The Project Gutenberg EBook of Weihnachtsabend, by Theodor Mgge

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Title: Weihnachtsabend

Author: Theodor Mgge

Release Date: December 21, 2016 [EBook #53781]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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                            Weihnachtsabend.


                                 Roman
                                  von
                             Theodor Mgge.


                             Berlin, 1853.
                        Verlag von _Otto Janke_.




Es begab sich an einem kalten und strmischen Dezemberabende des
vergangenen Jahres, da tief im untersten Grunde eines mchtigen
fnfstckigen Hauses, welches im comfortabelsten Theile der Stadt, dicht
an der schnsten und vornehmsten Strae steht, ein fleiiges junges
Ehepaar emsig arbeitend beisammen sa, als es beinahe Mitternacht
schlagen wollte. Dies fleiige Prchen gehrte zu der bedeutenden Zahl
moderner Troglodyten in den groen Tummelpltzen der menschlichen
Gesellschaft, die ihre Parias nicht allein fnf oder sechs halsbrechende
Treppen hoch in Dachwinkeln und Bodenkammern unterbringt, sondern sie
auch tief in den Scho der mtterlichen Erde hinabsteigen lt, um allda
zwischen feuchten, dumpfigen Mauern zu versuchen, was Hunger und Fieber
ihnen anzuthun vermgen.

So bel jedoch sah es in der Kellerwohnung nicht aus, in welcher die
beiden Arbeiter saen. Es war ein ziemlich groes, grn angestrichenes
Zimmer, dessen Decke sich tonnenartig wlbte; auch lag es nicht gar tief
unter der Oberflche der Strae. Denn die Fenster waren gut erreichbar,
hatten helle groe Scheiben und waren von auen mit dichten Lden
geschlossen. Es war ganz sichtlich ein noch ziemlich neues Haus und ber
diesem kleinen tiefen Raume lag ein Schimmer jenes wohlthuenden Geistes
der Ordnung und Sauberkeit, der auch mit Armuth zu vershnen wei.

Wenige Gerthe waren in dem Zimmer. Ein breites Bett stand an der langen
Wandseite, eine Kommode, ber welcher ein kleiner Spiegel hing, befand
sich ihr gegenber. Im Hintergrunde glnzte die blanke Front eines
Spindes und neben ihm hatte ein andres mit Glasscheiben Platz genommen.
Mitten in dem Gemach aber stand ein Tisch und zwischen Fenster und Ofen
ein zweiter ganz niedriger, an welchem die beiden Personen saen.

Es war warm, reinlich und behaglich in dieser unterirdischen Wohnung.
Die obere Hlfte des Zimmers lag in schweigender Nacht und Stille, die
untere Hlfte war voll Licht und Rhrigkeit. Die kleine Lampe hatte
einen breiten Schirm; ihre Strahlen fielen auf eine Glaskugel und durch
diese mit scharfem Glanz auf die Arbeit des fleiigen Mannes, der mit
groer Behendigkeit an einem feinen Stiefel nhte. Es war ein noch
ziemlich junger Mann, der hier mit aufgestreiftem Hemd und weier
Arbeitsschrze hinter der Glaskugel sa. Sein langes, glnzend schwarzes
Haar fiel ber eine hohe und gewlbte Stirn, ein listiges und lustiges
Lachen lag auf seinen Lippen, und wenn er aufblickte und seiner
Gefhrtin bei dieser nchtlichen Arbeit dann und wann ein paar
ermunternde Worte sagte, zeigte er zwei Reihen so prchtiger weier
Zhne, wie sie je schwarzes Brod tapfer zermalmt haben.

Die Frau ihm gegenber war ebenfalls jung und rstig. Ihre braunen
Flechten legten sich an ein gesundes Gesicht mit starken, vollen Zgen
und hellen Augen, die entschlossen um sich schauten. Sie sah wie Eine
aus, die zu arbeiten wei und Hnde wie Mund auf dem rechten Fleck hat.
Whrend sie mit dem Einfassen einiger Schuhe sich beschftigte, die vor
ihr standen, trat sie dann und wann mit dem Fu auf den Lufer einer
Wiege, welche an ihrer Seite stand, sobald der kleine Schlfer darin
sich bewegte. Der rumpelnde Ton der Wiege unterbrach dann die tiefe
Stille und wurde abgelst durch das Heulen des Windes, der an den
Fensterlden rasselte, oder durch den dumpfen bebenden Ton rasch
rollender Wagen, die auf der groen Strae vorberfuhren und die
Grundmauern des Gebudes erschtterten.

Nach einer geraumen Zeit sagte die Frau ghnend: Hre auf, Anton, es mu
beinahe Mitternacht sein.

Der Schuhmacher warf einen schnellen Blick auf die schwarzwalder Uhr in
der Wandecke. Alleweil punkt halb erst, liebste Guste, gab er zur
Antwort, aber bist mde geworden den lieben langen Tag.

Na, es geht noch so, erwiederte sie; bei dem schlechten Geschft wird
man so mde eben nicht.

Schlechte Zeiten! brummte der Mann halb laut, werden aber auch darber
fort kommen.

Die Frau seufzte vor sich hin. Man mag es machen wie man will, sagte
sie, es ist kein Vorwrtskommen.

An Flei fehlts nicht, murmelte er leise.

An meinem Willen auch nicht, setzte sie hinzu.

Bist gut, rief er die Hand freundlich ausstreckend, es wird sich schon
machen. Jung sind wir, arbeiten wollen wir, zur Noth geht's noch, und
alleweil mag kommen was da will, manchem ehrlichen Kerl geht's wohl noch
schlechter. Die Frau erwiderte sein Lcheln, sagte aber dann mit einem
besonders scharfen Blick: Ich meine nur, Anton, es knnte besser gehen,
wenn Du nur wolltest.

Hrst wie der Wind pfeift? fragte er. Es ist ein schandbares Wetter
drauen und um nichts danke ich alleweil dem lieben Gott mehr, als da
ich kein Wetterhahn geworden bin.

Ah! geh' doch mit Deinen Possen, antwortete sie gereizt, ich wei schon,
was es bedeuten soll.

Na, meinte er lachend aufschauend, ich sitze hier warm, lasse den Wind
fahren wohin er will, und wenn es mich krnkt im Herzen, seh' ich Dich
an und die Wiege da, so wird's wieder gut.

Wenn Du uns beide ansiehst, Anton, sagte die Frau, mte es Dir doch
einfallen, da es gut wre fr uns Alle, wenn Du es machtest, wie es so
Viele gemacht haben.

Ihre letzten Worte verloren sich unter dem erschtternden Rollen
mehrerer Wagen, die schnell hintereinander vorberfuhren.

Sakerment! rief der Schuhmacher, was ist das heut fr Spektakel. Wir
wohnen doch hier um die Ecke und bekommen den Lrm erst aus zweiter
Hand, aber es ist als ob die Steine sich bewegten.

Die Herrschaften fahren nach Haus, erwiederte die Frau.

Hole sie der Henker! brummte Anton vor sich hin. Was ist denn eigentlich
heute los bei Geheimraths?

Es ist ein Ball oder so etwas, sagte sie. In allen Zimmern brannten die
Kronen als ich vorberging und gefhrlich viel Wagen und Menschen
standen vor dem Hause.

Dazu haben sie immer Zeit und Geld, meinte der Schuhmacher mit einer
gewissen zornigen Betonung.

Du wrdest es auch nicht besser machen, wenn Du Geheimrath oder Baron
wrst, fiel sie ein.

Hast vielleicht Recht, Guste, sagte er lachend, alleweil ist blos schade
darum, da ich es nicht bin. Aber wenn ich es wre, wrde ich doch
meinen Mitmenschen das Leben nicht saurer machen, wie es schon ist;
wrde mich hten, es so zu machen, wie sie es mir anthun. Liee Jeden
denken und meinen und glauben was er Lust hat und thte mich blos darum
bekmmern, macht der Anton Mertens mir gute Stiefeln und Schuhe, so ist
er mir recht. Mehr kann ich nicht von ihm verlangen.

Ja, wenn Du auch so denkst, rief die Frau, andere Leute sind nun einmal
nicht anders; ihre Grnde haben sie auch und mit dem Kopf durch die Wand
ist noch Keiner gekommen. Man sieht es ja, wie Viele untergehen oder
wenn sie klug sind bei Zeiten zu Kreuze kriechen; wer aber nichts hat
und doch nicht klug sein will, der mu nicht Andere anklagen.

Anton antwortete nicht. Er warf seine langen Haare von der Stirn zurck,
schttelte den Kopf dabei und arbeitete eifrig weiter.

Ich habe es Dir nicht gesagt, fuhr seine Frau fort, aber gestern
begegnete ich der Frau Geheimrthin und Frulein Elise auf der Strae.
Nun, wie geht's Auguste? fragte sie, als ich bei ihr vorber ging und
grte. Nicht zum allerbesten, sagte ich. Ist Jemand bei Euch krank?
fragte sie. Gott sei Dank! gesund sind wir Alle, sagte ich, aber das
Geschft geht schlecht, wir haben viele Kunden verloren; dazu ist mein
Kind jetzt unruhig von wegen der Zhne, helfen kann ich Anton auch nicht
so viel, wie ich mchte, denn Wirthschaft und Hausstand verlangen
Ordnung und nehmen mehr Zeit fort, wie man denkt. So haben wir denn
mancherlei Sorgen, obwohl es an Flei nicht mangelt. Da seid Ihr selbst
schuld, gab sie zur Antwort. Lieber Gott, ich bin gewi nicht schuld,
sagte ich. Nein, Du nicht, sagte sie, Du bist immer vernnftig gewesen,
aber Dein Mann taugt nichts.

Donnerwetter! rief Anton rgerlich lachend, indem er mit seinem Stiefel
aufklopfte. Das sagte die alte Hexe Dir ins Gesicht?

Bsch! winkte Guste, wecke das Kind nicht auf.

Er ist fleiig und ordentlich, sagte ich, ich kann nicht ber ihn
klagen.

Aber er hat keinen Glauben und keine Gesinnung, rief sie so laut, da
ich mich schmte, und das mu ein Mann haben, mit dem man sich einlassen
soll.

Als ob ich mich mit ihr einlassen wollte, rief der Schuhmacher.

Liebe, gndige Frau Geheimrthin, sagte ich, Anton macht seine Arbeit
doch gewi gut und immer sind Sie uns gewogen gewesen, und haben viel
fr uns gethan.

Aber ich habe nur Undank davon gehabt, fuhr sie auf. Der Geheimrath hat
Deinen Mann erziehen lassen, wie sein Vater starb, der es auch wohl
verdient hat, da man sich um das Kind kmmerte, denn er war zwanzig
Jahre lang ein treuer Diener. Wir haben Anton in die Schule geschickt,
haben ihn in die Lehre gebracht, ihn untersttzt, wo es nthig war, und
aus meinem Hause hat er Dich geheirathet. Was ich damals gethan habe,
will ich nicht weiter erwhnen, aber der Geheimrath lieh Euch obenein
zweihundert Thaler zu Eurem Geschft, und wie wir nur konnten, sorgten
wir, da Ihr Kunden bekamt. Fr alle diese Gte habt Ihr oder Dein Mann,
uns schlecht vergolten. Er hat im vorigen Jahre alle die Tollheiten und
Dummheiten mitgemacht.

Ach, gndige Frau, sagte ich, das haben ja so Viele damals gethan, die
weit mehr bedeuten, wie er.

Das war recht, Guste! rief der Schuhmacher jubelnd, hast ihr Eins drauf
gegeben wie sich's schickt. Ich habe den Geheimrath selbst reden hren
damals, als wre er dunkelroth bis in die Nieren. Eine dreifarbige
Kokarde hatte er am Hut, dreimal so gro wie meine; auf die Wache ist er
gezogen, obwohl er es gar nicht nthig hatte, und was ich damals zu ihm
sagte, war ihm noch lange nicht links genug.

Sie mochte es auch wohl merken, da es ein Stich sein sollte, fuhr die
Frau fort, denn sie sah mich gro an, aber ich machte ein unschuldiges,
betrbtes Gesicht. Hre, sagte sie, an vergangenen Dingen lt sich
nichts ndern, was geschehen ist, ist geschehen, aber jetzt, wo die
Vernunft wiederkehrt, ist es doppelte Snde und Schande, noch zu den
Unvernnftigen zu gehren. Und das sage Deinem Mann und thue dazu, wie
eine Frau, die wei, was Recht ist. Er soll Einsehen haben, es ist die
hchste Zeit. Wir haben ihm seit lngerer Zeit unsere Arbeit entzogen,
und das aus gutem Grunde. Ebenso haben es unsere Freunde gethan, und
jeder rechtliche Mensch wird es thun. -- Man giebt Denen nur Arbeit und
Verdienst, die sich als rechtschaffene Leute erweisen, es nicht mit den
Rotten der Elenden halten, die alle Ordnung vernichten, alle Pfeiler der
menschlichen Gesellschaft umstrzen wollen.

Da dich die Pest! murmelte Anton. -- Die verfluchten Aristokraten!

Ach du mein Gott! gndigste Frau Geheimrthin, sagte ich, Anton ist ein
ruhiger, bescheidener Mann.

Er hat sich geweigert, in den patriotischen konservativen Verein zu
treten, gab sie zur Antwort, obwohl ich es ihm dreimal gesagt habe. Auch
Elise hat es ihm wiederholt gesagt, nicht wahr, Elise?

Das Frulein sah mich stolz an und sagte dann: halte Dich nicht weiter
auf, Mutter, wir mssen weiter. Herr Anton Mertens hat mir geantwortet,
er knne sein Gewissen doch nicht verkaufen; so mgen denn seine
Gesinnungsgenossen fr dies zarte Gewissen sorgen.

Die ist von der rechten Sorte, rief Anton.

Nun geh, sagte die Geheimerthin, fuhr die Erzhlerin fort. Ich habe
immer noch Mitleid mit Euch. Schicke Deinen Mann in den Verein, und wenn
er sich aufrichtig bekehrt, so wollen wir sehen was zu thun ist. Sonst
aber glaube mir, Auguste, es sollte mir leid um Dich thun, aber es kommt
noch schlimmer. Die zweihundert Thaler fordert mein Mann zurck; es hat
schon geschehen sollen und kann morgen so kommen. Strzt Euch nicht
muthwillig in's Elend.

Die hartherzigen, erbrmlichen Menschen! schrie Anton wild. Die wollen
Christen sein?

Aber Du kannst es doch auch thun, sagte die Frau. Warum willst Du ihnen
denn den Gefallen nicht erzeigen? Du gehst in den Verein, da sind viele
vornehme und reiche Leute. Sie drcken Dir die Hnde, klopfen Dir auf
die Schulter, loben Dich, trinken sogar mit Dir und bezahlen es obenein,
und Du hast nichts dafr zu schaffen, als zuzuhren, was sie sagen. Du
weit doch, was uns neulich erst Dein Freund Peschke davon erzhlte, der
doch auch hingegangen ist.

Was ist denn da los? rief der Schuhmacher, indem er seine Arbeit sinken
lie und aufhorchte.

Ein dumpfer Lrm mehrerer Stimmen drang von der groen Strae herber.
Gleich darauf erscholl ein wildes Geschrei, dem ein scharfes, schnell
wiederholtes Pfeifen folgte.

Es mssen welche arretirt werden sollen, sagte Anton aufspringend.

Vielleicht sind es Spitzbuben, fiel die Frau ein.

Hrst Du nichts? Es kam mir vor, als ob Gewehre klirrten.

Da Du hier bleibst, Anton, sagte sie bittend und befehlend, indem sie
die Hnde nach ihm ausstreckte.

In diesem Augenblicke fiel ein Schu. -- Allmchtiger Gott! sie
schieen, schrie sie auf. Du rhrst Dich nicht, Anton. Sie hielt ihn am
Aermel fest und fate mit der andern Hand nach der Wiege, wo das Kind
weinend aufgewacht war.

La mich los; sagte er, ich will blo an der Kellerthr hren, was los
ist. Nicht einen Schritt gehe ich weiter.

Mit einer raschen Bewegung war er frei, und ohne weiter auf das Rufen
seiner Frau zu hren, sprang er durch den dunklen Raum, wo er seine
Waaren feil hielt, die Treppe hinauf, schob den Riegel von der Thr und
ffnete vorsichtig in demselben Augenblick, wo ein athemloser Mensch in
diese Oeffnung und in seine Arme strzte.

Um ein Haar wre Anton mit seiner Last rckwrts bergeschlagen, aber er
hielt sich an dem Ringe der Thr fest, die dadurch sogleich wieder
zuschlug. So stand er einige Minuten lang, whrend drauen viele Mnner
wild schreiend vorbereilten. Dann schob er leise die Riegel wieder vor
und flsterte dem Flchtling ein paar Worte zu, die ohne Antwort
blieben. Dieser lag mit den Armen um Antons Nacken, der Kopf hing ber
dessen Schulter; er fate ihn mit aller Kraft um den Leib und trug ihn
die Stufen hinunter.

Komm mit Licht, Guste, rief er mit gedmpfter Stimme. Die Thr that sich
auf, Lampenschein fiel herein, aber mit einem Schrei prallte die Frau
zurck; sie sah in ein mit Blutstreifen berzogenes, todtblasses
Gesicht.

Schweig still! rief Anton seiner Frau zu, indem er den leblosen Krper
von der Schulter in seine Arme gleiten lie. Nicht einen Laut gieb von
Dir und stlpe den Deckel auf die Lampe, damit sie drauen den
Lichtschein nicht sehen.

Ist er denn ganz todt? fragte sie erschrocken. Wo ist er hergekommen und
warum hast Du ihn hier hereingeschleppt? Was sollen wir jetzt mit ihm
anfangen? Und wenn es herauskommt, brocken sie Dir eine Suppe ein. Am
Ende ist es ein Ruber, ein Spitzbube, ein Mrder, ein Bsewicht, der
Schandthaten begangen hat. Ach, mein Gott! wie luft das Blut von ihm.
Nur nicht auf's Bett, leg' ihn hierher auf die Decke, wir wollen das
alte Lederkissen unterschieben. Ich wollte, Du httest Deine Fe
verstaucht, ehe Du die Treppen heraufgekommen wrst. Aber so bist Du; in
Alles mut Du Dich mischen, berall Deine Nase haben, nur nicht da, wo
Du sie haben sollst.

Geduldig und ohne ein Wort zu erwiedern lie Anton seine Frau weiter
keifen. Er mochte wohl fhlen, da sie nicht so ganz Unrecht hatte,
dennoch aber wute er gewi, da ihr Mitleid endlich ber ihre Besorgni
und ihren Aerger siegen wrde.

Er lief ja alleweil grades Weges in den Keller und in meine Arme hinein,
sagte er aufathmend, als er den Leblosen auf die Decke und auf das
Lederkissen gelegt hatte. Es war eine Schickung, Guste, da ich eben die
Thr aufmachen mute, wie er jhlings um die Ecke sprang, und eher
wollt' ich meinen Hals zuschnren lassen, ehe ich den Konstablern etwa
zugerufen htte: hier ist er, da habt Ihr ihn! Pfui Teufel! das wirst Du
doch nicht von mir erwarten.

So, antwortete Frau Mertens, das soll ich erwarten? aber was sollen wir
denn nun anfangen? Und wenn er todt ist oder wenn es ein Mrder ist?

Bring' Wasser her, rief der Schuhmacher entschlossen. Hier liegt er nun
einmal, und annehmen mssen wir uns seiner, was da auch kommen mag. Ein
Ruber oder Mrder wird er nicht sein, sieh doch her, was er fr feine
Hnde hat. Ein schmales, schlankes Brschchen ist es, wohl guter
Leute Kind, das durch einen Zufall Streit bekommen mit den
Himmel-Sakermentern, sich nicht mihandeln lassen wollte und das sie
dann unmenschlich behandelt haben. Man wei ja, wie sie es machen.
Bring' Wasser her, Frau, so rasch Du kannst. Ich glaube, er lebt, eben
zuckte er mit den Armen. Gieb den Schwamm da und setze die Lampe auf den
Schemel. Jetzt halt ihm den Kopf in die Hhe, oder wart', ich will es
thun.

Er kniete an der Seite nieder und hob den Kopf des Liegenden empor.
Dieser hielt in der einen Hand krampfhaft den Hut fest, den er getragen
hatte, und machte damit eine pltzliche heftige Bewegung, indem er
zugleich einen tiefen Seufzer ausstie. --

Es mag ihm wohl wehe thun, dem armen Schelm, murmelte Anton, und doch
bin ich so vorsichtig, wie ich sein kann. Er schob seinen Finger
behutsam unter das blutgetrnkte Haar, untersttzte mit der anderen Hand
den Rcken und suchte den Krper ein wenig aufzurichten und auf die
Seite zu wenden.

Aber schon nach einigen Augenblicken hielt er erstaunt inne. Ein Knoten
oder eine Flechte schien sich aufzulsen und eine Flle langen, dunklen
Haars fiel auf das Lederkissen herunter. Alle Wetter! rief Anton
halblaut, was ist das? Es ist ein Weib oder ein Mdchen, so wahr ich
lebe.

Bei dieser Entdeckung erneute sich der Zorn seiner Frau. Eine schne
Wirthschaft ist das, sagte sie. Ein liederliches Weibsbild, die sich
Nachts in Mnnerkleidern umhertreibt, Gott wei woher kommt,
aufgegriffen werden soll, wie es sich gehrt, die schleppt er mir
hierher und da liegt sie nun in ihren Snden. Wirf sie hinaus und la
sie liegen, sie werden schon kommen und sie abholen. Wirf sie hinaus,
sag ich Dir, oder ich laufe auf die Strae und schreie nach Hlfe.

Das wirst Du bleiben lassen, Guste, antwortete der unerschtterliche
Mann, indem er von seinen Knien zu seiner erzrnten Ehehlfte aufsah. Er
hatte den Schwamm in dem Wasser ausgedrckt und fuhr damit leise ber
Gesicht und Stirn seines Schtzlings. So schlecht bist Du nicht, fuhr er
dabei fort, da es Dein Ernst sein knnte von mir zu fordern, ich sollte
dies Weib, wer sie auch sein mag, in Nacht und Eis auf die Strae
werfen. Element ja! wenn's wahr wre, rief er, strker den Schwamm
drckend, ich knnte Dich nicht mehr ansehen. Aber wenn ich es thun
wollte, Du wrdest sie wieder hereinholen. Todt ist sie nicht, jetzt
athmet sie ja, und da hat sie den Schlag auf den Kopf bekommen. Es ist
eine lange blutige Schramme, mu ein Sbelhieb sein, aber viel hat es
nicht auf sich, wenn es weiter nichts ist. Die Betubung ist das meiste,
Angst und Schreck obenein. Bald wird sie wieder munter sein wie ein
Fisch und ehe es irgend ein Mensch gewahr wird, kann sie gehen und
sehen, was sich weiter mit ihr zutrgt.

Eine zuckende Bewegung der Unbekannten endete seine Ermahnungen. Sie
schlug die Augen einen Augenblick auf und schlo sie wieder; ein paar
unverstndliche Laute kamen ber ihre Lippen und endeten mit einem
dumpfen Sthnen.

Das Wasser macht ihr Schmerzen, flsterte der gutmthige Schuhmacher,
und sieh mal da, Guste, was es fr ein feines, blasses Gesicht ist. Die
sieht nicht aus wie Eine, die einen schlechten Lebenswandel fhrt.

Ein ordentliches, anstndiges Mdchen thut das nicht, sagte die Frau,
noch immer grollend. Du bildest Dir wohl am Ende ein, einen
Tugendspiegel Nachts um 12 Uhr in Rock und Hosen aufgefangen zu haben.
-- Bei alle dem aber beugte sie sich zu der Leidenden nieder, horchte
auf ihr leises schnelles Athmen und untersttzte, ohne ein Wort weiter
zu sprechen, die Bemhungen ihres Mannes, dem sie endlich den Schwamm
fortnahm und die Waschung selbst verrichtete.

Hole ein reines Tuch aus der Kommode, sagte sie nach einer kleinen
Weile, wir mssen es zusammenlegen und einen feuchten Umschlag machen.

Anton sprang auf und brachte, was er fand.

Ach, bewahre Gott, rief Guste, das ist ja ein baumwollenes. Rechts in
der Ecke liegen die beiden feinen Leinentcher, die mir Frulein Elise
zur Hochzeit geschenkt hat.

Die willst Du nehmen? fragte Anton erstaunt. Wirst das Blut nicht wieder
herauskriegen.

Ich habe nichts anderes, was pat, sagte sie rgerlich. Warum hast Du
uns das Unglck in's Haus gebracht.

Anton machte ein Gesicht als wollte er lachen, aber er unterdrckte es
zur rechten Zeit und nach wenigen Minuten lag eine Kompresse auf der
langen Schnittwunde, die eine zerrissene Oberflche zeigte, dann wurde
das zweite Tuch vorsichtig darber gebunden und nun sagte Guste: hole
rasch den groen Lederstuhl herein, das ist der einzige Platz, wo man
sie niedersetzen und wo sie den Kopf anlehnen kann.

Auch dieser Befehl wurde auf der Stelle vollzogen. Der Schuhmacher trug
aus seinem Laden den Stuhl herein, auf welchem er seinen Kunden Ma zu
nehmen pflegte. Es war ein bequemer Sessel mit Armen und hoher Lehne.
Vorsichtig fate er den Krper unter den Schultern, die Frau trug ihn an
den Beinen und nach einer Minute war das Werk vollbracht. Die kleine
Lampe brannte wieder unter dem dichten Schirm, das tiefe Schweigen
kehrte zurck, die beiden barmherzigen Samariter aber standen ngstlich
und ungewi vor der Unbekannten, die noch immer nicht erwachen wollte.

Das jugendliche und einnehmende Gesicht lag vorn ber, der Brust
zugeneigt, die sich dann und wann in kurzen heftigen Schlgen hob. Die
Arme fielen schlaff auf die Lehnen des Stuhls, ber welche die weien,
schmalen Hnde herabhingen.

Gearbeitet hat die nicht, murmelte Anton seiner Frau zu.

Es ist mir so, als htte ich sie schon frher gesehen, flsterte diese
zurck, aber ich wei nicht, wo es gewesen ist. Sie lftete den Deckel
der Lampe ein wenig und pltzlich fiel ein hell zuckender Lichtstrahl
auf den ruhenden Kopf. Es war ein schnes Oval mit hochgewlbter Stirn.
Khn geformte Augenbrauen liefen darunter hin, und lange Wimpern, welche
die geschlossenen Augen bedeckten, bildeten einen schwarzen Schatten,
der seltsam auf der blulichen Blsse des Gesichts ruhte. Im Verein mit
den festgeschlossenen schmalen Lippen und der Nase, die wie bei einem
Todten scharf und blutlos hervortrat, schien es wirklich, als sei das
Leben aus dieser Hlle entflohen, wenn nicht die einzelnen krampfhaften
Bewegungen dagegen gezeugt htten.

Und jetzt als das blendende Licht ihre Augen berhrte, thaten sich diese
rasch auf und sandten einen wirren fragenden und befremdeten Blick
umher. Dann umklammerte die linke Hand die Lehne des Stuhls, der Kopf
richtete sich von der Brust empor und mit grerer Gewalt als sich
vermuthen lie, rief die Kranke: Was ist mit mir vorgegangen? Wo bin
ich? Wer seid ihr? Mein Gott, was ist das?! Sie fuhr mit der Hand an
ihren Kopf, fhlte das Tuch und ihr nasses Haar und als kehre ihr in
diesem Augenblick die volle Erinnerung zurck, stie sie einen Schrei
des Entsetzens aus, indem sie von dem Stuhle sich aufrichtete und ihre
Umgebungen anstarrte.

Beruhigen Sie sich, sagte Anton, ihren Arm fassend, und verhalten Sie
sich still. Sie sind nicht im Gefngni, nicht unter den Konstablern und
dergleichen, sondern alleweil bei ordentlichen Leuten, die sich Ihrer
angenommen haben, so weit es geschehen konnte.

Weil es so hat sein sollen, Mamsell, oder wer Sie sind, fuhr Frau
Mertens fort, als die Fremde sich wieder niedersetzte. Weil es so hat
sein sollen, denn eine Fgung ist es jedenfalls, da Anton eben die Thr
aufmachte, wie Sie ihm in die Arme sprangen, aber allemal geschieht das
nicht, und sonderbar genug ist es auch, da Damen um Mitternacht in
Mannskleidern sich blutige Kpfe auf offener Strae schlagen lassen.

Na, wer wei denn, was es fr Grnde hat, sagte Anton ihr zuwinkend. Man
kann zu allerlei Schaden kommen, man wei selbst nicht wie, und heut zu
Tage steht die Welt auf dem Kopf, es geschehen Geschichten, wie man sie
nie erlebt hat. Mags also sein, wie es will, soviel ist gewi, da es
fr diesmal keine Gefahr mehr hat. Drauen ist Alles ruhig geworden,
denn nachdem sie in allen Winkeln umhergeschnffelt haben und geflucht
haben wie sich's gehrt, sind sie abgezogen, und hier knnen Sie nun so
lange bleiben bis Sie auf den Beinen fort knnen.

Das heit sptestens bis es Tag wird, fiel Guste wiederum ein. Jeder mu
am besten wissen, was er zu thun hat und ob er sich bei Tage sehen
lassen darf.

Ich danke Ihnen von Herzen fr die Gte, welche Sie mir erwiesen haben,
sagte die Fremde mit mattem und sanftem Ton, indem sie die Hand von
ihrem Gesicht nahm. Ich hoffe in einer halben Stunde schon mich
fortbegeben zu knnen, und nehme es Ihnen nicht bel, wenn Sie Mitrauen
gegen mich hegen. Die Verkleidung, in welcher Sie mich finden, betrifft
eine Angelegenheit, welche fr Sie kein Interesse haben kann. Durch
einen Zufall gerieth mein Begleiter mit einem Polizeisoldaten in
Wortwechsel. Der brutale Mensch wollte ihn verhaften, er schleuderte ihn
von sich, es kamen zwei andere herbei, die sofort Gewalt brauchten.

Siehst Du wohl, Guste, rief Anton frohlockend, da haben wir die
Geschichte, wie ich dachte.

Sie zogen ihre Sbel und in dem Bemhen, uns zu schtzen, in der
Verwirrung und Bestrzung, empfing ich einen harten Schlag und wurde von
meinem Begleiter getrennt, der sich fortgesetzt vertheidigte. Pltzlich
fiel ein Schu, ich floh, verlor die Besinnung und wei nichts weiter.

Und wer sind Sie denn? Wo ist Ihre Wohnung? fragte die Frau, halb nur
glubig, wie es schien.

Das, Madame, erwiderte die Fremde, mu ich Ihnen verschweigen, aber ich
werde Ihnen dankbar sein, gewi, ich werde dankbar sein, -- wenn auch
nicht sogleich, fuhr sie fort, denn im Augenblick besitze ich nichts,
was ich fr Ihre groe Gte und Freundlichkeit Ihnen bieten knnte.

Der Ton ihrer Stimme und die Art, wie sie dies sagte, hatte eben so viel
Herzliches wie Bestimmtes. -- Wir haben nichts um Lohn gethan, erwiderte
der Schuhmacher gromthig. Bleiben Sie hier, bis es hell wird, wir
wollen schon mit einander auskommen.

Nein, nein! ich darf nicht bleiben, versetzte die Fremde aufstehend, und
von heftiger Unruhe erfllt, die ihr Gesicht rthete, setzte sie mit
grerer Lebhaftigkeit hinzu: Ich fhle mich wohl, und kann nicht lnger
zgern. Man wird sehr besorgt um mich sein. Oeffnen Sie die Thr und
seien Sie berzeugt, da ich nicht vergessen werde, was mir hier
geschehen ist. Leben Sie wohl, Madame, leben Sie wohl! -- Sorgen Sie
nicht, es geht mit mir, es geht recht gut, ich fhle mich krftig genug.

Nach einigen Minuten kam Anton lachend zurck. -- Fort ist sie, sagte
er. Es ist rabenfinster und eben schlgt es Eins. Wie ein Schatten
schlpfte sie an den Husern hin und verschwand. Die Hand hat sie mir
gedrckt, die war so klein und fein und warm. Es mu was Vornehmes sein,
Guste.

Aber die Tcher, rief die Frau pltzlich erschreckend. Wo sind die
Tcher?

Ja, die hat sie wahrhaftig alle beide mitgenommen.

Das Ehepaar sah sich stumm an. Die sind fort auf Nimmerwiedersehen, rief
die junge Frau endlich voller Aerger. Das haben wir fr unsere Dummheit,
oder fr Deine Dummheit vielmehr, denn Du bist an Allem schuld. Es
dauerte lange, ehe Anton den Sturm besnftigen konnte.

Die glnzende Wohnung des Geheimeraths Wilkau zeigte am folgenden Morgen
deutlich genug die Spuren des Festes, welches am Abend vorher hier
gefeiert wurde; allein mit dem ersten Licht des Tages waren fleiige
Hnde geschftig, die gewohnte Sauberkeit und Ordnung wieder
herzustellen. Drei oder vier rstige Frauen und Mgde, ein Bedienter mit
bedenklich rother Nase und eine Wirthschafterin von gereiftem Alter, die
mit leiser Stimme Befehle und handgreifliche Pffe in aller Stille
austheilte, liefen auf Socken durch die Zimmer, rumten die Geschirre
fort, setzten Sthle und Gerthe an Ort und Stelle, lfteten und
wischten, fegten und bohnten die Fubden und suberten jeden Fleck, dem
sich beikommen lie, bis nach einigen Stunden Alles so stattlich,
prunkend und nobel aussah, als je vorher.

Endlich wurden die Oefen geheizt, die Fenster geschlossen, die Vorhnge
niedergelassen, und wenn die Wirthschafterin bisher mit aller Strenge
darauf gehalten hatte, da kein Gepolter und Gelrm entstand, so kehrte
nun die tiefste Stille in diese schnen, dmmernden Rume zurck, in
denen das Gerusch des Lebens auf der Strae lange Stunden trumerisch
wiederhallte.

Zehn Uhr war vorber, als eine Flgelthr geffnet wurde und eine junge
Dame, frstelnd in einen Morgenmantel gewickelt, hereintrat. Die Thr
blieb offen stehen und zeigte einen Ecksalon mit Decken belegt; auf der
Mitte des groen Tisches waren alle Vorbereitungen zum nahen Frhstck
getroffen.

Dem Frulein folgte eine Zofe, welche dienstfertig und geschmeidig die
Vorhnge in dem Wohnzimmer aufzog und eine lustige Bemerkung machte, da
die Sonne schon bis auf die Strae gelangt sei.

Ist meine Mutter aufgestanden? fragte das Frulein.

So eben aufgestanden, sagte das Mdchen. Auch der Herr Geheimerath waren
schon munter. Friedrich mute Erkundigung einziehen wegen des Skandals
vor unserm Hause.

Nun, was ist es denn gewesen? fragte Frulein Elise ghnend.

Ein paar Vagabonden, erwiederte die Kammerjungfer, die sich lange schon
umhertrieben und an unserer Thr Posto gefat hatten. Wahrscheinlich
hatten sie die Absicht, sich einzuschleichen und wenn Alles zu Ende war,
unser Silberzeug nher zu besehen. -- Die Schutzmnner nahmen sie ins
Gebet, da scho der eine Kerl eine Pistole ab, und richtig sind sie
davongekommen.

Wie? davongekommen?

Es ist merkwrdig, sagte das Mdchen lachend. Der Eine ist verschwunden,
wie ein Gespenst. Der Andere lief mitten durch Alle, die ihn halten
wollten und schlug mit seiner Pistole Einen noch an den Kopf, da er das
Aufstehen verga. Ein Dutzend waren hinter ihm her, die Kirchstrae
hinunter, wo er mit einem Satz ber die Kirchhofmauer sprang. -- Da
standen sie nun wieder und besannen sich, denn nachspringen wollte und
konnte Keiner. Endlich halfen sie sich hinber, aber stundenlang haben
sie mit Licht jeden Winkel untersucht und nichts gefunden.

Das Frulein verlie ihre geschwtzige Dienerin, denn sie hrte die
Stimmen ihrer Eltern im Nebenzimmer. -- Der Geheimerath sa schon am
Kaffeetisch, die Zeitung in der Hand, seine Gattin versenkte sich so
eben an der andern Seite in den bequemen Polsterstuhl.

Der lange, hagere Herr, leicht ergrautes Haar um seine hohe Stirn, sein
eckiges Gesicht mit hervortretender gerader Nase voll scharf
ausgeprgter bureaukratisch stolzer Zge, bildete einen grellen
Gegensatz zu seiner wohlbeleibten Frau, deren vollwangiges Antlitz
einige kupferfleckige Stellen enthielt.

Nach der ersten Begrung trat ein Schweigen ein, whrend Elise Theil am
Frhstck nahm, der Geheimrath weiter las und das Klappen der Tassen
allein die Stille unterbrach.

Wird Gravenstein heut Vormittag kommen? fragte die Dame endlich, nachdem
sie einige halblaute Worte an ihre Tochter gerichtet hatte.

Er hat es versprochen, erwiederte diese.

Nun, und? sagte sie mit einem lchelnden Blick, der Elisen errthen
machte.

Ich glaube beinahe, da Du Recht hast, flsterte diese.

Die Geheimerthin lachte auf. -- Du glaubst es beinahe, rief sie, wir
haben nichts dagegen, Kind. Unsere Ansichten kennst Du. Gravenstein ist
ein herrlicher Mensch, und Du weit, was seine verstorbene Mutter, meine
gute Cousine Clara, immer gewnscht hat. Dewegen ist er gekommen, er
hat uns berrascht.

Der Geheimrath legte die Zeitung auf den Tisch und mischte sich in's
Gesprch, als seine Tochter eine Antwort gab, die ihm nicht ganz zu
gefallen schien.

Wenn Gravenstein nur gekommen ist, sagte Elise, weil seine Mutter es
begehrte, wrde ich mich doch sehr besinnen, meine Zukunft davon
abhngig zu machen.

Possen, sprach der Geheimrath. Alfred ist viel zu selbststndig und
starrsinnig, wie wir wissen, um etwas so wichtiges zu thun, wenn er es
nicht aus Ueberzeugung thun will.

Aus wahrer Herzensneigung, fiel die Dame ein.

Meinetwegen, sagte ihr Gemahl, aber das kann ich Euch versichern, da er
nicht auf Wunsch der Verewigten gekommen ist, sondern weil ich ihn darum
ersucht habe.

Du?! riefen Mutter und Tochter zu gleicher Zeit.

Ich, erwiederte der Geheimrath lchelnd, weil ich mit ihm eine fr ihn
wichtige Angelegenheit zu besprechen habe.

Welche Angelegenheit, Papa?

Vor der Hand ist das nichts fr Euch, sagte Wilkau; brigens ist es eine
Geld- und Geschftssache. -- Alfred kam gestern eben noch zur rechten
Zeit, um an dem Balle Theil zu nehmen. Heut Vormittag aber wird er nicht
allein Dich, sondern auch mich besuchen. -- Ich habe mit Vergngen
gesehen, da er sich mit alter Freundschaft bei uns gefallen und mit Dir
viel getanzt hat.

Er war der schnste Tnzer auf dem Balle, rief die Geheimrthin.

Nun, was das anbelangt, Mutter, erwiederte Elise spttisch, so liee
sich wohl Manches dagegen einwenden.

Also ist er nicht der beste Tnzer, fiel der Geheimrath mit amtlicher
Entschiedenheit ein. Ich glaube es gern. Alfred scheint mir zu schwer
und zu ernsthaft, es mag sich mancher flinker drehen, Assessor Stephani
zum Beispiel, aber darauf kommt es nicht an. Gute Tnzer, liebe Elise,
sind nicht immer gute Mnner. Ein Mann aber, der ein bedeutendes
Vermgen und ein paar Rittergter besitzt, mag immerhin ein schlechter
Tnzer sein. --

Man kann es sich wenigstens gefallen lassen, lachte das Frulein. Du
hast ganz Recht, Papa.

Der Geheimrath legte ber den Tisch fort seine Hand auf Elisens Arm und
sagte freundlich blickend: Du siehst heute angegriffen aus, gestern
blhtest Du wie eine Rose. Alfred war entzckt, wie er Dich sah; er
sprach von Deiner prchtigen Entwickelung mit dem Feuer, dem man
anmerkt, woher es stammt. -- Du bist ein Schmetterling Elise, es kann
jedoch kaum anders sein. Das Hofmachen verdreht allen Mdchen die Kpfe,
und Du machst keine Ausnahme von der Regel. Ich wundere mich auch nicht
darber, da man Dir zu gefallen strebt. Du bist jung, hbsch, lebhaft
und bist meine Tochter, aber eines mchte ich Dir empfehlen. Zeichne
keinen Deiner Anbeter ferner aus, auch wenn sie noch so schn tanzen und
schwatzen; behandle den jungen Herrn Stephani wie Du unsern wrdigen
Hauswirth, den alten Rentier Zippelmann behandelst, das heit, jeden in
seiner Weise, wenn Du meinst, es sei wohlgethan, an ein ernsthaftes
Einlassen mit Alfred zu denken. Er ist stolz, reizbar und von strengen
Grundstzen. -- Unseren Segen hast Du auf jeden Fall. Alfred von
Gravenstein ist ein junger Mann, wie es wenige giebt. Alle anderen
Vorzge abgerechnet, ist er ein gediegener Charakter; durchaus
konservativ in jeder Beziehung, sowohl in der Liebe, wie in der Politik.
Vielleicht geht er darin fast zu weit, selbst bis zum Extrem, denn er
hat mit Wort und Schrift und That gegen die Umstrzer gekmpft, und sich
nicht gescheut, seinen Namen bei allen Bestrebungen voran zu stellen.
Dafr findet er jetzt die gebhrende Anerkennung und, wenn er will, eine
glnzende Zukunft. Ich wei, da er in die Kammer gebracht werden soll,
wo er eine Rolle spielen wird. Seine Partei hofft etwas von ihm, seine
Verwandten knnen ihn durch ihren Einflu untersttzen; er kann leicht
einmal in's Kabinet kommen.

Ich zeige Dir das alles nur, Elise, fuhr er fort, als er sah, da das
Frulein einige stolz lchelnde und nachsinnende Blicke auf ihn
richtete, weil Du Verstand und Takt hast. Mische Deine Karten, Ihr
Weiber versteht das; ich sage nur das noch: Von allen den jungen Herren,
die hier umherschweben, wei ich keinen, der solche Zukunft htte.
Stephani ist ein ehrgeiziger Kopf, aber sein Vermgen ist unbedeutend.
Die Uebrigen kommen nicht weiter in Betracht. Bedenke also wohl, was Du
thust. Ich lege Deinem Herzen keinen Zwang an, wnschenswerth wrde mir
diese Partie aber gewi sein. Sie brchte mich auch politisch Personen
nher, die alberner Weise mir manches nicht vergessen knnen, was sie
nicht besser gemacht haben.

Hier wurde das Gesprch durch den Bedienten unterbrochen, der den
Polizei-Kommissarius des Bezirks meldete.

Was will denn der? fragte der Geheimrath verdrielich. Die Polizei ist
ein Institut, ohne welches kein civilisirter Staat bestehen kann. Es ist
ganz richtig: je mehr Polizei, je mehr wahre Freiheit, denn um so besser
werden Verbrecher gefat und gestraft; aber dennoch ist mir persnlich
alles was Polizei heit zuwider. -- Doch was hilft's, la ihn herein
kommen.

Nach einigen Minuten trat ein breitschultriger starkbrtiger Herr
herein, den der Geheimrath mit herablassender Freundlichkeit empfing.

Ich bitte um Entschuldigung, sagte der Kommissar, aber ich halte es fr
meine Pflicht, Ihnen einen Besuch zu machen, Herr Geheimerath.

Es betrifft die nchtliche Ruhestrung vor Ihrem Hause, fuhr er fort,
als der Geheimerath mit einer einladenden Handbewegung antwortete.

Die beiden Vagabonden oder Diebe, fiel die Geheimerthin erfreut ein.
Sie haben sie also gefangen?

Noch nicht, gndige Frau, erwiederte der Beamte, aber auf keinen Fall
werden sie uns entgehen. Der Eine ist durch mehrere Hiebe verwundet
worden, der Andere wahrscheinlich auch. Wir werden uns die grte Mhe
geben, diese Verbrecher in unsere Gewalt zu bekommen, denn die
Frechheit, eine Pistole abzufeuern und mit dem Kolben Lcher in
Gesichter und Kpfe der Polizeiwache zu schlagen, ist noch nicht
dagewesen.

Ich wnsche sehr, da es Ihnen gelingt, ein Beispiel zu geben, sagte der
Geheimerath, was mich jedoch betrifft, so wei ich von den beiden Dieben
nichts, auch nicht, da wir bestohlen wren.

Ich komme eben dewegen, sprach der Kommissar hflich, um Ihnen die
Mittheilung zu machen, da allem Vermuthen nach auch kein Einbruch
beabsichtigt wurde.

Nicht? fragte Wilkau. Und was denn?

Ein Mord! erwiderte der Beamte.

Himmlischer Vater! schrie die Geheimerthin auf. Wer sollte ermordet
werden?

Beruhigen Sie sich, gndige Frau, beruhigen Sie sich, sprach der
Kommissarius mit Selbstgefhl. Kein Haar soll Ihnen gekrmmt werden.

Darf ich um nheren Aufschlu bitten, was die mrderische Absicht der
beiden Schelme beweist? fragte der Geheimerath.

Ich habe hier die Aussage des Mannes, der zuerst die Inculpaten
bemerkte, beobachtete, festhielt und den Kampf mit ihnen begann. -- Er
zog einige Bogen Papier hervor und las:

    Gegen neun Uhr bemerkte ich zwei Mnner, welche vor dem Hause
    auf und abgingen, und wohl eine Stunde lang trotz des bsen
    Wetters nicht vom Platze wichen. Es kamen immer noch Wagen,
    welche bei dem Geheimerath vorfuhren, und jedesmal sah ich, da
    die Verdchtigen die Aussteigenden genau beobachteten. -- Ich
    drngte mich in ihre Nhe, allein ich konnte von ihren
    Gesichtern wenig sehen, da sie die Kragen ihrer Ueberzieher bis
    ber die Ohren hochgezogen hatten. -- Ihr Flstern aber und ihr
    ganzes Benehmen verstrkte meinen Verdacht. Endlich, es hatte
    eben zehn Uhr geschlagen, fuhr wieder ein Wagen vor, aus
    welchem ein groer schlanker Herr stieg, der schnell ins Haus
    ging.

    Ist er das? rief der Eine mit gedmpfter Stimme. Der Andere
    nickte, hielt seinen Kameraden aber am Arm fest. -- La mich
    los, fuhr der Erste fort, ich will ihm nach, ich treffe ihn auf
    der Treppe. Aber der Andere schien mich bemerkt zu haben, er
    zog ihn zurck und sagte flsternd: Noch nicht, hier nicht!

    Der Elende! rief nun der Erste, er tanzt, aber ich will ihm
    Musik machen. Sei sicher, der Verrther soll uns nicht
    entkommen. Bei diesen Worten gingen sie fort und ber eine
    Stunde lang war nichts von ihnen zu sehen. Dann aber kamen sie
    nochmals vorber, und da ich mit meinen Kameraden inzwischen
    Abrede genommen, vertrat ich den beiden Menschen den Weg und
    forderte sie auf, mich zu begleiten, was sie trotzig
    verweigerten.

Das Uebrige ist bekannt, sprach der Kommissar. Es kommt aber nun darauf
an, ob Sie, Herr Geheimerath, Ihre Frau Gemahlin oder das gndige
Frulein sich nicht erinnern, wer von Ihren Gsten so spt gekommen ist?

Der Geheimerath warf einen raschen Blick auf Frau und Tochter, und
zuckte die Achseln. -- Es sind um zehn Uhr und gegen zehn Uhr mehrere
Herrn gekommen, die ich nicht genau nahmhaft machen kann, sagte er.

Ist aber nicht Jemand dabei, der sich durch seine Gesinnung den
besondern Ha wthender Anarchisten zugezogen haben kann? fragte der
Beamte.

Glauben Sie, da es solche Subjekte waren? erwiederte der Geheimerath.

Der Eine trug einen Hut mit breiter Krempe und breitem Bande, der Andere
soll einen dichten Bart rund um's Gesicht gehabt haben. Man erkennt den
Vogel an den Federn.

Herr Alfred von Gravenstein, sagte der Bediente eintretend, indem er dem
Geheimerath eine glnzende Karte hinhielt.

Sehr willkommen, erwiederte dieser, doch halt! Fhre den Herrn von
Gravenstein in mein Zimmer, ich komme sogleich.

Es ist nichts! sagte der Geheimrath zu dem Beamten. -- Wenn einer
unserer Freunde wirklich von den mrderischen Drohungen fanatischer
Schurken berhrt werden knnte, so mte es Alfred von Gravenstein sein.
Ist er nicht etwas spt gekommen, Elise?

Gewi, lieber Vater, er kam spt; ich glaube jedoch nicht, da es zehn
Uhr war.

Unsinn! fuhr der Geheimrath, die Hnde reibend, fort. Gravenstein ist
gestern erst hier angekommen, er ist seit Jahren nicht hier gewesen, wer
sollte ihm auflauern? -- Die ganze Geschichte scheint mir, offen
gestanden, wenig auf sich zu haben; vielleicht kommt uns nhere
Aufklrung durch weitere Nachforschungen und jedenfalls haben wir nichts
mehr damit zu thun. Wir lassen die Damen Toilette machen, Herr
Kommissar, sobald sich jedoch irgend etwas ermittelt, hoffe ich es von
Ihnen zu hren, whrend wir in der Stille ebenfalls unser Heil versuchen
wollen.

Nach einigen scherzenden Worten begleitete er den Beamten hinaus, aber
im Vorzimmer hielt er ihn pltzlich fest.

Ich bin dennoch beunruhigt, sagte er, denn eine Mglichkeit ist
allerdings vorhanden, da die energische patriotische Gesinnung unseres
jungen Freundes ihm wthende Feinde gemacht htte. Jedenfalls wrde es
gut sein, ihn genau zu beobachten.

Wo wohnt er? fragte der Kommissar.

Fr jetzt noch im russischen Hofe, aber er wird heute oder morgen eine
Privatwohnung nehmen.

Ich werde dafr sorgen, da ihm keine Gefahr zustt, sagte der
Kommissar zuversichtlich.

Sie werden mich auf's Erkenntlichste verbinden, erwiederte der
Geheimrath, ihm die Hand drckend, wenn Sie bestmglichst fr ihn
sorgen.

Er soll keinen Augenblick ohne eine Sicherheitswache sein.

Aber er darf nichts davon merken, fuhr Wilkau leise fort. Er ist stolz
und empfindlich.

Seien Sie unbesorgt, flsterte der Beamte lchelnd, er wird nicht ahnen,
da er keinen Schritt thun kann, ohne gut beschtzt zu sein.

Und darf ich darauf rechnen, da Sie mir Nachricht geben ber Alles, was
ihn betrifft?

Sie sollen jeden Morgen einen kleinen Rapport darber erhalten, wie Herr
von Gravenstein seinen Tag verlebte.

Vortrefflich, sagte der Geheimerath, dem Kommissar nochmals die Hand
reichend, ich hoffe mich Ihnen erkenntlich zeigen zu knnen. Alfred von
Gravenstein ist der Sohn meines theuersten Freundes. Er steht mir und
meiner Familie sehr nahe. Ich darf meiner Frau und Tochter nicht die
geringste Besorgni erregen. Sie verstehen!

Ich verstehe vollkommen, sagte der Kommissar sich verbeugend.

Und ich kann mich auf Sie verlassen?

Auf's Bestimmteste, Herr Geheimrath. Ich versichere nochmals, er soll
keinen Schritt thun knnen, ohne da wir es wten.

Der Geheimrath nickte ihm lebhaft zu, ffnete dann selbst die Glasthr
des Corridors und ging mit Befriedigung nach seinem Zimmer.

Mein theurer Alfred! sagte er hereintretend und beide Hnde dem jungen
Herrn entgegenstreckend, der sich von dem Platze am Fenster erhob, wo er
wartend mit einem Buche in der Hand gesessen hatte, entschuldigen Sie
mich und so auch die Meinigen. Wir haben smmtlich bis in den Tag hinein
geschlafen. Wie ist Ihnen der Abend bekommen?

So gut mir Ungewohntes bekommen kann, erwiederte Alfred von Gravenstein.
Ich bin heut in aller Frhe schon umhergelaufen, um eine fr mich
passende Wohnung zu finden, weil das Gasthausleben mir tief zuwider ist.

Sie sind ein Mann der Ruhe und Ordnung, lachte der Geheimrath. Ich
erinnere mich, da als Sie noch hier studirten und in unserem Hause
wohnten, Alles in Ihrem Zimmer aufs Sauberste aussah und Ihre
Pnktlichkeit bewundernswerth war.

Zu den Flchtigen und Zerstreuten, das heit, zu den liebenswrdigen
Verwirrten habe ich nie gehrt, erwiederte Alfred lchelnd. Ich halte
den Sinn fr Ordnung fr Etwas, was mit dem Lebensglck der Menschen in
engster Wechselwirkung steht. Eben dieser Sinn fr Ordnung ist es, der
den Meisten leider fehlt, daher die Unordnung, der Leichtsinn, die
wachsende Verarmung, und so in Kettenschlssen weiter: die wachsenden
Verbrechen, die Eingriffe in die Rechte und das Eigenthum Anderer, der
Aufruhr, der Verrath.

Sehr wahr, nur zu wahr! rief der Geheimrath, der diese Worte mit
beiflligem Kopfnicken begleitete, aber wer will der Prophet in der
Wste sein, und was ntzt es den Leidenschaften Weisheit zu predigen?
Sie haben dazu die volle Energie gehabt, Alfred, haben sich dem Strom
entgegengeworfen, haben Sie aber nicht dafr auch den Ha und die Rache
einer ganzen Partei auf sich geladen.

Der junge Herr von Gravenstein lchelte verchtlich. Er schlug die Arme
ber seine breite Brust und hob stolz seinen Kopf auf, der nicht aussah,
als wohne ein Gefhl der Furcht darin. Die hohe krftige Gestalt sah
ritterlich genug aus, um Helm und Harnisch seiner Ahnen aus dem
vierzehnten Jahrhundert wieder umzuschnallen. Kurzes blondes Haar fiel
auf eine eckige Stirn, unter welcher groe blaue Augen glnzten, die nur
zu starr blickten, um schn zu sein. Ein kurzer blonder Bart hielt Lippe
und Kinn besetzt, und dies Gesicht voll entschlossener, fester Zge
hatte etwas zurckschreckend Strenges und Hartes.

Die Feigheit dieser sogenannten Partei, sagte er, ist wenigstens eben so
gro wie ihre Verworfenheit.

Nun, sprach der Geheimrath, es kommen doch noch immer Flle vor, an
denen man sieht, da verwegene Bursche, die zum Aergsten entschlossen
sind, der Rotte nicht fehlen.

Sie nennen das rechte Wort, erwiderte Alfred. Eine Rotte von Elenden
aller Art soll uns jedoch nicht mehr beschftigen, als unumgnglich
nthig ist.

Ich frchte dennoch, fiel Wilkau lchelnd ein, da Sie mancherlei mit
ihr zu thun haben werden, eben weil es unumgnglich nthig ist. Ich habe
Sie in meinem Briefe darauf vorbereitet.

