The Project Gutenberg EBook of Der Spaziergang, by Robert Walser

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Title: Der Spaziergang

Author: Robert Walser

Release Date: March 24, 2012 [EBook #39247]
[Last updated: September 12, 2020]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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Schweizerische Erzhler / Band 9

Die Einbandzeichnung ist nicht, wie auf der Rckseite des Buchtitels
angegeben ist, von =Karl Walser=, sondern von ~Otto Baumberger~. Infolge
von Befrderungszwischenfllen kam der Karl Walser erteilte Auftrag
nicht zur Ausfhrung.




  Der Spaziergang

  Von
  Robert Walser

  Frauenfeld und Leipzig
  Verlag: Huber & Co.




Den Einband zeichnete Karl Walser, Berlin

Copyright 1917 by Huber & Co., Frauenfeld & Leipzig

Druck von Huber & Co. in Frauenfeld




Ich teile mit, da ich eines schnen Vormittags, ich wei nicht mehr
genau, um wieviel Uhr, da mich die Lust, einen Spaziergang zu machen,
ankam, den Hut auf den Kopf setzte, das Schreib- oder Geisterzimmer
verlie, die Treppe hinunterlief, um auf die Strae zu eilen. Beifgen
knnte ich, da mir im Treppenhaus eine Frau begegnete, die wie eine
Spanierin, Peruanerin oder Kreolin aussah. Sie trug etwelche bleiche,
welke Majestt zur Schau. Ich mu mir jedoch auf das strengste
verbieten, mich auch nur zwei Sekunden lang bei dieser Brasilianerin
oder was sie sonst sein mochte, aufzuhalten; denn ich darf weder Raum
noch Zeit verschwenden. So viel ich mich heute, wo ich dieses alles
schreibe, noch zu erinnern vermag, befand ich mich, als ich auf die
offene helle und heitere Strae trat, in einer romantisch-abenteuerlichen
Gemtsverfassung, die mich tief beglckte. Die morgendliche
Welt, die sich vor meinen Augen ausbreitete, erschien mir
so schn, als she ich sie zum erstenmal. Alles, was ich erblickte,
machte mir den angenehmen Eindruck der Freundlichkeit, Gte und Jugend.
Rasch verga ich, da ich oben in meiner Stube soeben noch dster ber
ein leeres Blatt Papier hingebrtet hatte. Alle Trauer, aller Schmerz
und alle schweren Gedanken waren wie verschwunden, obschon ich einen
gewissen Ernst, als Klang, noch immer vor mir und hinter mir lebhaft
sprte. Freudig war ich auf alles gespannt, was mir auf dem Spaziergang
etwa begegnen oder entgegentreten knnte. Meine Schritte waren gemessen
und ruhig, und soviel ich wei, lie ich, indem ich so meines Weges
ging, ziemlich viel wrdevolles Wesen sehen. Meine Empfindungen liebe
ich vor den Augen meiner Mitmenschen zu verbergen, ohne da ich mich
jedoch deswegen ngstlich bemhe, was ich fr einen groen Fehler und
fr eine starke Dummheit halten wrde. Ich war noch nicht zwanzig oder
dreiig Schritte weit ber einen weiten menschenbelebten Platz gegangen,
als mir Herr Professor Meili, eine Kapazitt allerersten Ranges, leicht
begegnete. Wie die unumstrzliche Autoritt schritt Herr Professor Meili
ernst, feierlich und hoheitvoll daher; in der Hand trug er einen
unbeugsamen wissenschaftlichen Spazierstock, der mir Grauen, Ehrfurcht
und Respekt einflte. Professor Meilis Nase war eine strenge,
gebieterische, scharfe Adler- oder Habichtsnase, und der Mund war
juristisch zugeklemmt und zugekniffen. Des berhmten Gelehrten Gangart
glich einem ehernen Gesetz; Weltgeschichte und Abglanz von lngst
vorbergegangenen heroischen Taten blitzten aus Herrn Professor Meilis
harten, hinter buschigen Augenbrauen verborgenen Augen hervor. Sein Hut
glich einem unabsetzbaren Herrscher. Geheime Herrscher sind die
stolzesten und hrtesten. Im ganzen genommen betrug sich jedoch
Professor Meili ganz milde, so als wenn er in keiner Hinsicht ntig
gehabt htte, merken zu lassen, welche Summen von Macht und Gewicht er
personifizierte, und seine Gestalt erschien mir trotz aller
Unerbittlichkeit und Hrte sympathisch, weil ich mir sagen durfte, da
die, die nicht auf se und schne Art lcheln, ehrlich und zuverlssig
sind. Gibt es ja bekanntlich Schurken, die die Lieben und Guten spielen,
die das schreckliche Talent haben, zu den Untaten, die sie begehen,
verbindlich und artig zu lcheln.

