchsnerven mir das verrathen;
  es war ein grulicher Gestank, und erschrocken hielt ich mir das Tuch
  vor's Gesicht. Die Tante sah es und lachte. Ja ja, Kindchen, nach
  Rosenl riecht's gerade nicht; aber ich sage dir, fr einen rechten
  Landwirth giebt's auf der ganzen Welt keinen schneren Duft, als
  solchen frischen Dnger. Wirst dich schon daran gewhnen, wenn du ein
  Weilchen bei uns bist. Der glatte Misthaufen inmitten unseres Hofes
  ist unserer Augen Trost und Freude.

  Ich blickte Papa betroffen an, denn ich war entsetzt ber solche
  Reden. Papa aber lachte und fing an mit der Tante ber die Lndereien
  zu sprechen, durch welche wir fuhren, und zwar mit einem Interesse
  und einer Sachkenntni, da ich ganz erstaunt zuhrte. Ich hatte
  nie gewut, da mein feiner, eleganter Papa, der sich in seinem
  Arbeitszimmer und im Kabinet des Ministers nur mit Akten und Zahlen
  beschftigt, auch davon etwas verstand.

  Nun endlich waren wir in Dahme. Ein spitzer Kirchthurm schaute lange
  schon ber eine Anzahl Dcher herber, und umgeben von einem weiten,
  buerlich aussehenden Garten stand ein schlichtes, groes Haus vor
  uns, vor dem der Wagen still hielt.

  So, da wren wir glcklich! rief die Tante und sprang vom Bock
  herunter, mit der Peitsche ein Paar groe Hunde abwehrend, welche mit
  wthendem Gebell zum Hofthore herausstrzten, das ein Knecht ffnete.

  Hinter dem Knechte erschienen zwei junge Mdchen, welche ich fr
  Dienerinnen hielt und ihnen schweigend meine Sachen zu tragen gab, die
  ich im Wagen hatte. Da stellte Tante Marie sie mir pltzlich als ihre
  Tchter Lottchen und Hannchen vor. Denke Dir meinen Schrecken! Ganz
  verdutzt ber meine so uerst simpel aussehenden Cousinen folgte ich
  denselben nun in den Hof, der das Haus von drei Seiten umgab, und in
  dem ich wirklich, wie Tante Marie gesagt, in der Mitte einen mchtig
  breiten, glatten, wohlgepflegten und umzumten Misthaufen erblickte,
  auf dem sich eine Masse Hhner, Enten und Gnse, Futter suchend,
  umhertrieben. Rings im Hofe, der von Wirthschaftsgebuden umgeben
  ist, standen eine Menge Pflge, Wagen und was wei ich alles, und
  eine Anzahl Arbeiter waren dabei, Pferde an- und abzuschirren. Tante
  Marie lief sogleich zu diesen Leuten hinber und gab einige Befehle,
  und wenige Minuten darauf rasselte ein Leiterwagen zum Thore hinaus,
  wahrscheinlich um meine unglcklichen Koffer von der Bahn zu holen.

  Als wir in das Haus eingetreten waren, umarmte Tante Marie mich noch
  einmal und begrte mich als lieben Gast. Auch meine Cousinen kamen
  jetzt ganz zutraulich herbei und nahmen mir Hut und Mntelchen ab, mit
  hchst verwunderten Blicken meine Frisur und Toilette betrachtend,
  wie ich wohl merkte. Ich kam mir in meinem Anzuge, der doch nur
  eben modern und gewi nicht bertrieben elegant ist, hier in dieser
  grenzenlos einfachen, ja ich mchte sagen, rmlichen Umgebung aber
  auch selbst hchst eigenthmlich vor, wie eine Prinzessin im Kreise
  von schlichten Brgersleuten. Und doch ist Tante Marie die Schwester
  meiner Mutter, also bin ich doch gar nicht vornehmer als meine
  Cousinen, wenn mein Papa auch ein hoher Staatsbeamter ist. Uebrigens
  sind diese meine Cousinen ganz hbsche Mdchen, nur freilich zu roth
  und zu gesund aussehend fr unsere Cirkel. Das glatt gescheitelte
  Haar, wie es bekanntlich jetzt nur noch die Engel tragen, bei
  Charlotte dunkel, bei Hannchen weich und blond, umrahmt angenehme
  Zge, und die blauen Kornblumenaugen blicken ohne Falsch in die Welt
  hinein. Aber denke Dir, da meine Cousinen in dunkeln Kattun gekleidet
  sind, wie ihn unsere Dienstleute tragen, ohne einen Schatten von
  Ueberwurf oder Garnierung, und helle, bunte Kattunschrzen liegen
  darber zum Schutz dieser kostbaren Gewnder. Und welcher Schnitt von
  Taille und Aermel! Wahrhaft lcherlich einfach. Der Onkel, der jetzt
  rasch und laut in das Zimmer trat und uns wie ein rechter Biedermann
  begrte, ist der Typus eines schlichten Landmannes vom Kopf bis
  zur Zehe. Seine blonden, krausen Haarlocken und das feuerrothe
  Gesicht, aus dem die hellen, blauen Augen ordentlich spashaft bunt
  herausleuchten, werden von ein Paar mchtig breiten Schultern
  getragen, und der ganze prachtvolle Mann steht so fest und sicher mit
  seinen Fen in den riesigen Stulpenstiefeln, als gehrte ihm die
  ganze Welt. Aber wenn Du denkst, das ist nun die ganze Familie, da
  irrst Du Dich sehr. Jene beiden Cousinen sind nur die Aeltesten einer
  ganzen Reihe von Kindern. Zuerst prsentirte sich noch ein halbreifer
  Backfisch in ausgewachsenen Kleidern, mit einem schchternen Gesicht
  und linkischem Benehmen; dann ein Bursche von etwa 13 Jahren, der
  gerade zu den Ferien hier ist, ein richtiger Schlagtodt, und endlich
  kommen noch ein Mdel und zwei kleine Jungen, der Jngste etwa 3-1/2
  Jahr alt. Und das ist alles roth und dick und krftig und gesund,
  bald schwarz wie die Mutter, bald blond wie Papa, und lacht und
  schwatzt und luft durcheinander, da einem der Kopf schwirren mchte.
  Lieber Gott, wenn ich an meine beiden blassen, stillen Geschwister
  zu Hause denke, wie wird mir da! Die htte Papa herschicken sollen,
  da sie frisch und gesund hier werden, =ich= mag ja gar nicht solche
  unverschmt rothen Backen haben, wie Hannchen und Lottchen, das ist
  ja so schrecklich gewhnlich. Nun ich denke, ich werde mich wohl
  davor hten knnen. Aber freilich, diese Kost, welche hier tglich
  genossen wird, ist dazu angethan, den Krper robust und derb zu
  machen. Was wird hier alles aufgetragen! Von diesen Riesenschinken,
  diesen armstarken Wrsten, diesen mchtigen Fleischstcken, welche
  hier geruchert, gekocht und gebraten die Tafel mchten brechen
  machen, hast Du gar keine Idee. Und diese Butter, dieser Honig, diese
  Milch und Sahne und diese Flle von Obst -- ich meine oft, ich bin
  im Lande Kanaan, und Onkel Bremer lacht immer ber sein ganzes,
  hbsches Gesicht, wenn er mein Staunen ber solche Flle mit ansieht.
  Welche Ueberwindung kostet es da, nicht frisch drauf los zu schmausen,
  sondern an seine zierliche Figur zu denken, fr welche solche Kost
  ewiger Ruin wre. Denke Dir, wenn ich als derbe, plumpe, feuerrothe
  Landdirne mit dicker Taille und braunem Gesicht und Hnden wieder zu
  Dir kme! Was wrde wohl Baron L. dazu sagen? Und wie wrde Lieutenant
  v. F. verchtlich sein bleiches Brtchen drehen und mit einem hm, hm,
  ei wie Schade! seinen Augenkneifer eilig wieder herabfallen lassen,
  durch den er die ehemalige Rosenknospe bewundern wollte.

  Aber ich schreibe alles durcheinander und wollte Dir doch von dem
  Leben hier noch etwas erzhlen. Den nchsten Tag, als Papa noch hier
  blieb, war das Treiben im Hause noch etwas festlich und aus dem
  Geleise gebracht, dann aber ging alles wieder seinen regelmigen
  Gang, gerade wie ein Uhrwerk, und da bin ich denn mitten hinein
  gefallen, ohne da irgend Jemand sich in seinen tglichen Arbeiten
  stren lt oder besondere Notiz von mir nimmt. Jedermann ist herzlich
  und freundlich gegen mich, wie man denn den ganzen Tag kein bses
  Wort hrt, trotz der vielen Kinder. Aber ich fhle mich doch im
  hchsten Grade unbehaglich; denn was soll =ich= unter diesen Menschen,
  die den ganzen Tag vom frhesten Morgengrauen, (o mein Gott, =wie=
  entsetzlich frh!!) bis in die Nacht hinein nichts thun als arbeiten,
  arbeiten! Am ersten Tage meinte ich, man habe etwas Besonderes vor,
  da alles so unablssig thtig war; aber nun merke ich wohl, man
  treibt es nie anders. Mir schwindelt ordentlich, wenn ich sehe, wie
  meine Cousinen immerfort nhen, stricken, kochen, pltten, im Hof und
  Garten, Kche und Keller wirthschaften, und die Tante an der Spitze;
  denn sie arbeitet wie ein Mann und hat die Wirthschaft und die
  Leute in fabelhafter Zucht und Ordnung. Man hat mir einen Einblick
  gegeben, wie alles im Hause eingetheilt ist und wie jeder seine Arbeit
  zugewiesen erhlt. In dieser Woche hat Hannchen die Kche und Lottchen
  die Milchwirthschaft und die Nhereien, und selbst Martha, der
  Backfisch, hat sein Revier meist in der Kinderstube. In nchster Woche
  wechselt die Eintheilung wieder: Lottchen bekommt Hannchens Arbeit
  und umgekehrt Hannchen die Lottchens. Tante fhrt die Oberleitung
  und steht sogar oft dem Onkel bei; denn sie besitzt Kenntnisse und
  Verstand wie ein Landwirth. Sogar die kleinen Kinder helfen schon
  in ihrer Weise, indem sie ihre Sachen selbst aufrumen, sich unter
  einander beim Anziehen beistehen, im Garten oder der Kche kleine
  Dienste thun, kurz, wie kleine Sclaven schon ganz wacker ihre Kette
  nachschleppen. Du kannst denken, wie mir bei solchem Leben zu Muthe
  ist. Kennt man denn in diesem Hause keine besseren Beschftigungen? Wo
  bleibt da Bildung und Sinn fr edlere Dinge? Und von irgend welchem
  Vergngen ist nie und nimmer die Rede. Heit das Jugendglck, heit
  das Lebensgenu fr ein junges Mdchen? O wie froh bin ich, da ich
  anderes kennen gelernt, da ich anders erzogen und aufgewachsen bin,
  als meine armen Cousinen, die mir schrecklich Leid thun wrden, wenn
  sie nicht so uerst zufrieden und froh in die Welt hinein blickten
  und nichts anderes wnschen. Aber wie ich es hier lange aushalten
  soll, das mag Gott wissen. Bedaure mich etwas, meine theure Franziska,
  und schreibe bald

                                             Deiner Frida.


Was Frida in groen Zgen ihrer Freundin mitgetheilt, das war
allerdings Wahrheit. Der Geist, der dieses Haus beherrschte, war der
Geist der Arbeit, und Jedermann schien sich dabei uerst wohl zu
fhlen. Frida freilich kam sich in dieser Welt unsglich berflssig
vor. Ueberall war sie im Wege und fhlte sich einsam mitten unter
den vielen Bewohnern des Hauses. Bisher war sie stets die Bewunderte
und Tonangebende gewesen; ihre Freundinnen hatten ihr gehuldigt und
geschmeichelt, der Vater alles gut und schn gefunden, was sie that,
und ihr Wille wurde Gebot fr das ganze Haus. Hier war sie ein Glied
einer langen Kette, und niemand dachte daran, da sie im Herzen
andere Ansprche machte. Der Vater hatte sie hergebracht, damit sie
wie eine Tochter des Hauses in der Familie leben sollte, und wie eine
solche wurde sie in dem Kreise aufgenommen und gehalten, gerade so
und nicht anders, nur da man eben keine Arbeiten von ihr verlangte.
Aber Umstnde machte man freilich auch nicht mit ihr. Ihr Zimmerchen
lag neben dem von Charlotte und Hannchen. Es war eben so einfach,
wie alles sonst im Hause, und Frida meinte zuerst, hier =knne= sie
es nicht aushalten. Das verzrtelte Kind setzte zu Haus den Fu auf
weiche Teppiche, sowie sie das Bett verlie, und tausend zierliche
und ppige Bequemlichkeiten umgaben sie, welche sie von jeher als
etwas Selbstverstndliches betrachtet hatte. Mit flinker Hand stand
die Jungfer schon beim ersten Erwachen des jungen Dmchens bereit,
ihre Dienste anzubieten, und ohne da sie selbst es wute war Frida
ein unsglich verwhntes und verzrteltes Prinzechen geworden. Was
Wunder, wenn ihr die so uerst einfachen Zustnde in dem Pchterhause
als abschreckend und unertrglich vorkamen. Am ersten Abend hatten
die Cousinen bereitwillig ihre Dienste angeboten, als Frida sich
auskleidete; war es ja doch fr die einfachen Mdchen ein wahres Fest,
Frida's zierliche und elegante Toilette so Stck fr Stck in der Hand
mustern und bewundern zu knnen. Achtlos warf Frida all die kostbaren
Dinge auf Sthlen und Fuboden umher, denn sie war nicht daran gewhnt,
selbst etwas aufzurumen. Die Cousinen flogen eilfertig hierhin und
dorthin zu ihrer Bedienung, rumten und ordneten, falteten und
gltteten mit geschftigen Hnden, und Frida nahm ruhig alles hin, als
gehre sich das so. Endlich lste sie ihr reiches, blondes Haar auf,
das die Jungfer ihr vor dem Schlafengehen stets sorgfltig kmmte und
brstete. Beim Losstecken desselben fielen einige Locken und Toup's
zur Erde, welche den hohen modernen Aufbau der Frisur noch hher und
reicher gemacht hatten, wie es bei den jungen Modedamen so Sitte ist.
Laut auflachend hob Hannchen diese Trophen der Eitelkeit empor und
hielt sie staunend in den Hnden.

Aber Frida, warum packst du dir denn solch' falsches Zeug auf deinen
Kopf? rief sie verwundert. Du hast ja so schnes Haar; das fremde
mchte ich nicht tragen, wer wei, wer das auf dem Kopfe gehabt hat!
Frida nahm ihr die Dinge verdrielich aus der Hand und sagte: Das
verstehst du nicht; in der Stadt kleidet man sich eben wie die Mode es
fordert. Mein eigenes Haar ist mir oft sogar im Wege, fremdes frisirt
sich viel besser. Aber hier freilich scheint es mir unntz, denn wer
soll mich hier frisiren? Aergerlich griff sie bei diesen Worten zum
Kamm und fuhr sich hastig und ungeschickt durch das lange, dichte Haar,
da sie in Abwesenheit ihrer Jungfer dies Geschft selbst machen mute.
Da es ihr aber nicht gelang, warf sie den Kamm verdrielich wieder hin
und wollte das Haar ungekmmt aufstecken. Sie verfitzte es dabei jedoch
so arg, da Lottchen endlich zugriff und rief: O das schne Haar!
Warum verwirrst du es denn so? Soll ich es dir auskmmen, Cousinchen?

Und flink huschte der Kamm bei den Worten schon durch das weiche Haar,
was das junge Mdchen ruhig geschehen lie.

Mein Gott, warum Papa nur nicht wollte, da ich meine Jungfer
mitnahm! klagte Frida verstimmt, wie soll ich denn mit meiner
Toilette allein fertig werden?

O wir helfen dir, liebe Cousine, riefen die jungen Mdchen.

Aber habt ihr denn keine Jungfer, die euch anzieht? fragte Frida
erstaunt, und ein schallendes Gelchter antwortete ihr.

Eine Jungfer? Wir? rief Lottchen belustigt. Ja was sollten wir denn
mit der? Wir machen alles selbst, und ich wte gar nicht wie spaig
ich mich dabei anstellen wrde, wenn ich mich sollte in allen Stcken
bedienen lassen. Seit wir erwachsen sind, Hannchen und ich, haben wir
der Mutter alles abgenommen, im Hause und in der Wirthschaft. Vater hat
einen sehr hohen Pachtzins zu zahlen, da mssen wir alle sparen helfen,
und Gott hat uns ja gesunde Glieder gegeben, die arbeiten knnen.
Unntze Dienstleute kosten Geld; so haben wir jetzt auch fr die
Milchwirthschaft keine Mamsell mehr, sondern besorgen diese Geschfte
abwechselnd. Diese Woche bin ich an der Reihe, und wenn ich morgen frh
um 3 Uhr aufstehe, um in den Kuhstall zu gehen, so erschrick nicht ber
die Strung; beim Melken mu ich dabei sein.

Was, um drei willst du aufstehen? rief Frida entsetzt. Das ist ja
frchterlich! Bist du denn da nicht den ganzen Tag nervs und mde?

Nervs niemals, ich wei gar nicht, was das ist, sagte Lottchen.
Mde jedoch bin ich natrlich oft rechtschaffen; aber das schadet
nichts, da schlft sich's um so schner. Und wenn man seine Arbeit
hat, vergit man die Mdigkeit. Ich denke, du wirst schon Gefallen am
Landleben bekommen, und ich freue mich darauf, dir unsere sauberen
Stlle zu zeigen mit dem schmucken Vieh; die schnen Milchkeller mit
den vielen Milchschsseln und Butterfssern und dann die anderen
Wirthschaftsrume alle -- o ich sage dir, es ist eine wahre Lust, darin
thtig zu sein. Um keinen Preis mchte ich unser Leben mit einem in der
Stadt vertauschen, obwohl ich gar keine rechte Vorstellung habe, was
ihr in der Stadt eigentlich treibt ohne Vieh und ohne Landwirthschaft.

Frida verzog bei diesen Worten ihr Mndchen etwas hhnisch und
zuckte mit den Schultern. Jeder lobt sich seine Existenz als die
Beste, sagte sie herbe. Fr ein Leben, wie ihr es fhrt, mte ich
meinerseits nun wieder danken. Ich strbe in den ersten acht Tagen
dabei.

Die Cousinen lachten herzlich und versicherten, es kme nur auf
Gewhnung an; Frida aber lie sich innerlich schaudernd ber solche
Gewhnung von Lottchen das gestickte Nachthemd berwerfen, und die
Bewunderung ber dies Kleidungsstck, das den jungen Mdchen etwas ganz
Neues war, fhrte die Gedanken wieder auf andere Dinge. Das zierliche
Nachthubchen barg die vollen Flechten kaum, welche Hannchen bewundernd
darunter schob, und die feinen, seidenen Pantffelchen brachten
Lottchen ganz in Ekstase.

Du bist wie eine kleine Prinzessin im Mrchen, rief sie entzckt.
Solche reizenden Sachen habe ich in meinem Leben noch nicht gesehen!
Aber ich mchte sie nicht an mir haben; ich wrde mich immer ngstigen,
etwas davon zu zerreien.

Nun was schadet das? sagte Frida mde, ewig kann man das Zeug doch
nicht tragen, dann kauft man anderes.

Wir knnen das nicht, wir mssen sparsam sein und unsere Sachen lange
tragen, sagt die Mutter, erwiederte Hannchen. Viel Kinder kosten
Geld, fr unsere Garderobe darf nicht viel ausgegeben werden. Aber bei
unserm Leben hier auf dem Lande denkt auch niemand an Putz und Staat,
das entbehren wir nie.

Aber kommt ihr denn nie in Gesellschaft oder auf Blle und in
Concerte? sagte Frida.

In Gesellschaft? O ja, zuweilen, rief Lottchen stolz. Pastor Werders
und unsere Nachbarn in Hermsbach besuchen wir hufig, besonders an
Festtagen, und das ist dann prachtvoll. Ich freue mich schon darauf,
dich ihnen vorzustellen. Manchmal wird dann auch wohl ein Tnzchen
gemacht, besonders wenn die Shne in den Ferien da sind, jedoch wir
Mdchen tanzen auch unter einander. Am schnsten aber ist's, wenn wir
Geschwister unter uns sind, und Vater seine drei alten Tnze aufspielt,
nach denen wir in der groen Unterstube tanzen. Du sollst nur einmal
dies Vergngen der Kinder mit ansehen; sogar unsere Mutter dreht sich
da mit uns herum, wir lassen ihr keine Ruhe. Und nun kommt bald Kirmes,
da tanzt das ganze Dorf und die ganze Umgegend unter unsern Linden. Das
ist ein Fest, sage ich dir, wie du es dir gar nicht vorstellen kannst.
Unser Groknecht ist ein prachtvoller Tnzer; du sollst sehen, mit
ihm tanzt sich's so schn, wie mit deinem trefflichsten Cavalier im
Tanzsaal.

