The Project Gutenberg EBook of Aus zwei Welttheilen, Erster Band., by 
Friedrich Gerstcker

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Title: Aus zwei Welttheilen, Erster Band.
       Gesammelte Erzhlungen

Author: Friedrich Gerstcker

Release Date: October 12, 2015 [EBook #50187]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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  Aus zwei Welttheilen.

  Gesammelte Erzhlungen
  von
  Friedrich Gerstcker.

  Erster Band.

  Leipzig,
  Arnoldische Buchhandlung.
  1854.




Inhalt des ersten Bandes.


                                                         Seite

  Heimweh und Auswanderung                                   1

  Die Wolfsglocke                                           27

  Die Ahnung                                                83

  Schwarz und Wei                                         137

  Der Freischtz                                           227

  Die Schoonerfahrt                                        275

  Berlin und das Schauspielhaus im Belagerungszustand      401




Heimweh und Auswanderung.

Skizze.


Vor Jahren, und noch nicht einmal vor so gar _langen_ Jahren, war eine
Reise von mehr als zwanzig Meilen ein Gegenstand, der nicht allein jede nur
erdenkliche Vorbereitung erforderte, sondern den Reisenden selbst fast wie
einen tollkhnen Wagehals erscheinen lie, der sein eigenes Leben und die
Ruhe seiner Verwandten und Freunde keinen Deut hoch achtete, sondern
nur, ein zweiter Robinson Crusoe, Lust habe, seine Tage unter Wilden und
Cannibalen zu beschlieen. Damals standen noch wohlbeleibte Wirthe mit den
dicken, gemthlichen Gesichtern in der Thr ihrer Gasthuser und unter den
an starken eisernen Stben hin- und herknarrenden Conterfeys von rothen
Drachen oder noch rtheren Potentaten, sahen die alte, wohlbekannte
Landkutsche halbe Stunden lang bedchtig auf der ausgefahrenen Strae
heranrasseln, und berechneten schon im Voraus, fr wie viel Gste die
hochlgerigen, schneewei berzogenen Betten hergerichtet, wie viel Paar
Pantoffel zum Wrmen an den Ofen gestellt werden mten.

Jetzt dagegen zischen und schnauben keuchende Locomotiven ihre eiserne
Bahn entlang -- die Drachen und Potentaten sind (beide jedoch nur von den
Wirthshausschilden) verschwunden und haben franzsirten Hotels -- =de
Leipsic, de Katzenellenbogen etc.= -- Platz gemacht, und langbeinige,
dnnleibige Wirthe und Kellner strzen, mit ganzen Armladungen voll
Erfrischungen, von Coupee zu Coupee, um die _nie_ mehr einkehrenden
Passagiere zu veranlassen, ihr Geld im Fluge zu verzehren.

Der Ocean hlt mit dem festen Lande Schritt; sonst nannte man eine Fahrt
von Hamburg nach Helgoland eine Seereise, jetzt heien die, zwischen
Newyork und Liverpool spielenden, ungeheueren Packetdampfschiffe
_Fhrboote_, und Pianofortes und Brsseler Spitzen werden nach Gegenden
hingeschafft, in denen noch vor kurzer Zeit Schellen und Glasperlen als
Wunderwerke der Kunst galten.

Der Mensch selbst bleibt dann natrlich nicht hinter dem Fortschritt der
Lnder zurck -- der enge Kreis, der sonst den Hausvater an die Scholle
bannte die er bewohnte, wird ihm jetzt zu eng, und wenn er die Seinen nicht
verlassen kann, ei nun, so nimmt er sie mit zu anderen Zonen. Ein mit dem
Vaterland Zerfallener -- ein Weltschmerzdurchtobter -- dachte frher nur
selten daran, die alten Ketten und Verhltnisse, die ihn bisher gebunden,
abzuschtteln und auf neuem Boden, von der neuen, lebensfrischen Keimkraft
einer anderen Welt durchglht, ein ebenso neues, ein ebenso frisches Leben
zu beginnen, -- das Wort Europamde stand noch in keinem _deutschen_
Wrterbuch. Jetzt ziehen Tausende von ruhigen Landleuten, die bis dahin von
Schiffen keine anderen kannten als Weberschiffe, und das Wasser, auer
dem Hausgebrauch, nur noch zum Mhlentreiben verwendbar hielten, mit
schwellenden Segeln ber brausende Wogen hin, einer neuen, ferngelegenen
Heimath zu, und befinden sich auch dort schon, nach ganz kurzem Aufenthalte
so wohl, so bekannt, als ob sie zwischen lauter Negern und Mulatten
aufgewachsen wren, und von frhester Kindheit an nichts Anderes gegessen
htten, als Maisbrod und Ananas.

Deutschland, das sonst so ruhige, gemthliche Deutschland, ist auf Reisen
gegangen; Michel hat Schlafrock und Pantoffeln ausgezogen, und am Ganges,
Nil und Niger, am Amazonenstrom wie am Mississippi verlangt er von dem aufs
Aeuerste erstaunten Echo, ihm Ei du lieber Augustin und schner grner
Jungfernkranz nachzusingen.

Betritt nun der Deutsche amerikanischen Grund und Boden, und ist ihm selbst
die Sprache fremd, die er von _lauter_ fremden Menschen sprechen hrt, dann
erfat ihn gewhnlich zum ersten Mal jenes Gefhl gnzlicher Verlassenheit,
das er selbst bei dem Abschied aus der Heimath, als er den letzten blauen
Streifen des Vaterlandes in nebliger Ferne schwinden sah, noch nicht
empfand. Damals, in ganz neuer, fremdartiger Umgebung, wo Scene nach Scene
wechselte, und jede nachfolgende immer wieder frischeres, lebendigeres
Interesse bot, -- noch dazu von lauter Landsleuten umgeben, die nur ber
Sachen sprachen die ihm selbst bekannt, mit denen er selbst vertraut war,
fhlte er, glaubte er noch nicht, da der letzte Faden zerrissen sei, der
ihn an vaterlndische Erde band, -- er war nur eben unterwegs, und das
Meer, in dessen wundervolle Blue er jetzt hineinstarrte, umfluthete ja
auch den heimischen Strand.

So vergrerte sich nach und nach die Entfernung, ohne da er im Stande
war einen Mastab anzulegen, wie er von Stunde zu Stunde alles Das weiter
zurcklie, an dem bis jetzt sein ganzes Herz gehangen, und das ihm durch
Liebe und Gewohnheit heilig geworden war.

Der erste Schritt auf fremder Erde zerstrt den Wahn -- von seinen
Reisegefhrten trennt ihn gewhnlich bald irgend ein anderer Plan, trennen
ihn andere Interessen, andere Ansichten -- er verliert sie in dem
ihn umtosenden Gedrnge aus den Augen, und erst dann -- erst in _dem_
Augenblick steigt mit einem Schlage die ganze starre Wahrheit vor ihm auf:
du bist im fernen, fremden Land _allein_.

In _der_ Zeit schliet er sich an Jeden an, der _deutsch_ spricht -- in
_der_ Zeit glaubt er einem Jeden, der ihm versichert, da er es gut und
ehrlich mit ihm meine -- ach seine ganze Seele hngt ja an dem Glauben. Nur
zu hufig fllt er aber auch dann gerade in die Hnde listiger Speculanten,
die, in der amerikanischen Schule gesthlt, jeden fremden Einwanderer,
komme er nun aus der eigenen Heimath oder wo anders her, wie einen Schwamm
betrachten, den sie so lange drcken und kneten, als noch ein Tropfen
Wasser in ihm enthalten ist, und erst dann, nachdem sie sich ihres Erfolgs
vergewissert haben, wie ein abgenutztes Handwerkszeug bei Seite werfen.

Der also Mibrauchte sieht sich so von Jedem, dem er mit treuem Herzen
vertraute, hintergangen und verspottet, und jetzt strmen urpltzlich all
die tausend und tausend gehrten und fr Mrchen gehaltenen Geschichten auf
ihn ein, durch die er in der alten Heimath vor solchen _Freunden_ gewarnt
worden war. Er gleicht jetzt dem Knaben, der sich, schon unter Wasser, noch
deutlich daran erinnert, da ihm Jemand gesagt htte, das Eis wrde nicht
halten. Er ist aber einmal durchgebrochen, und nur starkes, krftiges
Ringen kann und wird ihn wieder an die Oberflche bringen.

Nun sind es allerdings groentheils Deutsche, die in den Seestdten
Amerikas einzig und allein darauf auszugehen scheinen, ihre Landsleute
durch falsche Verkufe, Landspeculationen oder sonstige Betrgereien
zu hintergehen; das hat aber hauptschlich darin seinen Grund, da der
Amerikaner nur selten Deutsch genug versteht, sich des eben Eingewanderten
Vertrauen zu erwerben und Vortheil aus ihm zu ziehen, sonst wre er der
letzte, der sich ein Gewissen daraus machen wrde, ein =greenhorn=[1]
hinters Licht zu fhren.

  [1]: =Greenhorn= -- ein unbersetzbares Wort, das der Amerikaner von
  solchen braucht, die in einer neu unternommenen Sache noch gnzlich
  unbekannt sind, wie z.B. ein Landbewohner, der Matrose werden wollte,
  im Anfang stets ein =greenhorn= genannt werden wrde.

Der Amerikaner hat berhaupt, besonders im Handel, wunderliche Begriffe von
Ehrlichkeit, und hlt Manches fr erlaubt, was wir nach _unseren_ Ansichten
unmglich billigen knnten. Ich brauche da nur an die aus Kien gedrehten
Muskatnsse, an hlzerne in Leinwand eingenhte Schinken, an aus Kartoffeln
und rothem Flanell gestopfte Wrste, und an viele andere Betrgereien zu
erinnern, die den Schuldigen vor Gericht allerdings verdammt htten, denen
aber der Amerikaner selbst seine volle Bewunderung zollt und einen solchen
Pfifficus hchstens einen =deuced smart fellow=, einen verwnscht
schlauen Burschen nennt.

Nun ist es aber nicht allein das Vertrauen gegen Andere, vor dem sich der
neu eingewanderte Deutsche besonders zu hten hat, sondern auch das in sich
selbst, was ihm nicht selten noch greren Schaden thut als das erste, denn
jenes kostet ihm gewhnlich nur Geld und er gewinnt dafr Erfahrung,
das andere aber kostet ihm seine _Zeit_ und die kann ihm Nichts wieder
ersetzen.

Ich mchte hier brigens nicht miverstanden werden, denn ich will
keineswegs damit sagen, da der Europer nicht auf seine eigenen Krfte,
auf seine eigene Ausdauer und Beharrlichkeit vertrauen solle. Nein im
Gegentheil, ein solches Vertrauen ist sogar unumgnglich nthig, er wrde
sonst untergehen in Zweifel und Unentschlossenheit; er soll sich aber nicht
einbilden da er nach Amerika gekommen ist, um die Eingeborenen durch
seine eigene Geschicklichkeit in Erstaunen zu setzen -- er soll nicht,
ohne vorher zu prfen, _seine_ Manier zu arbeiten fr die bessere,
_seine_ Werkzeuge fr die einzigen guten halten -- er soll seine eigenen
Fhigkeiten nicht zu hoch anschlagen und selbst da noch _lernen_, wo er
sich schon vielleicht fr geschickter und klger als Die hielt, mit denen
er zusammentraf.

Der Amerikaner ist viel praktischer als der Deutsche -- er hat sich aber
auch nicht aus dem alten Schlamm, aus geistigem und krperlichem Zwang erst
herauszu_arbeiten_ gebraucht, wie wir das noch jetzt mit Hnden und Fen,
ja oft auf dem Bauche liegend, im Begriff sind zu thun. Er hat das Joch,
was ihn zu drcken erst _anfing_, abgeschleudert und nun, ein freier Staat,
die freie Bahn frisch und frhlich verfolgt. Nicht durch Zunft oder anderen
Zwang niedergehalten, von allen Lndern der Welt die Reprsentanten in
seiner Mitte, konnte er prfen und whlen und der Erfolg hat bewiesen, wie
er nicht blind war gegen das Bessere.

Daher geschieht es denn gewhnlich, da sich besonders der deutsche
Handwerker im Anfang gar nicht in die Behandlungsart seines eigenen
Gewerbes hineinfinden kann, und selbst der _Meister_ zu seinem nicht
geringen Erstaunen noch lernen mu. Hier in Deutschland kommt es besonders
_darauf_ an, da eine Sache gut und dauerhaft gearbeitet sei; der Vater
will ein Stck, das er fr sich selber machen lt, auch noch auf den Sohn
vererben, _dort_ hingegen soll nur Alles _schnell_ und in _Masse_ fertig
werden, und der Amerikaner wird daher stets den schnellen Arbeiter dem
guten vorziehen. Schuhmacher z.B., die zwei bis drei Paar Schuhe in einem
Tage machen, gehren keineswegs zu den Seltenheiten. -- Hie und da, in
groen Stdten, findet man Anschlge, wo schwarze Wsche in _einer_
Stunde gewaschen, getrocknet und geplttet wird. -- Huser scheinen ber
Nacht aus dem Boden zu steigen, ganze Stdte wachsen in wenigen Monaten
heran und ein ewiges Drngen und Treiben schttelt die Amerikaner selbst
aus einem Staat in den anderen, aus einem Geschft in das andere.

Der Lebenszweck ist: _durch_ die Welt zu kommen, und _womglich_ ehrlich,
das _wie_ ist aber auf jeden Fall sonst Nebensache. Was also hier in
Deutschland einem Menschen zur Schande gereichen, oder ber das der
Philister wenigstens sehr stark den Kopf schtteln wrde, das ftere
sogenannte Umsatteln wird dort nicht allein fr natrlich, sondern sogar
fr lobenswerth gehalten, weil es beweist, wie der unstt von Einem zum
Anderen Wechselnde das fr ihn Passende zu finden sucht, und man ist
berzeugt, er wird, _wenn_ er es findet, nicht langsam in der Benutzung
desselben sein.

Da Einer heute Zimmermann, morgen Straenarbeiter, bermorgen Doctor,
nachher Landmann, Maler, Schuster, Matrose, Apotheker, Hndler u.s.w.
ist, fllt Keinem auf, und gerade diese unbegrenzte Arbeitsfreiheit hat
Amerika seinen ungeheuern Aufschwung gegeben. Dort treibt ein Jeder nicht
etwa Das, wozu ihn die Laune seiner Aeltern oder seiner Geburt verdammte,
sondern Das, was seinen eigenen Neigungen und Fhigkeiten entspricht, und
ist daher auch im Stande, es zu einer Vollkommenheit zu bringen, zu der er
sich noch mehr durch unbegrenzte Concurrenz getrieben sieht.

Das sollte aber auch den Einwanderer vor einem Fehler warnen, in den er nur
zu oft von allem Anfang an fllt -- da er nmlich Dasselbe dort treiben
will und es durchsetzen zu mssen glaubt, was er hier im alten Vaterlande
getrieben. Es ist gerade so, als ob er nun auch noch immer in das alte
Wirthshaus gehen wollte, in das er seit Jahren gegangen; ja lieber Gott,
das liegt Tausende von Meilen hinter ihm, und eine neue Welt ist's, die
ihn umgiebt, eine neue Welt ist's also auch, der er sich anpassen, der alte
Adam ist's, den er mit dem alten Schlafrock ausziehen mu.

Dazu kommt noch, da viele Gewerke in Nordamerika gar keine Kundschaft
haben, so z.B. wrden _Weber_, wenn sie es dort durchsetzen wollten, vor
dem Webstuhl ihr Brod zu verdienen, verhungern mssen -- _was_ gewebt wird,
geschieht auf Maschinen oder von Frauen -- Spitzenklppler drften ebenso
wenig daran denken, ihr Geschft in Amerika zu treiben -- Hufschmiede
mten sich den steinigen Norden oder gebirgige Strecken suchen, da im
Sden kein Mensch daran denkt, ein Pferd beschlagen zu lassen u.s.w.
Michel mu also, wenn er einmal berhaupt eine so groe Reise angetreten
hat, total aus sich herausgehen und ein ganz anderer Mensch werden.

Der _Arme_ aber, der hier nur Sklave und Knecht war, der hier wie ein
Pferd arbeitete, um zu leben, und fr einen Tag Krankheit zwei Tage hungern
mute, um die Sache wieder ins alte Gleis, d.h. auf sein frher reducirtes
Nichts zu bringen, wird dort auf einmal finden, da er mehr als ein bloer
Zahn in einem Maschinenrad ist, da er auch noch Menschenrechte hat, die
dort gelten und anerkannt werden. Er braucht auch nicht mit Thrnen
auf seine Kinder zu blicken, weil er im Geist voraus sieht, welch
frchterliches Leben sie durch lange endlose Jahre dahin zu schleppen
haben; denn gerade die Kinder sind es, die nachher tausendfltig ernten,
was die Aeltern, vielleicht immer noch unter Sorgen und Entbehrungen,
geset haben. Fr den Armen, der arbeiten will, ist daher Amerika noch ein
Land der Verheiung, und alle die, die es gut mit den Unglcklichen meinen,
sollten der Auswanderung derselben nicht allein nicht im Wege sein, sondern
sie eher und so viel als mglich untersttzen helfen.

Da dort _Alle_ gedeihen, da es dort _Allen_ gut gehen soll, wer knnte
das verbrgen -- schon ihre ganze Erziehung hier, die Abhngigkeit, in
der sie von Jugend auf gelebt, lt sie dort anfnglich in einer Freiheit
umhertaumeln, die sie nicht verstehen, deren Werth sie noch nicht begreifen
knnen. Allerdings sagen sie es sich wohl oft, recht oft laut und in
Gedanken vor: Hier sind wir Alle gleich, hier trennt uns kein Unterschied
des Ranges mehr, aber vor jedem guten Rock bcken sie sich, weil sie den
verwnscht schwachsinnigen Gedanken noch nicht abschtteln knnen, da in
einem bessern Stck Tuch auch nothwendig ein besseres Stck Fleisch stecken
msse, als sie selbst unter ihrer wollenen Jacke tragen. Das verliert
sich aber nach und nach, sie lernen ihren eigenen Werth erkennen, und der
deutsche _Farmer_ ist durch seine Arbeitsamkeit und offene Ehrlichkeit der
geachtetste Brger der Staaten.

Anders, aber nicht etwa besser steht es dafr mit Denen, die in den Stdten
kleben bleiben und nun dem Endzweck der Amerikaner huldigen und Geld, nur
immer _Geld_ zu verdienen suchen, whrend ihnen das _Wie_ dabei als eine
nicht zu beachtende Nebensache erscheint.

  Du kannst im Groen nichts verrichten,
  Und fngst es nun im Kleinen an.

Zu dem Groen fehlen ihnen die Mittel, fehlt ihnen der Geist -- von klein
auf krmern sie sich nach und nach hinauf. Stege, die der Amerikaner ihres
Schmutzes wegen nicht einschlagen will, benutzen sie mit Freuden, und haben
sie endlich ihr Ziel erreicht -- ist es ihnen gelungen ein kleines Vermgen
zu erwerben, das sie unabhngig dastehen lt, dann kriecht aus der Puppe
der gemeinen Raupe ein Zwitter-Unding von Amerikaner und Deutschem hervor
-- ein Wesen, das nur englisch radebrecht, und von seinen Landsleuten mit
vornehmen Nasenrmpfen sagt: =it is _only a Dutchman_= (es ist _nur
ein Deutscher_) -- und zwar Dutchman noch im allerverchtlichsten Sinn
gebraucht.

Die Galle luft einem ordentlichen Kerl ber, wenn er solch Pack sieht,
und dann fhlt, da Jene nur ihre eigene Gemeinheit vor einer so reichlich
verdienten Zchtigung schtzt.

Auch unter diesen giebt es allerdings eine bessere Klasse, aber sie ist
selten; der _gebildete Deutsche_ zieht es -- wunderlicher Weise -- fast
stets vor, sich lieber durch _Hand_arbeit eine Zeitlang fortzuhelfen, bis
er Sprache und Sitten des Landes erlernt hat, und wenn er dann mit dem
Lande selbst vertraut wird, wenn er die Achse findet, um die sich Alles
dreht, und sich nun selber fragt: Weshalb bist Du denn eigentlich nach
Amerika gekommen? weshalb hast Du Freunde und Verwandte, weshalb Alles Das
verlassen, was Dir einst lieb und theuer war? dann gesteht er sich wohl
meistens selber ein: es war jener, vielleicht noch unbewute Drang
nach Freiheit -- ein Gefhl, das, wenn auch ungeweckt, in seiner Brust
geschlummert, und hinein zieht er nun in den freien, frhlichen Wald, und
als freier Farmer der Vereinigten Staaten verdient er sich sein Brod,
zwar im Schweie seines Angesichts, aber er steht auch selbststndig
und unabhngig da, ein souverainer Frst auf seinem eigenen kleinen
Frstenthum.

Zwei Krankheiten sind es brigens, denen der Deutsche, denen berhaupt der
Auswanderer nach Amerika fast stets anheimfllt -- zwei Krankheiten,
die, eigentlich sehr von einander verschieden, doch auch wieder einzelne
Aehnlichkeit mit einander haben; sie heien: _Seekrankheit_ und _Heimweh_.

Die Seekrankheit betrifft allerdings nur hauptschlich den Krper, das
Heimweh dagegen den Geist; das heit: die eine kommt aus dem Magen, die
andere aus dem Herzen -- beide sind aber die fast unausbleiblichen Folgen
einer transatlantischen Fahrt und hneln sich auch darin, da sie manchmal
ihr Opfer nur im Anfang, nur in den ersten Tagen mit beiden Fusten
anpacken und recht ordentlich, so recht aus Leibeskrften durchschtteln,
es aber dafr auch spter ungeschoren lassen, oder -- was viel, viel
schlimmer ist -- leise auftreten und bei jeder neuen Woge, bei jedem etwas
strmischen Meer, wieder- und immer wiederkehren und Herz und Magen gleich
stark zur Verzweiflung bringen. Beides sind Krankheiten, die kein Arzt zu
curiren im Stande ist, die aber beide, die eine durch _jedes_ feste Land,
die andere nur durch den heimischen Boden, augenblicklich gehoben werden,
und sonderbarer Weise sich auch nach wiederholter Ursache, d.h. nach
wiederholter Seereise oder Trennung vom Vaterlande, selten und nur in
auerordentlichen Fllen zum zweiten Male einstellen.

Zwar hat man fr das Heimweh allerlei probate Mittel empfohlen, wie z.B.
stete Aufregung, ein rastloses Suchen von Geschften, Reisen, berhaupt
Zerstreuung, und das hilft auch fr _die_ Zeit vielleicht, _in der_ wir
uns zerstreuen; Augenblicke der Ruhe _mssen_ aber kommen und dann -- ach
selbst die Erinnerung an die ist schmerzlich.

Auch fr die Seekrankheit hat man in neuerer Zeit etwas -- ein Vomitiv
gleich zu Anfang genommen -- als von ausgezeichneter Wirkung empfohlen, das
ist aber etwa eben so, als ob mich beim Arbeiten das Wagenrasseln auf der
Strae strte und ich mir nun ein paar nimmer rastende Trommelschlger vor
die Thre bestellte, damit ich jenes nicht mehr hre. Nein, Heimweh wie
Seekrankheit will austoben und beiden mu man daher seinen ruhigen Lauf
auch ruhig lassen.

Nun wollen freilich Einige behaupten, das Eine schtze zugleich vor dem
Andern, denn wer die Seekrankheit einmal recht ordentlich gehabt, der
bekomme nie das Heimweh, oder verlange wenigstens nie heimzukehren, weil
er sonst auch jener wieder zum Opfer fiele. Dem ist jedoch nicht so, das
Heimweh kann sogar viel eher als eine fortgesetzte, als eine moralische
Seekrankheit betrachtet werden. Es ist die Seele, die auf dem
sturmgepeitschten fremden, ungewohnten Lebensmeer erkrankt und sich nun,
obgleich der Krper durch jede mgliche Anstrengung, durch Beinespreizen
und verzweifeltes Balanciren sein Aeuerstes thut dagegen anzukmpfen, nur
immer und immer zurcksehnt nach dem festen Land, nach dem _Vater_land.

Einen Beweis hierzu liefert ebenfalls wenigstens der bessere Theil der
Deutschen in Nordamerika. Dieser nmlich, obgleich vielleicht frher
mit den Wrtern Preue, Baier, Oestreicher, Sachse etc. vollkommen
einverstanden, macht jetzt pltzlich keinen Unterschied mehr zwischen
dem Rhein und der Donau -- er fragt nicht mehr den Deutschen: aus welchem
_Lande_ kommst Du? das wei er, das ist _Deutschland_; nein, aus welcher
_Gegend_, und selbst _die_ Frage geschieht nur, um vielleicht einen
bekannten Ort genannt zu hren und sich an den lieben, ach lange entbehrten
Lauten zu erfreuen. -- Daher schreiben sich auch die, fast in allen
amerikanischen Stdten entstehenden Gesellschaften zur Bildung eines
_einigen Deutschlands in Amerika_ -- Michel versucht ganz urpltzlich in
einem total fremden Lande etwas, an das er zu Hause, wo es doch eigentlich
hingehrte, mit keiner Sterbenssilbe gedacht hatte, und rgert sich dann,
da er so wenig Gemeinsinn, wie er es nennt, da er so wenig Anklang
unter seinen Landsleuten findet.

Alle diese Versuche sind ebenfalls nur ein _Heimweh_, das sich auf solche
Art seine, tief im Herzen wurzelnde Bahn bricht -- es ist das Andenken an
liebe, frher so glcklich verlebte Stunden. Der Ausgewanderte will sich
dadurch gewissermaen glauben machen, er lebe noch in den alten, jetzt so
schmerzlich vermiten Kreisen, und all das Fremde, Ungemthliche, was ihn
umgebe, sei nur die harte, bittere und keineswegs zum sen Kern gehrige
Schale, wie wir ja wohl vor den hereinbrechenden Winterstrmen Blumen und
Blthen mit in das wohnliche Zimmer flchten und diese hegen und pflegen,
da sie uns noch recht lange den lieben Sommer erhalten sollen.

Eine Weile geht das auch -- die Keime sind noch frisch und krftig, und
wenn gleich drauen der eisige Nord das gelbe verwelkte Laub von den
Zweigen reit, so trotzen die warm gehaltenen Pflanzen lange und glcklich
dem starren Vernichter. Nach und nach aber welken sie auch -- die Zeit
bt ihr Recht -- der Winter greift durch jedes zufllig geffnete Fenster,
durch jede Ritze und Spalte herein, nach den armen Kindern einer anderen
Sonne, und legt sie erbarmungslos in ihr dunkles Grab.

Doch eines bleibt -- eines ist, das der Hitze wie Klte, der erstickenden
Stubenluft wie dem vernichtenden Norde trotzt, das sich mit immer wieder
neuen Schlingen an Herz und Seele rankt und klammert, das frisch und
frhlich keimt, wenn auch drauen die ganze Natur erstarrt, wenn Alles
unter weier Leichendecke todt und begraben liegt, und das ist der _Epheu_
-- die _Erinnerung_ an die Heimath, wenn auch die Heimath selbst, ach
lngst fr uns gestorben scheint. In seinen lebensfrischen Blttern sehen
wir uns eine neue Frhlingswelt erstehen -- aus ihm bauen wir uns Lauben
und Grotten -- ihn flechten wir um unsere Sitze und zu ihm aufblickend
trgt uns sein freundliches Grn zu der Zeit zurck, wo wir drauen im
schattigen Wald mit den heien Wangen den Thau von den Zweigen strichen, wo
wir in der Heimath Das fanden, was uns jetzt nur noch, ein schwaches Bild
ihrer selbst, geblieben.

Es ist eine eigene Sache um das Heimweh, und ein dem vaterlndischen Boden
entrissener Mensch ist ebenfalls wie ein aus der Erde, die ihn erzeugte,
genommener Baum; er stirbt vielleicht nicht ab im fremden Lande -- die
Wurzeln schlagen wieder aus, aber die feinen, zarten Theile derselben
sind doch noch im alten Bett zurckgeblieben -- die tausend kleinen,
unbedeutenden Fasern wurden verletzt und getrennt, und wenn sie auch zu dem
Leben des Baumes selbst nicht unbedingt erforderlich waren, so thun sie ihm
doch recht weh, und ihr Verlust schmerzt noch lange nach.

Ist es aber zur Erhaltung des _ganzen Baumes_ nthig, da er in anderen
Grund und Boden komme, dann sind eben diese Fasern nur Nebendinge, auf die
man nicht Rcksicht nehmen darf und kann -- es thut ja auch weh, sich einen
Zahn ausnehmen zu lassen, und doch unterzieht man sich dem Schmerz, um
knftig Ruhe zu haben und sich wohler zu befinden. So leben wir denn
ebenfalls jetzt in einer Zeit, wo die Bevlkerung einzelner Lnder mit Dem
was sie selbst erzeugen kann, in keinem Verhltni mehr steht, und entweder
mu ein Theil, nach Vorbild der Bienen, _schwrmen_, oder der ganze Stock
Noth und Mangel leiden.

Frher geschah das erstere durch sich selbst; die Vlkerwanderungen
bedurften eben keiner weiteren Anregung als der Ueberzeugung, da der
bisherige Aufenthaltsort fr einen Stamm zu eng ward und die, berdie
nicht an die Scholle gebundenen Nomadenvlker zogen aus, in irgend einer
anderen Himmelsrichtung ein besseres, ihrer groen Zahl mehr zusagendes
Land zu finden. Jetzt aber fehlen jene ungeheueren, wenig bevlkerten und
in der Nhe gelegenen Strecken, oder wo sie liegen, sind die politischen
Verhltnisse der Art, da Jemand, der erst einmal glcklich Sack und Pack
zusammengeschnrt hat, gewi nicht _dort_hin zieht; es werden daher Mittel
erfordert, um einen uns nicht mehr ernhrenden Wohnplatz zu verndern, die
der Arme nicht besitzt; gleichwohl nimmt die Noth, besonders in einzelnen,
bervlkerten Theilen unseres Vaterlandes, wie in den schsischen,
schlesischen und bhmischen Gebirgen, mit jedem Tage zu und mit allen
gereichten Gaben ist immer kein Ende derselben zu ersehen, keine dauernde
Hlfe zu erzwecken -- es ist immer nur ein einzelnes Mahl, dem Hungrigen
gereicht, und der morgende Tag wird ihn eben wieder so verschmachtend
finden, als der gestrige ihn fand. Daher sollte denn auch der Staat,
wenn er es wirklich gut mit den Armen meint, wenn er ihrer Noth wirklich
_abhelfen_ und sie nicht nur fr den Augenblick durch eine Galgenfrist
beschwichtigen will, die _Auswanderung_ _untersttzen_ und _leiten_.
Untersttzen, so weit das in seinen Krften steht, bedenken da er in
dem Lutern seiner eigenen Krfte auch sein eigenes Blut reinigt von dem
ungesunden Ueberflu, der ihn zuletzt sonst selbst bewltigt, und nicht
frchten, da die gesunden Arbeiter alle fortgehen und nur Greise und
Krppel zurckbleiben -- denn wre das wirklich der Fall, so knnte
man dann noch immer die _wenigen_ mit dem zehnten Theil dessen thtig
untersttzen, was jetzt auch an die arbeitsfhigen, und zwar nur zur
augenblicklichen Stillung ihres Hungers verwendet wird, ohne da es ihre
Leiden lindert, sondern sie blo am Leben erhlt.

Aber auch _leiten_ sollte der Staat die Auswanderung und zwar durch
tchtige Mnner, die, vom Staate beauftragt, die Auswanderer nicht allein
hinber zu fhren htten in ihre neue Heimath, sondern die auch an Ort und
Stelle die Gegenden aussuchen und alles Nthige einleiten mten, um ihnen
wenigstens einen Anfang mglich zu machen, um ihnen die Gelegenheit
zu geben, da sie beweisen knnen, wie es ihnen wirklich Ernst ist,
selbststndig durch die Welt zu kommen, und sie ihr altes Vaterland nicht
allein nicht ganz vergessen, sondern auch mit Freundlichkeit statt mit
bitteren Empfindungen daran zurckdenken. Die Zeit _war_ wo wir eine Flotte
hatten, -- und unsere Nachkommen werden glauben, man erzhlt ihnen ein
Mrchen, wenn sie die Geschichte derselben lesen -- wir drfen deshalb
nicht daran denken, unsere ausgewanderten Freunde auch noch in fremden
Welttheilen _schtzen_ zu wollen. Das edle Recht ist nur den _Nationen_
vorbehalten, aber wir knnten ihnen dadurch doch auch beweisen, da uns
wirklich ihr Wohl am Herzen lag, als wir ihre Taxen und Steuern nahmen,
da wir sie wirklich, wie ihnen das hier oft genug vorerzhlt wird, als
_Kinder_ des Staates betrachten und nicht als berflssiges Material, als
Kehricht, den man auf die Strae wirft, und von dem man froh ist, wenn ihn
der Nachbar gelegentlich mit fortfhrt.

Diese vom Staat Beauftragten sollten aber nicht, wie das bis jetzt
stets der Fall gewesen, Mnner sein, die, selbst unbekannt mit
Amerika, hinbergehen, dort vielleicht ein halbes Jahr leben, flchtige
Erkundigungen einziehen und dann glauben, sie kennten das Land genug, um
ein richtiges Urtheil darber fllen zu knnen; solche Leute haben schon
unendliches Unheil ber arme Auswanderer gebracht, die ihren Worten,
ihrer Fhrung unbedingt vertrauten und dann zu spt einsahen, wie sie von
Menschen geleitet waren, denen selbst kaum die obere Rinde der dortigen
Verhltnisse bekannt geworden. Allerdings wei ich, welche Schwierigkeiten
es hat, Deutsche zu einem gemeinschaftlichen Zusammenleben zu bewegen; ja
ich halte es sogar, auer unter dem strengsten religisen Zwang, fr
eine positive Unmglichkeit. Das darf aber auch gar nicht der Zweck einer
Uebersiedelung von Armen sein, der Staat hat genug gethan, wenn er sie
hinber schafft und dort dafr sorgt, da sie wenigstens im Anfang einen
Wirkungskreis fr ihre Thtigkeit bekommen, was nur durch Ankauf einer
selbststndigen Strecke Landes geschehen kann. Fr das weitere Fortbestehen
ihres Zusammenlebens wre es verlorene Mhe sorgen zu wollen -- es findet
dann spter ein Jeder schon seine eigene Bahn, und wer nicht Lust hat, das
ihm angewiesene Land zu bebauen, der mag es verlassen und irgendwo anders
Beschftigung suchen. Das Land mu ihm nur im Anfang als Aufenthaltsort
gegeben werden, da er nicht gerade in der Zeit, wo er weder Sprache noch
Sitten kennt, als ein Bettler die Staaten durchstreift, und sowohl fr sich
selbst ein eben so elendes Leben fortsetzt, als er es hier gefhrt, sondern
auch seinen anderen Landsleuten unendlichen Schaden zufgt, indem er sie
durch sich selbst in den Augen der Amerikaner herabwrdigt.

Das Alles ist jedoch nur durch Leute mglich zu machen, die Amerika nicht
allein vom Bord eines Dampfschiffes aus, oder durch das Coupeefenster eines
Bahnzuges kennen gelernt, sondern die sich selbst eine genaue Kenntni der
dortigen Verhltnisse _an Ort und Stelle_ verschafft haben. Ebensowenig
wre es aber auch anzurathen, dortigen _Ansiedlern_ die Whlung eines
Platzes zu berlassen; diese werden nie im Interesse der Uebersiedler,
sondern stets in ihrem eigenen Interesse handeln und zwar die neue Colonie
so viel als mglich in ihre Nhe, wenn nicht gar auf ihr eigenes Land zu
bringen suchen, um einen sicheren und bequemen Absatz fr ihre Produkte
zu finden. Das Alles wird durch einen dabei nicht selbst Betheiligten
vermieden, dann aber bietet auch der weite Westen der Vereinigten Staaten
einen ungeheueren Abzugscanal fr jene Unglcklichen, die hier hungern
mssen, whrend dort Brod wchst sie zu sttigen, die den Quell kennen,
der sie vor dem Verschmachten retten wrde, ihn aber nicht zu erreichen
vermgen, weil ihre Krfte erschpft, ihre Glieder erschlafft sind. Jetzt
werden sie nur durch drftige Spenden drftig am Leben gehalten -- eine
krftige Hlfe aber, die das Uebel bei der Wurzel fate und herausrisse,
wrde nicht allein Denen einen freieren Blick in die Zukunft gestatten, die
jetzt durch das Unglck ihrer Mitmenschen jede Freude verbittert sehen,
und immer nur gedrngt und getrieben werden, zu helfen und zu untersttzen,
sondern auch fr Die, die es selbst betrifft, von segensreichster Wirkung
sein.

Nur durch die Auswanderung kann eine wirkliche und nachhaltende Linderung
der jetzigen Noth einzelner Klassen ermglicht werden.




Die Wolfsglocke.


In den Washita-Bergen Nord-Amerikas liegt der Schauplatz auf den ich den
Leser fhren will. Dort, in den wilden Thlern jener reizenden Hgelketten
existirt noch der richtige Backwoodsman; schlicht und ehrlich, rauh und
derb, aufopfernd in seiner Freundschaft, aber gefhrlich in seinem Ha, und
sein Leben groentheils von der Jagd, etwas vom Ackerbau, und meist von der
Viehzucht abhngig machend.

Die letztere wird ihm besonders durch das milde Klima jener Gegend, durch
die grasreichen Hgel, durch die noch hie und da mit dichten Schilfbrchen
gefllten Thler erleichtert, und wenig Mhe ist es, die ihm die Zucht
einer oft nicht unbetrchtlichen Heerde kostet. Dann und wann eine Hand
voll Salz, nahe zu seiner Htte hingeworfen, eine hufige und regelmige
Wanderung von einem der kleinen zerstreuten Trupps zum andern, da sie
den Anblick des Menschen gewohnt blieben und nicht wild wurden -- und der
Sorgfalt, die er mglicher Weise darauf verwenden _konnte_, war vollkommen
Genge geleistet.

Einen Feind aber hatte er, den er, so oft er ihm auch nachstellte und ihn
mit Bchse und Falle unermdlich verfolgt und zu vernichten strebte, doch
nicht bewltigen konnte, einen Feind, der Nachts in heulenden Schaaren die
ngstlich blkende Heerde umschlich, und manch krftiges Kalb, ja sogar
manch einzeln abschweifende Kuh -- und wie viel Ferkel und junge Schweine!
-- berfiel, erwrgte und verzehrte -- dieser listige, blutgierige und
erbarmungslose Feind war der _Wolf_.

Durfte man es dem Backwoodsman verargen, wenn er seine ganze List und
Jagdkenntni anwandte, solch schlauem und gefrigem Diebe beizukommen? --
aber so eifrig er auch auf der Lauer lag, so manche Nacht er, Mosquiten
und Holzbcken zum Trotz, in den Aesten irgend einer knorrigen Eiche
eingeklemmt hing, und beim matten Mondeslicht den scheuen Ruber durch
angeschlepptes Aas herbeizulocken und zu belauern gedachte, so selten war
er im Stande der hchst umsichtigen Bestie die tdtliche Kugel in den Pelz
zu schicken. Die Zahl der Raubthiere mehrte sich, trotz den unermdlichen
Nachstellungen, von Jahr zu Jahr, und im Verhltni dazu wurden die Heerden
gelichtet, so da wirklich etwas ernstlich geschehen mute, wenn sich die
Viehzchter nicht genthigt sehen sollten ihre Weidegrnde, nur allein
dieser Plage wegen, aufzugeben. -- Und ein Hinterwldler einem Wolf das
Feld rumen, -- ei Klapperschlangen und Poppkorn! das wre ja wahrhaftig
eine Schmach und Schande fr sein ganzes Leben gewesen!

Da unter solchen Umstnden derjenige welcher die meiste Geschicklichkeit
auf der Jagd bewies, auch der geachtetste der Jger war, versteht sich wohl
von selbst, und so geschah es auch da sich Benjamin Holik, der erst seit
kurzer Zeit aus Missouri heruntergekommen war, in kaum einem halben Jahre,
wo er allein mit seiner Bchse siebzehn der Bestien erlegt hatte, den
Ehrennamen Wolfs Ben verdiente, und bald fr den besten Wolfsjger im
ganzen Reviere galt.

Wolfs Ben war auch noch auerdem ein gar stattlicher und wackerer Bursche;
gut seine sechs Fu hoch, mit wahrhaft riesigen Schultern und Armen
und einer Kraft, der es keiner der doch sonst gewi nicht schchternen
Hinterwldler, gewagt htte, im Einzelkampf zu begegnen, zeigte er sich
sonst in seinem ganzen Wesen als der gutmthigste, vertrglichste und
geflligste Freund. -- Mit einem guten Wort lie sich von ihm Alles
erlangen, die vorletzte Ladung Pulver gab er her und den letzten Bissen den
er in seine Decke gewickelt bei sich trug; dabei war er der trefflichste
Gesellschafter, wute Unmassen der abenteuerlichsten Geschichten zu
erzhlen, half, wo er einmal irgendwo bernachtete, mit unermdlichem
Fleie Feuerholz schlagen und zum Haus schaffen, den Mais in der Stahlmhle
mahlen, die Thiere versorgen etc., und hatte sich dadurch sowohl wie durch
sein mnnlich schnes Aeuere die Herzen smmtlicher Frauen der Ansiedlung
dermaen gewonnen, da er die brigen jungen Burschen wahrhaft zur
Verzweiflung brachte und schon anfing, trotzdem da er noch Keinem auch nur
eines Strohhalms Hinderni in den Weg gelegt, recht tchtige Feinde unter
ihnen zu zhlen.

So still und ruhig aber Wolfs Ben dabei seinen Weg ging und anscheinend
harmlos in den Tag hinein lebte, so hatte er doch auch die Augen weit genug
offen und wute selber am besten unter welchem Dach er am liebsten schlief,
in welche Augen er am unermdlichsten schauen konnte, und wo ihn -- nicht
das freundlichste Gesicht, denn die Mdchengesichter bewillkommten ihn alle
freundlich -- wohl aber das seste Errthen begrte, das ihm bis jetzt
noch stets das Blut in rasender Schnelle durch die Adern gejagt.

Doch ich will dem Leser keine langen Rthsel aufgeben, die er jedenfalls
schon eine Weile vorher errathen htte. -- Benjamin Holik liebte -- wie
nur seine treue einfache Seele lieben konnte -- so recht aus Herzensgrunde
Robert Suttons liebliches und einziges Tchterlein, und die einzige und
alleinige Sorge die ihn dabei qulte war, da Sutton, der die grte Farm-
und Baumwollenplantage unten am Washita und Red River besa, und im Sommer
hier nur eigentlich seiner Heerden und seiner Gesundheit wegen in die Berge
zog, fr einen sehr reichen, und -- was noch schlimmer, geizigen Mann galt,
und er -- armer Teufel! -- weiter Nichts auf der weiten Welt besa als
seine Bchse, sein Messer und seinen gesunden Krper. -- Sein braves
ehrliches und treues Herz schlug er dabei gar nicht an, und doch war das
die kostbarste Perle, die in ihrer Umhllung nur wie in einer weit minder
werthvollen Schaale sa.

Ben hatte aber schon oft und lange, und nicht selten mit recht trben
Sinnen darber nachgedacht, wie er es eigentlich anfangen sollte etwas Geld
zu verdienen und einen kleinen =start= wenigstens zu haben, mit dem er
beginnen knne -- denn sich um Arbeit auszudingen und langsam und mhsam
Dollar nach Dollar in schwerer Tages- und Monatsarbeit zu verdienen, das
schien ihm ein viel zu langer und weitlufiger Weg und htte ihn seinem
Ziele auch wohl nun und nimmermehr entgegengefhrt. -- Und doch war es
nthig, denn er wre nicht der erste Freier gewesen dem der alte Sutton,
seiner rmlichen Verhltnisse wegen, einen Stuhl vor die Thr gesetzt, und
wo zeigte sich ihm in dem einfachen, ruhig dahin flieenden Waldleben
eine Gelegenheit, so einmal mit raschem Schlage das Glck beim Schopf zu
erfassen -- und zu halten?--

Er wurde immer nachdenkender und schwermthiger, mied die geselligen
Wohnungen der Ansiedlung, trieb sich Tag und Nacht drauen im Wald herum
und hatte als einzigen Gewinn die Scalpe der erbeuteten Wlfe, die ihm der
Staat allerdings mit drei Dollar Prmie =pro= Stck vergtete, die aber
immer noch zu keiner Summe erwachsen wollten, um auch nur einigermaen
seine Ansprche auf der holden Betsy Hand zu begrnden.

In dieser Zeit etwa war es da der alte Sutton einmal einen kleinen
Abstecher nach Texas gemacht und dort von eben so abgeschieden wohnenden
Viehzchtern ein Mittel gehrt hatte, die Wlfe aus einer Gegend in die sie
sich gezogen und wo sie berhand genommen htten, vollkommen zu vertreiben.

Dies bestand einfach darin da sie vorher einen Wolf lebendig fingen, ihm
dann eine Glocke, wie einem Pferd, um den Hals schnallten, und -- ruhig
wieder laufen lieen. Der Wolf kehrte hiernach natrlich so rasch er konnte
zu seinem Rudel zurck; dort aber hrten sie kaum die fremdartige Schelle
als sie auch scheu vor dem frheren Kameraden die Flucht ergriffen und in
wilder Eile einem so unheimlichen Gegenstand zu entkommen suchten.

In jedes Versteck das sie annehmen, folgt ihnen nun der beglockte Wolf,
dem es mit dem unbequemen Riemen um den Hals und dem ewigen Gebimmel unter
seiner Kehle selber unheimlich wird wenn er sich allein sieht. Er glaubt
Schutz unter den Brdern zu finden, schttelt sich, wlzt sich, springt,
schwimmt, kurz thut alles Mgliche seine Qual loszuwerden und ist besonders
darber auf's Aeuerste emprt da er nicht mehr wie frher so leise und
geruschlos seine Beute beschleichen kann, sondern sich jedesmal selbst
gleich durch lauten Glockenklang verrathen mu, und flieht nun, hat er das
eine Rudel frmlich verjagt, zu einem andern, treibt auch dieses aus den
Bergen, die er sich selber bis dahin zum Wohnort erwhlt und sieht sich
endlich -- was er aber auch nur im uersten Fall und erst dann thut, wenn
er wirklich ganz allein zurckgeblieben ist -- genthigt, selbst einen
andern Jagdgrund zu suchen, da auch die Heerden sich bald den Ton der
Glocke merken, und nicht selten in fest geschlossener Phalanx den nchsten
Ansiedlungen zustrmen, sobald sie den klingelnden Feind nur nahen hren.

Der Versuch mute auch am Washita gemacht werden; Sutton kehrte rasch
dorthin zurck, berieth sich mit smmtlichen benachbarten Farmern und kam
mit ihnen darin berein, da sie eine Prmie von zwanzig Dollar darauf
setzen wollten, einen Wolf lebendig berliefert zu bekommen, so da sie ihm
selber die Glocke umschnallen und ihn dann in's Freie wieder hinauslassen
konnten.

Der Preis lie sich aber gut setzen! Die Wlfe waren schlauer als die
Jger, und wenn besonders Wolfs Ben noch manchen Scalp einbrachte, so
schien es doch selbst ihm unmglich zu sein, einen der schlauen Schurken
wirklich unbeschdigt und lebendig zu erhaschen, denn seine Fallen, die er
stellte, blieben leer und in den Fallgruben die er auswarf, fingen sich nur
der Nachbaren Rinder und Schweine.

Da es _ihm_ nicht gelang, waren es die brigen Jger noch weit weniger im
Stande, und der auf einen lebendig eingebrachten Wolf gesetzte Preis stieg
endlich, da die Farmer jetzt auch hitzig wurden, und den Versuch unter
jeder Bedingung, und zwar so bald als mglich zu machen wnschten, bis zu
der fr den Wald ungemein hohen Summe von _zweihundert Dollar_ empor.

Das war ein Sporn fr unsern Benjamin. -- Zweihundert Dollar, alle Wetter
damit konnte er sich eine vollkommen eingerichtete kleine Farm mit einem
migen Rinder- und Schweineanfang kaufen -- und Betsy -- ei wer wei ob
sich der Alte nicht dann doch noch berreden lie, wenn er nur erst einmal
den schwarzen Burschen einbringen und berliefern konnte! Zeit durfte er
brigens dabei auch nicht im geringsten verlieren, denn der Preis hatte
natrlich alle Jger der ganzen Umgegend auf die Fe gebracht, und
berall im Wald hallten die Axtschlge der Mnner wieder, die sich
kleine Baumstmme fllten, um damit die einzig mgliche Art von Fallen
zu errichten die man dort kannte, eine solche wilde Bestie wirklich
unbeschdigt zu fangen. Stahlfallen durften nmlich nicht angewandt
werden, da diese jedenfalls den erfaten Lauf verwundet, vielleicht gar
zerschmettert htten und die Prmie nur ausdrcklich fr ganz _gesunde_
Wlfe garantirt wurde.

In dieser Zeit etwa, war ein Besuch in die Hgel gekommen, der unseren
armen Benjamin Holik bald auf das bsartigste beunruhigen -- ja was noch
schlimmer war -- ihm wirklich gefhrlich werden sollte.--

Es war dies Niemand Anderes als ein sogenannter Vetter von Suttons,
ein Stdter mit blauem Tuchfrack, blanken Knpfen und Strippen an den
Hosen. Jesus! wie die Kinder lachten wenn er irgendwo in ein Haus kam
und sich niedersetzte; wie sie sich dann mit den schmutzigen Gesichtern
zusammendrckten, mit einander flsterten, dann einen scheuen Seitenblick
nach den Strippen warfen und pltzlich in ein lautes, mit aller Mhe
nicht zu unterdrckendes Gelchter ausbrachen und wild und toll aus dem
Hause strmten! Das blieb sich aber gleich, die Kinder waren dumme Blger
die noch nichts von der Welt verstanden, und am wenigsten beurtheilen
konnten ob an einem Manne wirklich etwas sei, oder nicht; -- und an diesem
war jedenfalls etwas, denn sein Onkel galt fr einen der reichsten Pflanzer
in Alabama und hatte nur den einzigen Erben. Ist es da ein Wunder da ihn
der alte Sutton freundlich aufnahm, wie den eigenen Sohn behandelte und
sich und sein ganzes Haus (die Hand der Tochter mit eingerechnet) zu seiner
Disposition stellte?

Mr. Metcamp schien denn auch recht gut einzusehen welch ein Schatz ihm hier
geboten wurde, und wenn ihn auch die junge Dame selber scheu, und in der
That absichtlich vermied, und ihm auf jede nur mgliche Art zu verstehen
gab, es sei ihr an seinen Artigkeiten nicht das mindeste gelegen, so war er
-- in New-Orleans selber aufgezogen -- keineswegs der Mann der sich durch
solche lndliche Sprdigkeit htte so rasch und leicht abschrecken
lassen. Er wute sich nur vor allen Dingen kluger Weise bei dem Vater in
festeste Gunst zu setzen, lauerte dem alten Mann bald seine Schwachheiten
ab, und machte ihn in krzester Zeit glauben er sei der beste Jger, der
unerschrockenste Reiter und berhaupt das muthigste Herz das nur je
unter einem ledernen Jagdhemd geschlagen, also unter einem feinem blauen
Tuchfrack doppelten Werth haben mute, und wute dabei dem schlichten
Hinterwldler durch seine Gelehrsamkeit und sein tiefes Wissen -- lauter
solche Sachen von denen dieser bis jetzt noch nicht einmal eine Idee
gehabt -- so zu verblffen, da Sutton endlich schwor, Mr. Metcamp sei der
=smartest= und beste Mann in der ganzen =range= und wenn seine Tochter
ihm nicht ihre Hand geben wolle, so bekme sie es mit ihm selber, ihrem
Vater zu thun.--

Betsy machte bei einer -- der _ersten_ -- heimlichen Zusammenkunft mit dem
Geliebten, diesen mit Allem bekannt was ihr das Herz abzudrcken
drohte, erklrte ihm, nicht ohne ihn leben zu knnen und behauptete das
unglcklichste Wesen zu sein, das die Erde trge. Benjamin war vollkommen
damit einverstanden, hielt der Geliebten Hand fest, fest in der seinen,
schaute ihr mit recht wehmuthsvollen Blicken in die treuen Augen und sagte
endlich mit leiser, zum Trost bestimmter, aber ach des Trostes selber sehr
bedrftiger Stimme:

Liebe Betsy, verzage nicht -- es wird schon noch Alles gut gehen -- sieh,
ich habe die ganze Nacht gearbeitet und vier neue Fallen aufgestellt und
auch in allen schon und zwar treffliche Lockspeise gelegt; fang' ich den
Wolf, dann hab' ich ein kleines Capital und kann nachher sagen: Nachbar
Sutton, ich mchte Eure Tochter zum Weibe und bin im Stande ihr gleich
ein freundliches Obdach zu bieten, so da ich Eurer Hlfe dabei gar nicht
weiter bedarf -- und wenn er dann hrt da Du, Betsy, mir wieder so recht
von Herzen gut bist--

Ach Du wirst gar nicht den ersten Wolf fangen knnen! sagte Betsy unter
Thrnen; der hliche Fremde hat dem Vater den ganzen Abend von weiter
nichts als den neuerfundenen Fallen erzhlt, die er hier anwenden will --
der kennt gewi lauter neue Schliche und Pfiffe, wie sie in den Stdten
ausgedacht werden, und wird Dir auch da am Ende strend in den Weg treten.

La nur sein, mein Herz! beruhigte sie, jetzt aber wirklich in stolzem
Selbstgefhl lchelnd, der Jgersmann. Darum sorge Dich nicht -- wo's in
den Wald schlgt und mit wilden Bestien zusammenhngt, da la sie in den
Stdten getrost sinnen und grbeln: in der Ausfhrung sollen sie's uns hier
schon nicht zuvorthun, oder -- es ist unsere eigene Schuld, und wir haben's
nicht besser verdient. Da Du mir jedoch sagst, mein Kind, da er auch von
der Jagd etwas zu verstehen vorgiebt, so kommt er mir da auf einen Boden,
wo ich ihm meinen Mann stehe, und siehst Du, jetzt -- ich wei selber nicht
wie das so eigentlich gekommen ist -- hab' ich auf einmal weit mehr Muth
und Selbstvertrauen als vorher. Bleib Du mir nur hold, Du gutes Kind!
Zwingen kann Dich der Vater zur Heirath doch nicht, und wenn er erst findet
da ich Dich nur zu meinem lieben Weibe haben will, weil ich einmal nicht
ohne Dich leben kann, und keineswegs seines Geldes und Gutes wegen, ei so
wird er auch einsehen da ihm ein solcher Schwiegersohn mehr Ehre bringt
als der geschniegelte Stdter, und vielleicht bekomme ich dann noch ein
recht herzliches Ja von ihm.

Es lag eine so freudige, vertrauensvolle Zuversicht in den Worten, da sie
selbst der muthlosen Jungfrau neue Hoffnung gab. Durch das Gercht von des
Fremden Kenntni im Fallenstellen, war aber auch Benjamin aufgereizt worden
seine Anstrengungen zu verdoppeln, da er nicht etwa durch Lssigkeit
sein ganzes Glck versume. Einen fast frhlichen Abschied nahm er von dem
schwermthigen Mdchen, kte ihr die thrnenden Augenlider, schulterte
seine Bchse, und wanderte frisch und getrost in den dunkeln Wald hinein.

       *       *       *       *       *

Die Fallen die Ben Holik fr Wlfe stellte, befanden sich alle ziemlich
in der Nhe der Ansiedlungen, da die wilden Bestien die bewohnten Pltze,
wohin sich das Vieh Abends zurckzog, und wo auch die sugenden Sauen ihre
Betten hatten, am liebsten aufsuchten. Eine besonders, auf die er seine
meiste Hoffnung setzte, da sie nicht weit von einem Wechselpfad der
Wlfe, zwischen zwei Hgelrcken lag, war mit auerordentlicher Sorgfalt
hergerichtet, und so gestellt da sie von den Wlfen gesehen werden
_mute_. Ebenso stak die trefflichste Lockspeise, die ganze Keule eines
erst gefallenen Pferdes, daran, und _den_ Vortheil hatte sie noch auerdem
vor den brigen, da er nicht jedesmal, wenn er nachsehen wollte ob sich
etwas gefangen habe, dicht hin zu gehen brauchte, wodurch er gezwungen
gewesen wre Spuren zurckzulassen, sondern von einem nicht fernen ziemlich
steilen Hgelrcken aus, der dort in eine starre Felsspitze vorragte, mit
seinen Adleraugen den ganzen Platz recht gut bersehen konnte. Lie sich
dann auch nicht gleich bestimmen ob sich etwas gefangen htte, so lie sich
doch recht gut erkennen ob die Falle noch aufgestellt oder niedergeschlagen
wre.

In der Nacht mochte er freilich den Ort nicht stren, deshalb ging er jetzt
geradenwegs zu seinem Lagerplatz, den er sich, bis er sein Ziel erreicht,
in den Bergen aufgeschlagen, entzndete dort sein Feuer wieder, verzehrte
sein einfaches Abendbrod, rollte sich in seine Decke, und war bald
sanft und s, jeder weiteren Anstrengung fr diese Nacht entsagend,
eingeschlafen.

Am Morgen bedurfte er des Hahnenschreis nicht, munter zu werden, so wie der
Whip poor will seine ersten klagenden Laute wieder hren lie, sprang er
auf, kochte seinen Kaffee, den jeder Jger gebrannt und gemahlen in einem
Leinwand- oder Ledersckchen bei sich fhrt, und erwartet nun ungeduldig
den ersten matten Dmmerschein der sich im Osten zeigen wrde.

Endlich, endlich kam das diesmal so hei ersehnte Licht, mit dem sich der
Wolf jedesmal wieder in seine bestimmten und gewhnlich unzugnglichen
Schlupfwinkel zurckzieht -- und vorsichtig, drre Aeste und brechendes
Holz meidend, damit das Gerusch nicht etwa noch in der Nhe weilende
Bestien aufscheuche, kroch er in der That mehr als er ging, dem Felsen zu
der ihm zur hohen Warte diente.

Jetzt hatte er ihn erreicht -- jetzt konnte er den flachen, eben von grauem
Licht kalt durchgossenen Fleck berschauen -- beim Himmel, der ungewisse
Schein mute ihn tuschen -- er vermochte das aufgestellte Dach der Falle
nicht mehr zu erkennen. -- War sie -- war sie niedergeschlagen?

Das Herz schlug ihm in fieberhafter Ungeduld, und gewaltsam fast bezwang er
sich den heller heraufbrechenden Morgen abzuwarten, ehe er seine Fhrte dem
Thalgrunde einpresse.

Aber lange hielt er es so nicht aus; weder Ruh noch Rast lie ihm die
Ungeduld und jemehr er jetzt den Blick anspannte die Gegenstnde unter
sich zu erkennen, desto deutlicher wurde ihm die Thatsache, und der Zweifel
endlich zur Gewiheit. -- Die Falle war wirklich zugeschlagen und es
_mute_ also ein Wolf in ihr stecken, denn die Khe, die manchmal auch
sehr zum Aerger des Jgers und ihrem eignen Schrecken die Sttzen umstoen,
kamen gar nicht in dies felsige grasleere Thal hinunter.

Betsy! das war der einzige Laut, den er, sich selbst vielleicht unbewut,
ausstie, als er mit flchtigen Fen den Thalgrund hinab und der Stelle
zuflog, wo im Schatten dichter Sassafras und Spicebsche, gar schlau
in einen wilden Haufen des dort von dem manchmal reiend geschwollenen
Bergstrom hingeschwemmten Holzes hineingestellt, und von dem klar
vorbeisprudelnden Wasser besphlt, die Falle stand.

_Hurrah!_ er konnte sich nicht helfen, er _mute_ seinem Jubel wenigstens
in _einem_ recht herzlichen, recht aus tiefster innerster Seele kommenden
Aufschrei Luft machen. -- Und er hatte auch wahrlich Ursache darber
zu jauchzen, denn in der Falle sa, scheu und verschmt, als ob er sich
genirte, bei dem heller und heller heraufdmmernden Tageslicht hier noch
ertappt zu sein, ein prachtvoller rabenschwarzer mnnlicher Wolf, und
die Augen funkelten dunkelglhend, zwischen den wohl eine Hand breit
auseinanderliegenden Stmmen nach dem grimmsten Feind durch, dem er in
diesem Theile des Waldes htte in die Hnde fallen knnen -- dem jungen
Jgersmann entgegen.

Siehst Du, Bestie, sagte aber der, so habe ich Dir endlich das Handwerk
gelegt, Du alter grauer Snder -- wirst die andern wohl gestern von der
gefundenen und so vortrefflich geglaubten Beute weggebissen haben, und
sitzest jetzt in der beneidenswerthesten Lage von der Welt hinter Glas und
Rahmen. Nun warte nur, Dir ist noch weit besserer Spa aufbewahrt. An's
Leben geht es Dir diesmal allerdings nicht gleich, wenn Du aber nur erst
einmal mit der Glocke um den Hals spazieren lufst, wirst Du schon finden
was es heit in Ben Holiks Hnde gerathen zu sein!

Der Wolf fletschte, als er sich nach der Falle hinunter bog, ingrimmig
die Zhne gegen ihn, behauptete aber seinen Platz und schien, wie ein
rgerlicher Hund nur einen Angriff zu erwarten, um gleich zufahren zu
knnen. Ben dachte aber gar nicht daran ihn weiter zu reizen, sah nur noch
einmal lchelnd nach ihm zurck und rief:

Bin Dir nicht bse, alter Bursche, bist zwar ein gar unwirsch aussehender
Brautwerber, sollst mir aber doch zur Braut verhelfen, und da mssen wir
schon gute Freunde mitsammen bleiben.

Und einen frhlichen Gru dem Gefangenen hinberwinkend, warf er seine
Bchse ber die Schulter und sprang in flchtigen Stzen den ziemlich
steilen Abhang der Schlucht hinauf, um die Ansiedlung auf dem geradesten
Wege und so rasch als mglich zu erreichen, damit er von dort aus gleich
Hlfe herbei holen knne, dem wilden Burschen das Halsband mit der Glocke
umzulegen, und ihn dann wieder -- hei! wie er springen wrde! -- frank und
frei laufen zu lassen.

So hatten die Mnner der Ansiedlung (die sie um ihr doch eine Art
Stadtnamen zu geben, _Woodville_ getauft, obgleich sie nur aus drei Husern
und zwei Stllen bestand) den jungen Jgersmann noch nie gesehen. Jubelnd
und jauchzend kam er in Suttons Haus gesprungen, umarmte in Ermangelung der
Tochter, den alten Sutton selber, und schwatzte eine solche Masse tolles
Zeug von Wlfen, Scalpen, Farmen, Glocken, Stricken und Holzhaufen, da
eine Art Gercht, Wolfs Ben sei wahnsinnig geworden, schon wirklich
anfing Glauben zu gewinnen.

Nach und nach klrte sich aber die Sache auf, und der alte Sutton erfuhr
kaum um was es sich handle, als er auch selber mit fast eben solchem Eifer
darauf einging, und jetzt nur bedauerte da Metcamp den Augenblick nicht
gegenwrtig wre, da er ebenfalls die Nacht im Wald gewesen sei um sein
Glck zu versuchen.

Hallo, jetzt bekommen wir am Ende gar zwei! lachte der Alte endlich,
whrend er seine Bchse vom Nagel nahm und die Kugeltasche umhing. Metcamp
hatte verdammt gute Aussichten, und scheint seiner Sache ziemlich gewi zu
sein. Nun, das schadete nichts; dann theilt Ihr die Prmie und zwei Wlfe
wren am Ende immer noch sicherer als einer. Ist Euerer denn ein Wolf?

Ei und solch ein derber Bursche, wie nur je einer ein Kalb zerrissen hat.

Vortrefflich, vortrefflich! Nun so kommt, Benjamin, und Du, Scip', kommst
gleich mit den andern beiden nach; wo ist's denn? an der Froschquelle
sagtet Ihr?--

An den Wassern der Froschquelle, etwa sechshundert Schritt von dem
scheidenden Bergrcken und gerade da gegenber wo des Teufels Kanzel ber
den Bach hngt.

Nun da knnt Ihr ja gar nicht fehlen -- also die Stricke und den Sack --
habt Ihr das Halsband, Ben?

Der junge Mann bejahte es, klingelte mit der kleinen Glocke und schien
selber die Zeit nicht erwarten zu knnen, wo sie wieder aufbrechen wrden,
seine Siegstrophen in Empfang zu nehmen.--

       *       *       *       *       *

Mit raschen Schritten wanderten die beiden Mnner den schmalen Pfad
entlang, der von der Ansiedlung aus in den Wald lief, verlieen diesen aber
bald darauf wieder, eine nhere Richtung einzuschlagen, und benutzten einen
von den Hgeln hin auszweigenden Abhang, der in leiser Niederdachung den
Wassern der Froschquelle zufhrte.

Aber, Ben, Ihr habt ihn doch auch sicher? fragte da Sutton, ganz pltzlich
stehenbleibend, und sah den jungen Jgersmann mitrauisch dabei von der
Seite an. -- Ihr war't mir heut Morgen so -- so kreuzfidel -- es ist zwar
noch etwas frh -- ich hoffe doch nicht da Ihr mich etwa zum Narren habt?

Ben Holik lachte, als ob er im Leben nicht wieder zu sich selber kommen
wollte, und schttelte das Halsband, das er in der Hand trug dermaen, da
der Ton hell und klingend durch den Wald tnte.--

Hahahaha -- das ist kostbar. Nein Sutton -- das ist wirklich kostbar --
jetzt -- jetzt fllt Euch auf einmal ein -- hahaha -- da ich Euch knnte
-- hahaha -- angefhrt haben!

Mr. Holik!--

Nein, lassen Sie's gut sein, Sir, sagte der Jger pltzlich seine
Frhlichkeit zgelnd, da er sah wie ernst der alte Mann die Sache zu
nehmen schien. Sie drfen aber wahrlich nicht bs darber sein, wenn ich
vielleicht ein Bischen zu munter bin -- es freut Einen doch am Ende so
einen verwnschten Klberdieb, der so oft und schlau jeder Versuchung
widerstanden hat, zuletzt doch noch nicht berlistet zu haben. Wir mssen
brigens gleich an Ort und Stelle sein; da drben seh ich schon die Kiefern
der Teufelskanzel ber das andere Schwarzholz hervorragen, und gleich
dort unten, wo der Hickory ber die enge Schlucht gestrzt ist, liegt das
Triftholz wo meine Falle steht. Die Neger werden den Platz doch finden?

Scipio kennt jeden Fubreit Boden hier, sagte Sutton. Also hier unten
steckt die Bestie; nun warte, mein Schatz Du sollst Deinen Kameraden so
lange Musik vormachen, bis ihnen vor lauter Bimmeln die Ohren klingen.
Hrt, Ben, dies ist ein nichtsntziger Weg hier; wir sind auch wohl gerade
auf den steilsten Fleck gekommen -- nun, Ben? -- wollen wir noch ein
Bischen? -- was habt Ihr denn zu gucken?

Der junge Mann war auf einen umgefallenen Baumstamm getreten, hatte mit der
Linken den niederhngenden Ast einer jungen Buche gefat, und schaute mit
stierem unverwandtem Blick die Schlucht hinab in die Tiefe -- erwiederte
aber kein Wort.

Nun Ben? -- was giebts? -- Ihr wit wohl selber nicht mehr recht wo ihr
daheim seid? rief der Farmer, und sah ungeduldig nach ihm zurck -- wir
sind wohl in der falschen Schlucht?

Ben Holik erwiederte keine Sylbe; nur bleichen Angesichts und keines Wortes
mchtig, deutete er nach einem wirren Haufen wild ber einander gestrzter
drrer Aeste und Stmme, zwischen dem das scharfe Auge des alten Mannes
gar bald das rauhe viereckige und massive Gestell einer zugeschlagenen
Wolfsfalle, wie sie in den Wldern eben blich ist, erkannte.

Meiner Seel, an den falschen Kasten gerathen; brummte der Greis, nachdem
er sich durch einen zweiten Blick berzeugt hatte wie die Falle leer sei,
-- na das fehlte auch noch, jetzt knnen wir die steile Partie wieder
hinauf machen.

Er wandte sich, den Berg wieder empor zu klimmen, hier aber fiel ihm das
verstrte wilde Aussehn des eben noch so frhlichen Jgers auf, und als er
schon den Mund ffnete, ihn zu fragen was ihm fehle, hrte er die halblaut
und heftig ausgestoenen Worte desselben:

Sie ist _leer_!

Da unten in _der_ hat der Wolf gesessen? fragte der alte Farmer rasch und
erschreckt.

Dort unten, lautete die monotone Antwort des aus seinen Himmeln
erbarmungslos Niedergeschmetterten.

Na, das ist eine schne Geschichte, murmelte Sutton, klomm, so rasch
dies eben gehen wollte, und sicherlich viel rascher als er im Anfang
beabsichtigt, den steilen Hang hinunter, und stand gleich darauf vor der
allerdings leeren, aber heruntergeschlagenen Falle.

Das Fleisch im Innern war augenscheinlich nicht berhrt, eine Art
Wolfsgeruch glaubte er aber selber zu wittern, und bei genauerer
Untersuchung entdeckte er an dem einen rauhen Balken sogar einzelne weie
Bauchhaare, die kaum von einem andern Thier als einem Wolf herrhren
konnten. Wo aber war dieser hin verschwunden, denn da er sich sollte unter
der schweren Klappe vorgearbeitet haben -- Sutton stemmte seine Schulter
darunter und suchte sie emporzuheben, er war es kaum im Stande -- schien
rein unmglich.

Whrend er noch so beschftigt war, stieg Benjamin Holik langsam und
schweigend zu ihm nieder, stellte seine Bchse an den nchsten Baum, legte
Halsband und Glocke daneben und trat dann dicht zur Falle heran, die
er, ohne sie jedoch zu berhren, auf das aufmerksamste und genauste
betrachtete.

Und Ihr habt heute Morgen wirklich einen Wolf darin gefangen gehabt?
fragte Sutton nach lngerer Pause, whrend er trotz des Beweises der
gefundenen Haare unglubig dabei mit dem Kopfe schttelte.

Ich gebe Euch mein Ehrenwort, sagte Ben tonlos -- ein starker mnnlicher
Wolf stak in der Falle, als ich vor kaum einer Stunde diesen Platz verlie;
_drei_ Wlfe htten aber nicht Kraft genug gehabt diese Balken emporzuheben
und darunter vorzuschlpfen, und _wenn_ ihnen das wirklich gelungen wre,
so mte wenigstens die Hlfte ihres ganzen Pelzes an der rauhen Rinde
dieser Stmme hngen geblieben sein.

Das dachte ich eben auch, sagte Sutton -- und Ihr wit gewi da es auch
wirklich ein Wolf--

Nun zum Henker! rief der Jger, dem der Ingrimm ber die getuschte
Erwartung auch endlich durch das sonst berhaupt nichts weniger als
geduldige Hirn zu blitzen begann; ich werde doch einen Wolf von einem Stck
verendetem Pferde unterscheiden knnen? -- aber da -- seht hier -- und --
und berzeugt Euch selber!

Noch whrend er sprach, sprang er pltzlich auf die Falle zu, warf mit
einem Ruck seiner gewaltigen Kraft die Klappe zurck, als ob's ein loses
Brett gewesen wre, und schwang sich mit einem Satz ber die niedere Wand
in's Innere.

Da! rief er, whrend er vor sich auf den feuchten Boden niederzeigte --
da und da -- und da sind die Spuren der Bestie, wenn Ihr denn meinen Worten
nicht mehr glauben wollt; hier ist die Stelle wo sie die Fnge in die
Lockspeise einschlug, als die Klappe wahrscheinlich zufiel. -- Wollt Ihr
mehr Beweise da ich Euch nur eine Thatsache verkndet und nicht etwa eine
-- Lge in den Bart geworfen habe? Pest und Gift! das hat mir Einer der
schleichenden Hallunken, die mich in der Ansiedlung immer nur so scheu von
der Seite anblinzen, wenn ich einmal hinaufkomme, zum Possen gethan; --
herausgelassen, muthwillig herausgelassen ist das Raubthier, und wei es
Gott, Dem der seine Hand in so schmhlich schndlicher Art an Ben Holiks
Eigenthum gelegt hat, wre besser, er htte den Washita in seinem Leben
nicht gesehen, als da er mir, hab' ich ihn erst aufgesprt, wieder vor die
Augen kme!

Hm, das ist eine wunderliche Geschichte, brummte der Alte, wer zum Henker
soll sich die Mhe geben, Euch die Wlfe aus der Falle zu lassen? Und mte
er nicht die ganze Nacht gerade hinter Euch her gekrochen sein, um den
einzigen Zeitpunkt, wo er es unentdeckt thun konnte, so genau abzupassen?

Ben erwiederte nichts, sondern stieg aus der Falle und suchte auf dem Holz
nach irgend einem Zeichen, das ihn vielleicht htte auf die richtige Spur
bringen knnen. Das trockene Holz bot seinem Auge aber nichts, von dem
geleitet, es htte weiter forschen knnen -- nur die Spuren von Haaren
entdeckte er bald, auch die Fhrten des Raubthieres, wo es vom letzten
Stamm hinab auf die weiche Erde gesprungen und dann wieder die andere Seite
der Schlucht hinauf in geradester Richtung seinen Schlupfwinkeln zugeflohen
war. Nirgend lie sich dabei die Spur eines menschlichen Fues erkennen
-- nur ein Paar unnatrlich tief in die Erde eingedrckte Steine, die der
Blick des Jgers bald erkannte, lenkten seine Aufmerksamkeit auf sich --
sie waren, selbst da wo sie mit Erde bedeckt lagen, noch vollkommen trocken
-- Der, der sie eingetreten, mute also erst vor ganz kurzer Zeit hier
herbergeschritten sein.

Holik zeigte sie dem alten Mann und dieser gab auch zu da es ihm selber
so vorkme, als ob da Jemand gegangen sei, an die Erkennung einer genauern
Fhrte war aber nicht zu denken. -- Oben auf dem Hgelkamm zog sich ein
starrer Felsstreifen meilenweit ber den Berg hin, und zweigte berall
in rauh steinige Schluchten aus. Wem hier daran gelegen war seine Spur zu
verheimlichen, konnte das leicht genug, und die beiden Mnner sahen sich
auch endlich genthigt jeden derartigen Versuch als nutzlos aufzugeben.