Ich wittere etwas von einem Buchhndler und einem Buchladen; ebenso will
bald, wie ich ahne und merke, ein Bckerladen mit prahlerischen
Goldbuchstaben zur Erwhnung und Geltung gelangen. Vorher aber habe ich
noch einen Priester oder Pfarrer zu verzeichnen. Ein radfahrender oder
fahrradelnder Stadtchemiker fhrt mit freundlichem, gewichtigem Gesicht
dicht am Spaziergnger, nmlich an mir, vorber, ebenso ein Stabs- oder
Regimentsarzt. Ein bescheidener Fugnger darf nicht unbeachtet und
unaufgezeichnet bleiben; denn er ersucht mich um gefllige Erwhnung. Es
ist dies ein reichgewordener Althndler und Lumpensammler. Buben und
Mdchen jagen im Sonnenlicht frei und ungezgelt umher. Man lasse sie
ruhig ungezgelt, dachte ich; das Alter wird sie einst schon schrecken
und zgeln. Nur zu frh, leider Gottes. Ein Hund erlabt sich am
Brunnenwasser. Schwalben, scheint mir, zwitschern in der blauen Luft.
Ein bis zwei elegante Damen in verblffend kurzen Rcken und
berraschend feinen hohen farbigen Stiefelchen machen sich doch wohl
hoffentlich so gut bemerkbar wie irgend etwas anderes. Zwei Sommer- oder
Strohhte fallen auf. Die Sache mit den Herrenstrohhten ist die:
Pltzlich sehe ich nmlich zwei Hte in der hellen zarten Luft, und
unter den Hten stehen zwei bessere Herren, die einander mittels
schnen, artigen Hutlftens und -schwenkens guten Morgen zu bieten
scheinen. Die Hte sind bei dieser Veranstaltung sichtlich wichtiger als
ihre Trger und Besitzer. Im brigen bittet man den Verfasser sehr
ergeben, sich vor tatschlich berflssigen Sptteleien und Fppeleien
zu hten. Man ersucht ihn, ernsthaft zu bleiben, und hoffentlich hat er
das jetzt ein fr allemal verstanden.

Da eine uerst stattliche, reichhaltige Buchhandlung mir angenehm in
die Augen fiel und ich Trieb und Lust sprte, ihr einen kurzen und
flchtigen Besuch abzustatten, so zgerte ich nicht, in den Laden mit
sichtlich guter Manier einzutreten, wobei ich mir allerdings zu bedenken
erlaubte, da ich vielleicht mehr als Inspektor und Bcher-Revisor, als
Erkundigungen-Einsammler und feiner Kenner denn als beliebter und
gerngesehener reicher Einkufer und guter Kunde in Frage kme. Mit
hflicher, beraus vorsichtiger Stimme und in den begreiflicherweise
gewhltesten Ausdrcken erkundigte ich mich nach dem Neusten und Besten
auf dem Gebiet der schnen Literatur. Darf ich, fragte ich schchtern,
das Gediegenste und Ernsthafteste und damit selbstverstndlich zugleich
auch das Meistgelesene und am raschesten Anerkannte und Gekaufte kennen
und augenblicklich schtzen lernen? Sie wrden mich zu ungewhnlichem
Dank in sehr hohem Grad verbinden, wenn Sie die weitgehende Geflligkeit
haben und mir das Buch gtig vorlegen wollten, das, wie ja sicher
niemand so genau wissen wird wie gerade Sie, die hchste Gunst beim
lesenden Publikum sowohl als bei der gefrchteten und daher ohne Zweifel
auch umschmeichelten Kritik gefunden hat und ferner munter findet. Sie
glauben garnicht, wie ich mich interessiere, sogleich zu erfahren,
welches von allen den hier aufgestapelten und zur Schau gestellten
Bchern oder Werken der Feder dieses fragliche Lieblingsbuch ist, dessen
Anblick mich ja hchst wahrscheinlich, wie ich auf das allerlebhafteste
vermuten mu, zum sofortigen freudigen, begeisterten Kufer machen wird.
Das Verlangen, den Lieblingsschriftsteller der gebildeten Welt und sein
bewundertes, strmisch beklatschtes Meisterwerk zu sehen und wie gesagt
vermutlich auch sogleich zu kaufen, gramselt und rieselt mir durch alle
Glieder. Darf ich Sie hflich bitten, mir dieses erfolgreichste Buch zu
zeigen, damit die Begierde, die sich meines gesamten Wesens bemchtigt
hat, sich zufrieden gibt und aufhrt, mich zu beunruhigen? Sehr gern,
sagte der Buchhndler. Er verschwand wie ein Pfeil aus dem
Gesichtskreis, um jedoch im nchsten Augenblick schon wieder zu dem
begierigen Kufer und Interessenten zurckzukehren und zwar mit dem
meist gekauften und gelesenen Buch von wirklich bleibendem Wert in der
Hand. Das kostbare Geistesprodukt trug er so sorgsam und feierlich, als
trage er eine heilig machende Reliquie. Sein Gesicht war verzckt; die
Miene strahlte hchste Ehrfurcht aus, und mit einem Lcheln auf den
Lippen, wie es nur Glubige und Innigstdurchdrungene zu lcheln
vermgen, legte er mir auf die gewinnendste Art vor, was er
daherbrachte. Ich betrachtete das Buch und fragte:

Knnen Sie schwren, da dies das weitestverbreitete Buch des Jahres
ist?

Ohne Zweifel.

Knnen Sie behaupten, da dies das Buch ist, das man gelesen haben
mu?

Unbedingt.

Ist das Buch wirklich auch gut?

Was fr eine gnzlich berflssige und unstatthafte Frage.

Ich danke Ihnen recht sehr, sagte ich kaltbltig, lie das Buch, das
die absolut weiteste Verbreitung gefunden hatte, weil man es unbedingt
gelesen haben mute, lieber ruhig liegen, wo es lag, und entfernte mich
geruschlos, ohne noch ein weiteres Wort zu verlieren. Ungebildeter und
unwissender Mensch! rief mir freilich der Verkufer in seinem
berechtigten tiefen Verdru nach. Ich lie ihn jedoch reden und ging
gemchlich weiter und zwar, wie ich sogleich nher auseinandersetzen und
verstndlich machen werde, direkt in die nchstgelegene imposante
Bankanstalt.