Ich soll mit euren Knechten tanzen? rief Frida erschrocken, thut ihr
denn das?

Nun natrlich, das ist ja eine Ehre, die wir den Leuten nicht
abschlagen drfen, entgegnete Hannchen. Wir wrden es aber auch
selbst gar nicht entbehren mgen; denn auf den Kirmestanz freuen wir
uns schon das ganze Jahr, es ist gar zu lustig.

Frida schttelte unglubig den Kopf und war im Herzen auerordentlich
indignirt ber den Geschmack ihrer Cousinen. Mit den Knechten aber
je zu tanzen, dazu sollte sie sicher nichts bewegen. Es wre ja eine
Schmach fr das feine Frulein, das sich bisher nur in aristokratischen
Kreisen bewegt hatte. Aber sie behielt ihre Gedanken fr sich und sagte
ihren Cousinen gute Nacht, denn sie war mde von all dem Neuen, was sie
umgab.

Als sie am andern Tage erwachte, hrte sie schon viel reges Leben im
Hause, und doch war es fr Frida noch eine so frhe Stunde, da sie
im Vaterhause sich noch ruhig auf die andere Seite gelegt htte, um
weiter zu schlafen. Hier jedoch fing der Tag frher an, wie sie merkte,
und seufzend wickelte sie sich aus dem schweren Federbett heraus, das
sie am Abend aufgenommen hatte. Aber mit welchem Seufzer dachte sie
nun daran, da sie sich ganz allein anziehen msse und keine helfende
Jungfer zur Seite habe. Jetzt erst merkte sie, wie verwhnt sie war,
und wie Recht ihre Stiefmutter hatte, welche ihr freundlich gerathen,
ihren Anzug mglichst selbst zu besorgen und sich nicht von Anderen
abhngig zu machen, was oft sehr unbequem werden knne. Ach jetzt =war=
es entsetzlich unbequem, sie sah es wohl ein; denn fast weinend vor
Verdru gerieth sie mit Kmmen und Brsten, Bndern und Haken und allen
andern Gegenstnden der Toilette in Krieg und Feindschaft. Endlich
schaute Hannchens frisches Gesicht zur Thr herein.

Gut geschlafen, Cousinchen? rief sie frhlich.

Danke, leidlich, erwiederte Frida verstimmt.

Ich will dir bei der Toilette ein Bischen helfen, wenn du erlaubst,
fuhr Hannchen freundlich fort und griff gleich nach all den
Gegenstnden, welchen Frida Urfehde geschworen hatte. Aber freilich die
Toilette einer eleganten Stadtdame war fr Hannchen ein Buch mit sieben
Siegeln. Fragend hob sie bald dies, bald jenes empor, dessen Zweck ihr
fremd war, vor allem aber wute sie mit den Chignons und Locken, welche
Frida's Haarputz vervollstndigen sollten, absolut nichts anzufangen.

Wirf die Dinger in den Kasten, was willst du hier damit! rief sie
endlich, und Frida wute auch keinen andern Rath. Dann schlang Hannchen
das schne Haar ihrer Cousine in zwei lange, glatte Flechten, wand
dieselben einfach um deren Kopf und fhrte Frida nun triumphirend vor
den Spiegel.

Du siehst zum Verlieben hbsch aus mit diesem glatten Kpfchen! rief
Hannchen bewundernd; Frida aber mochte ihr Spiegelbild kaum eines
Blickes wrdigen, denn sie fand sich abscheulich. Was kam hier jedoch
darauf an, wie sie aussah? Fr diese altmodische, einfache Familie war
sie gut genug, und selbst im Morgenrock noch zu elegant, und von ihren
stdtischen Bekannten sah sie ja zum Glck niemand in solchem Aufzuge.

Mit wahrem Hohn dachte sie jetzt an all die zierlichen, eleganten
Anzge, welche ihre hohen Koffer bargen, und die sie gar nicht
auspacken mochte. Die waren freilich hier von Ueberflu, das wute sie
jetzt und bedachte dies mit stillem Seufzen. Sie whlte unter all den
schnen Dingen ein einfaches Kleid aus, das freilich immer noch viel
zu elegant fr dies Haus war, und folgte dann Hannchen zu den brigen
Gliedern der Familie.

Ihr Vater sa ganz behaglich mit Onkel Bremer in der Sophaecke und
rauchte sein Pfeifchen, und Frida hrte voll Staunen, da er schon seit
zwei Stunden in Feld und Wald mit dem Schwager umhergestrichen war.
Lchelnd nickte er seinem Tchterchen zu und rief: Sieh da, Frida, wie
schmuck und nett du heut aussiehst. Diese glatten Zpfe sind hbscher
als deine hohe stdtische Frisur, das gefllt mir gut.

Frida errthete und Hannchen blickte triumphirend auf ihr Werk.
Dann gingen die jungen Mdchen zum Frhstck, mit dem man auf Frida
gewartet hatte, und alles begrte das neue Glied des Hauses mit einem
frhlichen guten Morgen!

Es war ein guter Geist, der in diesem Hause lebte, das sah und empfand
Frida gar bald, und trotz allem, was ihr hier unertrglich erschien,
fhlte sie sich durch den Zauber dieses Geistes schon in kurzer Zeit
gefesselt. Wie lebendig und laut es auch oft um sie her war, nie hrte
sie unfreundliche oder lieblose Worte, und selbst die unbndigen,
kleinen Knaben gehorchten schnell und ohne Murren, wenn die Eltern
oder die lteren Geschwister sie zurechtwiesen. Besonders schn
aber war das Verhltni zwischen den erwachsenen Tchtern und ihrer
Mutter, und mit tiefer Beschmung gedachte Frida ihres Betragens im
Vaterhause, wenn sie sah, mit welcher Verehrung und Liebe, welcher
dienstfertigen Aufmerksamkeit Charlotte und Hannchen den Wnschen der
Mutter entgegen kamen, und wie dankbar sie jede kleine Zurechtweisung
aufnahmen. Ja, es ist ihre rechte Mutter, mit einer Stiefmutter wre
es gewi auch anders, seufzte Frida wohl im Stillen, um sich selbst zu
entschuldigen; da sie sich aber auch gegen ihren Vater oft unartig und
launisch betrug, obwohl es ihr rechter Vater war, das mochte sie sich
kaum eingestehen.

Schon kurze Zeit nach ihrem Eintritte in das Haus ihrer Verwandten
beklagte sich Frida bitter gegen Tante Marie ber das Leid, das Papa
ihr angethan, indem er wieder geheirathet hatte. Aber voll Verwunderung
hrte sie, da Tante Marie diesen Schritt des Schwagers vollstndig
billigte.

Aber Tante, meine Mutter war ja doch deine Schwester; wie kannst du
dich freuen, da ihre Stelle durch eine Andere ersetzt worden ist?
rief Frida verletzt.

Gerade weil ich meine Schwester so innig liebte! entgegnete Tante
Marie. Knntest du deine theure Mutter selbst fragen, meine liebe
Frida, so wrdest du hren, wie glcklich es sie machte, ihren Mann
wieder ruhig und zufrieden, ihre armen, kleinen Kinder in treuer
Obhut, und ihre heranwachsende Tochter an der Seite einer erfahrenen,
liebevollen Freundin zu wissen. Ich bin keine sentimentale Natur,
mein liebes Kind, welche sich nur unpraktischen Wnschen und Gefhlen
hingiebt, und obwohl ich recht wohl wei, da einem Manne nichts in der
Welt die erste Jugendliebe ersetzen kann, und die Wunde, welche der Tod
ihm da schlgt, ewig bluten wird, so bin ich doch der Ansicht, es ist
sowohl fr ihn selbst wie fr seine jungen Kinder ein Glck, wenn er
ein treues, weibliches Wesen findet, das ihm in Herz und Haus wieder
Glck und Frieden bringt. Und wie ich deine zweite Mutter kenne, so ist
sie ganz dazu geschaffen, das schne Amt, das Gott ihr anvertraut,
treu zu erfllen. Und auch du, meine liebe Frida, wirst dich mit dem
Gedanken ausshnen, das wei ich sicher, so traurig du auch jetzt den
Kopf dazu schttelst. Wre Gertrud jung und unerfahren, so wrde ich um
deinetwillen die Wahl deines Vaters mibilligt haben; denn einer fast
erwachsenen Tochter mu der Vater keine junge Stiefmutter bringen, das
thut nimmer gut aus tausend Grnden. Aber Gertrud knnte den Jahren
nach ja deine eigne Mutter sein, und sie hat so viel Trbes im Leben
erfahren, da sie gereiften und ernsten Sinnes zu euch kommt. Vertraue
ihr nur getrost, mein liebes Kind; du kannst keine bessere Freundin
erhalten, als dein Vater dir in dieser zweiten Mutter gegeben hat.

Frida wagte auf diese Worte nichts zu entgegnen, denn sie fhlte
wohl, da es unlautre Grnde waren, welche sie gegen ihre Stiefmutter
einnahmen, und da besonders die Beschrnkung ihrer Launen und ihres
bermig freien Willens sie so dauernd emprte. Sie hatte gehofft,
an der Schwester ihrer Mutter eine Bundesgenossin zu finden, welche
vllig so eingenommen gegen Gertrud war, als sie selbst. Da sie nun
aber sah, wie anders Tante Marie den Schritt des Vaters beurtheilte,
nahm sie sich vor, solch Gesprch nie wieder in Anregung zu bringen,
sondern ihren Verdru im Herzen zu verschlieen; verstanden wurde
sie ja doch nicht. Auch gegen ihre Cousinen mochte sie ber diesen
Gegenstand nicht sprechen, sie kannten ja die Verhltnisse nicht. Wie
anders freilich war das zu Haus, wo sie gegen ihre Freundinnen ihr Herz
ausschtten konnte und bei diesen zehnfaches Echo fand! Wie wurde sie
von diesen bedauert wegen des Unrechtes, das ihr geschehen, und wie
bestrkten sie diese klugen, jungen Mdchen in der Opposition, welche
sie der unwillkommnen Stiefmutter entgegen zu bringen entschlossen war.
Im Kreise dieser jungen Backfischchen hatte Frida stets neue Nahrung
fr ihre Gefhle gesucht und gefunden, und wenn Gertruds sanfte,
liebevolle Weise oft schon auf Frida's Herz ihren gnstigen Einflu
gebt, dann waren es die leidenschaftlichen Rathschlge und Ansichten
dieser Freundinnen, und besonders Franziska's, welche alles wieder
verdarben. Gertrud ahnte das wohl, denn sie kannte einige dieser jungen
Mdchen; aber dennoch wagte sie nicht, Frida den Umgang mit denselben
zu verbieten, die Sache wre dadurch nur schlimmer geworden.

Hier nun im Hause der Tante machte das friedliche Leben bald seine
Rechte auf das junge Mdchen geltend, und da jene leidenschaftlichen
Empfindungen nirgends Anklang und Nahrung fanden, wurden sie stiller
und stiller, und endlich dachte Frida gar nicht mehr mit jener
Abneigung an Gertrud, welche sie bis dahin erfllt hatte. Die Briefe
aus der Heimath waren Boten der Freude; das Vaterhaus strahlte aus
der Ferne bald wieder in freundlichem Glanze zu ihr herber, und der
Gedanke, bei ihrer Rckkehr wieder in jenes verhate Verhltni zur
Stiefmutter einzutreten, nahm mehr und mehr eine andere Frbung an, je
lnger Frida vom Hause fort war.

Als am ersten Tage gleich frh Morgens alles an die Arbeit eilte,
wie es in diesem Hause Sitte war, sagte Tante Marie in ihrer
schlichten Weise zu Frida: Nun, mein liebes Tchterchen, da du ganz
als Familienglied und Kind des Hauses bei uns sein sollst, versteht
es sich auch, da wir keine Umstnde mit dir machen. Jeder geht an
seine Geschfte wie alle Tage. Charlotte hat heut die Kche unter
ihrer Leitung, Hannchen ist seit dem frhen Morgen schon in der
Milchwirthschaft beschftigt, Martha besorgt soeben die Hhner und dann
nimmt sie sich der Kleinen an, whrend ich mit Hermann im Keller Bier
auf Flaschen fllen will. Magst du einem von uns Gesellschaft leisten,
so soll es uns lieb sein; willst du aber lieber lesen oder musiciren,
oder dich im Garten ergehen, so findest du hier Bcher und Noten und
manch hbsches Pltzchen drauen im Freien. Ich will dir die Kinder zur
Gesellschaft schicken, wenn Martha ihnen Urlaub giebt; denn bei ihr
haben sie Schule. Das Mdel ist ein geborner Schulmeister, sage ich
dir.

Frida zog es vor, im Zimmer bei Bchern und Clavier zu bleiben, und so
verlie sie die Tante, um den tausend Geschften nachzugehen, welche
ihrer harrten. Das junge Mdchen sah sich nun allein mitten unter
all den vielen thtigen Menschen, welche sie umgaben und kam sich
unendlich berflssig in diesem Hause vor. Sie ergriff ein Buch und
las ein Wenig; aber ihre Gedanken flogen davon fort, bald zurck in
die Heimath, bald den Stimmen nach, welche sie hier und dort hrte.
Dann versuchte sie die Noten, welche auf dem Clavier lagen; aber sie
fand dieselben altmodisch und langweilig und das Instrument gar zu
klanglos. Es war ja ein Jammer, da sie ihre Uebungen auf solchem
Rumpelkasten halten sollte; zu Hause hatte sie einen so prachtvollen
Flgel von Papa erhalten. Sie stand rgerlich auf und suchte andere
Unterhaltung; aber alles mifiel ihr. Ein Gefhl von Verdru berkam
sie mehr und mehr, da niemand sich um sie bekmmerte, gerade als wre
sie gar nicht in der Welt! Und sie war doch Gast hier im Hause und an
Vernachlssigungen berdies in keiner Weise gewhnt. Was in aller Welt
sollte sie hier anfangen, wo jeder nur an sich selbst dachte, jeder
seiner Arbeit nachging, ohne danach zu fragen, ob sie sich indessen zu
Tode langweilte? Das war ja wirklich nicht zu ertragen!

Frida's Verstimmung wuchs von Minute zu Minute, bis endlich die
Langeweile sie bewog, da man sich nicht um sie bekmmerte, selbst
den ersten Schritt zu thun und zu ihren Cousinen zu gehen. Sehr
verlockend freilich war es nicht, sie bei ihren Arbeiten aufzusuchen;
aber was thut man nicht, um sich die Zeit zu vertreiben! Sie ging in
die Kinderstube, wo Martha beschftigt war, ihren beiden kleinen
Geschwistern Lesestunde zu geben, whrend das dreijhrige Brderchen
daneben spielte und sich aus Bausteinen einen Palast erbaute.

Bei Frida's Eintritt blickten die Kinder von ihren Beschftigungen auf,
und die kleine Marie sprang dem jungen Mdchen frhlich entgegen.

Wo steckt ihr denn nur alle? sagte Frida gereizt, und wo ist
Hannchen und Charlotte geblieben?

Ich dachte, du wrest bei ihnen, liebe Cousine, entgegnete Martha
etwas schchtern. Ich mu die Kinder einige Stunden beschftigen;
Hannchen ist im Milchkeller und Lottchen in der Kche. Sie denken wohl,
da ist keine Unterhaltung fr dich. Willst du bei uns bleiben?

Ich werde Hannchen aufsuchen, sagte Frida kurz; denn sie fand es
schon bei ihren kleinen Geschwistern zu Hause unter ihrer Wrde, sich
mit diesen abzugeben, wie viel mehr noch diesen kleinen Bauernkindern
gegenber; denn etwas anderes als Bauernkinder waren die dicken,
kleinen Posaunenengel doch wirklich nicht.

Mariechen, lauf und zeige Frida den Milchkeller! rief Martha der
kleinen Schwester zu, und diese ergriff zutraulich die Hand der Cousine
und zog sie mit sich fort. Sie hatten den groen Hof zu durchschreiten,
den allerlei Federvieh und anderes Gethier belebte. Es hatte in
der Nacht geregnet, und in Folge davon war der Hof etwas unsauber,
besonders in der Nhe einiger Stlle, an denen sie vorber schritten.

O Gott, meine Stiefeln! Ist das ein Koth hier bei euch! rief
Frida und blickte voll Entsetzen auf ihre hellfarbigen, zierlichen
Stiefelchen, welche in diesem unvermeidlichen Unrath schon nach
wenig Minuten feucht und unsauber geworden waren. Warte, ich hole
dir Holzpantoffeln! rief Marie und kam sogleich mit einem solchen
Paar zurck, whrend ein zweites lustig an ihren eigenen, kleinen
Fen klapperte. Frida versuchte darin zu gehen, unmglich! Sie ging
wie auf Stelzen und fiel nun erst recht in die Pftzen. Aergerlich
erreichte sie endlich ihr Ziel und kroch die Stufen hinab, welche in
den Milchkeller fhrten. Hannchen kam ihr hier frhlich entgegen, das
Kleid aufgeschrzt und in der Hand einen breiten Lffel, mit dem sie
soeben die Sahne von den zahllosen Milchschsseln abrahmte, welche
ringsum im Keller standen. Frida trippelte zaghaft nher, denn ihr
war sehr unbehaglich zu Muthe. Fr ihre dnnen, nassen Stiefelchen
war dieser feuchte, von Milch hier und dort getrnkte Fuboden noch
schlimmer, als drauen der schmutzige Hof; auch umgab sie hier eine so
kalte Kellerluft, es roch so unangenehm nach Milch und Molken, sie wre
am liebsten gleich wieder fortgelaufen. Hannchen ging ruhig weiter von
Schssel zu Schssel, ohne sich in der Arbeit stren zu lassen, und
das verdro Frida auch. Was sollte sie hier, sie war ja nur im Wege
und erkltete sich am Ende noch bis auf den Tod. Aber jetzt lchelte
Hannchen ihr so freundlich zu und schien so erfreut, sie hier zu sehen,
da durfte sie doch nicht gleich wieder davon laufen. So hob sie denn
ihr helles, reichgarnirtes Kleid sorgfltig auf und trippelte hinter
Hannchen drein von einer Milchsatte zur andern.

Was machst du nur eigentlich, Hannchen? rief sie nach einer Weile,
als sie sah, wie jene berall sorgfltig mit dem breiten Lffel die
dicke Sahne von der geronnenen Milch abschpfte. Du verdirbst ja
die ganze saure Milch! Wer soll die denn genieen, wenn du die Sahne
herunternimmst?

Hannchen lachte herzlich und sagte: Die Schweine, Cousinchen! Etwas
bleibt zur Bereitung von Kse, das Uebrige wird Viehfutter. Auf den
Tisch kommt solche abgerahmte Milch nicht, habe keine Furcht!

Aber wer soll denn all die Sahne essen, die du da sammelst? fragte
Frida weiter.

Essen? Gott bewahre, das wre schn! rief Hannchen. Daraus soll ja
die Butter fr's ganze Haus gemacht werden.

Die Butter? =Daraus= macht ihr Butter? fragte Frida verwundert.

Nun ja, woraus denn sonst? lachte Hannchen. Komm und sieh dir das
Buttern einmal mit an; du hast es wohl noch nie gesehen?

Frida folgte der Cousine in den Nebenraum, und hier sah sie mehrere
hohe Butterfsser, welche von einigen derben Mgden in Bewegung gesetzt
wurden. Das war fr die kleine Stadtdame ein vllig neuer Anblick, und
erstaunt sah sie dann, da das Fett der Sahne sich bei der Bewegung
im Fa von den Milch- und Wassertheilen trennte und sich zu kleinen
Butterklmpchen verwandelte. Hannchen bot ihr ein Glas frischer
Buttermilch an, welche aus dem Fasse gegossen wurde, und Frida geno
mit Vergngen den unbekannten Trank, der ihr sehr mundete.

Heute Abend kostest du gewi mit doppeltem Appetit von der Butter, die
du hier entstehen sahst, sagte Hannchen, auf die leckere, weie Masse
zeigend, welche nach und nach aus den Fssern wanderte. Ueberhaupt
denke ich, wenn du erst allerlei hier kennen gelernt hast, wirst du
Geschmack an unserm Leben finden. Aber nun soll Mariechen dich ein
Bischen umherfhren, ich mu zu den Leuten!

Frida folgte der kleinen Marie etwas zaghaft nach dem Hofe, der ihr als
ein uerst unangenehmer Aufenthalt erschien. Aber die kleine Cousine
ruhte nicht, bis sie dem jungen Mdchen all ihre Lieblinge gezeigt
hatte, und kroch aus einem Stalle in den andern, bald hier eine Ziege
an den Hrnern hervorziehend, bald dort weie Kaninchen oder ein junges
Lmmchen, oder besonders hbsche Hhner und Tauben. Frida kam sich vor
wie ein Opferlamm und lie sich geduldig von einem Stall zum andern,
von einer Htte oder einem Verschlag zum andern fhren. Ihre schnen
Stiefelchen waren ja doch einmal fr ewig verdorben, und in welchen
Zustand ihr feines Kleid auf dieser Wanderung gerieth, das sollte sie
nicht lnger beunruhigen; sie hatte doch wenigstens etwas Unterhaltung
bei diesen Streifzgen.