Die Neger wurden zurckgeschickt, und Sutton folgte ihnen, selber in
keineswegs rosiger Laune, allein, denn Ben Holik wollte jetzt vor
allen Dingen den Wald nach der Richtung hin durchstreifen, wohin die
muthmalichen Fhrten liefen, mglich doch, da ihm sein gutes Glck -- er
stampfte mit dem Fu als er die Worte sprach -- den Thter gerade in den
Weg fhrte.

Er fand nichts -- den ganzen Tag durchkreuzte er den Wald, und als er
Abends md' und matt in die Ansiedlung zurckkehrte, mute er noch ertragen
da man ihn bemitleidete und sich, anscheinend theilnehmend, in der That
aber nur neugierig, nach den nheren Umstnden erkundigte; ja Metcamp erbot
sich sogar hchst freundlich wieder mit ihm zu gehen und die Spur noch
einmal aufzunehmen, -- er htte, wie er selber den alten Sutton dabei
versicherte -- eine ungeheuere Uebung in Fhrtefolgen, und war berzeugt,
er knne ihr nachgehen. Ben Holik aber hielt sich, was den Wald betraf,
fr einen eben so guten Mann wie irgend einer dessen Fe je in Moccasins
staken, und lehnte das Anerbieten artig wohl, aber rund ab.

Dieser Metcamp hatte fr ihn etwas Unheimliches in Blick und Ton. War er
selber so parteiisch oder eiferschtig, ohne allen sonstigen Grund den
Menschen zu hassen, und wre es nicht--

Verzeih mir Gott die Snde! unterbrach Ben selber seine Gedanken als er
wieder zum Walde zurckschritt, denn Betsy konnte und wollte er in diesem
Zustand von Aufregung und getuschter Hoffnung nicht vor die Augen kommen
-- verzeih mir Gott die Snde da ich von einem Menschen, der mir bis
jetzt wissentlich noch kein Leid gethan hat, Unrechtes denke, aber dieser
Metcamp kommt mir immer vor wie mein bser Geist und wenn es _einen_
Menschen in der weiten Gotteswelt gbe, dem ich den Bubenstreich zutrauen
mchte -- so ist es _Der_. Aber wart! mein Bursche, _bist_ Du's gewesen,
so hast Du ein Paar so scharfe Augen auf Deiner Fhrte, wie sie in der
Ansiedlung nur zu finden sind, und wer wei dann, ob wir nicht noch einmal
ein Paar Worte im Vertrauen reden!

Ben war ein seelensguter, herzlicher und schwer zu krnkender Mann -- wie
es fast alle recht krftig kernige Naturen von so riesigem Krperbau sind,
aber leichenbleich frbte ihm doch der Zorn die Wangen als er den Ort
wieder erreichte, wo er das Ziel seiner Wnsche, nach dem er Wochenlang
gestrebt, endlich gefangen gehalten, und dann ihm eine tckische Hand
den Becher, den er gerade zum Munde fhren wollte, entrissen und zu Boden
geschleudert hatte.

Was aber half ihm der ohnmchtige Zorn -- er fand keine weiteren Anzeichen;
die Spuren des Geflohenen waren so schlau verdeckt da er anfing es dem
geschniegelten Stdter nicht einmal mehr zuzutrauen, und seinen Verdacht
von Einem zum Andern der jungen Leute unter seinen Bekannten schweifen
lie, die, wie er recht gut wute, ihn um sein Glck bei Betsy beneideten
und ihn dadurch vielleicht abhalten wollten ihre Hand zu erringen. Es blieb
aber auch immer nur wieder bei dem Verdacht; eine Gewiheit konnte er auf
keiner Seite erlangen.

Das Schlimmste bei der Sache war brigens auch das noch, da ihm diese,
seine beste Falle dadurch fr eine geraume Zeit unbrauchbar geworden, denn
in die ging, wenigstens nicht eher als bis einmal ein Wolkenbruch jedes
Zeichen der gefangen gewesenen Bestie abgewaschen, kein Wolf wieder hinein
-- und welche Falle lag so vortrefflich wie gerade diese!

Wolfs Ben war brigens nicht der Mann, der sich durch eine ihm in den Weg
geworfene Schwierigkeit so leicht htte abschrecken lassen; noch standen
ihm drei andere Fallen und selbst in dieser Schlucht konnte er, wenigstens
weiter oben, eine neue anlegen. Mit unermdlichem Flei arbeitete er
also auf's Neue, lag Tag und Nacht drauen und hielt von jetzt an eine so
scharfe Wacht in seinem gewhnlichen Jagdrevier, da kein Kaninchen, viel
weniger denn ein Menschenkind unbeachtet durchschlpfen konnte. Voll neuer
Hoffnung dachte er nun mit jedem Morgen den Fang eines zweiten Wolfes
begren zu knnen -- aber vergebens. Was er auch that blieb fruchtlos, und
Ben wurde zuletzt so schwermthig und menschenscheu, da er gar nicht mehr
aus seinem Wald heraus mochte, sondern jetzt, mit dem einen und einzigen
Ziel vor Augen, fast nichts anderes dachte, als einen Wolf lebendig zu
fangen.

Die Ansiedlung besuchte er gar nicht mehr, oder doch nur bei Nacht, wo
er nicht zu frchten brauchte, da Betsy's Blick auf ihn fiel -- denn
nachgerade fing er an sich zu schmen ein so schlechter Jger zu sein und
er meinte, die Leute mten ihm das Alle an den Augen ansehen.

       *       *       *       *       *

Drei Wochen waren solcher Art verflossen und wenn Ben's Herz auch wohl
immer und unverndert dasselbe geblieben war, so hatten doch die Sachen in
der Ansiedlung indessen eine ganz andere Wendung genommen.

Der Stadtherr, wie ihn die brigen Jger gewhnlich nannten, bekam Briefe
aus Alabama, die seine Rckreise dorthin so rasch als mglich verlangten.
Sein Onkel war pltzlich gestorben -- er zum Universalerben eingesetzt,
und jetzt natrlich genthigt die dortigen Verhltnisse, die durch eine
bedeutende Sklavenzucht noch weit mehr Aufmerksamkeit erforderten, selber
zu ordnen. Er mute also ohne weiteres Zgern zurck, und seine im Anfang
langsam genug eingeleitete Werbung um die liebliche Waldblume, des alten
Suttons Tchterlein, wurde nun zum raschen Heirathsantrag. Mr. Metcamp
hielt noch an dem nmlichen Tag um des Mdchens Hand an, und wenn auch
Betsy unbedingt _nein_ sagte, sprach doch der Vater, dem der jetzt um
so reichere Schwiegersohn desto mehr zu behagen schien, ein um so
entschiedeneres _Ja_, versicherte seinen knftigen Eidam das Mdchen ziere
sich nur, wolle erst angegangen sein, und bat ihn sich um das keine Sorge
weiter zu machen.

Metcamp htte allerdings lieber eine freundlichere Antwort der Tochter,
wenigstens keine so ganz bestimmt abgeneigte gehabt; da es aber nun
einmal nicht anders ging, schien er sich auch hineinzufinden, hoffte
durch Freundlichkeit zuerst ihr Wohlwollen, dann vielleicht ihre Liebe zu
gewinnen -- wenigstens sagte er das dem Vater, -- und beschlo jeden Falls
an demselben Abend an dem er den Brief erhalten, eine Art Fest zu geben,
wozu smmtliche Bewohner der Ansiedlung eingeladen wurden, und was er
dadurch zu einer Art Verlobungsfest zu stempeln gedachte.

Der Abend kam heran und das Gerichtshaus (ein leer stehendes und aus
Stmmen roh aufgefhrtes Gebude, das in frherer Zeit einmal zu einer
Gerichtssitzung gedient, und davon den Namen, und spter auch noch das
Versprechen erhalten hatte, bei nchster Gelegenheit zu einer Schule
benutzt zu werden, jetzt aber nur zur Aufbewahrung des Mais diente), war
zu dieser Begebenheit gar festlich und brillant hergerichtet. Viele Pfund
Wachslichter -- aus dem rohen gelben Wachs gegossen, wie es die Jger den
gefllten Bienenbumen entnehmen -- erleuchteten den ziemlich groen Raum,
der Boden war von allen Maishlsen gereinigt und rings herum Bnke gestellt
fr die Damen, wie auch ein Tisch mit einem Stuhl oben darauf in die Ecke
geschoben, auf dem der einzige Musikant -- ein Violinspieler -- seinen
Sitz nehmen sollte. Kurz, es war Alles nur Mgliche angewandt, den Raum so
behaglich als mglich zu machen, und wer am spten Abend die Frhlichkeit
der uerst zahlreich versammelten Gste gesehen htte, wre gewi mit dem
Resultat zufrieden gewesen.

Nur Betsy war traurig -- sie dachte an ihren armen Ben, der jetzt
wahrscheinlich drauen allein im Walde herumirrte, und wollte nicht Theil
nehmen an Tanz und Lustbarkeit. Nur mit Mhe wurde sie in den
Tanzsaal selber gebracht, dort aber wies sie jede Aufforderung auf das
entschiedenste zurck, und blieb ruhig, dem frhlichen Treiben zuschauend,
auf ihrem gleich im Anfang eingenommenen Platz.

Benjamin Holik war aber nicht drauen im Wald, wie sein armes, hier in
der lustigen Schaar nur um so viel betrbteres Liebchen in ihrem Schmerz
geglaubt. Der alte Sutton hatte ihn sogar, wie sich das brigens von selbst
verstand, da man Niemanden ausschlo, noch besonders dazu eingeladen, Ben
jedoch die Einladung abgelehnt.

In der Nhe mute er aber doch weilen -- geschftige Freunde brachten ihm
bald die Nachricht da es ein _Verlobungsfest_ sein werde, was man hier
feiern wolle, und er gedachte erst doch noch einmal zu sehen, mit eignen
leiblichen Augen zu sehen da ihn Betsy -- _seine_ Betsy auch wirklich ganz
und gar vergessen habe und dann -- ei dann zog er nach Texas. -- Onkel Sam
warb gerade fr den beginnenden Krieg, und solche Leute wie er war --
Ben brauchte keinen Spiegel sich das selber zu sagen -- fanden rasche und
freudige Aufnahme im Dienst.

Scheu und furchtsam, da ihn Niemand erkenne und seinen Schmerz errathe,
umschlich er wohl eine Stunde lang das Haus und horchte den munteren,
kreischenden Tnen der Violine. Nher hinan zu gehen da er einen Blick
hineinwerfen konnte, mochte er nicht. Da kamen endlich ein Paar seiner
Bekannten aus dem Haus heraus, blieben vor der Thr stehen und schritten
dann zusammen dicht an dem Orte vorber wo sich Ben versteckt hielt, ihren
Wohnungen zu.

Ben drckte sich, so gut das gehen wollte, hinter den Stamm eines dort
stehenden Hickory und der Eine der Mnner sagte, als sie eben dicht neben
ihm waren:

Betsy hat doch, so lange ich im Haus war, keinen Schritt getanzt.

Den ganzen Abend noch nicht, und hat es ein fr alle Mal rund
abgeschlagen, erwiederte der Andere -- ich glaube noch nicht einmal da sie
ihn nimmt.

Ah, bah -- sagte der Erste wieder -- da mte man die Mdchen nicht kennen
-- der hat Geld, und da--

Die weiteren Worte wurden in der Entfernung unverstndlich, aber was
brauchte Ben auch noch weiter zu hren. Das letzte war schndliche
Verleumdung.

Noch keinen Schritt getanzt, jubelte der junge Jger in sich hinein --
also doch nicht falsch, doch nicht treulos, doch ihren Ben noch nicht
vergessen -- aber -- was kann's Dir auch helfen armer Ben -- Du hast doch
kein Glck -- Betsy ist doch fr Dich verloren -- und wenn sie Dich nicht
vergessen knnte -- ach dann wr's nur so viel schlimmer fr sie -- Besser
fr Dich selber aber nimmer und nimmer.

Die Bchse, die er nicht weit von da in einem dichten Busch hineingestellt,
hob er vom Boden auf, noch einen Blick nach dem hell erleuchteten Hause
warf er zurck, und still und schweigend wanderte er den Fupfad entlang
dem nchsten Hgelrcken zu. -- Es litt ihn -- die Nacht wenigstens --
nicht in der Ansiedlung, und er wollte drauen am Feuer schlafen.

Ein Platz war endlich an einer klaren Quelle, die hier dem felsigen Boden
rein entquoll, bald gefunden, eine Flamme entzndet, und in die Decke
gehllt lag er, den Kopf auf einen untergeschobenen Stein gelegt, und
schaute sinnend und ernst zu den freundlich auf ihn niederblitzenden
Sternen empor.

Im Wald war es merkwrdig still, selbst die Frsche quakten nicht so toll
und wild durcheinander, wie er das sonst wohl gehrt, den leisen Schritt
des Opossums, das zu nchtlichem Hhnerraub nach den bewohnten Ansiedlungen
schlich, konnte er deutlich und bestimmt hren, und dort hinten -- er hob
den Kopf und lauschte einen Augenblick -- wahrlich es war ein Wolf, der
weit drben auf dem scheidenden Gebirgsrcken sein klgliches Abendlied
heulte.

Winsle nur, Bestie! murmelte er endlich und sank in seine frhere
Stellung zurck, winsle, aber bleib mir auer Schunhe; auf Deines
Gleichen und auf -- noch Einen, htt' ich besonders heut Abend Appetit.

Eine halbe Stunde lag er wohl so noch, und suchte seine Gedanken wieder auf
die frher durchtrumten Plne zu richten -- es war aber nicht mglich
-- das immer nher und nher kommende Geheul des Wolfes lenkte seine
Aufmerksamkeit immer wieder dort hin, und jetzt -- alle Wetter, das war gar
nicht so weit entfernt -- antwortete eine andere Stimme aus einer hinter
ihm liegenden Schlucht, wo auch, wie sich bald auswies, das ganze Rudel
steckte.

Er sprang rasch von seinem Lager auf und griff nach der Bchse; der Mond
stieg eben hinter den dstern Schatten der fernen Bergesketten hell und
freundlich empor -- die alte Jagdlust erwachte und verdrngte, fr den
Augenblick wenigstens, jeden anderen Gedanken.

Er befand sich auf einem uerst gnstigen, ziemlich offenen und vom Mond
hell beschienenen Fleck und zwar gerade mitten zwischen dem Rudel und
dem vereinzelten, jetzt zu diesem zurckkehrenden Wolf -- das Feuer war
niedergebrannt, und die noch glimmenden Kohlen schreckten die Bestien auch
nicht ab, da fortwhrend brennende Stmme im Wald liegen und Hirsch und
Wolf daran gewhnt sind Feuer auf ihrem Pfad zu finden. Ein vom Winde
niedergeworfener Stamm der die Hhe hinunter, nach dem Thale zu lag,
gewhrte ihm dabei einen trefflichen Hinterhalt.--

Wart Kannaille, murmelte er, griff seine Bchse auf und glitt hinter den
Stamm -- komm mir nur aus dem Busch vor, und freu' Dich dann auf Ben Holiks
Kugel.

Er hob sein Gewehr auf den Stamm, richtete die Mndung nach der Gegend
zu, von der er den einzelnen Wolf erwartete, -- denn das Rudel bleibt in
solchem Fall gewhnlich so lange auf dem einmal behaupteten Platz, bis der
Vereinzelte dazu gestoen ist -- und harrte dann lange und geduldig -- der
Wolf wollte sich aber immer noch nicht sehen lassen.

Sollte die Bestie etwas gemerkt haben -- aber der Wind war doch gnstig.
-- Holik lie seine Bchse auf dem Stamm liegen, hielt beide Hnde
trichterfrmig an den Mund -- und heulte klglich. -- Der Laut war
tuschend hnlich nachgeahmt, und schallte gar wehmthig durch den dstern
Wald.

Wenn aber auch keine Stimme von dort, wo der einzelne Wolf sein mute,
antwortete, so war Ben doch ein viel zu alter Jger um nicht auf seiner Hut
zu sein, oder sich durch Uebertreibung einen einmal gewonnenen Vortheil zu
verderben. Leise griff er wieder nach der Bchse, blieb ruhig im Anschlag
liegen, und erwartete das Resultat.

Das sollte auch nicht lange ausbleiben. -- Der Wolf antwortete allerdings
nicht mehr, aber nur weil er zu nahe war, und als Ben mit gespannter
Aufmerksamkeit selbst dem leisesten, unbedeutendsten Gerusche lauschte,
hrte er pltzlich im trocknen Laub der benachbarten Baumgruppe rasche,
aber vorsichtige Schritte. -- Trap, trap, trap, trap -- und das Thier stand
-- noch einmal -- es windete wieder. Hatte es vielleicht den Rauch in die
Nase bekommen. Der Wolf betritt brigens jedesmal vorsichtig einen freien
Platz, weil er wahrscheinlich nicht allein Gefahr frchtet, sondern auch
vielleicht selber nach Beute ausschaut.

Ben konnte genau von wo er stand die Schritte hren, den Platz selbst aber
noch nicht mit seinem Blick durchdringen, wagte deshalb auch nicht sich zu
bewegen, weil er nicht wissen konnte ob des Raubthiers Augen nicht gerade
in diesem Moment dorthin gerichtet waren, wo er lag. Heulen durfte er auch
nicht wieder -- die Entfernung mute jedenfalls zu gering sein, als da die
scheue Bestie nicht den Betrug htte merken und den falschen Rufer erkennen
sollen. Es blieb ihm Nichts anderes brig als jetzt ruhig und regungslos
abzuwarten, bis das Thier in's Mondenlicht heraustreten wrde.

Da wurde pltzlich hinter ihm -- ein klein wenig nach rechts, das Rudel
wieder laut und ein triumphirendes Lcheln zuckte ber Ben's Antlitz -- es
machte aber auch eben so schnell einem Ausdruck peinlicher Spannung Platz,
denn in dem nmlichen Moment schon trat der Wolf, der durch den letzten
Lockton bestimmt schien, aus dem dstern Schatten vor, auf den freien, nur
mit einzelnen Bumen bewachsenen Raum.

Ben's Herz schlug fast hrbar, aber sein Arm lag fest wie Eisen -- ruhig
richtete er das todtbringende Rohr nach dem Feind und suchte mit dem
scharfen Blick dessen dunkle Gestalt auf das Korn seiner Bchse zu bringen.
Doch vergebens -- in dem matten ungewissen Licht schmolz Korn und Ziel
so ineinander da er um's Leben nicht htte genau bestimmen knnen wo die
Kugel sitzen wrde, und fehlen -- nein das durfte er nicht.

Vorsichtig hob er den Lauf gegen den helleren Himmel, wo er das Korn
deutlich gegen einen der funkelnden Sterne konnte abstechen sehen, legte
sich dann fest in den Kolben, fuhr nieder, und so wie er die Gestalt des
noch immer regungslos und jetzt seitwrts in's Thal schauenden Thieres voll
im Korn hatte, berhrte sein Finger den Drcker.

Der Schu schmetterte drhnend durch den Wald und Ben sprang blitzesschnell
empor.

Siehst Du, Kannaille, sagte er da, als er den dunkeln Krper regungslos
im, vom Mondlicht hell beschienenen Laube liegen sah -- siehst Du -- ich
habe Dir's prophezeiht. -- Das ist doch wenigstens _ein_ Trost, einem
solchen herumschleichenden Schuft das Handwerk gelegt zu haben. Panther und
Bren -- ich wollte da Gottes Strahl all das Lumpengesindel trfe, das
so wie Du, Bestie, das Licht scheut, im Dunkeln herumschleicht und Unheil
anrichtet, wohin es den Fu gesetzt und seinen Athem gehaucht!

Ben war bei den obigen Worten, die er mit fest zusammengebissenen Zhnen in
den Bart murmelte, ruhig auf seinem Platz stehen geblieben und hatte, nach
Jgerart, vor allen Dingen die Bchse wieder geladen, hob sie jetzt mit
einem noch leise gemurmelten Fluch auf die Schulter, und schritt langsam
der Stelle zu, wo der so glcklich erlegte Feind im Laube ausgestreckt lag.

Es war ein groer, krftiger Wolf, kohlschwarz und nur mit dem einen
kleinen herzfrmigen weien Fleck auf der Brust, der im Mondenlicht
ordentlich zu glhen schien -- die Kugel mute ihm gerade durch den Kopf
gefahren sein -- er rhrte und regte sich nicht.

Ich habe ihn nicht einmal zucken sehen, sagte der Jger leise, und bog
sich zu ihm nieder, um nach dem Kugelloch zu fhlen. Ueber den ganzen Kopf
strich er hinber und herber, dort war aber nichts, auch kein Schwei --
und die gegen das Mondenlicht gehaltene Hand wei und rein. Wunderlicher
Schu! brummte der Jger -- ei zum Henker, 'sist einerlei _wo_ die Kugel
sitzt, _wenn_ sie nur sitzt, und da ich den Schuft -- Hallo! unterbrach er
sich pltzlich -- lebt der Bursche noch?

Er stand mit gespannter Aufmerksamkeit die Bchse im Anschlag, jede
Bewegung des Raubthiers beobachtend, und allerdings gab dies jetzt wieder
Lebenszeichen von sich, warf einmal den Kopf auf, und schnellte sich dann
auf dem linken Vorderlauf in die Hhe.

Ben hatte aber zu manches Stck Wild erlegt, als da ihn diese Bewegung
auch nur einen Augenblick lnger ber den Zustand des Wolfes in Zweifel
lassen konnte. Im ersten Augenblick fuhr er allerdings noch einmal, und
wie unwillkrlich mit der Bchse an den Backen -- das war aber auch nur ein
Moment -- im nchsten warf er sie fort und sprang pltzlich in keckem Muth
auf das, von _der_ Minute an sich wieder ganz krftig und rasend strubende
Thier.

Hoho, mein Bursche! rief der junge Jgersmann dabei, und lachte mit wilder
Freude in sich hinein, whrend er seinen Arm mit eiserner Gewalt um den
wthend dagegen ankmpfenden Krper des Wolfes schlang -- hoho -- einfach
ge=creast=[2] -- hahahaha -- ja strample nur, strample nur Herz, _der_
Falle entgehst Du nicht -- wenn Du nicht im Stande wrst, aus der Haut zu
rutschen.

  [2]: =creasen= nennt der amerikanische Jger den Schu ber dem
  Rckgrate oder noch hufiger Hals eines Wildes, wenn die Kugel auf die
  oberen Halssehnen und Muskeln gedrckt hat, ohne sie zu durchschneiden,
  was das Thier augenblicklich zu Boden wirft, aber nur fr den Moment
  betubt, und nicht im mindesten beschdigt. Nach sehr kurzer Zeit
  erholt es sich gewhnlich wieder, und wenn der Jger dann nicht schnell
  mit Bchse oder Messer bei der Hand ist, springt es wieder auf und ist
  nicht selten weit aus dem Bereich der Kugel ehe der verblffte Schtze,
  der sich seine schon sicher geglaubte Beute auf einmal wieder entgehen
  sieht, seine Sinne gesammelt hat. Die westlichen Indianer fangen auch
  mit diesem Schu die wilden Pferde, wobei natrlich mehr erschossen als
  gefangen werden.

Das Thier, das nun sein volles Bewutsein wieder erlangt hatte, schien
jetzt erst zu begreifen in welcher hchst milichen Lage es sich eigentlich
befinde und suchte mit aller ihm zu Gebote stehender Kraft um sich zu
beien, und durch Treten und Kratzen seine Freiheit wieder zu gewinnen.
Doch vergebens, Ben hielt es wie in einem eisernen Schraubstock und drckte
sich dabei so mit dem ganzen Gewichte seines schweren Krpers darauf, da
der arme also ertappte Wolf endlich und als auch seine Krfte vollstndig
erschpft waren, wenigstens fr kurze Zeit ruhig liegen mute.

Was aber nun thun? -- den Wolf tdten? das wre allerdings mit nur
wenig Schwierigkeiten verknpft gewesen, denn Ben trug sein haarscharfes
Jagdmesser im Grtel. Aber war nicht jetzt sein Ziel erreicht? -- einen
lebendigen, gesunden, unbeschdigten Wolf wollte er haben, und den hielt er
in diesem Augenblick hier unter sich so fest als ob er ihn im Leben nicht
wieder loslassen wollte. Doch wie ihn binden und festhalten? nicht einmal
einen Lederriemen fhrte er bei sich, nichts als seinen Grtel und wie
htte er es berhaupt wagen drfen auch nur den Versuch zu machen? Lie er
dem Wolf nur ein wenig Luft so gab es nachher einen Kampf, in dem er ihn
entweder ernstlich beschdigen, oder gar frei lassen mute -- das eine fast
so schlimm wie das andere. Und das schwere Thier bis zur Ansiedlung tragen?
-- er htte ohne den Wolf eine halbe Stunde gebraucht sie zu erreichen --
viel weniger mit ihm -- aber es blieb ihm weiter keine Wahl.

Entweder oder, murmelte er, Du oder ich, Bursche, und so mag denn _der_
Abend ber mein Glck, ber mein Unglck entscheiden. Zum Teufel auch, habe
doch schon manchen starken Hirsch getragen, der noch einmal so schwer war
wie der hier, und das blos um des elenden Wildprets wegen -- werden mir
heute die Krfte nicht versagen, da es das Hchste -- oder doch wenigstens
einen Triumph ber den schurkischen Feind gilt.

Und mit dem raschen Entschlu nahm er seinen Halt fest um das, sich jetzt
wieder mit rasender Wuth strubende Thier, brachte den rechten Fu unter
sich, und stand, die Schulter gegen einen kleinen danebenstehenden Gumbaum
sttzend, langsam auf. Er hatte den Wolf mit dem Rcken gegen sich, mit dem
linken Arm zwischen den beiden Vorderlufen durch gepackt, und den
rechten Arm ihm fest um die Weichen geschlagen und hielt ihn so eng
zusammengepret, da er ihm mit seinen Zhnen gar nicht schdlich werden
konnte.

Die Bchse mute er natrlich zurcklassen, auch die Mtze war ihm bei
dem Ringkampf entfallen, doch das hinderte ihn nicht; mit fest
zusammengebissenen Zhnen und zum Aeuersten entschlossen, wanderte er
seine wunderliche sich unaufhrlich strubende Last im Arm, Schritt vor
Schritt weiter -- der fernen Ansiedlung zu.

       *       *       *       *       *

Im alten Gerichtshaus herrschte indessen noch immer laute lrmende
Frhlichkeit, Bowle nach Bowle wohlschmeckenden sen Stewes war gebraut,
und der Raum endlich durch Kerzen, Trunk und Tanz so hei geworden, da
man selbst das kleine, nach dem Holz hinausfhrende Fenster ffnete, um nur
frische Luft herein zu bekommen.

Die Tne der Violine schwirrten immer rascher und gellender in Jigs und
Hornpipes, die Fe der Tnzer klapperten immer behender auf dem schon
blank gescharrten Boden; Metcamp war besonders ausgelassen lustig, er
nannte die arme Betsy -- die sich brigens hartnckig weigerte weder mit
ihm noch einem der andern Gste zu tanzen -- nicht anders wie sein ses
Brutchen, umarmte den alten Sutton ebenfalls zweimal als Schwiegerpapa
und wute seiner Ausgelassenheit gar keine Grenzen.

Eine kleine Unterbrechung hatte indessen stattgefunden; Lord Howe's
Hornpipe war eben beendigt und einige Erfrischungen wurden herumgereicht.
Betsy, die auf ihres Vaters Befehl die Bedienung berwachen mute, sa
unfern dem Eingang, nicht weit vom Schenktisch, und Metcamp, der sich dicht
neben sie gestellt, flsterte ihr eben einige fade Schmeicheleien in's Ohr,
die ihr die zornige Rthe auf die Wangen trieben, als pltzlich Etwas mit
gewaltigem Poltern von auen gegen die Thre schlug.

Hallo! schrie der Brutigam zusammenfahrend -- das ist ein unhfliches
Anklopfen -- wer da?

Die brigen Gste wandten sich Alle rasch und erstaunt nach dem Lrmen um,
die einzige Antwort von dort her war aber ein erneutes, noch viel strkeres
Gepolter.

Ei so hol' doch der Henker die Unverschmtheit! rief da Metcamp; ich
will doch sehen--

Rasch ergriff er den ledernen Riemen der an dem Drcker hing, ri daran und
stie die Thre auf.

Ha! -- Vor sich ein Paar stiere funkelnde, fast aus ihren Hhlen
drngende Augen -- ein weit aufgerissener Rachen mit blutiger,
heraushngender Zunge und weiem frchterlichen Gebi -- ein Wolfskopf wie
ihn sich die Einbildung nur schrecklich und Entsetzen erregend
ausmalen kann -- hinter ihm aber, dicht ber dem grlichen Rachen, das
todtenbleiche, wildblickende Angesicht Ben Holik's, vom Schein der Kerzen
geisterhaft beleuchtet.

Der Wolf! -- Der Wolf! schrie da Metcamp nach einem, nur fast
flchtigen Blick auf die schauerliche Gruppe. -- Der Wolf! und durch die
hinzudrngenden Gste brach er in wilder Hast sich Bahn, zum Fenster sprang
er, und ehe nur noch irgend Jemand sein Vorhaben htte errathen, oder
ihn gar daran verhindern knnen, flog er mit scheuem Satz hinaus und in's
Freie.

Die Hintenstehenden, die noch gar nicht sehen konnten was eigentlich die
Ursache solch wunderbarer Behendigkeit gewesen, lachten; die nchst der
Thre aber fuhren ebenfalls, kaum minder als Metcamp selbst erschreckt,
zurck, und starrten berrascht die wunderliche Gruppe an, aus der sie Ben
Holik's todtenfahle Zge jetzt erkennen konnten.

Die Glocke -- die Glocke! war aber Alles was der Jger mit heiserer, nur
den Nchsten verstndlicher Stimme zu lallen vermochte -- die Glocke --
ich kann -- ich kann nicht mehr.

Heiliger Gott! schrie da Betsy, die schon bei dem ersten Ausruf Metcamps
entsetzt empor gesprungen war und ihren Augen kaum trauend, keines Wortes,
keiner Bewegung mchtig, in das todtenbleiche, frchterlich entstellte
Antlitz des Geliebten gestarrt hatte, heiliger, allmchtiger Gott! zu
Hlfe -- zu Hlfe!

Die Glocke! flehte aber nur Ben -- Betsy die Glocke oder meine Arme
erstarren.

Die Glocke? -- was fr eine Glocke? fragten die Umstehenden wild
durcheinander.

Ha -- die Wolfsglocke! rief da das Mdchen -- das Ganze ihr bis dahin
Entsetzliche, jetzt rasch und froh begreifend -- die _Wolfsglocke_, nur
noch einen Moment Ben -- nur noch wenige Secunden und ich bin wieder da.

Und rasch zur Thr hinaus, dicht an den klaffenden Fngen der Bestie vorbei
-- so dicht da ihre Schulter die bluttrufende Zunge fast berhrte, glitt
die Jungfrau flchtigen Laufes in das dicht daneben gelegene Haus ihres
Vaters, wo die Glocke noch in der Stube (unter der Bchse, wo er sie
neulich bei seiner Zurckkunft hingethan) hing, hob sie schnell herunter
und war in kaum einer Minute Zeit schon wieder zurck mit dem Verlangten.

Indessen hatten sich aber die Mnner dort ebenfalls von ihrer ersten
Ueberraschung erholt; der alte Sutton war zu ihnen getreten, und rasch
begreifend um was es sich hier handle, wollte er Ben untersttzen und ihm
den Wolf vielleicht abnehmen. Das gab aber der Jger nicht zu, da er seiner
wie des alten Mannes Sicherheit wegen nicht wagen durfte dem festen Halt,
den er einmal an der Bestie hatte, zu entsagen. Kaum erschien aber Betsy
mit der Glocke, so nahm sie ihr Sutton rasch aus der Hand, schlang den
Riemen um des, jetzt wieder wie wthend um sich beienden Wolfes Hals, und
schnallte ihn nicht zu fest, aber sicher genug, da er nicht ber den
Kopf hinberrutschen konnte, den Wolf jedoch auch nicht hinderte, oder gar
wrgte.

Was aber jetzt, nachdem dies geschehen war, thun? -- wie die Bestie, da der
Zweck erfllt war, wieder loswerden? denn war es nicht mglich da sie, in
so gereiztem Zustand freigegeben, anstatt zu fliehen sich gerade gegen ihre
Feinde wenden, und dort Unheil anrichten konnte, ja am Ende gar, um sie
nur wieder los zu werden, doch noch getdtet werden mute? Das Klingeln
der Glocke beunruhigte den Gefangenen dabei immer mehr, seine Anstrengungen
wurden wthender, je mehr die Krfte des armen Jgers nachlieen. Zwar
sprangen von vielen Seiten die Mnner mit Stricken herbei und Einer
machte sogar eine Schlinge, den Wolf daran zu hngen und ihm die Kehle
zuzuschnren bis er betubt wre und hinaus in den Wald geschafft werden
knnte -- das aber schienen viel zu gefhrliche Experimente, denn geschah
dem Thier dadurch ein Schaden, so war die ganze Anstrengung vergebens
gewesen. Da rief Betsy, die in Todesangst um den Geliebten, die Hnde fest
gegen die Schlfe gepret, daneben gestanden und dem ganzen wirren Treiben
zugeschaut, den tausend verworrenen Vorschlgen, wie sie gemacht und
verworfen wurden, in namenloser Furcht gelauscht hatte, pltzlich aus:

Trag ihn in den Garten, Ben, wo der Flu die Biegung macht -- dort ist
die Uferbank eingestrzt, und da hinabgeworfen, kann er nur an's
gegenberliegende Ufer schwimmen!

Bei Gott das Mdchen hat Recht! rief der alte Sutton, und Ben schritt
schon um's Haus herum dem bezeichneten Orte zu. Die Fenz, die ihn noch von
dem Garten trennte, wurde augenblicklich eingerissen, und wenige
Secunden spter stand der Wolfsjger an dem schroffen Ufer das unten
der vorbeischumende kleine Bergstrom besplte -- Betsy hatte seinen Arm
ergriffen und ihn gefhrt, da er nicht etwa einen Schritt zu weit vorgehe
und selber mit hinabstrze.

Jetzt Ben! rief sie ihm zu, als sie ihn pltzlich zurckhielt, jetzt la
los!

Gott sei Dank! murmelte Ben und whrend er noch die Arme ffnete glitt
der dunkle Krper am nachgebenden Sande hinab und schlug pltschernd in die
unten ber ihm zusammenbrechende Fluth.

Jetzt kamen auch mehre mit rasch herbeigeholten Lichtern herbei und bei dem
matten ungewissen Schein derselben konnten sie erkennen wie der schwarze
Krper des befreiten Wolfes rasch und mit heftigem Sthnen durch die Fluth
strich. Als er aber drben an's Ufer stieg klingelte die wackere Glocke
laut und hell -- er hatte sich schtteln wollen, erschrak jedoch so ber
den fremden Laut da er rasch die Uferbank hinansprang, und noch eine lange
Strecke durch den Wald hrten sie das gleichmige Anschlagen der Schelle,
wie der Wolf in dem, diesen Thieren eigenen langen Galopp mit flchtigen
Stzen nicht mehr den Feinden, die hatte er kaum gefrchtet, nein, diesem
unertrglichen scharfen Lrm unter seiner Kehle, zu entfliehen suchte.

Hahahaha! brach endlich Ben, der jetzt lachend seine halb erstarrten
Arme schwenkte, das athemlose Schweigen mit dem die Mnner den immer mehr
verschwimmenden Tnen der Glocke gelauscht hatten -- er hat sie -- beim
ewigen Gott, er hat sie -- so -- das soll mir der Mr. Metcamp einmal
nachmachen!

Metcamp? ja wo war denn Metcamp die ganze Zeit eigentlich -- das wei der
Himmel, am Washita hat ihn wenigstens kein sterbliches Auge mehr gesehen,
sein Fenstersprung konnte nicht bezweifelt werden, denn Zeugen gab es dafr
genug, und vom Fenster aus lie sich die Spur noch weit hinaus in den Wald,
aber immer dem Arkansas zu, verfolgen, sein ganzes Gepck aber, ja selbst
seinen Hut lie er, ohne auch nur einmal darum zu schreiben, in der
Ansiedlung zurck und Ben hatte gewi recht als er meinte -- den habe nur
sein _bses Gewissen_ aus den Bergen getrieben.

Und was wurde aus Betsy?--

Ich will dem Leser die weitlufige Auseinandersetzung ersparen und ihm
nur mit kurzen Worten einzelne Thatsachen mittheilen aus denen seine
Einbildungskraft dann leicht den weitern Verfolg der Sache, viel besser als
ich ihm das selber klar machen knnte, herausfinden wird.

Mr. Metcamp war wirklich flchtigen Fues frmlich davon gelaufen, der
Brief aber, den er zu der Zeit am Washita erhalten hatte, mute jedenfalls
geflscht gewesen sein, denn noch in demselben Monat hrten sie von einem
Reisenden da Metcamps Onkel, etwa vier Wochen vorher ehe dieser zum
Washita gegangen, total bankerott gemacht habe und der vermeintliche Erbe
noch schlimmer als ein Bettler sei, da er sogar rasend in Schulden stecke.
Die reiche Farmerstochter hatte er dabei leicht zu gewinnen geglaubt, und
auch natrlich alles Mgliche gethan, seinem, ihm allerdings gefhrlichen
Nebenbuhler den Besitz des Mdchens unmglich zu machen.

Da er es gewesen der damals den gefangenen Wolf befreit, lie sich
ebenfalls immer weniger verkennen, wenigstens sprach man die Ansicht kurze
Zeit darauf ganz offen in der Ansiedlung aus; und da sich der alte Sutton
nach alle dem Vorangegangenen schmte, den beabsichtigten Schwiegersohn aus
der Stadt auch nur noch einmal zu erwhnen, versteht sich wohl von selbst.

Es sind jetzt seit der Zeit zehn volle Jahre verflossen, und Farmer Sutton
schlft in seinem eigenen Garten still und ruhig unter dem grnen blumigen
Rasen, Ben Holik aber hat das unstte Jgerleben aufgegeben, ist ein
ordentlicher Farmer worden und lebt mit seinem lieben Weib, seiner Betsy,
und den drei Jungen und zwei Mdchen die sie ihm in ihrer neunjhrigen
Ehe geboren, so glcklich und zufrieden, wie nur ein Mensch in der weiten
Gotteswelt leben kann. Seine Heerden haben sich dabei ungemein vermehrt,
denn die Wlfe trieb der mit der Glocke Behangene richtig hinaus aus der
ganzen Nachbarschaft, und seine Felder hat er ebenfalls um viele fruchtbare
Aecker erweitert; dort aber, wo er den Wolf damals lebendig gefangen, baute
er sich auf der luftigen Bergkuppe ein kleines Haus und nannte es, zum
Gedchtni jenes glcklichen Abends -- die _Wolfsglocke_.




Die Ahnung.

Nach einer wahren Begebenheit.


Drauen ber die Haide tobte und wetterte der Sturm, heulte durch die
blattlosen Baumwipfel der Eichen, und zischte und flsterte in den dichten
Nadeln des benachbarten Schwarzholzes. Der Mond war hinter schweren Wolken
verschwunden, trb und dster lag die Nacht auf der Erde und der Orkan, der
sich von den Geistern der Luft die tollen Weisen aufspielen lie, raste
mit der Windsbraut ber den weiten Plan, durch Bergesschlucht und einsames
Thal, und ber die starren, drohenden Felsenkmme der trotzig ihm die Stirn
bietenden Gebirgsrcken hin.

So, drauen im Freien -- aber fast noch tolleres Spiel trieb er um die
Wohnungen der schchtern zusammengedrngten Menschen. Hui! -- wie das
um die Giebel pfiff und splitterte, wie die Windfahne auf dem alten
Pastorhause kreischte und knarrte, da selbst der hoch und altergrau
daneben aufstarrende Schornstein den Lrmen endlich satt bekam, und bald
links in den dunkeln Hof, bald rechts in den feuchten Garten hinunter
sah, als ob er nur noch nicht recht wisse, in welchen von beiden er zuerst
kopfber hinein springen solle. Wie's an den alten morschen Fensterrahmen
ri und klapperte, und seine Kraft an den breitstigen Birn- und
Aepfelbumen versuchte, die schon so lange Jahre dem Sturme getrotzt
und sich jetzt, bei den erneuten Angriffen, nur noch immer fester und
hartnckiger mit den weitgespreizten Wurzeln in die Erde hineinklammerten.

Viele viele Stunden lang trieb er's so, und vergebens hatten die
wetterschwangeren Wolken schon oft versucht, sich in einzelnen
Fluthengssen zu erleichtern, wie es wohl ein bedrngtes Schiff thut, das
seinen Ballast ber Bord wirft, die leewrts drohende Kste zu verlassen;
der wachsende Orkan schleuderte ihnen stets neue wasserschwere Nebelberge
entgegen, und jagte die zrnenden wild und toll durch einander in
entsetzlicher Frhlichkeit.

Bei solchem Wetter, wo die Natur in ihrer ganzen groartigen Furchtbarkeit
ersteht, drngen sich die armen schwachen Menschenkinder am liebsten in
freundlicher Traulichkeit zusammen, und von sicheren Wnden geschtzt,
unter Dach und Fach, dem brausenden Nord wie dem kalten Regen entzogen,
lauschen sie nur manchmal in ngstlicher Stille zum Fenster hinber, wenn
der Sturm einen neuen Akord in seine drhnende Aeolsharfe greift, und das
feste Gebude vielleicht vor dem markdurchschauernden Ton bis in seine
innerste Tiefe hinein erbeben macht.

So still und traulich war's auch im kleinen behaglichen Studirzimmerchen
des wackern Pastor Barrenkamp, der mit seiner Frau, dem Schulmeister, einem
Universittsfreund des Pastors, und dem Rittergutsverwalter, einem alten
wettergebrunten Oekonomen, um den schweren eichenen Tisch sa und bei
einer guten Tasse Warmbier das Unwetter drauen so wenig als mglich zu
beachten schien. Nur manchmal, wenn der Wind die Backen ein bischen gar
zu voll genommen und irgend ein krachender Stamm des dicht an den Garten
grenzenden Waldes seine gewaltige Kraft verrieth, stand Barrenkamp wohl
auf, ging an's Fenster, schob den Vorhang zurck, nahm die Pfeife einen
Augenblick aus dem Munde, und schaute, das schwarze Sammetkppchen fest an
die kalte behauchte Scheibe gedrckt, in die rabenfinstere Nacht hinaus.

Es war whrend einer solchen Pause, denn das Gesprch stockte in dem Fall
gewhnlich auf einige Minuten und die kleine Gesellschaft horchte ebenfalls
nach dem Kampf der aufgeregten Elemente hinber, als der Verwalter langsam
seine ausgetrunkene Tasse niedersetzte und mit leiser, fast ngstlicher
Stimme sagte:

Sie haben ganz recht gethan, Frau Pastorin, da Sie sich heute einmal
ausnahmsweise in des Herrn Pastors warmgelegenes Studirstbchen geflchtet;
da drben in der groen Eckstube mu bei solchem Sturme ein keineswegs
freundlicher Aufenthalt sein -- drauen freilich ist's noch schlimmer; der
Wind pfeift sich ordentlich sein Stckchen und es kommt Einem wahrhaftig
manchmal sogar vor, als ob man einzelne Worte und Redensarten verstnde --
mchte heute nicht ber den Kirchhof gehen.

Nicht ber den Kirchhof? wiederholte, sich lchelnd nach ihm umwendend,
der Pastor, Sie frchten sich doch nicht etwa, Verwalterchen? ei, ei, ein
Mann in Ihren Jahren--

Mein bester Herr Pastor, meinte der Verwalter und rckte auf seinem Stuhl
hin und her, von frchten kann bei mir wohl keine Rede sein, ich bin kein
bser Mensch und -- glaube nicht an Gespenster, wovor sollte ich mich also
frchten, aber--

_Aber_ lachte die Hausfrau und schaute mit einem schelmischen Blicke
zu ihm auf, -- aber? der Herr Verwalter lassen sich noch eine Hinterthr
offen.

Ei, ich meinte nur was das Kirchhofgehen betraf, erwiederte gutmthig der
alte Mann, -- ich wei ebensowohl wie jeder Andere, da die _Todten_ sanft
da unten, unter ihrer warmen Decke ruhen, und Nachts nicht wieder herauf
kommen werden, um sich auf die kalten Hgel zu setzen und hinter den weien
Steinen Versteckens zu spielen, aber ich vermeide auch gern jede unntze
Aufregung, die mir nachher immer nur Kopfschmerz und Unwohlsein verursacht.
-- Es hat etwas Unbehagliches fr mich, mir in dem schwachen Dmmerlicht
aus wehenden Trauerweiden und Bschen, die bleiche Steine halb berdecken,
Gestalten mit weien Gewndern und ringenden Hnden heraus zu finden, und
ich mag mich nicht in einem fort umsehen, weil ich jeden Augenblick darauf
schwren wollte, es kme Jemand hinter mir drein. Ebenso ungern, und aus
eben dem Grunde, sitze ich Abends allein in einem Zimmer und mit dem Rcken
einer Thre zugedreht, die halb offen oder angelehnt ist. Ich wei dabei
recht gut, da sich Niemand im andern Zimmer befindet, also auch Niemand
von da zu mir herein kann, und dennoch lt es mir, wunderlicher Weise,
keine Ruhe; ich mu mich entweder herumsetzen, oder die Thre schlieen.

Sie haben eine lebhafte Einbildungskraft, und die gaukelt Ihnen da
allerlei seltsame Dinge vor, fiel hier die Pastorin ein, Sie denken sich
in dem Augenblick vielleicht etwas recht Entsetzliches oder Grauliches,
und das strt, wenn es auch nicht wirklich eintreffen kann, doch fr kurze
Zeit Ihre sonstige Ruhe.

Ih nun, mit der Einbildungskraft drfen wir am Ende so etwas nicht
einmal alleine entschuldigen, meinte kopfschttelnd der Schulmeister,
Einbildungskraft schreiben wir doch sonst schon einem ausgebildeteren
Geiste zu und dasselbe Gefhl, das Ihnen der Herr Verwalter vorhin
geschildert, finden Sie nicht selten bei dem geringsten Drescher, der sein
Hirn den ganzen Tag ber mit nichts weniger martert, als mit Gedanken
und Ideen. Ich habe mir nach meiner schlichten Weise die Sache immer _so_
versucht auszulegen: etwas Uebernatrliches giebt's doch, das knnen und
drfen wir nicht leugnen, wo das nun -- uns versteht sich unbewut, weil
unsere Sinne zu grob und rauh sind es zu verstehen und zu erkennen -- in
unsere Nhe kommt, da luft uns, wir wissen selbst nicht weshalb, eine
sogenannte Gnsehaut ber den ganzen Leib. Daher kommt auch wahrscheinlich
die Sage von den _Ahnungen_, denn was ich meine, ist eben nichts weiter als
eine Ahnung berirdischer Krfte.

Die wir auch um Gotteswillen nicht ableugnen wollen, sagte die Pastorin
und wurde auf einmal ganz still und ernst, ich dchte wir htten davon ein
Beispiel in unsrer eignen Familie.

In Ihrer eignen Familie? frug der Verwalter rasch.

Meine Frau bildet sich's wenigstens ein, meinte der Pastor
kopfschttelnd; die Sache klingt freilich ganz abenteuerlich, hat aber
sicher eine sehr natrliche Lsung.

Die aber bis jetzt noch kein Mensch gefunden hat, flsterte die Frau;
es ist meiner eignen Mutter widerfahren, und ich habe es nicht allein aus
ihrem Munde, sondern auch die Besttigung, wenn es deren berhaupt bedurft
htte, oft von meiner Tante gehrt, die als Kind dabei gewesen war, und
sich der einzelnen Umstnde noch recht gut erinnerte.

Und wren Sie wohl so freundlich, uns die Geschichte mitzutheilen? frug
der Verwalter und rckte seinen Stuhl etwas nher zum Tisch; es wre
mglich, da ich durch etwas Aehnliches die Existenz solcher Ahnungen
ebenfalls zu bekrftigen vermchte.

Die Sache ist einfach genug, erzhlte die Pastorin; wir waren unser drei
Geschwister, ich, ein lterer Bruder und noch eine jngere Schwester, und
die Gromutter vor etwa acht Wochen gestorben, als meine Mutter, die sich
allerdings damals noch in einem sehr aufgeregten Zustande befand, trumte,
sie schaute am hellen Nachmittag aus dem Fenster. Da ging die Hofthr auf
und herein kam, in demselben Kleide wie sie im Sarg gelegen, ihre Mutter,
schritt langsam durch den ganzen Hof und stieg dann die Leiter hinauf, die
zu dem Heuboden fhrte.

Wie man nun so im Traume ist, so scheint auch meine Mutter gar nichts
Auerordentliches in dem Wiederkommen der Todten gesehen zu haben, nur da
diese, was sie im Leben nie gethan, auf den Heuboden stieg, fiel ihr auf.
Trotzdem sprach sie kein Wort und die Mutter kam denn auch bald wieder
zurck und hatte ein Heubndel unter dem Arm. Damit stieg sie die halbe
Leiter hinunter, blieb pltzlich stehen, drehte dann wieder um und holte
sich noch ein zweites.

Ei um Gott, Mutter, rief die Trumende da, und streckte die Arme nach ihr
aus, ist denn das eine nicht genug?

Ja, sagte die Todte und stieg langsam nieder, ich bringe Dir das andere
wieder zurck -- und aus der Hofthr verschwand sie, wie sie gekommen.

Mein damals etwa vierzehnjhriger Bruder war ein ausgezeichneter
Harfenspieler, und bte sich besonders in jener Zeit Tag und Nacht; um es
zu noch immer grerer Fertigkeit zu bringen, hatte er sich aber wohl darin
bernommen, oder lag der Keim der Krankheit schon in ihm, kurz, wenige Tage
nach diesem Traume wurde er, sonst ein krftiger, gesunder Knabe, krank,
und sah sich bald durch das hitzigste Nervenfieber auf sein Lager geworfen.
Fnf Tage spter legte ich mich ebenfalls mit demselben Uebel, mein Bruder
aber starb am neunten Tage, und in dem Augenblicke, wo er im Todeszucken
lag, rissen pltzlich _alle_ Saiten seiner Harfe. -- _Mich_ brachte die
Gromutter wieder -- ich genas nach kurzer Zeit.

Die Harfe hat hinter dem Ofen gestanden, brach der Pastor rasch eine
feierliche Pause; das Gestell kann sich gezogen haben und da muten wohl
die Saiten mit einem Male springen.

Die Erklrung mag wohl ganz gut und natrlich klingen, sagte der
Schulmeister endlich, ich sehe aber wirklich nicht ein, weshalb wir uns
Alles natrlich erklren _mssen_ -- Du lieber Gott, unser Aller Leben ist
so arm, so entsetzlich arm an jeder Poesie, da ich denken sollte es htte
sogar etwas Wohlthuendes, einmal einen Gegenstand zu finden, den man nicht
recht begreifen kann. Ich wei mich noch recht gut daran zu erinnern, wie
ich als Kind fest und heilig glaubte der Storch bringe die Kleinen, und
das Christkindchen die schnen Sachen zu Weihnachten; wie ich mich vor
dem Knecht Ruprecht frchtete und die heiligen drei Knige ehrfurchtsvoll
anstaunte -- und einmal im Theater -- der Abend wird mir unvergelich
bleiben, da sah ich ein Stck, das hie die _Kreuzfahrer_, und etwas
derartiges war mir in meinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen. Ich
weinte und lachte den ganzen Abend und trumte ein volles Jahr von
weiter nichts, als tapfern edeln Rittern, braven Trken, unglcklichen
Trkenmdchen und bsen Aebtissinnen. Das Stck bte auch merkwrdiger
Weise einen ganz eigenthmlichen Einflu auf mein knftiges Leben aus; ich
schwrmte fr die altadeligen Geschlechter der tapfern Ritter, und bekam
einen ordentlichen Ha auf die katholische Religion, die den Mibrauch der
Klster dulden konnte.

Jetzt ist das ganz, ganz anders geworden -- ich halte die Strche fr sehr
gewhnliche Zugvgel, die von Frschen und anderem Zeug leben, und sich
keineswegs mit Kindertransport beschftigen -- den sogenannten heiligen
Christ habe ich diverse Male selbst machen mssen, und deshalb gegrndete
Ursache an seiner Heiligkeit zu zweifeln; ebenso den Knecht Ruprecht, wobei
ich gleichzeitig und hchst trauriger Weise allen Respekt selbst vor den
heiligen drei Knigen verloren; und was das Theater anbetrifft, so gaben
sie, als ich im vorigen Jahre zum letzten Male in Hamburg war, dort
zufllig dasselbe Stck und die Erinnerung an meine Kindheit trieb mich
hinein. -- Ich wollte, ich wre _nicht_ gegangen, denn als ich wieder
heraus kam, -- und ich sollte mich eigentlich schmen es zu gestehen --
habe ich groer erwachsener Kerl geweint, bittere, groe Thrnen geweint,
und weshalb? weil ich durch meine Neugierde ein kleines Heiligthum
muthwillig zerstrt hatte, das mein Herz seit seiner Jugendzeit in seiner
innersten Zelle still und heilig genhrt -- weil ich das muthwillig und mit
roher Hand jetzt von mir gerissen sah, was mich so viele, viele Jahre mit
froher geheimnivoller Lust erfllt. Die hohen schattigen Palmen, die mir
bis dahin noch immer vorgeschwebt, schrumpften zu Pappdeckeln mit hlzernen
Sttzen zusammen, -- jener Zweikampf, an den ich oft mit stillem Schauder
zurckgedacht, wurde zu einem gewhnlichen Hmmern auf Blechschilde, -- der
alte ehrwrdige Emir -- in der einen Scene fiel ihm der Bart ab, und das
ganze Publikum lachte, whrend mir die Thrnen in die Augen traten -- die
frchterliche Aebtissin -- war die Frau meines freundlichen Wirths, eine
treffliche brave Seele, die sich noch an demselben Nachmittag erst so
theilnehmend erkundigt hatte, wie es all' den Meinigen zu Hause ging --
die Frau konnte unmglich ein Bsewicht sein; und nun erst die Knappen und
Ritter, die frher einen solchen Eindruck auf mich gemacht, -- wie hlzern
sie dastanden und wie ungelenk -- ach, mein schner Jugendtraum, wie bs,
wie hlich war der zerstrt worden, und wie viel besser wre es gewesen,
wenn ich _keine_ natrliche Erklrung fr all den sen Zauber gefunden
htte!

Es _lt_ sich auch nicht Alles natrlich erklren, sagte der Verwalter
ernst und stopfte sich dabei langsam den hohen Maserkopf mit dem vor ihm
liegenden Tabak -- und wenn man's noch so gern erklren mchte und wollte.
Ich selbst habe zum Beispiel etwas erlebt, was so wunderbar und mrchenhaft
klingt, da ich es selten erzhle -- es glaubt mir's Niemand, und es thut
mir nachher weh wenn etwas bespttelt wird, das -- heiliger Gott, wie das
wieder rast und tobt, man sollte glauben, es schttelte die alte Erde aus
den Achsen -- das mir selbst so allgewaltig in's Leben gegriffen hat.

Sie scheinen mich fr einen total Unglubigen zu halten, lieber Verwalter,
sagte der Pastor freundlich, darin thun Sie mir aber Unrecht, -- das
vertrge sich auch nicht einmal mit meiner Stellung, mit meiner
Religion. Auch von Gott ward uns ja weiter nichts, als in sinnbildlichen
Uebertragungen eine Ahnung seines Wesens, und was Anderes als Ahnung einer
hhern Welt ist es, wenn uns bei frommen, erhebenden Choralgesang die Seele
in ser unbegriffener Lust zusammenschauert. Ich glaube an _Ahnungen_,
mchte sie aber nur von den gewhnlichen _Vorbedeutungen_ geschieden
sehen.

Vorbedeutungen -- Ahnungen! -- sagte der Verwalter kopfschttelnd, und
hielt dabei den brennenden Fidibus auf die Pfeife, ohne jedoch den Blick
zu erheben, der sich von da an fest und unbeweglich in die eine Zimmerecke
heftete, das sind am Ende nur immer verschiedene Worte fr ein und
dieselbe Bedeutung -- doch zu meiner Erzhlung, aus der sich Jeder seinen
Schlu selber ziehen mag, denn ich selbst kann nichts weiter als die
Thatsachen geben. Es war nach dem letzten Kriege; -- mein Bruder Carl, ein
tchtiger, stattlicher Bursche, hatte sich auch anwerben und spter nie
wieder etwas von sich hren lassen. Bei Leipzig wollten sie ihn zuletzt
gesehen haben; bis dahin dienten wenigstens Landleute aus demselben Ort, in
dem nmlichen Regiment mit ihm, und er lie mich auch einmal in einem
von den Briefen gren. Nachher blieb er verschollen und zehn Jahre, die
ebenfalls verflossen ohne da ich die mindeste Nachricht erhielt, nahmen
mir endlich den letzten Zweifel, da er in jener blutigen Schlacht
gefallen.

Nach dieser Zeit, und als der Friede schon lange wieder seine
segensreichen Frchte getragen, verwaltete ich in der Nhe von Grimma, eine
kurze Strecke von Leipzig entfernt, ein Gut, schaffte im Juni meine Wolle
in die Stadt, zum dort gehaltenen Markte, verkaufte sie, und schickte, weil
ich noch bei Thrna einen Freund besuchen wollte, den Wagen von dort aus
allein voraus. Dort kam das Gesprch, ich wei jetzt selbst eigentlich
nicht mehr recht wie, auf die frhere Kriegszeit und auf unsere gefallenen
Freunde und Brder, wobei ich uerte, wie schmerzlich es doch fr die
Hinterbliebenen sein msse, nicht einmal zu wissen wo die geliebten Todten
begraben lgen und ob sie berhaupt ein ehrliches Soldatengrab bekommen
htten.

Du lieber Gott, meinte hierauf mein Freund, der dortige Frster, da ist
wohl Mancher Wochen lang im lieben Walde liegen geblieben, oder, was noch
schlimmer ist, mit der ganzen Masse in _eine_ groe Grube geworfen, und wie
Viele wurden noch vorher von den Kosaken und -- anderem Volk -- geplndert
und gemihandelt -- ich sage Dir, Bernhard, ich habe da schauerliche Dinge
mit angesehen. Ich erinnere mich noch an einen armen Teufel, dem hatten sie
drei Kugeln in die Brust geschossen und er lebte immer noch. Von den Unsern
waren dabei Leute hinausgeschickt die Gebliebenen aus dem Wege zu schaffen
und in ein Loch zu werfen; die, aber natrlich bei denen sie noch Leben
fanden, die legten sie bei Seite bis sie fertig waren, und dann konnten
sie gewhnlich bei denen wieder von vorn anfangen. Der Verwundete nun, der
unter einer Eiche lag, streckte die Hand nach mir aus, und bat mich ihm zu
helfen -- lieber Gott, was konnte ich fr ihn thun -- die Zunge klebte ihm
schon am Gaumen und er brachte kein Wort mehr ber die Lippen; selbst
einen Trunk Wasser den ich ihm reichte vermochte er nicht mehr
hinunterzuschlucken. Whrend ich ihn noch im Arme hielt, holte er seinen
letzten Athemzug, und als ich ihm die Uniform aufri, nach seiner Wunde
zu sehen, fiel er, eine Leiche, zurck. Auf der bloen Brust fand ich aber
einen Ring, den ich zum Andenken mitnahm und den armen Teufel dafr drauen
am Waldesrand, etwa eine Stunde von hier, und nicht weit von dort, wo
jetzt der Fupfad in die groe Strae einluft, warm und weich in die Erde
bettete.

So lautete seine Erzhlung, und er wollte mir den Ring, noch ehe ich
fortging, zeigen, bald nachher kamen wir aber auf ein anderes Gesprch und
vergaen ihn. Gegen Abend endlich -- denn ich hatte nun noch volle
drei Stunden zu marschiren und der Mond ging etwa eine Stunde nach
Sonnenuntergang auf -- nahm ich Abschied von meinem Freunde und machte
mich, nachdem er mir einen nhern Pfad durchs Holz gezeigt, auf den
Heimweg.

Die Sonne sank eben hinter den Wipfeln nieder als ich ausmarschirte, und
im Walde dmmerte es schon; meinen Pfad konnte ich aber nichtsdestoweniger
deutlich genug erkennen, und schritt rstig darauf vorwrts, bis ich von
fern das hellere Licht des offenen Feldes durch die Bume schimmern sah;
-- bald darauf erreichte ich die uerste Grenze des Waldes und vor mir,
vielleicht noch eine Viertelstunde entfernt, lief die Chaussee, die sich
ganz genau an den Pappeln unterscheiden lie. Ich berflog die ausgedehnte
Flche mit meinem Blick, um nach den nchsten Thrmen genau die Stelle
bestimmen zu knnen, wo ich mich eigentlich befand, als ich in gar nicht
groer Entfernung und mitten auf einer kleinen feuchten Wiese einen
einzelnen Menschen, und als ich nher hinsah, einen _Soldaten_ erkannte,
der hier allem Anschein nach und mit dem Gewehr im Arme, Schildwache
stand.

Was um des Himmels willen, dachte ich so bei mir selber, macht nur der
einzelne Posten hier mitten auf dem Felde -- die Frchte sind doch noch
nicht reif, und der Klee -- hm, das mu ein Forstschutz sein, -- hat sich
aber einen sonderbaren Platz dazu gewhlt.

Der Mann stand still und regungslos und ich blieb ebenfalls einen
Augenblick stehen und schaute nach ihm hinber -- er rhrte sich nicht,
und die Uniform fiel mir jetzt auf, die er trug. So viel ich in der immer
zunehmenden Dmmerung erkennen konnte, gehrte sie keineswegs nach Sachsen,
war auf jeden Fall von der sehr verschieden, die ich sonst zum Forstschutz
verwendet gesehen, und der Tschacko -- ein Schauer lief mir unwillkrlich
ber den Leib, als ich zu dem Gesicht des Posten aufschaute -- der Tschacko
sa in der richtigen Entfernung zu dem Kopf, aber der Kopf? -- das matte
Licht mute mich jedenfalls tuschen, denn gerade wo ich stand, konnte ich
deutlich durch die Stelle durch, wo doch sein Gesicht htte sein mssen,
das dahinter durchschimmernde Grn der Wiese erkennen.

Lcherlich, murmelte ich aber leise vor mich hin, -- daher entstehen so
viele Geister- und Gespenstergeschichten, da uns irgend ein ungewisser
Lichtschein oder eine Brechung der Strahlen, ja vielleicht der aufsteigende
feuchte Dunst der Erde, wunderliche Geschichten vorspiegelt, die sich
nachher, wenn man nher hinzugeht, auf die natrlichste Art von der Welt
erklren. Wre jetzt an meiner Stelle irgend ein furchtsamer Bauerjunge
den Weg gekommen, und sein Blick dorthin gefallen, wer wei, ob er nicht in
voller Angst und vor lauter Entsetzen die Flucht ergriffen und daheim dann
erzhlt und beschworen htte, er habe auf dem frhern Schlachtfelde einen
fremden Soldaten ohne Kopf Schildwache stehen sehen -- ich mu nur nher
hingehen und mich selber davon berzeugen--

Gerade dort wo ich mich befand, lief ein nicht tiefer Graben am Rand der
Holzung hin, den ich vorher berspringen mute, er war brigens schmal und
auf der andern Seite desselben fhrte ein grner Rain in ziemlich genauer
Richtung der Stelle zu, wo die wunderliche Wache stand. Ohne weiteres
Ueberlegen -- denn ich ging nicht einmal viel um, da ich von dort aus die
Chaussee eben so rasch erreichen konnte -- schritt ich jetzt auf den Mann
zu und hielt dabei, des Wegs nicht weiter achtend, den Blick fest und
unverwandt auf seine, dunkel gegen das lichter dahinter liegende Grn
abstechende Gestalt geheftet. Das Bandelier zog sich ihm, wie ich deutlich
erkennen konnte, wei und hell ber die Brust und jetzt kam es mir auch
vor, als ob die Umrisse seines Kopfes, ja seine Gesichtszge klarer und
deutlicher hervortrten.

Guten Abend, Kamerad! sagte ich endlich, als ich schon in mehr als Rufes
Nhe von ihm war -- ist ein khler Posten hier, und abgelegen vom Wald;
-- weshalb so spt noch drauen? -- wird der Holzdiebstahl hier so arg
getrieben?

Der Soldat antwortete nicht, und ich htte darauf schwren wollen, er sei
noch vor wenigen Sekunden mitten in der kleinen Wiese gewesen, auf der
ich mich jetzt befand, und nun stand er doch, wie sich gar nicht verkennen
lie, in dem benachbarten Sturze, und ein gutes Stck weiter von mir
entfernt. Wieder berkam mich jenes eigenthmliche frstelnde Gefhl, ber
das ich mir keine Rechenschaft zu geben wute, doch war ich entschlossen,
den wunderlichen Soldaten zum Antworten zu bringen, und ging jetzt mit noch
schnelleren Schritten als vorher auf ihn zu.

Sie glauben mir vielleicht nicht wenn ich es Ihnen sage, aber dennoch kann
ich Sie heilig versichern, da ich nicht im Stande war den Schattenmann
zu erreichen -- deutlich genug sah ich ihn vor mir, und wenn er auch kein
Glied regte, weder Fu noch Arm, dennoch rckte er aus einem Feld in's
andere und es blieb mir zuletzt gar kein Zweifel mehr, da ich es mit einem
keineswegs krperlichen Wesen zu thun hatte.

Und konnte das ein Gebild meiner erregten Phantasie sein? -- war es
mglich, da ich die Conturen der jetzt, trotz der Dmmerung immer noch
genau erkennbaren Gestalt nur trume oder denke? Ich blieb pltzlich
stehen und hielt den Blick fest und unverwandt auf die Figur geheftet.
Da verschwammen die Umrisse mehr und mehr mit dem, jetzt dunkel dahinter
lagernden Feld -- zuerst verschwand der Tschacko -- die Uniform -- ich sah
nur noch das blitzende Gewehr, das Bandelier, die helleren Beinkleider
-- auch diese wurden immer undeutlicher -- das Alles zog sich wie ein
leichter, wehender Nebel in den feuchten Grund -- der Krper, wenn es
berhaupt ein Krper gewesen, lief flssig, in luftigen Hauchen aus
einander, und zuletzt war gar nichts mehr zu erkennen. -- Doch nein,
das weie Bandelier stach noch immer scharf und klar gegen den dstern
Hintergrund ab -- ich konnte deutlich die Kappe sehen, in der das
Seitengewehr hing. -- War denn auch _das_ Tuschung? -- wenigstens davon
wollte ich mich noch berzeugen, denn wenn ich auch unbeweglich wohl zehn
Minuten auf meiner Stelle stehen blieb, der Schein des Bandeliers regte
sich ebenso wenig, und hing, wie es fast aussah, von einer unsichtbaren
Gewalt getragen, in der Luft.

Je nher ich kam, desto deutlicher lie es sich unterscheiden, und schon
stand ich, kaum noch fnf Schritt davon entfernt, als ich--

Herr Gott -- was war das? rief die Frau pltzlich und fuhr erschreckt auf
-- der Verwalter schwieg und selbst der Pastor warf einen flchtig scheuen
Blick im Zimmer umher.

Was hast Du denn? sagte er dann und versuchte zu lcheln, -- Du jagst
Einem ja ordentlich Schreck ein.

Hrtest Du nichts? sagte die Frau und sah leichenbla aus, -- mir war es,
als ob Jemand um Hlfe schrie--

Die erregte Einbildungskraft, beruhigte sie der Schulmeister, wir haben
Alle ein gutes Gehr, Frau Pastorin, verlassen Sie sich darauf, htte
wirklich Jemand gerufen, es wre uns nicht entgangen -- die Erzhlung hat
Ihre Nerven aufgereizt, das unbedeutendste Gerusch erschreckt uns dann; --
bitte, Herr Verwalter, fahren Sie fort.

Der Pastor war aufgestanden und wischte mit seinem Taschentuch den Hauch
von dem Fenster, um hinaussehen zu knnen; bei dem augenblicklichen
Schweigen hrten sie, wie der Regen polternd gegen die Scheiben klapperte,
und drauen auf dem gepflasterten Hofe laut und klatschend aufschlug. Der
Verwalter, welcher whrend der ganzen Unterbrechung -- die brigens nicht
so lange gedauert als ich hier gebraucht sie zu beschreiben -- seine
Stellung kaum so weit verndert, da er bei dem ersten Ruf den Kopf etwas
erhob, jetzt aber wieder eben so still und in seinen Gedanken verloren in
dieselbe Ecke starrte als vorhin, fuhr augenscheinlich mehr mit sich selbst
sprechend, wie zu den Andern gewandt, mit leiserer Stimme als vorher also
fort:

Fnf Schritt mochte ich noch davon entfernt sein, als ich erst in diesem
hellen Bandelier weiter nichts wie -- einen einfachen Streifen weien
Sandes erkannte, der sich hier, von dunkler Erde und hohem Grase umgeben,
vielleicht zwei Schritt lang auf dem Boden herzog. Aber -- ich berhrte ihn
mit dem Fue -- die Stelle war erhht, selbst das immer mehr schwindende
Licht warf noch seinen letzten dstern Schein ber den kleinen flachen
Hgel. -- Es war ein _Grab_ und hier unten -- wie mit einem elektrischen
Schlage durchzuckte es meinen ganzen Krper -- viele Minuten stand ich,
meiner selbst kaum mchtig, auf der einsamen Stelle. -- Pltzlich -- ich
konnte mir im Anfang nicht einmal Rechenschaft darber geben -- raffte ich
mich empor und floh, so schnell mich meine Fe trugen, zu meinem Freund,
dem Frster zurck.

Der Ring, der Ring -- das war der einzige Gedanke, den ich mit Bewutsein
festhalten konnte -- der Ring des todten Soldaten, und bleich und athemlos
erreichte ich bald darauf sein Haus wieder. Er erschrak, als er mich in
diesem Zustande sah, -- er wollte--

Der Verwalter schwieg pltzlich, stand auf, ging zum Fenster und trat von
diesem wieder zum Tisch zurck.

Und der Ring? frugen der Pastor und Schulmeister gespannt.

Weshalb soll ich Sie noch lnger mit der genauern Mittheilung qulen,
erwiederte der Verwalter mit augenscheinlich erzwungener Ruhe -- der Ring
war wirklich der meines Bruders -- und jenes Grab -- _sein_ Grab. Was jene
Erscheinung betrifft, so wei nur Gott, ob sie ein Spiel meiner Phantasie
gewesen; doch einerlei, Sie werden begreifen da ich seit jener Zeit
alle Ursache hatte, wenigstens an _Ahnungen_ zu glauben, wenn ich _das_
berhaupt mit diesem Namen belegen darf. -- Aber es wird spt, Herr Pastor
-- Sie wollen wohl auch zu Bette gehen -- es ist lange Schlafenszeit, und
ich habe noch eine kleine Strecke zu marschiren.

Sie knnen doch wahrlich bei dem Wetter nicht fort? sagte der Pastor
rasch, -- es pfeift und heult ja noch drauen um die Kirche herum, als wenn
es das alte Gebude mit der Wurzel aus dem Erdboden zu reien gedchte --
bleiben Sie die Nacht bei uns, das Fremdenstbchen steht bereit, und Sie
wissen, es macht auch nicht die mindesten Umstnde.

Danke -- danke herzlich, sagte der Verwalter und verbeugte sich leise, --
es geht aber doch nicht; erstlich ist es kaum einen Bchsenschu weit bis
an's Gut und dann mu ich auch morgen frh schon wieder bei der Hand
sein, und mchte berdies nicht gern gerade in solcher Nacht das Gut ohne
Aufsicht lassen -- es ist besser ich bin bei der Hand wenn etwas vorfllt.
Gehen Sie mit, Schulmeister?

Nicht Ihren Weg, ich gehe durch's Hinterpfrtchen und habe dann nur einen
Sprung bis in mein Haus.

Der Verwalter knpfte sich seine grne Pekesche bis oben hinan zu, klappte
den Kragen auf, band sich noch zur Vorsicht sein Taschentuch ber diesen
um den Hals, griff nach Mtze und Hacke, schttelte Allen herzlich die Hand
und verlie, ohne zu gestatten, da ihm Jemand hinunter leuchte, rasch das
Zimmer.

Die drei Leute blieben, als sein Schritt schon lange auf der Treppe
verklungen war, noch wohl mehrere Minuten beisammen stehen, und es sah fast
so aus, als ob Keiner gern das Schweigen zuerst brechen wollte. Endlich
sagte des Pastors Frau mit einem recht aus tiefster Brust heraufgeholten
Seufzer:

Ich wollte, der Verwalter htte die hliche Geschichte nicht erzhlt --
ich wei nicht -- mir wurde so unheimlich dabei -- und er blieb auch so
still und ernsthaft, als ob das Alles wirklich geschehen, und der Geist
seines Bruders ihm leibhaft erschienen wre -- so deutlich und sichtbar
steht doch die Geisterwelt auf keinem Fall mit der unsern in Verbindung,
und man sollte daher auch so etwas nicht so lebendig und ernsthaft den
Leuten ausmalen.

Auch das lt sich vielleicht natrlich erklren, sagte der Pastor,
mehr wie es schien seiner Frau zur Beruhigung, als weil er selbst wohl das
wirklich glaubte was er jetzt sagte, -- die Erzhlung jenes Frsters hatte
ihn sehr wahrscheinlich aufgeregt, und er dachte an den Bruder -- dachte
wohl gar, wenn _der_ jener fremde Mann gewesen, dessen Grab da so ganz in
der Nhe sein sollte. Dmmerung war es ebenfalls, die dunkeln Abendschatten
geben oft einem Strauch, einem Rain, ja einem vor uns hineinlaufenden
Wagengleis die wunderlichste Gestalt -- lt es sich da nicht denken da
er, besonders noch von dem weien schimmernden Sand angelockt, zufllig
den kleinen Hgel fand und spter die Besttigung dessen erhielt was er
geahnt?--

Geahnt -- und da wren wir wieder auf dem alten Punkt -- fiel hier
kopfschttelnd der Schulmeister ein; die Ahnung kommt zuerst, macht
uns unbehaglich, und die Imagination mu nachher dem Ganzen die Krone
aufsetzen; 'sist ein wunderliches Ding um den menschlichen Geist, aus
heiler Haut, mit all seiner gerhmten Festigkeit und Consequenz lt er
sich herauslgen und auer Fassung bringen, und das ganze Nervensystem
erbebt nachher, wenn drauen nur etwa ein Besen in der Ecke umfllt, oder
die Katze von einem Stuhl herunter springt -- ganze Bcher lieen sich
schreiben ber den Unsinn.