Wo ich nmlich meinte vorsprechen zu mssen, um ber gewisse Wertpapiere
zuverlssigen Aufschlu zu erhalten. Im Vorbeigehen rasch in ein
Geldinstitut hineinzuspringen, dachte oder sagte ich fr mich selber,
um ber Finanzangelegenheiten zu verhandeln und Fragen vorzubringen,
die man nur flsternd vortrgt, ist hbsch und nimmt sich ungemein gut
aus.

Es ist gut und trifft sich prchtig, da Sie persnlich zu uns kommen,
sagte mir am Schalter der verantwortungsvolle Beamte in sehr
freundlicher Tonart, und er fgte, indem er fast schalkhaft, jedenfalls
aber sehr angenehm und heiter lchelte, Folgendes hinzu:

Es ist, wie gesagt, gut, da Sie gekommen sind. Soeben wollten wir uns
brieflich an Sie wenden, um Ihnen, was jetzt mndlich geschehen kann,
die fr Sie ohne Frage erfreuliche Mitteilung zu machen, da wir Sie aus
Auftrag eines Vereines oder Kreises von Ihnen offenbar hold gesinnten
gutherzigen und menschenfreundlichen Frauen mit

  Franken Eintausend

nicht belastet, sondern vielmehr, was Ihnen zweifellos wesentlich
willkommener sein drfte, bestens kreditiert haben, was wir Ihnen
hiedurch besttigen und wovon Sie, wenn Sie so gut sein wollen, prompt
Notiz im Kopf oder, wo es Ihnen sonst pat, nehmen wollen. Wir nehmen
an, da Ihnen diese Erffnung lieb ist; denn Sie machen uns, offen
gestanden, den Eindruck, der uns mit, wir mchten uns erlauben zu sagen,
fast nur schon zu groer Deutlichkeit sagt, da Sie Frsorge delikater
und schner Natur geradezu bedenklich ntig haben. Das Geld steht von
heute ab zu Ihrer Verfgung. Man sieht, da eine starke Frhlichkeit
sich in diesem Augenblick ber Ihre Gesichtszge verbreitet. Ihre Augen
leuchten; Ihr Mund hat in diesem Moment etwas Lachendes, mit welchem Sie
vielleicht schon die lngste Zeit nicht mehr gelacht haben, weil
zudringliche tgliche Sorgen hlicher Art Ihnen verboten haben, das zu
tun, und weil Sie sich seit langer Zeit meistens vielleicht in trber
Laune befanden, da allerhand bse und traurige Gedanken Ihre Stirne
umdsterten. Reiben Sie sich nur immer vor Vergngen die Hnde, und
seien Sie froh, da einige edle, liebenswrdige Wohltterinnen, durch
den erhabenen Gedanken bewogen, da Leid eindmmen schn und Not lindern
gut sei, daran dachten, da ein armer und erfolgloser Dichter (denn
nicht wahr, das sind Sie doch?) der Untersttzung bedrfe. Zu der
Tatsache, da sich einige Menschen fanden, die sich herablassen wollten,
sich Ihrer zu erinnern, und zu dem Umstand, da nicht alle Leute sich
gleichgltig ber des vielfach verachteten Dichters Existenz
hinwegsetzen, gratulieren wir Ihnen.

Die mir von weichen und gtigen Feen- oder Frauenhnden gespendete,
unvermutet zugeflossene Geldsumme, sagte ich, mchte ich ruhig bei
Ihnen liegen lassen, wo sie ja einstweilen am besten aufgehoben ist, da
Sie ber die ntigen feuerfesten und diebsichern Kassenschrnke
verfgen, um Schtze vor jeglicher Vernichtung und vor jeglichem
Untergang zu bewahren. berdies zahlen Sie ja sogar noch Zinsen. Darf
ich Sie um einen Empfangschein bitten? Ich stelle mir vor, da ich die
Freiheit habe, jederzeit nach Belieben und Bedrfnis von der groen
Summe kleine Summen abzuheben. Bemerken mchte ich, da ich sparsam bin.
Ich werde mit der Gabe wie ein solider, zielbewuter Mann, d.h. uerst
vorsichtig umzugehen wissen, und den freundlichen Geberinnen werde ich
in einem besonnenen und artigen Schreiben meinen Dank abzustatten haben,
was ich schon morgen frh zu tun denke, damit es nicht durch Aufschieben
vergessen wird. Die Annahme, die Sie vorhin so offen uerten, da ich
arm sei, mag immerhin auf kluger und richtiger Beobachtung beruhen. Es
gengt aber vollkommen, da ich selber wei, was ich wei, und da ich
selbst es bin, der am besten ber meine Person unterrichtet ist. Oft
trgt der Schein, mein Herr, und ein Urteil ber einen Menschen zu
fllen, wird wohl am besten diesem Menschen selbst berlassen sein.
Niemand kann einen Mann, der schon allerlei gesehen und erfahren hat, so
gut kennen wie er selbst. Ich irrte zu Zeiten allerdings im Nebel und in
tausenderlei Schwankungen und Verlegenheiten umher, und oft fhlte ich
mich elendiglich verlassen. Aber ich denke, da es schn ist, zu
kmpfen. Nicht auf Freuden und Vergngungen ist ein Mann stolz. Stolz
und froh im Grunde der Seele machen ihn nur tapfer berstandene
Anstrengungen und die geduldig ausgehaltenen Leiden. Doch hierber
verschwendet man nicht gerne Worte. Welcher redliche Mann war im Leben
nie hilflos, und welches menschlichen Wesens Hoffnungen, Plne, Trume
sind im Laufe der Jahre gnzlich unzerstrt geblieben? Wo ist die Seele,
deren Sehnen, khnes Wnschen, se und hohe Vorstellungen von Glck in
Erfllung gingen, ohne da sie sich Abzge hat machen lassen mssen?