Aber das Klbchen von unserer guten Ble mut du noch sehen, Frida, es
ist zu niedlich! rief Mariechen, abermals eine Stallthr ffnend und
das junge Mdchen hereinziehend.

Aber hier riecht es ja so schrecklich und ist zu frchterlich
schmutzig, sagte Frida und blieb zgernd in der Thr des Kuhstalles
stehen, ngstliche Blicke auf die Khe heftend, welche brummend die
dicken Kpfe nach ihr umdrehten. Sie mochte es nicht gestehen, da sie
sich vor den Thieren frchtete, in deren nchster Nhe sie noch niemals
gewesen war. Sie werden dich stoen, Mariechen, nimm dich in Acht!
rief Frida ngstlich, als sie sah, wie das kleine Mdchen furchtlos
zwischen den schrecklichen Thieren umherkroch und sie mit ihren kleinen
Hnden zur Seite schob, um sich Platz zu dem Klbchen zu machen, das
neben einer hellbraunen Kuh in der Ecke am Boden lag.

Mich stoen? lachte die Kleine. Das wre schn, alte Ble, nicht
wahr? Wir kennen uns besser. Alle Khe in den Stllen kennen mich,
Frida, sie sind nicht bse. Komm doch einmal her und sieh dir das
Klbchen an; es hat einen weien Stern auf der Stirn, gerade wie seine
Mutter, die Ble.

Aber Frida blieb ngstlich in der Thr stehen; sie htte sich um die
Welt nicht zwischen diesen Ungeheuern durchgedrngt, die sie alle mit
ihren Hrnern zu bedrohen schienen.

Nein nein, es riecht so sehr schlecht im Stalle, sagte sie und
wollte eben zurcktreten, da wurde sie von auenher hineingedrngt.

O der Duft vom Kuhstall ist sehr gesund, Cousinchen, nur immer hinein
und zier dich nicht! rief eine etwas rauhe Stimme, und Frida sah
Hermann neben sich, welcher, ein Paar hohe Stulpenstiefeln an den
Fen, sich an ihr vorbei drngte. Dann ging er pfeifend die Reihe
entlang und klopfte bald dies, bald jenes der Thiere auf den glatten
Schenkel, sie liebkosend und beim Namen nennend, und ein leises
Brummen war die Antwort der gehrnten Freunde. Zgernd folgte Frida,
indem sie sich ngstlich von den Thieren fern hielt, und sie seufzte
froh auf, als sie die andere Seite erreicht hatte und durch die Thr
hinausschlpfen konnte.

Hast du unsere Ferkel schon gesehen, Cousinchen? sagte Hermann jetzt.

Schweine? rief Frida entsetzt. Pfui, in den Schweinestall soll ich
doch nicht etwa auch kriechen?

Hoho, lachte Hermann, da ist nicht pfui zu sagen! Unsere Schweine
wohnen hchst appetitlich; komm nur mit, es ist da eine ganz prchtige
Gesellschaft beisammen.

Frida verzog den Mund spttisch, folgte aber doch dem etwas ungalanten
Vetter, der sie zu seinen Schtzlingen fhrte. Aber sich abwendend
hielt sie sich hier schnell das Tuch vor's Gesicht und wollte davon
laufen. Hermann ergriff jedoch rasch ihre Hand und zog sie vorwrts.
Narrenspossen, ich lasse dich nicht fort, die Ferkelchen mut du
sehen, sie sind zu prachtvoll! rief er eifrig. Dabei ffnete er
einen der Bretterverschlge, und sogleich kamen eine ganze Menge
kleiner, weier Schweinchen herausgesprungen, welche quiekend um
Frida herumliefen. Diese schrie laut auf vor Schrecken und Angst und
klammerte sich mit den Hnden an Hermanns Arm, besonders als das alte
Mutterschwein jetzt grunzend mit seiner Schnauze ihre Fe berhrte
und sich nach ihren muntern Sprlingen umschaute. Hermann lachte
aus vollem Halse ber Frida's Angst, und der alten Sau einen Tritt
gebend, da sie zur Seite fuhr, rief er lustig: Bist du aber ein
Hasenfu, Cousinchen! Die Thiere thun dir alle nichts, das sind keine
Lwen und Tiger. Sieh dir nur einmal die schmucken Ferkelchen an,
hast du so was Niedliches dein Lebtag schon gesehen? Sind sie nicht
wei und lecker wie kleine Leberwrstchen? Und sieh nur, was sie fr
possirliche Sprnge machen und fr allerliebste Schwnzchen haben! So
ein Ferkelschwnzchen knntest du als Cravatte um den Hals tragen;
so niedlich und zierlich kannst du keinen Knoten schlingen, sieh
nur einmal! Und rasch fing er eins der glatten, flinken Thiere und
legte es Frida auf die Arme, das zierlich zu einer Schleife gewundene
Schwnzchen hoch emporhebend.

Frida warf das vllig haarlose, fette, kleine Wesen voll Grauen zur
Erde und rief beleidigt: Behalte dein Viehzeug fr dich, ich danke
bestens! Pfui, wie ich nun rieche und aussehe!

Hermann schlug mit seiner Reitpeitsche, die er in der Hand hielt,
lachend unter die kleinen, quiekenden Thiere, da sie ber einander
sprangen und sich kugelnd umher wlzten wie Gummiblle. Bist du aber
zimperlich! rief er spottend. Ihr Stadtleute seid komisches Volk.
Einen Schweinsbraten, oder einen leckeren Schinken und frische Wurst
verachtet ihr doch wahrlich nicht, obwohl es von diesen armen Thieren
herstammt. Aber die Narrenspossen wirst du schon verlernen, hoffe ich,
Fridelchen, ich werde dafr sorgen; dann nimmst du so ein Ferkel mit
Entzcken in deine Arme und herzt es wie ein Schoohndchen, das sollst
du sehen.

Frida hatte jetzt aber genug. Sie war dem ungalanten Vetter bse und
wandte ihm rasch davongehend, den Rcken. Dieser pfiff lustig hinter
ihr drein in echter Jungensweise; dann sang er in uerst unmelodischen
Tnen und mit der Reitpeitsche in der Luft umherfuchtelnd: Hans mit
den Pluderhosen sprang ber'n Kachelofen -- wutsch! war er weg. Darauf
verschwand er wieder in den Stllen, die zimperliche Cousine sich
selbst berlassend.

Frida wollte eben ihr Zimmer aufsuchen, um sich von allem Schmutz
dieser ersten lndlichen Inspectionsreise zu befreien, da kam Charlotte
vom Hause her und sagte: Ich will meine Glucken besuchen, Frida,
kommst du mit mir? Vier habe ich gesetzt, wir wollen einmal sehen, was
sie machen.

Frida verstand von dieser Rede eben nur, da die Reise nach dem
Hhnerstalle gehen sollte, und da Federvieh ihr noch das Liebste von
all dem Gethier auf dem Hofe war und ihr auch am wenigsten Furcht
erregte, so begleitete sie Charlotten, denn schmutziger konnte sie
ja doch jetzt nicht mehr werden, als sie nach diesen vorhergehenden
Besuchen schon war.

Hier sind nur einige von unsern Glucken, sagte Charlotte, einen
engen, dunklen Stall betretend, in dem einige Hennen still in Krben
saen, die mit Stroh ausgefllt waren. Der eigentliche Brtstall steht
unter Mutters Leitung, du mut dich einmal von ihr mit dahin nehmen
lassen. Das hier ist mein Privatbesitz; die Hennen schenkte mir der
Herr Pastor an meinem Geburtstage, und er soll nun auch die ersten
Kken davon haben.

Vorsichtig hob Charlotte nun eine Henne nach der andern empor und
untersuchte die unter ihr liegenden Eier. Die gelbe Kronenhenne sitzt
am lngsten, unter ihr scheint es mir lebendig zu werden, sagte sie
mit leuchtenden Augen und kniete neben derselben nieder Sieh da, zwei
Kleine sind glcklich an's Tageslicht gekommen! rief sie freudig und
zog Frida zu dem Korbe herab, von dem sie die laut gackernde Glucke
an den Flgeln empor gehoben hatte. Zwei kleine Kken krabbelten
da vergnglich im Stroh herum, und das Eine hatte noch ein Stck
Eierschale auf dem Kopfe.

Fa einmal das Ei da an, Frida, aber vorsichtig, sagte Charlotte,
auf eines der im Neste liegenden Eier zeigend. Frida blickte hin und
nahm das Ei zgernd in die Hand, legte es aber sogleich wieder hin,
einen leisen Ruf der Ueberraschung ausstoend. Aus der Schale des Eies
sah nmlich ein kleiner, spitzer Schnabel hervor, dem gleich darauf
ein dunkles Kpfchen folgte, das sich durch die Eierschale hindurch
arbeitete.

Die Federchen lagen feucht und zusammengeklebt auf dem runden Kpfchen,
die Aeugelchen blickten aber ganz vergngt daraus hervor. Nach einer
Weile hatte sich das ganze Krperchen aus der Schale herausgearbeitet
und zappelte mit den Resten seines kleinen Gefngnisses in Gesellschaft
der andern Kkel im Stroh umher. An einem daneben liegenden andern Ei
war auch schon ein groer Sprung; man hrte leise picken und sah, wie
von innen ein spitzes Schnbelchen an der Umhllung bohrte, um sie
zu durchbrechen. Frida war auer sich vor Entzcken und wollte gar
nicht fort von dem Korbe, denn so etwas Reizendes war ihr noch nie
vorgekommen. Charlotte aber nahm die Kken heraus und setzte dann die
Glucke vorsichtig wieder auf den Korb. Lnger darf ich das Nest nicht
unzugedeckt lassen, die Eier werden sonst kalt, sagte sie. Die Kkel
aber thun wir hier in den Federtopf, da die Alte sie nicht zertritt,
bis alle heraus sind.

Frida war glcklich wie ein Kind, als Charlotte ihr die kleinen
Hhnchen in die Hand gab, damit sie dieselben in den Federtopf tragen
sollte. Als Charlotte ihr aber sogar versprach, die Kkel der nchsten
Glucke wollte sie ihr schenken, diese ersten msse der Herr Pastor
haben, da sprang sie jubelnd in dem engen Stalle umher und umarmte
und kte Charlotte vor Wonne. Kein kostbarer Schmuck und kein neues
Kleid htte dem jungen Mdchen eben jetzt solche Freude machen knnen,
als der Besitz solch kleiner, spashafter Kken, wie diese, die leise
piepsend in dem Federtopfe ber einander kugelten.

Wann kommen denn wieder welche aus, Lottchen? rief sie ungeduldig und
lief von einem Brtkorbe zum andern.

In den nchsten Tagen, hoffe ich, sagte Charlotte, sie sitzen fast
alle schon drei Wochen.

Was, so lange mu solch arme Henne sitzen? rief Frida, die Hnde
zusammenschlagend. Das ist ja ganz schrecklich! Mu =die= sich
langweilen!

Charlotte lachte herzlich. Ja, und denke nur, das arme Thier frit
und suft nicht einmal zu ihrer Unterhaltung, whrend sie brtet. Frh
Morgens kommt sie vom Nest herunter und frit sich satt, und dann
fastet sie den ganzen brigen Tag. Es ist keine Kleinigkeit fr eine
gute Glucke, ihre Eierchen sich auszubrten.

Frida blickte ordentlich mit Respect nach den treuen, pflichteifrigen
Hennen -- der Hhnerstall hatte ihr Herz gewonnen. Das war der erste
Schritt zu ihrer Ausshnung mit dem ihr so schrecklich erscheinenden
Landleben, und tglich folgte sie Charlotten oder Tante Marie zu dem
Federvieh, dessen Leben und Treiben ihr bald ganz bekannt war, und
das sie mit regstem Interesse verfolgte. Die jungen, frisch aus dem
Ei gekommenen Kkel aus dem Federtopf zu nehmen, sie dann auf den
Tisch zu setzen und mit klein gehacktem Ei oder Hirse zu fttern,
war ihre liebste Unterhaltung. Wenn dann die tppischen, kleinen
Wesen ungeschickt ber einander kugelten und vorn berfallend das
Gleichgewicht verloren, sobald sie die Krnchen aufpicken wollten, dann
jubelte Frida laut auf vor Vergngen und konnte sich keine hbschere
Unterhaltung denken. Und um Hhner- oder Enteneier zu suchen und
einzusammeln, scheute sie bald keinen Stallgeruch und keine unsauberen
Winkel mehr; ja selbst enge Treppen und Leitern kletterte sie eifrig
hinauf, wenn sie irgend ein Huhn dort gackern hrte und es in Verdacht
hatte, seine Eier verschleppt zu haben.

Unser Fridchen wird noch eine ganz leidenschaftliche Landwirthin
werden, gebt Acht! rief Onkel Bremer oft vergngt, wenn er die
hbsche Nichte in ihrem Eifer beobachtete, und Tante Marie behauptete
ganz ernsthaft, noch nie solch reichen Eiersegen gehabt zu haben, als
seitdem Frida die Hhner unter ihren Schutz genommen; sie besitze gewi
ein Geheimmittel, womit sie die Hhner bezaubere.

Onkel und Tante waren berhaupt von einer Gte und Herzlichkeit gegen
das verwhnte Nichtchen, da diese es nicht besser htte wnschen
knnen. Alle die kleinen Thorheiten des jungen Mdchens, das sich fr
etwas Besseres hielt und Hochmuth und Eitelkeit in Flle kund gab,
wurden von Allen im Hause ohne Empfindlichkeit und Verdru hingenommen.
An den einfachen, frischen Naturen Charlottens und Hannchens glitten
Frida's Unliebenswrdigkeiten vllig ab, und bereitwillig spendeten
sie der Cousine den Weihrauch, den diese beanspruchte, und bewunderten
deren Talente und Kenntnisse, welche die ihren weit bertrafen. Aber
wre Frida weniger von sich eingenommen gewesen, sie htte schon in den
ersten Tagen ihres Landaufenthalts erkannt, was sie spter recht wohl
einsah: da sie selbst trotz ihrer glnzenden Eigenschaften an wahrhaft
innerer Bildung diesen ihren beiden Cousinen gar sehr nachstand. Je
lnger sie unter diesen Verwandten lebte, desto mehr dmmerte in ihrem
Herzen diese Einsicht empor. Bald empfand sie, wie lcherlich und
thricht es sei, da sie sich besser dnkte als Alle, und bald fing
sie an, bescheidner aufzutreten und sich dem schlichten Wesen ihrer
Umgebung mehr anzupassen, der alles fremd war, was Ueberhebung und
Eitelkeit hie. Wuten und verstanden doch ihre einfachen Cousinen
tausend Dinge, von denen die kleine Stadtdame keine Idee hatte!
Und wie fleiig waren sie und wie pflichttreu, was schafften diese
Mdchen alles den Tag ber, und wie ntzlich waren sie dem Hauswesen,
whrend sie selbst die Hnde in den Schoo legte, oder ein Bischen
las, schrieb oder musicirte, Dinge, mit denen sie nur sich selbst
Nutzen brachte. In diesem Hause vergrub niemand das ihm anvertraute
Pfund, sondern ein Jeder verwandte die ihm von Gott gegebenen Krfte
zum Wohle des Ganzen, still, anspruchslos und bescheiden, als etwas,
das sich ganz von selbst verstand. Was war und wirkte sie dagegen,
die sich so vortrefflich und so hoch ber diesen Mdchen stehend
erschien? Was hatte sie ihrem vereinsamten Vater, was ihren kleinen
Geschwistern gentzt, was dem Hause und allem, das ihr anvertraut
gewesen? Hatte sie nicht immer nur an sich selbst und an ihr Behagen
gedacht? Waren die Pflichten, die freilich allzufrh auf ihre Schultern
gelegt wurden, ihr nicht unertrglich gewesen, und hatte sie sich
denselben nicht stets entzogen, so viel sie nur immer konnte? Ach sie
mochte gar nicht daran denken, in welchem Zustande alles gewesen war,
als ihr Vater die Stiefmutter in das Haus fhrte, -- was mute diese
von ihr gedacht haben? Und doch, welche Gte, welche Nachsicht hatte
Gertrud ihr entgegengebracht; wie hatte sie stets alles zum Besten
gekehrt, was Frida Thrichtes gethan, und wie hatte sie ihr diese Liebe
gelohnt? -- Immer und immer kamen Frida solche Gedanken, wenn sie die
thtigen, liebreichen und demthigen Menschen beobachtete, von denen
sie hier umgeben war. O es sollte anders werden! Auch sie wollte brav
und tchtig und ein brauchbares Glied ihres Hauses sein, wenn sie erst
wieder bei den Eltern war, und Gertrud sollte sehen, da sie auch gut
und liebenswrdig sein knnte und dankbar fr die ihr erwiesene Liebe.

So bte schon in kurzer Zeit der Segen eines harmonisch schnen,
thtigen Familienlebens seinen wohlthtigen Einflu auf das junge
Mdchen aus, und mit Freuden bemerkten ihre Eltern diesen Wechsel,
welcher mehr und mehr in den Briefen erkennbar wurde, die Frida in
die Heimath sandte. Lat mich ja noch eine Weile hier, ich mu noch
so viel lernen und es gefllt mir so gut! so schrieb sie schon nach
einigen Wochen nach Hause, und nur zu gern kamen die Eltern diesem
Wunsche entgegen.

Und zu lernen hatte Frida allerdings noch so viel in dieser ihr vllig
fremden Welt, da sie noch Jahre htte da bleiben knnen. Alles war ihr
neu und unbekannt, die kleinen Kinder des Hauses wuten zehn Mal mehr
Bescheid als sie, und ihre Unwissenheit, die sie stets offen bekannte,
war hufig die Veranlassung zu groer Heiterkeit.

Marie, kannst du ein Paar schne Enten gebrauchen, die der Frster
geschossen hat? fragte Onkel Bremer eines Tages seine Frau.

Geschossen? rief Frida erstaunt, warum schiet er denn die Enten vom
Hofe weg, Onkel? Das kann er doch bequemer haben.

Ein schallendes Gelchter vom Onkel war die Antwort; Frida meinte,
der Frster habe nicht wilde Enten geschossen, sondern die zahmen des
Hofes. Sie hatte in der Stadt ja nie andere gesehen und ebensowenig
gegessen.

O welch eine Menge schner blauer Blumen! rief Frida dann wieder,
als sie an einem Flachsfelde vorbeiging und war hchst erstaunt, als
sie erfuhr, da ihr Leinenzeug eines Tages in Gestalt ebensolch blauer
Blmchen auf dem Felde gestanden habe. Natrlich hatte sie auch keine
Idee davon, wie die einzelnen Getreidesorten hieen, welche auf den
Feldern standen, und der Onkel, der mit Leib und Seele Landwirth
war, entsetzte sich vollstndig, wenn Frida einen Spaziergang mit
ihm machte, und den schnen Hafer bewunderte, wo sie Gerste vor sich
sah, oder ein Roggenfeld fr Weizen erklrte, und ber die Unmasse
schner Kornblumen und Kornraden jubelte, welche unter dem Getreide
standen und den Aerger des Landwirthes ausmachten. Von der Existenz
und Anwendung landwirthschaftlicher Gerthschaften hatte sie ebenfalls
keine Vorstellung. Eine Egge war fr sie ein vollstndiges Rthsel,
und wie man eigentlich mit einem Pfluge arbeite, war ihr bisher auch
noch ein Geheimni gewesen. Als man Klee schnitt zum Futter fr das
Vieh, fragte sie ganz erstaunt, warum man die Thiere nicht lieber
gleich in das Kleefeld trieb, damit sie sich da satt fressen, es sei
doch viel einfacher; und verwundert sah sie zu, wie man den schmutzigen
Dnger der Stlle sorgfltig aufbewahrte, statt das hliche Zeug
fortzuwerfen, da es so garstig roch. Das Waschen der Schafe vor der
Schur erregte ihr hchstes Erstaunen, das Scheeren selbst aber konnte
sie vor Mitleid mit den armen Thieren gar nicht mit ansehen.

In ganz entschiedener Feindschaft aber lebte sie tagtglich mit dem
Rindvieh, das ihr gleich in den ersten Tagen solche Furcht erregte,
und doch war es an jenem Tage im Stalle angebunden. Welcher Schrecken
aber war es fr das arme Stadtkind, wenn sie mitten durch eine Wiese
schreiten mute, auf der Khe und Ochsen frei weideten. Allein und
ohne ihre Cousinen htte sie es nie gewagt; aber auch in Begleitung
richtete sie verzweifelte Blicke auf die gehrnten Ungeheuer, welche
gar nicht daran dachten, sie zu belstigen, sondern ruhig grasend
die dicken Kpfe auf und ab senkten. Wenn am Abend die Heerden in
das Dorf hereinzogen, ein wahres Fest fr die ganze Dorfjugend, da
flchtete Frida gewhnlich furchtsam in's Innere des Hauses, damit
nur ja keiner ihrer persnlichen Feinde etwa einen Angriff auf sie
wagte. Alle Neckereien des Onkels und der Cousinen, aller Spott des
ungalanten Hermann, nichts konnte sie bewegen, ihre Furcht abzulegen,
und als sie nun gar einmal die Bekanntschaft eines Stieres gemacht
hatte, der seiner Heerde dumpf brllend vorauf schritt, den mchtig
breiten Kopf tief zur Erde gesenkt, und mit den blutunterlaufenen Augen
bse und drohend zur Seite blickend, da war es vollends aus mit ihrer
Herzhaftigkeit. Sie behauptete, lieber einem Lwen allein im Felde
begegnen zu wollen, als solchem Ungeheuer, und der kleine Hirtenbube,
der dies furchtbare Geschpf mit seinem langen Stock regierte, war fr
sie ein grerer Held, als Blcher oder Ziethen.