Sie haben mir geschrieben, sagte Alfred, da die fnftausend Thaler,
welche meine verstorbene Mutter dem Herrn Herzer geliehen hat, in Gefahr
sind, verloren zu gehen, und mich aufgefordert, die nthigen Schritte zu
thun.

So ist es, gab der Geheimrath zur Antwort, und ich halte mich doppelt
verpflichtet Ihnen beizustehen, weil ich es war, der Ihre Mutter bewog,
das Geld herzugeben. -- Es sind jetzt zehn Jahre her, Herzer war damals
uns genau befreundet, er brauchte das Geld zur Vergrerung seiner
Fabrik musikalischer Instrumente, zum Bau einer Schneidemhle und
Dampfmaschine, und da er ein eben so geschickter Knstler wie
spekulativer Kaufmann war, trug ich gern dazu bei, Ihre Mutter zu
bestimmen, ihm ein Kapital anzuvertrauen. Haben Sie die
Schuldverschreibung mitgebracht?

Hier ist das Instrument in bester Form Rechtens, erwiederte der junge
Mann. Das Kapital soll in zehn Jahren nicht gekndigt werden, es sei
denn, da die Zinsen nicht pnktlich erfolgen.

Haben Sie diese stets richtig erhalten?

Pnktlich und richtig bis auf Tag und Stunde.

Fr das Kapital, fuhr der Geheimrath fort, brgen alle Einrichtungen,
Gerthe, Maschinen und Bestnde der Fabrik, berdies aber smmtliches
Mobiliarvermgen des Schuldners.

Meine Mutter hat sich vorgesehen, sagte Alfred.

Nach Ablauf der zehn Jahre erfolgt die Rckzahlung, es sei denn, da
eine Verlngerung von beiden Theilen genehmigt wird. Hat Herzer bei
Ihnen darauf angetragen?

Er hat bei seiner letzten halbjhrigen Zinszahlung allerdings geuert,
da es ihm angenehm sein wrde, wenn ich eine Verlngerung eintreten
liee.

Und was haben Sie geantwortet?

Ich habe ihm im Allgemeinen geschrieben, da ich keineswegs geneigt
wre, einem wackeren Manne Verlegenheiten zu bereiten.

Einem wackeren Manne! Freilich, wer wird das thun! sagte der Geheimrath,
aber einem _Betrger_ wird man zuvorzukommen suchen.

Meinen Sie, da Herzer an Betrug denkt? fragte Alfred betroffen.

Er ist ruinirt, erwiderte Wilkau, fassen Sie zu, wenn Sie etwas von
Ihrem Gelde retten wollen. -- Noch sucht er vor der Welt sich zu halten,
seinen Schuldnern Sand in die Augen zu streuen, heimlich aber trifft er
Vorbereitungen, sich in die Zufluchtshhle aller Spitzbuben und Schufte,
nach Amerika zu begeben. -- Ein groer Transport kostbarer Instrumente
soll in wenigen Tagen ber Hamburg nach New-York abgehen. Angeblich will
er dort ein Magazin errichten. Sein Sohn Felix ist mehrere Jahre jenseit
des Wassers gewesen und vor einem Monate erst zurckgekommen. Vater und
Sohn haben nun den allerliebsten Plan geschmiedet, erst was sie noch
besitzen und dann sich selbst in Sicherheit zu bringen.

Und woher, fragte Alfred von Gravenstein, wissen Sie das Alles so genau?

Sein eigener Verwandter und frherer Kompagnon, unser Hauswirth, Herr
Zippelmann, hat mir Erffnungen darber gemacht. -- Es ist ein reicher,
allgemein geachteter und angesehener Mann. -- Hren Sie ihn darber, er
kennt Herzer am besten.

Ich habe eine andere Meinung von ihm gehabt, sagte der junge Mann. Er
schien sehr thtig, unterrichtet und verstndig zu sein.

Ich erinnere mich mit Vergngen des Kreises dieser gebildeten Familie,
die mir, so jung ich war, immer als ein Muster schner Huslichkeit
vorschwebte. Den jungen Herzer habe ich wohl kaum einmal flchtig
gesehen, aber eine Tochter -- wenn ich nicht irre, hie sie Clara nach
meiner Mutter, die sie ber die Taufe gehalten -- versprach ein
ausgezeichnetes musikalisches Talent zu werden. Es thut mir daher
doppelt weh, von Ihnen zu hren, wie bel es mit dieser einst so
glcklichen Familie steht.

Es steht so, sagte der Geheimrath mit einem bsen Lcheln, da Sie eilen
mssen, wenn Sie etwas haben wollen.

Gravenstein schttelte den Kopf, indem er einen scharfen Blick auf den
Geheimrath richtete. Sie waren einst, wie ich denke, ein sehr vertrauter
Freund des Mannes.

Ich war es, erwiderte Wilkau, so lange ich es sein konnte. Herzers Haus
war lange Jahre lang uerst angenehm; er selbst ein begabter Mensch.
Kein Fremder von Talent und Namen kam hierher, der nicht bei ihm
eingefhrt wurde. Obenein galt er als vermgend und auf dem Wege zu
groem Reichthum.

Um so mehr Grund fr seine Freunde aus guter Zeit, fiel Alfred mit
mhsam verhaltenem Unmuth ein, ihn zu sttzen, als trbe Tage kamen. Ich
kann mir denken, da Herzer's groes Geschft durch den Aufruhr und die
Handelsstockungen furchtbar gelitten hat.

Ganz gewi, sagte der Geheimrath. Er steckte tief in verwickelten
Geschften als die Revolution losbrach, beschftigte berdies eine groe
Zahl Arbeiter und kam in Wien bei dem Sturm und Brand zur Herstellung
der Ordnung um ein Magazin, das von den Kroaten gnzlich zertrmmert
wurde, ohne da eine Entschdigung zu erreichen gewesen wre.

Der arme Herzer! rief Alfred von Gravenstein. Das sind schwere
unverschuldete Schicksale.

Was seine Schuld betrifft, fuhr der Geheimrath kalt lchelnd fort, so
besteht diese darin, da er sich mitten in die Whlereien warf, Theil
nahm an den wildesten Klubs und unter der Zahl der Schlechtgesinnten
leider noch jetzt mit obenan steht.

Was sagen Sie da! rief der junge Baron mit gerthetem Gesicht.

Ich sage, erwiderte Wilkau, da die ganze Familie wie aus einem Gusse
ist. Der Sohn macht dem Vater den Rang streitig. Im Frhjahr, wo er hier
war, machte er es so arg, da man ihn fortschicken mute, und ganz von
demselben Stoffe ist das se Clrchen.

Wenn es so ist, sagte Gravenstein dster blickend, dann freilich haben
Sie Recht, dann wre Mitleid Mitschuld. Es wre mehr als Thorheit, sich
betrgen zu lassen. Morgen luft das Darlehn ab, ich werde es einfordern
und mein Recht behaupten.

Und Beschlag auf Alles legen, ehe er sich besinnen kann, fiel der
Geheimrath ein.

Auch darin haben Sie Recht. Ich werde Ihrem Rathe folgen.

So geben Sie mir den Schuldschein, sprach der Geheimrath, whrend seine
Augen von lebhafter Befriedigung glnzten. Ich werde mit einem Freunde
ber die nthigen Mittel sprechen, um Alles in Bereitschaft zu halten,
damit er Ihnen nicht entgehen kann. -- Und jetzt, theurer Alfred, kommen
Sie zu Elisen herber. Wir haben den ganzen Morgen von Ihnen gesprochen
und sind glcklich, Sie wieder bei uns zu sehen. Nichts in der Welt
htte uns grere Freude machen knnen.

Der Geheimrath fhrte Alfred von Gravenstein in das groe Wohn- und
Empfangzimmer; als er jedoch die Thr ffnete, war seine Laune auf einen
Augenblick gestrt, denn er fand nicht, wie er erwartete, die Damen
allein.

Zwei Herren unterhielten die Geheimrthin, whrend Elise am Tische
sitzend in einem Hefte zu lesen schien.

Nun da ist Alfred, sagte der Geheimrath, zugleich nickte er dem Besuch
freundlich entgegen und setzte dann hinzu: das trifft sich ja herrlich,
Sie so frh bei uns zu sehen. Herr Professor Viereck, Herr Alfred von
Gravenstein, Herr Zippelmann, unser lieber Freund und Hauswirth. Er
deutete dabei auf die beiden Herren und auf Alfred, der die
Vorstellungsverbeugungen kurz und steif erwiderte.

Herr Zippelmann, eine ziemlich hagere Gestalt, machte dagegen eine sehr
unterthnige Reverenz. Sein kahler Kopf, der von grauen Haarstreifen
bedeckt war, die aus dem Nacken aufwrts gekmmt, hchst kunstvoll und
lebensgefhrlich an den Ohren vorbei nach dem Scheitel aufwrts liefen,
neigte sich so tief, als wollte er versuchen, ob es mglich sei, mit der
langen, schmalen Nase die Stiefelspitzen zu erreichen. Sein Rcken blieb
eine volle Minute dann in so horizontaler Richtung, da Alfred von
Gravenstein unwillkrlich lchelte, weil ihm die Geschichte einfiel, in
welcher ein Frst seinem devoten Minister aus Zerstreuung die
Kaffeetasse auf den gekrmmten Rcken setzt und nach einer halben Stunde
sie noch auf derselben Stelle findet. Er war berzeugt, da Herr
Zippelmann es ganz eben so gemacht haben wrde, obwohl er diesmal nicht
so lange aushielt, sondern mit einem Blinzeln aus seinen grauen Augen
und einem einnehmenden Grinsen sich wieder aufrichtete.

Ganz unhnlich diesem hflichen Nachbar schien der Professor, ein im
Hochgefhl seines Ichs schwelgender Mann zu sein. Er war klein und rund,
eine gewaltige Silberbrille sa auf einer etwas dicken, aufgestlpten
Nase, zu der sein rthliches, aufgedunsenes Gesicht vortrefflich pate.
Aber er trug sich stolz, und ein gewisses herausforderndes Wesen
begleitete den kurzen stummen Gru und den messenden Blick, welchen er
auf Alfred warf.

Der Herr Professor ist so gtig gewesen, lieber Wilkau, sagte die
Geheimrthin, uns die erfreuliche Nachricht zu bringen, da unsere
Weihnachtssammlung einen hchst gnstigen Fortgang hat. Sie mssen
wissen, lieber Alfred, da wir in unserem patriotischen, konservativen
Vereine den Beschlu gefat haben, unseren rmeren leidenden Mitbrgern
und deren Kindern eine Weihnachtsfreude zu machen.

Ein hchst edler und menschlich schner Entschlu, erwiderte der junge
Mann, indem er sich zu Elisen wandte.

An welchem die Damen mit ihrem schnen Mitleid das meiste Verdienst sich
zusprechen drfen, wie ich die Ehre habe zu bemerken, fiel der Professor
mit einer pathetischen Handbewegung ein.

Wissen Sie was, Professor? sagte Herr Zippelmann sich grinsend die Hnde
reibend, es ist eine schne Idee, ungefhr so wie die deutsche Einheit,
Hehe! -- Ist es nicht wahr, Herr Geheimrath, wie die deutsche Einheit?
Ganz akkurat so wie die deutsche Einheit! Der Professor zuckte mit einem
stieren Blick auf Herrn Zippelmann die Achseln. -- Ich wei in der That
nicht, sagte der Geheimrath lachend, wie Sie Ihren Vergleich
rechtfertigen wollen.

Hehe! sagte Herr Zippelmann, die deutsche Einheit war auch so eine
Bescheerung fr das deutsche Volk, das sich dazu freute, wie Kinder zum
Christbaum, und von der Nichts brig geblieben ist, gerade so wie von
unserer Sammlung Nichts brig bleiben wird, als das Gelste, es mchte
bald wieder Weihnachten sein und unsere Taschen sich dann noch etwas
weiter aufthun.

Ich denke, fiel die Geheimrthin mit einem frommen Blicke ein, Jeder
wird die Taschen so weit aufthun, wie er es immer vermag, um seine
leidenden Mitbrder zu untersttzen.

Die darauf ein heiliges Recht besitzen, wie ich die Ehre habe zu
bemerken, rief der Professor, indem er eine rednerische Stellung einnahm
und mit Wrde umherblickte. Wir Alle sind die Shne einer groen Mutter,
die Kinder eines Vaters, der seinen Geschpfen das Gefhl gegeben hat,
glcklich zu sein. Leider gelingt dies aber Vielen nicht; so ist es denn
Pflicht der glcklichen Brder, ihnen die Hand zu reichen und sie
emporzuheben.

Edle Grundstze! sehr edle Grundstze! sagte die Geheimrthin, indem sie
Alfred anblickte.

Hehe! schrie Zippelmann grinsend dazwischen, sehr edle Grundstze! Aber
je mehr man giebt, je mehr soll man geben, und je schlechter die
Aussichten, je schlechter sind die Menschen. Geben, herausgeben,
theilen, ungerechten Mammon abnehmen, das nennen sie soziale Gedanken.
Ich gebe recht gern, wenn es sein mu, aber ich sage Ihnen, was heut
geschieht, um zu zeigen, da wir unsere armen Brder lieben, wird ber's
Jahr von den lieben Brdern gefordert werden und noch etwas dazu. Es ist
akkurat so, wie mit der deutschen Einheit.

Sie vergessen, Herr Zippelmann, sagte der Professor stolz, da es unsere
Pflicht ist, den Verlassenen Trost zu bringen.

Sie zu wahren Menschen zu machen durch unser Beispiel, sprach der
Geheimrath.

Sie zu uns zu erheben, wie der Professor so schn sagt, fuhr seine
Gemahlin fort. Ihre Herzen der Tugend und der Liebe zu ffnen.

Ja, rief der Professor mit Energie, das ist die Aufgabe unseres Lebens:
Liebe auszusen, den Ha zu vernichten, brderliche Gefhle in die
Herzen zu bringen und einen Bund zu errichten, der uns Alle zu
glcklichen Menschen, das heit zu Kindern Gottes macht. Ich habe die
Ehre Ihnen zu bemerken, da ich manche meiner Freunde schon auf dem Wege
fand, den Herr Zippelmann geht. Noch gestern uerte mein Freund, der
Oberst von Arnstein: alle unsere Vereine und Bestrebungen wrden doch
nichts helfen, und ein anderer meiner Freunde, Graf Buchholz, meinte,
man verwhne nur damit den groen Haufen, der uns an der Nase
umherfhre. Ich bewies beiden jedoch so eindringlich ihr Unrecht, da
sie mir mit tiefer Rhrung die Hnde reichten.

Hehe! sagte Herr Zippelmann, es ist aber doch wahr. Sie nehmen das Geld
und die Geschenke und behalten ihre schlechte Gesinnung bei, nachher wie
vorher. Die sitzt fest bei dem Volke. Es giebt nur Ein Mittel, um die
Demokraten los zu werden, das besser ist, als alle Weihnachtsgaben. Ein
einziges praktisches Mittel.

Welches Mittel? fragte der Professor angeregt.

Aufhngen! rief Herr Zippelmann vergngt, einfach aufhngen! Hehe, was
meinen Sie, Herr Geheimrath. Wten wir beide nicht ein Paar, die gleich
baumeln sollten?

Das Sicherste wre es jedenfalls, erwiderte Wilkau lachend, inde mu
ich dem Herrn Professor doch Recht geben, da die sanften Mittel der
Menschenliebe viele Verirrte und Irrende zur Wahrheit und Vernunft
zurckfhrte. Mit den Unverbesserlichen wird man sich nicht einlassen,
allein den Schwachen und Zagenden mu man die Hand reichen, ihnen mu
man zeigen, da ihre wiederkehrende gute Gesinnung Beistand und Hlfe zu
erwarten hat. So betrachte ich unseren Verein und diese
Weihnachtssammlung. Wir sind eine Art Freimaurerorden. Unsere
Bundesbrder haben Rechte an uns, wer zu uns tritt, mu Schutz finden.
Er mu unsere Zeichen tragen, unseren Fahnen folgen, unsere Gtter
anbeten. Wollte man sich damit einlassen, Jedem zu geben, so wrde ich
es abgeschmackt finden, denn wir haben einen bestimmten Zweck bei
unseren Wohlthaten.

Es fllt uns auch gar nicht ein, die Demokraten zu bestechen, sagte der
Professor mit einem strengen Blick auf Herrn Zippelmann. Im Gegentheil,
wir wollen mit diesem fabelhaften Wesen nichts gemein haben. Ich habe
die Ehre, fabelhaft zu sagen, denn ich mchte wissen, was denn
eigentlich ein Demokrat sei?! Ich wei es nicht, rief er, sich auf die
Brust schlagend, und wie Viele ich schon darnach gefragt habe, es wei
es kein Mensch. Die Demokraten wissen es am allerwenigsten.

Hehe! rief Herr Zippelmann, es ist Schade, da Sie nicht vor einer
halben Stunde etwa mich besucht haben, Professor Viereck, es war gerade
Einer bei mir, der Ihnen eine gute Erklrung darber geben konnte: der
junge Herzer, Felix Herzer, Sie kennen ihn doch?

Der Professor wurde roth und stierte den Rentier wild an. Ich habe die
Ehre Ihnen zu bemerken, sagte er dann stolz, da ich mit der Gemeinheit
mich nie befasse, sondern nur mit Leuten umgehe, die eine Debatte
wissenschaftlich zu fhren wissen. Mein Freund, der Baron Hellwitz,
sagte neulich: Gott sei Dank, da wir uns wieder gehrig waschen und mit
Handschuhen in Gesellschaft gehen drfen. Das haben wir endlich
glcklich erreicht. Wir haben die Gemeinheit wieder in den Winkel
gebracht und knnen das Sprichwort von Neuem anwenden: Sage mir, mit wem
du umgehst und ich will dir sagen, wer du bist. Er schleuderte einen
seiner vernichtenden Blicke auf Herrn Zippelmann, der ihn schalkhaft
angrinste und seine langen, magern Hnde rieb, whrend der Professor von
der Geheimrthin zum Fenster genthigt wurde, wo sie ihn mit der
Weihnachtssammlung beschftigte, um den Streit abzubrechen.

Alfred von Gravenstein hatte whrend dieser ganzen Zeit am Tisch Elisen
gegenber gesessen und mit ihr Vielerlei halblaut und heimlich
gesprochen. Ihre zahlreichen Erinnerungen aus frheren Tagen
beschftigten sie, Personen und Verhltnisse boten reichlichen Stoff,
und Gravenstein hatte dabei Gelegenheit, die schne Tochter des
Geheimraths seiner kritischen Prfung zu unterwerfen. -- Elise war in
der That eine glnzende Erscheinung. Gro und schlank, ein wenig bla,
aber die Hautfarbe durchsichtig klar und die graublauen Augen nicht ohne
Feuer und Stolz, war sie aller ihrer Vorzge und Ansprche sich bewut.
Ihre fein gewhlte Toilette war eben so einfach wie zierlich, und was
Alfred immer bewundert hatte, den Reiz ihrer Unterhaltung, ihre
lebhaften Fragen und Antworten und ihre muthwilligen Neckereien und
Scherze, die von einem allerliebsten Lachen begleitet wurden, fand er im
reichsten Mae wieder.

Ich wollte, sagte sie endlich halblaut bei dem Geznk des Professors,
wir knnten ungestrt unsere Herzen ausschtten. Diese langweiligen
Pedanten mit ihren Vereinen und politischen Salbadereien fangen an mir
unertrglich zu werden.

Ei, erwiderte Alfred lchelnd, haben Sie gar keine politischen und
patriotischen Sympathien, Elise?

Wie knnen Sie zweifeln, war die Antwort. Ich glaube wirklich, da ich
mir einiges Verdienst zuschreiben darf, meinen Vater von kleinen
Abirrungen auf den rechten Weg gefhrt zu haben. Mir ist nichts
widerlicher als das souverne Volk und was damit zusammenhngt. Ich habe
einigen Volksfesten und Volksbllen beiwohnen mssen, die mir den
Geschmack auf immer verdorben haben.

Aber wenn ich nicht irre, sagte er mit einem spttischen Zucken der
Lippen, sind Sie durch diesen glorreichen Professor und seines Gleichen
nicht sehr viel gebessert. Die konservativen Blle und Feste um Gevatter
Schneider und Handschuhmacher zu veredeln und patriotisch
heraufzubilden, sind nach den Beschreibungen, welche ich davon erhalten
habe, auch nicht besonders einladend.

Elise nickte ihm lustig zu. Ich werde dafr sorgen, flsterte sie, da
Sie nchstens selbst die Probe machen. Es ist herzzerreiend, aber es
hat doch viel Komisches, zu sehen, wie Herren und Damen aus den feinsten
Kreisen, die frher um keinen Preis sich in die Nhe dieser Handwerker
und Arbeiter gewagt htten, jetzt mit spartanischer Selbstverlugnung
Geld, Zeit und sich selbst wegwerfen, um sie zu unterhalten, zu
belustigen, zu erfreuen und in brderlicher Vertraulichkeit bei guter
Laune zu erhalten.

Wir werden auch darber fortkommen, versetzte Alfred stolz lchelnd,
indem er zu Zippelmann und dem Professor hinblickte, und solche
Subjecte, wie diese da, nicht mehr brauchen.

Ich mte mich irren, sagte sie lachend, oder Sie haben gegen dies
wrdige Paar, das mich oft schon kstlich belustigt hat, einen
unverdienten Widerwillen gefat. Beide sind meine Verehrer und bringen
mir Huldigungen dar, die mich stolz machen mssen.

Alfred betrachtete die schne Dame mit tadelndem Ernst. Man soll mit
Narren und Taugenichtsen auch nicht einmal Scherz treiben, sagte er.

O! Sie sind doch immer noch der alte Moralist, erwiderte sie; ich mu
versuchen, Ihnen das abzugewhnen. Um's Himmels willen! Alfred! wir
haben seit Jahr und Tag so viel von den ernsthaften Narren zu leiden
gehabt, da es uns wohl vergnnt sein kann, ber die Gecken zu lachen.
Fangen Sie keine Hndel mit mir an, wie ehemals, fuhr sie fort, als er
etwas antworten wollte. Ach, glauben Sie, mein theurer Freund, ich habe
so viel Sorge um Sie, und mchte so gern Sie heiter und froh wissen, da
alle meine Laune vergeht, wenn Sie mich nicht augenblicklich wieder
freundlich ansehen.

Ihre Augen begegneten sich und Alfred fhlte ein strkeres Klopfen
seiner Pulse. Er glaubte etwas in Elisens Blicken zu lesen, das einen
berwltigenden Eindruck auf ihn machte. Ehe er jedoch zu seinem
beglckten Lcheln das passende Wort finden konnte, legte der Geheimrath
die Hand auf seine Schulter und winkte ihm geheimnivoll zu. Einen
Augenblick, lieber Alfred, sagte er, Sie sollen etwas Neues hren.

Kommen Sie hierher, fuhr er fort, indem er ihn zum Ofen fhrte, wo Herr
Zippelmann so eben bequem angelehnt eine Priese aus seiner groen
goldenen Dose nahm, die er wohlgefllig besichtigte. Sie sollen hren
wie es Herzer macht. Sein Sohn ist heut bei Herrn Zippelmann gewesen:
lassen Sie sich erzhlen, was er wollte.

Ach, sagte Herr Zippelmann, mit einem wehmthigen Blick auf Alfred von
Gravenstein, ich hre mit Bedauern wie es mit Ihrem Kapitale steht. Sie
haben keine Deckung, nicht die geringste Deckung, und wenn Sie nicht
zufassen, gleich morgen bei richtiger Zeit, werden Sie wenig mehr
finden, was sich der Mhe verlohnt zu nehmen.

Erklren Sie sich nher, wenn ich bitten darf, erwiederte Alfred.

Hehe! grinste Herr Zippelmann, indem er mit dem Zeigefinger zierlich auf
seinem kahlen Scheitel kratzte: das ist wieder so eine Geschichte, grade
wie von der deutschen Einheit. Ist es nicht wahr, liebster Geheimrath?
Absolut, wie von der deutschen Einheit!

Der junge Edelmann warf einen stolzen und ungeduldigen Blick auf ihn.
Ich habe gehrt, da der junge Herzer Sie heut besucht hat? sagte er.

Ich sage, es ist gerade so damit wie mit der deutschen Einheit, fuhr
Herr Zippelmann ungestrt fort; das heit, es ist Schwindel und geht
pleite. -- Ist es nicht so, meine Herren? Hehe! auf mein Wort, es ist
so.

Der Geheimrath hielt es fr Zeit sich einzumischen, denn Alfred war im
Begriff das Gesprch aufzugeben. Die Sache ist einfach die, sprach er
leise, da der junge Herzer in keiner andern Absicht unsern Freund
aufsuchte, als um ihm Geld abzuschwindeln. -- Herr Zippelmann ist mit
Herzer verwandt; er ist frher sogar ein Theilnehmer des Geschfts
gewesen, hat sich aber zurckgezogen und ist so glcklich gewesen sein
Kapital zu retten.

Ich merkte den Braten lngst, hehe! sagte Herr Zippelmann, sich vergngt
die Hnde reibend.

Herzer behauptete hierauf, da sein Compagnon grere Summen aus dem
Geschft gezogen habe, als ihm gebhrten. Es entstand ein hchst
verwickelter Proze daraus, Rechnungen und Gegenrechnungen erforderten
Vorsicht. Quittungen wurden beigebracht und bestritten und endlich ein
Eid geleistet, worauf in letzter Woche Herzer abgewiesen und verurtheilt
worden ist.

Alfreds Auge ruhte nachdenkend auf dem Rentier, in dessen magerem
Gesichte ein hhnisches Lcheln von Falte zu Falte flog.

Nun denken Sie sich die Schlechtigkeit dieser Menschen, sagte er in
seiner Weise grinsend. Vor einer Stunde kommt der Felix zu mir, also der
Sohn, ich wei nicht, ob Sie ihn kennen. Er ist lange fort gewesen, ich
habe ihn in Jahren kaum ein paar Male gesehen, aber im Sommer, als er
damals sich hier aufhielt, hat er mich einmal auf's tiefste gekrnkt,
denn ein grberer, unbndigerer Bursche wird nicht leicht gefunden. --
Sie wissen auch ein Lied davon zu singen, liebster Geheimrath, hehe!

Er kam, fiel der Geheimrath ein, um von Neuem die abgeschlagenen
Forderungen geltend zu machen, oder doch eine Art Vergleich zu Stande zu
bringen und wollte durch Vorstellungen etwas erreichen.

Hehe! rief Herr Zippelmann seine grauen Augen zukneifend, er wollte mich
rhren, wollte mein Herz erweichen; stellen Sie sich vor, er wollte mich
erweichen!

Das gelang ihm ohne Zweifel nicht, sagte Alfred von Gravenstein mit
unverhehlter Verachtung.

Nicht einen Groschen, nicht einen Pfennig sollen sie haben, lchelte
Herr Zippelmann sanft den Kopf schttelnd. -- Der Bursche erzhlte mir
hchst beweglich, da sein Vater unverschuldet in groer Verlegenheit
sei, da seine Redlichkeit und bergroes Vertrauen ihn dahin gebracht
htten, seine Aussichten aber sehr glnzend sein wrden, wenn nur erst
diese Krisis berstanden wre. -- Es ist Alles so wie mit der deutschen
Einheit, hehe! gerade so wie mit der deutschen Nation, die auch mchtig
und gro werden wird, wenn nur erst die Krisis glcklich berstanden
wre.

Nun, sprach der Geheimrath, der junge Herzer theilte Herrn Zippelmann
mit, da er in wenigen Tagen mit einem Transport schner und kostbarer
Instrumente nach New-York abgehen werde. Er besttigte Alles, was ich
Ihnen darber schon mitgetheilt habe.

Und ich gab ihm meinen Segen, sagte Herr Zippelmann, wohlgefllig
nickend. Amerika ist ein schnes groes Land, die ganze deutsche Einheit
flchtet sich dahin. Warum sollen die freien deutschen Brger nicht dort
ihre schwarz-roth-goldenen Kokarden tragen knnen? Aber Geld, um sie
fortzuschaffen, habe ich nicht. Nicht einen Groschen, nicht einen
Pfennig!

Die Hauptsache ist, flsterte der Geheimrath, da so viel feststeht,
Herzer will, was er noch hat, fortschicken. Als Herr Zippelmann sich auf
nichts einlassen wollte, wurde der junge Herzer grob und heftig, und
berhufte unseren redlichen Freund, der sich nicht beschwatzen lie,
mit Beleidigungen, die ihm bel bezahlt werden knnen, denn zufllig ist
ein Zeuge in der Nhe gewesen.

Gott bewahre! sagte Herr Zippelmann sanftmthig, ich will nicht klagen
gegen den Bettler und Tagedieb, aber eine redliche Freude wird mein Herz
erfllen, wenn ich etwas beitragen kann, dem Herrn von Gravenstein zu
seinem Gelde zu helfen. -- Der Herr Geheimrath, fuhr er fort, hat mir
den Schuldschein gezeigt, der wohl eine kleine Hoffnung geben kann,
wenigstens Etwas zu retten, wenn man sich nicht irre machen lt und den
richtigen Weg einschlgt.

Was wrden Sie mir also rathen? fragte Alfred.

Hehe! lachte Herr Zippelmann, seine langen Hnde reibend, ich mchte
Ihnen einen Vorschlag machen, mchte Ihnen die Schuld abkaufen.

Das wre vielleicht so bel nicht, fiel der Geheimrath ein.

Aus redlichem Gemthe ist es gesagt, fuhr Herr Zippelmann fort, aber
junge vornehme Herren sind selten geeignet solche Sachen zu betreiben,
und bei aller Sorgfalt kann doch viel oder Alles verloren gehen. -- Es
ist ein Mann der Herzer, der in alle Schuhe pat, aber es wre zu
versuchen, ich mchte beinahe um die Hlfte gehen. Wirklich ich knnte
mich entschlieen um die Hlfte zu gehen. Es ist auch so eine
Geschichte, accurat wie die deutsche Einheit. Wenn man das ganze Reich
nicht zusammenkriegen kann, nimmt man mit ein Stckchen Union vorlieb,
kommt zuletzt mit der schnen Idee nach Haus, und verliert am Ende auch
die unterwegs aus der Tasche. Hehe! Herr Geheimrath, was meinen Sie
dazu?

Ich meine, sagte der Geheimrath, da es hier allein auf den Willen des
Herrn von Gravenstein ankommt, Ihren Vorschlag anzunehmen.

Aber der junge Freiherr schttelte schweigend den Kopf.

Nun, wie Sie wollen, rief Herr Zippelmann s grinsend; wie Sie wollen,
Herr Baron, ich habe nichts dagegen. Zwei Tausend fnf Hundert Thaler
will ich geben, baar, heut noch oder vielmehr sie knnen auf die Minute
Geld bekommen. -- Hehe! was ich fr ein dummer Teufel eigentlich bin,
will mich da mit Geschichten einlassen, die mich nichts angehen. -- Also
Sie wollen nicht, Herr von Gravenstein, oder wollen Sie?

Alfred schwieg noch immer, indem er Zippelmann betrachtete, whrend der
Geheimrath sich zu ihm neigte und mit leiser Stimme sagte, Sie sollten
es thun, aber vier Tausend fordern.

Ich thue es allein darum, weil ich ein Menschenfreund bin, fuhr
inzwischen Herr Zippelmann fort. Wenn ich bedenke, da Sie um Ihr Geld
kommen sollen, fhle ich ein Mitleid in meinem Herzen, und bedenke ich
wieder, da Herzer die volle fnf Tausend Thaler bezahlen soll, bei
seiner jetzigen Noth, so bin ich wieder davon ergriffen.

Sie wollen also eigentlich zum Vortheil Ihres Verwandten mir die Schuld
abkaufen, um ihm zu dienen? fragte Alfred.

Freilich, rief Herr Zippelmann seine langen Hnde faltend und einen
andchtigen Blick nach oben sendend, das ist mein gutgemeinter Wille. Es
ist eine sndhafte Familie, die von Gottesfurcht nichts wei und ihr
zeitliches und ewiges Verderben verschuldet. Aber dennoch werde ich
thun, was ich thun kann, was zu ihrem wahren Besten gereicht.

Aus den kleinen glnzenden Augen des Wucherers drang ein triumphirender
Blick, der zugleich so boshaft und doch so heuchlerisch demthig war,
da er den Widerwillen des jungen Mannes nur verstrken konnte.

Ich danke fr Ihr gtiges Anerbieten, sagte er kalt, ich werde die
Schuld nicht verkaufen.

So, so! sagte Herr Zippelmann, ihm freundlich zunickend, das heit Sie
wollen die vollen dreitausend haben.

Auch die will ich nicht haben, fiel Alfred ein.

Ich glaube nicht, Herr Zippelmann, sagte der Geheimrath, da es der
Baron unter viertausend thut.

Meinen Sie? rief Herr Zippelmann. Aber der arme Herzer! Man mu doch
einiges Mitgefhl haben selbst fr Menschen, die es nicht verdienen.

Ich habe kein Mitgefhl fr Menschen dieser Art, sprach Alfred. Es giebt
fr mich also keinen Grund mein Geld auch nur theilweis zu verlieren. Da
Hoffnung vorhanden ist, da ich bekommen kann was mein ist, so will ich
dies selbst versuchen und danke Ihnen nochmals.

Sie haben Recht, grinste Zippelmann, ganz Recht Herr Baron. So wahr ich
lebe, ich bin froh darber. Fassen Sie ihn nur ordentlich an; Alles oder
nichts! Gerade so wie die deutsche Einheit, Herr Geheimrath. Man mu nur
zusehen, da nicht etwa das Nichts brig bleibt, wenn man die Hand
aufmacht.

In diesem Augenblick ffnete sich die Thr und ein noch junger Mann trat
herein, dessen einnehmendes kluges Gesicht Alfred schon gestern bei dem
Balle bemerkt hatte. Als der Geheimrath ihn Assessor Stephani nannte,
erinnerte er sich auch des Namens wieder, aber eine dunkle Wolke
schwebte an ihm hin, als er dem stattlichen Mann nachblickte, der die
Damen mit zwangloser Feinheit begrte.

Der Assessor war ein junger schlanker Herr mit dunklen lebhaften Augen
und geistvollen Zgen. Leicht gelocktes Haar lag auf seiner Stirn; er
bewegte sich rasch und frei, seine Blicke hatten etwas Khnes und scharf
Beobachtendes, seine ganze Erscheinung aber etwas sehr Einschmeichelndes
und Angenehmes. Es war unmglich ihn nicht mit Wohlgefallen zu
betrachten. Sein freies Gesicht mit dem einnehmenden Lcheln gab nicht
allein Anla dazu, die feinen und geflligen Formen trugen mehr noch
dazu bei. -- Was er sagte und erzhlte hatte den Reiz der Frische, der
unmittelbar anregt und belebt. Seine Fragen flogen nach allen Seiten: er
wute den ganzen Kreis zu beschftigen und was er mittheilte war fr
Alle berechnet.

Alfred von Gravenstein hrte eine Zeitlang zu wie er den Professor aufs
Lustigste aufzog und ihn zu einer Reihe lcherlicher Aufschneidereien
verfhrte. Der Geheimrthin erzhlte er in drolliger Weise eine Anzahl
Klatschgeschichten vom Hofe, sammt Neuigkeiten aus der Stadt, und sprach
dann mit Elisen von den Herrlichkeiten des Balles mit allerlei
Neckereien und pikanten Ausfllen auf Personen, die er dazu ausersehen
hatte.

Von Zeit zu Zeit fiel sein Blick auf Alfred und ging gleichgltig
weiter. Whrend er alle Anwesenden erheiterte, selbst mit Herrn
Zippelmann scherzte und die Einen auf Kosten der Anderen belustigte,
stand Gravenstein steif und nachdenkend bei dem Wucherer, der noch immer
nicht die Absicht aufgegeben hatte, den Schuldschein an sich zu bringen.

Wie sich Alles gut trifft und pat, sagte der Geheimrath endlich. Da ist
der Herr Assessor Stephani, ein Sohn des Prsidenten und ein so
hoffnungsvoller junger Mann, da er Gehlfe der Ober-Staatsanwaltschaft
geworden ist. -- Hren Sie einen Augenblick, lieber Assessor, rief er
laut, ich mchte eine Frage an Sie richten.

Mit der freundlichsten Miene unterbrach der junge Herr seine
Unterhaltung mit Mutter und Tochter. -- Was befehlen Sie, Herr
Geheimrath? fragte er lchelnd.

Zuvrderst wei ich nicht, ob sich die Herren schon kennen, erwiederte
Wilkau. Herr Alfred von Gravenstein. --

Ich habe gestern schon die Ehre gehabt, fiel der Assessor ein, und bin
sehr erfreut, Herr von Gravenstein, heut Ihre Bekanntschaft zu erneuen.

Sagen Sie mir, fuhr Wilkau fort, als Alfred sich schweigend verbeugte,
kennen Sie die Familie Herzer?

Herzen genug, aber keine Herzer, lachte Stephani. Wahrscheinlich soll es
jedoch der Fabrikant sein.

Hier ist ein Dokument, was ist damit zu thun?

Der Assessor blickte hinein, las und sagte dann: damit ist nichts zu
thun, als morgen das Geld fordern und wenn nicht gezahlt wird, sofort
von Gerichtswegen in Beschlag zu nehmen, was sich auffinden lt.

Macht das Umstnde?

Nicht die geringsten. Ich will die Sache heut noch in Ordnung bringen,
wenn es Ihnen gefllt.

Knnten Sie es? fragte Alfred.

O! mit dem grten Vergngen, sagte der Assessor verbindlich, es kostet
nur ein paar Gnge, die ich gern thue.

Und rathen Sie mir dazu? fragte Alfred.

Es ist das Einzige was geschehen kann, erwiederte Stephani. Ich wrde
kein Bedenken haben, wenn sonst nicht Rcksichten vorhanden sind.

Ich glaube kaum, fiel der Geheimrath ein, da dergleichen in Betracht
kommen.

Ich denke allerdings noch immer darber nach, sprach Gravenstein ernst,
ob ich mit solcher Strenge gegen einen Mann verfahren soll, der meiner
Mutter Freund einst war.

Der aber jetzt ein Mensch ist, den die Verewigte hassen und verabscheuen
wrde, flsterte der Geheimrath mit Blicken des Unmuths.

Ach richtig! lachte der Assessor, dieser Herzer ist ein Dunkelrother. Er
ist neulich erst in eine Untersuchung verwickelt worden, wegen
heimlicher Versammlungen und Beleidigung der Obrigkeit.

Aber die Familie, murmelte Alfred vor sich hin.

Es ist an der ganzen Familie nichts, wie Sie mehrseitig gehrt haben,
sagte Wilkau, indem er den Kopf ber die Schwche seines Verwandten
schttelte.

So will ich nicht lnger mich bedenken, sagte Alfred, ich gebe Ihnen
mein Wort darauf. -- Wrden Sie die Gte haben, die Einleitungen zu
treffen?

Mit Freuden, erwiderte Stephani. Wir wollen die Sache nachher ordnen und
morgen frh soll der Exekutionsdirektor bereit sein, Ihre Anordnungen zu
vollziehen.

Jetzt aber, fuhr er fort, drfen wir den Damen Gesellschaft leisten, die
ohne Zweifel sehr neugierig sind, welche wichtige Geheimnisse hier
verhandelt werden, und gar keine Aufmerksamkeit mehr fr unseren
geistreichen Professor haben, der nchstens einen neuen Verein zum
vielgetreuen Schfer grnden wird.

Am nchsten Morgen, als es kaum Tag geworden war, wurde Alfred von
Gravenstein in seinem Hotel von dem Besuche des Assessors berrascht. --
Der hfliche, junge Herr brachte ihm die Nachricht, da Alles bereit
sei, um sofort die Exekution eintreten zu lassen. -- Ich habe es so
veranstaltet, sagte er, da, sobald sie gewi sind, Ihr Kapital wird
heut Mittag nicht gezahlt, Sie nur nthig haben, den Executions-Direktor
zu benachrichtigen, der mir versprochen hat, einen Augenblick bei Ihnen
einzutreten, um nhere Abrede zu nehmen.

Ich bin Ihnen zu vielem Danke verpflichtet, sagte Gravenstein, ohne zu
wissen, wie ich ihn abtragen soll.

Ich betheure Ihnen, es gern zu thun, erwiderte der Assessor lachend;
diene Ihnen aber um so mehr mit Freude, weil der Geheimrath sich dafr
interessirt, der mich gestern Abend noch dringend mahnte, nichts zu
versumen. Es wre unnthig gewesen, was ich bernehme, versume ich
nie. Wenn es irgend mglich ist, sollen Sie jedenfalls zu Ihrem Gelde
kommen.

Es ist mir in der That weniger um die Summe zu thun, als darum, da ich
von einem Manne, der mir von allen Seiten als verkehrt und entsittlicht
geschildert wird, mich nicht betrgen lassen will.

Sie haben Recht, sagte Stephani, nichts ist emprender als die
heuchlerische Lge, die unter der Maske der grten Ehrlichkeit und
Biederkeit abgefeimte Gaunerknste verbirgt.

Auch das habe ich also zu gewrtigen? fragte Alfred.

Ich wei es nicht, fuhr der Assessor fort, aber ich bin als Kriminalist
zu bekannt mit dergleichen heruntergekommenen Leuten, um nicht zu
wissen, wie sie es gewhnlich machen, um die Herzen ihrer Glubiger oder
Richter zu erweichen.

Ich mchte nicht in Ihrer Stellung sein, sagte Alfred. Sie mssen oft
entsetzliche Beobachtungen machen und die Verworfenheit der menschlichen
Gesellschaft im allerschlimmsten Lichte kennen lernen.

Richter und Aerzte, erwiderte Stephani, sind allerdings die wahren
Beichtvter der Menschen; sie erfahren und bewahren mehr Geheimnisse als
Priester, und vermgen die besten psychologischen Beobachtungen zu
machen, um sogenannte Menschenkenner zu werden.

So vermgen sie auch die beste Abhlfe zu schaffen, sagte Alfred, um
durch gute Gesetze und Einrichtungen unseren Irrthmern und Fehlern
entgegenzuwirken.

Da irren Sie, sprach der Assessor spottend. Die Gesetze machen nicht die
Menschen, sondern die Menschen die Gesetze. Die Richter sind keine
Erzieher, sie sind die unerbittlichen Rcher der beleidigten
Gerechtigkeit, das heit der Gesetzparagraphen.

Aber doch der Schutz aller Unschuldigen und unschuldig Verfolgten?

O! gewi, lachte Stephani, aber es ist mit Schuld und Unschuld oft eine
eigenthmliche Sache. -- Ich, als Staatsanwalt, habe hufig die Aufgabe,
Menschen auf Tod und Leben anzuklagen, und mit allem Aufwand von Grnden
und juristischer Beredtsamkeit ihre Schuld darzuthun und festzustellen,
die trotz dessen vllig freigesprochen werden.

Weil ihre Unschuld sich ergiebt, sagte Alfred.

Gott bewahre, entgegnete der Assessor, vielleicht blos durch eine
Zuflligkeit, durch eine Meinungsverschiedenheit, durch eine Ansicht,
die ein pfiffiger Advokat geltend macht; oder weil einer der Herren
Richter auf die Jagd ging und nicht in die Sitzung kam, oder weil sechs
Geschworene den Angeklagten fr einen Verbrecher, die anderen sechs fr
einen Unschuldigen erkannten. Hat man das Jahre lang gesehen und
erfahren, so wei man, da Schuld heute Unschuld und morgen dieselbe
Unschuld schwere Schuld genannt und solche bestraft werden kann.

Sie meinen also, da Schuld und Unschuld berhaupt wankende Begriffe
sind; auch der Unschuldigste sich aber in Acht zu nehmen hat, vor den
Richter gestellt zu werden?

Das meine ich aus Herzensgrunde, lachte Stephani. Es ist noch immer
wahr, was ein berhmter englischer Richter einst ausrief: Gebt mir drei
geschriebene Worte von dem Unschuldigsten, und ich bringe ihn an den
Galgen!

Sie haben wenig Vertrauen und Glauben zu ihrem eigenen Stande, sagte
Alfred.

Ich thue meine Pflicht nach bestem Wissen und Gewissen, erwiderte
Stephani, mehr kann man nicht verlangen. -- Wird mir befohlen, einen
Proze einzuleiten, so handle ich danach und beweise meinen Scharfsinn,
meine Gesetzeskenntni und meine Beredtsamkeit.

Ich wrde lieber richten als anklagen, wenn ich zwischen beiden zu
whlen htte, erwiderte Alfred.

Es kommt darauf an, welches Ziel Ihnen vorschwebt, sprach der Assessor.
Die Staatsanwaltschaft ist die Bahn der Ehre und des Ruhmes. Wer
Carriere machen will, mu sich da hinein werfen. Der Richter scheint
allerdings unabhngiger, der Anklger mehr Werkzeug des
Regierungswillens; wenn jedoch des Richters Ansicht nicht zu den
Regierungsansichten von Schuld und Unschuld pat, so bringt er es nicht
allein zu nichts, sondern man versetzt ihn an einen Platz, wo er
unschdlich ist.

Glauben Sie, da das geschieht? fragte Alfred, ihn streng betrachtend.

Herr von Gravenstein, sagte Stephani lchelnd, Sie sind ein treuer
Freund des Rechts und der Regierung, ein Politiker und Parteimann, dabei
auf dem Wege, ein Staatsmann zu werden, denn wie ich hre, ist Ihnen ein
Platz in der Kammer zugesagt. -- Eine Regierung, welche es auch sei, mu
vor allen Dingen sich der Richter versichern, wenn sie Macht und Ansehn
behaupten will. Wenn die Richter sie in ihren Prozessen verlassen, ist
sie verloren. Die Pflicht der Selbsterhaltung gebietet ihr daher, die
Gerichtshfe so zu purifiziren, da sie nichts zu frchten hat.

Ich sollte meinen, erwiderte Alfred stolz, da die Regierung dergleichen
nicht nthig habe; da ihre gute Sache vielmehr ganz von selbst die
Richter und das Recht auf ihre Seite stellen.

Die Verwirrung ist gro und die Kpfe verdorben, sagte der Assessor. Die
Erfahrung hat das hinlnglich bewiesen. Die Regierung hat daher meines
Erachtens sehr wohl gethan, vorsichtig zu handeln und die Bcke
auszusondern und anzubinden. In unserer Zeit der politischen Prozesse
mssen die Richter Mnner sein, auf deren Gesinnung man sich verlassen
kann. Bei alledem aber knnen sie parteilos das Recht handhaben, fiel
Gravenstein ein.

Nein, versetzte der Assessor, das knnen sie nicht, wir drfen uns den
Irrthum wohl eingestehen. Bei politischen Verbrechen ist Parteilosigkeit
ein Unding, namentlich in einer Zeit, wo Alles Partei ist. Man kann von
dem Richter nicht verlangen, da er seine menschlichen Empfindungen
abstreife und in gttlicher Objektivitt ber Etwas urtheile, was ihn
als Brger im Staate zunchst mit angeht. Eben dewegen aber handelt die
Regierung auch vollkommen richtig, wenn sie nur solche Brger zu
Richtern in Israel einsetzt, von denen sie keine Parteinahme fr
diejenigen voraussetzen darf, die sie verfolgen lt.

Was mich betrifft, fuhr er dann fort, als Alfred von Gravenstein
schwieg, so bin ich in der That objektiv, das heit, ohne allen Ha und
ohne Parteileidenschaft.

Also eine Ausnahme von der Regel, die Sie selbst aufstellen, sprach
Alfred ihn fixirend.

Ich habe einigen Ruf in politischen Prozessen erlangt, fuhr der Gehlfe
des Staatsanwalts fort, und diese sind die eigentliche Schule fr
Staatsdiener wie die Regierung sie braucht. Es ist mein eifriges
Streben, mich hervorzuthun, doch von Fanatismus bin ich weit entfernt.
Steht man auf solchem Standpunkte, so berblickt man die Verhltnisse
mit diplomatischem Takte und handelt im Gefhle der Nothwendigkeit.

Das heit, erwiderte Alfred, wenn ich recht verstehe, Sie widmen sich
Ihrem Berufe voller Eifer, in der Ueberzeugung, da dies das Beste fr
Sie sei.

In der Ueberzeugung, da ich damit mir den Weg zu einer Stellung bahne,
die meinen Fhigkeiten angemessen ist, sagte Stephani gleichgltig ihm
zunickend. Die Staatsanwaltschaft ist einmal die hohe Schule fr fhige
Kpfe. Es wre Thorheit, wenn man sein Licht nicht leuchten lassen
wollte. -- Halten Sie mich nicht fr anmaend, Herr von Gravenstein,
fuhr er lachend fort, aber wir sind beide jung, beide gewi auch
ehrgeizig. Ich biete Ihnen die Hand zu unserer Befreundung und gestehe
Ihnen, da ich mich gern Ihnen nhere.

Ich bin sehr erfreut darber, erwiderte Alfred hflich, die dargebotene
Hand annehmend.

Wir werden manche Anknpfungspunkte finden, die uns vereinbaren, fuhr
Stephani fort. Mein Vater, der Prsident, hat keinen ganz geringen
Einflu, Ihnen ist eine bedeutsame Zukunft geffnet. Hoffentlich sehen
wir uns bald beide in der Kammer und untersttzen uns als Freunde dort
auf denselben Bnken, da ich glaube, wir wissen, wohin wir uns, Recht
und Vernunft gem, zu setzen haben. -- Der Geheimrath Wilkau ist Ihnen
verwandt?

Ziemlich entfernt durch seine Frau.

Da sehen Sie das Beispiel eines Parteimannes, fuhr der Assessor fort. --
Das sind die Folgen, wenn man begangene Fehler wieder gut machen mu.

Was hat der Geheimrath gut zu machen?

Nun, sagte Stephani, es ist nicht ganz unbekannt, da er im vorigen
Jahre die Lage der Dinge verkannte und sich von den Ereignissen
fortreien lie. Er glaubte an den erwachenden Vlkerfrhling und
wahrscheinlich wurde es ihm unheimlich bei dem Bewutsein, das Unglck
zu haben, Geheimrath zu sein. Kurz und gut, er hat Mancherlei zu bereuen
und Sie wissen, wer zu bereuen hat, will wieder gut machen. Auch seine
tiefe Entrstung gegen den ehemaligen Freund, Herzer, liefert den Beweis
dafr.

Ich wei von allen diesen Hergngen nichts, erwiderte Alfred.

Und ich mag davon nichts wissen, rief der Assessor lachend. Der
Geheimrath hat vom Baume der Erkenntni gekostet und ihm ist vergeben
worden. Sein Ansehen, sein Vermgen, seine Verbindungen, seine
aufrichtige Besserung und sein Eifer fr die gute Sache haben ihn
gerettet. Er steht mit an der Spitze eines sehr wirksamen patriotischen
Vereins, umgiebt sich mit Leuten, die fleckenlos sind, wie z. B. der
Professor Viereck, eine hchst lustige Person wie Viele meinen, aber ein
ausgezeichneter Patriot, und scheut keine Mhen und keine Opfer, um zu
beweisen, wie ernst es ihm mit der innern Menschwerdung ist.

Das erklrt allerdings seine tiefe Abneigung gegen einen Mann, der
fortfhrt auf schlechten Wegen zu gehen, fiel Alfred ein.

Was das betrifft, fuhr Stephani fort, so habe ich gestern einige
Aufschlsse darber erhalten. Herzer blieb nicht allein ein Verstockter,
er trieb seine Roheit sogar so weit, dem Geheimrath die bittersten
Vorwrfe ffentlich zu machen, und dieser hat den wohlbegrndeten
Verdacht, da leidenschaftliche, hhnende Angriffe in den Blttern der
Demokraten, die dem Geheimrath sehr gefhrlich und fatal sein muten,
von Herzer herrhren.

Das ist niedertrchtig! rief Alfred.

Aber ganz wie es sein mu, sagte Stephani. Schonung kennen die
erbitterten Parteien nicht. Lge, Verlumdung, jede Gemeinheit ist ihnen
Waffe. Die Familie hat viel darunter gelitten, um so mehr, da die
gegenseitige Verbindung frher sogar eine zrtliche Wendung genommen zu
haben scheint.

Welche zrtliche Wendung? wiederholte Alfred von Gravenstein.

Ich sage was ich gehrt habe, lachte der Assessor. -- Ich bin seit einem
Jahre mit der Familie nher bekannt und wei nichts davon, aber dem
Gerchte nach soll der junge Herzer frher ein begnstigtes Verhltni
zu Frulein Elise angeknpft haben.

Das ist nicht wahr! rief Alfred und eine pltzliche Rthe frbte sein
Gesicht. Es ist undenkbar, setzte er ruhiger hinzu, denn Wilkau in
seiner Stellung, bei seinem Vermgen und wie ich ihn kenne, wird nicht
ein Verhltni begnstigt haben, das einem unbedeutenden Menschen seine
einzige Tochter zuwirft.

Sie haben gewi Recht, sagte Stephani. Die liebenswrdige, feine und
edle Elise und der rohe Sohn des Handwerkers sind kaum neben einander zu
denken. Ich glaube, da man auch dies der Familie zur Schmach erdacht
hat; verbreitet aber wurde das Gercht und wahr ist wenigstens, da zur
Zeit, als noch Freundschaft zwischen den beiden Vtern war, diese sich
ganz natrlich auch zwischen den Kindern fortsetzte.

Man sollte sich hten, verlumderischen Gerchten Nahrung zu geben, die
fr eine junge Dame von Stande ehrenrhrig sind, sagte Alfred stolz.

Gewi, erwiderte Stephani, aber durch heftigen Widerspruch macht man ein
Gerede oft noch schlimmer. Der junge Herzer ist, wie man mir sagt, ein
junger Mann von mancherlei Gaben, voll Khnheit, wilden begehrlichen
Sinnes und mnnlicher Schnheit. Ein schner, stolzer Mann erobert
Mdchenherzen, selbst wenn diese Grfinnen und Prinzessinnen gehren.

Sie halten also die Gerchte fr wahr? fragte Alfred gereizt.

Ich halte sie eben fr Gerchte, sagte Stephani im leichten Tone, bei
denen es mir ganz gleichgltig ist, ob sie wahr oder falsch sind, denn
so viel ist gewi, da das liebenswrdige Frulein jetzt vollkommen von
jeder Neigung geheilt ist. Sie spricht von der ganzen Familie mit der
allertiefsten Verachtung.

Hier wurde das Gesprch der beiden jungen Mnner von dem
Executionsdirektor unterbrochen, der seinem Versprechen gem erschien
und nach Darlegung des Schuldinstruments und des gerichtlichen Befehls
sich bereit erklrte, sofort die Beschlagnahme zu veranstalten, sobald
Alfred unbefriedigt seinen Schuldner verlasse. Es wurde Abrede dafr
genommen und Stephani empfahl sich mit dem Diener des Gesetzes, nachdem
er Alfred gebeten, am Abend mit ihm zu speisen und ihn mit seinem
Gegenbesuch zu erfreuen.