Quittung ber eintausend Franken wurde mir aus- und eingehndigt, worauf
sich der solide Geld-Einleger und Konto-Korrent-Mensch empfehlen und
entfernen durfte, nmlich niemand anderer als ich. Von Herzen froh ber
das mir so zauberhaft, wie aus blauem Himmel zugefallene
Kapital-Vermgen lief ich aus dem hohen, schnen Kassaraum fort, an die
freie Luft hinaus, um den Spaziergang fortzusetzen.

Anfgen will und kann und darf ich hoffentlich (da mir im Augenblick
Neues und Gescheites nicht einfllt), da ich eine hfliche, reizende
Einladung von Frau Aebi in der Tasche mittrug. Die Einladekarte forderte
mich ergebenst auf und ermunterte mich, punkt halb ein Uhr jedenfalls
zum bescheidenen Mittagessen erscheinen zu wollen. Ich nahm mir fest
vor, der Aufforderung zu gehorchen und bei der fraglichen
schtzenswerten Person zur angegebenen Zeit prompt aufzutauchen.

Indem du dir, lieber gewogener Leser, die Mhe nimmst, sorgfltig mit
dem Schreiber und Erfinder dieser Zeilen vorwrts in die helle,
freundliche Morgenwelt hinaus zu marschieren, nicht eilig, sondern
vielmehr ganz behaglich, sachlich, glatt, bedchtig und ruhig, gelangen
wir beide vor die bereits vorgemerkte Bckerei mit Goldinschrift, wo wir
uns bewogen fhlen, entsetzt stehen zu bleiben, um auf betrbliche Weise
ber grbliche Protzerei und ber damit aufs engste verbundene traurige
Verunstaltung des lieblichen Lndlichkeitsbildes zu staunen.

Spontan rief ich aus: Ziemlich entrstet, bei Gott, darf ein ehrlicher
Mensch angesichts solcher goldenen Firmeninschrift-Barbareien sein, die
der Landschaft, in welcher wir stehen, ein Geprge der Eigensucht,
Geldgier, elenden, vllig nackten Seelenverrohung aufdrcken. Hat denn
ein einfacher, redlicher Bckermeister wirklich ntig, so groartig
aufzutreten, mit seiner trichten Gold- und Silber-Ankndigung in der
Sonne zu strahlen und blitzen wie ein Frst oder wie eine putzschtige
zweifelhafte Dame? Backe und knete er doch sein Brot in Ehren und in
vernunftentsprechender Bescheidenheit. In was fr einer Schwindelwelt
fangen wir an zu leben oder haben wir bereits begonnen zu leben, wenn
von Gemeinden, Nachbarschaft und ffentlicher Meinung nicht nur
geduldet, sondern unglcklicherweise offenbar sogar noch gepriesen wird,
was jeden guten Sinn, jeden Sinn fr Vernunft und Geflligkeit, jeden
Schnheits- und Biedersinn beleidigt, was krankhaft grotut, sich ein
lcherliches Lumpen-Ansehen verleiht, das auf hundert und mehr Meter
Entfernung in die gute ehrliche Luft hinausschreit: Ich bin der und
der. Ich habe soundso viel Geld, und ich darf mir herausnehmen,
unangenehm aufzufallen. Ich bin zwar sicherlich ein Lmmel und Tlpel
und geschmackloser Kerl mit meinem hlichen Prunken; aber es hat mir
niemand zu verbieten, lmmelhaft und tlpelhaft zu sein. Stehen
goldene, weithin glitzernde, abscheulich leuchtende Buchstaben in irgend
einem annehmbaren, ehrlich gerechtfertigten Verhltnis und in irgend
einer gesunden verwandtschaftlichen Beziehung zu ---- Brot? Mit
nichten! Aber abscheuliche Grotuerei und Prahlerei haben an irgend
einer Ecke, in irgend einem Winkel der Welt, zu irgend einer Stunde
angefangen, haben, gleich einer beklagenswerten jmmerlichen
berschwemmung, Fortschritte um Fortschritte gemacht, Unrat, Schmutz und
Torheit mit sich reiend, dieselben ber die Welt verbreitend, und haben
auch meinen ehrsamen Bckermeister ergriffen, um seinen bisherigen guten
Geschmack zu verderben, seine ihm angeborene Sittsamkeit zu unterwhlen.
Ich gbe viel, ich gbe den linken Arm oder das linke Bein her, wenn ich
durch ein solches Opfer wieder den alten feinen Sinn fr Gediegenheit,
die alte gute Gengsamkeit herbeifhren helfen, Land und Leuten wieder
jene Ehrsamkeit und Bescheidenheit zurckgeben knnte, die sicher
vielfach und zum Bedauern aller Menschen, die es redlich meinen,
verloren gegangen sind. Zum Teufel mit der miserablen Sucht, mehr zu
scheinen, als was man ist. Eine wahre Katastrophe ist das, die
Kriegsgefahr, Tod, Elend, Ha und Verwundungen auf der Erde verbreitet
und allem, was existiert, eine verwnschenswerte Maske von Bosheit und
Hlichkeit aufsetzt. So sei mir doch ein Handwerker kein Monsieur und
eine einfache Frau keine Madam. Aber es will heute alles blenden und
glitzern, neu und fein und schn sein, Monsieur sein und Madam sein, da
es ein Grauen ist. Doch kommt es vielleicht mit der Zeit auch noch
einmal wieder anders. Ich will es hoffen.