Der Onkel nahm Frida hufig mit sich hinaus auf''s Feld oder in Wald
und Wiese, um ihre bodenlose Unkenntni in allen landwirthschaftlichen
Dingen einigermaen zu heben. Da lernte sie denn nach und nach nicht
nur die Frchte des Feldes, dessen Art der Bestellung und dergleichen
mehr kennen, wovon ein Stadtkind in seinem Husermeer keine Ahnung
bekommt, sondern bald auch die einzelnen Bume des Waldes, die Stimmen
und die Gestalt der Vgel, die Insecten und Wrmchen, welche Wald und
Wiese beleben, und alle die tausend herrlichen Einzelheiten, welche
sich dem beobachtenden Auge so unendlich mannigfaltig darstellen und
den Genu und die Freude an der schnen Gotteswelt erst ganz und voll
machen. Es war ordentlich, als ob Frida jetzt erst recht sehen lernte,
und der Onkel war ein trefflicher Lehrer, der mit Liebe und Sorgfalt
beobachtete. Die Natur war seine Freundin gewesen von Kindheit an,
und wenn er einerseits als tchtiger Landwirth sich ihr praktisch in
Dienst gestellt hatte, so versumte er darber doch nicht, auch fr
ihre schnen und idealen Seiten das Auge offen zu halten. Besonders
fr den Wald gewann Frida eine immer grere Vorliebe, je mehr sie an
der Bildung von Stamm und Blttern die einzelnen Bume von einander
unterscheiden lernte. Buche und Eiche, Birke und Pappel, Erle und
Esche, das alles waren fr Frida bisher Bume, von denen sie freilich
gehrt, und die sie auch wohl gesehen und gezeichnet hatte, die rechte
Gestalt und Eigenthmlichkeit aber eines jeden Baumes, und wodurch
man ihn schon von fern erkennen konnte, das lernte sie jetzt erst.
Ihr Tannenbaum am Weihnachtsabend, der, wie sie jetzt lernte, eine
Rothtanne oder Fichte war; da seine Nadeln nicht nach den Seiten,
sondern rund um den Zweig herum standen, dieser war ihr fast allein
der Bote aus dem fernen Walde gewesen. Wenn Frida sonst ja einmal
in Gesellschaft ihrer Freundinnen eine Spazierfahrt in der Umgegend
ihrer Stadt gemacht hatte und ein Stndchen in dem dortigen, schmalen
Waldstrich verweilte, so gab es dann immer so viel mit den Freundinnen
zu plaudern, so groe Aufmerksamkeit auf ihre elegante Toilette zu
verwenden, oder zierliche Gesellschaftsspiele vorzunehmen, da sie ber
diesen Dingen alles andere verga, und es ihr gar nicht aufgefallen
war, wie schn so ein Wald doch eigentlich sei. Sie begriff jetzt
nicht, wie sie in der Stadt mitten unter lauter Husern ohne ihre
lieben Bume und Wiesen und Felder sich so wohl befinden konnte, und
Charlottes Worte am ersten Abend, worin sie das Landleben als das
Schnste hingestellt hatte, was sie sich denken konnte, fing jetzt an,
ihr verstndlich zu werden.

Bei solchen Spaziergngen, sowie bei dem Umhertreiben in Hof und Garten
war Frida im steten Kampfe mit ihrer eleganten, zierlichen Toilette,
welche fr solches Landleben, wie sie es hier fhrte, vollstndiger
Unsinn war. An jeder Hecke blieb sie mit den dnnen Falbeln ihres
Kleides hngen; jeder Busch trug ein Zeichen, wenn die elegante, junge
Dame mit ihren Spitzen und Frangen und Stickereien hindurch gekrochen
war, und nie kam sie nach Hause, ohne sich irgend etwas zerrissen,
beschmutzt oder sonst verdorben zu haben. Die Cousinen schlpften in
ihren kurzen, einfachen Kleidern rasch und unbehindert berall durch,
ohne den geringsten Schaden zu leiden, whrend Frida mit ihrer langen
Schleppe und den dnnen, bauschigen Stoffen unsglichen Aerger und
tausend Mhe und Beschwerde hatte. Brachte sie dann solch schmutziges
oder zerrissenes Kleid nach Hause, da hing sie es, wie sie immer
gewhnt war, ruhig fort, ohne daran zu denken, da es wieder sauber
und ganz werden mute. Mit Verwunderung sah sie dann, da Tante Marie
oder eine der Cousinen sich des armen Kleidungstckes annahm und es
brstete und plttete, stopfte und nhte, bis es wieder in Ordnung war.
Und nun gar die dnnen Waschkleider, die sie so gern im warmen Sommer
trug! Zu Hause hatte die Wscherin der jungen Dame solch zierlich
Kunstwerk stets fix und fertig berliefert, und die Jungfer sorgte
fr die tgliche Herstellung des Anzuges. Hier aber waren es wieder
die Hnde von Tante und Cousinen, welche diese Aufgabe bernahmen
und oft einen halben Vormittag damit zubrachten, eine einzige dieser
luftigen Hllen auf dem Plttbrete wieder in Stand zu setzen, und
diese zierlichen Falbeln und Striche, diese Ueberwrfe und Frisuren
zu pltten und zu kniffen, welche Frida oft binnen einer einzigen
Stunde in unbrauchbaren Zustand versetzt hatte. Ein Gefhl von Scham,
wie es das verzogne Kind nie gekannt, kam bei solchem Anblick ber
Frida. Sie wollte den Cousinen die Arbeit abnehmen; aber sie hatte
ja keine Ahnung weder vom Waschen, noch Pltten, noch sonst einer
der huslichen Arbeiten, in denen diese jungen Mdchen Meisterinnen
waren. Bei Frida's Entschuldigungen lachten sie und behaupteten, es sei
ein groes Vergngen, solche allerliebste Sachen unter den Hnden zu
haben, so gut sei es ihnen noch niemals geworden. Aber jetzt wnschte
Frida nichts sehnlicher, als einfache, derbe Kleidung, mit der sie
unbehindert umherlaufen konnte, ohne ihrer Umgebung so viel unntze
Arbeit zu bereiten. Eines Morgens hatte sie einen ganzen Koffer mit
ihren unpraktischen, eleganten Kleidern gefllt und bat den Onkel, den
nach Hause zu senden. Die Mutter aber flehte sie an, ihr so schnell als
mglich einige recht einfache, derbe Kleider zu schicken, sowie auch
feste Lederstiefeln; denn ihr zierliches Stadtschuhwerk sei schon nach
einigen Wochen in vllig unbrauchbarem Zustande.

Und so wie Frida sich in diesen Dingen immer mehr ihrer Umgebung
anpate, so auch in vielen andern. Manches, was ihr zu Hause als
etwas Entwrdigendes erschienen war, und was man eben den Dienstboten
berlie, das machte sie jetzt mit ihren eigenen, feinen Hndchen
selbst, ohne einen Ansto daran zu nehmen; denn Charlotte und
Hannchen, Martha und vor allem die Tante selbst, alle thaten ohne
Zgern derartige Dinge. Wenn Frida sich das Kleid beschmutzt, Bnder
und Haken abgerissen, oder die Schuhe bestubt hatte, so litt sie es
bald nicht mehr, da Tante Marie Brste oder Nadel fr sie ergriff,
oder Hannchen herbeieilte, die Schden auszubessern. Frhlich lie sie
selbst ihre Nadel durch die Stoffe fliegen und die Brste ber Schuhe
und Kleider, ohne ihre Umgebung wie bisher zu bemhen, und bald fand
sie auch Gefallen an allerlei huslichen Arbeiten, in denen sie sich
von den Cousinen unterweisen lie. Zuweilen betrachtete sie dann wohl
mit etwas sorglicher Miene ihre feinen Fingerchen, welche beim Kochen
oder Pltten oder Frchte schlen bedenkliche Farben annahmen und rauhe
Stellen zeigten. Aber lachend trsteten sie dann die Cousinen, und
Frida selbst spottete endlich ber ihre Eitelkeit, von der sie bisher
tyrannisirt worden war, und in deren Banne sie gelegen hatte. Die
Zeiten waren glcklich vorber, in denen sie in Furcht und Angst vor
der krftigen Kost des Hauses gelebt hatte. Jetzt dachte sie nicht mehr
daran, ob sie auch von den nahrhaften Gerichten, unter denen die Tische
seufzten, wohl eine plumpe Taille oder zu gesunde Farben erhalten
knne; ob auch ihre Hnde verbrennen oder der Taint verderben werde,
wenn sie ohne Handschuh hinauslief und sogar oft den schtzenden Hut
verschmhte. Tante Marie mute sie jetzt sogar manchmal daran erinnern,
sich der Sonne doch nicht zu sehr auszusetzen; denn Frida selbst verga
hufig solche Sorgen, wenn sie sich auf der Wiese im frischen Heu
lagerte, oder im Walde auf weichem Moosteppiche behaglich ihre Glieder
streckte.

Papa wird mich gar nicht wieder erkennen! rief sie oft lachend, wenn
sie ihr frisches Gesicht im Spiegel sah, das jetzt seine krnkliche
Blsse und die blulichen Ringe unter den Augen verloren hatte. Was
aber ihre zierlichen Freundinnen dazu sagen, und ob sie vielleicht
die Nschen ber die einst so elegante Frida rmpfen wrden, wenn
sie zurck kam, krftig und blhend wie eine volle, rothe Rose, das
kmmerte das junge Mdchen wenig mehr; denn von diesen Thorheiten war
sie so ziemlich geheilt. Auch berflssig fhlte sie sich jetzt nicht
mehr im Hause, wie im Anfange; denn sie half, wo sie konnte: bald in
Kche und Garten, bald in der Schul- oder Kinderstube, wie sie es von
ihren Cousinen sah, und der Segen der Arbeit machte ihr Gemth heiter
und sorglos. Ist man ja doch nie glcklicher, als wenn man mit sich
selbst zufrieden sein kann, und das konnte Frida jetzt wie noch nie
zuvor in ihrem Leben. Eine groe Befriedigung gewhrte es ihr, da
sie Martha einigen Unterricht ertheilen konnte. Dies strebsame, junge
Mdchen hatte groe Lust am Lernen und doch im Dorfe selbst nicht
viel Gelegenheit, und so unterrichtete Frida sie in neueren Sprachen,
Musik und Zeichnen, worin diese vortreffliche Unterweisung erhalten
hatte. Auch Hannchen und Charlotte nahmen Theil an diesem Unterricht,
so viel ihre Zeit es eben erlaubte, und besonders die Musik vertrieb
ihnen gemeinsam manche Stunde; denn die jungen Mdchen hatten helle,
frische Stimmen, welche sich unter Frida's Anleitung ganz allerliebst
entwickelten.

So lebte Frida behaglich, fleiig und glcklich von Tag zu Tage und von
Woche zu Woche, und je lnger sie hier im Hause verweilte, desto lieber
war sie dort. Die groe Welt, in die sie wieder eintreten sollte,
kehrte sie nach Hause zurck, und von der sie mit so schwerem Seufzer
geschieden, sie hatte kaum halb noch den Reiz, den sie frher auf das
Gemth Frida's ausgebt, und wirkliche Sehnsucht fhlte sie nur oft
nach ihrem Vater und den Geschwistern, ja, sie gestand es sich kaum
selbst, auch nach Gertrud. Nach ihr freilich mit dem immer lebhafteren
Wunsche, wieder gut zu machen, was sie einst Thrichtes gethan, und zu
zeigen, da sie auch brav und gut sein knne und nicht nur das eitle,
hochfahrende Mdchen von ehemals.

Im Laufe der Zeit hatte Frida auch die andern Familien kennen gelernt,
welche den Umgang der Familie Bremer bildeten, und wir kehren noch
einmal zu den ersten Tagen zurck, welche Frida im Hause des Onkels
verlebte und treten mit ihr in diesen Freundeskreis ein. Eines Morgens
erschien in dem Wohnzimmer eine groe, mchtige Mnnergestalt, deren
frisches Gesicht von dichtem, weien Haar umgeben war, und den man als
den Herrn Pastor uerst freudig begrte. Die kleinen Kinder hingen
sich an seine langen Rocksche, Hannchen schob ihm gleich Vaters
groen Lehnstuhl herbei, und Onkel Bremer schttelte ihm so gewaltig
die groe, breite Hand, da sie ordentlich in ihren Gelenken krachte.
Pastor Werder hatte ein breites, offnes Gesicht mit freundlichen,
grauen Augen, und seine Art und Weise war so frhlich, und mit jedem
hatte er so viel Scherz und Neckereien, da Frida ganz verwundert drein
schaute; einen Landprediger hatte sie sich so ganz anders vorgestellt.
Auch mit ihr fing er gleich ein heitres Gesprch an, und war so
zutraulich und herzlich, als kenne er das junge Mdchen schon seit
Jahren.

Nun, Kinderchen, sagte er dann zu Hannchen und Charlotte, Sonntag
Nachmittag kommt mein Justus, da bitte ich mir aus, da ihr euch hbsch
macht und die Pfarre von oben bis unten umkehrt. Mein Lenchen hat schon
alle Blumen im Garten zu riesigen Struen und Krnzen gebunden, und
die Mutter eine Unmasse Kuchen gebacken, alle Tische liegen voll davon.
Meine morgende Predigt rettete ich gerade vom Untergange, als sie
eben zu Butterpapier benutzt und unter einen prchtigen Zuckerkuchen
gebreitet werden sollte. Ich glaube, der Just bringt seine beiden
Zglinge und einen Freund mit, da soll's um so vergngter werden. Ich
denke ja, die Hermsbacher werden auch alle kommen und wohl noch der
oder jener aus der Nachbarschaft. Da sieht unser schnes, kleines
Mamsellchen hier doch auch einmal, da man auf dem Dorfe vergngt sein
kann; denn Kinder, das bitte ich mir aus, bringt euch alle Taschen voll
Frhlichkeit mit zur Pfarre.

Diese Nachricht erregte groe Freude. Justus war ebensosehr der
Liebling aller, wie es sein Vater war, und ein Nachmittag im
Pastorhause schien fr jedermann ein Fest zu sein. Ein Sonntag auf
dem Dorfe hat etwas gar Feierliches und Stilles, und als Frida am
Vormittage ihre Cousinen und Onkel und Tante in die Kirche begleitete,
stimmte die ganze Umgebung sie so festlich, wie es ihr an den
Sonntagen im Vaterhause nie geschehen. Sie war ganz erstaunt, von
dem alten, frhlichen Geistlichen nun eine so gehaltvolle, schne
Predigt zu hren, welche tief zum Herzen sprach. Auch bemerkte sie,
mit welch groer Andacht und Innigkeit die buerliche Gemeinde zu
ihrem weihaarigen Prediger emporblickte, und wie er von Jung und Alt
geliebt und geehrt wurde. In der Stadt war Frida keine sehr eifrige
Kirchgngerin gewesen; nur die Zeit ihrer Einsegnung machte eine
Ausnahme. Aber auch von dieser schnen Zeit ward ein groer Theil
durch Eitelkeiten und Thorheiten ausgefllt, wie sie nur in so jungen
Mdchenkpfen hausen knnen, denen keine ernste, liebevolle Mutter oder
Freundin zur Seite steht, welche die Schlacken von dem edlen Metall
sondert, das gerade in diesen ernsten Zeiten in die empfnglichen
jungen Gemther gelegt wird. Frida hatte eben niemand zur Seite,
und so dachte sie bei den Vorbereitungen zu ihrer Confirmation eben
so viel an den modernen Schnitt ihres neuen Kleides, an den schnen
Schmuck und den Sammetpaletot, den Papa ihr geschenkt, und der die
ihrer Freundinnen an Eleganz noch bertraf, als an die ernste, schne
Feier selbst. Diese bewegte dann ihr empfngliches Gemth nichts desto
weniger tief und innig und rief eine Flle edler und guter Gedanken
und Vorstze in ihrer Seele wach. Kaum aber war diese ernste Zeit
vorber, so schlugen die Wellen des tglichen Lebens ber ihrem Kopfe
wieder zusammen; Rhrung und gute Vorstze klangen nur noch in leisen
Accorden zu ihr herber, und ohne gerade tadelnswerther zu sein, als
hundert Andere ihres Alters, konnte man Frida doch durchaus kein
musterhaftes junges Mdchen nennen. Aber als sie jetzt hier in der
stillen Dorfkirche den Worten des alten Geistlichen lauschte, da zogen
diese ernsten Gedanken auf's Neue durch ihre Seele. Eine Ahnung von
dem, was ihr bisher gefehlt, schlich sich leise und unmerkbar in ihre
Brust, und als sie die frommen, seelenvollen Blicke sah, mit denen ihre
Cousinen an dem Antlitz ihres Seelsorgers hingen, da wute sie, da
in diesen Gemthern anderer Ernst und andere Frmmigkeit lebte, als
jemals in ihrem eigenen. Aber noch lagen Herz und Sinn zu sehr in den
Banden ihres bisherigen Lebens gefangen; noch mancher Tag gehrte dazu,
ehe diese Einsicht ganz und voll in ihr wurde und noch manche Stunde
stiller Andacht zu den Fen des wrdigen Geistlichen. Aber sie kam
doch, und mit ihr eine Demuth und Bescheidenheit, wie man sie frher
nie an dem jungen Mdchen gekannt hatte.

O Tante, sagte sie eines Tages leise, als sie neben dieser das
Gotteshaus verlie, o warum bin ich nicht frher zu euch gekommen, ich
wre ein besseres Mdchen geworden!

Tante Marie drckte Frida's Hand voll Innigkeit und erwiederte sanft:
Zum Gutsein ist es keinen Tag zu spt, mein liebes Kind; wolle es nur
ernstlich, dann kannst du's auch, dazu ist man nie zu alt.

Ja Tante, wenn du mir hilfst und ihr Alle! sagte Frida bewegt. Die
Tante aber nickte ihr ernst lchelnd zu, und von dem Tage an war ohne
weitere Worte ein Bund zwischen Frida und der Tante geschlossen, dessen
Segen dem jungen Mdchen immer fhlbarer wurde, je lnger sie in diesem
Hause lebte.

Aber kehren wir zu dem Feste zurck, zu dem Pastor Werder das ganze
Bremer'sche Haus eingeladen hatte. Charlotte, Hannchen und Martha
hatten sich hbsch gemacht, wie der Gastgeber es sich ausgebeten,
das heit, sie hatten saubere, helle Battistkleider angelegt, jedoch
keinen anderen Schmuck, als den ihrer frischen, rothen Wangen und
ihres sorglich gescheitelten Haares. Frida blickte betroffen auf
diese so unendlich einfachen Toiletten. Sie selbst hatte einen ihrer
elegantesten Anzge gewhlt, wie sie es bei festlichen Gelegenheiten
zu thun pflegte. Nun aber kam sie sich hchst unpassend gekleidet
vor, und sie wollte das kostbare Gewand wieder in den Kasten werfen.
Die Cousinen jedoch litten das nicht, fanden sie allerliebst und
behaupteten, Onkel Pastor sehe elegante Damen sehr gern. Da suchte
Frida denn rasch aus der Ueberflle von Bndern, Spitzen und Schleifen
einige prchtige, farbige Schrpen aus, welche sie Hannchen und
Lottchen um die Taille schlang; Martha steckte sie eine schne Schleife
vor die Brust, und die Cousinen mochten wollen oder nicht, sie muten
sich so schmcken lassen. Frida jubelte ber ihren Einfall, und
frhlich zog die ganze Gesellschaft endlich dem Pfarrhause zu.

Dies war ein groes, altes Gebude mit weiten, etwas dunklen Rumen,
durch dicht herumstehende Bume noch dstrer gemacht. Aber Thren und
Fenster waren mit Blumen geschmckt, und auf der steinernen Auentreppe
stand Pastor Werder mit den Seinen zum Empfang der Gste. Die Pastorin,
eine rasche, rstige Frau mit lebhaften, dunklen Augen, lief den
Ankommenden, ihre kleine Tochter Gretchen an der Hand, ungeduldig ein
Stck entgegen, und ihr folgte die zierliche Gestalt ihrer lteren
Tochter Helene, ein auffallend zartes, liebliches Mdchen mit vollem,
dunklen Haar und schwrmerischen, braunen Augen. An der Seite des
Pastors aber stand sein einziger Sohn, gro und schn und stattlich wie
er selbst, nur da die lang herabfallenden Locken des jungen Mannes
von schner hellbrauner Frbung und die Zge des Gesichtes frisch und
jugendlich waren. Zwei Knaben von 13 und 14 Jahren, die Zglinge Justus
Werder's, und sein Freund, ein junger Arzt, begrten mit ihnen die
Ankommenden als liebe, alte Freunde. Kaum aber hatte man sich die Hnde
geschttelt und das Haus betreten, da rollte ein Wagen vor.