Nach einigen Stunden lie sich Alfred zu der Wohnung des Fabrikanten
Herzer fahren. Er war in einer tief mimuthigen, gereizten Stimmung. Was
er von dem Assessor gehrt hatte, war ihm im hchsten Grade verletzend
und erfllte ihn mit Unruhe und Zorn. Da ein gemeiner, roher Mensch
Elise von Wilkau's Ruf in solcher Weise anzutasten vermochte, wie es der
Sohn dieses alten Betrgers gethan, erbitterte ihn um so mehr, je lnger
er darber nachdachte. Nicht der leiseste Hauch eines Fleckens darf auf
Elisen haften, murmelte er vor sich, aber was kann sie dafr, wenn
solche Elenden ihren Weg durchkreuzen. Welcher Abgrund von
Schlechtigkeit aller Art mu bei diesen Menschen aufgespeichert sein.
Der Vater macht verlumderische Pasquille auf seinen Freund, der ihn vom
Verderben retten will, der Sohn bringt die Tochter in's Gerede. Ich will
mit dieser Rotte ein schnelles Ende machen. Stephani hat Recht, keine
Maske darf mich tuschen, keine Heuchelei erweichen. Man mu einen
kalten, unantastbaren Standpunkt einnehmen, und keinen Glauben haben, um
keinen verlieren zu knnen.

Der Wagen hielt vor einem groen Hause, entfernt von dem fashionablen
Theile der Stadt, aber in einer lebhaften Geschftsgegend. Ein groer
Hofraum war mit weitluftigen Gebuden besetzt, aus denen ein hoher
Dampfschornstein aufragte. Einige Holzvorrthe lagen unter einer
Bedachung, in einem lichten Saale mit hohen Fenstern sah Alfred eine
Anzahl Arbeiter hmmern und klopfen. Es schien kein geringes Geschft
hier noch immer in voller Thtigkeit zu sein, und seinem gebten Blick
entging es nicht, da wenigstens kein ueres Zeichen der Zerrttung
irgendwo zu erkennen sei. Auf einem groen Messingschilde in Mitte der
Hauptthr des Erdgeschosses las er den Namen: Comptoir von Franz
Herzer, und widerstrebend ergriff er den Drcker und trat hinein.

Ein Doppelpult war am Fenster aufgestellt, darber lehnte ein Mann
schreibend und beschftigt, der nicht aufsah als er zuerst den Schritt
des Fremden hrte, dann aber den Blick flchtig auf ihn richtete und mit
wohlklingender, starker Stimme sagte: Einen Augenblick, ich stehe
sogleich zu Dienst.

Alfred blieb in der Mitte des Zimmers stehen und betrachtete den Herrn.
Er war gro und ausnehmend krftig gebaut. Seine Schultern breit und
etwas hoch, sein Kopf von gewaltigen Dimensionen, der Nacken stierartig
breit und sein Gesicht keineswegs einnehmend, sondern rthlich von
Farbe, mit breiter, kurzer Nase und einem dichten, rthlichen Bart, der
zu beiden Seiten breit herunter und unter dem Kinn zusammenlief.

Aber dieser Mann war jung, und ein hhnisches Lcheln zuckte um den
stolzen Mund Alfred von Gravensteins, als er daran dachte, da dies der
junge Herzer sein knnte.

Er blieb nicht lange in Zweifel darber. Der Herr am Pult legte die
Feder fort und trat ihm entgegen. Sein Gesicht erhellte sich zu einem
Lcheln und dies wie der belebte Ausdruck seiner Zge bewirkten eine
vortheilhafte Vernderung.

Ich wnsche eine Unterredung mit Herrn Herzer, sagte Alfred.

Das heit, wie ich vermuthe, mit meinem Vater, erwiderte der junge Mann,
indem er einen scharf musternden Blick ber Alfred fliegen lie.

Mit Ihrem Herrn Vater, ja, sagte dieser.

Wenn es eine Geschftsangelegenheit sein sollte, die ich vielleicht zu
verrichten vermchte, gab der junge Herzer zur Antwort, so wrde ich um
Ihr Vertrauen bitten, da mein Vater augenblicklich nicht anwesend ist.

Meine Angelegenheit ist von der Art, erwiderte Gravenstein im bestimmt
abweisenden Tone, da ich nothwendig bei meiner Anforderung beharren
mu.

Ohne ein Wort zu erwidern, fate der junge Mann den Griff eines
Klingelzuges, der eine ziemlich groe Glocke in Bewegung setzen mute,
deren Ton aus der Ferne hrbar war. Gleich darauf sprang ein Arbeiter
herein, der sich fragend umsah.

Sag' doch meinem Vater, er mchte sogleich herunterkommen, rief ihm der
junge Herzer zu. Der Arbeiter verschwand und hflich wendete sich der
junge Mann wieder zu Alfred. Darf ich bitten, Platz zu nehmen, sagte er
auf einen Stuhl deutend. Mein Vater ist im Magazin beschftigt; ich
bitte zu entschuldigen, wenn er nicht sogleich erscheinen sollte. Wir
haben zu verpacken, was aufs sorgfltigste geschehen mu und der
Aufsicht bedarf.

Ich werde warten, erwiderte Alfred, aber diese Worte klangen karg und
mrrisch. Der junge Herzer verbeugte sich. Die Blicke der beiden Mnner
trafen zusammen, es war eine unfreundliche Berhrung, die damit endigte,
da Alfred sich niederlie, die Fe kreuzte und seinen Hut betrachtete,
whrend der Andere wiederum an das Schreibpult trat und die Feder nahm,
deren kritzelnder Ton dann allein gehrt wurde.

Alfreds unmuthige Empfindung stieg mit jeder verflieenden Minute. Mu
Jeder, sagte er endlich aufstehend, der Ihren Herrn Vater zu sprechen
wnscht, eine solche Geduldsprobe bestehen?

Der junge Herr hinter dem Pult sah ihn stolz fragend an. Er schien ganz
geneigt, eine rasche Antwort zu ertheilen, aber nach einem Augenblick
des Bedenkens erwiderte er kalt hflich: Ich habe schon um
Entschuldigung fr meinen Vater gebeten, will aber sogleich nochmals die
Klingel ziehen.

Thun Sie das, mein Herr, thun Sie das! rief Gravenstein. Meine Zeit ist
genau abgemessen.

In diesem Augenblick ffnete sich die Thr und hiermit zugleich sagte
der junge Herzer: Da ist mein Vater, ich weise Sie an ihn selbst.

Alfred wandte sich langsam um. Die Antwort, welche er erhalten hatte,
war im wegwerfenden Tone gegeben, und vor ihm stand nun ein Mann, dessen
Anblick seine Vorstze nicht nderte, der aber doch einen ungewhnlichen
Eindruck auf ihn machte.

Der Fabrikant hatte noch dasselbe kluge und ernsthafte Gesicht, an
dessen gerade und strenge Zge er sich eben jetzt deutlich erinnerte,
aber die groen dunklen Augen blickten unter vllig ergrauten
Augenbrauen mit funkelnder Schrfe hervor, und silberglnzendes Haar
fiel in dichten Bscheln auf seine von Arbeit und Sorgen gefurchte
Stirn. Seine knochige und eckige Gestalt trug dieser alte Herr jedoch
trotz aller Zeichen des Alters fast jugendlich aufrecht und bewahrte
eine wrdevolle Form, als er bei dem Ausruf seines Sohnes sich grend
vor dem Fremden neigte.

Ich habe mich erwarten lassen, sagte er, vergeben Sie, es war mir
unmglich, sogleich abzukommen. Darf ich fragen, was Sie zu mir fhrt?

Bei dem letzten Worte streckte er pltzlich beide Hnde wie in freudiger
Ueberraschung aus, legte die eine auf Alfreds Arm, mit der anderen
ergriff er die zuckende Rechte des jungen Edelmanns und sagte ohne
Verlegenheit und Erschrecken: Jetzt erkenne ich Sie, Herr von
Gravenstein. Ja, Sie sind es, obwohl Sie in den Jahren, wo ich Sie nicht
sah, sich viel verndert haben. Aber es sind die Zge Ihrer verewigten
Mutter, meiner edlen, unvergelichen Freundin. Sie haben ihre Augen,
mgen Sie in Allem ihr gleichen.

Jetzt beginnt die Lgenkunst des alten Heuchlers! rief eine Stimme in
Alfreds Herzen, und mit einem messenden, kalten Blick betrachtete er die
Rhrung, von welcher der Fabrikant ergriffen schien, und die Hand,
welche seinen Arm noch immer festhielt und drckte.

Sie werden mich vielleicht nicht erwartet haben? fragte Alfred.

Gewi, ich habe Sie lngst erwartet, erwiderte Herzer. Ihre letzte
Antwort wies mich darauf hin, und in Betracht der zwischen uns
obwaltenden Verhltnisse mute ich Ihren Besuch recht bald voraussetzen.

Diese Verhltnisse sind es allerdings, welche mich zu Ihnen fhren, gab
Alfred zurck, ich komme jedoch spter als ich wollte.

Am letzten Tage des Ablaufs der Zeit, sagte der Fabrikant lchelnd, aber
wren Sie auch spter gekommen, ich meine, es wrde zwischen uns nichts
gendert haben. -- Ich sprach noch gestern mit meinem Sohne davon. Es
ist mein Sohn Felix, Herr von Gravenstein, ich glaube, Sie haben ihn
frher wenig oder gar nicht gesehen. Er war damals noch auf der Schule
in Pforta, dann in auswrtigen Geschften und erst seit einigen Jahren
habe ich ihn ab und zu wieder hier.

Der junge Herzer hatte die Feder fortgelegt und sich umgewandt zu den
Sprechenden. Ich erinnere mich in der That nicht, sagte Alfred, sich
frostig verbeugend.

Ich sagte zu Felix, fuhr der Vater fort, Herr von Gravenstein kommt
nicht, aber bei uns hat das auch nichts zu sagen. Ob wir frher oder
spter die Sache in Ordnung bringen, ist ziemlich einerlei.

Wir knnen es heut noch, oder wenn Sie wollen sogleich abmachen,
antwortete Alfred. Ich habe das gerichtliche Dokument bei mir.

Ganz wie Sie wollen, erwiderte der Fabrikant. Ich bin im Augenblick zwar
sehr beschftigt. Die unglckliche Zeit hat auch mich hart getroffen;
jetzt wird es besser, doch aufrichtig gesagt, habe ich wenig Glauben an
einen dauernden Aufschwung.

Ich kann es mir denken, fiel Alfred ein.

Die Unsicherheit des Eigenthums wird so leicht nicht gehoben werden und
damit ist die Unsicherheit des Erwerbs verbunden, fuhr Herzer fort. Vor
Allem leidet was Kunst und Luxus angeht. Die Gesellschaft steht auf
zerfressenen Fen, Ausflickereien helfen wenig. Ich wei, Herr von
Gravenstein, unsere Meinungen darber laufen ohne Zweifel weit von
einander, aber ich zittre vor der Zukunft mehr wie die hohe
Aristokratie, und eben darum mache ich jetzt einen Versuch, der so
gewinnbringend aussieht wie er Sicherheit verspricht.

Sie wollen sich nach Amerika bersiedeln, sagte Alfred.

Sie haben davon gehrt? fragte Herzer erstaunt.

Man hat es mir erzhlt, sagte der junge Edelmann.

Ich denke zu wissen, woher das kommt, fuhr Herzer fort, aber man hat Sie
falsch unterrichtet. Mein Sohn soll nach Newyork gehen. Ich habe ein
Magazin dort errichtet, werde aber selbst hier bleiben und weiter
arbeiten lassen, es sei denn, da die Verhltnisse mich zum Auswandern
nthigten.

Sie meinen, wenn es nicht mehr zu ertragen ist? erwiderte Alfred.

Ja, Herr von Gravenstein, gab der Fabrikant zur Antwort. Ich meine, da
eine Zeit kommen mag, wo ein Mann meiner Art, obwohl alt und mit weiem
Haar, nicht anders kann als ein Grab auf fremder Erde suchen.

Das ist Exaltation! sagte Alfred kalt lchelnd.

Es mag Ihnen wohl so scheinen, sprach Herzer, ich begreife das; denn was
ein Theil der Menschen zuweilen gut, gerecht und wohlthtig nennt,
verwandelt sich im Sinne der Anderen zu unertrglichem Unrecht. Doch
jeder mag seiner Ueberzeugung folgen und nur dafr sorgen nicht zu
hassen und zu verdammen, sondern gerecht zu bleiben.

Wir sind damit von dem eigentlichen Gegenstande meines Besuches
abgekommen, fiel Alfred unruhig ein. Sie wollen unsere Angelegenheit
noch heut in Ordnung bringen?

Ich will sogleich zu meinem Notar schicken, sagte der Fabrikant.

Ein Notar? Was soll der Notar?

Wenn Sie ihn nicht haben wollen, rief Herzer erfreut, und meiner
Redlichkeit vertrauen, so ist er freilich nicht nthig.

Herr Herzer! sagte Alfred, und er hielt inne, denn ein innerer Kampf
prete ihm die Lippen zusammen. Er sah den alten Mann starr an und
schttelte den Kopf.

Herr von Gravenstein, sprach Felix, ruhig nher tretend, glaubt, wenn
ich nicht irre, da Du, lieber Vater, ihm heut das Kapital zurckzahlen
willst.

O! nein, wie? erwiderte der Fabrikant rasch. Was denkst Du? -- Wie
knnte ich -- Herr von Gravenstein!

So ist es allerdings, ich brauche das Geld, sagte Alfred so bestimmt und
kalt wie er es vermochte.

Eine minutenlange Pause trat ein. Herzer fuhr mit der Hand ber sein
Gesicht, dann richtete er sich auf und sagte mit gedmpfter Stimme:
htten Sie mir vor vier Monaten, wo ich zuletzt an Sie schrieb, erklrt:
ich will und mu mein Geld haben, so wrde ich darauf gefat gewesen
sein. Ihre Antwort war jedoch eine Bewilligung. Ich kann nicht denken,
da Sie dies Wort brechen werden; in dieser letzten Stunde ist es mir
unmglich, Zahlung zu leisten.

Dann haben Sie die Folgen zu bedenken, sprach Alfred. Ich denke, Sie
wissen genau was Ihre Schuldverschreibung enthlt.

Ich wei es, ja! rief der Fabrikant laut, aber Sie -- Sie! -- ein
Zittern bewegte seine Lippen, er griff mit der Hand nach seiner Stirn
und hielt sich an den Arm seines Sohnes fest, denn seine Fe schienen
zu schwanken.

Alfred von Gravenstein betrachtete diese Gruppe mit finstern
mitrauischen Blicken, indem er die Arme kreuzte und fest auf der Stelle
stehen blieb, die er eingenommen hatte. Er machte keine Bewegung dem
jungen Herzer zu helfen und dieser rief ihn nicht darum an. Seine Augen
leuchteten zornig und verchtlich, aber mit eben so viel Kraft wie
Vorsicht untersttzte er den greisen Vater und sagte mit warnender
Stimme: La Dich nicht von Deiner jhen Bestrzung bermannen. Du
solltest die Menschen genugsam kennen, um zu wissen wie sie sind, am
wenigsten aber denen vertrauen, die am leichtesten geneigt sind hart und
selbstschtig zu handeln.

Ich lasse mir keine Scenen vorspielen, rief Alfred, darum sparen Sie
jeden Versuch dazu.

Es steht ihnen wohl an eine Comdie daraus zu machen, erwiderte der
junge Herzer, -- um sich daran zu belustigen.

Mein Herr, sagte Alfred, indem er sich stolz aufrichtete, ich bin
darber hinaus mich beleidigen zu lassen; was Sie denken und meinen ist
mir gleichgltig, aber ich bin hier, kraft meines guten Rechts, um nach
meinem Eigenthum zu sehen, mein Geld von Ihnen zu fordern.

Das Sie heut nicht von uns erhalten knnen, wie mein Vater es Ihnen
erklrt hat.

Sagen Sie, um aufrichtig zu sprechen, das Sie nie von uns erhalten
werden, rief Gravenstein voller Hohn.

Wer wagt das von uns zu behaupten? versetzte Felix heftig. Hten Sie
sich, Herr von Gravenstein, unsere Ehre anzutasten.

Wenn es darauf ankommt, war die Antwort, so wahrt man diese am besten,
wenn man pnktlich seine Verpflichtungen erfllt.

O! wie leicht ist das von denen gesagt, die nie wissen was es heit, mit
dem Leben zu kmpfen und des Lebens Noth zu tragen, erwiderte der junge
Herzer, -- die sich rhmen, ein Monopol auf Ehre mit zur Welt zu bringen
und, wenn es genau besehen wird, mit Wortbruch in den heiligsten und
hchsten Dingen immer bei der Hand sind.

Das ist unverschmt! rief der junge Edelmann leidenschaftlich, indem er
sich der Thr zuwandte. Ich habe nichts mehr hier zu thun.

Halt! sagte der Fabrikant, von der Schulter seines Sohnes sich
aufrichtend. Hren Sie noch einige Worte.

Ohne darauf zu achten setzte Alfred seinen Weg fort, pltzlich aber
stand er still, denn vor ihm ffnete sich die Thr und eine junge Dame
trat ihm entgegen, die erstaunt ber die heftigen und streitenden
Stimmen an der Schwelle stehen blieb.

Es ist hier nicht der rechte Ort, sagte Herr Herzer, Alfreds Arm
anfassend, um ber diese Angelegenheit zu einem Beschlu zu gelangen,
dennoch aber ist es nthig, da Sie nicht ohne einen solchen mich
verlassen. Man hat, wie es mir scheint, Ihnen geflissentlich
Unwahrheiten gesagt, und Sie gegen mich zu erbittern gesucht; deshalb
mu ich darauf beharren, da Sie wenigstens von mir selbst hren, was
wahr, was falsch ist.

Ich frchte, Herr Herzer, erwiderte Alfred von Gravenstein mit
ungewisser Stimme, da ich von meinem Entschlusse nicht zurckgebracht
werden kann.

Oeffne die Thr, Clara, sagte der Fabrikant, und gieb mir Deinen Arm. Es
ist meine Tochter, Herr von Gravenstein. Ich bin von meinem gewhnlichen
Uebel befallen worden, mein Kind. Bei heftiger Gemthsbewegung ergreift
mich zuweilen ein Schwindel; Andrang des Bluts, weiter nichts. Sorge
nicht, Clrchen, es ist vllig vorber und soll nicht wiederkehren. --
Erinnerst Du Dich wohl noch des Herrn von Gravenstein? Du warst damals
zwar erst vierzehn oder dreizehn Jahr alt und Herr von Gravenstein war
nicht oft in unserem Hause. Wie lange ist es nun seit Sie Ihre Reise
antraten?

Es sind vier Jahre, erwiderte Alfred.

Dennoch erinnere ich mich Ihrer recht gut, antwortete das junge Mdchen,
die ihre Augen klar und fest auf den Fremden richtete. Ich wei, da Sie
uns einst besuchten und freundliche Worte zu mir sprachen, als ich nach
Ihrem Wunsche einige Clavierbungen spielte.

Ja wohl! ja wohl! wiederholte der Fabrikant, und ich sagte Ihnen damals,
Clara ist ein Talent, sie wird einmal etwas Besseres leisten. Das ist
richtig eingetroffen, sie hat wirklich so viel gelernt, da sie zum
Besten unglcklicher Menschen schon einige Male ffentlich sich hren
lie.

Ich habe davon vernommen, murmelte Alfred halblaut vor sich hin, indem
er sich vor dem Frulein verbeugte.

Wissen Sie auch, Herr von Gravenstein, fuhr Clara lchelnd und ermuthigt
fort, da ich noch ein Andenken an Sie bewahre.

In Wahrheit nein, versetzte Alfred.

Sie brachten einst einen bsen Hund mit als Sie zu uns kamen, der mein
zahmes Tubchen bi und tdtete. Am nchsten Tage sandten Sie mir ein
Prchen, und dies ist noch am Leben und in meinem Besitz.

Alfred verbeugte sich abermals stumm, indem er die Tochter des
Fabrikanten mit einer gewissen Scheu betrachtete und seine Blicke wieder
abwandte, als frchte er sich, in die dunklen groen Augen eines so
reizenden Geschpfes zu sehen. Es war nichts an ihr was dem Bilde
entsprach, welches er sich entworfen hatte. Er hatte sich eine Art
Amazone vorgestellt, gro, stark, mit kecken Blicken und
herausforderndem Wesen; ein emanzipirtes Weib, wie der Geheimrath sie
geschildert, eine Cigarre im Munde und ein Glas in der Hand; hier aber
fand er, pltzlich enttuscht, ein liebliches Mdchen, ein Gesicht mit
feinen klaren Zgen, ein Augenpaar, dessen Blick ihn wunderbar bewegte,
und diese ganze interessante Erscheinung von einem Hauche der Schwermuth
und der Stille umflossen, der sie noch anziehender und edler machte.

Dennoch aber unterdrckte er seine ersten Empfindungen auf der Stelle.
Er erinnerte sich, was er dem Geheimrath versprochen und mit seinem
Worte bekrftigt hatte; zu gleicher Zeit aber rief die warnende Stimme
wieder in sein Ohr: Auch damit wollen sie Dich betrgen. Hat dies
Mdchen nicht an den ffentlichen Aufzgen Theil genommen; hat sie ihr
gerhmtes Talent nicht dazu benutzt, um verbrecherischen Zwecken zu
dienen? -- Dieser alte schlaue Betrger sinnt darauf, irgend ein Mittel
zu finden, um mich zu erweichen, aber es soll ihm nichts helfen, ich
will nicht! Was sie auch sagen mgen, ich will nicht!

Mit diesem Vorsatze folgte er in das groe Wohnzimmer des Fabrikanten,
das an das Comptoir stie und nahm den angebotenen Platz auf dem Sopha
ein, whrend Herzer sich zu ihm setzte und seine Tochter, seinem Winke
nachkommend, sich entfernte.

Herr von Gravenstein, sagte der Fabrikant, ich wiederhole Ihnen
zuvrderst, da es mir ganz unmglich ist, das Kapital von 5000 Thalern
auf der Stelle zurckzuzahlen.

Mit diesem Worte, erwiderte Alfred, beendet sich unsere Unterhandlung;
denn eben so bestimmt mu ich auf Rckzahlung bestehen.

Auch wenn ich Ihnen betheure, da Sie in einem Jahre auf jeden Fall
befriedigt sein sollen?

Auch dann, sagte Gravenstein. Ich mu heut noch im Besitz der
Schuldsumme sein.

Sie sind reich, sprach Herzer, sollten Sie wirklich so dringend des
Geldes benthigt sein? Ich kann es nicht denken, denn Sie wrden nicht
bis zur letzten Stunde mich in dem Wahn gelassen haben, da ich keine
weitere Belassung des Kapitals zu gewrtigen htte. Ich habe auf's
pnktlichste meine Zinsverpflichtung erfllt, warum wollen Sie hart
gegen mich sein? O! lebte Ihre Mutter noch, ich htte das nicht
erfahren.

Meine Mutter wrde handeln wie ich, versetzte Alfred.

Das wrde sie wahrlich nicht thun, rief Herzer mit Wrme. Wenn ich ihr
sagen knnte: Es ist mir unmglich, jetzt zu zahlen, bedenken Sie die
Zeiten, welche wir erlebten, bedenken Sie Ihr ganzes Verfahren gegen
mich, und bedenken Sie unsere alte Freundschaft, so wrde sie mir Geduld
schenken.

Herr von Gravenstein, fuhr er fort, als Alfred finster vor sich hin
blickte, ich will ganz aufrichtig gegen Sie sein, so aufrichtig, wie ich
zu Ihrer Mutter sein wrde. Wo Sie jetzt sitzen, hat sie oft gesessen
und meinen Worten Glauben geschenkt. Meine Lage ist keineswegs die
beste. Ich habe groe Verluste gehabt, meine Mittel haben dagegen zu
meist dadurch gelitten, da ich fortfuhr meine Arbeiter zu beschftigen,
als alle Arbeit aufzuhren schien.

Man sollte nicht meinen, fiel Alfred ein, da ein Fabrikant dies thun
wird, wenn er nicht besondere Nebenzwecke verfolgt.

O! ich wei, wer Ihnen dies Wort eingegeben hat, sagte Herzer. Ich
erkenne daran den, der die Karten mischte. Wilkau, der einst mein Freund
war, nun aber mich verderben mchte, um seine Erbrmlichkeit damit zu
krnen, hat Sie in die Schule genommen.

Ich kann nicht zugeben, Herr Herzer, da Sie den Geheimrath und mich
schmhen, sagte Alfred.

Gut! rief der Fabrikant, sich die Stirn trocknend, gut! ich will darber
kein Wort verlieren; aber wenn ich arbeiten lie, als viele Andere, weit
reichere als ich, ihre Arbeiter dem Hunger Preis gaben, so war dies eine
Handlung, die ich mir immer zur Ehre rechnen darf. Ich habe dreiig
Familien nicht untergehen lassen, fuhr er angeregter fort, mag man eine
Meinung haben, welche man will, soweit sollte jedoch die Humanitt einer
edleren Natur sich nicht vom Parteihasse berwltigen und als Werkzeug
gebrauchen lassen, um in niedrige Beschuldigungen einzustimmen.

Genug, Herr Herzer, rief Alfred aufstehend, Sie wollen schuldlos sein,
ich habe nichts dagegen. Sparen Sie sich alle Auseinandersetzungen. Ich
kenne Ihre Lage vollkommen. Wollen Sie es lugnen, da Sie so eben den
ganzen Bestand Ihres Lagers in's Ausland schicken, whrend Sie hier Ihre
Verpflichtungen nicht zu erfllen vermgen?

Er blickte dem Fabrikanten stolz in's Auge, der sich zu sammeln suchte
und den Kopf verneinend schttelte, pltzlich aber das Gesicht dem
Fenster zuwendete, vor welchem drauen auf der Strae ein riesenhaft
groer Mann stand, der in seinen Mantel gehllt, starr hineinschaute.

Was ist das? rief Herzer. Der Executionsdirektor! Ich kenne ihn, was
will er? Was haben Sie gegen mich im Sinne, Herr von Gravenstein?

Ich werde nicht dulden, da Sie die Gegenstnde, welche mir allein
Sicherheit gewhren knnten, fortfhren lassen, sagte Alfred. Ihr
Schuldschein verpfndet Ihre ganze bewegliche Habe. Ich bin in vollem
Rechte, wenn ich diese mit Beschlag belege.

So ist es wirklich Ihr Wille, mich zu ruiniren? sagte der Fabrikant
vorwurfsvoll und fragend.

Ich will es nicht, aber ich kann es nicht ndern, erwiderte Alfred. Ich
verlange mein Eigenthum.

Mein Gott! mein Gott! rief Herr Herzer in ausbrechender Heftigkeit. Der
hartherzigste Wucherer wrde menschlicher verfahren.

In diesem Augenblick ffnete sich die Thr im Hintergrunde, durch welche
Clara herein trat, welche auf einem glnzenden Blech eine Flasche und
mehrere Glser trug. -- Als sie ihres Vaters Ausruf hrte und ihn stehen
sah, die Hnde gefaltet, den Kopf niedergebeugt, sein Gesicht dunkelroth
und sein weies Haar darber hinfliegend, die ganze Gestalt ein Bild der
grausamsten Pein und Aufregung, stellte sie das Brett hastig auf einen
Stuhl und schlang ihre Arme um den alten Mann, indem sie mit
unbeschreiblichem Vorwurf Alfred betrachtete. -- Aber fast mit ihr
zugleich war aus dem anstoenden Comtoir auch ihr Bruder in das groe
Zimmer getreten, und ehe sie eine Frage thun konnte, nahm Felix das
Wort.

Es haben sich an unserer Thr drei oder vier Mnner aufgestellt, die
Ihres Winkes gewrtig sind, Herr von Gravenstein, sagte er vollkommen
ruhig. Sie haben alle Vorbereitungen getroffen, eine Familie zu
vernichten, die bis dahin in Ehren lebte, und mehr als je eben jetzt
hoffen durfte, aus unverschuldetem Migeschick zu kommen. -- Ehe Sie Ihr
Werk vollenden, gestatten Sie mir auf einen Augenblick Gehr; vielleicht
gelingt es mir, Sie zu einer kurzen Geduld zu bewegen. -- Es lag etwas
Unwiderstehliches in der Art dieser Aufforderung. Alfreds bedenkender
Blick flog von dem ruhigen Gesicht des jungen Mannes auf Clara, die ihn
bittend anschaute. -- Er folgte Felix in das Comtoir, aus welchem einige
Minuten lang die dumpfen Stimmen der Sprechenden herberschallten. --
Der Fabrikant sa erschpft, die Arme gekreuzt, den Kopf tief
niedergebeugt, wie Einer, der alle Hoffnungen aufgegeben hat; seine
Tochter wagte kein Wort; sie legte die Hnde um seine Schultern, als
wollte sie ihn vor sich selbst schtzen. Pltzlich aber hrten sie, da
die Thr drauen geffnet und geschlossen wurde. -- Gleich darauf trat
Felix wieder herein, der auf seinen Vater zuging, ihm die Hand reichte
und lchelnd sagte:

Er ist fort, beruhige Dich.

Fort, sagte Herzer, mein Gott! und was -- was hast Du versprochen?

In zehn Tagen zu zahlen, erwiderte der Sohn. Meine Ehre brgt dafr.

Und woher -- woher willst Du es nehmen?

Wir werden Mittel schaffen, war die Antwort. Zeit gewonnen, Alles
gewonnen. -- Kam es jetzt zur Beschlagnahme, so war unsere beste
Hoffnung zerstrt. -- Der Transport der Instrumente wird nun ungestrt
geschehen knnen, und mit Aufbietung aller Krfte oder Verpfndung aller
unserer Habe wird sich ja wohl ein Wucherer finden, der uns das Geld
giebt.

Der alte Mann bedeckte seufzend sein Gesicht, aber Felix umarmte ihn und
sagte mit gewaltsamer Lustigkeit: Muth, lieber Vater! weine nicht,
Clrchen. Du armes Kind siehst wirklich aus, als htte der bse Hund
dieses noblen Barons diesmal Dich selbst gebissen.

Am nchsten Morgen in aller Frhe lie sich der Kommissarius bei dem
Geheimrath melden.

Nun, mein lieber Nachbar, sagte dieser freundlich, indem er den Beamten
an der Hand zum Sopha fhrte und sich neben ihn setzte, was bringen Sie
mir fr Nachrichten?

Der Kommissar nahm ein Papier und erwiderte lchelnd: Zuvrderst ist
Herr von Gravenstein, als er vorgestern spt von Ihnen nach Hause kam,
in vieler Unruhe gewesen, denn mehrere Stunden noch hat man in seinem
Zimmer Licht bemerkt und seinen Schatten beobachtet.

Sehr gut, sehr gut! sprach der Geheimrath, ebenfalls lchelnd und seinem
Vertrauten zunickend.

Ohne Zweifel Unruhe im Herzen, flsterte dieser mit einem listigen
Blicke.

Gewi, gewi! sagte der Geheimrath, die Hnde reibend. Wird sich aber
schon geben. Was geschah also gestern?

Gleich frh erhielt Herr von Gravenstein Besuch von einem Herrn, der,
wie sich spter ergab, der Obergerichts-Assessor Stephani war.

Der Geheimrath nickte beifllig und der Kommissr fuhr fort: Spter
erschien auch der Exekutions-Direktor, ein uns wohlbekannter Mann. Der
Assessor begleitete ihn, als er sich entfernte, und bald darauf verlie
Herr von Gravenstein das Hotel, ging einige Straen auf und ab, setzte
sich dann in einen Wagen, und fuhr zu dem Magazin des Herrn Herzer.

Und was geschah dort? fragte der Geheimrath erwartungsvoll.

Er blieb sehr lange allda, sagte der Beamte, in den Bericht sehend,
endlich fand sich der Exekutions-Direktor mit drei Gehlfen ein, welche
am Hause warteten, bis Herr von Gravenstein heraustrat.

Die Beschlagnahme erfolgte also wirklich, rief der Geheimrath seufzend.
Er ist doch sehr zu beklagen, der unglckliche Mann!

Herr von Gravenstein ging mit dem Direktor die Strae hinauf, sprach mit
ihm eine Zeit lang, und entfernte sich dann.

Was sagen Sie? rief Wilkau hastig. Es geschah nichts? Sie gingen fort?

Sie gingen fort. Herr von Gravenstein speiste im Hotel, und ging dann
wieder aus, wahrscheinlich um eine Wohnung zu suchen, die er auch in der
Kurfrstenstrae gefunden hat. Er wurde dabei begleitet von dem Assessor
Stephani, welcher vor dem Hotel ihn anrief, und zwischen den beiden
Herren ging es sehr lebhaft her. Herr von Gravenstein erzhlte etwas,
was den Herrn Assessor sehr zu wundern schien. Unmglich! rief dieser
laut, Sie sind auf jeden Fall betrogen. Lassen Sie mich die Dinger doch
nher betrachten. Herr von Gravenstein weigerte sich jedoch, ich hrte,
da er antwortete: Mag es sein, wie es will, ich habe die Bedingungen
angenommen und werde sie halten.

Was halten? Was hat er angenommen? fragte der Geheimrath in lebhafter
Unruhe.

Davon steht nichts weiter in dem Bericht, sagte der Kommissr
achselzuckend. Die beiden Herren spazierten Arm in Arm weiter, besuchten
dann das Theater und verfgten sich noch vor dem Schlu desselben in die
Wohnung des Herrn Assessors, wo Herr von Gravenstein wahrscheinlich
speiste, bald nach zehn Uhr aber sich entfernte.

Und in sein Hotel zurckkehrte, sprach der Geheimrath ungeduldig
dazwischen. Ein ziemlich ungefhrlicher erster Tag also.

Hier steht die Bemerkung, sagte der Kommissr, da der junge Herr einen
etwas weiten Umweg machte, um sein Hotel zu erreichen. -- Er ging
nmlich mitten durch die Stadt bei dem Hause des Herrn Herzer vorber,
wo er lngere Zeit still stand, vielleicht um dem Klavierspiel
zuzuhren, was drinnen noch getrieben wurde.

Das ist eine seltsame Laune, rief der Geheimrath lachend. Wer spielte
denn? Es wurde auch gesungen, nicht wahr?

Davon steht nichts hier, erwiderte der Beamte; aber man bemerkte einen
Mann, der im Schatten der Huser dem Herrn von Gravenstein langsam
folgte und ihn genau zu beobachten schien.

Ein Mann, der ihn verfolgte? flsterte der Geheimrath, seine Hand auf
den Arm des Kommissrs legend. -- War es einer der beiden Taugenichtse?
Einer der Mrder? Hat man ihn ergriffen?

Nein, sagte der Kommissr lchelnd, es war nicht nthig. Er ging bis in
die Mitte des Hotels mit, dann wurde er seinerseits beobachtet und
verfolgt, und es ergab sich --

Was? Was?! fragte der Geheimrath.

Da es der Herr Assessor Stephani war.

Stephani? -- Sonderbar.

Sehr sonderbar, sagte der Beamte.

Bah! lachte Wilkau. Sie wissen, junge Herren treiben Scherz, beobachten
sich, oder es mag Frsorge gewesen sein; genug, mein lieber Nachbar, ich
sage Ihnen den besten Dank und bitte Sie, die genaue Ueberwachung
fortzusetzen. -- Den Eifer der Wchter und ihre groen Mhen kann ich
freilich nicht belohnen, aber die _buona mano_, wie die Italiener sagen,
kann ich mir nicht versagen.

Er reichte dem Beamten lchelnd die Hand, und drckte ein Zettelchen
hinein, das wie eine Banknote aussah, welche der wrdige Mann jedoch
vorlufig gar nicht zu bemerken schien. -- Er empfahl sich mit einer
devoten Verbeugung, und als er fort war, setzte sich der Geheimrath
nachdenkend in seinen Arbeitsstuhl, rieb sich die Nase und murmelte
allerlei Worte dumpf vor sich hin, bis er pltzlich nachdrcklich sagte:
Jedenfalls ist Alfred auf schlechten Wegen. Was soll das Alles heien?
Die Beschlagnahme erfolgt nicht. Abends spt luft er an dem Hause
vorbei, hrt das Geklimper und bleibt lange Zeit dort stehen. -- Ich
kann es nicht denken, da er von diesen Menschen sich angezogen fhlt.
Aber was haben sie ihm angethan, wie haben sie ihn gekirrt? Ich bin
auf's Aeuerste begierig. Der Assessor, ja, der Assessor, der mu uns
helfen, das ist der Mann dazu.

Whrend der Geheimrath in seinem Zimmer nun weiter grbelte und ber
Alfreds Sentimentalitt und Thorheit sich rgerte, war auf der anderen
Seite der glnzenden Wohnung die Geheimrthin auch nicht ohne Besuch.
Sie sa vor ihrem Arbeitstische wie auf einem Throne, eine Feder als
Zepter in der Hand, und vor ihr standen zwei arme Snder um Gnade
flehend, von denen der Eine wenigstens sehr verlegen und
niedergeschlagen aussah.

Es war das Ehepaar aus dem Keller des fnfstckigen Hauses, Anton
Mertens und seine rstige Gattin. -- Er hielt den Hut zwischen seinen
Hnden und drehte daran umher, whrend sein Kopf gar nicht in die Hhe
wollte und sein sonst blasses Gesicht einen rthlichen Schimmer der
Freude oder Schaam trug. -- Guste stand neben ihm und schien nicht wenig
ber das linkische Benehmen ihres Mannes erzrnt zu sein. Ihre Augen
flogen wie Richtschwerter ber ihn hin; es war deutlich zu sehen, was
ihr auf den Lippen sa, aber sie wagte doch nicht einen Vorwurf oder
eine Klage auszusprechen.

Ihr habt also endlich Einsehen gehabt und wollt vernnftig werden, sagte
die Geheimrthin mit einem gtigen Kopfnicken. Nun, der liebe Gott weist
auch die nicht zurck, welche zuletzt kommen, also werden wir es nicht
anders machen wollen; aber das mu ich dennoch sagen, von Anton hat mich
die Halsstarrigkeit tief betrbt. Ein Mensch, der uns so viel zu danken
hat, htte niemals mit solchem Trotze gegen uns sich auflehnen mssen.

Der Schuhmacher zuckte die Achseln und stie einige brummende Tne
hervor, die unter seinem Hute sich verloren.

Ach! liebe, gndige Frau, bat Guste, ngstlich die Hnde faltend, es
steht ja in der heiligen Schrift: Richtet nicht, so werdet ihr nicht
gerichtet!

Ja wohl, Auguste, das steht da, sagte die Geheimrthin, und eben
deswegen, eben weil wir alle Christen sind und jeder Christ seinen
Mitmenschen liebend aufheben soll, wenn er fllt, darum will ich auch
Alles vergessen, wenn Anton jetzt ernstlich und eifrig vom Bsen sich zu
dem Guten wendet und Beweise giebt, da er bereut.

So rede doch, sagte Guste, indem sie ihren unbeholfenen Mann mit dem
Ellenbogen ziemlich lebhaft anstie. Er ist ganz niedergeschlagen ber
Ihren Zorn, liebe gndige Frau, fuhr sie dann eifrig fort; mehr als
einmal hat er schon bitterlich darber geweint, da Sie ihn fr
undankbar halten knnen, whrend er fr seinen Wohlthter durch's Feuer
gehen mchte. Ist es nicht wahr, Anton.

Bei diesen Worten hob Mertens das Gesicht auf. Er legte die Hand auf
seine Brust und sagte treuherzig: Das war gescheut, da Guste das sagt.
Durch's Feuer mcht' ich gehen fr meine Wohlthter und Sie haben viel
Gutes an uns gethan.

Ich will Ihnen gern die Feuerprobe erlassen, Anton, erwiderte die Dame
gtiger gestimmt, aber das bitte ich mir aus, da Sie sich in den Verein
aufnehmen lassen.

Er soll gleich hingehen und sich melden, rief Guste eifrig.

Und dann versumen Sie keine Versammlung, fuhr die Geheimrthin fort.
Sie haben es nthig, im Guten gestrkt zu werden; nicht einen Vortrag
drfen Sie auslassen.

Sorgen Sie nicht, gndige Frau, ich werde schon darauf halten, fiel
Guste mit einem gewissen entschlossenen und drohenden Tone ein.

Ich setze voraus, Anton, sagte die gndige Beschtzerin den bekehrten
Snder betrachtend, da Sie freiwillig und aus wahrer innerer
Ueberzeugung diesen Schritt thun, also mit frohem Herzen und jubelnder
Lippe in unsere Reihen treten.

Den ganzen Morgen hat er gesungen, wie eine Frhlingslerche, rief Guste.
Lache doch, Anton, zeige doch, wie Dir zu Muthe ist. Er freut sich
inwendig, sagte sie mit wachsendem Eifer, er kann es nur nicht so von
sich geben, wie er gern mchte, das ist immer meine Plage mit ihm. Sonst
aber ist er von Herzen gut, ich kann nicht klagen. -- Zur Bekrftigung
ihres Lobes fuhr sie mit der Hand ber Antons Stirn und zog ihm bei
dieser Gelegenheit den Kopf in die Hhe. Sehen Sie wohl, wie er sich
freut, gndige Frau, sehen Sie wohl, wie er lacht, fuhr sie fort. Er hat
mir ja das feste Versprechen gegeben, Alles zu thun, was ich haben will.
Ist es nicht wahr, Anton?

Der Schuhmacher machte ungefhr ein Gesicht wie Einer, der heimlich
Ungarwein trinken wollte, doch unglcklicher Weise an die Essigflasche
gekommen ist, sich aber den Irrthum auf keinen Fall merken lassen darf.
Er zeigte seine weien Zhne und verzerrte sein Gesicht in wunderlicher
Weise, indem er mit dem Kopf schttelte oder nickte, was nicht zu
unterscheiden war.

Aber nicht allein ein treues und eifriges Mitglied sollen Sie sein, fuhr
die Geheimrthin fort; der ganze alte Adam mu ausgezogen werden. Von
dem bisherigen schlechten Umgange darf keine Spur brig bleiben.

So ist es, sagte Guste, indem sie ihren langen Arm mit vieler
Beweglichkeit ausstreckte. Der schlechte Umgang, die bsen Beispiele,
das Zureden und die Verfhrung, die haben auf Anton gewirkt. Aber ber
meine Schwelle soll keiner mehr kommen; ich will mir schon Luft machen,
wenn es so sein soll. Sage es noch einmal der gndigen Frau zu, da Du
mit keinem von der ganzen Rotte mehr zu schaffen haben willst.

Nein, nein! murmelte der Schuhmacher, ich will mit gar nichts mehr zu
schaffen haben. Alleweil aber la es gut sein, ich denke Du kennst mich
ja und die gndige Frau auch.

Ah, lieber Professor! rief die Geheimrthin umblickend, weil sie die
Thr knarren hrte. Kommen Sie nher, Sie kommen zur rechten Zeit.

Professor Viereck hatte sein rothes Gesicht durch den Thrspalt
gesteckt, und schob jetzt seinen runden Krper hinterher. Wenn ich nicht
stre, sagte er mit seiner gewhnlichen Wrde, aber ich mu durchaus
nicht stren, sonst ziehe ich mich sogleich zurck. Einer meiner
Freunde, Graf Buchwald, erwartet mich eigentlich zu einem Spaziergange.

Ich habe eine Bitte an Sie, sagte die Dame, ihm die Hand reichend. Hier
ist ein Mann, den ich Ihnen empfehle, der Schuhmacher Mertens. Er ist
zeither auf blen Wegen gewandelt, hat jedoch sein Unrecht eingesehen
und wnscht in unsern Verein aufgenommen zu werden. Ich kenne ihn genau
und glaube, da ich sein Gesuch befrworten darf. Nehmen Sie sich seiner
an, lieber Professor, und bewirken Sie, als Vorstand, das Nthige, damit
er bei der nchsten Versammlung schon Ihren lehrreichen und strkenden
Vortrag nicht versumt.

Der Professor hatte, whrend die Geheimrthin sprach, unverwandt den
verlegenen Anton angeblickt, der sich mit grter Anstrengung zwang,
einige scheue Blicke auf die groen funkelnden Brillenglser und die
stolze Gestalt seines neuen Beschtzers zu werfen. Einige Male nickte
der Professor gravittisch und mit hohem Ernst, dann wurden seine Zge
gtiger; er fate sich in die Halsbinde, rckte diese zurecht und sagte
zuletzt mit liebreicher Stimme: Es macht mir in Wahrheit viel Vergngen,
da ich, ehe ich meinen Freund, den Grafen Buchholz, besuchte, bei Ihnen
eingetreten bin, um die Bekanntschaft dieses wackeren Mannes zu machen.
Ich biete Ihnen meine Rechte dar, rief er vortretend mit groer Wrme,
indem er seine Hand ausstreckte, es ist die Rechte eines Deutschen.
Hndedruck bedeutet deutsche Treue; Biederkeit ist das Erbtheil unseres
Volks. Stehen Sie fest, theurer Freund! Wie heien Sie?

Anton Mertens, stammelte der Schuhmacher verwirrt, denn seine Hand wurde
tchtig gequetscht.

Stehen Sie fest, Anton Mertens! rief der Professor, die Zeit ist
darnach, da wer Beine hat, fest stehen mu; aber lehnen Sie sich an
Ihre Brder, lehnen Sie sich an mich an, wenn Sie wanken. Ich stehe wie
eine Sule unerschtterlich und werde Sie halten.

Sie sind immer gtig, sagte die Geheimrthin, und Anton kann gewi
nichts Besseres thun, als sich Ihnen ganz anvertrauen.

Kommen Sie zu mir, sprach der Professor, Sie mssen eingeschrieben
werden und Ihre Karte erhalten. Was ich thun kann, soll geschehen. Fr
einen Menschen, fr einen Bruder, fr einen Freund sind meine Arme immer
offen.

Edler Mann! sagte die Geheimrthin gerhrt. Sehen Sie jetzt ein, Anton,
was es heit patriotische Grundstze haben und zu Mnnern zu gehren,
die ihre Mitmenschen mehr lieben wie sich selbst?

Eine Antwort wurde dem armen Anton erspart, denn bei den letzten Worten
der Geheimrthin trat Elise rasch in das Zimmer, gefolgt von Alfred von
Gravenstein, der lchelnd sagte: verurtheilen Sie mich nicht ohne Gehr,
Elise, Niemand hat mehr dabei verloren als ich selbst.

So geht denn jetzt, sprach die Geheimrthin zu ihren Schtzlingen, aber
vergessen Sie nicht, Anton, Nachmittag die Karte zu holen und allen
Ihren Pflichten nachzukommen. Mit einigen verlegenen Verbeugungen und
nachdem sie an verschiedene Sthle und Tische gestoen, entkamen Mertens
und seine Frau glcklich aus dem Zimmer.

Ich sage zu Alfred, es sei kein gutes Zeichen fr uns, da wir gestern
den ganzen Tag vergebens auf ihn hofften, rief Elise, sich zu ihrer
Mutter wendend. Wir hatten darauf gerechnet, weil wir glaubten, ein
Gravenstein hlt stets sein Wort. Ein nthiger Besuch wurde
aufgeschoben, um mit unserem theuren Vetter eine kleine Spazierfahrt zu
machen und Weiteres zu verabreden. Es ist freilich Thorheit in dieser
unglubigen Zeit noch zu den Glubigen gehren zu wollen; ja selbst
unser Vertrauen zu der deutschen Treue wird von nun an wankend, obwohl
unser Freund, der gelehrte Professor, drauf schwrt, da diese
eigentlich noch immer so hehr und rein dastehe, wie zu den Zeiten
Heinrich des Voglers.

Aber Du leichtfertiges Mdchen, sagte die Mutter, es wird Alfred
unmglich gewesen sein, sein Versprechen zu erfllen.

Mama, sagte Elise, ich lasse mich mit Unmglichkeiten oder Mglichkeiten
durchaus nicht ein. Es ist sehr bequem heut zu Tage diplomatisch die
Achseln zu zucken, und wo die Erfllung gegebener Versprechungen
gefordert wird, zu sagen: Die Mglichkeit dazu ist nicht vorhanden. Ich
verlange, da ein Versprechen kein leeres Wort bleibt, sondern da es
gehalten werde.

Das klingt ganz rebellisch! lachte die Geheimrthin.

Hochverrtherisch! sagte der Professor, die Augenbrauen emporziehend.

Ich finde, es klingt ganz allerliebst, fiel Alfred ein, und von der
allgemeinen Wahrheit darin ist obenein nichts abzulugnen; aber ich
hatte nur bedingungsweise versprochen, wenn ich es irgend vermchte mich
einzufinden. Zu meinem Bedauern habe ich davon abstehen mssen.

So beichten Sie wenigstens was Sie hinderte, sagte Elise.

Verdrieliche Geschfte hatten mich so verstimmt, da ich unbrauchbar
fr alle Gesellschaft war, sagte Alfred. Zudem suchte ich eine Wohnung,
was Mhe machte, endlich aber war Herr Stephani so gtig mich
aufzusuchen und den Abend mit mir zu verleben. Ich habe wenigstens von
Ihnen viel gesprochen, liebe Elise, da ich nicht das Glck haben konnte
Sie zu sehen.

Ueber Elisens Stirn flog ein hellerer Schein, der ihr blasses Gesicht
berhauchte. Gut, sagte sie, wir wollen christlich alle Schuld
ausstreichen, dagegen aber bekennen, da, nachdem wir vergebens
gewartet, uns der Abend sehr interessant vergangen ist. Herr Professor
Viereck leistete uns Gesellschaft, und wenn irgend Etwas vollen Ersatz
fr den Verlust bieten konnte, so war es seine geistreiche Unterhaltung.

Ich habe die Ehre zu bemerken, rief der Professor, wonnevoll grinsend,
da Niemand geistreich sein kann, der nicht dazu angeregt wird; gerade
so wie die Nachtigall nur schlgt in der sen Frhlingsnacht, oder die
Lerche sich in die Lfte schwingt, wenn die lichte Morgensonne sie dazu
reizt.

Ach! theuerster Professor, sagte Elise, wie beneide ich Sie um diese
Flle von wundervollen Einfllen, Bildern und Gedanken. Mit welcher
Leichtigkeit vermgen Sie den grten Kreis zu fesseln und ber alle
Gegenstnde mit derselben Begeisterung zu sprechen.

Bitte recht sehr! erwiderte der Professor, selbstgefllig lchelnd,
meine geringe Gaben werden wirklich zu hoch angeschlagen.

Sie wrden gewi kommen, wenn Sie zu kommen versprochen htten.

Wenn ich es versprochen htte, wrde mich nichts abhalten, rief der
Professor energisch, indem er einen triumphirenden Blick auf Alfred
warf.

Eben so ritterlich wie zartsinnig! sagte Elise, ihm die Hand reichend.

Der Professor fhrte diese feine schmale Hand mit ungemeiner
Zierlichkeit an seine Lippen, indem er seinen linken Fu nach hinten
schob, als sei er bereit sein Knie zu beugen, und seinen Hals gewaltsam
zurckdrckte, um einen sschmachtenden Blick auf die schne junge Dame
zu werfen. Sein Lcheln war dabei so holdselig und seine linke Hand
ruhte so fest auf seinem Herzen, als schwebe er im seligsten Himmel
eines entzckenden Traumes. Mit deutscher Treue! sprach er, mit
patriotischer Hingebung, mit dem Hochgefhl der Freiheit eines loyalen
Unterthans, wie mein Freund, der Baron Hellwitz, sagt. Machen Sie die
Probe, Frulein Elise. Bestimmen Sie ber mich, ich werde niemals
fehlen. Niemals! verlassen Sie sich darauf, niemals!

Bei dem dritten und letzten Niemals war der Professor feierlich
ernsthaft geworden, wobei er die Hand wie zum Schwure erhob und seinen
Krper gebieterisch ausdehnte. Eben so ernsthaft nickte ihm das Frulein
zu. Dann aber wendete sie sich zu Alfred und brach in ein lautes,
unauslschliches Gelchter aus, als sie in sein anmuthiges Gesicht sah.
Folgen Sie mir, mein migerathener Vetter, rief sie, ich mu weitere
Aufschlsse von Ihnen haben, auf der Stelle mich von Ihren bsen
Gedanken berzeugen, und ohne Zgern ergriff sie Alfreds Hand und
ffnete die Thr des anstoenden Kabinets.

Ich kann es nicht lnger ertragen, ohne zu ersticken, flsterte sie.
Leben Sie wohl, theurer Professor, ich glaube an Ihr Niemals, es klingt
in meinem Herzen wieder und macht mich hchst glcklich und traurig.
Hier drckte Sie die Thr zu, warf sich auf einen Stuhl und sagte mit
krampfhaftem Lachen: Es giebt nichts Nrrischeres wie diesen
aufgeblasenen Pinsel. Lachen Sie, Alfred, aus Erbarmen! Lassen Sie mich
nicht allein lachen.

Der Professor hrte mit gespitzten Ohren das schallende Gelchter, wie
es durch die Thre drang. Es fiel ihm nicht im geringsten ein, da er
ausgelacht werden knnte, aber er rgerte sich ber den schweigsamen
Vetter, und dachte dabei mit Selbstgefhl an den letzten Blick, den
Elise von der Thr aus ihm zugesandt hatte. Es scheint eine lustige
Beichte und ein recht vergngliches Examen zu sein, sagte er endlich.
Herr von Gravenstein kann also auch lachen, er sieht gewhnlich sehr
ernsthaft aus.

Er ist wirklich fast zu ernsthaft fr seine Jahre, erwiderte die
Geheimrthin, aber Sie, lieber Professor, mit so vielem Talent zur
Geselligkeit und Frhlichkeit begabt, bei Ihnen ist es doch seltsam, und
gar nicht recht, da Sie -- ja wie soll ich doch sagen -- da Sie nicht
irgend ein Wesen dauernd beglcken.

Beglcken! rief der Professor mit einem Seufzer, indem er den Kopf in
seine Hand sttzte. Es ist dies ein inhaltschweres Wort.

Allerdings ja, fuhr die Dame fort, aber Ihnen kann die Auflsung nicht
schwer werden.

Sagen Sie das nicht, gndigste Frau, fiel er ein, indem er bedenklich
den Kopf schttelte und starr vor sich hinsah. Ich bin schwer zu
befriedigen.

Das mu so sein, erwiderte sie lchelnd, aber auch fr den verwhntesten
Gaumen wird ja die Speise gefunden.

Halten Sie mich fr keinen Gourmand, rief er betheuernd. Um Himmels
Willen! nein, ich bin durch und durch Natur und Gesundheit. Ich wrde
gern heirathen. Warum sollte ich nicht heirathen? Jeder gute
Staatsbrger mu heirathen. Jeder Christ und Mensch hat zarte Triebe
empfangen.

Also warum thun Sie es nicht? fragte die Geheimrthin.

Oh! sagte der Professor, mit der Hand in die Binde fahrend und
herablassend lchelnd, Sie knnen wohl denken, gndige Frau, da ich bei
meinen zahlreichen Bekanntschaften in hheren Kreisen mancherlei
Gelegenheit habe, Parthien zu machen.

Ich wundere mich auch nur, da es noch nicht geschehen ist, sagte die
Dame schalkhaft.

Ich fand nie vereint, was ich suchte, rief der Professor mit einer
abweisenden Handbewegung. Hier war Reichthum, dort Geist, hier
Schnheit, dort Liebenswrdigkeit, Talent, Name, Familie, aber die
schne Verschlingung zum Ganzen fehlte.

Und Sie wollen nicht verwhnt heien! lachte die Geheimrthin.

