The Project Gutenberg eBook, Geschichte der Neueren Deutschen Chirurgie,
by Ernst Georg Ferdinand Kster


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Title: Geschichte der Neueren Deutschen Chirurgie


Author: Ernst Georg Ferdinand Kster



Release Date: April 24, 2012  [eBook #39529]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHICHTE DER NEUEREN DEUTSCHEN
CHIRURGIE***


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Anmerkungen zur Transkription:

      Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der
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      Formatierung:

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      Text mit Gleichheitszeichen (=Text=) und unterstrichener Text mit
      Dollarzeichen ($Text$) markiert.





VERLAG VON FERDINAND ENKE IN STUTTGART.

*       *       *       *       *

NEUE DEUTSCHE CHIRURGIE

Herausgegeben von =P. v. Bruns.=

Die =Neue Deutsche Chirurgie= ist als Fortsetzung der Deutschen
Chirurgie von dem gegenwrtigen Herausgeber dieses monumentalen, dem
Abschlusse entgegengehenden Sammelwerkes, Exzellenz v. _Bruns_,
begrndet worden.

Die =Neue Deutsche Chirurgie erscheint als eine fortlaufende zwanglose
Sammlung von Monographien ber ausgewhlte Kapitel der modernen
Chirurgie.= Das beigegebene Verzeichnis der bereits erschienenen sowie
in Vorbereitung befindlichen Bnde zeigt, da von den berufensten
Autoren die neuzeitlichen Errungenschaften der Chirurgie sowie die
neuerdings der chirurgischen Behandlung zugnglich gemachten Gebiete in
sorgfltiger Auswahl dargestellt werden. =Nach Bedarf werden immer neue
Bnde hinzugefgt.=

Von der Kritik ist das Erscheinen der =Neuen Deutschen Chirurgie= mit
Freude begrt und dem groen Werke ein weitgehendes Bedrfnis zuerkannt
worden. Die bisher erschienenen Bnde werden smtlich dem Fachmann als
willkommen und unentbehrlich manche auch dem praktischen Arzte
angelegentlich empfohlen.

Die =Neue Deutsche Chirurgie= hat in der kurzen Zeit ihres Erscheinens
bereits einen auerordentlich groen Kreis von Lesern und besonders von
Abonnenten sich erworben, so da zu hoffen ist, da die Sammlung sich
bald jedem Chirurgen als unentbehrlich erweisen wird.

Im Abonnement auf die =Neue Deutsche Chirurgie= -- es ist fr dieses
ein etwa 20 Prozent niedrigerer Bandpreis angesetzt -- wird den
Chirurgen die Gelegenheit geboten, allmhlich eine wertvolle
Fachbibliothek in sorgfltigster Auswahl und Bearbeitung zu erwerben.


                                      Ferdinand Enke, Verlagsbuchhandlung

                                                   Stuttgart.




                        $Bisher erschienene Bnde:$

1. Band. =Die Nagelextension der Knochenbrche.= Von Privatdoz. Dr. =F.
Steinmann.= Mit 136 Textabbildungen. Lex. 8. 1912. Preis fr Abonnenten
geh. M. 6.80, in Leinw. geb. M. 8.20. =Einzelpreis= geh. M. 8.40, in
Leinw. geb. M. 9.80.

2. Band. =Chirurgie der Samenblasen.= Von Prof. Dr. =F. Voelcker.= Mit
46 Textabbildungen. Lex. 8. 1912. Preis fr Abonnenten geh. M. 7.80, in
Leinw. geb. M. 9.20. =Einzelpreis= geh. M. 9.60, in Leinw. geb. M. 11.--

3. Band. =Chirurgie der Thymusdrse.= Von Dr. =Heinrich Klose.= Mit 99
Textabbildungen, 2 Kurven und 3 farbigen Tafeln. Lex. 8. 1912. Preis
fr Abonnenten geh. M. 10.40, in Leinw. geb. M. 11.80. =Einzelpreis=
geh. M. 12.80, in Leinw. geb. M. 14.20.

4. Band. =Die Verletzungen der Leber und der Gallenwege.= Von Professor
Dr. =F. Thle.= Lex. 8. 1912. Preis fr Abonnenten geh. M. 6.80, in
Leinw. geb. M. 8.20. =Einzelpreis= geh. M. 8.40, in Leinw. geb. M. 9.80.

5. Band. =Die Allgemeinnarkose.= Von Professor Dr. =M. v. Brunn.= Mit 91
Textabbildungen. Lex. 8. 1913. Preis fr Abonnenten geh. M. 15.--, in
Leinw. geb. M. 16.40. =Einzelpreis= geh. M. 18.60, in Leinw. geb.
M. 20.--

6. Band. =Die Chirurgie der Nierentuberkulose.= Von Privatdozent Dr.
=H. Wildbolz.= Mit 22 teils farbigen Textabbildungen. Lex. 8. 1913. Preis
fr Abonnenten geh. M. 7.--, in Leinw. geb. M. 8.40. =Einzelpreis= geh.
M. 8.60, in Leinw. geb. M. 10.--

7. Band. =Chirurgie der Lebergeschwlste.= Von Professor Dr. =F. Thle.=
Mit 25 Textabbildungen. Lex. 8. 1913. Preis fr Abonnenten geh. M.
12.--, in Leinw. geb. M. 13.40. =Einzelpreis= geh. M. 14.--, in Leinw.
geb. M. 15.40.

8. Band. =Chirurgie der Gallenwege.= Von Professor Dr. =H. Kehr.= Mit
137 Textabbildungen, einer farbigen Tafel und einem Bildnis _Carl
Langenbuchs_. Lex. 8. 1913. Preis fr Abonnenten geh. M. 32.--, in
Leinw. geb. M. 34.--. =Einzelpreis= geh. M. 40.--, in Leinw. geb.
M. 42.--

9. Band. =Chirurgie der Nebenschilddrsen (Epithelkrper).= Von
Professor Dr. =N. Guleke.= Mit 22 teils farbigen Textabbildungen. Lex.
8. 1913. Preis fr Abonnenten geh. M. 7.--, in Leinw. geb. M. 8.40.
=Einzelpreis= geh. M. 8.40, in Leinw. geb. M. 9.80.

10. Band. =Die Krankheiten des Knochensystems im Kindesalter.= Von
Professor Dr. =Paul Frangenheim.= Mit 95 Textabbildungen. Lex. 8. 1913.
Preis fr Abonnenten geh. M. 11.80, in Leinw. geb. M. 13.20.
=Einzelpreis= geh. M. 14.80, in Leinw. geb. M. 16.20.

11. Band. =Allgemeine Chirurgie der Gehirnkrankheiten.= I. Teil.
Bearbeitet von Professor Dr. =A. Knoblauch=, Professor Dr. =K. Brodmann=
und Priv.-Doz. Dr. =A. Hauptmann.= Redigiert von Professor Dr.
=F. Krause.= Mit 149 teils farbigen Abbildungen und 12 Kurven. Lex. 8.
1914. Preis fr Abonnenten M. 20.--, in Leinw. geb. M. 21.60.
=Einzelpreis= geh. M. 24.--, in Leinw. geb. M. 25.60.

12. Band. =Allgemeine Chirurgie der Gehirnkrankheiten.= II. Teil.
Bearbeitet von Professor Dr. =G. Anton=, Professor Dr. =L. Bruns=,
Professor Dr. =F. Haasler=, Priv.-Doz. Dr. =A. Hauptmann=, Dr. =W.
Holzmann=, Professor Dr. =F. Krause=, Professor Dr. =F. W. Mller=,
Professor Dr. =M. Nonne= und Professor Dr. =Artur Schller.= Redigiert
von Professor Dr. =F. Krause.= Mit 106 teils farbigen Abbildungen. Lex.
8. 1914. Preis fr Abonnenten M. 17.20, in Leinw. geb. M. 18.80.
=Einzelpreis= geh. M. 21.--, in Leinw. geb. M. 22.60.

13. Band. =Die Sportverletzungen.= Von Priv.-Doz. Dr. =G. Freiherrn v.
Saar.= Mit 53 Textabbildungen. Lex. 8. 1914. Preis fr Abonnenten geh.
M. 11.--, in Leinw. geb. M. 12.40. =Einzelpreis= geh. M. 13.40, in
Leinw. geb. M. 14.80.

14. Band. =Kriegschirurgie in den Balkankriegen 1912/13.= Bearbeitet von
=Alfred Exner=, =Hans Heyrovsky=, =Guido Kronenfels= und =Cornelius
Ritter von Massari.= Redigiert von =Alfred Exner.= Mit 51
Textabbildungen. Lex. 8. 1915. Preis fr Abonnenten geh. M. 10.--, in
Leinw. geb. M. 11.40. =Einzelpreis= geh. M. 11.60, in Leinw. geb.
M. 13.--

15. Band. =Geschichte der neueren deutschen Chirurgie.= Von Prof. Dr.
=Ernst Kster.= Lex. 8. 1915. Preis fr Abonnenten geh. M. 4.40, in
Leinw. geb. M. 5.60. =Einzelpreis= geh. M. 5.20, in Leinw. geb. M. 6.40.




                   $In Vorbereitung befindliche Bnde:$

=Handbuch der Wundbehandlung.= Von Dr. C. _Brunner_.

=Behandlung der Wundinfektionskrankheiten.= Von Prof. Dr. L. _Wrede_.

=Immunisierung im Dienste der chirurgischen Diagnostik und Therapie.=
Von Dr. G. _Wolfsohn_.

=Staphylomykosen und Streptomykosen.= Von Prof. Dr. _Th. Kocher_ und
Priv.-Doz. Dr. F. _Steinmann_.

=Sporotrichose.= Von Prof. Dr. G. _Arndt_.

=Tetanus.= Von Prof. Dr. E. _Kreuter_.

=Traumatische Neurosen.= Von Prof. Dr. O. _Ngeli_.

=Lokalansthesie.= Von Prof. Dr. V. _Schmieden_ und Dr. F. _Hrtel_.

=Lumbalansthesie.= Von Dr. A. _Dnitz_.

=Knstliche Blutleere.= Von Prof. Dr. F. _Momburg_.

=Blutuntersuchungen im Dienste der Chirurgie.= Von Prof. Dr. O. _Ngeli_
und Dr. E. _Fabian_.

=Bluterkrankheit.= Von Priv.-Doz. Dr. _Schlmann_.

=Chirurgische Rntgenlehre.= Von Prof. Dr. R. _Grashey_.

=Chirurgische Rntgenstrahlenbehandlung.= Von Priv.-Doz. Dr.
H. _Iselin_.

=Chirurgische Sonnenlichtbehandlung.= Von Dr. O. _Bernhard_ und Dr.
A. _Rollier_.

=Freie Transplantation.= Von Prof. Dr. E. _Lexer_.

=Plastische Chirurgie.= Von Prof. Dr. E. _Lexer_.

=Chirurgische Operationslehre.= Von Prof. Dr. E. _Lexer_.

=Dringliche Operationen.= Von Prof. Dr. G. _Hirschel_.

=Verbrennungen und Erfrierungen.= Von Prof. Dr. E. _Sonnenburg_ und Dr.
P. _Tschmarke_.

=Chirurgie der heien Lnder.= Von Prof. Dr. K. _Goebel_.

=Echinokokkenkrankheit.= Von Prof. Dr. W. _Mller_, Prof. Dr. A.
_Becker_ und Priv.-Doz. Dr. G. _Hosemann_.

=Chirurgische Pneumokokkenkrankheiten.= Von Dr. _Th. Ngeli_.

=Thrombose und Embolie nach Operationen.= Von Prof. Dr. H. _Fehling_.

=Luft- und Fettembolie.= Von Prof. Dr. P. _Clairmont_.

=Krebsgeschwlste.= Von Prof. Dr. O. _Lubarsch_, Prof. Dr. _Apolant_ und
Prof. Dr. R. _Werner_.

=Sarkomgeschwlste.= Von Priv.-Doz. Dr. _Konjetzny_.

=Chirurgie des Diabetes.= Von Prof. Dr. W. _Kausch_.

=Chirurgie des Abdominaltyphus.= Von Prof. Dr. O. W. _Madelung_.

=Behandlung der chirurgischen Tuberkulose.= Von Prof. Dr. M. _Wilms_.

=Strahlenbehandlung des Hautkrebses und der Hauttuberkulose.= Von Prof.
Dr. P. _Linser_.

=Chirurgie der Lymphgefe und Lymphdrsen.= Von Prof. Dr. A. _Most_.

=Chirurgie der Blutgefe.= Von Prof. Dr. A. _Stich_.

=Chirurgie der Nerven.= Von Prof. Dr. H. _Spitzy_.

=Chirurgie der Syringomyelie.= Von Prof. Dr. A. F. _Borchard_.

=Chirurgie der Lhmungen.= Von Prof. Dr. F. _Lange_.

=Ambulante Behandlung von Knochenbrchen.= Von Professor Dr.
P. _Hackenbruch_.

=Operative Behandlung der Knochenbrche.= Von Prof. Dr. E. _Ranzi_.

=Knochenbrche der Gelenke.= Von Priv.-Doz. Dr. B. _Baisch_.

=Traumatische Epiphysentrennungen.= Von Priv.-Doz. Dr. K. _Fritsch_.

=Pseudoarthrosen.= Von Priv.-Doz. Dr. A. _Reich_.

=Neuropathische Knochen- und Gelenkkrankheiten.= Von Dr. R. _Levy_.

=Knochengeschwlste.= Von Prof. Dr. G. _Axhausen_.

=Arthritis deformans.= Von Prof. G. _Axhausen_ und Dr. P. _Glner_.

=Gelenkentzndungen bei infektisen Krankheiten.= Von Dr. G. D. _Zesas_.

=Ankylose der Gelenke.= Von Prof. Dr. E. _Payr_.

=Spezielle Chirurgie der Gehirnkrankheiten.= Bearbeitet von Oberarzt Dr.
W. _Braun_, Prof. Dr. R. _Cassirer_, Prof. Dr. P. _Clairmont_, Prof. Dr.
A. _Exner_, Prof. Dr. F. _Haasler_, Priv.-Doz. Dr. K. _Henschen_,
Oberarzt Dr. E. _Heymann_, Prof. Dr. F. _Krause_, Prof. Dr. K. A.
_Passow_, Prof. Dr. A. _Stieda_. Redigiert von Prof. Dr. F. _Krause_.

=Verletzungen des Gehirns.= Bearbeitet von Prof. Dr. A. F. _Borchard_,
Dr. W. _Braun_, Stabsarzt Dr. A. _Dege_, Prof. Dr. H. _Kttner_, Dr.
E. _Melchior_, Prof. Dr. P. _Schrder_, Dr. H. _Schller_, Prof. Dr.
A. _Stieda_, Prof. Dr. A. _Tietze_, Dr. _Wrobel_. Redigiert von Prof. Dr.
H. _Kttner_.

=Chirurgie der Hypophyse.= Von Prof. Dr. A. Freiherrn v. _Eiselsberg_.

=Chirurgie der Orbita.= Von Prof. Dr. W. _Krau_ und Priv.-Doz. Dr.
F. _Hohmeier_.

=Chirurgie des Ohres.= Von Prof. Dr. A. _Hinsberg_.

=Rhinoskopie.= Von Prof. Dr. P. _Heymann_ und Dr. G. _Ritter_.

=Chirurgie der Gesichts- und Kiefer-Gaumenspalten.= Von Prof. Dr.
C. _Helbing_.

=Dentale Kieferoperationen.= Von Prof. Dr. B. _Mayrhofer_.

=Direkte Endoskopie der Luft- und Speisewege.= Von Prof. Dr.
W. _Brnings_ und Prof. Dr. W. _Albrecht_.

=Laryngoskopie.= Von Prof. Dr. P. _Heymann_ und Dr. A. _Mayer_.

=Chirurgische Operationen an Kehlkopf und Luftrhre.= Von Prof. Dr.
O. _Chiari_.

=Endemischer Kropf.= Von Dr. E. _Bircher_.

=Chirurgie der Basedowkrankheit.= Von Dr. H. _Klose_ und Dr. Arno Ed.
_Lamp_.

=Chirurgie der Speiserhre.= Von Prof. Dr. V. v. _Hacker_ und Primararzt
Dr. G. _Lotheissen_.

=Chirurgie der Brustdrse.= Von Prof. Dr. E. _Leser_ und Professor Dr.
A. _Dietrich_.

=Druckdifferenzverfahren bei Thoraxoperationen.= Von Priv.-Doz. Dr.
L. _Dreyer_.

=Chirurgie der Pleura.= Von Dr. H. _Burckhardt_.

=Chirurgie der Lungen.= Von Prof. Dr. P. L. _Friedrich_.

=Chirurgie des Herzens.= Von Prof. Dr. A. _Hcker_.

=Chirurgie des Mediastinums und Zwerchfells.= Von Prof. Dr.
F. _Sauerbruch_ und Prof. Dr. K. _Henschen_.

=Laparotomie und ihre Nachbehandlung.= Von Prof. Dr. H. _Gebele_.

=Radikaloperation der Nabel- und Bauchwandbrche.= Von Prof. Dr.
E. _Graser_.

=Chirurgie der Milz.= Von Prof. Dr. H. _Heineke_ und Dr. E. _Fabian_.

=Chirurgische Behandlung der Leberzirrhose.= Von Prof. Dr. W. _Kausch_.

=Chirurgie des Pankreas.= Von Prof. Dr. N. _Guleke_, Dr. O. _Nordmann_
und Dr. E. _Ruge_.

=Rntgendiagnostik der Krankheiten des Verdauungskanals.= Von Dr.
E. _Finckh_, Dr. F. M. _Groedel_ und Priv.-Doz. Dr. _Stierlin_.

=Chirurgie des Magengeschwres.= Von Prof. Dr. E. _Payr_.

=Chirurgie des Duodenums.= Von Prof. Dr. H. _Kttner_ und Dr.
E. _Melchior_.

=Chirurgie der Appendix.= Von . . . . . . . . .

=Chirurgie der Form- und Lagevernderungen des Darmes= (ausschlielich
der Hernien). Von Prof. Dr. L. _Wrede_.

=Chirurgie der Funktionsstrungen des Dickdarmes.= Von Prof. Dr.
F. _De Quervain_.

=Chirurgie des Rektums und Anus.= Von Prof. Dr. N. _Guleke_.

=Chirurgie der Nebennieren.= Von Priv.-Doz. Dr. K. _Henschen_.

=Chirurgie der weiblichen Harnorgane.= Von Priv.-Doz. Dr.
A. _Bauereisen_.

=Chirurgische Nierendiagnostik.= Von Prof. Dr. F. _Voelcker_ und
Priv.-Doz. Dr. A. v. _Lichtenberg_.

=Chirurgie der Nephritis.= Von Prof. Dr. H. _Kmmell_.

=Chirurgie des Nierenbeckens und Ureters.= Von Prof. Dr. H. _Kmmell_.

=Endoskopie der Harnwege.= Von Prof. Dr. G. _Gottstein_.

=Geschwlste der Harnblase.= Von Prof. Dr. O. _Hildebrand_ und Dr.
H. _Wendriner_.

=Prostatektomie.= Von Prof. Dr. J. _Tandler_ und Prof. Dr.
O. _Zuckerkandl_.

=Chirurgie des Hodens und Samenstranges.= Von Prof. Dr. _Th. Kocher_ und
Priv.-Doz. Dr. A. _Kocher_.

=Chirurgie der Hand.= Von Dr. E. _Melchior_.

=Verletzungen der unteren Extremitten.= Von Prof. Dr. C. G. _Ritter_.


                     *       *       *       *       *

        Preis fr Abonnenten geh. M. 4.40, in Leinw. geb. M. 5.60.

             Einzelpreis geh. M. 5.20, in Leinw. geb. M. 6.40.

                     *       *       *       *       *




                                   NEUE

                            DEUTSCHE CHIRURGIE

                           (HERAUSGEGEBEN VON)

                        P. von BRUNS in Tbingen.

                              BEARBEITET VON


ALBRECHT-Tbingen, ANTON-Halle, APOLANT-Frankfurt a. M., ARNDT-Berlin,
AXHAUSEN-Berlin, BAISCH-Heidelberg, BAUEREISEN-Kiel, BECKER-Rostock,
BERNHARD-St. Moritz, BIRCHER-Aarau, BORCHARD-Posen, BRAUN-Berlin,
BRODMANN-Tbingen, BRNINGS-Jena, v. BRUNN-Bochum, BRUNNER-Mnsterlingen,
BRUNS-Hannover, BURCKHARDT-Berlin, CASSIRER-Berlin, CHIARI-Wien,
CLAIRMONT-Wien, DNITZ-Berlin, DREYER-Breslau, v. EISELSBERG-Wien,
EXNER-Wien, FABIAN-Leipzig, FEHLING-Straburg, FINCKH-Stuttgart,
FRANGENHEIM-Cln, FRIEDRICH-Knigsberg i. Pr., FRITSCH-Breslau,
GLSSNER-Berlin, GOEBEL-Breslau, GOTTSTEIN-Breslau, GRASER-Erlangen,
GRASHEY-Mnchen, GROEDEL-Nauheim, GULEKE-Straburg, HAASLER-Halle,
v. HACKER-Graz, HCKER-Essen, HRTEL-Berlin, HAUPTMANN-Freiburg,
HEINEKE-Leipzig, HELBING-Berlin, HENSCHEN-Zrich, HEYMANN-Berlin,
HILDEBRAND-Berlin, HINSBERG-Breslau, HIRSCHEL-Heidelberg,
HOHMEIER-Marburg, HOLZMANN-Hamburg, HOSEMANN-Rostock, ISELIN-Basel,
KAUSCH-Berlin, KEHR-Berlin, KLOSE-Frankfurt a. M., KNOBLAUCH-Frankfurt
a. M., KOCHER-Bern, KONJETZNY-Kiel, KRAUSE-Berlin, KRAUSS-Cln,
KREUTER-Erlangen, KMMELL-Hamburg, KSTER-Berlin, KTTNER-Breslau,
LAMP-Mnchen, LANGE-Mnchen, LESER-Frankfurt a. M., LEVY-Breslau,
LEXER-Jena, v. LICHTENBERG-Straburg, LINSER-Tbingen, LOTHEISSEN-Wien,
LUBARSCH-Kiel, MACHOL-Erfurt, MADELUNG-Straburg, MAYER-Berlin,
MAYRHOFER-Innsbruck, MELCHIOR-Breslau, MOMBURG-Bielefeld, MOST-Breslau,
MLLER-Rostock, MLLER-Tbingen, O. NGELI-Tbingen, TH. NGELI-Zrich,
NONNE-Hamburg, NORDMANN-Berlin, PASSOW-Berlin, PAYR-Leipzig, De
QUERVAIN-Basel, RANZI-Wien, REICH-Tbingen, RITTER-Berlin, RITTER-Posen,
ROLLIER-Leysin, RUGE-Frankfurt a. O., v. SAAR-Innsbruck,
SAUERBRUCH-Zrich, SCHLSSMANN-Tbingen, SCHMIEDEN-Halle a. S.,
SCHLLER-Wien, SONNENBURG-Berlin, SPITZY-Graz, STEINMANN-Bern,
STICH-Gttingen, STIEDA-Halle a. S., STIERLIN-Basel, TANDLER-Wien,
THLE-Hannover, TSCHMARKE-Magdeburg, VOELCKER-Heidelberg,
WENDRINER-Wien, WERNER-Heidelberg, WILDBOLZ-Bern, WILMS-Heidelberg,
WREDE-Jena, WROBEL-Breslau, ZESAS-Basel, ZUCKERKANDL-Wien.

                     *       *       *       *       *




                                  15. Band:

                Geschichte der neueren deutschen Chirurgie.

                                    Von

                             Dr. ERNST KSTER,

         o. . Professor der Chirurgie an der Universitt Marburg,
                             in Charlottenburg.



                  VERLAG VON FERDINAND ENKE IN STUTTGART.
                                   1915.

                     *       *       *       *       *




                                GESCHICHTE

                           DER NEUEREN DEUTSCHEN

                                CHIRURGIE.


                                    VON


                             DR. ERNST KSTER,

         o. . PROFESSOR DER CHIRURGIE AN DER UNIVERSITT MARBURG,
                            in CHARLOTTENBURG.


                  VERLAG VON FERDINAND ENKE IN STUTTGART.
                                   1915.



        ALLE RECHTE, INSBESONDERE DAS DER BERSETZUNG, VORBEHALTEN.

          COPYRIGHT 1915 BY FERDINAND ENKE, PUBLISHER, STUTTGART.


         Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart.




                                    DER

                    DEUTSCHEN GESELLSCHAFT FR CHIRURGIE

                                 GEWIDMET.

                     *       *       *       *       *




                            Inhaltsverzeichnis.


                                                                      Seite
  Vorwort                                                                XV


                            _Erster Abschnitt._

       =Der Zustand der Chirurgie vor Einfhrung der antiseptischen
                             Wundbehandlung.=

  Kapitel I. Zustand der Gesamtmedizin vor der antiseptischen
  Wundbehandlung                                                          1
    Beschreibende Anatomie                                                1
    Topographische Anatomie. Entwicklungsgeschichte                       2
    Feinere Anatomie und Physiologie                                      2
    Pathologische Anatomie                                                2
    Gesundheitslehre                                                      3

  Kapitel II. Die Krankenanstalten vor der antiseptischen Wundbehandlung  3
    Alte Krankenhuser. Massivbau                                         3
    Das Pavillonsystem                                                    4
    Baracken                                                              5
    Leinwandzelte                                                         6
    Dckersche Zeltbaracke                                                7
    Das Krankenzerstreuungssystem                                         8

  Kapitel III. Die ltere Wundbehandlung und die Wundkrankheiten          8
    Die lteren Wundbehandlungsmethoden                                   8
      Salben und Pflaster                                                 9
      Offene Wundbehandlung                                               9
      Charpieverbnde                                                     9
    Die Wundkrankheiten                                                  10
      Wundfulnis, Sepsis                                                10
      Eiterfieber, Pymie                                                11
      Hospitalbrand                                                      12
      Wundstarrkrampf, Tetanus                                           13
      Wundrose, Erysipelas                                               14
    Zustnde auf lteren chirurgischen Abteilungen                       15


                           _Zweiter Abschnitt._

              =Joseph Listers antiseptische Wundbehandlung.=

  Kapitel IV. Die Vorlufer Listers                                      18
    Vorarbeiten. Klinische Beobachtung                                   18
    Der Geburtshelfer Semmelweis                                         18
    Gay-Lussac. Der Sauerstoff als Fulniserreger                        19
    Schwanns Begrndung der Keimlehre                                    19
    Pasteurs Versuche ber Zersetzung                                    20

  Kapitel V. Listers bertragung der Keimlehre auf die Chirurgie         20
      Behandlung offener Knochenbrche                                   23
      Behandlung der Abszesse                                            24
      Die Unterbindungsfden                                             24
      Antiseptischer Dauerverband                                        25
    Der Zerstuber (Spray)                                               26
      Widerstand gegen das Verfahren in England und Frankreich           28


                           _Dritter Abschnitt._

    =Der Einzug der Antisepsis in die deutsche Chirurgie. Die Asepsis.
                           Das Langenbeckhaus.=

  Kapitel VI. Einfhrung und Ausbau der antiseptischen Wundbehandlung in
  Deutschland                                                            30
    Vortrag des Stabsarztes A. W. Schultze ber Antisepsis               30
    Grndung der Deutschen Gesellschaft fr Chirurgie                    31
      Richard Volkmanns Ttigkeit                                        32
      Die Bakterienkunde als Hilfsmittel der Chirurgie                   33
      Robert Koch. tiologie der Wundinfektionskrankheiten               34
      Bedeutung der Bakterien fr die praktische Chirurgie               36
      Fehleisen, Rosenbach                                               37
      Nicolaier                                                          38
    Ausbau der antiseptischen Wundbehandlung                             38
    nderungen an dem Listerschen Verfahren                              39
    Schedes feuchter Blutschorf                                          42

  Kapitel VII. Einfhrung der Asepsis                                    43
    Veranlassung zur Einfhrung der Asepsis                              44
    Technik der Asepsis nach Schimmelbusch                               45
    Wundschutz und Hndeschutz                                           45

  Kapitel VIII. Die Grndung des Langenbeckhauses                        46
    Das Langenbeckhaus und die Kaiserin Augusta                          46
      Das Langenbeck-Virchow-Haus                                        51


                           _Vierter Abschnitt._

  =Wandlungen und Eroberungen auf dem Gebiete der allgemeinen Chirurgie.=

  Kapitel IX. Wandlungen der allgemeinen Therapie                        52
    Die Methoden zur Herbeifhrung der Schmerzlosigkeit                  52
      Allgemeine Gefhllosigkeit                                         53
      Die rtliche Empfindungslosigkeit                                  56
    Die knstliche Blutleere                                             58
      Andere Methoden der Blutersparung                                  58
    Hypermie als Heilmittel                                             59
    Die Durchleuchtung nach Rntgen                                      59
    Radium und Mesothorium                                               60
    Vernderungen der operativen Technik                                 60
    Vernderung der Vorstellungen ber Wundheilung                       61

  Kapitel X. Wandlungen der Kriegschirurgie                              62
    Schuwunden und Kriegschirurgie                                      62
      Verbesserung und Frderung der Krankenpflege                       65
      Krankenzerstreuung auf dem Schlachtfelde                           66
      Die Aktinographie im Kriege                                        68

  Kapitel XI. Wandlungen auf dem Gebiete spezifischer
  Infektionskrankheiten und bsartiger Neubildungen                      69
    Wunden in tuberkulsen Geweben                                       69
      Robert Kochs Tuberkulin                                            71
    Die Serumtherapie                                                    76
      v. Behrings Diphtherieheilserum                                    77
      Heilserum gegen Wundstarrkrampf                                    77
  Lepra, Aktinomykose                                                    78
  Syphilis, Gonorrhe, weicher Schanker                                  78
  Hlsenwurm                                                             79
  Bsartige Neubildungen                                                 79


                           _Fnfter Abschnitt._

          =Eroberungen auf dem Gebiete der speziellen Chirurgie.=

  Kapitel XII. Ausbau der Eingriffe an schon bisher zugnglichen Organen 81
    Die plastischen Operationen                                          81
    Eingriffe an groen Gefen                                          83
    Augenheilkunde und Ohrenheilkunde                                    84
    Nasen-, Rachen- und Kehlkopfkrankheiten                              85
    Die Gynkologie                                                      86
    Die Chirurgie der Harnorgane                                         86
    Erkrankungen der Knochen und Gelenke                                 88
    Gelenkresektionen. Orthopdie                                        89

  Kapitel XIII. Neue Eingriffe an bisher unzugnglichen Organen          89
    Die sersen Krperhhlen                                             89
      Bauchchirurgie                                                     90
        Milz, Leber, Gallenblase                                     90, 91
        Bauchspeicheldrse                                               91
        Magendarmkanal                                                   92
          Entzndung des Wurmfortsatzes                                  94
          Bauchbrche                                                    95
      Chirurgie der Brusthhle                                           96
      Chirurgie des Schdelinneren                                       98
      Chirurgie des Rckenmarkes                                         98
    Erkrankungen der Schild- und Thymusdrse, der Hypophysis
    cerebri                                                         99, 100


                           _Sechster Abschnitt._

         =Entwicklung der chirurgischen Literatur in Deutschland.=

  Kapitel XIV.                                                          101

  _Schluwort_                                                          106

  _Namenverzeichnis_                                                    107




                                 Vorwort.


Als mir im Jahre 1911 seitens meines Freundes _Paul v. Bruns_ die
Aufforderung zuging, eine _Geschichte der neueren deutschen Chirurgie_
zu schreiben, da hat es erst lngerer berlegung bedurft, ehe ich mich
zur Annahme des Anerbietens zu entschlieen vermochte. Vor allen Dingen
war es mein Alter, welches immer wieder neue Zweifel darber wachrief,
ob zu einem solchen Unternehmen noch die rechte Eignung in mir sei. Und
zu diesen persnlichen gesellten sich weiterhin schwerwiegende sachliche
Bedenken, die ich kurz berhren mu.

Geschichtschreibung ist nichts als die Wiedergabe des Bildes, unter
welchem die Ereignisse frherer Zeiten sich in des Berichterstatters
Seele spiegeln. Mit anderen Worten: Keine geschichtliche Darstellung
kann rein objektiv bleiben, sondern sie mu immer, mehr oder weniger
ausgeprgt, einen persnlichen Stempel tragen, und zwar um so
deutlicher, je mehr sie sich der Gegenwart nhert. Handelt es sich aber
gar um selbsterlebte Dinge, so wird es schier unmglich, ber der
Parteien Ha und Gunst gnzlich hinwegzusehen, Licht und Schatten in
gerechter Weise zu verteilen.

Wenn ich dennoch zu dem Entschlusse gekommen bin, die Arbeit zu
bernehmen, so geschah es zunchst, weil ich als einer aus der sehr
geringen Zahl der noch lebenden Begrnder der Deutschen Gesellschaft fr
Chirurgie, unter denen ich nahezu der lteste bin, eine gewisse
Verpflichtung fhlte, die noch sehr lebhaften Erinnerungen einer groen
Zeit nicht mit mir zu Grabe tragen zu lassen. Aber es reizte mich auch,
eine Geschichte zu schreiben, die ich selber als Geschichte erlebt habe,
einem Zeitabschnitte und einer Anzahl von Mnnern gerecht zu werden, die
ich noch heute von dem goldigen Schimmer der Gre und des Ruhmes
umstrahlt sehe, ein Bild von dem gewaltigen Strome hingebender
Begeisterung zu entwerfen, der vor wenigen Jahrzehnten unser ganzes
wissenschaftliches Leben zu durchfluten begann. Wenn es mir gelungen
sein sollte, in der Seele des Lesers davon eine Vorstellung zu erwecken,
so wrde ich meine Aufgabe als erfllt ansehen.

Das Bchlein, welches sich _Hsers_ im Jahre 1879 als erste Lieferung
der Deutschen Chirurgie erschienener, knapp gehaltener Geschichte der
Chirurgie unmittelbar anschliet, umfat nur eine kurze Zeitspanne von
kaum 50 Jahren. Angesichts des mehr als 2000 Jahre alten Bestehens
unserer Wissenschaft mag es gewagt und selbst anmaend erscheinen, eine
zeitlich so begrenzte Entwicklungsperiode auch noch rumlich dadurch
einzuengen, da die _deutsche_ Chirurgie in den Vordergrund gestellt und
die fremdlndische nur soweit berhrt wird, als sie auf den Gang des
Emporblhens in unserem Vaterlande von magebendem Einflusse gewesen
ist; denn die geistigen Gter gehren allen Vlkern gemeinsam und keines
gibt es, welches in irgend einer Wissenschaft den ganzen Ruhm des
Erfinders und Fortbildners fr sich allein in Anspruch nehmen knnte.
Trotzdem lt sich diese doppelte Beschrnkung wohl rechtfertigen.
Zeitlich gewi: denn die fragliche Periode ist nicht nur durch einen
gewaltigen Wall des Erkennens von frheren Zeitluften getrennt, sondern
sie bringt auch eine so vollkommene Um- und Neuformung sowohl der
Chirurgie wie der Gesamtmedizin, da sich in deren ganzer Geschichte
nichts auch nur entfernt hnliches vorfindet. Und rumlich gleichfalls,
obwohl der Ansto zu dieser geistigen Bewegung von einer Groartigkeit
ohnegleichen nicht aus Deutschland, sondern aus dem Auslande kam; denn
durch die schnelle Aufnahme, Weiterentwicklung und Vervollkommnung der
Neuerung hat Deutschland sich vor allen anderen Lndern das Recht
wenigstens der Patenschaft an der Wundbehandlung erworben, zumal da
diese vielfach erst in deutschem Gewande und in deutscher Umformung den
brigen Kulturvlkern vertraut geworden ist. Alle brigen Erfindungen,
durch welche spterhin die Chirurgie bereichert wurde, sind fast
ausnahmslos deutschen Ursprunges. So kann es denn unmglich als
berhebung gedeutet werden, wenn der Deutsche die Geschichte seiner
Wissenschaft in deutscher Umrahmung zur Anschauung zu bringen sucht.

Es mag auffallen, da die in den Vordergrund tretenden Persnlichkeiten
nicht berall in gleicher Ausfhrlichkeit behandelt sind, manche
Verdienste sogar unbesprochen geblieben sein mgen. Insbesondere sind
die noch lebenden Chirurgen meist nur kurz erwhnt, bei der Besprechung
erheblicher Fortschritte ist oft nur _ein_ Name genannt, des Mannes
nmlich, der einen neuen Gedanken zuerst fate, oder ihn zuerst in die
Tat umsetzte, whrend sptere Umformungen und Erweiterungen ohne Nennung
ihrer Urheber einfach aufgezhlt werden. Man darf mir daraus nicht den
Vorwurf machen, ein laudator temporis acti zu sein. Der geschichtliche
Sinn verbietet eingehende Betrachtung noch lebender Persnlichkeiten,
die als solche nicht historisch sein knnen, da sie den natrlichen
Abschlu noch nicht gefunden haben, wenn auch ihre Taten schon der
Geschichte angehren. Besprochen sind deshalb auch fr gewhnlich nicht
die vorbergehenden Erscheinungen, selbst wenn sie fr einige Zeit
Aufsehen erregt haben, sondern nur die bleibenden Errungenschaften. Da
aber die Beurteilung dessen, was erheblich ist, mindestens teilweise dem
subjektiven Ermessen des Berichterstatters berlassen bleiben mu, liegt
auf der Hand. Wenn daher fehlerhafte Auslassungen auf der einen und
bertreibungen auf der anderen Seite gefunden werden, so hat es
wenigstens nicht an meinem guten Willen gelegen, sie zu vermeiden.

  _Charlottenburg_, den 17. Mai 1914.

                                                  =Ernst Kster.=




                            _Erster Abschnitt._

Der Zustand der Chirurgie vor Einfhrung der antiseptischen Wundbehandlung.


Das gegenwrtig lebende und wirkende Geschlecht der Chirurgen hat kaum
noch eine Vorstellung von den Zustnden, welchen durch den bald nach der
Mitte des 19. Jahrhunderts einsetzenden gewaltigen Umschwung ein Ende
gemacht wurde. Seine Bedeutung, welche darin besteht, da er in dem
kurzen Zeitraume eines Menschenalters alle Fehler und Irrungen von zwei
Jahrtausenden in der Behandlung der Wunden gutzumachen gewut hat, kann
aber erst vllig erfat werden, wenn wir zunchst nicht nur auf den
Zustand der Chirurgie, sondern auch auf den der gesamten Medizin jener
Zeit einen prfenden Rckblick werfen.




                                Kapitel I.

     Zustand der Gesamtmedizin vor der antiseptischen Wundbehandlung.


Die _beschreibende Anatomie_ war seit _Andreas Vesalius_ die
selbstverstndliche Grundlage der Chirurgie geblieben, so sehr, da ein
guter Chirurg ohne genaue anatomische Kenntnisse undenkbar gewesen wre.
Eine natrliche Folge war, da nicht wenige der lteren Chirurgen rein
anatomische Untersuchungen verffentlichten, oder da sie gar, wie
_Konrad Martin Langenbeck_, _Viktor Bruns_ und _Adolf Bardeleben_, erst
von der Anatomie zur Chirurgie bergingen. Aber an Lehrbchern der
Anatomie war die deutsche Literatur in der ersten Hlfte des 19.
Jahrhunderts ziemlich arm; und auch die Lehreinrichtungen fr dies Fach,
sowie die Art des Unterrichtes lieen in Deutschland sehr viel, zuweilen
fast alles zu wnschen brig. Es waren zwei Mnner, welche nahezu
gleichzeitig Wandel schufen. _Joseph Hyrtl_ in Prag, spter in Wien,
wurde mit seinem anziehend geschriebenen, aber in gedrngter Krze
gehaltenen Lehrbuche, welches von 1846 bis 1884 in 17 Auflagen
erschienen ist, den meisten deutschen Studenten der Medizin ein
zuverlssiger Fhrer durch die Geheimnisse des menschlichen Krpers.
Neben ihm trat _Jakob Henle_ in Zrich, spter in Gttingen, im Jahre
1841 mit seiner Allgemeinen Anatomie und von 1855 an mit einem beraus
fleiigen dreibndigen Werke auf, welches durch zahlreiche Abbildungen
erlutert, fr den Chirurgen eine unerschpfliche Fundgrube anatomischer
Anschaulichkeit geworden ist.

Indessen trotz ihrer hohen Bedeutung fr die Chirurgie hat die
beschreibende Anatomie nur selten neue Anregungen gegeben, zumal seit
sie nach der Mitte des Jahrhunderts in der Anthropologie ein neues Feld
der Bettigung suchte; denn so sehr letztere und mit ihr die
Urgeschichte auch durch sie gefrdert wurden, so fiel doch fr die
Chirurgie ein sichtbarer Nutzen zunchst nicht ab. In erheblichem Mae
geschah dies aber durch die _topographische Anatomie_, deren geschickte
und durchweg praktischen Zielen zugewandte Bearbeitung durch _Joseph
Hyrtl_ (seit 1847) diesen Zweig der menschlichen Anatomie in Deutschland
erst einfhrte, soweit nicht Chirurgen bereits stckweise Bearbeitungen
geliefert hatten. Er hat sich fr die Chirurgie als beraus fruchtbar
erwiesen. -- Auch die _Entwicklungsgeschichte_ wurde seit _Robert
Remaks_ Keimbltterlehre durch den Nachweis ihrer Beziehungen zu dem
Aufbau einzelner Organe von immer steigender Bedeutung fr die
praktische Chirurgie.

Nicht das gleiche lt sich von der _feineren Anatomie_ und der
_Physiologie_ sagen. Denn obwohl die gegen Ende der dreiiger Jahre
durch _Schleiden_ und _Schwann_ aufgestellte Zellenlehre und die
Vervollkommnung der optischen Werkzeuge, zumal des Mikroskopes, eine
vllige Umgestaltung der biologischen Anschauungen hervorgerufen hatten,
obwohl seitdem alle Krperorgane aufs fleiigste durchforscht wurden, so
kamen doch diese Ergebnisse der Chirurgie erst auf dem Umwege ber die
Physiologie und mehr noch der pathologischen Anatomie zugute. Die
Physiologie nmlich, deren Kenntnis zwar von jedem gebildeten Chirurgen
vorausgesetzt werden mute und deren Methoden man in den sechziger
Jahren auch fr chirurgische Versuche an Tieren bereits zu
verwenden begonnen hatte, konnte doch erst darin den vollen,
befruchtenden Strom ihres Wissens der Chirurgie zufhren, als sichere
Wundbehandlungsmethoden zu Entdeckungsreisen in solche Krpergegenden
den Anreiz gaben, die bisher der Hand des Chirurgen verschlossen
geblieben waren. Seitdem ging eine Wechselwirkung des Erkennens nicht
nur von der Physiologie zur Chirurgie, sondern auch von dieser zu jener.

Viel frher als die Physiologie bte die _pathologische Anatomie_ einen
anregenden und belebenden Einflu auf die Chirurgie aus. Mit Recht sagt
_Hser_ (1879), da die Chirurgie unserer Tage, d. h. im Beginne der
zweiten Hlfte des 19. Jahrhunderts, gleich allen brigen Zweigen der
Heilkunde den grten Teil ihres wissenschaftlichen Zuwachses der
pathologischen Anatomie verdanke. Zweier Mnner Namen werden mit diesem
Aufschwunge fr immer verknpft bleiben. Es sind das _Karl Rokitansky_
in Wien, wo er seit 1841 bis zu seinem Tode den Lehrstuhl der
pathologischen Anatomie innehatte, und _Rudolf Virchow_, der, seit 1849
in Wrzburg, seit 1856 als ordentlicher Professor der pathologischen
Anatomie nach Berlin zurckberufen, nunmehr endgltig die Fhrung in
dieser Wissenschaft bernahm. War durch die Arbeiten beider, zumal des
letzteren, die pathologische Anatomie zu dem Range einer echten
Naturwissenschaft erhoben worden, so geschah dies in noch reicherem Mae
durch den Ausbau der mikroskopischen Pathologie die, durch _Virchow_
allerlei phantastischen Deutungen entrckt, in seiner im Jahre 1858
erschienenen und bis zum Jahre 1871 in vier Auflagen weiter ausgebauten
Zellularpathologie, welche zum ersten Male den Lehrsatz: Omnis cellula
e cellula aufstellte, eine feste und unverrckbare Grundlage erhalten
hatte. Als eine weitere Frucht seiner Forschungen verffentlichte der
Verfasser vom Jahre 1863 an seine leider unvollendet gebliebenen
Krankhaften Geschwlste. Eine Welle der Befruchtung ergo sich von
diesen Arbeiten aus auf die gesamte praktische Medizin, die, bisher im
wesentlichen auf Erfahrungen am Krankenbette gesttzt, nunmehr
gleichfalls ihren Teil zu den die Medizin umgestaltenden
naturwissenschaftlichen Bestrebungen beitrug. Auch fr die Chirurgie
gilt dies in vollem Umfange, seitdem der erst 29jhrige _Theodor
Billroth_ als Assistent der _Langenbeck_schen Klinik und Privatdozent zu
Berlin im Jahre 1858 zuerst den Versuch unternahm, in seinen Beitrgen
zur pathologischen Histologie die Forschungsergebnisse auf diesem
Gebiete fr die chirurgische Ttigkeit zu verwerten. In noch weiterem
Umfange wirkte sein grundlegendes Werk: Die allgemeine chirurgische
Pathologie und Therapie in 50 Vorlesungen vom Jahre 1863, welches
zahlreiche Auflagen erlebte und, in die meisten europischen, selbst in
asiatische Sprachen bersetzt, nicht wenig zu dem schnell sich
steigernden Ansehen der deutschen Chirurgie im Auslande beitrug. In
diesem Werke benutzte _Billroth_ die durch _Virchows_ Arbeiten
gewonnenen Anschauungen in geistvoller Weise zu einer neuen Anordnung
und Einteilung, sowie zu einer Zusammenfassung smtlicher Erfahrungen
der praktischen Chirurgie. Die hiermit angebahnten Fortschritte sind nur
auf dem Unterbau der pathologischen Anatomie mglich geworden.

Die im Beginne der zweiten Hlfte des 19. Jahrhunderts zwar nicht
zuerst, aber nunmehr systematisch auftauchenden Bestrebungen auf dem
Gebiete der _Gesundheitslehre_ blieben zwar zunchst fr die Chirurgie
anscheinend ohne groe Bedeutung, da sie sich, noch ohne die erst einige
Jahrzehnte spter erworbene Kenntnis der Krankheitserreger, d. h. ohne
die Grundlage einer wissenschaftlichen _Bakteriologie_ auf die
Bekmpfung der Seuchen durch Verbesserung der Lebensbedingungen
beschrnkte. Immerhin wurden aber wertvolle Erfahrungen ber Ernhrung,
Bauweise der Huser und Wohnungen, ffentliche und private
Badeeinrichtungen, Kanalisation und Abfuhr, Benutzung der Abfuhrwsser
zur Berieselung der und unfruchtbarer Landstrecken gesammelt, die
freilich erst unter den seit 1878 auftretenden Fortschritten der
Bakteriologie ihre volle Bedeutung erkennen lieen. Aber schon frh
begannen diese Bestrebungen doch auch auf die Chirurgie nach zwei
Richtungen hin einzuwirken, da sie einerseits die so wichtigen
Wundinfektionskrankheiten mit in den Kreis ihrer Betrachtungen zogen,
anderseits die fr die Behandlungserfolge hchst bedeutungsvolle Anlage
von Krankenhusern einer neuen Richtung entgegenfhrten.




                                Kapitel II.

        Die Krankenanstalten vor der antiseptischen Wundbehandlung.


Die _alten Krankenhuser_ stellten unter dem Zwange der meist nur
geringen, von Staat, Gemeinde oder Krperschaft zur Verfgung gestellten
Summen je ein einziges steinernes Gebude dar, welches alle oder fast
alle Rume fr die Unterkunft und Behandlung kranker Menschen
einheitlich oder nahezu einheitlich umschlo. So bequem dies fr die in
dem gleichen Gebude untergebrachte Verwaltung war, so groe Nachteile
ergaben sich daraus fr die Krankenbehandlung, indem gengende Zufuhr
frischer Luft, sichere und unschdliche Beseitigung der Abfallstoffe und
aller Unreinigkeiten, zuverlssige Absonderung ansteckender Krankheiten
und manche andere Dinge ganz erheblich in den Hintergrund traten, auch
bei der mangelnden Kenntnis von Entstehung und bertragung solcher
Leiden in den Hintergrund treten muten. Vor allem machten sich diese
ungnstigen Verhltnisse bei Verwundeten, insbesondere bei
Kriegsverwundeten geltend. So konnte der englische Feldarzt _Sir John
Pringle_ schon im Jahre 1753 den Ausspruch tun, da eine wesentliche
Ursache der Krankheiten und Todesflle bei einer Armee deren Hospitler
seien; und noch schrfer drckte sich das Dekret des Nationalkonvents
aus dem Jahre 1794 fr die Hospitler der franzsischen Armee in dem
Satze aus: Die Spitler sind ebenso gesundheitswidrig wie die Morste.
Aber auch die ffentlichen Krankenanstalten des Friedens wiesen meistens
derartige Zustnde auf, da die Menschheit sie als Pesthhlen ansah und
von einer fast wahnsinnigen Furcht vor ihnen erfllt war. Es begreift
sich das, wenn man von der Sterblichkeit hchst angesehener Anstalten
hrt. Die _Langenbeck_sche Universittsklinik zu Berlin hatte nach F.
_Busch_ im Jahre 1869 eine Sterblichkeit von 17 1/3 % und nach Abzug der
zahlreichen Flle von Diphtherie immerhin noch eine solche von 10 %. J.
_Israel_ berichtet aus dem jdischen Krankenhause von 1873 bis 1875, da
62,5 % der operierten und 37,5 % der nichtoperierten Kranken von Pymie
befallen wurden. Im Berliner Diakonissenhause Bethanien starben nach
eigenen Aufzeichnungen des Verfassers der Jahre 1868 und 1869 von 6
Amputationen des Oberarmes 5, von 5 Absetzungen des Vorderarmes 4, von
15 des Oberschenkels 11, meistens an Pymie. -- Noch schlimmer lauten
ltere Erfahrungen aus dem Auslande. In einem 5jhrigen Berichte aus den
Pariser Hospitlern zhlt _Malgaigne_ 300 Todesflle auf 560 Operationen
und _Pirogoff_ in seinem Jahresberichte von 1852/53 159 Todesflle auf
400 groe Operationen!

Diese unerhrten Zustnde wandten sich erst zum Besseren, als die
Vertreter der Gesundheitslehre mit immer wachsendem Nachdrucke den Bau
neuer und den Fortschritten ihrer Wissenschaft angepater Krankenhuser
forderten, die natrlich viel grere Mittel in Anspruch nahmen, als man
bisher fr ntig gehalten hatte. Auch auf diesem Gebiete haben wir
_Rudolf Virchow_ viel zu danken, der in Wort und Schrift bei jeder
Gelegenheit fr die Forderung eintrat und bei dem groen Einflu, den er
als Abgeordneter und Mitglied des stdtischen Verwaltungskrpers besa,
zunchst die Stadt Berlin und demnchst den preuischen Staat zur
Herstellung zweckmiger Krankenhuser zu bewegen wute. So entstand das
_Pavillonsystem_. In dem Bestreben, die Zusammenhufung kranker Menschen
nach Mglichkeit zu vermeiden und beste hygienische Bedingungen zu
schaffen, erbaute man zahlreiche kleinere, hchstens zweistckige
Huser, die, von Grten umgeben und ber eine groe Bodenflche
verteilt, unter einer gemeinsamen Verwaltung standen. Es war nunmehr
mglich geworden, ansteckende Krankheiten sicher abzusondern und die
leichter erkrankten Menschen vor Ansteckung zu schtzen; ebenso die
Genesenden durch langen Aufenthalt in frischer Luft einer schnelleren
Erholung zuzufhren. Aber freilich brachte das Pavillonsystem neben
seinen unleugbaren Vorzgen gegenber dem alten Massivbau auch
mancherlei Nachteile, ganz abgesehen davon, da der Bau zahlreicher
Einzelhuser und deren zweckmige Einrichtung an sich erheblich grere
Kosten verursachte. Der steigende Bodenwert groer und selbst mittlerer
und kleiner Stdte zwang Gemeinden und Verbnde zu immer greren und
zuletzt fast unerschwinglichen Ausgaben, deren natrliche Folge es war,
da wenigstens die Neuanlagen in mehr oder weniger groer Entfernung vom
Mittelpunkte der Stadt ihren Platz fanden. Macht eine solche Anordnung
in Stdten mit mehreren Krankenhusern nicht viel aus, so treten bei
wenigen oder gar sonst fehlenden Anstalten gleicher Art sofort groe
belstnde hervor, da dann gleichzeitig fr ausgiebige und leichte
Verbindungen gesorgt werden mu; und selbst, wenn diese vorhanden sind,
so bleibt die Notwendigkeit einer weiten und vielleicht umstndlichen
Krankenbefrderung nicht ganz ohne Bedenken. In den groen
amerikanischen Stdten, zumal in New York, ist man deshalb auf ein
anderes Mittel verfallen, um den Massivbau hygienisch angemessener zu
gestalten, als dies frher der Fall war: man baut die Krankenhuser bis
zu zwlf und mehr Stockwerken in die Hhe, legt die durch zahlreiche
Aufzge zu befrdernden Kranken, nebst den Operationsrumen, in die
obersten Stockwerke, um dem Straenstaube zu entgehen, und benutzt die
unteren Stockwerke als Verwaltungsrume. Das einzige schwere Bedenken
gegen solche Anordnungen liegt in der nicht zu unterschtzenden
Feuersgefahr. Auch in Deutschland ist man seit allgemeiner Einfhrung
zuverlssiger Wundbehandlungsmethoden vielfach von der ganz strengen
Durchfhrung des Pavillonsystems zurckgekommen und zu einem mehr
gemischten Systeme bergegangen. Es geschieht dies in der Weise, da ein
groer Massivbau die Verwaltungsrume, die Poliklinik, die besonderen
Untersuchungszimmer, zuweilen auch noch besser ausgestattete
Einzelzimmer aufnimmt, whrend die meisten Kranken in steinernen
Pavillons oder Baracken ihre Aufnahme finden.

Die _Baracken_ knnen aber auch fr sich allein oder fast allein die
Grundlage einer Krankenanstalt bilden und stellen dann die dritte Gruppe
der Krankenhausbauten dar. Als Hilfsmittel fr die Versorgung
Kriegsverwundeter und Kranker sind sie hier und da, auch in Deutschland,
schon gegen Ende des 18. Jahrhunderts aufgekommen; so schildert der
braunschweig-lneburgische Feldarzt _Michaelis_ in einer Schrift vom
Jahre 1801 bereits ihre Herstellung und Einrichtung. Aber erst der
amerikanische Brgerkrieg von 1861 bis 1865 brachte sie zu allgemeiner
Verwendung und zwar infolge einer Notlage, da die Unterbringung der
zahllosen Verwundeten aus den beraus mrderischen Schlachten in
steinernen Gebuden eine Unmglichkeit war. Denn die Landstriche, in
denen der Krieg vorwiegend tobte, waren dnn bevlkert und enthielten
sowohl auf dem Lande, wie selbst in kleinen und greren Stdten fast
nur Holzbauten, deren sehr billiges Baumaterial berall mit
Leichtigkeit zu beschaffen war. So entschlo sich denn die
Militr-Medizinalverwaltung der nrdlichen Bundesstaaten zur Herstellung
hlzerner Baracken; und mit der dem Amerikanertum eigenen praktischen
Energie wurden auf den Schlachtfeldern und in der Nhe der kmpfenden
Heere wahre Lazarettstdte aus Holz erbaut, die schnell
zusammengezimmert und deren Einzelbaracken mglichst einfach
ausgestattet waren. Sie haben sich als eine so segensreiche Einrichtung
bewhrt, da sie in den folgenden europischen Kriegen, wenigstens von
deutscher Seite, sofort Nachahmung fanden, wenn auch entfernt nicht in
gleichem Umfange wie jenseits des Ozeans. Aus dieser ursprnglich nur
fr den Krieg gedachten Bauform ist eine Bereicherung des Lazarettwesens
und der Krankenpflege auch fr den Frieden hervorgegangen. Nur einmal
freilich ist der Versuch gemacht worden, die Holzbaracke als
Dauerbaracke zur Herstellung eines ganzen Krankenhauses zu benutzen und
zwar in dem im Jahre 1869 von _Esse_ errichteten Berliner
Augusta-Hospital. Der Versuch hat sich als verfehlt erwiesen, da die
Baracken, wenn sie auch mehr als 40 Jahre benutzt wurden, doch so viele
Nachteile aufwiesen, insbesondere in der Notwendigkeit fortgesetzter
Ausbesserungen und Umnderungen, welche die Verwaltung erheblich
verteuerten, da sie spterhin smtlich durch Steingebude ersetzt
worden sind. Aber hiervon abgesehen hat die Holzbaracke sich auch im
Frieden als ein sehr wertvolles Hilfsmittel in allen den Fllen
erwiesen, in welchen Massenerkrankungen durch Ansteckung, Vergiftungen
und Unglcksflle die Gemeinden und Behrden zur schleunigen Errichtung
von Nothospitlern zwangen. Auch Dauerhospitler machen gelegentlich von
dieser Aushilfe Gebrauch, zuweilen selbst fr lange Jahre, bis Mittel
zusammengebracht sind, um den Holzbau durch steinerne Gebude zu
ersetzen.

Ein wenn auch nicht gleichwertiges, so doch durch die schnelle
Beschaffungsmglichkeit vielfach unentbehrliches Hilfsmittel stellen die
_Leinwandzelte_ dar. Ihr Gebrauch ist erheblich lter als der der
Baracken, da sie mindestens bereits in den Kriegen des 18. Jahrhunderts
vielfach benutzt worden sind. Auch unter den entsetzlichen hygienischen
Zustnden, welche sich nach der mrderischen Schlacht bei Leipzig am 16.
bis 19. Oktober 1813 entwickelten und ber die wir vom 26. Oktober einen
wahrhaft schaudererregenden Bericht des Professors J. C. _Reil_, des
edlen Ostfriesen, wie ihn _Heinrich v. Treitschke_ nennt, besitzen
haben die Leinwandzelte weiterhin die besten Dienste getan. Im
Krimkriege von 1854/55 spielten Zelte und bewegliche Baracken
gleichfalls eine erhebliche Rolle; die dabei gewonnenen Erfahrungen
wurden insbesondere durch die Bemhungen der um die Kriegslazarettpflege
hochverdienten Englnderin _Florence Nightingale_ festgehalten und zu
einem Gemeingute der Krankenpflege aller Vlker umgestaltet.