Das sind die Hermsbacher! tnte es frhlich, und abermals
ffnete sich die gastliche Pforte. Herr und Frau von Helldorf, ein
freundliches, behagliches Ehepaar, wurde im Triumph hereingefhrt,
und mit ihnen kam Sophie, des Gutsherrn Nichte, ein groes, blondes,
aber sehr unscheinbares Mdchen. Ihnen folgten zwei junge Mnner, sehr
verschieden in ihrer Erscheinung. Walter, der Sohn des Gutsherrn, war
stmmig und krftig gebaut, und sein Gesicht trug den Stempel groer
Gte und Milde; aber etwas Schchternes, ja Linkisches that seiner
sonst angenehmen Erscheinung einigen Abbruch. Sein Begleiter jedoch,
der sich seit Kurzem als Volontair auf dem Gute aufhielt, besa alle
die Eigenschaften, welche einen jungen Mann zu einer hervortretend
gewinnenden Erscheinung machen. Elegant in Manieren und Kleidung, schn
an Gesicht und Gestalt, und angenehm in der Art und Weise zu sprechen
und sich zu bewegen, machte er auf Jedermann einen uerst gnstigen
Eindruck.

Frida hatte mit stiller Verwunderung ihre Blicke in dem Kreise
umhergeschickt, in dem sie sich hier befand; denn diese biedre, ja
derbe Art und Weise, mit welcher die Freunde hier mit einander
verkehrten, war fr die feine, junge Dame etwas vllig Neues. Sie
verglich soeben im Stillen diese derbe Redeweise, welche hufig mit
plattdeutschen Worten vermischt war, und dies Hndeschtteln und
laute, ungenirte Wesen der Gste mit den grazisen, feinen Formen
der eleganten Welt, in der sie sich bis jetzt bewegt hatte. Da trat
sie aus dem Nebenzimmer, in das sie fr einige Augenblicke gegangen,
wieder zu der Gesellschaft, und ihre Blicke fielen jetzt auf den jungen
Volontair, welcher von den breiten, mecklenburger Schultern der andern
Herren fr sie bisher verdeckt worden war.

Ein leiser Ausruf der Verwunderung entschlpfte bei diesem Anblick
ihren Lippen; tiefe Rthe berzog ihr Gesicht, und unwillkrlich
trat sie einige Schritte vor. Herr von Gablenz, wie dieser junge
Mann genannt wurde, war in seiner leichten, gewandten Manier von
Einem zum Andern geschritten, indem er jeder der lteren Damen etwas
Verbindliches sagte und sich soeben in sehr sichrer, anmuthiger Haltung
dem Kreise der jungen Mdchen nherte, sein krauses, dunkles Brtchen
mit leisem Lcheln ber den Finger drehend. Da erblickte er Frida.
Hchstes Erstaunen in den Zgen hemmte er pltzlich den leichten
Schritt, und etwas wie Schrecken oder Verdru beschattete fr einen
Augenblick seine Zge. Aber auch nur fr einen Augenblick. Im nchsten
schon blitzte sein dunkles Auge hell auf, und das beglckteste Lcheln
auf der Lippe trat er mit freudigem Gru auf das junge Mdchen zu, das
ihm zum Willkommen die Hand entgegenstreckte.

Mein gndiges Frulein, welche freudige Ueberraschung, Sie hier zu
sehen! sagte er halblaut und kte Frida's bebende Hand, die er einen
Augenblick in der seinen hielt und wie zum stillen Einverstndni
leise drckte. Frida konnte ihrer freudigen Bewegung nur mit Mhe Herr
werden; aber sie fhlte, wie nthig es sei, da sie ruhig blieb, und
so sagte sie mglichst unbefangen, denn Hannchen trat eben zu ihnen:
Herr von Gablenz, ich freue mich sehr, Sie hier zu begren. Sie haben
ihre Freunde in B. so schnell verlassen, da wir Alle nicht wuten,
wohin Sie abgereist waren. Liebes Hannchen, wandte sie sich dann
unbefangen zu ihrer Cousine, Herr von Gablenz ist ein Freund unsres
Kreises in B., es ist eine groe Ueberraschung fr mich, ihn hier
wieder zu sehen.

Ein Glck, das ich mir nicht trumen lie, mein gndigstes Frulein!
fuhr Herr von Gablenz fort und fgte ein so bedeutsames Lcheln hinzu,
da Frida sich schnell abwandte und Hannchens Aufmerksamkeit auf
etwas anderes zu lenken suchte. Diese war aber weit davon entfernt,
den wahren Sachverhalt zu ahnen, sondern drckte nur in ihrer sanften
Weise ihre herzliche Befriedigung aus, da Frida die Freude habe,
einen Bekannten aus ihrer lieben Heimath wiederzusehen. Bald aber lie
sie die Beiden allein, die sich nun schnell in ein lebhaftes Gesprch
vertieften. Als man hrte, da Frida und Herr von Gablenz gute Bekannte
seien, verwunderte sich auch niemand, da sie den Tag ber viel mit
einander sprachen und verkehrten; was aber Frida fhlte und dachte,
das mgen uns wieder einige Zeilen sagen, welche sie ihrer Freundin am
Morgen nach diesem fr sie so ereignireichen Tage sandte.


                    Liebste, theuerste Franziska!

  Was habe ich Dir heute mitzutheilen! O Frnzchen, wie glcklich,
  wie selig bin ich, denke nur, ich habe =ihn= gesehen! Ja, staune
  immerhin, ich habe auch gestaunt, und im ersten Augenblicke meinte
  ich zu trumen, als seine schne, edle Gestalt vor mir stand, und
  sein herrliches, dunkles Auge mich anschaute, mit dem bekannten, ach
  nur =mir= bekannten, strahlenden Blicke! O was so ein Blick alles
  sagen kann und so ein Lcheln, wie es bei meinem Anblick um seinen
  Mund schwebte! Ich htte jubeln, aufjauchzen mgen vor Wonne, und
  doch durfte ich es nicht, mute stumm und still mein Glck im Herzen
  verschlieen, damit niemand es ahnte; ja ich durfte selbst den sen
  Hndedruck nicht erwiedern, mit dem er mich begrte, denn meiner
  Cousine Augen ruhten verwundert auf uns. Aber wenn wir auch den
  ganzen Tag nur gleichgltige Dinge mit einander gesprochen haben, was
  schadet es, wir sind uns doch wieder nah', ich kann doch wieder ab und
  zu dieselbe Luft mit ihm einathmen; denn ich werde ihn wiedersehen,
  hoffentlich oft und lange. Er ist als Volontair fr einige Zeit hier
  in der Nhe auf einem der Gter, und er sagte mir zur Entschuldigung
  fr seine schnelle Abreise, die Sache habe sich so rasch gemacht,
  und sein Aufenthalt auf Hermsbach sei keineswegs eine so fest
  abgeschlossene Sache, da er davon gegen uns im Voraus htte sprechen
  mgen. Ach fr mich bedurfte es ja dieser Entschuldigungen nicht, mir
  gengte damals das Schreckliche: er war fort; aber die Wonne, ihn nun
  hier wieder gefunden zu haben, wiegt alles auf. Nun will ich gern in
  meines Onkels Hause bleiben, so lange sie mich behalten mgen, nun
  sehe ich =ihn= doch zuweilen, das lt alle Entbehrungen und alles
  Unbehagen vergessen, das ich dort zu ertragen habe. O wie er dasteht
  unter diesen derben, massigen, mecklenburger Gestalten! Wie ein Prinz
  im Mrchen! Ich wrde mich nicht wundern, wenn eine goldene Krone
  in seinen glnzenden, schwarzen Locken blitzte; denn wie ein Frst
  schreitet er unter diesen derben, simplen Leuten hier einher, und
  in der That scheint auch alles ihm zu huldigen und das Uebergewicht
  seiner geistigen wie krperlichen Gaben anzuerkennen. Die alten Damen
  werden ordentlich wieder jung, wenn er ihnen in seiner anmuthigen
  Weise den Hof macht, was ihnen von den hiesigen hlzernen, jungen
  Herren nicht geboten wird. Und nun gar die jungen! Sie hngen alle
  mit wahrhaft schwrmerischen Blicken an ihm, wie an einem Zauberer,
  und selbst meine beiden schlichten, blden Cousinen knnen ihre
  Kornblumenaugen nicht von ihm abwenden, wenn er in ihre Nhe kommt.
  Die kleine, reizende Pastorentochter ist ganz bestimmt schrecklich
  in ihn verliebt, oder ich mte mich wenig auf dergleichen Dinge
  verstehen. Das Spashafteste aber ist die Schwrmerei eines groen,
  blassen Mdchens, die ber die erste Blthe hinaus ist, wenn sie
  berhaupt je eine hatte. Es ist die Nichte des Herrn von Helldorf, in
  dessen Hause Gablenz sich aufhlt, und die, wie ich hre, sehr reich
  sein soll. Das stete Beisammensein mit dem jungen Volontair scheint
  das arme Wesen ganz bezaubert und verwirrt zu haben. Es ist wahrhaft
  jmmerlich, wie sie die blassen Augen verdreht und die Lippen zum
  sesten Lcheln spitzt, wenn er sie einiger Worte wrdigt, und dann
  sitzt sie wie verzckt da und schaut ihm nach, wenn er ihr den Rcken
  gewandt. Und nun zu wissen, dieser herrliche Mann, den alle lieben,
  alle verehren, alle besitzen mchten, er gehrt mir, mir allein;
  keine von allen, denen er in seiner gewandten Weise oft angenehme
  Dinge sagt, besitzt seine Liebe, sondern nur allein ich, ich, die
  Glckliche, Beneidenswerthe; -- o Franziska, das ist ein Gefhl, ein
  Gedanke, berwltigend schn und beglckend. Wenn ich nicht wte,
  wie theuer ich ihm bin, so knnte ich hier unter den vielen jungen
  Mdchen ganz eiferschtig werden, da sie ihn alle so verehren und
  lieben. Den ungeleckten, jungen Bren der hiesigen Gesellschaft
  gegenber wirkt sein einnehmendes Wesen mit doppeltem Zauber auf die
  schlichten Landmdchen, und der lose Gablenz scheint sich ein wahres
  Vergngen daraus zu machen, diesen Zauber mglichst auszubeuten.
  Einige Worte, die er mir lachend zuflsterte, als er mit der schnen,
  schwrmerischen Pfarrerstochter zwei schmelzende Duette gesungen und
  der blassen Frl. von Helldorf eine zarte Rose mit einigen schelmischen
  Worten berreicht hatte, besttigten meine Vermuthung. Mich liebt
  er; aber den andern jungen Damen macht er ebensosehr den Hof, als
  mir selbst, und das ist mir ganz recht, so merkt eben niemand, wie
  die Sachen eigentlich stehen. O wenn Papa erfhre, da er hier ist!
  Ich glaube wirklich, er holte mich gleich zurck. Aber er wei ja
  glcklicherweise nicht, da Gablenz berhaupt B. verlassen hat, und
  nun gar, da er sich hier in dieser Gegend aufhlt.

  Doch nun genug, mein Frnzchen. Du kannst jetzt wieder ruhig und froh
  an mich denken; denn jetzt ist alles gut. Uebrigens mu ich meinen
  Verwandten zum Lobe nachsagen, sie sind von einer auerordentlichen
  Liebe und Gte gegen mich, und das Landleben ist berhaupt nicht so
  schlimm, als ich erst dachte. An dem gestrigen Tage haben wir auf dem
  kleinen See bei Pastors herrliche Stunden verlebt unter Gesang und
  tausend Scherzen, und dann auf der Wiese prchtig gespielt. Aber sind
  die Mdchen hier plump und blde, es ist zum Todtlachen. Sie wissen
  alle nicht um die Ecke, wie Graf Salm immer sagt. Gablenz war immer
  der Mittelpunkt, um den sich alles schaarte; er leitete und ordnete
  alles, und Du kannst denken, da ich ihm treulich zur Seite stand. O
  es war himmlisch! In Liebe und Glck

                                           Deine =Frida=.


Aber auch Herr von Gablenz schrieb an dem Morgen, der dem
Zusammentreffen Frida's mit ihm folgte und das schwrmerische junge
Mdchen so unendlich beglckt hatte, einen Brief, der uns einen Blick
geben mag, wie es eigentlich mit diesem Herrn bestellt war, dem Frida
in ihrer Unerfahrenheit und Schwrmerei bereits nur allzuviel Raum in
ihrem Herzen eingerumt hatte.


  Bester Eduard! schrieb er mit fliegender Feder. Vor Kurzem theilte
  ich Dir mit, wie weise ich Deine Rathschlge mir zu Herzen genommen,
  und wie gut sich alles zu gestalten scheint. Dank Deiner Frsorge habe
  ich zur rechten Zeit noch in B. den Staub von meinen Fen schtteln
  und der Sttte Lebewohl sagen knnen, wo mir das Pflaster zu hei
  unter den Fen wurde, und meine Glubiger anfingen, gar zu scharf
  die Zhne zu zeigen. Wie ein Meteor kam ich und verschwand ich in
  jenen angenehmen Kreisen, um hier von Neuem aufzutauchen und mir jene
  Erbin zu sichern, von der Deine Freundschaft fr mich Errettung hofft
  aus dem Drangsale, das mein edles Haupt umgarnt. O Himmel ja, meine
  Schulden fressen an mir wie hungrige Ungethme, und nur eine Erbschaft
  oder eine reiche Heirath kann mich retten. Da mir fr Erstere aber
  nirgends ein Stern dmmern will, denn das Geschlecht der Goldonkel
  hat mir Aermsten nie geblht, so bleibt nur das Zweite noch brig. In
  B. gab es hbsche Mdchen genug; aber alle mit wrdigen Vtern und
  Mttern versehen und von zahllosen Geschwistern umringt, also fr
  meine Zwecke nicht geschaffen. Ich mu disponibles Vermgen vor mir
  sehen, um meiner Schwachheit hlfreich beistehen zu knnen; ferne
  Aussichten, oder Abhngigkeit von der Gte barmherziger Schwiegervter
  kann mich nicht retten, und wenn die Tchter Engel an Schnheit wren.
  Solch ein blondes Engelchen htte mich edlen Ritter sonst sicher nicht
  verschmht; ich las es in ihren veilchenblauen Aeuglein und ahnte
  wohl, da mein Verschwinden ihr Herzchen bitter krnken wrde, da sie
  gewaltig Feuer gefangen. Aber lieber Himmel, wer kann an so etwas
  denken, wenn das Feuer auf den Ngeln brennt! Ich war ihr entschlpft
  zur rechten Stunde, und alles schien im besten Gange. Ich wurde als
  Volontair in Hermsbach angenommen, die Erbin ist bla und hlich
  und grndlich langweilig; -- aber was hilft das alles, ihr Geld mu
  die Schden zudecken. Sie ist bereits zum Sterben in mich Ausbund von
  Liebenswrdigkeit und Anmuth verliebt; denn das bei dieser simplen
  Landpommeranze zu erreichen, war fr mich keine Herkulesarbeit. Leider
  haben Onkel und Tante aber ein Wort mitzusprechen, und die mir gnstig
  zu stimmen, bedarf noch einiger Geschicklichkeit. Uebrigens scheint
  dies Mecklenburg eine wahre Fundgrube von hbschen Mdchen zu sein;
  (leider macht nur meine Erbin eine traurige Ausnahme!) denn wie die
  Amoretten in Thorwaldsens Neste voll Liebesgtter sitzen sie hier
  dicht bei einander, so da man sich die Zeit gut vertreiben kann.
  Besonders eine kleine, schwarzugige Pfarrerstochter knnte mich alle
  hbschen Blondinen zeitlebens vergessen machen. Hchst unbequemer
  Weise aber, und whrend ich im besten Zuge bin, den Liebenswrdigen
  bei all den hbschen Mdels zu spielen, taucht pltzlich meine holde
  Blondine aus B. vor mir auf, aus deren Banden ich glcklich entflohen
  war, als Deine Weisung kam, mir den hiesigen Goldfisch zu fangen.
  Sie war strahlend vor Entzcken, mich Ausreier hier zu finden, und
  ich? Nun ich mte nicht Alfred von Gablenz sein, htte ich nicht
  augenblicklich ebenso strahlend in ihr holdes Augenpaar geblickt
  und das Lied fortgesungen, das ich in B. begonnen. Ach Lied! Das
  war ein unglckliches Bild; denn ein Lied ist's, was allein mich
  bei der Geschichte etwas beunruhigt. Jetzt ist's nun eine kstliche
  Komdie, die ich zu spielen habe; denn die kleine, schwarzlockige
  Pfarrerstochter, deren schne Augen mich fr die blassen meines
  Goldfischchens etwas entschdigen mssen, glaubt mich ebenfalls zu
  ihren Fen, und es gehrt die ganze Gewandtheit Deines Freundes dazu,
  mein Schifflein hier geschickt so zu steuern, da Jede die Beglckte
  zu sein scheint, bis ich meines Zieles ganz sicher bin. Aber das
  gerade ist mein Element, drum Glckauf und ein frhlich Gelingen
  Deiner Plne, Du kluger Pfadfinder.

                                    Dein getreuer
                                      =Alfred von Gablenz=.


Woche um Woche verging; Frida aber hatte keine Ahnung von der
Treulosigkeit und dem doppelten Spiele des leichtsinnigen Mannes, dem
sie mit der ganzen schwrmerischen Liebe eines jungen Herzens anhing.
Obwohl er sich htete, mit Frida in bestimmteren Worten von seiner
Liebe zu sprechen, so behielt er doch gegen sie den Ton der Hingebung
und Verehrung bei, den er bisher schon angeschlagen, und nhrte dadurch
Frida's stilles Trumen und Hoffen. Wohl sah und hrte sie, da er
auch gegen Helene eine wrmere Sprache fhrte, und da er Sophie von
Helldorf oft in auffallender Weise auszeichnete; aber ihr Herz ward nie
ernstlich hiervon beunruhigt. Glaubte sie doch immer, es geschehe nur,
um die Aufmerksamkeiten gegen sie selbst dadurch zu verdecken, und kein
Schatten eines Mitrauens zog in ihr junges, unerfahrenes Gemth.

Das Glck und die Freude machten Frida noch lieblicher, als sie
ohnehin schon war, und ihre Anmuth gewann ihr schnell die Herzen all
dieser braven, einfachen Menschen, mit denen sie hier verkehrte. Ihr
launisches und trotziges Wesen, wie sie es zu Hause so oft gegen
die Ihren zeigte, schien ganz verschwunden; denn das Beispiel ihrer
bescheidenen Cousinen, denen derartige Unarten etwas vllig Fremdes
waren, wirkte unendlich vortheilhaft auf das weiche, leichtempfngliche
Gemth Frida's. Immer mehr und mehr wurde sie der Liebling von Jung
und Alt; denn sie gehrte zu jenen glcklichen Naturen, welche von
jedermann verzogen und gehtschelt werden. Die jungen Mdchen wagten
sich in ihrer blden, zaghaften Weise zwar Anfangs nicht recht an
die so elegante, junge Dame heran, die mit so viel Gewandtheit und
Sicherheit unter sie trat; Frida aber zeigte ihnen ein so herzliches
und unbefangenes Entgegenkommen, da alle Scheu entschwand, und sie
mit allen bald gute Freundschaft schlo. Die jungen Herren hingegen
hatte Frida's Anmuth gleich von Anfang an gewonnen. Durch ihr leichtes,
gewandtes Benehmen, verbunden mit Witz und Heiterkeit, zeichnete sie
sich so vortheilhaft aus vor den schwerflligen, schchternen und
zaghaften jungen Mdchen, unter welchen sie auftrat, da jeder sich
am liebsten mit ihr unterhielt. Sie verstand es vortrefflich, den
Ton zu treffen, der fr jeden Einzelnen pate, und selbst der scheue
und steife Walter Helldorf berwand mit der Zeit seine ngstliche
Bldigkeit, wenn die muntere Frida mit ihm scherzte. Justus Werder aber
und sein Freund, der lustige, junge Arzt, und mit ihnen noch einige
andere junge Leute der Nachbarschaft, schwrmten bald smmtlich fr
die bezaubernde junge Dame und brachten ihr jeder in seiner Weise die
wrmsten Huldigungen dar. Zur groen Verwunderung ihrer Cousinen nahm
Frida diese allgemeine Verehrung uerst ruhig und sorglos hin; sie
hatte es ja auch zu Haus nicht anders gekannt, und ihr Herz wurde in
keiner Weise dadurch beunruhigt. Sie scherzte und lachte mit allen um
so sorgloser, da sie eigentlich dabei nur immer an den dachte, der ihr
die ganze Seele erfllte. Er war ja fast immer unter den jungen Leuten,
mit denen sie verkehrte, und das belebte ihr ganzes Wesen. Ihm allein
galten ja eigentlich ihre Worte und ihre witzigen, munteren Reden, und
ein rascher Blick seines Auges, eine flchtige Anspielung, nur fr sie
verstndlich, waren vllig hinreichend, Frida fr viele Tage froh und
glcklich zu machen.