Gndige Frau, sprach der Professor sich stolz aufrichtend, indem er sie
durch seine Brillenglser starr ansah, ich habe die Ehre, Ihnen zu
bemerken, da es Wesen giebt, deren Herz, obwohl voller Natur und
Gefhl, doch niemals im Staube das Ebenbrtige suchen kann. Wie der
Adler sich aufschwingt und alles kleine Gewrm unter sich verachtet, so
sind auch die sen Empfindungen dieser geluterten Wesen nur erregbar,
wenn sie von den Kreisen und Schwingungen einer hheren Harmonie berhrt
werden. Sie kennen die Chladnischen Klangfiguren, gndige Frau. Jeder
rauhe, grobe Ton verwandelt die Masse und verschlingt sich darin zu
eckigen, rohen Gestalten, whrend die zarten Tne wunderbar schne
Sterne und Strahlen bilden, die in sanften Wellenlinien und Kreisen sich
vereinigen. -- Es giebt eine Aristokratie schner Seelen! seufzte er,
seine Stirn reibend, und was zu ihr gehrt mu nach Idealen streben oder
entsagen.

Nun ich hoffe doch, lieber Professor, sagte die Geheimrthin, der etwas
bange wurde bei seinen starren Blicken und seltsamen Geberden, da Sie
so leicht nicht entsagen, sondern Ihr Ideal finden werden oder
vielleicht sogar gefunden haben.

Nie! rief er mit Energie, aber doch, wer wei! Das Glck ergreift den
Sterblichen oft in der dunkelsten Minute seines Lebens und wenn ich
wte -- hier ffneten sich seine runden Augen so weit als mglich, sein
breites rothes Gesicht nahm einen verklrten Ausdruck an und seine
Blicke ruhten abermals mit so stierem Entzcken auf der Geheimrthin,
da diese sehr unruhig zu werden begann und einen Versuch zum Aufstehen
machte.

Bleiben Sie, theuerste Frau, bleiben Sie, rief der Professor, seine Hand
ausstreckend. Es ist eine groe erhabene Minute.

Sie erinnern mich daran, sagte die Dame mit einem verzweifelten
Entschlu, da ich mir vorgenommen habe, Ihnen eine vertraute
Mittheilung zu machen.

Vertrauen gegen Vertrauen, erwiderte er. Tauschen wir unsere Seelen aus.

Sie sind unser treuer, bewhrter Freund, fuhr die Geheimrthin fort, ich
wei, da wir auf Ihre Hingebung und Verschwiegenheit wie auf Ihren Rath
und Ihre thtige Hlfe rechnen knnen.

Mit deutscher Treue und patriotischer Standhaftigkeit! erwiderte der
Professor, feierlich seine Rechte auf die Brust legend.

Es handelt sich um Elisen, flsterte sie, nach der Thr blickend.

Handelt sich um Elisen! widerholte er. Ich konnte es denken.

Um ihre Verheirathung. Wir glauben bemerkt zu haben, da Elise von einer
Neigung ergriffen ist, der wir keinen Zwang anthun wollen, da es sich um
das Glck unseres einzigen Kindes handelt.

Ein stummes Kopfnicken und Lcheln war die Antwort des Professors.

Sie wissen, da wir frei von Vorurtheilen sind, sagte Frau von Wilkau,
nur verlangen wir, da Elisens Wahl auf einen edlen, wrdigen Mann
falle, dessen patriotische Gesinnung ihm die Achtung der Welt sichert.
Zu unserer groen Freude ist der Gewhlte ein Stern am Himmel des
Vaterlandes, auf den wir mit Stolz blicken knnen.

Das ist zu viel, vielleicht viel zu viel! sprach der Professor, demthig
sein Haupt neigend. -- Nein, gndige Frau, man darf kein Verdienst
berschtzen; jeder menschliche Wille, auch der strkste findet sein
Ziel.

Wie dem auch sein mag, fuhr die Geheimrthin fort, so ist es gewi, da
wir gern unsere Einwilligung geben. Wir erwarten nur die Erklrung,
welche, wie wir hoffen drfen, heut morgen erfolgen kann.

Theuerste, geehrteste Frau, sagte der Professor, zum Himmel aufblickend,
zweifeln Sie nicht, diese Erklrung wird erfolgen.

Es wird Aufsehen erregen, Hoffnungen niederschlagen, durch die
Pltzlichkeit zu allerlei Vermuthungen Anla geben, aber stehen Sie uns
bei, lieber Freund, und schlagen Sie bswillige Gerchte nieder. Es ist
kein weltlicher Vortheil, keine verlockende Aussicht, es ist die Liebe
zu unserm Kinde und die Trefflichkeit des ehrenwerthen Mannes allein,
die uns bestimmte.

Wenn ich nie stolz war, rief der Professor, indem er hastig aufstand und
mit der einen Hand die Hand der Geheimrthin festhielt, mit der andern
seine Halsbinde ergriff, so mu ich es jetzt werden. Alle Zweifel geben
sich gefangen, alle Pulse klopfen; schamhaft mu ich eingestehen, da
ich rebellisches Blut besitze. Meine Ruhe verlt mich; ich sehe ein, es
giebt Minuten, in denen man nicht objectiv sein kann, wo, wie Hegel
sagt, die hchste menschliche Durchbildung, welche in Beherrschung der
Stimmungen liegt, gnzlich verloren geht und Freiheit -- Betrachtung --
Talent -- Offenbarung -- hier verlor sich seine Stimme und langsam lie
er die Hand der Geheimrthin los, denn pltzlich war die Thr des
Cabinets aufgestoen worden, und mitten auf der Schwelle stand Elise,
den Arm um Alfred geschlungen, hinter ihnen aber der Geheimrath, der mit
herzlichem Lachen sie beide festhielt.

Da haben Sie die Offenbarung! schrie er herein. -- Es wird nichts so
fein gesponnen, Alles kommt ans Licht der Sonnen! Vorwrts, Kinder, in
die Arme der Mutter. Ja, Professor, so ist es, erschrecken Sie nicht
davor. Segnen Sie dies junge Paar mit uns vereint, geben Sie ihm irgend
einen Segen des Pythagoras, der uns die Hhner gebraten zur Hochzeit
liefert, oder einen patriotischen Segen, auf da er ein Simson sei,
erbarmungslos gegen alle Whler und Verderber.

Er umarmte in seiner Herzensfreude den Professor, whrend Elise mit
Alfred in die Arme der Geheimrthin eilten. Meine Mutter hat es
gewnscht, sagte dieser, aber mein Herz hat es mir geboten. Nehmen Sie
mich auf als Ihren Sohn und vertrauen Sie mir Elisen an.

Die Geheimrthin fand in ihrer tiefen Rhrung keine Worte der
Erwiderung. Sie hielt die Tochter an sich gepret, whrend sie Alfred
mit nassen Blicken betrachtete. Der Professor gab keinen Laut von sich;
er schien den Rest seines verworrenen Denkvermgens vollends eingebt
zu haben.

Drei Tage waren im Hause des Geheimraths in ungetrbter Freudigkeit
vorbergegangen. Die Verlobung Alfreds und Elisens wurde in einem
gewhlten Kreise, nach einem glnzenden Diner, verffentlicht, bei
welchem die Verwandten beider Familien die Ehrensitze einnahmen. Auch
der Minister, Gravensteins besonderer Gnner und entfernter Vetter, war
anwesend und brachte das Hoch aus auf das junge Paar, mit einigen
Anspielungen auf Alfreds Treue und Bestndigkeit fr alles Rechte und
Schne, welche, auf die Zukunft seines ehelichen Glckes angewandt,
allgemeinen Beifall fanden. Mehrere Generale, Prsidenten und hohe
Staatsdiener allerlei Art, endlich ein Schwarm von jungen Damen und
Herren, sammt andern Freunden des Hauses, vervollstndigten die
Gesellschaft. Herr Zippelmann fehlte so wenig wie der Assessor Stephani,
Professor Viereck aber fhrte in stolzer Wrde eine Deputation des
konservativen Vereins zur Tafel und brachte im Namen desselben einen
Toast aus, in welchem Rmer, Griechen, Demokraten, der alte Fritz, die
chinesische Mauer, Nero, Hegel und die glcklichen Eltern vorkamen, bis
zuletzt Niemand mehr wute, was eigentlich geschehen sollte. Doch lste
sich Alles prchtig auf, als der Professor endlich in seine Binde fate,
den Hals reckte und mit schnem Pathos rief: Nach allen diesen Beweisen
habe ich die Ehre zu bemerken, da Jeder sein Glas erhebe und den
patriotischen feststehenden Eltern der holden Braut ein donnerndes Hoch
aus freier deutscher Brust bringe!

Der Geheimrath hatte diesen Tag des Glckes brigens klug benutzt, um
seine Verbindungen mit einigen besonders einflureichen Personen zu
erneuern. Er wute, wen er einzuladen und Besuche zu machen hatte.
Gravenstein's Name, die Stellung dieser Familie, die Freundschaft des
Ministers und die Zukunft seines Schwiegersohnes wirkten zusammen. Es
war keiner der Geladenen ausgeblieben, und voll sen Triumphes legte
sich der Geheimrath am Abend dieses Freudenfestes nieder.

Am nchsten Tage jedoch, als er in seinem Zimmer beim Frhstck sa,
schlug er pltzlich mit solcher Gewalt auf den Tisch, da Tassen und
Glser wild durcheinander klirrten. Seine Stirn wurde roth, das eckige,
spitzige Gesicht zuckte krampfhaft zusammen und aus seinen Augen
strahlte ein Grimm, der das Zeitungsblatt zu verbrennen schien, das vor
ihm lag.

In diesem Augenblick meldete der Bediente den Assessor Stephani.

Der ist willkommen, sagte der Geheimrath aufathmend. Fhre ihn herein,
Friedrich, und ehe der Assessor nicht geht, nimm keine weitere Meldung
an.

Nach einer Minute war Stephani im Zimmer. Der Geheimrath drckte ihm
zrtlich die Hnde, richtete scherzende Fragen an ihn und nthigte ihn
zum Sopha, indem er einen Sessel fr sich selbst herbeizog.

Nur ein ganz kurzes Weilchen, Herr Geheimrath, sagte Stephani in seiner
zuvorkommend hflichen Weise, will ich Ihre kostbare Zeit beanspruchen.
Ich kann mir jedoch die Freude nicht versagen, Ihnen mitzutheilen, was
ich so eben von meinem Vater vernommen habe.

So lassen Sie hren, lchelte Wilkau.

Es steht Ihnen nahe bevor, ein Zeichen zu empfangen, wie sehr Ihre
groen Verdienste geschtzt und anerkannt werden. Sie sind nicht allein
bei der so eben hchsten Orts vorgelegten neuen Organisation zum
Abtheilungs-Dirigenten mit dem Titel Prsident vorgeschlagen, sondern es
ist damit auch der Antrag einer Ordensverleihung hherer Klasse
verbunden.

Ich danke Ihnen von Herzen fr diese gtige Mittheilung, erwiderte der
Geheimrath mit ruhiger Freundlichkeit. Der Herr Minister hat gestern
gegen mich eine Andeutung ber das Bevorstehende fallen lassen, aber es
freut mich wahr und innig dies Zeichen Ihres Antheils. Ich bin fr meine
Person ber die Lockungen des Ehrgeizes oder der Eitelkeit hinaus; es
giebt Wrdigere als ich, ich mag Niemanden in den Weg treten, und habe
Widerwrtigkeiten genug erlebt, allein dankbar und freudig werde ich
alle Zeichen einer gndigen Anerkennung entgegennehmen.

Um auf etwas Anderes zu kommen, fuhr er fort, indem er die Antwort des
Assessors abschnitt, so habe ich an Sie schon fter die Frage richten
wollen: wie war es denn eigentlich mit der Beschlagnahme bei Herzer? Was
ist dort vorgegangen, da Gravenstein dem Menschen eine, wie er mir
sagt, acht oder zehntgige Zahlungsfrist geschenkt hat?

Es ist ziemlich unbegreiflich, sagte Stephani, doch Herr von Gravenstein
behauptet, ein sicheres Unterpfand in acceptirten Wechseln erhalten zu
haben.

Das hat er mir auch gesagt, fiel Wilkau lebhaft ein. Aber haben Sie die
Wechsel gesehen?

Herr von Gravenstein wollte sie mir nicht zeigen. Er behauptet, und ich
zweifle durchaus nicht daran, da er Grnde habe, Alles auf sich beruhen
zu lassen, bis die bewilligte Frist verstrichen sei.

Fast dieselben Worte hat er mir zum Besten gegeben, als ich ihm
Vorstellungen machte.

Es hat allerdings den Anschein, als wre ein Geheimni im Spiele, lachte
der Assessor.

Haben Sie irgend eine Ahnung, was es sein kann? fragte der Geheimrath,
indem er den Ellenbogen des rechten Armes in seine linke Hand sttzte,
mit seiner Rechten sich an's Kinn fate, die Fe kreuzte und einen
aufmunternden, verheienden Blick auf das schlaue Gesicht des jungen
Mannes warf.

Was Ahnungen betrifft, sagte dieser, so kmmt mir wohl mehr als eine,
allein, was soll man damit anfangen?

Der Bediente mit der rothen Nase machte bei den letzten Worten die Thr
auf und brachte, auf den Zehen tretend, ein Schreiben herein, das so
eben angelangt war. Der Geheimrath warf einen Blick auf das Siegel und
eine freudige Bewegung belebte sein Gesicht. Als der Diener hinaus war,
sagte er lchelnd: Es kommt von dem Minister, mglich, da es die
bewute Angelegenheit betrifft.

Mit diesen Worten ri er das Schreiben auf, allein schon nach einigen
Augenblicken drckte er es rasch zusammen und warf es auf den Tisch.
Seine Stirn hatte sich gerthet, er schien in groer Aufregung zu sein,
die er mhsam zu beherrschen suchte, und seine Stimme zitterte, als er
sich wieder zum Assessor wandte, der anscheinend seine Aufmerksamkeit
ganz einem Blumentische gewidmet hatte, welcher in der Nhe stand.

Was haben Sie da fr kstliche Gummibume, rief Stephani ihm entgegen.
Es sind Seltenheiten, einzig in ihrer Art.

Ich habe sie vor Jahren von demselben Manne erhalten, der jetzt
Gravenstein zu betrgen sucht, wie er mich betrogen hat, erwiderte der
Geheimrath.

Es ist Pflicht, es zu hindern, wenn man es kann, fuhr er fort. Was
denken Sie also von diesem Geheimni? Welche Ahnungen haben Sie, lieber
Stephani.

Ich wage es in der That nicht auszusprechen, sagte dieser bedenklich.

Ohne Rckhalt! Ganz ohne Rckhalt! rief Wilkau. Mein Ehrenwort zum
Pfande, da es unter uns bleibt.

So viel ich aus verschiedenen Aeuerungen des Herrn von Gravenstein
entnommen habe, begann der Assessor, hat eine sehr erschtternde Scene
Statt gefunden.

Eine Komdie! fiel der Geheimrath ein.

Aber es ist nicht ganz klar, welche Rolle darin Frulein Clara Herzer
gespielt hat, sagte Stephani lchelnd.

Welche Rolle? Was meinen Sie? Welche Rolle?

Nichts Bses, fuhr jener fort, allein ein schnes junges Mdchen in
Thrnen, bittend fr ihren Vater, ewige Dankbarkeit gelobend, wre im
Stande, selbst einen Kanibalen zu erweichen.

Ah! nickte der Geheimrath. Sie haben Recht!

So mag es denn nicht allzuschwer gewesen sein, dem gerhrten Herrn von
Gravenstein unter jenem Eindrucke selbst ein ziemlich werthloses Stck
Papier aufzudrngen.

Glauben Sie das? fragte Wilkau lebhaft, indem er seine Hand auf
Stephani's Arm legte. Ein pltzlicher Gedanke schien durch seinen Kopf
zu fliegen. Er hielt einige Augenblicke inne, seine Augen erhielten
einen schillernden Glanz, sein ganzes Gesicht drckte triumphirende
Freude aus.

Ich glaube es allerdings, fuhr Stephani fort, denn da es Wechsel sein
sollen, die Herzer als Unterpfand gegeben hat, so steht dies mit dem
abgenommenen Versprechen, sie Niemanden zu zeigen -- denn ein solches
Versprechen hat Herr von Gravenstein gewi geleistet -- im
eigenthmlichen Widerspruch. Wren es gltige Wechsel, warum verkauft
Herzer sie nicht? Wre es irgend ein Papier, was sich vor ehrlichen
Augen sehen lassen knnte, warum dies abgenthigte Wort, sie verborgen
zu halten? Entweder also, es ist mit diesen Papieren nicht wie es sein
soll, oder Herr von Gravenstein hat eine Nothlge ersonnen, wozu doch
eigentlich kein Grund vorhanden war.

Seien Sie sicher, erwiderte der Geheimrath, was Gravenstein sagt, ist
durchaus wahr. Es giebt keinen Menschen, der die Lge mehr verachtet.

Nun denn, sprach Stephani, indem er gleichgltig lchelnd seinen Hut
aufnahm, so ist es so, wie ich mir die Sache dachte. Der Schuldner
wollte Zeit gewinnen, wahrscheinlich lag ihm unter allen Umstnden
daran, die Beschlagnahme zu hindern. Herr von Gravenstein lie sich
erweichen, er legte die Zettel in sein Taschenbuch und whrend der acht
oder zehn Tage wird Herzer Rath zu schaffen suchen, um den Glubiger zu
befriedigen.

Das Geld anschaffen? das Kapital? Fnftausend Thaler? haha! rief der
Geheimrath. Woher nehmen, wo nichts ist? Es ist unmglich!

Wer wei, sagte der Assessor. Mu er das Geld schaffen, so wird er es
schaffen. Ich bin berzeugt, da er jedes Mittel ergreift; denn denken
Sie den Fall, da diese Papiere an's Tageslicht kmen; selbst wenn es
durch einen Zufall geschhe, er wre gebrandmarkt und verloren.

Gebrandmarkt und verloren! wiederholte der Geheimrath nachsinnend.

Aber auch vllig geborgen, wenn er zur gehrigen Zeit fr die Deckung
sorgt, fgte Stephani hinzu. Er hat schlau operirt, man mu es
zugestehen.

Und dagegen lt sich nichts thun? fragte Wilkau mit einem starren,
bsen Blick.

Von Amts wegen gewi sehr viel, erwiderte der Assessor, sobald ein
Betrug zu Grunde liegt. Ich wrde zum Beispiel verpflichtet sein, wenn
die Papiere mir zugingen und sich das erwiese, was, wie ich glaube, sich
erweisen lt, sogleich einzuschreiten.

Die beiden Mnner schwiegen, aber ihre Blicke suchten und fanden eine
Verstndigung. Endlich sagte der Geheimrath: Es lt sich Manches
berlegen, vielleicht fngt sich der Schuldige in seiner eigenen Falle.
Sie haben gar kein weiteres Indicium, was auf die Spur leiten knnte?

Nichts, als da die Papiere, wie Herr von Gravenstein beilufig
bemerkte, auf 6000 Thaler lauten sollen.

Sechstausend Thaler sagen Sie? flsterte der Geheimrath aufhorchend und
sonderbar lchelnd; das ist gut und wohl zu beachten. Ich sehe Sie wohl
heut Nachmittag oder morgen, lieber Stephani, und werde Ihnen dann
mittheilen, was ich denke. Ich will nicht, da Gravenstein durch eine
Betrgerei sein Geld verliert, denn schaffen knnen die Menschen es
nicht. Es ist daher Pflicht, sie zu entlarven, um zu retten, was sich
retten lt.

Der Assessor stimmte ihm bei und empfahl sich. Der Geheimrath blieb an
dem Tische stehen, auf welchen er sich mit der Hand sttzte; die andere
Hand zwischen den Knpfen seines Rockes, sah er vor sich hin, whrend
nach und nach ein Lcheln der Befriedigung den Zorn, der sein Gesicht
erfllte, fortwischte.

Ja, so ist es, sprach er leise, so mu es sein! Aber ich will dazwischen
fahren, ich will Euch einen Strich durch die Rechnung machen, ihr
elenden Gauner.

Hier unterbrach die Geheimrthin sein Selbstgesprch; sie war in
lebhafter Bewegung. Nun, rief sie freudig, Friedrich hat mir gesagt, es
sei ein Brief vom Minister gekommen; was schreibt er?

Auch das noch! murmelte der Geheimrath, die Stirn faltend, indem er das
Zeitungsblatt ergriff. Es ist nichts, antwortete er dann mit gewaltsamer
Ruhe. Lies das. Man hat mich abermals emprend angegriffen und
verlumdet und zwar an der rechten Stelle, in dem Organ der
Ultraconservativen. Man warnt den Staat, keinen Menschen zu befrdern,
der solche Erinnerungen an sich trage. Man spottet ber meine Bekehrung,
spottet ber meine Bestrebungen, mich durch allerlei Mittel, selbst
durch Heirath und Hochzeit meines Kindes rein zu waschen. Da ich
gemeint bin, ist mit Hnden zu greifen. Der Minister schreibt mir, da
er nicht glaube, jetzt den geeigneten Zeitpunkt zu treffen, um seine
Absichten durchzufhren, da er diesen Zeitpunkt vielmehr spter
erwarten msse.

Schndlich! Abscheulich! rief die Geheimrthin, Thrnen in den Augen.
Wer aber kann so nichtswrdig sein?

Wer? sagte Wilkau und ein tdtlicher Grimm klemmte seine Zhne zusammen.
Nur der erbrmliche Betrger Herzer kann es sein. Ich wei, da er
hnliche Dinge zu Zippelmann gesagt hat. Gestern erst hat er noch einen
neuen Versuch gemacht, Geld dort zu bekommen und in gemeinster Weise
behauptet, ich habe Alfred dazu vermocht, ihn zu ruiniren, aber ich
werde es bereuen.

Welche entsetzliche, unwrdige, grliche Familie! sagte die
Geheimrthin.

Sei ruhig, mein Kind, erwiderte Wilkau trstend. Behalte immer den
nthigen Takt. Niemand darf merken, was in uns vorgeht.

Alfred von Gravenstein war den ganzen Tag um seine Braut beschftigt; er
geno das Glck dieser ersten beseligenden Stunde im reichsten Mae. Es
war von Anfang an sein Vorsatz gewesen, den Wnschen seiner Mutter
nachzukommen, und offen bekannte er es, als er den kostbaren
Familienschmuck Elisen berreichte.

Nimm ihn aus meiner Hand, sagte er, er war fr Dich schon seit Jahren
bestimmt, und als ich jetzt meine Reise antrat fiel er mir aus seinem
Behlter entgegen, wie ein Wink von Geister-Hand, ihn nicht zu
vergessen.

Die prachtvollen groen Steine funkelten und glnzten Elisen entgegen.
Sie konnte sich nicht enthalten, die Bracelets anzupassen, die Kette von
Brillanten um ihren Hals zu legen und mit einigen breiten Perlenschnren
ihr Haar zu umwinden.

Als sie unter Scherzen damit fertig war, kte Alfred entzckt ihre
Finger. Sie sah so beglckt aus, da sein Herz hei wurde und seine
Blicke feuriger brannten, als die kalten Steine.

Elise wute wohl was in ihm vorging. Sie senkte ihre Augen und hob sie
wieder zu ihm auf; pltzlich aber schlang sie den Arm um seinen Nacken
und sagte mit ihrer stolzen, klangvollen Stimme: Ich bin sehr glcklich,
Alfred, denn in dieser Minute empfinde ich, da nicht allein Deiner
Mutter Wunsch diese Steine und Perlen mir gegeben hat, nein, da Du es
bist, der sie mir giebt, Du allein, mein Alfred, Deine Neigung, Dein
Vertrauen, Deine Liebe.

Meine liebe, theure Elise, wiederholte er, Du sagst das rechte Wort. Ich
kam zweifelnd her, denn offen gestanden, ich dachte mir, wer wei,
welchen begnstigten Nebenbuhler Du findest, und ist Elise -- Nun, ist
Elise? rief das Frulein muthwillig, als er schwieg.

Ist Elise noch der flatterhafte Geist, fuhr er lchelnd fort, so ist es
besser, hflich schweigsam von ferne zu stehen und still in mein
einsames, altes Vaterhaus zurckkehren, als in Tuschungen zu
unterliegen.

Aber Du hast mich besser gefunden und mir freudiger vertraut, sagte sie
ihm zunickend.

Es kam in meine Seele der Glaube an Dich und mit dem Glauben sah ich
Deine Liebe, erwiderte er, das strkte meine Entschlsse und beruhigte
meine Zweifel.

Also immer noch Zweifel! sagte sie drohend.

Jeder Mensch ist besonders geschaffen, erwiderte er; ich gehre zu
denen, die, wenn sie Liebe durch feurige Bewerbung erwecken sollen,
scheu zurcktreten mssen. Ja, ich wei es wohl, fuhr er fort, ich bin
aus sprdem Stoff gemacht. Ich kann mich nicht messen mit feinen
galanten Herrn, die zierliche Worte drechseln und lebhaft zu unterhalten
wissen. Aber, theure Elise, ich sehne mich danach, geliebt zu sein, und
liebe dafr treu und innig.

Bist Du eiferschtig? fragte sie.

Ich glaube wohl, da ich es sein kann.

Eifersucht ist Schwche und Migunst, rief sie lachend.

Ich glaube kaum, da Liebe ohne Eifersucht denkbar ist, erwiderte er. Es
kommt nur darauf an, nicht eiferschtig ohne Grund zu sein.

Aber was nennen die Eiferschtigen nicht Grnde? sagte Elise zrtlich
und spottend. Ich bitte Dich, Alfred, vertraue mir ganz; nur um des
Himmelswillen keine Othellolaunen! Ich will Dich lieben, treu wie
Desdemona; aber Du wirst mich doch nicht einsperren, nicht etwa aus
lauter Liebe und glhender Hingebung in irgend einen alten Thurm stecken
und von einem Jago bewachen lassen.

Ihre Betheuerungen und Bitten hatten so viel Schelmisches und Komisches,
da Alfred lachend sie erwiderte und dann in einem langen Gesprche ihr
die schnsten Aussichten fr die Zukunft ffnete. Er wollte eine
glnzende Wohnung fr den Winter und fr alle Winter miethen. Im
Frhjahr wollten sie auf seinem Gute wohnen, im Sommer eine
Schweizerreise machen, im Herbst am Rhein leben, und Elise malte sich
diese Panoramen ihres Glckes nach allen Seiten aus. Der reiche,
vornehme Mann lie sie vergessen, da er nicht schn war; sein
verstndiges Denken und Wissen setzte sie darber fort, da es wohl
geistvollere und angenehmere Anbeter gbe; seine politische Laufbahn,
die eine glnzende Zukunft ankndigte, reizte ihre Eitelkeit und diese
war berdies angereizt genug, denn sie sah Neid und Migunst unter
manchen Glckwnschen deutlich hervorschimmern und wute, da die Partie
berall als eine auerordentlich gute betrachtet wurde.

Endlich kam der Geheimrath voll guter Laune und Frohsinn herein, und
nach einigen lustigen Fragen forderte er beide auf, mit ihm einen
Spaziergang zu machen. -- Ihr mt Euch prsentiren, Kinder, sagte er.
Wir gehen ein Stndchen auf die Promenade bis an die neuen Rutschberge.
Die Sonne scheint warm, die ganze gute Gesellschaft ist auf den Beinen.
Alles will rutschen und Schlittschuh laufen. Wir werden gewi viele
Bekannte finden; nimm Deine Schlittschuhe mit, Elise, Alfred mu schon
sehen, wie gut er selbst auf glattem Eise mit Dir fortkommt. Aber
geschwind, Mdchen, die Mutter wird gleich im vollen Staat ihrer
Zobelbehnge hier sein.

Alfred sah ernstlich aus; das Schlittschuhlaufen war seine Sache nicht.

Stellen Sie sich vor, sagte Wilkau, was einmal das naseweise Ding, die
Clara Herzer, zu mir ber die Zobelmuffen und die Palantinen meiner Frau
und Elisen seufzte: Es ist mir ein trauriger Gedanke, sagte sie, wenn
ich diesen theuren Pelz sehe, weil ich dabei unwillkrlich der
Unglcklichen mich erinnere, die, in die sibirischen Einden von einem
Despoten verbannt, fern von Allen, die sie lieben, verschmachten mssen.

Der Geheimrath lachte; Alfred von Gravenstein aber fate mit einer
pltzlichen Handerhebung an die Brusttasche seines Kleides, als werde er
an etwas erinnert. Er erwiderte jedoch nichts, und in derselben heiteren
Laune fuhr der Schwiegervater fort: die Narrheit dieser zarten Seele
ging sogar so weit, da sie einen Zobelmuff ausschlug, den meine Frau
ihr verehren wollte. Sie witterte an jedem Haar einen demokratischen,
polnischen Zobelfnger, der nach Sibirien durch die Gnade des Kaisers
versetzt, dort interessante Zobeljagden anstellen darf.

Es scheint recht blich zu werden, da Damen Schlittschuh laufen? fiel
Alfred ein.

Sehr blich, sagte der Geheimrath. Die Sache sieht demokratisch aus, ist
es aber keineswegs. Die Damen der _haute-vole_ haben es aufgebracht und
nachmachen lt es sich nicht ganz leicht, denn es gehrt Zeit, Geschick
und Ausdauer dazu. Elise luft vortrefflich, Sie werden sich freuen.

Das werde ich wohl nicht, erwiderte Alfred trocken. Ich selbst bin kein
besonderer Verehrer der Eisbahn, fr Damen halte ich sie vllig
ungeeignet und werde meinen Widerwillen schwerlich aufgeben. Mag es
aufgebracht haben, wer Lust hat, ich nenne es Unsitte.

Der Geheimrath legte ihm lachend die Hnde auf die Schulter. Es ist
wirklich gerade so, als ob ich Frulein Clara hre, sagte er. Die fand
es auch unschicklich, und wenn nicht unsittlich, doch gnzlich unpalich
in Weiberrcken etwas beginnen zu wollen, was nicht dazu gehrt. -- Sie
werden sich bekehren, Alfred. Es ist Mode und die Mode thut Alles. Sie
ist die Beherrscherin der Welt; wer sich ihr nicht fgt wird vorzeitig
zu den Todten geworfen. -- Das wre aber doch bel, wenn ein Brutigam,
ein junger Mann seiner Braut ein ernsthaftes Gesicht machen und sich
nicht fgen wollte, wenn sie eine allerliebste Modethorheit begeht, die
ganz fashionable ist. -- Also mein lieber Alfred, nehmen Sie Ihren Hut
und lachen Sie, wie es sich gebhrt, denn ich hre die Damen kommen.

So war es wirklich. Frau von Wilkau und ihre Tochter in prchtigen
Zobelpelzen erschienen wenige Augenblicke darauf, und Alfred verga
seinen Anflug von Unmuth, als Elise ihm gewinnende Blicke zuschickte. An
seinem Arme ging sie die groe Treppe hinab, die Eltern folgten; in dem
Augenblick aber, wo sie den Hausflur erreichten, ffnete der Portier die
Thr und herein trat eine Dame, die ihnen entgegen kam, mit einem leisen
Neigen errthend vorberging und an dem Korridor stehen blieb, welcher
zu Herrn Zippelmanns Wohnung fhrte, wo sie die Klingel zog.

Alle hatten sie erkannt, aber Niemand sagte ein Wort. Es war Clara
Herzer, die Tochter des Fabrikanten. Der schwarze Seidenmantel hllte
sie fest ein, von dem schwarzen Sammethute fiel eine Feder herab, der
Schleier war zurckgeschlagen, das ernste und zarte Gesicht sah so
leidend aus, als trge es einen schweren Kummer. Ihre groen Augen
thaten sich dunkel auf und ein Lcheln, welches dem matten Sonnenscheine
glich, der ber eine liebliche gewitterhafte Landschaft luft, hatte
etwas unaussprechlich Reizendes.

An der Thr machte Elise eine gleichgltige Bemerkung, aber sie
begleitete diese mit lautem Gelchter nach der schwarzen stillen
Gestalt, die noch immer unbeweglich im dmmernden Grunde stand. Sie sah
zu Alfred auf und wollte etwas sagen, verschwieg es aber wieder und nahm
seinen Arm an, indem sie auf einen andern Gegenstand berging.

Bald waren sie im lebhaften Gewhl der spazierenden feinen Welt. Man
flsterte, man fragte, man erzhlte sich um sie her von ihr. Es fanden
sich Bekannte und Freunde. Endlich war die Eisbahn erreicht, und eine
Stunde lang schwebte Elise unter lebhafter Theilnahme der Zuschauer, die
ihre Glser auf sie richteten, auf und nieder. Alfred sah verdstert und
gergert zu; er wute, wie ungebt er war. Dafr fand sich der Assessor
Stephani ein, der ein vollendeter Meister der Kunst, durch seine
Leistungen allgemeine Bewunderung erregte, und an dessen Hand und
Begleitung Elise den Ruhm theilte.

Der Geheimrath hatte seinen Wagen bestellt, in dessen behaglichem Raume
endlich die Familie zurck fuhr. Alfred hatte keine Zeit milaunt zu
sein. Seine Abneigung gegen die Eisbahn war nun zum Schweigen gebracht,
der lchelnden, entzckten Braut gegenber. Er fand gerechtfertigt was
Wilkau darber gesagt hatte, fand es nthig, da ein Brutigam gefllig
sein und billig berhaupt, da man nicht Anderer Freuden stre, sondern
im Beisammenleben sich schicke. Er war daher heiter und stimmte den
Versicherungen der Geheimrthin bei, da nicht eine Dame von Allen sich
mit Elise messen knnte, die Kunststcke des Assessor Stephani aber
wahrhaft erstaunenswrdig seien.

Nun, wenn sie fr weiter nichts gut sind, sagte der Geheimrath, so haben
sie uns doch jedenfalls frischen Appetit verschafft. Es wird uns, wie
ich denke, erstaunungswrdig schmecken, darum so schnell als mglich an
den Tisch. Ich komme sogleich nach, keine Minute sollt Ihr auf mich
warten.

Er blieb bei diesen Worten stehen, um mit seinem Kutscher zu sprechen.
Die Anderen stiegen die Treppe hinauf. Dann kehrte Herr von Wilkau
zurck, horchte einen Augenblick auf das Zufallen der groen Glasthr an
seiner Wohnung und wandte sich pltzlich, um bei Herrn Zippelmann zu
klingeln.

Nach kurzer Zeit schob der wrdige Rentier in eigener Person die Riegel
zurck, nickte grinsend mit dem langen Kopfe, den er zur Thrspalte
heraussteckte, und fate dann schweigend die Hand des Geheimraths, den
er in sein Zimmer fhrte.

Nur eine einzige Frage, sagte dieser, meine Familie erwartet mich. Sagen
Sie mir, liebster Zippelmann, wie gro war doch die Summe, welche Herzer
betrgerisch von Ihnen forderte?

Eigentlich, erwiderte Herr Zippelmann, wollte er etwas ber 9000 Thaler
von mir erpressen, er setzte jedoch in dem Vergleich, den er mir zuletzt
anbot, die Summe auf 6000 Thaler herunter. Hehe! stellen Sie sich vor,
er setzte sie herunter, nachdem ich den Proze gewonnen hatte. Ist es
nicht ein Einfaltspinsel? Es ist gerade so wie mit der deutschen
Einheit. Als Alles verloren war, boten sie die Kaiserkrone aus und
wollten die durchaus noch an den Mann bringen. Es ist doch sonderbar,
was ich berall fr Aehnlichkeiten herausfinde. Was sagen sie dazu,
Geheimrath? Hehe! ist es nicht so?

Und wann hat er Ihnen zuletzt den Vorschlag gemacht? fragte Wilkau.

Zuletzt? sagte Herr Zippelmann. I Gott alle Tage, erst heute wieder.
Neulich wollte der Bengel, der Felix, mich mit Gewalt bereden, Wechsel
zu unterschreiben, Alles fix und fertig gemacht, sechs Monate nach Dato,
brauchte nur die Feder einzutunken. Hehe! blos einzutunken. Er hat
geredet wie mit feurigen Zungen, und endlich geschimpft und geflucht --
gerade so wie bei der deutschen Einheit in Frankfurt die
Vaterlandsretter. Erst Redlichkeit, Ehre, Seelengre, Glck und
Eintracht bis in den Himmel erhoben, aber wie das nichts half: Fluch
allen Frsten, Diplomaten, Kabinetten, Dynastien und deren Ehrgeiz,
Engherzigkeit, Kniffen und Rnken, weil sie sich nicht berauben lassen
wollten. Hehe! es war eine Lust, den Burschen anzuhren.

Und heut haben Sie Besuch von seiner Schwester gehabt, fiel der
Geheimrath ein. Ich habe sie gesehen; sie kam ohne Zweifel in derselben
Absicht.

Genau so, rief Herr Zippelmann; immer dieselbe Mine, um mein Herz in die
Luft zu sprengen. Hehe! wenn ich einige Jahre jnger wre, stnde ich
fr nichts.

Sie haben doch nichts zugestanden? fragte Wilkau.

Gott bewahre! betheuerte der Rentier. Was das anbelangt, bin ich so
konsequent wie Schwarzenberg und Nikolaus. -- Aber was haben Sie mir
Neues mitzutheilen?

Warten Sie noch kurze Zeit, theuerster Freund, sagte der Geheimrath, Sie
sollen merkwrdige Dinge hren. Fr jetzt mu ich fort, nur darum bitte
ich Sie, lassen Sie sich auf keinen Fall mit Herzer ein.

Einlassen! ich? erwiderte Herr Zippelmann, ihn zur Thre begleitend.
Hehe! ich wollte, da ich ihn aufhngen lassen knnte.

Am Abende, als Lampen- und Lichtschein aus allen groen und kleinen
Fenstern schimmerten, sa auch Anton Mertens neben seiner Frau an dem
kleinen Tische hinter der Glaskugel, und Beide arbeiteten so fleiig,
wie damals in der Nacht, wo sie das Abenteuer erlebten.

Sie dachten auch Beide wohl daran, aber sie sprachen kein Wort. -- Der
Schuhmacher sah ernsthaft auf seine Arbeit, es lag ein Aerger oder ein
Kummer in seinem Gesicht. Er kniff Augen und Lippen zusammen und lie
sein langes Haar unbehindert ber die Stirn fallen.

Nach geraumer Zeit fragte die Frau freundlich: Was ist Dir denn, Anton?
Den ganzen Tag hast Du gebrummt und kein Wort erzhlt, wie es Dir
gestern im Verein gefallen hat und wie es Dir gegangen ist. Ich habe
auch nicht weiter fragen wollen.

Oh! sagte er ingrimmig, gut, sehr gut ist es mir gegangen. Prchtige
Musik, Concert, Gesang dazu. Geputzte Damen waren da, Herren auch, Dein
Freund, der Professor obenan.

Mein Freund, der Professor! rief Guste lachend. Du kannst Gott danken,
wenn der mein Freund ist.

Httest ihn gestern reden hren knnen, murmelte Anton. Hat anderthalb
Stunden in einem Athem gesprochen, aber ich will verdammt sein, wenn ich
wei, was er wollte.

Weil Du undankbar bist, sagte die Frau auffahrend. Er hat es mir heute
geklagt, der liebe, gute Herr. Du hast den ganzen Abend gesessen wie ein
Nachtwandler und hast Gesichter geschnitten, als httest Du Wermuth
genossen.

Also ist er hier gewesen? fragte Anton hhnisch. Der Kerl soll nicht
hierher kommen.

Hre, Anton, erwiderte sie, sei vernnftig oder es wird nicht gut. Der
Geheimrath kann uns alle Tage unglcklich machen, wenn er will, und nur
weil die gndige Frau gebeten hat, thut er es nicht. Der Herr Professor
ist aber ihre rechte Hand, was der sagt geschieht; darum, mag er Dir
gefallen oder nicht, so mut Du freundlich zu ihm sein. Wer arm ist, mu
sich bcken und so ein Mann hat es gern, wenn er geschmeichelt wird.

Lieber will ich in kochendes Pech fassen, rief der Schuhmacher wild.

Du bist ein Querkopf, lachte seine Frau. Pech haben wir genug, bleib
davon, so weit Du kannst. Der Professor hat mir versprochen, Dir viele
Arbeit zu verschaffen bei seinen vornehmen Freunden; aber Du mut auch
danach sein. Was haben wir denn von Deinen sauberen Freunden gehabt?
Nichts als Aerger, nichts als Schaden und Unglck.

Aber keine Heuchler, keine Freunde, die uns streicheln und schmeicheln,
so lange wir thun, was sie haben wollen; wenn wir aber irgend nicht
wollen, uns wie Verbrecher behandeln.

Na, Du Narr! rief Guste, so thue doch was sie haben wollen, dann ist ja
Alles gut. Was kannst Du denn berhaupt machen? Und wer hilft Dir, wenn
Du im Elende bist? Die groen Herren aus dem souvernen Volke etwa? Sie
lachte hhnisch auf. Nicht einmal meine beiden feinen Tcher habe ich
wieder bekommen von der lumpigen schlechten Weibsperson. Und daran bist
Du Schuld. Du ganz allein bist daran Schuld!

Als Anton dies Thema anschlagen hrte, schwieg er still und lie
geduldig noch ein halbes Dutzend erbitterte Zornreden ber sich ergehen.

Als aber kaum die letzte ihr Ende erreicht zu haben schien, lie die
Klingel drauen an der Eingangsthr sich hren. Frau Mertens schwieg
daher auch, sah durch die Glasscheiben in den kleinen Laden und sprang
dann sogleich mit erheitertem Gesicht dienstfertig auf.

Da kommt der Herr Professor, flsterte sie halblaut. Da Du vernnftig
bist, Anton, ich sage Dir, da Du Dich wie ein anstndiger Mann
benimmst.

Sie ffnete die Thr und lchelte dem vornehmen Besuch entgegen, dieweil
Professor Viereck mit herablassender Wrde ins Zimmer trat. Huldvoll
erwiderte er das Lcheln der hbschen jungen Frau, indem er langsam an
seinen Hut fate und ihn abnahm. -- Guten Abend, sagte er dann, guten
Abend, mein lieber Mertens.

Es ist ja der Herr Professor, Anton! rief Guste dazwischen, als ihr Mann
nicht schnell genug aufstand.

Ich wollte alleweil die Arbeit fortlegen, versetzte der Schuhmacher so
freundlich, als er vermochte. Sie halten es mir zu gut, Herr Professor.

Ich liebe die Arbeit und liebe die Arbeiter, erwiderte dieser in seiner
pathetischen Weise. Ein fleiiger Mann, ein rechter Mann, und wo die
Frau emsig die Finger rhrt, wo sich das Herbe mit dem Zarten, wo
Starkes sich und Mildes paarten, da giebt es einen guten Klang.

Anton hatte seine Arbeit wieder genommen und sah den Professor von der
Seite an, der seinen groen grauen Mantel ablegte, und indem er den
Stuhl nahm, den Frau Mertens fr ihn zurecht stellte, sein rundes
Gesicht ihr zuwandte.

Was das schn klingt, wenn Sie sprechen, sagte Guste, man wird ganz
hingerissen.

Es sind die Worte nicht, erwiderte der Professor mit Wrde, es ist der
Geist, der die Worte beseelt.

Ja, wir armen Leute, seufzte Guste, so etwas kommt selten an uns.

Kennen Sie Schiller, Frau Mertens? fragte der Professor.

Schiller? erwiderte sie. Der Demokrat, der Schlosser aus der
Weberstrae? Anton kannte ihn frher einmal, aber er hat nichts mehr mit
ihm zu thun. Wir knnen es beide versichern.

Der Professor lachte laut und lange, dann fate er in seine Binde und
sagte beruhigend: Seien Sie ohne Sorge, ich glaube es. Es ist lieblich
diese Naivitt zu sehen, die so unschuldig und darum so reizend ist.
Nein, liebe Frau Mertens, ich meine einen anderen Demokraten, der
freilich auch mancherlei Schlsser und Schlssel dazu gemacht hat.

Der Herr Professor meint den groen Dichter, Friedrich Schiller, sagte
Anton von der Arbeit aufblickend.

Friedrich von Schiller, sprach der Professor belehrend. Also Sie kennen
ihn?

Im Handwerkerverein habe ich oft seine Gedichte lesen hren, auch manche
Lieder wurden gesungen. Zum Beispiel das schne Lied an die Freude,
fgte er mit einem leisen Seufzer hinzu.

Nun sehen Sie, sagte der Professor zu der jungen Frau, so wird es mir
Vergngen machen Ihnen diese Gedichte nchstens mitzubringen und einige
davon vorzulesen.

Ah! wie gtig Sie zu uns sind, rief Guste dankbar nickend.

Ich glaube, da ich sehr gut vorlese, fuhr Viereck herablassend fort.
Ich thue es zuweilen den Damen beim Thee zu Gefallen, wenn ich darum
ersucht werde. Neulich beim Baron Leichtwitz habe ich den Hamlet
gelesen, und bei dem Oberst von Arnstein den Faust. Den kennen Sie wohl
nicht?

Faust? erwiderte Frau Mertens, die ihre Augen bewundernd auf den
Professor heftete, den kenne ich wirklich nicht persnlich.

O! Natur, himmlische Natur! rief der Professor, wie beglckst Du Deine
Wesen. Sie sollen den Faust kennen lernen, ich verspreche es Ihnen, aber
was ich sagen wollte und wehalb ich eigentlich heut hereingetreten bin,
das ist eine besondere Angelegenheit.

Er wandte sich zu dem Schuhmacher, der sich um Nichts zu kmmern schien,
sondern, den Kopf gebeugt, emsig fortarbeitete. Mein lieber Mertens,
fuhr er fort, Sie haben gestern zwar nicht ganz nach meinen Wnschen in
der Vereinsversammlung Ihren Eifer bethtigt, aber dennoch sah ich
zuweilen Ihre Theilnahme und Freude und Ihr inneres Wohlbehagen auf
Ihrem Gesicht. Habe ich nicht Recht, wenn ich denke, da Sie sich
erwrmt fhlten in dieser Gesellschaft der wrdigsten und der besten
Mnner.

O, ja! o, ja! antwortete Anton. Warm wurde ich, um's ganze Herz herum
warm.

Das ist die Macht der Wahrheit! rief der Professor, energisch die Hand
erhebend, indem er auf den Arbeiter liebevoll niederblickte. Warm um's
ganze Herz herum! Diese Aeuerung werde ich mir notiren und nchstens
vortragen im Verein, als einen berzeugenden Beweis, welche schne
Frchte unsere Bestrebungen reifen sehen. Warm um's ganze Herz herum!
Dies von einem einfachen, schlichten Manne mit Begeisterung ausgerufen,
ist hinreiend. Ja, der wahre Patriotismus ist Poesie. Sie sind ein
Poet, Mertens!

Sakerment, nein! rief Anton, der nicht recht wute, sollte er lachen
oder sich rgern. Alleweil blo ein Schuhmacher, der aber seine Sache
auch versteht.

Ich werde diese Angelegenheit ordnen, fuhr der Professor fort, indem er
sich in dem Stuhl ausstreckte, die Fe kreuzte und die Dume in die
Achselffnungen seiner Weste steckte. Ich werde dem Vereine einfach
erzhlen, welche Wirkung die erste Versammlung auf Sie gemacht hat. Dann
treten Sie vor, reden was Ihr Herz spricht, wenige warme, treuherzige
Worte und ich bin berzeugt, da Ihr Geschft die Folgen davon verspren
wird. Treue wird belohnt, Treue mu belohnt werden!

Reden! rief Anton erschrocken, eine Rede halten? O, Sakerment! lieber
will ich mir die Zunge abschneiden.

Kehren Sie sich nicht daran, Herr Professor! rief Guste triumphirend
dazwischen. Ich will ihn schon dahin bringen, da er reden mu, wenn
noch ein Funken Vernunft in ihm ist. Du sollst und mut reden, Anton!

Recht so, theure Frau, sagte Viereck mit einem begeisterten Zunicken.
Die sanfte Ueberredungskunst der Frauen steht als Schutzgeist neben dem
widerstrebenden Mann.

Er mte ja blind sein, wenn er nicht einsieht, da Sie nur unser Bestes
wollen, sagte sie.

Und das will ich auch, rief der Professor. Ich sehe hier eine Familie,
die es verdient. Eine muthige, treffliche, entschlossene Frau, die unter
mancherlei Sorgen zeigt, da die Natur ihr ein edles, treffliches Herz
gegeben hat.

Ach, nicht doch! Herr Professor, nicht doch! flsterte Guste beschmt.

Ja, so ist es! fuhr er mit Energie fort. Die Kleider thun es nicht, Rang
und Stand auch nicht, aber die Natur thut es. Noch gestern habe ich dies
meinen Freunden, ich habe es Grafen und Baronen ins Gesicht gesagt.

Siehst Du wohl! sagte Guste, und da sagen sie noch, es sind
Aristokraten!

Menschenliebe! rief der Professor, reine, edle Menschenliebe, das ist
das groe Heilmittel aller Schmerzen und Trennungen, welche diese Welt
bedrcken. Wir wollen helfen denen, die mit uns sind.

Das ist unsere Aufgabe, sagte er nach einer Pause, whrend welcher er
die Arme kreuzte und sich vllig beruhigte. Sie wissen, Frau Mertens,
da wir eine Weihnachtssammlung machen; ich habe Sie auf die Liste
gesetzt, damit freudige, schne Feiertage bei Ihnen einkehren. Sie
werden es doch nicht bel nehmen, sagte er lachend, wenn das Komit, dem
ich die Ehre habe anzugehren, sich dafr erklrt, da der treugesinnten
Familie Mertens zehn Thaler oder vielleicht auch zwanzig Thaler, ich
werde schon sehen, was sich thun lt, als eine brderliche
Weihnachtshlfe zugesandt werden?

Ach lieber, verehrter Herr Professor, sagte Guste voll Seligkeit die
Hnde faltend, wie knnen Sie denken; so bedanke Dich doch, Anton, und
sitze nicht da wie ein Stock.

Keinen Dank, sagte der Professor mit beiden Hnden winkend, keinen Dank
meine Freunde. Menschenliebe ist der hchste Lohn und dieser wird mir --
bei dem letzten Worte sank pltzlich seine Hand nieder, der Laut kam
abgebrochen hervor, starren Blickes schaute er nach den Glasscheiben der
Ladenthr, zu welcher er zufllig sich umgewendet hatte. Die dunkle
Gestalt eines Mannes schien dort zu stehen und rasch zurckzuweichen.
Auch der Schuhmacher hatte den Kopf aufgehoben, er warf die Arbeit fort
und sprang auf. Es war mir doch so alleweil, rief er, als hrte ich die
Klingel anschlagen.

Der Professor schien von einem gewaltigen Erschrecken befallen zu sein,
er war sichtbar bla geworden. Es kam mir so vor, sagte er, whrend
Anton hinausging, als she ich einen Kopf dicht hinter den Glasscheiben,
der mit seinen boshaften Augen mich betrachtete und wie ein Teufel aus
seinem roth ausgeschlagenen Mantel heraussah.

Lieber Gott! wer kann es denn sein? redete die Frau. Anton spricht mit
ihm. Es wird nichts so Schlimmes sein, guter Herr Professor.

Mag es sein, wer es will, sprach Viereck mit neuem Muth, selbst wenn es
der sein sollte, der mir dabei zufllig einfiel, selbst dieser elende
Taugenichts wrde mich nicht erschrecken knnen.

Im Augenblick machte Anton die Thr auf, und drauen fiel der
nacheilende Lichtstrahl auf einen weitflatternden Mantel, in welchen der
Fremde sich einhllte und schweigend die Kellertreppe hinaufstieg.

Wer ist es? was will er? fragten Beide dem Schuhmacher entgegen.

Alleweile sage nichts mehr, Guste, rief Anton ganz belebt vor Freude.
Hier sind Deine beiden Tcher, so rein und wei, als wre nie ein
Blutfleck darin gewesen, und dazu -- er drehte sich auf dem Hacken um,
wie Einer, der sich seiner Dummheit pltzlich bewut wird, warf das Haar
von seiner Stirn und sagte dann etwas kleinlaut: dazu vielen Dank fr
alle Gte und Liebe.

Blutflecken? fragte der Professor. Wer hat denn sein Blut hier
vergossen?

O! erwiderte die Frau schnell gefat, es hatte nichts zu sagen. Eine
fremde Dame, die wir nicht kennen, hatte sich an den Kopf gestoen. Ich
lieh Ihr die Tcher und meinte schon, wir wrden nichts davon
wiedersehen.

Und der Mann, welcher eben hier war, hat die Tcher wiedergebracht?

Ja wohl, Herr, das hat er, antwortete Anton.

Wissen Sie, wie er heit?

Wie er heit? Er hat es mir nicht gesagt.

Aber wie er aussieht, fuhr der unermdliche Frager fort, indem er den
Schuhmacher mitrauisch musterte, das werden Sie doch sagen knnen? Er
ist gro, nicht wahr? Breitschulterig, hat eine etwas dicke Nase,
funkelnde groe Augen und trgt einen Bart, so recht, wie er sein mu,
rund ums Gesicht.

Anton hrte aufmerksam zu und sagte dann bedchtig: Ich kann's nicht
behaupten, ich habe ihn zu wenig darauf angesehen und sehen knnen.

Hm! sprach der Professor rgerlich, indem er aufstand, ich werde heut
nicht weiter in Sie dringen, aber gut wird es sein, wenn Sie mir morgen
die Wahrheit gestehen. Mit dem Menschen drfen Sie keinen Umgang haben,
wenn Sie der guten Sache anhngen. Auf morgen also und dann erzhlen Sie
mir, was er von Ihnen will.

In der Frhe des nchsten Morgens verlangte der Kommissarius den
Geheimrath zu sprechen, der ihn in seiner wohlwollenden Art empfing.

Nun, mein lieber Herr Nachbar, sagte er, ihm die Hnde drckend, haben
Sie nochmals herzlichen Dank fr Ihre gtige und umsichtige Ueberwachung
meines lieben Alfred. Da seine Verlobung mit meiner Tochter
stattgefunden hat, wird Ihnen bekannt sein, und da nichts Verdchtiges
mehr vorgekommen ist, so mchte ich glauben, es sei keine Vorsicht
weiter nthig.

Ich bin in der That ganz derselben Meinung, erwiderte der Beamte.

Aber noch Eines, fuhr Wilkau vertraulich fort, eine Frage: Kennen Sie
den Fabrikanten Herzer?

Eben deswegen, sagte der Kommissar lchelnd, mchte ich mir eine
Bemerkung erlauben. Dieser Herr Herzer ist uns wohl bekannt und seiner
Gesinnung wegen widmen wir ihm einige Aufmerksamkeit. Wir wissen zum
Beispiel, wer bei ihm ein- und ausgeht, und halten namentlich auch
seinen Sohn unter Aufsicht, der aus Amerika zurckgekommen ist.

Nun? fragte der Geheimrath erwartungsvoll.

Wir mssen sagen, da er sich ruhig verhlt, fuhr der Beamte fort.
Besonders in der letzten Zeit ist nichts vorgefallen. Die Familie ist
sehr huslich, es wird viel musicirt und, fgte er mit einem fixirenden
Blick auf den Geheimrath hinzu, es finden sich dazu selbst zuweilen
Zuhrer unter den Fenstern ein.

Ah, Sie haben mir erzhlt, sagte Wilkau, da Herr von Gravenstein sich
sogar einmal dies Vergngen gemacht hat.

Nicht einmal, gab der Kommissr zur Antwort. Er hat es wiederholt.

Ein eigenthmlicher Geschmack, rief der Geheimrath spottend.

Auch gestern Abend ist es der Fall gewesen, fuhr jener fort.

Gestern Abend? Alfred war bis gegen 11 Uhr bei uns.

Er ging von hier aus dort hin, und dann vor dem Hause auf und ab.

Aber es war eine wilde, kalte Nacht, sagte der Geheimrath erstaunt.

Es schneite ein wenig und war ziemlich dunkel. Pltzlich wurde ein
Fenster geffnet.