Unsinn, Schulmeister? -- wiederholte die Frau und sah ihn verwundert an.
Sie sagten doch selbst erst da Sie an Ahnungen glaubten. Doch, wie dem
auch sei, ich halte es fr Unrecht, und noch dazu in solch wilder Nacht,
die Einbildungskraft frmlich muthwillig aufzuregen -- ich glaube ich
knnte mich jetzt vor meinem eignen Schatten frchten, und mag mich
gar nicht einmal danach umsehen -- Frauen sind doch recht ngstliche,
nervenschwache Wesen.

Ach, nicht Frauen allein, meinte der Schulmeister lchelnd, whrend er
ebenfalls nach seinem Kpsel griff und den, schon vor Anfang des Regens zur
Vorsorge mitgenommenen dicken, rothbaumwollenen Regenschirm aus der Ecke
holte, Zeit und Umstnde mssen das ihrige dazu beitragen und der strkste
Mann ist vor demselben Gefhl -- und dann noch dazu in weit erhhtem Mae
-- nicht sicher.

Wenn er berhaupt ngstlichen Gemths ist, sagte der Pastor.

Aengstlichen Gemths oder nicht -- seine schwache Stelle, seine
Achillesferse hat ein Jeder, und wird die getroffen, so greift es nachher
gerade den strksten Mann auch am strksten und gewaltigsten an. Sie kennen
doch gewi die Geschichte mit dem Spiegel--

Die beiden Gatten verneinten es.

Hm, sagte der Schulmeister, denn wei ich auch nicht, ob ich's heute Abend
nicht lieber lasse -- Sie sind gerade erregt genug--

Ach, heraus damit -- in solcher Stimmung ist man am empfnglichsten
dafr, und schlimmer kann's bei meiner Alten doch nicht werden, meinte der
Pastor.

Ach Gott ja -- erzhlen Sie nur, besttigte dies mit einem tiefen Seufzer
die Frau, -- es kommt jetzt auf das eine mehr oder weniger nicht mehr an
-- ich frchte mich doch heute Abend -- Sie sprachen von einem Spiegel.

Nun, ich meine das Hineinsehen in einen Spiegel, Abends, wenn man ganz
allein ist, begann der Schulmeister und sttzte sich auf die Lehne des ihm
nchsten Stuhles. Es wird nmlich, wie Sie gewi auch schon gehrt haben,
behauptet, man knne oder drfe vielmehr in stiller Nacht und in einem
einsamen Zimmer nicht mit einem Licht in jeder Hand langsam und dicht vor
den Spiegel treten, dort dreimal mit lauter Stimme seinen eignen Namen
rufen und dann laut und schallend auflachen. Thte man das und riefe sich
besonders nachher noch einmal, so passire irgend etwas Entsetzliches, ich
glaube die eigene Gestalt soll mit schauerlich verzerrtem Gesicht aus dem
Spiegel heraussteigen.

Die Frau warf einen scheuen Blick nach dem Spiegel und strich sich rasch
mit der Hand ber die eigne Stirn.

Die Geschichte nun, die mir darber erzhlt wurde, fuhr der Schulmeister
fort, ist sehr kurz, und betrifft einen Husarenlieutenant, also doch allem
Vermuthen nach einen krftigen, keineswegs nervenschwachen Menschen. Die
jungen Leute waren in einer frhlichen Gesellschaft von Herren und
Damen gewesen und dort, eben so wie wir heute, auf Geister- und
Gespenstergeschichten gekommen. Ein Wort gab das andere, und allerlei tolle
Vorschlge wurden endlich, wahrscheinlich mehr um die Damen zu ngstigen,
als sie wirklich auszufhren, gemacht; die Einen wollten um zwlf Uhr auf
den Kirchhof gehen und dort um ein frisches Grab tanzen -- die Andern in
der Kirche selber eine Nacht allein bleiben, bis endlich irgend Jemand von
der Gesellschaft das Experiment mit dem Spiegel in Anregung brachte.

Der junge Lieutenant erbot sich augenblicklich dazu und die Dame vom
Hause, die wahrscheinlich glaubte, der junge Herr bramarbasire blos, sagte
scherzend, damit liee sich der Versuch ganz vortrefflich in ihrer eignen
Wohnung machen. Im Gartenhause sei ein ganz einsam gelegener groer Saal
mit zwei mchtigen Spiegeln, der seit lngerer Zeit unbenutzt stehe -- sie
habe den Schlssel dazu und wenn der Herr Lieutenant Lust htte, knne er
seine Wanderung gleich antreten. Ein allgemeiner Jubel unterbrach sie hier
und der Husar durfte schon nicht mehr zurck, wenn er es wirklich gewnscht
htte. Allerdings erschrak die Dame, als sie sah da es pltzlich Ernst
wurde, und machte nun allerlei Ausflchte; der Lieutenant bestand aber
jetzt selbst darauf, gab sein Ehrenwort, da er die vorbeschriebenen
Bedingungen genau erfllen wolle, und verlie mit einem Bedienten, der ihm
Lichter und Feuerzeug nachtragen mute, das Zimmer. Den Bedienten wollte
er, an Ort und Stelle angelangt, zurckschicken.

Die Gste wren allerdings gar zu gern mitgegangen, Einsamkeit war ja
aber die Hauptbedingni des ganzen Versuchs, und mit der gespanntesten
Aufmerksamkeit erwarteten sie die Rckkehr des Offiziers -- jedes Gesprch
schien abgeschnitten -- jede Unterhaltung stockte und eine halbe Stunde
mochte so in peinlichster Weise verstrichen sein, als der mitgegebene
Diener pltzlich todtenbleich in's Zimmer strzte und die, jetzt kaum
minder entsetzten Gste zu Hlfe rief. Ein Paar Damen wurden richtig
ohnmchtig, die Herren aber, die sich ja auch in ihrer Masse gesichert
fhlten, strmten, da ihnen der Bediente weiter gar keine Rede stehen
wollte, von diesem gefhrt durch den Garten, in dessen Saal sie bleich und
besinnunglos den unglcklichen jungen Menschen zwischen den beiden sich
gegenber befindlichen Spiegeln am Boden liegen fanden.

_Was_ er gesehen -- was ihm begegnet, hat man nie genau erfahren knnen,
der Bediente hatte allerdings drauen an der Thre des Gartensaales
gehorcht, und wollte den jungen Mann, als er sich eine kurze Weile dort
befunden, laut haben lachen hren, dann aber -- und der Mann glich selber
mehr einem Todten als einem Lebenden -- schwur er Stein und Bein, es
sei ihm so vorgekommen, als ob es von allen Seiten von oben und unten
geantwortet htte, gleich darauf gellte ein frchterlicher Schrei heraus,
und als dann Alles todtenstill geworden war, und er selbst in Furcht und
Entsetzen viele Minuten lang athemlos gelauscht, da hielt er es nicht
lnger aus, ri die Thr auf und sah den Lieutenant ausgestreckt auf
der Erde liegen. Weiter wute er selber nichts, denn hierauf strzte er
spornstreichs in die Gesellschaft zurck, um Hlfe herbeizuholen.

Und der Lieutenant war todt? frug der Pastor gespannt.

Nein -- nur wahnsinnig; sagte der Schulmeister -- aber es ist wahrhaftig
schon zehn Uhr vorbei -- wnsche beiderseits eine gute Nacht -- Bitte
Barrenkamp -- ich dchte, ich sollte die Treppen hier kennen -- das Mdchen
kommt auch gerade unten mit ihrem Lichte aus der Kche, die kann das Haus
hinter mir wieder zuschlieen.

Und der Schulmeister verschwand, whrend die Eheleute allein in dem nur
matt erhellten Gemach zurckblieben.

Nun, _die_ Geschichte hat mir heute noch gefehlt, sagte die Pastorin, und
rumte, wie nur um sich eine Beschftigung zu machen, das auf dem Tische
stehende Geschirr zusammen -- _nur_ wahnsinnig -- das ist ja frchterlich.
Die Leute hatten aber auch gefrevelt, so etwas darf man sich nicht zu
Schulden kommen lassen -- Herr Du mein Gott! rief sie pltzlich, und als
sie die Tassen, die sie in der Hand hielt, wieder auf den Tisch setzen
wollte, fiel ihr eine herunter und zerbrach klirrend am Boden.

Was hast Du denn? fragte der Pastor und drehte sich rasch und erschrocken
nach ihr um -- sie sah todtenbleich aus und horchte mit der gespanntesten
Aufmerksamkeit nach dem Fenster hinber. Nichts aber als das Unwetter
drauen lie sich vernehmen, der Regen schien etwas nachgelassen zu haben,
und die Wolken schttelten sich nur noch, nach dem langen verzweifelten
Kampf, ungeduldig und unwirrisch das Wasser aus den nassen Jacken.

Das war wieder derselbe Hlferuf, flsterte die Frau -- derselbe Ton
und -- Heinrich -- soll mir der Herr in meiner letzten Noth beistehen -- er
klang gerade wie meines Vaters Stimme.

Sie barg das Gesicht in den Hnden und schauderte am ganzen Krper
zusammen.

Unsinn! sagte der Mann und rckte sich rgerlich die schwarze Kappe auf
das linke Ohr, -- Unsinn -- die dummen Erzhlungen haben Dich aufgeregt
und Du fngst mir am Ende auch noch heute Abend an Gespenster zu sehen und
zu hren. Wir wollen zu Bette gehen -- es ist Schlafenszeit und morgen,
mit dem hellen Tageslicht werden Dir schon alle die trben und ngstlichen
Gedanken vergehen. Habe ich nicht recht, Elise? -- aber was fehlt Dir auf
einmal, was hast Du?

Die Frau blieb, als ob sie die Worte gar nicht gehrt, in ihrer Stellung,
nur die zitternde Gestalt verrieth ihre Aufregung und ihr leises
Schluchzen, wie die einzelnen, zwischen den fest zusammengepreten Fingern
vorquellenden Thrnen kndeten, da etwas ganz Absonderliches in ihrem
Herzen vorgehen msse.

Elise, -- sagte der Mann nach kurzer Pause, whrend er leise der Gattin
Hand ergriff und diese von ihren Augen wegzuziehen suchte -- bist Du
nicht wie ein nrrisches Kind, das sich von ein Paar thrichten
Geistergeschichten in Furcht und Schrecken setzen lt, und nachher nicht
mehr allein ber den dunkeln Vorsaal gehen, oder leiden will, da die Magd
das Zimmer verlt? -- Du kennst doch den alten Verwalter, weit doch, was
er fortwhrend fr abenteuerliche Mrchen erlebt haben will. Wie haben wir
nicht erst noch neulich ber ihn gelacht, als er uns die Geschichte von den
zwei feindlichen Irrlichtern erzhlte, und wie bse wurde er darber; und
was das andere betrifft, wo--

Das meine ich nicht, sagte die Frau leise und fast mehr mit sich selbst,
als mit ihrem Manne redend -- der Verwalter kann sich geirrt haben,
und die Spiegelgeschichte ist wohl frchterlich genug, lt sich aber
vielleicht natrlich erklren; nein, _mir_ bewegt Anderes die Brust. -- Der
Schulmeister hat ganz recht -- es giebt bernatrliche Krfte -- es mu
sie geben, denn wo wir wissen da der kleinste Wassertropfen von unzhligen
Geschpfen belebt und bewohnt wird, wie drfen wir da annehmen, die
ungeheuern Luft- und Aetherrume umschlssen frei und leer das ganze
Weltall. -- Nein, das ist nicht mglich; um uns her, ber uns, neben uns
regt es sich und treibt und wirkt -- die uns fernstehenden Gebilde berhren
uns aber nicht; unsere Nerven sind nicht fein genug ihre Nhe zu empfinden,
oder ihre Krfte -- mir fehlt der Ausdruck Dir genau zu beschreiben wie
ich es mir denke -- ihre Krfte ben nicht einen solchen harmonischen --
vielleicht magnetischen Einflu auf die unseren aus, um uns zum Bewutsein
ihrer Annherung zu bringen. -- Das dauert aber nur so lange, bis wirklich
einmal ein uns verwandter Geist unseren eigenen Luftkreis berhrt, oder
durch die Strke seines Willens, seiner Seele, zu uns hingetrieben wird
-- dann ergreift er aber auch all die feinsten Fasern unseres innersten
Systems und die _Ahnung_ desselben, vielleicht auch nur das _Bewutsein_
dieses Gefhls entsteht und macht sie geltend--

Aber ich begreife Dich nicht--

Es ist heute der dritte Abend, fuhr seine Frau, den Einwurf nicht weiter
beachtend, fort -- da ich dieselbe ngstliche Unruhe fhle wie heute --
nur nicht so stark. Am ersten Abend erhielt ich, wie Du weit, gerade vor
Schlafengehen, den Brief von zu Hause -- worin mir Mutter von des Vaters
Krankheit schrieb.

Ein etwas hartnckiger Katharr, wie sie selbst sagte, der sich bis jetzt
schon wahrscheinlich wieder vollkommen gehoben hat.

Kein Katharr, Heinrich, -- die Sache ist schlimmer als sie es mir sogleich
schreiben mochte -- weshalb den Brief eilig gemacht -- weshalb nun das
Schweigen? -- Mit dem jetzigen Lauf der Eisenbahn knnte Nachricht in neun
Stunden hier sein.

Komm Kind, erwiederte ihr lchelnd der Mann, -- geh jetzt zu Bett, und
morgen frh wollen wir ruhig ber die Sache reden; Du phantasirst heute
Abend, und da ist's besser Du berschlfst erst einmal die Gedanken, die
das Sonnenlicht ohnedies nicht gut vertragen knnen. Doch sieh, der
Wind hat den Himmel endlich rein gefegt, und der Mond scheint ordentlich
freundlich in's Fenster herein, wenn sich der Sturm erst ein Bischen legt,
bekommen wir vielleicht das schnste Wetter -- komm Kleine -- heb' das
Kpfchen wieder und sei mein braves Weib -- Du wirst Dich doch wahrlich
nicht vor Spukgeschichten frchten?

Nein, nicht vor Spukgeschichten, Heinrich, flsterte die Frau und starrte
dabei mit festem glanzlosen Blick in die Ecke des Gemachs, das von der
immer dsterer brennenden Lampe kaum noch hinlnglich beleuchtet wurde,
-- gewi nicht vor denen, ich habe schon fast wieder vergessen was der
Verwalter und Schulmeister erzhlten, aber -- in mir selbst fhle ich da,
und zwar in diesem Augenblicke, irgend etwas bei den Meinigen vorgeht. Ich
kann, so viel ich auch dagegen ankmpfe, das Bild meines Vaters nicht
aus dem Sinn verlieren. -- Fortwhrend sehe ich ihn, bleichen, gramvollen
Angesichts, in dem grnen Schlafrock mit dem dunkeln Kppchen vor mir auf-
und abgehen und mit dem sthlernen Uhrbehnge spielen, -- was er nur that,
wenn er krank oder leidend war -- so deutlich hre ich dabei das leise
klimpernde Gerusch, da ich mich heute schon mehrmals im Zimmer umgeschaut
habe, ob nicht irgend etwas die Ursache desselben wre, aber es liegt mir
allein im Ohr -- Du -- Ihr Anderen habt nie etwas davon vernommen.

Du bist heute aufgeregt, Kind, das ist die ganze Sache, beruhigte sie der
Mann, komm, la uns zu Bett gehen, es wird spt und ich bin mde -- die
Lampe scheint berdies kein Oel mehr zu haben; sie will ausgehen.

Ein leiser, winselnder Ton, der fast wie ein ferner Hlferuf klang, wurde
in diesem Augenblicke laut -- man konnte nicht recht unterscheiden, ob er
vom Hofe, oder aus dem Hause selbst herauf, erschalle -- der Wind brauste
und rauschte auch noch zu sehr in der dicht neben dem Gebude stehenden
Linde, und heulte im Schornstein auf und nieder. Die Lampe verlschte in
diesem Augenblick und der Pastor, der jetzt selbst, durch die Furcht der
Frau vielleicht angesteckt, ein gewisses unheimliches Gefhl nicht ganz
unterdrcken konnte, war eben im Begriff, in die daran stoende Schlafstube
zu treten, um von dort her einen kleinen, neben dem Feuerzeug stehenden
Wachsstock zu holen, als die Gattin hastig und krampfhaft seinen Arm
ergriff, und mit von innerer Angst fast erstickter Stimme, whrend sie die
rechte zitternde Hand nach der andern Thre ausstreckte, flsterte:

Sieh, -- sieh dort!

Der Pastor stand mit seiner Frau nahe der Schlafkammerthr und noch im
Schatten der Wand, in dem jetzt dunkeln Zimmer, whrend ein einzelner
Mondenstrahl in das obere Fenster und auf die gegenber liegenden
Treppenthr fiel; aber auch durch eine dnne Gardine so weit gemigt
wurde, die Gegenstnde, die er beleuchtete, nur undeutlich und unbestimmt
erkennen zu lassen. Nichtsdestoweniger sahen die Gatten ganz genau, wenn
sie auch nicht das mindeste Gerusch der sonst gewhnlich kreischenden
Thre hrten, wie sich die blanke Klinke langsam bewegte und anscheinend
von selber aufdrckte -- gleich darauf ffnete sich eben so feierlich die
Thr, und herein trat mit geruschlosem Tritt eine Gestalt, die das Blut in
Beider Adern stocken machte -- der grne Schlafrock, das schwarze Kppchen
-- die hohe, bleiche Figur -- die Pastorin stand mit fast aus ihren Hhlen
starrenden Augen, mit halbgeffneten Lippen -- mit noch immer zeigend
und zugleich abwehrend ausgestrecktem Arme da, und selbst der Mann blieb
berrascht -- bestrzt vor dem, was seine eigenen Augen sahen und nicht
ableugnen _konnten_ -- in der einmal genommenen Stellung.

Im nchsten Moment glitt die Erscheinung, sonst regungslos, langsam in den
dunkeln Theil des Zimmers und ein klimperndes Gerusch wurde laut, wie
von Stahl an Stahl. Der Pastor fhlte, wie sich sein Weib an seinen Arm
klammerte und selbst von einem ihm unerklrlichen Entsetzen gefat, wute
er kaum ob er stehen bleiben, ob vorspringen sollte. Da lie der Druck an
seinem Arme nach und die Frau wre zu Boden gestrzt, htte er sie nicht
rasch umfat und gehalten.

Als er sich wieder nach der Erscheinung umdrehte, war diese verschwunden,
und der Mond schien freundlich in das stille -- leere Gemach.

Der Pastor trug die ohnmchtig gewordene Frau auf ihr Bett, und sprang dann
mit dem rasch entzndeten Lichte durch sein Zimmer, -- ri die Thr auf,
eilte die Treppe hinunter, durch alle Gnge, fate an alle Klinken, fand
selbst das Hausthor verschlossen und pochte vergebens an des Ksters Stube
an; der alte Mann lag schon lange in tiefem Schlaf und hrte ihn nicht. --
Es war Alles so still, so unheimlich; auf den Gngen rauschte und flsterte
es, wie mit schleppenden Gewndern zog's Trepp auf und ab -- den sonst
unerschrockenen Mann fate ein Schauder an, und mit Gewalt mute er das
Gefhl, das ihm die Brust zusammen zu schnren drohte, von sich werfen.

Der Wind, -- der Wind! murmelte er, wie um sich selbst zu beruhigen dabei
leise vor sich hin, und floh mehr als er ging, die Treppe wieder hinauf.
Dort aber raffte er sich gewaltsam zusammen, betrat zuerst das Zimmer
seiner Frau, um dieser beizustehen, stieg dann hinauf wo ihre Magd schlief,
weckte sie und gab ihr die nthigen Auftrge, was sie zu besorgen habe.
Dann untersuchte er noch einmal alle Laden und Thren, ging sogar ber
den Hof, um zu sehen ob das Hofthor verschlossen wre, und that berhaupt
Alles, was er nur mit ruhigster, kltester Besonnenheit htte thun
knnen; aber es geschah eben nicht mit kalter Besonnenheit, -- wie ein
Nachtwandelnder, mit bleichem Gesicht und glanzlosem Auge schritt er von
Ort zu Ort, und die Bewegungen seines Krpers glichen eher denen eines
knstlichen Automaten, als denen eines wirklichen, selbstbewuten Menschen.

Sobald der Morgen dmmerte und seine Frau in einen ruhigen strkenden
Schlaf verfallen war, schlo er sich in sein Zimmer ein, schrieb dort den
ganzen Vormittag und siegelte mehrere Pakete und Schriften ein. Selbst zum
Mittagsessen blieb er nicht vorn und sah nur einmal nach der Kranken, ob
sich diese von den Vorfllen der letzten Nacht in etwas erholt habe.

Nachmittags klopfte es an sein Zimmer, und als er den Riegel zurckschob,
reichte ihm der drauen stehende Postbote einen Brief. -- Er ri ihn auf,
sah nach der Unterschrift -- er war von seiner Schwgerin Regine -- und las
mit flimmernden Augen, whrend das Schreiben in seiner Hand zitterte und er
die Zge kaum erkennen konnte, folgende in flchtiger Eile niedergeworfenen
Zeilen:

    Lieber Schwager.

  Gott hat uns gestern Abend auf schwere, entsetzliche Weise heimgesucht.
  Zwischen zehn und halb eilf Uhr starb, wahrscheinlich an einem
  Blutschlage, mein armer Vater. Theilen Sie Elisen die Schreckenskunde
  vorsichtig mit -- ach, sein letzter, sehnschtiger Wunsch war ja, _sie_
  noch einmal vor seinem Ende zu sehen. Wenn es mglich ist kommen
  Sie her; Elise wird aber Ihre Gegenwart gerade jetzt wohl schwerlich
  entbehren knnen. Ich schreibe in der Nacht, und will den Brief noch
  vor dem Abgange eines Bahnzuges an einen Conducteur zur Befrderung
  schicken, da er Sie wo mglich heute noch erreicht. Trsten Sie meine
  arme Schwester.

    Ihre

      _Regine_.

       *       *       *       *       *

Acht Wochen waren verflossen -- drauen auf Feldern und Wiesen keimte und
grnte es, das Frhjahr hatte mit seinem warmen Hauch den starren Boden
gekt, und froh auf dieser trieb, in immer neu erstehender Kraft und
Jugend, saftreiche Grser und Halme und bunte, glnzende Blumen und
Blthen. -- Zwischen neckend nach ihm hinunterschwankenden Zweigen rieselte
freudig murmelnd der klare Waldbach hin, und aus sdlichern Zonen waren die
munteren Snger des Waldes wiedergekehrt und zwitscherten freudig in den
alten lieb gewonnenen Pltzen, wo sie schon im vorigen Jahre so still und
friedlich mitsammen gehaust.

Die Luft war rein und lau und auch vor der Pastorwohnung, unter dem
blhenden Apfelbaume, von duftigen Hollunderbschen umgeben, sa, an der
Seite ihres wackeren Mannes, die erst von schwerer Krankheit erstandene
Frau, und schaute mit mattem Blick auf das frhliche Wirken und Schaffen
der herrlichen Welt. Ihre krftige Natur hatte endlich das heie Fieber
besiegt, der Krper erholte sich wieder, wenn auch langsam von dem
erlittenen Anfall und die Krfte kehrten nach und nach zurck. Der nicht zu
scheuchende Trbsinn der Reconvalescentin aber, ihr dumpfes, stundenlanges
Trumen und Brten -- die Angst, die sie ergriff, wenn sie Abends, selbst
auf Augenblicke allein im Zimmer bleiben mute, das Alles verrieth nur zu
deutlich, wie sie jene Schreckensstunde nicht allein nicht vergessen habe,
sondern die peinliche Erinnerung derselben auch noch im krankhaft erregten
Gemthe hege und sich heimlich abzehre und grme.

Solche Furcht und Besorgni mochte wohl das Herz des Gatten erfllen, denn
er hielt die Hand der Geliebten fest und innig in der seinen und schaute
ihr wehmthig freundlich in das bleiche leidende Gesicht, wagte aber doch
nicht den wunden Fleck zu berhren, der _vielleicht_ geheilt werden konnte,
vielleicht aber auch nur eines Anlasses, nur eines Wortes bedurfte, um
mit neuer, zndender Gewalt auszubrechen und um sich zu greifen. Ueber die
Vorgnge jener Nacht hatte er selbst mit Niemandem gesprochen; nur seinem
alten Freunde, dem Schulmeister, vertraute er die Ursache der Krankheit
seiner Frau und theilte ihm dabei die nheren Umstnde der Erscheinung
und so bis zu den kleinsten Einzelnheiten mit, da der Schulmeister doch
endlich zugestehen mute, es sei ein hchst merkwrdiger Fall, und bestrke
ihn, wenn beide Gatten wirklich recht gesehen, nur immer noch mehr in dem,
was er schon frher ber Ahnungen gedacht und gesprochen. Vor der Hand
brigens, meinte er, sei es am Besten, es auf sich beruhen zu lassen;
es kme sehr hufig vor da sich derartige, dem Anschein nach hchst
wunderbare Flle, oft spter und ganz zufllig, auf die natrlichste
Weise aufgeklrt htten. Ja, wren die beiden Leute vorher nicht durch
Geistergeschichten aufgeregt und gespannt gehalten worden, wre irgend ein
dritter, ruhiger Zuschauer dabei gewesen, dem dasselbe wiederfahren, aber
so-- er schttelte dann immer mit dem Kopfe, und wollte das Erlebte nicht
zugeben.

Die untere Gartenthr ging auf, der alte Kster kam mit dem Schulmeister
den breiten Mittelgang herauf, und herzlich begrten die beiden Mnner zu
ihrem ersten Ausgang in Gottes schner Luft die Kranke, whrend der Kster
dem Pastor ein Schreiben berreichte, das, irgend ein Geschft betreffend,
augenblickliche Erledigung verlangte.

Barrenkamp erbrach und durchflog es rasch und sagte dann, whrend er
aufstand und sich dem Hause zuwandte:

Ich werde in wenigen Minuten damit fertig sein, und Ihr knnt es gleich
wieder mit zurcknehmen, Mnzer. Bleibt Ihr Beiden inde bei meiner Frau
und vertreibt ihr die Zeit ein Bischen; sie wird gern einmal wieder auf die
Plaudereien aus dem Dorfe horchen.

Der Pastor ging schnell ins Haus.

Was macht Ihr Mnzer? sagte die Frau und streckte dem alten Manne die
weie abgezehrte Hand entgegen. -- Ihr schaut jetzt recht gut und wohl aus
-- die Frhlingsluft scheint Euch zu bekommen. Setzt Euch zu mir -- bitte
Schulmeister, nehmen Sie Platz -- was macht Euer Grtchen -- Eure Kuh, Euer
kleines Stck Feld? -- wir haben uns recht lange nicht gesehen.

Ach, beste Frau Pastorin, erwiederte der Greis und fate und streichelte
die ihm gebotene Rechte -- seit acht vollen Wochen, seit dem Abend nicht,
wo der Sturm die alte Linde an der Kirchhofsmauer umri, und Hammers, unten
im Dorfe, den Schornstein mitten in die Stube warf, der beinahe das jngste
Kind erschlagen htte. Das war in jeder Beziehung eine bse Nacht und ich,
meinestheils, werde sie im Leben nie vergessen. Sie, Frau Pastorin, sind ja
auch damals krank geworden und haben sich gelegt. Ich wei noch recht gut,
am nchsten Mor -- aber lieber Gott, fehlt Ihnen etwas?--

Es ist doch am Ende zu kalt hier drauen, Frau Pastorin, unterbrach ihn
hier rasch der Schulmeister, der ein dorthin fhrendes Gesprch so bald
als mglich abzuschneiden wnschte. -- Sie mchten lieber hineingehen in's
warme Zimmer -- soll ich Sie vielleicht geleiten?--

Ich danke, ich danke, Herr Wendler, sagte die Frau und hielt sich nur
wenige Sekunden lang das Tuch gegen die Augen gepret -- zum ersten Male
wurde hier in ihrer Gegenwart, seit sie ihres Vaters Tod erfahren, jener
Abend erwhnt, und sie mochte jetzt die Mnner nicht merken lassen, wie sie
der Gedanke daran erregte. -- Es war nur ein leichter Uebergang fuhr
sie dann mit einem halblchelnden Zug um den Mund fort -- ein leichter
Uebergang sich oft einstellender Schwche -- ich habe meine alten Krfte
noch nicht wieder -- es wird gleich vorbei sein. Doch -- lat Euch nicht
irre machen, Mnzer -- Ihr nanntet jene Nacht eine bse -- ist auch Euch --
ist Euch etwas darin geschehen, da Ihr sie nie wieder vergessen knntet?

Lassen Sie jene Nacht, beste Frau Pastorin, bat sie der Schulmeister,
die ist lange vorber; weshalb immer wieder auf sie zurckkommen. Mnzer
kann Ihnen eine andere treffliche Neuigkeit berichten; der Gutsherr hat ihm
das kleine Stckchen Feld, das er bis dahin bewirthschaftete, verdoppelt,
und hinlnglichen guten Samen zu Kartoffeln versprochen.

Die Frau hielt indessen ihr Auge fest und forschend auf den alten Mann
geheftet; es war unverkennbar, da irgend ein Gegenstand alle seine
Gedanken gefesselt hielt, denn er beachtete nicht einmal das, was ja
bisher, wie die Pastorin recht gut wute, sein hchster Wunsch gewesen.
Etwas Anderes ging ihm im Kopfe herum und jene Nacht mute damit in
Verbindung stehen. Der leicht erregbare Zustand der Kranken fate denn
auch, besonders nach diesem Punkte hin, den geringsten Faden mit zitternder
Schnelle auf.

Was ist Euch geschehen, Mnzer, flsterte sie und griff, die Hand des
Schulmeisters zurckdrngend, nach seinem Arme -- was ist, -- sagt mir --
was ist mit jener Nacht?

Geschehn gerade nichts, Frau Pastorin, erwiederte der Greis und schnitt
verlegen mit dem Rand seiner Sohle in den gelben Kies ein, -- geschehen
gar nichts, aber -- wenn Sie es denn wissen und -- mich nicht auslachen
wollen ---- ich hatte eine Erscheinung.

Mnzer! rief der Schulmeister vorwurfsvoll, und der alte Mann sah erst
jetzt, als er die Augen vom Boden hob, zu seinem Schreck, welchen Eindruck
die wenigen Worte auf die Frau gemacht hatten.

Ihr saht -- Ihr saht meinen Vater! -- rief diese mit heiserer, kaum
vernehmlicher Stimme, -- gesteht es nur -- gesteht -- Ihr saht an jenem
Abende meinen Vater -- Mnzer!

Die Kranke war in frchterlicher Aufregung und der Kster htte Gott wei
was darum gegeben, kein Wort von der ganzen Geschichte gesagt zu haben;
doch zu spt. Auch der Pastor, der gerade jetzt wieder aus dem Hause trat
und bestrzt erkannte welcher Fehlgriff gemacht sei, war nicht mehr
im Stande seiner Frau das einmal fest und krampfhaft erfate Ziel zu
entrcken. Hren wollte sie, hren von des Ksters eigenen Lippen, was er
gesehen, _die Gewiheit_ wollte sie haben, da ihr Vater selber sie gerufen
und dann, dann -- meinte sie und strich sich die Haare aus der feuchten
weien Stirn -- werde sie ruhiger, -- werde ihr besser werden.

Es blieb keine andere Wahl als ihr zu willfahren und der Pastor forderte
zuletzt selbst den alten Mann auf, was er wisse, bei seiner Seele Heil aber
kein falsches, bertriebenes Wort zu sagen.

Ach, lieber Herr Pastor, erwiederte der Greis, wollte doch Gott, ich
htte ganz geschwiegen, noch dazu, da ich nicht einmal etwas Bestimmtes
ber die Gestalt sagen kann.

Die Gestalt -- wiederholte, kaum bewut, die Kranke -- wo war sie -- wie
sah sie aus?

Der Schulmeister stand bestrzt und ngstlich daneben -- jetzt schien
sein letzter Einwurf gehoben -- und welchen Eindruck mute eine solche
Besttigung auf die reizbare Kranke machen.

Genau wei ich's nicht, flsterte der alte Mann und sah sich selbst hier
im hellen Sonnenlichte scheu um, als ob ihm der Gedanke an das Geschehene
noch Schauder erwecke; doch -- es wird vielleicht besser sein, Ihnen das
Ganze nur in wenigen Worten mitzutheilen. Ich hatte mich nmlich an dem
Abende schon frh, weit frher als gewhnlich, in's Bett gelegt; das
Wetter war strmisch und mein altes Reien plagte mich wieder einmal ganz
absonderlich; sobald ich aber einzuschlafen versuchte, strte mich ein
hlich chzendes Gerusch, das, wie ich gar bald fand, von dem offen
gelassenen Fensterladen der Sakristei herrhrte. Nun htte ich allerdings
leicht hinbergehen und den Laden schlieen knnen, noch dazu da ich
frchten mute, der Wind brche ihn vielleicht die Nacht aus den Angeln,
und von der kleinen Hinterthr, die aus meinem Zimmerchen hinber fhrt,
sind's ja, wie Sie wissen, nur wenige Schritte -- ich hatte aber die
Schlssel in des Herrn Pastors Studirstube liegen lassen--

Der Schulmeister hob schnell den Kopf und sah den Kster forschend an.

--und scheute mich hinaufzugehen und ihn zu stren. So lag ich bis nach
zehn Uhr; da jetzt das Gerusch aber immer rger wurde und ich nun auch
ziemlich gewi wute, Sie wren oben Alle zu Bett -- denn an der Linde,
die vor meinem Fenster steht, kann ich es deutlich sehen, wenn oben in der
groen Eckstube noch Licht ist -- zog ich meine Filzschuhe und meinen alten
Schlafrock an und schlich leise die Treppe hinauf--

Ihr waret an jenem Abend in meinem Zimmer? rief der Pastor und die Lippen
der Frau theilten sich in Staunen und Ueberraschung--

Auf der Treppe schon klang mir's unheimlich und laut, fuhr der Greis, die
Frage nicht beachtend, fort, -- das strmische Brausen _um_ das Haus wurde
hier, in dem umschlossenen Raume, zum leisen Flstern und Zischeln, und ich
ffnete rasch die Thr und schritt dem wohlbekannten Platze zu, wo der Herr
Pastor immer Abends die Schlssel hinlegt, damit ich sie frh finden kann.
Schon hatte ich sie gefhlt und in die Hand gefat, denn ein schwacher
Mondenstrahl fiel in dem Augenblicke durchs Zimmer, als ich -- das Blut
stockt mir jetzt noch in den Adern, wenn ich daran denke -- ein leises
Sthnen vernahm, und den Kopf rasch darnach umwendend, eine helle Gestalt
erkannte, die im Begriff schien, die Arme nach mir auszustrecken. Im
nchsten Augenblick stand ich vor Entsetzen stumm und regungslos, als ich
jetzt aber wirklich sah, da sich die Erscheinung regte, als ich das weie
Grabtuch rauschen hrte, da kann ich nachher nicht einmal mehr sagen, _wie_
ich aus dem Zimmer kam, nur so viel erinnere ich mich noch, ich glitt die
Treppe hinunter, sprang in meine Kammer, die ich hinter mir verschlo --
in's Bett, hllte mich in die Decke ein und betete hei und brnstig zum
lieben Herr Gott, da er alles Unglck von mir und diesem Hause abwenden
wolle.

Und der Fensterladen? frug der Schulmeister und ergriff lchelnd des
Pastors Hand.

Der Wind legte sich bald nachher, meinte der alte Mann, und das Aechzen
hrte auf; wr's aber auch noch so strmisch gewesen, an _dem_ Abende
htten mich nicht zehn Pferde mehr in die Sakristei gebracht.

Elise! sagte der Pastor, und zog das bleiche zitternde Weib leise an sich
-- sie zgerte einen Augenblick, -- schaute noch zweifelnd -- zaudernd vor
sich nieder und barg dann mit lautem Schluchzen den Kopf an ihres Gatten
Brust.

Meine gute Frau Pastorin, bat der alte Mann bestrzt.

Alterchen, rief aber jetzt der Schulmeister, und zog den Arm des
erstaunten Ksters in den seinen; Ihr habt heute Morgen den gescheidesten
Streich gemacht, der sich nur denken lt; nun kommt aber, meine prchtige
Geistererscheinung, hier ist Euer Dokument, heute Mittag mt Ihr bei mir
essen.

Aber Herr Schulmeister -- ich begreife nicht--

Ist auch gar nicht nthig, Schtzchen, -- ist auch gar nicht nthig, nur
jetzt ein bischen die alten Knochen gerhrt. Hurrah, Kster, ich bin so
fidel, ich knnte, glaube ich, eine Menuet tanzen und mir die Melodie
selber dazu pfeifen.

Und ohne dem alten Manne auch nur Zeit zu lassen, noch ein einziges Wort an
die weinende Frau zu richten, zog er ihn rasch den Gartenweg hinunter und
verschwand mit ihm durch die hintere Thr.

Und die Kranke?--

Nur wenige Wochen sind seit jenem Morgen verstrichen, in der Pfarre giebts
aber keine Kranke mehr -- des Pastors wackere Hausfrau wirthschaftet
wieder, wenn auch noch etwas bleich und angegriffen, doch mit vollen,
rstigen Krften im Hause herum; auch der Schulmeister und Verwalter
kommen, wie frher, manchmal Abends herber und verplaudern ein Stndchen
-- nur Geistergeschichten werden nicht mehr erzhlt, und der Kster --
nimmt jetzt den Schlssel zur Sakristei gleich Abends mit in seine Stube --
damit der alte Mann nicht mehr Morgens die Treppen zu steigen braucht, sie
herunter zu holen.




Schwarz und Wei.

Aus dem Farmerleben Missouris.


Weit aus dem fernen Westen, da wo die eisgekrnten Berge ihre zackigen
Kuppen in einander drngen und zweien Meeren, dem atlantischen wie dem
stillen Ocean die schumenden Quellen zusenden; weit von daher, wo er
sich seine rauhe Bahn durch die entsetzlichsten Felsmassen bricht, die
er entweder mit starkem Arm zerreit, oder sich im tollkhnen Satz
hinberschwingt, um nachher, wie ob des gelungenen Wagestcks, meilenlang
weiter zu tanzen und zu sprudeln, -- kommt der gewaltige Missouri herab,
der schmutzige Strom, wie ihn der Indianer des Raubes wegen nennt, den
er an seinem eigenen Ufer vollfhrt, oder der brllende Strom (=roaring
river=), wie ihn erstaunt der Weie taufte, als er da zuerst sein Bett
erblickte, wo er Fall nach Fall, dem verfolgten Panther gleich, aus den
Gebirgsschluchten sprang, und erst dort still und geruschlos seine Bahn
vollendete, als er das schtzende Dickicht der Niederung erreicht hatte und
nun zwischen den riesigen Stmmen des Urwaldes hin, dem starken Bruder, dem
Mississippi, in die Arme glitt.

Dort nun, wo in dem Schatten der Eichen und Hickorys der wilde Wein
seine mchtigen Ranken von Zweig zu Zweig schlang und in zhen Armen die
stattlichen Bume verband, whrend mit zwar prunkenderem Aeueren, mit
bunter schimmernden Blthen und saftigeren Blttern, andere Schlingpflanzen
ebenfalls hinaufstrebten zu den starken Aesten und sich ihnen liebend
anzuschmiegen schienen, inde doch Gift in ihren Adern flo und sie nur
Macht zu bekommen suchten, das wackere Holz fest, fest zu umklammern und
ihm Licht und Luft zu rauben, da es endlich in ihrem Griff erstickte,
verdorrte, -- dort, in dem fast noch unentweihten Heiligthume, stand ein
kleines, roh aufgebautes Blockhaus mit breitmchtigem, aus Lehm errichteten
Kamine, die Nordseite dicht an den dunkeln Wald geschmiegt, dessen
ungeheuere Wipfel hoch ber das niedere Dach emporragten, an den
drei anderen Seiten aber durch ein wahres Chaos gefllter Bume, hoch
aufgestapelten Busch- oder Oberholzes, abgeschlagener Stmme und
knorriger, sich weit umher spreizender Aeste im wahren Sinne des Wortes
verbarrikadirt.

Der Eigenthmer dieses Platzes mute augenscheinlich erst seit kurzer Zeit
hierher gezogen sein und die Urbarmachung des Bodens begonnen haben, was
auch noch berdie ein dicht am Hause stehender, mit Leinwand bespannter
Wagen bewies, der wohl, nebst einem nicht sehr weit von ihm entfernten
Karren, smmtliche Habseligkeiten des Farmers in dessen neue Waldheimath
eingefhrt hatte.

Die Sonne schimmerte eben noch mit ihrem rothen Gluthenlicht durch die
Wipfel der Bume, als sich ein Reiter, auf kleinem indianischen Poney,
einem schmalen Kuhpfad folgend, dem Platze nherte und endlich gerade
da die Lichtung erreichte, wo Stmme und Aeste am tollsten umhergestreut
lagen. Wenige Secunden hielt er auch wirklich sein schnaubendes Pferd an,
und schien sich in den Steigbgeln hoch emporrichtend, nach irgend einer
Oeffnung zu suchen, durch die er in diese Holzmasse eindringen und das
Haus erreichen knnte. Der Wunsch mochte aber wohl unerfllt bleiben; denn,
einen leisen Fluch ausstoend, prete er seinem Thier den einen bespornten
Haken in die Flanke und setzte ber die ersten, ihm den Weg versperrenden
Kltze hinweg.

Das kleine muntere Pferd sah auch bald was sein Herr eigentlich
beabsichtige, und daran gewhnt Hindernisse zu beseitigen, die bei
fortwhrendem Reiten im Walde fast stndlich vorkommen, wand es sich mit
wirklich bewundernswerther Geschicklichkeit immer nher und nher dem
Hause zu, hier einen Stamm berspringend, dort vorsichtig durch wild umher
gestreute und zersplitterte Aeste dahinschreitend, bis es sich pltzlich,
nach einem besonders khnen Satz ber, oder vielmehr _durch_ den Wipfel
einer gefllten Eiche, so von allen Seiten eingezwngt und von wirklich
unbersteiglichen Hindernissen umgeben sah, da es ruhig stehen blieb und,
in der festen Ueberzeugung sein Aeuerstes gethan zu haben, ganz geduldig
erwartete was jetzt der Reiter beschlieen wrde, der doch eigentlich auch
bei der Sache interessirt war.

Dieser aber blickte vergebens nach einem Ausweg umher und that endlich das,
was er von allem Anfang an htte thun sollen, er rief das Haus an, und zwar
mit einem krftigen, weit hinausschallenden Halloh!, was augenblicklich
im ohrzerreienden Chor von zehn bis zwlf Rden bellend und heulend
beantwortet wurde.

Gleich darauf ffnete sich die Breterthre, auf deren Schwelle eine
schlanke, schon etwas ltliche Matrone erschien, die rings nach dem
Rufenden, freilich vergeblich, umherschaute, whrend jetzt die durch den
Anblick der Herrin immer noch mehr gereizten Hunde einen so frchterlichen
Lrm erhoben, da er fr kurze Zeit jeden andern Laut vollkommen
bertubte.

Ruhig, Muse, ruhig, nieder mit dir, Watch, willst du still sein, Deik;
Hunde, ihr bringt Einen noch zur Verzweiflung, ruhig da, hrt ihr denn
nicht! rief die Frau, die Meute beschwichtigend, die sich denn auch
endlich zufrieden geben wollte, als ein zweites =Halloh the house!= ihren
Grimm aufs Neue erregte, der jetzt gar keine Grenzen mehr zu kennen schien.

Die Geduld der guten Frau mochte nun aber auch wohl ihr Ende erreicht
haben; denn einen zum Trinkbecher ausgeschnittenen groen Flaschenkrbi
ergreifend, der in dem vollen, auf einem Gesims vor der Thre stehenden
Eimer schwamm, go sie die klare, kalte Fluth ber die Tobenden aus, die
nun heulend und klffend auseinander stoben.

Zum dritten Mal rief jetzt, diesen Augenblick der Ruhe benutzend, die
Stimme ihr immer ungeduldiger werdendes Halloh! herber, und nun erst
ward die Matrone den Reiter gewahr, dessen Kopf nur wenig ber das ihn
umgebende Buschwerk hervorragte.

Mr. Hennigs, sind Sie das? rief sie lachend, als sie die Lage des jungen
Mannes errieth, wie, um Christi willen, haben Sie sich denn da hinein
verloren?

Verloren? rief dieser in komischer Verzweiflung, ich mchte wirklich
wissen, wie ich mich hier verlieren sollte; ich sitze so fest, wie der Wolf
in der Falle. Wo zum Henker ist denn der Eingang zu Ihrem Haus? ich bin
hier zwar auf dem Fuweg, er scheint aber nicht sehr begangen.

Sie htten um die Lichtung herum, durch den Wald reiten mssen,
entgegnete die Frau, mein Mann hat hier Bume gefllt.

Ja, das lt sich nicht lugnen, lachte der Reiter, die Beweise liegen
zur Hand.

Bleiben Sie nur da halten, Mr. Hennigs, rief jetzt eine kichernde
Mdchenstimme hinter der alten Dame vor, und dicht neben ihr lieen sich in
diesem Augenblick zwei allerliebste Kpfchen sehen, die neugierig die Lage
des jungen Mannes ersphen wollten, bleiben Sie nur da halten; Vater hat
gesagt, da er im Lauf der nchsten Woche das ganze Holz wegrumen will,
und dann wird der Fuweg wieder frei.

Danke, Sally, danke! rief Hennigs lachend, die Zeit mchte mir aber doch
lang werden, wenn ich Ihre liebe Stimme immer so ganz in der Nhe hren
mte und nicht hinber knnte. Nein, mag mein Poney sehen, wie es allein
heraus kommt; ich will's ihm leichter machen! Und damit sprang er vom
Pferd, schnallte Sattel und Zaum ab, hing sich beides ber die Schulter
und kletterte nun, wenn auch nicht ohne bedeutende Anstrengung, dem kaum
sechzig Schritt entfernten Hause zu.

Das Poney blieb im Anfang, als es sich so von seinem Herrn verlassen sah,
ruhig stehen, und spitzte nur sehr bedeutend die kleinen Ohren; als es
jedoch fand wie sich die Sache eigentlich verhielt, und den Trog witterte,
an dem es gefttert zu werden hoffte, warf es den Kopf in die Hhe,
wieherte ein paar Mal hell auf, und flog dann, jetzt durch keine Last
mehr zurckgehalten, mit khnen Stzen ber Stamm und Busch hinweg, bis es
schnaubend und mit den Hinterbeinen wild nach den hier auf es einstrmenden
Hunden schlagend, vor der Thre der Htte hielt, und dort seinen jetzt
ebenfalls herankeuchenden Herrn freudig begrte.

Dieser aber warf Sattel und Zaum nieder, sprang schnell die aus ber
einander gelegten Kltzen bestehenden Stufen hinauf ins Haus und rief hier,
die Hnde der Frauen ergreifend und herzlich schttelnd:

Wie geht's, Mrs. Draper, wie geht's, Sally und Lucy, Ihre Hand, Alle wohl?
seh'n wenigstens Alle kerngesund aus; doch -- wo ist der Alte?

Vater ist noch drauen im Wald, er sucht die Pferde, entgegnete, nach
der kurzen Begrung, Sally, das jngste der beiden Mdchen, die etwa
siebenzehn und neunzehn Jahre zhlen mochten.

Haben Sie gar keine Spuren im Wald gesehen? frug die Matrone, whrend sie
ihr groes Baumwollenspinnrad in die Ecke schob und die Kohlen im Kamine
mit dem langen Schrstecken zu neuer Glut aufschttelte.

Sie mssen heute Morgen aus den Hgeln herunter gekommen sein, meinte
Hennigs, am Bach wenigstens waren die Fhrten, und wenn ich nicht irre, so
habe ich auch gleich oben ber dem Kreuzweg die Schelle gehrt.

Ah, dann findet sie Vater gewi nicht, rief Sally bedauernd aus, er
wollte an Potters Creek hinauf und von da an links in das Thal hinber
suchen.

Nein, er ist wohl schon auf den Spuren, entgegnete der junge Mann; denn
im weichen Quellboden sah ich deutlich die Abdrcke eines Schuhes.

Vater trgt heute seine Mocassins, sagte Lucy, das mu Jemand Anderes
gewesen sein.

Dann allerdings; aber wer will denn die Pferde brauchen? ist ein Tanz
irgendwo? es scheint Sie ja Alle ungemein zu interessiren, ob der Vater die
Pferde findet, oder nicht.

Tanz? pfui, Mr. Hennigs, ich dchte doch Sie wten, da wir nicht
tanzen, erwiederte ihm, etwas pikirt, die Matrone.

Ach, alle Wetter ja, ich habe davon gehrt, Sie htten sich der Kirche
angeschlossen und wren religis geworden; Vater auch?

Noch nicht, entgegnete, mit einem tiefheraufgeholten Seufzer, Mrs.
Draper, wir wollen aber morgen frh zur Campmeeting, und davon hoffe ich
das Beste: der liebe Gott wird ihn ja wohl erleuchten, da er den rechten
Weg findet.

Das wird er, das wird er, Mrs. Draper, ob aber auf solche Art, bezweifle
ich fast; der alte Herr trinkt gern sein Glschen, und wenn ihm einmal
etwas in die Quere kommt, ih nun, dann flucht er auch wohl ein Bischen, und
ich glaube kaum, da er sich das so leicht abgewhnen wird. Wozu braucht er
aber auch wirklich zu einer Kirche zu gehren? 'sist so ein herzensguter
alter Mann, wie nur je Einer seine Sohlen in den Missouri-Bottom drckte,
er thut ja keinem Menschen etwas zu Leide.

Wir sind Alle Snder, Mr. Hennigs, sagte die alte Dame sehr ernst, und
mein armer Mann besonders, er schwrt und flucht, geniet geistige Getrnke
und hat neulich den reisenden Prediger, der bei uns bernachtete und die
Gebete las, einen Hypokryten genannt, ja sogar gelogen, als er whrend des
Gebetes aufstand und, Nasenbluten vorschtzend, das Haus schnell verlie;
ich habe spter das Tuch untersucht, es war nicht ein einziger Blutfleck
darin, und der arme Fremde wartete eine volle halbe Stunde mit dem Gebet,
ehe er fortfuhr, damit der bse Mensch keinen Vers des heiligen Wortes
versumte.

Hennigs lachte laut auf.

Der arme Draper; also half ihm seine kleine Nothlge nicht einmal?

Kleine Nothlge, Mr. Hennigs? sagte die Matrone mit grerer Strenge, als
sie es sonst wohl gewohnt war, Sie reden da recht bse, recht unendlich
bse Worte; abgesehen davon, da der Augenblick, wo er sich mit seinem
Gott beschftigen sollte, keine Nothlge zulie, so giebt es gar keine
Nothlgen; es darf Nichts in der Welt einen frommen Menschen zu einer Lge
bewegen, nicht einmal die Noth; denn das Herz, was nicht wahr und treu ist,
kann dem Herrn kein wohlgeflliges Opfer bringen.

Aber beste Mrs. Draper, entgegnete ihr Hennigs, Sie werden mir doch
gewi zugeben, da es Flle im menschlichen Leben giebt, wo eine Nothlge
nicht allein keine Snde, sondern sogar gut und--

Nein, das gebe ich Ihnen _nicht_ zu, unterbrach ihn die Matrone schnell,
das kann ich Ihnen nicht zugeben, und schon ein solcher Gedanke ist
Unrecht.

Wenn aber nun zum Beispiel Ihr Mann, oder eines von Ihren Kindern recht
lebensgefhrlich krank wre, demonstrirte Hennigs, und wenn Sie
nun wten, da jede Aufregung fr sie oder ihn die traurigsten,
nachtheiligsten Folgen haben knnte, wrden Sie da nicht, wenn nun etwa ein
lieber Freund des Kranken eben gestorben wre und er darnach frge, ihm den
Todesfall verheimlichen? wrden Sie da nicht lieber zu einer Nothlge Ihre
Zuflucht nehmen, ehe Sie das Ihnen theure Leben aufs Spiel setzten?

Mr. Hennigs, Sie bauen da eine ganze Menge von Voraussetzungen zusammen,
um nur eine, Ihren Ansichten gnstige Antwort zu hren. Das sind die
Fallstricke, die uns der Teufel legt, um uns irre zu fhren in dem, was
recht und gut ist, und reichen wir ihm dann einen kleinen Finger, so hat
er bald die ganze Hand und mit ihr die Seele des ihm Verfallenen. Draper
nannte auch den frommen Mann einen Hypokryten.

Hm, ja, Mrs. Draper; aber Draper sagte mir, er htte an dem Gebet volle
sieben Viertelstunden gelesen, das ist doch ein Bischen stark.

Es war sehr erbaulich, und er gedachte aller unserer Snden, da mute es
schon lange werden, erwiederte die Frau.

Wollen Sie nicht mit uns zur Campmeeting gehen, Mr. Hennigs? frug jetzt
Sally den jungen Mann, und sah ihn bittend mit ihren groen dunkeln Augen
an.

Gewi, gewi! rief dieser schnell. In so angenehmer Gesellschaft fhr
ich selbst mit zur -- Campmeeting, verbesserte er noch zur rechten Zeit,
da ihm schon ein sehr sndhaftes Wort auf den Lippen schwebte, aber
wahrhaftig, sagte er, jetzt sich in dem kleinen Raume umschauend, Draper
mu ver-- mu ungemein fleiig gewesen sein; er hat sich in den vier
Wochen, die er hier ist, schon wirklich ganz behaglich eingerichtet; das
Dach kann ja kaum vierzehn Tage liegen.

Mr. Draper ist auch in der That sehr fleiig gewesen, erwiederte die
Matrone, wie lange wird's aber dauern, da packt ihn die leidige Wanderlust
wieder an, und Knall und Fall verkauft er fr wenige Dollar das, was
ihm jahrelange Arbeit gekostet hatte, und zieht westlich, immer weiter
westlich, und immer tiefer in den Wald zwischen wilde Menschen und Thiere
hinein.

Nun, viel weiter westlich kann er jetzt nicht mehr gehen, meinte Sally
ganz ernsthaft, indem sie dem Gast einen Stuhl zum Feuer rckte; Vater hat
ja selbst gesagt, er wre nun nicht mehr weit vom indianischen Gebiet,
und in dem drfen sich keine weien Leute ansiedeln. Ueberdie, fuhr sie
schelmisch lchelnd fort, ist ja Mr. Hennigs ebenfalls hier in den Wald
gezogen, und da mu die Gegend doch wirklich Vorzge besitzen, die man ihr
auf den ersten Anblick hin gar nicht zutrauen mchte.

Lucy wandte sich ab und setzte ihre Arbeit an dem groen
Baumwollenspinnrade fort.

Das Wandern mssen Sie uns schon zu Gute halten, erwiederte Hennigs, der
ebenfalls Sally's Anspielung vermeiden zu wollen schien und jetzt in aller
Verlegenheit mit seinem Taschenmesser an dem Stuhle herumschnitt, auf
dem er sa. Dafr sind wir ja eben Pionniere oder Squatter, wie uns der
Ost-Amerikaner nennt. Amerika braucht aber gerade solche Leute, die weder
wilde Thiere noch wilde Menschen frchten, sondern keck hineinziehen mitten
in ihr Bereich, und der Natur den Boden abtrotzen, der ihnen und ihrem
Flei, nach Aussage aller klugen Leute, nun doch einmal gehrt.

Ja, ja, das ist schon Alles recht schn und gut, meinte Mrs. Draper,
aber lieber wre ich denn doch in Illinois geblieben.

Was, in Illinois? in den ungesunden drren Steppen? zwischen
Prairie-Hhnern und Prairie-Wlfen, und in der Gesellschaft der wirklich
weltberhmten Corncrackers![3] rief Hennigs erstaunt aus: nein, da lobe
ich mir das Kraftland unserer Niederung, das ist nicht todt zu machen, und
wollen wir wirklich Prairien haben, nun, dann finden wir sie westlich von
hier, schner und herrlicher, wie sie der ganze Osten mit all seinen so
hochgepriesenen Vortheilen aufweisen kann.

  [3]: Spottname fr die Bewohner von Illinois.

Das mag wahr sein, entgegnete ihm Mrs. Draper; aber Illinois ist doch
kein Sclavenstaat, und, mag die Land so schn und gut sein, wie es will,
es ist mir frchterlich auch nur mit Menschen zusammenleben zu mssen, die
ihre Brder und Schwestern wie das Schlachtvieh verkaufen.

Ach Gott, ja, Madame, es mag viel Wahres daran sein, meinte Hennigs
kopfschttelnd, manchmal, wenn ich so recht allein darber nachdenke,
kommt's mir auch fast so vor, als ob es nicht ganz recht wre, da wir die
Neger feilbieten und ebenso fr sie, wie fr andere Waaren, den mglichst
hchsten Preis zu erhalten suchen. Fr Snde kann's aber doch auch nicht
gelten; denn unsere Vter und Grovter haben's gethan, das Gesetz hat den
Sclavenhandel geheiligt und die Bibel selbst scheint die Sache als etwas
sehr Natrliches zu betrachten, wenigstens habe ich neulich einmal mit dem
presbyterianischen Geistlichen, der auch Sclaven hlt, darber gesprochen
und der behauptet, Gott selbst habe das so eingesetzt, da die heidnischen
Vlker den Christen dienen mten; das klingt auch eigentlich vernnftig
genug.

Ich wei es, ich wei es, sagte Mrs. Draper, sie vertheidigen die
Sclaverei, selbst aus der heiligen Schrift, aber nur Gott kann erkennen
ob sie daran Recht thun; ich mchte nicht ein voreilig Urtheil fllen. Wir
Frauen fhlen uns aber auch vielleicht weit nher darin berhrt als die
Mnner; mir thut's ja schon in der Seele weh, wenn ich ein junges Huhn
geschlachtet habe, und sehe nun, wie die alte Henne gluckend den ganzen
Raum, den sie sonst zu begehen pflegt, durchluft und das Verlorene sucht;
wie vielmehr mu ich Mitgefhl mit einer Mutter haben, der fremde Menschen
das Kind aus den Armen reien, um es fr wenige Dollar zu verkaufen,
whrend sie selbst gern das eigene Herzblut dafr hingbe, und doch zu arm
ist es zu bezahlen. -- Ich wollte, wir wren in einem Freistaat geblieben.

Nun, hier in Missouri wird die Sclaverei noch nicht so arg getrieben,
sagte Hennigs, im Sden mag's freilich schlimmer sein; hier hren wir auch
ganz selten von entflohenen Negern, und das, sollte ich denken, wre ein
ziemlich gnstiges Zeichen. Wo ein Freistaat so nahe ist und die Sclaven
trotzdem bei ihrem Herrn bleiben, da kann auch ihr Loos noch kein
entsetzliches sein.

Und wie sollten sie denn entfliehen knnen? frug Mrs. Draper, mu denn
nicht ein Neger, wenn er nur selbst auf eine andere Farm oder Plantage
hinbergeht, einen Pa haben, ohne den er von jedem weien Mann
festgenommen werden kann? und liefert nicht selbst dann, wenn der flchtige
Neger den Freistaat wirklich erreicht hat, dieser, zur Schande der
Vereinigten Staaten, den festgenommenen Sclaven an seinen Herrn aus? Wie
also soll ein solcher armer Mensch denn entkommen, wenn er Niemanden wei
an den er sich wenden kann, wenn er Niemanden hat, der ihn untersttzt und
ihm forthilft, und wer das thut -- hat Zuchthausstrafe zu erwarten.

Das Ausliefern mu aber sein, fiel ihr hier Hennigs in die Rede, wie
knnten denn die Vereinigten Staaten einig neben einander bestehen, wenn
sie einander ihr Eigenthum vorenthalten wollten; das gbe ja zu endlosen
Streitigkeiten Anla, und mte nach und nach zu Ha und Zwietracht fhren.
Nein, es ist allerdings schlimm, da wir die Sclaverei haben, und ich
selbst wollte Gott danken, wenn es ein Mittel gbe ihrer los und ledig zu
werden, und alle von Negern Abstammende wieder ber die See zurck in ihre
Heimath senden knnten, wie ja der Anfang dazu auch mit Liberia gemacht
ist; da aber die klgsten Leute im Lande sich schon seit langen Jahren
vergebens die Kpfe zerbrochen haben, wie Dem am Besten abzuhelfen wre, so
wird unser Einer doch auch nicht dagegen ankmpfen sollen. Das Bestehende,
wie es nun einmal besteht, mu der Einzelne ehren.

Lucy hatte indessen aus einer Spalte ber dem Kamine ein zusammengefaltetes
Zeitungsblatt herausgenommen, schlug es jetzt aus einander und hielt es dem
jungen Mann entgegen.

Sie behaupten, es entflhen hier in Missouri keine Neger ihren Herren?
sagte sie mit leisem Vorwurf im Tone, da -- berzeugen Sie sich selbst;
hier stehen Drei angegeben, und vor jedem ein kleines Bildchen: ein armer
Neger mit seinem Pckchen auf dem Rcken; der eine ist sogar von einem
unserer Nachbarn, aus dem nchsten County, von Squire Wallis.

Das spricht fr und wider mich, sagte Hennigs; wider mich, wegen
dem Entlaufen, fr mich, weil eben dieser Wallis auch Einer von Ihren
sogenannten frommen Leuten ist; er hat sogar schon gepredigt, und die
Presbyterianer halten ihn fr ein besonderes Licht, das dem Staate und
ihrer Kirche in diesem Manne aufgegangen sei. Gott bewahre uns vor solcher
Beleuchtung!

Behandelt Mr. Wallis seine Sclaven wirklich so arg? frug die Matrone.

Dessen war Draper und ich neulich Zeuge, erwiederte ihr Hennigs; wir
ritten gerade vorbei, als er einen seiner jungen Neger an einen Baum
gebunden hatte und ruhig daneben seine Pfeife rauchte; dann und wann nur,
wie um sich eine kleine Bewegung zu machen, stand er auf und peitschte
den Unglcklichen hchsteigenhndig, da ihm das klare Blut an dem Rcken
hinunter lief. Wir frugen ihn, was ihn zu einer so frchterlichen Strafe
veranlat habe, er behauptete aber, er thue das aus christlicher Milde, es
sei gegen seine Grundstze einen seiner Sclaven im Zorn zu strafen, und
da khle er sich in der Zwischenzeit immer erst ein wenig ab, um ruhig zu
bleiben und nicht hitzig zu werden.

Und das nennen Sie ein freies Land! rief die Matrone entrstet.

Und das nennen Sie einen frommen Christen! warf Hennigs dagegen ein; ist
Ihnen da nicht Ihr Mann mit all seinen kleinen Fehlern und Eigenheiten,
meinetwegen Schwchen, zehntausendmal lieber, selbst wenn er dann und wann
das untere Ende des Whiskeykruges hher hebt, als das obere, und seinem
Herzen mit etwas rauh klingenden, aber keineswegs bsgemeinten Worten Luft
macht?

Aber das viele gotteslsterliche Fluchen knnte er doch lassen, sagte
Mrs. Draper, freilich schon um Vieles milder gestimmt.

Ja, und Sie auch, Sir, lachte Sally, Lucy hat schon oft gesagt, Sie
wren ein ganz guter Mensch, wenn Sie nur nicht immer--

Sally! rief Lucy, wie kannst Du nur--

Ein pltzliches Anschlagen der Hunde unterbrach hier jede weitere Rede,
und gleich darauf trat auch, die Mtze fest in die Stirne gedrckt und die
Bchse in der Hand, die er, ohne sich weiter umzusehen, auf die ber der
Thr eingeschlagenen Pflcke legte, Draper ein.

Da bin ich wieder, sagte er, und drehte sich in diesem Augenblicke nach
den Seinen um, sein Antlitz war aber auffallend bleich, sein ganzes Wesen
schien erregt, und er fuhr merklich zusammen, als er einen Fremden an
seinem Kamin erblickte, fate sich jedoch augenblicklich und streckte dem
schnell erkannten Freunde die Rechte entgegen.

Und ohne die Pferde? frug Hennigs, der die dargebotene Hand derb
schttelte, mit leeren Zgeln? Die Damen hier scheinen deren Ankunft fest
erwartet zu haben.

Dann mssen die Damen noch etwas Geduld haben, lchelte der Alte, und
nahm die Mtze ab, die er oben auf eine Ecke des Kaminsimses legte. Dabei
schienen aber seine Gedanken wieder weit hinweg zu schweifen, und er
starrte, die Hand noch immer oben an dem Brett, wohl mehrere Minuten lang,
wie in tiefem Nachdenken versunken, auf die im Kamine glimmenden Kohlen
nieder.

Mr. Hennigs hat die Fhrten im Potters Creek gesehen, Vater, brach
endlich Sally das Schweigen, sie mssen nach der Niederung hinunter sein,
und da, weit Du wohl, wenn sie erst in den Schilfbruch kommen, findest Du
sie immer nicht gleich wieder. Am Ende versumen wir morgen den Anfang der
Campmeeting.

Das wre freilich entsetzlich, lchelte der Alte, der jetzt seine volle
Ruhe wieder erlangt hatte und sich behaglich auf dem fr ihn hingeschobenen
Stuhl niederlie, und dann knntest Du und Lucy auch nicht eure neuen
Kleider und Bonnets zeigen, und Mutter mte das schne Umknpftuch noch
ganze vierzehn Tage lnger in der Kiste liegen lassen.

Aber, Mann! unterbrach ihn vorwurfsvoll Mrs. Draper, willst Du denn
behaupten, da wir solcher sndlichen Eitelkeit wegen zu der Versammlung
reiten? Habe ich Dir dazu schon je Ursache gegeben?

Vater ist berhaupt heute so sonderbar? sagte Sally pltzlich, indem sie
auf ihn zuging und ihm scharf ins Auge schaute, es fiel mir gleich auf wie
er hereintrat; ich wei nicht--

Aber ich wei, was Jungfer Nasewei zu thun hat, sagte der Alte, und
ergriff sie lchelnd beim Kinn; drauen steht Mr. Hennigs Poney und
wiehert nun schon, so lange ich im Hause bin, ganz ungeduldig um den
versteckten Mais herum. Geh, und gieb ihm ein halbes Dutzend Kolben, und
dann wollen wir das Pferd aushobbeln,[4] es mag sich hier herum sein Futter
selbst suchen. Du mut ihm aber vorher die kleine Glocke umschnallen, sie
hngt hinten an der Hausecke.

  [4]: Aus_hobbeln_ nennt der Amerikaner das Zusammenbinden der
  Vorderbeine des Pferdes, damit sich dieses zwar langsam von der Stelle
  bewegen kann, sein Futter zu suchen, aber doch nicht im Stande ist
  fortzulaufen.

Sally sprang singend hinaus, den erhaltenen Auftrag zu erfllen, Draper
aber ging zu seiner Frau hin, strich ihr schmeichelnd die nur noch halb
schmollend weggedrehte Wange und sagte gutmthig:

Bist nicht bse, Alte, weit schon, wie's gemeint ist; ein Bischen eitel
seid ihr aber Alle, wenn ihr's auch nicht wollt merken lassen; denn in
ihrem Alltagskleid ginge keine von euch zur Campmeeting, so viel wei ich.

Das wrde sich auch nicht schicken, Draper, das wrde sich auch nicht
schicken; wenn wir zu dem Herrn beten, mssen wir auch zeigen, da wir
etwas darauf halten, mit anstndigem Aeueren vor ihn zu treten.

Das wre dem lieben Gott, so wie ich ihn kenne, sehr egal, lachte Draper
gutmthig: doch, Du hast recht, Du meinst's ehrlich dabei, und bist auch
sonst brav und wacker; nur das scheinheilige Pack kann ich nicht leiden.
Aber, Hennigs, wo habt Ihr denn die Pferde gesehen?

Die Pferde nicht, nur die Spuren, erwiederte dieser, sie kamen aus den
Hgeln herunter und gingen, ber den Kreuzweg hinber, der Niederung zu;
wenn ich nicht ganz irre, habe ich sogar die Schelle gehrt, die der Fuchs
um hat.

Ja, die schellt am weitesten, 'sist wohl mglich; nun, dann finde ich
sie heute Abend an der Buffalolick, dorthin gehen sie gewhnlich, wenn sie
berhaupt die Richtung einschlagen.

Ich sah auch dort oben die Spuren eines Mannes, fuhr Hennigs fort,
und glaubte erst, als ich hier hrte Ihr wret ausgegangen die Pferde zu
suchen, es seien die euren gewesen. Der die hinterlie trug aber Schuhe; es
wird wohl ein Jger gewesen sein.

Ja, ja, es wird wohl ein Jger gewesen sein, sagte der Alte, stand auf
und schritt dann ein paar Mal in der Stube auf und ab; ja, fuhr er dann
fort, ich habe sie auch gesehen, sie gingen nach Sden, den Ansiedelungen
zu; wahrscheinlich ein Jger; aber was ist das fr ein Zeitungsblatt?

Dasselbe, was der Sheriff heute Morgen hier herein gelegt hat, Vater,
erwiederte ihm Lucy, wir bltterten darin herum.

Nun, giebt es Neuigkeiten aus St.Louis? frug der Alte, und fuhr sich
mit der linken Hand ber die breite, offene Stirne, als ob er alle anderen
Gedanken daraus verscheuchen wollte; wie steht's mit der Wahl? was sagt
unser Demokrat da? hat Polk Aussichten?

Nun, Missouri lt ihn sicher nicht im Stich, lachte Hennigs. Das war's
aber nicht, wir haben uns nicht mit Politik beschftigt, sondern nur ber
eine Frage debattirt, die das gute Verstndni der sdlichen und nrdlichen
Staaten betraf -- ber die Sclaverei, und zur Erluterung derselben lasen
wir hier einige Anzeigen von entlaufenen Sclaven.

Von entlaufenen Sclaven? wo? zeigt her! rief Draper schnell und zwar mit
einem Interesse, das einem genauen Beobachter sicherlich htte auffallen
mssen; Hennigs aber, die Bewegung einzig und allein der Neugierde
zuschreibend, hielt ihm ruhig das Blatt hin und sagte:

Drei Stck -- Wallis hat auch wieder Einen hineinsetzen lassen.

Neunzehn Jahr alt, las Draper, schlank gewachsen, mit freier, hoher
Stirn und besonders wolligem Haar; Farbe: Ebenholzschwrze, Gre: fnf Fu
sieben Zoll -- das stimmt alles.

Was stimmt? frug Hennigs.

Was stimmt? ih nun, die -- o, ich kenne den Burschen, der wahrscheinlich
entlaufen ist, erwiederte Draper, und wandte sich, wie um besser lesen zu
knnen, mit der Zeitung ab, dem Lichte zu.

Ist es etwa der, den er vor kurzer Zeit so frchterlich mihandeln lie?
sagte Hennigs.

Derselbe, derselbe; sein Rcken ist noch jetzt blutig und zerfleischt, die
Narben hatten noch keine Zeit, wieder zu heilen, der arme Teufel konnte
Tag und Nacht kein Auge schlieen vor Schmerz und Qual und -- mute
dennoch arbeiten; Donnerwetter, Alte, wo ist denn eigentlich der Whiskey,
unterbrach er sich pltzlich und bog sich nieder, um unter den Fu des
Bettes zu sehen, wo die fragliche Steinkruke gewhnlich ihren Platz hatte,
ich bin trocken wie eine Ohio-Chaussee, ich staube ordentlich. Glaubt ihr,
man soll euch die Pferde suchen, und nachher nicht einmal einen Tropfen
trinken? Ich verdurste, wenn ich nicht bald etwas bekomme!

Vater hat wohl die Pferde gesucht, hat sie aber noch nicht gefunden,
sagte Sally, und schpfte dabei, als sie eben in die Thre trat, den
Flaschenkrbi voll des klaren Quellwassers, das in einem Eimer auf dem
dort angebrachten Regale stand.

Ist mein kleiner Kiek in die Welt auch schon wieder da? lachte der Alte.
Also, weil ich sie nicht gefunden habe, braucht' ich auch nicht trocken
im Halse geworden zu sein? und Wasser soll ich trinken? Wettermdchen das,
folgt der Alten aufs Haar. Nein, Kinder, einen Schluck Whiskey mu ich
vorher aufsetzen, aber la nur das Wasser hier, Sally, zum Nachtrinken
giebt's nichts Besseres auf der ganzen Welt.

Bester Mann, bat Mrs. Draper, ist nun das klare, liebe Himmelsgetrnk
nicht viel besser und zweckmiger, selbst den brennendsten Durst zu
lschen?

Liebe, beste Frau, entgegnete ihr Draper, whrend er von der ihm
gereichten Kruke den, aus dem holzigen innern Theil eines Maiskolben
bestehenden Stpsel abzog und dann etwas von dem goldklaren Inhalt in den
groen, vor ihm auf dem Tische stehenden Blechbecher ausgo, -- das Wasser
ist eben ein Himmelsgetrnk, wie Du ganz richtig bemerkst, fr uns
arme Sterbliche aber mssen wir etwas Feurigeres, Herz und Seele mehr
Zusammenhaltendes haben, und da hat denn der liebe Gott den Whiskey
erschaffen.

Den hat der Teufel erschaffen! rief Mrs. Draper lebhafter, als es sonst
gewhnlich ihre Art war, das ist des Teufels Erfindung.

So? in der That? -- dann bin ich dem Teufel wirklich mehr verbunden, als
ich bis jetzt habe glauben mgen; die Erfindung macht ihm alle Ehre, und
shnt mich theilweise wieder mit ihm aus, sagte der unverwstliche Draper
mit grter Ruhe, und leerte etwa die Hlfte des Inhalts, wornach er den
Rest an Hennigs hinber schob. Dieser aber zgerte, ihn anzunehmen, und
blickte sich halb unschlssig nach Lucy um.

Lucy sieht nicht her! neckte ihn Sally, der des jungen Mannes
Verlegenheit keineswegs entgangen war, Sie knnen's riskiren.

Lat Euch durch die Frauen nicht irre machen, Hennigs, ermahnte ihn der
Alte, wenn ich denen glauben wollte, dann wre das gute Getrnk hier
vor uns ein Haken, und meine Kehle ein Arm, die mich selbander und mit
vereinten Krften in den Pfuhl der Hlle hineinrissen; so hat's ihnen
wenigstens neulich der Presbyterianer erklrt.