Seitdem sind die Leinwandzelte zur Krankenbehandlung unentbehrlich
geworden, zumal im Kriege. Preuen hat in seinen groen Kriegen von 1863
bis 1871 dauernd von ihnen Gebrauch gemacht und gegenwrtig sind alle
deutschen Heereskrper so reichlich mit ihnen ausgestattet, da
Schwierigkeiten fr die erste Unterbringung Verwundeter und Kranker
nicht leicht mehr entstehen knnen, zumal da das auf eine hohe Stufe der
Vollendung gebrachte Krankentransportwesen unausgesetzt fr eine
schnelle Entlastung der Umgebung des Schlachtfeldes und der stehenden
Feldlazarette sorgt. Aber auch in Friedenszeiten hat die schnelle
Aufstellbarkeit solcher Unterkunftsrume eine erhebliche Bedeutung
gewonnen.

Ihr Hauptmangel liegt in dem Umstande, da sie, als nicht oder doch nur
unvollkommen mit Heizvorrichtungen versehbar, ausschlielich im Sommer
und bei guter Witterung benutzt werden knnen. In ungnstigen
Jahreszeiten tritt indessen eine andere Erfindung der Neuzeit an ihre
Stelle, nmlich die v. _Dcker_sche _Zeltbaracke_, die einen bergang
von der Baracke zum Leinwandzelte bildet, in vollem Umfange zwischen
beiden steht. Der dnische Rittmeister v. _Dcker_ fhrte seine neue
Vorrichtung zur Krankenlagerung zuerst auf der Berliner Ausstellung von
1883 vor und schenkte das Modell spterhin dem Augusta-Hospital, in
welchem es seit 1884 ausgiebige Verwendung fand. Ebenso hat die
preuische Militr-Medizinalverwaltung sofort eine Prfung ihrer
Brauchbarkeit vorgenommen. In ihrer ersten Form war die Baracke freilich
auch nur fr die Sommermonate brauchbar. Sie besteht nmlich aus einer
Anzahl genau zusammenpassender Holzrahmen, deren Lichtung nur von auen
von einem sehr groben, segeltuchartigen Stoffe geschlossen wird, der an
dem Holzrahmen durch Ngel befestigt ist. An der ueren Seite ist der
Stoff von einer dicken Schicht lfirnis berzogen. Die Rahmen sind
mittels Haken und sen leicht zusammenfgbar, so da ein solcher Bau in
wenigen Stunden aufgestellt, in noch krzerer Zeit wieder abgebrochen
werden kann. Die leichte Brennbarkeit der benutzten Stoffe machte
selbstverstndlich irgendwelche Heizvorrichtungen unmglich; allein
durch eine wenig kostspielige Umnderung lernte man, wie es scheint
zuerst im Berliner Augusta-Hospital, diesem belstande zu begegnen und
die Zeltbaracke auch fr den Winter bewohnbar zu machen. Die Wandflchen
wurden nmlich durch Aufnagelung eines zweiten Stoffstckes an der
Innenseite des Rahmens verdoppelt, der Stoff durch Aufstreichen von
Wasserglas an beiden Seiten unverbrennbar gemacht, ein kleiner
verschliebarer Dachreiter fr die Ventilation aufgesetzt und endlich
eiserne fen in dem nun nahezu feuersicheren Raume angebracht. In dieser
Form ist die _Dcker_sche Baracke fr Friedens- und Kriegszeiten in
allgemeinen Gebrauch gekommen.

Die besprochene Vielgestaltigkeit der Krankenunterkunftsrume, unter
denen bis zum heutigen Tage das Pavillonsystem als das beste, zugleich
aber auch kostspieligste anerkannt werden mu, hatten auf die
Gesundheitsverhltnisse groer Krankenhuser einen sehr merkbaren
Einflu in gnstiger Richtung ausgebt: die Sterblichkeitsziffer sank
erheblich, solange die Krankenrume frisch und neu waren. Allein es war
unmglich sich der Erkenntnis zu entziehen, da in den gleichen
Krankenhusern die Verhltnisse sich von Jahr zu Jahr wieder
verschlechterten, so da nur ausgedehnte Erneuerungen und jhrliche
Neuanstriche, welche die Unterhaltungskosten wesentlich in die Hhe
trieben, imstande waren, zumal auf chirurgischen Abteilungen, die
Wundkrankheiten auf ertrglicher Hhe zu erhalten. Das Gespenst des
unbekannten Etwas, welches die Erfolge der Chirurgen seit Jahrhunderten
beeintrchtigt hatte, begann wieder drohend sein Haupt zu erheben. Da
aber in kleinen Krankenanstalten der Krankheitsverlauf sich viel lnger
gnstig gestaltete als in groen, da insbesondere sich zeigte, da
Kranke und Verletzte, die in ihrer eigenen Wohnung behandelt wurden,
viel seltener von schweren Wundstrungen heimgesucht wurden als die
Insassen groer Hospitler, so blieben die Chirurgen bei dem uralten
System der Operationen in Privathusern, so viele Unbequemlichkeiten
damit auch verknpft waren; und als das sich immer enger ziehende
Eisenbahnnetz es auch dem weniger Bemittelten mglich machte, angesehene
Chirurgen in fernen Stdten aufzusuchen, ging man zu dem
_Krankenzerstreuungssystem_ ber, welches zwar schon seit Jahrhunderten
hier und da benutzt, doch erst in sehr eigenartiger Weise von _Nicolai
Pirogoff_ angewandt und bekannt gemacht worden war.

Unter dem Eindruck sehr schlechter Erfahrungen, welche dieser
bedeutendste und mit der Entwicklung der westlichen Medizin genau
vertraute russische Chirurg in der chirurgischen Klinik zu Dorpat und in
St. Petersburger Krankenhusern gemacht hatte, begann er auf seinem
groen Gute in Podolien um 1860 ein System einzurichten, das ihm schon
aus seinen Kriegserfahrungen im Kaukasus gelufig geworden war. Die
zahlreichen Kranken, welche hilfesuchend von allen Seiten ihm
zustrmten, verteilte er nach vorgenommener Operation in die elenden
Htten seiner leibeigenen Bauern, die gegen Bezahlung seitens der
Kranken diese einzeln in den gemeinsamen Wohnraum der Familie aufnahmen
und verpflegten. Dort lagen sie in einem Winkel auf Stroh, oft
wochenlang in der gleichen, mit Blut und Eiter beschmutzten Wsche, die
Wunde tagelang ohne Verband, oder nur mit eitergetrnkten,
belriechenden Lappen bedeckt. Der Verbandwechsel wurde entweder von den
Kranken selber oder von einem rohen, unwissenden Feldscher vorgenommen;
_Pirogoff_ selber konnte seine Operierten hchstens zweimal in der Woche
besuchen. Trotzdem sah er im Laufe von 1 Jahren niemals Wundrose oder
purulente Diathese und verlor unter einigen Hunderten von Leuten, an
denen groe Operationen vorgenommen waren, nur _einen_ Fall nach einer
_Lithothrypsie_. Diese erstaunlichen und von den Erfahrungen der
Behandlung in Hospitlern himmelweit verschiedenen Ergebnisse fhrt
Pirogoff ausschlielich auf die strenge Verteilung der Kranken zurck,
so da Hospitalmiasmen und Kontagien, von denen er wiederholt als von
den eigentlichen Ursachen der Krankenhausseuchen spricht, nicht zur
Entwicklung kommen konnten. Ob freilich die verblffend guten
Ergebnisse, welche er mit seinem Systeme auf dem Lande erzielt hatte,
ihm auch im weiteren Leben treu geblieben sind, ist aus seinen Schriften
nicht sicher zu ersehen; doch darf daran um so mehr gezweifelt werden,
als spterhin kaum noch davon gesprochen wird. Zumal in groen Stdten
sicherte auch die Krankenzerstreuung keineswegs ausreichend vor dem
Auftreten von Wundkrankheiten, unter denen die Wundrose auch in
Privatwohnungen eine besonders unliebsame Rolle spielte. Es bedurfte
erst der Entdeckung der letzten Ursachen fr Wundeiterung und
Wundkrankheiten bevor man in zweckentsprechender Weise ihre Bekmpfung
in die Hand nehmen konnte.




                               Kapitel III.

            Die ltere Wundbehandlung und die Wundkrankheiten.


Ehe wir uns indessen der Schilderung dieses Entwicklungsganges zuwenden,
soll eine Darlegung der _Wundbehandlungsmethoden, mit denen unsere
Altvordern arbeiteten_, sowie eine Wrdigung der damit erzielten
Ergebnisse Platz greifen, die uns erst ber den ungeheuren Abstand
zwischen den Verfahren beider Zeitrume aufklren.

Die Salben und Pflaster, welche noch bis zum Beginne des 19.
Jahrhunderts den Hauptbestandteil der dem Chirurgen zur Verfgung
stehenden Hilfsmittel fr die Behandlung von Wunden bildeten, waren
durch die Bemhungen _Vinzenz v. Kerns_ in Wien in den Jahren 1805 bis
1828 einer einfacheren und naturgemeren Behandlung gewichen, wenn sie
auch nicht ganz ausgeschaltet werden konnten. Das _Kern_sche Verfahren
war das gleiche, welches in den fnfziger und sechziger Jahren des 19.
Jahrhunderts unter dem Namen der _offenen Wundbehandlung_ noch einmal
eine gewisse Rolle gespielt hat. _Bartscher_ und _Vezin_ in Osnabrck
1856, _Burow_ in Knigsberg 1859, _Volkmann_ in Halle bis Ende 1872,
_Rose_ und sein Assistent _Krnlein_ in Zrich 1872 waren die spten
Vertreter dieser Richtung, die erst bei dem allmhlichen Aufkommen der
antiseptischen Wundbehandlung, wenn auch nicht ohne scharfen Kampf,
vllig ihren Boden verlor. Vor _Kern_ wurden die Wunden mit allerlei
Deckverbnden behandelt unter der Vorstellung, da sie die verletzten
Gewebe vor unmittelbarer Berhrung mit der Luft, insbesondere mit dem
als beraus schdlich angesehenen Sauerstoffe, zu schtzen, zugleich
aber eine Beschmutzung der Leib- und Bettwsche durch den ausflieenden
Eiter zu verhindern htten mittels der Anwendung eines die
Wundflssigkeiten aufsaugenden Verbandmateriales. Als solches diente
seit dem 18. Jahrhundert die aus der franzsischen Chirurgie bernommene
Charpie, Fden aus alter weicher Leinwand gezupft und zu groen und
kleinen Bndeln vereinigt. So stark hydrophile Eigenschaften dieser
Stoff auch besitzt, so gefhrlich wurde er durch die Art seiner
Herstellung und seiner Anwendung. Denn die Herstellung geschah vielfach
in den Krankenrumen selber durch die vorher nicht gewaschenen
und gereinigten Finger der Kranken; und nirgends fand ein
besonderer Abschlu, eine zuverlssige Aufbewahrung des aus den
allerverschiedensten Quellen stammenden Verbandmateriales statt. So kam
denn eine nicht einmal uerlich rein aussehende, jedenfalls mit Keimen
aller Art berladene Charpie auf die Wunden, und zwar meistens in der
Art, da diese ausgestopft, durch Binden zusammengehalten und zugleich
unter einen nicht immer unbedeutenden Druck gestellt wurden. Die
Notwendigkeit eines mehrmaligen Verbandwechsels tglich, um die
beschmutzten und durchweichten Verbandstcke zu ersetzen, vermehrte nur
das bel, da jeder Neuverband eine starke Beunruhigung und Reizung der
Wunde, zuweilen selbst mit erheblichen Blutungen aus den ppig
wuchernden Granulationen hervorrufen mute.

Es begreift sich, da unter solchen Umstnden das Vorgehen _Kerns_, das
verwundete Glied nur zweckmig zu lagern, die Wunde nur mit
Kaltwasserumschlgen zu behandeln, sie offen zu lassen und nur
ausnahmsweise einige wenige Nhte anzulegen, als ein groer Fortschritt
angesehen werden mute. Aber auf die Dauer vermochte sich dies einfache
Verfahren nicht durchzusetzen. Die groe Mehrzahl der Chirurgen suchte
immer noch ihr Heil in den alten, schnell schmutzig werdenden
Deckverbnden und nach _Kerns_ Tode ist auf Jahrzehnte hinaus von der
offenen Wundbehandlung nicht mehr die Rede. Nur die einfachen
Kaltwasserumschlge zur Linderung des brennenden Wundschmerzes blieben
als einzige Erinnerung an die _Kern_sche Behandlungsmethode bei den
rzten bis zur Einfhrung der Antisepsis, bei den Laien bis zum heutigen
Tage in Gebrauch. Die alte Behandlung kehrte in vollem Umfange zurck.
So forderten denn in groen chirurgischen Abteilungen nach wie vor die
Wundkrankheiten allwchentlich ihre Opfer; zumal die Kriegslazarette
wurden Brutsttten endemischer Seuchen, die so manchem Krieger einen
Soldatentod auf dem Schlachtfelde gegenber dem Aufenthalte in solchen
Pesthhlen als das erheblich kleinere bel erscheinen lieen.

                     *       *       *       *       *

Die _Wundkrankheiten_, welche in fast allen greren Krankenanstalten in
so schreckenerregender Weise auftraten, waren faulige Zersetzung der
Wundflssigkeiten (Septichmie oder kurzweg Sepsis), die metastasierende
Pymie, die Wundrose, der Wundstarrkrampf und endlich der Hospitalbrand.
Alle brigen Strungen, wie Nachblutungen, Phlegmonen, Ekzeme,
Wundscharlach usw., drfen beiseite gelassen werden, da sie entweder das
Leben nur selten bedrohten, oder nur als Beigaben genannter schwerer
Krankheiten die Gefahr erhhten.

Die Pathologie dieser Zustnde kann hier nur kurz berhrt, darf aber
doch nicht ganz bergangen werden, da einer derselben, der
Hospitalbrand, fast vllig verschwunden, also wirklich geschichtlich
geworden ist, whrend andere, so die metastasierende Pymie, selbst die
schweren Formen der Wundrose, so selten geworden sind, da das jngere
und jngste Geschlecht deutscher Chirurgen nur noch ganz ausnahmsweise
Gelegenheit findet, sie kennen zu lernen. Man vergleiche nur einen
Jahresbericht aus lterer Zeit, z. B. von F. _Busch_, _Billroth_,
_Lister_ (vor Einfhrung der antiseptischen Wundbehandlung) und anderen,
mit einem solchen des letzten Jahrzehntes, um sich zu berzeugen, welche
ungeheure Einschrnkung die Besprechung der Wundkrankheiten erfahren
hat, da mit ihrer zahlenmigen Verminderung auch das Interesse an ihnen
heruntergegangen, ja nahezu erloschen ist. Freilich ist hervorzuheben
da die Entstehung aller dieser Krankheiten durch mehr oder weniger
spezifische Bakterien und deren Stoffwechselgifte (Toxine) zu jener Zeit
noch gnzlich unbekannt war; wir beschrnken uns also im wesentlichen
auf die Krankheitsbilder, wie sie von unseren Altvordern zuweilen in
berraschender Schrfe, zuweilen aber auch mit verschwommenen Grenzen
gezeichnet worden sind.

_Wundfulnis_, _Sepsis_, _Septichmie_, _Sephthmie_ nannte man nach der
Mitte des 19. Jahrhunderts einen Zustand, bei welchem die
Wundflssigkeiten ein graugelbes, graues, rotbraunes oder dunkelbraunes,
mehr oder weniger blutig gefrbtes Ansehen bekamen und zugleich einen
blen Geruch annahmen, in einzelnen Fllen selbst aashaften Gestank
verbreiteten. Diese Erscheinungen entwickelten sich nicht pltzlich,
steigerten sich aber doch in wenigen Tagen zur Hhe und gingen nicht nur
mit einer Vernderung der Wunde und ihrer Umgebung, sondern auch mit
einer wachsenden Beeintrchtigung des Allgemeinbefindens einher. Die
Wundrnder nahmen eine blasse Rtung an, schwollen etwas an, waren aber
nicht auffallend empfindlich; in vorgeschrittenen Fllen war hufig
sogar eine erstaunliche Unempfindlichkeit vorhanden, die auf beginnende
und schnell zunehmende Benommenheit des Bewutseins zurckgefhrt werden
mute. Der Puls wurde schnell, zuweilen schon zu einer Zeit, in welcher
die rtlichen Vernderungen noch nicht in die Augen sprangen, die
Arterien zeigten sich wenig gefllt. Hand in Hand mit dieser
Pulsvernderung stellte sich ein remittierendes Fieber ein, meistens
mit morgendlichen Abfllen bis zur Norm oder gar weit darunter, und
einem abendlichen Anstiege, dessen Spitzen immer hher reichten, bis mit
dem Nachlassen der Herzkraft oft pltzlich ein bedeutendes Sinken
eintrat. Dies galt bei schneller und kleiner werdendem Pulse als ein
sehr ungnstiges Zeichen und ging meistens dem Tode unmittelbar voran.

Da es sich um eine Giftwirkung der in der Wunde sich ansammelnden
fauligen Stoffe handle, war schon um die sechziger Jahre den meisten
Beobachtern nicht zweifelhaft. In der Tat gelang es E. _Bergmann_ und
_Schmiedeberg_ in Straburg im Jahre 1868, aus faulender Bierhefe ein
Alkaloid, das _Sepsin_ herzustellen, welches, dem Tierkrper in
gengender Menge einverleibt, ein der menschlichen Septichmie sehr
hnliches Krankheitsbild hervorrief. Fr die Behandlung war damit aber
zunchst nichts gewonnen, da einerseits die Ursachen der Wundfulnis mit
dem Nachweise des Sepsins noch lngst keine Erklrung gefunden hatten,
andererseits die einzelnen Flle, neben mancher hnlichkeit in den
Umrissen, doch auch recht erhebliche Verschiedenheiten aufwiesen.
_Billroth_ und seine Schule mhten sich jahrelang vergeblich ab, der
Natur hinter ihr Geheimnis zu kommen, bis er mit seinem Buche ber die
Cocoobacteria septica den ersten Schritt auf dem noch sehr unsicheren
und schwankenden Grunde der chirurgischen Bakterienforschung tat. Wir
werden darauf an spterer Stelle im Zusammenhange zurckzukommen haben.

                     *       *       *       *       *

Ein in seinen ausgeprgten Formen sehr verschiedenartiges Krankheitsbild
stellte das _Eiterfieber_, die _Pymie_ oder _Pyohmie_ dar.
Voraussetzung fr ihr Auftreten war das Vorhandensein einer meist
greren Wunde, am hufigsten an den Bewegungsorganen; doch gehrte es
in verseuchten Krankenhusern keineswegs zu den Seltenheiten, das Leiden
selbst bei kleinen und anscheinend wenig bedeutenden Wunden auftreten zu
sehen. Whrend aber die Wundfulnis in langsamer Steigerung ihre Hhe
erreichte, trat die Pymie meist ohne jede Vorbereitung und ganz
pltzlich in die Erscheinung. Ein Mensch mit einer ganz reinen, von
guten Granulationen bedeckten und einen geruchlosen Eiter absondernden
Wunde erkrankte, zuweilen aus voller Fieberlosigkeit heraus, andere Male
nach nur geringfgigem Anstieg der Krperwrme, mit einem heftigen
Schttelfroste, dem ein ergiebiger Schweiausbruch folgte. Nach 2-4
Stunden sank die bis zu 41C und selbst darber emporgeschnellte
Krperwrme in steilem Sturze wieder zur Norm oder selbst erheblich
darunter, der Kranke fhlte sich zwar etwas angegriffen, aber doch so
wohl, da er der Sache keine Bedeutung beizulegen geneigt war, bis die
ftere Wiederkehr der Frste seinen Gleichmut zu zerstren, sein
Befinden zu verschlechtern begann.

Nach den ersten Schttelfrsten nmlich traten auch fr den Kranken sehr
merkbare Vernderungen der Wunde auf. Die bis dahin roten und ppigen
Granulationen wurden bla und flach, viel seltener, infolge einer
Venenthrombose, glasig gequollen, die Wunde sonderte statt des gelben
Eiters eine mehr fleischwasserhnliche, gewhnlich leicht belriechende
Flssigkeit ab; zugleich wurde sie so empfindlich, da der Kranke bei
jeder Berhrung aufschrie, zuweilen schon bei leichter Erschtterung
seines Lagers einen Schmerzensschrei ausstie. Im Gegensatze zu einem
Septichmischen mit seinem gleichgltigen, stupiden Gesichtsausdrucke
und seinen glanzlosen Augen zeigte der Pymische auf der Hhe seines
Leidens ein ngstliches, aufgeregtes Gesicht mit leicht verzerrten
Zgen, sowie die glnzenden Augen des fiebernden Menschen. Fr den
kundigen Blick war das Krankheitsbild der ausgeprgten Pymie ohne
weiteres erkennbar.

Den eigentlichen Stempel aber erhielt die verderbliche Krankheit durch
das Auftreten zahlreicher Eiterherde, meist in inneren, aber auch in
ueren Organen. Gehirn, Lungen, Leber, Milz, Nieren und Herzfleisch
wiesen ebenso oft groe und kleine Eiterherde auf, wie das Bindegewebe,
die Muskeln, die Gelenke und sersen Hhlen. Diese Eiterungen, die
zuweilen zu gewaltigen, schnell wachsenden Herden sich umwandelten,
traten in der Regel im unmittelbaren Anschlu an Schttelfrste auf; sie
waren, wie _Virchow_ um 1850 als erster nachzuweisen vermochte, die
Folge des Eindringens zerfallender Gefthromben in die Blutbahn und
entwickelten sich an solchen Stellen, an denen ein verschleppter Embolus
in feineren Gefen stecken blieb. Da der Zerfall eines in der
Wundebene liegenden Gefthrombus durch eindringende Bakterien
vermittelt wurde und da die mit Bakterien beladenen Gerinnsel oder gar
die im Blutstrome kreisenden und zusammengeballten Bakterien fr sich
allein am Orte ihres Haftens Eiterung hervorriefen, wurde erst
wesentlich spter erkannt.

Nicht immer haben die Vorgnge so klar vor Augen gelegen, wie sie hier
geschildert worden sind. Die Schwierigkeiten fr die Erkenntnis hatten
zwei Grnde. Zunchst konnte der Zerfall eines Thrombus auch in einer
Wunde sich ereignen, die schon einige Zeit zuvor von Wundfulnis
heimgesucht war; oder aber letztere gesellte sich den pymischen
Erscheinungen hinzu. Dann entstanden Mischformen, die zuerst _Karl
Hter_ mit dem Namen der Septikopymie belegt hat (1868); und da die
Zeichen beider Krankheiten, bald mit Vorwiegen der Fulnis, bald der
Metastasen, sich durcheinanderschoben, so war eine reinliche Scheidung
vielfach unmglich gemacht. Noch mehr aber trug zur Unklarheit und
Verwirrung die Kenntnis einer bis dahin unbekannten Krankheit, der
metastasierenden Osteomyelitis, bei, die zuerst von _Chassaignac_ im
Jahre 1854, bald darauf auch von _Klose_ in Prag unter dem Namen der
akuten Osteomyelitis, spterhin wegen der hnlichkeit ihres Verlaufes
mit der Wundpymie vielfach als Pyaemia interna oder spontanea
beschrieben worden ist. Die Frage hat eine hchst umfangreiche Literatur
hervorgerufen, bis _Rosenbach_ in Gttingen im Jahre 1884 die Krankheit
auf die gleichen Erreger, welche in der Wundpymie ihre Lebensuerung
zeigen, zurckzufhren vermochte, nmlich auf den Staphylococcus
pyogenes aureus und verwandte Schmarotzer.

Der _Hospitalbrand_ scheint eine fast ausgestorbene Krankheit geworden
zu sein, da auch die neuesten, so blutigen und unter den ungnstigsten
hygienischen Bedingungen gefhrten Kriege sie glcklicherweise fast
nirgends zu neuem Leben zu erwecken vermocht haben. Nur im
Russisch-Japanischen Kriege von 1904 ist sie wieder gesehen worden, ohne
da Zeit und Umstnde fr genauere Beobachtungen und bakterielle
Forschung gnstig gewesen wren. Und doch war sie einst die
schrecklichste Geiel groer Krankenhuser des Friedens und
umfangreicher Militrlazarette. Ob sie eine besondere, auf einen eigenen
Erreger zurckzufhrende Form der Wundfulnis darstellt, kann heute
nicht mehr gesagt werden, da sie unter dem Einflusse der antiseptischen
Wundbehandlung so schnell verschwunden ist, da die bis dahin noch
hchst unvollkommenen bakteriologischen Untersuchungsmethoden nicht mehr
imstande waren, ihr Wesen festzustellen. Um so mehr ist es geboten, ihre
Erscheinungsformen festzuhalten, und zwar nicht nur von rein
geschichtlichen Gesichtspunkten aus; denn wie andere verheerende Seuchen
des menschlichen Geschlechtes, Diphtherie z. B. und Pest, gewissermaen
unter unseren Augen eine Wiedererstehung erlebt haben, so sind
Verhltnisse auf Erden denkbar, verheerende Ereignisse irgendwelcher
Art, welche auch dem Erreger des Hospitalbrandes aus der bisherigen
Versenkung aufzutauchen erlauben.

In groen Krankenhusern des Friedens, besonders aber in
Kriegslazaretten, in denen zahlreiche Verwundete dicht zusammengehuft
waren, trat die Krankheit gelegentlich in ihren gefhrlichsten und
abschreckendsten Bildern auf. Seit _Delpech_ in Montpellier (1815)
unterschied man zwei Formen, den ulzersen und den pulpsen Brand, die
zwar im Beginne nicht unerhebliche Verschiedenheiten zeigten, im
spteren Verlaufe aber untrennbar ineinander bergingen. Die erste
begann mit dem Auftreten eines oder mehrerer graugelblicher, etwas
erhabener und mit brunlichen Punkten (von thrombotischen Gefen
herrhrend) durchsetzter Flecken, welche sich schnell vergrerten, dann
zerfielen und scharfrandige, rundliche Geschwre hinterlieen, die sich
bald vereinigten und in kurzer Zeit die Hautrnder der Wunde erreichten.
Der pulpse Brand dagegen begann mit dem Auftreten eines grauen Belages
in einem Teile oder von vornherein in der ganzen Wunde, der nur in
Fetzen abgerissen werden konnte und eine blutende Flche hinterlie. Der
zunchst etwas flache Grund erhob sich bald unter dem Drucke der in der
Tiefe entwickelten Fulnisgase, zerfiel und wandelte sich in eine
schmierige, faulender Gehirnsubstanz hnliche Masse um. Bald kam es
infolge von Gefstauungen zu heftigen, oft wiederholten kapillren
Blutungen und zugleich schritt die Zerstrung in die Breite und in die
Tiefe mehr oder weniger schnell fort. Kein Gewebe widerstand auf die
Dauer; doch starb am schnellsten das lockere Bindegewebe ab, whrend
Faszien, Muskeln und groe Gefstmme lnger Widerstand leisteten. Die
Knochen wurden ihres Periostes beraubt und verloren in steter Berhrung
mit der faulenden Flssigkeit teilweise oder auch im ganzen Umfange ihre
Lebensfhigkeit. Die Wunde verbreitete einen widerwrtigen Geruch, der
aber dem gewhnlichen Geruche faulender Gewebe nicht vllig glich. Eine
Heilung war selbst in vorgeschrittenen Fllen noch mglich wenn auch
meist mit Hinterlassung schwerer Schdigungen; ein erheblicher
Prozentsatz der Kranken aber erlag den fortgesetzten Blutungen oder der
septischen Vergiftung, oft auch einer ausgesprochenen Pymie.

Die Krankheit hat unverkennbare hnlichkeit mit den schweren Fllen von
Diphtherie, welche nach einem Luftrhrenschnitte auf die ueren
Weichteile des Halses bergreift; doch scheint es heute nicht mehr
mglich, nachdem auch letztere wohl kaum noch zur Beobachtung kommen,
die Gleichheit oder Verwandtschaft beider Krankheiten bakteriologisch
festzustellen.

                     *       *       *       *       *

_Der Wundstarrkrampf oder Tetanus_ ist eine weitere Wundkrankheit, die
nur selten in grerer Zahl auf einmal, sondern gewhnlich nur in
vereinzelten Fllen nicht allein bei der Zusammenhufung zahlreicher
Verwundeter in einem Raume, sondern auch bei Menschen vorkommt, die in
Privathusern ein Zimmer fr sich bewohnen. Ist somit die allgemeine
Bedeutung des Leidens fr Krankenhuser und Feldlazarette geringer als
die der meisten anderen Wunderkrankungen, so ist doch das einzelne
Krankheitsbild so schrecklich, da es bereits sehr frh die
Aufmerksamkeit der rzte auf sich zog. Schon _Hippokrates_ hat ihm einen
eigenen Abschnitt gewidmet.

Whrend man frher neben dem traumatischen noch einen rheumatischen oder
idiopathischen Tetanus unterschied, ist seit der Entdeckung des
Tetanusbazillus durch _Nikolaier_ im Jahre 1884 kein Zweifel mehr
geblieben, da die Ansteckung durch eine Wunde geschieht, die aber
zuweilen sehr unbedeutend oder zur Zeit des Krankheitsbeginnes schon
verheilt ist. In die Fusohle oder unter die Ngel eingestoene
Holzsplitter sind von jeher besonders gefrchtet gewesen. Die Krankheit
beginnt mit einer Spannung in den Kaumuskeln (Trismus) oder mit
Schlingbeschwerden; die krampfhafte Zusammenziehung der Gesichtsmuskeln
(Bisus sardonicus), die gerunzelte Stirn, die harte Spannung der
Rckenmuskeln (Opisthotonus), sowie der Muskeln der Bauchwand bilden die
Fortsetzung. Endlich treten von Zeit zu Zeit tonische Krmpfe in den
genannten Muskelgruppen auf, die auch in stoartiger Form sich geltend
machen knnen. Die Extremitten bleiben meistens frei; doch gibt es auch
einen rtlichen Wundstarrkrampf, der dauernd oder in erster Linie auf
eine einzelne Extremitt beschrnkt bleibt. In den milden Fllen klingen
die kurz umrissenen Erscheinungen allmhlich ab, in den schwereren
erfolgt unter steter Steigerung der Krmpfe der Tod durch krampfhaften
Stillstand der Atemmuskeln, Glottisdem oder Apoplexie im Gehirne.

Da es sich um eine Giftwirkung, insbesondere auf die Nervensubstanz,
handle, war lngst vermutet worden; die Entdeckung des Tetanusbazillus
in der Gartenerde, im Straenstaube, berhaupt in weitester Verbreitung,
hat diese Annahme besttigt. Das Studium seiner Lebensbedingungen hat
als Krankheitserreger ein Toxin erkennen lassen, und die mit dem
v. _Behring_schen Tetanusantitoxin angestellten Behandlungsformen,
insbesondere dessen prophylaktische Anwendung, haben nicht nur die
Sterblichkeit, sondern schon die Hufigkeit der Erkrankung
auerordentlich vermindert. So sah _Max Martens_, der im Berliner
Krankenhause Bethanien die prophylaktische Serumeinspritzung seit 1904
durchgefhrt hat, im Laufe von 10 Jahren, abgesehen von eingelieferten
Erkrankungen, nur einen einzigen Fall, bei dem die bliche Sicherung
durch Zufall unterlassen worden war; so wird auch von der _Graser_schen
Klinik in Erlangen berichtet, da nach Einfhrung des gleichen
Verfahrens die Krankenrume seit 5 Jahren von Starrkrampf verschont
geblieben seien.

                     *       *       *       *       *

Zu den echten Wundkrankheiten gehrt auch die _Wundrose_, das
Erysipelas, da das Gift, welches sich in den benachbarten Saftkanlen
und Lymphbahnen ausbreitet, stets und unter allen Umstnden durch die
verletzte Haut eindringt. Allerdings hat diese Erkenntnis sich erst in
den letzten drei Jahrzehnten zu allgemeiner Anerkennung durchgerungen;
denn der Umstand, da sehr unbedeutende Verletzungen der Haut oder der
Schleimhute, die, wie leichte Abschrfungen, schon in einem Tage bis
zur Unerkennbarkeit geheilt sind, die Eingangspforten des Giftes bilden
knnen, der fernere Umstand, da die Wundrose nach _Fehleisens_
Untersuchungen eine Inkubationszeit von 15-61 Stunden besitzt, whrend
deren manche Eingangspforte schon unkenntlich geworden ist, haben der
richtigen Deutung der Erscheinungen beharrlich im Wege gestanden. Daher
die bis in die achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts hineinreichende
Unterscheidung zwischen einem chirurgischen, von Wunden ausgehenden und
einem medizinischen, selbstndig im Krper entstehenden Erysipel, als
dessen Ursache man eine gallige Schrfe im Blut neben allerlei
atmosphrischen und klimatischen Einflssen anzunehmen pflegte. Wir
drfen diese Anschauungen als gnzlich berwunden betrachten, seitdem
die bakterielle Natur des Leidens festgestellt worden ist. Die
atmosphrischen Einflsse sind allerdings insofern nicht gnzlich
ausgeschaltet worden, als sie zweifellos von Bedeutung fr das Wachstum
der Keime und ihre zeitweilig gesteigerte Giftigkeit sind.

Die Wundrose tritt in der unmittelbaren Umgebung der Eingangspforte in
Form einer dunkel- oder rosenroten Schwellung auf, die ganz scharf
abgegrenzt und ber der blassen Haut der Nachbarschaft durch Quellung
etwas erhaben ist. Sie erscheint bei zuvor fieberlosen Kranken nach
einem mehr oder weniger heftigen Schttelfroste, dem andauernd hohes,
morgens etwas abfallendes Fieber folgt. Zugleich breitet sich die
scharfrandige Rtung in breiten Vorschben nach verschiedenen Richtungen
aus, berzieht mehr oder weniger erhebliche Teile der Krperhaut und
endet meist in wenigen Tagen, zuweilen aber erst nach wochenlangem
Umherwandern, welches selbst schon einmal befallene Krperstellen nicht
verschont, mit pltzlichem Temperaturabfalle und meist einer
Abbltterung, seltener bloer Abschilferung der Oberhaut.

Gefhrlich wird das Leiden, zumal bei alten Leuten, durch die lange, mit
hohem Fieber verbundene Dauer und durch die Neigung mancher Flle zu
metastatischen Eiterungen. Indessen ist das Erysipel unter den neueren
Wundbehandlungsmethoden nicht nur an Zahl, sondern auch an Gefahr ganz
erheblich zurckgegangen. In den gutgehaltenen chirurgischen Abteilungen
groer Krankenhuser ist die Wundrose als Hospitalkrankheit fast vllig
verschwunden; doch werden immer noch eine Anzahl von auerhalb
entstandenen Fllen eingeliefert, die indessen meist einen leichten
Verlauf nehmen. Ein Todesfall an Wundrose drfte heute bereits zu den
Seltenheiten zhlen.

                     *       *       *       *       *

Wir haben hiermit die fnf Hauptkrankheiten erwhnt, welche einst die
Ttigkeit des Wundarztes und seine Erfolge, zuweilen in
schreckenerregender Flle, einengten und bedrohten. Versuchen wir nun,
ein Bild zu entwerfen von dem _Aussehen einer chirurgischen Abteilung
vor einem bis zwei Menschenaltern_.

Dem in einen groen Krankensaal Eintretenden fiel zunchst der fade,
sliche Eitergeruch, nicht selten sogar ausgesprochener Fulnisgeruch
auf, die nur mhsam durch den Duft chemischer oder pflanzlicher
Verbandmittel der Kamille, des Kampfers, spter der Karbolsure und
anderer Stoffe gedmpft wurden. Schon die Gesichter der Kranken, an
deren Betten man vorberging, verrieten, da man sich unter
Schwerleidenden befand. Die hektisch gerteten Wangen, die glnzenden
Augen und das schweibedeckte Antlitz der Fiebernden, ihr ngstlicher
Gesichtsausdruck, daneben die blassen, gleichgltigen Zge der
Septischen, das Sthnen und Sprechen in abgerissenen, halb
unverstndlichen Stzen -- das waren die immer wiederkehrenden Bilder,
die jedem fhlenden Arzte das Herz zusammenschnrten. Deckte man die
Wunde auf, so fand man den Verband von Eiter durchtrnkt und
belriechend. Selbst bei mehrfach am Tage vorgenommenem Verbandwechsel
durchdrangen die Flssigkeiten nicht selten den Verband, beschmutzten
benachbarte Krperteile, verunreinigten die Bettdecke und das Bettuch,
suchten ihren Weg selbst ber Gummiunterlagen hinweg und drangen in die
Matratze ein. So erforderte jeder Verbandwechsel zugleich einen Wechsel
der Bettwsche, selbst der Matratzen; und alles das war nicht mglich,
ohne den Verletzten vom Lager zu erheben, ihn und seine Wunde zu
beunruhigen und zuweilen heftige Schmerzen zu erzeugen. Rechnet man
hinzu, da in berfllten Krankenhusern und Kriegslazaretten die auf
diese Weise geforderte Arbeitslast oft genug die krperliche
Leistungsfhigkeit der vorhandenen rzte weit berstieg, so begreift es
sich, da vieles den weniger geschulten Hnden des Wartepersonals
berlassen wurde, was besser dem Arzte vorbehalten geblieben wre. Und
wenn man endlich in Anschlag bringt, da eine so schwere Fronarbeit
unter dem steten Drucke zu leisten war, da doch das meiste an
rztlicher Arbeit und Qulerei des Kranken ganz vergeblich sei, da man
gegen ein unabwendbares Fatum ankmpfe, da eine groe Anzahl
Schwerverletzter mit dem Augenblicke als verloren zu betrachten war, in
welchem sich ihnen die Pforten des mehr oder weniger verseuchten
Krankenhauses oder Unterkunftsraumes ffneten, so begreift es sich,
welch eine Flle von krperlicher Leistungsfhigkeit und Charakterstrke
dazu gehrte, um auch nur den rztlichen Gehilfendienst pflichtgem zu
erfllen. Fr den leitenden Arzt aber kam noch das schwere
Verantwortlichkeitsgefhl bei jedem operativen Eingriff hinzu, um die
der Seele aufgeladene Last manchmal bis zum Unertrglichen zu steigern.
Da unter solchen Umstnden so mancher jngere Arzt unter der Schwere
seines Berufes fast zusammenbrach, die Unberechenbarkeit seiner
Ttigkeit nicht mehr zu tragen vermochte und deshalb von der
Chirurgie, der er sich in glcklicher Unkenntnis zunchst mit
Begeisterung zugewandt hatte, Abschied nahm, um sich einem minder
verantwortungsvollen Zweige der Medizin zuzuwenden, kann nicht
berraschen. Um so bewundernswerter mssen uns aber jene Mnner
erscheinen, welche unter den niederdrckendsten Erfahrungen aller Art,
im steten und vielfach vergeblichen Kampfe gegen dunkle Hemmnisse, durch
welche oft genug die an eine wohlgelungene Operation geknpften
Hoffnungen aufs grausamste zerstrt wurden, unbeirrt ihren Weg
fortsetzten, um der schweigsamen Natur ihre Geheimnisse abzulauschen,
ihre Wissenschaft auszubauen und zu retten, soweit es eben mglich war.
Konnte sich unter allen Schrecken des Krankenhauses doch gelegentlich
ein Hochmut entwickeln, wie er am verblffendsten in einem Satze des
franzsischen Chirurgen _Boyer_ zutage tritt, der in der Einleitung zu
seiner Chirurgie (1814-1826) folgende Worte findet: Die Chirurgie
unserer Tage hat die grten Fortschritte gemacht, so da sie den
hchsten oder nahezu den hchsten Grad der Vollkommenheit, deren sie
berhaupt fhig ist, erreicht zu haben scheint.

Den meisten anderen Chirurgen hat wohl die in diesem Satze ausgeprgte
berhebung ferngelegen; sie bten vielmehr jene Entsagung, der einst
bereits _Ambroise Par_ einen schnen Ausdruck gegeben hat, indem er,
nach dem Befinden eines Kranken gefragt, erwiderte: Je l'ai opr, Dieu
le gurira.

Diesen unerhrten Zustnden hat _Joseph Listers_ schrittweise
entwickelte Wundbehandlung ein fr allemal ein Ende gemacht. Er erlste
die rztliche Welt von dem Albdrucke unbekannter und unberechenbarer
Einflsse auf den Wundverlauf und gab ihr damit eine Freiheit des
Handelns, wie sie unsere Wissenschaft und Kunst whrend ihrer mehr als
2000jhrigen Geschichte niemals auch nur entfernt besessen hat. Erst
jetzt erhielt auch die chirurgisch-operative Phantasie den ntigen
Spielraum, um immer neue Ausflge in bisher dunkle und unbekannte
Gebiete zu unternehmen, sie zu erobern und zu unterwerfen,
Nachbargebiete der Chirurgie zu befruchten, den Ausbau der
Hilfswissenschaften anzuregen und selbst ganz neue Wissenszweige ins
Leben zu rufen.

Wie alles das im einzelnen vor sich gegangen ist, soll in den
nachfolgenden Blttern geschildert werden.




                           _Zweiter Abschnitt._

               Joseph Listers antiseptische Wundbehandlung.




                               Kapitel IV.

                         Die Vorlufer Listers.


Gleich fast allen groen Entdeckungen und Erfindungen ist auch die
_Lister_sche Wundbehandlung nicht unvermittelt aus dem Kopfe eines
einzigen hervorragenden Mannes hervorgegangen, sondern zahlreiche
Arbeiten, Schriften und Entdeckungen bereiteten ihr den Weg. Wir
Deutsche drfen stolz darauf sein, da schon unter den Vorarbeiten der
deutsche Anteil recht erheblich gewesen ist.

Diese Vorarbeiten suchten auf zwei vllig getrennten Wegen der Aufgabe
einer Beseitigung oder wenigstens einer Einschrnkung der
Wundkrankheiten und damit einer verstndigen Wundbehandlung nher zu
kommen; nmlich einmal auf dem Wege klinischer Beobachtung und
Erfahrung, anderseits mit Hilfe der Bakteriologie.

Es war ein Geburtshelfer, der als erster die Wunderkrankungen, hier der
durch die Vorgnge des Gebrens in eine Wunde verwandelten Innenflche
der Gebrmutter, also die verschiedenen Formen der verderblichen
Wochenbettleiden, zu bekmpfen suchte. Sie waren bisher, d. h. bis in
die vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts, von den Geburtshelfern ganz
allgemein auf sehr unklare miasmatisch-epidemische Einflsse
zurckgefhrt worden, die auch in den Anschauungen der Chirurgen die
fehlenden tieferen Kenntnisse der eigentlichen Krankheitsursachen
ersetzen muten. Gegen diesen Glauben kmpfte seit dem Jahre 1847 der
junge deutsch-ungarische Geburtshelfer _Semmelweis_ auf Grund seiner
Erfahrungen und scharfsinnigen Beobachtungen in der ersten Gebrklinik
des Allgemeinen Krankenhauses zu Wien, wo er als Assistent ttig
war. Er erkannte die vllige Gleichartigkeit einer Gruppe von
Puerperalerkrankungen mit solchen Wundkrankheiten, welche die Chirurgen,
bis dahin ohne scharfe Abgrenzung, als Pymie zu bezeichnen pflegten und
fhrte als erster die hufigste Entstehung der Krankheit auf den
untersuchenden Finger des Geburtshelfers oder seiner Gehilfen, also auf
unmittelbare bertragung des Krankheitserregers zurck. Neben dieser
Einimpfung lie er aber auch eine Verbreitung der Krankheit auf dem
Luftwege zu. Sehr angesehene Vertreter der Medizin, wie _Rokitansky_,
_Skoda_ und _Hebra_, traten mehr oder weniger entschieden auf seine
Seite. Aber an dem starken Widerspruche der Geburtshelfer, der
_Kiwisch_, _Scanzoni_ und _Seyfert_, scheiterte der ideenreiche und
kluge Mann bis zu dem Mae, da er im Jahre 1850 verstimmt und mimutig
Wien verlie und in seine Vaterstadt Pest zurckkehrte. Hier wurde er
1855 Leiter der geburtshilflichen Universittsklinik, vermochte sich
aber auch als solcher nicht durchzusetzen, obwohl er im Jahre 1861 seine
Anschauungen in einem umfangreichen Werke: Die tiologie, der Begriff
und die Prophylaxis des Kindbettfiebers niedergelegt hatte. Nachdem
auch der grere Teil der Chirurgen und unter den pathologischen
Anatomen _Virchow_ noch im Jahre 1864 sich gegen _Semmelweis_' Lehre
ausgesprochen hatten, war sein Schicksal entschieden: man verlachte ihn
als einen unklaren Schwrmer. Er starb in einer Irrenanstalt in Wien im
Jahre 1865 an Pymie als Folge einer Fingerverletzung. In so trauriger
Weise endete das Leben eines Pfadfinders, dessen Anschauungen und Lehren
erst einige Jahrzehnte spter die unumwundene Anerkennung gefunden
haben.

Es war nicht die Geburtshilfe allein, welche die Kosten dieses
bedauerlichen Zusammenbruches zu tragen hatte, sondern in gleicher Weise
wurde auch die Chirurgie auf dem Gebiete der Wundkrankheiten und der
Wundbehandlung zum Stillstande verdammt. Der beherrschende Einflu eines
_Virchow_ machte sich selbst bei Mnnern wie _Billroth_ und _Otto Weber_
in der Abweisung des Gedankens einer unmittelbaren bertragung einer
ueren Ansteckung geltend, whrend _Wilhelm Roser_ die Pymie durch ein
Miasma _und_ Kontagium sich fortpflanzen lie und den pymischen
Erkrankungen auch das Kindbettfieber wie die Wundrose zurechnete. Ebenso
spricht _Pirogoff_ fortgesetzt von miasmatisch-kontagisen Einflssen
als den Erzeugern der Wundkrankheiten. In solchen Vorstellungen blieben
alle Chirurgen der damaligen Zeit befangen; und dem rckschauenden
Blicke ist es leicht erkennbar, da aus ihnen eine gesunde
Wundbehandlung nicht hervorzukeimen vermochte.

Zu ihr fhrte aber der zweite Weg, der lngst gebahnt, aber von den
Chirurgen bisher noch nicht betreten worden war: die ersten Anfnge und
der weitere Ausbau der Keimlehre. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts hatte
_Gay-Lussac_ in Paris den Sauerstoff der Luft als den Erreger der
Fulnis und Grung und damit als Zerstrer organischer Substanzen
hingestellt. Dieser Anschauung war auch der grte Teil der damals
lebenden Chirurgen zugewandt. Sie wurde erst erschttert, als _Theodor
Schwann_, damals Gehilfe am anatomischen Museum zu Berlin, der
hochberhmte Begrnder der tierischen Zellenlehre aus den Jahren 1838
und 1839, mit bedeutsamen Arbeiten ber den Anteil lebender Organismen
an den Grungs- und Fulniserscheinungen hervortrat. Sie knpften an die
Entdeckung des Hefepilzes (Torula cerevisiae) an, die ihm im Jahre 1837,
ungefhr gleichzeitig mit dem Franzosen _Cagniard-Latour_, gelungen war.
So wurde _Schwann_ auch der Begrnder einer Keimlehre, die schnell eine
weitere Entwicklung fand. Im Jahre 1840 verffentlichte der mit
_Schwann_ befreundete _Jakob Henle_ eine Abhandlung, die zum erstenmal
mit aller Bestimmtheit die kontagisen Krankheiten auf organische
Krankheitserreger, wahrscheinlich pflanzlicher Natur, zurckfhrte. Die
geistvolle Schrift, welche auf deduktivem Wege zu einer Auffassung
gelangt, die mit unseren heutigen Anschauungen fast vollkommen
bereinstimmt, erwhnt auch bereits den Grund, der die Entdeckung und
den Nachweis solcher Organismen bisher verhindert hatte. Sie entzgen
sich, so sagt _Henle_, wahrscheinlich nur deshalb der mikroskopischen
Wahrnehmung, weil man sie nicht ohne weiteres von den umgebenden Geweben
unterscheiden knne. Wie richtig das alles ist, hat die sptere
Entwicklung der Frbemethoden, durch welche auch die kleinsten
Organismen dem bewaffneten Auge noch erkennbar geworden sind, vollauf
bewiesen. -- Auf dem gleichen Gebiet bewegten sich Schriften von
_Helmholtz_, _Schultz_ und anderen Forschern.

Die _Schwann_schen Versuche ber Zersetzung wurden in vollem Umfange
aufgenommen und nach allen Richtungen erweitert durch _Louis Pasteur_ in
Paris. Der krperlich kleine, frhzeitig etwas untersetzte Franzose, in
dessen etwas harten Zgen zwei durchdringende Augen von einer groen
Schrfe des Verstandes und rastloser Tatkraft redeten, beschftigte sich
schon seit der Mitte der fnfziger Jahre mit dem Problem der Grung und
Zersetzung. Er wute es durchzusetzen, da die Akademie eine Kommission
ernannte, um seine Versuche zu prfen; und diese, aus den ersten Mnnern
der Naturwissenschaften in Frankreich zusammengesetzte Krperschaft
zgerte nicht, _Pasteurs_ Vorfhrungen als beweisend anzusehen. Es lohnt
sich, seines grundlegenden Versuches mit einigen Worten zu gedenken.
Eine Anzahl glserner Behlter mit dnnen Hlsen fllte er zum Teil mit
einer durchgeseihten, klaren und durchscheinenden Hefenabkochung, die
eine Zeitlang siedend erhalten wurde, um alle etwa vorhandenen Keime zu
zerstren. Noch whrend des Kochens wurde der Hals zugeschmolzen, so da
nach der Abkhlung innen ein luftleerer Raum entstehen mute. Eine
Anzahl dieser Gefe wurde dann z. B. in Hrslen und ohne besondere
Vorsicht geffnet, aber sofort wieder mittels des Ltrohres geschlossen:
regelmig trbte und zersetzte sich dann die Flssigkeit binnen wenigen
Tagen. Geschah aber die Erffnung an keimarmen Orten, z. B. auf einem
hohen Berge, im Wehen des Windes von einem Gletscher her, oder brachte
man den Hals whrend des Durchfeilens in eine Spiritusflamme, in der
auch die zum Abbrechen bestimmte Zange zuvor geglht worden war, so
entwickelte sich unter 20 Flaschen nur in einer eine Pilzbildung,
whrend 19 ganz klar blieben. -- _Chevreuil_ vervollstndigte diesen
Versuch dahin, da er den Flaschenhals zu einer feinen Rhre auszog und
diese zwar mehrmals winklig knickte, aber vollstndig offen lie. Obwohl
nun ein freier Austausch der eingeschlossenen mit der ueren Luft
stattfinden konnte, so blieb doch jede Zersetzung aus, weil nachweisbar
die Luftkeime an den Winkeln der Rhre mechanisch zurckgehalten wurden.

Der Wahn von der Schdlichkeit des Sauerstoffs war hiermit endgltig
zerstrt; die in ihrer Natur und ihrem Wesen bisher noch fast gnzlich
unbekannten Keime muten als die Unheilstifter bei allen Arten der
Zersetzung angesehen werden.




                                Kapitel V.

           Listers bertragung der Keimlehre auf die Chirurgie.


Indessen wute man in der praktischen Chirurgie mit dieser Entdeckung
zunchst noch nichts anzufangen, da irgend ein Weg, die Wunden vor dem
Eindringen von Keimen zu schtzen, bisher noch nicht gefunden war. In
diese Lcke trat _Joseph Lister_ ein, nicht mit dem Vorwrtsstrmen
eines alle Hindernisse berspringenden Genies, sondern in der langsamen
Weise des ruhigen Beobachters und ernsten Naturforschers, der keinen
Schritt vorwrts tut, ohne sich vorher die Grundlage zu sichern, auf die
er treten will. _Lister_ war mit 42 Jahren auf den Lehrstuhl fr
Chirurgie in Glasgow als Nachfolger seines Schwiegervaters _Syme_
berufen worden; als er die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen begann, war
er Professor der Chirurgie in Edinburgh. Der hochgewachsene, krftige
Mann von echt germanischem Typus, das Haupt mit leicht gewellten, ein
wenig lang getragenen Haaren bedeckt in dessen blauen Augen sich neben
einem etwas schwrmerischen Ausdrucke eine unendliche Gte und nie
versagende Liebenswrdigkeit widerspiegelte, stand dort im achten
Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts auf der Hhe seines Schaffens. Dort
empfing er die zahlreichen Besucher aus allen Weltteilen sowohl in
seiner Klinik, der alten Infirmary, als in seinem Hause immer mit der
gleichen Gastlichkeit, aber auch stets mit der gleichen wissenschaftlich
ernsten Sachlichkeit. Denn oft geschah es, da er nach einem Mittagessen
in seinem Hause einen oder mehrere seiner Gste zu einem Vortrage ber
seine Theorie und zur Besichtigung seiner Bakterienzchtungen einlud;
und nicht selten holte er noch spt abends einen Gast aus dem Gasthause
ab, weil eine wichtige Verletzung ihm aus der Klinik gemeldet worden
war. So wute er seine Zuhrer stets in krzester Zeit in Theorie und
Praxis einzufhren. --

Durch _Pasteurs_ Arbeiten angeregt, hatte sich _Lister_ schon jahrelang
mit dem Studium der Bakterien und ihrer Beziehungen zu Wunden
beschftigt, aber zunchst rein theoretisch. Den Ansto zur Umsetzung in
die praktische Ttigkeit erhielt er durch einen Bericht vom Jahre 1865
ber die Wirkungen, welche man auf den Rieselfeldern der Stadt Carlisle
durch Zusatz von Karbolsure zu den Abwssern gemacht hatte: fast jede
Art von Fulnis wurde auf diese Weise verhindert, tierische und
pflanzliche Schmarotzer unschdlich gemacht und zerstrt. Von diesem
Antiseptikum, der Karbolsure, gingen also _Listers_ praktische Versuche
aus; aber es mge von vornherein betont werden, da sie einem wesentlich
anderen Gesichtspunkte Rechnung trugen, als dies bisher geschehen war.
Seine zahlreichen Gegner, die ihm besonders in England erstanden
(_Simpson_, _Elliot_ u. v. a.), suchten zu beweisen, da seine
antiseptische Behandlung nichts weiter sei als die lngst bekannte
Anwendung der Karbolsure bei der Wundbehandlung. Demgegenber hat
_Lister_ stets den grundstzlichen Unterschied zwischen seiner
antiseptischen Wundbehandlung und der Anwendung antiseptischer Mittel
als Verbandmaterial hervorgehoben.

Um diesen Unterschied klar hervortreten zu lassen, mge zunchst ein
kurzer Abri der Geschichte der bisher blichen chemischen Wundmittel
gegeben werden, die von den Gegnern _Listers_ zusammengetragen worden
ist. Sie ist von _Thamhayn_ (Halle) in seinem unter der Anregung
_Volkmanns_ geschriebenen Buche: Der Listersche Verband. 1875
verwertet worden. Auf die von _John Colbatch_ (A treatise on Alkali and
Acid) im Jahre 1698 verfate Schrift brauchen wir nicht weiter
einzugehen, da sie nur fr Physiologen und innere Mediziner Interesse
bietet. Aber sie enthlt einen Anhang unter dem Titel: Novum lumen
chirurgicum, in welchem ein Wundpulver dringend empfohlen wird, nicht
nur als vortreffliches Blutstillungsmittel, sondern zugleich wegen
seiner Einwirkung auf frische Wunden. Der entscheidende Satz lautet nach
_Thamhayns_ bersetzung folgendermaen: Ungefhr 4 Tage nach der ersten
Anwendung des Pulvers wurde die Wunde wegen eines neuen Verbandes
freigelegt. Sie war in einem sehr guten Zustande, eiterte nicht im
geringsten, und nur eine dnne wrige Flssigkeit von der ich vermute,
da sie aus den Drsen und Lymphgefen ausgeschwitzt sei, kam zum
Vorschein. Blieb sie eine Zeitlang auf dem Verbnde liegen, so fing sie
an zu riechen; aber das, was aus der Wunde frisch herauskam, war
wohlriechend wie eine Rose. Da der Verfasser die Zusammensetzung des
Pulvers nicht verrt, so ist es mig, sich darber den Kopf zu
zerbrechen; nur so viel sei gesagt, da die Schilderung des Verhaltens
der Wunde der Wirkung eines antiseptischen Mittels entspricht ohne da
man gerade an Karbolsure zu denken braucht.

Die Karbolsure, welche in _Listers_ antiseptischer Behandlung eine so
hervorragende Rolle gespielt hat, wurde im Anfange der sechziger Jahre
des 19. Jahrhunderts von Deutschland und Frankreich aus ungefhr
gleichzeitig empfohlen. Der Franzose _Lemaire_ verffentlichte 1863 eine
Abhandlung ber das Mittel, die 1865 in erweiterter Ausgabe erschien.
Eine im Inhalte hnliche Arbeit lieferte in dem gleichen Jahre _Dclat_;
doch soll schon im Franzsisch-sterreichischen Feldzuge von 1859 die
Karbolsure in Form eines Pulvers aus Kreide und Steinkohlenteer zur
Anwendung gekommen sein. Noch frher, als es in Frankreich geschah, hat
_Kchenmeister_ in Dresden (1860) die Karbolsure unter dem Namen Spirol
uerlich und innerlich benutzt. Er beschreibt das Spirol als einen
farblosen kristallisierten Krper, der bei 34C schmilzt, bei 187
siedet und den man entweder aus dem Steinkohlenteerl oder durch
Destillation des Salizins mit Kreide herstellt.

So hatte die Karbolsure in Deutschland und Frankreich sich bereits ein
gewisses Feld erobert, als man auch in England mit der Anwendung des
Eiterung und Fulnis hemmenden Mittels begann. Auf diesen Zustand der
Dinge stie _Lister_, als er dazu berging, seine theoretischen Studien
praktisch zu verwerten.