Wie, ein Fenster geffnet?

Eine Gestalt beugte sich heraus und eine leise Stimme sagte: Hier ist
die Antwort, aber fort! fort! Damit flog ein Papier, das an etwas
Schweres gebunden war, auf die Strae. Das Fenster wurde schnell
geschlossen; Herr von Gravenstein ging langsam nher, hob das Fallende
auf und entfernte sich dann.

Das ist eine Tuschung! rief der Geheimrath bestrzt. Herr von
Gravenstein kann es nicht gewesen sein.

Er ging in seine Wohnung und wurde bis zur Thr begleitet, erwiderte der
Kommissr mit unerschtterlicher Bestimmtheit. Wir tuschen uns so
leicht nicht, gndiger Herr.

Dennoch, erwiderte der Geheimrath im strengen Tone, mu es ein Irrthum
sein; aber sei dem, wie ihm wolle, ich danke Ihnen fr diese Mittheilung
und bitte Sie, Ihre Beobachtungen aufs genaueste fortzusetzen. Knnten
wir nur den Inhalt des Briefes erfahren.

Wahrscheinlich werden wir aus den Wirkungen sehen knnen, was er
enthielt, sagte der Beamte. Herr von Gravenstein wird nach dem Inhalt
handeln.

Was meinen Sie? Was denken Sie? fragte Wilkau.

Ich denke, versetzte der Beamte lchelnd, da es sich sicher um ein
kleines Abenteuer handelt. Die Gestalt am Fenster ist eine weibliche
Gestalt gewesen; die Stimme war sanft und furchtsam, es ist keine andere
junge Dame dort im Hause als Frulein Herzer.

Sie glauben? fiel der Geheimrath ein.

Es soll ein sehr schnes junges Mdchen sein, lchelte der erfahrene
Mann achselzuckend. Was kommen nicht fr Dinge in der Welt vor, und
junge Herren, selbst wenn sie verlobt sind, haben doch hufig noch Augen
fr andere Schnheiten.

Machen es doch die Verheiratheten oft noch schlimmer.

Der Geheimrath schttelte zu dieser Beruhigung den Kopf. Nach der
Hochzeit, sagte er halblaut, mag man eher Entschuldigungen dafr finden,
aber vorher sind solche Thorheiten weit gefhrlicher.

Er dachte noch einen Augenblick nach und sein Gesicht nahm den starrsten
Ausdruck des Hasses an. Diese verworfene Familie! murmelte er vor sich
hin, es ist emprend, wenn ich Alles bedenke. Mein theurer Freund, sagte
er dann laut, in Ihren Hnden ruht ein wichtiges Geheimni, dessen
Bekanntwerden mir sehr unangenehm sein wrde.

Seien Sie ganz unbesorgt, erwiderte der Beamte.

Das bin ich nicht, aber ich rechne auf Ihre Hlfe, fuhr Wilkau lebhaft
fort. Beobachten Sie ihn genau, forschen Sie aus, was das Papier
enthlt.

Ich wette darauf, bemerkte der Kommissr, da es die Einwilligung zu
einem Besuch oder die Erlaubni dazu war.

Wohl mglich! -- o! wohl mglich! rief der Geheimrath. Bringen Sie mir
Gewiheit darber, ich will Ihnen dankbar sein. Ich mu Beweise haben,
um berlegen zu knnen, was weiter geschehen darf; aber mit uerster
Vorsicht, ohne alles Gerusch, die tiefste Stille und Verschwiegenheit.

Der Kommissr versprach Alles, aber als er hinaus war, fate der
Geheimrath mit beiden Hnden an seinen Kopf, den er wild schttelte.
Wenn ich mir das denke! rief er, wenn ich in diesen Abgrund blicke,
mchte ich rasend werden.

Er hrte die Thr ffnen und lie die Arme sinken, indem er die
Aufregung aus seinen Mienen zu entfernen suchte, aber als htte er ein
Gespenst erblickt, wich er zurck, indem er den Kopf anstarrte, der
durch den Spalt herein sah.

Ich bitte um Verzeihung, sagte eine tiefe, zitternde und demthige
Stimme. Ich fand den Vorsaal offen, ein Herr, der herauskam, sagte mir,
da ich -- Dich hier finden wrde, und da ich Niemanden fand, da es mir
lieb war, wenn ich ohne alle Zeugen wenige Worte mit Dir sprechen
knnte, so trat ich ein.

Herr Herzer, erwiderte der Geheimrath mit vernichtender Klte, indem er
sich verbeugte, ich irre mich nicht, Sie sind es. Was verschafft mir die
Ehre Ihres Besuchs?

Der Fabrikant schttelte mit einem traurigen Blicke den Kopf. -- Ich
habe geglaubt, sprach er tief Athem holend, da der Anblick eines alten
schwergebeugten Freundes eine andre Wirkung auf Dich machen wrde. Aber
wie Du willst, es steht bei Dir, auch jetzt noch mich hart abzuweisen.

Da meine Zeit sehr beschrnkt ist, erwiderte Wilkau, und was zwischen
uns und jeder Annherung liegt, keinem Zweifel unterworfen sein kann, so
mu ich nochmals bitten, mir zu erklren, was Sie bewegen kann, mich
hier heimzusuchen.

Bei diesen Worten richtete sich Herzer auf und seine Augen erhielten
einen stolzen Glanz. In der nchsten Minute aber war dieser erloschen
und mit sanftem Tone sagte er: Was mich bewegen konnte, den Mann
aufzusuchen, der einst der Freund meiner Jugend war, ja, der mir oft
betheuert hat, da nichts unsere Freundschaft trennen knne, das ist der
innere Glaube an seine Redlichkeit.

Der Geheimrath unterdrckte die Antwort, welche er geben wollte. Ich
wrde bitten, sagte er, zur Sache zu kommen.

Wohlan denn, erwiderte Herzer, so mge was Freundschaft heit schweigen
und nur die Gerechtigkeit sprechen. Ich schulde dem Herrn von
Gravenstein ein Kapital, das er pltzlich von mir zurckgefordert hat.
Doch das Alles ist hier bekannt genug, fuhr er stockend fort, ich will
nicht eindringen in die Beweggrnde derjenigen, die ihm die belste
Meinung von mir beigebracht haben.

Das ist nicht meine Sache, rief Wilkau, die Stirn faltend.

Lassen wir es, sagte Herzer sanft. Ich soll dies Kapital zahlen, ich mu
es schaffen. Ich habe einen Proze verloren, den ein gewissenloser
Verwandter durch einen Eid gewonnen hat, welchen er niemals htte
leisten sollen.

Was geht das mich an, fiel der Geheimrath unruhig ein.

Ich habe Alles versucht ein verhrtetes Gewissen zu rhren, erwiderte
der Fabrikant, und vielleicht wrde es mir gelungen sein, wenn nicht
auch dabei ein Einflu sich geltend gemacht htte, der in erbitterter
Leidenschaft mich zu verderben sucht.

Das heit ich -- ich bin damit gemeint! unterbrach ihn der Geheimrath
mit Heftigkeit.

Wilkau! rief Herzer, beide Hnde erhebend, wie weit ist es mit uns
gekommen, da ich so Dir gegenber stehen mu.

Ich trage keine Schuld daran -- ich nicht! versetzte der groe,
hartblickende Mann. Ich weise jede perfide Andeutung von mir.

Ich lugne meinen Antheil an der Schuld nicht ab, erwiderte Herzer. Ich
bin wohl zu heftig gewesen -- habe die Verhltnisse nicht richtig
beurtheilt -- habe Dir zu strenge Vorwrfe gemacht, statt zu bedenken,
da wir Alle Nachsicht nthig haben und Niemand ein Ketzerrichter sein
soll ber Glauben und Meinung seiner Brder.

Ein leises Lcheln lief ber Wilkau's Gesicht. Was kann oder soll ich
denn thun? fragte er ruhiger.

Ich will Deine Verwendung in doppelter Art in Anspruch nehmen, sagte
Herzer, und bitte Dich instndig darum. Herr von Gravenstein steht Dir
so nahe, da es nicht schwer fr Dich sein kann, ihn zu bewegen, mir das
Kapital nur auf ein Jahr noch zu lassen, oder doch auf ein halbes Jahr.
Ich bin nicht ruinirt, aber bedrngt und verstrickt. Bei meinem Worte!
dem Worte eines ehrlichen Mannes, er soll keinen Pfennig an mir
verlieren.

Ich glaube kaum, erwiderte Wilkau, da meine Verwendung etwas ntzen
kann.

Alfred hat mir erklrt, da er einen letzten Termin gesetzt hat.

So ist es, in drei Tagen, am Weihnachtsabend, soll ich zahlen.

Was man nicht kann, sagte Wilkau, kann man eben nicht.

Ich mu es, wenn Gravenstein es fordert.

Du mut? fragte der Geheimrath. Nachdem Du Deine kostbaren Vorrthe
glcklich nach Hamburg geschafft hast, sollte ich meinen, eine
Beschlagnahme, selbst wenn diese erfolgte, knnte Dich nicht so sehr
beunruhigen.

Meine Ehre, die Ehre meines Sohnes brgt dafr, erwiderte der Fabrikant,
dessen Gesicht sich rthete.

Hat Gravenstein keine weitere Brgschaft? fragte der Geheimrath.

Herzer hielt mhsam an sich, es kostete ihm sichtlich groe
Ueberwindung. -- Ich glaube, sagte er, da Herr von Gravenstein nichts
Besseres haben kann, als was er besitzt. Ich werde zahlen und mu
zahlen, und wenn ich Alles hergeben soll, was noch mein ist; aber ich
bitte Dich dringend, mir zu helfen.

Wenn Herr von Gravenstein wirklich so hart sein sollte, selbst gegen
Deine Frsprache, fuhr er dann fort, als Wilkau schwieg, -- aber nein!
es ist nicht mglich -- doch wenn es so wre, nun so giebt es vielleicht
noch einen andern Weg. -- Da ich betrogen worden bin von Zippelmann,
hast Du frher oft mir selbst gesagt; da er falsch geschworen hat, ist
mir wenigstens so gewi, wie die Sonne am Himmel steht. Du hast groe
Macht ber ihn. Mein Gott! ich verlange nichts, als diese fnftausend
Thaler, oder wenn es nicht anders sein kann, will ich sie als Darlehn
betrachten, verzinsen, wieder bezahlen.

Er legte seine heie Hand auf die kalten Hnde des groen Mannes, und
sah ihm bittend in das undurchdringliche Gesicht. -- La Dich bewegen,
Wilkau, fuhr er mit bebender Stimme fort. Es wird mir schwer, unendlich
schwer, aber vergieb und vergi, was uns trennte. Um unsrer alten
Freundschaft, um Recht und Gewissens willen weise mich nicht ab.

Hat nicht Dein Sohn Felix, Deine Tochter und Du selbst, habt Ihr nicht
Alle schon jede Mine springen lassen, um Zippelmann dazu zu vermgen?
fragte Wilkau grollend. Dein Sohn hat ihm Wechsel vorgelegt.

Er suchte einen Vergleich zu schlieen.

Aber er hat zuletzt den alten Herrn auf's uerste beleidigt, fuhr
Wilkau fort.

Er hat ihm einen Wahrheitsspiegel vorgehalten, erwiderte Herzer.

Und wo sind die Wechsel geblieben? fragte der Geheimrath mit einem
eigenthmlichen, scharfen Ausdruck, indem er dem Fabrikanten
durchbohrend in's Gesicht sah.

Eine dunkle Rthe loderte darin auf und verwandelte sich dann pltzlich
in ein fahles Grau. Ich verstehe Deine Frage nicht, antwortete er
mhsam.

Es war eigentlich nur damit gefragt, ob Zippelmann die Wechsel nicht von
Dir angenommen, ob er sich auf nichts eingelassen hat?

Auf nichts! wiederholte Herzer vor sich niederblickend.

Eine kleine Pause entstand. Es regte sich unter der Stirn des
Geheimraths ein Gedanke, der siegreich aus seinen Augen glnzte. Er
betrachtete den gebeugten Mann mit stolzer Genugthuung; dann wandte er
sich um, durchschritt das Zimmer, lchelte vor sich hin und kehrte
zurck, indem er dicht vor Herzer stehen blieb.

Ja, so weit ist es mit Dir gekommen, sagte er. Du, so stolz und
unbiegsam, auch Du hast Dich endlich bekehrt und lernst einsehen, was es
heit, das Gute und Vernnftige verachten.

Ich bitte Dich, Wilkau, ich bitte Dich, sage mir, ob Du mir helfen
willst, erwiderte Herzer, mhsam athmend.

Ich will allerdings, sprach der Angeredete, aber ich kann nicht anders
als unter einer Bedingung.

Welche Bedingung? Du willst -- nenne sie! sagte der Fabrikant.

Du kennst meine Ueberzeugung, meine Stellung, meine Verhltnisse; Du
weit auch, wie Gravenstein denkt. Es ist Gewissenssache fr uns, dem
Gesinnungsgenossen zu helfen; fr den Mann, der immer noch im Geruch
steht, einer der thtigsten Frderer fortgesetzter Whlereien zu sein,
darf ich nichts thun.

Du meinst -- stammelte Herzer und fieberhafte Rthe lief ber seine
Stirn.

Ich meine, sagte Wilkau, Du sollst ffentlich Dich lossagen, Dich
ffentlich zu uns bekennen.

Ich verstehe, murmelte der Fabrikant; o, ich verstehe!

Entschliee Dich, fuhr der Geheimrath fort. In diesem Falle will ich
Gravenstein zu bestimmen suchen, will selbst versuchen, Zippelmann zu
dem Vergleiche zu bewegen. Die Wechsel, ich sage die Wechsel, sollen
acceptirt werden, und wenn Alles fehlschlagen sollte, will ich selbst
mich verbrgen.

Schande und Schmach ber mich; sprach Herzer mit erdrckter Stimme.

Schande so wenig als Schmach ist es, rief Wilkau, da zu stehen, wo ich
stehe und so viele Ehrenmnner.

Mit einer heftigen Bewegung ergriff Herzer seinen Hut. Er richtete sich
stolz auf, sah den Geheimrath durchdringend an und sagte ruhig: Du hast
gewut, was ich antworten mu. Du httest nichts Besseres ersinnen
knnen. Ich gehe und werde Dich nie mehr belstigen.

So geh! rief Wilkau ihm nach. Ich wute es wohl, ein Mensch, wie Du, ist
unverbesserlich und wird niemals klug werden!

Es mochte um die neunte Stunde sein, als Herzer in dem groen Wohnzimmer
gedankenvoll auf dem Sopha sa, den Kopf auf seinen Arm gesttzt. Er sah
unverwandt in die Flamme der Lampe, welche auf dem Tisch brannte, und
schien nicht auf die Klnge zu hren, die aus einer dmmernden Ecke des
Zimmers kamen. Seine Tochter sa dort am Flgel und lie ihre
Empfindungen zu Tnen werden, welche bald in einzelnen klagenden
Accorden, bald in einer Reihe melodischer Verbindungen sich bewegten.

Lange Zeit war zwischen den beiden Personen kein Wort gewechselt worden,
bis Clara nach ihrem Vater umblickte, der aufgestanden war und die Hnde
auf den Rcken gelegt, mit groen Schritten hin und her ging.

Sein wrdiges, ernstes Gesicht war sorgenvoll und unruhig. Zuweilen
schttelte er seinen ergrauten Kopf, und hob ihn lebhaft auf, als sei er
unmuthig ber seine Gedanken, wenn er aber in die Nhe des jungen
Mdchens kam, nickte er ihr zu und betrachtete sie mit freundlichen
Blicken.

Wo ist denn Felix? fragte er endlich, als er bemerkte, da seine Tochter
ihr Spiel eingestellt hatte.

Seit Nachmittag schon ist er fort und noch nicht wieder heimgekehrt, gab
sie zur Antwort. Du bist betrbt, Vater?

Nicht ber Dich, mein liebes Clrchen, erwiderte er, ihr die Hand auf
die Stirn legend, indem er an dem Instrument stehen blieb.

Sie sah zu ihm auf und schlang die Arme um seinen Hals. Mein armer
Vater, flsterte sie zrtlich, Du bist so gut und wahr, und doch so
verfolgt vom Migeschick.

Das ist der Lauf der Welt, mein Kind, sagte Herzer. Kein wilderes Thier
als der Mensch; kein grausameres, wenn es gilt, den Nebenmenschen zu
hassen, zu hhnen und zu qulen.

Du bist bei Wilkau gewesen, fuhr sie fort. Ich habe Dich nicht gefragt.
Felix hat es auch nicht gethan, wir wuten Beide, da es ein
unglcklicher Versuch war.

Vergessen wir es, rief der Fabrikant. Vergessen wir ihn, ich will alle
diese Versuche aufgeben.

Und Alfred von Gravenstein hast Du auch gesprochen?

Nein, sagte Herzer, was kann es ntzen. Er ist verlobt mit der eitlen
leichtsinnigen Elise, er ist ihr willenloses Geschpf.

Schmhe ihn nicht, Vater, fiel Clara lchelnd ein, dieser Gravenstein
hat wenigstens doch ein menschliches Rhren gezeigt.

Ah, Felix! rief Herzer, indem er sich zur Thr umwandte, durch welche
sein Sohn hereintrat, wo bist Du gewesen?

Auf der Jagd nach armen Seelen, lachte der junge Mann, oder was diesmal
Eines und dasselbe ist, auf der Knigsjagd.

Clara fate ihren bermthigen Bruder am Arm und sagte im tiefsten Tone:
Sie begleiten mich auf der Stelle; Ihre verbrecherischen Aeuerungen
mssen nher untersucht werden. Knigsjagd! arme Seelen! Hochverrath,
Aufruhr, Mord! Fort mit ihm!

Wie, mein Schwesterchen, sind das Reminiscenzen? rief Felix. Aber thue,
was Du willst, ich werde mich glnzend vertheidigen. Wer kann mir Mangel
an Patriotismus vorwerfen, wenn ich mir die erdenklichste Mhe gebe um
fnftausend Mal das Bildni des geliebten Landesvaters zu besitzen.

Und wenn ich nicht irre, sagte Clara, so beweist Deine bermthige
Laune, da Du begrndete Hoffnungen hast, diese patriotische Liebhaberei
belohnt zu sehen.

Gott sei Dank, ja! erwiderte Felix vergngt, indem er sich in einen
Stuhl warf, es ist mir gelungen. Ich habe die Zusicherung eines
achtbaren Mannes erhalten, der mein Freund und Agent fr ein groes Haus
ist. Er sah ein, da unsere Lage keinesweges gefhrlich sei; ich
vertraute mich ihm an, erzhlte ihm den ganzen Handel von Schufterei und
Erbrmlichkeit und erhielt die Zusicherung, da er auf ihn gezogene
Wechsel auf vier Monate laufend, im Belang von 5000 Thalern annehmen
werde.

Wir sind also glcklich aus der Klemme, fuhr er fort. Diese Papiere
lassen sich leicht verkaufen, und Gravenstein soll bermorgen sein Geld
haben. Ein hbscher Weihnachtsabend wird es fr den jungen Herrn sein,
wenn er damit der reizenden Braut alle Gelste ihres Herzens erfllen
kann. -- O! sie wird ihn mit den zrtlichsten Blicken belohnen, sie wird
so geistreich und liebenswrdig sein -- bah! fort damit, unterbrach er
sich dann, genug wir werden von der ganzen Plage befreit werden und
haben nur zu sorgen, da wir in vier Monaten unsere Pflicht erfllen,
was so schwer nicht sein wird.

Armer Felix, sagte Clara, ganz vergessen hast Du noch nicht, was einst
ein schner Traum Deines Lebens war.

Man vergit nie den Schmerz um Tuschungen, erwiderte er, und es ist so
leicht, getuscht zu werden. -- Siehst Du, Clara, es gab eine Zeit, wo
ich Elisen glubig verehrte und beinahe so lieb hatte, wie ich Dich
habe. Ohne ausgesprochene Worte war ich mir meines Glckes bewut. Aber
diese schnen Tage whrten nicht lange. Auch ohne die Zerwrfnisse der
Vter wre der letzte gekommen, denn ich sah bald ein, da ich der
Rechte nicht sei. Meine Einfachheit trat ihren Wnschen und Neigungen zu
grell entgegen, ich wurde mit jedem Tage unmglicher; ich war ein
formloser, roher, ungehobelter Bursch, der berall mit der Thr ins Haus
fiel, und nun gar, als der Sturm losbrach und mein Bart wuchs! Er lachte
auf, indem er die Flle seines Haares zerzauste. Nein, sagte er dann,
das Gleiche zum Gleichen, das ist das richtige Rechenexempel des Lebens.
Der Junker pat zum Frulein, mgen sie glcklich sein, ich wnsche es
ihnen von Herzen.

Sie werden sich gegenseitig betrgen, sprach Herzer vor sich hin.

Wer wei, rief Felix. Gravenstein ist ein stolzer, straffer Mann,
beschrnkt in seinen Vorurtheilen, dennoch ein Mann von Ehre in seiner
Art, der streng hlt, was er verspricht, aber von seinem Schuldner wie
von seiner Frau ganz dasselbe fordert.

Sage mir doch, fragte der Vater sich an den Sohn wendend, welche Mittel
waren es denn, durch welche Du ihn bewegt hast, uns Geduld zu schenken?

Mittel, Vater? erwiderte Felix, wei es Gott! meine Mittel waren gering
genug. Ich stellte ihm unsere Lage vor, bat ihn mit Offenheit daran zu
glauben, da wir pnktlich zahlen wrden, und da er sein Geld am
zehnten Tage sptestens haben sollte, was ich mit meinem Worte
verbrgte.

Mit weiter nichts? fragte Herzer.

Vater! rief der Sohn lebhaft betroffen. Ihre Augen begegneten sich, es
entstand eine Stille. Unruhe oder Mimuth schickten ihre Schatten ber
das Gesicht des jungen Mannes. Pltzlich aber erhellten sich seine Zge
wieder und mit der unbesorgten Ruhe und Heiterkeit, die der Grundton
seines Wesens zu sein schien, sagte er: Besorge nichts, Du hast nicht
den geringsten Grund, besorgt zu sein. Gravenstein hat mir zugesichert,
bis bermorgen zu warten, ich werde halten, was ich bernommen habe.
Alles lst sich daher, wie es sein mu; am Weihnachtsabend aber wollen
wir einen funkelnden Christbaum aufrichten, und dankbar an den denken,
der geboren wurde, um von den Pharisern gekreuzigt zu werden, dieweil
wir ihnen glcklich entrannen.

Herzer schwieg zu dieser Erwiderung. Sein Auge ruhte noch eine Minute
lang auf seinem Sohne, der etwas in sein Taschenbuch schrieb, dann
schien er seine Gedanken mit einem Entschlu von sich abzuthun, denn
seine Mienen hellten sich auf und lchelnd reichte er Felix die Hand. --
Ich wei, sagte er, da Du verstndig und tchtig bist, da Dein
Rechtsgefhl und Deine Ehre immer an dem richtigen Platz stehen. Meine
Kinder! Ihr seid ja mein einziges Gut. In dieser trben Zeit fhle ich
erst recht, was es heit, von meinen Kindern geliebt und getrstet zu
sein.

Nach einem herzlichen Familiengesprch ber Mancherlei, was das
husliche Leben betraf, wurde der Abendtisch bereitet und mit
wirthlicher Anstelligkeit von Clara versorgt. Man sah, wie gelufig ihr
die kleinen Mhen waren, wie sich alles schickte, was sie angriff und
wie sorgsam und mit ordnender Hand sie dies Hauswesen leitete. Im
schwarzen Kleide, das zierliche Hubchen auf dem dunklen Haar, sah sie
wie eine blhende junge Frau aus, was endlich auch der Vater in seiner
Freudigkeit aussprach und weitere Scherze daran knpfte.

Was mich zumeist freut, sagte er, ist, da ich Dich noch habe, mein
Clrchen; da noch Keiner gekommen ist, den Du lieber httest als mich,
und um den Du den alten Vater verlassen mchtest.

Nie werde ich Dich verlassen, erwiderte sie.

O! sage das nicht, Kind, fuhr er fort, das Schicksal knnte Dich beim
Wort nehmen, wie es gern zu thun pflegt. Ein Mdchen soll ja auch Vater
und Mutter verlassen, um mit dem Manne zu gehen, den ihr Herz gewhlt
hat, und so thricht bin ich nicht, um nicht zu wissen, da es so sein
mu.

Ich werde mit Keinem ziehen! sagte Clara lchelnd.

Ei was! rief Herzer, Du willst doch nicht sitzen bleiben? Du bist
freilich nicht so, wie Andere, nicht so, wie Frulein Elise zum
Beispiel, sehnst Dich nicht danach, von jungen Herren umtnzelt zu sein
und heute dem, morgen jenem zu gefallen, bis Einer an der Leimruthe fest
klebt.

Nun, fiel Felix lachend ein, die Leimruthe ist doch so bel nicht.
Alfred von Gravenstein ist ein Vogel, den Viele gern gefangen htten.

Er will Dich necken, Clara, sagte der Vater, als ob der blondhaarige,
finsterblickende Baron Dir Neid einflen knnte.

Felix wei wohl, da es nicht der Fall ist, erwiderte Clara.

Und ich wei es vielleicht noch besser, rief Herzer, denn eine Seele wie
die Deine kennt weder den Neid, noch wird sie sich von falschem Schimmer
blenden und betrgen lassen.

Auch die reinste und edelste Seele kann getuscht und betrogen werden,
sagte Felix, indem er ernsthaft auf seinen Teller blickte. Giebt es
nicht viele Flle, wo die heiligsten Schwre gebrochen, die Neigung
eines liebenden Herzens mit nichtswrdigem Verrath vergolten wurde?

Es giebt allerdings solche Flle, sagte Herzer, aber immer sind es
schwache, eitle oder leidenschaftliche Mdchen, die sich an einen Mann
hngen, dem sie blind vertrauen, der ihrem Hochmuth oder ihren
sinnlichen Begehren schmeichelt, und dessen Falschheit sie erliegen,
weil sie es kaum besser verdienen.

Du urtheilst sehr hart, sagte Clara ruhig zu ihm hinblickend.

Das ist mein Stolz, fuhr der Vater fort, da ich nicht so ber Dich zu
urtheilen habe. Du kannst nicht betrogen und verrathen werden; Du
wrdest mit Deiner freien, muthigen und klaren Erkenntni der
Verhltnisse und Menschen Dich nicht von einem Manne bercken lassen,
der Deiner nicht werth wre.

Mir fllt eben eine Geschichte ein, die ich vor einiger Zeit gehrt
habe, sprach Felix. Ein schnes und liebenswrdiges Mdchen lernt einen
jungen Mann kennen, der sich viele Mhe giebt, ihr zu gefallen. Sie
trifft ihn in gesellschaftlichen Kreisen. Er ist geistvoll, schwrmt fr
alles Schne und Edle, aber seine Verhltnisse zwingen ihn, sich
vorsichtig zu benehmen; denn sein Vater ist ein hoher Staatsbeamter, er
hngt von ihm ab, und hat nur Aussicht, Unabhngigkeit und Stellung zu
gewinnen, wenn er seine wahre Meinung verbirgt.

Er heuchelte also, wie es Viele thun! sagte der Fabrikant.

Das Mdchen glaubt ihm und seinen Grnden, fuhr Felix fort. Sie verbirgt
dem strenggesinnten Vater ihre Neigung und ihre Zusammenknfte. Sie
hofft, da sich bald die Verhltnisse ndern, da die Freiheit
wiederkehren und ihr Geliebter dann glnzend hervortreten werde.

Die Thrin! rief Herzer, habe ich nicht Recht?

Statt dessen aber befestigt sich die Reaktion und geht weiter. Der junge
Herr ist klug genug dies zu erkennen; er hrt auch, da das Mdchen, die
er fr reich gehalten, es nicht ist, weil ihr Vater viel verloren hat.
Von jetzt an fat er seine Entschlsse. Er bemht sich der Regierung
seinen Eifer und seine Ergebenheit zu bezeigen, und was die junge Dame
anbelangt, so macht er die nichtswrdigsten Versuche ihre Liebe zu
benutzen, um sie zu entehren und dann zu verlassen.

Was ihm natrlich auch gelungen ist, fiel Herzer ein.

Was ihm nicht gelungen ist, sagte Clara sich aufrichtend.

Ihr Gesicht hatte sich gerthet, ihre Augen glnzten vor Bewegung, sie
blickte ihren Vater lange und fest an, der langsam die Hnde faltete und
mit Gewalt zusammenprete.

Du kennst diese Geschichte also auch? fragte er.

Ich kenne sie genau, erwiderte Clara. Sie verhlt sich ganz so, wie
Felix sie erzhlte.

Eine lange Pause folgte, endlich stand Herzer vom Tische auf und
trocknete sich die Stirn. -- Was ich thricht bin, sagte er lchelnd,
ich knnte mich fast vor Eurer Geschichte ngstigen, weil ich mir den
Gram und Zorn des Mannes vorstelle, der solche Noth an seinen Kindern
erlebt. O! man kann Vieles an Kindern erleben, viel Freude und viel
Leid, aber lat uns nur an die Freude denken. Meine Sorge ist Euer
Glck, mein ganzes Herz ist voll Sehnsucht, Euch glcklich zu wissen,
und kein Opfer wre mir zu gro, wenn ich wte, da eine Gefahr Euch
bedrohte und ich knnte sie abwenden.

Mit seiner linken Hand umfate er die Tochter, die Rechte reichte er
seinem Sohne. Dann kte er Clara's Stirn und sagte mit Heiterkeit: Man
mu sich oft vor seinen eigenen Gedanken hten, die unsere rgsten
Feinde sein knnen. Ich habe noch Einiges zu arbeiten und bin mde, zwei
Dinge, die sich schlecht vertragen. Geht also fr heut, und gute Nacht.
In einer Stunde denke ich auch zu schlafen; morgen aber wollen wir
sogleich Dein Wechselgeschft ordnen und je eher je lieber Gravenstein
befriedigen.

Er zndete ein Licht an und ging aus dem Zimmer in das Comptoir. Felix
blieb bei seiner Schwester am Tische sitzen, ihre Hand ruhte in seiner
Hand. Er verfolgte mit seinen Augen ihre Blicke mit rhrender Besorgni
und Zrtlichkeit. Dann streichelte er ihre Stirn, legte den Arm um sie
und betrachtete sie wieder, bis er seinen eigenen Gedanken nachging, die
ihn in lange Betrachtungen versenkten. Es whrte geraume Zeit, ehe ein
Wort gewechselt wurde. Was ahnet er? sagte der junge Mann endlich vor
sich hin.

Ich glaube Alles! antwortete Clara leise.

Alles! wiederholte er auffahrend, nein! nein! Aber, bei Gott, Clara! es
liegt Etwas auf meiner Brust, was ich fort wnschte. Zum erstenmale in
meinem Leben habe ich die Augen nicht aufschlagen knnen vor meinem
Vater, und doch habe ich nichts gethan, dessen ich mich schmen mte.

Was ist es also? fragte Clara.

Still! sagte er, frage mich nicht. Ich wollte, ich schwmme auf dem
blauen Wasser und Du sest dort bei mir, ich wollte es Dir erzhlen.
Sagtest Du nicht heut, da Du mir etwas mittheilen wolltest?

Clara besann sich einige Augenblicke und schttelte dann lchelnd den
Kopf. Es ist nichts, sagte sie.

So schlaf, mein Clrchen, und beht' dich Gott!

Gute Nacht, mein geliebter Bruder, erwiderte sie. -- Die Geschwister
umarmten sich zrtlich, dann entfernte sich Felix, und das junge Mdchen
war allein.

Sie hrte aufmerksam auf die Schritte ihres Bruders, der den Vorsaal
ffnete und die Treppe hinaufstieg, dann blieb sie an der Thr zum
Comptoir stehen, klopfte endlich an und legte die Hand auf den Drcker,
als sie keine Antwort erhielt. Aber sie berzeugte sich sogleich, da
ihr Vater diesen Ort der Arbeit schon mit der Ruhe seines Zimmers
vertauscht habe, und schob nun die Riegel vor, indem sie zugleich den
Schlssel umdrehte.

Clara war jetzt sicher, ungestrt allein zu sein, und ohne Zweifel
suchte sie sich vor jeder Ueberraschung zu behten; aber Alles, was sie
vor hatte, erweckte ihr keine Unruhe. Sie schien jeden Schritt vorher
berlegt zu haben, den sie ohne Zaudern jetzt ausfhrte.

Nachdem alle Thren verschlossen waren, ging sie aus dem groen Zimmer
in ein finsteres Nebengemach und aus diesem in ein drittes. Nach einigen
Minuten kam sie zurck, einen dunkeln weiten Mantel ber dem Arme und
eine Kappe in der Hand. Sie legte Beides auf einen Stuhl in der Ecke,
setzte sich dann an den Tisch und zog aus einem Krbchen eine
Hkelarbeit hervor, deren buntes Farbengemisch, verschlungen mit
blitzenden Stahl- und Goldperlen, sie eine Zeit lang beschftigte. --
Nur zuweilen hielt sie einen Augenblick ein, um nach der groen Stutzuhr
hinber zu schauen, die auf dem Pfeilertisch stand; endlich aber lie
sie die Hnde sinken und neigte ihr schnes weies Gesicht tief nieder,
um es mit dem Ausdruck stolzer Entschlossenheit wieder zu erheben.

Pltzlich hob die Uhr aus und schlug zehn mal, und als der letzte Schlag
verklungen war, legte Clara die Arbeit zusammen und stand geruschlos
auf. Sie trug den Stuhl an seinen Platz, stellte das Arbeitskrbchen
fort, und trat an das Instrument, um es zu schlieen. Aber indem sie den
schweren Deckel hob, hielt sie inne und horchte nach der Strae hinaus.
Es war als stnde drauen Jemand still, der mit schallendem Schritt nahe
heran gekommen war. Das junge Mdchen schien die festen Lden mit ihren
heien Blicken durchbohren zu wollen, dann legte sie leise den Deckel
wieder nieder. Sie setzte sich und ihre feinen schmalen Finger flogen
leicht ber die Tasten hin, ihre Lippen zitterten den Tnen nach, sie
sang mit reiner Stimme, die mit jedem Worte voller und inniger wurde,
das schne Lied: Auf Flgeln des Gesanges; doch mitten darin brach sie
ab, um mit ihren Hnden die widerspenstigen Augen zu bedecken.

In dem Augenblick, wo die Stille zurckkehrte, wurde ganz leise an eine
Fensterscheibe geklopft und sogleich stand Clara auf, schraubte die
Lampe herunter bis auf ein mattes Lichtgeflimmer, warf den Mantel ber,
band die Kappe eilig zusammen und verlie mit leisen Schritten das
Zimmer durch die groe Eingangsthr, welche sie hinter sich verschlo.

Eben so leise ffnete sie die Thr des Corridors und befand sich nun auf
dem dunklen Hausflur. Sie trat in den Hof hinaus, nirgend war Licht. Der
Himmel hing gleichmig schwarz ber der Erde, feine Schneenadeln flogen
durch die Luft und drangen khl in Clara's heies Gesicht, die
schweigend das schmeichelnde Schnauben eines groen Hundes abwehrte, der
sich ihr genhert hatte.

Ohne Zgern ging sie an dem Fabrikgebude hin und blieb einen Augenblick
an der Mauer stehen. Es war ihr, als htte ein Fenster geklirrt. Als
jedoch nichts sich weiter regte, zog sie einen Schlssel hervor und
schlo die Thr auf, welche durch die Grenzmauer auf ein Seitengchen
fhrte.

Mit eiligen leisen Schritten ging sie das Gchen hinauf und blieb an
der Ecke eines freien Platzes stehen.

Es war der Kirchplatz, in dessen Nhe das Grundstck des Fabrikanten
lag. Der alterthmliche, mchtige Bau lste seine dstre Masse in
ungewissen Linien von der Finsterni der Nacht ab. Die kleinen Huser,
welche ihn umringten, waren meist finster, nur da und dort fiel ein
einzelner Lichtstrahl aus einem Fenster und schlpfte ber zwei oder
drei alte Leichensteine, deren graue verwitterte Platten in den Boden
gesenkt, die einzigen noch brigen Spuren eines ehemaligen Kirchhofs
waren. Ein paar hohe Bume klapperten in ihren Gittern und Ecken mit
nackten Zweigen und leise klingend fielen dann und wann von den
ungeheuren Bogenfenstern der alten Kirche kleine Glasstckchen herunter,
die der Wind mit hohlem Rauschen abbrach und der Vernichtung
zuschleuderte.

Eine Minute stand Clara wankend an jener Stelle, dann ging sie mit
langsamen Schritten ber den dreieckigen kleinen Platz fort, an dessen
entgegengesetzter Seite die Kirche dicht an die Huser trat. Als sie bis
in die Mitte gekommen war, hrte sie den Schritt eines Mannes, der ihr
entgegen kam und wartend still stand, als er die dunkle Gestalt
entdeckte.

Du bist es, Clara, sagte er leise, ich habe meine Sehnsucht kaum
beherrschen knnen.

Ich bin es, mein Herr, ja, ich bin es, erwiderte sie gefat und ruhig,
dicht an ihn herantretend. Ich habe Ihren Wunsch erfllt, weil ich
wissen will, wie viel Wahrheit oder Lge in Ihrem rthselhaften Briefe
enthalten ist.

Und darum nur, darum allein bist Du gekommen? fragte er mit sanft und
traurig klingender Stimme.

Ich wte nicht, gab sie zur Antwort, welchen Grund ich sonst haben
knnte.

Es ist noch nicht lange her, wo Du nicht so gesprochen haben wrdest,
fuhr er fort. Ich habe oftmals in der Laube dort hinter der Mauer in
nchtigen Stunden Dich erwartet; in meinen Armen hast Du nie gefragt, ob
meine Briefe Lgen sagten, und was darin stand nie bezweifelt, denn Du
wutest, wie sehr ich Dich liebe.

Er streckte die Hnde nach ihr aus und wollte sie umfassen, aber sie
wich einen groen Schritt zurck. -- Wir kennen uns beide genau genug,
wie ich denke, sagte sie mit sanfter, aber fester Stimme. Leider mu ich
in Demuth zugeben, da es eine Zeit gab, wo ich so thricht war, Alles
zu glauben. Sie knnen nicht erwarten, da dies jetzt noch der Fall sein
soll; im Gegentheil, selbst die Wahrheit in Ihrem Munde wird an meinem
Unglauben zur Lge werden.

Sie frchten oder verabscheuen mich also? fragte er, oder Beides
zugleich ist mein Loos.

Weder das Eine noch das Andere, erwiderte Clara, zu Beidem gehrt eine
Reizbarkeit, die ich berwunden habe.

So geben Sie mir die Hand zur Vershnung, sagte er lauter. -- Wie
verdammt dunkel ist diese Nacht, da ich Dein reizendes, zrnendes
Gesicht nicht sehen kann.

War es sein rasches Nhertreten, oder die lebhafte Sprache, oder die
Hast, mit der sie noch weiter zurckwich, sie schien vom heftigen
Schrecken gefat zu sein, als er ihren Mantel festhielt und lachend
fragte: Was frchtest Du denn, Clara? Mein Wort darauf, Du hast nichts
zu frchten!

Sie haben einen Brief an mich gerichtet, erwiderte sie, in welchem Sie
mir sagen, da ber meines Vaters Haupt eine groe Gefahr schwebe, die
Sie abwenden knnen und wollen, wenn ich mich zu einer Unterredung
einfinde. Ich bin gekommen, trotz meines Widerwillens. So reden Sie
denn, welche Gefahr droht meinem Vater, und was wissen Sie von
Handlungen, die meinen Bruder verderben knnen?

La uns unter den Schutz der Kirchenmauer treten, erwiderte der Herr.
Der Wind pfeift ber den Platz, es ist ziemlich unangenehm hier zu
stehen. Du zitterst, Clara.

Antworten Sie mir, sagte sie, indem sie ihm folgte.

Wir wollen uns unter das Eingangsportal stellen, fuhr er fort, auf den
gothischen Schwiebbogen deutend, der einige Schritte von ihnen tief und
schwarz in das Gemuer lief. Es knnte Jemand vorbergehen, der uns
strte.

Nein, nicht weiter, gab sie zur Antwort. Sprechen Sie kurz und bestimmt,
wenn ich nicht glauben soll, da Sie zu vielen Lgen eine neue ersonnen
haben.

Du bist eine kleine Thrin! rief der Herr, und seine Stimme schwankte
zwischen Aerger und Spott, aber wie Du willst, ich kann Dein Mitrauen
nicht verdammen. Du zrnst auf mich, Clara, weil ich Dich
vernachligte. Du hltst mich fr treulos, weil die Verhltnisse
mchtiger sind, als unsere Vorstze und mein vernnftiger Wille sich
ihnen beugen mu. Wo sollte ich noch eine Erfllung fr mglich halten,
wie Du sie forderst? Meine Liebe, die unwandelbar ist, mein Herz, das
Dir gehrt und immer gehren wird, hast Du zurckgewiesen; meine
Leidenschaft, die zu Deinen Fen die Menschen und ihre Satzungen
verachtete, hat Dich kalt und bedchtig gemacht. Du liebst mich nicht,
wie ich Dich liebe.

Genug, genug! fiel sie ein. Ich habe keine Antwort dafr.

So habe ich denn alle Hoffnung verloren, sagte er. Keine Stimme in Dir
spricht fr mich?

Nein! ich hoffe zu Gott, nein! erwiderte sie mit Anstrengung.

Also Ha wo Liebe war, unvershnlicher, bitterer Ha!

Auch der nicht, sagte sie leise bebend. Wir wollen Beide unsern Weg
gehen, Beide glauben, da wir uns tuschten und da es nicht anders sein
sollte.

Fromm und schn! rief der Herr lauter, aber mir gengt es nicht. Ein
Anderer hat meinen Platz eingenommen. Antworte auf meine Frage. Ist es
nicht so? Ich wei mehr, wie Du meinst.

Ich habe keine Antwort darauf, sagte sie kaum hrbar.

Gravenstein! flsterte er, indem er ihren Arm hart anfate. Wie Du
zitterst! Ja, Gravenstein!

Es ist Wahnsinn! rief sie verchtlich.

Du lgst es Dir vor, fuhr er hastig fort. Er wei es, er hat es in
Deinen Augen gelesen; oder glaubst Du, der ehrenfeste Baron
nachtwandelte umsonst an Deinen Fenstern vorber? stnde umsonst dort
und hrte Deine Lieder? Und wenn er Abends spt von Deiner beglckten
Nebenbuhlerin, von seiner Braut kommt, von Elisens Kssen noch warm ist,
was treibt ihn dann hierher, um an Deiner Thr zu seufzen? -- Es ist
mglich, rief er hhnisch lachend, da Du selbst nicht weit, welchen
Schaden Deine zrtlichen Blicke angestiftet haben; aber die Wirkung ist
da, es kommt darauf an, wie man sie benutzt.

Und dies Gewebe von Verlumdung und Gemeinheit soll ich hier erfahren?
sagte sie stolz. Ist es fertig oder fehlt noch etwas daran?

Nicht ganz, erwiderte er. Gravenstein war entschlossen, Euch auspfnden
zu lassen, er sah Dich und seine Entschlsse wankten; er suchte einen
Ausweg, den Dein Bruder ihm bot. Du kennst diesen Ausweg?

Herr von Gravenstein handelte edelmthig, als er den Vorstellungen
meines Bruders nachgab und meinem armen hart geprften Vater eine Frist
bewilligte.

Edelmthig allerdings, aber Dein Bruder that mehr als er nthig hatte.
Er wute nicht, wie lammweich das Tigerherz des Barons geworden war. Er
gab ihm Wechsel.

Wechsel! wiederholte Clara und pltzlich lief es wie ein Blitz durch
ihren Kopf, sie dachte an die Fragen und Antworten ihres Vaters und
Bruders.

Wechsel! erwiderte der Herr, indem er sich zu ihr neigte und mit
hhnischem Ausdruck hinzufgte: Papiere besondrer Art, die keines
Menschen Auge sehen darf.

Warum nicht? Was sagen Sie da? fragte sie fast unhrbar.

Weil sie falsch sind! flsterte er ihr ins Ohr.

Sie legte die Hand an die eisige Mauer, als suche sie eine Sttze,
pltzlich aber richtete sie sich auf und sagte mit groer Festigkeit:
Wem Sie diese Nachricht auch verdanken mgen, sie ist nichtswrdige
Verleumdung. -- Herr von Gravenstein wird pnktlich wie mein Bruder es
ihm zugesagt, sein Geld empfangen.

Es ist mglich, erwiderte der Herr gleichgltig lachend, aber das ndert
nichts. Ich bin es nicht allein, der von dem Verbrechen wei, auch Andre
wissen es, die Deines Vaters und Bruders Todfeinde sind. Jeden
Augenblick kann das Beil auf Euch niederfallen.

Mein Gott! mein Gott! seufzte das junge Mdchen.

Darum habe ich geschrieben, fuhr er fort, jetzt weit Du es, aber ich
habe die Mittel in meiner Hand, alles Uebel von Euch abzuwenden.
Vershne Dich mit mir, mein ses Clrchen, flsterte er bittend, indem
er den Arm um sie legte, schenke mir Dein Herz und Deine Liebe wieder
und ich schwre Dir mit tausend Eiden, Alles soll sich fgen, wie Du es
wnschest. Nicht allein die Flschung soll auf immer begraben bleiben,
ich will, wenn ich Dein Beichtvater sein darf, Dich so glcklich machen,
wie Du es nicht ahnen kannst, und wenn etwa wirklich der steife,
ehrenfeste Gravenstein Dir behagt, nun, so giebt es Wege genug, um ihn
aus Elisens Armen zu reien, wenn uns Beiden damit gedient ist und wir
als Freunde verfahren.

Er hielt einen Augenblick inne, denn die Uhr im hohen Thurme ber ihren
Kpfen hob aus und schmetterte elf dumpfe Schlge durch die Luft, die in
dem Werk der Mauern langsam verhallten.

Die Mitternachtsstunde beginnt und die Geister wachen auf, fuhr er dann
schmeichelnd fort. La uns gehen, mein armes, erschrockenes Clrchen,
ich begleite Dich. Die Nacht verschweigt alle Geheimnisse der Liebenden.
Hier heult der Wind, in Deinem Stbchen ist es warm. Bei Allem, was
heilig ist, ich will Dein treuester Freund und Diener sein.

Mit einer pltzlichen Anstrengung machte sie sich frei; aber er fate
sie fester in seinen Mantel. Du willst nicht? fragte er lachend, Du mut
wollen. Du bist zu verstndig; ich habe Dich in meiner Macht; bedenke
Alles, ich liebe Dich ja.

O! wre mein Bruder hier, sagte sie mit stolzer Heftigkeit. La meinen
Arm los, erbrmlicher Mensch!

Und wenn ich nicht will, Clrchen?

Ich befehle es, rief eine tiefe Stimme aus dem Dunkel des Portals und
drinnen regte es sich. Eine mchtige Gestalt lste sich aus dem Schatten
los; es klirrte und rauschte auf den Steinplatten. Die Ueberraschung war
so gro, da der Unbekannte, von Furcht ergriffen, eilig zurcksprang
und ber den Platz fortlaufend entfloh.

Nach einigen Augenblicken sah Clara die Gestalt hervortreten und sich
ihr nhern. Ein lhmender Schrecken hatte sie erfat; an die Wand der
Kirche gelehnt schien sie in diese versinken zu wollen, keines Wortes
mchtig und des Gebrauchs ihrer Glieder beraubt. -- Sie fhlte endlich,
da sie untersttzt und fortgefhrt wurde bis zu der Thr in der Mauer,
die unverschlossen geblieben war.

Eine Hand streckte sich aus und ffnete diese Thr, dann trat die dunkle
Gestalt zurck und ohne ein Wort zu sagen, wandte sie sich um und ging
mit festen raschen Schritten das Gchen hinauf. -- Wo die Strae
mndete, flimmerte ein Lichtstrahl aus einem gegenber liegenden Hause
herein, Clara's Augen starrten dorthin. Sie sah einen hohen Mann, der
ohne umzublicken schnell um die Ecke bog, und von Fieberschauer
ergriffen, glhend und zitternd, eilte sie ber den Hof, wankte
unbemerkt ins Haus und sank erschpft auf ihr Bett.

Du kannst es mir aber doch sagen, wer der Mensch gewesen ist! mit
diesen Worten war Frau Mertens am Abend endlich eingeschlafen, als Anton
das Licht ausgepustet hatte und gar nicht mehr antwortete, und mit
denselben Worten erwachte sie am nchsten Morgen.

Anton schien Anfangs keine Lust zu haben einen Laut von sich zu geben.
Er unterhielt sich mit seinem Kinde, das er aus der Wiege nahm, hob es
zu dem Zeisig empor, der in dem kleinen Bauer am Ofen sa, und lie es
in die Lampe schauen, nach der es jauchzend seine Hndchen ausstreckte.

Was er mich rgert! rief die Frau von Zeit zu Zeit dazwischen. Ich will
es wissen; ich sage, es ist schlecht von Dir, mich so zu qulen.
Antonchen? willst Du mich denn wirklich so krnken? Gut kannst Du mir
nicht sein, magst Du sagen was Du willst, Du kannst mir nicht gut sein,
sonst wr's unmglich, da Du mich so verachten knntest.

Liebste Guste, sagte er endlich, bist alleweil aufgebracht ber Nichts.
Deine Tcher hast Du wieder und in jedem ein blankes Zweithalerstck
eingeknpft. Htte ichs gewut, ich htt's nicht genommen, doch weils
kleine Zettelchen sagte, es sollte fr das Pppchen hier sein, so mag's
darum hingehen, aber Gutthaten soll kein Mensch sich abkaufen lassen,
und obenein -- nun ja, ich hab' Dir's gesagt -- obenein weil ich wei,
wer unsere Christenpflicht erfahren hat.

Siehst Du wohl, fiel Guste heftig ein, Du weit es, warum also soll ich
es denn nicht wissen? Ich bin Deine angetraute Ehefrau, und seiner Frau
mu ein ordentlicher, rechtlicher Mann Alles sagen, gar nichts darf er
ihr verschweigen. Willst es mir sagen, Antnchen? fuhr sie schmeichelnd
fort, ich habe Dir auch den Kaffee recht s gemacht. Du lieber Gott!
wenn wir uns nicht einmal Alles anvertrauen sollten! Ich knnte Dir
nichts verheimlichen, und wenns mein Leben kosten mte. Also, jetzt
sage es mir, wer ist es gewesen? Einen Bart hatte das Gesicht, ich will
es beschwren. Es ist eine Schande, Anton, da Du sehen kannst, wie es
mir das Herz abdrckt. Das ist also der Lohn fr alle meine Liebe und
Treue. Als ob er keine Ohren htte, als ob ich ein hergelaufenes Weib
wre, als ob ich -- hier stie Guste mit der Kaffeekanne wthend an die
Tasse, die sie umwarf und zerbrach, da die braune Fluth weit ber den
Tisch flo.

Ist es denn mglich! schrie sie im hchsten Zorn, so weit kann er es
treiben, dahin bringt er es mit seiner Schlechtigkeit, da ich die Tasse
zerbrechen mu. Willst Du es nun sagen, Anton, willst Du es auf der
Stelle sagen. -- Sieh her, wie ich zittre; ich mu krank werden, es ist
nicht anders, und wenn ich da liegen werde aus Aerger und Gram ber
Deine Behandlung, so sieh zu, was Dein Gewissen sagt.

Anton legte schweigend das Kind in die Wiege und schttelte den Kopf.

Du hast kein Gewissen, rief Guste, Thrnen in den Augen, wenn Du ein
Gewissen httest, wrdest Du ein anderer Mensch sein, ein Mann der seine
Frau achtet. Keiner wrde es so machen wie Du, Keiner der seine Frau
liebt. Und heut haben wir Weihnachtsabend. Du lieber Gott! jeder Mensch
freut sich heut und ist einig und vergngt. Ich habe gemeint heute
Freudenthrnen zu vergieen, wenn das Christbumchen brennt und unser
Kind vor Glck springt und seine kleinen Hndchen ausstreckt und -- nun
-- nun -- sie hielt sich die Augen mit der Schrze zu.

Die Thrnen einer Frau, und wren sie noch so thricht, verfehlen selten
ihr Ziel bei einem Manne, der Mitleid und Liebe in seinem Herzen hegt.
-- Anton hatte lngst alle Vernunftsgrnde erschpft, er wute recht
gut, da damit nichts mehr zu erreichen war; jetzt, als er die Aufregung
seiner Frau sah, wurde ihm bange, sie knnte wirklich krank werden und
groes Leid ber ihn bringen.

Bist gut, liebste Guste, sagte er, noch sanfter wie gewhnlich und
voller Theilnahme. Ich wollte es Dir gerne sagen, aber ich habe es
versprochen, stille zu schweigen, und ein ehrlicher Kerl mu doch sein
Wort halten, wenn's ihm auch schwer werden mag.

Wenn Du verstndig wrest, antwortete sie eifrig, so wrde es Dir gar
nicht einfallen, da der Herr Deine Frau auch damit gemeint haben
knnte, nachdem ich es doch gewesen bin, die das Meiste damals fr das
junge Frauenzimmer gethan hat.

Dies Samenkorn fiel auf keinen schlechten Boden, denn Anton nickte leise
dazu, aber im nchsten Augenblick sagte er dennoch: Ich wei nicht,
Guste, aber es ist mir doch alleweil noch immer so, als ob es besser
wre, Du wtest es nicht; wenn es Dir aber keine Ruhe lt, nun in
Gottes Namen denn, so sollst Du es erfahren.

Als ob er sich jedoch in diesem stillen Raume noch scheute, was er wute
laut herauszusagen, so flsterte er seiner Frau einige rasche Stze und
Namen ins Ohr, die diese mit Verwunderung anhrte, dann in die Hand
schlug und alle Zeichen halb gesttigter Neugier, die berall auf
Zweifel stt und weitere Aufklrung fordert, in ihren Mienen und Augen
zur Schau trug.

Ich kann es noch gar nicht recht glauben! rief sie; aber jetzt fllt mir
das Gesicht wieder ein und die Aehnlichkeit.

Aber kein Wort, Guste, zu keinem Menschen, sagte Anton warnend. Wenn sie
es herauskriegten, da der es war, das vergen sie uns nicht.

Was machen wir denn aber mit dem Professor, der es durchaus wissen will,
fragte sie.

Das wre der Rechte, erwiderte Anton trotzig. Ich wollte, wir wren den
berhaupt los; ich wollte, ich htte den Nuknacker nie gesehen.
Element! Guste, ich habe ihn satt; und es luft mir eine Gnsehaut ber
den Rcken, wenn ich an den Verein denke. Gehe mir weg, es brennt mir
Innen wie Feuer und die Finger zucken mir, da ich da wieder hin soll
und mein Gewissen will's nicht leiden.

Du bist ein Narr, sagte die Frau lachend, als ob Einem das Gewissen satt
machte. Fang' nicht die alten Geschichten an, Anton, aber mit dem
Professor will ich schon fertig werden. Da kommt er ber die Strae,
rief sie zum Fenster aufblickend und erschrocken in die Hnde schlagend.
Er kommt, meiner Seele, in aller Frhe schon, und hat ein groes Pack
Schriften unter dem Arm.

Anton zog rasch seinen Rock an, stlpte den Hut auf und fuhr in die
Stiefeln.

Wo willst Du denn hin? schrie Guste, ihn am Kragen festhaltend.