Du bist ein bser Mann, Draper, und drehst Einem immer die Worte im Munde
herum, sagte die Matrone, reichte aber dem Gatten dabei freundlich die
Hand hinber: Du weit ja doch recht gut, wie ich's meine, und da es
nur immer Deines eigenen Besten wegen ist, wenn ich ein Wort einwerfe ber
Dein--

Trinken und Fluchen! fiel ihr Draper ins Wort; ja, ja, ich wei schon,
wovon die Rede ist; brigens habe ich heute noch nicht ein einziges Mal
geflucht, und was den Trunk betrifft, den ich selten genug zu meiner
Erholung thue, so bin ich allerdings davon berzeugt, da Du ihn mir nicht
mignnst, da ist aber der gottverdammte--

Sally's kleine Hand lag auf seinen Lippen, und er zog sie gutmthig
lchelnd herunter und drckte einen herzlichen Ku auf den kleinen
gespitzten Rosenmund des lieben Kindes.

Nun, schon gut, schon gut, Sally, sagte er dann, 'bist mein gutes
Mdchen; jetzt seht aber nach euren Khen -- ach, ja so, es ist erst eine
da; nun, schad't nichts, besorgt die nur, ehe es dunkel wird, es sollen
schon mehrere nachkommen, und nachher zndet auch die Lampe an, oder habt
ihr die Lichter schon gegossen?

Ja, Vater, die letzten drei Hirsche, die Du geschossen hast, hatten gar
viel Talg bei sich, und aus den Bienenbumen, die hier Mr. Hennigs fr
uns umgehauen, ist auch ein recht schnes Stckchen Wachs gekommen, -- die
Lichter sind fertig.

Brav, Kinder, dann macht alles bereit, Hennigs und ich, wir wollen
indessen noch einmal nach der Buffalolick hinber gehen und die Pferde
holen; vielleicht finden wir auch unterwegs irgendwo ein Volk Truthhner
aufgebumt, ich will auf jeden Fall den Rifle mitnehmen.

Und der alte Mann hob die schwere Bchse von der Wand herunter, hing sich
die kaum abgelegte Kugeltasche wieder um, setzte die Mtze auf und wollte
eben mit seinem jungen Freunde das Haus verlassen, als er pltzlich
zurckprallte und erbleichend ausrief: Tod und Teufel!

Erschreckt sprangen seine Frau und Tchter hinzu, sie sollten aber ber
das, was den Vater so berrascht hatte, nicht lange in Zweifel bleiben; ein
junger Neger mit bloem Kopf und nur einer dnnen Leinwandjacke und eben
solchen Hosen bekleidet, die nackten Fe in groben, rindsledernen
Schuhen, das schwarze Antlitz eingefallen und verzerrt von Todesfurcht und
bermiger Anstrengung vielleicht, sprang auf die Schwelle, warf einen
scheuen, wilden Blick ber die ihn jetzt Umstehenden, und brach dann, die
Kniee des alten Mannes krampfhaft umklammernd, vor diesem halbohnmchtig
zusammen.

Ben, Ben, um Gottes Willen, was soll das heien? rief Draper und sah
ngstlich nach Hennigs hinber, der ganz berrascht dastand und gar nicht
wute, wie er sich diese merkwrdige Scene deuten solle.

Rettet mich, Herr, rettet mich, wenn Ihr nicht wollt, da sie mich bei
lebendigem Leibe verbrennen, wie sie's dem armen Nigger in St.Louis gethan
haben, rettet mich um des Heilands Willen, sie sind dicht hinter mir!

Er blickte flehend zu ihm empor, und Hennigs konnte jetzt zum ersten Mal
seine Zge erkennen. Kaum hatte er ihn aber einen Moment scharf in's
Auge gefat, als er vorsprang, den Knieenden bei der Schulter ergriff und
ausrief:

Alle Wetter, das ist Wallis entlaufener Neger, halt, Bursche, wo kommst Du
her und wo willst Du hin?

Der unglckliche Ben warf einen flehenden Blick auf den alten Mann und sank
dann, seine Kniee loslassend, ohnmchtig zu Boden.

Der Bursche hat wahrscheinlich nicht mehr weiter gekonnt! sagte Hennigs,
als er ihn umwandte und fhlte, wie der arme Teufel regunglos in seinen
Armen lag, nun, ein Bischen kalt Wasser wird ihn schon wieder zu sich
selbst bringen. Sie werden ihn aber hier behalten mssen, bis wir Wallis
davon benachrichtigen knnen. Der wird nicht wenig froh sein, da er seinen
Neger wieder hat.

Sie werden ihn doch nicht ausliefern? rief Lucy entsetzt.

Nicht ausliefern, Mi Lucy? -- wir sollen doch wohl nicht etwa gar
einem Nigger zum Fortlaufen behlflich sein und nachher das Vergngen im
Zuchthaus ben?

Man will ihn lebendig verbrennen! rief Sally und faltete in Todesangst
die kleinen weien Hndchen auf der klopfenden Brust.

O bewahre Gott, lchelte Hennigs, das wre ja wider des Herrn eigenen
Vortheil, einen seiner Sclaven umzubringen; nein, Sally, der kommt mit
einer Tracht Schlge davon, und die hat der Schlingel auch eigentlich
verdient, warum luft er fort; er wei, da er doch am Ende wieder gefangen
wird.

Draper bog sich schweigend zu dem Unglcklichen nieder und wies auf seinen
Rcken, die Dmmerung brach schon stark herein, aber deutlich konnten sie
noch erkennen, wie rothes Blut durch die dnne Leinwandjacke gedrungen war,
und diese in langen, theils erhrteten, theils noch frischen Streifen an
dem Rcken des Unglcklichen festgeleimt hatte.

Die Frauen stieen einen Schrei der Angst und des Entsetzens aus, und
selbst Hennigs wandte sich schaudernd ab.

Der arme Teufel! brummte er vor sich hin.

Draper brach endlich das Schweigen und sagte mit hohler, fast tonloser
Stimme, indem er den Neger noch immer mit seinem Arm untersttzte:

Der Knabe hier rettete mir vor drei Wochen das Leben; ich badete im Strom,
und nur seiner Dazwischenkunft verdanke ich es, da ich das steile
schroffe Ufer, zu dem mich die zu starke Strmung hingerissen hatte, wieder
erklimmen konnte. Heute traf ich ihn flchtig im Wald, und obgleich ich
wute, da es ein entflohener Sclave sei, lie ich ihn ungehindert ziehen.
-- Ich wandte mich ab und wollte nicht sehen, wohin er floh. Jetzt fhrt,
Gott wei nur welches Schicksal, den Unglckseligen in meine Htte, und mir
bleiben einzig und allein zwei Auswege offen: entweder ich verrathe meinen
Lebensretter und berliefere ihn seinen Henkern, oder ich setze mich der
Gefahr aus, angeklagt zu werden einem Neger, einem Sclaven, zur Flucht
behlflich gewesen zu sein, -- das Zuchthaus ist dann meine Strafe.

Hier ist, denk' ich, ein Ausweg mglich, sagte Hennigs, Wallis wei, da
ihm ein Arbeiter nur dann von Nutzen sein kann, wenn er gesund und
krftig ist; auf Euer Wort giebt er berdies etwas, und wenn Ihr zu ihm
hinberreitet und ihm sagt, da Ihr ihm seinen Neger gegen das Versprechen
wieder verschaffen wollt, da er den schon so arg Gemihandelten nicht noch
mehr zchtige, so glaub' ich, wird er schon ein vernnftiges Wort mit sich
reden lassen und kein Unmensch sein. Zum Henker noch einmal, er gehrt ja
doch auch mit zur Kirche, und da darf er ja schon des Aufsehens wegen nicht
den Tyrannen spielen.

Er schlgt die Augen auf, sagte Mrs. Draper, die ihm indessen Stirn und
Schlfe mit Essig eingerieben hatte, er kommt wieder zu sich, groer Gott,
wie weh dem armen Menschen ums Herz sein mu; Vater, wenn nun unser Sohn,
der sich jetzt in Texas oder Mexico herumtreibt, so unter fremden Menschen
lge, wie wolltest Du, da ihm da geschhe?

Ich glaube wirklich nicht, da ihm viel Gefahr droht, Mrs. Draper, nahm
Hennigs noch einmal das Wort; wenn Sie es wnschen, so will ich selbst
mit Draper hinber reiten, um Wallis zur Milde zu stimmen, aber ausliefern
mssen wir ihn, das verlangt nicht allein das Gesetz, sondern auch unsere
eigene Sicherheit. Es ist ja denn doch auch nur ein Neger, und ich
sehe nicht ein, wehalb sich zwei Weie seinetwegen in so entsetzliche
Unannehmlichkeiten strzen sollten, wie daraus entstehen knnten.

Es ist _nur_ ein Neger, Mr. Hennigs, sagte Sally mit bitterem Vorwurf im
Ton, das klingt, aufrichtig gesprochen, recht garstig von Ihnen. Vater war
in seinen Augen auch _nur_ ein Weier, und er hat ihn doch aus dem Wasser
gezogen. Das wei ich, wenn Sie den armen Menschen wieder auslieferten,
und ich wre Lucy, ich sprche in meinem ganzen Leben kein Sterbenswrtchen
mehr mit Ihnen.

Sein Sie barmherzig! flehte auch Lucy jetzt, und sah bittend zu dem
jungen Mann auf, der sich, den Hut in der Hand, verlegen hinter den Ohren
kratzte.

Aber, beste Mi Lucy, sagte er endlich, was hlfe es ihm denn, wenn
wir unsere eigene Sicherheit auch wirklich nicht einen Pfifferling rechnen
wollten, dehalb wre ihm doch nicht mehr geholfen. Entfliehen kann er
nicht; wie kme ein Nigger von hier bis zu der canadiensischen Grenze
ohne Pa? Liefern wir ihn also nicht aus, wobei wir uns zugleich fr ihn
verwenden knnen, so fngt ihn Jemand Anderes, und dann geht's ihm erst
recht schlimm.

Der Neger hatte seine groen, lebhaften Augen geffnet und zu dem
Sprechenden mit einem unbeschreiblichen Ausdruck von Seelenschmerz in
den dunkeln Zgen aufgeblickt. Jetzt theilten sich seine Lippen, und er
flsterte, mit aber noch kaum hrbarer Stimme:

Ich bin verloren, die Verfolger sind mir auf den Fersen; ich traf einen
der nach mir ausgesandten Mnner zufllig im Wald, und nur die Verzweiflung
gab mir Kraft genug, ihm in dem dichten Unterholz zu entgehen, das ihm
nicht erlaubte mit dem Pferd so schnell hindurch zu brechen. Unfern von
hier wute ich ihn von meinen Fhrten abzubringen und floh nun, als
letztem Rettungsweg, Ihrem Hause zu. Ich kann nicht weiter, mein Rcken
ist zerfleischt, meine Krfte sind erschpft, die Wunden brennen mich wie
Feuer, und die Glieder versagen mir den Dienst. Liefern Sie mich aus, dann
ist's vorbei, und ich habe die elende Leben berstanden.

Es ist nicht so schlimm, Ben! sagte Hennigs gutmthig, wir wollen selbst
zu Deinem Herrn hinber reiten und ihn um Schonung fr Dich bitten; er soll
Dich nicht weiter mihandeln.

Umsonst, umsonst! sthnte der Unglckliche, und sah starr vor sich
nieder, das wre vergebens; letzten Freitag warf er mich zu Boden und trat
mich mit Fen; die harten Steine rissen die noch nicht geheilten Wunden
der Peitschenhiebe wieder auf, wahnsinniger Schmerz durchzuckte mich, und
in aller Verzweiflung, nicht mehr wissend was ich that, was ich beging,
ergriff ich einen gerade dort liegenden Axtstiel und -- schlug meinen
Master zu Boden.

Unglckseliger! sagte Hennigs mitleidig, dann bist Du allerdings
verloren!

Nein, nein! rief Draper, ich will verdammt sein, wenn ich ihn
ausliefere. Ich wei, was ich riskire, ich wei was mich bedroht, wenn ich
entdeckt werde, doch gleichviel; im schlimmsten Falle lasse ich die hier
gethane Arbeit im Stich, und ziehe nach Iowa hinein, aber ich will nicht
haben, da mich das Bild dieses Unglcklichen mein ganzes Leben lang, Tag
und Nacht hindurch mahnen und martern soll, und ich mir ewig sagen mu:
der hatte dir nur das Leben gerettet, damit du ihn nachher gebunden seinem
Henker berliefern konntest. Sei guten Muths, Ben, es soll Dir Nichts
geschehn, ich will doch einmal sehn, ob der alte Draper so auf den Kopf
gefallen ist, da er nicht ein Mittel findet Dir fortzuhelfen.

Aber, Draper, Draper, denkt an Euer Weib und Euere Kinder, sagte warnend
der junge Mann.

O, reden Sie dem Vater nicht ab, bat ihn flehend Lucy, lassen Sie ihn
das gute Werk vollbringen, und -- wenn Sie sich uns Allen als ein recht
lieber, lieber Freund erweisen wollen, o, so helfen Sie nur diemal, den
armen, armen Jungen von so frchterlicher Strafe zu erretten.

Liebe Mi Lucy, erwiederte Hennigs, noch immer unschlssig, ich will
ja gewi Alles von Herzen gern thun, was Ihnen nur die mindeste Freude
gewhren kann, ich sehe aber wahrhaftig nicht ein, wie dem armen Teufel
geholfen werden soll. Sind ihm die Verfolger so dicht auf den Fhrten wie
er sagt, dann knnen wir sie auch jeden Augenblick hier erwarten, und in
dem Zustand, in dem er sich jetzt befindet, wre es fr ihn unmglich zu
entfliehen. Hier im Haus sind wir eben so wenig im Stande ihn lange zu
verbergen, selbst wenn wir wollten; denn das eine offene Gemach, was Sie
haben, bietet nirgends auch nur den geringsten sichern Schlupfwinkel.

Wir mssen ihm einen Pa schreiben! rief Mrs. Draper schnell, das wird
ihm durchhelfen; einen mit dem Pa versehenen Neger hlt Niemand an.

Aber womit? frug Lucy ngstlich, wir haben weder Schreibzeug, noch
Papier, selbst das Stckchen Bleistift, was in dem alten Haus ber dem
Kamin stak, mu verloren gegangen sein, ich konnte es wenigstens nirgends
finden.

Der Neger hatte indessen mit ngstlichen Blicken von einem der Sprechenden
zum andern gestarrt, und seine Augen leuchteten, als er den Pa erwhnen
hrte; jetzt, da ihm diese letzte Hoffnung abgeschnitten schien, barg
er zitternd das Antlitz in den Hnden, und wenn auch kein Laut, kein
Schluchzen die Stille unterbrach, so kndete doch das convulsivische Zucken
seiner ganzen Gestalt den ungeheueren Schmerz an, der ihn durchbebte.

Hier mu Rath geschafft werden! rief der alte Draper jetzt, und ging mit
schnellen Schritten im Zimmer auf und ab, Ben mu fort, und ein Pa, das
seh' ich ein, ist dazu unumgnglich nthig. So mag er denn hier im Haus
verborgen bleiben, bis ich ihm den herbeischaffen kann; ich will noch heute
zum Squire Mapel reiten und Tinte und Papier holen.

Aber das ganze County ist schon in Aufregung, flehte in Todesangst Ben,
der, der mich heute verfolgte, wute ebenfalls von dem, einem weien Manne
gegebenen Schlag; zweimal htte er mich niederschieen knnen, aber er
schrie fluchend, er wolle mich lebendig haben, um mich schmoren zu sehen;
sie sind zum Frchterlichsten entschlossen.

Halloh! da drben! schallte pltzlich eine Stimme von der andern Seite
der niedergehauenen Bume herber, und gleich darauf bertubte, wie bei
Hennigs Ankunft, das Heulen der Meute jeden weitern Anruf.

Das ist mein Verfolger! sthnte Ben und sank, die Hnde gefaltet, in
Verzweiflung auf einen Stuhl nieder, an dessen Lehne mehrere Tropfen klaren
Blutes, die durch die dnne Jacke gequollen waren, hngen blieben.

Der alte Mann trat indessen in die Thr, beschwichtigte mit einem Wort die
Hunde, die, der Stimme des Herrn gehorsam, nur leise knurrend den fremden
Tnen lauschten, und rief jetzt die Gegenfrage an den spten Gast hinber:

Wer ist da, und was wollt Ihr?

Wer da ist, zum Henker, Pitt ist da, oder ist eigentlich noch nicht da;
denn er steckt hier in einem undurchdringlichen Gewirr von allem Mglichen,
und wei nicht, wie er herauskommen soll. Wo in aller Welt ist nur der
Fahr- oder Reitweg, Draper? Auf dem, wo ich hergekommen bin, liegen
wenigstens zwanzig Klafter Holz!

Seid Ihr allein? frug Draper zurck.

Ja, allerdings, es werden aber gleich noch eine ganze Menge kommen,
ich traf sie nicht weit von hier, und sie redeten davon, bei Euch zu
bernachten.

Ich komme gleich, Pitt, rief Draper ihm zu, bleibt nur einen Augenblick
da halten, Euer Pferd knnte sonst in den vielen Splittern Schaden nehmen,
und damit warf er die Thre wieder in die Klinke und trat in das Innere
seiner Htte zurck.

Es ist zu spt! sagte er eintnig, als er mit starrem Blick auf den
unglcklichen Knaben niedersah, sie werden hier sein, ehe wir im Stande
sind, auch nur einen vernnftigen Rettungsplan zu ersinnen, viel weniger
auszufhren.

Wenn er sich nun drauen im Walde versteckte? frug schchtern Sally, ich
will ihm ja recht gern Speise und Trank bringen; morgen frh gelingt es
dann vielleicht, dem Armen zu helfen.

Nein, das ist unmglich, die Hunde wrden ihn dort nicht unbeachtet
lassen; berdie bringen die Fremden, wenn es seine Verfolger wirklich
sind, auch auf jeden Fall ihre Rden mit, und dann wre seine Entdeckung
unvermeidlich. Ich begreife ohnedem nicht, wie ihn meine eigenen
Brenfnger so unbelstigt hereingelassen haben.

So verbirg ihn dort zwischen unsern Betten! sagte Sally pltzlich, dort
mag er liegen, bis sich irgend ein Ausweg fr ihn gefunden hat, und wenn es
bis morgen frh wre.

Das ist das Einzige; Hll' und Teufel, Pitt wird ungeduldig da drben, ich
mu ihn holen; so versteckt ihn denn schnell, und mge Gott geben da er
dort unentdeckt bleibt, sonst ist mein guter Name fr Missouri dahin, und
ich mu selbst der Rache seiner Brger entfliehen.

Tief aufseufzend verlie er die Htte, seinen heute so unwillkommenen Gast
herein zu holen, whrend die Frauen indessen ein ziemlich weiches Lager fr
den armen Gemihandelten bereiteten und es, zwischen den Betten und durch
einen mit Kleider berhangenen Stuhl, so verdeckten, da, wenn nicht eine
wirkliche und hier keineswegs zu befrchtende Haussuchung Statt fand, sein
Lager von den in der Htte befindlichen Personen sicherlich nicht gesehen
werden konnte, da sich auch schon ohnedie keiner der Amerikaner neugierig
einer Stelle zugedrngt htte, die der Damen-Schlafplatz war.

Bald darauf erreichte der spte Besuch den kleinen, vor dem Hause
befindlichen, offenen Platz, sprach dort einige Worte, seines Pferdes
wegen, mit Draper, und betrat dann, schon von drauen den Frauen einen
guten und freundlichen Abend hereinrufend, das Innere des jetzt durch ein
selbstgegossenes Licht erhellten Raumes.

Mr. Pitt war ein kleines, wohlbeleibtes Mnnchen, mit so blonden Haaren,
da er sie oft selbst im Scherz Isabellfarben nannte, dazu mit groen
blaugrauen Augen und gewhnlich in einen Pfeffer- und Salz-farbenen
Oberrock eingeknpft. So gemthlich er aber auch sonst in manchen Sachen
sein mochte, so viel er selbst auf sein Vieh, auf seine Pferde und Rinder
hielt, die er sich nie berarbeiten lie, so sehr hate er die Neger, und
behandelte seine eigenen Sclaven, wenn er sie auch gut ftterte, wie
er es nannte, stets mit der grten Verachtung. Die Sclaven der ganzen
Nachbarschaft frchteten ihn auch ungemein, haten ihn aber wohl noch mehr
und nannten ihn berall nur den Niggerfresser.

Und doch war dieser Mann ein ganz guter Brger, ehrlich und rechtschaffen
in all seinem Thun und Handeln, und hatte sich, einzig und allein durch
eigenen Flei, ein gar nicht unbedeutendes Vermgen erworben.

Seinem Ehrgeiz war brigens dadurch Genge geschehen, da ihn sein
Township zum Friedensrichter, und zwar damals noch ernannt hatte, als die
Aufregung fr General Harrison selbst bis in den fernen Westen drang; er
rhmte sich auch seines eifrigen Whigthums und schwrmte natrlich fr
Henry Clay, und besonders fr Frelinghuysen, der, seiner Aussage nach,
der frmmste Mann der Welt sei und eher verdiente, Prsident, als nur
Viceprsident zu werden.

Seiner Religion nach war er Presbyterianer, und hing dabei so eifrig an der
Kirche, da er schon einmal, als er sich bei einer groen Betversammlung
befand, wo der andchtig harrenden Gemeinde gemeldet wurde, der pltzlich
krank gewordene Prediger knne nicht kommen, selbst, unvorbereitet,
den Rednerstuhl bestieg, und mit Kraftworten und noch nie dagewesenen
Gesticulationen den Leuten erzhlte, wie's ihm eigentlich ums Herz sei. Man
wollte ihn spter allerdings dazu bereden der geistlichen Beredsamkeit sein
Leben ausschlielich zu weihen, Mr. Pitt zog es aber vor Friedensrichter
zu bleiben, und behauptete, vielleicht nicht ganz ohne Grund, als Laie die
Eingeborenen viel mehr in Erstaunen setzen zu knnen, als wenn er aus
der heiligen Sache eine wirkliche Profession mache. Dabei war er hchst
ritterlich und gefllig gegen Damen, obgleich er, als alter Junggeselle,
von diesen auch manches Scherz- und Stichelwort ertragen mute; ja, er
hatte sogar selbst, vor noch nicht so langer Zeit, bei einer Entfhrung
in St.Louis thtigen Antheil genommen. Wenn er aber auch gern von dieser
Sache sprach, so verfehlte er doch nie dabei die Bemerkung zu machen,
da das vor der Zeit gewesen sei, wo er als Friedensrichter in Thtigkeit
getreten, und er jetzt, gerade im Gegentheil, eine solche ungesetzliche
Handlung mit jeder ihm zu Gebote stehenden Macht verhindern wrde.

Mr. Pitt trat also in die Thre der Htte, und reichte, sich nicht mit
dem allgemeinen guten Abend, Ladies, begngend, noch jeder der Damen
insbesondere die Hand, fhrte dabei auch so total allein das Wort und
erkundigte sich so angelegentlich nach dem Befinden und Wohlergehen seiner
neuen Nachbarn (sein Haus lag elf englische Meilen entfernt), da er
die Verlegenheit und Aufregung, in welcher sich diese befanden gar nicht
bemerkte, sondern geschftig einen der Sthle zum Kamin schob (und zwar mit
dem Rcken gegen die Thr, also den Betten mehr zugewandt), von dem aus er
an Draper und Hennigs indessen tausend verschiedene Fragen zu gleicher Zeit
richtete.

Draper war brigens selbst zu aufgeregt, um sich in eine Beantwortung
derselben einzulassen, und frug nur seinerseits, wobei er freilich einen
Augenblick benutzen mute, in dem der wrdige Mann gerade Athem schpfte,
wen er noch von Fremden im Walde getroffen habe, was diese getrieben und
wann sie hier eintreffen wrden.

Stop, Sir -- stop! schrie der Kleine und drehte sich in komischer
Verzweiflung nach ihm herum, das sind eine Menge verschiedener Artikel,
die erst geordnet und dann einzeln vorgenommen werden mssen. Vor allen
Dingen, Ladies, frchte ich, da Ihr Raum heute ein wenig beschrnkt werden
wird; denn acht Mann kann ich sicher anmelden, die noch vor Ablauf einer
Stunde hier eintreffen werden. Das heit, eigentlich nur sieben, da Einer
von ihnen hier schon ganz behaglich und warm am Feuer sitzt und sich
ungemein freut, da er aus den bsen Dornen und Ranken da drauen heraus
ist. Dieser Eine, meine theuren Ladies, den ich Ihnen die Ehre habe in
meiner unbedeutenden Person vorzustellen, wird nun auch wohl morgen noch
hoffentlich das Vergngen genieen, in Ihrer Gesellschaft zu bleiben;
denn ich zweifle keinen Augenblick, da Sie ebenfalls beabsichtigen
der Betversammlung beizuwohnen; die dort aufgehuften Kleider sind
wahrscheinlich schon dazu bestimmt, Ihren holden Gestalten einen womglich
noch hhern Reiz zu verleihen.

Wer waren aber die Anderen? unterbrach ihn ungeduldig der Alte.

Wer die Anderen waren? wiederholte lchelnd der kleine Friedensrichter;
die Blthe des Staats, der Stolz und Schmuck unseres und des benachbarten
Countys, lauter wackere Farmer, wie berittene Nimrode, mit ihren Bchsen
und Hunden. Apropos, Draper, habt Ihr den Wolfshund noch, den Ihr
von Hilbert damals kauftet? das war ein famoses Poppy, mu einmal ein
prchtiger Hund werden.

Waren die Mnner auf der Jagd? mischte sich Hennigs jetzt in das
Gesprch.

Jagd? ja, sagte der Kleine; aber ganz besondere Jagd -- Hochwild --
Menschenfleisch!

Menschenfleisch? riefen die Frauen entsetzt.

Erschrecken Sie nicht, meine Damen, es war weiter nichts als ein
weggelaufener Nigger, lchelte der gemthliche Friedensrichter,
vielleicht haben sie ihn jetzt schon und bringen ihn dann gleich mit her.

Keiner im Haus antwortete ihm auch nur eine Sylbe darauf, und der
Geschwtzige fuhr plaudernd fort:

Wallis hat, wie Sie vielleicht wissen, neulich einmal einen seiner Neger
exemplarisch abstrafen mssen; der Strick war am lieben Sonntag mit seinen
ganz neu gekauften Sachen, wie er selber sagte, in den Flu gefallen--

Groer, allmchtiger Gott! dehalb hat er ihn gezchtigt? das ist die
Ursache gewesen? schrie Draper entsetzt.

Pitt sah ihn erstaunt an. Nun, sagte er, das wre allerdings eine
Ursache gewesen, ihn zu strafen, und er hat auch wohl seine Tracht Schlge
dehalb bekommen; von der Strafe aber, von der ich spreche, war es nur ein
entfernterer Grund; denn die Canaille hatte sich auch noch dabei erkltet
und konnte nun ihre Arbeit nicht ordentlich verrichten. Wallis ist ein
wenig hitzig und ich wei nicht recht, wie alles spter gekommen, so viel
aber ist gewi, Ben, der Junge, hatte eine trotzige Antwort gegeben und
mute dafr, wie sich das auch von selbst versteht, ben. Da denken Sie
sich nur, berfllt er neulich seinen eigenen Herrn, schlgt ihn mit
einem Axtstiel, an dem glcklicher Weise die Axt fehlte, zu Boden und --
entflieht. Aber weit wird er nicht kommen, Hilbert ist ihm heute Nachmittag
hier ganz in der Nhe begegnet, hatte aber unglcklicher Weise seine Hunde
nicht bei sich und verlor, nicht weit von dem Hurricane[5] seine Fhrte.
Gleich darauf traf er brigens die zur Verfolgung des Niggers ausgezogenen
Mnner, und nun wollen sie, da diese noch mehr Hunde mitbrachten, den
Hurricane ordentlich abtreiben und nachher hierher kommen und hier
bernachten. Sie bleiben vielleicht im Wald, es sieht aber heute Abend wie
Regen aus, und da ist's doch besser sie suchen Dach und Fach.

  [5]: Hurricane werden in den westlichen Wldern auch die, durch einen
  Hurricane oder Orkan niedergeworfenen Waldstrecken genannt, die
  oft, wenn sie besonders erst einige Jahre gelegen haben, wirklich
  undurchdringliche Dickichte bilden.

Aber Ladies, Sie lassen mich die Unterhaltung ganz allein fhren; es
spricht ja keine von Ihnen auch nur ein Wort.

Wir mssen an's Abendessen denken, Sir, sagte die Matrone, wenn wir so
viele Gste bekommen, so werden sie, fr die anderen Unbequemlichkeiten
denen sie ausgesetzt sind, doch wenigstens etwas Warmes zu essen haben
wollen; bis wann knnen sie wohl hier sein?

Wird nicht mehr so lange dauern, gar nicht mehr so lange dauern, sagte
der Kleine, und zog die Augenbraunen bedeutsam in die Hhe, in hchstens
drei Viertelstunden knnen sie Alles abgesucht haben, der Hurricane ist
nicht so bermig gro, und die Hunderace, die sie mit sich fhren,
vortrefflich. Die Mutter von Eurem Wolfshund ist auch dabei, Draper.
Uebrigens kann es auch sein sie finden den Burschen gleich, und dann halten
sie sich weiter gar nicht auf.

Draper und Hennigs hatten leise einige Worte gewechselt und der letztere
nahm jetzt seinen Stuhl auf und trug ihn an die entgegengesetzte Seite des
Kamins, whrend er zugleich Mr. Pitt bat ihm dahin zu folgen, damit die
Damen nicht so viel in dem Ab- und Anrcken ihrer Kochgerthschaften
gehindert wrden.

Mr. Pitt folgte sehr eilfertig dem ausgesprochenen Wunsch, ergriff seinen
Stuhl an der Lehne und trug ihn weiter herum, fate sich aber pltzlich
erschreckt an die Tasche seines Rockes, fhlte dort etwas, und besah sich
dann am hellen Kaminfeuer die gegen dieses ausgestreckte linke Hand.

Blut! rief er berrascht und schaute sich nach dem Stuhl um, auf dem er
eben gesessen, Mrs. Draper aber sprang schnell hinzu, wischte mit einem
alten Tuche die Lehne ab und sagte mit vor Angst und Bestrzung halb
erstickter Stimme:

Ach, sein Sie nicht bse, Mr. Pitt; Lucy -- bekam heute so pltzliches
Nasenbluten; wir haben die Flecken gar nicht gesehen--

Hennigs bog sich leise zu Sally hinber und flsterte lchelnd:

Erinnern Sie doch Mutter einmal wieder an das Kapitel von der Nothlge!

O bitte sehr, bitte sehr! rief der artige Friedensrichter, hat gar
nichts zu sagen, so ses Blut kann mir nur angenehm sein; bitte, geniren
Sie sich nicht, ich habe selbst ein Taschentuch; es ist ja blo ein
unbedeutender kleiner Flecken. Ich erschrak nur so im Anfang, als ich das
Nasse an der Hand fhlte, weil ich glaubte, ich htte heute beim Reiten
eine kleine Dintenflasche zerdrckt, die ich in der Rocktasche trage; das
wre mir allerdings fatal gewesen; denn fr meine hellen Bein- -- meine
hellen Kleider wrde eine solche Anfeuchtung von bsen Folgen gewesen
sein.

Sie haben Dinte bei sich? rief Hennigs schnell, und sprang in der
Erregung des Augenblicks von seinem Stuhle, auf den er sich eben wieder
niedergelassen empor.

Ich? allerdings; befremdet Sie das? ja, hier im Walde ist Dinte allerdings
ein seltener Gegenstand, ich bin dehalb auch genthigt sie berall
mitzufhren; denn komm' ich einmal in ein Haus und mu etwas schreiben,
so kann ich mich fest darauf verlassen, da erstlich keine Dinte in fnf
Meilen im Umkreis zu bekommen, und das einzige Papier der Schmutztitel
irgend eines verrucherten Buches ist, der vorerst herausgenommen werden
mu. Im allergnstigsten Falle steckt dann noch ber dem Kamin ein alter,
halbverbrauchter Truthahnflgel, dem eine hineingedorrte Feder durch
Gemeinkraft smmtlicher Familienglieder entzogen, und mit dem Jagdmesser
des Mannes oder gar der Schere der Frau nothdrftig geschnitten wird,
und dann ist das Schreibzeug fertig. Nein, darauf kann ich mich nicht
einlassen, ich mu mein Handwerkszeug besser in Ordnung haben, und da
trage ich denn immer eine kleine steinerne Kruke, wie etwas Papier und
einige Federn bei mir.

Hennigs war indessen einige Mal schnell im Zimmer auf und abgegangen und
blieb pltzlich neben dem Stuhle des Redseligen, der in allem Eifer das
Flschchen hervorgeholt hatte, stehen.

Mein bester Herr! sagte er, freundlich dabei die Hand auf dessen Schulter
legend, da knnten Sie der Mrs. Draper einen recht groen und vielleicht
einen doppelten Gefallen thun!

Wer? ich? rief Mr. Pitt, sich schnell nach der erwhnten Dame umdrehend:
mit dem grten Vergngen, was ist es? was steht zu Diensten?

Mrs. Draper blickte verlegen nach Hennigs herber, dieser aber lie ihr
gar keine Zeit, ein Wort zu erwiedern, und fuhr zu dem Friedensrichter
gewendet, fort:

Die Damen wnschten gern eine Abschrift des kleinen, von Ihnen gedichteten
geistlichen Liedes zu besitzen, das Sie neulich bei Mapel's vortrugen, und
sie haben mich schon heute Nachmittag darum ersucht, weil ich ihnen vor
einiger Zeit einen Vers desselben aus dem Kopfe citirte. Da wir uns aber
hier in derselben Lage befinden, wie die brigen Ansiedelungen, die Sie uns
eben so treffend schilderten, nmlich ohne jegliches Schreibmaterial, so
mchte ich Sie jetzt im Namen der Damen nicht allein um etwas Papier und
Dinte bitten, sondern auch noch den Wunsch daran knpfen, mir die Verse
langsam vorzusagen, da ich sie gleich auf der Stelle nachschreiben
knnte.

Meine Damen, Sie beschmen mich wirklich durch die freundliche Nachsicht,
mit der Sie meine armseligen poetischen Versuche beehrt haben! schmunzelte
der kleine Mann, whrend er in grter Geschftigkeit seine Taschen
auskramte und in wenigen Secunden eine groe Brieftafel, ein kleines Pennal
und die eben wieder zurckgeschobene Dintenflasche zum Vorschein brachte,
was er Alles auf den Tisch stellte und dann seinen Stuhl neben denselben
rckte, das Licht mit den Fingern putzte, seine Brille abwischte und
jede Vorbereitung traf, um das gewnschte Gedicht augenblicklich selbst
niederzuschreiben. Daran verhinderte ihn aber Hennigs, indem er wie
scherzend das Pennal an sich nahm und dem Richter versicherte, er wrde
unter keiner Bedingung zugeben, da er selbst seine berdie schon
so schwache Augen bei dem dstern Scheine des flackernden Talglichtes
anstrenge.

Nein, fuhr er in seinen Einwendungen fort, lassen Sie mich einmal
meine, wenn auch von der Fhrung der Axt etwas steifen Finger mit der Feder
versuchen, es wird schon gehen, und Sie setzen sich indessen mir gegenber
an den Tisch, dann haben die Damen auch noch den Genu des Vortrags und
brauchen nicht mig zuzusehen.

Mrs. Draper war hinter den Friedensrichter getreten und hielt die
zusammengefalteten Hnde fest, fest auf das Herz gepret, als ob sie die
Angst, die ihr die Brust zu zersprengen drohte, da bannen und zurckdrngen
wollte. Lucy hielt seine Stuhllehne gefat und blickte starr und mit halb
geffneten Lippen, aber leichenbleichen Wangen und glanzlosen Augen nach
dem Geliebten hinber, und nur Sally, das sonst so muntere, leichtsinnige
Mdchen, hatte die frchterliche Entscheidung des Augenblicks nicht
ertragen knnen und war hinaus vor die Thr gegangen, wo sie den Kopf in
der Schrze barg und sich dort recht nach Herzenslust ausweinte.

Hennigs dagegen schien ganz ruhig und unbefangen, plauderte mit dem
Friedensrichter -- whrend dieser ein reines Blatt Papier vorsuchte und
aus dem Pennal eine geschnittene Feder nahm -- lauter tolles Zeug, erzhlte
ihm, wie sie in Louisiana immer auf Magnoliabltter geschrieben und in
Tenessee Dinte aus Pulver und Indigo gemacht htten, legte dann, als
er auch die letzten Bedenklichkeiten des also geschmeichelten Dichters
berwunden hatte, der nur immer noch selber zu schreiben wnschte, das
weie Blatt vor sich hin, sah nach dem Spalt der Feder, feuchtete diese
einmal im Mund an und sagte, sich behaglich auf dem Stuhle zurechtrckend:

So? jetzt bin ich fertig, nun schieen Sie los!

Draper lehnte am Kamin, und der starke Mann zitterte vor innerer Aufregung
so gewaltig, da die lockeren Dielen unter ihm erbebten; nur Hennigs blieb
ruhig und gleichmthig, und lchelte sogar still und heimlich vor sich
nieder, als der Friedensrichter, wohlbehaglich im Stuhl zurckgelehnt,
die Hnde vor sich auf dem Tisch gefaltet, die Brille in die Hh', auf die
Stirn geschoben und die kleinen runden Augen andchtig der Decke und
einer Anzahl dort aufgehangener gerucherter Hirschkeulen zugekehrt, mit
monotoner, singender Stimme begann:

  O, ser Herr Jesus, o, komm doch zu mir,
  Verzeih' mir, o Herr, meine Snden!

Halt! nur nicht so schnell, bat Hennigs, ich komme ja sonst nicht mit --
verzeih' mir--

            -- o Herr, meine Snden?

Draper trat hinter Hennigs Stuhl und las, was dieser schrieb; auf dem
Papier stand:

Der Trger dieses, Scipio--

Also weiter -- ich hab' es.

  Und la mich, Lamm Gottes, beim Vater und dir
  Erbarmen und Shnigung finden.

Hennigs schrieb weiter: geht mit meinem Wissen und Willen zu seinen
Eltern--

Haben Sie: Shnigung finden? frug der Friedensrichter, schob sich die
Brille herunter und blickte nach dem jungen Manne hinber.

Gleich, gleich -- Shnigung finden -- so, nur weiter.

  Ich bin zwar, o Heiland, ich mu es gestehn,
  Dein schlechtester, niedrigster Knecht--

declamirte Mr. Pitt, warf einen freundlichen Blick nach der ber ihn
hingebeugten Mrs. Draper hinauf, seufzte einmal tief auf, und wiederholte:

  Dein schlechtester, niedrigster Knecht--

-- nach Illinois, und hat von mir dazu vier Wochen Erlaubni߫ -- schrieb
Hennigs.

Haben Sie das? frug wieder der Richter.

Ja, -- Erlaubniߠ--

Wie? sagte Mr. Pitt, und blickte zu ihm auf.

O, nichts, erwiederte schnell gefat der junge Mann, es hatte sich ein
Haar in die Feder geklemmt, also -- Knecht!

Ja, -- warten Sie einmal, nun bin ich herausgekommen, -- schlechtester,
sndigster Knecht, murmelte er vor sich hin, ach ja, jetzt hab' ich's:

  Doch hast du ja auch meine Reue gesehn,
  So weise mich, Herr, denn zurecht--

-- weise mich, Herr, denn zurecht, repetirte Hennigs und beendete
indessen den Pa Benjamin's mit dem Wort: erhalten; setzte den fingirten
Namen Peter Rollins mit dem gestrigen Datum darunter, und faltete das
Papier zusammen.

Halt! ich bin noch nicht fertig, rief da der wrdige Friedensrichter
aus, dem diese Bewegung nicht entgangen war, das sind nur die zwei ersten
Strophen, nun kommen fnf in einem andern Rhythmus, und dann wieder drei
Schluverse. Schreiben Sie also weiter:

  Ich will Dir, du treuer Hirte
  Ein getreues Schaf auch sein,
  Fhre denn mich heil'ger Vater,
  In den ew'gen Schafstall ein.

  Und wenn mir --

aber Sie schreiben ja gar nicht.

Nur die beiden ersten Verse fehlten Ihnen, nicht wahr, Mrs. Draper? sagte
Hennigs, und stand von seinem Stuhle auf.

Ja, Sir, es waren nur die beiden, stammelte die Matrone, und sie wute
jetzt, da Hennigs Auge fest auf ihr haftete; das Blut strmte ihr quellend
in Stirn und Schlfe, und der Athem verging ihr fast vor Angst um den
Unglcklichen, vor Scham ber die ausgesprochene Lge.

Also die andern Verse haben Sie? nun, warten Sie, ich sage sie Ihnen noch
einmal vor, dann knnen Sie, wenn etwas daran nicht richtig sein sollte, es
ndern. Zeigen Sie mir nur erst einmal was Sie geschrieben haben, und
er streckte seinen Arm nach dem Papier aus, das Hennigs mit auf den Tisch
gesttzter Hand locker zwischen den Fingern hielt.

Dieser aber schien es gar nicht zu bemerken; mit vorgebeugtem Krper,
starr und regungslos stand er da, die linke Hand lauschend hinter das
Ohr gehalten; er horchte einem entfernten Gerusch, und hatte fr den
Augenblick seine ganze Umgebung vergessen.

Mr. Pitt nahm indessen das Papier herber, ffnete es, schob sich die
Brille wieder nieder, und schien dann erst das sonderbare Benehmen des
jungen Mannes zu bemerken.

Die Bewohner der Htte standen entsetzt; warf der Friedensrichter nur
einen Blick in die Zeilen, die er geffnet in der Hand hielt, so waren sie
entdeckt.

Hennigs! rief der alte Mann, und fate seinen Arm.

Mr. Hennigs! sagte Pitt, und hielt das Innere der Linken gegen das Licht,
um, von diesem nicht geblendet, ihn besser betrachten zu knnen. Das rief
den Trumenden aber mit Gedankenschnelle in seine Umgebung zurck; er
blickte den Fremden an, sah den Pa in dessen Hand, und ri ihn mit keckem
Griff aus seinen Fingern.

Mr. Hennigs! rief berrascht der Richter.

Ich mu tausendmal um Verzeihung bitten, Sir, entschuldigte sich jener,
verlegen lchelnd, doch das, was ich hier geschrieben habe drfen
Sie wahrhaftig nicht lesen, es ist zu schlecht, Sie haben zu schnell
gesprochen, und ich mute mich so eilen; warten Sie noch wenige Minuten,
und ich will es in's Reine schreiben, nachher mgen Sie sich berzeugen,
da auch ein Backwoodsman manchmal keine so ble Feder fhrt, und den
Schulmeister nicht braucht, wenn er Jemandem einen Brief schicken will.

Was hatten Sie denn aber eben? Sie starrten ja vor sich nieder, als ob Sie
einen Geist shen? frug, dadurch beruhigt, Mr. Pitt.

O nichts, wenigstens nichts von Bedeutung, erwiederte jener, mir war es
nur, als ob ich irgend ein fremdartiges Gerusch vernahm, und ich konnte
nicht recht herausbekommen was es war. Halt -- da wieder; hren Sie
nichts?

Draper sprang an die Thr und ri sie auf, und deutlich drang jetzt der
Ruf von fernen Stimmen an ihr Ohr, als ob Leute ber einen Flu hinber die
Fhre anriefen.

Da sind sie, sagte der Kleine, sprang auf und griff nach dem an der Wand
hngenden Blechrohr, das in fast allen amerikanischen Blockhtten dazu
benutzt wird, die Arbeiter zum Essen aus dem vielleicht weit entfernten
Felde zu rufen. Die Tne dieses langen, geraden Hornes schallen ungemein
weit, und man kann sie mit gnstigem Winde, und besonders ber das Wasser
hin, oft Meilen weit hren.

Mr. Pitt schlo nun auch ganz richtig, da die Jger, von der Dunkelheit
berrascht, die einzeln und mitten im Walde liegende Htte nicht hatten
finden knnen, und nun durch ihr Rufen die Aufmerksamkeit der Bewohner
zu erwecken gedachten, damit diese durch irgend ein Zeichen, durch einen
abgefeuerten Schu, oder den Ton eben solchen Hornes ihren Aufenthalt
verriethen. Er nahm denn auch ohne weitere Umstnde das Instrument
vom Nagel, trat in die Thre und lie nun nach jener Richtung hin so
durchdringende, klagende Laute ertnen, da die Hunde mit kurzem Gebell
zuerst eine Art Protest gegen solche Musik einzulegen schienen, dann aber,
vielleicht durch das Weiche der Melodie gerhrt, ein so frchterliches,
wehmthiges, markzerschneidendes Geheul ausstieen, da Mr. Pitt erschreckt
mitten in seinem nicht mehr Solo einhielt, den Bestien einen Augenblick
zuhrte, und dann kopfschttelnd sagte:

Ist nun einem lebendigen Christenmenschen schon so etwas in seinem ganzen
Leben vorgekommen?

Nichtsdestoweniger setzte er seine musikalischen Uebungen fort, und Hunde
und Friedensrichter vereinigten sich jetzt zu einem so ohrzerreienden
Concert, da der Wald ordentlich lebendig zu werden schien, und smmtliches
zahmes Hausvieh, als da war, drei Ferkel und etwa ein halbes Dutzend
Hhner, die ersteren ihr Lager mieden und grunzend, die Seiten an einander
gedrckt, herbeiliefen, und die anderen mit den Flgeln schlugen und nicht
bel Lust zu haben schienen, eine so unruhige Nachbarschaft zu verlassen.

Hier ist der Pa, rief Hennigs jetzt schnell, und drckte das Papier dem
alten Draper in die Hand.

Der Trger dieses, Scipio, geht mit meinem Wissen und Willen zu seinen
Eltern nach Illinois, und hat von mir dazu vier Wochen Erlaubni erhalten.

  Peter _Rollins_.

Wer ihn anhlt und nicht persnlich kennt, wird ihm kein Hinderni weiter
in den Weg legen; doch mu er noch in dieser Nacht fort.

Aber wie? der Richter steht in der Thre und in wenigen Minuten haben
wir das Haus so voll Menschen, da ein Entrinnen fr ihn zur Unmglichkeit
wird.

Auch dazu wird Rath werden; geben Sie ihm nur einen alten Rock und eine
Mtze -- schnell -- der Richter hat aufgehrt zu blasen, ich will ihn
zu mir hinausrufen. Wenn ich den Eulenruf nachahme, mu Ben rasch
hinausgleiten; er soll dann zu mir hinter das Haus kommen; ruhig jetzt, er
dreht sich wieder um.

Mr. Pitt hatte allerdings seine Lungen pausiren lassen und die Bearbeitung
des Instrumentes eingestellt, keineswegs waren aber die Hunde gesonnen,
sich so schnell und pltzlich ber das Gehrte zufrieden zu geben. Ein
junges Thier, und zwar eben der schon frher erwhnte junge Wolfshund,
heulte Sopran, und schien den Ton anzugeben, denn nach jedesmaliger kurzer
Pause fiel er stets zuerst wieder ein, und ihm folgte augenblicklich ein
alter blinder Schweihund in =E moll=, wornach denn die brige Schaar,
als ob sie nur auf das Angeben der Tonart gewartet htte, im wilden,
disharmonischen Chor einfiel und nicht eher aufhrte, bis auch der letzte
Vorrath von Luft und Lunge und Kehle erschpft war.

Mr. Pitt versuchte nun zwar sein Bestes sie zur Ruhe zu bringen, schimpfte,
drohte, und warf sogar einzelne Spne und Holzstcke, die vor der offenen
Thre lagen; das hatte aber weiter nichts zur Folge, als da sie jetzt
smmtlich gegen ihn Front machten, und zwar die Kpfe ihm seitwrts
zugedreht, um jedem etwaigen, nach ihnen geschleuderten Wurfgescho schnell
genug ausweichen zu knnen, sonst aber fuhren sie in ihren entsetzlichen
Accorden ruhig fort.

Lat's gut sein, Sir, trstete ihn jetzt Hennigs, als der kleine
Friedensrichter halb lachend, halb rgerlich wieder in der Thre erschien,
ich will sie schon zum Schweigen bringen.

Ruhig, ihr Bestien! schrie er dann mit Donnerstimme, als er eben vor das
Haus getreten war, ruhig, oder ich drehe euch die Hlse um! und eine
dort lehnende Stange ergreifend, fuhr er mit so gut gemeinten und links
und rechts ausgetheilten Schlgen zwischen sie hinein, da sie nach allen
Seiten auseinander stoben und sich winselnd theils in den Wipfeln der
umhergestreuten Bume, theils unter dem Hause verkrochen. Hennigs aber
blieb jetzt einen Augenblick auf die Stange gesttzt und wie in tiefen
Gedanken stehen; da schreckte ihn der nher und nher kommende Lrm der
Jger, das entfernte Bellen von Hunden aus seinem Sinnen empor. Er warf den
Blick schnell umher, ergriff den noch neben dem Hause liegenden Sattel
und Zaum, trug beides hinter dasselbe und rief nun mit leisem Pfiff sein
gehorsames Poney herbei.

Nun, Madame, werden Sie gleich Einquartirung bekommen, sagte der
Friedensrichter, whrend er sich schmunzelnd die Hnde rieb und zum
Feuer trat, an welchem Lucy und Sally jetzt eifrig beschftigt waren,
die verschiedenen, schnell hinzugerckten Lebensmittel zu vertheilen. --
'swird freilich knapp hergehen hier in dem engen Zimmerchen, man kann
sich das aber Alles eintheilen. Lieber Gott, in Arkansas lagen wir einmal
Siebenzehn in einem Raume, der, wenn nicht noch kleiner, auf jeden Fall
keinen Zoll breit grer war, als dieser hier. Draper macht wohl schon
sein Lager da zwischen den Betten zurecht? ja, ja, werden jedes Eckchen und
Winkelchen benutzen mssen; die Bursche sind wie das wilde Heer. Ob sie
den Neger nur haben? hoffentlich doch, hol der Henker eine solche schwarze
Bestie, schlgt ihren eigenen Herrn! Ei, wenn da nicht einmal ein Exempel
statuirt wird, dann wre man ja seines Lebens selbst nicht mehr sicher und
mte sich wahrhaftig frchten die eigenen Dienstboten zu zchtigen. Wie
ich gehrt habe, wollen sie zusammenlegen und den Eigenthmer wenigstens in
etwas schadlos halten.

Mr. Pitt hatte sich jetzt wieder halb dem Feuer und halb Mrs. Draper
zugekehrt, und diese hielt ihre Augen auch fest auf die seinigen gerichtet,
aber kein Wort vernahm sie von alle dem, was er ihr mit so bedeutender
Zungengelufigkeit erzhlte, ihr Ohr lauschte dem Rauschen der
Kleidungsstcke, dem unterdrckten Flstern ihres Mannes, und sie sah jetzt
pltzlich, wie sich die Gestalt des jungen Sclaven leise und vorsichtig
emporhob.

Wei nur der liebe Gott wo die Mnner so lange bleiben, unterbrach sich
jetzt selbst der kleine Mann, indem er einen Schritt vom Kamine zurcktrat
und nach der Thre sah. Mr. Hennigs kommt auch nicht wieder, der ist ihnen
wahrscheinlich entgegen; wo ist denn Mr. Draper?

Hier, Sir, antwortete dieser und trat einen Schritt vor, dicht hinter ihm
stand der Neger, und die geringste Bewegung htte ihn dem Friedensrichter
verrathen; die nchste Minute mute berhaupt das Schicksal des Verfolgten
entscheiden.

Da schlugen wiederum die Hunde an, es waren die Jger, die ebenfalls,
wie vor ihnen Hennigs und Pitt, durch den ziemlich begangenen Pfad
herbeigelockt, an der Grenze der niedergeworfenen Bume hielten und das
Haus anriefen. -- Mr. Pitt wollte in die Thre treten, geschah das, so
wurde es zu einer Unmglichkeit, den Neger hinauszulassen, und er war dann
rettungslos verloren.

Drauen lie sich der klagende Ruf einer Eule hren.

Bester Mr. Pitt! rief da Lucy pltzlich, drft' ich Sie wohl einmal
bitten, mir den schweren eisernen Topf hier auf die Kohlen zu heben, ich
kann ihn wahrlich nicht regieren und unsere Gste kommen schon.

O, mit dem grten Vergngen, mein Frulein! rief der bereitwillige
Friedensrichter und sprang schnell hinzu, lehnte sich mit dem linken Arme
gegen den ber den Kamin hinlaufenden Querbalken, und griff mit der Rechten
in die von Lucy schnell in den Henkeln des Gefes befestigten Topfhaken.

Sehen Sie, mein Frulein, das ist gar nicht so schwer, allerdings etwas
zu massiv fr eine Dame; aber -- doch wo wollen Sie ihn denn hin haben? auf
die brennenden Scheite? die mten wohl erst ein wenig zusammengeschoben
werden.

Ach bitte, bester Mr. Pitt, halten Sie ihn nur zwei Secunden, die Kltze
haben sich verschoben, warten Sie, ich richte sie gleich zurecht.

Lucy rckte mit dem Schreisen die im Kamine liegenden Brnde, und
Friedensrichter Pitt hielt indessen, dicht ber die Glut gebeugt, den
schweren Topf, da sich ihm das Antlitz immer rther frbte und der Schwei
in groen Tropfen auf seine Stirn trat.

Hinter seinem Rcken glitt eine, in einen braunen Ueberrock gehllte
Gestalt, den schwarzen Filz tief in die Augen gedrckt, zur Thre hinaus,
strich um die nchste, _der_ entgegengesetzten Ecke, wo sich die Hunde
befanden, und verschwand in der Finsterni hinter dem Gebude. Draper
folgte ihr hinaus vor die Thre.

So, Sir, jetzt nur dahin; ah, das ist recht, es ist Ihnen wohl sehr sauer
geworden? sagte mit mitleidigem Tone das schne Mdchen, und es war ihr in
diesem Augenblick, als ob sich eine Centnerlast von ihrer Brust wlze.

O bewahre, bewahre, erwiederte der galante Richter und benutzte
augenblicklich die nun freigewordenen Hnde, sein Taschentuch hervorzuholen
und sich die tropfende Stirn damit abzutrocknen; nicht mehr als gern
geschehen, das Feuer meint's brigens gut -- blitzmig hei. -- Wo bleiben
denn aber nur die Jger? aha, knnen auch nicht durch die Baumwildni vor
dem Haus, das geschieht ihnen recht, warum reiten sie nicht herum, bis sie
einen Eingang finden; habe mir auch meinen Weg suchen mssen.

Draper stand indessen vor der Thre seiner Wohnung und starrte in die
dunkle Nacht hinein, von drben her schallten die Stimmen seiner Nachbarn,
die fluchend und lachend herberschrieen, da er ihnen den geheimen Pfad
zum warmen Heerde zeigen mchte, und hinter dem Hause raschelte es in
den Zweigen und er vernahm leises Flstern. Schnell schritt er diesem zu.
Hennigs stand vor dem Neger, der seine Hand erfat hatte und sie trotz dem
Struben des jungen Mannes inbrnstig an die Lippen drckte. Der arme Knabe
konnte vor Schluchzen kaum reden und wollte sich immer wieder zu den Fen
seines Retters niederwerfen.

Unsinn, sagte dieser und schob ihn von sich, mach jetzt schnell, da Du
fortkommst, sonst wird's zu spt; meine Adresse hast Du, das Pferd schickst
Du mir nach St.Louis zurck.

Euer Pferd? frug Draper schnell.

Er kann nicht anders fort! flsterte Jener. Doch nun schnell, sonst
wird's beim ewigen Gott zu spt! Kannst Du reiten?

Den wildesten Hengst, der je einen Reiter abwarf, lautete die Antwort.

Desto besser, Du hast's vielleicht nthig, aber -- schone mir das kleine
Thier, wenn's irgend geht; es ist ein so gutes Poney wie eins in den
Staaten und -- mein einziges; aber alle Teufel, da kommen die Reiter herum;
Pest und Gift, wir haben so lange gezgert, bis sie uns auf dem Kragen
sitzen. Was nun thun? Willst Du jetzt fort, so mssen sie Dir begegnen; der
einzige Ausweg hier ist kaum dreiig Schritte breit.

Der Neger stand wenige Secunden lauschend still, doch das immer nher
kommende Galloppiren der Hufe lie keinen Zweifel mehr brig; was geschehen
sollte, mute schnell geschehen, und mit khnem Sprunge schwang sich der
Sohn Afrika's in den Sattel, winkte noch einmal mit der Hand und prete die
Flanken des kleinen, ungeduldig stampfenden Poney's. Im nchsten Augenblick
berflog es einen vor ihm liegenden umgestrzten Futtertrog und wollte eben
in den schmalen Pfad einlenken, der von hier aus allein durch das Gewirr
von Aesten und Zweigen fhrte, als von dorther ein lauter Jubelruf drang
und gleich darauf ein in ein helles Jagdhemd gekleideter Reiter erschien.

Hurrah! hier ist der Weg! schrie dieser, kommt an, Hilbert, im Hause ist
Licht und da vorn seh ich auch Gestalten, auf jeden Fall finden wir eine
trockene Stube und ein loderndes Feuer; wer zuerst am Kamin ist, bekommt
den besten Platz.

Benjamin erkannte mit Entsetzen die Stimme seines Herrn, das Blut erstarrte
ihm in den Adern, doch hier galt es Entschlossenheit, das Leben stand auf
dem Spiele; mit Blitzesschnelle glitt er aus dem Sattel, warf sich den Zaum
ber den Arm und schritt zurck, dem Hause wieder zu.

Halt da! schrie der voransprengende Wallis. Hier, Bursche, hrst Du
nicht? nimm mein Pferd auch mit, reib es tchtig ab und gieb ihm genug
Mais, die Thiere sind alle todtmde; leg' aber auch die Sttel ins Haus!

Und er schwang sich vom Rcken seines schnaubenden, schumenden Rappen,
berlie den Zgel dem Schwarzen, ohne diesen weiter eines Blickes zu
wrdigen, und eilte dann mit flchtigen Stzen der Thre zu; denn der bis
jetzt drohendbedeckte Himmel fing an in groen Tropfen die Boten eines
nahenden Unwetters niederzusenden.

Gerade zu rechter Zeit, wie abgemessen! rief er, als er das schtzende
Dach ber sich sah. Guten Abend, Ladies und Gentlemen, mssen tausendmal
um Entschuldigung bitten, es kommt aber eine ganze Jagdgesellschaft, die
Noth zwingt uns Ihre Gastfreundschaft in Anspruch zu nehmen.

Drauen sprengten die Reiter vor das Haus und hingen die Zume ihrer Thiere
an einzelne Aeste und schwankende Zweige der umhergestreuten Bume, whrend
sie vergebens nach dem Neger schrieen, die Pferde zu versorgen und zu
fttern.

Gentlemen, sagte Draper, der in diesem Augenblick in die Thre trat und
seine Gste bewillkommte; Sie rufen nach einem Neger, ich mu aber sehr
bedauern, da ich keinen habe, dehalb soll jedoch Ihren Pferden nichts
abgehen, ich werde sie selbst besorgen.

Ich habe doch mein Thier eben einem Neger bergeben! rief Wallis.

Das war ich! lachte Hennigs, der jetzt ebenfalls ins Trockene trat; ich
merkte wohl, da Ihr mich fr einen Nigger hieltet.

O, bitte tausendmal um Vergebung, Sir, sagte der Farmer, und trat, ihm
die Hand entgegenstreckend, auf ihn zu, es fing gerade an zu regnen,
und ich sah gar nicht ordentlich zu, dachte wahrhaftig, es wre so ein
schwarzer Hallunke gewesen. Seid brigens froh, Draper, da Ihr keinen
habt, nichts als Sorge und Noth mit den Bestien. Ah, guten Abend, Richter,
wie geht's? wohin? zur Betversammlung? das ist recht; es ist ein Glck
fr das Land, wenn die, so mit der Polizei desselben beauftragt sind,
auch ihren Gott darber nicht vergessen. Ein frommer Richter ist stets ein
gerechter Richter. Ich wrde auch mitgehen, aber leider hlt mich diesmal
die Verfolgung eines nichtsnutzigen Buben ab, den ich erst seiner gerechten
Strafe bergeben mu.

Der Eintritt der Uebrigen unterbrach hier den Redner, und es war fr den
Augenblick ein allgemeines Begren, Entschuldigen, Einanderausweichen und
Sthlercken, bis endlich, nach mancher Platzvernderung lebendiger, wie
lebloser Gegenstnde, eine Anzahl von Personen in dem engen Raume nicht
allein untergebracht, sondern auch verhltnimig bequem placirt war, von
der sich nur der einen richtigen Begriff machen kann, der einmal selbst in
einem solchen Haus gelebt hat und Zeuge gewesen ist, wie in einem Raum von
zwanzig bei zwanzig, das heit: zwanzig Fu lang und zwanzig breit,
zwei bis drei Familien mit einer unbestimmten Anzahl von Kindern im Stande
sind zu wohnen, kochen und zu schlafen.

Hennigs und Draper hingen sich nun, als sie das Innere des Hauses ein wenig
geordnet hatten, ihre alten wollenen Jagddecken ber, und eilten schnell
hinaus, die Pferde der Jger zuerst in einem gemeinsamen Trog zu fttern,
und sie dann, da von einem Stall oder Schuppen auch keine Spur in der Nhe
war, fr die Nacht ihrem Schicksal zu berlassen.

Der Sturm zog inde herauf, und rauschte und tobte in den alten,
weitgespreizten Wipfeln der mchtigen Bume; von Sd und Westen kam er
zusammen, und schleuderte seine gewitterschwangeren Hlfstruppen, die
flchtigen dunkeln Wolkenmassen, mit starken Fusten gegen einander, da
sie sich, grollend und tobend, mit den zuckenden Gluthlanzen die weiten,
giftgeschwollenen Buche durchstieen, und nun in tollen Schauern ihre
Strme auf die Erde hinabflutheten. Die Thiere des Waldes suchten ihre
versteckten Lager, die Eule selbst barg sich in der sichern Hhlung,
und verschob den Raub auf eine gnstigere Zeit. Nur der Wolf, der immer
gefrige, zog mit seiner wilden Schaar lauernd und geruschlos unter
den niederkrachenden Aesten hin, schnuppernd dabei die Nase erhoben, den
Schlupfwinkel irgend eines scheuen Wildes zu ersphen. Dann und wann aber,
wenn ein lauterer Schlag, als gewhnlich, den Wald durchdrhnte, und das
Echo aus den fernen Bergen klagend und grollend antwortete, dann stellte
sich wohl der Fhrer des Rudels, hob den langen, spitzen Kopf zu den
jagenden, ber ihn dahinstiebenden Wolken empor, und heulte seine klagende
Weise hinein in den Aufruhr der Elemente, da sich der unter das sichere
Farmhaus gedrckte Hund unruhig hob, knurrend einen Augenblick den
bekannten gehaten Tnen lauschte und sich dann, mit halb unterdrcktem
Bell wieder fester und wrmer zusammen rundete, als vorher.

Die Mnner im Innern der Htte lieen aber den Sturm Sturm sein; das war
ein alter Bekannter von ihnen, und das Niederprasseln einzelner Aeste, ja
oft ganzer Stmme, das Heulen wilder Bestien und das Rasen der Windsbraut,
sie hatten es schon wie oft gehrt. Ein loderndes Feuer, ein warmes
Abendessen und gute Gesellschaft lie sie bald Alles vergessen, was um und
ber ihnen vorging.

Hennigs war besonders ausgelassen lustig, und wenn auch Wallis und Pitt im
Anfang nicht so recht mit einstimmen wollten in seine Frhlichkeit, so ri
sie der unverwstliche Humor des jungen Mannes doch zuletzt ebenfalls mit
fort. Massen von alten Jagdgeschichten und Anecdoten wurden erzhlt, Scenen
aus dem Revolutionskrieg wieder aufgefrischt, da Pitt behauptete, die
Schlacht von New-Orleans mitgemacht und hinter den Baumwollenballen damals
mit vorgeschossen zu haben, und es mochte zehn Uhr sein -- eine fr
den Backwoodsman ungemein spte Stunde -- als die Mnner erst das Lager
suchten, um sich fr die Strapatzen des morgenden Tages zu strken und
krftigen.

Die Nacht ging es mit dem Lagerraum allerdings eng genug her, doch wuten
die Jger bald Rath; seine wollene Decke hatte ein Jeder mit. Einige
derselben wurden dehalb vor dem Feuer hingelegt, auf denen dann smmtliche
Gste in langer Reihe Platz nahmen, und ber diese wieder breitete nun ihr
Wirth Alles, was er nur an breitbaren Gegenstnden irgend vorrthig fand.
Ein gutes Feuer ward dabei ebenfalls die Nacht ber im Kamin unterhalten,
und die Mnner lagen -- wie es sich nur ein Jger wnschen kann -- warm und
trocken.

Der nchste Morgen fand brigens die Letztgekommenen am frhsten zum
Aufbruch fertig; Wallis war schon drauen gewesen, um nach den Pferden
zu sehen, als der anbrechende Tag kaum seine ersten bleichen Strahlen
von Osten herauf sandte, und die Uebrigen fachten indessen das fast
niedergebrannte Feuer wieder an, fllten den groen blechernen Kaffetopf
mit Wasser, und bereiteten Alles zu einem uerst frhen Aufbruch vor.

Nur Hennigs, sonst immer der erste, zgerte an diesem Morgen; an den
Kaminsims gelehnt, stand er, und starrte gedankenlos nach Mr. Pitt hinber,
der, noch der einzige Schlafende, in einer Ecke sein besonderes mit einem
Unterbett versehenes Lager gefunden hatte.

Hilbert und Wallis, deren Thiere indessen schon wieder gesattelt vor der
Thre standen, kamen jetzt herein, um das von den Frauen schnell bereitete
Frhstck einzunehmen.

Nun, Hennigs, sagte der Erste, als er seine am Feuer aufgehangenen
Leggins[6] anzog und mit dem einen hart gewordenen eben wieder zur Thre
zurckschritt, ihn auszureiben, Ihr seid ja heut' Morgen verdammt bequem,
Euer armes Poney steht da drauen, kaut an den Aesten herum und scheint
unmenschlichen Hunger zu haben.

  [6]: Die ledernen gamaschenartigen Ueberzieher der Jger.

Mein Poney? sagte Hennigs halb verwundert, halb unglubig, und hob den
Blick zu ihm auf.

Nun ja, das dort drben gehrt doch Euch, wie? so eine kleine rauhhaarige
Bestie giebt's ja weiter gar nicht am ganzen Missouri.

Hennigs war mit einem Satz neben ihm und blickte hinaus; wer aber
beschriebe seine freudige Ueberraschung, als er dort, mitten zwischen
Draper's Pferden, die durch das Unwetter heimgetrieben waren, sein eigenes,
liebes, kleines Poney erkannte, an das er den ganzen Morgen mit einem recht
wehmthigen Gefhl gedacht, und jetzt schon viele, viele Meilen von da
entfernt, todtmde durch den anstrengenden Ritt eines Verzweifelten,
vermuthet hatte.

War denn Benjamin zu Fue fort? so thricht konnte er doch nicht gewesen
sein.

Wie ist denn Pitt eigentlich hierher gekommen? frug Hilbert in diesem
Augenblick, und berzhlte leise murmelnd die Pferde, die fast smmtlich in
verschiedenen Gruppen vor dem Hause standen.

Auf seinem Fuchs, sagte Hennigs schnell, und blickte forschend nach dem
eben genannten Thier umher.

Auf dem Goldfuchs?

Ja; aber ich sehe ihn nicht.

Der ist auch nicht hier! meinte Hilbert, am Haus wenigstens nicht; denn
ich bin seit lnger als einer Stunde auf, und fast die ganze Zeit drauen
gewesen.

Mrs. Draper rief in diesem Augenblick zum Frhstck, und Mr. Pitt rutschte
schnell unter den ihn bis jetzt noch immer verhllenden Pferdedecken
hervor, zog seinen Rock an und trat hinaus vor die Thre, um dort in einem
groen blechernen Waschbecken Gesicht und Hnde zu baden. Die Jger aber
lieen sich indessen nicht besonders nthigen, sie langten wacker zu,
beendeten schnell ihr Mahl, und griffen dann, ohne weiteres Zgern,
nach ihren Bchsen, die gestern aufgegebene Hetze -- eine nun allerdings
hoffnungslose Arbeit -- wieder zu beginnen. Beim Essen schon hatten sie
den Plan verabredet, wie sie jetzt am Besten des flchtigen Negers habhaft
wrden, der ihnen, wie sie uerten, nach solch furchtbarem Wetter und in
dem Zustand, in welchem er sich befand, gar nicht mehr entgehen konnte. Wie
Draper jetzt vernahm, so waren auch schon am Missouri selbst alle Farmer,
die Boote im Flu hatten, von der Flucht des Sclaven in Kenntni gesetzt
und bereit, ihn aufzufangen. Ihre Absicht, was mit dem Unglcklichen
geschehen solle, wenn sie ihn ergriffen, uerten sie ebenfalls unverholen:
er hatte sich an einem Weien vergriffen, und der Tod war dafr sein Loos.
Der Friedensrichter stimmte ihnen auch darin vollkommen bei, und versprach
sogar, den nthigen Bericht darber an den Gouverneur des Staates zu
machen, um von dort her wenigstens einen Theil des Schadens fr den
Eigenthmer vergtet zu bekommen.

Fnf Minuten spter waren die Mnner beritten; riefen noch Dank und
Abschiedswort, von den Pferden herunter, ihren freundlichen Wirthen zu, und
sprengten dann, Wallis und Hilbert ausgenommen, in zwei Abtheilungen rechts
und links ab, dem Missouri zu, die beiden Letztgenannten aber bildeten,
mit den besten Hunden der Gesellschaft, das Centrum dieser Kette, die also
langsam und vorsichtig noch einmal den ganzen Wald durchsuchten, wo sie den
Flchtling vermuthen muten, und auf diese Art hofften, ihn entweder aus
seinem Lager auf-, oder doch den am Flu hin postirten Helfern in die Hnde
zu treiben.

Draper sah ihnen lchelnd nach und murmelte, als sie hinter den Bschen der
Niederung verschwanden, leise vor sich hin:

Geht nur, geht, ihr wackeren Mnner, hetzt eure Hunde und Pferde ab, um
einen Menschen zu jagen; den aber, den ihr sucht, bringt ihr mir nicht mehr
zurck. Hat er Glck, so kann er jetzt schon bald in Illinois sein, und Mr.
Peter Rollins mag ihm dort durchhelfen.

Zu seinem keineswegs freudigen Erstaunen entdeckte brigens Mr. Pitt, nach
eingenommenem Frhstck die Abwesenheit seines Pferdes, die er sich gar
nicht erklren konnte, da das Thier sonst noch nie in der Nacht den Trog
verlassen hatte, an dem es gefttert worden, und das Fortlaufen eines
Pferdes in solchem Wetter doppelt unwahrscheinlich wurde, wo im Gegentheil
alles zahme Vieh gern die Nhe menschlicher Wohnungen aufsucht. Hier half
aber weiter kein Besinnen, und er mute, wollte er die Betversammlung heute
nicht versumen, Mr. Draper's Vorschlag annehmen, der ihm eines seiner
Pferde zum Gebrauch berlie und den Goldfuchs zu suchen versprach, sobald
er selbst zurckkehren wrde. Die beiden Mnner ritten auch zusammen
voraus, und nur Hennigs blieb bei den Damen zurck, um diese, die erst noch
Manches zu ordnen wnschten, spter zu begleiten.

Kaum schlossen sich nun die Bsche hinter dem Friedensrichter und seinem
Gefhrten, als sich der junge Farmer, der ihr Fortreiten durch eine Spalte
der Htte beobachtete, mit triumphirendem Blick gegen die Matrone wandte.
Die arme Frau hatte aber nur mit frchterlichster Kraftanstrengung bis
dahin, und so lange die Fremden zugegen gewesen, ihre uere Unbefangenheit
und Ruhe behaupten knnen, jetzt, da der Zwang aufhrte, lieen auch ihre
Krfte nach, und das Antlitz in den Hnden bergend, sank sie zitternd auf
einen Stuhl nieder und schluchzte laut.

Mutter! riefen die beiden Mdchen, und sprangen an ihre Seite: liebste,
beste Mutter!

Mrs. Draper! bat Hennigs, beruhigen Sie sich doch; schmerzt es Sie denn,
da Sie ein Menschenleben gerettet haben?

Die Matrone bedurfte einige Zeit, ehe sie sich wieder sammeln konnte;
endlich blickte sie mit den thrnenden Augen zu dem jungen Mann auf, und
sagte leise:

Sie haben mich hart gestraft, Hennigs, ich werde gewi in recht, recht
langer Zeit nicht den gestrigen Abend vergessen, habe ich aber gefehlt,
so mag mir Gott die Snde vergeben, ich konnte nicht anders. -- Ach, unser
Herz ist ja so schwach, und wei wohl oft selbst nicht, wo es irrt und wo
es recht handelt. -- Wie ist der arme Junge entkommen, und ist er berhaupt
gerettet?

Er hat Pitt's Pferd mitgenommen, lachte Hennigs, dem Niggerfresser
kann das brigens nichts schaden. Ben mu gestern Abend doch natrlich
Alles mit angehrt haben, was er ber ihn und seine Race sagte, und da
verdenk' ich's ihm gar nicht, da er sich ein Bischen an ihm gercht hat.

O, das thut mir leid, das thut mir sehr leid, seufzte die Matrone,
htten Sie das nur verhindern knnen; ich wrde ihm ja so gerne eins
unserer besten Pferde berlassen haben.

Hennigs schwieg und sah vor sich nieder; jetzt nahm aber Lucy das Wort, und
rief:

Er _hat's_ verhindern wollen, Mutter, er hatte ihm schon sein eigenes,
einziges Poney gegeben, ich wei es, aber die Ankunft der Fremden trieb den
Flchtling wieder zurck. Erst spter, als Alle hier im Hause waren, mu
der Negerknabe zurckgekommen sein noch einmal mit Lebensgefahr das Pferd
seines Retters gegen das seines Feindes umzutauschen.

Hennigs reichte ihr die Hand hinber und flsterte:

Ich danke Ihnen fr das freundliche Wort, Lucy: jener Neger scheint aber
in der That Rcksicht auf mein Eigenthum genommen zu haben; er lie selbst
meinen Sattel zurck, den er durch darber hingelegte Bretter vor dem
nchtlichen Regen schtzte, whrend er sich selbst mit der schlechtesten
alten Satteldecke begngte, die er in der Geschwindigkeit finden konnte.