Ich werde mich brigens sogleich punkto herrenhaften Auftretens und
hochherrschaftlichen Gebarens, wie man bald erfahren wird, selber beim
Ohr nehmen. Auf was fr eine Art wird sich zeigen. Es wre nicht schn,
wenn ich andere schonungslos kritisieren, mich selber aber nur ganz zart
anfassen und so schonungsvoll wie mglich behandeln wollte. Ein
Kritiker, der es so macht, ist nicht der wahre, und Schriftsteller
sollen mit der Schriftstellerei keinen Mibrauch treiben. Ich hoffe, da
dieser Satz allgemein gefllt, Genugtuung erweckt und warmen Beifall
findet.

Eine Arbeiter-gefllte und arbeitsreiche Metallgieerei verursacht hier
links vom Landschaftsweg aufflliges Getse. Bei dieser Gelegenheit
schme ich mich aufrichtig, da ich nur spaziere, wo so viele andere
schuften und arbeiten. Ich schufte und schaffe freilich vielleicht dann
zu einer Stunde, wo alle diese Arbeiter Feierabend haben und ausruhen.

Ein Monteur auf dem Fahrrad, Kamerad vom Landwehrbataillon 134/III, ruft
mir beilufig zu: Du spazierst wieder einmal, scheint mir, am
heiterhellen Werktag. Ich gre ihn lachend und gebe mit Freuden zu,
da er recht hat, wenn er der Ansicht ist, da ich spaziere.

Sie sehen es mir an, da ich spaziere, dachte ich im stillen und
spazierte friedlich weiter, ohne mich im geringsten ber das
Ertapptwordensein zu rgern, was ganz dumm gewesen wre.

In meinem hellgelben, geschenkt bekommenen Englnder-Anzug kam ich mir
nmlich, mu ich offen gestehen, wie ein groer Lord, Grandseigneur, im
Park auf und ab spazierender Marquis vor, trotzdem es doch nur eine halb
lndliche, halb vorstadtmige schlichte liebe bescheidene und
kleinliche Armutsgegend und Landstrae war, wo ich mich erging, und
durchaus kein vornehmer Park, wie ich mir angemat habe anzudeuten, was
ich sachte wieder zurckziehe, weil alles Parkhafte ganz aus der Luft
gegriffen ist und hierher absolut nicht pat. Kleinere und grere
Fabriklein und mechanische Werksttten lagen beliebig verstreut im
Grnen. Fette warme Landwirtschaft gab hier herum gleichsam klopfender
und hmmernder Industrie, die immer irgend etwas Zerarbeitetes und
Mageres an sich hat, freundschaftlich den Arm. Nubume, Kirschbume und
Pflaumenbume gaben dem weichen, rundlichen Weg etwas Anziehendes,
Unterhaltsames und Zierliches. Ein Hund lag quer mitten auf der Strae,
die ich an und fr sich schon schn fand und liebte. Ich liebte
berhaupt das meiste, was ich nach und nach sah, augenblicklich feurig.
Eine andere kleine hbsche Hundeszene und Kinderszene war folgende: Ein
groer, aber durchaus drolliger, humorvoller, ungefhrlicher Kerl von
Hund betrachtete still einen Knirps von Knaben, der auf einer Haustreppe
kauerte, und der wegen der Aufmerksamkeit, die ihm das gutmtige, jedoch
ein wenig schreckhaft aussehende Tier zu schenken beliebte, vor Angst
jmmerlich brllte und ein starkes, kindisches Geheul veranstaltete. Ich
fand den Auftritt entzckend; aber einen andern Kinderauftritt im
Landstraentheater fand ich fast noch netter und entzckender. Zwei ganz
kleine Kinderchen lagen auf der ziemlich staubigen Strae wie in einem
Garten. Das eine Kind sagte zum andern: Gib mir ein liebes Kchen.
Das andere Kind gab ihm das dringlich Geforderte. Nun sagte es zu ihm:
So. Jetzt darfst du vom Boden aufstehen. Es wrde ihm also hchst
wahrscheinlich ohne ses Kchen nicht erlaubt haben, was es ihm jetzt
gestattete. Wie pat diese naive kleine Szene zu dem schnen blauen
Himmel, der auf die frohe leichte helle Erde so gttlich herunterlacht!
sagte ich mir. Kinder sind himmlisch, weil sie immer wie in einer Art
Himmel sind. Wenn sie lter werden und aufwachsen, schwindet ihnen der
Himmel, und sie fallen aus der Kindlichkeit dann in das trockene,
berechnende Wesen und in die langweiligen Anschauungen der Erwachsenen.
Fr Kinder von armen Leuten ist die sommerliche Landstrae wie ein
Spielzimmer. Wo sollen sie sonst sein, da ihnen die Grten eigenntzig
zugesperrt sind? Wehe dahersausenden Automobilen, die kalt und bs in
das Kinderspiel, in den kindlichen Himmel hineinfahren, da kleine
unschuldige menschliche Wesen in Gefahr kommen, zermalmt zu werden. Den
schrecklichen Gedanken, da ein Kind von solch einem plumpen
Triumphwagen tatschlich berfahren wird, will ich garnicht denken, weil
mich sonst der Zorn zu groben Ausdrcken verleitete, mit denen man ja
bekanntlich doch nie viel verrichtet.