Fort, sagte er hastig, ich will ihn nicht sehen. Mach, was Du willst,
ich wei wahrhaftig nicht, wie ich lgen soll, ohne die Wahrheit zu
sagen. Brings in's Geschick, liebste Guste, es soll nicht lange dauern,
so bin ich wieder da.

Er lief durch die Hinterthr in die Kche hinaus, als der Professor
bedchtig eben die Treppe hinabstieg. Die Frau packte die Tassen
zusammen in den Splnapf und warf einen listigen Blick durch das
Glasfenster, als der Besuch drauen klopfte.

Ach, mein Gott! rief sie, die nassen Hnde an der Schrze trocknend, der
Herr Professor, und wie sieht es hier aus.

Huslich und wirthschaftlich, erwiderte Viereck. Ohne alle Strung, Frau
Mertens, guten Morgen. Ich habe Sie wohl berrascht? Und wo ist der
Mann?

Ich bin ganz allein, sagte sie mit koketter Verlegenheit ein wenig
verschmt und doch mit gehriger Dreistigkeit lachend.

Und so hbsch, so zierlich, so allerliebst! rief der gelehrte Herr,
indem er mit der Hand an ihr schwarzes Polkajckchen hinabstrich.

Blos wie es sich gehrt, erwiderte Guste ausbeugend. Aber der Herr
Professor sind schon so frh auf der Strae.

Aus Theilnahme fr Sie, kleine Frau, sagte er mit seinem freundlichsten
Grinsen; aus einem Zuge meines Herzens, der mich zu Ihnen reit.

Na, wer das glauben wollte! Wenn's eine Brcke wre, ich ginge nicht
drber! rief die hbsche Frau, ihre groen blauen Augen schelmisch
aufschlagend.

Der Professor griff in seine Halsbinde und deutete mit drei Fingern auf
sein Herz. Zweifeln Sie nie, sprach er mit Wrde. Wenn ich sage: Es ist
so! so steht es fest, es ist so! Meine Freundschaft ist treu, und eben
weil ich ein treuer Freund bin, geben Sie mir Ihre Hand.

Er streckte die Hand aus und blinzelte einladend unter seiner Brille,
indem er ihr zunickte.

Guste zuckte rechts und links mit den Schultern und fuhr mit den Hnden
bald vor, bald zurck. Ach, nicht doch, Herr Professor, sagte sie sich
strubend; ich darf es gar nicht wagen; meine Hnde sind nicht darnach,
die mssen arbeiten was vorkommt, und sehen Sie einmal hier, wie
zerstochen Daumen und Zeigefinger sind von allem Nhen.

Kstlich! rief der Professor, seine braunen runden Augen weit
aufmachend, indem er bald die Hnde betrachtete, welche er beide endlich
festhielt, bald von seinem Stuhle nach oben sah in das krftige blhende
Gesicht, das sich mit schalkhafter Sprdigkeit zur Seite wandte, als
wollte es seinen Blicken ausweichen.

Diese Naivitt! dieser Humor! er ist unerreichbar, flsterte Viereck,
und diese appetitlichen Hndchen! fgte er mit einer begeisterten
Anstrengung hinzu. Gerade wie Gretchen im Faust von ihren Hndchen sagt:
Wie mgt ihr sie nur kssen und dennoch -- hier drckte er einen Ku auf
Gustens Finger, die sie rasch fortzog und lachend drohte: Wenn Anton das
wte! Warten Sie, Herr Professor, der ist eiferschtig wie ein Trke;
ich darf es ihm gar nicht sagen.

Der Professor war entzckt, da Jemand auf ihn eiferschtig sein knnte.
Er schlug bermig lachend mit der Hand auf sein Knie und schleuderte
ein Paar triumphirende Blicke auf den Gegenstand seiner Hingebung.

Lassen Sie ihn eiferschtig sein, wir wollen es ihm schon abgewhnen,
sagte er. Ich denke ihn zu erziehen, zu bilden und zu uns zu erheben.
Kommen Sie her, kleine Frau, kommen Sie her, wir wollen Frieden
schlieen; ich denke, Sie frchten sich nicht vor mir.

Guste machte ein listiges Gesicht. Sie war eine Hand breit grer, als
der Professor, und offenbar zu Vergleichen aufgefordert. Ich frchte
mich gar nicht, erwiderte sie, wovor sollte ich mich denn auch frchten?

Allerliebst! lachte der Professor, die Hnde mit ungeheurer Schnelle
reibend, allerliebst, und doch so natrlich. Nein, Furcht drfen Sie
nicht haben, haha! Furcht ist ganz berflssig, ich will Ihnen ja nur
Liebes und Gutes erzeigen. Er grinste sie entzckt an, und Guste stimmte
vergngt in sein Gelchter ein, whrend etwas sich um ihre Brust
zusammenzog, was bis in ihre Fingerspitzen rgerlich zuckte. Nun sehen
Sie her, fuhr Viereck fort, ich will Ihnen auch sogleich den Beweis
dafr geben. Heut ist Weihnachtsabend und gestern spt haben wir noch
ber die Vertheilung der gesammelten Geschenke und Geldspenden
beschlossen. Aepfel und allerlei Sigkeiten, sammt Spielzeug fr den
kleinen Burschen da, sollen heut Abend noch folgen, aber das Beste
bringe ich gleich mit, heda! Er schlug an seine Tasche, fate hinein,
zog eine Hand voll Thaler heraus und zhlte langsam und laut funfzehn
Stck auf den Tisch.

Streichen Sie ein, rief er, streichen Sie Alles ein, und keinen Dank
jetzt, ich werde ihn mir spter einfordern. Mertens soll mir morgen den
Empfang bescheinigen, aber ich denke, kleine Frau, Sie sollen fter
blanke Thaler einstecken. Ich habe die Mittel, um Anhnglichkeit zu
belohnen; nun, was meinen Sie -- bin ich Ihr Freund oder nicht? He,
Gustchen? Ist ein treuer Freund nicht eine gute Sache in aller Noth?

Ums Himmels Willen! rief Guste seinen annhernden Bewegungen
ausweichend, wenn Jemand kme! Ich wei gar nicht, was ich sagen soll,
lieber Herr Professor. Ach Gott! wie wird Anton sich freuen!

Wo steckt er denn eigentlich? fragte er.

Er ist zu Kunden gegangen, sagte sie, und will wohl auch ein
Christbumchen mitbringen.

Da fllt mir ein, rief der Professor pltzlich ernsthaft werdend, da
ich von gestern noch ein paar Fragen zu thun habe.

Guste nahm rasch die Thaler fort, legte sie in den Tischkasten und
stellte sich davor. Was war es denn, gtiger Herr Professor, was war es
doch gleich? sagte sie whrend dieser Arbeit. Ach! richtig, Sie wollten
wissen, wie es mit den beiden blutigen Tchern war, die wir der armen
Dame geliehen hatten und mit dem brtigen Herrn, der sie gestern Abend
wiedergebracht hat.

Mit diesem Anfange erzhlte sie weitluftig und ziemlich gelufig eine
lange Geschichte von einer jungen Dame, die einen harten Fall gethan und
ein tchtiges Loch am Kopfe davon getragen htte. Anton habe sie
herunter gebracht, weil sie ganz ohnmchtig gewesen sei, und lange Zeit
sei nthig gewesen, ehe sie mit den Tchern um den Kopf htte nach Haus
gehen knnen.

Hm! sagte der Professor, der aufmerksam zugehrt hatte, und Sie haben
wirklich nicht nach dem Namen gefragt?

In der Verwirrung und Aufregung dachten wir erst daran, als sie fort
war.

Die ganze Geschichte ist etwas seltsam, fuhr Viereck fort, ich bin
jedoch berzeugt, da meine kleine Freundin mir die Wahrheit sagt.

Ich kann es Wort fr Wort beschwren, sagte Guste mit dem ehrlichsten
Gesicht, da ich nicht gewut habe, wer sie war, und da sie
fortgegangen ist ohne ein Wort davon zu sagen.

Wie lange ist es her? fragte der Professor.

Wie lange? O! es knnen drei, nein es werden vier Wochen sein.

War die Dame gro?

Guste besann sich. Ich denke sie war gro, sagte sie.

Schlank, mit dunklen Augen und hohen auffallend gewlbten Augenbrauen.

I Gott bewahre! rief die junge Frau lachend, so schn war sie nicht.

Sehr starkes, glnzend schwarzes Haar.

Ich mchte einen Eid darauf nehmen, sie waren braun oder blond vielmehr,
fiel Guste ein.

Dann kann sie es nicht sein, sagte der Professor vor sich hin. Wo war
denn das Loch? Auf dem Hinterkopf?

Das war es ja eben, rief Guste. Auf der Stirn war es, grade mitten hier
auf der Stirn, kreuz und quer durchgefallen. Es mu eine Narbe bleiben
so lange sie lebt.

So ist es unmglich, fiel der gelehrte Herr ein, denn ich habe sie, die
ich meine, vor einigen Tagen zufllig gesehen und keine Spur von
Pflaster oder Narbe entdeckt.

Sie glauben also, da Sie sie kennen? fragte Guste.

Der Professor nickte wrdevoll. Wenn es die wre, sagte er, so htte
eine gelinde Kopfffnung ihr nicht schaden knnen. Aber sie ist es
nicht.

Ich ging mit einem meiner Freunde, dem Baron Leichtwitz, dicht an ihr
vorber. Leichtwitz sagte: Sperbes Fleisch! worauf sie ihn mit ihren
stolzen Augen starr ansah. -- Wir htten die Narbe sehen mssen; aber
gestern, der Mensch mit dem groen Bart, der die Tcher wiederbrachte,
ich bin noch jetzt beinahe berzeugt, da es ihr Bruder gewesen sein
mu.

Wessen Bruder denn, lieber Herr Professor? sagte Guste neugierig.

Liebliche Unschuld! rief der Professor ihre Arme fassend, ich will kein
Gemlde entwerfen von diesem Bsewicht, der zwischen uns nicht genannt
zu werden verdient. -- Er lchelte anmuthig und nickte zu ihr empor,
pltzlich aber lutete die Glocke an der Auenthr und mit einem
hastigen Ruck befreite sich die junge Frau.

In dem Augenblicke, wo dies geschah, lie sich drauen eine krftige und
froh angeregte Stimme hren. Nein, mein lieber Freund Mertens, lauteten
die deutlichen Worte, ich will selbst Ihrer guten Frau danken, fr den
Beistand, den sie dem armen erschrockenen Verwundeten geleistet hat. Es
war eine verteufelte Geschichte. Das Pistol ging mir in der Hand los.
Ich hatte es fr ganz andere Dinge bestimmt. Helfen konnte ich ihr
nicht, ich rief ihr zu, davonzulaufen; aber sie hat ein muthiges Herz
und verdiente ein Mann zu sein.

Eine schreckliche Verlegenheit ergriff die junge Frau, als sie diese
rasch und unaufhaltsam gesprochenen Worte hrte. Ihr ganzes Gesicht
frbte sich mit einer dunkelen Rthe, die bis in Hals und Nacken lief.
Sie wute nicht, was sie beginnen sollte; ihre erschrockenen Augen
richteten sich auf den Professor, der ganz still sa, doch ebenfalls
nicht wenig verwirrt und berrascht schien.

Das Einzige was Guste in rascher Ueberlegung that, war, da sie die
Tassen auf dem Tisch zusammenpackte und tchtig klirren lie, whrend
sie so heftig und laut sprach, da sie die Stimmen drauen berschrie.
-- Da ist ja mein Mann, Herr Professor, rief sie. Sehen Sie wohl, Herr
Professor, ich sagte, er kme gleich wieder. Nicht wahr, lieber Herr
Professor, ich habe Recht, Herr Professor. Aber wer da mit ihm kommt,
wei ich nicht, Herr Professor. Anton, da ist der Herr Professor! Komm
doch herein, der Herr Professor sitzt hier; der gute Herr Professor hat
Dir eine Weihnachtsfreude machen wollen.

Sie winkte dabei durch die Scheibenthr und schob den grnen Vorhang
zurck, hinter welchem Anton hchst rathlos und bestrzt stand und
seinen Begleiter festhielt, der ihm lebhaft zuflsterte und ihn
seitwrts schieben wollte, whrend der Schuhmacher ihn hinderte, die
Thr aufzumachen.

Nach einigen Augenblicken aber ri Guste selbst die Thr auf und
deutlich genug vernahm sie, da der Fremde leise sagte: Es ist besser,
jetzt hinein als hinaus. -- Dann trat er ber die Schwelle und mit einer
hflichen Verbeugung wandte er sich pltzlich von der jungen Frau zu dem
Professor, der aufgestanden war und seinen Mantel bedchtig umwarf.

Wie! rief der Herr berrascht, wen finde ich hier? Unseren verehrten
Freund, als Arbeiter im Weinberge des Herrn. Wohin mu der Himmel seine
Heiligen fhren, damit sie sich begegnen?! Aber welch glcklicher
Zufall, lieber Professor. Ich bin hier in der Nhe bei einem Freunde,
als dieser wrdige Meister dort erscheint. Auch ich brauche, trotz
meiner demokratischen Verwilderung, als Kulturmensch die verwnschten
aristokratischen Dinger, welche man Stiefeln nennt, um festzustehen auf
meinen Beinen. Sie wissen, Feststehen ist die Hauptsache! Es bleibt mir
somit nichts brig, als ihm zu folgen, und -- wie die Perle in der
grauen Schale finde ich hier den Mann der so oft schon mich aufrichtete,
belehrte, erbaute, trstete, und an seiner Weisheit Brsten sugte.
Bleiben Sie, theuerster Freund, bleiben Sie, wir drfen den schnen
Augenblick unseres Wiederfindens nicht zu schnell abkrzen. Der
Professor hrte unerschtterlich diesen Strom von Spttereien an, ohne
eine Miene zu verziehen. Langsam griff er nach seinem Hute und nach den
Papieren, die unter diesem lagen; dann richtete er sich wrdevoll auf,
und betrachtete den redseligen Herrn mit Blicken voll Ueberlegenheit.
Herr Felix Herzer, sagte er, ich habe die Ehre, Ihnen zu bemerken, da
es mir leider an Zeit gebricht dies zufllige Zusammentreffen zu
benutzen, wie es dasselbe verdient.

O! fiel der junge Mann hflich ein, ich verstehe, mein lieber Herr
Professor Viereck. Sie werden jedenfalls von einigen ihrer berhmten und
vornehmen Freunde erwartet und haben Besseres zu thun, als sich mit mir
zu beschftigen, aber es ist ein Wink des Schicksals, da ich Sie finde,
theurer Herr Professor, denn ich denke von Ihnen einige Nachrichten ber
Personen zu erhalten, die mein besonderes Interesse erregen.

Jedermann wei, erwiderte der Professor, in seine Halsbinde fassend, da
ich allen meinen Mitmenschen gern hlfreiche Dienste leiste, und selbst
-- hier betrachtete er den jungen Mann mit weit geffneten Augen und
hielt einen Augenblick inne -- selbst solche, mit denen ich gern nichts
zu schaffen habe, sind nicht davon ausgeschlossen.

Nun denn, sagte Felix lchelnd, darf ich wohl hoffen, da sie mir
aufrichtig bekennen, ob diese christliche Menschenliebe Sie auch
geleitet hat, als Sie heut hierher kamen?

Was wollen Sie damit sagen? fragte der Professor mit einem seiner
starrsten Blicke.

Lassen wir das, fuhr der junge Mann fort, Friede sei mit uns und diese
Stunde eine Stunde der Vershnung. Warum also wollen Sie mir jetzt noch
nachjagen mit Rossen und mit Wagen? Ich habe frher allerdings wohl
zuweilen Ihren Zorn verdient, als ich in Jugendthorheit Ihre
tiefsinnigen Wahrheiten anfocht und zuweilen die Lacher auf meiner Seite
hatte.

Wollen Sie mich hier von Neuem beleidigen und schmhen, rief Viereck,
sein rothes Gesicht mit Wrde erhebend, wie Sie dies in roher Weise oft
schon gethan haben?

Ich will Sie durchaus nicht beleidigen, fiel Felix demthig ein, ich
schwre Ihnen vielmehr, da es meine Absicht ist, Sie zu vershnen. In
wenigen Tagen schon werde ich diese Stadt und dieses Land fr immer, wie
ich hoffe, verlassen, mein alter Vater und meine arme Schwester, die
zurckbleiben, knnen Ihnen keinen Grund zu Ha und Verfolgung geben.

Ich hasse und verfolge Niemanden, sagte der Professor.

Sie sind zuletzt immer noch der Unschuldigste, und ich glaube Ihnen,
sagte der junge Mann. Sie besitzen aber auch einigen Einflu auf meinen
theueren Vetter Zippelmann und auf den Geheimrath. Ich wei, da diese
Menschen trotz Allem was sie schon ber uns gebracht haben, noch immer
auf Bses sinnen. Ich bitte Sie, mein lieber Herr Professor Viereck,
wenden Sie Ihren Einflu an, um Ihre Freunde von weiteren
Schlechtigkeiten abzuhalten, und warnen Sie den Geheimrath besonders vor
so elenden Subjekten, wie sich diese in seiner Nhe befinden.

Ich habe die Ehre, Ihnen zu bemerken, sagte der Professor in seiner
pathetischen Art, da ich nicht Lust habe, hier Mnner schmhen zu
hren, welche ich schtze und hochachte.

Und warum, mein theurer Herr, warum schtzen und achten Sie diese
Mnner?

Weil sie vor der Welt zu hoch und rein stehen, um von der Verlumdung
angetastet zu werden.

Vor der Welt! ja wohl, vor der Welt! rief Felix, aber Sie kennen ja
hinlnglich alles, was meinem Vater und uns widerfahren ist. Sie haben
selbst daran Theil genommen, so viel Sie vermochten. Sie sind Partei,
und dennoch traue ich Ihnen in diesem Augenblicke zu, da Sie gerechter
sind, wie jene da, die mit Rnken und Betrug aller Art uns zu vernichten
suchen.

Betrug und Rnke! erwiderte der Professor drohend, indem er heftig mit
dem Kopfe nickte und seine Halsbinde in die Hhe zog -- es geht mich
nichts an, ich wei nichts davon, aber hte sich Jeder, so schndliche
Dinge auszusprechen, der nicht reines Herzens ist.

Felix verstummte; seine Augen ruhten flammend auf dem Professor, der
erschrocken zurcktrat, denn das Gesicht des jungen Herzer hatte etwas
Unheimliches. Ein Zucken lief darber hin, auf seiner breiten Stirn lag
eine fahle Blsse, der wilde Bart schien sich hochzustruben und seine
nervige Hand ballte sich auf dem Tisch zusammen, auf welchen er sich
sttzte.

Nach einigen Augenblicken aber verschwand die Aufregung aus seinen Zgen
und mit seiner frheren Freundlichkeit sagte er: Was sollen wir uns
streiten und erzrnen. Wenn Treue und Glauben noch in dieser Welt zu
finden sind, so wird den Menschen, die so begierig lauern, um Unglck
ber uns zu bringen, all' ihr Wthen und Drohen nichts helfen.

Geben Sie mir die Hand, Professor, und lassen Sie uns als Freunde
scheiden. Schlecht und verchtlich sind die, ich sage es noch einmal,
welche Sie als Ehrenmnner vertheidigen, aber mag es darum sein. Ich
ziehe fort und somit seid so patriotisch und tugendhaft wie Ihr wollt.
Bekehrt, wer sich bekehren lt, stiftet Vereine und haltet Reden,
sammelt Geld und werbet Rekruten, frmmelt und heuchelt und streut
Saaten aus, die Euch einst verzehren werden. Ihr werdet die Wahrheit
doch nicht zur Lge machen, den Gang der Menschheit und der Geschichte
doch nicht aufhalten. Das grne Reis wird ein Baum werden, aber der
abgestorbene Zweig wird drr bleiben, begiet ihn so viel Ihr wollt,
beim ersten Sturm wird er zu Boden strzen.

Wir haben nichts zusammen zu schaffen! fiel hier der Professor ein,
indem er die Hand, welche Felix ergriffen hatte, rasch zurckzog. Was
Sie sagen mgen, Herr Herzer, von mir sagen mgen, darber bin ich
erhaben. Von Besserung und Bekehrung ist bei Leuten Ihrer Art nicht die
Rede.

Gott sei Dank! nein, lachte Felix, ich darf hoffen, da Sie keinen
Versuch mit mir machen werden.

O, gewi nicht! rief der Professor mit Pathos. Es giebt Smpfe, die so
tief sind, da wenn man auch Berge hineinstrzte, sie nicht ausgefllt
werden knnten; giftige Gewchse giebt es, denen kein Leben zu nahe
kommen darf; reiende Thiere giebt es, deren Zhnen nichts entgeht.

Und Menschen giebt es, fiel Felix in derselben Redeweise ein, die man
Narren nennt, deren Narrheit so unheilbar ist, da alle Gtter vergebens
daran kuriren wrden.

Mit einem vernichtenden Blicke starrte ihn der Professor an. Felix blieb
vor ihm stehen und kreuzte die Arme; der Professor sah aus wie Einer,
der eine verzweifelte That im Sinne hat. Alles Blut in ihm schien in
sein Gesicht gedrungen zu sein; seine von Natur rothe Nase glhte wie
ein Karfunkel, er zeigte seine Zhne und zitterte vor Zorn, gekrnkter
Eitelkeit und Schaam. Der Schuhmacher und seine Frau standen hinter dem
Tisch als ngstliche Zuschauer dieses peinlichen Auftritts, von dem sie
nicht wuten, wie er enden wrde; pltzlich aber warf sich Felix auf den
Stuhl, der neben ihm stand, und in ein hchst unehrerbietiges Gelchter
ausbrechend, rief er, von dem komischen Anblick des kleinen wthenden
Mannes berwltigt: Und wenn es mein Leben kostete, ich kann nicht
anders. Bringt Wasser, oder er berstet! Professor, so mssen Sie gemalt
werden fr alle Vereinsmitglieder zur ewigen, unvergelichen Erinnerung.

Gut, sagte der Professor mit einem Blicke der tiefsten Verachtung sich
abwendend, wir wollen es berlegen, jedenfalls werde ich mich nicht
weiter herabwrdigen. Aber das merkt Euch, schrie er, den Kopf in den
Nacken werfend und Anton anstarrend, der von dem Lachen des bermthigen
jungen Mannes angesteckt war, welches selbst ein derber Ellenbogensto
und ein empfindliches Kneipen seiner Ehehlfte in seinen rechten Arm
nicht lnger unterdrcken konnte -- das merkt Euch, Jeder wird erhalten,
was er verdient, und die Lgner, die Heuchler, die Betrger und
Verrther sollen ihrem Lohn nicht entgehen. Damit stlpte er seinen Hut
auf, rckte heftig mit der Hand an der Krempe und ging zur Thr hinaus.

Bravo! Bravo! _da capo!_ schrie ihm Felix nach. Bleiben Sie theurer
Freund noch einen Augenblick, nur noch einige wrdevolle patriotische
Schwre. Anton in seiner Herzensfreude klatschte in die Hnde, whrend
Guste ihm den Mund zuhielt und zwischen Aerger, Furcht, innerer
Lustigkeit und eigenntziger Besorgni schwankend ihm zurief: Willst Du
wohl stille sein, willst Du Dich migen, Anton. Er hat uns ja eben
funfzehn Thaler ausgezahlt, der gute Herr Professor; hier liegen sie im
Tischkasten. Ich dachte es wohl, wie es kommen wrde und habe Sie gleich
in Sicherheit gebracht. Und was ist denn das fr ein Benehmen bei
anstndigen Leuten. Lacht man Einen aus, der Geld bringt? Ich frage gar
nichts darnach, ob Du mir zuwinkst. Alles was Recht ist; aber was haben
wir denn von der ganzen Geschichte? Nichts als Aerger und Verdru von
Anfang bis zu Ende und Gott steh' uns bei! wenn es die Geheimrthin
erfhrt. Sie macht uns unglcklich! Aus dem Verein wirst Du mit Sang und
Klang geschmissen, die zweihundert Thaler nehmen Sie uns, und Alles ist
vorbei, Alles ist verloren!

Alleweil la Dir sagen, liebste Guste, stotterte Anton, den bei diesen
inhaltschweren Perspektiven, deren Richtigkeit er anerkennen mute, doch
nicht allzuwohl war, es ist nun einmal nicht anders, und Du hast ja auch
gelacht. Ich habe es Dir angesehen, wie Dir inwendig zu Muthe war.

Mir angesehen? erwiderte sie. Du hast mir gar nichts angesehen, ich
dachte bestndig an den Tischkasten. Aber eine Schande ist es und dabei
bleibe ich. Jetzt kannst Du zusehen, was daraus wird.

Liebe Freunde, sagte Felix, grmt Euch nicht darber, da Ihr den Mantel
der Heuchelei nicht dicht genug ber Euch ziehen knnt. Ueber lang oder
kurz wrde er doch abgefallen sein, oder Ihr wrdet falsch und schlecht
werden mssen. Ich und meine Schwester, wir sind Ihnen groen Dank
schuldig, Frau Mertens, was wir helfen knnen, soll gewi geschehen. Ich
habe Ihrem Manne schon gesagt, was ich denke und thun will; ich habe ihm
Vorschlge gemacht, die berlegt sein wollen, und wie es auch kommen
mag, so bel steht es nicht mit uns, da mein Vater, wenn ich nicht mehr
hier bin, nicht in aller Noth mit Rath und That Ihnen zur Seite stehen
knnte.

Siehst Du wohl, Guste, das pfeift alleweil aus einem andern Tone, rief
Anton und seine Augen glnzten vor Lust, indem er seine Frau umarmte.
Jetzt lache ihn aus, lache ihn den Augenblick aus. Sakerment! der
Nuknacker und die alte dicke Geheimrthin und alle zusammen, ah! ich
knnte an die Decke springen, da ich nicht mehr in den Verein brauche.
Die junge Frau lachte wirklich, aber es kam doch nicht recht von Herzen.
Felix setzte sich zu ihr, er erzhlte ihr Alles und je lnger er redete,
um so mehr hellte sich ihr Gesicht auf. Ein lebhaftes Mitgefhl ergriff
sie, und lange ehe er geendet hatte, schttelte sie ihre ansehnlichen
Hnde voll Zorn ber die gemeine Schlechtigkeit derer, die ihn und seine
Familie verfolgten.

Der Geheimrath empfing an diesem Morgen schon ziemlich frh seinen
Vertrauten, den Kommissarius, der mit geheimnivoller Miene zu ihm in's
Zimmer trat und seinen Backenbart streichelnd, indem er sich verbeugte,
in offenbarer Verlegenheit war, wie er beginnen sollte.

Nun, ich sehe schon, wie es steht, lchelte der Geheimrath, ich sehe,
mein lieber Nachbar, der Irrthum hat sich aufgeklrt, es konnte auch
nicht anders sein. Herr von Gravenstein war bis gestern gegen 10 Uhr bei
uns; uerst ermdet und von Kopfschmerzen geplagt, ging er nach Haus.
Ist es nicht so? Sie mssen es besttigen, Herr von Gravenstein ist ein
Mann, dessen Wort unverbrchlich ist, und er betheuerte uns, da er
eilen msse, um in's Bett zu kommen.

Der Polizeibeamte zuckte whrend dieser Zeit mehrmals mit den Schultern,
und schlug seine groen, raschblickenden Augen in verdchtiger,
bedauerlicher Weise zu dem sprechenden Herrn auf, um sie nachdenkend
wieder von ihm abzuwenden. Er legte den Kopf auf seine linke Seite, um
genau zu hren und schttelte ihn dann nach der rechten Seite hinber,
indem er nochmals an seinen Bart fate und einige dumpfe Tne von sich
gab, die wie ein wiederholtes, langgedehntes Hm! Hm! klangen. Pltzlich
aber hob er sein mchtiges, vollwangiges Antlitz steil in die Hhe und
sagte mit Energie: Herr von Gravenstein hat Ihnen aber dennoch nicht die
Wahrheit gesagt.

Oh! oh! rief der Geheimrath. Nicht die Wahrheit gesagt? Das ist eine
khne Behauptung, eine sehr gewagte Behauptung.

Ich wage nie etwas, erwiderte der Herr, was ich nicht wagen kann und
wei jedesmal was ich zu vertreten habe. Ich sage nochmals, Herr von
Gravenstein hat sich getuscht, denn er ist nicht zu Haus gegangen.

Nun und wohin ist er gegangen? fragte Wilkau unsicher.

Auf den Kirchhof, sagte der Beamte barsch.

Was sagen Sie da! fiel der Geheimrath erschrocken ein. Das ist Tollheit!
Auf den Kirchhof. Wollte er die Todten tanzen sehen?

Ich habe es mit meinen eigenen Augen beobachtet, fuhr der Beamte fort,
denn bei der Wichtigkeit, welche die Angelegenheit fr Sie hat, unterzog
ich mich selbst der Vigilirung.

So Sie? sagte Wilkau ihn anstarrend.

Ich! entgegnete der Herr mit Selbstbewutsein. Er ging so rasch, als er
aus Ihrem Hause trat, da ich ihn fast aus dem Gesicht verlor und nur
seine hohe Gestalt, sein flatternder Mantel und meine scharfen Augen
lieen mich ihn wieder finden. Einige Minuten stand er dicht an der
Mauer der Kirche still, dann sah ich ihn in das Portal treten und nun
merkte ich die ganze Geschichte.

Kirchenmauer, Portal, Geschichte! rief der Geheimrath. Theuerster
Freund, Sie befinden sich doch wohl?

O! ganz wohl, sagte der Kommissarius lchelnd. Es dauerte gar nicht
lange, so kam sie.

Wer kam?

Sie, fuhr der Beamte fort. Ganz leise, wie ein Schatten, ganz schwarz,
wie ein Gespenst; aber nun tritt ein seltsamer Zwischenfall ein, den ich
mir nicht erklren kann. Es war noch ein Dritter da; wer er war, wei
ich nicht, was sie sprachen, blieb mir verborgen, denn ich stand in zu
groer Entfernung. Zuweilen wurde gelacht, dann kam es mir vor, als sei
Streit; endlich aber hrte ich deutlich, da Herr von Gravenstein sagte:
Ich befehle es! und bei diesen Worten entfernte sich der Dritte, so
schnell er konnte. Er gab ihr den Arm und fhrte sie fort, ziemlich
dicht bei mir vorber -- ich stand nmlich hinter einem Pfeiler -- und
konnte ganz genau sehen, wie er sie umfat hatte und an sich drckte,
bis er mit ihr die kleine Pforte erreichte, wo er Abschied nahm.

Sagen Sie mir ein Wort, flsterte der Geheimrath, seinen Arm fassend.
Hat sich das Alles wirklich zugetragen?

So gewi wir beide hier stehen.

Und der Mann, den Sie sahen, war Gravenstein?

Er war es ganz sicher, denn bis an seine Wohnung habe ich ihn begleitet.

Und sie -- das Frauenzimmer meine ich -- die in seinen Armen lag -- es
war -- wie heit sie?

Es war das hbsche Frulein Herzer, auf mein Ehrenwort, Herr Geheimrath.
Sie kennen doch die kleine Pforte in dem Gchen. Dort kam sie heraus
und ging hinein.

Jetzt wei ich Alles! sthnte Wilkau aus tiefer Brust. -- Er legte die
Hnde auf den Rcken, ging durch das Zimmer und kam dann zurck, indem
er in gewohnter Weise lchelte. Aber so ganz Herr war er doch nicht ber
sich, da sein farbloses, unter den heftigsten Empfindungen arbeitendes
Gesicht die noblen Lebensanschauungen besttigt htte, welche er dem
lieben Nachbar jetzt zum Besten gab.

Wir haben es mit einem jungen Heisporn zu thun, mein werther Freund,
sagte er, dem je eher je lieber Schlo und Kette angelegt werden mu.

Ring am Finger, lachte der Kommissr, und dann einige schreiende
Kleinigkeiten, so wird Alles gut.

Der Geheimrath nickte vergngt. Sie verstehen es, erwiderte er.

Ich kenne die Welt, rief der Herr. Wir haben Alle unsere Streiche
gemacht. Leben und leben lassen.

Ein goldenes Wort, sagte Wilkau. Im Grunde ist es nichts und heies
Blut, Verlockung, gereizte Nerven thun viel. Ich werde handeln wie es
nthig ist. Von einer ernstlichen Absicht kann natrlich bei dieser
nchtlichen, romantischen Plsanterie des jungen Herrn auf dem Kirchhofe
die Rede nicht sein.

I, Gott bewahre! rief der Beamte, nichts als Spa.

Also eine Posse, versetzte der Geheimrath, doch Alles hat sein Ende. Es
ist aber merkwrdig was unsere Jugend jetzt fr Streiche macht.

Es liegt in der Zeit, verehrter Herr Geheimrath.

Eine schne Zeit! ja wohl, ja wohl! sagte Wilkau. Nun, wir mssen es so
hinnehmen. Jugend hat keine Tugend. Man mu die gebratenen Gnse jetzt
mit der Haut essen, versetzte der Kommissr.

Die beiden Herren lachten, der Geheimrath schttelte dem lieben Nachbar
die Hand. -- Guten Morgen, Herr Nachbar! Sie sind der richtige Mann.
Sollte noch etwas vorfallen, so verlasse ich mich auf Sie, aber ich
denke, es wird nichts vorfallen. Meine ewige Dankbarkeit bleibt Ihnen,
es wird sich schon Gelegenheit finden, wo ich dienen und helfen kann.
Immer wenden Sie sich an mich, dreist an mich, nur darum bitte ich --
strenge Verschwiegenheit.

Der Kommissr legte den Finger auf den Mund, seine groen Augen glnzten
in Ergebenheit und Eifer. Mit einer tiefen Verbeugung und
hochgestrubtem Backenbarte verlie er seinen Gnner.

Als er fort war, zog der Geheimrath die Klingel. Der Bediente mit der
rothen Nase scho herein und blieb an der Thr stehen. Der Geheimrath
kehrte ihm den Rcken zu und besah eine Feder.

Meine Tochter ist doch schon auf? fragte er.

Das gndige Frulein ist vor einer Stunde schon aufgestanden, erwiderte
Friedrich vertraut und listig lchelnd. Arbeitet in ihrem Zimmer an der
Brse fr Herrn von Gravenstein.

So, sagte der Geheimrath, so sage der Louise, sie soll dem Frulein
melden, ich wnschte sie sogleich zu sprechen.

Der Geheimrath blieb stehen, probirte noch einige Federn, nahm dann ein
Federmesser und schnitt ein paar Spitzen ab, bis er wieder die Thr
ffnen hrte, worauf er sich umwandte und seiner Tochter freundlich
zunickte.

Guten Morgen, Papa, sagte Elise, was giebt es denn? Ich bin ganz
erstaunt ber Deine Botschaft.

Der Papa warf einen forschenden Blick auf sie. -- Die aufgewickelten
Locken, der Morgenrock, das blasse Gesicht, die matten wasserblauen
Augen kamen ihm in seinen Betrachtungen und geheimen Vergleichen nicht
besonders reizend vor. -- Erwartest Du Alfred nicht? fragte er.

O! freilich, Papa, erwiderte sie. Ich bin voller Neugier, was er mir
heut Abend schenken wird.

Du arbeitest eine Brse fr ihn?

In hchster Eile, sagte sie lachend. Man kauft dergleichen Arbeiten
jetzt angefangen, das heit beinahe fertig, und hat nur wenig noch damit
zu thun.

Das ist sehr bequem, Elise.

Aber ist es zu verlangen, da man Wochen lang sich plagt, wie in alter
Zeit, Papa, wo man durchaus den Geliebten eigenhndig bestricken,
besticken und umgarnen mute? Jetzt thun das Andere fr uns und der
Glaube macht selig.

Nimm Dich in Acht! rief der Geheimrath lchelnd und drohend.

Wovor, Papa.

Vor dem Bestricken und Umgarnen durch Andere.

Alfred? sagte sie spottend. O! das Netz ist fest.

Es giebt kein Netz, das nicht reien knnte, fiel er ein.

Was willst Du denn? fragte sie aufmerksam. Warum hast Du mich zu Dir
befohlen?

Ich wollte Dich fragen, begann er nach einem kurzen Schweigen, ob es Dir
Recht wre, wenn sich Deine Hochzeit beschleunigte.

Beschleunigte? wiederholte Elise, indem sie in seinen Augen zu lesen
schien.

Ja, beschleunigte, antwortete der Papa. Ich denke am Neujahrstage das
Aufgebot, dann rasch die brigen Formalitten abgethan und die Hochzeit
in drei Wochen.

Du willst mich ja frmlich ber Hals und Kopf los werden, erwiderte sie
lchelnd. Es ist unmglich, Papa, die Einrichtungen erfordern Zeit.

Es mu mglich sein, sagte er mit der entschiedensten Bestimmtheit.

Und Deine Grnde? fragte Elise, nachdem sie ihren Vater nachdenkend
betrachtet hatte; ich wei, Du thust nichts ohne triftige Grnde.

Der Geheimrath neigte sich zu ihr und sagte mit leiserer Stimme: Dein
Glck bewegt mich dazu, ich will es vor allem Wanken schtzen.

Was wankt? Wer wankt? rief sie unglubig.

Hre mich an, Elise, sagte er. Liebst Du Alfred?

Das ist die sonderbarste Frage, Papa, die je an eine Braut gerichtet
werden kann, erwiderte sie spottend.

Du bist verstndig, fuhr er fort; Dein Herz will ich nicht beschweren,
auch keinerlei Tadel oder Makel auf Alfred werfen.

Mein Gott! Papa! rief die Braut die Farbe wechselnd, sprichst Du denn im
Ernst?

Er nickte ihr langsam zu und sagte dann: Aengstige Dich nicht, Kind,
erschrick auch nicht, es ist nichts, gar nichts, als eine
Nichtswrdigkeit von Seiten der Familie, die uns schon so viel Verdru
verursacht hat. Du weit, Alfred ist bei Herzer gewesen, er hat dort
Clara gesehen; auf ihr Bitten hat er sein Recht aufgegeben und das haben
die Elenden sich gemerkt, die sanften, menschlichen Regungen Alfreds
benutzt und eine Intrigue angezettelt, an welcher Alfred durchaus
unschuldig ist und keinerlei Theil hat, die aber doch nicht ganz ohne
Eindruck bei ihm geblieben sein mag.

Es ist Rache, Papa, eine verchtliche Rache, bei der Felix hilft.

Rache und Eigennutz, sagte der Geheimrath; aber wir mssen ihre Plane
vereiteln und es giebt einen Weg dazu, der unfehlbar ist. Du mut dabei
mitwirken, Elise.

Ich? rief das Frulein, was soll ich thun?

Nichts als eine kleine List ausben, erwiderte der Papa. Alfred wird
kommen, verschaffe Dir auf irgend eine Weise sein Taschenbuch. Du wirst
schon ein Mittel finden, ihr Weiber seid erfinderisch, wenn es
dergleichen gilt.

Aber wenn es Alfred merkt, sagte Elise bedenklich.

Du sollst das Taschenbuch nicht behalten, fiel Wilkau ein. Gott bewahre!
Nur ein Papier sollst Du rasch herausnehmen, oder ich will es
herausnehmen, ich selbst, womit Herzer ihn betrogen hat. Ich will ihm
den Betrug beweisen. Ist er dahin gebracht, so wird er uns unsere
liebevolle Sorgfalt vergeben und -- Herzer ist in meiner Gewalt,
flsterte er mit dem Ausdruck des ingrimmigsten Hasses, es ist gar nicht
mehr daran zu denken, da Alfred sich diesen Menschen jemals wieder
nhern knnte.

So hat er sich Ihnen also jetzt genhert? fragte das Frulein erregt.

Aus Mitleid, Elise; aus einem edlen Gefhl fr ein, wie er meint,
schuldloses, schnes Mdchen. Denn schn ist sie, und in ihren Augen
liegt etwas, was einen Mann bezaubern kann. Du willst also?

Ich will, ja wohl, ich will! rief Elise heftig. La mich nur machen,
doch sei bei der Hand. Wer klopft da? O Himmel, ich darf mich nicht
sehen lassen. Mit diesen Worten schlpfte sie durch die Seitenthr in
demselben Augenblick, wo der Professor von der Korridorseite hereintrat
und eine tiefe Verbeugung machte.

Lieber Professor, sagte der Geheimrath eilig, ich denke wir sehen Sie
heut Abend bei uns. Nicht wahr, heut Abend? Oder wollen Sie mit meiner
Frau ber den Aufbau der Weihnachtsbescheerung in Vereinssachen
sprechen? Oder was giebt es denn? Sie sehen ber die Maen erhitzt und
feierlich aus.

Ich habe eine Entdeckung gemacht! erwiderte Viereck, indem er seine
Halsbinde ungeheuer hoch zog und eine Anstrengung machte, als wollte er
seinen ganzen Krper daran in die Luft heben.

Quadratur des Zirkels, Perpetuum mobile, oder was ist es? fragte Wilkau.

Falsch! falsch! es ist ungeheuerlich! murmelte der Professor, seinen
Zeigefinger an die Nase legend.

Lieber, guter Viereck, rief Wilkau, es greift meine Nerven an, Sie in
dieser Kolumbuslaune zu erblicken.

Sagen Sie mir, fragte der Professor wrdevoll nher tretend, haben Sie
keine Ahnung, wer an jenem Abende die verbrecherische Pistole vor ihrem
Hause abfeuerte?

Die Pistole? Ahnung? Nicht die geringste. Ist das Ihre Entdeckung?

Meine Entdeckung, sagte Viereck stolz, so ist es. Ich kenne die beiden
Vagabonden; er und sie oder sie und er, gleichmig schuldig, obwohl der
ganze Zusammenhang mir noch nicht ganz klar geworden ist.

Wie? rief Wilkau; er und sie oder sie und er?

Es ist wunderbar wie mein Scharfsinn das herausgebracht hat, fiel der
Professor ein, indem er staunend in den Spiegel sah. Wenigen wrde es
geglckt sein, denn es gehrt Menschenkenntni dazu, Kaltbltigkeit,
Combinationsvermgen, ein tiefer Blick in die Natur.

Ich bitte Sie, Freund, schrie der Geheimrath, es ist nur mglich mit
Ihren Gaben, ich gebe es zu, aber nun sagen Sie mir schnell, wer es war?

Wer anders, versetzte der Professor, als der schndliche Bube, Felix
Herzer, und seine tugendhafte Schwester.

Der Geheimrath lie die Hand, welche er auf des Professors Schulter
gelegt hatte, sinken und sah ihn starr an, dann lief ein
eigenthmliches, verklrtes Lcheln durch sein Gesicht. Er drckte den
Professor auf das Sopha, setzte sich zu ihm und sagte schmeichelnd:
Jetzt mssen Sie mir Alles erzhlen, Ihre ganze Entdeckung bis auf's
Kleinste, dann wollen wir gemeinsam weiter berathen.

Alfred von Gravenstein trat etwa eine Stunde spter in das
Familienzimmer und Elise flog ihm entgegen, legte ihre schmale Hand auf
seine Stirn und sagte mit der Miene eines Arztes: Das Fieber ist fort,
mein verehrter Herr, alle Hitze hat sich in das Herz zurckgezogen,
wohin sie gehrt, aber ich finde noch einige Trockenheit, einige dstere
Schatten in den Augen. Wir mssen an wirksame Mittel denken, um Symptome
zu bewltigen, die wiederum zur Krankheit werden knnen, wenn wir nicht
zeitig vorbeugen. Ich verordne Ihnen daher heut am Weihnachtsmorgen drei
Ksse, am Abend aber werde ich sehen, wie weit wir die Dosis verstrken
knnen.

Alfreds Gesicht war in der That ernsthafter und selbst dsterer, als es
gewhnlich war. Seine Augen sahen rthlich aus, wie von einer
schlaflosen Nacht und seine muskelkrftigen Zge hatten etwas
Verzerrtes, als sei er heftig aufgeregt oder erzrnt.

Nach und nach aber verlor sich diese Starrheit des Ausdrucks unter
Elisens Scherzen und Neckereien. Er lachte mit ihr und lie sich
ausschelten, indem er die Medizin in Empfang nahm und, deren gute
Wirkung belobend, um einen neuen Lffel voll bat, den sie standhaft
verweigerte.

Du wirst viele Geduld mit mir haben mssen, rief er endlich, indem er
mit einem innigen Blick ihre beiden Hnde ergriff. Mein reizbares Gemth
ist leicht verstimmt, verdstert durch Menschen und Dinge, die mir
gleichgltig sein knnten, erregt durch jeden Antheil an Verhltnissen,
die mir nher treten, selbst empfindlich gegen den grauen Himmel, der
ber uns hngt.

In Wahrheit, Alfred, sagte Elise, Du siehst verstrt aus und machst mich
besorgt.

Druck im Kopf, erwiderte er, erfreut ber ihre Sorge, die ihm wohlzuthun
schien.

Du sollst aber wohl sein, ich will es haben, rief die Braut. Heut,
lieber theurer Alfred, ist ja Weihnachtsabend, wo mein Christbumchen
herrlich und freudig Dir brennen mu. Da meine erste Medizin nichts
geholfen hat, so mu ich eine andere versuchen, die mir selbst oft
wohlthut.

Sie eilte zu einem Eckschrank, nahm ein Flschchen und einen Lffel
heraus, schttelte das Flschchen um und begann die Flssigkeit in den
Lffel zu gieen.

Um Gottes Willen! sagte Alfred lachend, ich soll doch nicht etwa das
Zeug verschlucken?

Das sollst Du; ganz gewi, das sollst Du! erwiderte sie nher tretend.

Ich hasse alles, was Medizin heit, auf's uerste.

Schadet nichts, Du mut! sagte sie entschlossen.

Liebe Elise, rief er sich strubend; -- aber ein bermthiges Lachen, in
welches Alfred einstimmte, unterbrach seine Worte. Nimm Dich in Acht!
schrie er in dem Augenblick, wo der Lffel umkippte und der ganze Inhalt
ber ihn hinflo.

Zu spt sprang er zurck; es war geschehen. Elise warf den Lffel fort,
ihre Ausgelassenheit verdoppelte sich, als sie den verlegenen Blick sah,
mit welchem er seinen Rock betrachtete.

O Uebermuth! was hast Du angerichtet, rief er. Es riecht abscheulich
nach Wermuth und Kampfer. Was soll ich nun anfangen?

Sie klatschte in die Hnde, sprang aber dann von dem Stuhl auf und sagte
noch immer lachend: Wie unbehlflich sind doch diese gebietenden Herren
der Schpfung. Gieb den Rock her, schnell, schnell! Eine Braut kann auch
wohl einmal Kammerdienerdienste verrichten. Eins, zwei, drei, soll mit
einigen Wassertropfen der Schaden geheilt werden.

Alfred fgte sich willig, er war belustigt von dem Vorschlage. Nun,
immerhin, sagte er, es soll Deine Strafe sein; dann streifte er den
Frack ab, mit dem Elise rasch davoneilte.

Es ist eine husliche Scene, murmelte er, als sie hinaus war. Sonderbar,
in welche Lage hat sie mich mit diesen Possen gebracht. Aber wie
gutherzig und gleich bereit zur entschiedenen That. Voller
Liebenswrdigkeit, voll heitrer Laune, und ber die ngstlichen
Schranken steifer Prderie hinaus.

Bei diesen Worten wandte er sich lebhaft um, der Thr entgegen, durch
welche der Assessor Stephani so eben hereintrat. Alfred blieb stehen,
sein Gesicht wurde pltzlich ernsthaft.

Wie, Herr Baron, rief Stephani in vertrauter Weise, ist der Frhling
Ihres Herzens zum Ausbruch gekommen?

Ich begreife nicht, erwiderte Alfred kalt. --

Wie ich Sie berraschen konnte, unterbrach ihn der junge Herr. Man lie
mich drauen passiren und, wie konnte ich vermuthen, Sie in
Sommernachtstrumen allein zu finden.

Mein Herr, sagte Alfred von Gravenstein stolz und finster, was
nchtliche Trume anbelangt, so habe ich diese Nacht einen gehabt. Es
war ein Winternachtstraum, den ich so leicht nicht vergessen werde. Da
ich aber etwas auf Trume halte und auf die Warnungen, welche sie uns
geben, so bitte ich, da Sie dies in allem ferneren Verkehr zwischen uns
bercksichtigen wollen.

Ach so, lchelte Stephani, ich bin davon keinesweges berrascht. Ich
habe ebenfalls getrumt. Wir sahen uns beide, ich Sie, Sie mich; allein
ich nehme an, da wir uns gegenseitig nicht damit belstigen wollen, uns
unsere Trume vorzuerzhlen.

Ich wenigstens, erwiderte Alfred, bin weit davon entfernt. Nur in dem
Falle, fuhr er fort, indem er einen durchbohrenden Blick auf das
lchelnde Auge des Anderen warf und dann schwieg.

Nun, in welchem Falle, lieber Baron? fragte jener unbesorgt. -- In dem
Falle, da ich wieder trumen sollte. Dann, Herr Stephani, dann werde
ich Ihnen meinen Traum erzhlen und eine deutliche Auslegung hinzufgen.

Mein Gott! was Sie eifrig werden, rief Stephani spottend. Ich habe mich
erkltet bei dem Besuch der Knigin Mab und fhle nicht die geringste
Lust nach weiterer Bekanntschaft. Inde zwingen Sie sich nicht, theurer
Baron, vielleicht knnten wir uns gegenseitige Auslegungen machen, und
Frulein Elise oder Herr von Wilkau wrden nicht wenig ber Eines oder
das Andere erstaunt sein.

Eine Rthe, die er nicht unterdrcken konnte, lief ber Alfreds Stirn.
Sein Blick wurde unsicher, er senkte ihn nieder; eine Reihe pltzlicher
Gedanken und Vorstellungen schien ihn zu berkommen. Ich habe Ihnen
schon einmal erklrt, sagte er dann, was ich darber beschlossen habe.

Also Frieden zwischen uns, Herr von Gravenstein, rief der Assessor im
Gefhle seines Uebergewichts. Lassen Sie uns eintrchtig neben einander
wandeln und alle Trumerei vergessen.

Alfred sah einen Augenblick ber die Hand hin, welche Stephani ihm
entgegenhielt und trat dann zurck, indem er sich umwandte und
schweigend nach dem Fenster ging.

Nun, wie Sie wollen, lieber Baron, ganz wie Sie wollen, lachte Stephani,
wir haben Zeit uns gelegentlich zu verstndigen. Vor der Hand will ich
den Geheimrath aufsuchen. Es bleibt also bei unserer Abrede, wir
schweigen beide und trumen nicht wieder.

Whrend diese Scene in dem Familienzimmer vorging, war Elise hastig
durch einige Thren geeilt, bis ihr der Geheimrath entgegenkam, der sie
erwartet zu haben schien.

Als er den Rock in seiner Tochter Hand erblickte, spannte sich die
Erwartung in seinem Gesicht bis zum uersten Grade. Seine Muskeln
zuckten, seine Augen erhielten einen eigenthmlichen Glanz; er fate mit
katzenartigem Griff, wie ein Geizhals, der einen Schatz festhalten will,
welcher ihm entrissen werden knnte, nach dem Kleidungsstck und sagte
leise: Hast Du ihn wirklich, Kind? Du bist ein Engel! -- Gieb her,
geschwind her, wo ist die Tasche? Kehre ihn um, kehre ihn um!

Halt! Papa, halt! rief Elise. Nimm das Taschenbuch, da steckt es, den
Rock mu ich waschen und reiben lassen. Es wre zu viel fr meine
Nerven. -- Louise soll ihn in die Kur nehmen, bald kehre ich zurck und
whrend dessen thue was Du willst.

Mit triumphirendem Lcheln hob der Geheimrath das Taschenbuch in die
Hhe und nickte seiner Tochter zu. Dann lief er auf den Zehen zu der
Flgelthr, und drehte dort den Metallriegel um, und nun trat er an den
Tisch und ffnete rasch den leichten Verschlu seiner Beute. Ich thue es
ja nur zu unserem allseitigen wahrhaften Wohle, murmelte er vor sich
hin, zur Entlarvung des Verbrechens, zur Sicherung der Ehre und des
Glcks meiner Familie, und Alfred selbst mu es mir danken, wenn ich ihn
zwinge, von seinem Verderben abzustehen. Mit diesen Worten durchwhlte
er hastig die Seitentaschen und Doppeltaschen, in welchen verschiedene
werthvolle Bank- und Kassenscheine steckten, dann zog er ein Billet
heraus, das er mit einem spttischen und haerfllten Blick aufschlug.
Flchtig las er den Inhalt vor sich hin: Sie wollen mir eine wichtige
Mittheilung machen, ich berwinde allen Widerstand und werde gleich nach
zehn Uhr auf dem Kirchplatze hinter unserem Hause mich einstellen, wie
Sie es vorgeschlagen, Clara. -- Da haben wir ja den Beweis, den
frchterlichen Beweis, wie weit das Einverstndni schon gekommen ist,
rief er drohend. Davon darf Elise niemals ein Wort wissen, aber in der
Stille will ich den leichtsinnigen Patron doch vornehmen und ihm die
Leviten lesen. Er besann sich einen Augenblick, steckte das Billet aber
wieder an seinen Ort und ffnete rasch die letzte Tasche, aus der ihm
mehre zusammengeschlagene dnne Papiere entgegen fielen, die er sogleich
erkannte.

Da sind sie, flsterte er. Eins, zwei, drei -- drei Wechsel, jeder zu
zweitausend Thaler. Ha, die Unterschrift! Die steilen, zittrigen
Buchstaben nachgemacht, aber schlecht, miserabel schlecht. Alfred htte
es auf den ersten Blick merken mssen, da es dieselbe Hand ist. Er ist
verloren! sagte er mit dumpfem, hohlem Ton in sich hinein. Jetzt habe
ich sie, und kein Gott soll sie retten.

Nun, Papa? rief Elise, indem sie mit dem Rocke zurckkehrte.

Der Geheimrath zog die Hand aus seiner Weste, steckte mit der andern
rasch die Brieftasche in den Frack und lchelte seiner Tochter zu.

Alles in Ordnung, Du Schelm, erwiderte er. Was so ein kleiner Kopf nicht
alles ausgrbeln kann! Rasch hinein, der arme Alfred mu frieren. Ich
komme in einem halben Stndchen, er mu bei uns bleiben. Macht zusammen
einen Spaziergang oder eine Spazierfahrt, was Ihr wollt und rufe die
Mutter, die mit dem Professor drben sitzt und noch immer
Weihnachtsgeschenke vertheilt.

Du bist also mit mir zufrieden? fragte Elise.

So zufrieden, schmeichelte der Papa, da ich Dich zum Geheimrath machen
mchte, wenn ich nicht selbst einer wre. Aber sei liebenswrdig, Elise,
und befestige Deine Herrschaft, im Fall Alfred das bel nehmen wollte,
was wir zu seinem Wohle thun muten.

Sei ohne Sorge, rief sie zurck. Die ganze Geschichte ist ja ein Scherz.
Ich darf ihn und mich nicht betrgen lassen.

Als sie hinaus war, stieg der Geheimrath die Hintertreppe seiner Wohnung
hinab und erschien pltzlich ganz unerwartet bei Herrn Zippelmann, der
in seinem schottisch roth und grn karirten Schlafrock, eine violette,
etwas abgetragene Sammtmtze auf dem Haupte, auf dem Sopha sa und eine
frchterliche Tabackswolke verbreitete, aus welcher seitwrts der Kopf
des Assessors auftauchte.