                     *       *       *       *       *

Es war im Jahre 1867, als _Lister_ mit seinen ersten Erfahrungen ber
die neue Behandlungsmethode bei offenen Knochenbrchen und Abszessen
hervortrat; bald folgte ein Vortrag in der British Medical Association
zu Dublin am 9. August desselben Jahres, in welchem er die Art seiner
Behandlung aller frischen Wunden darlegte. Und von nun an setzte sich
fast durch ein Menschenalter hindurch eine ununterbrochene Reihe von
uerungen in Wort und Schrift fort, die dazu dienten, der neuen
Behandlung den Boden zu bereiten und sie immer weiteren Kreisen
zuzufhren.

_Lister_ ging von dem Gesichtspunkte aus, da alle Wundstrungen
ausschlielich als Bakterienwirkungen zu betrachten seien; demgem habe
die Wundbehandlung nur die Aufgabe, das Eindringen der Schmarotzer in
die Wunde zu verhten oder, falls sie bereits whrend der Verletzung
eingedrungen seien, ihre Unschdlichkeit herbeizufhren. Diesem
Gedankengange entsprechend entwarf er seinen Behandlungsplan, den er bei
wachsender Erfahrung fortgesetzt zu bessern und zu vervollkommnen sich
bemhte.

Die _Behandlung offener Knochenbrche_ setzte sich zum Ziele, einen
aseptischen Schorf auf der Wunde zu erzeugen, der sie vor weiterer
Verunreinigung schtzen und dadurch eine gleiche Gunst der Verhltnisse
herstellen sollte, wie sie die geschlossenen Brche genieen. Die Wunde
wurde mit einem in flssige Karbolsure getauchten Lintlappen betupft,
spter sogar in ihrer Tiefe ausgewischt, zum Schlu mit einem neuen, die
Wundrnder nur wenig berragenden, in Karbolsure getauchten Lintstcke
bedeckt und dieser so lange angedrckt gehalten, bis er festhaftete. Das
Lppchen bildete mit Blut und Serum einen die Wunde verschlieenden
Schorf, der nun die Mglichkeit einer Heilung wie bei geschlossenen
Knochenbrchen darbot, wenn das verletzte Glied zugleich entsprechend
geschient worden war; aber in der Weise, da die Wunde immer leicht
zugngig blieb. Denn wenn auch _Lister_ von vornherein dem Grundsatze
huldigte, da die Wunde nach Mglichkeit in Ruhe gelassen werden msse,
so trat dieser Gesichtspunkt doch zurck gegenber der drohenden Gefahr
einer Bakterieneinwanderung, wenn bei schneller Verdunstung der
Karbolsure und Eintrocknen des Schorfes sich in letzterem Risse
bildeten, oder wenn der Lintrand sich lockerte. Um dem entgegenzutreten,
wurde der Schorf entweder tglich von neuem antiseptisch angefeuchtet,
oder Umschlge mit verdnnter Karbolsure gemacht, auch wohl, um die
Verdunstung zu verlangsamen, das ursprngliche Lintstck mit
angefeuchtetem Wachstaft (Protective silk), oder lpapier, oder endlich
mit einem dnnen, biegsamen Stcke Zinnblech oder Stanniol berdeckt.
Diese Behandlung wurde fortgesetzt, selbst wenn etwas Eiterung sich
einstellte, meistens mit dem Erfolge, da die Absonderung bald aufhrte
und die weitere Heilung ungestrt verlief.

Die Eiterbildung war hufig nur die Folge der Reizung, welche die starke
Karbolsurelsung (20-40 %) auf der Haut hervorrief. Auch zeigte sich
bald, da die bisherige Behandlung nur fr kleinere Wunden brauchbar
war, fr grere aber ihre Bedenken hatte, weil die weit berdeckte Haut
unter der tzenden Wirkung des Heilmittels zu leicht abstarb. Um das zu
vermeiden, stellte _Lister_ eine dem Glaserkitt gleichende Paste aus
Schlmmkreide und gekochtem Leinl her, der im Verhltnis von 1:4
Karbolsure zugesetzt wurde; sie war brigens von ihm schon frher bei
Abszeerffnungen benutzt worden. Diese Paste wurde, auf Zinnblech oder
Stanniol gestrichen, auf die Wunde gelegt und durch Heftpflaster
festgehalten; die Kappe sollte so geformt sein, da der Abflu der
Wundfeuchtigkeiten mglich blieb. Sehr bezeichnend ist aber des Meisters
Furcht vor einer Ansteckung der Wunde durch Luftkeime, die in seinen
Anschauungen stets eine erhebliche Rolle gespielt hat. Unter die
Zinn- oder Stanniolkappe, deren Unterseite mit dem Gemisch von Glaserkitt
und Karbolsure bestrichen ist, legt er nmlich noch ein mit Karbolsure
getrnktes Lintstck unmittelbar auf die Wunde; aber nicht, wie man
denken sollte, um ein seitliches Einwandern von Keimen zu hindern,
sondern seine Sorge richtet sich vor allen Dingen darauf, da beim
tglichen Abheben der Deckplatte jenes Lintstck nicht abgerissen oder
auch nur gelftet werde, weil ein auch nur vorbergehend freier Zutritt
der Luft den verderblichen Luftkeimen den Eingang zur Wunde erffnen
knne. Diese Sorge ist auch fr die weitere Entwicklung seiner
Behandlungsmethode magebend gewesen. Im brigen unterscheidet er
bereits in dieser frhen Periode die durch Bakterienwirkung erzeugte von
der durch chemische Mittel hervorgerufenen Eiterung.

Die zweite Gruppe von Erkrankungen, auf welche die neue Behandlung
Anwendung fand, waren die _Abszesse_. Die darber von _Lister_
angestellten Betrachtungen sind weniger grundlegend geworden, als die
Behandlung offener Knochenbrche und anderer Wunden; denn da der
Tuberkelbazillus damals noch nicht entdeckt und die infektise Grundlage
der kalten Abszesse demnach noch unbekannt war, so findet nirgends eine
Scheidung zwischen heien und kalten Abszessen statt. Die Besprechung
seiner Behandlung bezieht sich aber fast ausschlielich auf letztere,
was aus seiner Bemerkung entnommen werden kann, da im ungeffneten
Abszesse der allgemeinen Regel nach keine septischen Lebensformen
vorhanden seien. Die groen Hoffnungen, welche er an die Anwendung
seiner Methode auch bei dieser Erkrankung knpfte, haben sich freilich
bei ausgedehnterer Erfahrung nicht in dem ursprnglichen Sinne aufrecht
erhalten lassen, da zwar die Eiterabsonderung mehr oder weniger
aufhrte, aber an ihre Stelle eine Fistel mit wriger Absonderung ohne
Heilungsneigung zu treten pflegte. Immerhin hat die Methode erst die
Mglichkeit erffnet, den Verlauf einer tuberkulsen Eiterung, frei von
jeder Gefahr einer Ansteckung durch Bakterien anderer Art und Wirkung,
zu studieren und die Lebensuerungen dieser gefhrlichen Schmarotzer in
breiterem Rahmen festzustellen.

Die Erffnung der Abszesse geschah nach den gleichen Grundstzen der
Antisepsis, die oben schon dargelegt wurden. Ein Stck Zeug, in eine
Lsung von 1 Karbolsure zu 4 gekochten Leinls getaucht, wird ber den
Hautbezirk gedeckt, in welchem die Eiteransammlung erffnet werden soll,
das obere Ende von einem Gehilfen festgehalten, das untere ein wenig
gelftet, hier das zuvor in die Lsung getauchte Messer eingefhrt, durch
die Haut gestoen und sofort zurckgezogen, whrend die antiseptische
Decke sogleich wieder angedrckt wird. Der Eiter wird durch die Finger
unter dem Decklappen herausgepret und kann sich durch die
Schnittffnung hindurch frei entleeren. Nur bei strkerer Blutung oder
sehr dicker Abszewand soll man ein Stck getrnkten Lints in die
ffnung legen. ber diesen tiefsten Schutzverband kommt dann die oben
beschriebene Kappe des mit antiseptischer Paste bestrichenen Zinnblechs
oder eines Stckes Stanniol.

Wir sehen also, da der ursprngliche antiseptische Verband so
eingerichtet ist, da die obere Schicht tglich abgenommen und durch
Auftrufeln von Karbolsure auf die tieferen Schichten in seiner
Wirksamkeit immer von neuem verstrkt werden kann. Die Wundflche als
solche bleibt dabei vllig unberhrt, die Wunde heilt unter einem
antiseptischen Schorfe.

Ein weiterer, besonders bedeutungsvoller Schritt wurde durch Abnderung
und Vervollkommnung der _Unterbindungsfden_ getan. Die bisher benutzten
seidenen Fden, die in ihrem lockeren Gewebe stets eine Menge von Keimen
enthielten, riefen demgem gewhnlich Eiterung der Umgebung hervor, die
durch ihren Einflu auf die Unterbindungsstelle des Gefes und seines
aus einem oder -- bei Kontinuittsunterbindungen -- aus zwei
Blutpfrpfen bestehenden Inhaltes bei Arterien zu gefhrlichen und oft
wiederholten Nachblutungen, bei greren Venen zu pymischen
Erscheinungen infolge der Fortschwemmung keimbeladener Thrombenbrckel
zu fhren vermochte. _Lister_ sprach sich zuerst im Jahre 1867 bei noch
geringer Erfahrung ber die Mglichkeit aus, antiseptisch gemachte
Unterbindungsfden kurz abzuschneiden und sie in der Wunde zu versenken,
wo sie durch Aufsaugung oder sonstwie verschwinden mchten. Versuche an
der umfangreichen ueren Halsschlagader des Pferdes, die mit
gewhnlichen, aber zuvor mit Karbolsure durchtrnkten Seidenfden
unterbunden worden war, besttigten seine Vorstellungen; und seitdem
wurden alle seidenen Unterbindungsfden abgeschnitten und versenkt.
Zugleich machte er dabei die Erfahrung da die durch Zusammenschnrung
des Fadens absterbenden Gewebsteile keinerlei Schaden anrichten,
vorausgesetzt, da sie keimfrei bleiben. Immerhin war die durch dies
Verfahren erzielte Sicherheit noch keineswegs vollkommen und wir finden
daher den fleiigen Forscher jahrelang mit der Verbesserung des
Unterbindungsmaterials beschftigt. In der Darmsaite (Catgut), nachdem
sie eine vorgeschriebene Zeit in Karboll gelegen hatte, glaubte er im
Jahre 1870 einen allen Anforderungen gengenden Stoff gefunden zu haben,
zumal auch in der Richtung, da die kurz abgeschnittenen Fden in der
geschlossenen Wunde der Aufsaugung verfielen und deshalb auerstande
wren, spter Strungen hervorzurufen. In der Tat hat die
Karboldarmsaite lange Jahre als ein notwendiger Bestandteil des
antiseptischen Verbandes gegolten, bis auch hier die immer schrfer
einsetzende Kritik auf Grund der wachsenden Fortschritte in der
Bakterienlehre das Karbolcatgut zu Fall brachte, die Karbolsure durch
andere Stoffe ersetzte und das Verfahren vielfach nderte; bis man in
dem ewigen Kreislaufe der Dinge endlich zum seidenen Unterbindungsfaden
fast allgemein zurckgekehrt ist. Wir werden darauf weiter unten
zurckzukommen haben.

Inzwischen nehmen wir den Faden der weiteren Entwicklung des
eigentlichen antiseptischen Verbandes wieder auf, dessen verschiedene
Abnderungen wir nur kurz zu berhren brauchen, da sie eine dauernde
Bedeutung nicht gewonnen haben. Die beiden Ziele, welche _Lister_
verfolgte, waren einerseits die Verhinderung einer fortgesetzten
Berhrung der Karbolsure mit der Wunde, durch welche erfahrungsgem
eine bermige Heizung und Absonderung hervorgerufen wurde, anderseits
der sichere Abschlu der Wunde gegen Luftkeime. Dazu kam allmhlich das
Bestreben, den tglichen Wechsel der oberen Verbandschichten behufs
ihrer neuen Durchtrnkung mit Karbolsure zu vermeiden, also einen
_Dauerverband_ herzustellen, unter dem wenigstens mehrere Tage lang die
Wunde vor einer Infektion gesichert sein konnte. Das erstgenannte Ziel
suchte er nun zeitweilig auch auf _dem_ Wege zu erreichen, da er die
Karbolsure durch ein anderes Mittel, das Chlorzink, zu ersetzen
anstrebte; allein so wertvoll sich dieses bei Wunden erwies, die nicht
sicher aseptisch zu halten waren, wie solche der Zunge und des
Oberkiefers, so blieben doch fr alle anderen die Eigenschaften der
Karbolsure unerreicht Die Schlmmkreide als Trgerin des antiseptischen
Mittels ersetzte er eine Zeitlang durch Bleipflaster, dem die
Karbolsure und etwas Wachs beigemischt waren. Darber legte er ein mit
wriger Karbolsurelsung getrnktes Stck Kaliko, welches wiederum von
einem breiten Bleipflasterstreifen festgehalten wurde. Allein als sich
zeigte, da durch die wrige Lsung die Pflastermasse erweicht und
allmhlich die Sicherheit der Wunde gefhrdet wurde, vertauschte er das
Bleipflaster mit einem Schellackpflaster, welches spter noch von einer
schwachen Lsung von Guttapercha in Schwefelalkohol berpinselt wurde,
um das unangenehme Ankleben des Schellacks an die Haut zu vermeiden. Ein
solcher Verband wurde dann bei einer frischen Wunde (offener
Knochenbruch) in folgender Schichtenfolge angelegt: Einspritzung einer
reichlichen Menge wriger 20%iger Karbolsurelsung in die Wunde,
Verbreitung derselben durch Druck und Wiederentfernung eines Teils durch
Streichen und Drcken; Auflegen eines antiseptisch befeuchteten Stckes
Zinnblech dessen Bedeckung mit einem weit berragenden Stcke
Schellackpflaster darber ein zusammengefaltetes Verbandstck, von
liger Karbolsurelsung 1:4 durchtrnkt, endlich Pappschienen, die den
Knochenbruch sicherten. Die gelte berlage wurde alle 24 Stunden
erneuert, blieb aber vom 3. Tage an liegen und wurde nur noch mit
Karboll berstrichen.

Hatte sich das geschilderte Verfahren auch auf das beste fr einfachere
Verwundungen bewhrt, so ntigte doch die Vielgestaltigkeit der
Verletzungen zu immer neuen Manahmen. Insbesondere waren es die durch
Operation erzeugten Wunden, die zu besonderen Vorsichtsmaregeln
zwangen, um von dem Kranken jede schdliche Einwirkung fernzuhalten. So
entstanden neue Vervollkommnungen, die der Unermdliche in seinem
Vortrage gelegentlich der 39. Jahressitzung der British Medical
Association zu Plymouth im August 1871 besprach. Als die unverrckbare
Grundlage seiner Methode sieht er nach wie vor _Pasteurs_ Versuche an,
die er selbstttig fortsetzte und ergnzte. So erweiterte er den auf
S. 20 geschilderten Versuch _Pasteur-Chevreuils_ in folgender Weise: An
vier, zum Teil mit frischem Harn gefllten Flaschen zog er bei dreien
den Hals lang aus mit mehrmaligen winkligen Knickungen, whrend er den
der vierten Flasche noch enger machte, aber kurz und senkrecht stehen
lie. Dann wurde der Inhalt aller vier Gefe 5 Minuten lang gekocht und
unverschlossen weggestellt. In dem Behlter mit geradem Halse
entwickelten sich schon nach wenigen Tagen ein Pilzrasen und Zersetzung,
whrend der Urin der drei anderen Flaschen noch nach 4 Jahren
unverndert war. Mit Recht deutet _Lister_ den Versuch dahin, da die in
alle vier Gefe gleichmig ein- und ausstrmende Luft ihre Keime an
den Winkeln absetze, whrend diese durch den zwar engen, aber geraden
Hals ohne Hindernis zur Flssigkeit gelangen. Auch physikalisch konnte
diese Annahme besttigt werden, indem sich zeigte, da die in den
Flaschen enthaltene Luft optisch leer, d. h. ohne alle Staubteilchen
war.

Auf dieser Grundlage baute er an der Vervollkommnung seiner
Behandlungsmethode unentwegt weiter. Bei seinen Versuchen hatte er die
Entdeckung gemacht, da die durch Watte hindurchstrmende Luft ihres
Gehaltes an Staub und Keimen entkleidet wurde; demgem spielte auch die
antiseptische Watte in seinen spteren Verbnden eine hervorragende
Rolle. Im brigen gibt er ber den dermaligen Stand seiner Manahmen
einen Bericht, dem noch die weiteren Verbesserungen bis zum Jahre 1874
eingefgt werden sollen.

Als neu ist der Zerstuber (Spray) eingefhrt, ein mit verdnnter
Karbolsure geflltes Glas, dessen Inhalt durch ein Geblse mit
doppeltem Gummiballon in Form eines Dunstkegels ausgeworfen wurde und
den Zweck hatte, die whrend einer Operation anzulegende Wunde vor dem
Eindringen von Luftkeimen zu schtzen. Zuvor wurde die Oberhaut
antiseptisch befeuchtet und die zum Gebrauche bestimmten Gerte, sowie
alle Schwmme zum Reinigen der Wunden in eine Karbolsurelsung
getaucht, deren Strke eine Zeitlang bis auf 1:100 heruntergegangen war,
spterhin aber wieder auf 1:40 = 2 % oder selbst auf 5:100 erhht wurde.
Wunden, die erst lngere Zeit nach der Verletzung zur Behandlung kamen,
wurden mit einer noch strkeren Lsung, nmlich 1:5 Weingeist,
gewaschen.

Schon seit 1870 stellte sich das Bedrfnis heraus, bei genhten und
unregelmigen Wunden fr den Abflu der Wundabsonderungen zu sorgen.
Das geschah zunchst durch Einfhrung eines in Karboll getauchten
Lintstreifens, der spter durch Gummirhrchen, endlich durch aufsaugbare
Drains ersetzt wurde.

So hatte sich denn der eigentliche Wundverband seit jenem Jahre zum
antiseptischen Dauerverbande entwickelt. Er bestand aus einem
grobmaschigen Baumwollengewebe, dem antiseptischen Mull, der in eine
Mischung von Karbolsure 1, Harz 5 und Paraffin 7 eingetaucht, dann
zwischen zwei Rollen ausgepret und getrocknet wurde. Auf diese Weise
erreichte man die vllige Durchtrnkung der Fden, die Maschen des
Gewebes aber blieben offen. Das Harz sollte die antiseptische
Flssigkeit lngere Zeit festhalten, der Paraffinzusatz das nachteilige
Ankleben verhindern. Der Verband wurde in folgender Weise angelegt:
Unter fortgesetzter Karbolzerstubung legte man auf die offene oder
genhte Wunde ein Stck Schutzhlle (Protective silk), d. h. ein Stck
undurchlssigen Stoffes von dem Umfange der Wunde, um diese vor der
fortdauernden Reizung durch die Karbolsure des Verbandes zu schtzen.
Darber kam eine achtfache Lage des antiseptischen Mulls, die Wundrnder
weit berragend, zwischen dessen zwei obersten Lagen wiederum ein Blatt
guten, wasserdichten Stoffes (Mackintosh-Zeug) eingefgt war. Das Ganze
wurde spter, wenigstens in Deutschland, gewhnlich noch mit einer
Schicht antiseptisch gemachter, trockener Watte berdeckt, die
Verbandstcke durch eine darbergelegte Binde, entweder aus dem gleichen
antiseptischen Mullstoffe, oder mit steif werdenden Gazebinden
befestigt. Auf letztere hat spter _Volkmann_ einen besonderen Wert
gelegt, da sie eine Art von Schienung darstellten, welche die Bewegungen
des verletzten Krperteiles einschrnkte. -- Die beschriebene Anordnung
hatte den Zweck, einesteils die Wunde vor jeder Reizung zu schtzen,
andernteils die Wundflssigkeiten zu einem weiten Wege durch die
Verbandstoffe zu zwingen, ehe sie an der Oberflche erschienen. Geschah
dies, so mute der Verband sofort gewechselt werden, entweder ganz oder
wenigstens in den oberen Schichten; dagegen konnte er bei nur geringer
Absonderung zuweilen 8 und selbst 14 Tage liegen bleiben, so da die
Heilung nicht selten unter einem einzigen Verbande ganz oder doch zum
grten Teile erfolgte.

Die Karbolsure wurde damals fast ausschlielich in wriger Lsung
benutzt; nur selten kamen noch lige Lsungen oder Chlorzink zur
Anwendung.

Der hier beschriebene Verband ist lange Jahre unter dem Namen des
_Lister_schen _Verbandes_ gegangen. Die deutsche Sprache wurde sogar
um ein Zeitwort bereichert, indem man die Anwendung der Methode mit dem
Worte listern bezeichnete. Ihre Beschreibung drfte den Beweis
geliefert haben, da _Lister_ vllig im Rechte war, als er gegen die
Gleichstellung seines Verfahrens mit der alten Anwendung antiseptischer
Mittel auf Wunden Verwahrung einlegte. Es gewhrt einen nicht geringen
sthetischen Genu, die in allen Einzelheiten fein ausgeklgelte Methode
in ihren Entwicklungsstufen zu verfolgen; nicht minder aber, zu sehen,
mit welcher wachsenden Zuversicht der edle, ganz seinen Zielen sich
hingebende Mann das Wesen und die Wirksamkeit seiner Behandlung darlegt
und mit welcher nachdrcklichen, aber trotzdem bescheidenen Weise er von
deren Erfolgen spricht.

                     *       *       *       *       *

Man htte denken sollen, da ein wissenschaftlich so sorgfltig
vorbereitetes, bis ins kleinste durchdachtes Behandlungssystem mit
seinen schon damals glnzenden Ergebnissen, wie sie von _Lister_
bruchstckweise mitgeteilt wurden, sich die Welt im Fluge htte erobern
mssen. Davon war indessen auf lange hinaus nichts zu verspren. Der
vllige Bruch mit den hergebrachten Anschauungen und berlieferungen,
die menschliche Trgheit, welche es verschmht, sich in Gedankengnge
hineinzuarbeiten, denen gegenber von vornherein ein gewisses Mitrauen
erwacht, der bequeme Schlendrian des bisherigen Verfahrens, die
teilweisen Mierfolge der ersten halben Versuche und die Furcht, zu
schaden, die hufigen Abnderungen der Methode, endlich hier und da Neid
und Migunst: alles das kam zusammen, um den Siegeslauf der neuen
Gedanken in einer Weise zu migen, da man bei der Rckschau in jene
Zeit fast vor einem Rtsel steht. In England, zumal in Schottland, und
sogar in der nchsten Umgebung _Listers_ verhielt man sich ablehnend,
bestenfalls abwartend. Von seinen chirurgischen Kollegen (Namen wie
_Watson_, _Spence_, _Annandale_) in der alten Infirmary zu Edinburgh, wo
jener seine klinische Abteilung hatte, war noch im Jahre 1876 kein
einziger ber die ersten schchternen Versuche hinausgelangt; meistens
verhielten sie sich gleichgltig oder gar feindlich. Und noch lange
darber hinaus bewhrte sich das Wort, da der Prophet in seinem
Vaterlande nichts gilt; denn die grere Menge der englischen Chirurgen
folgte erst nach, als der Ruhm des Landsmannes im Auslande bereits fest
begrndet war.

Noch viel lnger freilich als in England dauerte der Widerstand in
Frankreich. Nicht zum wenigsten trug hierzu der nationale Widerwille
gegen eine Neuerung bei, die alle Errungenschaften der bis dahin
fhrenden franzsischen Chirurgie umzuwerfen oder auf den Kopf zu
stellen drohte. Im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts war Frankreich
fast unbestritten das Land des chirurgischen Fortschritts gewesen,
obwohl hervorragende Geister in England wie in Deutschland wiederholt
den Versuch gemacht hatten, ihre Wissenschaft von der geistlosen und
unselbstndigen Bewunderung des Fremden zu befreien und ihr ein mehr
vlkisches, auf gesunder Kritik beruhendes Geprge zu geben. Solche Wege
waren, freilich ohne allzu groe Erfolge, schon von _August Gottlieb
Richter_ und _Vinzenz v. Kern_, spterhin mit grerem Nachdrucke von
_Karl Ferdinand v. Grfe_, C. F. _Dieffenbach_ und _Bernhard v.
Langenbeck_ eingeschlagen worden; aber die hohe Stellung der
franzsischen Chirurgie, der Einflu insbesondere der Schule von Paris
auf das Urteil der deutschen rzte blieb dennoch fast unerschttert. So
begreift sich seelisch die Abneigung der Franzosen gegen die Neuerungen
aus einem Lande, welches man damals noch als Sitz des Erbfeindes zu
betrachten niemals aufgehrt hatte. Freilich hat die franzsische
Chirurgie ihr sehr langes Zgern mit der zeitweilig starken Verminderung
ihres Ansehens bezahlen mssen, obwohl sie spterhin in glnzendem
Aufschwunge ihre Fehler gutzumachen, das Versumte einzuholen verstand.

Indessen soll es nicht unsere Aufgabe sein, diese Entwicklung in England
und Frankreich, bald auch in allen anderen europischen Lndern und in
Amerika zu verfolgen; vielmehr mssen wir uns damit begngen, den
Umschwung zu schildern, wie er sich in Deutschland vollzog. Denn
Deutschland ist das Land, dem _Lister_ seine ersten groen Erfolge in
allgemeiner Anerkennung verdankt, wie er selber es wiederholt
ausgesprochen hat. Die Hoffnung, der er in einer Julinacht des Jahres
1874 in Edinburgh dem jungen Dozenten _Otto Madelung_ gegenber bewegten
Herzens Worte lieh, da seine jungen auslndischen Schler, insbesondere
die deutschen, ihm helfen wrden, alle die Widerstnde zu berwinden,
die ihm in seiner nchsten Umgebung, wie in ganz England, auf Schritt
und Tritt begegneten, ist denn auch nicht getuscht worden.




                           _Dritter Abschnitt._

    Der Einzug der antiseptischen Behandlung in die deutsche Chirurgie.
                     Die Asepsis. Das Langenbeckhaus.




                               Kapitel VI.

  Einfhrung und Ausbau der antiseptischen Wundbehandlung in Deutschland.


Schon die erste Arbeit _Listers_: ber ein neues Verfahren, offene
Knochenbrche und Abszesse zu behandeln, mit Beobachtungen ber
Eiterung, vom Jahre 1867 war in Deutschland nicht unbeachtet geblieben;
allein der einzige Gewinn, den man daraus zog, beruhte in der Annahme,
da die Karbolsure in liger, spter auch in wriger Lsung ein
vortreffliches Verbandmittel sei. Nur wenige deutsche Chirurgen wagten
sich einen Schritt weiter, indem sie an die Stelle der Charpie
_Listers_ Karbolpflaster zur Bedeckung der kleinen Wunden bei
Durchstechungsfrakturen setzten. Im Deutsch-Franzsischen Kriege von
1870/71 spielten die Karbollsungen in l oder Wasser eine groe Rolle;
da man sie aber nur zur Anfeuchtung von Charpie beraus zweifelhafter
Herkunft benutzte, so rochen zwar die Dauerlazarette innen und auen
stark nach dem Verbandmittel, aber fr die Heilung und das Wohlergehen
der Kranken war damit nichts gewonnen. Die Wundkrankheiten forderten
demnach in den berfllten Kriegslazaretten ebenso regelmig ihre
Opfer, wie dies in alten, verseuchten Krankenhusern des Friedens bisher
der Fall gewesen war. Auf das eigentliche Wesen der antiseptischen
Wundbehandlung war bisher niemand eingegangen.

Ein Umschwung trat erst ein, als der Stabsarzt A. W. _Schultze_, ein
Schler der _Bardeleben_schen Klinik in der Berliner Charit, in der
Sitzung der Militrrztlichen Gesellschaft vom April 1872 einen Vortrag
ber _Listers_ antiseptische Wundbehandlung hielt, als Frucht einer
Studienreise, die er im Oktober 1871 durch Deutschland, Belgien, Holland
und England bis Edinburgh unternommen hatte. Dieser Vortrag erschien im
Februar 1873 in _Volkmanns_ Sammlung klinischer Vortrge. In klarer und
umfassender Weise ging _Schultze_ auf die Idee ein, welche dem ganzen
Verfahren zugrunde lag und schilderte letzteres in allen Einzelheiten so
genau, da fortan die Verbreitung einer grndlichen Kenntnis bei allen
deutschen Chirurgen mindestens angebahnt wurde. Der schnelle Aufschwung
indessen, welchen die _Lister_schen Lehren von nun an in Deutschland
erfuhren, wrde gar nicht zu verstehen sein ohne die Bercksichtigung
jenes groen, nunmehr zu besprechenden Ereignisses, durch welches die
deutsche Chirurgie in den Stand gesetzt wurde, binnen wenigen Jahren die
fhrende Stelle in den Wettbestrebungen zur Verbesserung des Loses
verwundeter und erkrankter Menschen zu bernehmen.

Auf eine von _Gustav Simon_ schon im Herbste des Jahres 1871 erfolgte
Anregung erlieen nmlich im Mrz 1872 _Bernhard v. Langenbeck_
(Berlin), _Gustav Simon_ (Heidelberg) und _Richard Volkmann_ (Halle) ein
Rundschreiben, welches die Aufforderung zur _Grndung einer Deutschen
Gesellschaft fr Chirurgie_ und zur Abhaltung eines Kongresses in Berlin
in den Tagen vom 10. bis 14. April enthielt. Man hatte sich zuvor der
Zustimmung einer greren Anzahl deutscher Chirurgen versichert,
zunchst aber noch keine Satzungen entworfen, vielmehr nur in
allgemeinen Umrissen die Ziele bezeichnet, denen man zustrebte. Die
Ausarbeitung der Satzungen blieb einem Ausschusse vorbehalten, der in
der ersten Sitzung des Kongresses gewhlt werden sollte. Der Kongre
wurde am 10. April 1872 im Htel de Rome zu Berlin unter dem Vorsitze v.
_Langenbecks_ erffnet, der bei der Wahl des Vorstandes Vorsitzender
blieb. Eine glcklichere Wahl htte nicht getroffen werden knnen, um
das neue Unternehmen ber die ersten Schwierigkeiten hinweg in geordnete
Bahnen berzufhren. Der gleich vielen groen Deutschen einem
evangelischen Pfarrhause entsprossene, im hannverschen Horneburg
geborene Wundarzt stand damals mit seinen 61 Jahren auf der Hhe seines
Ruhmes. Aber es waren nicht allein seine Stellung als Leiter der
angesehensten Universittsklinik Deutschlands, nicht nur seine hohe
wissenschaftliche Bedeutung, welche die Wahl auf ihn lenkten, sondern
mindestens in gleichem Mae die Eigenschaften seines Krpers und
Charakters. Der kaum mittelgroe zierliche Mann mit vollem, grauem,
leicht gewelltem Haupthaar hatte in Haltung, Bewegung und Rede etwas so
ungesucht Vornehmes, da er auch unter vielen sofort die bewundernden
Blicke auf sich zog. Dazu kam sein stets verbindliches und mavolles
Wesen, welches auch kleinen Geistern gegenber niemals sein bergewicht
hervorkehrte. Mit Recht nennt ihn der im Zentralblatte fr Chirurgie
nach seinem Tode erschienene Nachruf den ersten und edelsten Chirurgen
seiner Zeit. Ein Mann mit solchen Eigenschaften war der geborene
Vorsitzende der von ihm gegrndeten Gesellschaft und seine
alljhrliche Wiederwahl erschien trotz seinem Widerstreben als eine
Selbstverstndlichkeit, auch als er im Jahre 1881 auf sein Amt als
Leiter der Klinik verzichtete und seinen Wohnsitz nach Wiesbaden
verlegte. Erst mit dem Kongre von 1885 trat er endgltig zurck,
nachdem die Gesellschaft ihn zum Ehrenmitgliede ernannt hatte. Im
folgenden Jahre war die Leitung zum erstenmal in anderen Hnden, da
R. v. _Volkmann_ zum ersten Vorsitzenden gewhlt worden war; aber keiner
der Nachfolger _Langenbecks_ auf dem Stuhle des Vorsitzenden hat es zu
hnlicher stillschweigender Anerkennung seines Wesens gebracht, wie sie
jenem entgegengetragen wurde.

Schon die dritte Sitzung des ersten Kongresses wurde nicht mehr im
Rmischen Hofe, sondern in der chirurgischen Universittsklinik
abgehalten; von da an bis zum Jahre 1891 stand der Gesellschaft die
alte Aula im Universittsgebude zur Verfgung. Die bersiedlung in ein
eigenes Heim soll spter erzhlt werden.

Die Gesellschaft zhlte im Erffnungsjahre 130 Mitglieder, von denen 81
sich am Kongresse beteiligten. Dem Ausschusse gehrten auer dem
Vorsitzenden an: _Viktor v. Bruns_ als stellvertretender Vorsitzender,
_Volkmann_ und _Gurlt_ als Schriftfhrer, _Trendelenburg_ als
Kassenfhrer. Die Vermehrung der Mitglieder erfolgte in den ersten 10
Jahren des Bestehens in einem keineswegs berstrzten Zeitmae; vielmehr
war auf dem X. Kongre von 1881 erst die Zahl 287 erreicht. Seitdem aber
begann ein so schnelles Ansteigen, da im Jahre 1900 das erste, 10 Jahre
spter bereits das zweite Tausend berstiegen war. Von den
Schwierigkeiten, welche dadurch fr die Unterbringung der Teilnehmer an
den Kongressen, fr die Geschftsfhrung und die Verstndigung der
Mitglieder untereinander erwuchsen, soll spter gesprochen werden; doch
wird man ohne bertreibung sagen knnen, da die ersten 15 Jahre die
glcklichsten der Gesellschaft gewesen sind, da die kleine Zahl allen
Mitgliedern Gelegenheit zu persnlicher und freundschaftlicher
Annherung bot, durch welche manche Schrfe in den Verhandlungen
vermieden wurde. Und doch gab gerade jene Periode, in der um die
Einfhrung der Antisepsis zuweilen erbitterte Kmpfe ausgefochten
wurden, Gelegenheit genug zu Reibungen aller Art. Niemals wieder hat
spterhin eine gleich bewegte, fast begeisterte Teilnahme an den
Verhandlungen stattgefunden, wie damals, als ein groes Ziel des
Strebens erst in den Umrissen gezeigt, aber noch nicht erreicht war.

                     *       *       *       *       *

Wenden wir uns nun wiederum der Art und Weise zu, in welcher die neuen
Lehren Boden suchten und fanden, so mssen wir vor allen Dingen eines
Mannes gedenken, der mit fast jugendlicher Begeisterung -- er war damals
42 Jahre alt -- sie ergriff und in stetem, oft beraus lebhaft gefhrtem
Kampfe, in welchem sein Geist, seine dichterische Begabung, sowie seine
Meisterschaft in der Beherrschung der Sprache ihm die schrfsten Waffen
liehen, die widerstrebende Masse der rzte und Chirurgen allmhlich zu
berzeugen und fortzureien wute. _Richard Volkmann_, dem mittelgroen,
zierlich gebauten, beweglichen Manne mit den stahlblauen Augen, dem
rtlichen Haupthaare und dem das Kinn freilassenden roten Backenbarte,
verdankt die deutsche Chirurgie die frhzeitige Erkenntnis des Wertes
der neuen Behandlung, fr die er seine ganze Persnlichkeit einlegte.
Der Leipziger Professorensohn war in der Tat der rechte Mann zur
Durchfhrung einer solchen Aufgabe, fr welche ihm neben seiner
berragenden Klugheit ein schneidender Sarkasmus, der selbst in
unverhllte Derbheit bergehen konnte, zu Gebote standen. So geschah es
denn, da er bis zu seinem im Jahre 1889 erfolgten Tode nahezu
unbestritten der Fhrer der deutschen Chirurgen auf dem Gebiete der
Wundbehandlung gewesen ist, die alle, einige sehr frh, die meisten erst
spt, seinen Spuren gefolgt sind.

_Volkmann_ hatte in seiner Klinik zu Halle, die auerordentlich
ungnstige hygienische Verhltnisse darbot, bisher die offene
Wundbehandlung gebt, in Verbindung mit einer regelmigen Waschung der
Wunden durch Lsungen von bermangansaurem Kali, Chlorkalk, spter
Karbolsure. Bei der bergroen Zahl schwerer Verletzungen, die in dem
kleinen, berfllten Krankenhause mit 50 Betten zuweilen bis zu
45 v. H. aller Aufnahmen betrugen, verschlechterten sich aber die
Verhltnisse in einem Mae, forderten die Wundkrankheiten so hohe Opfer,
da er im Sommer 1871 nahe daran war, die vorbergehende Schlieung der
Anstalt zu beantragen. Nur aus dem Gesichtspunkte einer lstigen, aber
unabweislichen Pflichterfllung begann er Ende November 1872 die Prfung
der _Lister_schen Methode, in der bestimmten berzeugung, da es sich
nur um einen wenige Wochen dauernden, vergeblichen Versuch handeln
wrde. Die Ergebnisse aber, welche er unter genauer Befolgung aller
Vorschriften erzielte, waren so verblffend, da er nicht wieder davon
abkam. Am 10. April 1874, den wir mit _Madelung_ als einen denkwrdigen
Tag in der Geschichte der deutschen Chirurgie ansehen mssen, hielt er
auf dem III. Kongre einen Vortrag: ber den antiseptischen
Okklusionsverband und seinen Einflu auf den Heilungsproze der Wunden,
in welchem er seine seit 15 Monaten gesammelten Erfahrungen besprach.
Der Vortrag ist in seinen im Jahre 1875 erschienenen Beitrgen zur
Chirurgie ausfhrlich wiedergegeben. Eigentmlich berhrt in ihm die
groe Vorsicht, mit der der Redner sich gegen den Gedanken einer
unbedingten Annahme der wissenschaftlichen Grundlage der Antisepsis,
nmlich der bakteriellen Entstehung von Eiterung und Wundkrankheiten,
verwahren zu mssen glaubt. Es braucht keineswegs angenommen zu werden,
da auch in diesem klaren Kopfe die Idee der Urzeugung der Keime, welche
bei englischen rzten damals noch eine erhebliche Rolle spielte,
mitgewirkt habe; immerhin hielt er es fr geboten, die einfache Tatsache
einer stark vernderten, besseren Wundheilung hinzunehmen, ohne sich
durch eine bisher noch umstrittene Theorie die Hnde binden zu lassen.
Dagegen sprach er es unumwunden aus, da mit den neuesten _Lister_schen
Abnderungen seines Verbandes noch nicht das letzte Wort gesprochen sein
knne. Insbesondere hoffe er, da die Benutzung der Karbolsure, eines
fatalen und nicht einmal ungefhrlichen Mittels, mglichst bald wieder
aus der Chirurgie verschwinden werde. Darin hat er sich nicht getuscht.

Seit jenem Tage ist die Frage der allgemeinen Wundbehandlung mehr als
25 Jahre lang in den Tagesordnungen der Chirurgenkongresse zu finden
gewesen; denn die Deutsche Gesellschaft fr Chirurgie war das Manometer,
welches die Hebungen und Senkungen der Anschauungen stets getreulich
aufzeichnete.

Mit gleichem Eifer wie die Entwicklung der Verbandtechnik behandelte sie
aber auch dessen wissenschaftliche Grundlage, so sehr ablehnend sich
_Volkmann_ zunchst auch dagegen verhielt. Wir sind daher gentigt, auf
das Aufkommen und den Ausbau der _Bakterienkunde_, soweit sie einen
unmittelbaren Einflu auf die Chirurgie ausgebt hat, einen
zusammenfassenden Rckblick zu werfen.

                     *       *       *       *       *

Auf S. 19 ist bereits erzhlt worden, wie _Schwann_ als erster alle
Zersetzungsvorgnge auf Luftkeime zurckfhrte und wie zahlreiche
Nachfolger er fr seine Anschauungen fand. Aber trotz allem Geist und
Scharfsinn, mit denen diese Theorie vorgetragen, verfochten und durch
uerst sinnreiche Versuche besttigt wurde, blieb sie fr die Lehre von
der Entstehung der Wundkrankheiten dennoch zunchst unfruchtbar. Der
Grund dafr lag in der schon 1840 von _Henle_ beklagten Unfhigkeit,
die Erreger der Zersetzung, in denen er kleinste Pflanzen vermutete,
auch dem bewaffneten Auge sichtbar zu machen. Zwar hatte _Lister_ die
Pilzrasen auf einem entsprechenden Nhrboden zu zchten und die Art
ihres Wachstumes zu beobachten gelernt; aber auch damit war man ber den
allgemeinen Begriff der Keime nicht hinausgekommen.

An diesem toten Punkte erschien die Hilfe in Gestalt der seit dem Jahre
1855 durch J. v. _Gerlach_ eingefhrten Frbemethoden, durch welche es
mglich wurde, einzelne Gewebe und Gewebsteile derart mit einem
Farbstoffe zu trnken, da sie im mikroskopischen Bilde mit Leichtigkeit
von den Nachbargeweben unterschieden werden konnten. Allerdings dauerte
es noch mehr als zwei Jahrzehnte, ehe man auch die pflanzlichen
Schmarotzer zu frben und dem Auge sichtbar zu machen lernte; aber schon
die in die gleiche Zeit fallende Verbesserung und Vervollkommnung der
Mikroskope hatte die Forscher zu allerlei beachtenswerten Entdeckungen
gefhrt. So hatte _Rindfleisch_ schon im Jahre 1866 das Vorkommen von
Bakterien in den Organen der an Wundinfektionskrankheiten Gestorbenen
nachgewiesen, was durch _Waldeyer_ und v. _Recklinghausen_ 1871
besttigt wurde. Im gleichen Jahre beschrieb _Klebs_ das Microsporon
septicum als den Erreger der Eiterung und Gewebsfulnis, indem er unter
jenem Namen die Stbchen- und Kugelbakterien zusammenfate, wie es vor
ihm schon _Karl Hter_ mit seinen Monaden getan hatte. Dagegen stellte
sich _Billroth_ in seiner sehr umfangreichen und fleiigen, der
Deutschen Gesellschaft fr Chirurgie gewidmeten Arbeit ber die
Vegetationsformen der Coccobacteria septica (1874) auf einen wesentlich
verschiedenen Standpunkt. Auch er fand solche, zuweilen ungemein
voneinander abweichende Vegetationsformen, die er einheitlich unter
jenem Namen zusammenfate, zwar in allen grenden und faulenden
Flssigkeiten und eiternden Geweben, sah sie aber nicht als die Ursache
der Zersetzung an, sondern lie diese aus der akuten Entzndung der
Gewebe hervorgehen. Erst eine solche fhre zur Bildung eines
phlogistischen Zymoids, welches einen sehr gnstigen Nhrboden fr die
Entwicklung von Kokkobakterien darstelle. -- Eine so geschraubte Deutung
wird nur erklrlich, wenn man bercksichtigt, da _Billroths_ an sich
vortreffliche Bakterienbilder doch smtlich ohne Frbemittel gewonnen
sind und da, mit dem Fehlen der Unterscheidung bestimmter Arten, auch
eine experimentelle Prfung der Lebensvorgnge noch nicht hatte
angebahnt werden knnen.

Wenn auch die brigen Forscher sich mehr und mehr der von _Rindfleisch_,
_Klebs_ und _Karl Hter_ vertretenen Auffassung zuneigten, da die in
den Wundflssigkeiten vorhandenen pflanzlichen Schmarotzer als Erreger
der Wundkrankheiten anzusehen seien, so konnte man doch so lange nicht
weiterkommen, als alle diese Lebewesen einheitlich betrachtet wurden;
denn bis dahin war es weder mglich, die verschiedenen Formen
systematisch zu ordnen, noch ihre Lebensuerungen in nutzbringender
Weise zu verfolgen. Fr die Notwendigkeit einer Scheidung sprachen sich
zwar einzelne Botaniker wie Pathologen aus; aber nachhaltig gelang dies
erst durch die bahnbrechende Arbeit _Robert Kochs_ ber die tiologie
der Wundinfektionskrankheiten (1878). _Koch_, der als erster in
umfangreicher Weise mit Frbemitteln und Tierversuchen arbeitete und der
die in den verschiedenen Wundkrankheiten vorkommenden Bakterien einer
genauen, durch Reinkulturen untersttzten Untersuchung unterwarf, kommt
zu dem Schlu, da die verschiedenen Formen der krankheitserzeugenden
Keime als verschiedene, unabnderliche Arten anzusehen seien. Hiermit
trat er dem grten Teile der Botaniker, die, wie vor allen anderen
_Ngeli_ in Mnchen, auf dem Standpunkt standen, da keinerlei Ntigung
vorliege, um auch nur _zwei_ spezifische Arten voneinander zu
unterscheiden, mit voller Schrfe entgegen. Neben den Studien ber
Septichmie, Pymie, Erysipelas, Gewebsnekrose und fortschreitende
Abszebildung bei Tieren gab _Koch_ auch eine solche ber den Milzbrand
und dessen Erreger, die seitdem in allen ihren Teilen besttigt worden
ist.

Die _Koch_schen Untersuchungen und Methoden sind die Grundlagen der
neueren Bakteriologie geworden und haben eine ganze Reihe der
wichtigsten und weittragendsten Entdeckungen herbeigefhrt. --

Wie bereits erwhnt, beschftigte sich die Deutsche Gesellschaft fr
Chirurgie von Anfang an auch mit der _Bedeutung der Bakterien fr die
praktische Chirurgie_. Schon auf dem ersten Kongre wurde ein Schreiben
_Wilhelm Rosers_ (Marburg) verlesen, in welchem er sich ber den
Pymiepilz, ber das Sepsin und das Microsporon septicum ausspricht
und fr die Forschung und Fragestellung auf diesem Gebiete einige Winke
gibt. Auf dem zweiten Kongre von 1873 trat _Ernst Bergmann_ (Dorpat),
der spter fr die deutsche Chirurgie eine erhebliche Bedeutung gewinnen
sollte, mit einem experimentellen Beitrage zu der Lehre von den
septischen Entzndungen in die Reihe der Redner, in welchem er nachwies,
da bakterienhaltige Flssigkeiten in tierische Gewebe eingespritzt,
tdliche septische Lungenentzndungen hervorzurufen vermchten. Wie alle
solche Fragen verlief auch die Besprechung des _Bergmann_schen Vortrages
nicht ohne starken Widerspruch. -- Auf demselben Kongresse behandelte
_Martini_ (Hamburg) einen verwandten Gegenstand, die Mikrokokkenembolien
innerer Organe und die durch sie hervorgerufenen Vernderungen der
Gefwand. Auch auf den nchsten Kongressen setzte sich das Fr und
Wider der Anschauungen ber die beiden Hauptfragen: Ob die Bakterien die
Wundkrankheiten erzeugen, oder sie wenigstens untersttzen, sowie ob die
in zersetzten Geweben gefundenen Pflnzchen als einheitliche Art
aufzufassen seien oder nicht, unverndert fort. Die Stellung, welche
infolge der bis zu den _Koch_schen Entdeckungen immer noch sehr
unvollkommenen Untersuchungs- und Beobachtungsmethoden ein groer Teil
der Kongremitglieder im Gegensatz zu zahlreichen Rednern einnahm,
kennzeichnete sehr gut eine uerung des geistvollen Humoristen der
Gesellschaft _Karl Thiersch_ aus Leipzig, der auf einem spteren Kongre
am Schlusse einer langen und erregten Debatte seine eigenen Bemerkungen
mit den Worten schlo: Mein Herz zieht mich zu den Bakterien, aber mein
Verstand sagt: Warte noch!

Die _Koch_schen Arbeiten, seine Reinkulturen der einzelnen
Bakterienarten, die er nicht nur nach ihrer Form, sondern auch nach
ihrem biologischen Verhalten unterscheiden lehrte, seine Frbemethoden
fr mikroskopische Untersuchungen, endlich seine Wiedergabe der
gefrbten Pflnzchen in Lichtbildern fhrten berall einen mchtigen
Ansto zur Beschftigung mit den neuen Erkenntnissen herbei und wirkten
in hohem Mae klrend. Grundlegend fr die weitere Entwicklung der
Chirurgie wurden insbesondere die Mitteilungen aus dem Kaiserlichen
Gesundheitsamte 1881, Bd. I., in denen die beiden Aufstze R. _Kochs_:
Zur Untersuchung von pathogenen Organismen und: ber Desinfektion
von hchster Bedeutung waren, nicht weniger auch die seiner Mitarbeiter
_Georg Gaffky_, _Friedrich Lffler_ und vieler anderer. Mit einem
Schlage waren alle Zweifel gelst und nur ganz vereinzelt erhoben sich
noch Stimmen gegen die Artverschiedenheiten der Bakterien, oder gegen
ihre Auffassung als Krankheitserreger; und wenn auch die oft sehr
verschlungenen und verdeckten Wege der Krpervergiftung im einzelnen
nicht ohne weiteres klar zutage traten, so setzte doch nunmehr auf allen
Gebieten eine so rstige Forschungsarbeit ein, da die Umrisse der die
Chirurgie angehenden Bakterienkrankheiten in wenigen Jahren gezeichnet
waren. Die Ausfllung des Rahmens freilich machte noch manche mhevolle
Untersuchung und eine durch die bisherigen Forschungen geschrfte
Beobachtung am Krankenbette notwendig.

Diese Bemerkungen treffen auch auf die beraus wertvollen Arbeiten zu,
welche im Jahre 1884 im II. Bande der Mitteilungen verffentlicht
worden sind. Er enthlt an erster Stelle _Kochs_ berhmte Arbeit: Die
tiologie der Tuberkulose, in welcher der staunenden Welt die
Entdeckung des Tuberkelbazillus, ber welche schon zwei Aufstze vom
Jahre 1882 berichtet hatten, in erweiterter Form und in meisterhafter
Darstellung vor Augen gefhrt wurde. Die ganz vereinzelten Einsprche
gegen diese Grotat _Kochs_ sind sehr schnell verstummt; und so bilden
denn diese seine Arbeiten den Ausgang aller jener Bestrebungen, durch
welche die schlimmste Geiel des menschlichen Geschlechtes bekmpft, in
ihren Wirkungen eingeengt und der Heilungsmglichkeit entgegengefhrt
worden ist. -- Daneben enthlt jener Band auch _Lfflers_ ausgezeichnete
Arbeit ber den Diphtheriebazillus.

Der brennende Eifer, mit welchem die Mitglieder der Deutschen
Gesellschaft fr Chirurgie jede Bereicherung ihrer Kenntnisse aufnahmen,
zeigte sich nicht am wenigsten in der Verfolgung der bakteriologischen
Forschungen; denn da die ganze _Lister_sche Wundbehandlung mit ihrer
bakteriologischen Grundlage stand und fiel, war im Beginne des neunten
Jahrzehntes des 19. Jahrhunderts auch dem bldesten Auge klar geworden.

Vor allen Dingen suchte man die von _Koch_ im wesentlichen an Tieren
studierten Infektionskrankheiten auch am Menschen in ihrer bakteriellen
Bedeutung zu erfassen. Freilich waren es meistens nur Nachprfungen,
welche der bei weitem grte Teil der Mitglieder sich erlauben durfte,
selbst wenn die volle Beherrschung der bakteriellen Technik zuvor
erworben worden war. Denn der in der praktischen Ttigkeit stehende und
von ihr in vollstem Mae in Anspruch genommene Wundarzt, dem tglich und
stndlich am Krankenbette neue Fragen auftauchten, mit denen er sich
doch praktisch abzufinden hatte, behielt nur selten die Mue, um sich
mit sehr zeitraubenden Untersuchungen auf dem Gebiete der Keimlehre
abzugeben. Mehr und mehr wurde es daher Sitte, da chirurgische
Kliniken und groe Krankenhausabteilungen wenigstens _einen_
pathologisch-anatomisch und bakteriologisch vllig geschulten Gehilfen
anstellten, dem die Sonderarbeiten auf diesen Gebieten bertragen werden
konnten. Auch waren die Vertreter der bald auf allen deutschen
Universitten begrndeten Professuren fr Hygiene und Bakterienforschung
meistens gern bereit, den chirurgischen Abteilungen die Arbeit entweder
ganz abzunehmen, oder doch zu erleichtern. Um so beachtenswerter ist
es, da auch aus chirurgischen Arbeitsstuben manche wichtige und
frdernde Entdeckungen hervorgegangen sind. Vor allen anderen sind zwei
jngere Mitglieder der Deutschen Gesellschaft fr Chirurgie zu nennen,
deren Studien berechtigtes Aufsehen erregten.

Der junge Schwabe _Fehleisen_, damals Assistent an _Ernst_ v.
_Bergmanns_ Universittsklinik in Berlin, verffentlichte im Jahre 1883
eine Einzelschrift unter dem Titel: Die tiologie des Erysipels, in
welcher er den Nachweis erbrachte, da die Wundrose durch eine in die
Saftkanlchen und Lymphbahnen der Umgebung der Wunde gelangende
Streptokokkenart erzeugt werde, die er Streptococcus erysipelatis
benannte und als spezifisch ansah. In letzterer Beziehung hat er sich
allerdings geirrt, da spter durch andere Forscher nachgewiesen wurde,
da _Fehleisens_ Kettenkokkus nichts anderes als der berall verbreitete
und zahlreiche Krankheiten eitriger Art erzeugende Streptococcus
pyogenes sei; dennoch bleibt _Fehleisens_ Verdienst ungeschmlert, da
er jene Wundkrankheit auf eine ganz bestimmte Bakterienart zurckfhrte
und deren Verbreitungswege erkannte und schilderte. Um so bedauerlicher
ist es, da der Entdecker wenige Jahre spter verstimmt und unbefriedigt
seinem Vaterlande den Rcken kehrte.

Ein Jahr spter erschien eine noch bedeutungsvollere Arbeit von
_Friedrich Julius Rosenbach_ in Gttingen, damals Assistenzarzt der
_Knig_schen Klinik, in der er die Poliklinik leitete. Die unter dem
Titel: Mikroorganismen bei den Wundinfektionskrankheiten des Menschen
erschienene Schrift teilt zunchst sehr sorgfltige Untersuchungen ber
die verschiedenen Schmarotzerformen mit, welche in fast allen eitrigen
Erkrankungen des Menschen (mit Ausnahme der spter zu erwhnenden kalten
Abszesse) vorkommen. Er bespricht fernerhin die Entstehung der akuten
Knochenmarkentzndung, die in den meisten Fllen durch den
Staphylococcus pyogenes aureus, seltener durch den albus hervorgerufen
werde, und macht darauf aufmerksam, da diese beiden Schmarotzer durch
das Vergrerungsglas allein nicht zu unterscheiden seien, wohl aber im
Impfstrich auf Gelatine schon durch die verschiedene Frbung leicht
erkannt werden knnen; zeigt aber auch, da noch andere Mikrobien, wie
die Streptokokken, die Krankheit hervorzurufen vermgen. Demnach ist die
Osteomyelitis, wie die ihr nahestehende Pymie, keine einheitliche d. h.
keine durch einen spezifischen Pilz erzeugte Entzndung. Mit gleicher
Sorgfalt werden die Fulnisvorgnge in den Geweben oder die septischen
Erkrankungen geschildert, sowie dem von anderen Untersuchern besttigten
Gedanken Raum gegeben, da nicht die bloe Vermehrung der Bakterien,
sondern die von ihnen erzeugten Gifte (Ptomaine) die gefhrlichen
Zuflle veranlassen, und zum Schlu eine neue, ungefhrliche Krankheit,
das Fingererysipeloid, mit ihrem spezifischen Erreger geschildert; alles
das unter sorgfltiger Benutzung und Besprechung frherer wertvoller
Arbeiten, unter denen die des Englnders _Ogston_ und _Pasteurs_
hervorgehoben werden, die bereits mit menschlichem Eiter gearbeitet
hatten. Auch ist _Rosenbach_ der erste, der _Fehleisens_ Streptococcus
erysipelatis als einen spezifischen Krankheitserreger abweist.

Ein gewaltiger Schritt vorwrts war mit diesen beiden Arbeiten fr die
praktische Chirurgie getan worden. Wenn auch _Rosenbachs_ Tierversuche,
sowie die mancher anderer Chirurgen zeigten, da auch durch Einspritzung
giftiger Reizmittel ohne Bakteriengehalt, wie des Krotonles, eine
Eiterung im Gewebe zu erzeugen mglich sei, so blieb diese Tatsache doch
praktisch ohne alle Bedeutung. Vielmehr stand es nunmehr unumstlich
fest, da der klinische Betrieb nur mit der Bakterienwirkung als Ursache
der Eiterung und der verschiedenen Wundkrankheiten zu rechnen habe. Nur
fr den Wundstarrkrampf stand der naturwissenschaftliche Nachweis noch
aus. Er sollte aber nicht zu lange auf sich warten lassen; denn noch
gegen Ende des Jahres 1884 trat der erst 22jhrige _Nicolaier_, Student
der Medizin in Gttingen, mit einer im hygienischen Institut der
Universitt angefertigten Arbeit hervor, in welcher als Erreger des
Wundstarrkrampfes ein in der Erde lebendes stecknadelfrmiges Bakterium
beschrieben wurde. So war auch diese Lcke in der Erkenntnis der
Entstehungsweise der Wundkrankheiten glcklich geschlossen worden.