Leuten, die in einem sausenden, staubaufwerfenden Automobil sitzen,
zeige ich immer mein bses und hartes Gesicht, und sie verdienen auch
kein besseres. Sie denken dann, da ich ein Aufpasser und Polizist in
Zivil sei, von hohen Obrigkeiten und Behrden beauftragt, auf das Fahren
aufzupassen, mir die Nummer des Fahrzeugs zu merken und solche spter zu
hinterbringen. Ich schaue da stets finster auf die Rder, aufs Ganze und
nie auf die Insassen, welche ich verachte und zwar keineswegs
persnlich, sondern rein grundstzlich; denn ich begreife nicht und
werde niemals begreifen, da es ein Vergngen sein kann, so an allen
Gebilden, Gegenstnden, die unsere schne Erde aufweist, vorberzurasen,
als wenn man toll geworden sei und rennen msse, um nicht elend zu
verzweifeln. In der Tat liebe ich die Ruhe und alles Ruhende. Ich liebe
Sparsamkeit und Migkeit und bin allem Gehetz und Gehast im tiefsten
Innern in Gottes Namen abhold. Mehr als was wahr ist brauche ich nicht
zu sagen. Und wegen dieser Worte wird das Automobilfahren sicher nicht
mit einmal aufhren nebst luftverderbendem blem Geruch, den sicherlich
niemand besonders hochschtzt und liebt. Es wre widernatrlich, wenn
jemandes Nase lieben und mit Freuden einziehen wrde, was fr jede
rechte Menschennase einfach manchmal, je nachdem man vielleicht gelaunt
ist, emprend und abscheuerweckend ist. Schlu und nichts fr ungut. Und
nun weiter spaziert. Himmlisch schn und gut und uralt einfach ist es
ja, zu Fu zu gehen. Anzunehmen ist, da das Schuhwerk und Stiefelzeug
in Ordnung ist.

Werden mir sehr geehrte Herrschaften, Gnnerschaften und Leserschaften,
indem sie diesen vielleicht etwas zu feierlichen und hochdaherstolzierenden
Stil wohlwollend hinnehmen und entschuldigen, nunmehr gtig
erlauben, dieselben auf zwei besonders bedeutende Personen,
Gestalten oder Figuren, nmlich erstlich oder besser erstens
auf eine vermeintliche gewesene Schauspielerin und zweitens auf die
jugendlichste vermutliche angehende Sngerin gebhrend aufmerksam zu
machen? Ich halte diese zwei Leute fr denkbar wichtig und habe sie
daher geglaubt zum voraus schon, bevor sie in Wirklichkeit auftreten und
figurieren werden, ordentlich anmelden und ankndigen zu sollen, damit
ein Geruch von Bedeutsamkeit und Ruhm den beiden zarten Geschpfen
vorauseile und dieselben bei ihrem Erscheinen mit all der Achtsamkeit
und sorgfltigen Liebe empfangen und angeschaut werden knnen, womit man
meiner geringfgigen Meinung nach solcherlei Wesen fast notwendigerweise
auszeichnen mu. Gegen halb ein Uhr wird ja dann der Herr Verfasser
bekanntermaen, zum Lohn fr seine vielfachen Strapazen, im Palazzo oder
Haus der Frau Aebi essen, schwelgen und speisen. Bis dahin wird er
indessen noch eine betrchtliche Strecke Weges zurckzulegen und noch
manche Zeile zu schreiben haben. Aber man wei ja zur Genge, da er
ebenso gern spaziert als schreibt; letzteres allerdings vielleicht um
eine Nance weniger gern als ersteres.

Vor einem bildsaubern und hbschen Haus sah ich, hart an der schnen
Strae, eine Frau auf einer Bank sitzen, und kaum hatte ich sie
erblickt, so erkhnte ich mich auch bereits sie anzusprechen, indem ich
unter mglichst artigen und verbindlichen Wendungen Folgendes
vorbrachte:

Verzeihen Sie, wenn sich mir, einem Ihnen vllig unbekannten Menschen,
bei Ihrem Anblick die eifrige und sicherlich dreiste Frage auf die Lippe
drngt, ob Sie nicht vielleicht ehemals Schauspielerin gewesen seien.
Sie sehen nmlich ganz und gar wie eine einstmals verwhnte, gefeierte
groe Schauspielerin und Bhnenknstlerin aus. Gewi wundern Sie sich
mit grtem Recht ber die so verblffend waghalsige kecke Anrede und
Anfrage; aber Sie haben ein so schnes Gesicht, ein so geflliges,
nettes, und ich mu beifgen, so interessantes Aussehen, zeigen eine so
schne, edle, gute Figur, schauen so grad und gro und ruhig vor sich
hin, auf mich und berhaupt in die Welt hinein, da ich mich unmglich
habe zwingen knnen, an Ihnen vorberzugehen, ohne gewagt zu haben,
Ihnen etwas Artiges und Schmeichelhaftes zu sagen, was Sie mir
hoffentlich nicht bel nehmen werden, obschon ich frchten mu, da ich
wegen meiner Leichtfertigkeit Strafe und Mibilligung verdiene. Als ich
Sie sah, kam ich augenblicklich auf den Gedanken, da Sie Schauspielerin
gewesen sein mten, und heute, so dachte ich bei mir, sitzen Sie nun
hier an der einfachen, wenn auch gleich schnen Strae, vor dem hbschen
kleinen Laden, als dessen Inhaberin Sie mir vorkommen. Sie sind
vielleicht bis heute noch von keinem Menschen hier so ohne alle Umstnde
angeredet worden. Ihr freundliches und zugleich anmutiges ueres, Ihre
liebenswrdige, schne Erscheinung, Ihre Ruhe, Ihre feine Gestalt und
Ihr edles, munteres Aussehen bei vorgercktem Alter, das Sie mir
erlauben wollen anzumerken, haben mich ermutigt, ein zutrauliches
Gesprch auf offener Strae mit Ihnen anzufangen. Auch hat der schne
Tag, dessen Freiheit und Heiterkeit mich beglcken, eine Frhlichkeit in
mir angezndet, mit welcher ich vielleicht der unbekannten Dame
gegenber etwas zu weit gegangen bin. Sie lcheln! Dann sind Sie also
ber die ungezwungene Sprache, die ich fhre, keineswegs bse. Es dnkt
mich, wenn ich so sagen darf, schn und gut, da dann und wann zwei
unbekannte Menschen frei und harmlos miteinander reden, wozu wir
Bewohner dieses irrenden, seltsamen Planeten, der uns ein Rtsel ist, ja
schlielich Mund und Zunge und die sprachliche Fhigkeit haben, welch
letztere an und fr sich schon so schn und seltsam ist. Jedenfalls
haben Sie mir, als ich Sie sah, sogleich herzlich gut gefallen; doch ich
mu mich nun respektvoll entschuldigen, und ich mchte Sie bitten,
berzeugt zu sein, da Sie mir die wrmste Ehrfurcht einflen. Kann das
offene Gestndnis, da ich sehr glcklich war, als ich Sie sah, Sie
veranlassen, mir zu zrnen?

Vielmehr mu es mich freuen, sagte die schne Frau heiter; aber
bezglich Ihrer Vermutung mu ich Ihnen eine Enttuschung bereiten. Ich
bin nie Schauspielerin gewesen.

Worauf ich mich bewogen fhlte, zu sagen: Ich bin vor einiger Zeit in
diese Gegend aus kalten, traurigen, engen Verhltnissen, krank im
Innern, ganz und gar ohne Glauben, ohne Zuversicht und Zutrauen, ohne
jegliche schnere Hoffnung hergekommen, mit der Welt und mit mir selber
entfremdet und verfeindet. ngstlichkeit und Mitrauen nahmen mich
gefangen und begleiteten jeden meiner Schritte. Stck um Stck verlor
ich dann das unedle, hliche Vorurteil. Ich atmete hier wieder ruhiger
und freier -- und wurde wieder ein schnerer, wrmerer, glcklicherer
Mensch. Die Befrchtungen, die mir die Seele erfllten, sah ich nach und
nach verschwinden; Trauer und de im Herzen und die Hoffnungslosigkeit
verwandelten sich allgemach in heitere Befriedigung und in einen
angenehmen, lebhaften Anteil, den ich von Neuem fhlen lernte. Ich war
tot, und jetzt ist es mir, als habe mich jemand gehoben und gefrdert.
Wo ich viel Unschnes, Hartes und Beunruhigendes erfahren zu mssen
geglaubt habe, treffe ich den Liebreiz und die Gte an und finde ich
alles Ruhige, Zutrauliche und Gute.

Umso besser, sagte die Frau mit freundlicher Miene und Stimme.

Da mir der Augenblick gekommen zu sein schien, die ziemlich mutwillig
begonnene Unterhaltung zu beendigen und mich zu entfernen, so grte ich
die Frau, die ich fr eine Schauspielerin gehalten hatte, die jedoch
jetzt leider keine groe und berhmte Schauspielerin mehr war, weil sie
selbst es fr ntig gefunden hatte zu bestreiten, mit, ich darf wohl
sagen, ausgesuchter, sehr sorgfltiger Hflichkeit, indem ich mich vor
ihr verneigte, und ging friedlich, wie wenn weiter gar nichts geschehen
wre, weiter.

Eine bescheidene Frage: Ist vielleicht nachgerade fr ein zierliches
Putzgeschft unter grnen Bumen hervorragendes Interesse und womglich
etlicher Beifall sprlich vorhanden?