Wenn Frida jetzt nach Hause schrieb, da sie sich wohl und zufrieden
bei Onkel und Tante fhle, so hatte natrlich die Anwesenheit dessen,
den sie im Herz und Sinn trug, einen groen Antheil hieran. Aber
der alleinige Grund ihres Wohlseins war es dennoch nicht; Frida
lebte sich in der That von Tage zu Tage mehr ein in dem Kreise,
der sie aufgenommen. Jugend ist so empfnglich fr alles Neue, und
hier waren es zu Frida's Glck nur edle und gute Elemente, welche
auf sie einwirkten. Die Freundschaft, die sie bald mit Hannchen und
Charlotte verknpfte, war viel tieferer und besserer Art, als alle
ihre bisherigen Freundschaften, und Frida war selbst oft verwundert,
da junge Mdchen so wenig von Putz und Aeuerlichkeiten mit einander
sprachen, als sie und ihre Cousinen, und sich dennoch ganz vortrefflich
dabei unterhielten. Auch mit Helene Werder, der braunugigen
Pfarrerstochter, war Frida bald herzlich befreundet, und selbst Sophie
Helldorf zeigte fr die bedeutend jngere Frida eine warme Zuneigung
wenn auch ihre Blicke oft mit ngstlicher Spannung die Huldigungen
verfolgten, welche der schne Volontair dem reizenden Mdchen
darbrachte.

So war eine geraume Zeit vergangen, da bemerkte Frida zuweilen, da ihr
liebes Hannchen mit roth geweinten Augen umherging, und auch Charlotte
oft niedergeschlagen und trbugig dreinschaute. Auf ihre Fragen
erhielt Frida ausweichende Antworten, sie machte sich deshalb keine
weiteren Sorgen darber.

Eines Tages aber, als man wieder im Hause Pastor Werders frhlich
zusammen gewesen, nahm Charlotte Frida unter den Arm und ging mit ihr
in eine der verstecktesten Lauben des Gartens.

Ich mchte dich gern einmal etwas fragen, liebe Frida; aber sei mir
drum nicht bse, sagte Lottchen dort schchtern und malte mit einem
Stckchen, das im Wege lag, verlegen Figuren in den Sand.

Warum sollte ich bse sein, Lottchen? Was hast du? entgegnete Frida
verwundert.

Es ist nur, fuhr Charlotte zgernd fort, ich wollte dich nur fragen,
liebst du das Leben auf dem Lande jetzt sehr?

Ei gewi liebe ich es, mehr als ich je dachte! rief Frida lebhaft.

So mchtest du wohl ganz gern dort leben, vielleicht einmal als
Pastorenfrau? stotterte Lottchen jetzt tief errthend und whlte mit
dem Stckchen aufgeregt im Fuboden umher.

Als Pastorenfrau? sagte Frida staunend. Wie kommst du denn darauf,
Lottchen? Das ist ja eine merkwrdige Idee. Findest du denn, da ich
=dazu= passe?

Nein, ehrlich gestanden finde ich eben, da du gar nicht dazu pat,
Frida; aber nimm es mir nur nicht bel, entgegnete Lottchen immer
befangener werdend.

Nun warum in aller Welt frgst du mich denn da so sonderbar? lachte
Frida.

Weil -- nun weil ich dachte, du mchtest den Justus heirathen, rief
Lottchen nun fassungslos und warf das Stckchen weit von sich.

Den Justus Werder? Ich den Justus Werder heirathen? Lottchen, ich
glaube du trumst! sagte Frida, die Augen weit ffnend. Wie kommst du
denn darauf? Das wrde mir ja nun und nimmer in die Gedanken gekommen
sein! Der Justus und ich, welch eine unglckliche Zusammenstellung!

Charlotte war von ihrem Sitze aufgesprungen und hatte Frida's beide
Hnde ergriffen.

Du denkst nicht daran und hast den Justus nicht lieb, Frida? rief sie
mit strahlenden Blicken.

Nein doch, nein, ich bin so weit davon entfernt, als man es nur sein
kann! entgegnete Frida von Herzen lachend. Ich gbe eine schne
Predigerfrau ab! Du komisches Mdchen, wenn du dir darum Gedanken
gemacht hast, dann beruhige dich. =Ich= nehme dir Justus Werder nicht
weg, und er will mich auch gar nicht.

Ach ich liee ihn dir gern, Frida, sagte Lottchen leise. Wenn =ich=
ihn liebte, htte ich diese Fragen nicht an dich richten knnen. Aber
siehst du, ich kann es nicht mit ansehen, da Hannchen sich so abhrmt,
um ihretwillen ist's.

Hannchen liebt den Justus? rief Frida voller Entzcken. O das ist ja
kstlich, das mu ein Paar werden! Hannchen mit ihrem frommen, blonden
Gesichtchen giebt eine wundervolle Pastorsfrau ab. Hat Justus denn eine
Ahnung davon, und glaubst du, da er sie auch liebt?

Das ist's ja eben, was mich qult! sagte Charlotte niedergeschlagen
Frher, ehe -- nun da ich es dir ehrlich sage, Cousinchen, ehe =du=
kamst, zeichnete Justus unser Hannchen ganz entschieden aus. Das
sahen auch seine Eltern, die es sehr wnschen; denn Hannchen ist ihr
Liebling. Aber jetzt ist er so anders geworden. Jetzt gilt seine ganze
Aufmerksamkeit dir, und das ist ja so natrlich, Hannchen verschwindet
ja neben dir vollstndig, wie wir alle. Da du nun so sehr freundlich
gegen Justus bist und ihn so sehr auszeichnest, so -- -- --

Ja ja, so dachtet ihr, ich wollte ihn deshalb gleich heirathen! rief
Frida lachend. O ihr guten, lieben Kinder! Wenn ich alle die heirathen
wollte, die mir den Hof machen, dann htte ich eine schne Auswahl.
Courmachen und Heirathen sind zwei himmelweit verschiedene Dinge,
Liebchen!

Charlotte war sehr ernst geworden. Frida, sagte sie, weit du, es
ist vielleicht sehr altmodisch und lndlich von mir; aber mir scheint,
man mte nur demjenigen so freundlich entgegen kommen, als du es mit
Justus gethan, den man wirklich lieb hat, sonst thut man ein Unrecht.
Wenn Justus nun deine Liebenswrdigkeit anders auslegt und sich
einbildet, du magst ihn leiden? Er wrde dir dann vielleicht einen
argen Vorwurf daraus machen, sobald er erfhre, er habe sich geirrt.

Aber Lottchen, bin ich denn gegen Justus wirklich freundlicher, als
gegen alle andern jungen Leute? sagte Frida kopfschttelnd.

Ich wei es nicht, Cousinchen, entgegnete Charlotte pltzlich
sehr roth werdend. Aber es mu wohl so sein, sonst knnte Hannchen
sich nicht so sehr grmen. Aber freilich, du bist so ganz anders
erzogen, als wir. Bei dir ist alles Grazie und Anmuth; wir sind wahre
Perckenstcke neben dir, da mag solche Liebenswrdigkeit wohl anders
beurtheilt werden. Niemand von uns htte den Muth und die Gewandtheit,
so unbefangen ber alles zu scherzen, als du es thust, und so ungerhrt
sich die sesten Schmeicheleien sagen zu lassen.

Frida errthete. Gestehe es nur, Lottchen, sagte sie schelmisch,
eigentlich findet ihr alle zusammen, da ich eine ausgemachte, eitle
Coquette bin, nicht wahr?

O nein, nein, Frida, um alles in der Welt, denke das nicht! rief
Lottchen eifrig.

Nun, wenn auch nicht ganz so schlimm, so doch ein Bischen, nicht wahr,
Schatz? sagte Frida, Charlotten umschlingend und ihr herzlich in die
Augen schauend.

Nun ein Wenig zurckhaltender knntest du allerdings wohl sein, Frida,
das ist richtig, entgegnete Charlotte ehrlich. Aber sei nicht bse
drum. Ich las krzlich ein Verschen in den Gedichten von Friedrich
Rckert, die du mir geborgt hast; das fllt mir jetzt manchmal ein,
wenn ich dich so sicher und selbstbewut unter den jungen Leuten sehe.

Und wie ist dieser Vers, meine kleine Lotte? fragte ihre Cousine
lchelnd.

Er heit, aber sei nicht bse:


    Schn bist du,
    Das weit du
    Nur leider zu sehr;
    O wtest du's minder,
    So wr'st du es mehr.


Du ganz abscheuliches Mdchen! lachte Frida tief errthend, du sagst
mir da bittere Sigkeiten. Aber ich danke dir dafr, ich werde daran
denken. Bis jetzt hat mir kein Mensch gesagt, da ich anders sein
sollte; es ist aber mglich, du hast nicht unrecht.

Und du bist mir wirklich nicht bse, Frida? sagte Charlotte flehend,
ihre Cousine schttelte aber halb lchelnd, halb ernsthaft den Kopf und
kte die hbsche Tadlerin herzlich. Dann versprach sie ihr, besonders
gegen Justus zurckhaltender zu sein, damit er she, sie denke nicht
daran, ihn fr sich zu gewinnen.

Charlotte schien zwar noch etwas sagen zu wollen, schlo aber die schon
geffneten Lippen wieder mit einem kleinen Seufzer und folgte Frida,
welche sie frhlich plaudernd den Baumgang hinabfhrte.

Aber kaum waren die beiden Cousinen wieder in das Haus zurckgekehrt,
so merkte Frida, da Hannchen auch gern etwas mit ihr sprechen wollte,
die Gelegenheit dazu sich aber immer nicht fand.

Hannchen, sagte Frida endlich unbefangen, du hast gewi wieder
einmal deine bsen Kopfweh; komm ein Bischen mit mir in den Garten, mir
ist heut auch gar nicht recht wohl.

Hannchen war schnell bereit dazu, und bald umschattete jene ferne
Laube, welche kurz zuvor Lottchens Gestndnisse aufgenommen hatte, nun
auch Hannchens Wangen, welche sich pltzlich sehr dunkel frbten.

Weit du, liebe Frida, sagte sie pltzlich mit ihrer weichen,
lieblichen Stimme und prete die Hnde fest in einander. Es ist mir so
lieb, da ich einmal allein mit dir sprechen kann.

Frida konnte ein Lcheln nicht unterdrcken; denn sie ahnte, von wem
ihr sanftes Hannchen mit ihr sprechen wollte. Sie versuchte ihrer
Cousine auf halbem Wege entgegen zu kommen und sagte vertraulich:

Du hast etwas auf deinem Herzen, Hannchen, ich habe es wohl gemerkt,
was ist's? Welcher Bsewicht hat es gewagt, den Frieden deines sanften
Gemthes zu stren, mein schchterner, kleiner Vogel?

Nicht doch, Frida, sag' doch so etwas nicht, entgegnete Hannchen und
schlug bang die Augen nieder, damit ihr Blick nicht die Worte strafen
mchte. Ich wollte dich gern etwas fragen, einen unsrer Nachbarn
betreffend.

Sagt' ich's nicht? rief Frida schelmisch, ein Nachbar macht deinem
sanften Herzchen zu schaffen! Heit er mit dem ersten Anfangsbuchstaben
etwa Justus Werder?

Hannchen schrak leicht zusammen und blickte Frida scheu an.

Wie kommst du darauf, von =ihm= so zu sprechen? sagte sie herber, als
sonst ihre Art war. Dann aber strich sie leicht mit der Hand ber ihre
Augen, und als bereue sie ihre Unfreundlichkeit fuhr sie in sanftem
Tone fort: Nicht von mir ist die Rede, liebe Cousine, sondern von
jemand ganz andrem. Sage mir, Frida, meinst du nicht auch, da jemand
dich sehr, sehr gern zu haben scheint?

Mich? Von mir sprichst du, Hannchen? rief Frida lachend. Nun ich
hoffe, ihr alle habt mich sehr, sehr gern.

Ach so meine ich es ja nicht, das versteht sich ja von selbst, sagte
Hannchen ausweichend. Wie soll ich mich nur deutlich machen, ich
bin so ungeschickt! Ich meine, hast du nicht gemerkt, da jemand in
Hermsbach dich sehr, sehr gern hat?

Jetzt war es an Frida, zusammenzuschrecken und errthend die Augen
niederzuschlagen. Rasch aber fate sie sich und sagte: Ach die
Galanterien der jungen Leute sind nicht so ernsthaft zu nehmen, liebes
Hannchen. Herr von Gablenz hat ja fr uns alle stets etwas Angenehmes
auf den Lippen; mich zeichnet er wirklich nicht mehr aus, als jede von
euch.

Ich meine auch gar nicht den Herrn von Gablenz, fuhr Hannchen zgernd
fort, ich meine einen Anderen, der dich so auszeichnet, wie sonst
niemanden. Errthst du ihn nicht?

Frida athmete froh auf und rief lachend: Ich glaube gar, du sprichst
von Walter Helldorf! Hab' ich's errathen, Cousinchen?

Hannchen nickte ernst und sah vor sich nieder.

Nun? Und warum beunruhigt es dich, da ich den armen, blden Jungen
ein Bischen munter gemacht und ihm die Zunge gelst habe? Ich denke,
fr deine Augen giebt es doch einen anderen Magnet, als Walters
ehrliches Gesicht, oder ich mte auf ganz falschem Wege sein.

Ach bitte, la =mich= doch nur aus dem Spiele, sagte jetzt Hannchen
fast weinend. Ich htte dies Gesprch ja gar nicht begonnen, wenn
nicht..... Ach siehst du, Frida, sage doch ehrlich, liebst du Walter
Helldorf?

Frida lachte hell auf. Ihr seid ein paar wundervolle Kinder, du und
Lottchen um die Wette. Die Eine denkt, ich..... Doch halt, das wollte
ich nicht sagen. Nun Hannchen, und =wenn= ich ihn nun gern htte, den
guten, ehrlichen Jungen, was dann? =Dir= kme ich ja doch nicht in's
Gehege damit, Kleine?

Hannchen brach pltzlich in Thrnen aus. O Frida, ist es wahr, liebst
du ihn wirklich? rief sie angstvoll. O bitte, bitte, sage die
Wahrheit!

Frida wurde jetzt ganz ernst und sagte weich: Nein, nein, Hannchen,
beunruhige dich nicht; Walter pate so wenig zu mir, als etwa Justus
Werder. Die brauchen alle Beide ganz andere Frauen, als ich eine
abgbe. Aber nun sage mir auch, was deine Frage zu bedeuten hat; denn
ehrlich gestanden, ich werde nicht klug aus dir. Ist dir wirklich so
viel an Walter gelegen, da dich der Gedanke so unruhig macht, ich
knnte ihn gern haben?

O nein, nicht meinetwegen ist's, Frida! rief Hannchen jetzt durch
ihre Thrnen lchelnd. Wre dies der Fall, dann htte ich nie den Muth
gehabt, dich danach zu fragen. Nein, es ist wegen Lottchen. Ich wei,
sie hngt mit inniger Liebe an Walter, und ich glaube, er hatte sie
wohl auch recht gern, ehe....

Aha, ich merke schon, rief Frida rasch, ehe die abscheuliche Frida
zu euch kam, und mit ihrer unertrglichen Coquetterie sein armes,
braves Herz umgarnte, ist's nicht so, Cousinchen? O gestehe es nur,
so ist's! Seine blauen, ehrlichen Augen sind seitdem etwas aus ihrem
Cours gewichen und meiner Spur gefolgt, statt da sie den beiden
Kornblumenuglein nachschauen, die bis dahin ihr Ziel bildeten. Nicht
wahr, mein armes Hannchen, das war's, was dich gekrnkt hat?

Hannchen blickte mit sanftem Flehen auf und wute nichts zu erwiedern,
Frida aber fuhr mit ironischem Lachen fort: Jetzt fehlt nur noch, da
Helene und Sophie kommen und mich anklagen, ich bestricke den jungen
Doktor und Herrn von Gablenz, die sie fr sich bestimmt haben. O! rief
sie heftig und sprang vom Sitze auf, warum jagt ihr die abscheuliche
Coquette denn nicht zum Hause hinaus? Besseres verdient sie ja nicht
fr ihr schamloses Betragen.

Hannchen umschlang das leidenschaftliche Mdchen weinend mit ihren
Armen, denn sie verstand nicht recht, was Frida so heftig erregt hatte.

O verzeih mir, Cousinchen, verzeih mir, bat sie schluchzend, es
war unrecht von mir, dich durch meine Fragen so zu krnken, ich sehe
es jetzt erst ein. Nur meine Sorge und Liebe fr Lottchen lieen mich
alle Rcksicht vergessen, sonst htte ich nie den Muth gehabt, so etwas
zu sagen. O nun bist du mir so bse, und wahrlich, ich habe es nicht
anders verdient!

Und bitterlich weinend sank sie wieder auf die Bank, das Gesicht mit
den Hnden bedeckend.

Frida, deren Heftigkeit so pltzlich hervorgebrochen war, nachdem
sie eben noch ber Hannchens Idee gescherzt, schmte sich ihrer
Leidenschaft und setzte sich still neben Hannchen, ihr die Hnde
streichelnd und bemht, sie zu beruhigen. Als ihr dies endlich
gelungen, sagte sie, mit Gewalt ihre Aufregung bei der Frage
niederkmpfend: Nun sollst du mir zur Shne aber noch etwas gestehen,
liebes Hannchen. Was ich vorhin mit bitterem Hohn sagte, will ich jetzt
noch einmal ruhig und gleichmthig fragen, damit ich wei, da ich
weiter niemanden unter euch mit meinem Betragen krnke. Glaubst du, da
auch Helene oder Sophie oder sonst jemand der Freunde Grund hat, mein
Benehmen in hnlicher Weise zu tadeln? Bitte, sage es mir ehrlich; ich
will nicht wieder heftig werden, ich verspreche es dir!

Nein, das glaube ich kaum, entgegnete Hannchen nachdenkend. Helene
und Sophie sind sich gegenseitig wohl mehr im Wege, als du es ihnen
bist, das frchte ich seit einiger Zeit.

Sich gegenseitig? fragte Frida aufhorchend. Wobei denn?

O sie sind Beide thricht! rief Hannchen ungewhnlich streng, mir
scheint -- aber nein, ich will lieber nicht davon sprechen. Sie werden
selbst bald genug sehen, da nicht alles Gold ist, was glnzt, und da
so ein glatter Herr nicht gemacht ist fr uns simple Dorfmdchen.

Sprichst du von Herr von Gablenz, Hannchen? stammelte Frida leise.

Freilich spreche ich von ihm, sagte Hannchen achselzuckend. Es
verdriet mich, da ihr alle den eitlen Mann so vergttert und ihn
dadurch nur noch mehr verderbt, als er so schon ist.

Verdorben nennst du ihn? rief Frida emprt. Was berechtigt dich
sanftes Wesen denn zu einem so ungerechten und harten Urtheil ber
diesen so ungewhnlich liebenswrdigen, jungen Mann?

Eben seine ungewhnliche Liebenswrdigkeit, entgegnete Hannchen
ernst. Ich bin einmal ein sehr ruhiges und nchternes Mdchen und in
einfachen Verhltnissen aufgewachsen; mir gefllt Herr von Gablenz ganz
und gar nicht, und wenn ich es ehrlich sagen soll, ich traue ihm nicht.

Aber warum denn in aller Welt, Hannchen? Was giebt dir denn nur Grund
zu solcher Hrte und solchem Mitrauen? rief Frida bebend; denn sie
konnte ihren Zorn und ihre Aufregung kaum verbergen, den Mann von
Hannchen schmhen zu hren, den sie so verehrte und liebte.

Er ist glatt wie ein Aal, sagte diese achselzuckend. Er entschlpft
jedem ernsteren Gesprch, wie ich von den Herren gehrt habe, und da
er allen jungen Mdchen so bertrieben den Hof macht, meint er es mit
keiner ernst. So etwas mag fr die groe Welt passen, fr unser stilles
Dorf pat es nicht. Es geht das Gercht, er werde Sophie Helldorf
heirathen. Ich glaube es nicht. Aber wenn er es thun will, so kann er
es nur wegen ihres Reichthums wnschen; denn ein so eleganter Herr wird
sich nicht gerade die Unscheinbarste aussuchen; ihren hohen, innern
Werth kennt er schwerlich. Sophie wre eine groe Thrin, wenn sie
seine Werbung annhme. Gott mag wissen, wie es mglich ist, aber er hat
es ihr mit seinem glatten Wesen angethan, wie auch der schwrmerischen
Helene, ich habe es wohl gemerkt. Dich freilich ficht ein derartiges
einschmeichelndes Wesen nicht an, Frida, du bist von zu Haus daran
gewhnt und weit, da nicht viel auf dergleichen zu geben ist. Bei
uns schlichten Dorfkindern aber ist das anders. Helene und Sophie
nehmen alle die schnen Reden als baare Mnze und lassen sich den
Kopf damit verdrehen. Warnen oder Schelten hilft nichts, sie sind wie
bezaubert.