                     *       *       *       *       *

Nach dieser Abschweifung auf das Gebiet der Keimlehre kehren wir zu dem
weiteren _Ausbau der antiseptischen Wundbehandlung_ zurck. _Volkmann_
war nicht der einzige Chirurg geblieben, der unter dem Einflusse der
_Schultze_schen Arbeit sich der neuen Behandlungsmethode zugewandt
hatte. Dahin gehrte vor allen Dingen _Adolf Bardeleben_ von der
Berliner Charit, dessen Assistent der Stabsarzt _Schultze_ damals noch
war und der deshalb auf des letzteren Veranlassung die _Lister_sche
Wundbehandlung auf seiner Abteilung ziemlich streng durchfhrte, nachdem
er schon einige Zeit zuvor tastende Versuche mit der Karbolpaste gemacht
hatte. Auf dem gleichen Kongre von 1874 konnte daher _Bardeleben_, im
Anschlu an _Volkmanns_ grundlegenden Vortrag, ber ziemlich ausgedehnte
Erfahrungen mit dem _Lister_schen Verbande berichten, ebenso _Schnborn_
(Knigsberg), _Hter_ (Greifswald) und _Thiersch_ (Leipzig). Aber
abgesehen von diesen Klinikern hatte das antiseptische Verfahren auch
schon manche Krankenhausleiter zu Versuchen angespornt; so gehrte der
kleine, beraus ttige _Hagedorn_ (Magdeburg) schon frhzeitig zu seinen
eifrigsten Vertretern. Es waren nicht nur die immer hufiger in der
chirurgischen Literatur auftauchenden Besprechungen des neuen
Verfahrens, welche werbend wirkten, sondern es kam noch ein anderer
Umstand hinzu. Einzelne Kliniker und manche Krankenhausleiter folgten
dem Beispiele _Schultzes_, indem sie sich in Edinburgh selber an der
Quelle zu unterrichten suchten, oder wenigstens ihre Assistenten
schickten. Als erster deutscher Kliniker trat _Johann Nepomuk
v. Nubaum_ in Mnchen bald nach _Schultzes_ und _Volkmanns_
Verffentlichungen die Reise an, von der er als ein begeisterter
Anhnger der Neuerung zurckkehrte. Ihm in erster Linie galt daher der
Besuch, den _Lister_ im Jahre 1875 Deutschland abstattete, um sich
persnlich von dem Stande seiner Lehre in diesem Lande zu berzeugen.
_Nubaum_ und seine Schler bereiteten ihm in seiner Klinik, die frher
in ganz entsetzlicher Weise unter Pymie und Hospitalbrand gelitten
hatte, eine erhebende Feier, von der der englische Meister beglckt und
befriedigt in seine Heimat zurckkehrte. -- Unter den jngeren Chirurgen
schrieb _Lesser_ schon im Jahre 1873 ber einen Besuch bei _Lister_;
ferner konnten auf dem Kongre von 1874 _Schnborn_ und besonders der
Deutschrusse _Reyher_ eingehend ber das Gesehene berichten, whrend
_Madelung_, Privatdozent und Assistent der chirurgischen Klinik in Bonn,
und J. _Israel_, Assistent am jdischen Krankenhause in Berlin, zwar in
dem gleichen Frhling Edinburgh besuchten, aber mit ihren Beobachtungen
zunchst noch zurckhielten. Im Februar 1876 machte auch E. _Kster_
eine Reise nach Edinburgh, deren Frucht die Einfhrung der
antiseptischen Behandlung im Berliner Augusta-Hospital unter genauester
Beobachtung der _Lister_schen Methoden war. Nach diesen Reisen begann
ein Strom besserer Erkenntnis sich von der fernen Stadt des Nordens ber
einen groen Teil von Europa zu ergieen; zumal in Deutschland bildeten
sich immer zahlreichere Mittelpunkte, von denen die neue Lehre in immer
weitere Kreise getragen wurde.

Aber in den kritisch angelegten Kpfen einzelner deutscher Chirurgen
regte sich auch, frher wie in anderen Lndern, die Neigung zu
Abnderungen und Vereinfachungen des immerhin etwas umstndlichen,
schwerflligen und kostspieligen Verbandes. Dazu hatte freilich _Lister_
selber die Bahn erffnet, teils durch seine zahlreichen Verbesserungen,
teils durch seinen Ausspruch, er hege die Hoffnung, da die Chemie einen
der Karbolsure in der Wirksamkeit ebenbrtigen, aber von deren
unangenehmen Eigenschaften freien Stoff zu finden imstande sein werde.
Dem gleichen Gedanken gab _Volkmann_, wie oben erwhnt, schon in seinem
ersten Vortrage Ausdruck; und auf demselben Kongresse machte sein
damaliger Assistent _Max Schede_ die Mitteilung, da in Halle alle nicht
ganz frischen Verletzungen erst einer tzung mit 8%iger Chlorzinklsung
unterzogen wrden, ehe der Okklusivverband zur Anwendung gelange. Alles
das hielt sich noch in dem von _Lister_ selber vorgetragenen
Gedankenkreise; wirkliche Neuerungen aber brachten schon bei diesem
ersten Waffengange auf dem Gebiete der Antisepsis _Bardeleben_ mit
seiner, freilich etwas zurckhaltenden Empfehlung nasser
Karbolsureverbnde anstatt der trockenen _Lister_schen, und _Thiersch_
durch den Vorschlag, die Karbolsure durch die von dem Chemiker _Kolbe_
in Leipzig dargestellte Salizylsure zu ersetzen. In der Tat hat das
letztgenannte Mittel, zumal nach Verffentlichung einer greren Arbeit
von _Thiersch_ (Klinische Ergebnisse der _Lister_schen Wundbehandlung
und ber den Ersatz der Karbolsure durch Salizylsure in _Volkmanns_
Sammlung klinischer Vortrge 84 und 85) vom Jahre 1875, fr eine Reihe
von Jahren Aufnahme gefunden und zwar sowohl als trockener, wie als
nasser Watteverband bzw. in der Form der Berieselung bei sonst offener
Wundbehandlung. Auch der Verbandstoff fand durch ihn, hauptschlich aus
Rcksichten der Verbilligung, eine Abnderung, indem er auf den Rat
v. _Mosengeils_ die Jute, einen aus den Fasern einer ostindischen Tiliazee
hergestellten Stoff, als Grundlage des antiseptischen Verbandes in
seiner Klinik einfhrte. Nunmehr huften sich die Neuerungen.
H. _Ranke_, Assistent der _Volkmann_schen Klinik, berichtete 1878 ber den
Ersatz der Karbolsure durch Thymol, so da bereits eine erhebliche
Vielfltigkeit fr die Abnderung des eigentlichen _Lister_verbandes
vorlag. Eine eingehende Besprechung fand die Frage der Behandlungsform
auf dem Kongre von 1878, im Anschlu an einen Vortrag E. _Ksters_:
ber die giftigen Eigenschaften der Karbolsure, dessen
Endbetrachtungen darin gipfelten, da dies Mittel zwar zunchst, als
sicherstes der bisher angewandten antiseptischen Verbandmittel, noch
nicht zu entbehren sei, da es aber nur mit groer Vorsicht gebraucht
werden drfe, da es bei manchen Personen gefhrliche und selbst tdliche
Zuflle hervorzurufen imstande sei. In der Tat wurde bei der ausgiebigen
Errterung dieses Vortrages die Giftigkeit der Karbolsure mehr oder
weniger unumwunden fast von allen Rednern zugestanden.

Bald darauf, im Jahre 1880, erfolgte auch der erste kraftvolle Vorsto
gegen den Zerstuber (Spray) durch _Viktor v. Bruns_ (Tbingen) in
einem Aufsatze unter dem Titel: Fort mit dem Spray! Der Verfasser
hatte bereits seit zwei Jahren, sowohl bei Operationen wie bei
Verbandwechseln, auf den Sprhnebel verzichtet und sich auf
nachtrgliche kurze Besplungen der Wunde mit Karbolsure beschrnkt.
Die Ergebnisse waren vortrefflich. Freilich war der alte Doppelballon
nach _Richardson_, der mit Hand oder Fu in Bewegung gesetzt wurde,
schon lngst durch schmucke Dampfzerstuber ersetzt worden; aber auch
diese brachten recht groe Unannehmlichkeiten fr den Kranken sowohl wie
fr den handelnden Chirurgen und seine Gehilfen mit sich. Denn der
Krper des Kranken, selbst wenn er sorgfltig mit reinen Leintchern
abgedeckt war, wurde doch bei lngeren Eingriffen allmhlich na; und
die ganze Umgebung des Operationstisches befand sich oft 1-2 Stunden
lang in einem Sprhnebel, der alle freien Krperteile triefend machte
und mit dem Atemstrome in die Luftwege eingesogen wurde. So waren
Vergiftungen auf beiden Seiten mglich; und es hat nicht lange gedauert,
bis die rzte selber die unangenehmen Wirkungen zu spren bekamen, meist
allerdings nur in Form dunklen Urins nach jedem langen Aufenthalte im
Operationszimmer. Allein es sind in jenen Jahrzehnten und bald hinterher
so viele Chirurgen an chronischen Nierenentzndungen zugrunde gegangen
da der Verdacht nicht ganz abgewiesen werden kann, sie seien als Opfer
ihres Berufes und der neuen Behandlungsmethode gefallen. So hat auch
dieser gewaltige Fortschritt zum Heile der Menschheit nur unter schweren
Opfern erkmpft werden knnen.

Hiernach wird es begreiflich, da nicht wenige Chirurgen sich von der
lstigen Beigabe des Zerstubers nach _Bruns_' Beispiel mit Freuden
losmachten, zumal da die zerstubte Karbolsure in Haupt- und Barthaar
der rzte so fest haftete, da die Trger durch den Geruch schon auf
weite Entfernungen gekennzeichnet waren. Andere freilich, und wohl noch
auf Jahre hinaus die Mehrzahl, glaubten den Zerstuber nicht entbehren
zu knnen, wenn auch an die Stelle der giftigen und stark riechenden
Flssigkeit vielfach Salizyl- und Thymollsungen gesetzt wurden.

So war denn eine neue Bresche in den scheinbar so fest gefgten Wall der
_Lister_schen Methode gelegt worden; aber da auch die letzten
Vernderungen keineswegs allgemeine Befriedigung hervorriefen, so
konnten weitere Versuche nicht ausbleiben. Insbesondere war es die
mchtig emporblhende chemische Industrie, die immer neue Mittel mit
antiseptischen Eigenschaften zu erfinden und den Chirurgen zur Prfung
anzubieten nicht mde wurde. Viele dieser neuen Mittel haben nur ein
kurzes Dasein gehabt, so da sich nicht einmal ihre Erwhnung lohnt;
andere aber haben nicht nur jahrelang eine groe Rolle gespielt, sondern
sind auch heute noch nicht bis auf die letzte Spur aus unserem
Behandlungsschatze ausgetilgt.

Zu letzteren gehrt in vorderster Linie das _Jodoform_, welches im Jahre
1880 zuerst von _Mosetig v. Moorhof_ in Wien als ein ganz vorzgliches
Pulver zur Behandlung tuberkulser Wunden und Geschwre empfohlen, aber
schon im Jahre darauf auch auf nicht tuberkulse Verletzungen und
Operationswunden bertragen wurde. In demselben Jahre berichtete auch
_Mikulicz_ von _Billroths_ Klinik in Wien ber sehr gute Erfolge mit dem
Jodoformpulververbande, den er als den grten Fortschritt seit der
Einfhrung des _Lister_schen Verbandes ansah. In gleicher Weise sprach
sich _Franz Knig_ in Gttingen aus, dessen groes Ansehen vor allen
anderen fr die schnelle Verbreitung der Jodoformbehandlung
ausschlaggebend wurde, zumal da er die Leichtigkeit der Anwendung und
die Sicherheit des Verfahrens auch fr solche Wunden betonte, die wie
manche Hhlenwunden dem antiseptischen Okklusivverbande nicht zugnglich
seien. Eine wahre Flut von begeisterten Schriften ber den Wert des
Jodoforms ergo sich seitdem in alle medizinischen Zeitschriften; aber
sehr schnell kam auch der Rckschlag. Schon _Mikulicz_ hatte in dem
obengenannten Aufsatze auf Jodvergiftungen hingewiesen. Da wurden fast
gleichzeitig mit _Knigs_ Arbeit durch _Henry_ (Breslau) bereits zwei
Todesflle durch Jodoformvergiftung mitgeteilt; und schon am 21. Januar
1882 war in einer Arbeit _Max Schedes_ der Satz zu lesen: Der
anfngliche Enthusiasmus fr das Jodoform ist lngst verraucht und hat
einer sehr vorsichtigen Beurteilung desselben Platz gemacht. Auch
_Ernst Kster_ sprach sich ungefhr gleichzeitig in einem Vortrage in
der Berliner medizinischen Gesellschaft dahin aus, da die
Pulververbnde, d. h. neben dem Jodoform auch die gepulverte
Salizylsure, zwar an sich ein ausgezeichnetes und dabei in der
Anwendung sehr einfaches Mittel seien, welches fr gewisse, schwer
aseptisch zu haltende Wunden vorlufig noch nicht entbehrt werden knne;
da aber beide Pulverarten giftig seien und an Sicherheit dem strengen
_Lister_schen Verbande nicht gleichkmen. Dabei ist es denn auch auf
Jahre hinaus geblieben, davon abgesehen, da an Stelle der Karbolsure
und der bald wieder verlassenen Salizylsure- und Thymollsungen immer
neue antiseptische Stoffe versucht wurden.

Den Ansto dazu hatte schon im Jahre 1881 R. _Kochs_ wichtige
Untersuchung ber Desinfektion gegeben, in welcher die gnzliche
Wirkungslosigkeit liger Karbollsungen, aber auch eine ungengende
Wirksamkeit der Karbolsure in wriger Lsung von 5:100 nachgewiesen
worden war, soweit es sich um Unschdlichmachung der bei den Versuchen
hauptschlich benutzten Milzbrandsporen handelte. Dagegen wurde das
_Sublimat_ schon in einer Lsung von 1:5000 als durchaus zuverlssig
erkannt, wenn auch die Giftigkeit des Mittels gewisse Vorsichtsmaregeln
unerllich machte. So wurde denn Sublimat an die Stelle der Karbolsure
im _Lister_schen Verbande gesetzt und begann seinen Nebenbuhler
allmhlich mehr oder weniger zu verdrngen. Aber auch hier blieben ble
Erfahrungen nicht aus, da das Sublimat selbst in schwacher Lsung sich
als recht gefhrlich erwies. Auch noch andere Arzneistoffe, auer den
genannten, tauchten weiterhin auf, um gewhnlich bald wieder zu
verschwinden, meist als Pulververbnde, wie das Naphthalin und das
Bismuthum hydrico-nitricum. Daneben haben auch die Bemhungen
fortgedauert, den teuren Baumwollenmull durch billige Stoffe zu
ersetzen; so entstanden die Versuche mit Torfmull (_Neuber_), Sumpfmoos
(_Hagedorn_), Holzwolle (P. _Bruns_), Sand, Asche und Glaswolle
(_Kmmell_), unter denen nur das Sumpfmoos (Sphagnum) und zum Teil die
Holzwolle als bequem und billig sich einige Jahre eines gewissen
Ansehens erfreut haben.

Schon lngst hatte man den _Gummidrain_ zur Ableitung der von der
gereizten Wunde gelieferten Flssigkeiten als eine unangenehme Beigabe
des antiseptischen Verbandes empfunden, da er teils in die Wunde
rutschte und dort als aseptischer Fremdkrper gelegentlich einheilte,
teils den frhzeitigen Schlu einer sonst gut heilenden Wunde
verzgerte, teils bei einer aus irgendeinem Grunde langsam
vorschreitenden Heilung als Ansteckungspforte zu dienen vermochte. Es
wurden daher schon seit dem Jahre 1878 die von _Trendelenburg_ zuerst
angegebenen resorbierbaren Drains, d. h. Rhrchen aus Knochen
hergestellt, entkalkt und in antiseptischer Flssigkeit (Spiritus)
aufbewahrt, vielfach an ihre Stelle gesetzt. Aber auch dies Verfahren
gengte nicht, sondern immer neue Versuche wurden angestellt, die
Anwendung von Ableitungsrhrchen ganz berflssig zu machen. Dies Ziel
suchte man in doppelter Weise zu erreichen: einmal dadurch, da man die
starke Reizung der Wunden durch antiseptische Mittel einschrnkte
(Weglassung des Zerstubers, einmalige kurze Waschung der Wunde), oder
da man, unter Beseitigung der Drains, nur die Wundwinkel offen lie,
wie es _Albert_ (Innsbruck) schon 1884 versuchte, oder die Wunde ganz
nhte, aber neue ffnungen von einer Form schuf, die sich nicht leicht
verstopfen konnten (Locheisenffnung nach v. _Esmarch_ und _Neuber_).
Hierher gehrt auch der Versuch, die Wunden durch versenkte Darmsaiten
in der Tiefe zusammenzunhen, um sie dann bis auf den letzten Rest zu
schlieen und sie nur mit Jodoformkollodium zu bepinseln, also eine
trockene Schorfheilung anzustreben (v. _Esmarch_, _Werth_, _Karl
Schrder_, E. _Kster_, _Neuber_).

In ganz eigenartiger Weise suchte das gleiche Ziel, die Weglassung jedes
Fremdkrpers aus der Wunde, die von _Schede_ angegebene neue _Behandlung
unter dem feuchten Blutschorfe_ zu erreichen. Bis dahin hatte man die
Ansammlung von Blut in der Wunde als eine Gefahr angesehen und die ganze
Behandlung auf schnelle Beseitigung des aus den durchtrennten Gefen
hervorsickernden Blutes zugeschnitten. _Schede_ zeigte nun, da der
Blutpflock einer aseptisch bleibenden Wunde sich so schnell organisiere,
insbesondere mit neugebildeten Gefen versehe, da er zur Ausfllung
von Hhlen und Gewebsverlusten benutzt werden knne. Die nach
Mglichkeit aseptisch gemachte Hhle, zumal im Knochen, wurde daher
absichtlich mit Blut gefllt, die Wunde bis auf die Wundwinkel durch die
Naht geschlossen und durch einen Streifen Gummipapier, sowie einen ihn
deckenden Sublimatverband geschtzt. Inzwischen zeigte sich auch
hierbei, da die anfnglich gehegten Hoffnungen trogen; denn weder bei
tuberkulsen Erkrankungen, noch bei der osteomyelitischen Nekrose erwies
sich das Verfahren als zuverlssig. Demnach blieb seine
Verallgemeinerung ausgeschlossen so vortrefflich es sich auch in manchen
Fllen bewhrte. Immerhin brachte es aber eine sehr dankenswerte
Frderung und Erweiterung der bisherigen Anschauungen ber die Vorgnge
der Wundheilung.

Alle diese nderungen bereiteten eine Wandlung in den Anschauungen vor,
die mit dem Anfange der neunziger Jahre zu einer grundstzlichen
Vernderung der Wundbehandlung fhrte, insofern, als man die bisher fr
unentbehrlich gehaltenen chemischen Mittel, die sich doch smtlich als
mehr oder weniger gefhrlich erwiesen hatten, gnzlich zu verbannen
suchte. Aber trotzdem hrte die Empfehlung neuer Antiseptika keineswegs
gnzlich auf. So rhmte _Salzwedel_ im Jahre 1894 die Behandlung
phlegmonser und hnlicher Entzndungen mit dauernden Alkoholverbnden
in der Form, da der Entzndungsherd mit nur mig von Alkohol
durchtrnkten Wattelagen bedeckt und ber diese eine durchlcherte
Schutzhlle gelegt wurde, um die Verdunstung des Mittels zwar
einzuschrnken, aber nicht ganz aufzuheben; so trat im Jahre 1896
_Cred_ mit der Besprechung der ausgezeichneten Eigenschaften der
Silbersalze vor den XXV. Kongre, deren allgemeine Anwendung als eines
keimttenden und dabei ganz ungefhrlichen Mittels er auf das
dringendste anriet. So empfahl 1905 _Schloffer_ (Innsbruck) den
Perubalsam zur Behandlung unreiner Wunden. Im Jahre 1901 haben
v. _Bruns_ und _Honsell_ auch noch einmal auf die Karbolsure
zurckgegriffen durch Empfehlung des Verfahrens des Amerikaners
_Phelps_, der septische und eiternde Wunden mit _reiner_ Karbolsure zu
tzen und dann mit Alkohol zu waschen empfahl. Aber alle diese Dinge
haben den ruhigen Gang der Entwicklung, wenigstens bei frischen Wunden,
nicht mehr aufzuhalten vermocht; man strebte, unter steter Einwirkung
der genaueren Kenntnis der Lebensbedingungen aller gefhrlichen
Schmarotzer, mglichster Vereinfachung der Behandlungsmethoden zu, bei
der man nicht mehr auf die Beihilfe zweifelhafter und in ihren
pharmakologischen Wirkungen unsicherer chemischer Mittel angewiesen zu
sein wnschte. An die Stelle der antiseptischen trat fortan die
aseptische Wundbehandlung, an die Stelle der Strme antiseptischer
Flssigkeiten, welche die Operationsrume jahrelang berflutet und die
Wundrzte zu besonderen, wasserdichten Fubekleidungen gezwungen hatten,
traten Dampfsterilisatoren und Kochapparate.




                               Kapitel VII.

                          Einfhrung der Asepsis.


Wenn man auf die Zeit des Werdens der neuen Wundbehandlungsmethoden, die
im Vorstehenden zu schildern versucht worden ist, einen prfenden
Rckblick wirft, so mag sie einem spteren Geschlechte als ein
wissenschaftliches Chaos erscheinen, in welchem Erfindungssucht und
Wagemut allein das Wort zu fhren berufen waren. Indessen mu man sich
vergegenwrtigen, in welchen Zustand die chirurgische Welt durch
_Listers_ Mitteilungen der ersten Jahre versetzt worden war. Die
lteren, ber eine groe Erfahrung gebietenden Fachgenossen, die schon
so manchen schnen Traum, so manche Hoffnung auf Besserung der
Verhltnisse in ein Nichts hatten zerrinnen sehen, lchelten ber die
anscheinend kritiklose Begeisterung, mit der sich das jngere Geschlecht
den neuen Ideen hingab. Ihre Zweifel wurden wesentlich durch die
Beobachtung untersttzt, da _Lister_ selber seine Erfindung
fortdauernd abnderte, sie also noch nicht als vollkommen ansah. Aber
auch bei den berzeugten Anhngern fhrte die eigene Erfahrung doch
immer wieder zu dem Schlu, da die Methode schwache Seiten habe,
demnach verbesserungsfhig sei. In dieser bald allgemein gewordenen
Erkenntnis entwickelte sich nun ein edler, aber zuweilen fast atemlos
machender Wettlauf um die Palme, die dem Sieger im Kampfe winkte. So
waren es keineswegs Neuerungssucht oder blinder Ehrgeiz, von denen jene
Entwicklungsperiode beherrscht wurde, sondern die ehrliche, im Kampfe
mit Krankheit und menschlichem Elend gewonnene berzeugung der Besten,
da ber den gewonnenen Boden hinaus noch ein Hheres erreichbar sein
msse.

Es ist zweifellos unrichtig, zu sagen, da von der eigentlich
_Lister_schen Methode so gut wie nichts briggeblieben, da etwas ganz
Neues an ihre Stelle getreten sei. Vielmehr lt sich mit vollem Rechte
behaupten, da jene Behandlung _mehr_ als nur eine _Anregung_ gegeben
habe, da die _Lister_schen Grundstze auch heute noch Gehirn und Hand
des Wundarztes lenken. Nur hat die wachsende Erkenntnis gelehrt, da zu
dem erhabenen Ziele verschiedene Wege fhren, da es sich daher
empfiehlt, je nach den Umstnden bald diese, bald jene Strae
einzuschlagen So hat denn auch die neueste Wendung der Dinge dem Ruhme
des naturwissenschaftlich-philosophischen Kopfes auf dem schottischen
Lehrstuhle fr Chirurgie keinen Abbruch zu tun vermocht. --

Die _Einfhrung der Asepsis_ bedeutet den bergang von der bisher
blichen chemischen zur physikalischen Desinfektion durch Hitze, wie er
gleichfalls schon durch R. _Koch_ angebahnt und vorgezeichnet worden
war. Den unmittelbaren Ansto zu einem neuen Wechsel der
Behandlungsmethode gab der Umstand, da das von _Koch_ empfohlene
zuverlssigste Antiseptikum, das Sublimat, welches allmhlich in sehr
verstrkter Lsung von 1:1000 in Gebrauch gekommen war, doch so viele
unangenehme und unerwnschte Nebenwirkungen hatte, da man auch _dies_
Mittel loszuwerden versuchen mute. Dazu kam der Umstand, da die durch
_Lister_ eingefhrte, keimfrei gemachte Darmsaite, soviel man auch die
Sicherheit ihrer Herstellung zu erhhen sich bemhte, dennoch ein
unzuverlssiges Unterbindungs- und Nahtmaterial geblieben war. Schon
_Volkmann_ hatte einen Fall mitgeteilt, in welchem er die Einimpfung von
Milzbrand in eine Wunde durch Catgutfden nachzuweisen vermochte. Im
Jahre 1888 folgte die Mitteilung _Kochers_, da eine Reihe von
Mierfolgen der Wundbehandlung in seiner Klinik auf unvollkommen
sterilisierte Darmsaiten zurckgefhrt werden konnte; er schlug daher
vor, ein so unsicheres Material durch gekochte Seide zu ersetzen. Mehr
und mehr rang sich die Erkenntnis durch, da auch die besten
antiseptischen Mittel nicht imstande seien, Krankheitserreger aus einer
frischen Wunde fernzuhalten oder sie gnzlich und berall unschdlich zu
machen, mehr und mehr aber auch die Einsicht, da nicht, wie _Lister_
gelehrt hatte, die in der Luft schwebenden Keime die Wunde am meisten
bedrohen, sondern da, im Sinne des unglcklichen _Semmelweis_, vor
allen Dingen die Kontaktinfektion, die Einimpfung durch Berhrung mit
ungengend entkeimten Fingern, Werkzeugen und Verbandstoffen, die
Hauptgefahr darstelle. So begann denn eine neue, fieberhafte Arbeit
unter den Chirurgen, um eine zuverlssige Methode zu finden, welche auch
ohne chemische Mittel die frische Wunde zu schtzen imstande sei. Es
bleibt ein unvergngliches Verdienst der v. _Bergmann_schen Klinik in
Berlin, hierfr die Wege gewiesen zu haben, wenngleich manche deutsche
Chirurgen vor ihm, wie _Bardenheuer_ in Kln schon 1888, die
Dampfsterilisation fr Verbandstoffe eingefhrt hatten.

Im Jahre 1891 verffentlichte der viel zu frh dahingeschiedene
Assistent jener Klinik, _Kurt Schimmelbusch_, der wenige Jahre spter
seinem Berufe zum Opfer fiel, eine Arbeit unter dem Titel: Die
Durchfhrung der Asepsis in der Klinik des Herrn Geheimrat v. _Bergmann_
in Berlin. Sie ist ein Markstein fr die Entwicklung der Wundbehandlung
geblieben; denn von dem Augenblick an war fr alle frischen Wunden der
Sieg der Asepsis ber die Antisepsis entschieden. Nach Besprechung
der Fehlerquellen, welche zu irrigen Auffassungen ber die
Desinfektionskraft der hauptschlichen Antiseptika gefhrt haben, sowie
nach Mitteilung eigener Versuche, welche deren Anwendung am lebenden
Krper und in der Wunde als ein hchst unsicheres Verfahren
kennzeichnen, kommt _Schimmelbusch_ zu dem Schlu, da nur die einfache
Reinigung auf mechanischem Wege und die Hitze die Beseitigung aller
gefhrlichen Keime gewhrleisten. Dann folgen genaue Vorschriften ber
Sterilisation der Verbandstoffe im heien Dampfe, der Metallinstrumente
in Sodalsung, sowie endlich ber Entkeimung rztlicher Brsten, welche,
in Verbindung mit der Angabe und Beschreibung sehr brauchbarer Apparate,
in krzester Zeit eine Ausbreitung fast ber die ganze Erde erfahren
haben. Mit dieser Arbeit war aber zugleich die sichere Grundlage fr
eine weitere Entwicklung geschaffen. Sie richtete sich in erster Linie
auf die zuverlssige Keimbefreiung der Hnde, die mehr und mehr als die
verdchtigste Quelle der Wundinfektionen von Geburtshelfern und
Wundrzten angesehen wurden. Schon seit Jahren hatten _Frbringer_,
_Ahlfeld_ u. a. sich mit der zweckmigsten Form der Hndesuberung vor
Operationen abgegeben; im Jahre 1897 empfahlen beide als das beste
Verfahren die Heiwasser-Alkohol-Desinfektion oder das Waschen mit
Alkohol und einem Antiseptikum, meist Sublimat. In dem gleichen Jahre
wurde neben dieser Handpflege ein verstrkter Hndeschutz bzw.
Wundschutz angebahnt, indem _Zge v. Manteuffel_ (Dorpat) Handschuhe
aus Gummi, _Mikulicz_ (Breslau) solche aus Zwirn, _Perthes_ von
_Trendelenburgs_ Klinik in Leipzig solche aus Seide empfahlen. Alle aber
betonten, da dem Anziehen der Handschuhe stets eine sorgfltige
Reinigung der Hnde voraufzuschicken sei. _Mikulicz_ ging in diesem und
dem folgenden Jahre in seiner Verstrkung des Wundschutzes noch einen
Schritt weiter, indem er, um die Wunde vor den in feuchten Trpfchen
schwebenden Keimen aus den Atemorganen der bei einer Operation
beschftigten rzte zu schtzen, deren Mund und Nase mit einer Binde
bedecken lie. Spter hat man auch die in den Haaren der rzte haftenden
Keime durch eine besondere Kappe abzuhalten versucht; und daneben
spielte ein hufiger Wechsel frischgewaschener Mntel, Hauben,
Handschuhe usw. eine erhebliche Rolle. So wurde die uere Erscheinung
des modernen Wundarztes in seiner Hlle tadelloser weier Wsche
gegenber der des alten Chirurgen in seinem nie gewechselten, unsauberen
Operationsrocke erheblich anziehender gestaltet, ein Wechsel, fr den
_Billroth_ den Ausdruck der Reinlichkeit bis zur Ausschweifung prgte.
Demgem stieg der Wscheverbrauch chirurgischer Abteilungen allmhlich
zu einem sehr ansehnlichen Ausgabeposten an, bei dem Ersparnisse nur
dadurch erzielt werden, da man mehr den Besonderheiten des Einzelfalles
Rechnung zu tragen gelernt hat und nicht berflssigerweise den groen
Apparat in Bewegung setzt, wo er nichts ntzen kann. Auf diesem Stande
hat sich die Wundbehandlung bis heute mit geringfgigen Abnderungen
erhalten; sie bietet, abgesehen von ganz vereinzelten Mierfolgen, die
der menschlichen Unvollkommenheit und Ungleichmigkeit des Wesens in
Rechnung gesetzt werden mssen, eine Sicherheit, die dem Kranken mit
frischer Wunde einen fast vollkommenen Schutz gegen Infektionsgefahr
gewhrt.

Dagegen ist bei der Behandlung bereits eiternder unreiner Wunden, wie
auch solcher, die gegen nachtrgliche Verunreinigung wegen ihrer Lage
nur schwer oder gar nicht geschtzt werden knnen, dem persnlichen
Ermessen ein erheblich breiterer Spielraum gelassen. Hier haben auch die
chemischen Mittel noch keineswegs ihre Berechtigung verloren;
insbesondere ist das Jodoform bei nicht aseptisch zu haltenden
Operationswunden dauernd in Gebrauch geblieben.




                               Kapitel VIII.

                   Die Grndung des Langenbeck-Hauses.


Die groe Umwlzung, welche in ihren Umrissen geschildert wurde und die
auf den Kongressen der Deutschen Gesellschaft fr Chirurgie jahrelang
die lebhaftesten Besprechungen und Errterungen hervorrief, traf die
Gesellschaft auch in einer bemerkenswerten Umformung des ueren
Rahmens, in dem ihr geistiges Leben sich abspielte. Nachdem sie 20 Jahre
lang als Gast der Berliner Universitt ihre Hauptsitzungen in der Aula
des Universittsgebudes abgehalten hatte, whrend die Demonstrationen
meist in der chirurgischen Klinik stattfanden, schuf sie sich ein
eigenes Heim, das _Langenbeckhaus_, in welchem fortan die
Kongreverhandlungen in vollem Umfange vor sich gingen.

Die Vorgeschichte dieses Baues ist aus dem Grunde von ganz besonderem
Interesse, weil der Gedanke nicht von einem Mitgliede der Gesellschaft
ausgegangen ist, sondern von der hchsten Frau des Deutschen Reiches,
der _Kaiserin Augusta_. Die Ausfhrungen, welche E. v. _Bergmann_ auf
dem Kongresse von 1890 gegeben hat, bedrfen hiernach einer Ergnzung.

Von Anfang an hatte die hohe Frau, die schon whrend der
drei voraufgegangenen Kriege und in deren Zwischenzeit mit
menschenfreundlichen Grndungen in Form von Vereinen (Vaterlndischer
Frauenverein, Berliner Frauenlazarettverein) und Krankenhusern
(Barackenlazarett auf dem Tempelhofer Felde, Berliner Augusta-Hospital),
unter Beihilfe ihrer gleichgesinnten Tochter, der edlen Groherzogin
_Luise von Baden_, vorangegangen war, der neugegrndeten Gesellschaft
fr Chirurgie ein auerordentliches Wohlwollen entgegengebracht. Das
zeigte sich insbesondere in dem lebhaften Interesse, mit welchem sie
alle Vorgnge in den Verhandlungen verfolgte, sowie in den alljhrlich
sich wiederholenden Empfngen, durch welche die Fhrer der deutschen
Chirurgie immer von neuem ausgezeichnet und zu uerungen und kurzen
Vortrgen ber schwebende Tagesfragen veranlat wurden. So entstand
eine Wechselwirkung zwischen dem preuischen Knigshause und der
Gesellschaft fr Chirurgie, die nach beiden Seiten anregend und
belehrend wirkte und die von den Mitgliedern als eine hohe, der
Gesellschaft angetane Ehre empfunden wurde.

Am 23. Mai 1877 berreichte die Kaiserin ihrem zweiten Leibarzte
Dr. _Schliep_ in Baden-Baden, mit dem sie tags zuvor eine eingehende
Besprechung ber die rztlichen Verhltnisse Englands gehabt hatte,
einen schriftlichen Entwurf mit dem Auftrage, ihn an B. v. _Langenbeck_
weiterzugeben und diesem die Absichten der hohen Frau mndlich
auseinanderzusetzen. Im Folgenden ist dies Schriftstck im Wortlaute und
in der ursprnglichen Schreibweise mitgeteilt. Es enthlt den Plan der
Grndung eines Vereinshauses fr die Deutsche Gesellschaft fr
Chirurgie, der erst 15 Jahre spter seine Verwirklichung gefunden hat;
denn wenn auch der scharf umschriebene Entwurf der Kaiserin bereits in
klarer Fassung die Wege zur Aufbringung der Mittel bespricht, so waren
doch die Bedenken hinsichtlich der Geldgrundlage eines so bedeutenden
Unternehmens so stark, da _Langenbeck_ damit zunchst noch nicht vor
die ffentlichkeit zu treten wagte. Die Kaiserin aber hat den Gedanken
niemals fallen lassen; denn fast bei allen Empfngen besprach sie die
Angelegenheit mit den zu ihr berufenen Chirurgen und suchte sie, allen
Schwierigkeiten zum Trotz, bei jeder Gelegenheit zu frdern.


                                             Baden-Baden d. 23. Mai 1877.

                                   Nr. 1

     Das englische Surgeons College bewhrt seine Leistungen in so
     erfreulicher Weise, da in Deutschland ein hnliches Unternehmen
     rathsam erscheint. Die Triumphe der Wissenschaft dienen dabei den
     Zwecken der Humanitt und frdern die individuelle Wohlfahrt der
     Mnner, welche als Trger der Wissenschaft dem groen geistigen
     Verbande aller Nationen und Systeme angehren.

                                   Nr. 2

     Die Grndung eines deutschen Chirurgen-Collegiums mit Bezugnahme auf
     die englischen Statuten mte, dem deutschen Vereinswesen
     entsprechend, an geeigneter Centralstelle durch Mitwirkung Aller,
     welche den groen Zweck anerkennen und ihm dienstbar sein wollen, ins
     Leben gerufen werden.

                                   Nr. 3

     Hierfr wre ein angemessenes Programm anzufertigen und zu verbreiten,
     ein Programm, das zunchst die Namen Langenbeck, Esmarch und Billroth
     als Empfehlung trge, fr Berlin speciell andere hervorragende Namen
     verschiedener Richtung mit an die Spitze zu stellen htte. Dieses
     Programm wrde das vorlufige Statut des Vereins und den Vorschlag zur
     Beschaffung des nthigen Lokals (zunchst miethsweise) enthalten,
     worauf je nach erlangtem Erfolge dereinst der Beistand des Reiches in
     Anspruch genommen werden knnte.

                                   Nr. 4

     Es kme darauf an dem Unternehmen von vornherein die Popularitt der
     Zweckmigkeit und des praktischen Nutzens zu erwerben, wozu der
     bestehende wichtige Chirurgen-Kongre die beste Veranlassung bietet
     u. eine geschftsmige Organisation die nthige Vertretung gewhren
     mu.

                                   Nr. 5

     Es wrde nach Beschaffung des Programms und vertraulicher Mittheilung
     desselben an die geeigneten Personen ein mglichst kurzer Termin zur
     Einsendung einer schriftlichen Begutachtung desselben festzusetzen
     sein, damit das Werk _einheitlich_ demnchst in die Oeffentlichkeit
     trete und keine nachtrgliche Diskussion zu gewrtigen habe. Ob die
     Form der einfachen Beitrge oder der Aktienausgabe dabei die
     angemessenste wre, bleibt dem Urtheil der Fachmnner vorbehalten.

     Die Kaiserin wrde sich mit einem einmaligen Geschenke von Eintausend
     Mark daran betheiligen.

Als _Bernhard v. Langenbeck_ am 28. September 1887 starb, richtete die
Kaiserin ein Schreiben an den damaligen Kultusminister v. _Goler_,
welches den Vorschlag enthielt, statt eines Denkmales aus Erz oder Stein
(wie es die Berliner Medizinische Gesellschaft plante) eine Stiftung von
praktischer Bedeutung fr die Entwicklung der Chirurgie anzustreben und
durch deren Verknpfung mit _Langenbecks_ Namen das Andenken des groen
Chirurgen dauernd zu ehren.

So ist der Gedanke eines Vereinshauses fr die deutschen Chirurgen und
des Namens, welchen es trgt, nicht nur ganz ausschlielich aus dem
Kopfe der ersten Kaiserin des neuen Deutschen Reiches hervorgegangen,
sondern sie hat auch die Wege gezeigt und die Krfte in Bewegung
gesetzt, auf welchen und durch welche das Ziel in erreichbare Nhe
gerckt wurde. Das auerordentliche Wohlwollen aber, welches die
_Kaiserin Augusta_ den Bestrebungen der deutschen Chirurgen
entgegenbrachte, hat sie auch auf ihre Nachkommen zu bertragen gewut,
wie Kaiser _Wilhelm_ II. bei den verschiedensten Gelegenheiten und
Kaiserin _Augusta Viktoria_ bei den alljhrlich sich wiederholenden
Empfngen eines Teiles der zum Kongre versammelten Chirurgen in reichem
Mae dargetan haben.

Das bewundernswerte, unbeirrte Festhalten an der Verfolgung des einmal
als richtig erkannten Zieles hatte schon vor dem Jahre 1890 die
Durchfhrung des Baues gesichert; doch sollte die Kaiserin _Augusta_
dessen Beginn nicht mehr erleben. Am 7. Januar 1890 schlo die edle
Frau, die liebevolle Beschtzerin und fleiige Mitarbeiterin an der
Entwicklung der deutschen Chirurgie, nach einem Leben voll rastloser
Ttigkeit die Augen. Ihr Name und ihr Wirken soll und kann unter den
deutschen Chirurgen niemals vergessen werden, die beim Besuche des
Langenbeckhauses durch eine Portrtbste, ein Geschenk ihres Enkels,
_Kaiser Wilhelms_ II., an die hochherzige Freundin und Beschtzerin
deutscher Kunst und Wissenschaft erinnert werden.

In dem kraftvollen und umsichtigen Nachfolger v. _Langenbecks_ auf dem
Berliner Lehrstuhle fr Chirurgie, in _Ernst v. Bergmann_, fanden die
deutschen rzte den geeigneten Fhrer zur Durchsetzung des kaiserlichen
Planes. Der livlndische Pfarrerssohn von fast hnenhafter Erscheinung,
mit scharfgeschnittener Hakennase und langgetragenem schlichtem Haar,
war von Dorpat ber Wrzburg nach Berlin gekommen. Klug und begabt, mit
mchtigen Stimmitteln ausgerstet, deren Wirkung durch seinen scharfen
baltischen Dialekt noch erhht wurde, Beherrscher des Wortes, welches er
in unerhrter Leichtigkeit und mit dichterischem Schwunge zu meistern
wute, Fest- und Gelegenheitsredner ohnegleichen, verband er mit allen
diesen Eigenschaften eine Tatkraft, die vor keinem Hindernis zurckwich.
Freilich kamen ihm in dem besonderen Falle mancherlei Umstnde zu Hilfe.
Zunchst hatte die Kaiserin _Augusta_ durch letztwillige Verfgung der
Deutschen Gesellschaft fr Chirurgie eine Summe von 10000 Mark zum Bau
eines Langenbeckhauses vermacht, welches bald nach ihrem Ableben in
deren Besitz bergegangen war. Einen noch weit hheren Betrag von
100000 Mark schenkte der deutsche Kaiser _Wilhelm_ II. Eine Sammlung
von Beitrgen zu einem Ehrendenkmale fr _Bernhard v. Langenbeck_, die
von der Gesellschaft in Gemeinsamkeit mit der Berliner Medizinischen
Gesellschaft fr ihren langjhrigen Vorsitzenden veranstaltet worden
war, ergab gleichfalls reiche Mittel in Hhe von fast 100000 Mark.
Ungefhr die gleiche Summe konnte die Kasse der Gesellschaft aus ihren
Ersparnissen beisteuern, so da unter Hinzurechnung kleinerer Geschenke
am 1. April 1891 eine Summe von mehr als 260000 Mark zur Verfgung
stand. Zur Annahme und Verwaltung dieser Summen war die Gesellschaft
durch die Erteilung der Korporationsrechte befhigt worden, welche der
damalige Vorsitzende v. _Bergmann_ schon am 8. April 1888 beantragt
hatte.

So konnte denn an den Bau des Hauses herangetreten werden. Am 18.
November 1890 wurde fr den Preis von 540000 Mark der Bauplatz in der
Ziegelstrae 10/11 erworben, dessen sdliche, an die Spree stoende
Hlfte der Gesellschaft verblieb, whrend der nrdliche Teil fr 300000
Mark in den Besitz des Staates berging. Die technische Ausfhrung wurde
dem Berliner Baumeister E. _Schmidt_ bertragen, die Oberaufsicht fhrte
der Geheime Oberregierungsrat _Spieker_ vom Ministerium der geistlichen,
Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten. Am 4. April 1891 legte in
feierlicher Weise der damalige Vorsitzende _Karl Thiersch_ den
Grundstein des Gebudes, welches nunmehr so schnell gefrdert wurde, da
es in wenig mehr als einem Jahre vollendet und gebrauchsfhig dastand.

Der XXI. Kongre, den man in Rcksicht auf die Fertigstellung bis in den
Juni verlegt hatte, wurde am 8. Juni 1892 mit der Einweihung des
_Langenbeckhauses_ erffnet. Vor einer glnzenden Versammlung in welcher
der Kaiser durch den Prinzen _Friedrich Leopold_, die Kaiserin durch den
Kabinettsrat _Bodo von dem Knesebeck_, vertreten wurden, hielt der
Vorsitzende _Adolf v. Bardeleben_ die Erffnungsrede, die in kurzen
Strichen die Vorgeschichte des Baues darlegte. Ihm folgte _Ernst v.
Bergmann_ mit einem formvollendeten Rechenschaftsberichte, in welchem
er in klangvollen Worten, wie sie diesem Meister der Rede bei jeder
Gelegenheit zu Gebote standen, die neuen Aufgaben der Deutschen
Gesellschaft fr Chirurgie, die ihr mit dem Vereinshause erwachsen
waren, vorzeichnete. Er schlo mit den Worten: Wozu v. _Langenbeck_ das
Haus einst bestimmt hat, dazu wachse und blhe es: ein Hort der
naturwissenschaftlichen Medizin, zur Ehre, Zier und Macht des rztlichen
Standes.

So war das erste groe rztliche Vereinshaus Deutschlands seiner
Bestimmung bergeben. --

Indessen blieb die Freude ber das neue Heim, welches alle Mitglieder
der Gesellschaft gleichmig erfllte, nur wenige Jahre ganz ungetrbt.
Es war wohl eine Folge des ungewhnlich beschleunigten Baues und die
Lage des Hauses auf einem wenig festen, moorigen Boden, da die bei
allen neuen steinernen Gebuden unvermeidlichen Senkungen und
Verschiebungen eine ber das Mittelma hinausgehende Hhe erreichten.
Fast alljhrlich muten mehr oder weniger erhebliche Summen fr
Ausbesserungen ausgegeben werden, welche den Jahreshaushalt zunehmend
belasteten. Und dies war nicht einmal der grte belstand, sondern
schon nach wenigen Jahren zeigte sich, da die Fassungskraft des groen
Sitzungssaales fr die alljhrlich anschwellende Mitgliederzahl in
seinen Grenverhltnissen zu gering veranschlagt worden sei.

Auf S. 32 ist bereits von dem schnellen, fast lawinenartigen Anwachsen
der Mitgliederzahl die Rede gewesen, die im Jahre 1900, also 8 Jahre
nach der Einweihung des Langenbeckhauses, das erste Tausend berschritt,
um von da an ein immer schnelleres Zeitma einzuschlagen. Der Grund
dafr ist nicht ausschlielich in dem Umstande zu suchen, da alle rzte
des deutschen Sprachgebietes in Europa, soweit sie sich mit Chirurgie
befaten, es allmhlich als eine groe Ehre einschtzen lernten,
Mitglieder dieser Gesellschaft zu sein; vielmehr kam als wichtiger
Umstand hinzu, da die Satzungen auch allen fremdsprachigen Auslndern
in weitherzigster Gastfreundschaft die Tore ffneten. Immerhin blieben
solche Mitglieder, denen das Deutsche nicht Muttersprache war und die
sich nicht als Deutsche fhlten, zunchst noch vereinzelt; aber mit der
wachsenden Bedeutung der Verhandlungen und ihrer oft beraus wichtigen
Entscheidungen in schwebenden Fragen schwoll der Strom der Auslnder
mehr und mehr an, schickten nicht nur alle Vlker Europas und der
Kulturnationen Amerikas ihre Vertreter, sondern sie kamen aus allen
Weltteilen. So haben lange Jahre die hervorragendsten rzte des
bildungseifrigen Japans als Mitglieder unserer Gesellschaft angehrt.
Unter allen Fremden aber haben die slawischen Vlker des europischen
Ostens stets den erheblichsten Bruchteil gestellt.

Es ist nicht ohne Wichtigkeit, sich klar zu machen, in welchem Umfange
dieser Zustrom Nichtdeutscher zur Mitgliedschaft der Gesellschaft sich
vollzogen hat. Eine Zhlung ist allerdings dadurch sehr erschwert, da
weder Name, noch Wohnort des einzelnen einen sicheren Anhalt fr sein
Deutschtum zu geben vermag. Alle Personen zweifelhafter Nationalitt
sind daher als Deutsche gerechnet, so da die aufgestellten Zahlen nur
das Mindestma der Fremden wiedergeben. Die in Betracht kommenden Zahlen
betrugen:

           1872:  130 Mitglieder, darunter   1 Fremder =  0,77 %
           1873:  146     "           "      5 Fremde  =  3,42 %
           1880:  278     "           "     21 Fremde  =  7,57 %
           1890:  499     "           "     50 Fremde  = 10,02 %
           1900: 1025     "           "     95 Fremde  =  9,26 %
           1910: 2019     "           "    338 Fremde  = 16,74 %
           1913: 2213     "           "    436 Fremde  = 19,70 %

Die bersicht zeigt nicht nur das stndige und seit 1890 ganz
ungewhnliche Wachstum der Gesellschaft an Mitgliederzahl, sondern
zugleich die schon frher, seit 1880 einsetzende und unaufhrlich
anschwellende Zunahme der Chirurgen fremder Volksstmme bis fast zum
fnften Teile des Gesamtbestandes. Es ist das ganz gewi ein Zeichen
groen Vertrauens zu der wissenschaftlichen Chirurgie unseres
Vaterlandes und daher als eine groe Ehre zu betrachten; doch darf nicht
bersehen werden, da darin unter gewissen Umstnden auch der Anla zu
allerlei Unzutrglichkeiten gelegen sein knnte.

Gleichgltig, welche Grnde dabei mitwirkten, es blieb eine Tatsache,
da der zur Verfgung stehende Sitzungssaal fr die Zahl der Besucher
nicht ausreichte, zumal da man Jahre hindurch auch noch Freikarten fr
viele, nur vorbergehend in Berlin anwesende rzte ausgegeben hatte. Und
wenn auch gewhnlich nicht einmal die Hlfte der Mitglieder zu den
Kongreverhandlungen sich einstellte, so war selbst fr diese der Raum
schon unzureichend. Es blieb ein ungewhnlicher und geradezu
unertrglicher Zustand, da die nach Berlin eilenden Mitglieder mit
Sicherheit nicht einmal auf einen Stehplatz rechnen durften. Die
Mistnde wurden endlich so erheblich und die berechtigten Klagen der
Mitglieder so gro, da der Vorstand mehrfach bauliche Vernderungen
versuchte, die zwar kostspielig waren, eine befriedigende Lsung aber
nicht herbeizufhren vermochten, bis er sich endlich im Jahre 1911
entschlo, fr den nchstjhrigen Kongre den gresten, in Berlin zur
Verfgung stehenden Saal, den Beethovensaal der Philharmonie in der
Kthener Strae, zu mieten. In ihm sind die Kongresse von 1912 und 1913
abgehalten worden; und, da auch hier besonders die Akustik zu wnschen
brig lie, so wurde fr das Jahr 1914 ein anderer Saal in der
Akademischen Hochschule fr bildende Knste in der Hardenbergstrae zu
Charlottenburg gemietet. Hier hat der Kongre von 1914 stattgefunden.
Das mit vieler Mhe und groen Kosten erbaute Langenbeckhaus war demnach
seiner eigentlichen Bestimmung entzogen und diente nur noch fr die
Vorstandsversammlungen und zur Aufbewahrung der allmhlich,
hauptschlich durch Schenkungen mehr und mehr anwachsenden
Bchersammlung der Gesellschaft. Auch dieser Notbehelf blieb auf die
Dauer unertrglich. Alljhrlich beschftigte sich der Vorstand mit neuen
Plnen, bis unter ihnen einer auftauchte, der langsam festere Gestalt
annahm.

Bald nach dem Tode _Rudolf Virchows_ am 5. September 1902, des
langjhrigen Vorsitzenden der Berliner Medizinischen Gesellschaft, hatte
diese den Plan erwogen, gleichfalls ein eigenes Vereinshaus zu grnden
und ihm den Namen _Rudolf-Virchow-Haus_ beizulegen. Der Gedanke konnte
nur unter der Bedingung Aussicht auf baldige Gestaltung gewinnen, wenn
die Deutsche Gesellschaft fr Chirurgie, deren rumliche Nte nicht
unbekannt geblieben waren, sich entschlo, mit ihren ziemlich reichen
Mitteln als gleichwertige Teilhaberin in das Unternehmen einzutreten.
Der Plan ging dahin, auf einem gemeinsam zu erwerbenden Grundstcke ein
_Langenbeck-Virchow-Haus_ zu errichten, dessen eine Hlfte je eine der
beiden Gesellschaften zur ausschlielichen Benutzung erhalten sollte;
nur der in der Mitte zu erbauende, mglichst umfangreich zu gestaltende
Sitzungssaal sollte beiden Teilhabern zur Verfgung stehen. Die
Verhandlungen haben sich jahrelang hingezogen, da die Chirurgen erst
dann zu festen Abmachungen gelangen konnten, wenn das alte
Langenbeckhaus zu einem annehmbaren Preise verkauft oder der Verkauf
gesichert war. An diesem Punkte stockten die Verhandlungen, da das
preuische Kultusministerium, hinter dem der Finanzminister stand, den
Ankauf immer von neuem hinausschob. Inzwischen hatte aber die Berliner
Medizinische Gesellschaft zwei Grundstcke in der Luisenstrae 58/59
erworben und drngte zum Abschlu, weil jede Verzgerung erhebliche
Verzugszinsen kostete. Da sie sich whrend der Verhandlungen, in welchen
die Umsicht und Tatkraft des ersten Schriftfhrers der Deutschen
Gesellschaft fr Chirurgie _Werner Krte_ von ausschlaggebendem
Einflusse war, auch bereit erklrt hatte, den gemeinsamen Saal mit etwa
900 Sitzpltzen und 100 Stehpltzen zu versehen, wie der Ausschu der
Chirurgen es forderte, so wurde am 3. Januar 1914 der bindende Vertrag
zwischen beiden Gesellschaften abgeschlossen. Freilich war das
Langenbeckhaus damals noch nicht verkauft; doch kam der Vertrag mit dem
Kultusministerium am 20. Mrz desselben Jahres endlich zustande. Im Mai
1915 drfte der Neubau in Gebrauch genommen werden knnen und damit ein
langjhriger Wunsch der an den Kongressen sich beteiligenden Chirurgen
Erfllung finden.




                           _Vierter Abschnitt._

   Wandlungen und Eroberungen auf dem Gebiete der allgemeinen Chirurgie.


Unter den Entdeckungen und Erfindungen, welche im letzten Drittel des
19. Jahrhunderts gleich einem mchtigen unterirdischen Strome, der
pltzlich gewaltsam aus der Erde hervorbricht, die Chirurgie zu
unerhrten Leistungen emporgetragen haben, ist zunchst nur die eine,
die neue Form der Wundbehandlung besprochen worden. Und zwar mit Recht;
denn auf ihr beruht weitaus in erster Linie der ungeheure Aufschwung der
die rckschauende Seele mit freudigem Erstaunen erfllt. Immerhin stehen
neben ihr noch eine Anzahl anderer Krfte, deren Besprechung zur
Vervollstndigung des entworfenen Bildes nicht bergangen werden darf.




                                Kapitel IX.

                   Wandlungen der allgemeinen Therapie.


_Die Methoden zur Herbeifhrung der Schmerzlosigkeit_. Wir nennen an
erster Stelle die Bemhungen, welche darauf abzielten, die
wundrztlichen Eingriffe am menschlichen Krper entweder ganz schmerzlos
oder wenigstens leicht ertrglich zu gestalten; und zwar nicht nur
deshalb, weil sie ein schon lteres, in die Zeit vor _Listers_
Antisepsis zurckreichendes Hilfsmittel des Chirurgen darstellen,
sondern zugleich aus dem Grunde, weil manche der durch die neue
Wundbehandlung mglich gewordenen Eingriffe ohne sie dem Kranken nicht
htten zugemutet werden knnen.

Bis weit ins Altertum hinein lassen sich die in dieser Richtung
angestellten Versuche verfolgen. Am hufigsten bediente man sich der
Abkochungen narkotischer Mittel, die dem Kranken innerlich verabreicht
wurden; und unter diesen stand in erster Linie ein aus der Atropa
Mandragora bereiteter Trank, einer Pflanze, welche als zauberkrftige
Alraunwurzel in deutschen Sagen und Mrchen whrend des ganzen
Mittelalters eine hervorragende Rolle gespielt hat. Durch _Guy de
Chauliac_ erfahren wir, da auch narkotische _Einatmungen_ schon von den
Wundrzten des 13. Jahrhunderts angewandt worden sind; und selbst die
Versuche _rtliche_ Gefhllosigkeit zu erzeugen, reichen bis in das
Altertum zurck. Aber alles das blieb in den Anfngen stecken, wurde
spter vergessen und erlebte erst unter der Entwicklung der Chemie im
19. Jahrhundert einen pltzlichen und nunmehr nachhaltigen Aufschwung.

Die damals beginnende Bewegung setzte sich die Herbeifhrung einer
_allgemeinen Gefhllosigkeit des ganzen Krpers_ zum Ziele. Die ersten
Versuche betrafen Einatmungen des schon im Jahre 1776 von dem englischen
Prediger _Priestley_ entdeckten _Stickstoffoxyduls_, in Deutschland
Lust- oder Lachgas genannt, auf dessen narkotische Eigenschaften im Jahre
1800 der Chemiker _Humphry Davy_ hinwies. Sehr langsam indessen gewann
der Gedanke durch Gaseinatmungen die Operationen schmerzlos zu
gestalten, an Boden, wenn auch hier und da kleinere Eingriffe unter
Beihilfe dieses Gases vorgenommen wurden. Aber die Unhandlichkeit der
Verwendung und die Krze der damit erzielten Betubung standen einer
schnellen Ausbreitung des Verfahrens im Wege. So konnte denn auch der
amerikanische Zahnarzt _Horace Wells_, der sich seit 1844 der Sache
besonders eifrig angenommen hatte, damit nicht durchdringen und endete
durch Selbstmord, als er sich des Ruhmes seiner Anstrengungen durch das
Emporkommen eines neuen Mittels entrissen sah. Dies neue
Betubungsmittel war der _Schwefelther_, welchen als erster der
deutsche Arzt _Long_ in Athen im Anfange der vierziger Jahre als
Hilfsmittel bei Operationen gebrauchte, seine Versuche aber so spt
verffentlichte, da zwei Amerikaner, der Chemiker _Jackson_ und der
Zahnarzt _Morton_, denen sich spterhin als dritter noch der Wundarzt
_Warren_ vom Massachusettshospital in Boston hinzugesellte, als die
Vter der thernarkose angesehen zu werden pflegen. Auch die beiden
Erstgenannten wurden von der Erfindertragik ereilt: _Jackson_ wurde
geisteskrank, _Morton_ starb im Elend. Denn inzwischen war auch dem
ther ein neuer und, wie sich bald zeigte, der gefhrlichste Gegner
erwachsen.

Das von _Liebig_ in Gieen und _Soubeiran_ in Paris im Jahre 1831 etwa
gleichzeitig entdeckte _Chloroform_ wurde nach Tierversuchen des
Physiologen _Flourens_ als ein sehr wirksames narkotisches Mittel
anerkannt. Das Verdienst aber, solches in die medizinisch-chirurgische
Praxis eingefhrt zu haben, gebhrt dem berhmten Edinburgher
Gynkologen _James Young Simpson_, der im Mrz 1847 zuerst die
thernarkose aufgenommen hatte, im November desselben Jahres aber
bereits das Chloroform als Betubungsmittel dringend empfahl. Ein
eigentmlicher Zufall war, wie erzhlt wird, nahe daran, noch im letzten
Augenblicke der Menschheit die ihr bevorstehende Wohltat wenn auch nicht
auf immer, so doch sicherlich fr lngere Zeit zu entziehen. _Simpson_
wollte das neue Mittel zum ersten Male bei der Operation eines
eingeklemmten Bruches versuchen; durch eine Ungeschicklichkeit ging aber
der ganze Chloroformvorrat noch vor dem Beginne verloren. Als nun ohne
Betubung der erste Schnitt gemacht wurde, sank die Frau zusammen und
starb. Es handelte sich um einen jener Flle von tdlicher
Nervenerschtterung, die in lterer wie in neuerer Zeit, wenn auch
glcklicherweise sehr selten, beobachtet worden sind. Man stelle sich
aber die Wirkung vor, wenn bei einer, wahrscheinlich sehr vorsichtigen
und unvollkommenen Anwendung des Chloroforms, ein gleicher Vorgang sich
ereignet htte!