Na, da kommt ja der Geheimrath, rief Herr Zippelmann. Hehe! wie steht es
mit der Weihnachtsbescheerung? Alfredchen lief vorher bei mir vorber,
wie ein wilder Eber, ohne mich anzusehen. Wissen Sie was, Geheimrath, so
ein politischer Schwiegersohn hat doch immer seine Mucken. Es kommt aber
alles von der deutschen Einheit; das ist der dummste Gedanke im ganzen
Jahrhundert, der eine Verrcktheit ber uns gebracht hat, die uns nie
wieder verlassen wird. Stellen Sie sich vor, jetzt wollen Sie ein
Parlament berufen! Hehe! wahrhaftig ein Parlament, als wenn noch nicht
genug geredet wre. Schicken Sie Alfredchen hin, der redet nicht viel,
hehe! Aber wie sehen Sie denn aus, liebster Geheimrath? Ganz
seelenslustig wie damals, wo wir uns die schwarz-roth-goldene Kokarde
annhten.

Der Assessor war aufgestanden und ohne auf Herrn Zippelmanns Reden zu
achten, hatte der Geheimrath sich ihm genhert und einige Schritte weit
zum Fenster gefhrt, wo er rasch und leise mit ihm sprach und eben so
leise Antworten erhielt. Jetzt wendete er sich um und pltzlich hielt
Zippelmann mehre Papiere hin, indem er im bestimmten Tone sagte: Haben
Sie das geschrieben, lieber Zippelmann? Ist das Ihre Unterschrift?

Den Teufel! schrie Herr Zippelmann zurckprallend, als sei er von einer
Wespe gestochen worden. Nichts habe ich geschrieben. Ich kann einen Eid
leisten! Es ist auch gar nicht meine Hand, es ist ein Betrug, so wahr
ich lebe! oder ein Witz oder ein Weihnachtsspa. Hehe! wie kommen Sie
denn dazu, liebster Geheimrath? Es sind ja wahrhaftig die drei Wechsel,
die der Bengel, der Felix, mir vorlegte, wie er mich rhren wollte. Aber
ich, rhren! Eher wird eine deutsche Einheit zusammengerhrt oder eben
so unmglich. Hehe! was wollen Sie also, Geheimrath? Von mir kriegt
keiner einen Pfennig und wenn es das ganze Parlament auch unterschrieben
htte.

Sie erkennen diese Wechsel also als diejenigen an, welche der junge
Herzer Ihnen damals vorlegte? fragte Stephani.

Freilich erkenne ich sie an, schrie Herr Zippelmann. Da ist der
dreieckige Tintenklex, den ich machte, als der Vagabond mir mit Gewalt
die Feder aufdringen wollte. Ich leistete aber Widerstand, passiven
Widerstand, und machte die Hand fest zu. Ich sage Ihnen, liebster
Geheimrath! ich war unerschtterlich. Keine Miene verzogen, kein Glied
gerhrt, hchstens gelchelt; gerade so wie unser verehrter Minister,
wenn die ganze Meute ihn anblafft, was ich auch von ihm in Betreff der
deutschen Einheit gewi bin. Hehe! der wird sie machen, geben Sie Acht,
Geheimrath, der macht sie!

Was meinen Sie also, lieber Assessor? fragte Wilkau inzwischen.

Die Absicht eines Betruges liegt jedenfalls vor, sagte Stephani, und
unfehlbar knnte Seitens des Staatsanwalts schon jetzt eingeschritten
werden. Wenn wir dem wrdigen Zippelmann diese Wechsel in die Hand
geben, er sie als falsch, seine Unterschrift als nachgemacht erkennt,
und wenn der ganze Zusammenhang der Umstnde damit verbunden wird, so
drfte Herr von Gravenstein wohl gezwungen werden knnen, Zeugni
abzulegen, unter welchen thatschlichen Verhltnissen sie ihm als
Unterpfand gegeben wurden. Geben Sie mir die Papiere, in einer Stunde
soll die Sache im Gange sein.

Der Geheimrath zog jedoch die Hand mit den Wechseln zurck und steckte
diese ein. Wir wollen nichts bereilen, sprach er lchelnd. Die Papiere
habe ich, morgen frh luft der Termin ab, das Geld knnen sie nicht
schaffen, wir knnen also immer noch sehen, was Gravenstein thut, mit
dem ich morgen gleich reden will. Ich habe aber noch einen Grund, fuhr
er fort, der mich zurckhlt; htte ich frher gewut, was ich jetzt
wei, so htten wir diese Dinge vielleicht gar nicht gebraucht.

Herr Zippelmann und der Assessor sahen ihn neugierig an. Ja wohl, fuhr
er fort, ich denke, Herr Felix und seine saubere Schwester sollen dem
strafenden Arme der Gerechtigkeit nicht entgehen. Beide sind es gewesen,
sie in Mannskleidern, die vor dem Hause hier die Frevel verbten. Er hat
das Pistol abgefeuert. Ich erwarte nur noch Zugestndnisse eines
sicheren Zeugen, der sich dazu bequemen wird, wie er mu, um vollstndig
im Klaren zu sein.

Der Assessor sah starr vor sich hin. Was, was! schrie Herr Zippelmann,
seine Troddelmtze rund um den Kopf drehend. Der heillose Galgenstrick!
das ist er auch gewesen? -- Sie sollen Alles hren, sagte der
Geheimrath, Sie sollen Genugthuung haben.

Jetzt, Guste, alleweil, liebste Guste, jetzt komm! rief Anton Mertens
mit dem freudigsten Gesicht zu der kleinen Thr hinaus, die nach der
Kche fhrt.

Bist Du schon so weit? antwortete die junge Frau, erwartungsvoll
lachend, indem sie mit dem Kinde auf dem Arme seinem Rufe folgte.

Siehst, wie's glnzt und flimmert? schrie Anton. Ein propres
Christbumchen mit zehn Lichten. Gieb ihn her, den kleinen Kerl, gieb
ihn her, und nun schau Dir's an, ob ich's recht gemacht habe.

Er zog sie an der Hand fort, whrend er ihr das Bbchen abnahm. Sein
Gesicht glnzte vor Freude; er warf sein Haar heftig zurck und tanzte
rund um den Tisch vor Seligkeit, als das Kind jauchzend seine Hndchen
dem Lichtglanze entgegenstreckte.

Anton hatte in der That gethan, was er vermochte. Ein Tannenbaum mit
Goldschaum und bunten Schleifen verziert stand mitten auf dem
weigedeckten Tische; Mandeln, Nsse und Pfefferkuchenreiter und Knige
hingen von allen Zweigen herunter, eine groe Schssel voll Aepfel und
ein Kuchen obenauf war vor dem Baum aufgepflanzt, aber die eine Seite
des Tisches gehrte vorzugsweise seiner Frau, die andere dem Kinde an;
denn hier lagen Handschuh, ein Winterhut, ein groes Umschlagetuch und
in einem geffneten groen Papier ein schnes dunkelgrnes Wollenkleid;
dort gab es ein paar kleine Schachteln mit Bumen und Husern, sammt
Peitschen, Trompeten und Thieren allerlei Art.

Schau hin, liebste Guste, schau hin! rief Anton, das ist alles Dein, was
Du da siehst! So fa' es doch an, Frau; fa' es an, ob es Dir gefllt.

Du bist ein Verschwender, Anton, erwiderte sie, whrend ihre Augen vor
Vergngen blitzten. Es ist zu viel, viel zu viel! und bei diesen Zeiten
und in unserer Lage. Ach! ein neues Kleid, wohl gar ein Tibetkleid? Bist
nicht gescheut, Anton! Gott! was sind die Mnner leichtsinnig. Ich htte
es ja nicht nthig gehabt, es wre so auch gegangen.

Aber es war lange schon Dein Wunsch, liebste Guste, rief Anton, den Arm
um sie schlingend.

Als ob man sich nicht Allerlei wnschen knnte, fiel sie roth vor Freude
ein. Du bist ein Narr! ja gewi, ich habe es immer gesagt, Du mut
Jemand neben Dir haben, der Dir aufpat, sonst machst Du dumme Streiche.

Ach, Guste! lachte er, sie an sich drckend, verstell' Dich doch nicht.
Sakerment! ich sehe Dir's ja an, wie lieb es Dir ist. Es ist grn,
dunkelgrn, wie Du es gern haben wolltest.

O, es ist wunderschn, lieber guter Anton! sagte sie mit
hervorbrechender zrtlicher Dankbarkeit, und der schwarze Hut dazu und
hier ein Umschlagetuch, ein weies gewirktes. -- Mein Gott! es ist ja
Wolle, kein Faden Baumwolle, die reine Wolle und ganz gro mit Palmen.
-- Anton! Du bist um den Verstand gekommen, reinweg um den Verstand, und
woher hast Du das Geld -- das schwere Geld Anton?!

Alleweil sei nur stille, rief er herzlich lachend, mein Verstand sitzt
noch fest da oben, nmlich so viel ich davon bekommen habe; aber den
Tuch da hatte Herr Felix in seiner Manteltasche und als er heut fort
ging, gab er es mir drauen, und sagte, ich sollte es Dir aufbauen heut
Abend, und dann gab er mir noch ein kleines Papier, das kme von seiner
Schwester, das sollte ich darauf legen. Ich wollt's nicht nehmen, Guste,
Sakerment! ich wollte absolut nicht; aber er sah mich mit seinen groen,
guten Augen an und sagte: Hren Sie, Mertens, wenn ich mehr htte, wrde
es mehr sein, aber weil's eine Gabe ist von Freunden, die eben auch
nicht zu den glcklich Situirten gehren, darum mssen Sie es nehmen als
eine Liebesgabe, und wre ich an Ihrer Stelle, ich wrde mich nicht
weigern. Weil er das sagte, habe ich es genommen, und in dem Papier war
ein Friedrichsd'or eingewickelt. Da habe ich denn noch etwas zugelegt
und das Kleid gekauft, denn ich wute wohl, Du httest es alleweil
nimmermehr gethan, sondern httest ihn auf die hohe Kante gestellt.
Sollst aber absolut auch eine Freude haben in der Welt fr alle Deine
Qual und Sorge, liebe Guste.

Ach, Du guter Anton! Du guter Anton! rief Guste, so gerhrt ber seine
Gte, da die Thrnen ihr in die Augen traten, und ich habe nichts fr
Dich, als da ein Seidentuch, das ich heimlich gesumt habe, wie Du
schliefst, und endlich noch die kleine Brste hier, damit Du Deine Haare
in Ordnung hltst und wie ein anstndiger Mensch aussiehst. -- Aber
Unrecht ist es doch immer von Dir Anton, sehr Unrecht ist es.

Whrend sie ihre Schtze und Herrlichkeiten hervorbrachte, jubelte Anton
beglckt mit dem Kinde umher, voll Dankbarkeit und Seligkeit.

Was bist Du gut zu mir, liebste Guste, rief er. Ach Sakerment! komm mir
Einer und zucke die Achseln. Da hab' ich meine Frau, die ist eine treue
Seele, wie es so leicht keine giebt auf Erden. Da hab' ich mein Kind,
das ist ein so feines Bbchen, wie es mancher Graf oder Prinz nicht
aufweisen kann, und gbe alle sein Gold dafr, wenn er's htte. La es
gehen, liebstes Gustel, la es gehen, wie's Gott gefllt, wir wollen
schon fest auf den Beinen sein, wie der verdammte Professor sagt. Ich
lief vorhin durch die Straen nach dem Weihnachtsmarkt und kaufte ein
fr das liebe Kind, Stck fr Stck einen ganzen Groschen. Der liebe
alte Weihnachtsmarkt! Die feinen Herrschaften wollen nichts mehr von ihm
wissen, die laufen in die glnzenden Lden mit himmelhohen
Spiegelscheiben und Glassonnen; denn Seide, Sammet und Pelz passen nicht
zu der Nsse und Klte in den offenen Buden. Aber das Volk, das arme
Volk, das hat den alten Weihnachtsmarkt lieb, wie einen kranken
heruntergekommenen Freund, mit dem es seinen letzten Groschen theilt.
Puh! was brannten da in den Straen schon die Kronen und Christbume und
Pyramiden. Bei Geheimraths sah ich hinauf, da glnzte es herunter wie
ein Palast; da werden die Tische brechen von Geschenken und doch mcht'
ich nicht dabei sein, Guste; und doch mcht' ich nichts von denen
geschenkt nehmen. Und was ich sagen wollte alleweil, liebste Guste: es
frgt sich noch, wer glcklicher ist, die da drben oder wir? Es frgt
sich noch, ob ich mit ihnen tauschen mchte?!

Die junge Frau lachte laut auf, aber Anton schlug sich funkelnden Auges
mit der Hand auf die Brust, und wenn in diesem Augenblicke ein Knig
gekommen wre und htte ihm seine Krone aufsetzen wollen, er htte sie
ohne Besinnen abgerissen und aus dem kleinen Kellerfenster auf die
Strae geworfen.

Aus seiner begeisterten Glcksstimmung wurde er erst von der Klingel im
Laden aufgeweckt und mit einem raschen Umschwunge in die belste Laune
versetzt, als er auf den ersten Blick den Professor erkannte, der ganz
bedchtig die Thr zumachte und seinen Mantel dann wieder malerisch ber
die Schulter warf.

Ich mchte ihn gar nicht herein lassen, rief er grimmig auf den Tisch
schlagend mit unterdrckter Stimme.

Pst! Anton, flsterte die Frau, denk an den Geheimrath, und wenn Du ein
richtiger Mann bist, wirst Du Einsehen haben von wegen, weil wir eben
nicht anders knnen.

Inzwischen hatte der Professor langsam den Raum durchschritten und stand
mitten auf der Schwelle. Die warme Luft des Wohnzimmers beschlug die
Glser seiner Brille, welche er jedoch deswegen nicht abnahm, sondern
blos auf die Spitze seiner Nase rckte, welche heut noch mehr wie sonst
dunkel rthlich schimmerte. In dieser Stellung blieb Viereck einige
Augenblicke. Dann aber wich der Ernst in seinem Gesichte dem
freundlichen Grinsen, mit welchem er hufig abzuwechseln pflegte. Er
nickte dem Ehepaare zu, grte mit einer Handbewegung und sagte lebhaft:

Das ist meine wahrhaft innige, herzliche Freude, eben jetzt hierher zu
kommen, wo der Christbaum brennt, und den Jubel mit anzusehen, den ich
vermehren will durch allerlei frohe Nachrichten. Es ist ein Freudentag,
lieber Mertens, ein wahrer Glcks- und Wonnetag, ich hoffe, Sie werden
zufrieden sein. Habe ich nicht Recht, sind Sie nicht zufrieden? Haha!
Sie sind zufrieden. Ich sehe es Ihnen an, Sie sind sehr zufrieden.

Ja wohl, Herr, ich bin so recht aus dem Grunde zufrieden, erwiderte
Anton. Da sehen Sie einmal, was die Guste mir aufgebaut hat, und hier
ist mein Junge, der jauchzt und zappelt vor Lust.

Und was ich Alles bekommen habe! fiel die junge Frau ein. Wir mssen uns
auch nochmals bei Ihnen schn bedanken, guter Herr Professor.

Liebliche Natur! rief Viereck, seine Arme ausbreitend und wonniglich um
sich blickend. Wahrheit, Einfachheit und Stille wohnen noch immer in der
Htte. Ihr guten Menschen, fuhr er mit einem Seufzer fort, ihr wit
nicht, was man auf der Hhe des Lebens leidet. Ihr wit nicht, was es
heit, denken und an Gedankenschmerz leiden. Ist es nicht so, Mertens,
was sagen Sie?

Ich sage, erwiderte Anton, da ich den Hunger fr den grten Schmerz
halte, Herr. Wenn man so Weib und Kind hat und sieht in ihre blassen
Gesichter, und wenn sie die Hnde ausstrecken nach Brod, und wenn sich
ihre Augen bittend auf den Vater richten, der nicht wei woher er's
nehmen soll. Ah, Sakerment! wir wollen heut nicht daran denken, rief er,
in seinem schwarzen Haar whlend, aber es wird mir ganz weh, wenn ich
mir vorstelle, da auch heut, wo es so viele glckliche Menschen giebt,
noch mehr unglckliche vorhanden sind, die im dunklen Kmmerchen oder in
Ketten und Banden sitzen oder umherirren ohne Dach und Decke, und kein
Stck Brod haben. Guter Gott! ist das ein Weihnachten.

Sie denken materiell subjektiv, Mertens, erwiderte der Professor
lchelnd, weil Sie die Hhe des Gedankens nicht begreifen. Aber das ist
nichts. Sie sind sehr glcklich! Das ist gar nichts gegen den
tiefliegenden objektiven Gedankenschmerz groer und unglcklicher
Seelen. Ich machte heut einen Spaziergang mit meinem Freunde dem Baron
Leichtwitz, darum bin ich so spt gekommen, denn eigentlich war es meine
Absicht, Sie schon Nachmittag aufzusuchen. Baron Leichtwitz ist reich,
auerordentlich reich, dabei jung, er hat Alles was ein Mensch wnschen
kann um glcklich zu sein, aber er ist sehr unglcklich. Leichtwitz,
sagte ich zu ihm, bei Gott! Leichtwitz, richten Sie sich auf, ich bin
Ihr Freund, ich stehe fest. Diese Welt hat Mngel, aber ein Mann, der
sich fhlt und kennt, wei was er soll.

Mein lieber Herr Professor, sagte er den Kopf schttelnd, ich sehe
nichts als Gruel und Untergang, Barbarei und Verwilderung. Es ist
nichts mehr zu hoffen, die Gesellschaft geht ihrem Verderben entgegen.
Die Menschen sehen mich an wie reiende Thiere; ich bin so herunter, da
mir nichts mehr schmeckt, ich kann das Zarteste nicht mehr vertragen.
Glauben Sie mir, mein lieber Herr Professor, das ganze Band der
menschlichen Organisation ist zerrissen. Ich schaudre Tag und Nacht.
Ueberall Gestalten, berall wilde frchterliche Gesichter, Brte, Nasen,
Beile! -- Es schmeckt mir nichts mehr, ich trinke Alles ohne Geschmack.
-- Sehen Sie, Mertens, das ist der Gedankenschmerz einer schnen Seele.

Na, sagte Anton, die schne Seele wollt' ich wohl kuriren.

Sie, kuriren! rief Viereck mitleidig, wo ich umsonst kurire!

Tchtig arbeiten, lachte der Schuhmacher, und etwas hungern, das wrde
ihm schon auf die Beine helfen. -- Es giebt viele Solche, die blos
arbeiten mten, so wrden sie vernnftige Menschen werden.

Schweigen Sie von solchen gefhrlichen Kriterien, rief der Professor,
ihn streng betrachtend, die offenbare Reminiscenzen der Lehren Ihrer
anarchischen Verderber sind. Die Algebra des Lebens rechnet mit
unbekannten Gren. A ist nicht immer gleich A, es kann A auch gleich B
oder C sein. Ungleiches aber wird nie aufgelst in Gleiches; die Wurzeln
bleiben, was sie sind; Primzahlen sind Primzahlen, und das X, was
gesucht wird, ja, das ist die Lsung einer unendlichen Reihe. Verstehen
Sie mich?

Nicht eine Sylbe, sagte Anton ihn anstierend.

Ich glaube es! rief der Professor stolz lchelnd und uerst befriedigt.
Wenige fassen mich, noch Wenigere begreifen mich, die Wenigsten
verstehen mich. Mit diesem Klimax setzte er seinen Hut auf und sagte
gelassen: Ziehen Sie sich an, Mertens, und folgen Sie mir.

Folgen? fragte Anton verwundert, wie so folgen? Warum denn folgen?

Zu Ihrem Glck, sagte der Professor mit Wrde. Zu dem Herrn Geheimrath.

Geheimrath! Ich zum Geheimrath? murmelte der Schuhmacher erschrocken
zurckweichend.

Mein lieber, theurer Freund, so sagte Wilkau zu mir, fuhr Viereck fort,
bringen Sie mir den Mertens, ich will ihn selbst sprechen.

Ach, mein Gott! seufzte Guste, da haben wir's!

Gut, lieber Wilkau, sagte ich, ich werde Mertens bringen, und wenn er
sich benimmt wie ein Mann von Ehre, wie ein Patriot, der Wahrheit und
Recht achtet?

Dann soll er sehen, da ich ihn zu belohnen wei, erwiderte mein edler
Wilkau. Er soll reich beschenkt werden.

Ich danke! ich danke! rief Anton dazwischen. Ich bin so reich beschenkt,
da ich nichts mehr gebrauche.

Von den zweihundert Thalern, die er mir schuldet, soll nicht weiter die
Rede sein, ich will sie ihm schenken! Sagen Sie ihm das im Voraus, mein
lieber Herr Professor Viereck. Sie wissen, wie man die Herzen rhrt; Sie
sehen in die geheimen Falten der Seelen -- so sprach mein Freund Wilkau.

Was geht denn vor? fragte Anton, indem er scheu zu seiner Frau hinber
blickte. Schenken -- zweihundert Thaler -- was will er denn von mir?

Stehen Sie fest, Mertens! sagte der Professor, energisch sich an seiner
Binde in die Hhe ziehend; fest, wie es sich in schwierigen Augenblicken
fr den deutschen Mann ziemt. Man will nichts von Ihnen, als Ihr
redliches, wahrhaftes Zeugni zur Entlarvung der Bosheit und des
Verbrechens. Sie wollen doch? Wie? Sie sind doch bereit fr die gute
Sache Ihr Leben zu lassen?

Allemal, Herr! allemal! erwiderte Anton, dem das Blut ins Gesicht stieg.
Sagen Sie rasch was ich thun soll.

Der Professor nherte sich ihm, legte die Hand auf seine Schulter und
sah ihm stier ins Gesicht. Es ist ein groer Augenblick, sagte er, wo
das Vaterland volle Hingebung von Ihnen verlangt. Sie wissen, da der
junge Herzer und seine Schwester Greuelthaten verbt haben gegen die
Diener der Obrigkeit. Sie haben genaue Kenntni von diesen Vorgngen,
man fordert von Ihnen ein offenes Bekenntni.

Von mir? rief Anton lachend, ich wei nichts! Nicht ein Wort wei ich.
Ist es nicht wahr, wir wissen alle Beide nichts?!

Gott soll uns behten, mit der Polizei wollen wir nichts zu schaffen
haben, fiel die Frau rgerlich ein. Alles mu sein Ende erreichen, und
alles was Recht ist, Herr Professor, aber -- Ihr Benehmen ist anstig.

Sie sind immer naiv! sagte der Professor lchelnd. Ich liebe die
Naturwahrheit, aber ziehen Sie sich an, Mertens, wir wollen es weiter
berlegen.

Alleweil, erwiderte Anton mit vieler Bedchtigkeit, wird nichts daraus.

Sie wollen nicht? fragte Viereck ganz erstaunt. Sie wollen nicht, wenn
ich Sie darum ersuche?!

Diesmal haben Sie es getroffen, antwortete der Schuhmacher. Nein, ich
will nicht. Sakerment! da ich nicht wild werde. Seh' ich aus wie Einer,
der seinen Mitmenschen verrathen knnte? Nicht um ein Fa voll Gold,
nicht um ein Knigreich -- nicht -- nicht! -- und, Herr Professor,
alleweil mcht' ich allein sein. Verstehen Sie wohl, ich mchte allein
sein!

Und ich desgleichen, schrie Guste, den Arm in die Seite stemmend,
besonders wenn Anton nicht zu Haus ist. Meine Natur kann dergleichen
nicht vertragen; ich denke, Sie wissen nun, woran Sie sind.

Seid Ihr denn toll! rief der Professor, nachdem er sich von seinem
Erstaunen erholt hatte. Ihr widersetzt Euch! Ihr wollt den Bsewicht
schtzen, aber es ist aus mit ihm. Die Wechsel sind entdeckt, er ist
verloren! -- Wollen Sie mir jetzt folgen oder nicht?

Nicht folgen, nicht einen Schritt folgen! sagte Anton unerschtterlich;
aber das Christbumchen brennt noch immer hell genug, um Ihnen zu
zeigen, wo die Thr ist.

Da ist sie, Herr, gro und breit, und alleweil guten Abend oder gute
Nacht.

Der Professor wickelte sich in seinen Mantel und wendete sich stolz um.
Mit einem Lcheln des Mitleids blickte er von der Thr zurck. Sie
verstehen mich nicht, sagte er; wie knnten Sie es auch?! Aber Ihr
werdet es empfinden. Meine Hand ziehe ich ab von Euch.

Ist er fort? fragte Anton in groer Aufregung, als er die Klingel
drauen hrte. Jetzt nimm das Kind und die Stiefeln her, Guste. Ich mu
fort, ich mu hin zu ihm. Es ist etwas im Werke. Was sagte er? Er ist
verloren, sagte er?

Die Wechsel sind entdeckt, sagte Guste, indem sie ihm half. Lauf, Anton,
lauf; er machte ein Paar schreckliche Augen dazu.

Mertens ri den Hut vom Schranke weg und eilte davon.

Auch in dem Hause des Fabrikanten brannte in einem groen Saale des
Fabrikhauses ein Christbaum mit zahlreichen Lichtern. Eine lange Tafel
war stattlich aufgeputzt und mancherlei ntzliche und schne Geschenke
lagen neben den Schsseln mit Aepfeln, Nssen und den gewhnlichen
Weihnachtsgaben. Jeder der Arbeiter hatte seinen Theil bekommen und voll
dankbarer Freude drckten sie dem guten Herrn die Hnde, der sammt Sohn
und Tochter unter ihnen war, und freudiger gestimmt schien, als sie ihn
seit lngerer Zeit gesehen hatten. Die Verheiratheten hatten Frauen und
Kinder mitgebracht, welche in ihrer Glckseligkeit schreiend, blasend
und pfeifend umher zogen, und mitten unter dem Kinderschwarm ging Clara
auf und ab, um die Freude durch ihre Liebkosungen zu vermehren.

Endlich aber wurde der Saal leer, nachdem zum letztenmale auf das Wohl
des Herrn Herzer und seiner ganzen Familie getrunken war. Die drei
Personen, aus welchen diese bestand, blieben allein an dem leeren
Tische; der groe Baum schickte sein strahlendes Licht aus, aber Niemand
antwortete darauf, als ein tiefer Seufzer, der aus der Brust des alten
Mannes kam.

Nein Vater, sagte Felix, ihm die Hnde reichend, das la ich heut nicht
gelten. Alles war, wie es sein sollte, und nach der groen Freude, die
auch in Dir das trbe Buch der Vergangenheit zumachte, darf wenigstens
heute kein Rckfall eintreten.

Es war, wie es sein sollte, sagte Herzer melancholisch lchelnd. Ja, wir
haben gethan, was wir immer thaten; denn auch in solchen Zeiten und in
unserem Stande, sorgt der einfache Brger so lange er es irgend vermag
dafr, da diejenigen nicht den Druck und die Noth merken, welche fr
ihn arbeiten und zu ihm gehren. Das ist, fuhr er mit einem Gefhl des
Stolzes fort, eine schne, alte und gerechte Sitte und ein wohl zu
merkender Unterschied zwischen uns und vielen vornehmen Leuten, die sich
selbst nichts entziehen mgen, aber es Andern knapp zumessen. O! sie
werden auch darum wieder Steine auf mich werfen, wenn sie hren, da ich
in gewohnter Weise meine Arbeiter beschenkte.

Ich glaube nicht, da das Dich so tief betrben kann, fiel Felix ein.

Nein, sagte Herzer, es ist der Menschen Art so. Was mich betrbte, war
die Erinnerung an Vergangenheit und Zukunft. Vor zwei Jahren war dieser
Saal kaum gro genug, um die Zahl der freudigen, glcklichen Menschen zu
fassen, die mit Liebe und Dankbarkeit mich umringten. Im vergangenen
Jahr war der Kreis wohl kleiner geworden, aber wir waren hoffend und
muthig; heut ist nur Eine Tafel gedeckt worden, Ein Baum brennt nur
noch, und wie nun Alles leer und de um mich wurde, dachte ich mit
Kummer an das nchste Jahr. Wer wird dann die Lichter hier anznden, wer
wird dann um mich sein, Felix? Vielleicht, sagte er mit hohler Stimme,
seine Hand ber die Stirn deckend, stehe ich dann ganz einsam hier vor
dem stillen Tische und Niemand giebt mir Antwort; Niemand der mich
liebt, den ich liebe.

Gewi nicht, Vater, erwiderte der Sohn trstend, ich denke, es soll
frhlicher dann hergehen; aber wo liegt denn berhaupt der Grund zu
solchen trben Gedanken? Ich habe heut glcklich das Geld
herbeigeschafft, um Gravenstein zu befriedigen. Zu jeder Stunde kann er
es haben. Unsere Aussichten knnen sich beruhigend auf die Zukunft
richten, denn wir besitzen begrndete Hoffnungen, da unser Unternehmen
gut ausfallen wird; auch wissen wir ja am besten selbst, da es nicht so
bel mit uns steht, wie Feinde und Verlumder es gern shen. Endlich
aber, mein Vater, hast Du ja Deine beiden Kinder, die in Liebe bei Dir
sind und immer sein werden, mag auch Alles Dich verlassen und alle
Hoffnungen als Tuschungen zusammenbrechen.

Herzer antwortete nicht, aber er zuckte jh zusammen, als zwei weiche
Arme sich um seinen Nacken legten und seine Tochter, die leise
herbeigetreten war, mit klaren, glnzenden Blicken ihm ins Auge schaute.

Muth! mein geliebter Vater, Muth! rief sie ihm zu, wir werden uns nicht
schrecken lassen; wir werden aushalten mit Dir und endlich wird Alles
gut werden, was bse war. Endlich wird das Glck wiederkehren und mit
seinem Frieden auch unsere Wunden heilen.

Ein langer Blick des Vaters, der aus anfnglicher Strenge in Rhrung und
heftige Bewegung berging, war die Antwort. Er kte Clara auf die Stirn
und lchelte ihr zu. Mein Clrchen, sagte er, Dein Glck und der Frieden
Deiner Zukunft sind es ja, mit denen sich meine Gedanken Tag und Nacht
beschftigen. Alles will ich opfern, Alles, mein armes Kind, auch meine
letzten Freuden, um Dich zu sichern.

Komm, erwiderte sie zrtlich, ihm die Hand reichend und ihn fortziehend,
heute soll uns nichts mehr betrben. Ich habe Dir auch etwas aufgebaut,
ganz wie sonst in der guten Zeit. Kommt Beide, fuhr sie fort, nach Felix
die andere Hand ausstreckend; unten erwartet uns das gedeckte Tischchen
und die hellen Lichter warten schon lange; lat sie nicht vergebens
leuchten.

Mit frohen Mienen fhrte sie Vater und Bruder fort und lchelnd ffnete
sie die Thr des Wohnzimmers, in dessen Mitte zwischen Lampen und
Lichtern der Festtisch stand. Er war mit Blumen geschmckt und auf der
einen Seite vor dem Teller mit Konfekt, wie der Vater es liebte, lag ein
schn gesticktes Schlummerkissen, auf der andern Seite die funkelnde
Stahlbrse, welche Clara mit Mhe erst wenige Stunden vorher fertig
gemacht hatte.

Hier Felix, rief Clara, nimm den leeren Geldbeutel zum Christabend, aber
an jeder Masche haften meine Zaubersprche, die ihn bald mit Gold fllen
werden. Und hier mein lieber theurer Vater, dies Kissen fr Dich, um
Dein mdes Haupt zu strken, wenn das Leben und die Menschen es schwer
gemacht haben. Jede Blume, mein geliebter Vater, soll Dir blhen; bei
jeder habe ich fr Dich gebetet. Bei jedem grnen Blatte habe ich innig
gewnscht, da es ein Oelblatt fr Dich sein mge.

Herzer hielt die schne, von kindlicher Liebe und Freude berglhte
Tochter in seinen Armen, und drckte Ksse auf ihre Lippen, whrend er
sie still betrachtete. Endlich wurden seine Augen na, und seine Stimme
zitterte, als er mit gewaltsamer Fassung sagte: Ich danke Dir, mein
Clrchen! Gottes reichster Segen ber Dich. Deines alten Vaters Segen
soll mit Dir ziehen ber Land und Meer, und wenn ich recht mde und
sehnsuchtsvoll bin, will ich mein Haupt auf dies Kissen legen,
vielleicht da Du dann in meinen Trumen kommst und Deine lieben Hnde
mich so fest halten, wie jetzt, wo ich Dich noch habe, und mich wachend
daran freuen kann.

Was denkst Du? Was meinst Du? fragte Clara, indem ihre Stimme langsam
auszulschen schien, und eine feurige Rthe ihr Gesicht bedeckte.

Mein Kind, erwiderte Herzer, und seine Sprache wurde stark und fest, ich
habe kein Geschenk fr Dich, und doch bringe ich Dir Alles, was ich zu
geben habe. Du sollst Deinen Bruder begleiten -- Du sollst mich
verlassen, sagte er tief athmend.

O Gott! rief Clara erschttert, indem sie den Kopf an ihres Vaters Herz
drckte.

Das kannst Du nicht! das darfst Du nicht! fiel Felix seine Schwester
umfassend ein. Es ist Winter, die Reise ist hart, und Du, Vater, Du
kannst es nicht ertragen, Du kannst sie nicht entbehren.

Ruhig, junger Mensch! sagte Herzer sich gefat aufrichtend, ich will es
so, denn es mu geschehen. Ja, es mu so sein! fuhr er fort und ein
bitteres Gefhl schien sich ihm aufzudrngen, whrend seine scharfen
groen Augen so durchdringend den Sohn betrachteten, da dieser die
seinen schweigend niederschlug. Glaubst Du denn, rief der alte Mann ihm
zu, ich wte nicht, was ich thte? Ach! ich wei es nur allzu wohl. Ich
wei, was es mich kostet, ich wei, was ich tragen mu -- dennoch aber
wirst Du reisen und Clara wird Dich begleiten.

In diesem Augenblick wurde mit Heftigkeit die Glocke an der Hausthr
gelutet und von einem pltzlichen Schrecken ergriffen rief Herzer,
indem er die Hand seines Sohnes zusammenprete: Sollte es zu spt sein!
Brche das Unglck doch ber uns zusammen. Verbirg Dich! Flieh! oder
nein -- was es auch sein mag, es mu mich ja doch erreichen.

Erreichen, erwiderte Felix ruhig. Was soll Dich erreichen, Vater?

Wer ist es, wer? sagte der Fabrikant ohne darauf zu antworten, indem er
Clara loslie und auf die Stimmen hrte, welche drauen laut wurden. Er
that einige Schritte nach der Thr und blieb dann unentschlossen stehen,
bis er pltzlich rasch ffnete und Anton Mertens anstarrte, der athemlos
und erhitzt mit einer Dienerin redete, die ihm das Haus geffnet hatte.

Ich mu ihn aber alleweil gleich sprechen, sagte der ehrliche Anton
athemlos, und es ist eine Sache, wo Sie gar nichts bestellen knnen,
Jungfer.

Wen mssen Sie sprechen? fragte Herzer dazwischen. Was wollen Sie?

Anton schwieg, bestrzt ber den unerwarteten Einspruch. Er warf einen
scheuen Blick auf den alten Herrn, der ihn mit seinen groen dsteren
Augen streng forschend betrachtete. Wenn's erlaubt ist, stotterte er
hervor, so mchte ich wohl dem jungen Herrn ein paar Worte sagen.

Hier herein, gab Herzer zur Antwort, indem er einen Schritt zurcktrat
und dem Schuhmacher winkte, der diesem Befehle, welcher mit grter
Bestimmtheit gegeben wurde, nicht widerstehen konnte.

Hier ist mein Sohn, fuhr der Fabrikant fort, sich zu seinen Kindern
umwendend. -- Felix hatte sich Clara genhert, er sprach leise mit ihr
und schien bemht, sie zu beruhigen; jetzt aber, als er Antons Stimme
hrte, lie er sie los und rief erstaunt: So wahr ich lebe, da ist unser
Freund Mertens. Was ist geschehen? Hat der Professor wieder dumme
Streiche gemacht? Ist es deswegen, da Sie zu mir kommen? Will er sich
durchaus nicht beruhigen? Was, zum Henker! soll ich noch einmal ber den
lcherlichen Patron kommen und ihn in die Flucht schlagen?

Ei ja! ei ja! rief Anton bei jeder Frage, indem er heftig nickte, aber
immer mit einer gewissen Scheu das rothe faltige Gesicht des alten Herrn
betrachtete. Dann fuhr er mit der Hand durch sein schwarzes Haar und
sagte verlegen stockend: Wenn ich nur die Ehre haben knnte, auf ein
paar Minuten -- er winkte verstohlen nach der Thr und machte eine sehr
lebhafte Geberde, indem er mit seinem Finger rund um den Hals fuhr, die
Felix aber durchaus nicht verstand.

Was, schrie dieser lachend: der Professor will sich den Hals
abschneiden?

I, nein doch, nein doch! erwiderte Anton bestrzt.

Was will er denn? So reden Sie doch, Mertens.

Ja, erwiderte der Schuhmacher bedchtig, ich thte es wohl, wenn ich nur
wte -- hier sah er wieder den Fabrikanten an, der immer aufmerksamer
geworden war.

Wer ist der Mann? fragte er in seiner entschiedenen Art.

Ein Mann, erwiderte Felix, den ich Dir dringend empfehle, lieber Vater,
und um dessentwillen es mir lieb ist, ihn Dir persnlich bekannt zu
machen. -- Merkwrdiger Weise, fuhr er dann fort, hat der berhmte Mann,
welcher immer nur mit vornehmen Freunden umgeht und den wir alle
genugsam kennen, eine besondere Zrtlichkeit fr die naive reine
Naturwahrheit gefat, welche er bei Mertens gefunden haben will. Er hat
ein eben so empfngliches Herz wie Don Juan, aber er ist vllig
unschdlich, Mertens, sie knnen es sich ruhig gefallen lassen. Ich
sollte freilich meinen, meine Gegenwart htte wie Assa foetida auf ihn
gewirkt, denn unter Allen, die ihn je verhhnt und verspottet haben, bin
ich ihm stets der Widerwrtigste gewesen. Ich habe ihn also nicht
vertrieben? Er ist wiedergekommen mit neuen Narrheiten? Heraus denn mit
der Sprache, ohne alle Umstnde. Hier ist mein Vater, der Alles hren
kann und hier meine Schwester, der er oft genug seine verkehrten Augen
und sein noch verkehrteres Geschwtz zum Besten gegeben hat, bis wir es
glcklich dahin brachten, da er uns smmtlich grndlich verachtet.

Die Sache ist die, sagte Anton noch immer bedenklich, da er heut Abend
kam und durchaus wissen wollte -- von wegen -- na, Sie wissen wohl, was
ich alleweil meine. Er wollte mich absolut mitnehmen zu dem Geheimrath,
da sollt ich eine Erklrung abgeben vor Gericht, oder so dergleichen,
wegen des Schusses, na, sie wissen ja schon und von wegen der jungen
Dame, denn die Tcher hatte er einmal gesehen und erzhlt war es auch
worden. Nein, nein! fuhr er fort, indem er Clara zuwinkte, und die Hand
wie zum Schwure aufhob; gar nichts hat er erfahren, und eher wollte ich
meinen Kopf auf den Block legen, und Guste legte ihren Kopf dazu, ehe
ein Mensch von uns etwas erfhre.

Aber ich! fiel hier Herzer ein, der seinem Sohne befehlend zuwinkte,
welcher Anton zum Schweigen zu bringen suchte, ich will Alles wissen,
von wem ich es auch erfahren mag.

Es wre besser, lieber Vater, sagte Felix, wenn Du mir gestattetest, mit
diesem wackeren Manne auf mein Zimmer zu gehen.

Nein! erwiderte Herzer mit Strenge, nein! -- Vielleicht sind meine
Ahnungen schlimmer, als die volle Wahrheit, und es ist leichter diese zu
ertragen, als lnger in halben Ungewiheiten umherzutappen. -- Ich
befehle Dir, mir nichts mehr zu verbergen! -- Reden Sie, Herr Mertens,
was wollte der Geheimrath wissen? Was sollten Sie beschwren?

Es trat eine Pause ein, die Keiner zu unterbrechen wagte. Der alte Mann
mit bleichen, zitternden Lippen und weit geffneten Augen, aus denen
eine dstere Entschlossenheit leuchtete, stand vor dem armen Anton, der
seine Blicke ngstlich zu Boden schlug, oder sie scheu und hlfebittend
zu den Geschwistern hinber sandte. -- Ohne Regung und bleich, wie ein
Marmorbild, sttzte Clara den angespannten Arm, dessen Muskeln und
Sehnen sich krampfhaft zusammengezogen hatten, in die Hand ihres
Bruders. Ihr Gesicht war stolz aufgerichtet, ihre Augen glnzten
furchtlos darein, aber ein schmerzliches Lcheln zuckte um die feinen
Lippen und mit gewaltsam schweren Athemzgen hob sich ihre Brust.

Haben meine Kinder keine Antwort fr mich? rief Herzer mit der
Bitterkeit des Unglcks. Ist es mit uns dahin gekommen?!

Antworte, Felix, sagte Clara mit leiser, fester Stimme. Du wirst nicht
wollen, da ich es thun soll.

Was verlangst Du zu wissen, Vater, sprach der Sohn entschlossen
vortretend. Soll ich Dir nochmal die Geschichte erzhlen, die Du vor
wenigen Tagen von mir hrtest? Von einem Mdchen, die schamlos betrogen
und verrathen wurde und keinen Schtzer hatte, als ihren entfernten
Bruder, der endlich, als er nach Hause zurckkehrte, ihren Kummer
bemerkte und in sie drang, die Kette von Nichtswrdigkeiten erfuhr,
deren Opfer sie geworden war.

Ich wei, erwiderte Herzer, ihm langsam zunickend, ich kenne diese
Geschichte. Weiter, weiter!

An jenem Abend, wo Wilkau den glnzenden Ball gab, hatte ich sie
erfahren, fuhr Felix fort. Ich wollte den Elenden aufsuchen, wollte in
dem Ballsaale selbst Gericht halten ber ihn; ich war in der wildesten
Aufregung und war bewaffnet. Clara, in Schrecken vor meinen Vorstzen,
drang in mich, davon abzustehen; sie wollte mich nicht verlassen. Sie
besa mnnliche Kleider, er selbst hatte ihr diese frher verschafft, in
Zeiten, wo seine Verlockungen den Reiz des Romantischen in einem Herzen
voll Muth und Liebe zu erwecken wuten.

Schande! Schande! murmelte der Fabrikant mit erlschender Stimme.

Wir irrten durch die nchtlichen Straen, sagte Felix ruhiger, ich sah
ihn aus dem Wagen steigen, und wollte ihm nach. Clara hielt mich fest
und zog mich fort. Sie beschwor mich ruhig zu sein, und zeigte mir,
welch Unglck ich ber sie, ber Dich und uns Alle bringen wrde, wenn
ich ffentlich machte, was bis jetzt ihr alleiniges Geheimni war. Ich
mute es anerkennen und gelobte zu schweigen. Wir kehrten zurck und
gingen nochmals bei Wilkau's hellem Hause vorber, als wir angehalten
wurden und verhaftet werden sollten. Ich vertheidigte mich und ri
endlich zum Schutz fr mein bedrohtes Leben eine Pistole heraus, die
sich entlud. Clara floh verwundet, ich entkam. Sie fand bei diesem
wackeren Manne und seiner Frau Beistand, ihre Wunde war unbedeutend,
unter ihrem Hubchen lie sie sich leicht verstecken. Du hast nichts
davon erfahren, Vater; Niemand hat es ahnen knnen.

Und jetzt, fiel Herzer die Worte angstvoll hervorstoend ein, jetzt ist
es entdeckt! -- Gott! Gott! meine Tochter -- verfolgt, angeklagt,
entehrt!

Lieber Herr, rief Anton gerhrt von seinem Schmerze, verlassen Sie sich
darauf, kein Wort kommt ber meine Lippen. Der Professor hat es auch
gemerkt, fgte er eiliger hinzu. Ihr wollt nichts sagen, schrie er, als
er von uns ging, aber sie sind dennoch verloren! Es ist aus mit ihnen,
die Wechsel sind entdeckt!

Mit furchtbarer Gewalt hob der alte Mann seine Hnde auf, und schlug sie
ber seine weien Haare zusammen. Ein Sthnen rang sich ihm aus der
Brust; Clara stie einen Schrei aus, indem sie auf ihn zu flog und beide
Arme um ihn schlang. Die verzweiflungsvolle Energie im Gesicht ihres
Bruders gab Antwort auf ihre flehenden Blicke.

Vertheidige Dich, sagte Clara mit schwankender Stimme, vertheidige Dich,
mein geliebter Bruder! Verlumderische Gerchte habe auch ich hren
mssen. Es ist nicht wahr, es kann nicht sein. Nein, nein! rief sie mit
groer Heftigkeit, der es mir sagte war ein Schelm, den ich verachte.

Wiederholen Sie noch einmal, Mertens, was Sie so eben sagten, erwiderte
Felix.

Ich will es nicht hren, rief Herzer, ich wei Alles und Du, fuhr er
fort, indem er seinen Sohn kummervoll anblickte, Du mut wissen, da er
Wahrheit sprach. Hast Du nicht an Gravenstein Wechsel gegeben? Hast Du
nicht, -- o! da ich es sagen mu -- hast Du nicht eine Flschung
begangen?

Ich habe es gethan, erwiderte Felix mit ruhiger Entschlossenheit, denn
es blieb keine andere Wahl. Entweder war Alles verloren, entweder gelang
es diesen Elenden, uns zu verderben, oder, es mute Etwas geschehen, uns
vom Aeuersten zu befreien. Es ist mglich, fuhr er fort, da ich
gesndigt habe in den Augen der Menschen, da ich gefrevelt habe gegen
ihre Satzungen, aber vor meinem Gewissen nicht. Gravenstein gab mir sein
Ehrenwort bis zum Ablauf der Frist zu schweigen. Es war mir so, als
verstehe er Alles, was ich that. Sein Blick schien bis in meine Seele zu
dringen, es leuchtete etwas darin, was aussah wie eine Billigung. Er
nahm die Papiere, steckte sie ein und sagte: Verlassen Sie sich darauf,
keine Hand wird daran rhren, ich hoffe jedoch, da Sie zur gestellten
Zeit dies Pfand, was fr mich keinen Werth hat, zurcknehmen. Ich
versprach es ihm mit meiner Hand, die er annahm. Ich kann nicht glauben,
da er gemein und verchtlich gehandelt haben sollte.

Du hrst es ja, seufzte Herzer. O! jetzt verstehe ich den falschen,
lauernden Blick Wilkau's, als er mich nach den Wechseln fragte, die
Zippelmann unterzeichnen sollte.

Wie dem auch sein mag, sagte Felix, ich will vor ihn hin treten und
Rechenschaft fordern auf der Stelle. Sein Geld liegt bereit, ich fordere
mein Pfand zurck. Wehe ihm! wenn er es nicht herausgiebt; wehe denen,
die ihn dazu vermochten! Was auch geschehen mge, Vater, ich habe es zu
tragen, ich allein! Beruhige Dich, Dein Name, Deine Ehre sollen nicht
leiden, und welchem Richter ich auch Rechenschaft geben mu, ich
will mein Haupt stolz vor ihm aufrichten, stolzer bei jedem
Verdammungsurtheil, denn ich habe gethan, was ich mute.

Als er sich rasch entfernte, schien Herzer ihm nacheilen und ihn
aufhalten zu wollen, aber er blieb nach den ersten Schritten stehen. Er
hat Recht, sagte er dann weit ruhiger und gefater, was geschehen soll,
mu sogleich geschehen. Aber er soll nicht allein gehen, ich will ihn
begleiten. Was ihn trifft mu mich mit treffen, denn ich -- ich habe es
gewut, murmelte er vor sich niederstarrend und -- ich habe geschwiegen.

Was willst Du? fragte er sich aufrichtend, als er sah, da Clara
schweigend Hut und Mantel nahm und sich anschickte ihn zu begleiten.

Mein theurer Vater, antwortete sie sanft, Du darfst nicht gehen ohne
mich. Wenn es so sein mu, da wir vor denen erscheinen sollen, die uns
hassen und verfolgen, um ihnen zu sagen, da sind wir, denen ihr Uebles
gethan habt, aber gerechter, als ihr und ehrenvoller in unserer Unehre,
so darf ich nicht fehlen. Ich bitte Dich, fuhr sie dringender fort, la
mich nicht hier allein. Wenn wir Gravenstein aufsuchen wollen, knnen
wir ihn nicht anders finden, als bei Wilkau. Mehr als einmal haben wir
ein frohes Weihnachtsfest gefeiert, jetzt werden wir Alle dort beisammen
finden, die uns wie bse Geister empfangen.

Der Vater bewegte leise beistimmend den Kopf, und ohne einen weiteren
Einspruch machte er sich zu dem schweren Gange bereit.

Whrend dieser ganzen Zeit stand Anton an der Thr vllig ungewi, was
er thun sollte. Einige Male machte er eine Wendung, als wollte er seinem
Gnner Felix nacheilen, aber ehe er seinen Entschlu auszufhren
vermochte, traf ihn wieder ein Blick aus den gramvollen, dsteren Augen
des alten Herrn, oder das bleiche Frulein sah ihn so liebreich und doch
so traurig an, da er bleiben mute, weil es ihm war, als knne sie ihn
nthig haben.

Das Herz des gutmthigen Mannes war mit warmer Theilnahme gefllt.
Alles, was er hrte und sah rief diese hervor, obenein aber war Herzer
ein seiner Grundstze wegen Verfolgter und diese Grundstze theilte
Mertens aus voller Seele. Seine Augen glnzten in Hingebung und Treue.
Arm und ohnmchtig wie er war, htte er doch gern irgend etwas thun
mgen, um zu zeigen, wie mchtig das Band der Zuneigung sei, da ihn an
diese verfolgte Familie fessele.

Mit Eifer nahm er den Augenblick wahr, als Herzer seinen Rock beim
Ausziehen nicht gleich auf die Schulter ziehen konnte, um ihm zu helfen,
und whrend er diese Arbeit verrichtete, konnte er nicht umhin, seine
Trostworte zu wiederholen. Es ist alleweil eine Schande, sagte er, wie
es hergeht. Die es redlich meinen mit ihren Mitmenschen, werden gehetzt,
wie wilde Thiere, aber man mu sich nicht unterkriegen lassen. Von mir
sollen sie nichts erfahren und darum mgen sie ruhig sein, Herr Herzer.
Wenn's auch so kommt wie ich denke, es wird nichts daraus, niemals
nichts daraus!

Herzer drckte ihm die Hand, aber er erwiderte kein Wort, Clara jedoch
sah ihn so dankbar und gtig an, da er ihnen langsam nachfolgte, und
als er endlich beide in das Haus des Geheimraths treten sah, blieb er
unten stehen und sah langsam hinauf zu den hell erleuchteten Fenstern,
whrend seine Unruhe mit jeder Minute wuchs.

Der Glanz der Kron- und Armleuchter berstrahlte feenhaft die prchtige
Wohnung, in welcher jedoch jetzt nur die Familie im engen Kreise
beisammen war. Der groe Saal war leer, eben waren die letzten der
neunzig Kinder auserwhlter Mitglieder des Vereins gegangen, denen hier
der Weihnachten aufgebaut worden war. Der Bediente mit der rothen Nase
hatte den groen Christbaum in das Familienzimmer getragen und neue
Lichter aufgesteckt; jetzt rumte er im Saale mit einigen Mdchen die
Tafeln ab und reinigte den Fuboden von Nuschalen, zerbrckelten
Kuchen- und Apfelstcken.

Es ist doch eine Schande, was solch Volk fr Schmutz macht, sagte er
rgerlich.

Und Keiner hat fr Herrn Friedrich nicht einmal ein
Zweigroschenstckchen nicht, lachte eines der Mdchen.

Zweigroschenstckchen, grinste Friedrich ingrimmig; als ob wir nicht
Alles aus christlicher Liebe thten.

Ach was, christliche Liebe! rief eine Andere. Das ist eine Marotte von
den Herrschaften jetzunder, damit wollen sie sich was zeigen und wir
haben die Arbeit davon. Die halbe Nacht habe ich Aepfel abwischen
mssen, damit die ja recht blank ausshen, ehe sie die Blger vertilgen.

Louise, sagte der Bediente mit der rothen Nase feierlich, Sie sprechen
wie eine Gans ber die groen Angelegenheiten der Menschheit. Wir haben
das Alles berlegt und wissen, was wir uns dabei denken, wenn es auch
einige Mhe macht.

Na, meinte Louise trotzig, der Herr Geheimrath hat vorhin selbst gesagt,
den Skandal wolle er hier nicht wieder haben und die Geheimrthin wird
sich im Stillen auch davor bedanken.

Das wird auf die Umstnde ankommen, erwiderte Friedrich bedchtig, und
gehrt ins Gebiet der Pulletk, was wir im Verein erst nher berlegen
mssen. Wenn wir bald Hochzeit haben und unser Schwiegersohn sich so
macht, wie wir denken, so knnen wir freilich etwas anders auftreten.

Herr Je! das wird eine Hochzeit werden, rief Louise dazwischen. Was ist
denn morgen los?

Morgen essen wir bei Ministers, erwiderte Friedrich im Gefhl seiner
Wrde, und bermorgen giebt Gravenstein das erste Souper in seiner
neueingerichteten Wohnung. Nchstens aber werden wir etwas erleben,
meine Damen, worber Sie sich Alle auerordentlich wundern werden.

Was werden wir denn erleben, theuerster Herr Friedrich? rief die Jungfer
lachend. Etwa das erste Aufgebot? Als ob wir das nicht schon lngst
wten?

Friedrich blinzelte mit den Augen und nickte dazu. Sie wissen es also
schon, sagte er verwundert. Gleich nach Neujahr geht es los. Es kommt
eine frohe Zeit fr uns, meine Damen. Der Stern des Morgenlandes ist uns
in Pommern aufgegangen. Knickrig ist er nicht, ich habe das
verschiedentlich zu bemerken Gelegenheit gehabt; also aufgepat,
Fruleins, es wird vielleicht mehr setzen als heute. -- Die Zeiten sind
schlecht, man mu berall Ersparnisse machen, sagte die Frau
Geheimrthin zu mir.

Na, damit soll sie uns nicht kommen, riefen die Mdchen im Chore. Wenn
sie sparen will, braucht sie nicht alle die Bettelei sich auf den Hals
zu laden. Grothun mit den vielen Wohlthaten und: lasset die Kindlein zu
mir kommen, worber der verrckte Professor heut Abend wieder eine lange
unvernnftige Rede gehalten hat, ja, das mchten sie wohl; aber die
Leute scheeren und ihnen ein paar Thaler abzwacken -- nicht wahr? Nein!
schrieen sie einmthig erhitzt, wenn es so geht, so sagen wir auf, und
machen, da wir fortkommen. Seit sie hier patriotisch und fromm geworden
sind, ist so nichts mehr anzufangen.

Meine Damen, sagte Friedrich sehr belustigt, und den Finger an die Nase
legend, Sie verstehen zwar nichts von den groen Ideen der Menschheit
und der Pulletk, aber wenn Sie etwas pullitsch nachdenken, so werden
Sie doch ihre grausamen Vorstze uns zu verlassen aufgeben, indem Sie
sich an die Hochzeits-Geschenke erinnern.

In diesem Augenblick drhnte durch die Flgelthren aus dem
Familienzimmer ein lautes und anhaltendes lebhaftes Sprechen und der
Lrm froher Geselligkeit herber.