Wird er aber entkommen? frug Sally ngstlich.

Den seh'n wir nicht wieder, lachte der junge Farmer, seine Verfolger
glauben ihn nrdlich, weil er auch zu Fu und ohne Pa gar nicht anders
htte fliehen knnen, er ist aber jetzt in anderer, als der in der Zeitung
beschriebenen, Kleidung, beritten und mit einem guten Pa stlich, gerade
dem Mississippi zugeflohen. In St.Louis wird er sich bersetzen lassen,
und einmal in Illinois, droht ihm, unter diesen Verhltnissen, keine Gefahr
weiter. Der Goldfuchs ist ohnedem ein Prachtpferd, und mu ihn bald seinem
Ziel entgegen tragen.

Und Canada liefert ihn nicht wieder aus?

Nein, wahrlich nicht; einmal dort, bringt ihn ganz Amerika nicht wieder in
Banden; aber wollen wir nicht aufbrechen?

Ach, Mr. Hennigs, werde ich dem Prediger so frei ins Auge sehen knnen?
sagte Mrs. Draper seufzend.

Frei und klar! rief der junge Mann, wie Sie Ihr Auge zu dem heute ebenso
rein auf uns niederlchelnden Himmel heben knnen. Wir haben zwar Alle
gegen die Gesetze des Staates, aber, wie ich es fest berzeugt bin, nicht
gegen die Gesetze Gottes gehandelt, und die einzige Bedenklichkeit, die
ich jetzt bei der ganzen Geschichte habe ist die, da wir nicht entdeckt
werden. Doch auch das hat keine Gefahr, und so wollen wir uns die schne
Zeit nicht selbst mit unntzer Sorge und Noth verderben. -- Ist denn Lucy
jetzt mit mir zufrieden? flsterte er dann, und bog sich leise zu dem
schnen Mdchen nieder.

Sie sind ein guter, guter Mensch! sagte die Jungfrau, und reichte ihm
errthend die kleine Rechte.

       *       *       *       *       *

Acht Wochen mochten etwa nach den oben beschriebenen Vorfllen entschwunden
sein, der junge Hennigs hatte um Draper's ltestes Tchterlein angehalten,
und dieses auch, da in dem schnen Lande der Freiheit die Herzen, die
sich lieben, nicht erst eine hohe Polizei zu fragen brauchen, ob sie auch
einander angehren drfen, als sein braves Weib in die selbstgegrndete
Heimath gefhrt. Um aber nicht so weit entfernt von den Schwiegereltern zu
wohnen, so waren die beiden Mnner bereingekommen, das einmal von Draper
durch seine erste Niederlassung in Beschlag genommene Land gemeinschaftlich
anzubauen, und die schweren Aexte der wackeren Hinterwldler hatten sich
denn auch schon recht tief und erfolgreich in den stillen Frieden des
Waldes hineingearbeitet.

Mit Hlfe des Feuers, das die niedergeworfenen Riesenstmme verzehren
mute, dehnte sich ein recht stattliches Feld zwischen den beiden einander
gegenber stehenden Blockhtten aus, und von den Nachbarn angekauftes Vieh
theilte der kleinen Farm jene eigenthmliche, gemthliche Lebendigkeit mit,
ohne die selbst die bedeutendste Niederlassung doch nur eine Einde sein
wrde.

Da hielt eines Sonntags Morgens, gerade als sich die kleine Familie um den
reinlich gedeckten Tisch gesetzt hatte, auf dem saftiges Hirschfleisch,
braun gebackenes Maisbrod und die dampfende Kaffekanne zum leckeren Mahl
einluden, ein Reiter vor der Thre der Htte, und beide Mnner sprangen
gleich schnell und erstaunt von ihren Sitzen auf; denn kein Anderer war es,
als Squire Pitt auf -- seinem Goldfuchs.

Er wurde augenblicklich hereingenthigt, und sollte nun schnell erzhlen,
wo er das Pferd wieder bekommen habe, das seit jenem strmischen Abend
nirgends wieder gesehen worden war; Pitt aber, der schon mehrere Stunden
geritten sein und nicht unbedeutenden Hunger verspren mochte, wollte sich
auf keine Erluterungen einlassen, ehe nicht das Tischtuch abgerumt wre;
ein Stuhl ward ihm also rasch herbeigerckt, und unser Friedensrichter lie
dann auch der Kochkunst der jungen Frau alle nur mgliche Gerechtigkeit
widerfahren. Dann erst, als das Geschirr beseitigt und der Tisch
zurckgeschoben worden, lste sich seine Zunge, und halb in Entrstung
ber die Frechheit des Erlebten, halb aber auch froh darber, sein
vortreffliches Pferd, und noch dazu in so gutem Zustande wieder erhalten
zu haben, theilte er jetzt den ihm aufmerksam Zuhorchenden mit, auf welche
wunderliche Art er wieder zu seinem Eigenthume gekommen sei.

Denken Sie nur, Ladies, erzhlte er, gestern Abend sitze ich ruhig in
meinem Zimmer und bin entsetzlich mde; denn ich hatte mich den ganzen Tag
im Sattel herumgetrieben, da knurrt auf einmal mein kleiner Feist, der bei
mir im Hause schlft, und ehe ich nur aufstehen kann, tritt auch schon, wer
anders als der Postmeister vom nchsten Stdtchen drben, zu mir herein.
Erst glaubte ich, er kme aus der westlichen Ansiedelung und wollte zu
Hause reiten; aber Gott bewahre, er sagte, er brchte mir etwas, fat mich
beim Arm, fhrt mich vor die Thr und zeigt mir -- meinen eigenen Fuchs,
der leibhaftig vor mir steht und mich anwiehert. Ladies, es ist zwar nur
ein Vieh, aber ich fiel ihm vor lauter Freuden um den Hals und wollte
eben anfangen zu fragen, wem in aller Welt ich das Wiedererlangen meines
Eigenthums verdanke, als er mir einen Brief bergab und mir sagte, ein
Mulatte htte das Pferd da nach St.Louis gebracht, dort sich nach unserm
Postoffice erkundigt und dann einen Boten gemiethet, der Beides -- Pferd
und Brief -- in unsere Ansiedelung brachte. Das war nun schon an und fr
sich merkwrdig, das Merkwrdigste aber ist der Brief.

Von wem? riefen Alle zugleich.

Ja, das rathen Sie einmal! sagte der Kleine, indem er beide Arme vor
sich auf die Stuhllehne stemmte und ein verzweifelt geheimnivolles Gesicht
machte; aber geben Sie sich nur keine Mhe, Sie rathen es im Leben nicht,
denken Sie nur, von Ben, dem von Wallis entflohenen Nigger.

Konnte denn der schreiben? frug Draper unglubig.

Nein, das konnte er allerdings nicht, sagte der Friedensrichter, er
hat auch nur sein Zeichen, eine Art Kreuz, darunter gemacht, das ist aber
einerlei, ein anderer Nigger hat's fr ihn, von Canada aus, geschrieben.

Von Canada aus?

Ja, von Canada; die Bestie ist glcklich, Gott nur wei freilich auf
welche Art, nach Canada entkommen; das ist aber ein neuer Beweis, wie
wir den Englndern so bald als mglich ein Land abnehmen mssen, das uns
erstlich, nach der ganzen Natur der Sache, angehrt, und durch das die
Brger der Vereinigten Staaten schon so unendlichen Schaden erlitten
haben.

Aber was steht in dem Brief? frug Sally neugierig.

Der ist kurz und s, wie die Yankees sagen, brummte der
Friedensrichter, noch dazu von einem verwnschten Nigger selbst
geschrieben, der sich einen freien canadiensischen Brger nennt und mich
-- wenn ich die Canaille nur hier htte! -- herzlich gren lt.

Nun, das ist doch freundschaftlich, lachte Hennigs.

Freundschaftlich? der schwarze Lump nennt mich sogar sein liebstes,
bestes Pittchen und bittet mich, ich mchte ihn, wenn ich einmal nach
Toronto kme, doch auf jeden Fall besuchen.

Aber Ben? was schreibt Ihnen denn Ben, bester Mr. Pitt! bat Sally.

Ih nun, da er an dem Abend meinem Pferd im Walde begegnet und berzeugt
gewesen sei, ich wrde mir ein Vergngen daraus machen, es ihm auf wenige
Wochen zu berlassen, -- der Schuft! -- er kenne mein gutes Herz, sagt er,
und wnsche mir nur die Verwirklichung des Segens, den die Neger meiner
Nachbarschaft schon seit Jahren auf mich herabgefleht htten; als ob ich
nicht wte, da mich die schwarzen Hallunken alle wie die Pest hassen.

Und das Pferd?

Hat er, Gott wei durch welche Gelegenheit, nach St.Louis gesandt;
es wundert mich brigens doch, da ein Nigger ein gestohlenes Pferd
zurckschickt.

Und sollte es unter den Negern nicht auch brave, ehrliche Leute geben?
frug Mrs. Draper vorwurfsvoll.

Hm, ja, Madame, mgen da nicht ganz unrecht haben, sagte der kleine
Friedensrichter und machte sich fertig, nach Hause zurckzukehren: das
eine Beispiel spricht wenigstens dafr; doch, ich wei nicht, es rgert
mich auch wieder, da uns der schwarze Schuft so zum Narren gehabt hat.
Nun, ich will jetzt einmal zu Wallis hinber und den von der glcklichen
Flucht seines Sclaven in Kenntni setzen. Wird sich auch unmenschlich
darber freuen, ist ein reiner Verlust fr ihn von achthundert Dollar.

Der kleine Friedensrichter bestieg seinen schnen Goldfuchs, den er von
diesem Augenblick an Ben nannte, und ritt zum Squire Wallis ins nchste
County, -- den aber sollte er nicht mehr unter den Lebenden antreffen.
Ein von ihm mihandelter Mulatte hatte in Rache und Wuth eine Spitzhacke
ergriffen und diese seinem Master in die Schulter gehauen; eine Stunde
spter war er todt. Der Mulatte floh nun zwar nach der That dem Missouri
zu und wollte diesen durchschwimmen, konnte aber der reienden Strmung
desselben nicht widerstehen, und sank in demselben Augenblick unter, als
seine Verfolger das Ufer erreicht hatten und eben noch sahen, wie sich die
Fluth ber ihm schlo.

Das Alles schien brigens einen hchst wohlthtigen Einflu auf den Richter
Pitt ausgebt zu haben, er behandelte von da an seine Neger viel besser und
freundlicher, und es soll in neuerer Zeit keinem mehr eingefallen sein, ihn
den Negerfresser zu nennen.




Der Freischtz.

Scene aus dem Dresdner Leben.


  _Heute, Montag den 26. Februar in Kurfrstens Hof der Freischtz.
  Schauspiel mit Chren, in vier Aufzgen. Um gtigen Besuch bittet_

                                                      #Johann Magnus#.

Wo ist denn Kurfrstens Hof? frug ein junger Mann in schwarzer
Sammtmtze und blauer Pekesche den vorbeistrmenden Kellner, als er eben
den oben angefhrten Satz seinem, mit ihm an ein und demselben Tisch
sitzenden Freunde vorgelesen hatte.

Elbberg, rief der Schoolose und drngte sich, die ganze Hand voll
Bierkrge, wobei er an jedem Finger wenigstens drei zu tragen schien, durch
ein eben eintretendes Rudel neuer Gste, die frher erhaltenen Auftrge zu
erfllen. Weitere Aufklrung war augenscheinlich von diesem hochfrisirten
Ganymed nicht mehr zu erlangen; vom nchsten Tisch aber bog sich sehr
artig ein alter Herr in schneeweien Haaren und grner Brille herber und
erwiederte auf die, wenn auch nicht an ihn gerichtete Frage:

Unten, nicht weit von der Elbe, auf dem sogenannten Elbberg, dort kann
Ihnen jedes Kind das verlangte Haus zeigen.

Der junge Mann dankte und wandte sich wieder an seinen Gefhrten, der
indessen ebenfalls das Blatt genommen und die kurze Anzeige gelesen hatte.

Da mssen wir auf jeden Fall hin, Osfeld; es wird auch die hchste Zeit
sein, denn es hat schon acht geschlagen.

Wir kommen noch frh genug, meinte Osfeld, ich bin schon mehrere Male
bei Magnus gewesen; er beginnt selten vor halb neun Uhr.

Und wie ist's mit der Toilette? wird da nicht ein alter Rock und eine
etwas vom Wetter mitgenommene Mtze nothwendig sein? -- ich bekomme nicht
gern Schlge.

Unsinn, lachte Osfeld -- so schlimm ist's nicht, wir finden dort ganz
nette Leute; hchstens werden die, welche bei ernsthaften Scenen zu viel
lachen, oder sich sonst unntz machen, hinausbefrdert.

Also ein einfaches Ausweisungsprincip fr miliebige Personen, sagte der
Erste, den wir Wehrig nennen wollen -- dagegen lt sich Nichts thun, denn
das ist ein Erbfehler, dem wir armen Menschenkinder nun einmal unterworfen
sind; schon Adam mute sich das gefallen lassen.

Das soll aber auch mit Adam noch eine ganz andere Bewandtni gehabt
haben, meinte Osfeld, whrend er seinen Hut vom Nagel nahm und den Rock
zuknpfte. Adam hat, wie sich jetzt ziemlich deutlich herausstellt, auch
wissen wollen, _wehalb_ er nicht von dem Baume der Erkenntni essen
solle, und eine solche Neugierde lt sich ja bei uns nicht einmal ein
Brgermeister gefallen. Hier ist brigens keine Gefahr -- ich kenne die
Leute recht gut.

Dann weit Du also auch wo Kurfrstens Hof ist?

Nein, das nicht; Magnus spielt jeden Abend der Woche in einem anderen
Wirthshaus, und Garderobe wie Scenerie wird auf einem kleinen Handkarren
von Ort zu Ort mitgefhrt. Er bekommt dadurch stets ein frisches Publicum,
und kann nun ein und dasselbe Stck sechs bis siebenmal hinter einander
auffhren; die Schauspieler lernen dann auch gegen Ende der Woche ihre
Rollen ausgezeichnet.

Wie aber macht er es mit der Maschinerie, den Versenkungen etc.?

Oh, die letzteren besonders sind sehr einfach. Steht der Geist oder
Zauberer, der versinken soll, aufrecht auf der Bhne, so wird die Tuschung
dadurch erzweckt, da er sich schnell bckt und man ihm zu gleicher Zeit
aus der nchsten Coulisse heraus ein dunkles Tuch berwirft -- strzt er
aber vorher, und soll er als Leiche verschwinden, so mu er nur mit den
Fen dicht an oder hinter eine Coulisse zu liegen kommen, dann entzieht
ihn ein krftiger Ruck dem Gesichtskreis der Zuschauer, was auch, da die
Garderobe fr jeden Abend _geborgt_ wird, mit keinem Nachtheil fr den
Director selbst verbunden ist.

Also gar keine Maschinerie -- o weh Wolfsschlucht; doch was thut's, auf
jeden Fall sehen wir's uns an. Und die Freunde traten hinaus in die
kalte Nachtluft, die ihnen den gefrornen Thau in feinen scharfen Flocken
entgegenschleuderte.

Die Promenade war menschenleer und keine Seele begegnete ihnen durch die
ganze kegelbahnartig angelegte Allee bis zur Amalienstrae und von da hinab
bis zum nahen Ufer der Elbe, so da die spten Wanderer (es hatte eben halb
neun geschlagen) schon in eine noch erleuchtete Materialhandlung eintreten
wollten, um sich dort nach dem Ziel ihres Marsches, dem Schauplatz der
heutigen Auffhrung zu erkundigen, als ein altes Mtterchen, mit einer
grnen Glasflasche in der einen, und einem eingewickelten Hring in der
andern Hand, aus derselben Thre kam, und an ihnen vorbei, die Strae
hinaufgehen wollte.

Mchten Sie wohl die Gte haben, uns zu sagen wo hier _Kurfrstens Hof_
ist? redete sie jetzt Osfeld ganz artig an.

Die Alte blieb stehen, sah sich den Fragenden von oben bis unten sehr genau
an, warf dann den Kopf zurck und rief mit scharfen gellenden Tnen: Na ja
-- _Ihr_ wrdt' wohl Kurfirschtens nich wissen -- und setzte murrend ihren
Weg fort.

Osfeld und Wehrig lachten laut auf, jene aber, dadurch noch mehr in dem
Wahn bestrkt, da man sie hatte wollen zum Besten haben, wandte sich um,
schimpfte und -- sie war ja eine Deutsche -- drohte mit der Polizei.

Mehrere Fischerleute kamen jetzt die Strae herauf und verschwanden in
einer nicht mehr weit entfernten Thr, aus welcher, als sie geffnet wurde,
ein heller Strahl auf das Pflaster fiel. Nicht mit Unrecht schlossen die
beiden Freunde, da dies vielleicht der berhmte Platz wre, den _nicht_ zu
kennen hier fr unmglich, oder doch wenigstens unwahrscheinlich gehalten
wurde, und siehe da, sie hatten sich nicht getuscht. Eine schmale
Treppe fhrte zu dem Saal hinauf, an dessen Thre, mit etwas Mehlkleister
befestigt, ein Theaterzettel im Manuscripte hing, neben welchem eine
kurzgebaute, etwas breithftige Frau sa, die sich vor einem kleinen
Tischchen, das auer dem dnnen Talglicht und der kleinen blechernen Bchse
auch noch zwei Pakete sehr abgegriffener Billete trug, als der Kassirer
auswies.

War es nun eine, in dem bewegten Theaterleben erlangte Menschenkenntni
oder blos das Auftreten zweier anstndigen Tuchrcke, kurz die Frau griff
fast instinktartig nach den Billeten fr den _ersten Blatz_ und um 2
Neugroschen == Person, traten sie schweigend ein in Thalias Tempel.

Ein groer Saal, von dem die Bhne etwa ein Drittheil einnehmen mochte,
enthielt das Theater, und ein ziemlich viereckiger Vorhang mit gar
wundersamer Malerei, verhllte die Mitte, whrend zwei schmale Streifen
Wald (die Bume horizontal ausgespannt, um den leeren Zwischenraum
vollkommen zu verdecken) die Zuschauer von einem Versuch zurckschrecken
sollten, das Innere des Heiligthums zu erforschen. Nichts destoweniger
hatte sich ein Stck jungen Deutschlands an die dortige Wand gedrngt,
und dem khnen Forschergeist der hoffnungsvollen Jugend gelang es auch
wirklich, dann und wann einen flchtigen Blick auf ein geschminktes Antlitz
oder einen gewaltigen Federbusch werfen zu knnen, was dann augenblicklich
durch ein freundliches telegraphenartiges Grinsen den Kameraden mitgetheilt
wurde.

Vor dem Vorhang staken, auf schwarzen Blechprofitchen, fnf schwindschtige
Talglichter, und zwischen diesen und den, in doppelter Reihe aufgestellten
Rohrsthlen des ersten Blatzes lagerte, in malerischer Unordnung, die
frohe, jubelnde Schaar der Schulkinder, beiderlei Geschlechts, die hier --
fr einen Sechser Entre und der bernommenen Pflicht, das Ausblasen und
Wiederanstecken der Lichter zu besorgen, je nachdem es dunkel oder hell
werden mute -- theils lachend und schreiend, theils sehnschtig und mit
einem gewissen ehrfurchtsvollen Schauer, den Anfang des Stckes erwarteten.

Die Zuschauer hatten sich ungewhnlich zahlreich versammelt, und selbst
die Gallerie (ein aus mehreren mit Brettern berlegtes Gestell von
nebeneinandergesetzten sogenannten Bcken bestehend,) war so besetzt, da
Einzelne, die durch beharrliches Ausdauern die erste Reihe gewonnen hatten,
von ihrem, etwa zwei Fu hohen und etwas gefhrlichen Stand, herunter
gedrngt wurden, und nun, unter dem Hohnlachen der jedes Mitgefhls
unfhigen Menge, ein anderweitiges Unterkommen suchen muten, um auf den
Zehen und mit vergebens ausgestreckten Hlsen die Auffhrung zu genieen.

Nur mit groer Mhe und zu noch grerer Unbequemlichkeit der schon
Sitzenden, wurde, durch Zusammenrcken, den Letztgekommenen Platz gemacht.
Diese dann, der vordersten Stuhlreihe einverleibt, sahen sich pltzlich
inmitten der festzusammengekeilten Menge, wobei ihnen jedoch, whrend
ihre Kniee der vor ihnen lagernden lieben Jugend zu eben so vielen
Rckenkissen dienten, vollkommene Zeit blieb, die verschiedenen Gruppen der
brigen Zuschauer genau zu betrachten.

Die arbeitende Klasse war am strksten vertreten, und hbsche
Dienstmdchen, wie krftige Handwerker und Fischer, fllten fast den ganzen
Raum aus; auf den Sperrsitzen saen aber auch eine ziemliche Anzahl
nobel gekleideter Gste, und unter den letzteren fielen besonders zwei
wohlfrisirte und beglacehandschuhte Jnglinge -- augenscheinlich aus
einer der ersten Materialwaarenhandlungen der Residenz -- in die
Augen, wenigstens hafteten die Blicke der Jugend, so lange noch deren
Aufmerksamkeit nicht der Bhne zugelenkt wurde, fast ausschlielich auf
ihnen, wie sie, nachlssig auf ihren Sthlen zurckgelehnt, mit sehr
schwarzen Hten, peinlich blauen Halstchern, groen Ringen an den rothen
Fingern und mchtigen goldenen Halsketten, allerdings etwas auffallend
gegen ihre einfache Umgebung abstachen. Neben diese, nur eine Reihe weiter
vor, kamen die beiden Freunde zu sitzen, und hrten, wie der ihnen Nchste
zu dem Anderen sagte, whrend er das kleine schwanke spanische Rohr mit dem
maigrnen Glacehandschuh an die Lippen hob:

Eugene -- die Sache fngt an unangenehm zu werden -- es ist hier eine
abominable Atmosphre.

Auf Ehre, erwiederte ihm, als wirkliches Spiegelbild, Eugene -- ich
wollte wir wren in's Caf gegangen; es sind doch hier gar zu viele --
er beendete die Rede flsternd, da er wahrscheinlich von den hinter ihm
Befindlichen miverstanden zu werden frchtete.

Das brige, grere Publicum theilte brigens, wenn gleich aus einem
anderen Grunde, ihre Ungeduld, es ging nmlich stark auf neun, und trotzdem
wurden immer noch keine Anstalten sichtbar, da die Vorstellung wirklich
beginnen sollte. Man trommelte, tobte und schrie also so lange, bis sich
Herr Magnus endlich genthigt sah vorzutreten, um den Lrmenden anzuzeigen,
da die -- Garderobe noch fehle, in wenigen Minuten aber auf jeden Fall
erscheinen msse.

Ich habe keenen Hausschlssel mit! schrie eine sehr feine Stimme aus der
Mitte des Publicums heraus.

Ich ooch niche! erwiederte eine andere, vom entgegengesetzten Ende des
Saales -- und bei mir machen se punkt zehne die Bude zu.

Sie knnen ja immer anfangen, schlug ein Bckergesell vor -- wenn de
Garderobe nachen kimmt, werfen Sie die paar Lumpen schnell iber.

Noch mehrere solche gutgemeinte Rathschlge wurden laut, und der Director
war eben wieder achselzuckend und seitwrts in den linken Baumwipfel
verschwunden, als der rettende Engel, in Gestalt eines vierschrtigen
Hausknechts, erschien, der in einem mchtigen Tragkorb die so hei
ersehnten Costme herbeischaffte. _Mit_ der Garderobe kam denn auch ein
regeres Leben _in_ die Garderobe, und kaum eine Viertelstunde spter tnte
die helle Klingel -- Alles schwieg und -- auf rollte der Vorhang.

Krach!

Ach Herr Jeses! schrieen eine Menge Frauenstimmen, als der Schu --
so fast mitten unter ihnen -- fiel; bald war aber jeder etwa empfundene
Schreck ber das imposante Schauspiel vergessen, das sich jetzt, im eng
zusammengedrngten Raum ihren Blicken bot.

Rechts am Tische sa Max, in grner Jagdkleidung, der Scheibenknig,
dem zwei[7] Bauern in langer Reihe folgten, trat auf, und verhhnte den
unglcklich gewesenen Jger.

  [7]: Auf Magnus Theater drfen, wie bei jener Kaffeegesellschaft, nur
  immer viere auf einmal reden -- d.h. es ist ihm untersagt, mehr als
  vier Personen zu gleicher Zeit auf die Bhne zu bringen.

Die Scenerie war _Wald_ -- und zwar der Hintergrund aus hellbraunen
in ungeheuerer Perspective immer krzer und krzer werdenden Stmmen
bestehend, die jedoch, wunderbarer Weise, ihre natrliche Dicke
beizubehalten schienen. Rechts befanden sich ebenfalls zwei Waldcoulissen,
links aber und ganz vorn, stand ein vierstckiges, wunderbar gelbes Haus,
an welchem wiederum ein in der dritten Etage ausgeschobenes -- zwei Etagen
langes Schild mit einem halbgefllten Bierglas darauf, verkndete, da
diese Waldwohnung ein Wirthshaus sei.

Die nchsten Scenen gingen ziemlich ruhig und ohne irgend etwas
Auffallendes vorber -- Max schlug sich mit zwei Bauern herum, der
Erbfrster kam dazu, erzhlte seine alte Geschichte, und wurde, als auch
er die Scene verlie, von Caspar ersetzt, der jetzt, ohne die mindeste
vorherige Warnung, sein Trinklied: Hier im ird'schen Jammerthal
allerdings mit dem Originaltext, aber auch wirklich nach Original-Melodie,
anstimmte; dann schttete er dem Max ein Viertel Pfund gestoenen Zucker in
den Wein, whrend dieser am Tische sa, brigens -- seiner Rolle getreu, da
er das nicht sehen durfte, -- den Kopf wegwandte, und nun kam die Scene, wo
der junge Schtze den Adler aus hoher Luft schieen sollte.

Eine wunderbare Vernderung war aber indessen, und zwar mit Zauberschnelle,
im Gemthe des Max vorgegangen. Das Textbuch sagt nmlich:

man merkt ihm von jetzt eine gewisse Heftigkeit an, einem leichten aber
bsen Rausche gleich.

Nachdem er also, auf Caspars Veranlassung, den Frst hatte leben lassen,
fing er pltzlich an zu taumeln, und zwar so stark, da er sich fortwhrend
an der einen Tischecke festhalten mute.

Jetzt reichte ihm Caspar die Bchse, und Max frug mit schwerer, lallender
Zunge und halbgeschlossenen Augen:

Was soll ich damit machen?

Auf Caspars in die Hhedeuten, entdeckte er nun wirklich, wie er sagte, den
Adler, hob, fortwhrend dabei beschftigt sich im Gleichgewicht zu halten,
die Bchse an den Backen und -- drckte ab.

Klapp! -- das Zndhtchen versagte -- das Gewehr ging nicht los.

Probier es noch einmal! sagte Caspar mit merkwrdiger Geistesgegenwart.
Max setzte auch ein neues Zndhtchen auf, leider aber mit nicht besserem
Erfolg. Das Publicum war dabei so indiscret und lachte, als ob einem Jger
das Gewehr nicht manchmal versagte. Caspar jedoch, im Charakter seiner
Rolle berhaupt rgerlich -- setzte ein drittes mit eigener Hand auf, und
rief nun, als auch dieses kraft- und erfolglos blieb, mit unterdrckter,
aber trotzdem sehr deutlicher Stimme in die Coulisse hinein:

Werft ihn hinaus!

-- Niemand folgte dem Befehl--

Werft ihn hinaus! schrie er jetzt lauter und vernehmlicher.

Wen? frug die dnne Stimme aus dem Publicum.

Das Rthsel wurde jedoch gleich darauf gelst, denn aus der Coulisse
stieg, sich etwas ber den quervorgespannten Leinwandstreifen erhebend, ein
dunkler Gegenstand empor -- klappte oben an die Decke, und schlug dann, mit
schwerem Fall, vor dem entsetzten Max nieder. Leider war aber der Adler den
vorn brennenden Lichtern ein klein wenig zu nahe gekommen, denn die Kinder
vorne jubelten jetzt, halb in Freude, halb in Ueberraschung:

Herr Jeses -- enne dote Hinne -- enne dote Hinne! (Huhn.)

Hren Sie einmal -- wenn Sie Nichts dagegen haben, so wr es mir lieb,
Sie nhmen Ihren Hut ein wenig ab, sagte in diesem Augenblick ein
breitschulteriger, rothbckiger Fischer, der dicht hinter einem der
vorerwhnten Jnglinge stand; ich habe bis jetzt nur den Vogel und Ihren
Deckel gesehen.

Seine Anrede wurde brigens nicht gehrt, oder nicht beachtet, denn mit
einem verchtlichen Emporwerfen der Oberlippe sog der, dem die freundliche
Ermahnung galt, nur um so eifriger an den elfenbeinernen Stockknopf, und
der Fischer, der wahrscheinlich nicht beabsichtigte sich den angenehmen
Abend durch Zank und Aerger zu verderben, arbeitete vor allen Dingen seine
beiden breiten Hnde aus den Taschen der weiten Beinkleider heraus, und
begann nun, wobei er jedoch ziemlich hoch hinaufreichen mute, mit den
Fingern eine noch nicht componirte Melodie auf dem Deckel des ihm die
Aussicht versperrenden schwarzen Seidenhutes zu trommeln.

Die Trommel wandte sich sogleich darauf sehr indignirt um, und ein paar Tod
und Verderben sprhende Augen blitzten darunter hervor; der Fischer aber
blieb, die Hnde wie zu einer Pause erhoben, ruhig stehen, nickte
nur freundlich grinsend dem Entrsteten zu, und fuhr, als jener sein
zorngerthetes Antlitz wieder der Bhne zukehrte, hchst gemthlich in
dem kurzabgebrochenen zweiten Theil des Liedes fort, so da sich der junge
Dresdner endlich genthigt sah den Hut aufs Knie zu nehmen.

Der erste Akt nahte so, ohne weitere Unterbrechung, seinem Ende, nur
flogen, als Caspar dem Max das Huhn unter die Augen hielt, und ihn frug,
ob er glaube, da ihm dieser Adler geschenkt sei -- einige halbe Bretzeln
auf die Bhne, was einige der vorn gelagerten Knaben zu einem tollkhnen
Einfall in das Herz des Heiligthums bewog. Aennchen aber, die mit einer
Klemmbrille auf der Nase und dem Soufflirbuch in der Hand hinter der
Coulisse stand, trieb die Eindringlinge mit drohender Geberde schnell
zurck, konnte jedoch nicht verhindern, da diese ihre Beute erst in
Sicherheit brachten, und auch noch, bei dem etwas bereilten Rckzug, ein
Talglicht mitnahmen, was indessen keine strenden Folgen weiter hatte,
da andere Knaben theils das umgestoene Licht schnell wieder befestigten,
theils das sitzengebliebene Talg von den Unaussprechlichen des Frevlers
abkratzten.

Max aber lehnte -- alles Andere nicht beachtend, in tiefen Trbsinn
versenkt, mit der Schulter an der vierten Etage des Wirthshauses, und
schaute sinnend vor sich nieder, bis er endlich mit dem Stichwort zu
Caspars groer Arie -- die dieser freilich als zur Oper nicht unumgnglich
nthig, weglie -- abtaumelte, und der Vorhang fiel.

Rauschender Applaus folgte dem Aktschlu; dann aber, nachdem der
Hflichkeit Genge geleistet, wurden einige sehr unzufriedene Stimmen laut,
und verlangten _Chor_ -- es stnde _Chor_ auf dem Zettel und sie wnschten
deshalb auch _Chor_. Durch sich selbst genhrt wuchs der Tumult, und der
Director, der erst mit der Klingel den Lrm beschworen hatte, trat, diese
noch immer in der Hand, vor, und erklrte nun feierlichst, da der Chor
allerdings gesungen wrde, nur mten sie ein klein wenig Geduld haben,
da jetzt erst die Wolfsschlucht kme, und diese allerdings _keinen_ Chor
vertrge.

Strmischer Applaus zeigte, wie einverstanden das Publicum mit der
Direction sei, und die Masse drngte sich jetzt dem Bffet zu, wo
verschiedenfarbige Liqueure, Lagerbier, Kaffee, Grog, Kuchen und Wrste
nebst diesen verbrderten Semmeln in reicher Auswahl zu haben waren.

Unsere beiden Freunde hatten, dem Beispiel der Uebrigen folgend, ihre Sitze
ebenfalls verlassen, als auf einmal ein ganz eigenthmliches Gedrnge --
ein frmliches Wogen der Masse entstand, ohne da irgend ein bestimmter
Zweck dieser pltzlichen, nach einem Punkt hin gerichteten Bewegung,
deutlich wurde; nur zur Thr strmte die Menge. Da erkannten sie
pltzlich in deren Mitte -- unglckliche Leidensgefhrten -- die beiden,
blaubehalstuchten Jnglinge, die heftig gegen den, sie weiter und weiter
vorwrts drngenden Volksknuel anzuprotestiren schienen. Wohin sie
jedoch auch zornig und wthend blickten, begegneten ihnen nur freundlich
zunickende Gesichter, ein ungeheurer Humor hatte die Menschenwoge erfat,
und die zwei Mibeliebten -- mit denen nur die, sich dicht um sie
her Befindenden vollkommen einverstanden schienen -- wurden trotz alles
Strubens und Fluchens, fortwhrend aber in der herzlichsten Art von der
Welt, ja von einem Theil des weiblichen Publicums sogar mit zugeworfenen
Kuhnden -- frmlich _hinausgefluthet_.

Osfeld, seiner Versicherung nach mit dem Director bekannt, versprach jetzt
dem Freund, ihn bei jenem einzufhren, und zog ihn, nachdem er ohne weitere
Umstnde den einen quergezogenen Waldvorhang bei Seite geschoben hatte, in
das Innere des Heiligthums.

Dort sah es bunt aus; das Theater nahm fast die ganze Breite des Raumes
ein, und nur ganz schmale, an den Seiten hinlaufende Gnge lieen
ebenfalls kaum so viel Zwischenplatz brig, da die Abgehenden vollkommen
verschwinden konnten; nichts destoweniger hatten die Schauspieler
durch jahrelange Uebung eine gewisse Fertigkeit erlangt, durch rasche
Seitenbewegungen bei jedem Abgang schnell die Coulisse zwischen sich und
das Publicum zu bringen, das dann seine Vorstellung von dem, hinter und
neben der Bhne befindlichen Raum, ins Unendliche ausdehnen konnte.

Die jungen Leute schritten jetzt quer ber die Breter, die die Welt
bedeuten hin, und zwar zu dem, mit einer grnen Decke verhangenen
Garderobenzimmer. Dort traten sie ein und fanden sich hier pltzlich in der
wunderlichsten buntesten Gesellschaft, die sich nur mglicher Weise und der
wirklich regsamsten Einbildungskraft, denken lie.

Rings an den Wnden standen kleine Tischchen, mit traurig flackernden
Talglichtern, die dem ganzen Raum nur eben genug Helle gaben, um sein
dsteres Aussehen recht deutlich hervorzuheben. Kleine Kasten mit
zerbrochenen Stcken Spiegelglas, Schminktpfe, Schminkpapier und
Baumwolle, angebrannte Korkstpsel, Flitterband, zerdrckte Blumenbouquets
und farbige Glasperlenschnre lagen berall umher, und Agathe und Aennchen
waren eben noch beschftigt, ihren Wangen die zu Braut und Brautjungfer
nthige Frische zu verleihen.

Osfeld wurde von Allen als Bekannter begrt, und hatte keine Schwierigkeit
seinen Freund ebenfalls da einzufhren; gerade jetzt drngte jedoch die
Zeit zu sehr, als da sich Einer der Beschftigten htte mehr als in
kurzer Anrede mit ihnen einlassen knnen; sie bekamen dehalb auch um
so ungestrtere Gelegenheit, sich in dem kleinen Raum vollkommen gut
orientiren zu knnen.

Eine besonders interessante Gruppe bildete hier der Erbfrster Kuno und
Samiel, von denen der Erstere dem Letzten eben, mittels eines angebrannten
Korkstpsels, die Nase schwarz frbte, damit diese, wie er auf Osfelds
Frage erklrte, dem Gesicht das Aussehen eines Todtenkopfes gbe.

Denn sehn Sie, nahm hier Samiel, sie als ein hchst artiger Teufel
begrend, das Wort, wenn de Nase schwarz is, so sieht man se nich vom
Bublikum aus, und dann kriegt das Gesicht was Schreckliches!

In dem Augenblick klingelte es, und der Vorhang ging wieder auf; die
beiden Freunde blieben daher, um whrend der Auffhrung keine Strung zu
verursachen, hinter der Scene, und unterhielten sich indessen mit Herrn
Magnus, der eben beschftigt war, ein ziemlich umfangreiches wahrscheinlich
eben gestimmtes Hackebret wieder in seinen Kasten hineinzulegen, da sie
ihm, wie er uerte, whrend der Wolfsschlucht hineindmmern knnten.

Agathe sowohl wie Aennchen schienen aber ungemein wenig von ihren Rollen zu
knnen, und der Director glaubte den Gsten darber eine Erklrung schuldig
zu sein.

Sehen Sie, sagte er, die _neuen_ Stcke, die geben wir gewhnlich hier
immer erst einmal am Montag bei Kurfirschtens, und die betrachten wir
gewissermaen als Generalprobe; kommen wir nachher am Mittwoch in's
Weinlaub oder gar am Sonnabend in die schwarze Gasse -- dann geht's auch
dafr wie geschmiert.

Aber sagen Sie einmal Herr Magnus -- frug jetzt der zu ihnen tretende Max
-- hier im Buch -- o Sie entschuldigen -- wandte er sich gleich darauf
mit einer Verbeugung an die Fremden, hier im Buch steht, Max soll sich den
Hut in's Gesicht drcken und zu verschiedenen Thren abgehn -- er darf
doch nicht wieder kommen?

Au! sagte Osfeld, den Wehring in diesem Augenblick rcksichtslos auf den
Fu getreten hatte.

Ne, ich bitte Sie um Gottes Willen, rief zu gleicher Zeit der Director
-- so sein Sie doch nicht so -- Herr Gott, da drauen sehn sie sich schon
nach Ihnen um -- sie kommen ja--

Und Max kam wirklich, denn mit flchtigem Blick hatte er sich von der
Wahrheit des Gesagten berzeugt -- sein Stichwort war gefallen, und wie ein
junger Sturmwind, nur freilich von der ganz entgegengesetzten Seite, als
von welcher ihn Agathe erwartet hatte, stob er auf die Bhne und spielte in
lobenswerther Leidenschaft die Scene durch.

Da aber nun, wie Herr Magnus jetzt uerte, die Vorbereitungen zur
Wolfsschlucht zu viel Raum wegnahmen, um blos zwischen dem Hintergrund und
der Rckwand abgemacht zu werden, so mute nach dieser Scene der Vorhang
wiederum fallen, und der wichtigste Moment des Stcks nahte sich seinem
Beginnen.

Kaum war die Leinwand herunter, als Magnus mit einem Satz auf die Bhne
sprang und eine ungeheure Eule an die Coulisse schrauben wollte.

So halten sie doch nur uff! meinte aber Samiel sehr ernsthaft -- es mu
doch erscht verwandelt werden.--

Ja so! sagte der Director, und nahm den Vogel der Nacht wieder an sich,
einige von den Schauspielern dagegen stiegen schnell auf hinzugerckte
Sthle und knpften die Bindfaden am oberen Theil der Coulissen auf, welche
diese im Mittelpunkt festhielten. Die Stube fiel dann auch im nchsten
Augenblick zu den Fen der Bume nieder, wo sie an der Wurzel der
Riesenstmme auf einem Hufchen liegen blieb; die Hinterdecoration glitt
auf gleiche Art ber sich selbst zusammen und -- furchtbar ghnte der
dstere Abgrund. Nun wurden ebenfalls die nthigen Vorrichtungen fr das
wilde Heer getroffen. Die Figuren nmlich, als: Drachen, Molche, Schlangen,
Eulen und Gerippe, alle von Magnus selbst in der Gre eines migen
Haushahns, auf Pappe gemalt, kamen an ein dnnes, von der rechten zur
linken Hintercoulisse gespanntes Seil, damit der Spuk quer ber die Bhne
gezogen werden konnte.

Zu den ferneren Schrecknissen der Hllenschlucht gehrte auch noch ein
Haufen Pflastersteine, die, als Entschuldigung fr Todtenkpfe, zu dem
Zauberkreis verwandt werden sollten, und neben diesen lag ein Haufe dnn
gezupften Werges (Hede) dessen Nutzen aber erst spter klar werden sollte.
Auch die Eule sa jetzt, fest angeschraubt, auf ihrem Zweig, (oder vielmehr
auf freier Luft neben der Coulisse) whrend hinter ihren uerst rund
ausgeschnittenen Augenhhlen ein matt und schlfrig loderndes Dreierlicht
brannte. Drauen aber, vor der Bhne, jubelte und tobte die Menge.

Anfangen -- anfangen -- schrie das Publicum -- das whrt ja ene
Ewigkeit! piepte eine einzelne Stimme -- wir wollen mithelfen,
antworteten andere. -- Anfangen -- Vorhang auf! tobte das Chor wieder,
und Magnus, schnell gefat, ergriff die Klingel, und bearbeitete sie nach
Leibeskrften.

Herr Jeses -- ich habe den Drehschwrmer noch nich fest! rief Samiel
erschrocken.

Thut Nichts -- beruhigte ihn der Director -- ich klingelte nur, damit
die Flegel da vorne glauben sollten, es ginge an, und Ruhe halten. Das
Mittel erwies sich auch als probat, denn der Sturm war beschwichtigt, und
Alles harrte, in gespannter Erwartung, der Dinge die da kommen sollten.

Wr' es nicht besser, wir shen uns die Wolfsschlucht von drauen mit an?
frug Osfeld den Freund -- der Eindruck ist auf jeden Fall strker.

Gern! erwiederte Jener, aber was zum Henker macht denn der dort mit dem
Werg?

Sein Ausruf bezog sich auf einen kleinen dnnen Mann, der hinter der ersten
Coulisse niedergekauert sa, und mit der ernsthaftesten Miene von der Welt
das Werg in kleine Kgelchen zusammendrehte und neben sich legte. Eben,
als sie ihn ber dessen beabsichtigte Nutzbarkeit fragen wollten, hatte
der auf's neue erwachte Unmuth des jetzt kaum noch zu bezhmenden Publicums
seinen Hhepunkt erreicht, und die Klingel tnte nun in gutem Ernst, so da
die Beiden kaum noch Zeit behielten vorzuspringen und ihre Pltze wieder
einzunehmen. Da rollte der Vorhang auf und zugleich tnte des Directors
Stimme von Innen hervor:

Lichter aus!

Das lie sich denn auch die liebe Jugend nicht zweimal sagen -- unter
lautem Jubelruf fielen sie mit Mtzen und Hnden ber die unglcklichen
Talglichter her -- denn Jeder wollte des Ruhmes theilhaftig sein, bei dem
Theater mitgewirkt zu haben -- und in wenigen Secunden herrschte finstere
grausige Nacht in der Schreckensschlucht.

Caspar stand in der Mitte und legte den Zauberkreis von Dresdner
Straenpflaster, whrend dicht neben ihm ein mit Augen und Nasenhhlen
versehener Krbis, Gastrollen als Todtenkopf gab.

Chorsingen! schrie da eine Stimme aus dem Publicum -- aber Ruhe --
Ruhe! gebot es von allen Seiten, und der gottlose Jger begann, gerade
als hinten auf einer groen blechernen Kanne zwlfe geschlagen wurde, seine
Beschwrung. Kein Laut regte sich weiter -- kaum athmen hrte man die fest
zusammengedrngte Menschenmasse -- auf den Zehen, mit vorgestreckten Hlsen
und zum Aeuersten aufgerissenen Augen starrten sie hin auf das, was sich
jetzt vor ihnen entwickeln sollte -- aber Nichts -- gar Nichts konnten sie
sehen. Samiel erschien -- wenigstens vernahmen sie seine Stimme -- doch
tiefe Nacht deckte, hchst allegorisch, den Frsten der Finsterni, --
Max trat auf, und die Gestalt wurde, als sie in den Vordergrund schritt,
allerdings sichtbar, wie er aber rief: er she seiner Mutter Geist --
_so_ lag sie im Grab-- und von Agathe erzhlte, die in den Flu springen
wollte, da brummte der kleine dicke Fischer, der jetzt ganz behaglich einen
der leergewordenen Sthle eingenommen hatte, leise vor sich hin:

Der mu drmen -- ich sehe wee Gott nischt.

Der Kugelsegen kam jetzt, und mit ihm das ganze Schauerliche der Schlucht;
Magnus postirte sich dabei hinter die Eule und zog ruckweise an einem dort
befestigten Bindfaden, um dieser die Flgel zu lsen. In der Maschinerie
selbst mute aber wohl etwas versehen sein, denn der einzige Erfolg des
Ziehens war das Herunterfallen des Lichts, wobei die Eule natrlich die
Augen schlo, als ob ihr die ganze Schlucht zuwider gewesen wre.

Zwei! sagte Caspar, und aus der linken Coulisse flog ein Irrlicht
in Gestalt einer brennenden Flocke Werg, und zwar gerade auf des
Kugelgieenden Leib geschleudert -- der sich dessen jedoch noch entledigte.

Drei! und mehre Irrwische zuckten in schneller Reihenfolge auf den
trotzigen Jgerburschen ein.

Werfen Sie doch nicht so hierher -- flsterte dieser schnell und heftig
in die Coulisse hinein -- Sie brennen Einem ja die Lumpen an -- _Vier_!

Immer dichter flogen die leuchtenden Flocken, und aus der
gegenberstehenden Baumgruppe kam ein einsamer Schwrmer herausgezischt.

Fnf! sagte Caspar -- zwei Schwrmer prasselten dabei von der linken, ein
dritter von der rechten Seite los, und hinten wlzte sich etwas Schwarzes
ber die Bhne; was? konnte natrlich nicht ergrndet werden, und nur eine
Frauenstimme hielt es -- jedoch auch nur vermuthend -- fr Magnussens
Jungen.

Das Schreckliche schien jetzt seinen hchsten Grad erreicht zu haben --
die vorngelagerte Jugend hatte sich dicht zusammengedrngt, und schaute mit
unheimlichem Grausen auf das teuflische Treiben hin, was sich vielleicht
zum ersten Mal vor ihren Blicken erschlo.

Sechse! brllte Caspar, und jetzt flog auf einmal ein ganzer Klumpen
flammenden Werges schnurgerade auf ihn zu, so da er, ohne dadurch im
Mindesten aus der Rolle zu fallen, aufsprang, gotteslsterlich und recht
fr den Platz passend an zu fluchen fing, und in die Coulisse hinein
drohte. Derselbe dunkle, schon frher erwhnte Gegenstand kam dabei zurck,
wieder brannten mehrere Schwrmer ab, im Hintergrund, doch unsichtbar,
ahmten verschiedene hohe und tiefe Stimmen eine Anzahl von Haus- und wilden
Thieren nach, und Caspar sthnte:

Wehe das wilde Heer!

Diese Ankndigung und der Lrm war jedoch Alles, was man von der Existenz
desselben erfuhr, denn nach dem Verplatzen der Schwrmer hatte sich eine
solche gyptische Finsterni auf der Bhne gelagert, da man von den
kleinen Pappfiguren, die in diesem Augenblick aller Wahrscheinlichkeit nach
ber die Scene gezogen wurden, auch nicht die Spur erkennen konnte.

Sieben! rief Caspar -- in der Dunkelheit umhertappend -- und jetzt kam
der Schlueffekt des Ganzen. Der unbekannte Feuerwerker, der auf diesen
Moment sicherlich schon sehnschtig gewartet hatte, schttete pltzlich in
boshafter Schadenfreude einen frmlichen Sprhregen lodernder Wergkugeln
ber den unglcklichen Jgerburschen aus -- Max fiel auf die Pflastersteine
-- Agathe hob das heruntergefallene Licht wieder auf, und steckte es hinter
die Eule, Samiel trat mit _einem_ groen Schritt auf die Mitte der Bhne,
und entzndete hier mit gewandter Hand den Drehschwrmer, der sein
Feuer rcksichtslos umhersprhte, die unbekannten Thierstimmen mit
Peitschenknallseinsollendem Indiehndeschlagen wurden wieder hrbar und
unter dem donnernden Jubelruf der Menge fiel der Vorhang.

Auf der Bhne schienen aber trotzdem die Spielenden ihre Rollen noch nicht
beendet zu haben, denn kaum war mit dem Fallen der bunten Leinwand dem
Publicum der Anblick smmtlicher Schrecknisse entzogen, als auf der rechten
Seite die Wald-Vorhnge zurckgerissen wurden, und mit Blitzesschnelle das
kleine drre Mnnchen hervorglitt, das Wehrig frher schon als Feuerwerker
aufgefallen war. Seine Eile erschien brigens vollkommen gerechtfertigt,
denn dicht hinter ihm, und als er eben mit unbeschreiblicher Gewandtheit
zwischen den Fen der noch immer der Bhne Zugedrngten, verschwunden
war, fuhr ein frchterlich bemaltes roth erhitztes Gesicht, zum Entsetzen
einiger friedlichen postirten Dienstmdchen, aus der Walddecoration hervor,
und die funkelnden, rachesprhenden Augen sprachen ganze Bnde. Caspar
durfte sich aber jetzt unmglich schon wieder unter dem Publicum zeigen, es
htte die schne Illusion zu sehr zerstrt -- einen bittern Fluch also nur
dem nachschickend, der ihn -- berdie, schon von dem Hllenfrst bedrngt
-- so schwer gergert hatte, zog er den Kopf wieder zurck und das
Blttermeer schlo sich ber ihm.

So schnell die Erscheinung jedoch auch wieder verschwunden sein mochte, so
war sie doch nicht unbeachtet vorbergegangen, und von Mund zu Mund lief
der Ruf--

Du -- hast 'en gesehn? das war der Caspar!

Herrliches Jagdwetter heute! wer kennt nicht den Anfang des letzten Aktes
-- die Jger traten auf. Waren aber die Spielenden schon im ersten Akt
ber das confus gewesen, was ein Jeder zu sagen hatte, so nahm dies jetzt
wirklich auf eine an das Wunderbare grenzende Weise berhand, und Keiner
wute mehr, mit welchem von ihnen der Souffleur sprach.

So hatte, zum Beispiel, in der Scene zwischen Max und Caspar, jener diesen
um seine letzte Freikugel gebeten, Agathe soufflirte aber nun schon
zum fnften Mal, und zwar mit lauterer Stimme: Schuft! aus der ersten
Coulisse heraus, und Max that noch immer nicht, als ob ihn die Rede
berhaupt etwas anginge, so da dadurch Caspar verleitet wurde, den
Kameraden so grblich zu beleidigen und dieser nun zornig abging.

Chor singen -- Chor singen! schallte es jetzt wieder und zwar ziemlich
dringend, aus dem Publicum heraus -- Chor singen! tnte es von allen
Seiten wieder, Jungfernkranz singen -- Jgervergngen singen! -- auf dem
Zettel steht _Chor_ -- _Chor_! rief und schrie es durcheinander.

Bin doch neugierig, sagte Osfeld, wie sie da drinnen den Chor zu Stande
bringen werden -- komm, wir wollen einmal zusehen, vielleicht knnen wir
helfen!

Mir recht, lachte Wehrig, es ist berdie nicht gut, da der Ba sonst
gewhnlich beim Jungfernkranz fehlt.

Sie standen auf, und erreichten, nach unzhligem Bitte um Entschuldigung's
und Haben Sie die Gte's den Eingang zur Bhne, auf der aber indessen eine
wesentliche Vernderung vorgegangen, und alles Teuflische -- nur Samiel
ausgenommen -- verschwunden war. Selbst die Eule lehnte, mit dem Kopf nach
unten, in der Ecke, und das Hackebrett paradirte jetzt frei und offen auf
einem schmalen Tisch, vor welchem Magnus im Anzug des Frsten Ottokar, mit
wehenden Barrettfedern stand, und in jeder Hand einen der Klppel schwang,
mit welchen das Instrument gespielt werden sollte.

Der Vorhang war indessen wieder aufgezogen und der Tumult hatte sich
beruhigt -- Aennchen erzhlte ihre Kettenhundgeschichte, und nun traten
die Brautjungfern herein. Da aber -- ehe noch ein frevelnder Mund das Wort
Chor aufs Neue aussprechen konnte, quollen die sanften Tne, von wirklich
gebter Hand hervorgelockt, aus den langgespannten Stahlsaiten, und Magnus
prludirte den Jungfernkranz (der soll nie sagen, da er ein Deutscher
sei, der _das_ Lied nicht kennt) whrend die hinter den Coulissen
Stehenden, als: Caspar, Samiel, Max, der Eramit wie er genannt wurde, und
selbst Osfeld und Wehrig in Ba und Tenor mit einfielen zu dem, was Agathe
und Aennchen vorn _auf_ und etwa ein halbes Dutzend Freiwilliger, indessen
_vor_ der Bhne sang. Zur Untersttzung piepten noch, aber nur leise und
schchtern, einige dnne Kinderstimmen mit ein, in den feierlichen Chor,
und Frst Ottokar fuhr jetzt, mit khner Hand in die Variationen des Liedes
eingehend, schnell und sicher ber die Saiten hin.

Da schwieg der Chor pltzlich -- die Todtenkrone hatte sich gefunden -- die
Brautjungfern standen entsetzt -- aber das Hackebrett schwieg nicht -- wild
rauschten die Tne -- veilchenblaue Seide -- die Droschkenfahnfarbenen
Barettfedern schwankten ber dem Instrumente, die immer grere Aufregung
des Spielenden bekundend. Vergebens that der Eramit Einspruch --
vergebens nahm sich selbst Samiel der Sache an -- Ottokars Seele lag in
den Saiten, und erst, als schon Alle abgegangen waren, als die Stube wieder
heruntergefallen, als Caspar, Max und Kuno aufgetreten, ja erst dann, als
man nach dem Frsten rief -- verstummte der Jungfernkranz--

Ottokar sprang empor und war in dem einen Moment wieder ganz der Frst. Mit
stolzen Schritten trat er vor, sah sich im Kreise um -- hob die Hand, und
stimmte im nchsten Augenblick mit starker, wenn auch etwas heiserer Stimme
das Jgerlied an.

Hierin aber war Publicum zu Hause -- von allen Seiten her fielen sie,
freilich in gar sehr verschiedenen Tonarten, ein, und ein solcher Sturm
bewegte pltzlich den kleinen Raum, da ein friedlicher Polizeidiener,
der bis dahin -- incognito -- in dem benachbarten Schenkzimmer neben einem
Glase Bier geschlafen hatte, pltzlich, vllig munter geworden, aufsprang
und dem Schauplatz zueilte, da er -- wie er spter uerte -- geglaubt
hatte, es keilten sich welche.

Bis zu diesem Lied nun, war noch Alles so ziemlich in seinem ruhigen Gleis
fortgegangen; bis hierher schien doch Jeder wenigstens eine Ahnung von dem
gehabt zu haben, was in seiner Rolle stehe; von nun an aber entstand eine
Verwirrung, wie sie wohl noch selten dagewesen. Kein Mensch wute mehr
was er zu sagen hatte und welches sein Stichwort sei. -- Jeder sprach die
verkehrten Stze, und Agathe, die hinter der Coulisse vor soufflirte,
mute sich, nach einem Ausdrucke des Eramiten die Seele aus dem Halse
schrein.

Zu diesem kam nun noch, da der Director selbst die ganz besondere
Eigenheit hatte, nie dieselben _Worte_, sondern immer nur den _Sinn_ dessen
wiederzugeben, was ihm soufflirt wurde. Geschah das nun aus Stolz, oder aus
dem Bewutsein innerer Ueberlegenheit -- wer konnte es ergrnden; nur wrde
es Jeden zur Verzweiflung gebracht haben, der auf ein richtiges Stichwort,
von seiner Seite gewartet htte.

~Wo ist die Braut? ich habe so viel zu ihrem Lobe gehrt, da ich auf
ihre Bekanntschaft recht neugierig bin!~ flsterte die Souffleuse nun zum
dritten Mal.

Wo steckt aber denn nur die Braut! sagte Frst Ottokar, sich berall
umsehend -- ich bin recht neugierig geworden, ihre werthe Bekanntschaft zu
machen.

~Ich habe so viel zu ihrem Lobe gehrt!~ keuchte der Souffleur.

Soll ein recht gutes Mdchen sein, sagte der Frst.

~Nach dem Beispiel Euerer erlauchten Ahnen, war't Ihr immer sehr huldreich
gegen mich und mein Haus,~ rief der Souffleur wieder; Kuno aber, der wohl
fhlte, da er in diesem Augenblick etwas zu sagen hatte, obgleich er
kein Wort von dem verstand, was Agathe -- die bis dahin ebenfalls ziemlich
heiser geworden war -- auf der andern Seite ablas, fate sich ein Herz,
trat einen Schritt vor, und begann:

_Dorchlauchigster!_

~Nach dem Beispiel Eurer erlauchten Ahnen war't Ihr immer sehr huldreich
gegen mich und mein Haus!~

Dorchlauchigster, wiederholte Kuno -- der die letzten Worte verstanden
hatte -- was mich und mein Haus betrifft ---- er stak fest -- keine zehn
Pferde Kraft htte ihn wieder losgerissen. Da nahm Caspar das Gesprch auf,
und dankte dem Frsten fr die Huld, die er seinem Haus und ihm stets
bewiesen habe.

Max mute nun laden, und Agathe flsterte, ber das Buch hinwegsehend:

~Caspar hat vielleicht noch seine letzte Freikugel -- er knnte wohl gar
-- noch einmal und nimmer wieder.--~

Alles schwieg.

~Caspar hat vielleicht noch seine letzte Freikugel -- er knnte wohl gar
-- noch einmal und nimmer wieder~ -- sagte die Souffleuse, dringender als
vorher.

Niemand regte sich -- da trat Frst Ottokar, der doch wohl nicht so ganz
sicher war, ob das vielleicht in seiner eigenen Rolle stehe, vor, streckte
die rechte Hand aus und sprach:

Nun so schie -- die eene Mal noch, aber nie wieder.

Max scho wirklich -- die Bchse ging glcklich los, und Caspar, der
sich indessen schnell hinter ein im Hintergrund vorgehaltenes Stck Wald
gestellt hatte, strzte von seiner Hhe herunter und wand sich auf der
Erde.

Nun aber nahm es die Geschicklichkeit und Aufmerksamkeit der Schauspieler
im hchsten Grade in Anspruch, die folgende Scene zu spielen, und doch
in gleicher Zeit zu nicht mehr als der gesetzlichen Zahl, zu _vieren_,
zusammen auf dem Theater zu stehn. Agathe bergab also schnell dem Aennchen
ihr Soufflirbuch, rief: schie nicht Max -- ich bin die Taube und fiel in
Ohnmacht, Kuno aber und der Frst traten in die Coulisse, und whrend Max
neben Agathen kniete, erschien Samiel hinter seinem Opfer. Unsichtbarer
Weise rief dabei Kuno:

  Schaut, o schaut,
  Er traf die Braut,
  Der Jger strzte vom Baum,
  Wir wagens kaum
  Nur hinzuschau'n,
  O furchtbares Schicksal, o Graun!

Caspar wand sich inde in frchterlichen Zuckungen auf der Erde und stie
seine gotteslsterlichen Reden aus, whrend Samiel einige, mit diesen
harmonirende Bewegungen machte, als ob er im Begriff sei, jenem die Seele,
wie einen Bandwurm, aus dem Leibe zu ziehen.

Dem Himmel Fluch -- Fluch Dir! schrie der zum Tode verwundete Jger.

~Das war sein Gebet im Sterben,~ flsterte der Souffleur.

Keiner achtete darauf -- Max beschftigte sich mit Agathen -- die Uebrigen
waren nicht da -- so erbarmte sich denn Samiel -- that einen letzten Ruck
-- als ob ihm die Seele abgerissen wre und sprach mit dumpfer Stimme:

Das war sein Gebet im Sterben! -- dann erfate er den Krper des Caspar,
schleppte ihn der Coulisse zu und wollte ihn eben hineinschleudern; der war
ihm aber entweder zu schwer geworden, oder er hatte vielleicht aus versehen
auf den Jagdrock getreten, kurz er kam ins Stolpern, lie jenen, noch halb
auf dem Theater fallen, und scho, ber sein Opfer hinweg, in die Coulisse,
und -- wahrscheinlich in den Abgrund der Hlle hinein; wobei er sich aber
das Uebriggebliebene augenblicklich nachkommen lie.

Nach Abgang dieser Beiden trat auch der Frst mit Aennchen wieder heraus --
Agathe erholte sich und Max gestand nun sein Verbrechen. Hierauf folgte
die Ausweisung, und in diesem Augenblick, whrend Aennchen wieder in die
Coulisse verschwand, erschien der Eramit.

Sein Auftreten war feierlich -- der Frst, Max und Agathe knieten vor ihm
nieder -- segnend breitete er seine Hnde ber sie aus -- tiefes
Schweigen herrschte im Saal -- die vorn gelagerte Jugend lauschte in der
gespanntesten Erwartung. Da drohte pltzlich eine, aus dem Nebenzimmer
kommende, hchst profane Stimme den ganzen schnen Zauber zu zerstren.

Glckner! rief es.

Ja! antwortete ein tiefer Ba aus der Mitte des Publicums.

Spielst' en Schaafskopp mit?

Ne -- jetzt noch niche -- aber gleich -- entgegnete Glckner. Doch
Niemand lachte. Ruhe! rief der kleine dicke Fischer, und sah sich
rgerlich um, und Ruhe! Pst! pst! tnte es von allen Seiten. Die Ruhe
war augenblicklich wieder hergestellt -- und der Frst wurde nun vershnt
-- Max bekam ein Jahr Urlaub, und jetzt pltzlich fuhr eine lange Hand
links aus der Coulisse heraus und schttete etwas auf die Erde -- in der
nchsten Secunde folgte dem Vorangegangenen ein brennendes Schwefelholz,
und mit den Schluworten

-- darf kindlich der Milde des Vaters vertraun! stieg eine
blulich-rothe, bengalische Flamme auf, die das ganze Theater in ihren
magisch rosigen Schein hllte.

A -- h-- tnte es aus jedem Munde -- der Eramit hob, wie betend, seine
Hnde empor, und -- der Vorhang fiel schnell.

Da erst gewann Publicum Athem und Besinnung wieder.

Caspar 'raus! tobte jetzt die Menge -- 'raus! 'raus! Caspar 'raus!

Samiel ooch! piepte die ganz feine Stimme.

Caspar 'raus -- 'raus mit 'em Caspar!

Osfeld und Wehrig suchten Caspar zu berreden, da er sich doch dem
Volke zeigen mchte, dieser aber, der sich schon eines hchst nthigen
Kleidungsstckes entledigt hatte, rief ihnen entgegen:

Ich kann ja nicht -- ich bin ja schon ausgezogen-- doch was halfen
solche Entschuldigungen -- es tobt der See, und will sein Opfer haben.
Caspar 'raus, donnerte die Menge, und er mute, wohl oder bel, in das
Kleidungsstck zurckfahren. Schnell zog er sich dabei noch den alten
Oberrock ber, frug den Director, als er sich die Haare aus dem Gesicht
strich und die zwei untersten Knpfe einhakte, was zeig' ich denn an? und
trat auf die schnell gegebene Antwort hinaus.

Bravo! schrie die Masse -- noch emal so en Feier! eine einzelne
Stimme, und Caspar sprach, die rechte Hand auf dem Herzen und mit tiefer
Verneigung:

Ich hoffe -- diesen Beifall -- nicht verdient zu haben -- heute ber acht
Tage -- fuhr er dann aber mit etwas erhhter Stimme fort, werden wir die
Ehre haben wieder aufzufhren:

_Kunibert von Eulenhorst oder der geschundene Raubritter --
Ritterschauspiel in fnf Aufzgen._

Magnus soll leben -- hoch! jubelten ein paar Tenorstimmen -- hoch! und
abermals hoch! fiel der Chor ein, und hinaus strmte das Publicum ins
Freie. -- Zur Thr drngte sich die muntere Schaar, die jungen Leute,
die Mdchen und das Militair, die Fischer und Handwerker, scherzend und
lachend, ein Theil noch in dem Wirthshaus selber den Abend zu verbringen
und auf dem schmutzigen Billiard die Kugeln hinber und herber zu stoen,
oder sich auch in kleinen Gruppen durch die Stadt zu zerstreuen, den
eigenen rmlichen Wohnungen zu, und von Samiel und Wolfschlucht zu trumen.

Osfeld und Wehrig aber blieben noch zurck und waren schweigende Zeugen,
wie die Herrlichkeit verging, wie die Lichter erloschen -- die Knstler
wieder _Menschen_ wurden. Das Komische war entschwunden und der Ernst des
Lebens schaute hhnisch, wie aus einem nackten Todtenschdel hervor.

Was macht das Kind? frug Max, der die Jagdkleider abgelegt und nur die
Reiterstiefeln noch anbehalten hatte, eine junge Frau -- _seine_ Frau, die
eben zur Thr hereintrat.

Es lebt noch, erwiederte diese mit verweinten Augen -- wenn du's aber
noch einmal sehen willst, so mach', da du zu Hause kommst.

Ist Ihr Kind so krank? frug Osfeld theilnehmend.

Ja -- ich glaubte nicht, da ich es nach dem Theater noch am Leben finden
wrde -- seufzte Max aus tiefer Brust.

Wie konnten Sie aber spielen, wenn Sie Ihr Kind zu Hause so leidend
wuten?

Der Winter ist hart, seufzte die Frau -- und die paar Groschen thun
Noth. Damit verschwanden die Beiden in der Thr.

Magnus sah ihnen, das Kinn in die Hand gesttzt, nach; dann wandte er
sich seufzend ab und murmelte -- mehr mit sich selbst, als zu den Anderen
redend:

Ja, ja -- es thut weh -- recht weh -- dagegen kommt's aber doch nicht auf,
wenn man drauen stehn und den Hanswurst machen, tanzen, springen und tolle
Spe reien mu -- und daheim dann indessen die Frau auf dem Stroh liegt.

Und das haben Sie gethan?

Der Mensch kann viel ertragen, fuhr der Director fort, indem er das
Hackebret wieder in den Kasten legte -- leben, mein Gott, leben wollen wir
ja Alle -- ich habe sieben Kinder.

Bringt Ihnen denn das Theaterspielen auch so viel ein, _da_ Sie davon
leben knnen? frug Wehrig.

Im Winter, ja -- wenn nur die langen Sommerabende nicht wren -- da
aber einen ganzen Abend Komdie zu spielen und nachher -- es ist schon da
gewesen, _vier Pfennige_ auf den Antheil heraus zu bekommen, da reicht's
denn freilich nicht einmal fr trocken Brod aus.

Warum ergreifen Sie aber nicht etwas Anderes, verstehen Sie keine
Profession?

Ja -- aber das ist zu spt! seufzte Jener, ich bin alt und schwchlich
-- wrde auch keine Kundschaft mehr bekommen.

Dann sollten Sie sich aber wenigstens bemhen, Ihr Theater so viel als
mglich zu verbessern. Eine erhhte Bhne wrde Ihnen zum Beispiel
einen viel greren Zuhrerkreis sichern, weil dann auch die weiter
Zurckstehenden im Stande wren, von den Schauspielern mehr zu sehen, als
eben die Kpfe.

Ja, wenn ich das drfte! erwiederte der Director, das ist mir aber
polizeilich verboten -- warum? wei der liebe Gott; sie knnen doch
unmglich frchten, da ich dem _Hoftheater_ Schaden thue. Auch darf ich
nie mehr wie vier Personen auf einmal drauen stehen lassen -- da kriecht
immer so ein oder der andere Polizeidiener hier herum, und neulich, wo
einmal aus Versehen fnfe geblieben waren, zeigte mich der an, und
ich mute einen Thaler und fnfzehn Neugroschen Strafe bezahlen -- das
schmerzt. Ein und zwanzig Groschen hatten wir im Ganzen eingenommen, und
nun noch der Saal und die Lichter. Ja, wenn die groen Herren da oben
nur manchmal wten, wie ungerecht solche Strafen vertheilt sind -- sie
nderten es gewi ab -- denn _so_ bs sind sie nicht, sie wissen's nur
nicht. Ein Thaler fnfzehn Neugroschen -- das klingt ihnen so unbedeutend
-- so wie gar Nichts -- und dafr muten neun Menschen zwei Tage lang
hungern.

Lt sich denn aber dagegen gar Nichts thun? frug Osfeld.

Gegen die Polizei? meinte achselzuckend Magnus und lchelte mitleidig
ber die Frage. Doch, meine Herren, ich mu zu Hause -- die Frauen sind
schon Alle fort -- beehren Sie uns doch recht bald wieder. Damit folgte
er, den jungen Leuten erst noch freundlich die Hnde drckend, den
Vorausgegangenen.

Osfeld und Wehrig wollten sich jetzt ebenfalls entfernen, als ihnen der
noch bis zuletzt gebliebene Intriguant entgegentrat.

Komischer Mann, das -- sagte er, dabei mit dem Finger hinter dem Director
d'rein deutend -- lamentirt in einem fort, und ist eigentlich selber
Schuld daran.

Aber wie so? frug Osfeld -- er thut doch wohl Alles, was in seinen
Krften steht?

Zugegeben, lchelte Jener, indem er dabei ein Tpfchen Schminke, ein
wenig Baumwolle, ein Endchen Talglicht und einen am untern Ende schwarz
gebrannten Korkstpsel zusammen in ein Papier wickelte, und dies in die
hintere Rocktasche schob -- zugegeben, da er wirklich Alles thut, was in
seinen Krften steht -- das ist aber nicht genug -- er mu _mehr_ thun, er
mu speculiren. Sehen Sie, zum Beispiel mit der Garderobe--

Die borgen Sie fr jeden Abend, nicht wahr?

Ganz recht -- theilweise wenigstens, denn ein paar Schwerter und andere
Geschichten haben wir schon -- aber was kostet das? Dafr bekommt der Jude
die Woche _zwei harte Thaler_ -- ich habe meinen Aerger schon genug darber
gehabt. Wenn man einmal Abends in Gedanken bei feuchtem Wetter mit den
hirschledernen Stiefeln zu Hause geht, oder sich aus Versehen mit so einem
erbrmlichen sammtmanschesternen Wamms zu Bett gelegt hat, da vielleicht
Morgens noch ein paar Federn d'ran hngen, dann ist immer gleich der Teufel
los -- wozu das? warum schaffen wir uns nicht Garderobe an? warum _kaufen_
wir uns keine?

Kaufen? entgegnete ihm Wehrig -- wovon denn? der Director klagt ja doch,
da er kein Geld habe; wovon soll er also Garderobe kaufen? etwa auf Credit
nehmen?

O ja -- das wre eine sehr gute Idee, der Credit, rief der Schauspieler,
indem er sich noch einmal im Zimmer umsah, ob er Nichts vergessen habe, und
dabei smmtliche Taschen befhlte -- sehr gute Idee das, aber -- es borgt
uns Niemand -- der Versuch ist schon mehrere Male gemacht. Nein, _Umsicht_
gehrt dazu, und mit Umsicht wollte ich ihm in vier Wochen Garderobe
herstellen.

Doch auf welche Art? frugen die jungen Leute, jetzt selbst neugierig
gemacht, zu gleicher Zeit.

Auf sehr einfache! sagte der Intriguant, und fing an, seinen schon
etwas mitgenommenen Rock bis oben hinauf zuzuknpfen. Sehen Sie, bei
Conversationsstcken, da mu sich Jeder seine eigenen Lumpen halten, und da
wir die Woche hindurch immer nur _ein_ Stck, wenn auch an fnf oder sechs
verschiedenen Orten geben, so sparen wir also in jeder solchen Woche
zwei Thaler. Nun lassen Sie uns einmal vier Wochen hintereinander
Conversationsstcke geben -- und da kommen immer nur erst _vier_ auf jedes
Wirthshaus -- dann haben wir _acht harte Thaler_ gespart, und damit kauf'
ich dem _Teufel_ seine Garderobe ab.

Mit acht Thalern? rief Osfeld erstaunt aus.

Mit acht Thalern, betheuerte der Intriguant, whrend er sich den Hut in
die Stirn drckte, und ein kleines Bndel, das er in der Hand trug, und was
einem reinen, wahrscheinlich noch zu schonenden Hemd sehr hnlich sah --
fester zusammenrollte und unter den linken Arm schob -- mit acht
Thalern kaufe ich den ganzen Bettel -- doch es wird spt, der Wirth will
zuschlieen -- also -- 'pfehle mich ergebenst, meine Herrn! -- und damit,
weil er wahrscheinlich glaubte, die Laien tief genug in die Geheimnisse
seiner Berechnungen eingeweiht zu haben, stieg er die steile Treppe hinab.

Die jungen Leute sahen ihm mit einem Gemisch von Staunen und Mitleid nach,
und einen eigenen unheimlichen Zauber fast bte dabei ihre ganze trostlose
Umgebung; der Wirth aber, der schon seit einigen Minuten, mit einem dnnen
flackernden Talglicht in der Hand, das Fortgehen der so lange Sumenden
erwartet hatte, schien nicht Lust zu haben noch lnger seine eigene
Bequemlichkeit wie das Talglicht der Zugluft preis zu geben. Sie folgten
seiner ungeduldig werdenden Bewegung, er schlo dicht hinter ihnen die
Thre zu, ri den Zettel ab, und berlie es Jenen, ihren Weg ins Freie
zu finden, was jedoch, mit Hlfe einer noch im Vorhaus brennenden Laterne
gelang.

Bald standen sie wieder am Ufer der Elbe, und der heitere, blauklare
Nachthimmel lachte hell und freundlich auf die stille Erde, auf Glckliche
und Unglckliche hernieder.




Die Schoonerfahrt.

Neuseelndische Skizze.


Am Horizont dmmerte der Tag -- vom nicht mehr fernen Inselufer herber
trug der warme Nachthauch die sen wrzigen Dfte tropischer Vegetation,
und oben am mattblauen, noch hie und da mit erbleichenden Sternen
geschmckten Himmel, schwebten kleine milchweie Wolken, und errtheten
freudig, als sie endlich die lang erharrte, strahlende Sonne erkannten und
ihren Morgenku auf den Wangen fhlten. Unten aber, ber das noch in
grauer Dmmerung lagernde Meer, strichen ernst und schweigend einzelne
breitschwingige Albatrosse hin, und regten nur in langen Zwischenpausen
die mchtigen Flgel, da sie, in ihrer gespensterhaften Weise fast den
Geistern der Nacht glichen, die das helle Licht der Sonne zu frchten und
zu fliehen schienen.