Von nun an trat das Chloroform, ungeachtet aller Anfeindungen, einen
Siegeszug ber die ganze Erde an. In Deutschland war es bereits im 7.
Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts im allgemeinen und fast ausschlielichen
Gebrauche, so vollstndig, da der Schwefelther, dem doch Mnner wie
_Dieffenbach_ in Berlin, _Schuh_ in Wien und _Pirogoff_ in Petersburg
eingehende Studien gewidmet hatten, nahezu in Vergessenheit geriet. Nur
in den Vereinigten Staaten von Amerika, dem Mutterlande der
thernarkose, ist man bis zur Gegenwart dem ther niemals ganz untreu
geworden.

Indessen dauerte es nicht allzu lange, bis auch die schlimmen Seiten des
an sich so beraus wohlttigen neuen Mittels in die Erscheinung traten.
Todesflle, zuweilen in entsetzlicher Hufung und um so
niederschmetternder, als sie nicht selten lange Reihen guter Erfolge
ablsten, drngten den Wundrzten die Frage nach der Ursache solcher
Erscheinungen mit brutaler Heftigkeit auf. Wohl gab es einzelne
Chirurgen, die, durch gute Erfahrungen lange Zeit verwhnt, alles auf
Unachtsamkeit und Migriffe schoben, bis sie selber vom Schicksale
ereilt wurden. So erging es _Simpson_, der erst nach langjhriger
Ttigkeit den ersten Chloroformtod erlebte, so _Gustav Simon_ in
Heidelberg, der in seinen Vorlesungen immer die Schuld des Chirurgen
betont hatte, so v. _Dumreicher_ in Wien, der nach einem Chloroformtode
auf der Nachbarklinik einen klinischen Vortrag gleicher Richtung hielt,
aber im unmittelbaren Anschlu daran einen Kranken verlor. Keiner blieb
auf die Dauer verschont, so da die erfahrenen rzte stets mit einem
leichten Gefhle des Grausens an die Narkose herangingen. Allein wie
gro die Gefahr denn eigentlich war, das vermochte der einzelne
Beobachter aus seiner eigenen Erfahrung heraus nicht zu beurteilen. Dazu
gehrten groe, umfassende Zahlen und diese zu beschaffen setzte sich
die Deutsche Gesellschaft fr Chirurgie zur Aufgabe.

Auf dem XIX. Kongre von 1890 hielt _Kappeler_, leitender Arzt in dem
schweizerischen Mnsterlingen, einen Vortrag: Beitrge zur Lehre von
den Anstheticis, an dessen Schlu er dem vom Vorsitzenden _Ernst v.
Bergmann_ lebhaft untersttzten Wunsche Ausdruck gab, die Gesellschaft
mge eigene Erfahrungen in Gestalt einer Sammelforschung ber
verschiedene Betubungsmittel aufzubringen versuchen. Die mhsame Arbeit
der Sichtung und Zusammenstellung bernahm _Ernst Gurlt_, der auf dem
Kongre von 1891 seinen ersten, auf dem von 1897 seinen letzten
zusammenfassenden Bericht erstattete. Er bringt ein Gesamtmaterial von
330429 Narkosen mit verschiedenen Betubungsmitteln, die eine
Sterblichkeit von 1 Todesfall auf 2429 ergeben. Davon entfallen auf das
Chloroform 240806 Narkosen mit 116 Todesfllen, also 1 Todesfall auf
2075 Anwendungen, whrend 56233 therbetubungen 11 Opfer forderten,
d. h. 1 auf 5112.

Schon aus diesen Zahlen erhellt die Erkenntnis, da die Anwendung der
_thernarkosen_, fr welche schon auf demselben XIX. Chirurgenkongre
P. _Bruns_ auf Grund seiner praktischen Erfahrungen und tachometrischen
Pulsuntersuchungen entschieden eintrat, erheblich ungefhrlicher ist als
das Chloroform; denn wenn auch die _Gurlt_sche Statistik noch wenig von
den unangenehmen und nicht selten tdlichen Nachkrankheiten des thers
im Bereiche der Luftwege zu sagen wei, auf die man bald in immer
strkerem Mae aufmerksam wurde, so blieb doch der Eindruck, den sie
einmal hervorgerufen hatte, mchtig genug, um dem ther wiederum eine
umfangreichere Verwendung zu sichern. Selbst _Johann v. Mikulicz_, der
auf dem Kongre von 1901 einen ausgezeichneten Vortrag: Die Methoden
der Schmerzbetubung und ihre gegenseitige Abgrenzung hielt, in welchem
er ber 98539 Inhalationsnarkosen und 103064 rtliche Ansthesien
schlesischer rzte berichtet, stellt zwar, unter Bercksichtigung der
Nachkrankheiten, fr das Chloroform eine Sterblichkeit von 1:1683, fr
den ther eine erheblich hhere Zahl von 1:1044 fest, nimmt aber dennoch
auf Grund eigener Beobachtungen fr das Chloroform eine grere
Gefhrlichkeit an, als sie dem ther eignet. Die _Neuber_sche Statistik
von 1908, welche ber 71052 Narkosen berichtet, hat diese Anschauungen
im allgemeinen besttigt; sie ergibt fr Chloroform eine Sterblichkeit
von 1:2060, fr ther von 1:5930, fr Skopolaminmischnarkosen von
1:4762, fr Mischnarkosen nach _Schleich_, _Krte_, _Parker_, freilich
nur in der Zahl von 1748 Anwendungen, _keinen_ Todesfall.

Hand in Hand mit dem Studium der Todesursachen in den einzelnen Fllen
gingen die Versuche, den Gefahren durch eine aufmerksamere Darreichung
des Betubungsmittels zu begegnen. In den angelschsischen Lndern
bediente man sich schon seit Jahrzehnten des Kunstgriffes, eigene
Gehilfen nur fr die Betubung zu erziehen, die ihre Aufmerksamkeit
ausschlielich der Narkose zuzuwenden hatten und fr deren guten Verlauf
verantwortlich waren. Auch in Deutschland ging man hier und da zu diesem
Verfahren ber, mute aber bald die berzeugung gewinnen, da eine
nennenswerte Abnahme der Todesflle dennoch nicht erzielt wurde.
Vielmehr sah man ein neues schweres Bedenken in dem Umstnde auftauchen,
da manche Gehilfen, um nicht mitten im blutigen Eingriffe eine Strung
herbeizufhren, die Meldung gefahrdrohender Erscheinungen ungebhrlich
lange verzgerten. Eine groe Zahl von neuen Darreichungsmethoden
mittels zum Teil fein ersonnener Instrumente fhrten keineswegs zum
ersehnten Ziele, wenn auch die wachsende Vorsicht manche Besserung der
Verhltnisse erzwang. So gelangte man denn zu den Mischnarkosen, um die
notwendige Menge des Einzelgiftes herabzumindern und dennoch die gleiche
Wirkung zu erzielen. Diesen Weg betrat zuerst, schon im Jahre 1850, der
Zahnarzt _Weiger_ in Wien mit einer Mischung von 9 Teilen ther auf 1
Teil Chloroform. Das englische Chloroformkomitee setzte dem ther und
Chloroform noch Alkohol im Verhltnis von 3:2:1 hinzu, welches Gemisch
_Billroth_ dahin vernderte, da er auf Chloroform 100 je 30 Teile ther
und Alkohol fgte. Endlich stellte _Karl Ludwig Schleich_ in Berlin
verschiedene Flssigkeitsmischungen von einem willkrlich gewhlten
Siedepunkte zusammen, von der Voraussetzung ausgehend, da ein
Betubungsmittel um so leichter in den Krper aufgenommen, zugleich aber
um so leichter wieder ausgeschieden werde, je flchtiger es sei.
_Schleichs_ Siedegemische haben sich praktisch als brauchbar erwiesen,
ohne indessen den genannten Mischungen berlegen zu sein; seine
physikalischen Voraussetzungen aber sind nicht unbestritten geblieben
(_Honigmann_, H. _Braun_).

Noch in einer anderer Weise hat man die Menge des zuzufhrenden
Betubungsmittels und damit auch seine Giftwirkung zu verringern
versucht, indem man nmlich ein Schlafmittel (Morphin, Skopolamin,
Veronal) krzere oder lngere Zeit dem Narkotikum vorauf schickte. Es
scheint in der Tat damit eine Herabminderung der Gefahren erreicht
worden zu sein. Endlich ist durch Einfhrung des sogenannten
_therrausches_ (_Sudeck_), der freilich nur bei ganz kurze Zeit
dauernden Operationen angewandt werden kann, die Menge des
Betubungsmittels so verringert worden, da fast jede Spur von Gefahr
vermieden wird.

Daneben haben freilich die Versuche der durch die chemischen Fabriken
lebhaft untersttzten rzte, neue und immer weniger gefhrliche
Betubungsmittel zu finden, niemals aufgehrt. Wie auf einer Wandelbhne
gingen, fr den praktischen Wundarzt fast sinnverwirrend, immer neue
Mittel auf, um nach einer kurzen Zeitspanne des Glanzes zu verlschen
und mehr oder weniger der Vergessenheit zu verfallen. Unter den
zahllosen Neuerungen der zwei Jahrzehnte nach 1891 seien nur zwei
genannt, das _Bromthyl_ und das _Pental_, ersteres, weil manche
hervorragende Chirurgen lngere Zeit an ihm festgehalten haben,
letzteres, weil es wohl als das gefhrlichste aller Betubungsmittel
angesehen werden mu. Die _Gurlt_sche Statistik berechnet seine
Tdlichkeit auf 1:213.

                     *       *       *       *       *

Blieben so Chloroform und ther unverrckt auf ihrem hervorragenden
Platze stehen, so erwuchs ihrer Anwendung doch von anderer Seite her
eine beraus dankenswerte Ergnzung in den verschiedenen Manahmen, um
eine _rtliche Empfindungslosigkeit_ herbeizufhren. Schon seit dem
Jahre 1866 war der Zerstuber des Englnders _Richardson_ dazu bentzt
worden, um durch den schnell verdunstenden ther eine Vereisungs- und
Erfrierungszone an der Krperoberflche zu erzeugen in deren Bereich
kleine, schnell ausfhrbare Eingriffe schmerzlos vorgenommen werden
konnten. Die Methode ist, nur unbedeutend abgendert, in dauerndem
Gebrauch geblieben. Aber der durch sie wiederum angeregte Gedanke der
Herbeifhrung einer rtlichen Empfindungslosigkeit erhielt einen neuen
Ansto zu weiterer Ausgestaltung, die sich ganz an die Entdeckung des
Kokains knpft. Dies von den Andenindianern Sdamerikas schon seit
Jahrhunderten benutzte Mittel wurde in die europische Medizin im Jahre
1884 durch den Wiener Arzt C. _Koller_ eingefhrt, zunchst nur zu dem
Zwecke, Schleimhautflchen, insbesondere die Bindehaut des Auges,
unempfindlich zu machen. Einige Chirurgen hatten auch bereits begonnen,
das Alkaloid zu Einspritzungen unter die Haut zu verwenden, als _Karl
Ludwig Schleich_ vor den Kongre von 1892 mit einer gut ausgearbeiteten
Methode trat, welche auch ausgedehnte und langdauernde Operationen
schmerzlos und fast ohne jede Gefahr auszufhren erlaubte. Es ist sehr
bedauerlich, da die mindestens etwas unvorsichtige Art des
Einfhrungsvortrages den heftigen Widerspruch des damaligen Vorsitzenden
_Adolf v. Bardeleben_ und mit ihm des gesamten Kongresses hervorrief,
wodurch _Schleichs_ vorzgliche Idee auf ihrem Wege zur praktischen
Bettigung fr viele Jahre eine starke Behinderung erfuhr; aber
durchgesetzt hat sie sich trotzdem und dem Erfinder ist der Ruhm
geblieben, da er die Chirurgie und damit die leidende Menschheit mit
einem nahezu gefahrlosen rtlichen Betubungsmittel beschenkt hat. Wenn
es ihm auch nicht gelungen ist, die Einatmungsnarkosen zu verdrngen,
wie er ursprnglich gehofft hatte, so hat er sie doch nicht unwesentlich
eingeschrnkt und damit die Narkosengefahr in sehr merkbarer Weise
herabgesetzt. Die _Schleich_sche Infiltrationsansthesie gehrt
zweifellos zu den Ruhmesblttern deutscher Chirurgie.

Es kann diesem Ruhme keinen wesentlichen Eintrag tun, da die von
_Schleich_ ausgebildete Methode bereits vielfach berholt worden ist.
_Heinrich Braun_ (Zwickau), der in einer mustergltigen Arbeit vom Jahre
1905 (2. Aufl. 1907) alle bei der rtlichen Betubung in Frage
kommenden Verhltnisse einer eingehenden Wrdigung unterzog, hat durch
Zusatz von Nebennierenprparaten die Wirksamkeit und Dauer der
Kokainansthesie in ungeahnter Weise erhht und damit nicht nur die
Operationen fast unblutig gemacht, sondern auch die Vergiftungsgefahr
ganz erheblich vermindert. Letztere ist auch dadurch noch weiter
herabgesetzt worden, da Ersatzmittel des Kokains, insbesondere das
Novokain, gefunden wurden, welche an sich erheblich weniger giftig sind
als das ursprngliche Alkaloid. So ist das Verfahren selbst bei groen
und eingreifenden Operationen fast vollkommen unschdlich geworden.

Die _Braun_schen Abnderungen haben sich auch fr die Fortbildung
anderer, lterer wie neuerer Verfahren sehr ntzlich erwiesen: so
zunchst fr die von _Oberst_ (Halle) schon im Jahre 1890 angegebene
Methode der Fingeransthesie mittels zweier Einspritzungen von Kokain
lngs des Verlaufes der beiden Fingernerven. Sehr viel wichtiger aber,
weil in unendlich grerer Ausdehnung verwendbar, war die im Jahre 1899
beschriebene Methode _August Biers_, damals in Kiel, zur _Ansthesierung
des Rckenmarkes_ mittels Einspritzung des Betubungsmittels in den Sack
der harten Rckenmarkshaut, eine Methode, welche im Anschlu an
_Heinrich Quinckes_ Lumbalpunktion erdacht worden war. Wenn sich auch
das Kokain als solches bald als zu gefhrlich erwies, weil es allerlei
schwere Erscheinungen, Nachkrankheiten, selbst Todesflle hervorrief, so
hat man doch von einem Verfahren nicht absehen zu mssen geglaubt,
welches ursprnglich nur die Operationen bis zur Nabelhhe, spter aber
in seiner Vervollkommnung einen noch greren Teil des Krpers, bei
Erhaltung des Bewutseins, unempfindlich zu machen gestattete. Mittels
Ersatzes des Kokains durch verwandte Stoffe (Novokain und Tropakokain)
lernte man auch die Gefahren herabmindern, die schlielich auf dem Wege
der Mischung des Betubungsmittels mit Adrenalin (H. _Braun_ -- Zwickau)
oder mit Strychnin (_Jonnescu_) oder einer zweiten Lumbalpunktion zur
Verminderung des Flssigkeitsdruckes (E. _Kster_) auf ein so geringes
Ma herabgesetzt wurden, da heute _Biers_ Erfindung als eine glnzende
Errungenschaft der neueren Chirurgie zur Bekmpfung der
Operationsgefahren angesehen werden mu. Sie ist freilich in neuerer
Zeit durch die weitere Ausbildung der rtlichen Betubung in ihrer
Anwendung etwas beschrnkt worden.

Wenn wir zum Schlu auf all die zahlreichen Mittel, welche erdacht
wurden, um dem Menschengeschlechte den Operationsschmerz zu ersparen
oder zu lindern, einen prfenden Rckblick werfen, so sind wir zu dem
Gestndnis gezwungen, da deren keines vorhanden ist, welches, wie
_Mikulicz_ sich ausdrckt, im mathematischen Sinn, d. h. gnzlich und
unter allen Umstnden gefahrlos ist. Eines schickt sich nicht fr alle.
Der heutige Wundarzt wei, da er stets mit der ungeheuren individuellen
Verschiedenheit zu rechnen hat, welche die Zellen des menschlichen
Krpers jeder kraftmindernden Einwirkung, mge sie ererbt oder durch
Alter, Verletzung und Krankheit erworben sein, an Widerstandskraft
entgegenzustellen vermgen. Alle diese Vernderungen zu erkennen
befhigt uns auch heute noch nicht eine aufs feinste entwickelte
Diagnostik; aber sie hat den Arzt diesem Ziele wenigstens nher
gebracht. Wenn ihm daraus die Mglichkeit erwachsen ist, jedem Kranken
ohne Ausnahme den Schmerz zu ersparen, so doch auch zugleich die
Pflicht, unter der Flle der zur Verfgung stehenden Hilfsmittel das fr
den Fall passendste auszuwhlen. Das Studium der physiologischen
Wirkungen aller Betubungsmittel hat aber nicht allein die Mglichkeit
geschaffen, unter ihnen von vornherein eine geeignete Wahl zu treffen,
sondern auch die weitere, ein Mittel durch ein anderes zu ersetzen,
sobald ersteres irgendwelche bedrohlichen Erscheinungen hervorruft. Nur
auf diesem Wege ist eine Vervollkommnung der wissenschaftlich geleiteten
Narkose noch zu erwarten; aber schon jetzt darf der Hoffnung Ausdruck
gegeben werden, da das drohende Gespenst des Narkosentodes, welches
einst den Weg des handelnden Wundarztes bei jedem Schritte begleitete,
zwar niemals gnzlich verschwinden, aber fr gewhnlich doch zu einer
freundlichen Lichtgestalt sich umwandeln werde, die den Kranken und
Elenden mit sanfter Hand ber Schmerz und Qual hinaushebt.

                     *       *       *       *       *

Eins der schnsten Geschenke erhielt die Deutsche Gesellschaft fr
Chirurgie schon auf ihrem zweiten Kongre vom Jahre 1873 in _Friedrich
Esmarchs_, des berhmten Kieler Chirurgen, Mitteilung ber seine
_Methode, knstliche Blutleere_ an den Gliedmaen herbeizufhren und
Operationen an ihnen dadurch vollkommen blutlos zu gestalten. Die Frage
der Beherrschung eines allzu reichlichen Blutverlustes hatte die
Chirurgen schon seit dem Altertum fast fortdauernd beschftigt, selbst
in solchen Zeiten, in welchen die Medizin methodische Blutentziehungen,
sowohl am ganzen Krper, wie insbesondere an erkrankten Gliedern, nicht
entbehren zu knnen glaubte. Des Rtsels Lsung, wie dies Ziel
erreichbar sei, brachte _Esmarchs_ Methode wenigstens fr die
Extremitten.

Es ist mig, zu errtern, ob das Verdienst der Erfindung wirklich
_Esmarch_, oder nicht vielmehr seinem damaligen Assistenten
J. _Petersen_ oder gar seinem Oberwrter _Carstens_ zugeschrieben werden
msse, da letzterer eines Tages, wie erzhlt wird, anstatt der bisher
blichen leinenen, eine elastische Gummibinde zum Einwickeln eines
abzusetzenden Gliedes berreicht habe. Schon Jahre zuvor hatte _Esmarch_
sich bemht, durch sehr feste Einwicklung mit leinenen Binden und
darauffolgende Abschnrung an einem hher hinauf gelegenen Punkte die
Blutung an den Gliedmaen auf ein bescheidenes Ma herabzumindern, wie
es vor ihm wohl auch manche andere Chirurgen schon versucht hatten. Der
Gedanke gehrt also im wesentlichen ihm allein und fr diese Auffassung
spielt das bessere Material, welches ihm oder seinem Assistenten der
Geistesblitz eines ungebildeten Mannes in die Hand legte, um so weniger
eine Rolle, als der erfahrene Wundarzt sofort die groen Vorzge, die
weit berlegene Benutzbarkeit des neuen Stoffes erkannte. Mit
fieberhafter Schnelligkeit und mit berraschenden Erfolgen wurde nunmehr
die Methode ausgebildet, welche seitdem unzhlige Kranke vor der durch
starken Blutverlust erzeugten Schwche bewahrt und ihnen Gesundheit und
Leben erhalten hat. Sie gehrt zum festen Bestande der Chirurgie der
gesamten gebildeten Welt.

Da _Esmarchs_ elastische Binde auch weiter als Mittel zur vorlufigen
Blutstillung benutzt und da in seinen Samariterkursen das sehr einfache
Verfahren zur Verhtung schwerer Blutverluste auch zahlreichen
Laienhnden eingebt wurde, sei nur nebenbei erwhnt.

In _Friedrich Trendelenburgs_ Beckenhochlagerung vom Jahre 1892 hat die
Methode der Blutersparung einen neuen, hchst wertvollen Spro
getrieben, und durch die Anwendung der Nebennierenprparate ist die
Mglichkeit der Blutersparung fr _alle_ Operationen geschaffen worden.

Noch ein weiteres Verfahren entwickelte sich aus der in Schwang
gekommenen Anwendung der elastischen Binde: ihre Benutzung zur
Blutstauung, um dadurch heilend auf krankhafte Vorgnge verschiedener
Art zu wirken.

Schon seit 1895 hatte _Bier_ fortgesetzt Studien ber _Hypermie als
Heilmittel_ gemacht, die er in verschiedener Weise, durch heie Luft,
heies Wasser, endlich durch vense Stauung, hervorbrachte und erprobte.
Nach vielen kleineren Verffentlichungen erschien unter genanntem Titel
im Jahre 1905 eine Einzelschrift, welche seitdem viele Verbesserungen
und Vermehrungen in zahlreichen Auflagen erlebte, als bester Beweis fr
den groen Anklang, den die neue Behandlungsmethode bei den Fachgenossen
gefunden hat. Die Einfachheit und Zweckmigkeit des Verfahrens, welches
die elastische Binde mglich machte und welches _Bier_ bis in alle
Einzelheiten praktisch ausgebildet hatte, gewann der Methode reichlich
Anhnger, sowohl fr die Behandlung akuter Entzndungen, zumal an den
Fingern, als auch zur Heilung tuberkulser Erkrankungen, in erster Linie
der Knochen und Gelenke. Auch die _Bier_sche _Stauung_ drfte fortan
als ein fester Bestand unseres Heilmittelvorrates zu gelten haben.

                     *       *       *       *       *

Zu den bisher besprochenen Hilfsmitteln der Chirurgie gesellt sich als
letztes ein solches, welches weniger fr die Behandlung als fr die
Erkenntnis der Krankheiten eine stets wachsende Bedeutung gewonnen hat.
Im Dezember 1895 verffentliche _Wilhelm Rntgen_, Professor der Physik
in Mnchen, eine kleine Schrift, in welcher er die berraschende
Mitteilung machte, da es ihm gelungen sei, unter Benutzung der
_Hittorf_schen Rhre Kathodenstrahlen zu erzeugen mit der merkwrdigen
Fhigkeit, jeden Krper, dessen Schichten nicht gar zu dicht sind, zu
durchdringen. Wie ein Geisterleib erschien der menschliche Krper nur
in zarten Umrissen auf dem die Strahlen auffangenden Schirme und nur das
Knochengerst, sowie alle dicken metallischen Gegenstnde und
dichtgeschichteten Mineralien warfen deutliche Schatten Die Aufnahme des
Verfahrens in den wundrztlichen Betrieb erfolgte zunchst langsam und
zgernd. Zwar wurde es bald genug klar, welch ausgezeichnetes Mittel man
in den _Rntgen_schen Kathodenstrahlen fr die Erkenntnis der
Besonderheiten der Knochenverletzungen und deren rechtzeitiger
Beeinflussung whrend der Heilung besa, da auch Sitz und Eigenart der
in den menschlichen Leib eingedrungenen Fremdkrper, soweit sie
metallischer Natur waren, aufs genaueste festgestellt werden knnten;
aber es dauerte doch mehrere Jahre, bis die Vervollkommnung der Apparate
und das verfeinerte Studium der physikalischen Bedingungen auch die
Zustnde innerer Organe dem prfenden Auge des vorgebildeten Beschauers
zugngig machen konnten. Und wenn auch die sehr hochgespannten
Hoffnungen der Laienwelt, da es fortan mglich sein werde, die
krankhaften Vernderungen des Krpers wie auf einer Landkarte zu sehen,
sich nur zu einem kleinen Teile erfllt haben, so war doch der Gewinn
fr die an eine genaue Erkenntnis geknpfte Behandlung chirurgischer
und innerer Leiden so gro, da weder die Regierungen der einzelnen
deutschen Bundesstaaten, noch die Gemeindevertretungen, noch Vereine
sich der Aufgabe entziehen konnten, ihre Kliniken, sowie groe und
kleine Krankenanstalten mit Durchleuchtungsvorrichtungen in vollem
Umfange zu versehen. Die fast mrchenhaft erscheinende Entdeckung
_Rntgens_, welche den wissenschaftlichen Aufschwung des 19.
Jahrhunderts wrdig abschlo, hat sich von ihrem deutschen Mutterboden
schnell ber die ganze Erde verbreitet. Von ihr erhielten die
wissenschaftliche und praktische Chirurgie und deren Schmerzenskind, die
Unfallheilkunde, ferner die innere Medizin, die Geburtskunde, berhaupt
fast smtliche Gebiete der praktischen Medizin einen ungeheuren
Auftrieb; und wenn auch die heilenden Eigenschaften der Rntgenstrahlen
den Erwartungen, welche menschlicher Optimismus an sie knpfte, zunchst
nur in bescheidenem Mae gerecht geworden sind, so ist doch die
Mglichkeit nicht ausgeschlossen, da eine immer mehr sich verfeinernde
Technik der leidenden Menschheit noch manche wertvolle und berraschende
Gabe zum Geschenk machen werde.

Gleiches lt sich von den beiden Stoffen sagen, die als Heilmittel in
neuester Zeit mit den Rntgenstrahlen in Wettbewerb getreten sind, dem
_Radium_ und _Mesothorium_. Ihre unmittelbare Wirkung ist berraschend
gro, Art und Dauer derselben aber noch zweifelhaft.

                     *       *       *       *       *

Die von Anfang an auerordentlichen Erfolge der neuen Wundbehandlung,
die sich zudem noch von Jahr zu Jahr verbesserten, fhrten zunchst eine
Umwandlung und Vermehrung der Werkzeuge, sowie wesentliche
_Vernderungen der operativen Technik_ herbei. Bald genug wurde es
nmlich klar, da die alten Instrumente mit Holz- oder Horngriffen,
berhaupt alle aus mehreren Stcken zusammengesetzten Vorrichtungen,
niemals mit Sicherheit keimfrei zu machen waren, weil der fettige,
keimreiche Schmutz in den Spalten und Ecken weder durch chemische, noch
durch physikalische Mittel sicher beseitigt werden konnte. Man verfiel
daher, um der daraus erwachsenden Gefahr zu begegnen, auf ganz metallene
Werkzeuge, entweder aus einem einzigen Stck gearbeitet oder, wenn dies
aus irgendeinem Grunde nicht angngig war, mit einem Griffe aus einer
dnnen Platte, die aufs sorgfltigste an das Hauptstck angeltet wurde.
Alle Ecken und Winkel muten nach Mglichkeit vermieden oder wenigstens
abgerundet sein. So vorgerichtet konnten sie in Sodalsung gekocht, in
einer antiseptischen Lsung abgekhlt und dann sofort mit der Wunde in
Berhrung gebracht werden.

Auch die _Art zu operieren_ vernderte sich. In der Zeit vor Anwendung
der Betubungsmittel stand am hchsten im Ansehen der Wundarzt, der
seinen Eingriff blitzschnell zu vollenden wute; und diesem hchsten
Ziele paten sich auch die Operationsmethoden an. Sehr hbsch spiegelt
sich diese bertriebene Wertschtzung der Technik in einer Anekdote
wider, die _Bernhard v. Langenbeck_ von seinem Oheim _Konrad Martin
Langenbeck_ in Gttingen zu erzhlen liebte. Letzterer hatte fr die
Absetzung des Oberschenkels in der Mitte die Ovalrmethode angegeben und
wegen der auerordentlich schnellen Ausfhrbarkeit dringend empfohlen.
Ein lterer Kollege von einer Nachbaruniversitt kommt nach Gttingen,
um die Methode kennen zu lernen und _Langenbeck_ ldt ihn fr den
nchsten Tag zu einer solchen Operation ein. Der Kranke liegt auf dem
Tisch, jener ergreift das Messer: da wendet sich der fremde alte Herr
noch einmal ab, um behaglich eine Prise zu nehmen. Aber welches
Entsetzen, als er bemerkt, da die Absetzung inzwischen schon vollendet
ist!

Mit der allgemeinen Anwendung der Betubungsmittel verlor die
Behendigkeit etwas an Ansehen, wiewohl der bei groen Eingriffen schwer
vermeidbare Blutverlust immer noch zu einer gewissen Eile zwang. Als
diese Unannehmlichkeit durch die elastische Binde, wenigstens an manchen
Krperteilen, vollstndig berwunden worden war, da glaubte man sich
mehr Zeit lassen zu drfen, bis die Vergiftungen unter Anwendung des
antiseptischen Sprhnebels und die Gefahren, welche man aus langen
Abkhlungen des Krpers erwachsen sah, die sorglos Langsamen von neuem
aufrttelten. Die aseptische Behandlung, das Operieren in warmen Zimmern
und auf heizbaren Tischen haben auch diese Bedenken fast vollkommen zum
Schwinden gebracht, wenigstens so weit, da die Methoden nicht mehr
ausschlielich nach der Schnelligkeit der Ausfhrung, sondern vorwiegend
nach der greren Zweckmigkeit gewhlt werden. Aber da eine
langdauernde Operation gefhrlicher als eine schnell vollendete ist,
unterliegt gar keinem Zweifel; der Grundsatz: Eile mit Weile gilt
deshalb auch heute noch fr jeden Wundarzt. --

Die bisherigen Vorstellungen ber _Wundheilung_ muten sehr bald einer
erneuten Prfung unterzogen werden. War doch bis dahin die Heilung durch
erste Vereinigung und unter dem trockenen Schorfe, wie sie bei
verwundeten Vgeln regelmig beobachtet werden kann, am menschlichen
Krper eine ganz seltene und nur bei kleinen und oberflchlichen Wunden
vorkommende Vereinigungsweise geblieben; der Ehrgeiz des Wundarztes ging
also bei greren Wunden auf kein hheres Ziel, als auf Herbeifhrung
eines Pus bonum et laudabile, d. h. eines geruchlosen gelben Eiters, und
einer dabei langsam fortschreitenden Wundreinigung, da man diese
Vorgnge als unbedingt notwendig zur Heilung, den Eiter sogar vielfach
als heilungsbefrdernd angesehen hatte. ber die Art, wie eine grere
Wunde sich langsam schliet und ber das Verhalten der einzelnen
Krpergewebe bei diesem Vorgange hatten schon vor der Entdeckung, da
Bakterien die Wundeiterung erzeugten und unterhielten, zahlreiche
Untersuchungen stattgefunden. Die durch mikroskopische Studien
herbeigefhrten Anschauungen hatten vielfach wechseln mssen, so nach
_Cohnheims_ Entdeckung der Auswanderung weier Blutkrperchen durch die
Gefwandungen hindurch, so nach _Metschnikows_ Beschreibung des Wesens
der Frezellen. Beide hatten die Arbeiten ber Wundheilung von _Karl
Thiersch_ und _Karl Gussenbauer_ beeinflut; aber in vollkommenster
Weise wurde alles das zusammengefat und durch eigene Untersuchungen
erweitert in der vortrefflichen Arbeit _Felix Marchands_: Der Proze
der Wundheilung mit Einschlu der Transplantation vom Jahre 1901. Der
Verfasser unterscheidet zwar auch noch eine Heilung durch direkte
Vereinigung und eine solche durch Regeneration, welch letztere frher
ausschlielich unter dem Bilde der eitrigen Entzndung verlief, betont
aber ausdrcklich, da ein solcher Unterschied nicht mehr aufrecht
erhalten werden knne, da jeder Heilungsvorgang ein Regenerationsvorgang
sei, dem allerdings bei verschiedenen Wunden erhebliche gradweise
Verschiedenheiten zukommen. Diese Lehre wird an den einzelnen
Krpergeweben geprft und besttigt, so da _Marchands_ Buch auch heute
noch als Grundlage der herrschenden Anschauungen ber die feineren
Vorgnge bei der Wundheilung betrachtet werden mu.




                                Kapitel X.

                      Wandlungen der Kriegschirurgie.


Unter der groen Zahl von Wunden aller Art, welche dem Wundarzte unter
die Hnde kommen, haben, solange es eine Geschichte der Medizin gibt,
die _Schuwunden_ und seit der Erfindung des Schiepulvers vor allen
anderen die Kugelwunden eine besondere Rolle gespielt, nicht etwa
deshalb, weil, soweit es sich um Friedensverletzungen handelt,
Entstehung und Verlauf gegenber mancherlei Zufallsverwundungen einen
sehr erheblichen Unterschied darbten, sondern nur der Begleitumstnde
wegen. Denn einerseits fhrt der Krieg, den _Pirogoff_ eine
traumatische Epidemie genannt hat, zur rumlich und zeitlich
beschrnkten Anhufung einer so ungeheuren Anzahl von Verwundungen, da
zu ihrer sachgemen Versorgung nach den Grundstzen einer
Friedensbehandlung die zur Verfgung stehenden Krfte gewhnlich in
keiner Weise ausreichen; anderseits hat die Ausbildung der Waffen, die
geeignet sind, den Gegner kampfunfhig zu machen, ein so schnelles
Zeitma der Entwicklung eingeschlagen, da sie fortdauernd neue Formen
des Kampfes und neue Formen der Wundbehandlung erforderlich machte. So
ist denn auch die _Kriegschirurgie_ in neuerer Zeit zu einer
Sonderwissenschaft geworden, deren Kenntnis jedem ins Feld ziehenden
Arzte vertraut sein sollte. Freilich bilden nicht die Schuwunden allein
den Inhalt der Kriegschirurgie; aber alle anderen Verletzungen, welche
sonst noch im Kriege vorkommen, wie die Hieb-, Stich- und Quetschwunden,
sind nur ein so kleiner Bruchteil der Kriegswunden, da man die
Schuverletzung als den Typus der Kriegswunde anzusprechen berechtigt
ist.

Selbstverstndlich kann es nicht unsere Aufgabe sein, die Geschichte der
militrrztlichen Organisation, deren Ziel es war und ist, schon im
Frieden eine fr den Krieg ausreichende Zahl von rzten auszubilden und
bereitzustellen, eingehend zu schildern; doch mu auch sie wenigstens
gestreift werden, da sie in engster Beziehung zu dem Aufblhen der
Kriegschirurgie steht. In Preuen, dessen Einrichtungen fr die brigen
deutschen Staaten seit 50 Jahren vorbildlich geworden sind, war durch
Errichtung einer militrrztlichen Bildungsanstalt, des Collegium
medico-chirurgicum in der Pepinire zu Berlin im Jahre 1795 und dessen
Erweiterung 1797, fr geordneten Unterricht und wissenschaftliche
Erziehung der jungen Militrrzte in ziemlich ausreichender Weise
gesorgt worden. Auch fr eine bessere Ausbildung des niederen
Heilpersonals, welches bis dahin seine Kenntnisse und Fertigkeiten bei
Badern und Barbieren erworben hatte, wurde durch endgltige Trennung des
Barbiergewerbes von der Chirurgie mittels des Gesetzes vom 7. September
1811 ein wichtiger Schritt getan. Der hierdurch entstehende Mangel an
Unterchirurgen konnte durch die Kabinettsorder vom Jahre 1820
ausgeglichen werden, durch welche die jungen rzte und Wundrzte
veranlat wurden, ihrer Dienstpflicht im Heere nicht mit der Waffe,
sondern als rzte zu gengen. Die Grndung der Universitt Berlin im
Jahre 1810 drohte freilich eine Zeitlang dem genannten Kollegium den
Untergang zu bringen; doch gelang es dem damaligen ersten
Generalstabschirurgen des Heeres und Leiter des Militrmedizinalwesens
_Johann Grcke_ diese Gefahr abzuwenden und im Jahre 1811 eine neue
Anstalt unter dem Namen einer medizinisch-chirurgischen Akademie fr das
Militr durchzusetzen, deren Zglinge die Vorlesungen der
Universittsprofessoren zu hren berechtigt waren. Diese Akademie ist im
Jahre 1852 fr die wissenschaftliche Ausbildung der jungen Militrrzte
der Universitt gleichgestellt worden, whrend fr deren praktische
Erziehung die Charit benutzt wurde. Vom gleichen Zeitpunkte an hrten
auch die langjhrigen und zuweilen hchst gefhrlichen Angriffe auf,
welche gegen die Notwendigkeit der engeren militrrztlichen Ausbildung
und damit gegen den Fortbestand der seit dem Jahre 1848
Militrrztliches Friedrich-Wilhelms-Institut genannten
Erziehungsanstalt gerichtet worden waren. Unter der ttigen Frsorge des
Generalstabsarztes _Heinrich Gottfried Grimm_ erfuhr das
Militrsanittswesen einen besonderen Aufschwung, begnstigt durch die
Erfahrungen der drei aufeinanderfolgenden Kriege von 1864, 1866 und
1870/71. Ihm verdankt es die Abschaffung des Kompaniechirurgentums,
die Hebung des Standes der Lazarettgehilfen, die Einfhrung
der Krankenwrter und Krankentrger, die Einrichtung einer
Militrmedizinalabteilung im Kriegsministerium, der Chefrzte fr
Feld- und Friedenslazarette, die Bildung eines Sanittskorps und die
Bezeichnung der Militrrzte als Sanittsoffiziere. In den Jahren 1905
bis 1910 ist die alte Friedrich-Wilhelms-Akademie unter dem Namen
Kaiser-Wilhelms-Akademie in ein neues, glnzend erbautes Haus an der
Ecke der Invaliden- und Scharnhorststrae verlegt worden, ausgestattet
mit den zweckmigsten Ausbildungsmitteln, gesunden Wohnungen und
umfangreichen Versammlungs- und Festrumen. -- Trotzdem ist auch heute
der Zustrom junger rzte zum militrrztlichen Berufe den ungeheuren
Anforderungen, welche die auerordentliche Vermehrung des stehenden
Heeres ntig macht, noch nicht ganz entsprechend. Es ist wohl zu hoffen,
da auch in dieser Hinsicht eine nderung eintreten werde, seitdem im
Februar 1914 auf Betreiben des Generalstabsarztes v. _Schjerning_ die
Gleichstellung der Sanittsoffiziere mit den Offizieren des Heeres fast
vollkommen durchgefhrt worden ist.

Wichtiger aber als dieser uere Rahmen, in welchem sich die Entwicklung
des militrrztlichen Standes in Preuen und in einem sehr groen Teile
Deutschlands abgespielt hat, ist der Aufschwung der _Kriegschirurgie_.
Ihre Frderung ist jenem Stande in erster Linie anheimgefallen, wenn auch
die Mitglieder der Deutschen Gesellschaft fr Chirurgie, der freilich
auch zahlreiche Militrrzte schon seit ihrer Grndung angehrt haben,
diesem Zweige ihrer Wissenschaft stets ein sehr reges Interesse
entgegenbrachten.

Schon auf dem II. Kongre von 1873 trat W. _Busch_ (Bonn) mit einem
Vortrage ber die Ergebnisse von Schieversuchen auf menschliche Leichen
auf, zu welchen die Kriegserfahrungen von 1866 und 1870/71 mit ihren von
den bisherigen Anschauungen vielfach stark abweichenden Verwundungen den
Ansto gegeben hatten. Gleichfalls ber derartige Versuche sprachen
E. _Kster_ (Berlin) und _Schdel_. Ersterer setzte seine Versuche
weiterhin an lebenden Tieren fort und berichtete ber sie in einer
Sitzung der Berliner Medizinischen Gesellschaft vom Januar 1874. Seitdem
wurden wiederholt die Geschowirkungen auf den menschlichen und
tierischen Krper durch andauernde Versuche in allen Einzelheiten
studiert; unter den zahlreichen Arbeiten dieser Art seien nur die von
_Bornhaupt_, _Kocher_, _Reger_, _Wahl_ und _Paul v. Bruns_
hervorgehoben.

Immer von neuem wurden die Chirurgen gezwungen, diesen Fragen ihre
Aufmerksamkeit zuzuwenden. Abweichend von dem Gebrauche des alten
Vorderladers, welcher ursprnglich nur Rundkugeln, spter auch
Spitzkugeln entsandte, hatte Preuen schon im Jahre 1841 das
_Dreyse_sche Zndnadelgewehr eingefhrt, welches in den beiden Feldzgen
von 1864 und 1866 zur Verwendung kam, einen Hinterlader mit
Einheitspatrone, Spiegelfhrung und Langblei von 14-15 mm
Durchmesser. Mit ihm wurde durch Gescholnge und Pulverladung die
Anfangsgeschwindigkeit, die Treffgenauigkeit, die Totalschuweite und
die Streckung (Rasanz) der Flugbahn ganz erheblich erhht. Aber man
blieb dabei nicht stehen. Bald nach 1866 fhrte Frankreich das
_Chassepot_gewehr mit einem Kaliber von 11 mm und einer
Anfangsgeschwindigkeit von 420 m ein, dem in Deutschland das
Infanteriegewehr von 1871 gleichfalls von 11 mm Laufweite folgte. Seit
1888 besitzt das deutsche Heer kleinkalibrige Gewehre von 7-8 mm,
deren Bleigeschosse von einem Nickelmantel umgeben und deren
Leistungsfhigkeit im brigen noch durch Anwendung des rauchlosen
Pulvers und zugleich dadurch gesteigert worden sind, da sie
Patronenkammern haben, welche als Magazingewehre eingerichtet und daher
als Repetiergewehre benutzbar sind. In manchen Heeren ist man darber
hinaus noch zu einem Kleinstkaliber vorgeschritten; so besitzt Rumnien
ein _Mannlicher_gewehr von 6,5 mm Laufweite mit einem Gescho von nur
22,74 g Gewicht, whrend das Zndnadelgescho 40 g, die Chassepotkugel
noch 32 g wogen. Auch das im Russisch-Japanischen Kriege von 1904/05
vorwiegend zur Verwendung gekommene _Arusaka_gewehr Modell 94 der
Japaner ist ein Kleinstkaliber von 6,5 mm Laufweite. Die Leistungen
dieses Gewehres fr die oben genannten Ansprche sind unbertrefflich
gewesen; und dennoch hat, wie _Paul v. Bruns_ in berzeugender Weise
dargetan, der Mandschurische Krieg der weiteren Anwendung eines so
kleinen Kalibers sehr vernehmlich Halt geboten. Denn in einer, und zwar
einer sehr wichtigen, Beziehung hat das Kleinstkaliber die Grenze der
kriegsmigen Verwendung bereits berschritten: seine Wirkung ist so
wenig nachhaltig, da eine bergroe Zahl der Getroffenen den Kampf
nicht zu unterbrechen braucht. Voraussichtlich wird daher das deutsche
Heer bei dem 8-mm-Gescho bleiben. Fr die menschenfreundlichen
Bestrebungen aber, welche die unvermeidlichen Schrecken des Krieges nach
Mglichkeit zu mildern suchen, mag es als ein Trost angesehen werden,
da die Feuerwirkungen der neuen Gewehre zwar die Todesflle auf dem
Schlachtfelde vermge ihrer Durchschlagskraft vermehren, dafr aber die
Gesamtverluste eher ab- als zugenommen haben; denn die Sterblichkeit der
vom Schlachtfeld noch lebend kommenden Verwundeten ist ganz erheblich
geringer geworden, wodurch _mehr_ als nur ein Ausgleich gegenber der
unmittelbar tdlichen Geschowirkung herbeigefhrt wird.

Alle diese Fragen sind schon im Frieden mit dem grten Eifer gestellt
und durch Versuche nach Mglichkeit beantwortet worden. An solchen
Versuchen hat sich, auer den obengenannten Mitgliedern der Deutschen
Gesellschaft fr Chirurgie, in ganz hervorragender Weise die
Militrmedizinalabteilung des preuischen Kriegsministeriums beteiligt,
welches allen Vernderungen der kriegsmigen Ausrstung des Heeres die
grte Aufmerksamkeit zuwandte und durch sehr wertvolle
Verffentlichungen die gewonnenen Erfahrungen zum Gemeingute der
Chirurgen machte. Auf den Chirurgenkongressen haben diese Fragen
wiederholt ihre Errterung gefunden. Eine der wichtigsten Mitteilungen
ist die des Generalarztes _Schjerning_ vom XXX. Kongre 1901.

Noch in anderer Weise wurde fr die Vermehrung der kriegschirurgischen
Kenntnisse Sorge getragen und zwar durch _Verbesserung und Frderung der
Krankenpflege_. Sie hing mit den Bestrebungen zusammen, das Los der
Kriegsverwundeten auf dem Schlachtfelde und in den Kriegslazaretten
etwas freundlicher zu gestalten als es bisher der Fall gewesen war. Auf
Anregung eines von reinster Menschenliebe durchglhten Privatmannes
namens _Henry Dunant_ trat im Jahre 1863 in seiner Vaterstadt Genf ein
aus Mitgliedern verschiedener Vlker gebildeter Ausschu zur Beratung
ber genannten Gegenstand zusammen, die am 22. August 1864 zum Abschlu
der sogenannten _Genfer Konvention_ fhrte. Durch sie verpflichteten
sich die Staaten gegenseitig, die Kriegsverwundeten, sowie die rzte und
das Pflegepersonal nicht mehr als Feinde zu behandeln, sondern ihnen
gleiche Pflege und Behandlung angedeihen zu lassen wie den Angehrigen
des eigenen Landes. Alle Staaten Europas sind im Laufe der Jahre der
Konvention beigetreten, auch die Trkei unter dem Namen des roten
Halbmondes, ferner der grere Teil der amerikanischen Staaten und
Japan. Im Jahre 1906 ist sie einer Neufassung unterzogen worden. -- Eine
weitere Frderung erhielt die Kriegskrankenpflege durch Grndung von
Vereinen, die sich ihre Entwicklung und Ausbildung im Kriege und im
Frieden zum Ziele setzten. So entstand im Kriege von 1864 (6. Febr.) das
Zentralkomitee des Preuischen Vereins zur Pflege verwundeter und
erkrankter Krieger, im Jahre 1866 unter der Fhrung der _Knigin
Augusta_ die Immediatlazarettkommission und, mit Ausbruch des Krieges am
16. Juni 1866, der Berliner Frauenlazarettverein; endlich nach
Beendigung des Krieges am 11. November desselben Jahres der
Vaterlndische Frauenverein. Auch die anderen deutschen Staaten blieben
in der Grndung hnlicher menschenfreundlicher Vereine nicht zurck, so
da ganz Deutschland in immer steigendem Mae mit Vereinen sich berzog,
deren Aufgabe es war, im Frieden wohlttige Einrichtungen aller Art zu
frdern und zugleich ein gutgeschultes Heer von Pflegekrften zu
erziehen die im Kriegsfalle sofort dem Heere zur Verfgung gestellt
werden knnen. Besonders wirksam ist diese Einrichtung erst dadurch
geworden, da alle solche Vereine sich fr den Krieg der
Militrmedizinalabteilung zur Verfgung gestellt haben, so da von einer
Zentralstelle aus eine gleichmige Verteilung ber die deutschen Heere
und eine schnelle Ausfllung aller entstehenden Lcken vorgenommen
werden kann. So ist der rztlichen Ttigkeit im Felde eine
unbertreffliche Hilfe zuteil geworden neben dem ausgebildeten
Sanittspersonal, welches _Haase_ schon 1892 auf 45000 Kpfe berechnet
hat.

Aber auch die kriegsmige Ausbildung der Zivilrzte bildet eines der
Ziele dieser Vereine, die seit ihrer Grndung jeden nahen oder fernen
Krieg benutzt haben, um wohleingerichtete Kriegslazarette mit rzten und
Pflegepersonal den beiden kmpfenden Heeren zur Verfgung zu stellen.
Ihre Bestrebungen konnten auch seitens der Deutschen Gesellschaft fr
Chirurgie gefrdert werden, da diese nach _Bernhard v. Langenbecks_
Tode von dessen Nachkommen ein wertvolles Geldgeschenk erhielt, dessen
Zinsen dazu bestimmt waren, deutschen rzten im Falle eines Krieges, an
dem das Deutsche Reich unbeteiligt bliebe, Gelegenheit zu
kriegschirurgischen Erfahrungen und Studien zu geben. Zum ersten Male
ist dieser Grundstock im Mandschurischen Kriege in Anspruch genommen
worden, in welchem der preuische Oberstabsarzt _Schfer_ auf russischer
Seite sehr wertvolle Beobachtungen anstellen und verffentlichen konnte.
-- Vor allen Dingen aber war es die Militrmedizinalabteilung der
deutschen Heere, welche jede Gelegenheit zur Ausbildung in den Kriegen
der letzten Jahrzehnte durch Entsendung einzelner Militrrzte benutzt
hat. So ist die Genfer Konvention eine hchst erfolgreiche Handhabe zur
Frderung der Kriegschirurgie und zur Heranziehung eines Stabes
vorzglicher Kriegschirurgen geworden.

Alles das wrde indessen nicht ausreichend gewesen sein, um auf dem
Schlachtfelde selber oder in den nchstgelegenen Verbandpltzen jedem
einzelnen Verwundeten eine zuverlssige Behandlung zu sichern, wenn es
inzwischen nicht gelungen wre, die Wunde in der einfachsten und am
wenigsten zeitraubenden Weise unter einen vorlufigen Schutz zu stellen;
denn htte man die Tausende von Verletzten einer groen Schlacht in
gleicher Weise behandeln wollen, wie es die umstndliche Antiseptik oder
Aseptik des Friedens verlangt, so wre keine Macht der Erde imstande
gewesen, zu verhindern, da nur einem kleinen Bruchteile die Segnungen
der neuen Wundbehandlung zuteil geworden wren, whrend alle brigen
nach wie vor den Unbilden der Verunreinigung, der Witterung, des
Transportes, der Blutungen und der Hospitaleinflsse ausgesetzt
geblieben wren.

Die Lsung der hier gestellten Aufgabe ist sowohl von der
Militrmedizinalverwaltung wie von den im Kongre vereinigten deutschen
Chirurgen aufs eifrigste und, soweit es die wechselnden Schwierigkeiten
der Lage zulassen, mit bestem Erfolge in Angriff genommen worden. Zwei
Wege waren es, auf welchen man das gesteckte Ziel, wenn nicht vllig zu
erreichen, so doch ihm mglichst nahe zu kommen suchte.

Den ersten dieser Wege betrat man in Form der _Krankenzerstreuung_, von
der auf S. 8 bereits die Rede gewesen ist. Dieses schon in frheren
Kriegen bliche, aber systematisch wohl zuerst von dem hervorragenden
russischen Chirurgen _Pirogoff_ im Jahre 1847 in den Kriegslazaretten
des Kaukasus in grerem Umfange angewandte Verfahren ist auch von
deutscher Seite in den Kriegen von 1864, 1866 und besonders groartig
1870/71 benutzt worden. Auch auf diesem Felde hat aber die vernderte
Geschowirkung des Kleinkalibers zu Abweichungen von der ursprnglichen
Handhabung gezwungen, von denen wir teils aus der Deutschen
Kriegssanittsordnung, teils aus dem an das Zentralkomitee der deutschen
Vereine vom Roten Kreuz gesandten Berichte _Walter v. ttingens_ vom
September 1905 Nheres erfahren. Nach ihm wurden auf dem
Sortierungspunkte in Mukden die eingelieferten Verwundeten in drei
Gruppen geteilt: Leichtverwundete, die so lange an Ort und Stelle
verblieben, bis sie zu ihren Truppenteilen zurckkehren konnten, und
Schwerverwundete, die bis zu ihrer Transportfhigkeit gleichfalls dort
in Behandlung waren. Dagegen wurden die Zugehrigen zur dritten Gruppe,
nmlich alle jene Flle, die zwar eine lange Heilungsdauer erheischten,
aber doch transportfhig waren, mglichst schnell rckwrts gesandt,
nachdem man sie durch Gipsverband, Operation oder nur gutsitzende
Verbnde dazu fhig gemacht hatte.

Immerhin entspricht auch dies Verfahren bei weitem noch nicht den
dringenden Anforderungen des Schlachtfeldes selber, wie sie an die
rztlichen Begleiter der Truppenteile und deren Krankentrger
gelegentlich herantreten. In frheren Kriegen haben sich die jungen
rzte wohl damit beschftigt, Kugeln schon auf dem Kampfplatze
auszuziehen und herauszuschneiden, weil dies von den Verwundeten selber
aufs lebhafteste verlangt wurde. Das ist ein in keiner Weise zu
billigendes Verfahren, weil es die Arbeitskrfte auf unwesentliche
Nebendinge ablenkt und dem Verletzten niemals ntzt, aber vielfach
schadet. berhaupt sollten die Operationen auf dem Schlachtfelde und in
den ersten Verbandpltzen im allgemeinen verboten sein, oder doch sehr
eingeschrnkt werden. Nur die Verletzungen des Bauches und groer Gefe
machen eine Ausnahme, zumal wenn letztere so gelegen sind, da ihnen
durch Anlegung einer zentralwrts angebrachten elastischen Binde nicht
beizukommen ist; denn sonst wrde der Verwundete whrend des Transportes
zum Lazarett sich voraussichtlich verbluten. Alle brigen Wunden aber
bedrfen nur eines schnell anzulegenden Schutzverbandes, die
Knochenschsse zugleich einer Schienung. Das sind die jetzt wohl
allgemein geltenden Grundstze der ersten Behandlung von
Kriegsverletzungen.

Der Trieb, einen solchen ganz einfachen und doch wirksamen Verband
herzustellen, hat die deutschen Chirurgen schon seit dem Bestehen der
Deutschen Gesellschaft fr Chirurgie beherrscht. Auf dem V. Kongre von
1876 hielt _Friedrich Esmarch_ einen Vortrag: Die antiseptische
Wundbehandlung in der Kriegschirurgie, den er im Jahre 1879
vervollstndigte. In beiden Reden legte er die Grundstze dar, denen
zwar einzelne Chirurgen in den vorangegangenen Kriegen, insbesondere
B. v. _Langenbeck_, bereits gefolgt waren, ohne da sie aber bei der
Mehrzahl Anerkennung gefunden htten -- die Grundstze: vor allen Dingen
durch Fingeruntersuchung der Wunden und Sondeneinfhrung keinen Schaden
anzurichten, die zerschossenen Knochen ruhigzustellen, endlich den in
seiner ganzen Strenge auf dem Schlachtfelde und auf dem Notverbandplatze
nicht durchfhrbaren antiseptischen Verband aufs uerste zu
vereinfachen. _Esmarch_ wurde hier der Urheber des _Verbandpckchens_,
welches aus einem antiseptischen Ballen, einem dreieckigen Tuche und
einer Binde bestehend, in die Uniform eingenht, jedem ins Gefecht
ziehenden Krieger mitgegeben wurde, um bei seiner Verwundung sofort zur
Hand zu sein. Dies Pckchen hat sich, wenn auch vielfach verndert, bis
heute erhalten; es wird noch in der Kriegssanittsordnung vom Januar
1907 als zur Ausrstung des Feldsoldaten gehrig aufgefhrt.

Zahlreiche Chirurgen haben seitdem auf den Schlachtfeldern von vier
Erdteilen jene Grundstze praktisch erproben knnen. Als die ersten
sind aus dem Russisch-Trkischen Kriege von 1877 _Karl Reyher_ aus
Dorpat und _Ernst v. Bergmann_ zu nennen, von denen ersterer auf dem
kleinasiatischen Kriegsschauplatze, letzterer an der Donau ttig war.
Whrend aber _Reyher_ in einem wohlausgestatteten Lazarette des Roten
Kreuzes arbeitete und deshalb den Forderungen der antiseptischen
Behandlung in vollem Umfange gengen konnte, war _Bergmann_ in den
mrderischen Schlachten der russischen Donauarmee in wesentlich
schwierigeren Verhltnissen, in welchen er dennoch durch Befolgung der
Grundstze einer konservativen Chirurgie in Verbindung mit einer den
Umstnden angepaten aseptischen Behandlung ganz berraschende Erfolge
erzielte. Er wird daher als Begrnder der Asepsis in der Kriegschirurgie
angesehen, was _Esmarch_ gegenber wohl nicht ganz gerecht ist; denn
wenn dieser auch noch chemische Mittel in Anwendung zog, so ist doch das
Verfahren beider sonst ziemlich gleich; und chemische Mittel sind auch
heute noch nicht ganz aus der Kriegschirurgie geschwunden. So wird von
_Walter v. ttingen_ die von R. _Cred_ im Jahre 1896 zuerst
empfohlene Behandlung mit Silbersalzen (Kollargol) fr den ersten
Verbandplatz auerordentlich gerhmt; und zwar geschah die Anwendung des
gnzlich ungiftigen Mittels in folgender Weise: die Wunde und ihre
Umgebung wurde nicht gewaschen, sondern letztere nur mit einer
Harzlsung bestrichen, um die an Haut und Haaren klebenden Bakterien
mechanisch festzuhalten, auf die Wunde eine Silbertablette gelegt und
ber dieser ein aseptischer Ballen mit einer Binde befestigt. An
Einfachheit lt dieser Verband gewi nichts zu wnschen brig.