Frida hatte stumm zugehrt, denn jede Aeuerung wrde sie verrathen
haben. Aber ihr Herz klopfte so ungestm, da sie kaum athmen konnte.
Jetzt stand sie rasch auf und sagte: Du bist hrter, als ich dich
noch je gesehen habe, Hannchen. Aber ich will mich darber nicht mit
dir streiten. Ich glaube, wir mssen jetzt zum Abendbrod, es ist spt
geworden. Was unser voriges Gesprch betrifft, Lottchen und Walter
angehend, so verspreche ich dir, du sollst mit mir zufrieden sein, ich
werde an deine Mahnung denken.

Dann gingen die beiden jungen Mdchen schnell dem Hause zu. Aber ein
unruhiges, gespanntes Wesen war seit diesem Gesprche ber Frida
gekommen. Hannchens klares, nchternes Urtheil hatte sie aufmerksamer
auf das Benehmen ihres Verehrers gemacht, und sie konnte ihrer Cousine
in einigen Punkten nicht Unrecht geben. Vor allem aber beunruhigte
sie das Gercht, Gablenz werde Sophie von Helldorf heirathen und zwar
um ihres Reichthums willen. Sie warf den Gedanken als abscheulich und
unwrdig weit von sich; aber doch kam er immer von Neuem wieder in
ihren Sinn und qulte sie unaussprechlich. Sie mute wissen, ob auch
nur der Schatten von Wahrheit an dem Gercht war, und nur von Sophie
allein konnte sie etwas darber erfahren. Sie berwand deshalb ihre
innere Abneigung und Eifersucht und suchte hufiger mit dem jungen
Mdchen zusammenzutreffen.

Sophie von Helldorf war erst seit einiger Zeit im Hause ihres Onkels,
der dem verwaisten Mdchen eine neue Heimath in seiner Familie gegeben,
und ihre Unbekanntschaft mit den Freunden ihrer Verwandten sowohl,
als auch etwas Scheues und Steifes in ihrem Benehmen, hatten sie
bisher den andern jungen Mdchen etwas fern gehalten. Obwohl sie in
ihrer ueren Erscheinung unbehlflich und ungrazis erschien, so war
der Kern ihres Wesens doch durchaus trefflich und edel, und bei einer
uerst abgeschlossenen Erziehung hatte sie eine sorgfltige innere
Ausbildung erhalten. Obwohl sonst schchtern und ngstlich, zeigte sie
bei Gelegenheit ein entschlossenes, festes Wesen, das gar wohl seinen
eigenen Weg zu finden wute.

Bisher hatte sie ein ganz zurckgezogenes Leben gefhrt, durch die
Krankheit ihres Vaters bedingt. Nach dessen Tode trat sie als Erbin
eines groen Vermgens in des Onkels Haus und fing erst hier an, ihrer
Jugend froh zu werden. Die Huldigungen, welche der einnehmende Herr von
Gablenz ihr widmete, umstrickten ihr unerfahrnes Herz mchtig, waren es
doch die ersten, welche ihr berhaupt je im Leben dargebracht wurden.
Der Wunsch, die Seine zu werden, befestigte sich mehr und mehr in ihr
trotz des Widerstrebens ihrer Angehrigen, welche dem gewandten, jungen
Weltmanne nicht sehr gnstig waren und gar wohl ahnten, was denselben
so schnell und mchtig an das unscheinbare Mdchen fesselte.

Frida hatte es bald verstanden, sich das Vertrauen Sophie's zu
erwerben, und allerlei gemeinsame Interessen verknpften sie mehr und
mehr. Lange Zeit aber, so oft auch Frida das Gesprch auf Herrn von
Gablenz brachte, wurde Sophie ernst und einsilbig; denn eine stille
Eifersucht, welche immer wieder lebendig wurde, sobald Sophie Herrn
von Gablenz in Frida's Gesellschaft sah, schlo dieser gerade Frida
gegenber die Lippen doppelt fest.

Der Sommer war mit seinen warmen Tagen in das Land gezogen und hatte
die Frchte der Felder in so reicher Flle gereift, da man einer
gesegneten Ernte entgegenging. Diese fr den Landmann so wichtige
und bewegte Zeit brachte denn unendlich viel neues und reges Leben
mit sich, und Frida griff wacker mit in das Rderwerk ein, das jetzt
doppelte Geschftigkeit und Arbeit fr alle Hausbewohner brachte. Dies
rege Treiben und diese Arbeit vom frhen Morgen bis zum spten Abend
ward gerade jetzt zum unendlichen Segen fr Frida. Es war unmglich,
den Tag ber den eignen Gedanken nachzuhngen, oder ber Dinge still zu
grbeln, welche das Herz bewegten; denn unter doppelter Frhlichkeit
schaffte und wirkte jedermann von frh bis spt zum Wohle des Ganzen,
und Abends war Frida so mde und erschpft von der ungewohnten
Thtigkeit, da sie sogleich von den Armen des Schlafes umschlungen
und in dessen stilles Reich getragen wurde, sobald sie nur die Augen
geschlossen hatte.

Der Ernte folgte alsdann in den verschiedenen Dorfschaften die
frhliche Kirchweih, und es war eine alte Sitte, da die Nachbarschaft
zur Feier dieser Feste einander besuchte. Da gab es denn ein munteres
Treiben bald in Dahme, bald in Hermsbach oder einigen anderen
befreundeten Nachbardrfern, und die jungen Mdchen hatten nicht mit
Unrecht Frida gleich am ersten Abend von dieser frhlichen Zeit, als
der schnsten des ganzen Jahres, erzhlt. Tanz und Jubel und frhliche
Spiele vereinigten Jung und Alt unter den weiten Lauben, die berall
zu diesem grten Feste der Dorfbewohner errichtet wurden. Herrschaft
und Gesinde verkehrte in gemthlicher, ungebundener Weise mit einander,
und wenn sich die anmuthige Frida jetzt lustig im Arme des stattlichen
Groknechtes im Rundtanz drehte, so dachte sie nicht im Entferntesten
mehr daran, da sie einst solche Zumuthung als eine Beleidigung stolz
von sich gewiesen hatte.

Seit Frida's geheimen Gesprchen mit ihren beiden Cousinen in
jener fernen Laube des Gartens achtete das junge Mdchen fast mit
Aengstlichkeit darauf, ihr Benehmen zu ndern und besonders gegen
die jungen Herren vorsichtiger und zurckhaltender zu sein, als sie
es bisher gewesen. Einestheils wurde sie hierzu durch den Wunsch
bestimmt, sowohl Justus als Walter ihren Cousinen weniger zu entziehen;
anderentheils aber war es Charlottens leise Mibilligung ihres zu
freien Benehmens, was sie beeinflute; denn bei ihrer wachsenden Liebe
und Achtung fr ihre Cousinen hatte auch deren Urtheil einen greren
Einflu auf Frida, als ehemals aller Tadel und alle Vorstellungen von
Seiten ihres Vaters oder ihrer Stiefmutter. In dem stillen Wunsche,
Hannchens und Lottchens Glck ihrerseits mglichst zu frdern, gelang
es ihr zwar hufig, Walter und Justus an die Seite ihrer Cousinen zu
fhren; aber ihrer Ungeduld gingen die Sachen viel zu langsam. Freilich
waren Hannchen und Charlotte auch von einer peinlichen Zurckhaltung,
und um keinen Preis htten sie ahnen lassen, was ihr Herz bewegte.
Aber eben so wenig verstanden es auch ihre gar steifen, schwerflligen
Verehrer, die Gelegenheit beim Schopf zu erfassen, um den Sternen nher
zu kommen, die augenscheinlich das Ziel ihrer Wnsche bildeten.

Dies Interesse fr ihre Cousinen zog Frida jetzt hufig von den
Beobachtungen ab, welche ihre eigne Herzensneigung betrafen. Herr
von Gablenz war in unvernderter Weise ihr ergeben; aber in ebenso
unvernderter Weise umschwrmte er auch die andern jungen Mdchen,
deren durch diese lndlichen Feste eine noch grere Anzahl zugegen
waren. Den Schlu der Vergngungen sollte die Feier des Geburtstages
des alten Herrn von Helldorf bilden, und die ganze Umgegend war
eingeladen, derselben beizuwohnen.

Helfen Sie mir, Frulein Frida, etwas Abwechslung in die Freuden
dieses Tages zu bringen, sagte Herr von Gablenz halblaut. Wenn wir
Beide die Sache nicht in die Hand nehmen, wird sie langweilig wie die
ganze liebe Gesellschaft hier zu Lande.

Frida errthete froh, denn der Vorzug, den Gablenz ihr vor all den
Andern einrumte, machte fr sie ja wieder alle Gerchte und alle
Befrchtungen zu Schanden.

Von Herzen gern, entgegnete sie hellen Blickes. Aber wie fangen wir
es an?

Was meinen Sie zu einem improvisirten Valentinstage, sagte Gablenz
leise. Mir scheint, das wrde unserm Verkehr einen pikanteren
Beigeschmack geben. Ein _tte  tte_ mit meiner holden Valentine, nach
dem mich seit langen schon so unaussprechlich verlangt, wre das Ziel
meiner Wnsche.

Frida schlug erglhend das Auge nieder vor dem kecken Blick des jungen
Mannes, dessen Sprache sie nicht mideuten konnte. Whrend sie nach
Fassung rang, fuhr Gablenz vertraulich fort: Blumen sind, wie die
schne Frida von frher wei, die besten Dolmetscher unsrer Gefhle.
Wie wre es, wenn wir sie auch hier sprechen lieen?

Frida prete mit klopfendem Herzen ihr Tuch an die Lippen; dann sagte
sie, den Kopf leicht abwendend: Gewi, das wre ein hbscher Gedanke.
Bringen Sie die Sache in Vorschlag und hren wir, ob unsere zaghaften
Damen sich den kleinen Freiheiten auszusetzen wagen, welche das
Verhltni zu ihrem Valentin mit sich bringt.

Anfangs schien es allerdings, als ob der Vorschlag Bedenken erregte;
die jungen Mnner aber waren Feuer und Flamme fr diesen Plan, und
so wurde er schlielich angenommen. Fr den Abend bereitete Herr von
Gablenz ein brillantes Feuerwerk vor, vorher aber sollte Tanz im
Freien, sowie allerlei Spiel und Scherz die Gste unterhalten.

Am Morgen dieses Festtages fand Justus Werder, welcher, wie gar
oft, zum Besuch in das Vaterhaus gekommen war, eine frische blaue
Kornblume auf seiner Tasse, als Helene sie ihm beim Kaffee berreichte.
Verwundert schaute er auf, sah aber, da seine hbsche Schwester rasch
den Finger auf die Lippen legte. Justus nahm die Blume schweigend an
sich; da fiel ein Streifchen Papier herab, das am Stiel derselben
gehangen. Unbemerkt ffnete es der junge Mann und las folgende Worte:


    Kornblume und blau Aeugelein
    Sie harren heut im Stillen dein.


Ein glckliches Lcheln flog ber Justus frisches Gesicht, und Blume
und Zettelchen zu sich steckend nickte er seiner Schwester dankend zu;
denn was die Botschaft heien sollte, ahnte er recht wohl.

Eine hnliche hatte auch Walter Helldorf an diesem Morgen erhalten, er
wute nur nicht von wem; sein Zeichen aber war ein rothes Tausendschn,
das ihm die Worte zuflsterte:


    Von tausend Schnen gieb den Preis
    Ihr, die dein Herz zu finden wei.


Whrend Walter die Deutung dieser Blumensprache noch berlegte und
unschwer zu entziffern wute, ging in den entferntesten Wegen des
Hermsbacher Parkes ein schlankes Mdchen langsam und gedankenvoll an
der Seite eines jungen Mannes, der eifrig auf sie einsprach. Er hatte
eine rothe Nelke in der Hand, und indem er dieselbe in dem Knopfloch
seines Rockes befestigte, sagte er halblaut: Wenn ich Ihre Zustimmung
habe, theure Sophie, so kann Ihr Onkel sie mir nicht entziehen. Sie
sind seit Kurzem mndig, wie Sie sagen, also wer kann Ihnen verwehren,
selbst Ihre Angelegenheiten zu ordnen?

Die Rcksicht auf meine gtigen Verwandten, sonst allerdings
nichts, entgegnete Sophie leise. Aber ich hoffe ihr Widerstreben
zu berwinden, da ich keinen Grund ihrer Abneigung wei, und im
schlimmsten Falle....

Im schlimmsten Falle lt du die Liebe den Sieg davon tragen, nicht
wahr, geliebtes, himmlisches Mdchen? rief Herr von Gablenz, denn er
war der junge Mann, mit strmischer Zrtlichkeit, indem er den Arm um
Sophie von Helldorf schlang und die nur leise Widerstrebende an seine
Brust drckte.

Aber heut schweigen Sie noch, ich bitte dringend darum, sagte Sophie,
sich ngstlich aus des jungen Mannes Armen losmachend. Heut kann ich
dem Onkel unmglich sein Fest mit dieser Nachricht trben; denn trben
wrde ich es dadurch, ich kann mir kein Hehl daraus machen.

Heut und so lange du willst, Geliebte! rief Gablenz, Sophie's Hand
kssend. Diese Hand ist mein, und niemand soll sie mir streitig
machen, das gelobe ich. Aber theure Sophie, wenn ich meine Rechte noch
nicht in Anspruch nehmen darf, so ist es auch besser, ich bin heut
nicht dein Valentin, meine Leidenschaft wrde mich verrathen. Nimm
deshalb die Nelke zurck, ich werde sie nicht whlen. Aber welches der
anderen jungen Mdchen auch meine Valentine sein wird, glaube mir,
Geliebte, die Huldigungen alle, die ich derselben spende, sie gelten
eigentlich allein dir, der Knigin meines Herzens, der Valentine meines
ganzen knftigen Lebens.

Sophie's bleiches Gesicht war von Purpurgluth bedeckt, und das Glck
strahlte aus ihren Augen. Aengstlich aber wandte sie jetzt ihre Blicke
dem fernen Wohnhause zu und sagte: Lnger darf ich nicht hier bleiben,
die Tante wird mich ohnehin schon vermissen. Folgen Sie mir nicht
gleich, ich bitte Sie, Alfred.

Noch eins, geliebte Sophie, sagte Gablenz rasch. Ist es dir recht,
wenn ich die kleine Helene zur Valentine whle? Welche Blume trgt sie
heute Nachmittag?

Sophie errthete wieder und sagte lebhaft: Whlen Sie die rothe Rose,
es ist Helene's Blume. Dann eilte sie schnell davon, sehr zufrieden,
da ihr Geliebter nicht Frida zur Valentine wnschte, wie sie geglaubt
hatte. Sie wute nicht warum, aber ihr Herz war voll banger Eifersucht,
wenn sie an die schne Frida dachte. Helene war wohl auch schn; mit
ihrem schchternen, zurckhaltenden Wesen erschien sie ihr jedoch nicht
halb so gefhrlich, als die weltgewandte, bewunderte Frida.

So kam der Nachmittag heran und mit ihm die Gste in Menge. Wie
verabredet fhrte Sophie die jungen Mdchen nach einer Weile in ein
besonderes Zimmer, und Walter die jungen Mnner. Dann ffneten sich
die Thren; aus der einen traten die mit Blumenkrnzen geschmckten
Jungfrauen, aus der andern die Herren, jeder eine Blume in der Hand,
die ihm seine Valentine zufhren sollte. Ein Kichern und Drngen
entstand jetzt unter der Mdchenwelt, denn jede scheute sich, von ihrem
Valentin begrt zu werden. Aber sicher schritt Herr von Gablenz, eine
rothe Rose in der Hand, auf den Kreis zu und zwar Frida entgegen. Erst
als er dicht vor ihr stand schrak er zusammen und flsterte hastig: O
Gott, welch ein Irrthum Sie haben nicht die =rothe= Rose, die Blume
seliger Stunden?

Frida war schon beim Eintritt der Herren bla geworden; denn sie hatte
augenblicklich gesehen, da Gablenz nicht ihre Blume, die weie Rose,
erwhlt hatte. Ein freudiger Schreck durchzuckte sie aber, als er
nichts desto weniger doch auf sie zuschritt; also hatte er sie doch
zur Valentine whlen wollen. Jetzt war sie nur froh, da auch Sophie
es nicht wurde; denn neue Gerchte hatten ihr Ohr in den letzten Tagen
erreicht und sie auf's Neue bang und mitrauisch gemacht.

Unter allgemeiner Heiterkeit begrten nun die jungen Herren mit
einem Handku ihre Valentinen, in ihr Recht eintretend, welches sie
als getreue Ritter fr den ganzen Tag an der Seite ihrer Erwhlten
festhielt. Jeder Dienst lag ihnen ob, und fr alles, was ihre
Valentine bedurfte, hatten sie zu sorgen, beim Tanz aber konnte
ohne ihre Einwilligung kein Anderer ihre Stelle ausfllen. Nur der
Geburtstger machte hiervon eine Ausnahme, und der frhliche, alte Herr
von Helldorf benutzte dieselbe mit Freuden und schwenkte sich in seiner
steifen, altmodischen Weise mit so vielen der hbschen Valentinen unter
den Linden am Hause, als zhle er nur die Hlfte der Jahre, die sein
kahler Schdel schon gesehen hatte.

Auch der gemthliche, alte Pastor Werner mischte sich hufig unter die
muntere Jugend und brachte mit seinen harmlosen Neckereien manches
Lcheln und manches tiefere Roth auf die frischen Mdchengesichter.
Jetzt kam er auf seinen Liebling, das blonde Hannchen zu, welche mit
ihrem blauen Kornblumenkranze ganz allerliebst aussah.

Das nenn' ich aber einen Treffer, mein Shnchen! sagte er schelmisch
zu Justus, der an Hannchens Seite sa. So eine Valentine htte ich
mir auch whlen mgen, du Glckspilz. Nutz die Stunden eh' sie fliehn,
morgen ist nicht heut! So gut wird dir's vielleicht so bald nicht
wieder.

Und Hannchen mit einem frohen Lcheln die frischen Backen streichelnd
ging er im Kreise weiter. Als er zu Lottchen kam, mit der Walter
Helldorf soeben ein merkwrdig lebhaftes Gesprch fhrte, sagte er
schmunzelnd: Sieh da, hm, hm, wie der Zufall spielt! 's ist doch
ein hbsches Ding um so einen Valentin. Das lst die Zunge und macht
Courage, nicht wahr, Lottchen? Nun nun, ich will nicht stren, Glck
zu, ihr Leutchen! Dann aber kam er an seinem schnen Tchterchen
vorber, welches soeben mit ihrem Valentin getanzt hatte und nun mit
glhenden Wangen an dessen Arme hing, in Folge des Tanzes oder der
leisen Worte, die Gablenz ihr soeben gesagt hatte, rascher athmend und
aufgeregt ihrem Sitze zuschreitend.

Lenchen, tanz nicht so viel und so rasch! sagte der Vater mit einem
unwilligen Seitenblicke auf ihren Tnzer; dann strich er seinem Kinde
ernst ber das schne, dunkle Haar und schien noch etwas sagen zu
wollen, schwieg aber doch und ging weiter, seine Heiterkeit jedoch war
fr eine Weile verschwunden. Sieh, da du den frechen Patron, den
Junker Gablenz bald wieder los wirst, Helldorf, sagte er verdrielich
zu dem Geburtstger. Der Mensch gehrt nicht unter uns schlichte
Leute, und den Mdels verdreht er mit seinen glatten Reden die Kpfe.

Hast recht, Bruder, 's ist mir lang schon nicht lieb, da er da ist,
entgegnete Herr von Helldorf beistimmend, aber ihn hinausjagen ohne
Grund, das kann ich doch nicht, obwohl der windige Monsieur in der
Wirthschaft gar nicht zu brauchen ist; Walter mu immer hinter ihm
drein sein. Bei mir set er ganz sicher Drachenzhne, ich mchte darauf
wetten.

In derselben Zeit gingen Frida und Sophie eine Weile Arm in Arm durch
die Gnge des Gartens.

Das ist mir prchtig geglckt! rief Frida lachend, und ich danke
dir und Helene fr euren treuen Beistand. Wie erstaunt Hannchen und
Charlotte aus ihren guten, blauen Augen blickten, als sie ihre Blumen
in der Hand ihrer still Geliebten sahen, es war kstlich!

Aber ahnen drfen sie nicht, da wir Justus und Walter verrathen
haben, welche Blume sie trgen; das wrden sie uns nicht verzeihen,
entgegnete Sophie.

O =wir= thaten es ja gar nicht, die Blumen sprachen ja selbst! lachte
Frida.

Du bist eine kleine Sophistin, sagte Sophie. Dann seufzte sie leise
und pflckte im Vorbeigehen eine rothe Rose vom Strauch.