Wie ein schlummernder Kolo lag der Ocean, und in ruhigen gleichmigen
Athemzgen hob sich die Schwellung der Wasser. Hie und da nur brach
ein spielender Delphin die stille Ruhe, oder der gellende Schrei eines
Wasservogels strte den schlafenden Pelikan, der sich, sein Nachtwerk
vollendet, regungslos mit der Fluth heben und schaukeln lie, und jetzt
nur den rasch emporgehobenen Kopf rgerlich schttelte und wieder unter den
Flgel schob.

Immer lichter wurde es im Osten; einzelne leuchtende Strahlen schossen
ihre zndenden Pfeile schon mitten ins Herz der ngstlich zurckdrngenden
Finsterni hinein, und jetzt -- rasch und pltzlich, wie sich in den Tropen
der junge Tag aus den Armen der Nacht reit--, tauchte die groe goldene
Sonnenscheibe herauf, ber das blinkende funkelnde Meer. Vor ihr her aber,
als ob sie selber, der neugewonnenen Himmelsluft froh, so recht krftig und
wohlgemuth aufathme aus tiefster Brust, sandte sie ihren Hauch, und leise
tndelnd und spielend lief der ber die, smmtlich die kleinen Mulchen
nach ihm aufspitzenden Wellen hin, und kte sie alle, alle die munteren
blitzenden Dinger, mit ihren treublauen seelenvollen Augen.

Rasch stieg die Sonne empor und ihr Schein, der die weite Flche mit seinem
Glanze erfllte, fiel auch auf ein einzelnes schneeweies Segel, das wie
ein mder Seevogel auf dem Wasser lag und seinen Bug dem immer klarer im
Sden hervortretenden Landstreifen entgegengerichtet hielt. Es war ein
Schooner und zwar nach Art der amerikanischen Schnellsegler betakelt,
aber mit etwas breiterem, schwerflligerem Bug und nicht so starr und keck
emporragenden Masten und Spieren -- ein sogenannter Sidney Schooner,
wie sie theils die australischen Ksten befahren, theils auch nach den
benachbarten Inseln, ja oft bis selbst nach Neuseeland hinberschiffen und
Sturm und Wellen trotzen.

Der Kasuar, wie das kleine Fahrzeug hie, hatte denn auch die Reise von
Port Jackson aus in gar kurzer Zeit zurckgelegt und befand sich jetzt nur
noch wenige Meilen von seinem Ziel entfernt, dem nordstlichen Ufer
der Insel Ika-na-mawi, welche zugleich die nrdliche Hlfte der groen
Doppelinsel Neu-Seeland bildet. Der Wind aber, der bis dahin gar munter
ihre Segel geschwellt, hatte gnzlich nachgelassen, oder doch wenigstens
in der herberwehenden Landbriese einen Gegner gefunden, gegen den er nicht
ankmpfen konnte oder mochte. In der Morgendmmerung, wo Land- und Seewinde
einander ablsen, war denn gar noch jeder Luftzug eingeschlafen, und die
Segel hingen schlaff und unthtig an den Masten nieder, gegen die sie nur
manchmal, wenn die Schwellung der Wasser das sich hchst passiv verhaltende
Fahrzeug hin und her schaukelte, schwerfllig anschlugen.

Thtiger zeigte sich dagegen die Mannschaft des kleinen Seebootes; von
den vier Matrosen, die oben beschftigt waren, arbeiteten drei gar
fleiig daran, die weien Deckplanken mit rasch heraufgeholten Eimern voll
Seewasser noch immer weier und reiner zu scheuern und zu sphlen, und auf
dem Hinterdeck, die beiden Arme fest auf die Starbord Bulwarks[8] gestemmt,
sa ein kleiner, ziemlich corpulenter Mann, mit von der frischen Morgenluft
gertheten Wangen, deren Schimmer in der breitvorstehenden Nase einen
Wiederglanz zu finden schien. In den Hnden hielt er brigens ein langes,
gerichtetes Teleskop, mit dem er das vor ihnen liegende Land scharf und
aufmerksam beobachtete. Er senkte wenigstens dann und wann das Glas,
wischte sich mit dem Zipfel eines rothseidenen Taschentuchs das rechte Auge
aus, und begann seine Forschungen aufs Neue.

  [8]: Starbord und Larbord heien die beiden Seiten eines jeden
  Fahrzeugs, und zwar die rechte, vom Steuermann aus gerechnet, Starbord,
  die linke dagegen Larbord oder Backbord.

Der einzige, anscheinend Mige am Bord, war der am Steuerrad lehnende
Matrose, denn der hielt, wie er so da stand, die Speichen eigentlich nur
dehalb fest, um seine eigene, nachlssig in sich selbst zusammengesunkene
Gestalt zu untersttzen. Dann und wann schaute er dabei, mit einem
halb schlfrigen Ausdruck in den gleichgltigen Zgen zu den unthtig
niederhngenden Segeln und der schlaffen am Hintermast befestigten
Windfahne auf, und fiel nachher, als ob er damit jeder nur von ihm zu
fordernden Pflicht ganz vollkommen gengt habe, gemchlich in seine alte
Stellung zurck.

Da tauchte noch ein anderer Kopf aus der Kajtenluke empor, und gleich
darauf stiegen zwei Gestalten an Deck, von denen sie die eine leicht als
_Master_ des kleinen Fahrzeugs erkennen lie; die andere dagegen gehrte
einem mehr fremdartigen, in seine Umgebung nicht recht passenden Wesen
an, das wir dehalb schon und seiner ueren Erscheinung willen, ein wenig
nher betrachten wollen.

Es war ein Mann, kaum mehr als zwei oder drei und dreiig Jahr alt, aber
mit wohlmarkirten und dunkelglhenden Augen, nicht bermig stark und
gro, doch von krftig elastischem Krperbau. Das Auergewhnliche an ihm
bestand brigens -- obgleich sich seine Zge, einmal gesehen, sicherlich
nicht leicht wieder vergaen -- weniger in seiner persnlichen Erscheinung
als in seinem Anzug, der eine Mischung von europischer und indianischer
Tracht bildete. Der Mann selber stammte allerdings von Weien ab, denn wenn
auch seine Haut durch Sonnengluth und Luft so verbrannt und gefrbt
war, da sie in ihrer dunklen Schattirung wenig der, neuseelndischer
Eingeborener nachgeben mochte, so verrieth doch das lichtere gekrauste
Haar, die mehr gerthete Wange und der ganze Schnitt des Gesichts
nicht allein den Weien, sondern auch den Englnder, whrend der
weite neuseelndische Tapamantel und die, aus roher Haut verfertigten
moccasinartigen Schuhe, wie die, nach Art der Indianer unter dem Knie
gebundenen Beinkleider, eher einen Halbbrut-Wilden vermuthen lieen.

Sein Begleiter, der Master des kleinen Kasuar, der sich brigens, wie alle
solche Kstenfahrer, viel lieber Capitn nennen hrte, schien denn auch
ber den wunderlichen Aufzug seines Passagieres sehr erfreut und seine,
ohnedie schon recht ansehnliche Physiognomie hatte sich zu einem breiten,
wohlgeflligen Grinsen ausgedehnt, mit dem er, sobald sie das Deck erreicht
hatten, den _Wilden_ von oben nach unten betrachtete, bis sich dieser
endlich mrrisch gegen ihn wandte und ausrief:

Nun Sir, wenn Sie sich satt gesehen haben, lassen Sie mich's wissen. Ist
Ihnen denn in Ihrem ganzen Leben noch kein Tapamantel vorgekommen, da
Sie dreinschauen, als ob wir uns mitten in London, anstatt wirklich an der
neuseelndischen Kste befnden?

Nichts fr ungut, lachte der Seemann, ich dachte nur eben daran, was
fr ein Gesicht der Gouverneur in Sidney schneiden wrde, wenn Sie ihm, so
aufgetakelt, vor den Bug kmen. Seeschlangen und Eisbren, Sie kommen mir
vor wie ein Kriegsschiff mit Frauenzeug an Bord und an der Gaffel einen
Unterrock aufgehisst -- segeln auch wohl einen Kreuzzug unter falscher
Flagge?

Alle Wetter! rief da der kleine dicke Mann, der sich in diesem Augenblick
zum ersten Mal nach den Redenden umwandte, ganz erstaunt aus -- Mr. Dumfry
als Neuseelnder!

Gentlemen erwiederte aber der also Genannte, indem er sich, ohne
die letzte Bemerkung weiter einer Antwort zu wrdigen, an seine beiden
Begleiter wandte, ich mchte ein paar _ernste_ Worte mit Ihnen reden, denn
es betrifft Dinge, die noch auf jeden Fall besprochen werden mssen, ehe
wir jene Kste betreten. Und sein Auge haftete dabei sinnend an den
blauen Landstreifen, dessen Conturen, durch das aufsteigende Tagesgestirn
beleuchtet, immer deutlicher und erkennbarer hervortraten.

Hm, sagte der _Capitn_ und schob die Finger beider Hnde in die
Seitentaschen seiner kurzen blauen Matrosenjacke -- Geheimnisse wohl?
werden dann lieber wieder in die Kajte hinunter gehen. Sein Blick, der
zugleich auf den, neben ihnen am Steuer befindlichen Matrosen fiel, zeigte
deutlich genug da er frchtete, dieser knne, da der Raum des Hinterdecks
allerdings nicht bedeutend war, ihr Gesprch belauschen.

Wir haben, erwiederte ihm aber Dumfry, von den Leuten an Bord Nichts
zu frchten, wie Sie mir sagten, kommen die ja mit dem Lande nicht in
Berhrung.

Ei bewahre, rief der Capitn -- gerade der, der dort steht, ist ein noch
nicht entlassener Strfling, den ich eigentlich wider die Gesetze mit an
Bord genommen habe; er hat sich aber bis jetzt ordentlich benommen und --
mir fehlten Matrosen, da konnte ich ihn, der ein tchtiger Seemann ist, gar
gut gebrauchen. Uebrigens bleibt der Schooner am uersten Rande der
Bai vor Anker liegen, das kleine Boot nehmen wir selber mit, und da mir
nachher keiner ans Ufer _schwimmt_, dafr sorgen unsere guten Freunde, die
Haifische, von denen es hier eine besonders groe Anzahl giebt.

Gut denn, so knnen wir ruhig hier oben bleiben, sagte der Verkleidete,
wandte sich dem Starbord Bulwark zu, und erwartete hier, an dieses
angelehnt, und sein Gesicht dem Meere und dem vor ihnen liegenden Ufer
zugekehrt, die beiden Freunde, die sich bald rechts und links neben ihn
stellten, seiner Mittheilung zu lauschen.

Ehe wir brigens dem Gesprch der Mnner, die wir in unserer Erzhlung
begleiten wollen, folgen, mchte es vielleicht nthig sein, dem Leser
einen kurzen und flchtigen Ueberblick des Theils der neuseelndischen
Verhltnisse zu geben, mit welchem wir es hier zu thun haben, damit er die
Beweggrnde der Schooner-Passagiere begreifen, und ihrem Unternehmen mit
grerem Interesse folgen kann.

Wie in allen uncultivirten Lndern der Welt, so bildeten auch in Neuseeland
die Missionre gewissermaen die Tirailleure der Civilisation; denn wie
man einen bsen und starken Hund streichelt, und vielleicht durch den
angenehmen Geruch eines vorgehaltenen Knochens, wie durch freundliche
zuredende Worte zu besnftigen sucht, so wird den wilden trotzigen
Nationen, denen der liebe Gott wahrscheinlich nur zufllig so vortrefflich
zu Handel und Ackerbau gelegenes Land gegeben hatte, zuerst die christliche
Religion mit ihren frommen und jede rauhe That verbietenden Lehren gezeigt.
Seht, sagen die Missionre -- solch gute Menschen sind wir, _das_ steht
Alles in der Bibel, unserem, uns von Gott selbst gegebenen Buch, und das
thun, das befolgen wir auch Alles; davon weichen wir kein Haar breit ab,
und so gut mt Ihr auch werden, wenn Ihr einst das Alles erhalten wollt,
was uns fr unsere Frmmigkeit versprochen ist.

Der Wilde, dem schon das an und fr sich imponirt, da einzelne
_unbewaffnete_ Mnner, fremd mit seinen Sitten und Gebruchen, durch
Nichts geschtzt, als das Vertrauen auf sein Volk, weit ber das Meer daher
kommen; ja vielleicht gar durch das Neue der Sache selbst angereizt, oder
auch im naturkrftigen Herzen das Schne solcher Lehre ahnend, neigt sich
endlich dem fremden Glauben und huldigt dem fremden Gotte. Er will es
einmal versuchen, ob das auch alles wahr und wirklich so ist, was ihm die
fremden Mnner mit den wunderlichen schwarzen Kleidern gepredigt haben.

Kaum hat ihn nun sein eigener freier Wille, oft freilich auch nur ein
fr ihn reiches Geschenk dazu gewonnen, dann nimmt man ihm schon
ein Versprechen ab -- das er bei einem nur etwas anders gestalteten
Heiligenbild, als er es bis jetzt gewohnt gewesen, leisten mu -- seinen
neuen Glauben nie wieder zu verlassen, und dem europischen Gott wie auch
dem europischen Frsten, dessen Emissre sich dort gerade vorfinden,
gehorsam zu sein.

Der arme Wilde, der es brigens sehr natrlich findet, da der europische
Gott auf der Erde von einem _Frsten_ vertreten wird -- denn einem anderen
_Huptling_ Gehorsam zu schwren wre ihm nie eingefallen -- leistet den
Eid, wei aber in jener Zeit gewhnlich gar nicht _was_ er verspricht, und
ist nicht um ein Jota mehr zurechnungsfhig, als ein Sugling, der in der
christlichen Religion getauft, oder ein vierzehnjhriger Schuljunge, der
in ihr confirmirt wird. Weicht er aber spter einmal davon ab, erwacht der
alte trotzige Geist in ihm, oder sieht er vielleicht gar, da sich doch
nicht Alles so lieb und gut verhlt, wie es ihm die fremden, im Anfang
so freundlichen Mnner vorgesprochen, dann wird er an _sein Versprechen
gemahnt_, und wenn das nicht mehr ausreicht, zu der Liebe fr die
christliche Kirche _gezwungen_.

Ei, er hat ja geschworen, sagen jetzt die Fremden, denn auer den
Missionren treten nun auch pltzlich gar frommgesinnte Kaufleute aus
dem Hintergrund und schreien ber verletzte _Rechte_ -- er hat ja einen
Traktat, in welchem ihm Alles haarklein auseinandergesetzt wurde, mit
seinem eigenen Zeichen selbst untermalt (denn lesen und schreiben konnte
der arme Teufel leider nicht), und mu nun auch halten, was er versprochen,
da ihn ja _frher_ Niemand dazu gezwungen hat. Wird ihm aber der Zwang zu
eng, lernt er vielleicht gar die wahren Absichten seiner Bekehrer kennen
und verstehen, und greift er in wieder frisch aufloderndem Kampfesmuth zu
den Waffen, dann -- schmettern Karttschen und Bchsenkugeln den _Rebellen_
zu Boden und die donnernden Schlnde der Kriegsschiffe, die seine
leichten Schilfwohnungen von der Erde fegen oder entznden, ffnen dem
unglckseligen Wilden zum ersten Mal die Augen und zeigen ihm, was er bis
jetzt noch gar nicht bemerkt zu haben schien, da er Ketten an Hnden und
Fen trage, und sogar in all seiner Verzweiflung und Noth nicht einmal
mehr seinen alten Gott anrufen knne -- weil er den verleugnet hatte.

Das bricht dem Armen gewhnlich das Herz, denn damit ist ihm das Letzte,
Heiligste vernichtet, und er wird jetzt, ohne weiteren groen Widerstand
mehr, und worauf es ja im Anfang doch gleich abgesehen, der, nur dem Namen
nach freie, _Sclave_ seines Herrn.

Wie sehr dabei den Missionren gewhnlich das Seelenheil ihrer _Bekehrten_
am Herzen liegt -- ich sage _gewhnlich_, denn es giebt auch, Gott sei
Dank, Ausnahmen von dieser Regel -- geht ebenfalls aus den neuseelndischen
Berichten hervor. Nach der Aukland Gazette beanspruchen nmlich die dort
befindlichen fnf und zwanzig Mitglieder der Kirchenmissionsgesellschaft
zusammen 196,840 Acker Landes, das sie fr Kleinigkeiten gekauft und jetzt
gewi nicht um das ganze Seelenheil Neuseelands wieder herausgeben wrden.
Den Beweis hierzu haben ja auch wirklich die schon spter gefhrten Kriege
geliefert. Ebenso widersetzten sich jene Missionre der Bildung anderer
Gesellschaften, die besonders von Deutschen ausgingen und in denen sie,
vielleicht nicht mit Unrecht, theils eine Ueberwachung ihres Treibens,
theils vielleicht gar eine Concurrenz frchteten.

Die neuseelndischen Wilden nun, die dem Treiben der Fremden im Anfang
ganz ruhig zusahen, da sie erstlich den Rckhalt nicht kannten, den jene
in ihrer Nation hatten, und in solcher Besitznahme von Land durch eine
Handvoll Menschen auch natrlich nicht jene verderblichen Folgen ahnen
konnten, die es fr sie haben mute, wenn sie weiter und weiter von ihrem
Grund und Boden verdrngt wurden, fingen dennoch mit der Zeit an aufmerksam
zu werden und zu begreifen, welche Motive jene fremden Mnner bewogen
haben konnten, ihr Vaterland zu verlassen und die eigene Religion ganz
unbekannten Vlkern zu predigen. Theils sahen sie selbst fremde Lnder,
denn als Matrosen oder grtentheils Harpunierer schifften sie sich hufig
auf amerikanischen, englischen und franzsischen Wallfischfngern ein,
theils wurden sie auch hier und da von Weien selbst auf ihnen gefhrlich
werdende Uebelstnde aufmerksam gemacht, und das letztere geschah nicht
allein oft aus Privat-, sondern sogar nicht selten aus irgend einem
Nationalinteresse, wie denn Aehnliches von den Englndern besonders ihren
Erbfeinden den Franzosen zur Last gelegt wird.

Das Resultat blieb denn auch nicht aus; Heki, ein wackerer Huptling der
Neuseelnder -- nach einigen englischen Blttern sogar ein geborener Ire,
der als junger Matrose von seinem Schiffe desertirte -- bot pltzlich den
Europern die Spitze, und widersetzte sich vorzglich den Vermessungen des
Landes, welche, wie er jetzt wohl einsehen lernte, seinem Volke den Boden
Ackerweis entrissen und der fremden Regierung nur noch immer mehr angemate
Rechte gaben. Der Ha gegen die Fremden stieg dabei immer hher, und ein
Umstand besonders brachte das lang gedmpfte Feuer zum wilden, tobenden
Ausbruch.

Die Tochter eines Huptlings wurde -- wie die Englnder behaupteten, aus
Versehen -- erschossen und das wilde Blut der neuseelndischen Krieger
schumte jetzt hoch auf; all die erduldete Schmach riefen sie in ihr
Gedchtni zurck, und der langverstummte Kriegsschrei der Stmme machte
das Mark ihrer Feinde erbeben. Allerdings erzwangen sich endlich die
Geschtzstcke der Englnder Anerkennung, und zgelten wenigstens fr den
Augenblick den wild auflodernden Grimm der Wilden, im Inneren ghrte es
aber noch drohend fort, und wenn auch dann und wann die Huptlinge Frieden
sicherten und Freundschaftsversicherungen gaben, so war ihnen doch schon
von den Feinden selbst gelehrt worden, wie man derlei Versprechungen zu
halten habe, und trotzig erneuten sie das Blutvergieen immer aufs Neue
wieder.

Das Resultat dieser Kmpfe ist freilich vorauszusehen; es wird hier werden,
wie es in allen brigen wilden Lndern war: einen Theil der Heiden
civilisirt man, der andere mu untergehn, wollen sich aber gar keine dem
milden Joch der christlichen Religion fgen, ja dann haben sie sich die
Folgen freilich selber zuzuschreiben, und wie es frher den Guanchen der
Canariden ging, wie es jetzt das Schicksal der australischen Wilden ist,
so bleiben der Nachwelt nur noch die starren Ueberreste ihrer Gebeine,
bei denen sich selbst die nimmer schonende Zeit milder zeigte, als das
christliche Menschengeschlecht.

Der Zweck nun, der den Kasuar hier an Neuseelands Kste gerufen, stand
ebenfalls mit diesen Verhltnissen in Verbindung. In Sidney selbst war
nmlich vor nicht gar langer Zeit ein angeblich neuseelndischer
Pflanzer eingetroffen, der an der Nordostkste der Insel bedeutende wilde
Lnderstrecken sein nannte, und auch einen, von dem Huptling Heki selbst
unterzeichneten Schein besa -- etwas, das bei Landbesitzungen uerst
selten geschah; -- Ursachen jedoch, die er bis dahin geheimgehalten,
nthigten ihn, wie er sagte, zu augenblicklicher Rckkehr nach Europa, und
er bot dehalb jenen Schein einem bedeutenden Sidney Handelshaus, Bornholm,
Bricks und Comp., gegen baare Zahlung einer hchst migen Summe an. Die
einzige Bedingung, die er dabei stellte, war die, da er einen Schooner
und zwei Begleiter bekme, um mit diesen noch einmal nach Neuseeland
zurckzukehren, wobei er denn auch jenen Beiden die Grenzen des Besitzthums
und dessen Lage bezeichnen wollte, damit sie spter, wenn einmal der
Rechtsanspruch an dieses Land geltend gemacht wrde, als Zeugen fr den
rechtlichen und gesetzlichen Kauf auftreten knnten.

Die Schrift des Dokumentes war, wie sich nicht verkennen lie, cht und der
fr das Land geforderte Preis stand mit dem jedesfallsigen Werthe desselben
in gar keinem Verhltni -- es konnte ein solcher Ankauf daher als ein
ausgezeichnetes Geschft gelten; denn in Sidney wuten sie recht gut, da
die englische Regierung, sobald sie die strrischen Huptlinge nur erst
einmal gebndigt, jedes Recht ihrer Unterthanen gewi auf das krftigste
vertreten wrde. Nur mit der Vermessung solcher Strecken hatte es, fr
jetzt wenigstens, unberwindliche Schwierigkeiten. Die Eingeborenen
widersetzten sich jeder Schtzung ihres Landes auf das Bestimmteste,
und bten, wenn diese doch einmal versucht wurde und sie die Schuldigen
ertappten, frchterliches Strafgericht, wobei sogar nicht selten der alte
heidnische und keineswegs abgeschaffte Kanibalismus wieder ins Leben trat.
Reisende brauchten dagegen, besonders an der Kste, kaum um ihre Sicherheit
besorgt zu sein, denn Heki hatte sogar seinen Untergebenen auf das
strengste eingeschrft, Fremde nicht unnthig zu reizen und jedes
Blutvergieen zu vermeiden; die aber mit Aufopferung ihrer letzten Krfte
zu bekmpfen und zu vernichten, die eines ihrer Rechte auch nur anzutasten
wagten.

Der Vorschlag also, den Schooner hinberzusenden und dort das Land,
unter dem Vorwand einer Jagdexcursion, zu besichtigen schien dem Sidneyer
Handlungshaus ebenfalls das einfachste und zweckmigste, obgleich es
nicht begreifen konnte, welchen Plan Dumfry dabei haben mochte, da er
ihn frmlich zur Bedingung seines Kaufes machte. Es nahm aber auch dehalb
keinen Anstand, die Expedition selbst, so sehr es anging, zu beeilen, und
drei Tage spter scho der Kasuar schon mit vollen geschwellten Segeln aus
der Bai und lie bald Neu-Hollands Kste weit, weit hinter sich.

Dumfry war brigens bis jetzt weder in Sidney noch an Bord anders als in
europischer Tracht erschienen, und das Erstaunen seiner Reisegefhrten
lie sich dehalb leicht erklren, als sie ihn pltzlich, der
neuseelndischen Kste so nahe, die Rolle eines Indianers bernehmen sahen.
Er konnte die Maske aber keineswegs nur in Scherz oder Lust angelegt haben,
denn sein ganzes Wesen kam ihnen fast noch finsterer vor, als es sich bis
dahin gezeigt, und sein Blick haftete ernst und schweigend an dem schmalen
vor ihnen ausgedehnten Kstenstreifen.

Capitn Tomson schien auch sehr geduldig den Beginn der versprochenen
Mittheilung zu erwarten, denn er schaute ebenfalls, ohne auch nur die
mindeste Neugierde zu verrathen, nach dem noch ziemlich entfernten
Ufer hinber, und nahm endlich seinen Kautabak heraus, von dem er einen
frmlichen Mundvoll abbi und langsam an zu verarbeiten fing; Van Broon
dagegen, der ehrsame Geschftsfhrer der Firma Bornholm, Bricks und Comp.,
hustete erst ein paar Mal, rusperte sich, und that alles Mgliche, um
dem wunderlichen Manne seine Nhe, die er ganz vergessen zu haben schien,
bemerklich zu machen. Es blieb aber jede Bemhung vergeblich; Dumfry war
in eine seiner Trumereien gefallen und hrte und sah nicht mehr, bis denn
endlich dem kleinen Van Broon der letzte Geduldsfaden ri und er seinen
Nachbar mit einem mahnenden Sir! in die Seite stie. Dumfry zuckte,
dadurch wieder zu sich selbst gebracht, fast erschreckt empor, sammelte
sich aber gleich wieder und sagte, ohne jedoch dabei den Blick auch nur
einen Augenblick von seinem bisherigen Ziel zu verwenden:

Gentlemen, es wird ihnen sonderbar erscheinen, da ich jetzt, da wir uns
den neuseelndischen Ksten nhern, die Landestracht jenes Volkes anlege.

Ei, wenn man unter den Wlfen ist, mu man mit ihnen heulen, meinte
Tomson trocken.

Es hat einen anderen Grund fuhr Dumfry fort und wandte sich dabei halb
nach dem am Steuer lehnenden Matrosen hin, um auch berzeugt zu sein, da
sie von diesem nicht belauscht wrden; der aber lehnte, allerdings an der
ihnen nchsten Seite, aber den Rcken gegen die drei Mnner gewandt, am
Steuerrad, und hob nur manchmal schwerfllig, wie fast selbst zu dieser
einzigen Krperbewegung zu faul, den Kopf gegen die Segel empor. Die Mnner
schien er gar nicht zu beachten. Dumfry mute auch durch diesen Blick
vollkommen befriedigt sein.

Der Matrose stand aber keineswegs so schlfrig da, als es vielleicht
den Anschein haben mochte; im Gegentheil trugen seine Zge den Ausdruck
aufmerksamer Spannung, und er rhrte sich nur dehalb nicht, um keines
der leise gesprochenen Worte zu berhren. -- Htte Dumfry den stieren
wachsamen Blick nur einen Moment beobachten knnen, er wre nicht in der
Nhe des Mannes stehen geblieben, so aber lehnte er sich langsam wieder
ber die Schanzung hinber und fuhr fort:

Sie wissen Beide, da ich frher auf Neuseeland gewohnt, ja dort
Grundeigenthum besa, das mir von dem Huptling selbst und durch seinen
eigenen Landbrief gesichert, ungestrten, ruhigen Besitz versprach. Sogar
die Kriege mit den Europern schienen nichts Gefahrbringendes fr mich zu
haben, denn die Eingeborenen betrachteten mich als einen der ihren, whrend
meine Landsleute nur Vortheil aus meiner Gegenwart zu ziehen hofften. Wenn
aber auch Heki freundlich gegen mich gesinnt war und mir wiederholt seinen
thtigsten Schutz versprach, mute ich doch einigen der untergeordneteren
Huptlinge ein Dorn im Auge gewesen sein, denn die Streitigkeiten mit
ihnen nahmen kein Ende. Ich fand auch bald, da sie es in der That dahin
zu bringen suchten, mich zu einer raschen unberlegten Handlung zu treiben,
und dann vollen Grund zu haben, ber mich herzufallen. Lange widerstand
ich allen ihren Rnken und entging glcklich den gelegten Schlingen, einmal
aber, in trber unseliger Stunde, wo mir all die erlittene Unbill, jede
ertragene Schmach in tollen Bildern vor die Seele stieg, wurde ich meines
Zornes nicht Herr, und -- schlug den Einen meiner Feinde zu Boden.

Blut fordert nach den Gesetzen jener Stmme Blut, und mein Leben htte von
diesem Augenblick an Heki selbst nicht mehr schtzen knnen. Ich wute
auch zu gut was mich bedrohte, und floh; unmglich aber wre es die Wuth
zu beschreiben, mit welcher diese rachschtigen Kinder einer heien Sonne
meinen Fhrten folgten. Selbst die Missionre weigerten sich damals mir
eine Freistatt zu gewhren, ja drohten sogar mich auszuliefern, wenn ich
nicht ohne Zgern die Missionsgebude verliee; sie wollten den Zorn der
gereizten Wilden nicht auf ihre, bis dahin ungestrten Wohnungen lenken.
Ein hollndischer Schooner nahm mich noch endlich auf und entzog mich
dadurch einem martervollen Tode.

Und nun wollen Sie in _unserer_ Gesellschaft wieder dorthin zurckkehren?
frug da Van Broon, der dieser Mittheilung mit immer wachsendem Entsetzen
gelauscht hatte, Mann, sind Sie rein des Teufels? glauben Sie denn,
da man Sie dort nicht wieder kennen wird? -- Und das verschweigt dieser
unglckselige Mensch, bis wir dicht an der Kste sind; nun wird uns weiter
gar nichts brig bleiben, als geradezu umzukehren.

Die Gefahr ist keineswegs so gro als Sie denken, flsterte Dumfry,
sonst htte ich mich selbst nicht wieder hierher gewagt. Um unentdeckt zu
bleiben, legte ich neuseelndische Tracht an, denn unter dem Schutze des
_Tabu_[9] bin ich im Stande, monatelang die Insel zu durchwandern, ohne von
einem einzigen meiner Feinde erkannt zu werden. Sobald wir das feste Land
betreten verhllt diese Matte meinen Kopf, und keine Hand wird es wagen
einen Schleier zu lften, den ihr heiligstes Gesetz als unantastbar
schtzt.

  [9]: Der _Tabu_, ursprnglich wohl ein religiser Gebrauch, ist bei
  den Neuseelndern auch das geworden, was man bei anderen Vlkern das
  _Gesetz_ nennt, wird aber, seines heiligen und gefrchteten Ursprungs
  wegen, wohl um Vieles besser geachtet und gehalten, als das mit dem
  bloen _Gesetz_ der Fall sein wrde. Das Belegen mit dem Tabu bedeutet
  eigentlich: irgend eine Sache oder Person fr lngere oder krzere Zeit
  als geheiligt zu betrachten. Die geschieht durch die _Tohungas_ oder
  weisen Mnner. Begrbnipltze, geheiligtes Eigenthum der Todten --
  Eigenthum an einem unbewohnten Ort gelassen, die Mais und Kumera
  (se Kartoffel) Plantagen und andere Sachen sind unter das Tabu, oder
  eigentlich Tapu Gesetz (wie es die Neuseelnder hrter aussprechen als
  die Bewohner der Sandwichs- und Marquesas-Inseln) gelegt. Oft geschieht
  das einem ganzen Pah (einem befestigten Ort), ebenso Husern, Straen
  und Canoes. Jemand der krank gewesen, ist bis zu einer gewissen Zeit
  Tapu. Das Haupt, ja oft der ganze Krper eines Huptlings gilt dafr,
  -- so jede Braut -- und die Gttin selbst ist fr Jeden, ihren eigenen
  Namen ausgenommen, Tapu. Sicherlich ist dieser Gebrauch fr ein Volk,
  das keine geschriebenen Gesetze hat und kennt, hchst ntzlich, ja
  sogar fr den Schutz des Eigenthums, wie der einzelnen Personen von
  segensreichster Wirkung.

                                     =French Angas Life in New Zealand.=

Das ist eine sehr wunderliche Geschichte murmelte der kleine Hollnder
und schttelte dabei hchst unzufrieden, und allem Anschein nach keineswegs
beruhigt, mit dem Kopf -- eine hchst unangenehme Geschichte, deren
Milingen wir am Ende smmtlich mit unserem Fleisch, und den Werth zwar
nach Metzgergewicht bestimmt, zahlen knnen.

Hm, meinte Tomson endlich, das ist schon wahr -- die Vlker Oceaniens
haben einen Respekt vor dem Tabu, der uns vielleicht vor Entdeckung
sichert, aber -- und er drehte sich dabei scharf gegen den imitirten
Neuseelnder herum, was zum Henker treibt _Sie_ denn da wieder nach
Neuseeland zurck, Sir, wenn Sie doch froh sein sollten eine gehrige
Quantitt Seewasser zwischen sich und der ihnen so feindlich gesinnten
Nation zu wissen?

Ja, _den_ Grund mchte ich auch hren stimmte Van Broon dem Seemanne bei.

Wollen Sie mir -- frug jetzt Dumfry ohne die von ihm verlangte Erklrung
geradehin zu geben -- wollen Sie mir in dem beistehen, was ich noch hier
in meinem eigenen Interesse auszufhren gedenke -- wollen Sie mir Ihre
Hlfe zusichern, und zwar mit der gewissen Aussicht auf einen hchst
bedeutenden Gewinn?

Donnerwetter, schieen Sie los Sir, rief da der alte Matrose, ungeduldig
werdend -- wozu denn das verdammte falsche Farbenspiel -- hissen Sie,
in des Bsen Namen, endlich einmal die wahre Flagge und nehmen Sie die
Leinwand weg, da man sehen kann, ob Sie wirkliche oder nur gemalte
Schieluken fhren. Was wollen Sie von uns, wozu sollen wir helfen?

Gut denn, erwiederte nach kurzem Sinnen Dumfry entschlossen, indem er
sich halb gegen Tomson hinwandte: ich will Ihnen Alles entdecken und hoffe
dann auf ihren Beistand rechnen zu knnen. Sie wissen Gentlemen, da
ich, als ich der Firma Bornholm die mir von Heki selbst ausgestellte
Landverschreibung bergab, es sogar zur Bedingung meines Verkaufes machte,
hier noch einmal nach Neuseeland, und zwar in Begleitung zweier Mnner
zurckkehren zu knnen. Die Bestimmung des Landes lieferte dazu den einen,
aber nur die Firma Bornholm berhrenden Grund; der andere betrifft mich
selber. Wir werden, wenn auch noch einige Meilen davon entfernt, doch dem
Orte gegenber landen, wo ich frher meine Htte errichtet; was aus
dieser geworden, wei ich nicht, ganz in der Nhe derselben liegt aber ein
ebenfalls durch das Tabu geheiligter Ort, und an diesem habe ich vor meiner
damaligen Flucht, alles das vergraben, was ich mir in einem zehnjhrigen
Aufenthalt nicht allein auf Neuseeland, sondern auch in frherer Zeit in
den australischen Colonien ersparen konnte.

Was? ein Schatz? frugen beide Mnner rasch und verwundert!

Still sagte der Neuseelnder und sah sich schnell nach dem Mann am
Steuer um. Der aber, doch etwas durch die pltzliche, unerwartete Bewegung
erschreckt, fuhr leicht zusammen und drehte den Kopf rasch zur Seite.
Dieses Zeichen der Ueberraschung war brigens hinreichend gewesen, den
Verdacht Dumfry's zu erregen und seine von jetzt an leise geflsterten
Worte riefen die beiden Mnner in die Kajte hinab, um dort die angefangene
Mittheilung zu beenden.

Der Mann am Steuer sah ihnen, als sie die Treppe hinunterstiegen, mrrisch
nach und murmelte endlich:

So so, also ein Schatz ist dort drben zu heben, und da sollen wir
indessen hier ein paar Meilen in See drauen liegen und die Herren dann
nachher ganz gehorsam und unterthnigst in unsere Sclaverei zurckfhren,
inde ich hier doch die verdammte gelbe Jacke[10] einmal mit guter
Gelegenheit loswerden knnte. Pest noch einmal -- so wohl wird's mir wohl
sobald nicht wieder werden, eine solche Strecke von Sidney entfernt zu
sein; mu nur sehen, da ich mit in das Boot zum Hinberrudern komme,
nachher gute Nacht Sclavendienst. Und er griff rasch und entschlossen in
die Speichen des Rades, den indessen etwas abgefallenen Bug wieder dem Ufer
zuzuhalten.

  [10]: Die gelbe Jacke ist ein Abzeichen der Strflinge in den Colonien.

In Himmel und See war indessen ebenfalls eine Vernderung vorgegangen; der
Seewind trat ein und die, bis dahin fast ruhige Wasserflche fing an, sich
mehr und mehr zu kruseln; kleine Wellen entstanden, die sich wie rollende
Schneeblle vergrerten, je weiter sie kamen und zuletzt mit den glasigen
Huptern so emporstiegen, da sie in zischendem Schaum aufsprudelten und
tanzten. Der gleichmige, ruhige Lufthauch lie ihnen dabei gar keine
Wahl, wohin sie sich wenden wollten; nur dem Lande drngte er zu und die
kleinen Wogen, selbst schon im Entstehen den Trotz verrathend, der sie in
ihrer Kraft und Gewalt so frchterlich macht, kmpften zuerst eine ganze
Weile gegen den, wenn auch milden Herren an, und schienen ihren Platz bis
aufs Aeuerste behaupten zu wollen. Endlich aber, da sie doch sahen,
da sie der Uebermacht weichen muten, wandten sie sich auch zu wilder
ungeregelter Flucht, sprangen hoch auf und strzten sich, wie tolle,
ungezogene Kinder rcksichtslos bereinander hin, eine immer rascher vor
als die Schwester drngend, um das Ufer nur so schnell wie mglich zu
erreichen.

Der Kasuar lie denn auch die frische Brise keineswegs unbenutzt; seine
Segel blhten sich, und der Schaum kruselte am Bug empor und tanzte in
kleinen Spritzwellen hinter dem jetzt langsam steigenden Fahrzeug her.
Die Massen von inselartigen Seepflanzen, die ihn bis dahin fast regungslos
umgeben hatten, durchschnitt er nun, oder glitt rasch an ihnen vorber, und
das Land trat immer deutlicher und erkennbarer hervor, so da man schon
vom Bord aus einzelne, hhere Baumgruppen und die hervorstechende, dunklere
Schattirung der Wlder erkennen konnte.

Der Strfling von Sidney stand noch immer am Steuer, da tnten die hellen
Schlge der Glocke, das Zeichen der Ablsung fr die Wachen, und vom
Vorkastle, die beiden Daumen in dem schmalen Ledergrtel, der die
segeltuchnen Beinkleider auf den Hften hielt, und zugleich das lange,
holzstielige Matrosenmesser mit seiner braunen Lederscheide trug,
schlenderte einer der Kameraden langsam heran, um den Sidney _Vogel_, wie
derlei Burschen ebenfalls hufig genannt werden, abzulsen. Gleichgltig
schien er heranzukommen, und der erste wollte ihm gerade den Platz rumen
und nach vorn gehen, das indessen fr ihn bewahrte Frhstck einzunehmen,
als ihm der scheue Blick des Ablsenden, mit welchem dieser das kleine Deck
berflog, auffiel.

Nun Bill, was giebt's, sagte Ned, der Strfling -- wo spukt's wieder?
schneidest ja eine verdammt ngstliche--

Ruhig flsterte der Mann schnell -- Ned -- bist Du ein Mann?

Sonderbare Frage das, brummte Ned hhnisch -- trge ich sonst diese
Jacke? -- das thun nur _Mnner_!

Gut denn, hast Du Lust zu -- er wandte noch einmal scheu den Kopf und
zischte schnell, als er Niemanden in der Nhe sah -- _zu fliehen_?

Hm -- sagte Ned und heftete seinen Blick scharf und prfend auf den Mann
-- der Ausdruck in dessen Zgen lie aber keinen Zweifel, da er es ehrlich
meine und Ned, der hier ganz unerwartet einen Bundesgenossen fand -- denn
er, als bekannter Strfling, htte es selber nie gewagt, einem der brigen
Matrosen gemeinsame Sache anzubieten -- bog sich jetzt, die Speichen des
Steuerrades noch immer haltend, zu ihm nieder und flsterte leise--

Fliehen? -- ja, wenn es sein mu -- aber -- ich sehe die Nothwendigkeit
noch nicht ein; einige unserer Leute werden auf jeden Fall das Fahrzeug
verlassen, um das Boot ans Ufer zu rudern -- sind wir dann nur im Stande
noch einen auf _unsere_ Seite zu gewinnen, so kann uns kein Teufel an der
Ausfhrung eines -- eines beschlossenen Planes hindern. Geht das aber auch
nicht, bleiben wir allein; -- ei zum Henker, dann mcht' ich doch einmal
sehen, ob wir Beide nicht im Stande wren, wirklich zu beweisen, da wir --
da wir eben _Mnner_ wren.

Der Ire, der im Anfang nicht einmal gleich begriff, was Jener mit seinem
dunklen Vorschlag meinte, sah ihn erst mehrere Secunden lang berrascht
und unschlssig an. Bis jetzt hatte er, nur des Dienstes auf englischen
Schiffen mde, wahrscheinlich einzig und allein daran gedacht, solcher
Knechtschaft zu entgehen, whrend der Strfling dagegen vor keinem Plane
zurckschreckte, der ihm seine wirkliche Freiheit wieder gab. Er schttelte
aber, als er die frchterliche Absicht des Verbrechens zu ahnen begann, mit
dem Kopf und sagte schaudernd:

Nein Ned -- das gb' eine blutige Geschichte, deren Andenken meiner Mutter
Sohn nicht lebenslang auf dem Gewissen mit herumschleppen mchte, -- aber
fliehen wollen wir, darin steh' ich Dir bei und nachher--

Pst, flsterte der Strfling rasch -- ich hre sie von unten wieder
heraufkommen -- ich will schnell mein Frhstck verzehren; nachher knnen
wir das weitere hier bereden.

Er glitt am Gangspill[11] vorber und verschwand gleich darauf im Vorcastle
des Schooners, wo die Matrosen, wie auf allen brigen Fahrzeugen und
Schiffen, ihre Schlafstellen haben.

  [11]: Die Hauptwinde jedes greren Fahrzeuges.

Der Schooner, von einem gnstigen Seewind getrieben, nherte sich jetzt
der Bai, die, wie das in den Sdseeinseln so hufig der Fall ist, durch
ein weit ausbauchendes Corallenriff umgrtet wurde. Auf diesem schumte und
sprudelte denn auch die Brandung und lie nur, so weit das Auge reichte,
einen einzigen Pa oder Canal erkennen, wo tiefes Wasser greren
Fahrzeugen den Eingang verstattete, denn eine krystallene Fluth scho hier
glatt und schnell zwischen zwei hoch emporstarrenden Felsen hindurch, die
ein frmliches Thor bildeten und jedes Abweichen nach rechts oder links
zur Unmglichkeit machten. Tomson, der von dieser Stelle das Steuer selbst
regieren wollte, sandte den Iren nach vorn, um mit bei den Segeln zu
stehen, und die gegebenen Befehle schnell ausfhren zu helfen; fr den
Augenblick nahm auch die hier wirklich nicht unbedeutende Gefahr, an irgend
eines der Riffe getrieben zu werden, die Aufmerksamkeit Aller zu sehr in
Anspruch, das Land zu beobachten, das sie jetzt wie mit liebenden Armen
umschlo, als der _Master_ ganz pltzlich eine, den Seeleuten wenigstens
hchst unerwartete Ordre gab. Der Schooner glitt nmlich noch in
dem wirklichen Canal hin, der sie blitzschnell an den beiden Felsen
vorberfhrte, da rief Tomson's Stimme sein eintniges: Steht bei den
Segeln! ber Deck hin, und als die Leute erstaunt nach ihm umsahen,
folgten sich die rasch hintereinander gegebenen Befehle, die Segel back zu
brassen, einen Theil zu beschlagen und bei dem Anker zu stehen, so reiend
schnell, da sie zum Ueberlegen gar keine Zeit weiter behielten, sondern
nur gehorchen muten, und jetzt sahen wie der kleine Kasuar, einem
schlanken Taucher gleich, seine Bahn vernderte, zuerst eine Strecke dicht
an dem Korallenriff vorbeizog, und dann pltzlich, whrend der Steuernde
das Rad loslie, da es wirbelnd herumfuhr, nach dem Riff selber zulenkte,
als ob es dort gerade und fest auflaufen wolle.

Dem Ruf Anker los folgte aber auch blitzesschnell die Ausfhrung; die
schwere Eisenmasse rollte in die Tiefe, und das kleine, schwanke Fahrzeug,
das sich rasch mit seinem Bug gegen das pltzlich anstraffende Tau wandte,
lag gleich darauf still und ruhig auf der, von keinem harten Luftzug mehr
erregten spiegelglatten Bai.

Die Entfernung bis zum Lande betrug etwa zwei englische Meilen.

Der Schooner fhrte nur, ein neuseelndisches Canoe ausgenommen, das Tomson
frher einmal fr sich selbst gekauft, -- die gewhnliche sogenannte Jlle
mit sich, die an seinem Hinterdeck befestigt hing, und diese wurde jetzt,
als sich das Fahrzeug kaum vor seinem Anker beruhigt, in See gelassen.
Dumfry, Van Broon und Tomson standen bereit hinabzusteigen, denn was sie
sonst an Lebensmitteln noch gebrauchen wrden, war schon durch des wrdigen
Seemannes Vorsorge vorher hineingeschafft und weggepackt worden.

Der erstere hatte jetzt, neben der neuseelndischen Tracht, auch ganz
neuseelndische Bewaffnung angenommen. Auf der Schulter trug er die lange
einlufige Bchse, und an seinem Handgelenk hing noch, durch einen
schmalen Riemen gehalten, der aus einem Wallfischknochen verfertigte,
etwa anderthalb Fu lange _Mirei_, die Kriegskeule jener Stmme; auch ein
Tomahawk, den die amerikanischen Wallfischfnger auf der Insel eingefhrt,
stack in seinem Grtel. Tomson hatte sich dagegen mehr nach Seemannsart
bewehrt; in seinem breiten Grtel ruhten neben dem gewhnlichen
Matrosenmesser ein Paar groe Enterpistolen, und ein sogenannter Cutla
hing an seiner linken Seite; die langschige blaue Jacke, die er jetzt
angelegt, bedeckte aber, wenn er sie zuknpfte, die ersteren vollkommen,
und nur der breite, kurze Sbel blickte drohend darunter vor.

Ganz anders sah dagegen Mynheer Van Broon aus, der keineswegs nach
tdtlichen Waffen gegriffen, sondern sich vielmehr mit dem besteckt zu
haben schien, was Leib und Seele zusammenhalten sollte, anstatt es zu
trennen. Aus der rechten und linken Tasche seines langschooigen,
blauen Tuchrocks sahen wenigstens, innig vergngt, zwei rothbesiegelte
Flaschenhlse heraus und unter dem linken Arme trug er ebenfalls einen
Gegenstand, der mehr einem Fouragebeutel als einer tdtlichen Wehr glich.
Dumfry betrachtete ihn denn auch ganz erstaunt, und rief endlich, halb
rgerlich, halb lachend aus:

Aber zum Teufel Sir, was schleppen Sie denn da mit sich herum? Sie glauben
doch nicht, da wir--

Eine gerucherte Wurst, einen halben Kse, etwas Brod und ein Flschchen
voll chten Schiedam, unterbrach ihn Van Broon ruhig, indem er den Beutel
sorgsam ein klein wenig ffnete und mit der Mndung gegen den Frager hielt.

Hahaha, lachte Tomson, Mr. Van Broon will sich vorsehen, wenn wir etwa
eine Belagerung aushalten mssen.

Bitte um Verzeihung sagte der Hollnder, whrend er den Beutel wieder
unter seinen Arm zurckschob -- ich habe mit keiner Sylbe an eine
Belagerung gedacht, denn wre das geschehen, so knnen Sie sich auch fest
darauf verlassen, da ich ganz ruhig und gemthlich an Bord des Kasuar
bliebe. Ich bin keineswegs gesonnen, mir fr die Firma Bornholm, Bricks
und Comp., so hoch ich dieselbe sonst auch in jeder Beziehung achte und
schtze, die Glieder voll Blei schieen, oder gar mit spitzen Instrumenten
nach mir hacken und stechen zu lassen.

Dumfry bi sich auf die Lippen und wandte sich von ihm ab; ein anderer
Gedanke mute aber in ihm aufsteigen, denn er sah sich noch einmal nach dem
kleinen Mann um und sagte dann rasch:

Sie drfen jenes Ufer auf keinen Fall unbewaffnet betreten, denn wenn wir
auch, wie ich fest berzeugt bin, keine Gefahren dort zu erwarten haben,
so wre es auch wieder zu leichtsinnig gehandelt, nicht allein unbewaffnet
zwischen die Eingeborenen zu gehen, sondern sie das auch noch gleich von
vornherein merken zu lassen. Nehmen Sie wenigstens eine Flinte auf die
Schulter, wenn Sie dann auch keinen Gebrauch davon machen.

Eine geladene Flinte? sagte der Kaufmann -- ich denke gar nicht daran;
der Henker traue den Dingern; wenn sie nun losgeht? ich habe in meinem
Leben keine geladene Flinte in der Hand gehabt, aber schon unzhlige
Unglcksflle von derlei Mordinstrumenten gehrt.

So nehmen Sie eine ungeladene, rief Dumfry, schon ungeduldig werdend --
Herr, Sie werden sich doch nicht vor einem leeren Stck Eisen frchten?

Frchten? sagte Jener, wer sagt Ihnen, da ich mich berhaupt frchte?
ich frchte mich vor gar Nichts, ich mag aber mit Gewehren Nichts zu
thun haben, weil ich nicht damit umzugehen wei -- ist die auch wirklich
ungeladen?

Nicht einmal ein Pfropf drin! brummte Dumfry, hier -- nehmen Sie und
machen Sie, da wir fortkommen, die schne Tageszeit vergeht sonst, und es
ist besser, das wir noch vor Dunkelwerden wieder an Bord sind.

Nehmen Sie? sagte der kleine Mann unwillig, womit denn? sehen Sie denn
nicht, da ich beide Hnde voll habe? kommen Sie, hngen Sie mir, wenn es
denn absolut sein mu, das verwnschte Ding ber den Hals, habe ich aber
ein Unglck damit, so knnen Sie sich darauf verlassen, da ich mich in
Sidney auch an Sie halten werde. Und er bog dabei seinen Kopf gegen Dumfry
nieder, als ob er einen widderartigen Anlauf gegen ihn nehmen wollte.
Dieser hing ihm denn auch ohne weiteres die keineswegs leichte Waffe mit
dem Riemen ber den breiten Nacken und sprang dann leicht und flchtig in
das Boot hinab, wo indessen zwei Matrosen -- Bill, der Ire, und Ned, der
Strfling, Platz genommen und die dort liegenden Ruder ergriffen hatten.

Diese gewahrte der Capitn kaum, als er sie rgerlich anfuhr:

Hinaus mit Euch, Ihr Canaillen -- wer hat Euch hier hergeschickt? mit
hinberfahren, eh? und dann nachher Fersengeld geben und neuseelndische
Uniform tragen? so? ganz allerliebst abgekartet. Hinauf mit Euch, sag' ich,
Hallunken, -- die Ruder hingelegt.

Aber Master Tomson, nahm Bill das Wort -- ist es denn nicht Bill und
Ned hier, die ein Ruder zu fhren wissen? und haben wir nicht, =acushla
machree=, blo aus besonderen--

Will die rothhaarige Bestie an Deck? rief Tomson, in wilder Wuth
auffahrend - _Alle an Deck hier!_ schallte gleich darauf sein heftig
gegebener Befehl bis in die entferntesten Theile des kleinen Fahrzeugs;
jetzt will ich den Hund sehen, der nicht gehorcht.

Bill O'Leary war zu klug, jetzt noch einen Augenblick zu zgern, da er
die Folgen der Widersetzlichkeit in solchem Falle nur zu gut kannte; er
kletterte dehalb rasch an Deck zurck. Auch Ned hielt nur noch einen
Moment das schon ausgelegte Ruder krampfhaft mit beiden Hnden fest, zog es
dann, ebenfalls wie sein Gefhrte, wieder herein, und folgte ihm, wo er
von seinem Offizier mit Flchen und Drohworten empfangen und berschttet
wurde. Deren schien er aber wenig zu achten, sondern schob nur die Hnde in
seine Jackentasche und trat mrrisch hinter die brigen Seeleute, die sich
jetzt, nach dem letztgegebenen Befehl, um ihren Fhrer gesammelt hatten.
Es waren, mit dem Koch und Stewart, einem aus den vereinigten Staaten
entflohenen Neger, zehn stattliche, krftige Gestalten, grtentheils
in blauflanellnen Hemden, weien Segeltuchhosen und runden niederen
Strohhten; nur der Neger trug ein brennendrothes Hemd und Bill O'Leary und
Ned, der Strfling, der eine die gewhnliche blaue, der andere seine gelbe
Strafjacke.

So, Ihr Seelwen -- fuhr sie jetzt der Steuermann, nach einem wilden
Blick auf die Schaar, an, die jedoch recht gut wute, da er es keineswegs
so bs meine, und nur gesonnen sei, bei solcher Gelegenheit die nthige
Autoritt zu zeigen. Ihr bleibt jetzt hier ruhig vor Anker liegen, bis
wir wieder zurckkommen -- was hoffentlich noch vor Abend geschieht. Nach
Dunkelwerden lat kein Boot heran, ohne mein Zeichen. Ihr kennt es schon;
auf Alles andere, was sich still und heimlich nhern will, gebt Feuer --
verstanden? -- Und Du Ned -- hier vorneher, wenn ich mit Dir rede, Bursche
-- Du verhltst Dich ganz ruhig und muckst nicht, sonst freu' Dich, wenn
wir wieder nach Sidney kommen. Solltest Du brigens Lust haben, ein Bischen
ans Ufer zu schwimmen, so steht Dir das ganz frei, ich mchte Dich nur
darauf aufmerksam machen, da Dir dann die Wahl bleibt, entweder von den
Haifischen unterwegs -- siehst Du, da drben schwimmen schon ein Paar, oder
von den Neuseelndern am Lande verzehrt zu werden; der ganze Unterschied
bleibt nachher der, da Dich die einen ohne und die anderen mit Salz
fressen. Uebrigens -- wandte er sich pltzlich an den Zimmermann, der in
Abwesenheit Tomson's gewhnlich den Befehl fhrte -- schiet Ihr jeden
Schuft ohne weiteres auf den Kopf, Bob, der Miene macht das Fahrzeug in
meiner Abwesenheit zu verlassen; wir befinden uns hier an einer feindlichen
Kste, und da gelten die Kriegsgesetze -- verstanden?

Bob grunzte eine Art Beistimmung und Dumfry rief indessen ungeduldig vom
anderen Bord aus:

Ei so kommt, ins drei Teufels Namen; die schne Zeit vergeht und ehe wir's
uns versehen, ist der Abend wieder da!

Ah, ay! rief der Matrose zurck -- haben noch nichts versumt. Also
Boys, haltet Euch ordentlich, und Ihr sollt, sobald wir unseren Anker
wieder in Sidney auswerfen, einen Feiertag bekommen.

Dumfry und Van Broon hatten indessen ihre Pltze in dem schwanken,
scharfgebauten Fahrzeug schon eingenommen, und der erstere zwar an
dem vorderen Larbord Ruder, Tomson aber, der jetzt rasch hinter ihnen
dreinsprang, ergriff das Starbord Ruder und whrend Van Broon, der sich
ganz behaglich im Sterne niedergelassen, diesen mit einer kleinen, neben
ihm liegenden Stange von Bord abstie, that Tomson dasselbe mit seinem
Ruder. Bald darauf scho das leichte Boot blitzesschnell ber die nur
leise gekruselten Wogen hin und nherte sich mehr und mehr dem hellgelben
Sandstreifen, der das dunkelgrne Laub der dahinterliegenden Wlder mit
einem leuchtenden Grtel zu umziehen schien.

Ihre Fahrt ging schnell von statten und als Van Broon einmal den Kopf nach
dem Kasuar zurckwandte, konnte er schon nicht einmal mehr die einzelnen
Gestalten, die ihrem Boot mit den Blicken folgten, erkennen, sah sich
brigens auch gleich darauf viel zu sehr von seiner Umgebung gefesselt und
angezogen, um seine Aufmerksamkeit noch lnger zwischen dem Schooner und
dem festen Land zu theilen. Nach kaum halbstndiger Fahrt glitt der scharfe
Bug der Jolle in die Mndung eines kleinen, dicht mit breitblttrigen,
wunderlich gestalteten Bschen bewachsenen Wassers hinein, das sich, aus
den Bergen niederbrausend, sein Bett trotz allen Hindernissen gewhlt und
behauptet hatte, und von den Struchen verdeckt, lagen sie bald sicher und
heimlich unter der ziemlich steilen Uferbank des kleinen Bergstroms, an
der sie, mit Hlfe einiger vorstehenden Wurzeln und Aeste, frmlich
emporklettern muten.

Mit Mhe und Noth erreichten sie endlich, das heit Dumfry und Tomson
den oberen Theil der Bank und muten dann erst noch mit aller mglichen
Anstrengung ihrem wohlbeleibten Reisegefhrten zu Hlfe kommen, der mit
seiner berhngenden Flinte unter eine wilde Rebe gefahren war und nun
so vollkommen festsa und weder rck- noch vorwrts konnte, da sie sich
wirklich gezwungen sahen, ihm zuerst den Gewehrriemen abzuschnallen, ehe er
sich nur mglicher Weise von alle dem, was ihn hielt, losmachen konnte.

Der Platz, auf dem sie jetzt standen, obgleich nur wenige hundert Schritt
vom uersten, seebegrenzten Waldrand entfernt, war schon so von dicht
verworrener und in einander verwebter Vegetation bewachsen, als ob er
im wahren Herzen der Wildni lge, und eine Passage durch diese grnen,
duftenden Labyrinthe unter keiner Bedingung gestatten wrde. Edle Bume von
stattlichem, oft riesigem Wuchs stiegen ast- und zweiglos, wie lebendige
Sulen empor, und schienen das grne, dichte Laubdach dieses Domes zu
tragen und zu sttzen. Die Reimukiefer, der Keiketie, der Totara, der
Kahikatoa, Rata und andere Waldbume reichten sich hier einander die
mchtigen Arme und hielten sich gegenseitig mit blumigen, engverschlungenen
Guirlanden umschlossen, am herrlichsten aber stach gegen das dunkle, ernste
Grn der brigen Stmme die Nikau-Palme[12] und der herrliche _Farrenbaum_,
diese Zierde der neuseelndischen Wlder, ab, der mit seinen breiten
fcherartigen Blttern der ganzen Scenerie eben jenen bezaubernden,
tropischen Anstrich gab, whrend es fast aussah, als ob all die brigen
riesengroen Bume nur dehalb htten so weit und krftig hinaufschieen
und ihre Arme ausbreiten mssen, um ihn, das Juwel des Waldes, vor wilden,
gefhrlichen Strmen zu schtzen und zu bewahren.

  [12]: =Areca sapida.=

Kein noch so kleiner und unbedeutender Raum in diesem Waldmeer war
dabei kahl oder leer; jeder Stamm, jeder Felsen trug seine Moose und
Schmarotzerpflanzen, und wie ein grner, duftiger, blumendurchwirkter
Teppich berzog die ppige Pflanzendecke jeden erreichbaren Gegenstand.
Selbst abgestorbenen, und ihrer Aeste und Zweige beraubten Stmmen, wurde
nicht gestattet, so starr und trostlos dazustehen in ihrer reizenden
Umgebung, wie heulende Methodistenpriester in der herrlichen, lachenden
Welt; das lebendige Grn hatte schon lange vor dem Vertrocknen der
Sfte, den kranken Baum fest, fest umschlossen, und als Arm nach Arm
herunterbrach, und der todte Stamm, von allen verlassen, die er einst
untersttzt und beschirmt, stehen blieb, oder weit drhnend in
sein laubiges Grab hinabschmetterte, da blhten und wucherten
scharlachleuchtende Blumen um ihn auf, immergrne Krnze flochten sich um
seine riesigen Glieder, und was erst der Vernichtung geweiht schien, keimte
und wirkte jetzt noch einmal dem frischen, frhlichen Leben entgegen.

Van Broon, obgleich sonst gegen Naturschnheiten ziemlich abgestumpft,
wenn sie nicht sein materielles Ich unmittelbar berhrten, blieb doch
hier, sobald er sich von seiner ersten Anstrengung nur in etwas erholt,
berrascht stehen, und staunte die Wunder dieser riesigen Vegetation an.
Dumfry aber lie ihm nicht lange Zeit zu Betrachtungen, er war nur
schnell noch einmal in das Boot zurckgesprungen, aus dem er einige der
mitgenommenen und am leichtesten transportablen Provisionen heraufschaffte,
und forderte dann seine beiden Begleiter ohne weiteres auf, ihm, so rasch
und geruschlos als sie knnten, zu folgen, denn wenn er auch, besonders
zu Van Broon's Beruhigung, nochmals versicherte, es drohe ihnen unter
den gegenwrtigen Verhltnissen, sollten sie selbst mit Eingeborenen
zusammentreffen, keine Gefahr, so sei es doch auf jeden Fall besser, ein
Begegnen derselben zu vermeiden, da sie dann hoffen durften, ihre Plne
weit schneller und leichter ausfhren zu knnen.

Der Platz schien auch wirklich vllig unbesucht, ja nach dem zu urtheilen,
was man sehen und erkennen konnte, noch nie von menschlichem Fu betreten;
trafen sie also nicht gleich bei ihrem ersten Ausmarsch Wilde an, so lie
sich jetzt doch wenigstens mit Wahrscheinlichkeit vermuthen, da sie dann,
sollte ihre Ankunft auch spter bekannt werden, ihren Plan ausfhren und zu
ihrem Fahrzeug zurckkehren konnten, ehe nur irgend Jemand ahnte, was sie
wirklich beabsichtigten.

Dumfry hatte sich brigens schon bei seinem ersten Betreten des festen
Landes das Gesicht verhllt und theilte ihnen jetzt mit wenigen Worten
den Plan mit, den er zu befolgen gedachte. Zugleich machte er sie darauf
aufmerksam, da dieser Bach, in dessen Mndung sie eingelaufen -- und der
auch in dem Lehnsbrief unter dem Namen Ta-po-ka aufgezeichnet stand --
derselbe sei, welcher die nrdliche Grenze des fraglichen Landstrichs
bilde.

An diesem hinauf lag jetzt vor allen Dingen ihre Bahn, denn die westliche
Linie war gerade die schwierigste zu bestimmen. Dumfry hatte dehalb,
wie er sagte, seinen Tomahawk mitgenommen, um einzelne Bume selbst zu
bezeichnen und es dem spteren Eigenthmer dadurch mglich zu machen, den
Ort wiederzufinden und eine genaue Scheidungslinie zu ziehen. Ohne weiteres
Zgern schritt er denn auch jetzt den beiden Mnnern voran, in den dunkeln,
schweigenden Urwald hinein und dicht hinter ihm, den Hut fest in die Stirne
gedrckt, eine der beiden schweren Pistolen in der Hand, die andere, mit
der linken gehalten, im Grtel, folgte Tomson. Van Broon, seine eigne
Flinte auf dem Rcken, mit der er alle Augenblicke in den unzhligen
Schlingpflanzen hngen blieb, bildete den Nachtrab, schien aber mit diesem
Platz keineswegs einverstanden zu sein, denn es hatte ihm, wie er meinte,
etwas Unheimliches, so ganz zuletzt zu kommen und gar nicht zu wissen,
ob nicht irgend ein wilder Cannibale hinter ihm drein krieche und
heimtckischer Weise mit irgend einem vielleicht gar vergifteten Pfeile auf
ihn ziele. Ganz vorn zu gehn, wie es ihm Dumfry lchelnd anbot, lehnte er
jedoch auch, und zwar auf das Bestimmteste ab, denn er betheuerte, nicht
um noch so viele Schatzhebungen in jeden dunklen Busch hineinspringen
zu wollen, ohne denselben vorher mit grter Genauigkeit untersucht und
visitirt zu wissen. Es blieb also kein anderer Ausweg, als ihn in die Mitte
zu nehmen, und auf solche Art setzten sie denn auch, immer dem Lauf des
Baches folgend, ihre Bahn ruhig und ungehindert fort, ohne da ihnen irgend
etwas Auffallendes oder gar Gefhrliches begegnet wre.

Ihr Weg lag groentheils durch dichtbewaldete Niederung, und der
buntbeschwingte Papagei und andere Arten kleiner Singvgel waren ihre
einzigen Begleiter und fllten den hohen Waldesdom mit ihrem heiteren
sonnigen Leben. Endlich erreichten sie hher gelegenes Land, und hier
schien auch die Vegetation weniger ppig zu sein; auf jeden Fall fanden
sie dann und wann offene Waldstellen, die ihnen erlaubten schneller
vorzurcken. Dafr aber trafen sie jenes krftige, der Insel eigenthmliche
Farrenkraut, das an manchen Orten wirklich grtelhoch wuchs und Dumfry
blieb pltzlich, am Rand einer kleinen Prairie, die mit Nichts als solchem
Kraut bedeckt war, stehen und erklrte, da sie hier den Bach verlassen und
dem Hgelkamm folgen mten, den sie jetzt erstiegen htten. Von hier aus
begann die westliche Linie des verkauften Landstrichs und einige mit dem
Tomahawk rasch gefllte junge Bume, die eine niedere, breitwchsige Palme
umstanden, sollten fr sptere Jahre das Erkennungszeichen sein.

Dieser Hgelkamm aber, dem sie von jetzt an folgen muten, war ppig mit
dem unvermeidlichen Farrenkraut bedeckt, und dieses wuchs und wucherte an
einigen Stellen so hoch und dicht, da sie es im Anfang kaum durchdringen
konnten und mehrmals Orte fanden, die sie frmlich umgehen muten, bis sie
endlich einen schmalen indianischen Pfad trafen, der ganz dieselbe Richtung
zu laufen schien, die sie zu nehmen beabsichtigten. Dumfry mute ihn auch
gekannt haben, denn er hatte vorher, ohne jedoch seinen Begleitern etwas
davon zu sagen, in einem rechten Winkel wirklich danach gesucht.

Das Land hob sich hier nicht unbedeutend, und obgleich sie gerade keinen
bestimmten Berg erkennen konnten, da vor ihnen wieder ausgedehntere
Waldungen sichtbar wurden, so kamen sie doch jetzt zu immer steileren
und schroffer aufsteigenden Abhngen, von denen sprudelnde Wasser dunkle
Schluchten hinab schumten und sprangen. Schweigend verfolgten sie jedoch
ihre Bahn den schmalen Pfad entlang, und hatten eben wieder eine etwas
grere Farrenkrautflche erreicht, die hier die Kuppe des einen, rings von
Thlern umschlossenen Berges zu bilden schien, als Tomson einen lauten Ruf
ausstie und Van Broon im nchsten Augenblick, da Dumfry pltzlich stehen
blieb, heftig und erschreckt gegen diesen anrannte.

Dumfry, der in der letzten Zeit, und hier wohl keinen Beobachter frchtend,
die Matte von seinem Gesichte zurckgeschlagen hatte, fuhr zusammen,
verhllte sich rasch den Kopf wieder und ri, als ob, trotz allen
seinen Betheuerungen vom Gegentheil, eine Gefahr hier doch nicht zu
den Unmglichkeiten gehre, die Flinte empor. Vergebens blickte er aber
forschend nach allen Seiten umher, es lie sich Nichts erkennen und nur
Tomson stand, die eine seiner Sattelpistolen gespannt vor sich hinhaltend,
da, und schaute aufmerksam in das Farrenkraut hinein.

Was giebt's, Sir? rief ihn da Dumfry ungeduldig an, haben Sie irgend
Verdchtiges gesprt oder gehrt?

Es fuhr mir etwas dicht in meinem Fahrwasser ber den Pfad! erwiederte
der Seemann, ohne jedoch den Blick von der Stelle zu verwenden, wo das
unbekannte Wesen verschwunden sein mochte.

War es ein Mensch? frug Dumfry schnell.

Ich will gekielholt werden, wenn ich's wei, brummte Jener -- verdammt
schnell ging's, so viel ist gewi, und schwarz war's auch -- wenigstens am
Stern, denn weiter hab' ich nicht viel davon gesehen.

Es wird eines der wildgewordenen Schweine gewesen sein, beruhigte sich
da Dumfry -- es giebt viele auf der Insel, und fast sonst keine anderen
wilden Bestien. Ihr braucht keine Angst--

Da ist es wieder! rief Van Broon und deutete erschrocken in das dichte
Kraut; whrend aber Alle schwiegen und aufmerksam horchten, vernahmen
sie deutlich, wie die Bsche, und zwar gar nicht weit von ihnen entfernt,
rauschend zur Seite gedrckt wurden, als ob sich irgend ein schwerer Krper
rasch hindurch drnge. Dumfry richtete sich, so weit das gehen wollte,
empor, das Dickicht war aber hier hher als er selbst, es lie sich Nichts
erkennen, und ebensowenig sah er irgend einen hheren Gegenstand in der
Nhe, den er htte ersteigen knnen; nicht einmal ein Baum stand in mehren
hundert Schritt Entfernung.

Van Broon -- Mr. Van Broon, flsterte da pltzlich der angebliche
Neuseelnder, denn das Unbekannte rhrte sich wieder, als ob es noch einmal
ber den Pfad brechen wollte -- und zu gleicher Zeit nahm Dumfry seine
Flinte wieder in Anschlag und richtete sie gegen den Ort, von dem das
Gerusch herber tnte -- versuchen Sie doch einmal, ob Sie von Mr.
Tomson's Schultern aus den Plan bersehen und erkennen knnen, was hier
eigentlich in unserer Nhe herumkriecht -- ich will indessen die offene
Bahn bewachen.

Ahem, brummte der kleine Hollnder, und wandte sich gegen den Seemann,
der, wenn auch durch die Zumuthung vielleicht berrascht, doch gutmthig,
ohne brigens die Pistole abzulegen, die linke Hand auf sein linkes Knie
stemmte und dadurch seine Bereitwilligkeit ausdrckte, als Observatorium
benutzt zu werden, -- ahem -- will's versuchen -- werde ja wohl hinauf
kommen.

Schnell -- schnell! mahnte Dumfry ungeduldig -- die Pest ber das
Trdeln, glauben Sie, da _der_ wartet?

Der? wer? frug Van Broon erstaunt und drehte sich schnell wieder gegen
den Redner herum. Auch Tomson sah zu ihm auf.

Dumfry stampfte rgerlich mit dem Fu und Van Broon, der noch nicht recht
mit sich einig schien, ob er wirklich thtigen Antheil an ihrem Abenteuer
nehmen, oder die Sache ruhig abwarten solle, trat endlich kopfschttelnd
auf den Seemann zu, fate ihn von hinten um den Hals, hob ihm sein linkes
Knie ber das Hftbein und warf sich nun -- mit einem Versuch, auf solche
Art frmlich in den Sattel zu springen -- dermaen ber den Matrosen hin,
da er diesen ohne weiteres in das Farrenkraut hineindrckte und dann
gleich darauf selbst, den Kopf voran, in das Dickicht nachscho.

Alle Wetter! schrie Tomson, und fuhr mit beiden Hnden aus, um sich vor
dem Falle zu wahren, gedachte aber dabei nicht der geladenen Pistole, und
whrend er, von dem schweren Gewicht des kleinen Hollnders niedergezogen,
in dem dichten Farrenkraut verschwand, berhrte sein Finger den Drcker,
und die Kugel fuhr, dicht an Van Broon's Kopf vorber, in die Luft.

Dumfry drehte sich fast unwillkrlich nach dem Schusse um. In demselben
Moment glitt aber auch jener dunkle Gegenstand wieder zurck ber den Pfad,
und zwar diesmal vor ihnen vorber, whrend der Neuseelnder durch das, was
hinter ihm vorging, abgezogen, nicht rasch genug die Flinte an den Backen
reien konnte, den fremden Gegenstand aufs Korn zu nehmen, ehe dieser schon
wieder im Dickicht verschwunden war. So kurzer Blick ihm brigens gestattet
gewesen, so mute dieser doch wohl gengt haben, seinen Entschlu zu
bestimmen, denn, ohne auch nur einen Moment lnger zu zgern, warf er die
Flinte, die ihm in solchem Pflanzengewirr nur hinderlich sein mute, von
sich, ri den Tomahawk aus dem Grtel und sprang dort in das Kraut hinein,
wo die zurckgebogenen Struche die Spur des Flchtigen verriethen.

Als sich Tomson und Van Broon, die auch in der That schnell genug wieder
auf die Fe sprangen, von ihrem Fall erholt hatten und jetzt berrascht
umherschauten, war Dumfry verschwunden und sie selbst standen, keines Weges
kundig, allem Anschein nach aber von Gefahr umgeben, und wie Van Broon
frchtete, schon von einer unbestimmten Anzahl grimmer Menschenfresser
umringt, in der den Wildni da.

Was jetzt thun? den Fhrer erwarten, oder ohne weiteres das Boot wieder
aufsuchen und entfliehen? Van Broon stimmte unbedingt fr das letzte,
Tomson entschied sich dagegen fr das erste und behauptete nicht mit
Unrecht, sie knnten vielleicht, wenn wirklich Feinde in der Nhe lauern
sollten, den Verdacht derselben gerade durch einen voreiligen Rckzug
erregen, und es war dann fast gewi, da sie, des Waldes unkundig,
abgeschnitten wrden, ehe sie im Stande wren ihr Boot zu erreichen.

Hier jedoch, mitten im Wald, wo ihr Blick nicht einmal zwei Schritte weit
ins Dickicht drang, und der Feind sich leicht bis dicht an sie anschleichen
und seine tdtlichen Pfeile aus sicherem Hinterhalt auf sie abfeuern
konnte, ruhig stehen zu bleiben, schien fast ebenso wenig rathsam, und
Tomson wandte schon, nur bei dem bloen Gedanken daran, unruhig den Kopf,
welcher Bewegung denn Van Broon blitzesschnell folgte, als ob er nichts
Geringeres erwartete, wie seine entsetzlichsten Befrchtungen verwirklicht
zu sehen.