Noch sei mit kurzen Worten auf die Bedeutung hingewiesen, welche
_Rntgens_ groe Erfindung, die Aktinographie, auch fr die
Kriegschirurgie gewonnen hat. Sie hat vor allen Dingen die
kriegschirurgische Erkenntnis aller Einzelheiten der Wunde mglich
gemacht, insbesondere nach der Richtung steckenbleibender Fremdkrper
und der Knochenverletzungen; und hat solche Feststellung ermglicht,
ohne Beunruhigung der Wunde und ohne Schmerz hervorzurufen.
Selbstverstndlich hat dabei auch die Behandlung gewonnen und zwar nicht
allein der frischen Wunden; denn die Heilungsvorgnge verletzter Knochen
lassen sich auch durch den Wund- und Gipsverband hindurch in
regelmiger Wiederholung der Durchleuchtung beobachten. Der Wert des
Verfahrens hat sich schnell als so erheblich erwiesen, da die
Militrmedizinalverwaltungen aller Lnder sich zur Anschaffung
entsprechender Apparate bewogen sahen. So besitzen wir denn zurzeit
bereits aus sieben Kriegen Mitteilungen ber diagraphische
Untersuchungen, zuerst seitens der Italiener im abessinischen Feldzuge
von 1896, in welchem die Studien freilich erst begannen, nachdem die
Verwundeten die heimatlichen Lazarette erreicht hatten. Ebenso stammen
die Berichte von _Kttner_ und _Abbott_ aus dem Griechisch-Trkischen
Kriege von 1897 nicht vom Schlachtfelde, sondern aus Konstantinopel und
Phalarus, betreffen also ltere Verwundungen. Dagegen haben die
nachfolgenden Kriege der Englnder gegen die Afridis und im Sudan, der
Spanisch-Amerikanische, der Burenkrieg (1899/1900), der Hererokrieg in
Sdwestafrika (1904/07), endlich der Russisch-Japanische Krieg von
1904/05 ein sehr reiches Beobachtungsmaterial sowohl vom Schlachtfelde,
wie aus den Reservelazaretten gebracht. Alles das ist in dem vom
Generalarzt _Schjerning_ und seinen Mitarbeitern _Thle_ und _Vo_ im
Jahre 1902 herausgegebenen Archiv und Atlas der normalen und
pathologischen Anatomie in Rntgenbildern (Abteilung: Die
Schuverletzungen) zusammengefat und bearbeitet, der im Jahre 1913
bereits eine zweite, erweiterte Auflage erfahren hat. Das Werk ist eine
ausgezeichnete Quelle der Belehrung ber alle Formen der
Schuverletzungen.

So hat denn die Kriegschirurgie nach allen Richtungen Frderung und
Erweiterung erfahren. Die schnelle Aneignung und Verwertung aller auf
dem Gebiete der wissenschaftlichen Chirurgie wie der gesamten
Naturwissenschaften liegenden neuen Errungenschaften, die fleiige und
unausgesetzte Arbeit der Militrmedizinalverwaltung und der
Chirurgenkongresse haben sie auf eine Hhe gebracht, die weit von dem
Zustande um die Wende des 18. zum 19. Jahrhundert verschieden ist und
der die begrndete Hoffnung zult, da sie im Falle eines neuen
Krieges, trotz der ungeheuren Entwicklung der Waffentechnik, ihre
Aufgaben voll und ganz zu erfllen imstande sein werde.




                                Kapitel XI.

     Wandlungen auf dem Gebiete spezifischer Infektionskrankheiten und
                         bsartiger Neubildungen.


Noch eine zweite Gruppe von Wunden und Verschwrungen macht eine eigene
Betrachtung notwendig, nmlich solche, welche in _tuberkulsen Geweben_
vorkommen. Zwar vermochte _Kster_ in Bonn schon im Jahre 1869 das
Vorkommen von Kntchen (Tuberkeln) in der Synovialhaut der Gelenke
nachzuweisen; dennoch hatte man bis zur Entdeckung des Tuberkelbazillus
im Jahre 1882 nur sehr unbestimmte Vorstellungen von dem eigentlichen
Wesen gewisser Knochen- und Gelenkkrankheiten, die in der Unterscheidung
kalter und heier Abszesse, sowie in der Bezeichnung gewisser, sehr
langsam verlaufender Gelenkleiden als Tumor albus, weie
Gelenkgeschwulst, ihre schchterne Andeutung fanden. Diese und manche
andere Erscheinungen, die Unterernhrung des Krpers, die Blsse der
Hautdecken, Lymphdrsenschwellungen, die Neigung zu mancherlei
Ausschlgen, zumal am kindlichen Krper, fate man als Skrophulosis,
Schweinchenkrankheit, zusammen, unter einem Ausdrucke also, welcher der
Auftreibung des Halses durch Vergrerung der zahlreichen dort
eingebetteten Lymphdrsenketten eine hnlichkeit mit dem kurzen,
gedrungenen Halse des Ferkels beizulegen sich bemht. Von einem
Zusammenhange dieser Skrofulose mit der Tuberkulose, der
Kntchenkrankheit der Lungen, hatte man damals noch keine Vorstellung,
selbst dann noch nicht, als die Tuberkel als regelmiger Befund bei
Lungenphthise lngst entdeckt waren. Erst auf der Mnchener
Naturforscherversammlung von 1877 und auf dem Chirurgenkongre von 1878
(_Karl Hter_) wurde wenigstens eine Verwandtschaft dieser Vorgnge
wahrscheinlich gemacht. Ebensowenig wute man Sicheres von der
tuberkulsen Natur des Lupus, jener entsetzlichen Hautkrankheit, welche
das menschliche Antlitz in eine abscheuerregende Maske verwandelt,
obwohl _Friedlnder_ schon im Jahre 1872 Tuberkel in lupser Haut
beschrieben hatte. Aber nach der Entdeckung des Erregers der Tuberkulose
folgten die Aufklrungen Schlag auf Schlag. Schon Anfangs 1883 konnte
_Doutrelepont_ in Bonn ber den Nachweis von Tuberkelbazillen im
Lupusgewebe berichten; und nachdem _Koch_ in seiner groen klassischen
Arbeit von 1884 auch den Lupus in seine Besprechung miteinbezogen, die
spezifischen Bazillen innerhalb der Riesenzellen nachgewiesen hatte, war
ein Zweifel an der Tatsache, da dieser eine rein tuberkulse Krankheit
sei, nicht mehr mglich. In gleicher Weise gelang der Nachweis des
Tuberkelbazillus in Knochen, Gelenken und in allen Weichteilen, welche
entweder durch kleine und grere Verletzungen von auen her, oder auf
dem Wege des Blutstromes mit Bazillen oder ihren Sporen in Berhrung
kamen.

Es war selbstverstndlich, da mit dieser Feststellung den Wundrzten
die Hoffnung wuchs, die einmal ausgebrochene Krankheit mit Hilfe einer
immer zuverlssiger werdenden Wundbehandlung zu bezwingen. In der Tat
hatte schon die _Lister_sche Antisepsis manchen schnen Erfolg bei der
Operation kalter Abszesse, durch Resektion skrofuls erkrankter
Gelenke, Beseitigung ksiger Knochenherde und hnlicher Leiden aufweisen
knnen; aber die Erwartung, _alle_ mehr peripher gelegenen
Krankheitsherde operativ und mit Hilfe der Antisepsis der Heilung
zufhren zu knnen, mute schon aus dem Grunde Schiffbruch leiden, weil,
wie erst sptere Studien festgestellt haben, die Tuberkulose sehr hufig
in vielen Herden auftritt, indem Ausbrche an den verschiedensten
Krperteilen entweder gleichzeitig oder nacheinander erfolgen. Dies
Verhalten findet seine Erklrung in dem Umstande, da oft ein tief
verborgener ksiger Herd die Quelle fr die auf dem Blutwege
erfolgende Vergiftung des Krpers mit Tuberkelbazillen und ihren
Fortpflanzungsorganen darstellt. Nicht einmal bei einer so oberflchlich
gelegenen Erkrankungsform, wie dem Lupus der ueren Haut, gelang in
vorgeschrittenen Fllen die Heilung, die hchstens bei noch sehr wenig
umfangreichen, aber frhzeitig erkannten Herden durch vollkommene
Ausschneidung des vernderten Hautstckes in den meisten Fllen erreicht
wurde. Die lupse Hauterkrankung verhielt sich also dem Messer gegenber
ganz hnlich, wie wir es weiterhin von den Hautkrebsen kennen lernen
werden.

Immerhin ergab die antiseptische Behandlung schon aus dem Grunde
erheblich bessere Heilungen, wie je zuvor, weil die Infektion
tuberkulser Wunden und Geschwre mit eitererzeugenden Keimen ein
ppigeres Wachstum der Tuberkelbazillen herbeizufhren scheint. Trotzdem
blieb die Behandlung unbefriedigend, da doch die meisten Kranken, die
wegen tuberkulser Leiden einer Operation unterworfen waren, entweder
rtlich Rckflle bekamen, oder nach einiger Zeit gar einer allgemeinen
Tuberkulose zum Opfer fielen. _Billroth_ berechnete unter seinen wegen
tuberkulser Erkrankung ausgefhrten Gelenkresektionen nicht weniger wie
27 %, _Knig_ (1880) nach einer offenbar zu kurzen Beobachtungszeit
immerhin schon 21,5 % Todesflle an miliarer Ausbreitung des Leidens ber
den ganzen Krper. So wuchs denn die Sehnsucht nach einem spezifischen
Mittel zur Unterdrckung wenigstens rtlicher Tuberkulose; und ein
solches glaubte _Mosetig v. Moorhof_ in Wien im Jahre 1880 in dem
Jodoform gefunden zu haben. beraus schnell kam das Mittel in Aufnahme.
Man bestreute Wunden in tuberkulsen Geweben dick mit Jodoformpulver und
nhte darber zu, man entleerte kalte Abszesse mittels des Trokars oder
der _Pravaz_schen Saugspritze und fllte den so entstehenden Hohlraum
zum Teil mit einer Jodoform-Glyzerin-Aufschwemmung. Aber auch hier blieb
eine gewisse Enttuschung nicht aus, wie schon auf S. 41 geschildert
worden. Denn einerseits forderten die Vergiftungen, welche das zumal in
fetthaltigen Geweben aus der Gebundenheit des Jodoforms freiwerdende Jod
hervorrief, zu immer grerer Vorsicht auf, anderseits wurden die
antiseptischen Eigenschaften des Mittels immer zweifelhafter; und selbst
die spezifische Wirksamkeit auf Tuberkelbazillen blieb nicht
unangefochten, wenn sie auch niemals gnzlich bestritten worden ist. Man
benutzte zwar das Jodoform, zuweilen auch reines Jod in Gestalt der
Jodtinktur noch weiterhin als das beste Mittel gegen tuberkulse
Erkrankungen, hat aber die Vorstellungen von einer durchaus sicheren
Einwirkung auf Entstehung und Ausbreitung der Bazillen, selbst in leicht
zugngigen Geweben, lngst aufgeben mssen. Noch im Jahre 1913 hat
dieser Gegenstand den Chirurgenkongre beschftigt, in dem die schon
frher von _Rinne_ (1884) angeratene Behandlung eiternder
Gelenktuberkulosen durch breite Erffnung und halboffene Ausstopfung der
Wunde mit Jodoformmull von neuem dringend empfohlen wurde. --

                     *       *       *       *       *

Aber noch einmal sollte der medizinischen Welt die Hoffnung auf ein
spezifisches Heilmittel erweckt werden und zwar diesmal in Form einer
Einwirkung auf bazillenhaltige Gewebe vom Blute aus. Die dabei sich
abspielenden Vorgnge sind in einer Weise dramatisch belebt und
erregend, da sie wie der Hhepunkt einer Schicksalstragdie anmuten.
Indessen wenn sie auch bei der allein in Betracht kommenden Krankheit
zunchst mit einer Niederlage, einer grausamen Zerstrung uferloser
Hoffnungen geendet haben, so wurden sie doch der Ausgang einer neuen
Entwicklung, die auch der Chirurgie unendliche Vorteile gebracht hat,
und deren weitere Folgen fr die Zukunft noch in keiner Weise bersehen
werden knnen.

Es war in der ersten Sitzung vom 4. August 1890 des in Berlin tagenden
X. Internationalen medizinischen Kongresses, als _Robert Koch_ den von
ihm angekndigten und mit Spannung erwarteten Vortrag: ber
bakteriologische Forschung hielt. Darin teilte er mit, da er schon
bald nach der Entdeckung des Tuberkelbazillus angefangen habe, nach
Mitteln zu suchen, welche sich zur Behandlung der Tuberkulose verwerten
lieen. Solche Mittel mten die Fhigkeit haben, nicht nur Reinkulturen
von Bazillen in ihrer Entwicklung zu hemmen, sondern auch im lebenden
Tierkrper die gleiche Wirkung zu entfalten; erst dann drften Versuche
am Menschen nachfolgen. Inzwischen sei es ihm gelungen, eine Flssigkeit
herzustellen, welche bei der Einverleibung in den Krper gesunder
Meerschweinchen wirkungslos bleibe, dagegen bei hochgradig tuberkulsen
Tieren die Krankheit vllig zum Stillstande bringe, ohne den Krper
nachteilig zu beeinflussen.

Die Art der Zusammensetzung und der Herstellung des Mittels wurde
zunchst noch verschwiegen. Dennoch rief schon diese uerung eine
bedeutende Erregung hervor, da sie eine groe Idee zur Heilung der
entsetzlichen Krankheit ahnen lie.

Unter _Kochs_ und seiner Assistenten Leitung wurden nun sofort in
verschiedenen Krankenanstalten, auch in der Charit und in
v. _Bergmanns_ chirurgischer Klinik Prfungen des Verfahrens am lebenden
Menschen vorgenommen, von denen genug in die ffentlichkeit drang, um
die Erwartungen zur Siedehitze zu steigern. Auch fehlte es nicht an
begeisterten Lobpreisungen der Erfindung und des Erfinders seitens aller
an den Versuchen beteiligten rzte. So veranstaltete _Ernst
v. Bergmann_ am 16. November 1890 eine auerordentliche Sitzung der
Freien Vereinigung Berliner Chirurgen, um ber die bisherigen
Beobachtungen Bericht zu erstatten und in Behandlung befindliche Kranke
vorzufhren. Von nah und fern waren die besten Vertreter der Medizin in
groer Zahl zusammengestrmt. Seit den Zeiten des _Hippokrates_ und
_Galen_, so sagte v. _Bergmann_ in seiner Einfhrungsrede, war es
keinem gegeben, gleichzeitig die Erscheinungen der Krankheit und ihre
Ursachen zu erkennen, sowie ihre Heilung zu sichern. Es scheint, als ob
in _Robert Koch_ unserer Nation dies groe Glck geschenkt worden sei.
Wre irgend ein anderer aufgetreten mit der Nachricht, da er ein
Heilmittel gegen die Tuberkulose gefunden habe, er wrde bei uns kein
Glck gehabt haben. Der also Gefeierte war allerdings allen Bemhungen
zum Trotz der Versammlung ferngeblieben; aber wenige Tage zuvor, am 13.
November, hatte er einen Aufsatz verffentlicht: Weitere Mitteilungen
ber ein Heilmittel gegen Tuberkulose, in welchem er seine bisher
gewonnenen Anschauungen niederlegte. Das Mittel (welches erst spter den
Namen Tuberkulin erhielt) bleibt in seiner Zusammensetzung noch
unbesprochen. Fest stehe aber, da es eine spezifische Wirkung auf
tuberkulse Prozesse habe, welcher Art sie auch immer sein mgen; es
knne daher auch als diagnostisches Hilfsmittel fr verborgene
tuberkulse Herde dienen. Wichtiger sei seine Bedeutung als Heilmittel;
freilich tte es nicht die Tuberkelbazillen, sondern nur das tuberkulse
Gewebe, welches demnach zwar absterben, aber dennoch Bazillen weiterhin
enthalten knne. Auf totes Gewebe, Kse, nekrotische Knochen wirke es
nicht mehr; demnach sei es Aufgabe des Chirurgen, das abgestorbene
Gewebe mglichst bald aus dem Krper zu entfernen. Da dies bei
Tuberkulose innerer Organe, zumal bei Lungenphthisis schwer erreichbar
sei, so knne letztere nur im Beginne mit Sicherheit geheilt werden. --
brigens werde die Flssigkeit den rzten, welche Versuche machen
wollten, schon jetzt zur Verfgung gestellt.

Man wird sich spter nur noch schwer eine Vorstellung davon machen
knnen, welch ein Taumel des Entzckens, welch ein jubelnder Aufschrei
der Wonne durch die ganze rztewelt ging; und nicht nur durch diese: die
gesamte Menschheit, soweit sie den Kulturvlkern angehrte, war wie in
einem Schwindel der Begeisterung gegenber der nicht mehr bezweifelten
Annahme, da der heimtckische, schlimmste Feind des Menschen, dem
alljhrlich Hunderttausende nach entsetzlichem Siechtum zum Opfer
fielen, nunmehr niedergerungen, zu Boden gestreckt, vernichtet sei.
Hatte doch _Koch_ gesprochen, der Mann, der noch niemals eine Entdeckung
hinausgegeben hatte, ehe sie fest und unantastbar dastand. Gleich einem
wilden, vom Gewittersturme aufgepeitschten Bergstrome berflutete die
Erregtheit der ffentlichen Meinung alle Dmme, welche Vorsicht und
Besonnenheit aufzurichten versuchten. Hunderte von Heilanstalten fr
Tuberkulse erstanden ber Nacht, die mit der Herstellung des Mittels
beauftragten rzte waren der Nachfrage auch nicht entfernt gewachsen,
die Glcklichen, denen es gelungen war, sich rechtzeitig eine
angemessene Menge der heilenden Flssigkeit zu sichern, wurden von
allen Seiten bestrmt, angefleht, selbst beschimpft, wenn sie sich
weigerten, ein in seiner Zusammensetzung noch ganz unbekanntes Mittel
aus der Hand zu geben, ehe sie selber vorsichtige Versuche damit
angestellt htten. Die medizinische, untersttzt von der politischen
Tagesliteratur brachte fast in jeder Nummer Aufstze ber die _Koch_sche
Behandlung, veranstaltete Sonderausgaben und steigerte die Aufregung. Um
die Jahreswende 1890/91 schien es zuweilen fast, als habe sich die Welt
unter der Einwirkung des Tuberkulins in ein Tollhaus verwandelt.

Der erste, aber sehr vernehmliche Halt wurde der Bewegung geboten, als
_Virchow_ am 7. Januar 1891 in der Berliner Medizinischen Gesellschaft
ber die Wirkung des _Koch_schen Mittels sprach, soweit er sie an
Leichen von Menschen, die whrend des Lebens nach _Kochs_ Vorschriften
behandelt worden waren, bei der Leichenffnung hatte feststellen knnen.
Zum erstenmal wurde hier der bestimmte Verdacht ausgesprochen, da die
in den tuberkulsen Herden knstlich erzeugte Blutflle und Erweichung
die in den Geweben lagernden Tuberkelbazillen freizumachen und ihre
Verschleppung in Nachbargewebe, selbst in weite Ferne, herbeizufhren
vermge. -- Am 15. Januar erschien dann _Kochs_ dritte uerung, welche
mitteilte, da der Stoff, mit welchem sein Heilverfahren gebt werde,
ein Glyzerinextrakt aus den Reinkulturen der Tuberkelbazillen sei. Im
brigen hielt der Verfasser durchaus an seinem frheren Standpunkte fest
und wies vereinzelte Behauptungen, da die Behandlung nicht nur
gefhrlich werden, sondern geradezu schdlich sein knne, mit aller
Entschiedenheit ab. Demgem wurden die Versuche am Menschen in Kliniken
und Krankenhusern ununterbrochen fortgesetzt.

Am 1. April 1891 wurde von dem Vorsitzenden _Karl Thiersch_ der XX.
Chirurgenkongre in der Aula der Universitt erffnet, fr dessen ersten
Tag _Ernst v. Bergmann_ einen Einleitenden Vortrag zu der Besprechung
ber die _Koch_sche Entdeckung bernommen hatte. _Robert Koch_ war zu
dieser Sitzung eingeladen und hatte auf der ersten Sitzreihe, dem
Rednerpulte gegenber, Platz genommen. In der ihm eigenen schwungvollen
Redeweise hob v. _Bergmann_ als das Neue und berraschende der Methode
hervor, da die Einverleibung des Mittels an entfernter Krperstelle
eine Entzndung erzeuge und zwar eine solche, die sich auf tuberkuls
erkrankte Gewebe beschrnke. Fr die Besprechung stellte er mehrere
Thesen auf, deren Bedeutung er selber eingehend errterte. Man merkte
dem sehr gewandten Redner eine gewisse Befangenheit an, als er mit dem
Gestndnis schlo, da man noch nicht so weit gekommen sei, einen
wesentlichen und vollends den erhofften groen Gewinn fr die Kranken
aus dem neuen Verfahren zu ziehen. Er endete seine Rede mit der Hoffnung
auf fleiige klinische Arbeit der Zukunft, die vielleicht anderes und
Besseres bringen werde als bisher.

Als zweiter Redner trat _Franz Knig_ auf, der hochgewachsene blonde
Hesse mit dem nur noch wenig behaarten Schdel und dem spitzen
Kinnbarte, ein ernster, aufrechter Mann, dessen Zge nur selten durch
ein Lcheln gemildert wurden, whrend er doch ein menschenfreundliches
Herz in der Brust trug; der immer nur die Wahrheit suchte und, falls er
sie gefunden zu haben glaubte, sie rckhaltslos, zuweilen mit einer
gewissen Herbheit, vertrat. Schon in seiner Gttinger Zeit hatte er
sich, neben _Richard v. Volkmann_, die grten Verdienste um die
Ausbildung der Lehre von der Tuberkulose der Knochen und Gelenke
erworben; er war also zweifellos zur Prfung der aufgeworfenen Frage
ganz besonders berufen. Noch mehr aber durch seinen lauteren Charakter;
denn von Anfang an war er der Deutschen Gesellschaft fr Chirurgie, zu
deren Mitbegrndern er zhlte, ein volles Menschenalter hindurch der
getreue Eckart, der scharf, klar und ohne Menschenfurcht jede
Unvollkommenheit geielte, jede berschwenglichkeit dmpfte. In seiner
ruhigen, gelufigen Redeweise gab er seine Meinung dahin ab, da in
derselben Form, wie er frher einmal eine Ausbreitung der Tuberkulose
als Folge operativer Eingriffe beschrieben habe, das Tuberkulin
gelegentlich zur Verschleppung der Bazillen und zu deren Aussaat ber
den ganzen Krper den Anla geben knne. Aber auch er wnschte dennoch
einen, wenn auch sehr vorsichtigen Weitergebrauch des Mittels, unter
gleichzeitiger Benutzung sowohl des Jodoforms, wie der Operation. Von
ihm fiel der von vielen Zuhrern im stillen besttigte Ausspruch, das
Aussehen seiner Klinik sei im Laufe des letzten Winters so gewesen, da
er Gewissensbisse gehabt und sich vor fremden Menschen, denen er die
Klinik zeigen sollte, geschmt habe. Weiterhin sprachen noch _Schede_
(Hamburg), _Lauenstein_, v. _Eiselsberg_ und _Kster_, von denen keiner
fr die unbedingte Fortsetzung der Versuche sich einlegte; sogar die
Sicherheit des diagnostischen Wertes des Tuberkulins fand Anzweiflung,
und _Kochs_ Angabe, da letzteres die die Bazillen einhllenden Gewebe
zum Absterben bringe, konnte auf Grund eingehender Untersuchungen von
_Schimmelbusch_ und _Karg_ nicht einmal fr den eigentlichen Tuberkel
besttigt werden. Nur die rtliche Blutflle und Reizung wurde
anerkannt. -- Immerhin war die Gesellschaft auf Vorschlag des
Prsidenten damit einverstanden, da die weitere Besprechung des
Gegenstandes auf den nchstjhrigen Kongre verschoben wrde.

Whrend in dieser Weise die Beobachtung am Krankenbette durch den Mund
ihrer Vertreter, selbstverstndlich immer unter ausgesprochener
Huldigung seines Genius, gegen _Kochs_ Entdeckung und ihre Deutung die
wuchtigsten Keulenschlge richtete, sa ihr Urheber bleich und wortlos,
mit versteintem Gesichte, ber welches nur hier und da ein Schatten, ein
leichtes Zucken der Lippen flog, den Rednern gegenber. Sah er doch in
der fast einmtigen, wenn auch sehr zurckhaltenden Verurteilung seiner
Methode durch die Vertreter der deutschen Chirurgie das Ergebnis langer
mhsamer Forschung, wenn nicht vernichtet, so doch aufs uerste
gefhrdet und ins Wanken gebracht. Und doch waren die Geschehnisse dem
bisherigen und auch spteren Vorgehen _Kochs_ so wenig entsprechend, da
man sich fragen mu, wie es mglich war, da der berragende Geist, der
bisher die groartigsten Geschenke an seine Wissenschaft und an die
Menschheit erst herausgegeben hatte, nachdem jede, auch die entfernteste
Mglichkeit einer anderen Deutung auf das Sorgfltigste erwogen und
entweder abgetan oder richtig erklrt worden war, der also nur vllig
reife und unantastbare Ergebnisse verffentlicht hatte, in dieser so
beraus wichtigen Frage mit einem unreifen, nicht abgeschlossenen
Erzeugnis vor die rztliche Welt getreten war. Die Erklrung liegt
darin, da Menschliches, Allzumenschliches sich in die stille Werkstatt
des Gelehrten eingedrngt und seine Zirkel gestrt hatte.

_Koch_ selber hat dies mit den Worten angedeutet, es sei zu viel von
seinen Untersuchungen durchgesickert, als da sich die Verffentlichung
habe aufschieben lassen. Nun stand im Sommer 1890 der Internationale
medizinische Kongre bevor, der zum erstenmal in der Hauptstadt des
geeinigten Deutschen Reiches tagen sollte; da war es begreiflich, da
alle Beteiligten den brennenden Wunsch hatten, diese Zusammenkunft der
medizinischen Gelehrsamkeit der ganzen Erde recht glnzend zu gestalten.
Als daher der damalige Kultusminister v. _Goler_, ein Mann von hoher
Intelligenz und von ungewhnlichem Verstndnis fr die Aufgaben
naturwissenschaftlicher und medizinischer Forschung, durch v. _Bergmann_
ber _Kochs_ Untersuchungen unterrichtet wurde, da erwuchs in beiden
Mnnern der Gedanke, durch eine einleitende Rede des Forschers, die der
Welt eine neue groartige Entdeckung bringe, den Verhandlungen der
gelehrten Vereinigung einen besonders glanzvollen Auftakt zu geben.
_Koch_ weigerte sich zunchst mit aller Entschiedenheit, eine in
keiner Weise abgeschlossene Untersuchung, welche dennoch die
leidenschaftlichsten Erwartungen wachzurufen geeignet war, bereits in
die ffentlichkeit zu tragen; allein den immer strmischer werdenden
berredungsknsten von beiden Seiten hat er auf die Dauer nicht
widerstehen knnen. So ist es denn geschehen, da in seinem Systeme
nicht nur der Schlustein, die Prfung am menschlichen Krper, fehlte,
sondern da an den Tieren, welche er durch Tuberkulin geheilt zu haben
glaubte, niemals Sektionen vorgenommen worden sind[1]. Diese Versumnis,
diese bedauernswerte bereilung hat er mit einem Ikarischen Fluge und
Sturze zu bezahlen gehabt, der zwar dem Andenken des unvergleichlichen
Forschers kaum einen Eintrag zu tun vermag, der aber doch, wie heute
zugestanden werden mu, unzhligen Menschen die Gesundheit zerstrt und
ein frhes Ende bereitet hat. Das tragische Schicksal dieser an sich so
groartigen Erfindung bleibt fr alle Zeiten eine ergreifende Warnung,
wenn auch nicht leicht wieder so viele ungnstige Umstnde
zusammentreffen werden, um einen Genius gleich _Robert Koch_ zu Falle zu
bringen.

  [1] _Buchholtz_, Ernst v. Bergmann. Leipzig 1911. -- Die Angaben ber
  die Ereignisse, wie sie oben geschildert worden sind, beruhen zum Teil
  auf mndlichen Mitteilungen v. Bergmanns an den Verfasser.

Das weitere Schicksal des Tuberkulins ist schnell erzhlt. Der Kongre
von 1892 brachte nicht etwa eine Wiederaufnahme der Besprechung des
Vorjahres, sondern an bescheidener Stelle, am Nachmittage des zweiten
Sitzungstages einen Vortrag _Franz Knigs_: Die moderne Behandlung der
Gelenktuberkulose. Er enthlt zunchst das Eingestndnis, da eine
ideale Heilung, d. h. eine Beseitigung aller uerungen der Krankheit an
den Gelenken, wie an anderen Organen nicht erzielt werden knne und
deshalb zu bergehen sei. Weder bei den medikamentsen, noch bei den
Impfversuchen (Tuberkulin) ist bis jetzt etwas herausgekommen. So sehr
sie eine Zeitlang die Menschheit aufgeregt haben, sie mssen als
Zukunftsmusik bezeichnet werden. Demnach sei die Gelenktuberkulose nach
wie vor rtlich zu behandeln und zwar in dreifacher Weise: durch
Absetzung der Glieder oder Ausschneidung der Gelenke, durch subkutane
Einspritzung von Arzneistoffen (Jodoform); endlich durch
funktionell-physikalische Einwirkung auf die Glieder. Die erstgenannte
Gruppe, die Behandlung durch das Messer, sei nach Mglichkeit
einzuschrnken, aber keineswegs zu entbehren. -- Die nachfolgenden
Redner sprachen sich in hnlicher Weise aus; so sagte v. _Bergmann_,
durch die Einfhrung der Jodoformeinspritzung sei wirklich mehr
geschaffen, als durch das, was _Koch_, _Liebreich_, _Schller_ u. a. vom
Blute aus auf die kranken Gelenke htten bewirken wollen. -- Die Sitzung
wurde weiterhin dadurch denkwrdig, da _August Bier_ (Kiel) sein neues
Verfahren einer konservativen Behandlung der Gelenktuberkulose durch
Stauung vortrug.

So war denn fr die Chirurgie das Tuberkulin vollstndig abgetan und ist
wenigstens als Heilmittel abgetan geblieben. Die dauernd fortgesetzten
Versuche, die _Koch_schen Gedanken trotz allem auf anderen Wegen fr die
Menschheit nutzbar zu machen, knnen daher unser Interesse nur in sehr
beschrnktem Mae in Anspruch nehmen, da sie zur Chirurgie nie mehr
ernstere Beziehungen gewonnen haben. Ob die in neuester Zeit wiederholt
angestellten Versuche, die biologisch andersartigen Tuberkelbazillen
niederer Tierarten zur Herstellung eines Heilmittels fr den Menschen zu
benutzen, greifbare Erfolge haben werden, lt sich bisher noch nicht
mit Sicherheit bersehen. Durch den _Koch_schen Zusammenbruch sind die
Chirurgen zwar um eine glnzende Hoffnung rmer, aber um eine belehrende
Erfahrung reicher geworden.

Die Chirurgie ist zu der Behandlung, welche _Knig_ im Jahre 1892
umrissen und _Bier_ ergnzt hatte, zurckgekehrt und dabei geblieben.
Man ist bescheidener in seinen Erwartungen geworden, man wei, da nicht
alle Flle heilbar und da die anscheinend Geheilten vor frheren oder
spteren Rckfllen nicht sicher sind; aber gegenber dem traurigen Lose
tuberkulser Menschen in frheren Zeiten haben Antisepsis und Asepsis,
Jodoform, physikalische Behandlung und Stauung Ergebnisse erzielt, durch
welche das Schicksal der von Knochen- und Gelenktuberkulose Befallenen
denn doch eine ganz erhebliche und sehr erfreuliche Milderung erfahren
hat.

                     *       *       *       *       *

Durch das ganze 17. und 18. Jahrhundert ziehen sich in allen
Kulturlndern der Erde und selbst bei rohen Vlkern Versuche, die darauf
abzielen die bertragung der Kuhpocken zu einem Heilmittel gegen die
damals zu einer schlimmen Geiel des Menschengeschlechtes
herangewachsene Blatternkrankheit zu machen. Sie fanden eine
Zusammenfassung und Fortentwicklung zu einer geschlossenen Heilmethode
seit dem Jahre 1798 durch den Englnder _Edward Jenner_, der sie
erfolgreich in die medizinische Praxis einzufhren wute. Die _Koch_sche
Tuberkulinbehandlung beruht auf dem gleichen, wenn auch geluterten
Grundsatze der Einfhrung eines fr den Menschen unschdlicheren Giftes
in den Kreislauf, um damit einer gefhrlichen Krankheit vorzubeugen,
oder sie nachhaltig zu bekmpfen. Wenn aber auch die von _Koch_ gewhlte
Form sich nicht bewhrt hat, so ist doch der zugrunde liegende Gedanke
so zwingend, da die Versuche, ihn fr solche ansteckende Krankheiten,
deren Erreger entdeckt worden waren, zu verwerten, niemals aufgehrt und
vielfach die schnsten Frchte hervorgebracht haben, freilich zum Teil
auf wesentlich anderen Wegen, als sie die Tuberkulinforschung betreten
hatte. Wie weit diese Bemhungen zur Erzielung einer wirksamen
_Blutserumtherapie_ auch der Chirurgie Nutzen und Frderung gebracht
haben, soll zunchst besprochen werden.

Der Bazillus der _Diphtherie_, jener furchtbaren Kinderkrankheit, der
bereits im Altertum zahllose Kinder umfangreicher Lnderstrecken zum
Opfer gefallen waren, wurde von _Klebs_ schon vor 1883 mikroskopisch
gesehen, von _Lffler_ 1884 bakteriologisch festgestellt und eingehend
beschrieben. An diese Entdeckung knpften sich seit 1891 _Emil Behrings_
Versuche einer Heilung diphtheriekranker Versuchstiere durch
Einverleibung des Serums immun gewordener Tierkrper, die er zuerst mit
_Erich Wernicke_ zusammen unternahm. Aus den ersten Versuchen ber die
Anwendbarkeit einer solchen Serumbehandlung auf den Menschen ist das
v. _Behring_sche _Diphtherieheilserum_ hervorgegangen, welches eine der
groartigsten Entdeckungen aller Zeiten auf dem Gebiete der
Krankheitsheilungen darstellt. Auch die Chirurgie hat aus ihr ungeahnte
Vorteile gezogen; denn die schweren Flle des schrecklichen Leidens,
welches seit der Mitte des 19. Jahrhunderts wiederum Hekatomben von
kindlichen Opfern forderte, waren dem Messer des Chirurgen
anheimgefallen, um den drohenden Erstickungstod durch einen
rechtzeitigen Luftrhrenschnitt zu bekmpfen. In der Tat gelang es auf
diese Weise, je nach der Schwere und den besonderen Eigentmlichkeiten
der verschiedenen Endemien, 25-50 v. H. der Operierten und selbst
darber hinaus am Leben zu erhalten; aber in den siebziger und achtziger
Jahren schien die Bsartigkeit des Leidens und damit die allgemeine
Sterblichkeit sich noch immerfort zu steigern.

Diesen beraus traurigen und bengstigenden Zustnden hat _Emil
v. Behrings_ Diphtherieheilserum ein Ende gemacht. Freilich ist das neue
Heilmittel, da die rztliche Welt kurz zuvor die groe Enttuschung mit
dem Tuberkulin erlebt hatte, ohne lebhaften Widerstand und heftige
Errterungen nicht aufgenommen worden; auch hat der unausrottbare
Optimismus des menschlichen Geschlechtes, welches in jedem neuen
Heilmittel sofort ein _All_heilmittel zu erblicken sich anschickt,
manche Enttuschung herbeigefhrt. Trotzdem ist das v. _Behring_sche
Serum in wenigen Jahren zu einer starken und schneidigen Waffe gegen
eine der verderblichsten Krankheiten geworden. Die Erkrankungsziffer
ist, wahrscheinlich allerdings nicht ausschlielich unter dem Einflsse
der Heilserumbehandlung, erheblich heruntergegangen, die schweren Flle
mit ausgiebigen Zerstrungen der Weichteile sind fast verschwunden, weil
zurzeit fast jeder Erkrankungsfall von dem behandelnden Arzte schon im
ersten Beginn mit einer Einspritzung versehen wird, die allgemeine
Sterblichkeit ist stark gesunken und die der Operation unterworfenen
Flle zeigen einen Verlust von hchstens noch 30 v. H., so da die
Operationsstatistik seit jener Zeit sich um etwa 40 v. H. gebessert hat.
Krankenhuser und Kliniken sind von der niederdrckenden Behandlung
diphtherischer Kinder erheblich entlastet worden und der Wundarzt sieht
die Erfolge seiner Operationen nicht mehr durch die langen Zahlenreihen
der Todesflle nach Tracheotomien entstellt.

Noch einen zweiten groen und unvergelichen Dienst hat _Emil
v. Behring_ der leidenden Menschheit durch Erfindung seines _Heilserums
gegen Wundstarrkrampf_ geleistet. Zur Bekmpfung der Wirkungen des im
Jahre 1884 von _Nicolaier_ entdeckten und im Jahre 1889 von dem Japaner
_Kitasato_ in Reinkultur gezchteten Tetanusbazillus stellte
v. _Behring_ im Jahre 1895 nach den gleichen Grundstzen wie beim
Diphtherieheilserum ein Tetanusantitoxin dar, welches bei dieser zwar
nicht eben hufigen, aber um so furchtbareren Krankheit seitdem
allgemeine Anwendung gefunden hat. Wenn auch das Mittel in
vorgeschrittenen Fllen keineswegs imstande ist unter allen Umstnden
den tdlichen Ausgang zu verhindern, so gewinnt es doch an Sicherheit,
je frhzeitiger die Einverleibung in das erkrankte Glied vorgenommen
wird und scheint bei der auf S. 14 bereits erwhnten prophylaktischen
Einspritzung einen fast vollkommenen Schutz gegen den Ausbruch der
Krankheit zu gewhren.

Die auf fast alle, durch bekannte Mikrobien hervorgerufenen Krankheiten
ausgedehnte Serumbehandlung kann hier nur so weit berhrt werden, als
chirurgische Leiden in Betracht kommen. Fr diese stehen im Vordergrunde
der Wichtigkeit die verschiedenen, in Deutschland, Frankreich und
anderen Lndern hergestellten _Streptokokkensera_ von etwas anderer
Zusammensetzung, als die vorgenannten. Indessen ist das ganze Verfahren
noch so wenig ausgebaut, da von einer sicheren Heilwirkung noch nicht
gesprochen werden kann. Immerhin wird man schon jetzt sagen drfen, da
die Serumbehandlung, wie sie der Chirurgie schon bisher glnzende
Erfolge eingebracht hat, ihr auch fr die Zukunft noch manche
beachtenswerte Frderung in Aussicht stellt.

Fr einige, durch pflanzliche Schmarotzer hervorgerufene Krankheiten,
wie Lepra und Aktinomykose, deren Erreger, der Leprabazillus, im Jahre
1884 von dem Norweger _Armauer Hansen_ und der Strahlenpilz, zuerst von
_Bernhard Langenbeck_ gesehen, im Jahre 1877 von _Bollinger_ in Mnchen
genau beschrieben wurden, ist ein Heilmittel bisher noch nicht
aufgefunden worden, soweit nicht chirurgische Eingriffe mglich sind.

Eine besondere Stellung nimmt die _Syphilis_ ein, deren Erreger erst
nach langer, von zahlreichen Forschern aufgebotener Mhe _Schaudinn_ und
_Hoffmann_ im Jahre 1905 in einer Spirille, der Spirochaeta pallida,
entdeckten und damit ihre tiologische Selbstndigkeit gegenber den
beiden anderen Geschlechtskrankheiten, dem weichen Schanker und dem
Tripper, feststellten. Wenn auch diese drei Leiden, wenigstens in ihren
ersten Anfngen, lngst von der Chirurgie spezialistisch gesondert
worden sind, so haben sie doch in ihrem weiteren Verlaufe so viele
Berhrungspunkte mit ihr, da sie in einer Geschichte der Chirurgie
nicht bergangen werden drfen. So ist es denn auch fr diese von hoher
Bedeutung geworden, da durch _Paul Ehrlichs_ chemotherapeutische
Untersuchungen ein zwar altes Mittel, das Arsen, aber in neuer Form als
Salvarsan (Ehrlich 606), d. h. ein organisches Arsenprparat, in Form
von Einspritzungen in die Behandlung eingefhrt wurde. Das Mittel hat
sich als auerordentlich wirksam, zugleich aber als gefhrlich erwiesen,
indem es doch auch mehrfach Todesflle veranlat zu haben scheint. Ob es
mglich sein wird, durch Abnderung des Verfahrens diese zu beseitigen,
oder wenigstens einzuschrnken, ist gegenwrtig noch nicht zu
beurteilen; doch ist wenigstens an der Wirksamkeit des Mittels ein
Zweifel nicht mehr mglich.

Der Erreger der Gonorrhoe, der Gonokokkus, wurde 1879 von _Albert
Neier_ in Breslau, der Erreger des weichen Schankers, der
Streptobacillus ulceris mollis, 1889 von dem Franzosen _Ducrey_ und
etwas spter, aber unabhngig von diesem, von den Deutschen _Krefting_
und _Unna_ entdeckt. Die Feststellung der Entstehungsart dieser Leiden
hat deren Behandlung wesentlich wirksamer und sachgemer gemacht, als
dies jemals vorher der Fall gewesen war, zugleich aber auch der seit
Jahrhunderten dauernden Verwirrung ber Wesen und Zusammengehrigkeit
der Geschlechtskrankheiten glcklich ein Ende gemacht.

                     *       *       *       *       *

Eine fr die Chirurgie ungemein wichtige Krankheit, die durch
Einwanderung der Zwischenform einer Bandwurmart, der Taenia
echinococcus, in den menschlichen Krper hervorgerufene
_Echinokokkenkrankheit_ hat in den letzten Jahrzehnten eine nachhaltige
und wirksame Bekmpfung gefunden. Seitdem durch den Berliner _Peter
Simon Pallas_ im Jahre 1760 die schon dem Altertume bekannten groen
Blasen bei Ochsen und Schafen als tierische Schmarotzer erkannt, und von
_Bremser_ in Wien 1821 auch beim Menschen besttigt worden waren, haben
sich zahlreiche, vorwiegend deutsche Forscher, unter denen
_Kchenmeister_, _Heller_ und _Leuckart_ zu nennen sind, mit der
Aufklrung des Lebensganges des Hlsenwurmes, eine groe Anzahl von
rzten mit der klinischen Seite des Leidens beschftigt. Die Behandlung
blieb aber hchst unvollkommen, selbst nachdem in den sechziger Jahren
des vorigen Jahrhunderts die operative Bekmpfung des Wurmleidens ihren
Anfang genommen hatte. Erst die Antisepsis schuf auch hier Wandel, so
da ohne groe Gefahren die operative Beseitigung der Blasen fast an
allen Krperteilen hat in Angriff genommen werden knnen. Zu den
erfolgreichsten Schriftstellern auf diesem Gebiete gehrt _Otto
Madelung_, 1885. Seitdem zhlt die Ausrumung der gefhrlichen
Wurmhlsen zu den dankbarsten Aufgaben des Wundarztes.

                     *       *       *       *       *

Die bisher besprochenen Verwundungs- und Erkrankungsgruppen haben das
Gemeinsame, da bei ihnen der Nachweis der letzten Ursachen der Leiden
zu einer hchst erfolgreichen, den Entstehungsbedingungen angepaten
Abnderung der Behandlungsweise gefhrt hat. Anders liegt die Sache mit
einer letzten, hchst bedeutungsvollen Sippe pathologischer
Vernderungen, den _bsartigen Neubildungen_, unter denen die _Krebse_
und _Sarkome_ wegen ihrer verhngnisvollen Einwirkung auf den
menschlichen Krper an Wichtigkeit allen brigen voranstehen.

Schon seit dem Beginne bakteriologischer und tierisch-parasitrer
Forschungen hat sich immer von neuem der Gedanke aufgedrngt, da die
Ursache des Krebses in der Einwanderung pflanzlicher oder tierischer
Schmarotzer in den Krper gesucht werden msse. Indessen darf heute
gesagt werden, da diese Vorstellungen fast vollkommen Schiffbruch
erlitten haben, indem alle Anstrengungen, ihre Wirklichkeit zu beweisen,
gnzlich ergebnislos gewesen sind. So ist denn bis zum heutigen Tage,
obwohl die pathologische Anatomie alles getan hat, um den feineren
Aufbau, die Wachstumsverhltnisse und die biologischen Eigenschaften der
bsartigen Neubildungen bis auf die letzte Einzelheit zu klren, das
eigentliche Wesen des Krebses, soweit seine Entstehung in Frage kommt,
noch fast so unbekannt, wie vor 2000 Jahren, als man ihn als einen dem
Krper fremden Parasiten ansah. Gemeinsam ist in den Anschauungen der
neuesten Zeit nur die Betrachtung des Krebses vom tiologischen
Standpunkte aus; aber darber hinaus scheiden sich die Wege mit voller
Entschiedenheit. Man braucht nur die Auffassungen zweier Forscher, wie
_Ribbert_ und v. _Hansemann_, miteinander zu vergleichen, um darber
nicht im Zweifel zu bleiben.

Selbstverstndlich kann an dieser Stelle auf die schwebenden
Streitfragen nicht eingegangen werden. Es genge daher zu bemerken, da
die Behandlung bsartiger Geschwlste davon bisher keinen
bemerkenswerten Nutzen gezogen hat. Aus eigener praktischer Erfahrung
heraus waren die Chirurgen schon seit Jahrzehnten zu dem Schlu
gekommen, da eine mglichst frhzeitige und mglichst ausgedehnte
Ausschlung der wachsenden Geschwulst, wie sie insbesondere durch die
schne Arbeit _Lothar Heidenhains_ vom Jahre 1889 fr den Brustkrebs
festgelegt worden ist, die sicherste und am meisten vor Rckfllen
schtzende Behandlung darstelle. Diese Anschauung ist von der
pathologischen Anatomie in vollem Umfange besttigt und von der
biologisch-therapeutischen Forschung nicht erschttert worden. So ist
zurzeit noch alles Heil der von Krebs befallenen Unglcklichen an das
rechtzeitig und geschickt gefhrte Messer gebunden; und die damit
erzielten Ergebnisse sind wahrlich beachtenswert genug, da selbst bei
einer so gefhrlichen Form, wie dem Brustkrebse, 30-40 v. H.
Dauerheilungen durch sorgfltige statistische Untersuchungen und
Nachforschungen festgestellt wurden.

Dementsprechend kann vorlufig kein gewissenhafter Wundarzt die
Verantwortung bernehmen, einem Kranken mit beginnender bsartiger
Neubildung eine andere Behandlung als die der blutigen Operation zu
empfehlen; denn weder die Durchleuchtung, noch die Behandlung mit Radium
oder Mesothorium haben bisher verhltnismig gleich sichere Ergebnisse
geliefert wie das Messer. Auch die von _Ehrlich_ in den letzten Jahren
eingeleiteten Immunisierungsversuche haben vorlufig noch keine
verwertbaren Erfolge gezeitigt. Immerhin ist die Hoffnung nicht
ausgeschlossen, da auf dem einen oder anderen dieser Wege der Schutz zu
haben sein wird, durch welchen dereinst eine der furchtbarsten Geieln
des menschlichen Geschlechtes erfolgreich bekmpft werden kann.




                           _Fnfter Abschnitt._

           Eroberungen auf dem Gebiete der speziellen Chirurgie.


Die Wandlung der Anschauungen, welche sich unter der sicheren Hut der
antiseptischen und aseptischen Wundbehandlung vollzog, hat auch zu einem
vlligen Umsturz der Behandlung in den Organgruppen und den einzelnen
Organen gefhrt. Die Chirurgie trat einen Siegeszug an, der ohnegleichen
in ihrer langen Geschichte ist, der vor keinem Hindernis Halt machte und
eine groe Anzahl von Krankheiten in ihren Bereich zog, an deren
Zugehrigkeit zur inneren Medizin bisher kaum ein leiser Zweifel sich
geltend gemacht hatte. So gibt es denn fast keinen Punkt mehr des
menschlichen Krpers, den nicht chirurgische Werkzeuge am lebenden
Menschen zu erreichen und unmittelbar oder mittelbar zu beeinflussen
versucht htten; und auf diese Weise vollzog sich eine Verschiebung der
rtlichkeit chirurgischer Erkrankungen, die der heutigen Chirurgie einen
von dem vor einem halben Jahrhundert eingenommenen Standpunkte gnzlich
verschiedenen Inhalt gegeben hat. Ihr Kennzeichen besteht darin, da die
meisten Lehrfcher der praktischen Medizin einen mehr oder weniger
chirurgischen Anstrich bekommen haben.

Fr die geschichtliche Besprechung knnen zwei Gruppen unterschieden
werden: Krankheiten von Organen und Organsystemen, welche man bereits
vor Einfhrung der Antisepsis sachgem zu behandeln begonnen hatte, bei
denen also nur ein Ausbau und eine Vervollkommnung in Frage kam; und
solche, bei denen chirurgische Einwirkungen erst durch die _Lister_sche
Behandlung mglich geworden sind. Sie bilden die glnzendste Seite der
neuen Entwicklung der Wundarzneikunst.




                               Kapitel XII.

        Ausbau der Eingriffe an schon bisher zugnglichen Organen.


Zur ersten Gruppe gehren die Bemhungen, angeborene oder erworbene
Mngel der ueren Decken oder der Organe durch Einpflanzung
entsprechender Gewebe der gleichen oder hnlichen Art zu beseitigen, die
_plastischen Operationen_. Die ersten Versuche stammen schon aus dem
Altertume; doch hat die Lehre eine so wechselreiche Geschichte
durchzumachen gehabt, da sie zeitweilig fast vollkommen vergessen war.
Erst im 19. Jahrhundert ist sie durch _Ferdinand v. Grfe_ und _Johann
Friedrich Dieffenbach_ ganz erheblich gefrdert worden und erhielt nach
Erfindung der Betubungsmittel durch _Bernhard v. Langenbeck_ einen
neuen mchtigen Auftrieb, der unter dem Schutze der antiseptischen
Wundbehandlung sich dahin auswuchs, da sie zu einem Gemeingut aller
Chirurgen geworden ist. Seitdem ist die operative Technik der
plastischen Operationen durch so viele neue Ideen bereichert worden, da
ihre Leistungen weit ber die Bemhungen frherer Zeiten sich erhoben
und auf vielen Gebieten groen und dauernden Nutzen gestiftet haben.

Die meisten neueren Chirurgen bezeichnen alle plastischen Operationen
ohne Ausnahme als berpflanzungen, Transplantationen; nur einzelne
unterscheiden freie und gestielte berpflanzungen. Andere haben sich
bemht, die beiden Formen, in denen der Ersatz in die Erscheinung tritt,
schon durch das Hauptwort kenntlich zu machen. Nach diesem ohne Frage
zweckmigeren Verfahren heit berpflanzung (Transplantatio) nur eine
solche Operation, bei welcher ein _gestielter_ Lappen, aus der
Nachbarschaft oder aus weiterer Entfernung entnommen, auf eine neue
Wundflche bertragen wird, um erst nach der Aufheilung, wenn berhaupt,
von seinem Mutterboden gnzlich abgeschnitten zu werden. Dagegen heit
die Einpflanzung eines von seinem Mutterboden sofort vollkommen
losgelsten Lappens, des Pfropfstckes, auf eine andere Krperstelle
Pfropfung (Insitio), da dieser Vorgang mit der gleichnamigen bertragung
abgeschnittener Reiser auf andere Bume Verwandtschaft hat. Die
berpflanzung ist das ltere Verfahren, welches schon durch
_Dieffenbach_ zu einer ziemlich hohen Vollendung gebracht worden ist. In
B. v. _Langenbecks_ Gaumennaht (Uranoplastik) hat es 1862 eine seiner
schnsten Frchte gezeitigt, da es nicht nur einen die Sprache schwer
beeintrchtigenden Fehler in vielen Fllen vollkommen zu beseitigen
erlaubt, sondern auch fr die Heilung mancher hnlicher Strungen
vorbildlich geworden ist. berdies ist sie durch _Edmund Roses_
Erfindung der Operationen am hngenden Kopfe vom Jahre 1874 zahlreicher
Unannehmlichkeiten und Gefahren entkleidet worden. In neuerer Zeit hat
die Transplantation an den verschiedensten Krperteilen durch den im
Jahre 1902 verstorbenen _Karl Nicoladoni_ in Graz eine auerordentliche
Frderung erfahren. Als besonders fruchtbar erwies sich auch die
_Mller-Knig_sche Methode zum Ersatze von Schdeldefekten. An sie
schlieen sich die osteoplastischen Aufmeielungen eiternder Hhlen an,
wie sie _Kster_ fr den Warzenfortsatz, die Stirnhhle und die von
Osteomyelitis befallenen Markhhlen der langen Rhrenknochen empfohlen
hat.

Wesentlich jnger ist die Pfropfung vllig getrennter Hautstcke, welche
auf Grund einer aus Indien stammenden Anregung fr den Nasenersatz zum
ersten Male von dem Anatomen und Chirurgen _Bnger_ in Marburg im Jahre
1818 am lebenden Menschen und mit teilweisem Erfolge versucht wurde.

Die wertvollste Fortbildung erhielt die Methode, als _Jaques Reverdin_
in Genf im Jahre 1869 mit seiner Epidermispfropfung (Greffe pidermique)
hervortrat, die von _Karl Thiersch_ mit Hilfe der inzwischen
ausgebildeten antiseptischen Behandlung im Jahre 1886 zu einer erheblich
brauchbareren _Haut_pfropfung umgeformt wurde, welche es erlaubte
umfangreiche Hautverluste durch eine grere Anzahl von fettlosen
Hautstreifen schnell zu heilen. Daneben hatte _Thiersch_ sich schon 1874
mit der Aufpflanzung groer Hautstcke beschftigt, welche von
J. R. _Wolfe_ ein Jahr spter als eine neue Methode der Plastik
beschrieben worden ist. Sie ist seit 1893 durch _Fedor Krause_ vielfach
verbessert und in hervorragendem Mae gefrdert worden. Auch sind
erfolgreiche Versuche angestellt, nicht nur stundenlang vom Krper
getrennte und in Kochsalzlsung aufbewahrte grere Hautstcke, sondern
auch ganz oder fast ganz abgelste Krperteile sofort wieder zur
Anheilung zu bringen. In neuester Zeit hat die Pfropfung von
Knochenteilen, Elfenbein, Zelluloid in Knochendefekte eine besonders
groe Ausdehnung gewonnen.

Beide Gruppen der Plastik haben fr den Ersatz von Gesichtsdefekten,
insbesondere fr die Wiederherstellung verloren gegangener Nasen eine
immer wachsende Bedeutung bekommen; die Verschnerung des menschlichen
Antlitzes hat sich fast zu einer besonderen Kunst entwickelt, fr deren
Ausbung sogar Spezialisten auf den Plan getreten sind. --

                     *       *       *       *       *

Alt wie die Plastik sind auch die _Eingriffe an groen Gefen_, teils
zur Blutstillung, teils zur Beseitigung gewisser Erkrankungen,
insbesondere der Aneurysmen. An die groen Venenstmme hat man sich
freilich in lterer Zeit nicht leicht herangewagt, da man mit Recht die
von dem Unterbindungsfaden ausgehende Eiterung und die Fortschwemmung
des verunreinigten Blutpflockes frchtete. Ist man doch in dieser Furcht
so weit gegangen, bei zuflligen Verletzungen groer Venen nicht diese,
sondern die daneben liegende Hauptschlagader des Gliedes behufs
Blutstillung zu unterbinden, also einen damals noch recht gefhrlichen
Eingriff zur Bekmpfung einer kaum greren Gefahr zu setzen
(v. _Langenbeck_, 1861). Die antiseptische und aseptische Wundbehandlung
hat diese Furcht verscheucht. Man scheut sich nicht mehr, die groen
Venenlichtungen in Amputationswunden zu unterbinden, man ist von der
zeitweiligen Abklemmung seitlicher Venenwunden (E. _Kster_, 1873) zur
seitlichen Venenunterbindung (_Schede_, 1882) und zur seitlichen
Venennaht bergegangen, man ffnet die Venen seitlich, um sie behufs
Wegschaffung septischer Gerinnsel auf lngere Strecken zu durchsplen
(E. _Kster_) oder Neubildungsthromben aus ihnen herauszuziehen
(v. _Zge-Manteuffel_) und um sie nachtrglich durch die Naht wiederum
zu schlieen. Als der khnste dieser Eingriffe an Gefen, welche
Venenblut fhren, ist _Friedrich Trendelenburgs_ Erffnung der Arteria
pulmonalis zur Beseitigung eines das Gef verschlieenden Embolus vom
Jahre 1908 anzusehen.

Auch die Schlagaderversorgung zur Bekmpfung von Blutungen und
Aneurysmen hat durch die neue Wundbehandlung ein anderes Ansehen
bekommen. So bewundernswert die Khnheit lterer Chirurgen erscheint,
welche ihre Unterbindungsfden selbst an den tiefsten Abschnitt der
Bauchaorta und an die dem Herzen nahen groen Gefstmme herantrieben,
so wurde sie doch nur selten durch Erfolg belohnt, der meistens durch
Nachblutungen und Wundkrankheiten vereitelt worden ist. Die neue
Chirurgie kennt solche Gefahren kaum noch. Ohne Bedenken wird der
umschnrende Faden in der unmittelbaren Nachbarschaft eines strkeren
Seitenastes angelegt; und in der seitlichen Naht der Schlagadern hat die
Wundarzneikunst ein Hilfsmittel gewonnen, um die Unterbindung in solchen
Fllen zu umgehen, in denen die schnelle Ausbildung eines
Kollateralkreislaufes nicht gesichert erscheint. Selbst die
Zusammenfgung vllig quer durchtrennter Arterienstcke hat schon
gewisse Erfolge aufzuweisen. Aber als die glnzendste Widerspiegelung
des mit Khnheit gepaarten Wissens und Knnens deutscher Chirurgie ist
_Ludwig Rehns_ im Jahre 1897 kundgemachte und glcklich verlaufene
Herznaht nach Herzverwundung anzusehen, welche seitdem bereits eine
erhebliche Anzahl von Menschen, die dem sicheren Tode verfallen
schienen, dem Leben zurckzugeben vermocht hat. Hierher gehrt auch
_Anton v. Eiselsbergs_ Naht der durch Stich verletzten Arteria
pulmonalis vom Jahre 1909.