Da geht es los! rief der Bediente, die Bescheerung geht los. Nun kommen
wir auch bald an die Reihe! schrieen die Mdchen.

Die gesammte Dienerschaft drngte sich um das Schlsselloch. Was das
Frulein nur bekommen wird, flsterten sie sich zu. -- Sie ist so
neugierig, sie konnte die Zeit nicht erwarten. -- Ach, er ist gefhrlich
reich, er wird ihr schon aufbauen. -- Schade, da man hier gar nichts
sehen und hren kann.

Whrend sie sich vergebens bemhten, einzelne Worte und Ausrufungen zu
erhaschen, endlich aber von der eintretenden Wirthschaftsmamsell verjagt
wurden, hatte wirklich die Scene des gegenseitigen Beschenkens in der
Familie stattgefunden.

Alfred von Gravenstein war der Einzige in dem kleinen Kreise, der eine
rgerliche Falte auf der Stirn nicht ganz berwinden konnte, wie viele
Mhe er sich auch damit gab. Er hatte gehofft, mit Elisen und ihren
Eltern allein zu sein, aber die Geheimrthin hatte entweder den
Professor festgehalten, als die Kinderbeschenkung im Saale vorber war,
oder der Professor hatte sich an die Geheimrthin festgekettet, kurz er
erschien auf die Spitzen tretend und in rosenrother Verklrung aufs
seste grinsend an ihrer Seite in dem Familienzimmer, wo er sogleich
wieder die Ehre hatte zu bemerken, da er eigentlich eingeladen worden
sei, bei seinem Freunde, dem Grafen Buchwald den Abend zu verleben, aber
nicht widerstehen knne hier zu bleiben, wo er sich so gern festhalten
lasse. Ich habe so viele Einladungen, rief er auf einige eingehende
Worte der Geheimrthin, indem er nachdenklich die Augen nach oben
richtete, so viele Einladungen, der Kopf schwindelt mir. Mein Gott!
theilen kann man sich doch nicht; es ist doch nicht mglich, an sechs
Orten zugleich zu sein. Ich mchte es gern; mchte wahrhaftig herzlich
gern alle meine Freunde befriedigen, aber es geht doch nicht an. Es soll
keine Beleidigung, keine Zurcksetzung sein, es geht aber durchaus nicht
an.

Der Professor hatte trotz jener Tuschung, die er in demselben Zimmer
erlebte, seine freundschaftliche Stellung zu Frulein Elisen nicht im
Geringsten gendert. Kein einziges Merkmal der Empfindlichkeit oder der
Verlegenheit konnte ihm vorgeworfen werden. Von seinem hheren
Standpunkte aus empfand er nur fr diejenigen Wesen ein gewisses Etwas,
welche durch ein bewunderndes Anstaunen seiner geistigen Erhabenheit
seine Aufmerksamkeit verdienten. Dabei war es ihm im Grunde einerlei, ob
er von Elisen oder Gusten angebetet wurde; allein sobald er merkte, da
er sich geirrt habe, bedauerte er nicht sich, sondern die
migeschaffenen, unglcklichen Geschpfe, die es nicht weiter
verdienten, da er ihnen zrne oder ihnen eine Aufregung zeige, weil sie
ihn nicht zu begreifen vermochten.

Wenn Alfred von der Gegenwart des Narren schon unangenehm berhrt wurde,
so ward er es noch weit mehr, als der Geheimrath die Herren Zippelmann
und Stephani hereinfhrte. Der Assessor war hchst liebenswrdig,
ungezwungen und lachlustig. Er scherzte mit Elisen ber den Christbaum
und die Geschenke, zog den Professor so vortrefflich auf, da das
Frulein und Herr Zippelmann nicht aus dem Lachen kamen, und hnselte
den alten Zippelmann so prchtig, da der Professor nicht aufhrte, sich
die Hnde zu reiben, an seiner Halsbinde zu ziehen, und unter einigen
unverstndlichen Redensarten in der seligen Gewiheit umherzulaufen, da
er selbst diesen Zippelmann jetzt eben mit dem kstlichsten Witz
tractire.

In dem Ecksalon wurden inzwischen die Thren angelehnt, um Elisens
Geschenke aufzustellen, und whrend Alfred, der stumm und halb abgewandt
dem ganzen Possenspiel zuschaute, von der Geheimrthin zur Hlfe gerufen
wurde, nahm Stephani seinen Platz ein und fhrte am Fenster ein langes,
schnelles und leises Gesprch mit der erregten Braut, das bisweilen bis
zum tonlosen Geflster sank, und dann wieder von einem schlecht
unterdrckten Lachen unterbrochen wurde.

Das haben Sie vortrefflich gemacht, sagte Stephani ihr endlich in's Ohr.
Es war das einfache und doch einzige Mittel, die Wechsel in unsere Hnde
zu bringen. Herr von Gravenstein mu entzckt sein, wenn er Ihre List
erfhrt.

Ich besorge, erwiderte Elise, da er bei seiner eigenthmlichen Schwere
in einige Verwirrung darber gerathen wird.

Sie meinen, flsterte der junge Herr lchelnd, er knnte es wagen,
diesen schnen Beweis einer Hingebung ohne Gleichen mizuverstehen, die
mich zur Bewunderung fortreit.

Ich mu wenigstens darauf gefat sein, erwiderte sie leichtfertig.

Dann, ja dann! sagte er, indem er sein Auge bedeutsam auf sie heftete.

Nun, dann? fragte sie.

Dann verdient er das Glck nicht, das die Gtter nur zu oft wunderlich
austheilen, war die Antwort. Das launenhafte Glck, welches schon die
Griechen so fein und sinnig auszudrcken wuten, wenn sie Venus mit dem
rohen, plumpen Vulkan vermhlten.

Herr Assessor Stephani! rief Elise ein wenig lauter, drohend aber mit
einem schalkhaften Blicke und einem reizenden Lcheln.

Er fhrte die schmale Hand an seine Lippen und fuhr dann leise fort.
Ach! Vulkan war wenigstens ein hchst nachsichtiger Eheherr; wenn aber
dieser, wie ich leider glauben mu, schuldbeladene Freier oder Freiherr
von Gravenstein Ihnen mit Prtensionen entgegen treten wollte, so mag er
sich hten. Denn sind nicht in Ihrer Hand alle Mittel, um ihn errthen
und verstummen zu machen?

Ei gewi! erwiderte sie lebhaft. Die Mittel besitze ich.

Und eigentlich verdient dieser klgliche Snder Ihre Verzeihung nicht,
sagte Stephani. Wie gtig sind Sie, wie sanft schlgt dies schne Herz!
Welche edle Selbstberwindung gehrt dazu, einem Brutigam zu vergeben,
fr welchen eine so unbedeutende Erscheinung noch Anziehungskraft
besitzen konnte.

Elisens Augen glnzten unwillig, ihr Gesicht rthete sich. Stephani
hatte den rechten Ton getroffen. Ich wei nicht, sagte sie, was Sie
meinen knnen, aber, wie es scheint, bin ich schon bis zu Ihrem Bedauern
herab gesunken.

Nein, bis zu meiner innigsten, aufrichtigsten, mein ganzes Herz
erfllenden Theilnahme, flsterte er, ihre zitternde Hand leise
drckend.

Jetzt ffnete die Geheimrthin die Thr des Ecksalons, aus welchem der
groe Christbaum leuchtete. Geschwind, Elise, rief sie mit frohem Tone,
und Sie Alle, meine lieben Freunde, treten Sie ein, treten Sie Alle ein!

Wir wollen nicht die Herrlichkeiten des stattlichen Aufbaues
beschreiben, aber es war fr alle Theilnehmer etwas vorhanden. Der
Professor ergtzte sich mit einem eleganten Lesepulte und sah ungemein
feierlich und erhaben aus, indem er betheuerte, tglich seine Studien
daran machen zu wollen. Obwohl schon jetzt wenige Mathematiker sich mit
ihm zu messen vermchten, wrde nun unfehlbar keiner mehr, wenigstens
unter bekannten Nationen, vorhanden sein, der den Vergleich aushalten
knnte. Herr Zippelmann betrachtete seinerseits gerhrt einen feinen
Wollenshawl und bunte Morgenschuhe, die er mit einem innigen Lcheln
streichelte und befhlte. Hehe! rief er, ich wei gar nicht, was ich
sagen soll, aber damit hlt man die deutsche Einheit allenfalls aus. So
ein Shawlchen drei Mal um den Hals geschlungen und die Fe warm und ein
neuer Schlafrock -- hehe, liebster Geheimrath, da lassen wir sie kommen,
da warten wir sie geduldig ab bis an unser seliges Ende.

Der Assessor vertiefte sich inzwischen im Anblick eines von Perlen
gestickten Notizbuches, in welches Elise einige widmende Zeilen
geschrieben hatte, aber sie, die schne Braut flog von Stuhl zu Stuhl,
von Tisch zu Tisch, denn berall fand sie eine Flle der reizendsten
Gaben. Hier glnzende Stoffe, dort Putz und Schmuck. Verwandte und
Freunde hatten die Gelegenheit benutzt, ihre Theilnahme durch
eingesandte glckwnschende, beziehungsvolle Briefchen nebst Beilagen
auszudrcken, und selbst Herr Zippelmann hatte ein billig auf einer
Auktion gekauftes und neu aufgesottenes Armband, nach Gott wei wie
vielen Seufzern sich abgerungen. Jetzt aber fate pltzlich der
Professor in seine Tasche und berreichte Elisen ein Schachspiel, da er
selbst sie frher in Schach unterrichtet hatte, und in einem dreieckig
gefalteten uerst wichtigen Briefe, den er vorlas und auf jede
Anspielung mit hoch gezogenen Augenbrauen, den Finger an der Nase,
vorbereitete, erklrte er die Bedeutung der Figuren und die Wichtigkeit
und Macht der Knigin, welche zum Schutz ihres Gemahls nach allen
Richtungen schlage, Alles niederwerfe und besiege, was das Wohlsein
ihres theuern Lebensgefhrten bedrohe; dennoch aber wohl auf ihrer Hut
sein msse, damit man nicht auf verbotenen Wegen sie ertappe, wohl gar
umringe und einsperre, wobei es vorkommen knne, da sie an einem
gemeinen Bauer ihre Freiheit verlre.

Stephani lachte Beifall klatschend am lautesten ber diese Auslegung,
auch der Geheimrath stimmte ein. Herr Zippelmann umarmte den Professor
und grinste ihn zrtlich an. Hehe! schrie er, ausgezeichnet! Das mu
gedruckt werden, ausgezeichnet! Sie Spavogel Sie! die ganze deutsche
Einheit haben Sie abgemalt. Die Knige sind nichts ohne die Bauern und
die Kniginnen verlieren ihre Freiheit an die gemeinen Unterthanen, wenn
sie nicht pfiffig sind und sie bei Zeiten beseitigen. Professor, Sie
mssen einen Orden bekommen. Hehe! Sie mssen einen Orden bekommen und
in den Staatsrath gesetzt werden.

Ich bitte Sie, Zippelmann, kein Wort mehr! rief der Professor mit
Entrstung. Orden! hier habe ich meinen Orden -- er setzte den Finger
auf seine Brust. Staatsrath! hier ist mein Staat! Er schlug mit der Hand
vor seine Stirn. Mehr brauche ich nicht, mehr braucht kein Mensch! Aber
Sie verstehen mich nicht, Freund. Niemand versteht mich! wiederholte er
mit einem schwermthigen Kopfschtteln, denn Geister giebt's, die einsam
wandeln mssen! sagt Shakespeare.

Er wendete sich langsam um, denn eben stie Elise einen lauten Schrei
der Freude aus. -- Auf einem Nebentischchen stand ein Kstchen, welches
sie so eben geffnet hatte und dessen Inhalt eine ungemein schne Broche
von knstlichster Arbeit in Gold und rmischer Mosaik war.

O! Alfred, rief sie mit einem schmelzenden Liebesblicke, das ist Dein
Geschenk. Ich wei, es mu Dein Geschenk sein; denn ich erinnere mich,
da, als ich diesen reizenden Schmuck gesehen hatte, ich Dir davon
erzhlte.

Dennoch, erwiderte Gravenstein beharrlich, ist es nicht mein Geschenk.

Elise wandte sich von ihm ab, whrend er ihre Hnde fest hielt und
blickte Stephani an. -- So mten Sie es denn sein, sagte sie erregt,
Sie waren gegenwrtig, als ich davon sprach.

Stephani antwortete mit einem vielsagenden Lcheln, Gravenstein aber
hatte inzwischen einen ziemlich unscheinbaren Ring mit einem kleinen
Brillant von seinem Finger gezogen. Theure Elise, sagte er, ich habe den
bunten Tand verschmht, den man gewhnlich schenkt. Was ich besitze,
wird auch Dein sein, was Du wnschest, wird Dir zu Gebote stehen. Trage
diesen einfachen Ring als ein Zeichen des Bundes zwischen uns; er gehrt
zu dem Liebsten, was ich mein nenne. Meine Mutter gab ihn mir als ich
von ihr ging in die Welt; wenn ich ihn an Deiner Hand sehe, wird er wie
ein Magnet mich beherrschen, und wenn irgend eine dunkle Wolke sich
zwischen uns drngen wollte, dann wird er die Sonne sein, die alle Nebel
zu berwltigen vermag.

Elise war sichtlich berrascht, das hatte weder sie noch irgend Jemand
vermuthet. Sie erwartete, reich und berreich beschenkt zu werden; alle
ihre Freundinnen hatten im Voraus neugierig Glck gewnscht zu den
auserwhlten, kostbaren Gaben des reichen und verliebten Brutigams, und
jetzt hielt sie den werthlosen Ring in ihren Fingern, die Augen fest
darauf geheftet, im Kampfe um ein geheucheltes Lcheln, das ihr emprter
Stolz und ihre Eitelkeit nicht hervorzurufen vermochten. Sie hrte zu
ihrer Seite ein Flstern und konnte in Stephani's Gesicht den Ausdruck
des Hohns erkennen. Deutlich glaubte sie zu hren, wie er vor sich hin
sagte: Immer die gute Selige, immer diese unvergeliche Mutter, die als
Schutzengel ber dieser Ehe schweben und ihr als Vorbild voranleuchten
wird.

Ich danke Dir fr dies Geschenk, brachte sie endlich ber die Lippen, es
wird mir immer sehr werth und lieb sein. Aber der Ton war kalt, und ohne
da sie es vermochte, die Augen zu Alfred zu erheben, legte sie den Ring
mit einer Hast, als wrfe sie ihn von sich, auf den Tisch. Er rollte
darber hin, fiel und kollerte auf dem Boden weiter zu Alfreds Fen,
der sich schweigend bckte, um ihn aufzuheben.

Bei dem Falle des Ringes sah Elise ihren Verlobten an und sie erschrack
vor seinem Blicke. In seinen Mienen war keine Spur von Zorn oder
Aufregung, kein finsterer Zug, der sonst so leicht sein hartes Gesicht
noch mehr verdsterte; aber in seinen Augen brannte ein Schmerz, der sie
bestrzt machte. Eine ahnungsvolle Frage lag darin, die wie erwachte
Reue und erkannte Tuschung sie anleuchtete.

La mich suchen, Alfred, la mich suchen, ich mu meine Unbesonnenheit
ben, rief sie in ihrer alten neckischen Weise, indem sie sich
ebenfalls bckte und seine Hand ergriff, die wie Feuer brannte.

Gravenstein steckte den Ring wieder an seinen Finger und sagte so mild
er konnte, aber mit Entschiedenheit: Ich habe ihn wieder, er ist zu mir
zurckgekehrt und vor der Hand will ich ihn fr Dich verwahren.

Der ganze Auftritt hatte etwas Peinliches. Niemand mischte sich ein. Der
Geheimrath und seine Gemahlin lchelten bald, bald blickten sie
ernsthafter und flsterten sich zu. Herr Zippelmann machte alles nach
und brummte dem Professor etwas ins Ohr von der Einheit Deutschlands,
die ganz akkurat so sich die Ringe vor die Fe wrfe, wobei er sich
ungeheuer vergngt die Hnde rieb. Der Professor stand in wrdevoller
Starrheit, abgetrennt von Zeit und Raum und nur Stephani schien
unbefangen wie immer zu sein und mit vollkommener Ruhe sich an den Ofen
zu lehnen.

Ehe jedoch irgend eine Wendung Elisens erstauntes und erzrntes Gesicht
erheitern konnte, ffnete der Bediente mit der rothen Nase die Thr und
sagte in seiner weihnachtsfreudigsten Unterthnigkeit: Ein Herr wnscht
den Herrn Baron zu sprechen. Seinen Namen will er nicht nennen, aber wie
der Knecht Ruprecht sieht er aus, als htte er unter seinem Mantel den
ganzen Weihnachtsmarkt.

Herein mit ihm! rief der Geheimrath, der froh war, eine Unterbrechung zu
finden. Das ist eine Ueberraschung von Ihnen, Alfred; jetzt kommt das
Beste, Elise. Ich dachte es wohl, da Du vollkommen Unrecht haben
mtest; da noch irgend etwas im Hintergrunde wre.

Mit sem Errthen und mit Blicken, die Freude und Verzeihung
ausdrckten, wandte sich Elise zu dem stummen Freunde, allein schon im
nchsten Augenblicke war ihr hoffendes Lcheln winterlich verwandelt.
Denn was sie nie gemeint hatte, hier zu sehen, der Mensch, welcher ihr
am widerwrtigsten war und dessen Anblick sie jetzt mit Angst und
Abscheu erfllte, Felix Herzer trat herein und sein Auge fiel zunchst
auf sie, dann auf Gravenstein, dem er sich mit einem leichten Grue
nherte.

Das Erstaunen und Entsetzen der Gesellschaft, deren erster Freudenslaut,
als er ber die Schwelle trat, mitten im Tone erstarrte, der
zurckprallende Professor und Herr Zippelmann, welcher, von jher Furcht
ergriffen, sich hinter den Assessor flchtete, mochte eben so wohl die
Ursache des spttischen Zuckens sein, das um den Mund des gefhrlichen
Gastes schwebte, wie die verdsterten Gesichter des geheimrthlichen
Paares, das ber die Frechheit dieses Eindringens alle Fassung verloren
hatte.

Verzeihen Sie mein strendes Erscheinen an diesem Orte, sagte Felix
umherblickend, ich glaube jedoch dazu berechtigt zu sein. Herr von
Gravenstein, ich habe mit Ihnen wenige dringende Worte zu wechseln.
Wollen Sie mir diese gestatten?

Alfred schien unschlssig, er antwortete nicht. Elise hatte den Arm in
seinen Arm gelegt und abgewendet von Felix ihm etwas zugeflstert, was
er mit einem finstern, fragenden Blicke auf den jungen Herzer
beantwortete.

Nur wenige Minuten, fuhr dieser auf das offene Nebenzimmer deutend fort,
schenken Sie mir Gehr. Es ist wichtig, so wohl fr mich wie fr Sie,
da Sie mich hren.

Nein! flsterte Elise halb laut, sich gegen Alfred lehnend, Du darfst
diesen Menschen nicht hren. Er hat Bses im Sinne. Gerchte, die ich
nicht wiederholen mag, sind verbreitet worden ber Dich und ihn, die
mich auf's Aeuerste beunruhigt haben.

Was wnschen Sie, Herr Herzer, sagte Gravenstein hart und abstoend. Sie
whlen in der That die unpassendste Stunde, um mich aufzusuchen.

Es ist nicht meine Schuld, antwortete Felix gelassen, aber ich beharre
darauf, Ihnen jetzt zwei oder drei Minuten lstig zu werden.

Wenn es so sein mu, rief Alfred, einen Schritt vortretend, warum nicht
hier auf der Stelle? Ich habe keine Geheimnisse zu bemnteln. Reden Sie,
mein Herr, was haben Sie mir mitzutheilen?

Sie wollen es, versetzte Felix, und indem er eine kleine rothe Mappe
hervorzog, fgte er hinzu: Mein Vater glaubte Ihnen und uns noch heut,
am Weihnachtsabende, die Freude machen zu mssen, die Kapitalschuld zu
tilgen, welche Ihnen zukmmt. Hier ist Geld, Herr von Gravenstein.
Nehmen Sie es mit unserem besten Danke. Die groen Scheine lassen sich
leicht bersehen, ich wnsche durchaus weiter nichts.

Aber mein Herr, erwiderte Alfred erstaunt und unwillig, warum heut,
warum hier? Ich bin nicht im Stande, mich mit einem Geschft
einzulassen.

Ich forderte nichts als die Annahme des Geldes, sagte Felix, das uns so
groe Sorgen gemacht hat, und -- die Rckgabe des Unterpfandes.

O! diese Papiere -- diese Papiere! fiel der junge Edelmann ein, dessen
Stirn sich erhellte. -- Ich begreife es. Sie wollen Sie am
Weihnachtsabend zurck haben. Hier sind sie, doch lassen Sie alles
Weitere bis morgen.

Er fate rasch nach seinem Taschenbuche, ffnete es und blickte erstaunt
in die leere Abtheilung. -- Was ist das? rief er heftig aus, indem er
die andern Fcher durchsuchte, und pltzlich schien er von einem
Gedanken jh ergriffen zu werden, den er eben so schnell wieder von sich
warf. -- Unbegreiflich! sagte er vor sich hin. Die Papiere sind fort.

Fort?! antwortete Felix. Ihr Ehrenwort, dem ich vollen Glauben schenkte,
hat mir Brgschaft geleistet.

Mein Ehrenwort! rief Gravenstein, dunkel errthend, ja gewi, mein
Ehrenwort! Diese Papiere -- es ist unmglich!

Ruhig, mein theurer Alfred, ruhig! sagte der Geheimrath, seinen Arm
fassend und den furchtbaren starren Blick auf sich lenkend, den
Gravenstein jetzt auf Elisen heftete. Sind es diese Papiere? fuhr er
fort, indem er die Wechsel aus seiner Tasche holte und sie zwischen
seinen Fingern in die Hhe hielt. Sind es diese werthlosen Dinger mit
betrgerisch nachgemachter Unterschrift, welche man Ihnen als Unterpfand
bergab mit der pfiffigen Clausel: auf Ehrenwort sie keinem Menschen zu
zeigen? Er brach in ein lautes Gelchter aus und schlug die Zettel
auseinander. -- Zweitausend Thaler in drei Monaten zahlbar -- Johannes
Zippelmann. -- Und hier dasselbe und nochmals dasselbe. So reden Sie
doch, Herr Zippelmann. Wollen Sie zahlen? Reden Sie doch, Herr Stephani.
Wie nennt man ein Unternehmen dieser Art? Was sagen unsere Gesetze dazu?

Zahlen? lchelte Herr Zippelmann, mit einem scheuen und triumphirenden
Blick auf Felix. Es schaudert einem bis ins Herz hinein, da so viel
Laster auf Erden ist. Hehe! Laster und Snde, die seit dem Freiheits-
und Einheitsschwindel zehnfach grer geworden sind; aber zahlen --
keinen Groschen! Nicht um eine Welt -- keinen Groschen!

Es ist Flschung und Betrug hier jedenfalls anzunehmen, sagte Stephani.

Also Flschung und Betrug! rief der Geheimrath, und davor hat unsere
Besorgni Sie zu bewahren gesucht, theurer Alfred. Es blieb uns nicht
verborgen, welche Knste man anwendete, um Ihr edelmthiges Herz zu
bestricken, um Sie in Sirenennetze zu ziehen, die fr Sie gewebt waren.

Netze! sagte Gravenstein erblassend und seine krampfhaft geballten Hnde
ffnend. Was verstehen Sie darunter, Herr Geheimrath?

Ein andermal davon, Alfred; gewi, wir wollen ein andermal davon reden,
erwiderte Wilkau fein lchelnd. Jetzt handelt es sich darum, mit diesem
beabsichtigten Betrug zu Stande zu kommen.

Geben Sie mir diese Wechsel zurck, sprach Gravenstein, indem er
gebieterisch die Hand ausstreckte.

Wenn Sie es wnschen, will ich es thun, antwortete der Geheimrath, ihm
freundlich zunickend; aber bedenken Sie wohl, Alfred, um was es sich
dabei handelt.

Um mein Ehrenwort! sagte der junge Baron rasch, und um eine Sache, die,
wie ich denke, mich allein angeht. Ich habe von diesem Herrn, Felix
Herzer, diese Papiere als ein Unterpfand angenommen, gleichviel ob sie
Werth haben, ob nicht; gleichviel, ob ich wute, sie seien eine Posse in
Wechselform oder ein Scherz, den wir uns Beide machten. Ich wute genau,
was ich that, und wei eben so genau, was ich jetzt thun mu.

Er fate die Papiere zusammen und wandte sich zu Elisen, die in einem
Lehnstuhle neben ihrer Mutter sa, welche sie zu beruhigen strebte.

Ich habe nur noch Eines zu fragen, sagte er. Wie sind diese Papiere aus
meinem Taschenbuch gekommen? Rede, liebe Elise, rief er, die Hnde nach
ihr ausstreckend, ich wei, Du wirst wahrhaft sein.

Mein Gott! erwiderte die Braut ungeduldig lchelnd, Du wirst mir doch
hier das Examen schenken?

Dann sprich einfach zu mir: Ich wei es nicht! forderte er bittend.

Nein, sagte sie lachend, wir wollen den Scherz allseitig nicht weiter
treiben, Alfred. Du weit, heut morgen die Tropfen, dabei wurde Dein
Taschenbuch untersucht.

Du -- also Du! murmelte er tiefathmend.

Man hatte mir gesagt, Alfred, da sie Dich betrgen wollten --
vielleicht sind wir Alle getuscht worden, Alle betrogen -- aber ich
verheimliche es nicht, meiner Liebe und meinem Glcke sollten Gefahr
drohen von einer rnkevollen Nebenbuhlerin, die alle ihre Knste
anwendete, um Dich und mich zu verderben.

Und darum, fiel Felix ein, der bisher still auf derselben Stelle
gestanden hatte, darum verbten Sie einen Diebstahl fr die gute Sache.

Elise wandte sich glhend vor Zorn zu ihm um, aber diese Rthe erlosch
augenblicklich, denn ber Felix Schulter fort sah sie in Claras Gesicht,
die in Begleitung ihres Vaters so eben hereintrat.

Unverschmt! rief der Geheimrath, indem er Herzer anblickte. Was fhrt
Sie hierher? Welche Versammlung soll hier gehalten werden? -- Mein
lieber Alfred, ich behalte mir vor, Ihnen alle nthige Aufklrung zu
geben, aber in meinem Hause bin ich Herr, und wenn Personen, die nicht
hierher gehren, sich eindrngen, so machen Sie ihnen begreiflich, da
dies nicht der Ort sei, wo ihre Gegenwart irgend eine Berechtigung haben
knne. Keine Berechtigung? erwiderte der Fabrikant, der sein gebeugtes
Haupt aufhob und mit sanfter aber fester Stimme hinzufgte: Keine
Berechtigung htten wir an diesem Orte zu erscheinen, wo meine Ehre, die
Ehre meiner Kinder auf immer vernichtet werden soll? Wo wir nichts
wollen, als unsern unerbittlichen Widersachern zurufen: Gedenkt des
Tages und dieser Stunde. Gebt uns Frieden und lat ab, Unrecht und
Schmach auf uns zu hufen.

Der Geheimrath wandte sich mit einer verchtlichen Handbewegung von ihm
ab zu Alfred. -- Noch einmal, sagte er, machen wir dieser Scene ein
Ende. Sie ist peinlich genug fr mich, wie fr uns Alle. Thun Sie, was
Sie wollen; ich fr mein Theil kann in dem, was geschehen ist, nur eine
schndliche, ehrlose Handlung erkennen.

Herr von Wilkau, antwortete Gravenstein, indem er seinen Platz verlie,
dem Geheimrath entgegentrat und ihm starr ins Gesicht sah, ich mu
bekennen, da ich eine andere Ansicht von Ehre und Ehrlosigkeit habe.
Ich frage in diesem Augenblick nicht, wie jene Papiere in Ihren Besitz
gelangten, aber ich wrde in Ihrer Stelle sehr glcklich sein, wenn dies
so geheim wie mglich bliebe.

Sie haben gehrt, Alfred, welche Sorgen uns drckten, sagte der
Geheimrath, und wenn Sie sich selbst fragen, fgte er mit einer halb
drohenden, halb lchelnden Kopfbewegung hinzu, werden Sie sich
eingestehen mssen, da ich alle Ursache htte, ganz anders gegen Sie zu
verfahren.

Ich kenne keine Ursache, gab Gravenstein stolz zurck, die Sie bewegen
konnte, sich selbst in eine Lage zu bringen, welche ich nicht nher
errtern mag.

Genug und bergenug! rief Wilkau zwischen Heftigkeit und erzwungener
Migung schwankend. Wir wollen von Ihren abenteuerlichen Irrfahrten
schweigen, allein das darf und will ich aufs bestimmteste verlangen, da
diese junge Dame da, in Gegenwart meiner Tochter, Ihrer Verlobten, nicht
lnger hier verweilt. Sehen Sie mich an, wie Sie wollen, Alfred. Ich
halte Alles fr gnzlich abgethan; mich verlangt wahrlich nicht danach,
irgend wie den Gerichten vorzugreifen; ich will auch Nichts wissen,
Nichts hren! Ich will es sogar zugeben, da Frieden zwischen uns sein
und bleiben soll fr ewige Zeiten, was ganz von diesem Herrn Herzer und
den Seinigen abhngen wird. Aber nun, wenn Sie mich recht verstanden
haben, machen Sie der Sache ein Ende; Ihnen gegenber werde ich mich
vollkommen rechtfertigen.

Nein, mein Herr, sagte Clara, indem Sie Ihren Vater verlie und mit
strahlenden Augen sich vor den groen Mann stellte, mir gegenber haben
Sie sich zu rechtfertigen.

Ihnen gegenber, mein schnes Kind? fragte Wilkau, indem er sie mit
frivoler Herablassung betrachtete. Wir wollen vergngt und vertrglich
sein, wir wollen vergessen und vergeben; allein, fgte er hinzu, sich zu
ihr niederbeugend, und seine Stimme wurde leise, obwohl er sehr deutlich
und langsam sprach -- wenn Sie wieder nchtliche Promenaden machen und
romantisch auf Kirchhfen umherschwrmen, so whlen Sie einen andern
Freund als den, der hoffentlich sich niemals mehr dazu herbeilassen
wird.

Ist es mglich! -- o! -- ist es mglich! flsterte Clara todtenbleich
ihre Hnde im tiefsten Schmerze zusammenfaltend. Ihr Auge heftete auf
Alfred mit einem unbeschreiblichen Ausdrucke des Vorwurfs und der
Anklage, dann aber wandte sie sich zu ihrem Bruder um, der neben sie
getreten war, und den Geheimrath in einige Bestrzung versetzt hatte.

Herr von Wilkau, sagte Felix, ich wei, wie Sie ber mich denken, und
erlaube Ihnen gern von mir zu behaupten oder auszusprechen, was Ihnen
gefllt. Wagen Sie es aber meine Schwester zu beleidigen, mit
verlumderischer Bosheit die anzutasten, deren natrlicher Beschtzer
ich bin, so werde ich Ihnen die ganze Reihe Ihrer unsittlichen
Bestrebungen vorhalten und Sie ffentlich so behandeln, wie Sie es
verdienen.

Wirklich! rief der Geheimrath von geheimer Furcht und Wuth erfllt. Sie
wollen das -- Sie? -- Entfernen Sie sich augenblicklich -- wir werden
uns weiter sprechen. Diese Frechheit ist unglaublich!

Unglaublich! schrie der Professor, sich an der Binde in die Luft
ziehend.

Hehe! der Bursche wird gemein, schrie Zippelmann, ber den Professor
stolpernd, als Felix sich nach ihm umsah.

Welch entsetzlicher, abscheulicher Auftritt! rief Elise in den Armen
ihrer Mutter, welche der Assessor untersttzte. Giebt es denn kein
Mittel uns von dieser Gesellschaft zu befreien? Alfred, wenn ich denken
mte -- ich verlange von Dir, diesen Menschen offen zu erklren, da Du
nichts mit Ihnen gemein hast.

Sei ruhig, mein Kind, sagte der Geheimrath, sei ganz ruhig. Von einer
Gemeinschaft kann nicht die Rede sein. Frulein Clara wird schweigen,
sie wird gewi schweigen, denn sie wird nicht wollen, da ich sprechen
soll. Oder meinen Sie etwa nicht? rief er mit Hohn auf das junge Mdchen
niederblickend, die ihre volle Fassung wieder gewonnen hatte. Wenn ich
schweige, so habe ich meine Grnde, im Uebrigen aber --

Hier unterbrach ihn die volle stolze Stimme Clara's, die im Gefhl ihres
Rechtes ihn mit berlegener Kraft anblickte. Reden Sie, rief sie ihm zu,
ich befehle es Ihnen! Sie sollen mich nicht verlumden, wo Zeugen
vorhanden sind, die ich im Namen der Wahrheit nicht vergebens auffordern
werde.

Gewi nicht, erwiderte Alfred, der sich ihr nherte und mit steigender
Wrme zu ihr sprach. Es scheint, fuhr er lchelnd fort, als habe man
eine strenge und geheime Ueberwachung zwar ber uns verhngt, dennoch
aber die rechten Fden nicht gefunden. Jene nchtliche Scene, Herr
Geheimrath, hat allerdings statt gehabt und ich bin dabei zugegen
gewesen. Der, den sie zunchst angeht, wird wahrscheinlich den Muth
nicht besitzen, Ihnen jemals die Wahrheit zu bekennen; ich aber betheure
Ihnen mit meinem Ehrenworte, da ich in jener Nacht mit Hochachtung fr
Frulein Clara nach Haus zurckkehrte, und da ich dem Zufalle sehr
dankbar bin, der mich in Besitz eines Geheimnisses setzte, durch welches
ich mich berzeugen konnte, wie nichtswrdig die Rnke sind, welche das
Glck und die Wohlfahrt dieser jungen Dame anzutasten wagten.

Anzutasten wagten! wiederholte Elise mit glhenden Wangen. Was soll das
heien, Papa? Was ist geschehen? Was hast Du mir verschwiegen?!

Da haben Sie es, Alfred! rief Wilkau mit einem bitteren Lcheln.
Schtten Sie kein Oel ins Feuer, fuhr er mit gedmpfter Stimme fort,
Elise darf nichts weiter hren.

Alles soll sie hren, Alles! erwiderte Gravenstein. In welche unwrdige
und elende Intrigue bin ich verstrickt worden?

Das ist das richtige Wort, sagte der Geheimrath; aber, mein Lieber,
lassen wir doch die Details.

Nicht wo es sich um meine Ehre handelt; nicht wo ich die Ehre einer
verfolgten und gekrnkten Dame zu vertreten habe.

Der Geheimrath war mit seiner Geduld zu Ende. Der Zorn lief ber seine
Vorsicht hin; er verwnschte den tlpelhaften Eigensinn, den er schonen
mute, und der ihn dafr rcksichtslos an den Pranger stellte. -- Die
trotzige straffe Gestalt des Freiherrn war so unbiegsam wie ein
Eichbaum, und sein Gesicht sah so roh ehrlich aus, als wolle er einen
offenen Bruch herbeifhren.

Mein Gott! rief Wilkau, Sie mssen genachtwandelt haben, Herr von
Gravenstein, oder was war es sonst, das Sie antrieb, Abends spt dem
ehrenwerthen Frulein hier Fensterpromenaden zu machen, und Briefchen
aufzulesen, die hinausgeworfen wurden. -- Nun, es waren Grillen, nichts
als Grillen, fuhr er besonnener fort, als er den Eindruck bemerkte, den
seine Enthllungen auf Gravenstein machten. Man kann sich ja denken, was
Sie bewog, und es ist nichts geradezu Unrechtes. Sie lieben Saitenspiel
und Gesang und dazu kmmt der Reiz des Wunderbaren, das verlockende
Entgegenkommen. Nicht wahr? Haha!

Hehe! fiel Herr Zippelmann ein, lachen Sie doch, Professor. Ihnen ist
Sie auch einmal entgegen gekommen, und wenn ich gewollt htte, hehe!
aber keinen Groschen, keinen Pfennig, hehe!

Schweigen Sie! versetzte der Professor geschmeichelt grinsend, indem er
auf Elise blickte. Mir sind sehr Viele entgegen gekommen, aber ich --
nie!

Inzwischen hatte Gravenstein in stolzer Verwirrung Clara's Hand
genommen. Ich habe Sie um Verzeihung zu bitten, sagte er, denn wirklich
habe ich an ihrem Fenster gestanden, und wahr ist es, da ein Brief in
meinen Besitz gerieth, der nicht fr mich bestimmt war. Aber wissen Sie,
Herr Geheimrath, fuhr er fort, indem er sich zu Wilkau umwandte, da ich
ihre Auslegung meiner Handlungen sowohl, wie die weiteren Beziehungen,
welche Sie damit verknpfen, fr Verlumdungen erklre, die ich verachte
und verabscheue.

Wie? rief der Geheimrath erbleichend, das sagen Sie mir, Alfred!

O, mein Gott! schrie die Geheimrthin, lieber guter Alfred, besinnen Sie
sich. Elise, komm her, gieb ihm Deine Hand. Gravenstein! was thun Sie an
Wilkau, an uns, die wir Sie so herzlich, elterlich lieben.

Meine Hand?! Ich bitte Dich, Mutter! rief Elise, die mit Heftigkeit sich
strubte und befreite, als die Geheimrthin sie Alfred nhern wollte.
Wer mir so gegenber steht, so mein Vertrauen verhhnt, solche Schmach
ber mich bringt, kann unmglich wollen, da ich einen Schritt thue.

Mitten in dieser Verwirrung war der Bediente mit der rothen Nase in's
Zimmer geschlpft und hatte dem Geheimrath Etwas zugeflstert.

Herein mit ihnen! rief Wilkau, auf der Stelle herein. Nur ein Wort noch,
Alfred, um Ihnen die Augen zu ffnen. Da, da! fuhr er fort, auf Anton
und Guste deutend, die eben von Friedrich hereingeschoben wurden, diese
beiden Personen, welche vor dem Hause aufgefunden und heraufgenthigt
worden sind, kommen zur rechten Zeit, um Ihnen den Beweis zu liefern,
wie ehrenhaft die Personen sind, deren Ehre Sie vertreten.

Anton Mertens, fuhr er mit feierlicher Betonung fort, im Namen Deines
verewigten Vaters, der mir ein treuer Diener und Freund war, befehle ich
Dir, aufrichtig zu sagen, ob diese Dame hier nicht mit dem jungen Herrn
ein und dieselbe Person ist, welche von einem Sbelhiebe verwundet, von
Euch verborgen wurde, als die Polizei sie verfolgte, und ob der Herr
dort nicht derjenige ist, der das Pistol hier vor dem Hause abscho, als
er verbrecherischer Aeuerungen wegen verhaftet werden sollte?

Anton war im grausamsten Schrecken. Er schttelte den Kopf und wandte
seine ngstlichen Augen auf seine Frau, die ihm mit ihren unbefangenen
Blicken und leisen Ellenbogensten Muth einzuflen suchte und noch ehe
der Geheimrath fertig war, ihre helle Stimme erschallen lie. I, mein
Gott! rief Guste, wie kmen wir denn dazu? Nichts knnen wir sagen,
gndigster Herr Geheimrath, und wie wre denn das auch mglich, wegen
der Lnge der Zeit, der Nacht, der Verstrtheit und vielerlei anderer
Umstnde?

Ja, ja! fiel Anton triumphirend ein, so ist es, meine Herrschaften. Es
ist alleweil unmglich, darber noch zu urtheilen.

Herr von Gravenstein, sagte Clara, ihre Augen glnzend und gro zu ihrem
Beschtzer aufschlagend, da es die Absicht des Herrn von Wilkau ist,
Ihnen allein zu beweisen, wie Unrecht Sie thun, eine mit grnzenlosem
Ha und grnzenloser Unwrdigkeit verfolgte Familie nicht verderben und
zertreten zu wollen, so glaube ich Ihnen auch nur eine Antwort ertheilen
zu drfen. Wenn es wahr sein sollte, was ber mich und meinen Bruder
hier gesprochen wurde, und was jene beiden guten Menschen sich nicht
abpressen lassen wollen -- wenn Alles wirklich so wre, knnen Sie dann
selbst glauben, da etwas Unehrenhaftes, Gemeines und Schlechtes mich in
eine so entsetzliche Lage bringen konnte? Ich habe nichts mehr zu sagen,
fuhr sie mit sanfter, leiser, aber fester Stimme fort. Ich habe so viel
Leiden erfahren, so traurige Tage und Nchte erlebt, ich bin bereit,
mich zu unterwerfen.

Welche Heuchelei! rief Elise laut und verchtlich, indem sie sich zu
Stephani wandte.

Antworte nicht, Felix! sagte Clara schnell, da sie sah, wie ihr Bruder
vortrat und seine zrnenden Blicke auf Beide richtete. Ich bitte Dich
instndigst, meine Sache mir allein zu berlassen.

Dann nur wenige Worte fr mich, erwiderte der junge Mann, und indem er
den Geheimrath von Kopf bis zu Fen ma, sagte er: Sie haben Alles
gethan, um uns unglcklich und entehrt aller Schande preiszugeben, und
Alles ist mirathen; jetzt versuchen Sie das Letzte, aber auch dies
fllt auf Sie und Ihre Helfershelfer zurck. Hten Sie sich weiter zu
gehen, es liegt ein Abgrund vor Ihnen, in den Sie mit Hohn und Schmach
beladen strzen werden. Rufen Sie die Gesetze gegen uns auf, ich will
den Richtern Erklrungen geben, und alle die Menschen dort, die Narren
und Schufte, welche Sie Ihre Freunde nennen, werden dabei eben so bel
fortkommen. Nehmen Sie daher meinen guten Rath an und schweigen Sie
gegen Jedermann; am wenigsten aber forschen Sie den Verbrechern nach,
die Sie so gern den Hschern berliefern mchten. Es knnte Sie bitter
gereuen, wenn es bekannt wrde, wer der Elende war, den Sie suchten.
Wenden Sie sich an den Herrn Stephani dort und hren Sie, was er Ihnen
rth. Nicht wahr, Herr Stephani, Sie rathen zum Frieden? Sie verlangen
nicht, da dieser Pfuhl von Gemeinheit und Bberei jemals aufgedeckt
werde?

Ich mchte allein verlangen und wnschen, sagte Stephani ruhig, da Sie
sich bereit finden lieen, diese Scene zu beenden.

Sehr wrdig und sehr gerecht! versetzte Felix spttisch. Ich glaube in
der That, wir haben hier nichts mehr zu thun.

Alfred! rief Herr von Wilkau. Halt! Bleiben Sie -- Herr von Gravenstein,
ich habe ein Recht zu fordern, da Sie bleiben.

Gravenstein hatte Clara seinen Arm geboten, um sie aus dem Zimmer zu
fhren. Welches Recht? fragte er stolz zurcktretend, und ohne ein
weiteres Wort entfernte er sich.

Ein krampfhaftes Gelchter Elisens folgte ihm nach. Sie sank in den
Lehnstuhl und bedeckte ihr glhendes, von Leidenschaft, Ha und tief
gekrnktem Stolz verzerrtes Gesicht mit ihrem Tuche. Stephani beugte
sich trstend ber sie. Die Geheimrthin weinte; Wilkau stand wie
erstarrt, die Hnde geballt, seine Lippen bebten.

Hehe! schrie Herr Zippelmann, der Bube, der Felix! Liebster Geheimrath,
wie sehen Sie aus? Gerade wie am Achtzehnten. Die verfluchte Einheit!
Die deutsche Einheit! Aber, hehe! Professor, fassen Sie zu. Ich habe es
immer gesagt, Alfredchen hatte etwas, was mir nicht gefiel.

Mir auch nicht, redete der Professor majesttisch den Kopf erhebend und
seine Binde hoch ziehend. Er verstand mich nicht, Niemand verstand mich
-- jetzt sehen Sie die Folgen!

Gravenstein begleitete inzwischen Clara schweigend bis zu ihrer Wohnung.
Felix fhrte den erschpften Vater, Mertens mit seiner Frau hatten sich
still davon gemacht, um die wahrscheinlichen Folgen dieses Abends in
Ruhe zu bedenken. Ohne Zgern ffnete Alfred die Thr des Hauses und
erst, als er in dem Wohnzimmer stand, wo die Lampen und Kerzen zwischen
den Blumen und Festgeschenken noch brannten, brach er sein beharrliches
Schweigen.

Seine finsteren Zge wurden weicher und seine Augen flogen ber den
einsamen Festtisch und die niedergebrannten Lichter hin, deren
melancholisch dstres Geflimmer zu dem kummervollen Ernst der Anwesenden
pate.

Herr Herzer, sagte Alfred, ich bin Ihnen Genugthuung schuldig. Ich habe
mich hinreien lassen, ein Werkzeug abzugeben, das Sie verfolgen und
verderben sollte. Als ich zuerst hier in diesem Zimmer war, berkam mich
das Gefhl der Wahrheit. Ich suchte nach einem Auswege und fand ihn,
indem ich das Unterpfand annahm, welches mir Ihr Sohn bot. Es war mir
gleichviel, was es war, ich sah auf der Stelle, welche Absicht dabei
waltete, aber ich war eben so berzeugt, da das Pfand eingelst werden
wrde. Ich wrde Sie nie darum gedrngt haben, seien Sie dessen
berzeugt, doch es ist anders gekommen. Hier sind die Papiere, nehmen
Sie sie zurck. Ich bin schmerzlich getuscht worden. Morgen verlasse
ich diese Stadt; behalten Sie das Geld, bis ich es fordern werde.

Nicht also, sagte der Fabrikant. Das Kapital mssen Sie jetzt nehmen.

Das Einzige, was mich tief betrbt, fuhr Gravenstein fort, ist, da ich
mich anklagen mu, der Verlumdung Nahrung gegeben zu haben, welche die
Ehre Ihrer Tochter anzutasten wagt. Aber glauben Sie, mein Herr, glauben
Sie, Herr Herzer, fgte er stockend hinzu und langsam wandte er sich zu
Clara um, diese Ehre ist mir so theuer, da, wer es wagen will, sie zu
berhren, auf mich treffen wird -- auf mich!

Herr von Gravenstein, antwortete Herzer, ich danke Ihnen fr diesen
Trost, der mir wohlthut. Ja, diese Menschen haben tief in Alles gebohrt,
was Menschen heilig ist, was aber meine Tochter betrifft, so ist es mein
Entschlu, sie allen weiteren Anfechtungen zu entziehen. Clara wird in
wenigen Tagen mit ihrem Bruder nach New-York gehen.

Eine heftige Ueberraschung schien die pltzliche dunkle Rthe in
Gravensteins Gesicht zu bringen. Er stand stumm vor dem alten Vater,
dann lie er das Auge ber Clara gleiten und sah ihr mit einem langen,
fragenden Blicke ins Gesicht.

Ist es wahr? sagte er endlich.

Mein Vater will es so, erwiderte sie.

Aber Sie -- Sie! rief er heftiger und seine Hand streckte sich aus, er
hielt ihre Finger fest zwischen den seinen, die darin zitterten. Nein,
Sie drfen nicht gehen, fuhr er fort, wenn ich es ndern kann. Hren Sie
mich an, Herr Herzer, und entscheiden Sie darber. Ich mu fort -- da
ich mu, werden Sie gerechtfertigt finden. Aber ich werde wiederkehren.
Wenn der Sommer kommt, werde ich an Ihre Thre klopfen, mein Geld
begehren und -- wenn Clara's Stimme mich ruft, dann werde ich Sie von
Ihnen fordern. Und nun, gute Nacht, Clara. Was war es, was jener
unheimliche Mensch Ihnen von mir sagte und was Sie ihm antworteten? Ich
werde Sie fragen, Clara, wenn ich wieder komme und Sie wiederfinde, dann
sollen Sie mir Antwort geben.

Er zog ihre Hand an seine Lippen, ein Lcheln flog durch seine Zge und
pltzlich war er hinaus, so rasch, da Thr auf Thr zuschlug, ehe seine
letzten Worte zu verklingen schienen.

Herzer stand einige Minuten nachsinnend vor seinen Kindern. In seinen
Augen schimmerte eine Freude, die er niederkmpfte, um ruhig zu
scheinen.

Felix hatte beide Arme um seine Schwester gelegt, die ihr Gesicht an
seine Brust lehnte.

Sage mir, Clara, fragte ihr Vater, sage mir, ob Du gehen oder bleiben
willst?

Bleiben, mein theurer Vater, bleiben wo Du bleibst, rief sie ihm
entgegeneilend, und erwarten, da der nchste Weihnachtsabend uns
glcklicher beisammen findet!

                   *       *       *       *       *

Das Jahr ist verflossen und der Weihnachtsabend ist wiedergekommen. Eben
als es dunkeln wollte, hielt ein eleganter Wagen vor der Thr des
Fabrikanten. Alfred von Gravenstein hob seine junge Frau heraus, die mit
schnellen Schritten ins Haus eilte.

Wo ist mein Vater, fragte sie?

Oben im Saale, erwiderte die Haushlterin in seliger Geschwtzigkeit. --
O! der liebe Herr hat den ganzen Tag gewartet und geseufzt. Endlich ist
er allein hinauf gegangen, um den Christbaum anzuznden.

Clara flog die Treppe hinauf. Da brannte der helle Baum. Es war wie es
sonst war, aber der alte Mann stand, die Hnde gefaltet allein in dem
stillen Saale. Ein Ruf, ein lauter Schrei, und Clara lag an seinem
Herzen. Er hielt sie in seinen Armen, er fate ihren Kopf in beide
Hnde, um sie zu betrachten, bis seine feuchten Augen sie nicht mehr
erkennen konnten.

Du bist glcklich, mein geliebtes Kind? fragte er.

Unaussprechlich glcklich, Vater! Alfred lebt fr mich; gar Vieles ist
anders geworden in ihm!

Herzer lchelte froh dem jungen Manne zu, der heiter und stattlich vor
ihm stand.

Aber mein Bruder! fragte Clara. Wie geht es ihm?

Gut, sagte Herzer, alles gut! Ich habe heut einen Brief von ihm. Unser
Geschft gedeiht, er ist zufrieden. Seinen Brief an Dich baue ich Dir
auf, sammt einem Glckwunsch von Mertens und seiner Frau. Du weit,
Felix hat sie beide nachkommen lassen und es geht ihnen gut alleweil,
rief er lachend. Alle wirst Du wiederfinden, fuhr er dann fort, nur
Einer hat das Zeitliche verlassen, Herr Zippelmann. Der ist selig
gestorben, ohne die deutsche Einheit zu erleben und hat sein ganzes
Vermgen Elisen vermacht, das heit der Frau Geheimen Regierungsrthin
Stephani.

O! wohl bekomm' es ihr, rief Clara, Alfred umarmend. Nicht wahr, wir
haben nichts dagegen?

Nichts gegen dies wrdige Paar, lachte Gravenstein. Aber unser Freund,
der Professor?

Ach der! sagte Herzer, der ist noch viel unbegreiflicher und seine Nase
noch viel dicker und rther geworden.

Aber fort damit, fort mit ihnen Allen! Leuchte uns du, alter Baum, zum
frohen Feste. Da bin ich bei meinen lieben Kindern. Wer htte es
gedacht, als ich das letztemal kummervoll vor ihm stand! Und wenn er
wiederkehrt, Clara, wenn der alte Baum wieder brennt, wo werde ich dann
sein?

Bei uns! rief Clara, den alten Mann zrtlich kssend, und dann --
flsterte sie ihm leise zu, dann kommen wir nicht allein!




                 Druck von _Horning_ u. Co. in Berlin.




Anmerkungen zur Transkription


Die variierende Schreibweise des Originals wurde weitgehend beibehalten.
Offensichtliche oder sinnentstellende Fehler wurden korrigiert wie hier
aufgefhrt (vorher/nachher):

   [S. 45]:
   ... Eine Rotte ven Elenden aller Art soll uns jedoch ...
   ... Eine Rotte von Elenden aller Art soll uns jedoch ...

   [S. 48]:
   ... Hch habe eine andere Meinung von ihm gehabt, ...
   ... Ich habe eine andere Meinung von ihm gehabt, ...

   [S. 56]:
   ... recht gern, wenn es sein mu, aber ich sage ...
   ... gebe recht gern, wenn es sein mu, aber ich sage ...

   [S. 70]:
   ... s grinsend; wie Sie wollen, Heer Baron, ich ...
   ... s grinsend; wie Sie wollen, Herr Baron, ich ...

   [S. 111]:
   ... Ich kenne ihn, was, will er? Was ...
   ... Ich kenne ihn, was will er? Was ...

   [S. 119]:
   ... Bah! lachte Wilkau. Sie wissen, jungen ...
   ... Bah! lachte Wilkau. Sie wissen, junge ...

   [S. 119]:
   ... und drckte ein Zettelchen hinein, da wie eine ...
   ... und drckte ein Zettelchen hinein, das wie eine ...

   [S. 120]:
   ... der Assessor, der mu uns helfen, da ist der ...
   ... der Assessor, der mu uns helfen, das ist der ...

   [S. 138]:
   ... welche, wir wir hoffen drfen, heut morgen ...
   ... welche, wie wir hoffen drfen, heut morgen ...

   [S. 153]:
   ... Alfred von Grafenstein war den ganzen Tag ...
   ... Alfred von Gravenstein war den ganzen Tag ...

   [S. 166]:
   ... ich ihn aufhngen lassen lnnte. ...
   ... ich ihn aufhngen lassen knnte. ...

   [S. 195]:
   ... Er est verlobt mit der eitlen leichtsinnigen Elise, ...
   ... Er ist verlobt mit der eitlen leichtsinnigen Elise, ...

   [S. 196]:
   ... Wie, mein Schwesterchern, sind das Reminiscenzen? ...
   ... Wie, mein Schwesterchen, sind das Reminiscenzen? ...

   [S. 198]:
   ... wuchs! Er lachte auf, indem er die die Flle ...
   ... wuchs! Er lachte auf, indem er die Flle ...

   [S. 202]:
   ... Und ich wei es vielleicht noch besser, rie ...
   ... Und ich wei es vielleicht noch besser, rief ...

   [S. 269]:
   ... Nerven. -- Luise soll ihn in die Kur nehmen, ...
   ... Nerven. -- Louise soll ihn in die Kur nehmen, ...

   [S. 280]:
   ... Kinde umher, voll Dankbarbeit und Seligkeit. ...
   ... Kinde umher, voll Dankbarkeit und Seligkeit. ...

   [S. 303]:
   ... seine verkehrte Augen und sein noch verkehrteres ...
   ... seine verkehrten Augen und sein noch verkehrteres ...

   [S. 322]:
   ... Ich wei nicht, sagte sie, was sie meinen ...
   ... Ich wei nicht, sagte sie, was Sie meinen ...

   [S. 335]:
   ... und davor hat unsere Bosorgni Sie zu bewahren ...
   ... und davor hat unsere Besorgni Sie zu bewahren ...

   [S. 337]:
   ... ber Felix Schulter fort sah sie in Klaras Gesicht, ...
   ... ber Felix Schulter fort sah sie in Claras Gesicht, ...

   [S. 354]:
   ... flog durch seine Zge und pllich war er hinaus, ...
   ... flog durch seine Zge und pltzlich war er hinaus, ...






End of the Project Gutenberg EBook of Weihnachtsabend, by Theodor Mgge

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WEIHNACHTSABEND ***

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Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org



Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search
facility: www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.