Da raschelte es wieder im Dickicht; whrend jedoch der Seemann, fest
entschlossen, sein Leben so theuer zu verkaufen als mglich, die
indessen wieder geladene Pistole dorthin gerichtet hielt, traf der
leise, wohlbekannte Pfiff Dumfry's sein Ohr, und gleich darauf glitt die
verkleidete Gestalt desselben gerade da wieder in den Pfad, wo sie vorhin
so rasch und unerwartet verschwunden war.

Er hatte die Matte wieder zurckgeschlagen, und sein Antlitz sah bleich und
angegriffen aus, ohne aber auch nur einen Augenblick Zeit zu verlieren,
ja selbst ohne eine einzige, der an ihn gerichteten Fragen zu beantworten,
winkte er den Gefhrten, ihm zu folgen und schritt, so rasch es die dichten
Strauchbsche erlaubten, in dem schmalen Pfad voran. Es dauerte brigens
nicht mehr lang, so erreichten sie den Waldrand wieder und verlieen damit
wenigstens die hemmenden Farrenkruter, obgleich umgestrzte Bume, dornige
Cyanen und dichtes Unterholz ihren Fortgang dennoch sehr aufhielten. Aber
auch diese lichteten sich endlich, als sich Dumfry jetzt pltzlich einer
kahlen Steinflche zuwandte, und von dieser aus eine schroff und fast
kahl emporsteigende Bergspitze rasch emporkletterte. Tomson und Van Broon
schienen erst unschlssig, ob sie ihm da hinauf folgen sollten; sein
ungeduldiger Wink rief sie aber bald nach, und sie standen wenige Minuten
nachher auf einem schmalen, wunderlich geformten und von allen Seiten
fast schroff empordmmenden Felskegel, der sie ber dem riesigen Wuchs des
Urwalds erhob, und von dem sie, wenigstens einen kleinen Theil der Insel,
wie das sie umgrtende Meer berschauen konnten.

Der Anblick war wundervoll; das dunkle Grn der Bume, nur hie und da von
dem lichten Grau einzelner Farrenstrecken durchbrochen, deckte wie mit
einer festen, undurchdringlichen Masse das Land, und dicht hinangeschmiegt,
und von dem klaren funkelnden Sonnengestirn berstrahlt, lag das blaue,
therreine Meer. Unfern der Kste aber, von dem weischumenden Streifen
der Korallenriffbrandung eingeschlossen, schaukelte der Kasuar, whrend
weiter hinter ihm, und hie und da die einfrmige Stille des Horizonts
unterbrechend, einzelne Segel sichtbar wurden, die mit der frischer
wehenden Briese rasch und lautlos dahinglitten.

Der Himmel war rein und wolkenlos, nur im Sden lagerte auf den dsteren
Waldschichten ein durchsichtiger, rosenfarbener Nebel, der von einem etwas
dunkleren Hintergrund begrenzt schien.

Der Felskegel selbst war kahl, nur an seinem einen Rand hing ein dichtes
Gewirr von wildverschlungenen Blumen, aus denen einzelne niedere, aber
dichtbelaubte Strucher emporstiegen und nach dieser Richtung hin die
Aussicht gegen die im Innern gelegenen Berge zu abdmmte.

Wenn nun aber auch unsere drei Freunde, sobald sie die hchste Kuppe
erreicht hatten, forschend und aufmerksam die Blicke nach allen Richtungen
hinschweifen lieen, so schien doch Keinen, obgleich Alle von verschiedenen
Gefhlen bewegt wurden, die Scenerie selbst zu interessiren, wenigstens
verrieth kein Laut der Bewunderung, kein einziger Ausruf, kein Wort der
Mittheilung, da sie sich des wunderherrlichen, sie umgebenden Panoramas
auch nur bewut waren. Van Broon suchte nur rings umher ihre nchste
Umgebung zu erforschen, ob sie nicht unmittelbare Verfolger zu frchten
htten, und Dumfry, der im Anfang seinen Blicken folgte, seine Untersuchung
aber dehalb schneller beendete, da er genau die Gegend wute, in der ihnen
Gefahr drohen konnte, schaute weiter aus, und schien sich mit den nchsten
auf ihrer Bahn liegenden Landmarken vertraut zu machen, indessen Tomson
gar nicht auf das Land achtete, sondern nur mit den Augen den Horizont
berflog, zuerst sein eigenes kleines Fahrzeug beobachtete, wie es ruhig
und friedlich mit den scharf gezeichneten Masten in der Bai lag, und dann
aufmerksamer, als es der Gegenstand zu verdienen schien, nach dem Nebel
sah, der von Sden aus nach West und Ost in kleinen, dunstigen Strahlen
hinberstrebte.

Tomson -- sehen Sie dort drben jene dunkle Bergkuppe? brach Dumfry
endlich das Schweigen -- gleich links von dem helleren Grn jener einzeln
stehenden Palmengruppe?

Gerad' unter dem silbergrauen, glatten Wolkenstreifen, der sich dort
hinberdehnt?

Dieselbe -- das ist der Punkt, von dem die sdliche Grenzscheide meines
Landes, ein anderer kleiner Bach, aus den Bergen sprudelt, und in fast
stlicher Richtung, etwa fnf Meilen unterhalb der Bai, in die wir
eingelaufen sind, mndet. Getrauen Sie sich jetzt den Platz spter einmal
wieder finden zu knnen?

Auf jeden Fall, wenn wir den Weg gemacht haben, meinte Tomson, und schob
dabei die eine Pistole, die er bis jetzt noch immer schufertig in der
Hand gehalten, in den Grtel zurck. -- Ich dchte auch, wir brchen
auf; knnten wir die Sache beenden, _ohne_ den dunkelhutigen Schuften zu
begegnen, desto besser, mich gelstet's keineswegs nach einer genaueren
Bekanntschaft, als wir sie bis jetzt gemacht haben. Das war doch ein
Indianer, der uns da vorhin im Fahrwasser herumkreuzte -- eh?

Wir drfen die Grenzen nicht weiter verfolgen, entgegnete Dumfry finster,
ohne die an ihn gerichtete Frage zu beantworten; -- Sie kennen Beide
die Gefahren, die uns von Seiten der Eingeborenen drohen, sobald sie
_Landvermesser_ in uns zu finden glauben; laufen wir daher den ganzen
Bereich ab, so mssen wir fast ihren Verdacht erregen. Das vermeiden wir,
sobald wir uns von hier aus gerade durch den Wald der Kste zuschlagen,
und dadurch hoffe ich auch jede Spur zu vernichten, die wir bis jetzt etwa
knnten zurckgelassen haben, denn whrend wir in einem rechten Winkel von
dem bisherigen, fast geraden Curs abspringen, bleiben wir wohl eine Meile
lang auf felsigem Boden, wo es selbst dem Auge eines Indianers schwer
werden sollte, Fhrten zu verfolgen.

Aber der Schatz? fiel ihm hier Tomson in die Rede, haben Sie es etwa
aufgegeben, den zu finden, und kehren wir jetzt gleich zum Boot zurck?

Ja -- zum Boot wohl, erwiederte Dumfry -- doch hoffentlich nicht ohne
das, um was ich mein Leben hier eingesetzt habe. Getrauen Sie sich also
diese Grenzlinie, wie ich Sie Ihnen jetzt bezeichnet, wieder zu finden?

Hm -- ich wei doch nicht, brummte Tomson halblaut vor sich hin -- wenn
man das Ding nachher beschwren sollte -- htten wir nur wenigstens die
Verschreibung mit.--

Die fhre ich bei mir, sagte Van Broon, und holte, nicht ohne einige
Schwierigkeit, das vorsichtig in einer Blechbchse verwahrte Document aus
der vollgepfropften Tasche; hier Gentlemen, aber ich wei wahrlich nicht,
wie _das_ Ihnen dabei helfen soll -- es ist doch nicht--

Sehen Sie! rief Dumfry jetzt, der das Papier rasch entfaltet hatte --
hier ist der Bach, an dem wir heraufkommen -- Sie wissen den Namen, und
Jedermann an dieser Kste wird Ihnen spter die Mndung zeigen knnen --
das etwa ist die kleine Farrenprairie, wo ich heute die Palme zeichnete.
Sie getrauen sich doch _die_ wiederzufinden?

Ja, von der Mndung aus gewi, sagte Tomson.

Gut, fuhr Dumfry in seiner Beschreibung fort, hier der, durch ein Kreuz
bezeichnete Punkt ist der Felsgipfel, auf dem wir stehen, und jene sdlich
gelegene Abdachung dieselbe, auf welcher dorten der Nebel liegt, und von wo
aus Sie dem niederstrmenden Bach an der Grenze hin zu See folgen knnen.
Eine Verwechselung ist hier unmglich.

Tomson hatte die Karte aufmerksam eine Zeitlang betrachtet; endlich legte
er sie wieder zusammen, schob sie in ihr Futteral zurck, reichte es
Van Broon und sagte, zu gleicher Zeit nach Sden hinberdeutend, wo die
bezeichnete Gegend lag:--

Den Platz getrau ich mich von hier aus selber zu finden, nicht aber mein
eigenes, kleines Fahrzeug, wenn wir lnger hier zgern, als es unumgnglich
nthig ist -- es liegt weit drauen an den Riffen, und da drben braut ein
Wetter, oder ich will im Leben kein Salzwasser wieder schmecken.

Die Strme wthen oft frchterlich an dieser Kste, fiel Dumfry rasch
ein, dem nichts Erwnschteres kommen konnte, als durch solchen Grund ihre
Rckkehr zu beschleunigen.

Aber der Schatz, sagte Van Broon, keineswegs gesonnen, das jetzt soweit
ausgefhrte Wagestck ohne einigen persnlichen Nutzen zu beenden.

Auf unserem Weg zum Boot passiren wir den Platz, erwiederte Dumfry --
und nun rasch. Gentlemen, der grte Theil, ja der einzig gefhrliche
unseres ganzen Marsches ist beendet, jetzt gilt es einfach noch eine kurze
Strecke Weges zurckzulegen, und ehe jene dsteren Nebelstreifen im Stande
sein werden auch nur mit ihren uersten Spitzen die Sonne zu erreichen,
hoff' ich, schaukeln wir wieder auf den stillen Wassern der Bai und Freund
Tomson mag uns dann so sicher zurck nach Port Jackson fhren, als er uns
hierher gebracht.

Und ohne weiter eine Antwort seiner beiden Begleiter abzuwarten, sprang
er flchtig an den vorragenden Felsenspitzen nieder, die, fast wie durch
Menschenhand ausgefhrt, die einzigen Haltpunkte an einer wohl zwanzig Fu
hohen Felsenwand fr Fu oder Hand boten. Tomson folgte ihm ebenso rasch;
viel schwerer wurde es aber dem an solche Bahn keineswegs gewhnten
Buchhalter, und nur mhsam war er im Stande, seinen um so Vieles
gewandteren Gefhrten zu folgen. An solches Bergeklettern aber nicht
gewohnt, und mit, durch zu vieles Sitzen versteiften Gliedern, verlor er
bald seinen Fuhalt, fing an auszurutschen, fiel, klammerte sich wieder
fest, mute, durch sein eigenes Gewicht gedrngt, noch einmal loslassen,
und polterte endlich, Flaschen und Proviant von sich schleudernd, und
die bis dahin so sorgsam bewahrten Provisionen nach allen Richtungen
hinausstreuend, ber rauhes, schroff ablagerndes Felsgestein wimmernd
nieder, bis er, von einer jungen Farrenpalme angehalten, hngen blieb, und
nun verzweiflungsvoll die Bahn zurckblickte, die er eben so unfreiwillig
rasch herniedergerasselt war.

Oben aber, aus dem kleinen Lianendickicht, das auf dem Felskegel wucherte,
kroch vorsichtig und geruschlos eine dunkle tttowirte Gestalt, glitt
bis zu dem Felsrand hin, wo noch leise rollender Kies die Stelle verrieth,
welche die Mnner eben zurckgelegt, und beobachtete hier, von niederem
Mooswuchs und einzelnen Farrenkrutern verdeckt, mit den aus dem narbigen
Gesicht unheimlich vorfunkelnden Augen die Bewegungen der Fremden, von
denen Tomson und Dumfry erst zu dem Gefallenen traten und dann, als sie
sahen, da dieser selbst keinen weiteren Schaden genommen, und noch stehen
und gehen konnte, in den stlich gelegenen Bschen mit ihm verschwanden.

Der Indianer blieb wohl eine Viertelstunde lang regungslos in seinem
Verstecke liegen, und erst dann, als er sich fest davon berzeugt haben
mochte, da die Fremden den Platz auch wirklich verlassen htten, erschien
seine Gestalt pltzlich am Rande des Abhanges. Blitzesschnell glitt er
hinab, wich aber, unten angelangt, den Spuren der Weien in einem weiten
Bogen aus -- er vermied die Stelle, wo die zersplitterten Glasflaschen
lagen -- und nahm erst dort die Fhrte wieder auf, wo die Fremden, dem
felsigen Bette eines vertrockneten Baches folgend, in den Wald eingedrungen
waren.

       *       *       *       *       *

Ruhig lag indessen der Kasuar vor seinem Anker, und die Matrosen hatten
sich, als das kleine Boot zwischen die vorhngenden Bsche des Ufers scho
und von diesen verdeckt wurde, lssig unter das aufgespannte Sonnensegel
gelagert, und schauten trumend auf das blaue, nur leise wogende Meer
hinaus, das, wie sie, in miger Ruhe die heie, sonnige Tageszeit zu
verschlafen schien. Selbst die Fische muten sich in die dunkle, khle
Tiefe zurckgezogen haben, denn nur selten zuckte ein goldschillernder
Delphin strahlenblitzend ber die gebrochene Spiegeldecke der Fluth,
und Careys Mutter Kchelchen[13] selbst schaukelten sich mit nur selten
gehobenen Schwingen auf ihrem heimathlichen Element.

  [13]: Die kleine schwarze Seeschwalbe, die den Schiffer auf seinen
  weiten Reisen begleitet.

Das Steuer des kleinen Fahrzeugs stand verlassen, nicht weit aber davon
lagen, anscheinend ebenso unthtig als die Uebrigen, der Strfling und sein
neugewonnener Freund, der irische Matrose, dicht neben dem Gangspill,
und hatten beide die Kpfe auf den unteren, vorstehenden Theil desselben
gelegt, in welchem die starken messingenen Einhemmer ruhten.

Bill flsterte da der Strfling endlich und berhrte leise den Ellbogen
des Kameraden.

Der Ire hob den Kopf ein wenig und schaute vorsichtig hinber.

Wenn der Koch zum Essen ruft, fuhr Ned eben so leise fort, so geh' nach
vorn, und thu' wie ich Dir sagen werde; noch habe ich nicht alle Hoffnung
aufgegeben, und, wenn mein Plan gelingen soll, so ist das der einzige
Augenblick zur Ausfhrung.

Aber wie und was? brummte der Ire, an Schwimmen drfen wir nicht denken,
denn ich will verdammt viel lieber Matrose bleiben, als mich von Haifischen
fressen lassen und das Canoe knnen wir zwei unmglich ber Bord heben.

Nein, flsterte der Strfling zurck -- dennoch giebt's ein Mittel es
hinberzubekommen; wo Gewalt Nichts auszurichten vermag, mu List helfen.
Doch die Zeit drngt -- steh' Du jetzt auf und mache Dir in der Nhe des
Kochs etwas zu thun, sobald der aber anfngt das Essen in die Schalen zu
fllen, so ruf' Segel ahoi! -- Ist auch nichts zu sehen, sie mgen Dich
nachher auslachen, oder darber fluchen, komme aber nachher sobald Du es
unbemerkt thun kannst und -- hrst Du -- so schnell als mglich hierher
zurck.

Was soll das aber helfen? frug der Ire erstaunt.

Wirst's schon sehen, sagte Ned, und drehte sich auf die andere Seite
herum, Bill aber, der sich noch ein paar Mal streckte und dehnte, stand
endlich langsam auf, und schlenderte kopfschttelnd dem Vordertheil des
Schooners zu, wo der Koch, ein feister chter Buck nigger -- von der
Mannschaft jedoch nur gewhnlich schlichthin Doktor genannt -- emsig in
der kleinen, heien Kambse beschftigt war, gromchtige Kessel heraus und
hineinzuheben, Pfannen zu rcken und Seewasser in entsetzlichen Quantitten
an Bord zu ziehen und wieder auszuschtten, bis ihm der Schwei in groen,
hellen Tropfen von Stirn und Schlfen lief, und sein Antlitz mit einer
wahren, glnzenden Fettdecke berzog. Die Matrosen hatten aber auch heute
einen Festtag, denn, um sie in etwas dafr zu trsten, da sie nicht mit
ans Land durften, war ihnen Pudding und Schweinfleisch bewilligt
worden, und verschiedene, hungrige Abgesandte hatten sich schon in kurz
aufeinanderfolgenden Zwischenrumen erkundigt: ob heute wirklich noch zu
Mittag gegessen wrde.--

Ned wute das Alles, und baute darauf seinen Plan, der in nichts Geringerem
bestand, als noch vor dem Essen die Mannschaft des Kasuar dahin zu bringen,
das an Bord liegende Canoe selbst mit in See zu heben, und es auch dorten
die Mittagszeit hindurch zu lassen.

Nicht weit von dort wo er lag, standen nmlich dicht am Steuerrad zwei
grnlackirte Eimer, die den Namen des Schooners trugen, und mit theils dem
Capitn, theils dem Zimmermann gehrige Wsche angefllt waren. Ned, der
nie eine Gelegenheit vorbeigehen lie, Geld zu verdienen, da er recht gut
wute, da er _Geld_ sowohl zum Fliehen, als auch zum spteren Fortkommen
nothwendig haben msse, hatte es auch hier an Bord fr eine mige
Vergtung bernommen, die Wsche dieser beiden Offiziere in Ordnung zu
halten, und dorthin begab er sich jetzt, als ihn der Ire eine Zeitlang
verlassen, und er sich von sonst keinem weiter beachtet wute.

Neben den beiden, bis zum Rande mit Seewasser angefllten Eimern stellte er
jetzt noch einen leeren dritten, nahm dann aus den ersten einen Theil der
Hemden, rang sie trocken aus, fllte damit den letztgebrachten Eimer mehr
als halbvoll, hob ihn auf die, nicht eben hohe Verschanzung und go nachher
aus den anderen das gebrauchte Seewasser ber Bord.

Du wirst den Eimer hinunterfallen lassen Ned, rief ihm der Kajtenjunge
zu, der eben die Treppe niedersteigen wollte -- wenn's ein Bischen
schwankt, liegt er drben, und 'sist nicht einmal ein Tau dran.

Kmmere Du Dich um Deinen Kram, brummte der Strfling, warf der
schlanken, lachend niedertauchenden Gestalt einen giftigen Blick nach und
fuhr in seiner Arbeit fort; sein Blick aber schweifte oft rasch nach dem
Bug des Schooners hinber, wo Bill nachlssig an der Ankerwinde lehnte,
und anscheinend halb im Schlaf nur dann und wann einmal nach dem Koch
hinberblinzte. Da kam dieser mit den hlzernen Schaalen aus dem Vorcastle
herauf, und der Ire stand auf, trat an die Bulwarks und sttzte sich mit
dem Ellbogen auf den einen dort festgeschnrten Anker -- jetzt hob er
sich etwas empor und schtzte mit vorgehaltener Hand seine Augen gegen das
Sonnenlicht. Am fernen Horizont waren indessen in der That mehrere kleine
weie Punkte sichtbar geworden, doch achteten die brigen Matrosen nicht
darauf, denn einestheils brauchten sie hier in der Gegend keine Seeruber
zu frchten, und dann nahm auch wirklich in diesem Augenblick der Koch ihre
ganze Aufmerksamkeit viel zu sehr in Anspruch, um gerade jetzt auf irgend
etwas Anderes zu denken.

Ein kleiner Bschel Werg -- Ueberbleibsel eines zerzupften Taues -- lag
dicht neben Ned an Deck; dieser hob ihn auf, warf ihn ber Bord und folgte
ihm mit den Augen. Das Werg trieb, durch die Strmung getragen, langsam am
Riff hinauf, und der Strfling lchelte still vergngt in sich hinein, denn
gerade dort wurde jetzt die hohe, dicke Rckenflosse eines Hai sichtbar,
der sich in dem schumenden Rauschen der Untiefe zu sonnen schien, als er
sich aber wieder nach seiner Arbeit umwandte, sah er, wie der Zimmermann
aufgestanden war und gerade auf ihn zukam. Blieb der in seiner Nhe, so
wurde die Ausfhrung des erdachten Planes zur Unmglichkeit.

Gift und Tod! knirrschte der Sidneyer wild in sich hinein, hat denn
dieser vermaledeite Schuft von Koch--

Segel ahoi! rief pltzlich der Ire am Bug des Schooners, und der
Zimmermann wandte sich, erstaunter ber den Ruf als das Segel selbst, nach
jenem um, Ned aber trat rasch gegen die Bulwarks an und stie hier den, nur
leicht auf den Bord gestellten Eimer in See.

Seht Ihr -- hab ich's nicht gesagt? schrie da der Kajtenjunge, der eben
wieder an Deck kam, und jetzt vor die Verschanzung sprang, um hinber zu
sehen, -- ei Du lieber Gott, da schwimmen ja des Zimmermanns Hemden
mit fort, na der wird schn schimpfen -- jetzt kann Tom wieder
hinterherschwimmen. Und als ob sich das von selbst verstnde, warf er
seine Jacke ab und wollte eben ohne Weiteres in See springen, den langsam
dahintreibenden Wscheimer zurckzubringen.

Das vertrug sich aber keineswegs, mit Ned's Plane, der dadurch vernichtet
worden wre.

Halt, um Gotteswillen! rief er, und ergriff den Arm des kecken jungen
Burschen -- Ihr wret verloren -- seht Ihr denn nicht dort den Hai!

Hallo, was giebt's da? sagte in diesem Augenblick der Zimmermann, als er
rasch an die beiden hinantrat, zu gleicher Zeit aber auch den, jetzt schon
ein ziemliches Stck vom Schooner entfernten Eimer erkannte - Wasserhosen
und Seeschlangen, meine Hemden -- Ned, Hallunke, das hast Du mit Flei
gethan -- aber warte Canaille, das zieh' ich Dir am Lohn ab, und wenn Du
ein Jahr lang fr mich waschen sollst. Willst Du den Jungen loslassen,
Bestie -- was giebt's mit dem?

Er wollte ber Bord springen, Sir, stammelte in anscheinender Angst und
Zerknirschung der Strfling -- und da hinten -- da hinten der Hai--

Was geht's _Dich_ an, wenn er seine Haut riskirt -- Lubber Du! donnerte
ihn da der Zimmermann an -- bist Du sein Wchter, oder ist Dir's wohl etwa
nicht einmal recht, da der Capitn seine Hemden wiederkriegt? -- Hinber
mein Bursche -- der Hai wird Dich nicht gleich -- ja so, Donnerwetter nein
-- mit den Haifischen ist hier nicht zu spaen unterbrach er sich aber
pltzlich selber, denn es fiel ihm gerade noch zur rechten Zeit ein, da
Tomson die ja eben fr die Wchter des Fahrzeugs erklrt hatte. Schickte er
jetzt den Jungen selber ber Bord, und kehrte der ungefhrdet zurck, wer
stand ihm denn dafr, da sich nach Dunkelwerden nicht gar ein Theil seiner
Matrosen ber Bord lie und ans Ufer schwamm, denn ein guter Schwimmer
htte die kurze Strecke, wenn er noch dazu die Fluth abwartete, wohl
glcklich zurcklegen knnen. Der junge Bursche schien sich brigens,
nachdem er erst einmal auf die keineswegs unbedeutende und so nahe Gefahr
aufmerksam gemacht war, auch gar nicht mehr zu dem erst so bereitwillig
angebotenen Ritterdienst zu drngen, und trat fast unwillkrlich vom Bord
zurck.

=Dinner, boys -- Dinner!= schallte in diesem Augenblick des Kochs Stimme
herber, der die Schaalen im Arm eben damit nach dem Vorcastle schritt.

Halt da! schrie der Zimmermann, als er sah, da sich einige der Matrosen
nach vorn stehlen wollten, wo er nicht mit Unrecht frchtete, sie wrden
die besten Stcke fr sich heraussuchen -- lat das Canoe in See --
hierher ihr Schufte -- wollt Ihr, da ich Euch fnfzigmal rufen soll?
-- hinber damit -- Wo ist Bill? -- hierher Sir, mit angefat -- Euerem
albernen Segelahoischreien haben wir den ganzen Unsinn zu danken.
Schnell Ihr Seehunde -- denkt Ihr der Eimer wartet auf Euch? -- heilige
Dreifaltigkeit, er segelte wie ein portugiesischer Man of war[14]! und
Du, Ned, kannst Dich freuen -- warte Du Strick, das soll Dir angerechnet
werden, wenn Tomson zurckkommt -- ich wnsche jetzt nur weiter Nichts, als
da wir die Hemden nicht wieder kriegten.

  [14]: Portugiesischer Man of war, der Beiname des Nautilus.

Trotz diesen, mit einem wilden Seitenblick auf den Strafwrdigen, heftig
ausgestoenen Worten, gab sich der wackere Zimmermann aber wirklich die
grte Mhe zum Gegentheil, und hob und schob mit aus Leibeskrften,
das etwas unbehlfliche Boot ber Bord zu heben. Dieses war ein cht
Neuseelndisches Canoe, mit reich geschnitztem Vordertheil, schwarz und
roth bemalten Seiten, und hinten im Stern mit Albatrofedern verziert;
obgleich aber zwei zierlich ausgeschnittene, kurze Ruder, wie sie die
Eingeborenen fhren, darin lagen, so schien es doch fast zu schmal und
schwank, zwei groe erwachsene Personen zu tragen, und der Zimmermann
zog es denn auch, vielleicht nur aus diesem Grunde, vor, allein
niederzusteigen, und dem, indessen schon wenigstens zweihundert Schritt
entfernten Eimer nachzurudern. Ned htete sich auch wohl, seine eigenen
Dienste zu diesem Zweck anzubieten, da er recht gut wute, der Zimmermann
wrde ihm nicht allein nie gestatten das Boot allein zu betreten, sondern
auch, wenn das bis jetzt wirklich noch nicht geschehen, auf jeden Fall
Verdacht schpfen, und ihn dann so genau bewachen, da all seine bisherige
List und Schlauheit vergebens gewesen wre.

Jener aber, ehe er abstie und in dem scharf gebauten, flchtigen Kahn
leicht mit der Fluth dahin scho, rief den jetzt ber Bord und ihm
nachschauenden Matrosen noch einmal zu, ja nicht etwa fortzulaufen, sondern
dort seiner zu harren, bis er zurckkehre, damit sie das Canoe nachher
gleich wieder hinauf hissen knnten.

Vielleicht htten sie gehorcht, aber mahnend erschallte gerade da noch
einmal der jetzt schon ungeduldigere Ruf des Kochs: =Dinner ready,
boys!= -- macht, oder es wird kalt, und der Ire, berhaupt schon als
ein frchterlicher Esser gekannt und gefrchtet, der nun auch vollkommen
einsah, was seines Kameraden Absicht sei, schob die Hnde in die Taschen
seiner kurzen Jacke, spuckte sein Priemchen ber Bord und sagte, whrend er
entschlossen nach vorn ging--

Bis der wieder hier ist, knnen wir fertig sein!

Bleib lieber da, Bill, riefen ihm ein Paar von den Andern nach, der
Zimmermann flucht und wettert nachher den ganzen Tag.--

Wenn's _ihm_ Spa macht, brummte Bill, ohne die Aufforderung weiter
zu beachten, _mir_ kann's recht sein, so oft haben wir aber kein
Schweinfleisch, da ich der Letzte dabei sein mchte.

Er schritt rasch den dampfenden Schsseln zu, und die Beispiel half,
denn die Anderen kannten ihn nur zu gut; wo der Ire einmal angefat hatte,
bekamen die Nachzgler auch gewhnlich nur das Nachsehen, und whrend
der Zimmermann aus Leibeskrften dem langsam davon treibenden Eimer
nachruderte, strmte die Mannschaft des Kasuar dem Vorcastle zu, und fiel
hier mit einem wahren Heihunger ber die ausgetheilten Speisen her.

Ned allein blieb am Hinterdeck stehen, und erwartete die Rckkehr des
Canoes. Der Zimmermann lie denn auch nicht lange auf sich warten -- er
hatte sich einmal umgesehen, und bald gefunden, da all seine Leute ihre
Posten verlassen hatten -- womit sie sich jetzt beschftigten, konnte er
sich leicht denken; mit dem besten Willen legte er sich daher in das Ruder
und murmelte dabei nur leise, aber desto grimmigere Verwnschungen in den
Bart, die sich theils ber die gefrigen Schufte, theils ber den Hund
von Canarienvogel ergossen, den er im Geist schon zchtigen und abstrafen
lie. Bald erreichte er den Eimer, fate ihn am Henkeltau, hob ihn in
sein schwankes Boot, und drehte dann den Bug desselben rasch wieder seinem
eigenen Schooner zu. Allerdings mute er jetzt gegen die Fluth ankmpfen,
die neuseelndischen Fahrzeuge sind aber auch hierzu so spitz und schneidig
gebaut, und leicht konnte er damit den nicht allzustarken Widerstand
bekmpfen.

Wie er mit dem Bug seines schwanken Fahrzeugs gegen den Stern des Schooners
anlief, warf ihm Ned ein Tau zu. Rasch befestigte er dieses vorn am
Springfall und kletterte dann ohne weiteres Zgern an Deck.

Und die anderen Hallunken, rief er hier, als er den geretteten Eimer an
Bord warf und mit dem Fue stampfend nach vorn blickte.

Sind beim Essen, Sir, erwiederte ihm demthig der Strfling -- ich bat
sie, Euerer hier zu warten, aber sie sagten, ich solle zum Teufel gehen --
Ihr -- Ihr--

Nun was, Ihr? heraus mit der Sprache, was Ihr? rief rgerlich der
Zimmermann -- weshalb stotterst Du -- was Ihr?

Ja ich kann doch nicht dafr, da Jene es sagten -- bat, einen Schritt
zurcktretend, der Sidneyer.--

_Was_ sagten -- Hallunke, rief aber auch jetzt der Zimmermann, auf das
Aeuerste entrstet -- wird dieser Carnarienvogel singen, oder soll ich
ihm die Zunge lsen--

Ihr frt ihnen so Alles weg, wenn Ihr kmt, sagten die Leute --
betheuerte Ned und zog sich dabei immer mehr zurck.

Der Zimmermann, ohne weiter eine Sylbe zu erwiedern, griff mit einem,
zwischen den zusammengebissenen Zhnen halblaut vorgestoenen Fluch
nach einem kurzen Ende Tau, was dort lag, und schritt rasch auf dem
Starbordgangway entlang, dem Vorcastle zu. Zu gleicher Zeit aber, und
sobald er nur die midschips aufgestapelten Wasserfsser und Nothspieren
erreicht hatte, glitt die niedergebckte Gestalt des Irlnders auf dem
Larbordgang nach hinten, und wie sich Ned eben -- denn jetzt war der
Augenblick zum Handeln gekommen -- ber die Bulwarks schwang, und in das,
von dem so pltzlich niederdrckenden Gewicht hochaufschaukelnde Canoe
sprang, griff Bill in einer Art Humor eben den Eimer wieder auf, den
der Zimmermann mit so viel Anstrengung zurckgebracht und folgte seinem
Gefhrten in demselben Moment, als dieser, um nicht Zeit mit dem Aufknpfen
zu verlieren, das schwache Tau, das sie noch hielt, durchschnitt und
blitzesschnell von Bord stie.

Das Ganze hatte nur wenige Sekunden zu seiner Ausfhrung gebraucht, und
die Flchtlinge wrden Vorsprung genug gewonnen haben, wenigstens aus jedem
gefhrlichen Bereich des Schooners zu kommen, htten nicht zwei, den beiden
Leuten keineswegs gnstige Augen das Ganze mit angesehen. Der Kajtenjunge
erschien in dem nmlichen Augenblick an Deck, als Bill ber dem
Rand desselben verschwand, und ohne weiter seine Zeit mit Anrufen zu
verschwenden, die doch, wie er recht gut wute, ganz nutzlos gewesen wre,
rannte er spornstreichs nach vorn, und sein Hlferuf machte nur zu schnell
die Mannschaft und besonders den jetzigen Befehlshaber des Fahrzeugs, den
Zimmermann, darauf aufmerksam, was hier eigentlich vorgehe.

Teufel! schrie der alte Seemann, und sprang mit flchtigen Stzen dem
Hinterdeck zu -- aber zu spt, denn eben trieb das schlanke Canoe vom
Schooner ab, und Ned, der sich in den Stern desselben geworfen hatte,
ergriff das Ruder, und neigte es freundlich grend gegen den Wuth
schumenden Matrosen.

=Good bye=, Sir! rief er dabei lachend -- wollen dem Capitn die Hemden
mit hinber nehmen -- wird sich ungemein darber freuen -- etwas sehr
angenehmes an solch' heiem Tag, die Wsche wechseln zu knnen -- bitte
mich gehorsamst in Sidney zu empfehlen!

Der Zimmermann, der mit einem Blick die Lage der Dinge berschaute, war mit
wenigen Stzen in der Kajte unten, ergriff die, dort in der Ecke lehnende
und stets geladene Bchse, stie das kleine, dicht ber dem Steuerruder
angebrachte Fenster auf, hielt die Mndung des Gewehres hinaus und donnerte
den Flchtigen nach:

Halt! -- halt, sag' ich, oder ich schiee!

Bcke Dich, Bill! rief der Strfling, der in diesem Augenblicke gerade
den Kopf zurckwandte -- nieder mit Dir! und zu gleicher Zeit warf
er sich flach auf den Boden des Canoes. Der Ire aber, theils durch die
schaukelnde Bewegung des schwanken Bootes, theils durch die Worte selbst
erschreckt, kehrte sich, da ihm berdies nicht einmal Raum genug blieb, dem
Rath zu folgen, rasch nach dem Drohruf des Zimmermanns um, und vermehrte
dadurch, freilich unbewut, die Unsicherheit seiner Stellung um ein
Bedeutendes.

Da zuckte aus dem Kajtenfenster des Kasuar ein scharfer blendender Strahl,
und mit dem Ausruf: Jesus Maria! fuhr der Ire zur Seite. Wohl hob sich
auch zu gleicher Zeit der Strfling, und suchte dadurch, da er sich auf
den entgegengesetzten Bord warf, das Schifflein im Gleichgewicht zu halten,
der Verwundete schwankte jedoch eben so rasch auch dort hinber, und das
Canoe, das flach im Boden, wie fast alle diese ausgehauenen Fahrzeuge,
einem solchen Druck nicht widerstehen konnte, entlud im nchsten Moment
seine Last in die hoch ber ihr zusammenschlagende Fluth, fllte sich dann,
da der Ire krampfhaft daran festhielt, und sank.

Vom Bord des Kasuar stieg der Jubelruf des Zimmermanns empor, die
Matrosen aber beobachteten mit schweigendem Entsetzen die Folgen dieses
so unheilvollen Schusses, denn kaum hundert Schritt von dem umgeschlagenen
Canoe entfernt, wurde im nmlichen Augenblick die Haiflosse wieder
sichtbar; deutlich konnten sie dabei erkennen, wie sich das Ungeheuer der
Tiefe mehr und mehr den, jetzt eben wieder emportauchenden Unglcklichen
nherte, und ihr Athem stockte, da sie das Frchterlichste fast
unvermeidlich sahen, und doch nicht im Stande waren zu helfen.

Das Canoe selbst konnte brigens, seiner eigenen Leichtigkeit wegen,
nicht ganz zum Grunde gehen, sondern trieb nur, die Rnder kaum ber der
Oberflche zeigend, langsam in der Strmung hin. Ned, der dicht daneben
wieder auftauchte, versuchte allerdings seinen Arm darunter zu schieben, um
dadurch vielleicht einen Theil des Wassers auszuwerfen, fand aber gar bald,
da er solcher Arbeit allein nicht gewachsen sei. Rasch sah er sich nach
dem Kameraden um -- da fiel sein Blick ber diesen hinweg, auf die nicht
ferne Brandung der Riffe -- groer allmchtiger Gott -- jener dunkle Punkt
auf dem sonnenhellen Meer -- ein wilder, stechender Schmerz durchzuckte
sein Hirn, und unwillkhrlich fast ma das Auge die Entfernung zum
Schooner. Es war das aber auch nur ein Moment, denn htte er selbst in
seine Ketten zurckkehren _wollen_, jetzt _konnte_ er nicht mehr; er
vermochte ja nicht solche Strecke _gegen_ die Strmung anzuschwimmen.

Ned, sthnte da dicht neben ihm sein Kamerad -- Ned -- ich bin verwundet
-- heiliger Patrick -- der Mann hat mich durch die Schulter geschossen, --
la uns -- la uns das Boot flott machen -- noch habe ich Krfte, aber ich
fhle, wie ich mit jeder Sekunde schwcher werde.

Wir sind nicht im Stande das Boot auszuschpfen! rief Ned rasch und seine
Pulse stockten, als er die Spitze der Flosse gerade auf sie zugewandt sah
-- hatte sie der Hai gewittert, so war Einer von ihnen verloren -- komm
Bill -- wir mssen dem Ufer zuschwimmen -- es ist ein Hai in der Nhe.

Ein Hai? chzte der Ire, und es war fast, als ob nicht jene Kugel,
sondern erst dieses Wort ihm den Todessto gegeben. Es ist das
Frchterlichste fr das Ohr des Schwimmenden, und seine Wirkung trifft wie
ein lhmender, vernichtender Schlag. Ein Hai -- wiederholte er zitternd
und fate krampfhaft nach dem, unter seinem Gewicht versinkenden Boot,
heilige Jungfrau, wir sind verloren!

Ned zgerte noch einen Augenblick -- sollte er das Canoe verlassen und in
seiner eigenen Kraft die Rettung suchen? -- aber sein Kamerad -- da fiel
sein Blick auf den Unglcklichen, der sich, von dem, wenigstens etwas
Widerstand leistenden Holz gesttzt, ber die Oberflche der See erhob und
mit bleichem, stieren Antlitz nach dem nahenden Feind hinber starrte; zu
gleicher Zeit sah er, wie ein rother, verrtherischer Blutstrom von ihm
ausging und die See schon auf mehrere Schritte im Umkreis frbte.

Lnger bei ihm zu verweilen, wre sicherer Tod gewesen -- der gierige
Hai, vielleicht schon durch den Schu, wie durch den Schrei des Opfers
aufmerksam gemacht, kam in kurzen Gngen heran und wurde, sobald er nur
einmal das Blut witterte, zum erbarmungslosen Vernichter. Nicht einmal die
gewhnliche, und sonst nicht selten mit Vortheil angewandte List, wie das
Schlagen mit Armen und Beinen und Schreien und Pltschern, konnte ihn mehr
zurckschrecken. Ohne also auch nur ein Wort weiter auf den Hlferuf dessen
zu erwiedern, der sich doch eigentlich nur seiner Leitung vertraut hatte,
glitt er, so schnell und geruschlos als mglich, von ihm fort, und strich
in langen krftigen Zgen aus, dem Lande zu. Die Schooner-Mnner sahen
seine Bewegung, und ihr wilder Schrei der Entrstung verrieth nur zu
deutlich, da seine Absicht, wie die Ursache derselben, an Bord deutlich
erkannt sei.

Dieser Schrei rief aber auch den unglcklichen Iren zu dem ganzen,
frchterlichen Bewutsein seiner Lage zurck; ein einziger Blick verrieth
ihm die feige Flucht seines Kameraden, dem er nicht einmal nachrufen
durfte, wenn er nicht den grimmen Feind auf seine Spur bringen wollte.
Verzweiflungsvoll starrte er jetzt nach dem Schooner zurck, und selbst
in dem Gedanken schon drngte er die breite krftige Brust der Strmung
entgegen, das Unmgliche zu versuchen. -- Umsonst, die Fluth, die dem
Lande zustrebte, fhrte ihn weiter und weiter zurck, und mit dem warmen,
quellenden Lebensstrom wich auch seine Kraft; die Sehnen, jetzt nur
noch durch Todesangst und Noth in Spannung erhalten, schlafften in der
bernatrlichen Anstrengung.

Nher und nher kam indessen der Hai -- witterte er wirklich das Blut
seines Opfers in so groer Entfernung? -- noch schien er unschlssig wohin
er sich wenden solle, denn die Matrosen auf dem Schooner, obgleich der
Arme unter der Zeit weit abwrts getrieben war, und trotz dem, wild dagegen
protestirenden Zimmermann, schrieen und schossen mit Pistolen und Gewehren,
um die Aufmerksamkeit des Unthiers von seinem Opfer abzulenken. Der Hai
beschrieb auch, dadurch vielleicht irre gemacht, mehrere weite Kreise und
strich einmal schon dem matt zu ihm herber tnenden Lrmen entgegen, so
nahe war er aber zugleich dem gesunkenen Canoe gekommen, da ihm die von
dort langsam herber drngenden Ringwellen auch den Blutgeruch mit zufhren
muten. Pltzlich hielt er mitten in seinem Zug regungslos still -- die
Flosse stand unbeweglich fest, und wieder senkte sich ein Strahl von
Hoffnung in O'Learys Herz, vielleicht nahm der Hai eine andere Richtung
und er selbst trieb indessen dem Lande zu. -- Da hatte der Raubfisch seine
Witterung gesprt -- nach rechts und links kreuzte er hinber, als ob er
die genaue Lage desselben erst ergrnden wolle -- jetzt hielt er wieder,
und regungslos stand er wohl eine halbe Minute still, bis er sich
endlich, wie seines Siegs gewi, mit solch' entsetzlicher Kraft nach
vorne schnellte, da die Hlfte seines glatten, blitzenden Krpers in
der hochaufspritzenden Fluth erschien; im nchsten Moment scho er
pfeilgeschwind der Richtung zu, wo der Unglckliche, immer noch mit der
einen Hand krampfhaft das gesunkene Canoe erfat hielt, und zitternd nach
dem Frchterlichen hinber starrte.

Da erkannte er das Nahen des Todesboten, sah, da jetzt jede menschliche
Hlfe vergebens sei, und von letzter, verzweifelter Angst, fast seiner
Sinne beraubt, wandte er sich zur unmglichen, trostlosen Flucht. Weit
in die Bai griff er aus, den Kopf scheu dabei nach dem Verfolger zurck
gedreht -- aber seine Krfte waren erschpft -- kaum vermochte er noch,
sich ber Wasser zu halten, dennoch lie er nicht nach -- der Kopf sank
ihm, aber die Glieder arbeiteten fort, und nicht einmal mehr der Richtung
bewut, die er nahm, strebte er jetzt gerade dem Feind entgegen. Das
Ungeheuer der Tiefe scho herbei -- der weie, silberglnzende Bauch wurde
sichtbar -- ein Schrei, von dem Todesgurgeln erstickt, rang sich aus der
Brust des Unglcklichen, und wenige Secunden spter verrieth nur noch das
vom Blut gefrbte Meer und das Kochen der aufsprudelnden Wasser die Stelle,
wo eben ein Mensch geendet.

Und der flchtige Strfling? sah er noch den Tod seines unglckseligen
Gefhrten? -- nein, sein Blick konnte jene Stelle nicht mehr berschauen;
der gellende Nothschrei aber drang bis zu ihm hinber, und sagte ihm mit
frchterlicher Schnelle, welcher Gefahr er selber ausgesetzt sei, wenn
andere Hai's, durch den Blutgeruch herbei gelockt, die Bucht durchkreuzten.
In wilder Verzweiflung strebte er jetzt dem Lande zu, das sich, nur noch
kurze Strecke entfernt, vor ihm ausbreitete -- er wandte auch den Kopf
nicht mehr zurck; mehr noch fast, als das gefrige Unthier des Oceans
selbst, frchtete er die lhmende Angst, die ihn bei dessen bloem Anblick
ergreifen und vernichten mute, denn nur in Schnelle und Ausdauer lag noch
seine Rettung. Er schwamm um sein Leben, und als er endlich die schwache
Brandung erreichte, als ihn die Wogen faten und hoben und hinber trugen
auf den rettenden Sand, da vergingen ihm die Sinne, er hatte nicht
einmal mehr Kraft genug behalten, sich hinauf, dem hher liegenden Ufer
zuzuschleppen, und fhlte nur noch, wie ihn hlfreiche Arme erfaten,
aufhoben und forttrugen. Er wollte schreien, doch die Stimme versagte
ihm, er wollte die Augen aufschlagen, aber er vermochte es nicht mehr,
ein toller Schwindel bemchtigte sich seiner Sinne, und ohnmchtig und
bewutlos brach er zusammen.

Wie lange er so gelegen, wute er nicht; als er aber nach wildem,
wunderlichen Traum die Blicke aufschlug, und zu den wehenden, grnen
Wipfeln schattiger Bume emporschaute, da sah er auch, wie er von
Eingeborenen umgeben war, und ein hoher, stattlicher Insulaner, mit einem
langen, sonderbaren Stab in der Hand und ein paar Falkenflgeln an beiden
Seiten des Kopfes, stand vor ihm, und starrte ihm fest und finster ins
Angesicht. Einzelne der Wilden begannen jetzt, als sie nun sahen, da er
wieder zu sich kam, ihn mit Fragen zu berhufen, Ned verstand aber ihre
Sprache nicht, und blickte nur scheu von Einem zum Andern, bis der Mann mit
den Raubvogelflgeln, und wahrscheinlich auch der Fhrer der Schaar, ihn in
gutem, flssigen Englisch anredete, und zu wissen verlangte, was er hier
an dieser Kste, suche. Auf diese Frage war aber der Strfling schon
vorbereitet, denn natrlich konnte er denken, da er unter Eingeborene
gerathen msse, wenn er, der Kste folgend, die erste europische
Ansiedelung aufsuchen wollte; er hatte denn auch eine ziemlich glaubwrdige
Erzhlung bereit, und sagte, er wre auf jenes, dort vor Anker liegende
englische Fahrzeug gepret und unmenschlich behandelt worden, und htte
sich, ehe er ein solches Schicksal lnger ertrge, lieber mit der Gefahr,
von Haifischen gefressen zu werden, zu den Eingeborenen dieser Insel
geflchtet.

Ist die gelbe Jacke die Matrosentracht der englischen Fahrzeuge? frug der
Huptling ruhig, als jener sein Mrchen beendet hatte.

Die gelbe Jacke? wiederholte der Strfling, und blickte berrascht und
etwas auer Fassung gebracht zu ihm auf, dieser aber schien das nicht zu
bemerken und fuhr nur fort, whrend er sich halb von ihm abwandte, und nach
der Waldspitze deutete, wo der Ta-po-ka mndete:

Wem gehrt jenes Boot, und wo sind die Mnner die es hierher gerudert?--

Ned zgerte mit der Antwort -- er dachte an den Schatz und wute nicht,
ob er durch eine Enthllung alles dessen, was ihm bekannt, des Huptlings
Vertrauen erwecken, oder selber suchen solle, den Schatz an sich zu
bringen. Wie das aber? als er seinen Plan zuerst gemacht, hatte er auf des
Iren Hlfe gerechnet, jetzt stand er allein -- wre es ihm mglich gewesen,
unbewaffnet auch nur das Mindeste gegen drei starke Mnner zu unternehmen?
Nein, vielleicht half ihm aber die Entdeckung desselben zu der Freundschaft
des Indianers, und ohne dessen kalt und ruhig auf ihm haftenden Blick
zu begegnen, versprach er eine fr diesen hchst wichtige und ntzliche
Enthllung machen zu wollen, die ihm reiche Beute brchte, wenn ihm sein
eignes Leben dabei gesichert wrde.

Der Insulaner sagte ihm das zu, und der Strfling, dadurch khner gemacht,
forderte nun auch noch, in seinen Stamm aufgenommen, und von diesem selbst
gegen die Verfolgung der Weien geschtzt zu werden. Das aber wies der
Huptling unwillig von sich.

Ich sicherte Dir Dein Leben! rief er finster und brauchte selbst das
nicht zu thun. Liebe zu uns hat Dich nicht hergefhrt, und Deine Hlfe
brauch' ich kaum, denn seit jene Dreie gelandet, folgen ihnen meine Spher,
und ihr Boot ist in meiner Gewalt; doch bist Du wahr gegen mich, so sei ein
Theil der Beute Dein -- thue dann damit, was Du willst. Die Gier der Weien
geht nach Gold -- das mag Dir gengen.

Freudig ging der Strfling in diesen Vorschlag ein, den er gar nicht zu
machen gewagt, da er kaum geglaubt hatte, da die Wilden je wieder ein
erbeutetes Gut herausgeben wrden. Er erzhlte nun aber auch Alles, was er
erlauscht; da der Eine der Weien -- die Pest ber ihn, er hatte ihn stets
wie einen Hund behandelt -- als Indianer verkleidet, das Gesicht aber mit
einer Matte verhangen, das Ufer betreten habe und eine Landverschreibung
mit sich fhre, die seiner Aussage nach Heki selbst unterzeichnet htte.

Der Huptling, der im Anfang kaum den Worten gelauscht, horchte hoch auf,
und schien dem Erzhlenden das Wort von den Lippen zu stehlen, mit keiner
Sylbe unterbrach er ihn aber, und erst nachdem Ned Alles das, was er an
Bord erhorcht, gebeichtet, that er ihm einige Fragen nach der Gestalt, dem
Aussehen, den Augen, Zgen und dem ganzen Wesen jenes Mannes, der unter dem
falschen Schutz ihres heiligsten Gesetzes dieses Ufer betreten habe. Ned
gab das so gut er konnte, und der Neuseelnder nickte dabei ingrimmig
lchelnd mit dem Kopf. Endlich zog er sich eine Zeitlang zu den Seinen
zurck, und der Strfling konnte jetzt nur nach den wilden lebendigen
Gestikulationen, mit denen sie die, ihm fremden Worte begleiteten,
schlieen, da es ein reges Interesse sei, was die dstern Gestalten jetzt
bewegte und ihren Augen ein soviel wilderes, unheimlicheres Feuer verlieh.

Niemand kmmerte sich mehr um ihn, stundenlang lagerten die Krieger in dem
khlen Waldesschatten, und die Sonne hatte schon geraume Zeit den Zenith
berschritten, whrend weie, wehende Nebelstreifen am sdlichen Horizont
heraufstiegen, und ihre milchigen Strahlen weit hin ber das Firmament
schossen, als pltzlich die Bsche raschelten und ein einzelner Krieger,
das dunkle, tttowirte Gesicht von einigen, kaum geheilten Narben
frchterlich entstellt, aus dem Dickicht sprang, an dessen uerstem Rande
sie lagerten. _Was_ er berichtete, konnte Ned nicht verstehen, doch
mute seine Mittheilung von Wichtigkeit sein. Auf jeden Fall war sie lang
erwartet, denn von mehren Seiten kehrten jetzt augenscheinlich frher
ausgestellte Posten zurck, und die Schaar, die aus etwa fnfzehn Mnnern
bestand, theilte sich in zwei ziemlich gleiche Haufen.

Der Eine von diesen zerstreute sich in den benachbarten Bschen, der Andere
aber schlich langsam am Waldrand hin, der Mndung des Ta-po-ka zu. Der
Strfling blieb unter der Aufsicht zweier Krieger und mute der letzten
Schaar folgen, doch schien man nichts von ihm zu frchten, oder keine
weiteren Vorsichtsmaregeln fr nthig zu halten, denn er durfte frei
neben seinen Begleitern hergehen, deren ganzes Aeuere ihn aber dennoch
berzeugte, da Flucht, wenn er daran wirklich noch gedacht htte, hier
ganz hoffnungslos gewesen wre. Rasch schritt er denn auch an ihrer
Seite fort, und wie der letzte in den laubigen, dunkelschattigen Bschen
verschwunden war, lag der Platz wieder so einsam ruhig da, als ob ihn noch
nie ein menschlicher Fu betreten oder menschliche Leidenschaft seinen
heiligen Frieden gestrt habe.

       *       *       *       *       *

Still und heimlich rauschten die hohen, majesttischen Wipfel des dsteren
Urwalds, und flochten ihre riesigen Arme fest, fest in einander, da die
sengenden Strahlen der Sonne nicht Eingang fnden in ihr heiliges Dunkel,
und die zarten Kinder ihrer Sorgfalt, die jungen saftigen Palmen und die
wuchernden, blumigen Moose nicht erreichen und welken knnten. Es war
Mittagszeit -- heimlich drckten sich die munteren Waldvgel in den khlen,
duftigen Schatten der Struche, und die schillernde Eidechse nur glitt
geruschlos an Stmmen und Zweigen hin, und schaukelte sich an schwanken
Ruthen oder haschte auch nach vorbeifliegenden Insekten und Kfern.

Still und heimlich rauschten aber auch die hohen, majesttischen Wipfel um
eine einzige, kleine Lichtung, die an der sanften, grasigen Abdachung eines
niederen Hgels lag, und jetzt nur von astigen Fruchtbumen und einzelnen,
frher vielleicht gepflegten Palmen beschattet wurde. Es war ein
neuseelndischer _Pah_, die Wohnung, aber auch zugleich das Fort Eines
der Eingeborenen, ganz nach Art der, ber die Insel zerstreuten
Befestigungswerke mit starken spitzen Pallisaden umgeben, und im Innern
durch niedere Fenzen wiederum in einzelne, jedoch mit einander in
Verbindung stehende Hfe abgetheilt. Inmitten desselben lag das flache,
breitausgedehnte, niedere Wohnhaus, mit phantastisch geschnitzten
Holzsulen und khler, luftiger Veranda. Schmale Bnke zogen sich im Innern
dicht an den Wnden des Hauses hin, und zwischen zwei der Sulen hing,
regungslos und leer, eine einzelne, von den Fasern des neuseelndischen
Flachses gewebte Hngematte. Aber kein lebendes Wesen lie sich sehen --
Alles schien ausgestorben und de, ja die Nebengebude, groentheils nur
Schuppen und Stlle, standen offen und leer, das Kochhaus, das sich frher
dicht an das Wohnhaus geschmiegt, war auf der rechten Seite niedergebrochen
und verfallen, die Hngematte hing in Streifen nieder, am Dach fehlten
ganze Stcke; die Umzumungen lagen theils niedergeworfen, theils von
Moosen berwachsen; kein Hausthier belebte den Hof, und nur ein Habicht,
der vielleicht in der Nhe horstete und hier, in den stillen, den Gebuden
nach Nahrung gesucht, stieg jetzt kreisend empor, stand mit schnellem,
krftigem Flgelschlag wohl eine Minute lang still ber dem, fr ihn zur
Heimath gewordenen Platz, und strich dann, den schnen Kopf noch immer
zurckgebogen, langsam dem Meeresufer zu.

Er hatte seinen Feind, den Menschen, gewittert, und kaum verschwand er
auch hinter den hohen, laubigen Bumen, als eine wilde Gestalt die niederen
Bsche theilte, die sich dicht an die halbniedergebrochenen Pallisaden
anschmiegten, ja sogar einen Theil derselben schon mit ihren
weitausgreifenden Schmarotzerpflanzen wie mit einem blumendurchwebten
Laubnetz berzogen.

Es war Dumfry der, das Gesicht wieder dicht mit der Matte verhllt, die
Bchse fest und im Anschlag in der Hand, die Lichtung betrat und ernst
und schweigend den Schauplatz frherer Zeiten berschaute, der -- _seine_
Wohnung getragen. Und wo hinaus hatte das Schicksal die gestreut, die
frher die Waldeseinsamkeit mit ihm getheilt? wo weilten die Lieben, die
auch eine Wildni im Stande sind zum Paradies zu wandeln -- welcher Boden
war es, der ihre Fhrten trug und ihnen Nahrung gab? Oder hatte Dumfry
freundlos und allein hier gelebt? wurde kein Auge na, als er seine neue
Heimath verlie, harrte kein hoffender Blick mit freudiger Zuversicht
seiner Wiederkehr? -- Niemand wute es -- sein Mund schwieg ber die
Vergangenheit, und wer ihm spter in Sidney befreundet gewesen, vermied
es gern, auch nur die Erinnerung an frhere Zeit in ihm zu erwecken, denn
finstere Geister waren es, die dadurch heraufbeschworen wurden.

Welche Gefhle muten da aber jetzt sein Herz bestrmen, als er Alles das
wieder vor sich sah, was in lebendiger Frische das Andenken an vergangene,
und wohl kaum vergessene Stunden erneute -- was die kaum vernarbten Wunden
wieder aufri und sein Auge fest und stier an jene Stelle fesselte, wo
er--

Gift und Tod! murmelte er durch die fest zusammengebissenen Zhne vor
sich hin, und stampfte unwillig und in ausbrechendem Grimme den Boden --
was kmmert's mich, wenn sie den Platz meiden und ihr wahnsinniges Gesetz
den Ort selbst de legt und verlassen. Um so besser -- desto sicherer bin
ich und desto unbewachter.

Rasch glitt er in das Dickicht zurck, wo die Gefhrten seiner harrten und
ein Zeichen bedeutete sie ihm zu folgen, wohin er sie fhren wrde. Ihr
Pfad, der bis jetzt durch die wildeste und rauhste Waldung gefhrt, wurde
aber jetzt ebener; eine Art ausgehauener Weg, wenn auch allem Anschein nach
lange nicht begangen, zog sich, wie Tomson glaubte, in ziemlich paralleler
Richtung mit der See fort, und die Hgel hatten sie ebenfalls verlassen,
oder hielten sich wenigstens nur noch am Fu derselben hin, wo sie zweimal
kleine, sprudelnde Bche berschritten, und pltzlich auf einer sanften
Abdachung des hohen Landes einen kleinen, vielleicht zwanzig Fu steil
emporsteigenden Erdaufwurf erreichten, dessen Gipfel ein eigenes,
wunderliches Denkmal zierte.

Die Hlfte eines quer durchschnittenen Canoes stand dort wie ein
Schilderhaus aufgerichtet; die beiden Seiten desselben waren mit weien,
schwarzen und grellrothen Farben bunt bemalt, und den oberen Theil
schmckten hohe, wehende Federn, wie sie wohl sonst das Haupt des Kriegers
und Jgers als stolzen Kopfputz zieren. Besonders prangten einzelne hohe,
weie Federn des Albatro, die den Mittelpunkt des Busches bildeten, und
eine bunt gefrbte Matte hing von oben herab und verdeckte den inneren
Theil dieses eigenthmlichen Zierraths.

Die Fremden konnten, als sie den offenen Platz erreichten, das eben
beschriebene Bauwerk leicht bersehen, desto schwieriger aber schien es
hinaufzugelangen, denn hohe und fest eingerammelte spitze Pallisaden, auch
keineswegs verfallen, wie die, der frheren Wohnung, sondern allem Anschein
nach in gutem und trefflichem Stand erhalten, umgaben den Erdhgel.
Der innere Raum zwischen diesem und seiner Verschanzung war von ppiger
Vegetation dicht berwuchert, und es lie sich unmglich unterscheiden, ob
der von Bumen allerdings leere Platz frher bebaut, oder nur von dem hohen
Holz befreit worden sei, um jenes Gestell auf dem Gipfel desto freier und
besser herauszuheben.

Die Mnner hatten, bis dahin noch von einer kleinen Gruppe palmenartiger
Farrenbume verdeckt, den stillen wunderlichen Ort in lautlosem Schweigen
eine Zeitlang beobachtet, endlich flsterte Van Broon, dem es hier unter
den hohen Bumen und vor dem einzeln dastehenden, indianischen Bau, der wie
eine Schildwache das Herz der Waldung zu bewachen schien, anfing unheimlich
zu werden:

Ist dies denn nun endlich der Ort, zu dem wir jetzt, Gott wei, wie viele
Meilen durch Dornen und Schlingpflanzen gerannt sind, als ob uns der bse
Feind auf den Hacken se?

Dumfry nickte, noch immer ohne ein Wort zu erwiedern, einfach mit dem Kopf.

Der Eingang wird wohl an der andern Seite sein, meinte Tomson, und
richtete sich auf den Zehen empor, um soviel Raum als mglich bersehen zu
knnen.

Gentlemen! wandte sich jetzt Dumfry pltzlich und mit leiser,
unterdrckter Stimme, aber mit freudig blitzenden Augen, an seine Begleiter
-- die Zeit unseres Handelns ist gekommen, wir haben den lang erstrebten
Platz erreicht, aber all die Gefahren, die ich gefrchtet, ja fest
erwartet, sind ausgeblieben. Die Gegend ist menschenleer, die Entfernung
zum Meer, ja zu der Stelle, wo unser Boot verborgen liegt, betrgt von hier
aus kaum tausend Schritt -- dort, wo jener helle Fleck die Waldung lichtet,
mndet der Bach, in dessen heimlichen Schatten wir eingelaufen. In einer
halben Stunde knnen wir unten sein, und unsere Ruder tragen uns dann rasch
dem sicheren Fahrzeug entgegen.

Warum gehen wir denn aber nicht an die Arbeit? frug Van Broon ungeduldig;
zum Henker noch einmal, mir wird's nicht behaglich zu Muthe, so lange ich
diesen cannibalischen Boden unter mir fhle; es ist mir immer, als ob uns
die Bume ordentlich so mit einer Art von Gier und Gefrigkeit anshen,
und mit dem grten Vergngen das Holz dazu hergeben wrden, uns zu braten.
Wo hat denn dieses Monument, oder was es sonst sein mag, seinen Eingang?

Nirgends, erwiederte ihm Dumfry, aber immer noch mit vorsichtiger Stimme
-- es ist ringsherum auf solche Art umgeben -- Manawatus Begrbniplatz
liegt unter dem geheiligten Gesetz des Tabu, nur wenn Einer aus seinem
Geschlecht wieder stirbt, erlischt das Verbot. Nach der bestimmten Zeit und
der Feier der Tangi[15] bringen die weisen Mnner die Gebeine hierher und
wiederum verschliet das Gesetz den Eingang Jedermann.

  [15]: Bei dem Tod eines Huptlings oder eines sonst angesehenen
  Indianers entsteht ein groes Wehklagen, das die Neuseelnder _Tangi_
  nennen. Die Frauen zerschneiden sich Arme, Gesicht und Brust mit
  scharfen Muscheln, und die Kleider und das Eigenthum des Verstorbenen
  wird dann gewhnlich in das Grab desselben gelegt -- in den sogenannten
  _wahi tapu_, und mu dort mit ihm verwesen.

Wie kommen wir aber hinber? brummte Van Broon -- wir wollen wohl hier
warten, bis Jemand kommt, um nachher die ganze Bevlkerung bei der Hand zu
haben. Gebt dem Volk nur einen Vorwand, und wir stecken noch heute Abend
Alle mit einander am schnsten Bratspie, den sie auftreiben knnen.

Dumfry wandte sich von ihm ab, glitt eine kurze Strecke rasch zwischen, ja
fast unter den hohen Farrenkrutern hin, die das Stacket dicht umschlossen,
prfte einige der Pallisaden mit der Hand, und kam auch bald an eine, die
weniger fest in der Erde stack als die brigen. In diese schlug er mit
aller ihm zu Gebote stehenden Kraft, indem er sich mit dem Rcken an die
nchsten dicht daneben stellte, seinen Tomahawk, da der Stiel nach
oben kam. Der scharfe Stahl fuhr in das, durch die Jahre ziemlich weich
gewordene Holz bis ans Heft hinein, und er gewann dadurch eine Handhabe,
den sonst nicht gut erreichbaren Stamm anzufassen, und aus seinem Bett zu
heben. Nach einigen, vergeblichen Versuchen gelang ihm die auch endlich,
was einen schmalen Eingang in das Innere herstellte.

Van Broon, obgleich er die Gre der Gefahr, der sie hier ausgesetzt waren,
gar nicht kannte, ja nicht einmal ahnte, er wre sonst wahrlich nicht so
geduldig dabei stehen geblieben, fhlte doch eine gewisse, ihm selbst kaum
erklrliche Angst, als er die Vorsicht und unverkennbare Scheu des sonst so
kecken, trotzigen Mannes sah. Dumfry, der ihnen winkte, dort zu bleiben,
wo sie gerade standen, kroch nmlich rasch und vorsichtig in das tollste
Gewirr des hier dicht verschlungenen Oberholzes, und kein Laut wurde weiter
von ihm gehrt, kein Zeichen gab er, bis pltzlich seine Gestalt, aber
weiter unterhalb, wieder auftauchte. Er trug jetzt das zusammengeheftete
Fell irgend eines ihnen unbekannten Thieres im Arme und lief mehr als er
ging, dem engen Ausgange der Pallisaden zu, durch die er sich mit fast
ngstlicher Hast ins Freie drngte. Kaum hatte er jedoch den inneren Raum
verlassen, so legte er schnell seinen Pack auf den Boden nieder, stie die
frher herausgehobenen Pallisaden an ihren Ort zurck, und schien jetzt
erst jedes Gefhl, was ihm bis dahin vielleicht Herz und Seele beengt haben
mochte, stark und freudig von sich abzuschtteln.

Hochauf athmete er, aus tiefer, voller Brust, und ein triumphirendes, fast
hhnisches Lcheln zuckte um seine Lippen.

Nun fort, rief er, und hob seine Last rasch wieder vom Boden auf, fort,
in wenigen Minuten sind wir am Ufer, dann zu Schiff und einem frohen,
freudigen Leben entgegen!

Und ist das Alles?, frug Tomson erstaunt, Alles was wir zu thun haben?
Darum die entsetzlichen Vorbereitungen und Zurstungen?

Kommt! an Bord unseres guten Kasuar sollt Ihr Alles erfahren, nur jetzt
von diesem Boden fort, der mir unter den Fen zu brennen anfngt.

Und ohne weiter auch nur eine Antwort abzuwarten, warf er einen flchtigen
Blick zu der jetzt von dem gestiegenen Nebel fast umdsterten Sonne
empor, die den Schleier mit ihrem rothen Gluthenlicht kaum zu durchdringen
vermochte, und eilte so flchtigen Schrittes rechts in das Dickicht
hinein, da ihm seine beiden Begleiter kaum zu folgen vermochten. Wohl eine
Viertelstunde behielten sie diese Richtung bei, und jetzt zwar fortwhrend
thalab, die Hgel hinter sich lassend. Die Lichtung, auf die sie Dumfry
schon am Begrbniplatz aufmerksam gemacht, trat denn auch immer deutlicher
und heller hervor, und einer kleinen, schmalen Anhhe folgend, die als
Scheide zweier Bche dem Ufer entgegenlief, erreichten sie dieses, kaum
zweihundert Schritte von der nmlichen Stelle, wo sie es betreten hatten,
doch mehr seitwrts von der Mndung des Baches, und an einer von Holz fast
freien, sandigen Flche, die sich zwischen da, wo sie sich jetzt befanden
und dem Ta-po-ka ausdehnte.

Dumfry berflog mit prfenden Blicken das Terrain, nirgends aber lie sich
auch nur das mindeste Auergewhnliche oder gar Gefhrliche entdecken; kein
lebendes Wesen war zu sehen, nur ein paar Albatrosse strichen mit langsam
bedchtigen Flgelschlgen ber die Bai, und dort hinten -- gerade vor dem
hellglnzenden, weien Streifen, der den Eingang der Bucht wie mit einem
schimmernden Zirkel umgab, lag still und regungslos, die schneeigen Segel
fest gegen die Masten geschlagen, der Kasuar, wie ein mder Seevogel, der
nach langer, mhseliger Fahrt den Kopf unter die Flgel steckt, und sich
schaukeln lt von den krystallhellen, leise schwellenden Wogen -- seiner
Wiege und Heimath.

Bei Gott! brach da Tomson das Schweigen, und schaute ngstlich nach dem
sdlichen Horizont hinber, den er erst von hier aus recht berblicken
konnte -- es wird Zeit, da wir an Bord kommen -- Dumfry, dort hinten
steigt ein Wetter herauf, und, wenn uns das hier noch in der Nhe jener
Riffe erwischt, so knnen wir uns auf das Schlimmste gefat machen. Es wre
ein Spa, wenn wir nachher wieder an die Kste geworfen wrden.

Sollten jene weigrauen Streifen Bses deuten? frug der Verkleidete, und
schien sie scheu und finster zu betrachten--

Gutes auf keinen Fall, brummte der Seemann, will's wnschen, da wir mit
'nem blauen Auge davonkommen.

Gentlemen beabsichtigen vielleicht, hier am Waldrand heute Abend Thee zu
trinken, unterbrach sie aber hier der ungeduldig werdende Hollnder --
zum Henker auch, sollen wir etwa hier stehen bleiben, _bis_ das Alles
eintrifft, was Sie beide jetzt befrchten? -- Wo liegt unser Boot?

Gerade dort drben in jener Waldecke, erwiederte ihm Dumfry -- aber Sie
haben recht, ein Ueberlegen knnte hier ohnedie nichts frommen, _jetzt_
mssen wir durch -- kommen Sie -- und wiederum zog er die Matte ber sein
Gesicht, die er, seit sie den Begrbniplatz verlassen, fast fortwhrend
zurck geworfen getragen hatte, und schritt den beiden Freunden rasch
voran, zuerst in die niedere Sandflche hinab, die in Zeit der Fluth von
den Wogen bedeckt wurde, und dann einen grasigen Anwuchs wieder hinauf,
der sich der Waldspitze zuzog und berhaupt den ganzen, bewachsenen
Kstenstrich mit einem hellgrnen freundlichen Kranz umgrtete.

Je weiter sie aber jetzt den Wald hinter sich lieen, desto freieren
Ueberblick gewannen sie ber den, mit jedem Augenblick drohender werdenden
Himmel, und Tomson blieb, als sie etwa die Mitte der Sandflche erreicht,
stehen, um das Aussehen der Wolken besser beobachten zu knnen. Da fiel
sein Auge, vielleicht durch einen sich dort regenden Gegenstand hingezogen,
auf den hellgrnen Rand des Waldes, und ein Ausruf der Ueberraschung
entfuhr fast unwillkrlich seinen Lippen, als er gerade da, wo sie eben die
Holzung verlassen, mehre in bunte Matten gekleidete Indianer erblickte,
die eben den Baumschatten verlieen, und langsam ihren Fhrten zu folgen
schienen.

Dumfry und Van Broon drehten sich rasch nach ihm um, die dunklen Gestalten
traten aber zu deutlich aus dem lichten Hintergrund hervor, als da es noch
einer Erklrung bedurft htte. Van Broon wollte sich denn auch, sowie
sein Blick nur auf den Federschmuck der Krieger fiel, ohne weiteres davon
machen, Dumfry aber erfate seinen Arm und flsterte ihm schnell und heftig
zu:

Halt, Sir, keine Uebereilung -- wenige hundert Schritt von hier entfernt
liegt unser Boot, fliehen wir jetzt, so erregen wir Verdacht, gehen wir
aber ruhig fort, bis wir nur erst die Bsche zwischen uns und jenen haben,
so gewinnen wir entweder hinlnglichen Vorsprung uns einzuschiffen, oder
-- wir haben Feuergewehre genug, jene kleine Schaar unschdlich zu machen.
Langsam, Gentlemen, langsam sehen Sie, dort vorne -- ha! schrie er und ri
sein Gewehr entsetzt empor, denn auch vor ihnen, gerade dort, wohin ihr Weg
gerichtet war, und wohin er deutete, theilten sich die Bsche, und
sieben oder acht braune, trotzige Gestalten, mit Bchsen und Streitkolben
bewaffnet, ja Einzelne sogar mit der, ihm nur zu gut bekannten,
langhaarigen Kriegsmatte bekleidet, traten ihnen entgegen, und hielten
somit genau den Pfad besetzt, der sie allein zu ihrem Boote fhren konnte.

Van Broon stie einen Schrei des Entsetzens aus, Tomson aber, der schon
aus dem Benehmen Dumfry's ersehen hatte, da ihnen in der That mehr Gefahr
drohe, als dieser eigentlich gestehen wollte, griff nach seinen Pistolen,
untersuchte, ob die Zndhtchen noch festsen, rckte den Griff seines
Cutla ein klein wenig mehr nach vorn, und schien dann ruhig den Erfolg
abwarten zu wollen. Dumfry selbst war wohl ebenfalls nur durch die erste
Ueberraschung auer Fassung gebracht, denn auf ein Zusammentreffen
mit Indianern hatte er sich ja schon durch seine angenommene Tracht
vorbereitet; fester nur zog er die Matte ber sein Gesicht nieder,
flsterte seinen beiden Begleitern leise Muth zu, und schritt dann, die
Richtung ein klein wenig verndernd, der uersten Waldspitze zu, um, wenn
die Indianer ihre Jlle etwa noch nicht gefunden htten, wenigstens nicht
selbst zu voreilig deren Lage zu verrathen. Hatte er aber zugleich gehofft,
von den Eingeborenen unbeachtet zu bleiben, so sah er sich darin jedenfalls
getuscht, denn diese wandten sich, sobald sie seinen vernderten Curs
bemerkten, ebenfalls langsam der Waldspitze zu, und Dumfry, der nun wohl
fand, da er nicht im Stande sein wrde, ihnen auszuweichen, suchte jetzt
nur so unerschrocken als mglich aufzutreten. Hielten ihn die Neuseelnder,
was auch von vornherein seine Absicht gewesen, fr einen, unter dem Tabu
stehenden Fhrer der Weien, so hatten sie nichts zu frchten, denn
noch waren diese uncivilisirten Stmme zu wenig mit Weien in Berhrung
gekommen, die Pflicht der Gastfreundschaft gegen Fremde ganz vergessen zu
haben.

Rasch nherten sie sich den Insulanern, die nun ihrerseits die drei Fremden
ruhig erwarteten; Dumfry aber, so keck und zuversichtlich er frher gewesen
schien, schrack doch, als er nahe genug kam, die Zge des Huptlings zu
erkennen, augenscheinlich zurck und sprach, anstatt die erste Begrung
diesen Herrn des Bodens zu geben, kein einziges Wort. Die Wilden
ihrerseits, die, hier noch dazu in der Mehrzahl, eine solche Artigkeit wohl
erwarten zu knnen glaubten, schwiegen ebenfalls und Tomson, durch Dumfry's
Betragen zuerst berrascht, trat endlich vor, streckte dem, den er fr
den Huptling hielt, die Hand entgegen und sagte mit seinem offenen und
ehrlichen Ton:

Gott zum Gru, Gentlemen, ich wei freilich nicht, ob Sie englisch
verstehen, thut aber auch nichts -- werden schon wissen --

Sei der Gru so treu gemeint, wie er klingt! erwiederte, zu des Seemanns
unbegrenztem Erstaunen, der Wilde nicht allein in ziemlich reinem Englisch,
sondern auch noch sogar mit einem leichten Anflug irischen Dialekts, und
ergriff dabei die dargebotene Rechte.