                     *       *       *       *       *

Zu den ltesten Teilen der Chirurgie zhlt die _Augenheilkunde_, deren
operative Technik schon im Altertume eine beachtenswerte Grundlage
erhalten hatte. Die enge Verknpfung beider Lehren, welche in
Deutschland durch _August Gottlieb Richter_ angebahnt worden war, wurde
indessen gelst, als mit der Errichtung eigener Professuren der
Augenheilkunde in Frankreich und sterreich deren selbstndige
Entwicklung anerkannt und begnstigt worden war. In Deutschland geschah
dies erst mit _Albrecht v. Grfes_ Ernennung zum auerordentlichen
Professor der Augenheilkunde an der Berliner Universitt im Jahre 1857;
denn damit wurde die Trennung von der Chirurgie, mit der sie bisher in
einer Hand vereinigt gewesen war, endgltig vollzogen. Aber so sehr auch
v. _Grfe_ und seine Nachfolger ihre Wissenschaft in allen brigen
Fragen gefrdert haben: der vollstndige Ausbau der Technik und deren
Beherrschung ist der Ophthalmologie erst gekommen, seitdem Antisepsis
und Asepsis ihren schtzenden Schild ber den erkrankten Augen
hielten. --

Noch deutlicher tritt dies bei einer zweiten Tochterwissenschaft der
Chirurgie hervor. Die deutsche _Ohrenheilkunde_, welche auch fr andere
Vlker vorbildlich geworden ist, wurde seit 1855 durch _Anton Friedrich
Freiherrn v. Trltsch_, der seit 1860 dies Lehrfach an der Universitt
Wrzburg vertrat, einer Erneuerung und Vervollkommnung zugefhrt, bei
der nicht nur die physikalischen Untersuchungsmethoden sondern auch die
Anatomie und spter die pathologische Anatomie als Hilfswissenschaften
herangezogen sind. Indessen der hufigsten und gefhrlichsten Krankheit
des Ohres gegenber, der eitrigen Entzndung des Mittelohres, der Hhle
des Warzenfortsatzes und dieses Knochenteiles selber, welche nicht nur
das Gehrorgan, sondern oft auch das Leben bedroht, blieben die
Bemhungen zunchst ziemlich machtlos. Denn auch die Wiederaufnahme
lterer Behandlungsmethoden, wie des Stiches durch das Trommelfell und
der operativen Erffnung des Warzenfortsatzes, vermochte das Verhngnis
nur ausnahmsweise aufzuhalten, weil wenigstens die letztgenannte
Operation, die schon 1649 von dem franzsischen Anatomen _Jean Riolan_
vorgeschlagen wurde, bis dahin in ganz ungeeigneter Weise zur Ausfhrung
gekommen war. Selbst die von H. _Schwartze_ im Jahre 1873 angegebene
Trepanation des Warzenfortsatzes hat sich nicht dauernd zu behaupten
gewut, da sie mit einem unzweckmigen Werkzeuge ausgefhrt jede
bersicht des Operationsfeldes und der Ausdehnung der Knochenerkrankung
vermissen lt. Erst mit dem chirurgischen Grundsatze der breiten und
bersichtlichen Erffnung des Warzenfortsatzes mittels Meiel und
Hammer, welchen im Jahre 1889 zuerst _Ernst Kster_ einfhrte, bald
darauf auch _Ernst v. Bergmann_ befrwortete, wurde eine
leistungsfhige Operationsmethode geschaffen, die spter zwar mehrfache
Abnderungen erfuhr, aber in ihren Grundzgen doch unverndert blieb.
Da sie zweifellos den bei weitem hufigsten blutigen Eingriff in der
Ohrenheilkunde darstellt, so ist sie unter der fleiigen Arbeit der
Ohrenrzte zu einem hochbedeutsamen Hilfsmittel fr die Erhaltung des
Gehrorganes geworden.

Die _Nasen-_, _Rachen-_ und _Kehlkopfkrankheiten_, die sich gleichfalls
zu einer sehr wichtigen Sonderwissenschaft entwickelt haben, verdanken
nicht minder ihren Aufschwung der Einfhrung der Antisepsis. Am
deutlichsten tritt dies bei den Kehlkopfkrankheiten hervor, die im Jahre
1857 von _Trck_ in Wien und bald darauf auch von _Czermak_ durch
Einfhrung des Kehlkopfspiegels erst einer sachgemen Beobachtung und
Behandlung zugefhrt und durch _Viktor v. Bruns_ in Tbingen im Jahre
1862 mit der endolaryngealen Operationsmethode beschenkt, doch erst nach
Einfhrung der Antisepsis ihre volle Bedeutung fr die chirurgische
Pathologie errangen. Denn auf Grund von Tierversuchen, welche sein
Assistent _Vinzenz Czerny_ im Jahre 1870 angestellt hatte, wagte
_Theodor Billroth_ 1873 die erste vollkommene Ausschlung des krebsig
erkrankten Kehlkopfes am lebenden Menschen und erzielte vollkommenen
Erfolg. Der Fall wurde auf dem III. Chirurgenkongre von 1874 von _Karl
Gussenbauer_ besprochen und zugleich ein von ihm erdachter knstlicher
Kehlkopf vorgelegt, mit dem der seines Stimmorgans beraubte Mann laut,
wenn auch eintnig zu sprechen imstande war. Sptere Abnderungen dieses
Ersatzes, an denen sich _Paul Bruns_, _Julius Wolff_ u. a. beteiligten,
haben ihn bis zu einer solchen Vollkommenheit gebracht, da auch eine
beschrnkte Modulation der Stimme mglich geworden ist.

Auch damit hat man sich nicht begngt. Schon _Billroth_ nahm im Jahre
1878 nur den halben Kehlkopf fort und _Heine_ hatte bereits 1874 die
sogenannte Resektion des Stimmorgans in Vorschlag gebracht, um nur
wirklich kranke Teile zu beseitigen und die lstige Prothese berflssig
zu machen. Um ihren Ausbau hat sich vor allen anderen _Eugen Hahn_ in
Berlin verdient gemacht. So ist es denn gelungen, die Sterblichkeit
stark herabzumindern, einen Ersatz berflssig zu machen und selbst die
Stimme bis zu einem gewissen Grade zu erhalten[2]. Damit hat die
deutsche Kehlkopfchirurgie voraussichtlich den Gipfel ihrer
Leistungsfhigkeit erstiegen. Da es ihr nicht vergnnt gewesen ist,
diese in dem Trauerspiele von 1887/88 zu erweisen, welches sich mit dem
Namen des Englnders _Mackenzie_, unseligen Angedenkens, verknpft,
whrend wir uns mit Stolz unseres wackeren _Fritz v. Bramann_ erinnern
drfen, der durch einen Luftrhrenschnitt unter den denkbar
schwierigsten Verhltnissen wenigstens die Erstickungsgefahr von dem
hohen Dulder, dem Kronprinzen des Deutschen Reiches, abzuwenden wute,
wird noch heute jedem Vaterlandsfreunde das Herz schwer machen.

  [2] Verfasser operierte 1881 und 1889 wegen bsartiger Neubildungen des
  Kehlkopfes zwei rzte, deren Schicksale er weiterhin hat verfolgen
  knnen. Dem ersten wurde der halbe Kehlkopf weggenommen. Er bekam eine
  zwar rauhe, aber laute und meist tnende Stimme, die durchaus
  verstndlich war und ihn weder in der Unterhaltung, noch im Berufe
  hinderte. Dem zweiten, der ein eben beginnendes Krebsgeschwr unter dem
  linken Stimmbande hatte, wurde nur letzteres bis auf den Knorpel
  umschnitten und ausgeschlt. Einige Jahre spter stellte er sich mit
  tnender Stimme vor, die ihm sogar zu singen erlaubte; das _Stimmband_
  hatte eine Neubildung erfahren. Beide haben nie einen Ersatz getragen,
  waren in ihrem Berufe lange Jahre ttig und sind noch heute am Leben.

Schlielich mge noch erwhnt sein, da die durch _Gustav Killian_ seit
1902 eingefhrte und zu hoher Vollendung gebrachte Bronchoskopie, behufs
Beseitigung von Fremdkrpern aus den tiefen Luftwegen, eine
bewundernswerte Erweiterung der Technik auf dem Gebiete der Krankheiten
der Atemorgane darstellt.

Die _Gynkologie_ hat gleichfalls ihre eigenen Wege eingeschlagen; aber
auch bei ihr beginnt ein hherer Flug erst von dem Augenblick an, in
welchem sie ein chirurgisches Gewand anlegte. Das geschah freilich schon
lngere Zeit vor dem Beginne der neuen Wundbehandlung; und diese Wendung
ist nicht auf deutschem Boden zustande gekommen, sondern dem
angelschsischen Geiste zu danken.

Es war in einem einfachen Holzhause eines Stdtchens im Staate Kentucky,
wo der in England vorgebildete amerikanische Arzt _MacDowell_ im Jahre
1809 zum erstenmal die Operation der Oophorektomie an einer Negerin mit
Vorbedacht ausfhrte und vollen Erfolg erzielte. Sehr langsam
verbreitete sich die Operation in Amerika und weiterhin in England, wo
bis 1842 erst 10 glcklich verlaufene Flle bekannt geworden waren.
Frher als dort wurde aber der Eingriff in Deutschland gewagt, so von
_Chrysmar_ in Isny (Wrttemberg) bis 1820 bereits 3mal. Ausschlaggebend
wurde indessen erst der chirurgisch ausgebildete Englnder _Spencer
Wells_, der, seit 1858 seine Laufbahn beginnend, schon zur Zeit des
Auftretens _Listers_ Hunderte von Operationen hinter sich hatte. Ihm ist
die schnelle Ausbreitung des Verfahrens mit dem Beginne der neuen
Wundbehandlung ber alle Lnder der Erde zu verdanken; sie ist ein
Gemeingut aller operierenden Frauenrzte geworden.

_MacDowells_ bewute Erffnung der Bauchhhle reizte zur Nachfolge auch
auf dem Gebiete der sehr hufigen Neubildungen der Gebrmutter, soweit
sie nicht von der Scheide her angreifbar waren. Nach zahlreichen, nur
durch diagnostische Irrtmer veranlaten und vielfach unglcklich
verlaufenen Operationen in verschiedenen Lndern wagte zum erstenmale im
Jahre 1853 der Amerikaner _Kimball_ eine Wegnahme der durch Fibromyom
vergrerten Gebrmutter, welche glcklich ablief. Spter haben, immer
noch in vorantiseptischer Zeit, der elsssische Alemanne _Kberl_ in
Straburg, _Pan_ in Paris und vor allen anderen der Amerikaner _Marion
Sims_ die Erkenntnis und Behandlung dieser Neubildungen gefrdert, deren
Operation nach Einfhrung der antiseptischen Behandlung ganz erheblich
an Sicherheit gewann. Unter den deutschen Gynkologen sind insbesondere
_Wilhelm Alexander Freund_ als Erfinder der Ausrottungsmethode
einer krebsigen Gebrmutter, _Billroth_ mit seiner vaginalen
Gebrmutterausschlung und _Karl Schrder_ als Bahnbrecher auf diesem
Gebiete zu nennen. Die operative Gynkologie ist seitdem eine wohl
abgerundete Wissenschaft geworden, mit der Fachchirurgen sich nur noch
ausnahmsweise beschftigen. Sie hat auch die ihr nahestehende
Geburtshilfe dahin beeinflut, da der natrliche Vorgang der Entbindung
von einer, zu manchen Zeiten und an manchen Orten recht hohen
Lebensgefahr befreit worden ist. --

                     *       *       *       *       *

Eine besonders glnzende Eroberung stellt die _Chirurgie der Harnorgane_
dar. Allerdings war der Blasenschnitt zur Beseitigung von Steinen und
anderen Fremdkrpern des Hohlorganes schon eine uralte Operation, der im
19. Jahrhundert die Steinzertrmmerung, die Lithothrypsie, als
leistungsfhige Gehilfin an die Seite trat. Sie war auf Grund einer von
dem Salzburger Arzte _Gruithuisen_ im Jahre 1813 ausgehenden Anregung
zum erstenmal im Januar 1824 von _Civiale_ in Paris am lebenden Menschen
mit Erfolg ausgefhrt worden. Aber den nachhaltigsten Aufschwung nahm
die Lehre von den Krankheiten der Harnorgane erst von dem Zeitpunkte an,
als auch die Erkrankungen der Niere, die bisher nahezu unbestritten in
den Hnden der inneren Mediziner gewesen waren, in weitem Umfange von
der Chirurgie in Anspruch genommen wurden. Es war am 2. August 1869, als
_Gustav Simon_ in Heidelberg wegen einer Harnleiter-Bauchdeckenfistel
zum erstenmal am lebenden Menschen eine Nierenausrottung unternahm und
damit vollen Erfolg erzielte. Erst zwei Jahre spter machte er eine
zweite Operation gleicher Art, die aber durch pymische Ansteckung zum
Tode fhrte. Die an _Simons_ Vorgehen sich knpfende schnelle
Entwicklung der Nierenchirurgie, welche in kaum 15 Jahren den grten
Teil der Nierenkrankheiten zu einem erfolgreich bearbeiteten Ackerlande
der Wundrzte machte, wrde aber wohl kaum mglich gewesen sein ohne die
in die gleiche Zeit fallende Anerkennung der _Lister_schen
Wundbehandlung, welche die Nierenausschlung schnell ber die Grenzen
ihres Heimatlandes hinausfhrte. So konnte schon im Jahre 1885 der
Englnder _Henry Morris_ vom Middlesexhospital in London ein Lehrbuch
der chirurgischen Nierenerkrankungen schreiben, welchem Beispiele 1886
der Franzose _Brodeur_ und 1889 _Le Dentu_ gefolgt sind. In Deutschland
gab erst 1893 _Paul Wagner_ in Leipzig die erste, noch in bescheidenem
Umfange gehaltene Nierenchirurgie heraus, der von 1896 bis 1902 _Ernst
Ksters_ umfassende Chirurgie der Nieren und 1901 _James Israels_
Chirurgische Klinik der Nierenkrankheiten nachfolgten. Die von _Eugen
Hahn_ im Jahre 1881 erdachte, sehr wertvolle Methode der Anheftung
beweglicher Nieren verdient besondere Erwhnung. Seitdem ist die
Nierenchirurgie in Deutschland unter der eifrigen Arbeit junger
Krfte, unter denen _Arthur Barth_ mit seinen vortrefflichen
pathologisch-anatomischen Studien hervorzuheben ist, zu einer nahezu
selbstndigen Wissenschaft geworden. Sie wurden dabei untersttzt durch
die schnelle Entwicklung der Blasenbeleuchtung, welche von _Christopher
Heaths_ und _Gustav Simons_ Methode der schnellen Erweiterung der
weiblichen Harnrhre zu des letzteren frhesten Versuchen des
Harnleiterkatheterismus dann zu _Nitzes_ Kystoskop und nach dessen
Vervollkommnung durch Einfhrung der _Edison_schen Glhlmpchen bald zu
einer sicheren Methode des Harnleiterkatheterismus fhrte, um dessen
Technik sich vor allen _Guyon_ in Paris und _Leopold Casper_ in Berlin
groe Verdienste erworben haben. Die beraus wertvolle Erfindung hat die
Erkenntnis der Nierenkrankheiten und die Sicherheit operativer Eingriffe
durch die Mglichkeit der getrennten Harnuntersuchung beider Nieren aufs
beste gefrdert; ihr dauernder Aufschwung ist durch Grndung
urologischer Gesellschaften und durch Schaffung einer umfangreichen
Literatur in sichere Aussicht gestellt worden. Diese Entwicklung der
Lehre von den Nierenkrankheiten ist natrlich auch den unteren
Harnwegen, den Erkrankungen der Harnleiter, der Blase, der Prostata und
der Harnrhre zugute gekommen. Die bis dahin wenig beachteten
Geschwlste der Harnblase wurden 1884 von _Ernst Kster_ in einer
pathologisch-anatomischen und klinischen Studie eingehend besprochen.
Daran hat sich eine schnelle Entwicklung der operativen Behandlung
geknpft, in deren Verlaufe die Ausschlung der ganzen Harnblase und die
Auslsung von Prostatageschwlsten glnzende Marksteine des
erfolgreichen Fortschreitens auf dem eingeschlagenen Wege geworden sind. --

                     *       *       *       *       *

Als letzte Sippe dieser Gruppe von Erkrankungen seien die der _Knochen
und Gelenke_ genannt. Allerdings hat ihre Behandlung keineswegs eine so
grundstrzende Vernderung erlitten, als die der vorangehend
besprochenen Leiden; immerhin sind auch hier recht erhebliche
Umformungen zu verzeichnen, die, soweit sie die Pathologie betreffen,
schon frher erwhnt wurden; es erbrigt also nur, der Wandlung der
Behandlung und ihrer Erfolge mit wenigen Worten zu gedenken.

Die Absetzung der Glieder innerhalb der Gelenke oder mit Durchsgung der
Knochen gehrt zwar zu den ltesten Operationen, hat aber ber 2000
Jahre lang unter den Schwierigkeiten der Blutstillung und unter den
Gefahren der Wundkrankheiten schwer zu leiden gehabt. Die
Unbehilflichkeit gegenber der Blutung hat jahrhundertelang die
Wundrzte zu hchst grausamen Verfahren, oder zur Absetzung nur am Rande
abgestorbener Gliedteile gezwungen, bis durch _Ambroise Par_ und den
Italiener _Maggi_ die seit dem Altertum vllig vergessene
Gefunterbindung eine Neubelebung erfuhr. In Deutschland wurde durch
_Wilhelm Fabry_ aus Hilden bei Dsseldorf (Fabricius Hildanus) diese
Lehre um die Wende des 16. zum 17. Jahrhundert zuerst auf Amputationen
im lebenden Gewebe bertragen; er machte auch die erste Exartikulation
im Kniegelenke. Die trotzdem sehr zgernde Entwicklung der
Absetzungslehre hat erst seit _Listers_ Wundbehandlung und _Esmarchs_
elastischer Binde einen schnellen und glnzenden Aufschwung genommen. Er
war bedingt durch die Beseitigung der beiden erwhnten Gefahren, womit
die Sterblichkeit nach solchen Eingriffen, eine richtige Anzeige und
fehlerlose Ausfhrung vorausgesetzt, fast auf den Nullpunkt
herabgedrckt wurde. Hierdurch verschwanden zunchst die lange
fortgefhrten Streitigkeiten ber den Wert der Exartikulation gegenber
der Amputation; vielmehr trat der Grundsatz in seine Rechte, den Stumpf
so lang zu erhalten, als Verletzung oder Erkrankung es eben erlaubten.
Ebenso verschwanden die Errterungen ber die beste Absetzungsmethode,
da die beiden, aus anderen Gesichtspunkten erdachten Amputationsformen,
der Ovalr- und der Zirkelschnitt, hinter dem Lappenschnitte
zurcktreten muten, der fr die Anlegung einer Prothese, wenigstens am
Beine, die gnstigsten Verhltnisse schuf. So wurde es denn auch
mglich, die Absetzung ohne Gefahr bis unmittelbar an den Stamm
heranzuschieben, oder gar auf diesen noch bergreifen zu lassen. Die
Auslsung des Beines im Hftgelenke sowie die Auslsung des Armes
zusammen mit dem ganzen Schultergrtel haben dadurch fr den Wundarzt
die Schrecken verloren, welche einst mit solchen Eingriffen wegen ihrer
sehr hohen Sterblichkeit verbunden waren.

Endlich sind auch die Operationsmethoden fr jeden einzelnen
Gliedabschnitt so vielgestaltig geworden, da sie sich bequem der
Forderung auf Erhaltung eines mglichst langen und tragfhigen Stumpfes
anpassen lassen. Unter ihnen sind drei, welche vollstndig
neue Gesichtspunkte in der operativen Behandlung zur Geltung
brachten, nmlich _Nikolas Pirogoffs_ osteoplastische Amputation
des Unterschenkels (1853), die in der Fuamputation nach
_Wladimirow-Mikulicz_ (1880) und in _August Biers_ plastischer Bildung
eines knstlichen Fues (1892) eine weitere Ausgestaltung gefunden hat,
_Edmund Roses_ Exartikulation im Hftgelenke mit kleinen Schnitten und
kleinem Messer (1890), endlich _Ernst Ksters_ osteoplastische
Exartikulation im Fugelenke (1896) als Ersatz der von _Le Fort_ (Paris)
angegebenen osteoplastischen Amputation. Sie erfllt das Bestreben der
Erhaltung einer mglichst langen Krpersttze in weitgehendster
Weise. --

Der neueren Zeit gehren die _Ausschneidungen der Gelenke, die
Resektionen_ an, welche auf den Englnder _Charles White_ 1768
zurckgefhrt zu werden pflegen, obwohl dieser nachweislich nur das
obere Ende der Oberarmdiaphyse fortgenommen hat. Die Lehre wurde aber
erst bald nach der Mitte des 19. Jahrhunderts durch _Bernhard
v. Langenbeck_ und _Ollier_ (Lyon) mchtig gefrdert; insbesondere hat
ersterer fr lange Jahre geltende Operationsmethoden ausgebildet, die
freilich bei der damals noch unbekannten Natur der fungs-tuberkulsen
Gelenkerkrankungen manchen Mierfolg nicht zu hindern vermochten. Die
Gelenkresektionen haben in neuerer Zeit wesentliche Einschrnkungen
erfahren, da einerseits Gelenkwunden weniger gefhrlich geworden sind,
als sie es vordem waren, und da anderseits die tuberkulsen Gelenke,
welche einst im 8. und 9. Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts im bermae
der Operation unterworfen wurden, spterhin durch eine schonendere
Behandlung, insbesondere mit Jodoformeinspritzungen, in groer Zahl zur
Heilung gebracht werden. Dafr haben aber die Gelenkerffnungen ohne und
mit Knochenverletzung zur Beseitigung krankhafter Vorgnge in der
Gelenkhhle an Zahl ganz erheblich zugenommen. Die Resektion ist bei
Kapselerkrankungen vielfach auf die Ausschlung der erkrankten
Synovialhaut beschrnkt, die Beweglichkeit versteifter Gelenke durch
Einpflanzung von Muskel- oder Fettlappen zwischen die Gelenkenden
gesichert worden.

Auerordentliche Fortschritte hat auch die _Orthopdie_ gemacht. Ihre
Glanzleistung ist die Heilung der angeborenen Hftgelenkverrenkung, die
um 1890 durch _Hoffa_ zunchst mittels blutiger Operation angestrebt,
spter von _Lorenz_ (Wien), seit 1896, durch unblutigen Eingriff zu
einem fr viele Flle ungemein segensreichen Verfahren ausgebildet
wurde. Auch die Verpflanzungen von Muskeln, Sehnen und Nerven zur
Heilung von Lhmungen und Kontrakturen sind zu einer vielgebten und
sehr heilsamen Methode fortentwickelt worden.




                               Kapitel XIII.

                 Neue Eingriffe in bisher unzugngliche Organe.


Die zweite Gruppe umfat die Krankheiten solcher Organe und
Organsysteme, welche vordem in noch kaum merkbarer Weise dem
chirurgischen Messer zugnglich gemacht worden waren; die also erst
durch die Antisepsis in den Kreis des chirurgischen Schaffens gezogen
worden sind. Da freilich die hier vorgenommene Trennung nicht ganz
scharf sein kann, liegt auf der Hand.

Zu ihr gehrt vor allen Dingen das Gebiet der _sersen Krperhhlen_,
von denen die Gelenkhhlen bereits in der vorigen Gruppe besprochen
worden sind. Unter ihnen steht nach der Hufigkeit und der Wichtigkeit
der an ihr vorzunehmenden Eingriffe die _Bauchhhle_ im Vordergrunde;
denn erst durch die _Lister_sche Wundbehandlung ist sie in ganzem
Umfange und mit allen von ihr umschlossenen Organen fr die operative
Einwirkung frei geworden.

Zahlreiche und zum Teil schwere Verletzungen des Bauches hatten die
Chirurgen schon lngst darber belehrt, da das Bauchfell keineswegs so
empfindlich sei, als man fast berall anzunehmen pflegte. Auch zeigten
die seit Anfang des vorigen Jahrhunderts sich ausbreitenden Operationen
an Eierstock und Gebrmutter, da die kunstgerechte Erffnung des
Bauchfelles zwar gefhrlich sei, aber doch in einer ansehnlichen Zahl
von Fllen eine schnelle und dauernde Heilung nicht ausschliee.
Trotzdem waren die Wundrzte noch jahrzehntelang von der Vorstellung
beherrscht, da die in die Bauchhhle eintretende Luft als die Ursache
der in ihr sich abspielenden Entzndungs- und Eiterungsvorgnge
anzusehen sei. Diese Vorstellung kam erst zu Fall, als _Georg Wegner_
auf dem V. Kongre von 1876 die Ergebnisse einer ausgezeichneten
Versuchsreihe an Tieren besprach, aus der hervorging, da man die
Bauchhhle von Kaninchen bis zur trommelartigen Auftreibung in
wochen-und monatelang fortgesetzter Wiederholung mit atmosphrischer
Luft fllen knne, ohne die Tiere dadurch an Leben und Gesundheit zu
gefhrden. Zugleich wies er nach, da die Hauptgefahr bei stundenlanger
Erffnung des Bauchraumes in der starken Wrmestrahlung der vom
Bauchfelle berzogenen Krperteile, in der sehr erheblichen Herabsetzung
der Krperwrme zu suchen sei. Auch machte er auf die unheilvolle
Bedeutung von Flssigkeitsansammlungen in der Bauchhhle bei deren
operativer Erffnung, sowie auf die heilsame Wirkung einer frhzeitigen
Ableitung solcher Ergsse aufmerksam. _Wegners_ Arbeit ist fr die
Chirurgie der Bauchhhle ein bedeutungsvoller Markstein geworden; denn
wenn auch angelschsische Frauenrzte schon 15 Jahre zuvor begonnen
hatten, die Gefahren der Abkhlung durch Erwrmung der Operationszimmer
und entsprechende Bekleidung der Kranken, die Flssigkeitsansammlungen
im Bauche durch Einrichtung einer Ableitung nach der Scheide hin zu
bekmpfen, so hat doch erst _Wegner_ die wissenschaftliche Grundlage fr
jene Verfahren geschaffen, die seit 1878 durch den Aufschwung der
Bakteriologie verstrkt und befestigt wurden.

Die Entwicklung der Bauchchirurgie drngt sich in wenige Jahrzehnte
zusammen; ihre geschichtliche bersicht drfte daher am klarsten werden,
wenn man sie nicht chronologisch, sondern topographisch betrachtet.

Zu den am frhesten in Angriff genommenen Organen der Bauchhhle gehrt
die _Milz_. Whrend man sich aber in frheren Zeiten bis zum 16.
Jahrhundert zurck mit der Ausrottung des durch eine Wunde vorgefallenen
Organs begngte, war der Rostocker Wundarzt _Quittenbaum_ der erste, der
im Jahre 1826 die erkrankte Milz in der Bauchhhle aufzusuchen wagte.
Ihm folgte 1855 _Kchler_ in Darmstadt; doch verliefen beide Flle
unglcklich. Die erste glcklich verlaufene Milzausrottung gelang in
demselben Jahre dem Amerikaner _Volney-Dorsay_, dem _Pan_ im Jahre 1867
eine zweite Heilung hinzufgte. Die antiseptische Wundbehandlung hat die
Zahlen glcklicher Heilung auerordentlich vermehrt, zugleich aber die
Anzeigen fr die Operation klarer zu stellen und damit deren Sicherheit
ungemein zu erhhen erlaubt.

Die _Chirurgie der Leber_ hat schon mit der Operation der in diesem
Organe besonders hufigen Ansiedlungen des Hlsenwurms, von dem auf
S. 79 die Rede gewesen ist, ihren Anfang genommen. Seitdem hat auch
dieser Zweig der operativen Bettigung eine wesentliche Ausbreitung
gewonnen, die aber mit den Erkrankungen der Gallenwege und ihrer
Bekmpfung eng verknpft ist.

Die _Chirurgie der Gallenblase und der Gallengnge_ nimmt ihren Ausgang
von der ersten erfolgreichen Ausrottung einer steinhaltigen Gallenblase,
welche _Karl Langenbuch_, Leiter des Berliner Lazaruskrankenhauses, am
15. Juli 1882 unternahm. Die Versuche freilich mit der erkrankten
Gallenblase sich abzufinden, sind wesentlich lter; doch wagte man vor
dem Eingriffe nur an dem mit der Bauchwand verwachsenen oder zur
Verwachsung gebrachten Hohlorgane und auch nur in Form der einfachen
Erffnung zur Entleerung der Steine. Den ersten planmigen Angriff auf
die verwachsene Blase machte schon der Franzose _Jean Louis Petit_ in
der ersten Hlfte des 18. Jahrhunderts; die erste erfolgreiche
zweizeitige Operation zur Anlegung einer Gallenblasenfistel wurde,
bereits unter dem Schutze der Antisepsis, von _Franz Knig_ in Gttingen
1882 ausgefhrt. Aber erst _Langenbuchs_ Operation gab den Ansto zu
einem bisher ungeahnten Aufschwunge chirurgischer Behandlung des so
beraus hufigen und gefhrlichen Leidens, der freilich in stetem Kampfe
mit den meisten Vertretern der inneren Medizin zustande kam. Seitdem ist
die chirurgische Literatur ber Erkrankungen der Gallenwege ungemein
reichhaltig geworden. Die Geschichte der in Betracht kommenden
Operationen wurde insbesondere durch _Courvoisier_ in Basel gefrdert,
der als erster _Langenbuchs_ Operation nachmachte. Unter der fast
erdrckenden Zahl von Schriften, welche die Lehre von den
Gallensteinerkrankungen und deren zweckmigste Bekmpfung gefrdert
haben, mgen nur die Arbeiten von _Werner Krte_ in Berlin und von
_Kehr_ in Halberstadt, spter in Berlin, als besonders umfassend und
belehrend hervorgehoben werden.

Unter den Organen der Bauchhhle, welche erst durch die antiseptische
Behandlung dem wundrztlichen Messer zugnglich gemacht worden sind, ist
zunchst die _Bauchspeicheldrse_ zu nennen. Von einer Chirurgie des
Pankreas kann erst seit 1883 gesprochen werden, als _Karl Gussenbauer_,
damals in Prag, auf dem XII. Kongre seinen schnen Vortrag: Zur
operativen Behandlung der Pankreaszysten gehalten hatte. Mit groem
Eifer wurde auch dies neue Gebiet sofort in Angriff genommen. Indessen
blieb man bei der Behandlung der Zysten, welche als hufigste
chirurgische Erkrankung in erster Linie die Aufmerksamkeit auf sich
gezogen hatten, keineswegs stehen; vielmehr erfuhren Anatomie und
Physiologie, sowie die gesamte Pathologie des tief verborgenen und doch
so wichtigen Organes sehr erhebliche Frderungen. Als deren
bedeutungsvollste sind seine Beziehungen zur Zuckerruhr und zur
Fettgewebsnekrose anzusehen. In seinem im Jahre 1898 erschienenen und
bisher unbertroffenen Werke: Die chirurgischen Erkrankungen und
Verletzungen des Pankreas fate _Werner Krte_ den damaligen Stand der
Dinge zusammen, der seitdem wohl kleine Verschiebungen und Erweiterungen
erfahren hat, aber doch auch heute noch als magebend angesehen werden
mu.

Zu dem zweifellos wichtigsten Abschnitte der Chirurgie der Bauchhhle
haben sich, schon wegen ihrer auerordentlichen Hufigkeit, die
_Erkrankungen des Magendarmkanals_ entwickelt. Allerdings hatten auch in
vorantiseptischer Zeit die so hufigen Brucheinklemmungen, groe
Fremdkrper im Magen, Verwundungen durch Stich und Schu, ausnahmsweise
auch Neubildungen, die Wundrzte zur Erffnung der Bauchhhle gezwungen,
ohne da, mit Ausnahme der Lehre von den Brchen, es zu festen
Grundstzen fr die Behandlung des Verdauungskanals gekommen wre.

Der besseren bersicht wegen beginnen wir die Besprechung vom Magen an
nach abwrts, obwohl hierbei nicht immer die geschichtliche Reihenfolge
gewahrt werden kann.

Den Ansto zur Entwicklung der neueren Magendarmchirurgie gab der
geistvolle und ideenreiche Pfarrerssohn der Ostseeinsel Rgen, _Theodor
Billroth_, der auf seiner wissenschaftlichen Wanderung vom Meer zum
Gebirge das letzte Drittel seines fruchtbaren Lebens in dem von
Waldbergen umkrnzten herrlichen Wien zubrachte. _Billroth_, der Mann
mit dem vornehmen Kopfe, aus dem kluge und zugleich unendlich gtige
Augen hervorleuchteten, ist wohl als der glanzvollste Vertreter
deutscher Chirurgie in der neueren Medizin anzusehen; denn obwohl er der
_Lister_schen Wundbehandlung jahrelang Widerstand leistete, so war er
doch spter einer ihrer besten Frderer. Und mit ihrer Hilfe wute er
auf allen Gebieten der Wundarzneikunst dem Reichtum seiner Ideen in
einer Weise Geltung zu verschaffen, in der er weder vorher noch nachher
von einem seiner Fachgenossen erreicht worden ist. In Wien hatte er eine
Schar von Schlern um sich gesammelt, die mit feurigem Eifer und
ausgezeichnetem Verstndnis sich den umfassenden Gedanken ihres Meisters
anzupassen und deren Umsetzung in chirurgische Taten vorzubereiten
wute. So schuf er eine Schule, aus der eine erhebliche Zahl
hervorragender Chirurgen Deutschlands und sterreichs hervorgegangen
ist. Zwei derselben, _Karl Gussenbauer_ und _Alexander v. Winiwarter_,
legten durch eine im Februar 1874 begonnene und unter dem Titel: Die
partielle Magenresektion im Jahre 1876 verffentlichte experimentelle
Studie den Grundstein des Gebudes, welches, zunchst zur Bekmpfung des
Magenkrebses errichtet, inzwischen zu einer grozgigen Magenchirurgie
erweitert worden ist. Genannte Tierversuche erfuhren sofort eine
Ergnzung in _Vinzenz Czernys_ Heidelberger Klinik, dessen Assistent
F. _Kaiser_ mit Erfolg die vollkommene Ausrottung des Hundemagens
unternahm. Daraufhin machten _Pan_ in Paris, 1879, und _Rydygier_ im
westpreuischen Kulm im gleichen Jahre die ersten Resektionen am
menschlichen Magen, die indessen beide unglcklich verliefen. Da trat
_Billroth_ selber auf den Plan. Am 29. Januar 1881 fhrte er die erste
erfolgreiche Magenresektion am lebenden Menschen aus, der freilich bald
zwei Mierfolge sich anreihten, wie _Mikulicz_ auf dem X.
Chirurgenkongre berichten konnte. Aber der Beweis der Mglichkeit einer
Heilung war geliefert und fortan gab es kein Halten mehr auf dem einmal
betretenen Wege. Bald wurde die Operation Gemeingut aller Fachchirurgen;
und wenn auch ihre Endergebnisse, entsprechend der verderblichen Natur
der Krankheit, gegen welche sie sich richtete, noch nicht in jeder
Hinsicht befriedigend sind, so steht doch die Tatsache der Heilbarkeit
eines so entsetzlichen Leidens durch chirurgische Hilfe nunmehr
unerschtterlich fest. Der Ausbau des Verfahrens hat niemals einen
Stillstand erlebt; selbst die Ausrottung des ganzen Magens ist mit
vollem Erfolge versucht und zu Ende gefhrt worden. Unter den
zahlreichen Methoden aber, welche zur Bekmpfung der verschiedensten
Magenleiden erdacht sind, hat sich die operative Verbindung zwischen
Magen und Darm, die Gastroenterostomie, zu einem wenig gefhrlichen, bei
Krebs hinhaltenden, bei nicht krebsigen Erkrankungen meist zu dauernder
Heilung fhrenden Eingriffe emporgearbeitet.

Lange vor diesem Aufblhen einer Magenchirurgie und nahezu 40 Jahre vor
der ersten praktischen Verwertung der _Lister_schen Wundbehandlung hatte
sich chirurgische Khnheit bereits an die operative Behandlung der
Darmkrebse herangewagt. Im Jahre 1833 machte _Reybard_ in Lyon die
erste, von Erfolg gekrnte _Dickdarmresektion_, deren Beschreibung erst
1844 der Pariser Acadmie de Mdecine eingesandt wurde, unter
gleichzeitiger Beifgung der Beschreibung von Darmresektionen bei
Tieren. Der geheilte Kranke war 10 Monate spter an der Wiederkehr
seines krebsigen Grundleidens gestorben. Trotz der vorlufigen Heilung
hat aber _Reybards_ khnes Vorgehen zunchst keine Nachahmung gefunden;
denn die schlimmen Zustnde in den Krankenrumen damaliger Zeit, wie sie
auf S. 15 und 16 geschildert worden sind, stempelten das Unternehmen zu
einem so khnen Wagnis, da selbst der berzeugteste Wundarzt einer
solchen Gefahr sich und seinen Kranken auszusetzen sich scheuen mute.
Hat doch _Reybard_ selber seine erfolgreiche Operation nicht wiederholt;
sie ist daher fast unbekannt geblieben, hat auch auf die sptere
Entwicklung der Dinge keinen Einflu ausgebt.

Der neue Ansto ging wiederum von der _Billroth_schen Schule aus. Die
oben erwhnte, auf Tierversuche gesttzte Studie ber Magenresektion
hatte noch nicht praktische Verwertung gefunden, als _Karl Gussenbauer_,
der willensstarke, kluge und gelehrte Sohn des oberkrntnerischen
Hochgebirges, damals Professor in Lttich, sich im Dezember 1877, ohne
Kenntnis der _Reybard_schen Operation, zu einer bertragung seiner
Versuche auf einen Fall von Dickdarmkrebs entschlo. Die erste, unter
antiseptischen Vorsichtsmaregeln unternommene Dickdarmresektion endete
zwar schon nach 15 Stunden mit einer schnell verlaufenden
Bauchfellsepsis; aber dennoch gab sie der Darmchirurgie einen mchtigen
Antrieb. Die bis dahin nur selten und widerwillig gemachte Erffnung des
absteigenden Dickdarmes wegen Verschlusses in den noch tiefer gelegenen
Darmabschnitten wurde schnell auch auf den Dnndarm bertragen
(v. _Langenbeck_, 1878), die Darmresektionen auch zur Beseitigung
brandiger Darmstcke nach Einklemmungen benutzt (_Ernst Kster_, 1878),
die Ausschneidung und Naht von Dnndarmstcken zur Heilung des
widernatrlichen Afters, mittels der von _Max Schede_ im gleichen Jahre
benutzten Methode der zeitweiligen Lagerung der genhten Darmschlingen
auerhalb des Bauches, einem hohen Grade von Sicherheit zugefhrt. Ganz
erheblich wurde diese aber noch erhht durch _Vinzenz Czernys_
doppelreihige Darmnaht von 1880, die seitdem die beherrschende Methode
fr alle Darmoperationen geblieben ist; ferner durch _Karl Gussenbauers_
Achternaht und die von _Otto Madelung_, 1881, vorgeschlagenen
Verbesserungen. Erst an diese hat sich die Methode der Ausschaltung von
Darmteilen ohne Ausschneidung geknpft, welche die Umgehung verengerter
Darmabschnitte durch Herstellung von Nebenleitungen gestattet. Alles das
hat die Sicherheit der Technik auch nach der Richtung hin entwickelt und
erhht, da der Wundarzt, welcher die Bauchhhle ffnet, selbst
unerwarteten Befunden gegenber stets gewappnet ist. So sind die
Knickungen, Achsendrehungen, Einstlpungen und inneren Einklemmungen des
Darmes nicht nur in ihren pathologischen Verhltnissen ganz erheblich
geklrt und in ihrer Erkenntnis gefrdert worden, sondern auch ihre
chirurgische Bekmpfung ist bis zu einem hohen Grade der Vollkommenheit
gediehen.

Die auerhalb des Bauchfells gelegenen unteren Abschnitte des
Darmkanals waren schon seit _Lisfranc_, 1830, einer erfolgreichen
Behandlungsmethode zugefhrt worden. Dagegen blieben die oberen Teile
des Mastdarmes und des S Romanum, sowie die unteren Teile des
absteigenden Dickdarmes noch nach Einfhrung der antiseptischen
Behandlung lngere Jahre fast unantastbar. In _Paul Kraskes_
(Freiburg i. B.) Operationsmethode hochsitzender Mastdarmkrebse
vermittels Wegnahme der unteren Abschnitte des Kreuzbeins vom Jahre 1885
wurde aber ein Verfahren geschaffen, in dessen weiterer Ausbildung nicht
nur der ganze Mastdarm, sondern auch die darber gelegenen Darmteile dem
chirurgischen Messer zugngig gemacht worden sind, zuweilen freilich
erst nach gleichzeitiger Erffnung der Bauchhhle von der Vorderseite
her. So ist denn der Darm in seiner ganzen Lnge ein Feld fr
chirurgische Eingriffe aller Art geworden. --

Eine besondere Bercksichtigung erfordern zwei Krankheiten des
Darmkanals, weil die von ihnen erzeugte Operationswelle im Laufe der
letzten Jahrzehnte alle anderen an Zahl berflutet und zeitweilig etwas
beiseite gesplt hat: die Operationen am Wurmfortsatze und an den freien
Brchen.

Die Entzndung am Wurmfortsatze, die _Epityphlitis_, wie wir sie im
Gegensatze zu der hlichen amerikanischen, aber durch unsere
Hauptschriftsteller leider auch in die deutsche Literatur eingefhrten
Wortbildung Appendicitis nennen, ist in ihrer verhngnisvollen
Bedeutung fr den Bauchraum erst vor kaum 30 Jahren vollstndig erkannt
worden. Bis dahin hatte weder die pathologische Anatomie, noch die
innere Medizin, deren Vertreter bis gegen Ende der achtziger Jahre fast
ausschlielich die Behandlung leiteten, die Frage wesentlich gefrdert;
erst mit dem vollen Eintreten der antiseptischen und aseptischen
Chirurgie ist sie nicht nur nach der pathologisch-anatomischen, sondern
auch nach der Seite der Behandlung in dem Mae geklrt worden, da
gegenwrtig die Abtragung des Wurmfortsatzes zu den hufigsten
Operationen eines beschftigten Chirurgen gehrt, von denen manche schon
ber eine Erfahrung von vielen Tausenden von Eingriffen verfgen knnen.

Die schon im Altertum bekannte Krankheit wurde durch _Morgagni_ und
_Boerhave_ auf eine Kotstauung im Dickdarme bezogen und deshalb
allgemein als Typhlitis stercoralis bezeichnet. Der Heidelberger
Professor der inneren Medizin _Puchelt_ fhrte im Jahre 1829 den Namen
Perityphlitis ein, der seitdem neben der Typhlitis stercoralis in
Gebrauch kam; letztere, als Name fr eine bestimmte pathologische
Vorstellung, ist im wesentlichen erst durch _Sahli_, den Direktor der
inneren Klinik in Bern, im Jahre 1895 zu Fall gebracht worden. -- Die
Chirurgen haben sich, natrlich langsam und zgernd, erst im achten
Jahrzehnt unter dem Schutze der Antisepsis wenigstens an die Erffnung
der in der Leistengrube entstehenden Eiteransammlungen herangewagt,
dabei gelegentlich auch einen durchgebrochenen Kotstein ausgezogen.
Trotzdem rckte die Entwicklung der Frage nur sehr langsam voran. Einen
neuen Ansto gaben die Vortrge, welche _Johann Mikulicz_, damals in
Krakau, bei Gelegenheit der Naturforscherversammlung zu Magdeburg (1885)
und in demselben Jahre _Rudolf Ulrich Krnlein_ in Zrich ber die
Erffnung des Bauches bei eitrigen Bauchfellentzndungen hielten. Damit
war der weitere Schritt, die Aufsuchung und Abtragung des erkrankten
Wurmfortsatzes, aufs beste vorbereitet. Es ist nicht mehr mit Sicherheit
festzustellen, ob _Krnlein_ recht hat, wenn er sich die erste, mit
Bewutsein und berlegung ausgefhrte Operation dieser Art zuschreibt;
aber sicher ist, da verschiedene Wundrzte unabhngig voneinander zu
dem gleichen Ergebnis gekommen sind. Das Hauptverdienst gebhrt indessen
unzweifelhaft _Eduard Sonnenburg_ in Berlin, der seit der zweiten Hlfte
des neunten Jahrzehntes khn und bewut diesem Ziele zusteuerte und der
im Jahre 1894 die erste zusammenfassende Arbeit ber den Gegenstand
erscheinen lie. Seitdem ist eine nahezu erdrckende Literatur ber
Epityphlitis und ihre operative Behandlung entstanden, die von _Otto
Sprengel_ in Braunschweig 1906 in einer inhaltsvollen, kritischen und an
eigenen Erfahrungen reichen Arbeit, freilich unter dem leidigen Titel
Appendicitis, zusammengefat worden ist. Um die Jahrhundertwende herum
widerhallten die Mauern des alten Langenbeckhauses immer von neuem von
erregten Errterungen ber den gleichen Gegenstand; unter den
Wortfhrern mgen, auer den schon Genannten, noch _Hermann Kmmell_
(Hamburg), _Theodor Kocher_ (Bern) und der franzsische Schweizer _Roux_
(Lausanne) genannt werden, abgesehen von den zahllosen Mnnern, die
gleichfalls ihr mehr oder weniger erhebliches Scherflein zur Klrung der
Frage beigetragen haben und unter denen auch andere Vlker, Franzosen,
Angelsachsen, Skandinavier usw., reichlich vertreten sind. Als Ergebnis
all des heien Bemhens sind folgende zwei Grundstze festgestellt
worden: 1. die akuten, zur Eiterung neigenden Erkrankungen sollen
rechtzeitig, d. h. so frh wie mglich der Operation unterzogen werden;
2. die chronischen, milde verlaufenden Flle knnen zunchst abwartend
behandelt, mssen aber bei Wiederholung der Symptome ebenfalls, am
besten im entzndungs- und schmerzfreien Intervall, operiert werden.

Damit ist die Behandlung der Epityphlitis im wesentlichen in die Hnde
des Wundarztes gelegt worden. Die Operation wird heutigentags ber die
ganze Erde hinweg alljhrlich in vielen Tausenden von Fllen mit dem
besten Erfolge gebt; sie gehrt schon ihrer Zahl nach zu den
wichtigsten Eroberungen der neueren Chirurgie.

Hatten wir es bei der Epityphlitis mit einer Erkrankung zu tun, zu deren
Bekmpfung das chirurgische Messer erst vor einer kurzen Zeitspanne
seine Wirksamkeit entfaltet hat, so geht die operative Behandlung der
_freien Brche_ bereits weit in das Altertum zurck; denn schon zur Zeit
der klassischen Hchstblte griechischer Medizin scheint es
handwerksmig gebildete und zu einer Krperschaft zusammengeschlossene
Bruchschneider gegeben zu haben. Herumziehende Schneideknstler machten
whrend des ganzen Mittelalters Stdte und Drfer, zumal die Mrkte und
Messen unsicher; da dabei aber keinerlei Frderung auch nur der
grbsten pathologisch-anatomischen Anschauungen herauskam, beweist schon
die noch heute bliche Bezeichnung der Krankheit als Bruch (Ruptura), da
man sie bis auf _Matthus Gottfried Purmann_ gegen Ende des 17.
Jahrhunderts durch Zerreiung des Bauchfells entstehen lie. Die
pathologische Anatomie und das Studium der Bruchpforten sind erst seit
den Arbeiten des Franzosen _Jules Cloquet_ 1819 zu ihrem Rechte
gekommen, unter den Deutschen insbesondere durch _Wilhelm Roser_ sehr
gefrdert worden, hauptschlich allerdings immer nur im Hinblick auf
eingeklemmte Brche, whrend man die freien Brche seit Erfindung der
Bruchbnder nicht mehr anzugreifen wagte. Indessen begannen neue
Bestrebungen in der Richtung der sogenannten Radikalheilung schon in
vorantiseptischer Zeit, in Deutschland mit _Franz Christoph
v. Rothmund_ in Mnchen um 1843, die aber erst durch _Otto Risel_ in
Breslau im Jahre 1871 mit dem gleichzeitigen Aufkommen der _Lister_schen
Wundbehandlung eine nachhaltige Frderung erhielten. Bald darauf
operierte auch v. _Nubaum_ (Mnchen) in der Art, da er den befreiten
Bruchsack unterband und abschnitt. Weitere Frderungen brachte _Vinzenz
Czerny_ von 1877 an, der durch seine innere Naht bei angeborenen
Leistenbrchen einen neuen Grundsatz in die Operation einfhrte. In der
Deutschen Gesellschaft fr Chirurgie wurde der Gegenstand zuerst auf dem
Kongre von 1879 durch _August Socin_ in Basel besprochen; er betonte
die Notwendigkeit, auch eingeklemmte Brche radikal zu operieren, was
brigens von anderen Chirurgen schon mehrfach geschehen war.
Bemerkenswert ist die uerung des damaligen Vorsitzenden _Bernhard
v. Langenbeck_, da er an die Auffindung einer sicheren Methode zur
dauernden Beseitigung eines Bruchleidens nicht zu glauben vermge.

Darin hat sich der Altmeister deutscher Chirurgie glcklicherweise
getuscht. Von Jahr zu Jahr sind seitdem die endgltigen Ergebnisse
besser und die Methoden sind so zahlreich geworden, da auch die
schwierigsten Bruchformen noch eine Heilung erhoffen lassen. Wenn unter
letzteren hier und da noch Mierfolge unterlaufen, so sind dafr die
Brche mit engerem Bruchhalse der dauernden Heilung fast mit voller
Sicherheit zufhrbar; und ein Mierfolg bedeutet heute um so weniger,
als die Ungefhrlichkeit des Eingriffes immer wieder neue und bessere
Versuche zult. So ist die Radikaloperation der Brche ein beraus
hufiges Verfahren geworden und die lstigen Bruchbnder, einst eine
Haupteinnahmequelle fr die Hndler, sind, wenn auch noch nicht gerade
im Verschwinden begriffen, doch unendlich viel seltener geworden. --

                     *       *       *       *       *

Auch die _Chirurgie der Brusthhle_ mit ihrem Inhalte, insbesondere
ihren drei sersen Hhlen, hat seit 40 Jahren einen gewaltigen Aufstieg
genommen. Herz und Herzbeutel sind bereits besprochen worden; es
erbrigt also nur, der Wandlungen in der Behandlung des Brustfells und
der Lunge mit einigen Worten zu gedenken.

Unter den Erkrankungen der Brusthhle hat am frhesten die Entzndung
des Brustfells, zumal deren eitrige Form, das Empyem, chirurgische Hilfe
herausgefordert. Indessen ist die in der _Hippokratischen_ Schrift: De
morbis genau beschriebene blutige Erffnung der Eiteransammlung mittels
des Messers spterhin gnzlich vergessen gewesen. Erst der kluge und
vielseitige Schwabe _Wilhelm Roser_ in Marburg hat die Operation in Form
der Resektion einer Rippe im Jahre 1859 empfohlen und im Jahr 1865 zum
erstenmal am lebenden Menschen ausgefhrt. Seitdem ist der Eingriff auch
von anderen Chirurgen wiederholt gemacht worden. Einen bescheidenen
Anteil an der Weiterentwicklung glaubt auch der _Verfasser_ in Anspruch
nehmen zu drfen, da er bei der seit 1873 von ihm gebten Operation
nicht nur den neuen Grundsatz der systematischen Aufsuchung des tiefsten
Punktes der eiternden Hhle zur Anwendung brachte, sondern auch fr den
Eingriff auf das wrmste zu einer Zeit sich einlegte, als die Vertreter
der inneren Medizin sich noch vollkommen ablehnend verhielten. Mit
Bewutsein hat er auch zuerst Empyeme auf tuberkulser Grundlage
operativ angegriffen. Die spteren Methoden von _Franz Knig_, _Wilhelm
Baum_ und anderen Chirurgen befolgen genannten Grundsatz nicht, ntigen
daher den Kranken zu langer Rckenlage. Auch das Verfahren der Resektion
mehrerer Rippen zur Heilung alter Empyeme und Brustfisteln, welches von
dem Schweden _Estlander_ in Helsingfors 1879 verffentlicht wurde, ist
von _Ernst Kster_ schon 1877 beschrieben, spterhin von _Max Schede_ in
besonders khner Weise ausgebaut worden. Der Grundsatz einer
frhzeitigen und zweckmigen Erffnung der Brusthhle hat
glcklicherweise solche Zustnde selten gemacht.

Das Verfahren der Rippenresektion erzielte auch bei
Hlsenwurmerkrankungen des Brustfells und der Lunge, selbst des oberen
Leberumfanges, ausgezeichnete Ergebnisse.

Die eigentliche Lungenchirurgie aber hat erst durch zwei Erfindungen
einen hohen Aufschwung genommen, welche das Zusammenfallen der Lunge
nach Erffnung des Brustfellraumes verhindern und daher das ungestrte
Weiteratmen erlauben. Auf dem Chirurgenkongre von 1904 verffentlichte
_Sauerbruch_, damals Assistent an der Klinik _Johann v. Mikulicz_' in
Breslau, seine Studien ber ber- und Unterdruck an den Atemorganen und
zeigte zugleich seine pneumatische Kammer vor, in welcher der Kranke
unter der Wirkung eines Unterdruckes operiert werden konnte. Im Anschlu
daran fhrte _Brauer_ (Marburg) einen fr den Wundarzt wesentlich
bequemeren Apparat vor, der die Lungen des zu operierenden Kranken unter
berdruck setzte. Beide Methoden haben sich als brauchbar erwiesen, und
mit ihrer Hilfe ist es gelungen eine der wesentlichsten Gefahren bei
Eingriffen am Brustkorbe, das Zusammenfallen einer oder gar beider
Lungen nach Erffnung des gesunden Brustfells, auszuschalten. Seitdem
sind Verwundungen und Erkrankungen des Herzens und der von ihm
ausgehenden groen Gefe, groe Geschwlste am Brustkorbe, deren
Beseitigung nicht ohne Erffnung des Brustfellraumes geschehen kann,
Lungenabszesse, Neubildungen und Hlsenwrmer der Lunge, selbst die auf
einen Lappen oder gar die auf einen Lungenflgel beschrnkte Tuberkulose
(_Friedrich_) mit immer steigendem Erfolge operativen Eingriffen
unterzogen worden. Auch die von _Vinzenz Czerny_ auf Grund
vorausgeschickter Tierversuche im Jahre 1877 zuerst mit glcklichem
Erfolge am Menschen gebte Resektion der Speiserhre erhielt damit einen
neuen Ansto zu befriedigender Entwicklung, die heutigentags durch khne
plastische Operationen an der Speiserhre (v. _Hacker_) eine besondere
Frderung erfahren hat. --

                     *       *       *       *       *

Die wechselseitigen Beziehungen zwischen innerer Medizin und Chirurgie,
die sich seit dem Beginne der _Lister_schen Wundbehandlung angebahnt und
nach beiden Seiten zu groartigen Erfolgen gefhrt hatten, zeigen sich
im glnzendsten Lichte in der Entwicklung der Krankheiten des
Zentralnervensystems, wie des Nervensystems berhaupt. Sie haben erst
den Aufbau einer _Nervenchirurgie_ mglich gemacht, die an Khnheit und
Groartigkeit der Leistungen alle anderen Zweige der neueren Chirurgie
mindestens erreicht, sie vielfach sogar bertrifft.

Von einer _Chirurgie des Schdelinneren_, insbesondere des _Gehirns_,
kann, abgesehen von den so hufigen Kopfverletzungen, bei denen der
Wundarzt auch dem Gehirn nher zu treten gezwungen war, bis zum Anfange
des neunten Jahrzehnts des 19. Jahrhunderts kaum gesprochen werden.
Immerhin hatte aber die antiseptische Wundbehandlung die Wirkung gehabt,
da die uralte Operation der Trepanation, im Laufe der Jahrhunderte
zeitweilig bertrieben, dann wieder fast vergessen oder wenigstens mit
berechtigtem Mitrauen angesehen, von neuem aufgenommen wurde und bald
genug ihre Schrecken vollkommen verlor. Die unbegrenzte Zugngigkeit zum
Gehirn wurde aber erst im Jahre 1889 geschaffen, als der hochbegabte
Hesse _Wilhelm Wagner_, damals Chirurg in Knigshtte (Oberschlesien),
seine temporre Resektion des Schdeldaches verffentlichte. Sie war
durch Versuche an Tieren, wie sie lange zuvor _Julius Wolff_ in Berlin
anstellte, vorbereitet worden, ohne da _Wagner_ davon Kenntnis hatte.

Der erste Ansto zur Erweiterung der Gehirnchirurgie erfolgte aber schon
frher und zwar von medizinischer Seite. _Fritsch_ und _Hitzig_ schufen
im Jahre 1870 die Lokalisationslehre der Hirnrinde und im Anschlu an
sie errterte _Karl Wernicke_, damals Privatdozent fr Neuropathologie
in Berlin, 1881 zum erstenmal die Mglichkeit, eine Neubildung des
Gehirns durch operativen Eingriff zu beseitigen. Die erste
Verwirklichung dieses Gedankens aber geschah durch die Englnder
_Bennet_ und _Godlee_ (1885), allerdings mit unglcklichem Ausgange. Mit
besserem Erfolge nahm _Victor Horsley_ in London die Operation wieder
auf und wute ihr in kurzer Zeit allgemeine Anerkennung zu verschaffen.
In Deutschland war zwar der Aufschwung etwas langsamer, entwickelte sich
aber unter _Hugo Oppenheims_ Gehirnforschungen und _Ernst
v. Bergmanns_ tatkrftigem Eintreten fr die Gehirnchirurgie schon im
letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts zu hoher Blte. In neuester Zeit
ist sie am nachhaltigsten durch _Fedor Krause_ gefrdert worden, der in
seiner Chirurgie des Gehirns und Rckenmarks, sowie in seinem
Lehrbuche der chirurgischen Operationen 1914 eine ausgezeichnete
Darstellung der chirurgischen Gehirnerkrankungen und der durch sie ntig
werdenden Eingriffe am Gehirn gegeben hat. Er ist auch der Schpfer
einer zuverlssigen Methode zur Ausrottung des _Gasser_schen
Nervenknotens bei schweren Neuralgien im Gebiete des Nervus trigeminus
geworden. _Lothar Heidenhains_ Umstechungsmethode der Kopfhaut hat, in
Verbindung mit H. _Brauns_ Suprarenin, den Blutverlust bei Schdel- und
Gehirnoperationen wirksam zu beschrnken gewut. Unter den besten
Frderern der Gehirnchirurgie mssen aber auch R. U. _Krnlein_ in
Zrich und _Theodor Kocher_ in Bern genannt werden.