Was hast du, Sophie? fragte Frida.

O nichts weiter, es fiel mir nur eben ein, da die Blumen gar oft als
Dolmetscher dienen, entgegnete Sophie.

Frida dachte an ihr Gedicht von der Rose und sagte lchelnd: Besonders
die Rosen. Ich glaube, so lange es Rosen gegeben, so lange haben sie
auch der Liebe als Dolmetscher gedient und Stoff zu Liebesliedern
gegeben. Keine Blume ist wohl je so viel besungen worden, als die Rose.

Sophie wurde dunkelroth und vergrub ihr Gesicht in der Blume, die sie
in der Hand trug. Ich kenne ein Gedicht an eine Rose, sagte sie
zgernd, das gehrt zu den schnsten, die ich je gelesen. Freilich
kommt wohl auch dazu, da der Dichter mir bekannt und lieb ist.

Und wie lautet es? entgegnete Frida ziemlich gleichgltig; denn ihre
Gedanken waren weit fort von hier. Da aber schlugen Worte an ihr Ohr,
welche das Blut zu ihrem Herzen trieben.

Sophie sagte mit etwas bebender Stimme:


    In einem stillen Thale
    Blht eine Rose hold,
    Die Bltter glhn und glnzen
    Wie ser Minne Sold.


Um Gottes Willen, Sophie, woher kennst du diese Verse? rief jetzt
Frida und legte zitternd die Hand auf der Freundin Arm.

Woher? sagte Sophie sich abwendend und zgerte mit der Antwort. Nun,
da ich es dir nur gestehe, fuhr sie dann verlegen lchelnd fort,
Herr von Gablenz hat sie gedichtet und mir gegeben.

Er hat sie =dir= gegeben, Sophie? rief Frida heftig und blickte
verstrt in Sophies Gesicht. Dir? Und wann?

O schon bald nach seiner Herkunft, sagte diese lchelnd. Aber warum
bist du denn so bleich und sonderbar, Frida? Mein Gott, was fehlt dir?
Bist du unwohl?

Nein, nein, stotterte Frida. Ich.... ich. O Sophie, sage mir, ich
flehe dich an, sollten diese Verse mehr fr dich sein, als eben nur ein
schnes Gedicht?

Sophie erschrak ber den Ausdruck von Angst und Spannung, den
Frida's Zge trugen. Wenn es nun so wre, und die Verschen mir mehr
aussprechen sollten, warum frgst du mich danach, Frida? sagte sie
beklommen.

O weil er kurz zuvor mit demselben Gedicht =mir= seine Liebe gestanden
hat! rief Frida fassungslos und barg das Gesicht in beiden Hnden.

Dir, Frida? Gott im Himmel, so sind wir Beide betrogen! sagte Sophie
tonlos. Gestern hat er sich mit mir verlobt.

Mit einem Aufschrei sank Frida auf eine Bank nieder, und lange saen
die beiden unglcklichen, jungen Mdchen still und sprachlos neben
einander. Jede rang nach Fassung. Frida weinte krampfhaft in ihr
Tuch, das in ihrer Hand zitterte; denn ihr armes, junges Herz war
wie vernichtet von dem Schlage, der sie getroffen. Eine ganze Welt
von Glck und Hoffnungen war fr sie in einem einzigen Augenblicke
zusammengestrzt, und das Bitterste, was ein Herz erfahren kann,
war ber sie gekommen: getuschtes Vertrauen, verrathene Liebe. --
Sophie war viel ruhiger und gefater, als ihre viel jngere und viel
leidenschaftlichere Freundin. Bleich und wie gelhmt sa sie da und
blickte dster zu Boden.

Hat dich Gablenz noch whrend dieser letzten Zeit in dem Glauben
erhalten, da er dich liebe? sagte sie endlich matt.

O heut noch, heut noch! schluchzte Frida. Er schien auer sich zu
sein, als ich nicht seine Valentine wurde. Er hatte eine rothe Rose in
der Hand und erschrak, als er meine weie sah.

O dieser Komdiant! rief Sophie emporspringend. Ich selbst habe ihm
gesagt, rothe Rosen trage Helene, die er zur Valentine whlen wollte.
So hat er dreifaches Spiel getrieben und umstrickt auch die arme
Helene. O mein Gott, mein Gott, und ich habe der Stimme meiner Vernunft
nicht hren wollen, die mich immer wieder vor ihm warnte, habe mir
wirklich eingebildet, er knne mich hliches, unscheinbares Mdchen
lieben! Wie bitter bin ich fr meine Eitelkeit und Thorheit bestraft
worden. O Frida, wie entsetzlich ist's doch, ein reiches Mdchen zu
sein!

Du meinst wirklich, da er dich deshalb heirathen wollte, weil du
reich bist? rief Frida emprt.

Nur deshalb, ich sehe es nur zu deutlich! entgegnete Sophie spttisch
lachend. O da ich dem Onkel nicht glaubte! Aber ihm will ich die
Sache jetzt anvertrauen; er soll uns von dieser Natter befreien, die
sich bei uns eingeschlichen, ich mag ihn nicht wiedersehen.

O um alles in der Welt, auch ich nicht! schluchzte Frida in neue
Thrnen ausbrechend. Dann warf sie ein Blttchen Papier, das sie wie
ein Heiligthum still in einem goldenen Medaillon am Herzen getragen,
voll Ingrimm zu Boden, und mit dem Fue darauf tretend sagte sie
heftig: Fort mit dir, du Zeuge meiner Thorheit und Leichtglubigkeit.
O knnte ich mich selbst zur Strafe auch so mit Fen treten!

Sophie aber bckte sich und nahm das Papier auf; es war Gablenz
Rosengedicht. La es mir, Frida, sagte sie bitter, es soll uns
rchen.

Jetzt hrte man Stimmen in der Nhe; es waren die der jungen Mnner,
welche kamen, ihre Valentinen zu suchen.

Ich kann nicht, ich bin krank! rief Frida zitternd und klammerte sich
an Sophie fest.

Sei ruhig und la mich nur machen, entgegnete Sophie, welche seit der
traurigen Entdeckung etwas so Energisches, Entschlossenes in ihrem
Wesen hatte, da die arme; schwache Frida, die wie zerschmettert war
von Jammer und Weh, sich unwillkrlich von ihr leiten lie.

Verzeihen Sie, meine Herren, sagte Sophie, den jungen Leuten
entgegengehend, Frulein Frida war so unwohl, da wir die Stille
aufsuchten, und jetzt sogar auf mein Zimmer gehen mssen; Sie
entschuldigen uns wohl freundlichst noch fr eine Stunde.

Mit lebhaftem Bedauern zogen sich die Herren zurck, die jungen Mdchen
aber eilten durch eine Seitenthr in das Haus auf Sophie's Zimmer; denn
Frida bedurfte in der That der Ruhe und Einsamkeit. Sophie selbst hatte
noch keine Thrne vergossen; Scham und Emprung waren so heftig in ihr,
da sie den Schmerz bertubten, und in dieser Stimmung eilte sie zu
ihrem Onkel.

Hm, hm, das ist ja eine saubere Geschichte! sagte der alte Herr
nachdenklich, als Sophie ihre Mittheilung beendet hatte. La mich nur
machen, mein Kindchen! Hat er Komdie gespielt, la sehn, ob wir es
nicht noch besser knnen.

Was willst du thun, lieber Onkel? rief Sophie ngstlich.

Nichts weiter, als dir ganz die Augen ffnen. Sorge dich nur nicht
und la mich machen! entgegnete der Alte, sich vergngt die Hnde
reibend. =Den= Junker wollen wir heut los werden; eine bessere
Geburtstagsbescheerung konntest du mir nicht machen, mein Tchterchen.
Da, stell dich dort in das tiefe Fenster, da hrst du die ganze
Geschichte mit an, ohne gesehen zu werden.

Kaum hatte Sophie sich zurckgezogen, als Herr von Gablenz in seiner
sorglosen, eleganten Manier in das Zimmer trat.

Sie wnschen mich zu sprechen, Herr von Helldorf? sagte er, sich
leicht verbeugend.

Allerdings, mein lieber Herr, entgegnete dieser leutselig. Meine
Nichte sagte mir soeben, da sie sich mit Ihnen verlobt habe, und da
wollte ich doch der Erste sein, der Ihnen Glck dazu wnscht.

Gablenz war sehr roth geworden und verbeugte sich tief, um seine
Ueberraschung zu verbergen. Aber ehe er noch ein Wort des Dankes
hervorbringen konnte, fuhr der alte Herr freundlich fort: Es freut
mich das fr Sophie um so mehr, als ich dadurch ber ihre unsichre
Zukunft beruhigt bin; denn bei so wenig Vermgen ist die Lage einer
Waise oft trbe genug.

Gablenz fuhr bei diesen Worten leicht auf und umfate krampfhaft die
Lehne des Stuhles, an dem er stand.

Ich glaubte, sagte er halblaut, die Verhltnisse Ihrer Frulein
Nichte seien bessere.

Ja, so denken die Leute, entgegnete der alte Herr, eine Prise
nehmend. Aber das ist ein Irrthum. Wer meine Nichte heirathet, mu
sich schon mit ihren andern guten Eigenschaften begngen. Aber ich
denke ja, das versteht sich von selbst bei einer rechten Neigung. Also,
mein lieber Herr, Sophie hat Ihnen gestern schon das Jawort gegeben,
wenn ich nicht irre, nicht wahr?

O so bestimmt doch noch nicht, mein verehrter Herr von Helldorf,
sagte Gablenz, der jetzt wieder seine sichre Haltung gewonnen hatte.
Sie wissen ja, wie das bei jungen Leuten so geht! Man lt sich im
Augenblick oft wohl hinreien und ein Wort entschlpfen, das der Moment
geboren; aber zu einer ernsteren oder gar bindenden Entscheidung ist
es bis jetzt noch nicht gekommen. Auch wrde ich einen solchen Schritt
jetzt kaum wagen drfen, so sehr mich Ihr Vertrauen ehrt, theurer Herr
von Helldorf. Meine Lage ist durchaus im Augenblick derart, da ich an
keine ernstere Verbindung denken kann. Auch frchte ich sehr, Frulein
Sophie nicht lnger meine Verehrung darbringen zu knnen, da ich leider
genthigt bin, morgen schon Ihr werthes Haus zu verlassen, wie ein
Brief mir heut die Nachricht bringt. Ich bin....

Halt, ich kann das nicht lnger ertragen! rief jetzt Sophie rasch,
welche bleich und bebend aus der Fensternische hervortrat. Wozu
die Komdie, Onkel? Es ist unwrdig und ganz berflssig. Herr von
Gablenz, wandte sie sich stolz an den jungen Mann, der wie vom Blitz
getroffen vor ihr stand, nicht Sie, sondern =ich= lse hiermit ein
Verhltni auf, das Sie die Dreistigkeit haben, als nicht bestehend
anzusehen. Mein Vermgen habe ich =nicht= verloren, wie mein Onkel
sagte, indessen....

Aber theure Sophie, hre mich doch erst! rief Gablenz schnell, der
wieder Leben erhielt, sowie Sophie die letzten Worte ausgesprochen
hatte. Ich meinte ja nur....

Was Sie meinen und denken, habe ich leider schon zu lange mit
angehrt! rief Sophie sich hochaufrichtend. Sie wrden vielleicht
besser thun, heut schon Hermsbach zu verlassen, es mchten sonst noch
mehr peinliche Augenblicke fr Sie eintreten.

Und bitte, nehmen Sie doch geflligst diese Verschen auch wieder
mit, die sich im Duplikat vorgefunden haben! sagte Herr von Helldorf
schmunzelnd, indem er Gablenz die beiden verhngnivollen Gedichte
berreichte. Ich wrde Ihnen rathen, fgte er, abermals eine Prise
nehmend, hinzu, das Dingelchen gleich lithographiren zu lassen, da
vertheilt es sich noch schneller an leichtglubige Schnen. Und damit
guten Tag, mein lieber Herr! Ihre pltzliche Abreise wird Sie wohl
verhindern, sich bei der Gesellschaft zu verabschieden, ich bernehme
das von Herzen gern. Empfehl' mich, empfehl' mich, glckliche Reise!

Mit diesen Worten schlo er die Thr hinter dem bestrzten jungen Mann,
dessen Dreistigkeit und Sicherheit whrend der letzten Augenblicke
in der That vllig Schiffbruch gelitten hatten, und der nichts
Eiligeres zu thun wute, als sich schnell aus dem Staube zu machen.
Bald hrte man einen Wagen zum Hofthore hinausfahren, der den lockern
Patron davonfhrte. Sophie aber war jetzt von Schmerz und Aufregung
berwltigt und lag weinend im Arme ihres braven Onkels, der ihr bald
lachend, bald trstend die Backen streichelte.

Wein' doch nicht, mein herziges Kindchen! sagte er schmeichelnd, der
schuftige Patron ist ja gar nicht werth, da so liebe Guckaugen darum
roth werden. Danke Gott, da wir ihn los sind, ehe er noch mehr Unheil
stiftete.

Und dasselbe sagte Sophie, welche endlich wieder ihre Fassung erlangte,
zu der trostlosen Frida, die ganz auer sich gerieth, als sie das
weitere Benehmen dessen erfuhr, der ihr so unsglich theuer gewesen
war. Sie konnte sich nicht entschlieen, wieder in der Gesellschaft
zu erscheinen, und so dauerte es nicht lange, da kam Hannchen zu ihr,
welche von ihrem Unwohlsein gehrt hatte.

Frida sank ihr schluchzend in die Arme. O Hannchen, Hannchen! rief
sie trostlos, warum habe ich deine Warnungen verachtet und die meines
Vaters; nun bin ich grausam dafr bestraft worden! --

Wir verlassen jetzt unsere Frida fr eine Weile und bergeben sie noch
fr einige Wochen der treuen Liebe und Sorge ihrer Cousinen und Tante,
welche in ihrer liebevollen und zartfhlenden Weise es vortrefflich
verstanden, das tief gekrnkte junge Herz wieder mit Welt und Menschen
zu vershnen. Dann aber folgen wir ihr wieder nach dem Vaterhause, in
welches sie nach langer Abwesenheit endlich zurckkehrte. Wir finden
sie an der Seite Gertruds, mit der sie soeben ein langes, ernstes
Gesprch gehabt hat, das sich noch immer auf Frida's lieblichem
Gesicht wiederspiegelt. Das junge Mdchen blickt unendlich viel
ernster und sinniger aus ihren schnen Augen, seit wir sie an jenem
verhngnivollen Tage in Hermsbach verlieen, und ein ruhigeres,
gehaltneres Wesen spricht aus ihrer ganzen Haltung. Das eitle,
thrichte Kind, das der Vater einst seiner Schwgerin vertrauensvoll
bergab, es ist seitdem zur verstndigen Jungfrau herangereift, und
auch ihr Aeueres trgt den Stempel dieser Sinnesnderung.

Statt in der so uerst eleganten Kleidung und bertriebenen
Haartracht, in der wir sie zuerst kennen lernten, finden wir sie
jetzt zwar zierlich und gut, aber doch hchst einfach gekleidet, und
ihr reiches, blondes Haar in der Art um ihren Kopf geschlungen, wie
Hannchen es an jenem ersten Morgen in Dahme geordnet hatte. Jetzt
blickte sie auf, und pltzlich Gertruds Hand an ihre Lippen ziehend,
sagte sie leise: O Mama, nun aber ist alles, alles gut, und ich will
ein neues Leben beginnen. Es war eine harte Schule, durch welche Gott
mich zur Einsicht gefhrt; aber ich danke ihm jetzt dafr. Diese
entsetzliche Tuschung hat mich viel lter und ernster, aber auch viel
besser gemacht. Ich wollte meine eignen Wege gehen in diesen wie in
allen andren Dingen, und widerstrebte sowohl meines Vaters Wnschen,
als auch deiner liebevollen Fhrung, und daraus konnte nichts Gutes fr
mich erwachsen. Verzeih mir und habe Geduld, jetzt soll alles anders
werden.

Gertrud zog ihre Tochter liebevoll an sich und sprach gute Worte zu ihr
voll Sanftmuth und Anerkennung. Da trat der Diener in das Zimmer mit
einem Briefchen an Frida. Das junge Mdchen ffnete es, und ein Zug des
Mivergngens flog ber ihr Gesicht.

Es ist eine Einladung von Franziska, sagte sie mit einem leisen
Seufzer.

Willst du nicht zusagen, liebe Frida? fragte Gertrud.

Nein, Mama, ich mchte es nicht, entgegnete Frida ernst.

Es ist aber schon das zweite Mal, da du es ihr abschlgst, sagte
Gertrud. Sie wird es dir gewi bel nehmen.

Mag sie doch, ich werde ihr einige Zeilen schreiben, rief Frida rasch
entschlossen und stand vom Stuhle auf. Warum soll ich ein Verhltni
aufrecht erhalten, das mir in so hohem Grade unertrglich wird.
Franziska hat es fast als eine Beleidigung ihrer Familie angesehen, da
Gablenz in dieser Weise aus Hermsbach entlassen wurde, da er selbst es
ihnen als seinen freien Entschlu darzustellen wute. Sie hat in dieser
unglcklichen Geschichte, welche hauptschlich durch ihr Zuthun so weit
gedeihen konnte, jetzt nur spitze Reden fr mich, die ich nicht lnger
ertragen will, und seit ich nicht mehr so viel Sinn wie einst fr ihre
Eitelkeiten und Thorheiten zeige, mu ich nichts als Spttereien mit
anhren ber lndliche Einfalt und Tugend. Das kann und mag ich nicht
lnger, Mama, darum will ich ihr lieber klar und ehrlich gestehen,
da unsre Wege verschieden sind. Ueber lang oder kurz kme es doch zu
einem Bruche, und ich begreife jetzt blos nicht, wie es zwischen uns
berhaupt jemals zu solcher Freundschaft kommen konnte.

Whrend Frida dies Briefchen schrieb, trat ihr Vater in's Zimmer.

Hier, mein Tchterchen, sagte er heiter, Frida ein Blatt Papier
reichend, da kommt Tante Marie's vorlufige Einladung zur Hochzeit.
Hannchen schreibt dir wohl selbst das Nhere, sieh einmal nach.

Mit leuchtenden Augen ffnete Frida das Briefchen.

O es soll ja eine Doppelhochzeit sein, Papa, rief sie jubelnd.
Justus und Hannchen hatten erst noch warten sollen, bis die neue
Pfarre in Hermsbach fertig wrde, die Papa Helldorf seinem neuen Pastor
bauen lt. Walter und Lottchen wollen aber absolut nicht allein
heirathen. Auf dem Vorwerk, das Walter bernimmt, sei so schrecklich
viel Platz, da da zwei junge Ehepaare bequem hausen knnen, behaupten
sie, und so soll ich mich eilen, meinen Hochzeitsstaat fertig zu
machen, denn lange wollen sie nun nicht mehr warten. Sophie und Helene,
Martha und ich sind die Brautjungfern. O wie kstlich, Papa, und wir
sind alle, alle eingeladen, du und Mama und die Kinder, alle, alle.
Aber da liegt ja noch ein Zettelchen im Briefe, was ist denn das?

Neugierig entfaltete Frida einen schmalen Streifen Papier und las die
Worte:


    Was du gewnscht, es ist geschehn,
    Und Ernst entspro den Scherzen;
    Kornblmchen blau und Tausendschn
    Blhn jetzt an treuen Herzen.
    Nun schlinge selbst die Myrthe ein,
    Die Valentinen harren dein!


Frida lachte herzlich, als sie das Verschen gelesen hatte. Das ist
sicher ohne Hannchens Vorwissen zu mir gewandert, sagte sie dann
nachdenkend. Aber es besttigt mir endlich, was ich lange schon
gedacht habe: Jener unselige Valentinstag hat zur Verlobung der beiden
lieben Paare gefhrt, wie ich im Stillen so innig wnschte. Sie haben
es nur nicht eingestehen wollen, da dieser Tag fr andre so unheilvoll
wurde. Aber wie Herr von Helldorf zu Pastor Werder beim Abschied leise
sagte, so knnen wir schlielich alle sprechen: Gott sei Dank, das war
ein gesegneter Tag fr mich! --

Und rasch eine Thrne zerdrckend, welche gegen ihren Willen noch
einmal ihr helles Auge trbte, reichte Frida ihren Eltern beide Hnde.
Auch ihr sollt so sagen knnen, das verspreche ich euch! Eure Frida
ist an jenem Tage und in jener Zeit von mehr als dieser einen Thorheit
geheilt worden.

[Illustration]




              Druck von Breitkopf und Hrtel in Leipzig.




                          Transcriber's Note:


Antiqua are indicated by _underscores_.
Gesperred are indicated by =equal signs=.
A number of minor spelling errors have been corrected without note.





End of the Project Gutenberg EBook of Drei Erzhlungen fr junge Mdchen, by 
Clementine Helm

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DREI ERZHLUNGEN FR JUNGE MDCHEN ***

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START: FULL LICENSE

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Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
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remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
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Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
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Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
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