Es war eine hohe, stattliche Figur dieser Huptling der neuseelndischen
Krieger -- sein braunes, von funkelnden, sprechenden Augen belebtes Antlitz
durchzogen die regelmig, ja fast zierlichen Linien, die des Tttowirers
Hand darauf zurckgelassen; sein Haupt schmckten rechts und links die
mchtigen Flgel eines schwarzen Falken, und die rauhe Kriegsmatte hing ihm
weit nach vorn ber die linke Schulter und den Rcken hinab, da nur
der rechte, nackte Arm frei und unbehindert blieb. Einzelne weie
Albatrofedern trug er in den Ohren, um den Nacken aber das Amulet seines
Stammes, den grnen Teiki[16] mit seinen rothen, glnzenden Augen. Das Haar
hing ihm, wie das auch theilweise auf den Inseln Sitte ist, lang und
glatt ber den Nacken herab, und seine Fe waren -- ein nicht seltener
Tauschartikel nordamerikanischer Wallfischfnger -- mit buntgestickten
Moccasins bedeckt, die vielleicht eine junge Squaw,[17] weit in den fernen
Prairieen Amerikas gearbeitet, ohne daran zu denken, da sie die Fe eines
tausende von Meilen entfernten Kriegers schmcken sollten.

  [16]: Die Neuseelnder lieben, wie fast alle wilde Nationen, den Putz,
  und schmcken besonders gern Kopf und Ohren, wie ihre Waffen, Huser
  und Begrbnipltze mit bunten, wehenden Federn; der kostbarste
  geachtetste Zierrath aber ist eine kleine, eigenthmliche Figur, Teiki
  genannt, die einen wunderlich gestalteten Mann mit groen rothen
  Augen vorstellt. Dieser Schmuck wird aus einem besondern grnen Stein
  geschnitten, und fr einen Amulet, daher auch fr ungemein werthvoll
  gehalten, und selten trennt sich ein Eingeborner von solchem
  Heiligthum, das als Erbstck gewhnlich in den Familien bleibt.

  [17]: Nordamerikanische Indianerin.

Seine Begleiter waren smmtlich mit Feuergewehren bewaffnet, er selbst aber
trug nur an seinem Handgelenk den Mirei, und zwar aus einem einzigen Stck
eben des kostbaren, grnen Steines geschnitten, aus dem auch das, an
seinem Nacken hngende Amulet bestand, whrend er in der Rechten den
Huptlingsstab[18] hielt, der mit seinem wunderlich geschnitzten Kopf, den
rothen Papageifedern und Bscheln von Hundehaaren von weitem einer jener
alten Hellebarden glich, aber keineswegs als Waffe bestimmt schien, sondern
nur die Autoritt des Fhrers bezeichnen sollte.

  [18]: Dieser Stab, von den Neuseelndern I Henei genannt, ist ein
  eigenthmliches, fast scepterartiges Emblem der Huptlinge. Er besteht
  aus hartem Holz, und trgt als Knopf ein grotesk geschnitztes Gesicht
  mit ausgestreckter Zunge -- was den Trotz gegen die Feinde bedeuten
  soll -- die Augen sind aus kleinen Stcken Perlmutter hergestellt, und
  rothe Papageienfedern und Bschel von Hundehaaren umwehen ihn. Dieser
  Stab wird sowohl im Krieg als am Berathungsfeuer gefhrt, und zwar
  jedesmal dem Huptling bergeben, der gerade das Wort fhrt. Er behlt
  ihn dann hoch in der Hand und luft damit vor den ihm aufmerksam
  Zuhrenden, im Eifer seiner lebendig ausgestoenen Worte, auf und ab.

Whrend er dem Europer die rechte Hand reichte, lie er diesen Stab gegen
seine Schulter fallen, und nahm ihn erst wieder auf, als er einen Schritt
zurcktrat, und seine Augen jetzt fest auf den angeblichen Indianer
geheftet hielt, der jedoch, seinen Kopf ebenfalls erhoben, die Bchse,
wie nachlssig, in der Biegung des linken Armes, doch zum augenblicklichen
Dienst bereit, trug, und nur einmal leise das Haupt wandte, um zu sehen,
ob sich die brigen Indianer ebenfalls zu ihnen gesellt htten. Diese waren
kaum noch hundert Schritte zurck, und einige von ihnen zogen sich langsam
nach dem Meeresufer hinab. Die Weien wurden auf diese Art von den dunklen,
drohenden Gestalten rings umzingelt, und durften an Flucht nicht mehr
denken; es galt jetzt nur noch, das Spiel, was sie begonnen, fest und ernst
zu Ende zu fhren.

Da brach der neuseelndische Huptling zuerst das Schweigen, er sttzte
sich auf den Henei, den er in der Hand hielt, und sagte, whrend er die
Blicke fest auf den falschen Indianer heftete, in der Sprache der Maories:

Deine Hand ist bewaffnet, aber Dein Antlitz verhllt, -- braucht das
Haupt, das der Tabu beschtzt, die feindliche Wehr? frchtet mein Bruder,
da ein Maori die Keule gegen ihn zcken werde? oder kennt er die Gesetze
des Landes nicht? -- Ein _Maori_ ist sicher!

Wohl kenn' ich die heiligen Gesetze erwiederte der Verkleidete, und die
Stimme drang unter der vorhngenden Matte dumpf hervor -- ich habe Nichts
zu frchten, und nur als Begleiter dieser Weien trage ich die Waffe --
kein Freundesblut klebt an meiner Hand, und daheim in meinem Pah stehen die
Schdel meiner Feinde -- ein Maori ist sicher!

Das lgst Du, _falscher_ Maori! schrie da pltzlich, sich zu seiner
vollen Hhe erhebend, der wilde Krieger, und schwang den Stab, den er in
der Rechten hielt -- Bleicher Verrther! wirf die heilige Hlle ab, die
Dir nicht gebhrt -- zu Boden mit Dir, Mac Donald -- Mrder Deines Weibes,
zu Boden, denn die Stunde der Rache hat Dich ereilt!

Wie von einem jhen Strahl getroffen, schrack der entlarvte Verbrecher, als
die ersten zrnenden Laute sein Ohr erreichten, zusammen. -- _Verloren_
-- das Blut scho ihm in eisiger Klte zum Herzen, -- aber es war nur
ein Augenblick, was hatte er auch jetzt noch zu wagen, wo _Alles_ auf dem
Spiele stand.

Zu mir, Tomson! schrie er, und mit Blitzesschnelle fuhr die Bchse empor
-- ein Moment, und der scharfe, blendende Strahl zuckte aus dem Lauf --
harmlos aber zischte die Kugel ber dem Kopf des Huptlings hin in die
Luft, denn dieser, die Absicht des Feindes schon vorherahnend, traf mit
seinem langen, gewichtigen Stab das Rohr von unten, und schlug es gerade im
entscheidenden Augenblick empor. Tomson ri jetzt zwar auch mit der Rechten
seinen Cutla, mit der Linken die eine Pistole hervor, von allen Seiten
warfen sich aber die Eingeborenen ber ihn, und whrend die Nchsten
gegen Mac Donald anstrmten, und ihn zu Boden schleuderten, faten und
umschlangen die Uebrigen den Seemann und seinen, schon vor Angst halbtodten
Gefhrten, banden ihnen die Hnde auf den Rcken, und nahmen ihnen Alles
ab, was niet- und nagellos an ihnen war.

Mac Donald kmpfte aber wie ein Rasender -- den Tomahawk hatte er, als er
seine Kugel vergeudet sah, aus der Scheide gerissen, und der Streich, den
er damit gegen den, auf ihn eindringenden Huptling fhrte, wre jedenfalls
fr diesen verderblich geworden, htte nicht in demselben Augenblick der
Schlag eines Patu[19] seine Stirne getroffen, und ihn besinnungslos zu
Boden geworfen.

  [19]: Der _Patu_ ist ebenfalls eine beliebte und frchterliche Waffe
  der Insulaner. Er besteht aus leichtem Holz, ist etwa vier Fu lang
  und hat oben eine beilartig geschrfte Kante. Der Kopf ist, wie bei dem
  Henei, mit Federn und Haarbscheln geschmckt.

Noch im Strzen griff er nach dem Fell, das er bis dahin, von dem
Tapamantel verdeckt, bei sich getragen, des Huptlings Faust lag aber an
seiner Kehle, und als dieser die Matte von seinem Antlitz ri, und die
wilde, ihn umdrngende Schaar _den_ erkannte, den sie als ihren Todfeind
gechtet und verfolgt, da stieg jauchzendes Triumphgeschrei in die Lfte,
und der Fhrer mute seinen Stab ber das Opfer legen, da die gerechte
Rache nicht dem entzogen wrde, dem sie gebhrte.

Tomson, der in Kampf und Ueberfall, ja sogar in der eigenen Noth und
Lebensgefahr, in der er selbst sich befand, doch nicht das immer drohender
werdende Firmament vergessen hatte, und ngstlich dabei seines armen
Fahrzeugs gedachte, rang noch wthend mit denen, die ihn hielten und
bewachten. Der Huptling aber, als er den eigenen Feind in sicherem
Gewahrsam sah, schritt auf ihn zu, legte die Hand leicht auf seine Schulter
und sagte, whrend ihm der Seemann mit finster drohendem Blick ins Auge
schaute.

Frchtet nichts, Sir. -- Nicht Ihr habt die Gesetze unseres Landes
gebrochen und mit Fen getreten, wie es Jener that. Er _log_, als er Euch
sagte, da er nur Einen der ihm feindlich gesinnten Huptlinge im offenen
Kampfe erschlagen. Er log, als er sich unter Heki's Schutz erklrte, denn
ich bin Heki selbst, und keinen grimmigeren Feind hat er auf dieser Welt,
als mich. Aus dem, durch das Gesetz des Tabu geheiligten Platz stahl er
das Eigenthum seines, durch ihn schndlich gemordeten Weibes, und wie ein
feiger Verrther entfloh er damals der gerechten Strafe. Er _log_ auch,
als er sich fr den Eigenthmer, auch nur eines Fu breit neuseelndischen
Bodens erklrte -- dem _Gatten_ meiner Schwester gehrte es, nicht ihrem
_Mrder_. Nur zu gut kannte er aber unsere Sitten, und vielleicht wre es
ihm gelungen, unter dem Schutz desselben Glaubens, den er zu gleicher Zeit
brach und schndete, seinen Raub in Sicherheit zu bringen, htte ihn nicht
sein Etu[20] selbst in die Hand der Rache gegeben. Nur ihm gilt jetzt
unser Zorn. Ihr dagegen mgt in kurzer Zeit ungehindert zu Euerem Fahrzeug
zurckkehren; doch htet Euch, neuseelndischen Boden wieder zu betreten.

  [20]: Die bsen Geister der Neuseelnder.

Tomson, obgleich aufs Aeuerste erstaunt, wie der Neuseelnder Alles
das wissen konnte, was sie doch an Bord seines eigenen kleinen Kasuar
verhandelt, war dennoch gerade jetzt viel zu sehr mit diesem selbst
beschftigt, um irgend einem anderen Gegenstand einen mehr als flchtigen
Gedanken zu zollen.

Ungehindert? rief er trotzig, und schaute mit wildem und doch besorgtem
Blick nach dem sdlichen Horizont hinber -- seht dort das aufsteigende
Wetter an, und sagt dann noch einmal, da es ungehindert geschehen wird.
Seeschlangen und Eisbren! wenn der Sturm dort unser kleines Fahrzeug an
jenen verdammten Riffen berrascht, mchte ich keinen Schilling fr Alles,
was an Bord lebt, geben.

Will Euch Euer Gott strafen, da Ihr den Frieden dieses Landes gebrochen,
sagte der Wilde ruhig, was kmmert das mich. Ich war es nicht, der Euch
hierhergerufen. Und ohne die Gefangenen weiter eines Blickes zu wrdigen,
wechselte er einige Worte mit seinen Leuten, und schritt diesen langsam
voran in das Dickicht, wohin ihm die Schaar, die Gefangenen in der Mitte,
folgte.

       *       *       *       *       *

Die Sonne sank -- im Westen deckten nur leise, purpurne Dunstschleier
den Horizont, dster aber und schwarz von dem Wiederglanz der scheidenden
Strahlen, thrmten sich im Sden immer dichtere, undurchdringlichere
Wolkenmassen empor. Was der Tag und die sengende Gluth seines Gestirns bis
dahin niedergehalten, quoll jetzt in nicht mehr dmmbarer Gewalt hher
und hher. Aber nicht rasch strmte es herbei, wie die jhen Gewitter des
Golfstroms, mit ihren daherjagenden Ben und Wirbelsten, langsam kmpfte
es seine Bahn herauf, gegen den heien Nord, langsam aber sicher gewann es
sich jeden Fu breit Bahn, und die Wasser der Bai, als ob sie den nahen und
frchterlichen Kampf der Elemente ahneten, schmiegten sich leicht
zitternd an das Ufer an, und hoben nur manchmal, in kleinen, ngstlichen
Spritzwellen die Hupter, um zu sehen, ob der gefrchtete Gegner noch nicht
nahe, und sie aufrttele aus ihrer stillen, friedlichen Ruhe.

Delphin und Schwertfisch zogen sich in ihre dunkle Tiefe hinab, und das
Albatro selbst suchte, die schweren, mchtigen Fittiche hebend, den
Schutz des festen Landes, whrend nur noch Mutter Careys Kchelchen,
die flchtige Sturmschwalbe der Meere, in leichten Kreisen ber die Wogen
strich, und mit den nach ihr aufspritzenden Wassern zu spielen schien.

Rasch, wie der Tag entstanden, sank er in Nacht zurck, graue Dmmerung,
durch all' die schwarzen, empordrngenden Nebelschichten nur noch
unheimlicher und dsterer gemacht, hllte bald den stillen Wald in ihren
grauen Schleier, und Meer und Luft verschmolzen zu einer ununterscheidbaren
Masse.

Nur der leuchtende Schaum einzelner Wellen stach wei und geisterhaft gegen
seinen dunklen Hintergrund ab, und durch das leise, kochende Ghren und
Brausen, aus all' der Nacht und Finsterni hervor, strahlte das helle,
einzelne Licht des fernen Schooners, whrend drei, rasch nach einander
abgefeuerte Schsse die fernen Freunde vor der nahen drohenden Gefahr
warnten.

Da glitt aus der sicheren, schmalen Mndung des Ta-po-ka, zwischen
den weit berhngenden, schaukelnden Zweigen vor, eines der langen,
scharfgebauten, neuseelndischen Canoes, deren Fhrung die Eingeborenen mit
so meisterhafter Hand zu leiten wissen. Acht Mnner saen an den Rudern,
doch mit den Gesichtern nach vorn, und die Ruder frei in den Hnden,
whrend Heki, seinen Stab noch immer in der Rechten, mit der Linken dagegen
das hohe, mit Albatrofedern gezierte Steuer regierend, aufrecht im Stern
des Canoes stand und den Lauf des flchtigen Bootes lenkte. Im Boden
desselben, und dicht vor dem Huptling, lagen drei dunkle gebundene
Gestalten, aber kein Wort kam ber ihre Lippen, schweigend starrten sie
zu dem, drohend ber ihn ausgespannten Firmament empor, und ebenso lautlos
tauchten die Eingeborenen ihre Ruder in die nur leise zischenden Wogen,
ber die sie mit Pfeilesschnelle dahinschossen.

Es war Ebbe und die Strmung trug sie ihrem Ziel gerade entgegen, doch
hielt der Steuernde nicht gerade auf das Licht zu, sondern lie dasselbe
eher zur rechten liegen, als ob er durch den engen Kanal in die offene See
hinausfahren wollte. Tomson mute auch wohl einen solchen Verdacht gefat
haben, denn er hob mehre Male ngstlich den Kopf und starrte nach seinem
Fahrzeug hinber; endlich konnte er es aber nicht lnger aushalten, und
versuchte sich mit einem leise gemurmelten Fluch emporzurichten. Da wandte
sich der, dicht vor ihm kauernde Insulaner rasch nach ihm um, und
das drohend gehobene, schwere Ruder verrieth nur zu deutlich, was ihm
bevorstehe, wenn er sich jetzt einer Macht nicht geduldig fge, der er doch
keinen Widerstand zu leisten vermochte. Van Broon lag, halbtodt vor Angst
und Entsetzen, neben ihm -- wer aber konnte die dritte, regungslose Gestalt
im Boote sein? Hatten die Wilden ihrer Rache wirklich entsagt, oder --
groer Gott, war es gar _die Leiche_ Dumfry's, die sie -- nein, der
Krper lebte und bewegte sich, doch weiter vermochte der Seemann Nichts zu
erkennen. Seine Aufmerksamkeit wurde auch jetzt zu sehr auf den Schooner
selbst gelenkt, denn der Bug ihres Canoes neigte sich pltzlich diesem zu,
und hielt gerade darauf hin.

Jetzt schienen aber auch die Geister des Sturmes zum ersten Mal die Fesseln
zu brechen, die sie bis dahin in Schranken gehalten; ein greller Blitz
erleuchtete mit fast mehr als Tageshelle das sdliche Firmament, die
hochaufkochenden Wasser, und whrend noch der Donner in weiter Ferne
nachrollte, kam der brausende Orkan jubelnd und jauchzend ber das Meer
daher, griff wie im Spiel die zurckschreckenden Wogen auf, und trug ihren
glnzenden, funkelnden Schaum hoch mit sich in die wirbelnde Luft hinein.

Das Canoe arbeitete sich indessen mit rasender Schnelle durch und ber den
ghrenden Schaum hin, der die ganze See bedeckte. Schon konnten sie
die dunklen Umrisse des Kasuar selbst erkennen, und in dem nmlichen
Augenblick, als ein zweiter blendender Strahl sein weies Licht ber
das Meer go, glitt es dicht an die Bulwarks des, noch vor seinem Anker
reitenden Schooners hinan. Im Nu war es am Bug desselben befestigt, und
die wachthabenden Matrosen fuhren entsetzt empor, als pltzlich, wie der
strmischen Tiefe entstiegen, dunkle, geisterhafte Gestalten an ihren
Bord sprangen. Wohl griffen sie, kaum etwas anderes, als einen nchtlichen
Ueberfall der Wilden ahnend, und zum Tod erschreckt, zu Allem, was ihnen
nur als Wehr und Waffe unter die Hnde kam. Ehe sie aber selbst im Stande
waren, das recht zu begreifen, was um sie her vorging, erschtterte
pltzlich ein heftiger Sto den zitternden Schooner bis in seinen Kiel
hinab. Zu gleicher Zeit, ja fast in demselben Moment, gellte ein wildes,
dmonisches Jubelgeschrei in ihre Ohren, und der dunkle Schatten des
schlanken Canoes schnellte pltzlich wieder von ihrem Fahrzeug zurck, in
die weie, zischende Fluth. Trotzig bumten sich die in zrnendem Unmuth
anwachsenden Wogen darum her, und griffen mit den zerrinnenden Armen
danach, doch unberhrt von dem Allen, und still und regungslos, wie sie
gekommen, stand die hohe, dunkle Gestalt am Steuer, die Ruderer arbeiteten,
und das Canoe scho, wie von Geisterhand getragen, durch den aufgerttelten
Grimm des tobenden Elements.

Hlfe! chzte in diesem Augenblick Van Broon, der durch das Steigen des
Schooners von dem Platz wo er lag, gegen die Bulwarks angeworfen wurde
und jetzt nichts anderes glaubte, als er lge schon ber Bord -- Hlfe --
Hlfe!

Die Matrosen trauten kaum ihren Sinnen, als sie die bekannte Stimme hrten,
der Ruf ihres Capitns ri sie aber bald aus ihrem ersten stummen Staunen.

Alle an Deck! schrie er. Alle an Deck, und hier -- Bill, Ned -- Bob --
Donnerwetter ist keiner der Hallunken da -- bindet uns los hier -- verdamm
Euere Augen, hrt Ihr nicht?

Rasch sprangen die ihm nchsten hinzu, und wenn sie auch nicht begreifen
konnten, was hier vorgegangen, ja kaum, wie ihr Capitn eigentlich an Bord
gekommen sei, so lie ihnen die Gefahr des Augenblicks doch keine Zeit zu
Fragen und Erstaunen -- hier galt es nur zu handeln, und schnell banden sie
die Stricke los, mit denen die drei Gefangenen umwunden waren. Da erhellte
wiederum ein zuckender Strahl das Meer -- Tomson's, wie fast aller Uebrigen
Blicke fielen neugierig auf die dritte Gestalt, die noch immer laut- und
regungslos zwischen ihnen stand, und das Erstaunen lt sich denken, mit
dem sie fast zu gleicher Zeit ausriefen -- Ned -- der Strfling!

Obgleich nun Tomson allerdings nicht begriff, wie der Strfling sowohl ans
Ufer, als auch in ihr Boot gekommen sein knne, so wurde ihm doch jetzt
auch pltzlich klar, da es eben dieser Bube sein msse, der sie verrathen
und ihren Feinden berliefert htte. Die Sorge um sein Fahrzeug lie ihm
aber fr den Augenblick keine Zeit zu solchen Betrachtungen.

Segel los -- schrie er -- Pest und Teufel, wir treiben -- die heillosen
Schufte haben unser Ankertau durchgehauen -- steht bei dem Gaffelsegel, ihr
Leute -- die Brefock auf -- steht bei, sag' ich -- Schufte die Ihr seid
-- und rasch, unter wild gegebenen Befehlen und Flchen sprang der wrdige
Seemann selbst ans Steuerruder, whrend die Matrosen, in der eigenen Gefahr
Alles brige um sich her vergessend, nur den Schooner vor dem ihm drohenden
Verderben zu bewahren suchten.

So rasch die Fluth nmlich, als sie an diesem Morgen in die Bucht
eingelaufen, das enge Felsenthor landeinwrts durchstrmte, so reiend
scho auch jetzt, noch von dem wirbelnden Wind getrieben, die Ebbe hinaus,
und das kleine, schaukelnde Fahrzeug, das in der letzten Minute den Felsen
nher und nher getrieben war, fhlte kaum den Druck des Segels, unter
den es das schnell gerichtete Steuer brachte, als es sich auch im wilden
Ansprung auf die nchste Woge schwang, und jetzt, von Strmung und Wind
begnstigt, rasend schnell durch die Fluth dem ghnenden Thor entgegen
brauste. Kaum noch hundert Schritt war es von diesem entfernt -- deutlich
konnten sie das wilde Anstrmen der Wogen erkennen, die sich wie feurige
Strahlenkmme an seinen starren Huptern brachen -- jetzt schien es, als ob
der zitternde Schooner, mit vollem, gewaltigen Anlauf, toll und wild gerade
hinanstrmen wolle auf den Felsenkamm, der ihn zerschmettert der Tiefe
zusenden mute. Die Mannschaft stand unthtig am Bug -- die nchste Secunde
sollte ihr Schicksal entscheiden, und nur noch wenige Klaftern Seeraum
trennte sie von ihrem Tod. Dicht vor ihnen ragte der Fels empor, und das
Schiff -- ha, es neigte sich ab -- groer Gott, jener scharrende Laut, der
das Herzblut der Mnner stocken machte -- es war die Seitenwand des Kasuar
im vorbeischnellenden Druck an der Steinsule des linken Thores. -- Und der
Schooner? -- frei und frank scho er von der nachdrngenden Fluth gehoben,
in die offene See hinaus, dicht hinein in das enggereefte Segel legte sich
der nachdrngende Sturm, und wie dem Element angehrig, tanzte das wackere,
kleine Seeboot gerettet auf dem wogenden, zrnenden Meer.

Noch hatten sich die Matrosen nicht von der frchterlichen Angst des
Augenblicks erholt -- noch standen die Leute still und regungslos an ihren
Pltzen, und wagten es kaum zu glauben, da die Gefahr jetzt wirklich
vorber sei, denn die offene See frchtete keiner, da rief sie aufs Neue
Tomson's Stimme zu den eben vorbergegangenen, aber in der Gefahr des
Augenblicks schon fast vergessenen Scenen zurck.

Bindet den Schuft -- den Ned, und werft ihn in den Raum hinunter -- Du
Bob, nimm hier das Steuer, bis ich einen Anderen der Leute herschicke.
Hallo -- wo ist Van Broon -- wo ist der Hollnder, hat ihn die Angst
getdtet?

Das war jedoch keineswegs der Fall; der wrdige Mann hatte in der That
von dem Umfang der Gefahr, die sie eben noch bedroht, keine Ahnung gehabt,
sondern nur ruhig seinen Platz hinter einem der Wasserfsser behauptet, wo
er wenigstens nicht durch das Schaukeln des Fahrzeugs umhergeworfen werden
konnte. Seine ganze Aufmerksamkeit schien aber bis dahin ein ziemliches,
ansehnliches Packet ausschlielich beschftigt zu haben, das ihm die
Insulaner, als sie ihre Gefangenen an Bord des Kasuar gebracht, in den Arm
gedrckt, und dessen Inhalt er der vielen darum gewundenen Bnder wegen,
noch nicht erforschen gekonnt, obgleich es ihm bei dem Leuchten der Blitze
allerdings so vorkam, als ob das darumgeschlagene Fell dasselbe sei, was
Dumfry auf der Insel geraubt und wegen dem sie, wie er jetzt wohl glauben
mute, die ganze unglckselige Fahrt unternommen. Sobald er brigens
Tomson's Ruf hrte, arbeitete er sich nach besten Krften zu ihm hin, und
dieser, nachdem er ihm mit kurzen Worten die Existenz des Packets, wie
die Schwierigkeit es zu ffnen, angezeigt, zog rasch sein Messer und
durchschnitt die Schnre.

Capitn, sagte da Einer der Matrosen, der in gleicher Zeit zu ihnen
trat, Ned trgt, in ein Stck indianische Matte eingeschlagen, eine ganze
Parthie Geldstcke um den Hals gebunden, will aber nicht gestehen, woher er
sie hat -- wollt Ihr so gut sein und sie in Verwahr nehmen?

Geld! frug Tomson erstaunt, wo mag der Schuft das aufgetrieben haben? --
und die Packet?

Er hatte die Bnder gelst, schlug das Fell auseinander, und wollte eben
mit der Hand nach dem Inhalte fhlen, da zuckte wieder ein heller Blitz von
den grollenden Wolken nieder, und einen Schrei des Entsetzens stieen die
Mnner aus, denn von der dunklen Hlle umgeben, dem schwefelgelben Strahl
schauerlich und gra beleuchtet, starrten ihnen die bleichen, verzerrten
Todtenzge Dumfry's entgegen.

Wild tobte der Sturm -- die Wogen schumten und brausten, und das kleine
Fahrzeug kmpfte die ganze Nacht gegen den heulenden Grimm der Elemente an.
Endlich dmmerte der Morgen, das milde Tageslicht beschwichtigte den
Orkan, und die weien Segel des Kasuar blhten sich der Heimat entgegen;
am Starbordgangweg aber standen die Matrosen, und mit dem leise gemurmelten
Gebet der ernsten Schaar sank, whrend eben am stlichen Horizont die
aufsteigende Sonne ihr heiteres Leben ber die See blitzte, das blutige
Todtenhaupt des Gerichteten in die dunkle Tiefe hinab.




Berlin und das Schauspielhaus im Belagerungszustand.

Eine Skizze.


Im Jahre 1848, am 12.November Abends war Berlin in Belagerungszustand
erklrt und am 13. Mittags glitt ich im zitternden Coup, von der
keuchenden Locomotive blitzschnell ber das flache, reizlose Land gerissen,
der bedrohten Residenz entgegen.

Werden wir noch hinein kommen? -- wird man uns Fremden den Aufenthalt
dort gestatten? solche Fragen kreuzten sich besonders auf den letzten
Stationen, wo militrische Helme zu immer unausweichbareren Gegenstnden
wurden, hufig herber und hinber, und endlich ergab sich die peinliche
Gewiheit des Nichthineinlassens, als in Jterbock ein Lieutenant mit
sechzig Mann zu uns stie und uns, freilich auf die freundlichste und
artigste Weise, die Nachricht gab, er habe bestimmte Ordre, den ganzen Zug
nicht weiter als Trebbin zu lassen.

Guter Gott! Trebbin! -- vier Meilen von Berlin, auf wohlriechender Haide,
Abends acht Uhr, in stockfinsterer kalter Nacht! Und dazu die Erklrung
Mehrerer, die dort bekannt waren, da im ganzen Neste wahrscheinlich
nicht einmal Leiterwagen genug aufzutreiben sein wrden, um uns weiter zu
transportiren! Reizende Lage, in der es noch als ein Glck erschien, die
ganze Nacht auf einem Leiterwagen und schlechten Wegen durch das Land
gerdert zu werden!

Schafft man die kniglichen Beamten auch nicht weiter? fragte ein
beleibter, bleichwangiger Gesell in einem feinen grauen Tuchmantel und
einer Art Dienstmtze, in einem Ton, der gar nicht verkennen lie, wie er
bei beruhigender Antwort mit der Maregel vollkommen einverstanden gewesen
wre. -- Thut mir leid; meine Ordre besagt, den _ganzen Zug_ ohne Ausnahme
anzuhalten, lautete die Antwort des Offiziers. -- Das war doch ein Trost;
die preuischen Beamten blieben wenigstens nicht im Coup sitzen, und Arm
in Arm mit ihnen konnten wir das Geschick in die Schranken fordern.

In Jterbock hielt der Zug wegen der Aufnahme des Militrs lnger an als
gewhnlich, und der Beamte unterhielt sich indessen aus dem Coup heraus
mit einigen davorstehenden Soldaten, die eben ihrem Lieutenant drei
donnernde Hurrahs gebracht hatten. -- Morgen kommen wir auch nach Berlin!
riefen diese und die Wirkung starker Getrnke war bei ihnen nicht zu
verkennen. Hussah, morgen kommen wir! -- Das ist recht, Kinder, sagte
der freundliche Beamte und nickte ihnen lchelnd zu; haltet nur nicht zu
hoch! -- Bewahre, altes Haus! sagte einer der jungen Bursche, eben die
rechte Hhe und mitten hinein! -- Bravo, meine Jungen! nickte der Beamte
und der pltzliche Ruck, den der Wagen that, setzte ihn einem hagern,
hohlugigen Mann, der in einfach grober, aber sauberer Tuchkleidung dicht
hinter ihm sa, auf den Schoo.

Der Hagere entschuldigte sich auf das ngstlichste, da er dem Manne,
von dem ihm wahrscheinlich sein Instinkt sagte, es sei Einer, der mit der
Regierung in Verbindung stehe, im Wege gesessen habe, rckte, so weit es
anging, von ihm zurck und benahm sich berhaupt so eigenthmlich, da ich
nicht umhin konnte ihn etwas genauer zu betrachten.

Er mochte etwa in den vierzigen sein, vielleicht war er auch jnger, denn
die fahlen Zge sprachen von ertragenem Leid. Scheu und doch auch wieder
neugierig blickten die hellgrauen Augen um sich, schienen auf nichts zu
haften und begegneten nie einem andern Blick. Ich wrde den Mann fr
einen Verbrecher gehalten haben, htte mich nicht die unverkennbare
Behaglichkeit, mit der er sich manchmal, besonders wenn er einen
Augenblick vor sich niedergesehen hatte, die Hnde rieb und leise vor sich
hinschmunzelte, irre gemacht.

Das Licht wurde pltzlich drauen weggenommen, Dunkelheit umgab uns wieder,
und weiter ging's in sausender Schnelle von Jterbock fort; hinter uns
drein tnte das Hurrah der Soldaten, und unter uns, um uns, vor und hinter
uns klapperten, keuchten, knarrten und rasselten Rder, Schienen und
Achsen. -- Nicht lange, so war die nchste Station erreicht; hier
sollten wir den Gterzug von Berlin erwarten; kurzer Aufenthalt wurde uns
angekndigt und die meisten stiegen aus, um eine Tasse heien Kaffee zu
trinken; das Wetter rechtfertigte wenigstens ein solches Verlangen. In der
Restauration sah ich zufllig meinen hagern Nachbar neben mir; er stand
nicht weit vom Bffet und schaute nach der gromchtigen Kanne und den
Tassen hinber. -- Haben wir von hier aus noch weit nach Trebbin? fragte
ich ihn, mehr eigentlich, um ein Gesprch mit ihm anzuknpfen, als aus
wirklichem Interesse fr die Antwort.--

Das wei ich nicht, sagte der Hagere schnell, schttelte dabei das
lchelnde Gesicht mit dem halbgeffneten Mund und sah mich zum erstenmal
mit den hellglnzenden Augen fest an. Ich wei gar nichts, fuhr er
gleich darauf fort, noch ehe ich mich von ihm abwenden konnte, nicht das
mindeste. -- Sie wissen doch wohl, wo ich herkomme?

Ich blickte erstaunt zu ihm hinber. Ich wei gar nichts! -- Sie wissen
doch wohl wo ich herkomme? -- was sollte das heien?--

Sind Sie hier fremd? frug ich ihn.--

Fremd? ja, ich komme von Torgau, lchelte der Mann und rieb sich immer
eifriger und mit immer mehr aufgeheiterten Zgen die Hnde. Ich bin mit
unter den Amnestirten; ich wei gar nichts von der Welt -- ich sitze seit
1831 auf der Festung.

Allmchtiger Gott! mir zog es eiskalt durch Mark und Bein. Der Mann war
siebzehn Jahre hinter Festungsmauern begraben gewesen, und jetzt, in diesem
Augenblick, in diesen Zustnden, sprang er auf einmal, wie neugeboren,
aber mit vollem staunenden Bewutsein, mitten in's Leben hinein. -- Ja,
lchelte der Unglckliche und rieb sich noch immer stillvergngt die Hnde,
da knnen Sie sich wohl denken, da ich gar nichts wei. -- Ach bitte,
nicht wahr, das ist Kaffee dort, was der Mann ausschenkt? -- Ja,
erwiderte ich und konnte den Blick nicht abwenden von der Leidensgestalt.
-- Der wird wohl verkauft? -- In dem Moment wurde drauen hastig die
Glocke gezogen; wir muten schnell in unser Coup zurck, denn der Gterzug
kam eben mit rothglhendem Rachen und leuchtendem Athem auf dem schmalen,
dunkeln Damm herangeschnaubt.

Dicht neben uns hielt der Zug und alle Fenster waren rasch besetzt, um
Neuigkeiten von Berlin zu erfragen. Wie steht's dort? kommen wir noch
hinein? -- ist schon geschossen worden? -- Ganz gut -- Alles ruhig
-- keine Gefahr! tnte es hin und wieder. Ein junger Mann, der mit dem
Gterzug gekommen war, sah die Soldaten in unserem Train. -- Euch wollen
sie nach Berlin haben, da ihr das Volk sollt unterdrcken helfen! rief er
ihnen zu, und ihr seid doch unsere Brder!

Der Beamte mit dem bleichen Gesicht und der Dienstmtze, der die Worte
gehrt hatte, bog sich rasch zum andern Fenster nach der Restauration zu
hinaus und flsterte drauen Stehenden etwas zu. Was? der Kerl will die
Soldaten aufreizen? riefen dort ein paar Mnner und schauten zwischen
den Wagen unseres zur Abfahrt bereiten Zuges nach den Wagen des Gterzugs
hinber. Wart, Canaille, wenn hier der Zug fort ist, mit dir wollen wir
sprechen! -- Holt ihn ein Bischen heraus, sagte der Beamte freundlich;
den mt ihr euch einmal besehen. -- Na wart nur! riefen die Gereizten,
also die Weimtze? -- ich sehe sie schon in der Ecke!

Ich bog mich rasch aus dem Wagen nach dem Gterzug hin und rief dem jungen,
wirklich bedrohten Fremden zu, in ein anderes Coup berzusteigen; dann
aber und whrend jetzt unsere eigene Locomotive mit gellendem Jubelschrei
aufbrach, wandte ich mich an den freundlichen Beamten und sagte ihm frei,
was ich von ihm dachte. Er war geschmeidig wie ein Ohrwurm; er hatte es ja
gar nicht so bs gemeint, _die_ Leute thten nichts der Art, _das_ wren
Menschen wie die Kinder etc. -- Pfui ber den Schuft, das sind die wahren
Whler, die heimlich, wie giftiges Geschmei, im Lande herumkrochen und in
der Stille hetzten und geiferten dem offenen Wort gegenber, und dabei s,
unschuldig drein schauten und fromm und liberal thaten.

Eine halbe Stunde spter kamen wir nach Trebbin, und glcklicher Weise
fand unsere Eskorte daselbst Contreordre. Der Lieutenant, den es selbst
zu freuen schien, da er uns den unangenehmen Aufenthalt ersparen konnte,
verkndete uns, der Zug drfe ungesumt weiter gehen. Um neun Uhr liefen
wir in den Berliner Bahnhof ein, und Massen dort aufgestellten Militrs
verkndeten uns, wren wir nicht schon unterrichtet gewesen, den
Belagerungszustand der Stadt. Es wurden uns weiter keine Schwierigkeiten
in den Weg gelegt, nur Bewaffnete, deren wir jedoch keine bei uns hatten,
sollten nicht eingelassen werden.

Ich durchwanderte die Friedrichsstadt noch am selben Abend nach allen
Richtungen. Todtenstille in den Straen; nur hie und da an den Ecken kleine
Trupps vor einem von der Laterne beleuchteten Plakat. Dieses handelte von
Zusammenrottungen auf den Straen; am Tage durften nicht mehr als zwanzig,
Abends nicht mehr als zehn Menschen beisammen stehen; gingen sie nicht
auseinander auf die Aufforderung der Patrouille, so hatte das Militr von
seinen Waffen Gebrauch zu machen. -- Unter den Linden, besonders an den
Ecken der Friedrichsstrae, standen Menschengruppen; Jungen verkauften
ein Plakat des Referendars Wache, mit der Anempfehlung: ohne Erlaubni
Wrangels. Unter der einen Laterne erzhlte Jemand irgend einen Vorfall;
Neugierige traten hinzu und es bildete sich bald ein Haufen von wohl
fnfzig bis sechszig Personen. Da tnte der schwere gleichmige Schritt
einer Patrouille die Allee herab.--

Meine Herrn, treten Sie in kleinere Trupps, bat der Sprecher; immer zehn
und zehn, wenn ich bitten darf. -- Die Menge zertheilte sich schnell und
ohne weitern Zuredens zu bedrfen. -- Hier knnen wir noch zwei brauchen,
sagte Einer; so, jetzt haben wir gerade das Deputat! ein Anderer. Hie und
da lachte Einer, als die Soldaten ernst und schweigend vorbei schritten,
die verschiedenen kleinen Trupps aber nicht weiter belstigten. Ruhe! --
nicht lachen! riefen Andere und die Patrouille bog in die Friedrichsstrae
ein.

Dieselbe Ruhe herrschte in andern Straen, dieselbe Ordnung; wer nicht
manchmal einer Patrouille begegnete; htte nicht daran gedacht, da er
sich in einer belagerten Stadt befinde. -- Am nmlichen Abend war eine
Deputation von Stettin aus unterwegs, welche folgende Demonstration
beabsichtigte. Die achthundert Mann trugen alle breite weie Papierstreifen
an den Hten, auf denen mit groen Buchstaben gedruckt stand: _Ehre der
Nationalversammlung! Stettin_. -- So hatten sie am nchsten Morgen in
feierlicher Procession die Stadt durchziehen wollen, aber der ganze
Bahnzug war (wie man das auch bei uns, wo man wohl eine hnliche Deputation
vermuthet, anfangs beabsichtigt hatte) auf der letzten Station vor Berlin
aufgehalten worden, und nur einzelne Mitglieder, ich glaube acht oder zehn,
lieen sich auf einem Leiterwagen nach Berlin schaffen. Einige derselben
sollen, wie man sagte, gerade wegen jener, als Plakate angesehenen Zettel
verhaftet worden sein.

Am nchsten Morgen brachte ein frisches Plakat des Kommandirenden etwas
regeres Leben in die Masse; die Patrouillen seien verspottet worden,
hie es, und haben jetzt strengen Befehl erhalten, bei der geringsten
Widersetzlichkeit vollen Gebrauch von ihren Schiewaffen zu machen. Die
Jungen rissen hie und da solche Zettel herunter und klebten dafr die von
Wache an, worin Wrangel und seine Proklamation verhhnt waren, und die
ihrerseits wieder von den Soldaten entfernt wurden. So sah ich am Schlo
einen Jungen am eisernen Gitter eines der untern Fenster hoch emporklettern
und soweit darber, als er reichen konnte -- gewi 18-20 Fu vom Boden --
eine Wache'sche Proklamation ankleben. Gleich darauf kam eine Patrouille,
und einer der Soldaten mute jetzt ebenfalls dort hinauf und mit dem
Bajonett das miliebige Papier unter dem Jubel der umstehenden Jugend
herunterstoen.

Wunderlich sahen die kniglichen Gebude aus. Das Schauspielhaus, das
Museum, die Mnze, des verstorbenen Knigs Palais, das Schlo, die
Bauakademie, das Zeughaus, alle Gebude der Art wimmelten von Militr,
Helm an Helm sah aus den Fenstern heraus und doppelte Schildwachen, alle
marschfertig gerstet, standen davor Wache.

Und was sagte das nmliche Volk, das sich am 18.Mrz mit so kecker
Todesverachtung, fast ganz unbewaffnet, auf den Barrikaden eben dieser
Straen geschlagen hatte -- was sagte das Volk zu dem Herrscherton, wie
ihn Wrangel annahm? -- Eigenthmlich war die Stimmung der Stadt: berall
Entrstung ber Wrangel, berall verhaltener Grimm, und doch fast
ngstliche Besorgni vor einem Zusammensto mit den Truppen.

An irgend einer Ecke, der Leipziger Strae glaub' ich, hatte das Militr
mit einbrechender Dmmerung ein Haus besetzt, das von oben bis unten, wie
man drauen sagte, nach einer Vitriolspritze durchsucht wurde; man fand
jedoch nichts und die Patrouille zog wieder ab. Vor dem Gebude hatte
sich inde eine ziemliche Schaar Neugieriger versammelt, doch nahmen die
Soldaten keine Notiz davon und marschirten die Strae hinab. Gleich darauf
kam eine Uhlanenpatrouille und der Offizier forderte die Menge auf, sich
zu zerstreuen. Die geschah auch, und nur vor dem durchsuchten Haus blieben
noch etwa zwanzig oder dreiig Personen zurck. Die Uhlanen ritten langsam
daran vorbei, als Einer aus der Menge hhnisch hinter ihnen her lachte und
ein Schimpfwort rief. Das wre ihm aber beinahe bel bekommen; die Uhlanen
achteten es allerdings nicht, aber die Umstehenden fielen unter dem Ruf:
verdammter Reaktionr! ber den Lacher her, und er konnte einer tchtigen
Tracht Schlge nur durch die heilige Versicherung entgehen, da er keinen
der Soldaten, sondern einen Freund von sich gemeint habe.

An diesem Tage war auch auf's Neue ein Plakat, die Einlieferung der Waffen
betreffend, angeschlagen und die Stimmung, die sich darber aussprach,
schien eine allgemeine: man wollte die Waffen unter keiner Bedingung
ausliefern. Der angesetzte Termin bis Abends fnf Uhr verlief dehalb auch,
ohne da dem Befehl, mit einigen Ausnahmen allerdings, Folge geleistet
worden wre; ja man sprach sogar von einer groartigen Demonstration. Ein
Theil der Brgerwehr, wie mir gesagt wurde, 15,000 Mann, wollte vor dem
Zeughaus aufmarschiren und dort dem Feldmarschall erklren, sie liefern die
Waffen nicht ab, und wenn er Brgerblut vergieen wolle, so mge er auf sie
schieen. Das unterblieb aber, aus welchem Grunde wei ich nicht, und man
beschrnkte sich einfach darauf, dem Befehl nicht nachzukommen.

Am nchsten Morgen, am vierzehnten, fing man an in der Behrenstrae und
der benachbarten Gegend die Waffen _einzusammeln_. Eine Patrouille ging mit
einem Rstwagen herum, die Enden der Gasse wurden mit Militr besetzt, aber
nicht abgesperrt, denn es konnte Jeder frei hin und wieder gehen, und ein
Trommelwirbel verkndete den Bewohnern des Hauses, vor dem der Wagen
hielt, da sie die in ihrer Wohnung befindlichen Gewehre in die Hausflur
herabbringen sollten; wo das nicht geschah, hatten die Soldaten Auftrag in
die Zimmer zu gehen und nachzusehen, ob sich Waffen darin befanden.

Wie ein Lauffeuer scho die Nachricht, da man die Waffen abhole, in die
entferntesten Theile der Stadt, und die Aufregung unter den Arbeitern,
vorzglich den Maschinenbauern, wurde bedenklich. In der Knigsstadt, in
Moabit und den uern Stadttheilen schien man fest entschlossen die Waffen
_nicht_ gutwillig herzugeben, und da gerade dort, wo man begonnen, das
Einsammeln ziemlich gnstigen Erfolg gehabt, konnte Jene nicht anders
stimmen. -- Das ist das Geheimerathsviertel, sagten die Arbeiter; ob
das die Waffen behalten htte oder nicht, beim Kampf wr' das gleichviel
gewesen.

Strae um Strae durchzog das Militr; Wagen nach Wagen voll Gewehren
wurden in das Zeughaus, stets unter starker Bedeckung abgeliefert, und
in der ganzen Friedrichsstadt schien sich kein einziger Brger dem
Befehl ernstlich widersetzen zu wollen. Der passive Widerstand, den die
Nationalversammlung behauptete, dehnte sich auch auf diese Maregel der
Militrgewalt aus. -- Abliefern thun wir die Gewehre nicht, meinten die
Brger; wenn sie unsere Flinten haben wollen, mgen sie sie holen. --
Sollten die Arbeiter allein vor die Bresche stehen? sollten sie, die
im Mrz die Barrikaden errichtet und vertheidigt, noch einmal zu diesem
letzten Mittel greifen? -- Und fr wen? -- fr die Brger? -- Hol' sie
der Teufel! sagten am 16. die Maschinenbauer in Moabit; wenn die nicht
selbst den Muth haben fr ihre Freiheiten einzutreten, so sehen wir nicht
ein, wehalb wir wieder die Katzen sein sollen, mit deren Pfoten sie
die Kartoffeln aus dem Feuer holen. Bis jetzt sind sie mit ihren blanken
Pulverhrnern und bunten Quasten in einem fort durch die Straen gerannt;
nun auf einmal lt sich keiner mehr sehen; wir wollen uns auch nicht
todtschieen lassen. Und das Resultat war, da der passive Widerstand
auch unter den Arbeitern seine Proselyten machte.

Am 15. Abends war die Nationalversammlung, die seit mehreren Tagen an
verschiedenen Orten heimlich Sitzung gehalten hatte, unter den Linden im
Hotel Milentz beisammen. Doch auch dieser Platz war verrathen worden, und
als ich, etwas nach neun Uhr Abends, dort vorber kam, stand ein starkes
Piket Militr vor der Thr und hatte das Haus gesperrt. Mehrere hundert
Menschen sammelten sich, aber Alles blieb ruhig; es wurde ihnen keine
Aufforderung auseinanderzugehen, und sie selber schienen auch nur durch
Neugierde an den Platz gefesselt. Da nherte sich eine Patrouille, und als
der Offizier die Menschenmasse erblickte, rief er: Tambour vor! um
zum Auseinandergehen aufzufordern. Aber der Fhrer der vor dem Hotel
aufgestellten Truppen ging auf ihn zu, sprach ein paar Worte mit ihm
und gleich darauf folgte das kehrt, marsch! der eben Gekommenen. Die
Patrouille zog wieder ab und die Menschenmassen blieben unbelstigt stehen.

Noch hatte sich aber die Patrouille keine hundert Schritt entfernt, als
aus dem Hotel heraus die Abgeordneten kamen; die Soldaten lieen sie
ungehindert durch und von allen Seiten drngte man hinzu, das Resultat
der Sitzung zu hren. Der Beschlu, die Steuern zu verweigern, war
gefat worden und blitzschnell lief das Gercht durch die Menge; auch die
Einzelnheiten der Sitzung wurden rasch von den Mitgliedern der Versammlung
selbst Fremden auf offener Strae mitgetheilt. Die Mnner waren
augenscheinlich in der gereiztesten Stimmung.

Die augenblickliche Wirkung dieses wichtigen Beschlusses schien mir
keine so gewaltige, als man htte vermuthen sollen; man schien die Sache
vorhergesehen zu haben, und wenn auch hie und da aus einer kleinen Gruppe
ein jubelndes Hurrah empor stieg, standen andere wieder schweigend und
fast theilnahmlos daneben. Einige Mnner, an denen ich vorberging, fragten
mich, was es da gebe; ich sagte ihnen, was ich eben aus dem Munde eines
der Abgeordneten gehrt: die Nationalversammlung habe in diesem Augenblick
beschlossen, die Steuern zu verweigern. -- So? erwiderte Einer, hm --
nun -- _wir_ zahlen sie doch!

Auch am andern Tage lie sich dehalb keine grere Aufregung in der Stadt
bemerken, und man erzhlte sich den Beschlu in einem Tone, als ob es sich
um eine ganz gleichgltige Sache handelte. Mir kam das anfangs rthselhaft
vor, und doch stand es wieder mit dem ganzen eigenthmlichen Wesen dieses
passiven Widerstands in genauer Verbindung. Die Berliner wuten, da
dieses das letzte Mittel der Versammlung sein sollte; _sie_ hatten somit
Alles gethan, was von ihnen verlangt worden war: sie hatten sich ruhig
verhalten, und den Provinzen blieb es jetzt berlassen, durch ein Einhalten
der Steuern ihr Vertrauensvotum fr die Nationalversammlung zu geben, oder
im entgegengesetzten Fall durch ein Zahlen derselben an den Tag zu legen,
da sie mit den Beschlssen derselben nicht einverstanden seien.

Die Stadt war uerlich ruhig, wie in ihrer ruhigsten Zeit; sobald sich
das Wetter nur irgend freundlich zeigte, sah man Spaziergnger unter den
Linden; selbst das Theater war, wenn auch schwach, doch besucht. Gespielt
wurde im Opernhaus, das Schauspielhaus stand starr und kriegerisch da,
belagert in einer belagerten Stadt, wie ein Soldat selber uerte. Das
Sulenportal ber der groen Treppe war mit Schildwachen besetzt, eben
so die Eingnge an allen Seiten; aus allen Fenstern schauten behelmte
Gesichter, berall blinkten Bajonette und Helmspitzen.--

Tausend Mann lagen in diesem einzigen Gebude, das sogar seinen eigenen
Kommandanten hatte, und es war die dasselbe Regiment (Alexander), das in
den Mrztagen schon einmal seine Kraft mit den Brgern gemessen und gewi
seine Tapferkeit bewhrt, dennoch aber jetzt, wenn es wirklich wieder
zum Kampfe kam, eine Scharte auszuwetzen hatte. Streitgerstet lagen die
Grenadiere in die Mauern des Schauspielhauses gebannt, des Rufs gewrtig
zu Brgerkrieg und Straenkampf; blo zu Patrouillen zogen dann und wann
einzelne Trupps aus, und Urlaub bekamen nur zehn zugleich, und immer nur
auf ganz kurze Zeit.

Schon am zweiten Tag hatte ich einen Versuch gemacht, in das Innere des
Gebudes, das mit solcher Bevlkerung abenteuerlich genug aussehen mute,
einzudringen, war jedoch kurz und entschieden von einem halben Dutzend
Schildwachen abgewiesen worden. Ich erfuhr auch von einigen Mitgliedern des
Theaterpersonals, da Niemand, sie selber nicht ausgenommen, hinein drfe,
da das Militr fr den Augenblick im alleinigen und unumschrnkten Besitz
des Musentempels sei. Und oben auf dem Giebel desselben stand scheu und
unwirsch, mit schnaubenden Nstern und vorgestrecktem Huf, Pegasus, das
edle Musenro, als ob es sich eben nach einem nur einigermaen anstndigen
Hgel in der trostlosen Ebene umschaute, zu dem es aus dem entweihten
Heiligthume entfliehen knnte.

Wie bekannt hatte die Nationalversammlung frher im Concertsaal des
Schauspielhauses ihre Sitzungen gehalten; auch dort sollten jetzt Truppen
liegen, und meine Neugierde wurde sehr gespannt, als ich hrte, die
Soldaten spielten in demselben Raum, wo ihr Vertreter getagt, Abends
Nationalversammlung. Wie aber hineinkommen? Schon verzweifelte ich an der
Mglichkeit, als mir der Zufall gnstiger war, als ich es je htte erwarten
knnen. Ich bekam Gelegenheit, sogar Abends einer sogenannten Sitzung
beizuwohnen; das _wie_ mag mir der Leser erlauben zu verschweigen.

Durch zehnfache Schildwachen, ber einen Theil der Bhne hin, auf die ich
aber kaum einen flchtigen Blick werfen konnte, da der enge Gang meine
ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm, erreichte ich den Concertsaal und
berschaute hier gleich ein so eigenthmliches als wunderliches Bild.
Der prachtvoll eingerichtete Saal war in ein rohes, wstes Soldatenlager
verwandelt. Auf den rothgepolsterten Sesseln und Bnken lagen und saen in
allen nur mglichen Stellungen die Soldaten, manche lang ausgestreckt auf
den Polstern, mit der Pfeife im Mund und die schmutzigen Stiefeln auf den
geschnitzten Lehnen; hie und da eine kleine Gesellschaft um einen Tisch
gedrngt, im eifrigen Kartenspiel; dort ein paar eingeschlafen in der Ecke,
die Mtzen in's Gesicht gezogen, das Kinn auf die Brust gedrckt, die
Hnde ber dem Magen gefaltet, die meisten aber aufmerksam der
Abendunterhaltung lauschend, die eben ihren Anfang genommen zu haben
schien. -- Ich war etwas verwundert, auch einen Offizier unter den Zuhrern
zu erkennen.

Die Abendunterhaltung bestand aber in Folgendem. Auf dem, ich glaube der
kniglichen Loge gegenber befindlichen Prsidentensitz hatte sich ein
Musikchor eingenistet, das mit, wahrscheinlich im Orchester vorgefundenen
Bageigen und Violinen und mit eigenen Flten, Pfeifen und Trommeln Walzer
und Mrsche spielte; nur Blechinstrumente schienen, wohl des allzulauten
Tones wegen, ausgeschlossen. Die einzelnen Musikstcke wurden jedesmal von
den Zuhrern mit Bravoruf und Beifallklatschen belohnt, und beim Sturm- und
Attaquemarsch, dem ein kurzer, nervenerregender Trommelwirbel folgte, fiel
die ganze Schaar jedesmal in das bliche, aber gleichfalls etwas gedmpfte
Hurrah ein. -- Dann kam wieder irgend ein trauriger Walzer, dem die faule
Bageige nur mit Widerstreben zu folgen schien, und der Violine fehlte es
an Colophonium, das sich im Orchester wohl nicht mit vorgefunden hatte. Die
Finger des Spielers mochten sich auch nicht eben gelenk oder taktfest der
ungewohnten Beschftigung fgen; denn man kann gewi ein ausgezeichneter
Trommelschlger und doch nur ein mittelmiger Violinist sein. Kurz, es
waren auer den gewhnlichen Mrschen klgliche Weisen, die den gepeinigten
Instrumenten abgemartert wurden. Und rings umher an den Wnden des durch
wenige Oellampen nothdrftig erleuchteten Saals schauten wehmthig die
Bsten von Gluck, Hndel, Mozart, Weber, Haydn, Bach, Beethoven und
anderer alter Meister der Tne hernieder und schienen in den an ihnen
vorbeistreichenden dstern Tabakswolken die Stirnen zu runzeln ob dem
ohrzerreienden Greuel.

Die Hauptperson des Ganzen stand auf der Rednerbhne unter dem frhern Sitz
des Prsidenten, und zwar in Civil, in schwarzem etwas schbigen Frack,
Halsbinde und Vatermrdern und weien Beinkleidern, und diese Maske --
ebenfalls ein Gardist desselben Regiments -- sollte den Prsidenten der
Nationalversammlung vorstellen. Es war ein noch junger Bursche mit nicht
gerade auffallendem Berliner Dialekt, und er fhrte einen Taktstock, den
er auf carrikirte Art handhabte, damit bald nach dem Orchester hinauf, bald
nach den Zuhrern hin gestikulirte und dazwischen zum groen Ergtzen der
leicht Befriedigten das Spielen der verschiedenen Instrumente nachahmte.
Auf der Nase trug er eine Klemmbrille, die er brigens spter, weil sie ihn
genirte, ablegte.

Endlich, nachdem die Spieler eine lange Weile musicirt hatten, erffnete
der Prsident die Sitzung. Mit affektirter Stimme begrte er die
Nationalversammlung und sprach von der schwierigen Aufgabe, sechzehn
Millionen zu vertreten, erklrte, da sie hier zusammen gekommen seien, ihr
eigenes Wohl zu berathen, und lie dann wieder, unter den frhern Possen,
ein Lied aufspielen. Hierauf ging er, und nicht ganz ohne Gewandtheit, auf
seine wie seiner Kameraden Verhltnisse ein, in welch sonderbarer Lage sie
sich eigentlich befnden, belagert in einer belagerten Stadt, und wie wenig
man dabei auf ihre eigene Bequemlichkeit bedacht gewesen. Mehrere Tage lang
htten sie auf der bloen Erde campiren mssen, jetzt, nachdem sie sich
wund gelegen, bekmen sie Strohscke; der Kaffe sei, trotz einer jngst
eingegangenen Schenkung, ungeniebar, das Fleisch so, da es smmtliche
vier Kche nicht gahr bekommen knnten, und der innere Zustand des
Schauspielhauses, was die Reinlichkeit betreffe, dermaen schaudererregend,
da eine genauere Beschreibung gar nicht zulssig erscheine.

Nach einer ziemlich weitlufigen, manchmal wirklich witzigen, nur zu oft
aber auch sehr matten Auseinandersetzung der Grnde, die ihn eine Aenderung
ihres Zustandes wnschen lieen, wandte er sich an die Versammlung, ihre
Meinung darber zu hren, und zwar zuerst an die uerste Linke, die mit
einem ziemlich allgemeinen vernehmlichen _Ja_ antwortete. -- Und was sagt
die uerste _Rechte_ zu meinem Vorschlag? sprach er dann, sich nach
der Seite wendend, welche die Rechte frher eingenommen hatte. -- Nein!
lautete hier die vom lachenden Beifallsruf der Zuhrer begrte Antwort,
und mit einem ruhigen: Lie sich nicht anders erwarten, rckte er
sich die Brille wieder zurecht und gab, ohne weiter auf die Abstimmung
einzugehen, dem Orchester das Zeichen zum Wiederbeginn eines seiner
verzweifelten Stcke.

Sodann nahm er eine Partie Bittschriften, wie sie der Nationalversammlung
wirklich eingegangen, und von denen er eine sogar als fingirtes Taschentuch
benutzte, und las sie mit possenhaften, nicht selten zweideutigen
Bemerkungen vor; eben so mibrauchte er das preuische Landrecht, von dem
ein Exemplar ebenfalls in einem unteren Gefach der Rednertribne lag. Und
die Soldaten amsirten sich herrlich, aber der Offizier stand nach einer
Weile auf und verlie den Saal.

Man msse den Soldaten den unschuldigen Spa lassen, um sie bei guter Laune
zu erhalten; die armen Teufel haben viele Beschwerden zu ertragen, stehen
vielleicht auf der Schwelle eines Brgerkriegs; das Schauspielhaus drften
sie Abends nicht verlassen, die Langeweile htte sie ja getdtet -- solches
und anderes wurde mir vorgestellt. Ich aber fragte mich, ob denn das alles,
was mich hier im tollen Possenspiel umgab, Wirklichkeit sei? Mir kam das
Ganze oft wie ein Traum vor. -- Die Halle hier, in der die Vertreter des
ganzen mchtigen Preuenvolkes das Wohl des Landes, das Wohl von Millionen
berathen, von Bajonnetten gerumt, von Bajonnetten besetzt, auf der Tribne
ein in Civiltracht possenhaft verkleideter Soldat; die Bittschriften, die
das Volk, seinen Vertretern eingesandt, gemibraucht! -- Das Andenken
an das Edelste, was die Freiheit eines Volks gewhrleisten kann, seine
Vertretung durch Abgeordnete im eigenen Parlament, verhhnt und lcherlich
gemacht! Und hier die Mnner, die lachend dem Spiele zuschauten oder
trumend in der Ecke saen, jede Minute bereit, beim ersten Trompetensto,
beim ersten Trommelwirbel in die Hhe zu fahren und mit dem schon geladenen
Gewehr, dem schon aufgesteckten Bajonett sich den, vielleicht durch nur
irgend einen bsen Zufall aufgereizten Brgern entgegen zu werfen! Ein
eigenes, recht hliches Gefhl war es, das mich durchzuckte, und ich
verlie den entweihten Raum, verlie die armen in =effigie= gepeinigten
Heroen der Musik unter den quitschenden Tnen der Geige, dem brummenden
falschen Accompagnement des Basses und dem Beifallssturm der dankbaren
Grenadiere.

Um die Mittelthr und die Haupttreppe auf dem nchsten Weg zu erreichen,
mute ich ber die Bhne weg, und ich werde _den_ Anblick im Leben nicht
vergessen. -- Im ungeheuern Raum hingen in der Mitte an Brettern drei
Doppellampen, die aber ein dsteres mattes Licht gaben und das Ganze kaum
nothdrftig erhellten. Auf der Bhne selbst befand sich die Wache und
wenn auch hie und da zwischen den Coulissen Gruppen von Kartenspielern an
kleinen Tischen saen, so mute doch die Bhne selbst von solchem Treiben
frei bleiben. -- Hier standen die Gewehre der Wache zusammengestellt, und
ernste Posten wanderten schweigend daneben auf und ab. Ich ging zwischen
ihnen durch und betrat die Bretterbrcke, die ber die Banklehnen des
Parterres hinweg dem Ausgang zufhrt. -- Hier aber blieb ich stehen und
berschaute nun zurckblickend das ganze eigenthmliche Bild, das vor mir
ausgebreitet lag.

Die Coulissen waren unordentlich durcheinander, hier Sulen, dort Wald,
vorgeschoben; den Hintergrund aber bildete (die Leinwand war wegen des
Luftzugs von hinten herabgelassen) wohl zufllig eine weite, den Horizont
begrenzende Seeflche. Zur Rechten und dicht vor dem zackigen Felsenufer
lagen die erst heute eingelieferten, noch ganz neuen Strohscke der
Soldaten aufgeschichtet, und es sah tuschend so aus, als ob ein Schiff
dort gerade seine Waaren gelandet htte. Links standen, von hinten vor,
bis dicht an die vordere Lampe, die mit den Bajonnetten zusammengreifenden
Gewehre, und auf jeder Waffenpyramide ein Helm. Ueber die Bhne aber
zerstreut, auf die Ellbogen gesttzt, oder das erste beste, was sich ihnen
geboten, unter den Kopf gerckt, lagerten einzelne Grenadiere und schauten
trumend nach den den Galerien hinauf, in denen nur hie und da einzelne
Kameraden Platz genommen hatten und die Scene unter sich gerade so
theilnahmlos und schlfrig betrachteten. Rechts neben mir im Parterre unten
saen zwei neben einander auf einer Bank und nickten, und links lag ein
Dritter, auf der Bank ausgestreckt, und schnarchte laut.

Die Schildwachen schritten still und lautlos ihre befohlene Bahn hin und
her; manchmal aber blieben sie, dem Hintergrund zugewandt, stehen, und es
war dann, als ob sie das weite Meer beobachteten, das Nahen fremder Schiffe
zu erkunden, denn der matte, ungewisse Dmmerschein machte die Tuschung
fast vollstndig. Es lag wahrlich eine gewisse Poesie in dieser
entsetzlichen Prosa, -- aber es war eine Poesie zum Tollwerden und ich
athmete ordentlich frei und leicht auf, als ich das entweihte Heiligthum
der Kunst hinter mir hatte und wieder in die freie frische Luft hinaustrat.

Es ist wahr, jene Zeit hat bewiesen, da man Komdie spielen kann ohne
gerade auf dem Theater zu stehen, und wir sehen die Wirklichkeit oft genug
auf die Breter gebracht, ohne eben davor zu erschrecken; aber es ist das
immer eine Wirklichkeit wie etwa ein bengstigender Traum, von dem wir
wissen, da es ein Traum ist und uns wohl in der Hoffnung des Erwachens
fhlen. -- Wenn aber der Traum dann in den hellen Tag hineinreicht und uns
kalt und frostig in das warme Leben greift, dann schnrt uns das Bewutsein
_solchen_ Zustandes Herz und Seele zusammen, wie mir der Anblick der
entweihten Bhne, und wir ersehnen hei und brnstig einen Morgen.

Ich verlie Berlin am nmlichen Abend wieder.


  ~Druck von Breitkopf und Hrtel in Leipzig.~




[ Hinweise zur Transkription


Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. In dieser Transkription
werden _gesperrt_ gesetzte Schrift, ~kleine~ Schrift, #fettgedruckte#
Schrift sowie Textanteile in =Antiqua-Schrift= hervorgehoben.

Der Halbtitel wurde entfernt.

Der Text des Originalbuches wurde grundstzlich beibehalten, einschlielich
uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise "auseinander" -- "aus
einander", "Bret" -- "Brett", "Canarienvogel" -- "Carnarienvogel",
"Hackebret" -- "Hackebrett", "Kaffe" -- "Kaffee", "widerfahren" --
"wiederfahren",

mit folgenden Ausnahmen,

  Seite 29:
  "einen" gendert in "einem"
  (in kaum einem halben Jahre)

  Seite 39:
  "Sdten" gendert in "Stdten"
  (wie sie in den Stdten ausgedacht werden)

  Seite 46:
  "" eingefgt
  (Metcamp hatte verdammt gute Aussichten)

  Seite 48:
  "" eingefgt
  (hahaha -- angefhrt haben!)

  Seite 57:
  "sein" gendert in "seine"
  (da ihm diese, seine beste Falle)

  Seite 60:
  "wie" gendert in "wies"
  (dort aber wies sie jede Aufforderung)

  Seite 62:
  "dich" gendert in "Dich"
  (und wenn sie Dich nicht vergessen knnte)

  Seite 68:
  "fest-zusammengebissenen" gendert in "fest zusammengebissenen"
  (die er mit fest zusammengebissenen Zhnen)

  Seite 71:
  "" hinter "tdten?" entfernt
  (Was aber nun thun? -- den Wolf tdten?)

  Seite 79:
  "da" gendert in "das"
  (das soll mir der Mr. Metcamp einmal nachmachen!)

  Seite 87:
  "einen" gendert in "einem"
  (und schaute mit einem schelmischen Blicke zu ihm auf)

  Seite 87:
  "mich ich mag" gendert in "ich mag mich"
  (und ich mag mich nicht in einem fort umsehen)

  Seite 88/89:
  "der" gendert in "den"
  (eine sogenannte Gnsehaut ber den ganzen Leib)

  Seite 97:
  "" eingefgt
  (da ist wohl Mancher Wochen lang)

  Seite 106:
  "" eingefgt
  (Gehen Sie mit, Schulmeister?)

  Seite 109:
  "meint" gendert in "meinte"
  (Ach, nicht Frauen allein, meinte der Schulmeister)

  Seite 114:
  "sage" gendert in "sagte"
  (mir heute noch gefehlt, sagte die Pastorin, und rumte)

  Seite 119:
  "" eingefgt
  (Du bist heute aufgeregt, Kind)

  Seite 121:
  "" vor "Im" entfernt
  (Im nchsten Moment glitt die Erscheinung)

  Seite 124:
  "flimmerden" gendert in "flimmernden"
  (und las mit flimmernden Augen, whrend das Schreiben)

  Seite 134:
  "" eingefgt
  (Und der Fensterladen?)

  Seite 135:
  "" eingefgt
  (heute Mittag mt Ihr bei mir essen.)

  Seite 144:
  "" eingefgt
  (denn im weichen Quellboden sah ich deutlich)

  Seite 151:
  "" eingefgt
  (sie vertheidigen die Sclaverei)

  Seite 154:
  "Prebyterianer" gendert in "Presbyterianer"
  (und die Presbyterianer halten ihn fr ein besonderes Licht)

  Seite 155:
  "Worte" gendert in "Worten"
  (mit etwas rauh klingenden, aber keineswegs bsgemeinten Worten)

  Seite 158:
  "" vor "Sally" entfernt
  (Sally sprang singend hinaus)

  Seite 161:
  "Reale" gendert in "Regale"
  (in einem Eimer auf dem dort angebrachten Regale stand)

  Seite 173:
  "" eingefgt
  (wir haben weder Schreibzeug, noch Papier)

  Seite 179:
  "" hinter "knnen," entfernt
  (viel mehr in Erstaunen setzen zu knnen,)

  Seite 182:
  "sie" gendert in "Sie"
  (Wallis hat, wie Sie vielleicht wissen)

  Seite 184:
  "." eingefgt
  (da ist's doch besser sie suchen Dach und Fach.)

  Seite 184:
  "Virtelstunden" gendert in "Viertelstunden"
  (in hchstens drei Viertelstunden knnen sie)

  Seite 187:
  "Vergugen" gendert in "Vergngen"
  (mit dem grten Vergngen, was ist es?)

  Seite 188:
  "sie" gendert in "Sie"
  (mit der Sie meine armseligen poetischen Versuche)

  Seite 201:
  "" eingefgt
  (Mr. Hennigs kommt auch nicht wieder)

  Seite 203:
  "Taschentnch" gendert in "Taschentuch"
  (sein Taschentuch hervorzuholen und sich)

  Seite 207:
  "Reger" gendert in "Neger"
  (mein Thier eben einem Neger bergeben)

  Seite 216:
  "das" gendert in "da"
  (schmerzt es Sie denn, da Sie ein Menschenleben)

  Seite 225:
  "Spitzhake" gendert in "Spitzhacke"
  (hatte in Rache und Wuth eine Spitzhacke ergriffen)

  Seite 243:
  "" hinter "vertrge." entfernt
  (und diese allerdings _keinen_ Chor vertrge.)

  Seite 246:
  "sie" gendert in "Sie"
  (Sehen Sie, sagte er)

  Seite 247:
  "gehts" gendert in "geht's"
  (in die schwarze Gasse -- dann geht's auch)

  Seite 256:
  "" eingefgt
  (Herrliches Jagdwetter heute!)

  Seite 257:
  "" eingefgt
  (es ist berdie nicht gut)

  Seite 266:
  "" eingefgt
  (was zeig' ich denn an? und trat auf die)

  Seite 266:
  "" eingefgt
  (werden wir die Ehre haben)

  Seite 269:
  "" eingefgt
  (ich bin alt und schwchlich)

  Seite 269:
  "Bespiel" gendert in "Beispiel"
  (wrde Ihnen zum Beispiel einen viel greren Zuhrerkreis)

  Seite 273:
  "" eingefgt
  (mich ergebenst, meine Herrn! -- und damit)

  Seite 273:
  "," hinter "Leute" entfernt
  (Die jungen Leute sahen ihm mit einem Gemisch)

  Seite 276:
  "aufathmen" gendert in "aufathme"
  (krftig und wohlgemuth aufathme aus tiefster Brust)

  Seite 281:
  "von" gendert in "vor"
  (wenn Sie ihm, so aufgetakelt, vor den Bug kmen)

  Seite 283:
  "hierzu" gendert in "hier zu"
  (mit welchem wir es hier zu thun haben)

  Seite 283:
  "-" eingefgt
  (damit er die Beweggrnde der Schooner-Passagiere begreifen)

  Seite 284:
  "das" gendert in "da"
  (imponirt, da einzelne _unbewaffnete_ Mnner)

  Seite 293:
  "Geduldsfadenri" gendert in "Geduldsfaden ri"
  (dem kleinen Van Broon der letzte Geduldsfaden ri)

  Seite 314:
  "" vor "Bob" entfernt
  (Bob grunzte eine Art Beistimmung)

  Seite 315:
  "Sideny" gendert in "Sidney"
  (sobald wir unseren Anker wieder in Sidney auswerfen)

  Seite 324:
  "" eingefgt
  (es giebt viele auf der Insel)

  Seite 333:
  "Berreich" gendert in "Bereich"
  (laufen wir daher den ganzen Bereich ab)

  Seite 334:
  "" eingefgt
  (hier der, durch ein Kreuz bezeichnete Punkt)

  Seite 338:
  "Schiffen" gendert in "Schiffer"
  (die den Schiffer auf seinen weiten Reisen begleitet)

  Seite 341:
  "," gendert in ","
  (theils dem Capitn, theils dem Zimmermann gehrige)

  Seite 347:
  "Zimmerman" gendert in "Zimmermann"
  (der Zimmermann zog es denn auch, vielleicht nur aus)

  Seite 365:
  "Anderr" gendert in "Andere"
  (der Andere aber schlich langsam am Waldrand hin)

  Seite 372:
  "." gendert in "?"
  (was es sonst sein mag, seinen Eingang?)

  Seite 375:
  "?" gendert in "!"
  (und einem frohen, freudigen Leben entgegen!)

  Seite 382:
  "" eingefgt
  (-- werden schon wissen --)

  Seite 391:
  "enstanden" gendert in "entstanden"
  (wie der Tag entstanden, sank er in Nacht zurck)

  Seite 420:
  "dem" gendert in "den"
  (Auf den rothgepolsterten Sesseln und Bnken lagen)

  Seite 425:
  "ich" gendert in "auch"
  (und wenn auch hie und da zwischen den Coulissen)


  sowie jeweils "," gendert in ","

  auf Seite 50:
  (Dort unten, lautete die monotone Antwort)
  (Na, das ist eine schne Geschichte, murmelte Sutton)

  und Seite 72:
  (Entweder oder, murmelte er)

  und Seite 142:
  (durch den Wald reiten mssen, entgegnete die Frau)
  (Ja, das lt sich nicht lugnen, lachte der Reiter)
  (Bleiben Sie nur da halten, Mr. Hennigs, rief jetzt)

  und Seite 144:
  (drauen im Wald, er sucht die Pferde, entgegnete)
  (aus den Hgeln herunter gekommen sein, meinte Hennigs)
  (Ah, dann findet sie Vater gewi nicht, rief Sally)]







End of the Project Gutenberg EBook of Aus zwei Welttheilen, Erster Band., by 
Friedrich Gerstcker

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS ZWEI WELTTHEILEN, ERSTER BAND. ***

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