Etwas spter erfolgte die Entwicklung der _Chirurgie des Rckenmarkes_.
Auch hier kam der erste Ansto von einem inneren Mediziner, indem _Ernst
Leyden_, damals in Straburg, schon im Jahre 1874 die am Rckenmarke
auftretenden Geschwlste den Chirurgen zu berweisen empfahl. Der erste
Wundarzt, welcher auf den Plan trat, war wiederum der Englnder
_Horsley_, der im Vereine mit _Gowers_ im Jahre 1887 die erste
erfolgreiche Ausrottung einer das Rckenmark beengenden Geschwulst der
harten Rckenmarkshaut unternahm. Die hierzu ntige Voroperation, die
Resektion einiger Wirbelbgen oder die Laminektomie, wie sie mit einem
erbrmlich gebildeten Worte bezeichnet zu werden pflegt, gab auch fr
andere Krankheiten im Bereiche der Wirbelsule und ihres Inhaltes dem
Chirurgen eine wirksame Waffe in die Hand, mit der er in immer
steigendem Mae Erfolge zu erzielen verstanden hat.

Frher als mit dem Zentralnervensysteme hat sich die Chirurgie mit den
Erkrankungen der peripheren Nerven abgegeben. Indessen neben den
erwhnten Grotaten erscheinen die Arbeiten in diesem Gebiete doch nur
als Kleinwerk, obwohl auch hier mancher fruchtbare Gedanke in die Tat
umgesetzt worden ist.

                     *       *       *       *       *

Zu den chirurgischen Grotaten der letzten Jahrzehnte ist auch der
Ausbau der Pathologie und Behandlung der _Schild-_ und _Thymusdrse_ zu
rechnen, um so mehr, als bei ihnen die Kenntnis der Physiologie dieser
Organe ursprnglich fast vollkommen versagte. Die Chirurgie hat hier die
doppelte Aufgabe bernommen, nicht nur diese Lcke auszufllen, sondern
auch die an jenen Drsen ohne Ausfhrungsgang auftretenden Erkrankungen
mehr oder weniger unschdlich zu machen; sie ist in erstgenannter
Aufgabe von Physiologen und inneren Medizinern aufs krftigste
untersttzt worden.

Unter dem Namen Kropf, Struma, hat man schon seit dem Altertum sehr
verschiedenartige Schwellungen der Schilddrse zusammengefat, die teils
durch Druck auf die Luftrhre Gesundheit und Leben gefhrden, teils das
uere des Trgers als unangenehmer Schnheitsfehler beeintrchtigen.
Beide Grnde haben bereits im 18. Jahrhundert das Messer des Chirurgen
in Bewegung gesetzt; allein infolge der kaum zu beherrschenden Blutung
wirkten doch diese Operationen so abschreckend, da sie fast hundert
Jahre lang nicht mehr vorgenommen worden sind. Erst _Rudolf Virchows_
ausgezeichnete Besprechung der pathologischen Anatomie der
Schilddrsengeschwlste vom Jahre 1863 (Krankhafte Geschwlste, III) hat
den Chirurgen wieder Mut gemacht, sich mit der Behandlung der Krpfe
abzugeben, zunchst freilich nur mit Operationen, wie Erffnung
oberflchlich gelegener Zysten, Jodeinspritzungen in die Geschwulst,
Gefunterbindungen, welche heute als berwunden zu betrachten sind.
Dafr hat man sich mit der Einfhrung der Antisepsis im achten Jahrzehnt
an die Ausrottung der ganzen, oder eines Teiles der Drse, oder
einzelner Knoten herangemacht; und mit der damit herbeigefhrten
Gelegenheit zu Untersuchungen frischer Krpfe wuchs auch die bessere
Kenntnis der physiologischen und pathologischen Vorgnge. _Anton
Wlfler_, damals Assistent an _Billroths_ Klinik in Wien, frderte seit
1878 die Kenntnis vom Bau und der Entwicklung der Schilddrse und
stellte ein System der in der Drse vorkommenden Geschwulstbildungen
auf, welches im wesentlichen noch heute unseren Kenntnissen als
Grundlage dient. Ein anderer Schler _Billroths_, _Anton_ Freiherr
v. _Eiselsberg_, hat sich in neuester Zeit ganz besonders um die
Physiologie und Pathologie der Schilddrse verdient gemacht. Die
Hauptergebnisse der von allen Seiten in Angriff genommenen Forschungen
sind folgende: die Kenntnis der Ausfallserscheinungen bei Verlust der
ganzen Schilddrse (Cachexia strumipriva) nach J. _Reverdin_ in Genf und
_Theodor Kocher_ in Bern; die damit in Zusammenhang stehende Jod- und
Organotherapie; die Kenntnis der Nebenkrpfe und der Nebenschilddrsen,
sowie der mit ihrem Ausfall verknpften Tetanie; die Aufklrung der
physiologischen Bedeutung der Drse, sowie des Myxdems und des
Kretinismus; endlich die bessere Kenntnis der Entstehungsursachen der
Krankheit. In letztgenannter Beziehung bleibt allerdings noch am meisten
zu wnschen brig. -- Inzwischen hat auch die Technik eine so vollkommene
Entwicklung erfahren, da die Kropfoperationen nahezu ungefhrlich
geworden sind und einen beraus hufig gebten Eingriff darstellen.

Die Fortschritte auf dem Gebiete der Schilddrsenerkrankungen knpfen
sich, auer den schon genannten, an die Namen: _Albert Lcke_
(Straburg), _Edmund Rose_ (Berlin) und _August Socin_ (Basel). Aber
auch zahlreiche andere Schriftsteller haben hchst dankenswerte
Anregungen gegeben.

Der von dem Merseburger Arzte _Karl v. Basedow_ im Jahre 1840
beschriebene Symptomenkomplex, in welchem die Vernderungen der
Schilddrse eine groe, wahrscheinlich die entscheidende Rolle spielen,
ist im Jahre 1880 zuerst durch den Pariser Chirurgen _Tillaux_ der
operativen Chirurgie gewonnen worden. _Ludwig Rehn_ in Frankfurt war der
erste deutsche Chirurg, der ber Heilungen auf operativem Wege zu
berichten wute; weitere Frderungen brachten _Johann v. Mikulicz_,
_Theodor Kocher_, R. U. _Krnlein_, _Friedrich Trendelenburg_ u. a. Die
Behandlung der _Basedow_schen Krankheit ist vorerst noch ein Grenzgebiet
geblieben; doch neigen sich die Ansichten mehr und mehr dahin, die
teilweise Ausschlung der Schilddrse wenigstens in allen solchen Fllen
als das zuverlssigste Verfahren zu betrachten, in welchen eine andere
Behandlung versagt hat. Weitere Fortschritte sind erst nach vlliger
Aufklrung der Schilddrsenfunktion zu erwarten.

Noch eine andere Drse, die mit der Schilddrse in einem bestimmten
Zusammenhang zu stehen scheint, deren Erkrankung man neuerdings sogar
die Hauptveranlassung zu den _Basedow_schen Erscheinungen beilegen
mchte, die _Thymusdrse_, ist 1906 durch _Ludwig Rehn_ behufs Heilung
der durch ihre Vergrerung veranlaten Verengung der Luftrhre
chirurgischen Eingriffen zugefhrt worden.

Auch hat sich an einer dritten, bisher in gnzlicher Verborgenheit
lebenden Drse eine _Chirurgie der Hypophysis cerebri_ entwickelt,
seitdem _Otto Madelung_ auf dem Kongre von 1904 zum erstenmal die
allgemeine Fettleibigkeit, wahrscheinlich auch den Riesenwuchs
(Akromegalie) auf Verletzungen und Vernderungen jenes Organes
zurckzufhren vermochte. Die inzwischen aus den verschiedensten
Veranlassungen vorgenommenen Operationen nhern sich bereits der Zahl
100; eine sehr brauchbare Methode zur operativen Freilegung der Drse
hat _Schloffer_ angegeben.




                           _Sechster Abschnitt._

         Entwicklung der chirurgischen Literatur in Deutschland.




                               Kapitel XIV.


Das Bild, welches wir in den beiden vorangehenden Abschnitten von dem
Stande der Chirurgie in den letzten 50 Jahren zu entwerfen versucht
haben, wrde unvollstndig bleiben, wenn es nicht durch eine Besprechung
der in dieser Zeit sich entwickelnden _rein chirurgischen Literatur_
seine Vervollstndigung fnde. Denn wie jede schnell aufblhende
Wissenschaft teils als Verstndigungsmittel, teils als Speicher der
erworbenen Kenntnisse eine Literatur braucht, so hatte auch die uralte
Chirurgie in dem Jungbrunnen der antiseptischen Wundbehandlung sich eine
solche geschaffen, die in Flle und Reichhaltigkeit des Inhaltes alle
bisherigen Leistungen weit berstrahlte. Wenn diese Erscheinung auch in
kurzen Abstnden nacheinander in allen Kulturlndern der Erde zu
beobachten ist, so beschrnken wir uns, entsprechend dem Plane des
Buches, doch ganz auf eine bersicht ber die Entwicklung der
chirurgischen Schriften in Deutschland.

An _Hand-_ und _Lehrbchern_ der Wundarznei war Deutschland auch in der
vorantiseptischen Zeit, zumal seit _August Gottlieb Richters_
grundlegendem Werke, aus den Jahren 1789-1804 nicht eben arm gewesen.
Die Lehrbcher aus der ersten Hlfte des 19. Jahrhunderts nehmen
zuweilen die Form eines Handwrterbuches fr Chirurgie und
Augenheilkunde an, wie das von _Joh. Nepomuk Rust_ 1830-1836, von
_Ernst Blasius_ 1836-1838 und ein drittes von _Walther_, _Jger_ und
_Radius_ aus den Jahren 1836-1840. Daneben aber erschienen nicht wenige
Einzelbearbeitungen der Chirurgie, unter deren Verfassern die Namen
_Konrad Martin Langenbeck_, 1822, _Max Joseph Chelius_, 1822, _Philipp
v. Walther_, 1843, und insbesondere _Wilhelm Roser_, 1844, _Ludwig
Stromeyer_, 1844, und _Adolf Wernher_, 1846, hervorzuheben sind; nach
1850 _Viktor v. Bruns_, 1854, _Wilhelm Busch_, 1857, und endlich
_Adolf Bardeleben_ mit seiner ursprnglichen bersetzung von _Vidals_
Chirurgie (seit 1852), welche in 7. Auflage bei selbstndiger
Bearbeitung ausschlielich unter _Bardelebens_ Namen ging. Die nach 1860
erscheinenden Lehrbcher stehen mehr oder weniger bereits unter dem
Einflusse der antiseptischen Wundbehandlung; unter ihnen ragt am meisten
hervor _Franz Knigs_ Spezielle Chirurgie, die einen groen Einflu
ausgebt hat und mehrfache Auflagen erlebte. Vortrefflich ist auch
_Erich Lexers_ Lehrbuch der allgemeinen Chirurgie, die bereits in 6
Auflagen erschienen ist.

Neben diesen zusammenfassenden Werken einzelner wurde durch _Theodor
Billroth_, der auch literarisch sein Leben lang unermdlich ttig
gewesen ist, eine neue Form der Verffentlichungen ins Leben gerufen,
die man als Sammellehrbcher bezeichnen kann. Sie waren notwendig
geworden, weil das gewaltige Anschwellen des chirurgischen Knnens und
Wissens es dem einzelnen Schriftsteller immer schwerer machte, das ganze
Gebiet der klinischen Chirurgie wissenschaftlich und praktisch
gleichmig zu beherrschen; es mute daher eine Aufteilung des Stoffes
an mehr oder weniger zahlreiche Mitarbeiter vorgenommen werden. Als das
erste Beispiel dieser Literatur in Deutschland erschien in den Jahren
1865 bis 1882 das von v. _Pitha_ und _Billroth_ herausgegebene Lehrbuch
der allgemeinen und speziellen Chirurgie. Indessen zeigte sich sehr bald
als bedenklicher Nachteil dieses Verfahrens der Umstand, da die
zahlreichen Mitarbeiter mit sehr verschiedener Schnelligkeit arbeiteten,
die einzelnen Abschnitte daher ganz unregelmig erschienen und die
fleiigsten und frhesten Arbeiten oft schon berholt und veraltet
waren, ehe das Sammelwerk noch seinen Abschlu gefunden hatte. So
geschah es bereits bei diesem ersten Versuche, dessen Beendigung
_Billroth_ nicht abzuwarten die Geduld besa; denn schon im Jahre 1879
erschien das erste Heft eines neuen Unternehmens, welches er in
Verbindung mit _Albert Lcke_ unter dem Namen: Deutsche Chirurgie
begrndete. Dies Werk schleppt sich nun bereits 35 Jahre hin, ohne da
der Zeitpunkt der Beendigung auch nur mit einiger Sicherheit bersehen
werden knnte. Die beiden ersten Herausgeber sind gestorben; an ihre
Stelle traten _Ernst v. Bergmann_ und _Paul v. Bruns_; und nachdem
auch der Erstgenannte aus dem Leben geschieden ist, fhrt _Bruns_ die
Schriftleitung allein weiter. Auch die Mitarbeiter haben vielfach
gewechselt, immer neue Teilungen des riesenhaften Stoffes haben sich als
notwendig erwiesen und dennoch kann das Werk nur langsam vorankommen, da
jeder neue Mitarbeiter sich erst einzuleben gentigt ist. So
unerfreulich dieser Zustand auch sein mag, so scheint er doch bei einem
derartig angelegten Unternehmen auf dem Gebiete einer schnell sich
entwickelnden Wissenschaft fast unvermeidlich zu sein; und ungeachtet
dieser Mngel ist die Deutsche Chirurgie ein stolzes Denkmal deutschen
Wissens und deutscher Gewissenhaftigkeit geworden.

Ein solcher Stand der Dinge mute unfehlbar zu neuen Unternehmungen
reizen, bei deren Anlage man die Fehler der lteren Werke zu vermeiden
suchte. So erschien unter der Leitung von v. _Bergmann_, v. _Bruns_ und
v. _Mikulicz_ in den Jahren 1898-1901 ein vierbndiges Handbuch der
praktischen Chirurgie, welches 1903 bereits eine 2. Auflage bentigte.
Die krzere und mglichst zusammengedrngte Fassung, bei strengster
Bercksichtigung alles Wissenswerten, hatte den Mitarbeitern eine
rechtzeitige Ablieferung der bernommenen Artikel mglich gemacht. Es
ist das fhrende Handbuch der Chirurgie geworden und eben in 4. Auflage
in 5 Bnden erschienen. -- Ein weiterer Versuch zur Vereinfachung und zu
schneller Ablieferung ist die von _Th. Kocher_ und _Quervain_ in den
Jahren 1902/03 herausgegebene Enzyklopdie der gesamten Chirurgie.

Neben diesen mehr oder weniger umfangreichen Sammelwerken ber
allgemeine und spezielle Chirurgie, den Krankenhausberichten, sowie den
der Operationslehre gewidmeten Schriften steht eine schier
unbersehbare Menge von Einzelschriften aller Art, teils umfassenderen
Arbeiten ber besondere Gebiete, die sich nicht in den Rahmen einer
Sammelchirurgie eingeordnet haben, teils kleineren oder greren
Artikeln, die in den Zeitschriften ihren Unterschlupf fanden. Bis zum
Jahre 1860 gab es aber im ganzen Gebiete der deutschen Sprache so
auerordentlich wenige ausschlielich chirurgische _Zeitschriften_, da
die meisten kleineren Aufstze in den gewhnlichen Wochenschriften
erschienen, die unterschiedslos allen medizinischen Fchern gerecht zu
werden sich bemhten. So konnte es geschehen, da die wichtigsten
chirurgischen Arbeiten ber eine grere Zahl von Zeitschriften sich
verstreuten, was deren Verbreitung in chirurgischen Kreisen nicht wenig
im Wege stand. Um diesem Zustande ein Ende zu machen und der deutschen
Chirurgie einen Sammel- und Treffpunkt zu bereiten, grndete _Bernhard
Langenbeck_ im Jahre 1861 das Archiv fr klinische Chirurgie, dessen
Hauptleitung _Ernst Gurlt_ bernahm; unter dem gelufigeren Namen
Langenbecks Archiv hat es in der Tat lange Jahre eine Art von
Sprechsaal fr die deutsche Chirurgie gebildet und hat heute unter einer
Schriftleitung, deren Hauptarbeit _Werner Krte_ leistet, den
hundertsten Band lngst berschritten. Allein den wachsenden
Bedrfnissen gengte auch diese Einrichtung bald nicht mehr, da zumal
die jngeren Chirurgen nicht ohne Grund die Klage erhoben, da wegen
Platzmangels die Verffentlichung der von ihnen eingesandten Arbeiten
ungebhrlich lange hinausgeschoben wrde. So konnten denn im Jahre 1872
_Karl Hter_ und _Albert Lcke_ mit einem neuen Organe, der Deutschen
Zeitschrift fr Chirurgie dem lteren Archiv einen Wettbewerb bereiten.
Und da trotzdem nach einem Jahrzehnt die gleichen Klagen laut wurden, so
konnte P. _Bruns_ in den Beitrgen zur klinischen Chirurgie im Jahre
1884 noch ein drittes Archiv grnden, welches in kurzer Zeit zahlreichen
Kliniken und Krankenhusern zu ihren Verffentlichungen diente und zu
hoher Blte gelangte.

Zu diesen Sammelorganen kommen die Verffentlichungen aus
chirurgisch-wissenschaftlichen Gesellschaften. Unter diesen steht die
Deutsche Gesellschaft fr Chirurgie weitaus im Vordergrunde; ihre
gedruckten Verhandlungen liefern alljhrlich einen Band, der allmhlich
zu erheblichem Umfange angeschwollen ist und dessen Inhalt uns die
Entwicklung der deutschen Chirurgie fast wie in einem Museum geordnet
vor Augen fhrt. Dazu kommen die Verhandlungen der Freien Vereinigung
der Chirurgen Berlins, die, seit 1888 bestehend, vor drei Jahren den
Namen: Berliner chirurgische Gesellschaft angenommen hat. -- Auch die
Deutsche Rntgengesellschaft, die Deutsche Gesellschaft fr Urologie und
manche andere Vereinigungen geben besondere Sitzungsberichte heraus, da
auch die sonderwissenschaftlichen Zeitschriften die Flle des Stoffes
nicht zu bewltigen imstande sind.

Und doch hat die Chirurgie durch Grndung besonderer Vereine fr
Nebengebiete mit den dazu gehrigen Zeitschriften eine ganz erhebliche
Entlastung erfahren. Weit vorangegangen war die Augenheilkunde, bald
auch die Ohrenheilkunde, die schon 1864 ein eigenes Archiv schuf, 1867
eine Monatsschrift hinzufgte. In hnlicher fruchtbarer Weise ist die
Sache in allen Sonderwissenschaften verlaufen, welche durch die
antiseptische Wundbehandlung einen mchtigen und nachhaltigen Antrieb
zur Weiterentwicklung erfahren hatten.

Als eine Erscheinung eigener Art sind die von _Richard v. Volkmann_
seit dem Jahre 1869 begrndeten Klinischen Vortrge anzusehen, in
welchen das Ziel verfolgt wurde, den Fortschritten auf allen Gebieten
der klinischen Medizin durch fortlaufende Verffentlichungen von
Vortrgen, wie sie dem jeweils neuesten Stande der Wissenschaft
entsprechend in Kliniken und Vereinen gehalten waren, oder wenigstens
sich der Form nach ihnen angliederten, Rechnung zu tragen. Der
chirurgische Teil des Unternehmens wird noch heute von _Otto Hildebrand_
geleitet.

hnlichen Gedankengngen pat sich die von P. v. _Bruns_ 1912 begrndete
Neue deutsche Chirurgie an, von der diese Arbeit einen Teil bildet.
Sie ist als Fortsetzung der Deutschen Chirurgie gedacht und erscheint
als eine zwanglose Sammlung von Einzelschriften, die allen Fortschritten
unserer Wissenschaft Rechnung tragen sollen und die mit der Zeit eine
wertvolle Fachbibliothek in sorgfltiger Auswahl und Bearbeitung werden
drfte. --

Eine etwas schwerflssige und doch beraus wichtige Quelle der Belehrung
bilden die klinischen Berichte aus Kliniken und Krankenhusern. In deren
lterer Form teilte der Berichterstatter nur mit, was ihm in seinen
Erfahrungen besonders wichtig erschien, unter Auslassung alles dessen,
was den Glanz seiner Ttigkeit zu verdunkeln geeignet war. Diese mehr
oder weniger schn gefrbten Mitteilungen erfuhren durch _Theodor
Billroths_ rcksichtslose Wahrheitsliebe eine grundstzliche
Vernderung, indem er in den seit 1860 herausgegebenen Berichten ber
seine Kliniken in Zrich und spter in Wien nicht nur das sogenannte
Interessante besprach, dessen Begrenzung von jedem Leser in anderer Form
vorgenommen wird, sondern einfach alles erwhnte, was er beobachtet
hatte. Nur so war es mglich, einen klaren berblick nicht allein ber
seine eigene Ttigkeit, sondern auch ber die anderer Chirurgen zu
gewinnen; und da es feststeht, da eigene und fremde Fehler am meisten
belehren, so hat _Billroths_ Vorgehen eine nicht hoch genug zu
schtzende Sule der chirurgischen Ethik geschaffen. Er fand bald
Nachfolger, und heutigentags ist die Methode der unbedingten
Wahrhaftigkeit so weit entwickelt, da ein Berichterstatter es nur unter
schweren Gefahren fr Ruf und Ehre wagen drfte, von ihren Grundstzen
abzuweichen. -- Fr das Studium von Einzelfragen bilden solche Berichte
eine unschtzbare Grundlage.

Aus diesem Anschwellen der Literatur, welches einer geistigen
bererzeugung zuweilen bedenklich nahe kam, entwickelte sich nun ein
neuer Literaturzweig mit der Aufgabe, die zerstreuten Arbeiten auf den
einzelnen medizinischen Gebieten zu sammeln, zu ordnen und in Form einer
kurzen, aber alles Wesentliche wiedergebenden Inhaltsangabe dem Leser
darzubieten. Auf dem Gesamtgebiete der Medizin hatten _Canstatts_
Jahresberichte bereits 25 Jahre lang dem Bedrfnis wissenschaftlich
arbeitender rzte Rechnung zu tragen gesucht, als sie im Jahre 1866
durch die von _Rudolf Virchow_ und _August Hirsch_ herausgegebenen
Jahresberichte ber die Leistungen und Fortschritte in der gesamten
Medizin ersetzt wurden. Aber fr die auf Sondergebieten Belehrung
suchenden Mnner waren solche bersichten auf der einen Seite zu
umfassend, da sie das Auffinden bestimmter Arbeiten und die Erkenntnis
ihres Zusammenhanges mit anderen hnlichen erschwerten, auf der anderen
Seite zu eng, da sie inhaltlich viel zu wenig boten.

Aus dem unabweislichen Bedrfnis heraus, dem Chirurgen seine
literarischen Arbeiten zu erleichtern, schufen daher L. _Lesser_ in
Berlin, M. _Schede_ in Halle und H. _Tillmanns_ in Leipzig, unter dem
Rate und der ttigen Beihilfe _Richard v. Volkmanns_, im Jahre 1874
das Zentralblatt fr Chirurgie, dessen allwchentlich erscheinende Hefte
nicht nur mehr oder weniger schnelle Berichte ber die chirurgische
Weltliteratur, sondern auch gewhnlich kurze Uraufstze und sogar
ffentliche Anfragen brachten. So ausgezeichnet sich das Unternehmen
bewhrt hat, so ist es doch im Jahre 1913 durch ein unter stndiger
Aufsicht der Deutschen Gesellschaft fr Chirurgie stehendes Zentralblatt
fr die gesamte Chirurgie und ihre Grenzgebiete, dessen Schriftleitung
L. _Franz_ bernommen hat, nicht ersetzt, aber doch ergnzt worden. Das
neue Blatt strebt nicht nur eine Vollstndigkeit der Berichte aus der
gesamten Weltliteratur, sondern auch deren denkbar schnellstes
Erscheinen an.

Wie einst das Archiv fr klinische Chirurgie, so hat auch das
Zentralblatt fr Chirurgie schnelle Nachahmung gefunden. Alle
Nebenfcher der Wundarzneikunst, sogar die Grenzgebiete zwischen Medizin
und Chirurgie haben ihr eigenes Zentralblatt erhalten, so da eine
eigene Literatur der Zentralbltter zustande gekommen ist. Daneben
entwickelten sich noch weiterhin auf engere Gebiete beschrnkte
Jahresberichte, entweder ber die ganze Chirurgie sich erstreckend, wie
_Otto Hildebrands_ seit 1895 erscheinender Jahresbericht der Chirurgie,
oder zusammenfassende engere Berichte, wie die der Krankheiten des
Urogenitalapparates seit 1906.

Das lebhafte Interesse, welches sich in diesen zahlreichen Grndungen
und deren Gedeihen bekundet, hat die Arbeiten auf allen Gebieten der
Chirurgie wesentlich erleichtert. Aber es ist nicht zu verkennen, da
diese Massenhaftigkeit der literarischen Neuschpfungen doch auch ihre
bedenkliche Seite hat. Die Anlegung einer chirurgischen Privatbcherei,
welche alle wesentlichen Erscheinungen der neueren Literatur umfat, ist
jetzt vom Gesichtspunkte des Raumes und der Kosten schon fast unmglich
geworden, selbst fr einen Chirurgen mit eigenem Hause und groen
Mitteln. Damit leidet aber die stille Gelehrtenstube frherer Zeiten;
und der wundrztliche Schriftsteller, welcher ffentliche Bchereien in
grerem Umfange zu benutzen gezwungen ist, verliert auch noch den
letzten Rest der fr die Sammlung der Gedanken so ntigen beschaulichen
Ruhe, den ihm sein immer unruhiger und aufregender werdender Beruf eben
noch gelassen hatte.

Trotz dieser etwas schwermtigen Betrachtung bietet auch das
literarische Schaffen auf chirurgischem Gebiete in seiner Rhrigkeit und
seiner berquellenden Fruchtbarkeit ein beraus erfreuliches Bild dar.




                              Schluwort.


Wir sind am Schlu unserer Darlegungen angelangt. Aber es ist kein
geschichtlicher Abschlu, kein Wendepunkt, an welchem eine umschriebene
Periode zu Ende geht, eine neue in Sicht steht, oder soeben begonnen
hat; denn _Listers_ System einer chemischen Wundbehandlung, fr welche
die Anfnge der Keimlehre die Grundlage darboten, ist zwar von Grund aus
umgendert und verbessert, aber doch nicht als vollendet und fortan
unabnderlich anzusehen. Dazu sind weitere neue Gedanken und
wissenschaftliche Erfindungen gekommen, deren Tragweite fr das Gebiet
der Wundarzneikunde noch keineswegs schon nach allen Beziehungen hin
feststeht. Demgem sehen wir in der deutschen Chirurgie berall eine
angespannte Arbeit, ein eifriges Streben, einen nie ermdenden Flei.
Das sind keine Zeichen eines Niederganges, sondern der klarste Beweis,
da die jetzt lebenden Chirurgen das Erbe ihrer Vorgnger gut verwalten,
da sie dem gleichen Boden, auf welchem jene ttig waren, im Schweie
ihres Angesichtes immer reichere Ertrge zu entlocken sich bemhen. Noch
ist fast alles im Flu; wohin aber die stolze Bewegung in weiteren 50
Jahren gefhrt haben wird, vermag heute niemand auch nur zu ahnen.
Immerhin drfen wir die Hoffnung hegen, da der Weg weiter aufwrts
fhrt, selbst wenn unser Vaterland schweren Prfungen entgegengehen
sollte, denen mit Ruhe und Entschlossenheit zu begegnen das deutsche
Volk auch in der hohen Entwicklung seiner Chirurgie eine nicht zu
verachtende Waffe, besitzt.




                             Namenverzeichnis.


                                   =A.=

  Abbott 68.
  Ahlfeld 45.
  Albert 42.
  Annandale 28.
  Arusakagewehr 64.
  Augusta, Kaiserin 46. 47. 48. 65.
  Auguste Viktoria, Kaiserin 48.


                                   =B.=

  Bardeleben, v. 1. 38. 39. 49. 56. 101.
  Bardenheuer 45.
  Barth, Arthur 87.
  Bartscher 9.
  Basedow, v. 100.
  Baum, Wilhelm 97.
  Behring, v. 14. 77.
  Bennet 98.
  Bergmann, v. 11. 35. 37. 45. 46. 48. 49. 54. 68. 71. 72. 73. 75. 84. 98.
     102.
  Bier 57. 59. 76. 89.
  Billroth 3. 10. 11. 19. 34. 41. 45. 55. 70. 85. 92. 93. 99. 102. 104.
  Blasius 101.
  Boerhave 94.
  Bollinger 78.
  Bornhaupt 64.
  Boyer 16.
  Bramann, v. 85.
  Brauer 97.
  Braun, Heinrich (Zwickau) 55. 56. 57. 98.
  Bremser 79.
  Brodeur 87.
  Bruns, Paul v. 42. 43. 54. 64. 85. 102. 103. 104.
  -- Viktor v. 1. 32. 40. 85. 101.
  Bnger 82.
  Burow 9.
  Busch, Friedrich 4. 10.
  -- Wilhelm 63. 101.


                                   =C.=

  Cagniard-Latour 19.
  Canstatt 104.
  Carstens 58.
  Casper 87.
  Chassaignac 12.
  Chassepotgewehr 64.
  Chauliac, Guy de 52.
  Chelius 101.
  Chevreuil 20. 26.
  Chrysmar 86.
  Civiale 87.
  Cloquet 96.
  Cohnheim 61.
  Colbatch 21.
  Courvoisier 91.
  Cred 43. 68.
  Czermak 85.
  Czerny, Vinzenz v. 85. 92. 93. 96. 97.


                                   =D.=

  Davy, Humphry 53.
  Dclat 22.
  Delpech 13.
  Dieffenbach 28. 53. 81. 82.
  Dcker, v. 7.
  Doutrelepont 70.
  Dreysegewehr 64.
  Ducrey 78.
  Dumreicher, v. 54.
  Dunant 65.


                                   =E.=

  Edison 87.
  Ehrlich 78. 80.
  Eiselsberg, Frh. v. 74. 84. 99.
  Elliot 21.
  Esmarch, v. 42. 58. 67. 88.
  Esse 6.
  Estlander 97.


                                   =F.=

  Fabry, Wilhelm 88.
  Fehleisen 15. 37.
  Flourens 53.
  Franz 105.
  Freund, Wilh. Al. 86.
  Friedlnder 69.
  Friedrich 97.
  Friedrich Leopold v. Preuen 49.
  Fritsch 98.
  Frbringer 45.


                                   =G.=

  Gaffky 36.
  Galenus 72.
  Gasser 98.
  Gay-Lussac 19.
  Gerlach, v. 34.
  Godlee 98.
  Grcke 63.
  Goler, v. 75.
  Gowers 99.
  Grfe, Albrecht v. 84.
  -- Karl Ferd. v. 28. 81.
  Graser 14.
  Grimm 63.
  Gruithuisen 87.
  Gurlt 32. 54. 103.
  Gussenbauer 61. 85. 92. 93.
  Guyon 87.


                                   =H.=

  Haase 65.
  Hacker, v. 97.
  Hser XV. 2.
  Hagedorn 38. 42.
  Hahn 85. 87.
  Hansemann, v. 80.
  Hansen 78.
  Heath 87.
  Hebra 18.
  Heidenhain 80. 98.
  Heine 85.
  Heller 79.
  Helmholtz 20.
  Henle 1. 19. 20. 33.
  Henry 41.
  Hildebrand 104. 105.
  Hippokrates 14. 72.
  Hirsch 104.
  Hittorf 59.
  Hitzig 98.
  Hoffa 89.
  Hoffmann 78.
  Honigmann 55.
  Honsell 43.
  Horsley 98. 99,
  Hter 12. 34. 38. 69. 103.
  Hyrtl 1. 2.


                                   =I.=

  Israel 4. 39. 87.


                                   =J.=

  Jackson 53.
  Jger 101.
  Jenner 76.
  Jonnescu 57.


                                   =K.=

  Kaiser 92.
  Kappeler 54.
  Karg 74.
  Kehr 91.
  Kern, v. 9. 28.
  Killian 86.
  Kimball 86.
  Kitasato 77.
  Kiwisch 18.
  Klebs 34. 77.
  Klose 12.
  Knesebeck, v. d. 49.
  Koch, Robert 34. 35. 36. 41. 44. 70. 71. 72. 73. 74. 75. 76.
  Kocher 64. 95. 98. 100. 102.
  Kberl 86.
  Knig, Franz 37. 41. 70. 73. 75. 76. 82. 91. 97. 101.
  Krte 51. 55. 91. 103.
  Kster 69.
  Kolbe 39.
  Koller 56.
  Kraske 94.
  Krause 83. 98.
  Krefting 78,
  Krnlein 9. 95. 98. 100.
  Kchenmeister 22. 79.
  Kchler 90.
  Kmmell 42. 95.
  Kster 39. 41. 42. 57. 64. 74. 83. 84. 87. 89. 93. 97.
  Kttner 68.


                                   =L.=

  Langenbeck, Bernhard v. 3. 4. 28. 31. 46. 47. 48. 49. 60. 66. 67. 78. 82.
     83. 89. 93. 96. 103.
  -- Konrad Martin 1. 60. 61. 101.
  Langenbuch 91.
  Lauenstein 74.
  Le Dentu 87.
  Le Fort 89.
  Lemaire 22.
  Lesser 38. 105.
  Leuckart 79.
  Lexer 101.
  Leyden 98.
  Liebig 53.
  Liebreich 76.
  Lisfranc 94.
  Lister 10. 17. 18. 20. 21. 22. 23. 24. 25. 26. 27. 28. 29. 30. 33. 34.
     36. 38. 39. 40. 41. 43. 44. 52. 70. 81. 86. 87. 88. 90. 92. 93. 96.
     97. 106.
  Lffler 36. 77.
  Long 53.
  Lorenz 89.
  Lcke 100. 102. 103.
  Luise, Groherzogin von Baden 46.


                                   =M.=

  MacDowell 86.
  Mackenzie 85.
  Madelung 29. 33. 39. 79. 93. 100.
  Maggi 88.
  Malgaigne 4.
  Mannlichergewehr 64.
  Marchand 61. 62.
  Martens 14.
  Martini 35.
  Metschnikow 61.
  Michaelis 5.
  Mikulicz, v. 41. 45. 54. 57. 89. 92. 95. 97. 100. 102.
  Morgagni 94.
  Morris 87.
  Morton 53.
  Mosengeil, v. 39.
  Mosetig v. Moorhof 41. 70.
  Mller, W. (Rostock) 82.


                                   =N.=

  Ngeli 35.
  Neier 78.
  Neuber 42. 55.
  Nicoladoni 82.
  Nicolaier 14. 77.
  Nightingale, Mi 6.
  Nitze 87.
  Nubaum, v. 38. 96.


                                   =O.=

  Oberst 57.
  ttingen, v. 66. 68.
  Ogston 37.
  Ollier 89.
  Oppenheim 98.


                                   =P.=

  Pallas 79.
  Par 17. 88.
  Parker 55.
  Pasteur 20. 21. 26. 37.
  Pan 86. 90.
  Perthes 45.
  Petersen 58.
  Petit 91.
  Phelps 43.
  Pirogoff 4. 8. 19. 53. 62. 66. 89.
  Pitha, v. 102.
  Pravaz 70.
  Priestley 53.
  Pringle 4.
  Puchelt 94.
  Purmann 95.


                                   =Q.=

  Quervain 102.
  Quincke 57.
  Quittenbaum 90.


                                   =R.=

  Radius 101.
  Ranke 39.
  Recklinghausen, v. 34.
  Reger 64.
  Rehn 84. 100.
  Reil 6.
  Remak 2.
  Reverdin, Jaques 82. 100.
  Reybard 93.
  Reyher 39. 68.
  Ribbert 80.
  Richardson 40. 56.
  Richter, A. G. 28. 84. 101.
  Rindfleisch 34.
  Rinne 71.
  Riolan 84.
  Risel 96.
  Rntgen 59. 60. 68.
  Rokitansky 2. 18.
  Rose 9. 82. 89. 100.
  Rosenbach 12. 37.
  Roser 19. 96. 101.
  Rothmund, v. 96.
  Roux 95.
  Rust 101.
  Rydygier 92.


                                   =S.=

  Sahli 94.
  Salzwedel 43.
  Sauerbruch 97.
  Scanzoni 18,
  Schdel 64.
  Schfer 66.
  Schaudinn 78.
  Schede 39. 41. 42. 74. 93. 97. 105.
  Schimmelbusch 45. 74.
  Schjerning, v. 63. 65. 68.
  Schleich 55. 56.
  Schleiden 2.
  Schliep 47.
  Schloffer 43. 100.
  Schmidt, E. 49.
  Schmiedeberg 11.
  Schnborn 38, 39.
  Schrder 42. 86.
  Schller 76.
  Schuh 53.
  Schultz 20.
  Schultze, A. W. 30. 38.
  Schwann 2. 19. 20. 33.
  Schwartze, H. 84.
  Semmelweis 18. 19. 44.
  Seyfert 19.
  Simon 31. 54. 87.
  Simpson 21. 53. 54.
  Sims, Marion 86.
  Skoda 18.
  Socin 96. 100.
  Sonnenburg 95.
  Soubeiran 53.
  Spence 28.
  Spieker 49.
  Sprengel 95.
  Stromeyer 101.
  Sudeck 55.
  Syme 21.


                                   =T.=

  Thamhayn 21. 22.
  Thiersch 35. 38. 39. 49. 61. 73. 82.
  Thle 68.
  Tillaux 100.
  Tillmanns 105.
  Treitschke, v. 6.
  Trendelenburg 32. 42. 58. 83. 100.
  Trltsch, Freiherr v. 84.
  Trck 85.


                                   =U.=

  Unna 78.


                                   =V.=

  Vesalius, Andreas 1.
  Vezin 9.
  Vidal 101.
  Virchow 2. 3. 4. 12. 19. 51. 73. 99. 104.
  Volkmann, v. 9. 21. 27. 30. 31. 32. 33. 38. 39. 44. 73. 104. 105.
  Volney-Dorsay 90.
  Vo 68.


                                   =W.=

  Wagner, Paul 87.
  -- Wilhelm 98.
  Wahl 64.
  Waldeyer 34.
  Walther, v. 101.
  Warren 53.
  Watson 28.
  Weber, Otto 19.
  Wegner, Georg 90.
  Weiger 55.
  Wells, Horace 53.
  -- Spencer 86.
  Wernher 101.
  Wernicke, Erich 77.
  -- Karl 98.
  Werth 42.
  White 89.
  Wilhelm II., Deutscher Kaiser 48.
  Winiwarter, v. 92.
  Wladimirow 89.
  Wlfler 99.
  Wolfe 83.
  Wolff, Julius 85. 98.


                                   =Z.=

  Zge-Manteuffel, v. 45. 83.

                     *       *       *       *       *

                =Verlag von _FERDINAND ENKE_ in Stuttgart.=

                     *       *       *       *       *

  =bersicht der Geschichte der Chirurgie und des chirurgischen Standes.=

                                   Von

                         =Prof. Dr. H. _HAESER_.=

                       Lex. 8. 1879. geh. M. 1.20.

                    (Deutsche Chirurgie, Lieferung 1.)

                     *       *       *       *       *

=Baas=, Prof. Dr. J. H., =Leitfaden der Geschichte der Medizin.= Mit
Bildnissen in Holzschnitt und Faksimiles von Autographen. Lex. 8. 1880.
geh. M. 3.60.

=Baas=, Prof. Dr. J. H., =William Harvey=, der Entdecker des
Blutkreislaufes und dessen anatomisch-experimentelle Studie ber die
Herz- und Blutbewegung bei den Tieren. Kulturhist.-med. Abhandlung zur
Feier des dreihundertjhrigen Gedenktages der Geburt Harveys (1. April
1578). Mit Harveys Bildnis, Faksimile und den Abbildungen des Originals
in Lithographie. Lex. 8. 1878. geh. M. 5.20.

=Bauer=, Hofrat Prof. Dr. A., =Naturhistorisch-biographische Essays.=
Mit 3 Tafelabbildungen, gr. 8. 1911. geh. M. 3.80.

=Brning=, Privatdoz. Dr. H., =Geschichte der Methodik der knstlichen
Suglingsernhrung.= Nach medizin-, kultur- und kunstgeschichtlichen
Studien zusammenfassend bearbeitet. Mit 78 Textabbildungen. Lex. 8.
1908. geh. M. 6.--; in Leinw. geb. M. 7.20.

=Dragendorff=, Prof. Dr. G., =Die Heilpflanzen der verschiedenen Vlker
und Zeiten.= Ein Handbuch fr Aerzte, Apotheker, Botaniker und
Droguisten. Lex. 8. 1898. geh. M. 22.--; in Halbfranz geb. M. 24.50.

=Ebstein=, Geheimrat Prof. Dr. W., =Charlatanerie und Kurpfuscher= im
Deutschen Reiche. Lex. 8. 1905. geh. M. 2.--

=Ebstein=, Geheimrat Prof. Dr. W., =Die Gicht des Chemikers Jacob
Berzelius und anderer hervorragender Mnner.= Mit 1 Abbildung. Lex. 8.
1904. geh. M. 2.40.

=Ebstein=, Geheimrat Prof. Dr. W., =Die Krankheiten im Feldzuge gegen
Ruland (1812).= Eine geschichtlich-medizinische Studie mit 1 Krtchen.
Lex. 8. 1902. geh. M. 2.40.

=Ebstein=, Geheimrat Prof. Dr. W., =Leben und Streben in der inneren
Medizin.= Klinische Vorlesung, gehalten am 9. November 1899. Lex. 8.
1899. geh M. 1.--

=Ebstein=, Geheimrat Prof. Dr. W., =Dr. Martin Luthers Krankheiten und
deren Einflu auf seinen krperlichen und geistigen Zustand.= Lex. 8.
1908. geb. M. 2.--

=Ebstein=, Geheimrat Prof. Dr. W., =Die Medizin im alten Testament.=
gr. 8. 1900. geh. M. 5.--

=Ebstein=, Geheimrat Prof. Dr. W., =Die Medizin im neuen Testament und
im Talmud.= gr. 8. 1903. geh. M. 8.--

=Ebstein=, Geheimrat Prof. Dr. W., =Die Pest des Thukydides.= (Die
Attische Seuche.) Eine geschichtlich-medizinische Studie. Mit
1 Krtchen. Lex. 8. 1899. geh. M. 2.--

=Ebstein=, Geheimrat Prof. Dr. W., =Rudolf Virchow als Arzt.= Lex. 8.
1903. geh. M. 2.40.

=Fasbender=, Prof. Dr. H., =Entwickelungslehre, Geburtshlfe und
Gynkologie in den Hippokratischen Schriften.= Eine kritische Studie.
gr. 8. 1895. geh. M. 10.--

=Fossel=, Prof. Dr. V., =Studien zur Geschichte der Medizin.= Lex. 8.
1909. geh. M. 6.--

=Greeff=, Prof. Dr. R., =Rembrandts Darstellungen der Tobiasheilung.=
Nebst Beitrgen zur Geschichte des Starstichs. Mit 14 Tafeln und
9 Textabbildungen. Lex. 8. 1907. geh. M. 6.--

=Hirsch=, Prof. Dr. A., =Handbuch der historisch-geographischen
Pathologie. Zweite, vollstndig neue Bearbeitung.= Drei Abteilungen.

    I. Abt.: Die allgem. akuten Infektionskrankheiten. Lex. 8. 1881. geh.
             M. 12.--

   II. Abt.: Die chronischen Infektions- und Intoxikationskrankheiten.
             Parasitre Krankheiten, infektise Wundkrankheiten und
             chronische Ernhrungs-Anomalien. Lex. 8. 1883. geh. M. 12.--

  III. Abt.: Die Organkrankheiten. Nebst einem Register ber die drei
             Abteilungen. Lex. 8. 1886. geh. M. 14.--

=Politzer=, Prof. Dr. A., =Geschichte der Ohrenheilkunde.= _Zwei Bnde_.

  Band I: Von den ersten Anfngen bis zur Mitte des neunzehnten
  Jahrhunderts. Mit 31 Bildnissen auf Tafeln und 19 Textfiguren. Lex. 8.
  1907. geh. M. 20.--; in Leinw. geb. M. 22.--

  Band II: Von 1850-1911. Unter Mitwirkung bewhrter Fachkrfte. Mit 29
  Bildnissen auf 29 Tafeln. Preis geh. M. 24.--; in Leinw. geb. M. 26.--

=Koelsch=, Kgl. Landesgewerbearzt Dr. F., =Bernardino Ramazzini.= Der
Vater der Gewerbehygiene (1633-1714). Sein Leben und seine Werke. Mit
einem Bildnis. Lex. 8. 1911 geh. M. 1.40.

=Marcuse=, Dr. med. Jul., =Bder und Badewesen in Vergangenheit und
Gegenwart.= Eine kulturhistorische Studie. Lex. 8. 1903. geh. M. 5.--

=Marcuse=, Dr. med. Jul., =Hydrotherapie im Altertum.= Eine
historisch-medizinische Studie. Mit einem Vorwort von Prof. Dr.
W. _Winternitz_. gr. 8. 1900. geh. M. 2.--

=Mllerheim=, Dr. R., =Die Wochenstube in der Kunst.= Eine
kulturhistorische Studie. Mit 138 Abbildungen. hoch 4. 1904. kart.
M. 16.--; in Leinw. geb. M. 18.--

=Neuburger=, Prof. Dr. M., =Johann Christian Reil.= Gedenkrede, gehalten
auf der 85. Versammlung Deutscher Naturforscher und rzte in Wien am
26. September 1913. Mit einem Bildnis und 9 Textabbildungen. Lex. 8. 1913.
geh. M. 4.--

=Neuburger=, Prof. Dr. M., =Geschichte der Medizin.= _Zwei Bnde_.

   I. Band. Lex. 8. 1906. geh. M. 9.--; in Leinw. geb. M. 10.40.

  II. Band, I. Teil. Mit 8 Tafeln. Lex. 8. 1911. geh. M. 13.60; in Leinw.
      geb. M. 15.--

=Neuburger=, Prof. Dr. M., =Die historische Entwickelung der
experimentellen Gehirn- und Rckenmarksphysiologie vor Flourens.=
gr. 8. 1897. geh. M. 10.--

=Neuburger=, Prof. Dr. M., =Die Vorgeschichte der antitoxischen Therapie
der akuten Infektionskrankheiten.= Vortrag, gehalten auf der 73.
Versammlung deutscher Naturforscher und rzte in Hamburg. In erweiterter
Form herausgegeben. gr. 8. 1901. geh. M. 1.60.

=Opitz=, Dr. K. =Die Medizin im Koran.= gr. 8. 1906. geh. M. 3.--

=Strunz=, Privatdoz. Dr. F., =Geschichte der Naturwissenschaften im
Mittelalter.= Im Grundri dargestellt. Mit 1 Abbildung. Lex. 8. 1910.
geh. M. 4.--

                     *       *       *       *       *

                          Prof. Dr. E. HOLLNDER.

                =Die Karikatur und Satire in der Medizin.=

                     =Medikokunsthistorische Studie.=

            Mit 10 farbigen Tafeln und 223 Abbildungen im Text.
          hoch 4. 1905. kart. M. 24.--; in Leinw. geb. M. 27.--

                     *       *       *       *       *

                 =Die Medizin in der klassischen Malerei.=

       Mit 272 in den Text gedruckten Abbildungen. =Zweite Auflage.=
        hoch 4. 1913. geh. M. 28.--; fein in Leinw. geb. M. 31.--

                     *       *       *       *       *

                          =Plastik und Medizin.=

                Mit 1 Tafel und 433 Abbildungen im Text.
           hoch 4. 1912. kart. M. 28.--; elegant geb. M. 30.--

                     *       *       *       *       *

                 _VERLAG VON FERDINAND ENKE IN STUTTGART._

                     *       *       *       *       *

                   =Der Gesichtsausdruck des Menschen.=

          +----+                                             +----+
          |1913|                   von                       |1913|
          +----+                                             +----+

                         =Dr. med. H. Krukenberg.=

          Mit 203 Textabbildungen meist nach Originalzeichnungen und
                 photographischen Aufnahmen des Verfassers.

         Lex. 8. 1913. Geheftet M. 6.--, in Leinwand gebunden M. 7.40.

Das vorliegende Werk gibt in allgemein verstndlicher Form eine
bersicht ber die Entwicklung und die einzelnen Formen der
Ausdrucksweise des menschlichen Antlitzes In der Einleitung werden die
Lehren und Irrlehren vom Gesichtsausdruck, wie sie sich in den Werken
frherer Jahrhunderte bis auf Lavater und Gall vorfinden, behandelt, und
es wird dann gezeigt, wie sich am menschlichen Antlitz nach bestimmten
ehernen Gesetzen allmhliche Wandlungen vollziehen, wie sich nicht nur
der Gesichtsausdruck des einzelnen, sondern auch der der ganzen
Menschheit im Strome der Zeit allmhlich verndert. Die Merkmale der
einzelnen Rassen werden kurz berhrt, ausfhrlicher werden die durch
Alter und Geschlecht bedingten charakteristischen Gesichtsmerkmale
behandelt. An einzelnen Beispielen wird die Entwicklung des
Gesichtausdrucks vom Sugling bis zum Erwachsenen erlutert. Die durch
den Ernhrungszustand, durch Krankheit, durch geistige Verbldung und
Geisteskrankheiten bedingten Vernderungen werden eingehend behandelt
und durch zahlreiche zum Teil sehr markante Abbildungen erlutert.
Weiter werden die Merkmale welche das Schicksal, die Kmpfe des Geistes
und der Seele dem Antlitz aufdrcken, behandelt, es wird gezeigt, wie
hufig wiederholte vorbergehende Ausdrucksformen des Antlitzes
allmhlich dauernde Vernderungen hervorrufen, wie auch hier der Geist
es ist, der sich den Krper baut. Die einzelnen vorbergehenden
Vernderungen des Mienenspiels werden ausfhrlich behandelt und
analysiert und ihre Entstehung auf rein sinnliche Reize zurckgefhrt.
Das Mienenspiel des Kindes wird in seiner rein elementaren Form dem
durch Erziehung und konventionelle Rcksichten modifizierten
Gesichtsausdruck des Erwachsenen gegenbergestellt. Es wird gezeigt, wie
beim Kinde noch rein sinnliche Eindrcke vorherrschen, whrend im
spteren Alter die seelischen Eindrcke, die Arbeit des Geistes und die
Lebensschicksale das Gesicht immer mehr modifizieren und ihre
unverwischbaren Spuren darin hinterlassen. Die Art und Weise, wie das
Gesicht auf pltzliche reelle oder ideelle Reize reagiert, wird an
photographischen Aufnahmen in drastischer Form demonstriert.

[Illustration: Erika S. Freudiges Lachen.]

[Illustration: Erika S. Schalkhaftes Lachen.]

[Illustration: Erika S. Geschmeicheltes Lcheln.]

[Illustration: Unschn wirkende, durch Ernhrungsrckgang bedingte
Altersfalten.]

[Illustration: Knstlerisch schn wirkende, durch das Seelenleben
bedingte Altersfalten.]

=Der Verfasser verwirft die knstliche Hervorbringung gewollter
Gesichtsausdrcke als unzuverlssig, er hat sein Material ausschlielich
_nach wirklich vorhandenen geistigen Erregungen_ gesammelt. Das, was der
Verfasser bietet, macht daher Anspruch auf absolute Naturwahrheit.=

Der knstlerische Standpunkt wird darber nicht vernachlssigt. Der
Verfasser weist immer wieder darauf hin, welche Vernderungen des
Gesichtsausdruckes durch das Seelenleben, welche durch rein zuflligen
krperlichen Bau bedingt sind, welche unserm Schnheitssinn entsprechen
und welche nicht. Auch der Schnheitssinn und die Verschnerungsversuche
anderer Rassen werden bercksichtigt.

[Illustration: Knabe, anderthalb Jahre alt.]

[Illustration: Derselbe, acht Jahre alt.]

[Illustration: Derselbe erwachsen, neunzehn Jahre alt.]

Ohne den Boden der Allgemeinverstndlichkeit zu verlassen, deduziert der
Verfasser die Entwicklung und die notwendigen Folgen der Vernderungen
des Antlitzes vom streng wissenschaftlichen Standpunkte aus und wirft,
zuweilen nicht ohne treffenden Sarkasmus, die Lehren der
Physiognomiker ber Bord.

[Illustration: Erika S. Ser Geschmack.]

[Illustration: Erika S. Widerwrtiger Geschmack.]

=Fr diejenigen, welche sich vom knstlerischen Standpunkte aus, seien
es darstellende oder bildende Knstler, mit dem Gesichtsausdruck zu
befassen haben, drfte das Buch bald ein unentbehrlicher Ratgeber
werden, fr jeden Gebildeten, der sich mit den Gesetzen der ueren
Ausdrucksweise unseres Seelenlebens bekannt machen will, wird das
Studium des Buches eine anregende und lohnende Lektre bilden.=


                             _BESPRECHUNG._

Der Wert der physiognomischen Forschung ergibt sich ohne weiteres aus
der Wahrnehmung, da das Mienenspiel des Menschen in seinen Grundzgen
bei allen Vlkern das gleiche ist, da aber Gesichtszge wie auch
Gesichtsausdruck mit der fortschreitenden Kultur gewisse Vernderungen
erfahren haben, aus denen sich wichtige Schlsse auf den vorherrschenden
oder den augenblicklichen Gemtszustand ziehen lassen. Dr. Krukenberg
zeigt nun an einer groen Anzahl vorzglicher Bilder, da der Grad, in
dem sich seelische oder krperliche Reize im Gesicht zu erkennen geben,
durch mehrere Faktoren bestimmt wird; dieser hngt nmlich von ihrer
Strke, von ihrer Pltzlichkeit und, soweit sie den Gesichtsausdruck
dauernd verndern, auerdem noch von ihrer Nachhaltigkeit ab. Nicht nur
Knstler, Richter und rzte, die der Physiognomik von Berufs wegen ihre
Aufmerksamkeit zu schenken haben, sondern jeder Gebildete, der etwas
tiefer in die Geheimnisse "Spiegels der Seele" eindringen mchte, wird
in dem schnen Werke reiche Anregung finden.

                                           =Kln. Zeitung 1913. 1206.=


                           _INHALTSVERZEICHNIS._

I. Einleitung. -- II. Literaturverzeichnis. -- III. Historisches. Kritik
der bisherigen Schriften ber Physiognomik. -- IV. Mimik der Tiere. --
V. Entwicklung der Physiognomie. Anthropologisches. Entwicklung
der einzelnen Rassenmerkmale. Entwicklung des Individuums.
Geschlechtsmerkmale. Altersmerkmale. Pathologisches. -- VI. Entstehung
des menschlichen Mienenspiels. Entwicklungsgeschichte. Physiologie.
Ausfallerscheinungen. Pathologie. -- VII. Die Haut. -- VIII. Das Auge.
-- IX. Das Ohr. -- X. Die Nase. -- XI. Der Mund. -- XII. Zusammenfassung
der einzelnen Ausdrucksweisen. Register.

[Illustration]

[Illustration: Angeborene Blindheit.]

[Illustration: Erika S. Wut.]

[Illustration: Fnfjhriges ausgehungertes Kind.]

[Illustration: Dasselbe, vier Monate spter nach Nahrungszufuhr.]

          +----------------+-----------------------------------+
          | BESTELLZETTEL. | Der Unterzeichnete bestellt       |
          +----------------+ bei der Buchhandlung von          |
          |                                                    |
          | .................................................. |
          |                                                    |
          | aus dem Verlag von _Ferdinand Enke_ in _Stuttgart_ |
          |                                                    |
          | =KRUKENBERG, Der Gesichtsausdruck des Menschen.=   |
          | Geh. M. 6.--, in Leinw. geb. M. 7.40.              |
          |                                                    |
          | Ort und Datum:                 Name:               |
          |                                                    |
          |                                                    |
          | .................................................. |
          |                                                    |
          +----------------------------------------------------+


[Illustration: Erika S. Rhrung (seelischer Schmerz).]

                     *       *       *       *       *

                  =Die Schnheit des weiblichen Krpers=

                Den Mttern, rzten und Knstlern gewidmet.

                          Von =Dr. C. H. STRATZ.=

          =Zweiundzwanzigste, vermehrte und verbesserte Auflage=

      Mit 303 Abbildungen und 8 Tafeln. Lex. 8. 1913. geh. M. 18.--,
                          in Leinw. geb. M. 20.--

Die vorliegende Auflage der "Schnheit" ist um mehr als 30 neue
Abbildungen durchweg Photographien nach dem Leben bereichert und auch
textlich erweitert worden. Die frheren Auflagen des Werkes haben in der
Presse die wrmste Anerkennung gefunden.

Das Werk kann in seinem geschmackvollen Gewande auch zu Geschenken fr
Knstler, Kunstfreunde, rzte und Mtter, fr welche Kreise es
geschrieben ist, bestens empfohlen werden.

=Zu beziehen durch jede Buchhandlung oder vom Verlag von FERDINAND ENKE
in Stuttgart.=




                     *       *       *       *       *




Die nachfolgende Tabelle enthlt eine Auflistung aller gegenber dem
Originaltext vorgenommenen Korrekturen.

  S. II: in Leinw. geb. M. 13.-- [Punkt entfernt]
  S. III: Pseudarthrosen -> Pseudoarthrosen
  S. 19: Cagniard Latour -> Cagniard-Latour
  S. 23: magebend gewesen. -> [Punkt hinzugefgt]
  S. 106: Schlusswort. -> Schluwort
  S. 108: Jaeger -> Jger
  S. 108: Kberle -> Kberl
  S. 109: Oettingen -> ttingen
  S. 112: Lex. 8 -> [Leerzeichen hinzugefgt]
  S. 112: kart. -> [Punkt hinzugefgt]



***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHICHTE DER NEUEREN DEUTSCHEN
CHIRURGIE***


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written explanation to the person you received the work from.  If you
received the work on a physical medium, you must return the medium with
your written explanation.  The person or entity that provided you with
the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
refund.  If you received the work electronically, the person or entity
providing it to you may choose to give you a second opportunity to
receive the work electronically in lieu of a refund.  If the second copy
is also defective, you may demand a refund in writing without further
opportunities to fix the problem.

1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
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provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation information page at www.gutenberg.org


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at 809
North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887.  Email
contact links and up to date contact information can be found at the
Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit:  www.gutenberg.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For forty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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