Ich glaube stark daran, und so wage ich die ganz ergebene Mitteilung zu
machen, da ich im Gehen und Vormarschieren auf dem schnsten aller Wege
einen ziemlich albernen, jnglinghaften und lauten Freudeschrei aus
einer Kehle ausstie, die solches und hnliches selber nicht fr mglich
hielt. Was sah und entdeckte ich Neues, Unerhrtes und Schnes? Ei, ganz
einfach besagtes allerliebstes Putzgeschft und Modesalon. Paris und
Petersburg, Bukarest und Mailand, London und Berlin, alles, was elegant,
liederlich und hauptstdtisch ist, trat mir nah, tauchte vor mir auf, um
mich zu faszinieren und zu bezaubern. Aber in den Haupt- und Weltstdten
fehlt der grne sanfte Baumschmuck, der Schmuck und die Wohltat
freundlicher Wiesen und vieler lieben zarten Bltter und nicht zuletzt
der se Blumenduft, und den hatte ich hier. Das alles, so nahm ich
mir im stillen und whrend des Stillstehens vor, schreibe ich bestimmt
demnchst in ein Stck oder in eine Art Phantasie hinein, die ich 'Der
Spaziergang' betiteln werde. Namentlich darf mir dieser Damenhutladen
keineswegs darin fehlen. Ein hoher malerischer Reiz wrde dem Stck
sonst sicher abgehen, und diesen Mangel werde ich so gut zu vermeiden
als zu umgehen und unmglich zu machen wissen. Die Federn, Bnder,
knstlichen Frchte und Blumen auf den netten drolligen Hten waren fr
mich fast ebenso anziehend und anheimelnd wie die Natur selber, die mit
ihrem natrlichen Grn, mit ihren Naturfarben die knstlichen Farben und
phantastischen Modeformen umrahmte und zart einschlo, derart, als sei
das Putzgeschft ein bloes liebliches Gemlde. Ich rechne, wie gesagt,
hiebei mit dem feinsten Verstndnis seitens des Lesers, vor dem ich mich
aufrichtig frchte. Dieses elende Feiglingsgestndnis ist begreiflich.
Es ist noch allen khneren Autoren so gegangen.

Gott! was erblickte ich, ebenfalls unter Blttern, fr einen reizenden,
niedlichen, entzckenden Fleischladen mit rosaroter Schweine-, Rind- und
Kalbfleischware. Der Metzger hantierte im Ladeninnern, wo auch Kufer
standen. Einen Schrei ist dieser Metzgerladen gewi ebenso gut wert wie
der Laden mit den Hten. Drittens sei ein Spezereiladen sanft genannt.
Zu allerlei Wirtschaften komme ich spter, wie mir scheint, noch frh
genug. Man kann mit Wirtshusern zweifellos nicht spt genug am Tag
anfangen, weil sich ja Folgen einstellen, die man kennt, und zwar leider
jeder selber nur zur Genge. Auch der Tugendhafteste darf nicht
bestreiten, da er gewisser Untugenden nie ganz Herr wird.
Glcklicherweise jedoch ist man ja -- Mensch und als solcher leicht zu
entschuldigen. Man beruft sich einfach auf die Schwachheit der
Organisation.

Hier habe ich mich wieder einmal neu zu orientieren. Ich setze voraus,
da mir Neueinrichtung und Umgruppierung so gut gelingen wie irgend
einem Generalfeldmarschall, der alle Umstnde berblickt und alle
Zuflligkeiten und Rckschlge in das Netz seiner, es wird gestattet
sein zu sagen, genialen Berechnung zieht. In den Tagesblttern liest
solches ein fleiiger Mensch gegenwrtig tglich, und er merkt sich
Ausdrcke, wie: Flankensto. Ich bin in letzter Zeit zu der berzeugung
gekommen, da Kriegskunst und Kriegfhrung fast so schwer und
geduldheischend sind wie Dichtkunst und umgekehrt. Auch Schriftsteller
treffen oft, wie Generle, langwierigste Vorbereitungen, ehe sie zum
Angriff zu schreiten und eine Schlacht zu liefern wagen, oder mit andern
Worten ein Machwerk oder Buch auf den Bchermarkt schleudern, was
herausfordernd wirkt und mitunter zu gewaltigen Gegenangriffen mchtig
reizt. Bcher locken Besprechungen hervor, und diese fallen manchmal so
grimmig aus, da das Buch sterben und der Verfasser verzweifeln mu!

Befremden darf nicht, wenn ich sage, da ich alle diese hoffentlich
zierlichen netten Zeilen mit deutscher Reichsgerichtsfeder schreibe.
Daher die sprachliche Krze, Prgnanz und Schrfe, die an einigen
Stellen zu spren ist, worber sich jetzt niemand weiter wundere.

Aber wann komme ich wohl endlich zu dem wohlverdienten Schmaus bei
meiner Frau Aebi? Ich frchte, da das noch ziemlich lange dauert, da
noch erkleckliche Hindernisse wegzurumen sind. Appetit wre lngst in
Hlle und Flle vorhanden.

Indem ich wie ein besserer Strolch, feinerer Vagabund und Tagedieb oder
Zeitverschwender und Landstreicher so des Weges ging, neben allerlei mit
zufriedenem behaglichem Gemse vollbepflanzten und vollgestopften Grten
vorbei, neben Blumen und Blumenduft vorbei, neben Obstbumen und neben
Bohnenstangen und Stauden voll Bohnen vorbei, neben hochaufragendem
Getreide, wie Roggen, Hafer und Weizen vorbei, neben einem Holzplatz mit
vielen Hlzern und Holzspnen vorbei, neben saftigem Gras und neben
einem artig pltschernden Wsserchen, Flu oder Bach vorbei, neben
allerhand Leuten, wie lieben handeltreibenden Marktfrauen, hbsch
vorbei, neben einem mit Lust- und Freudenfahnen geschmckten Vereinshaus
ebenso gut wie an manchen andern gutmtigen und ntzlichen Dingen
vorbei, neben einem besonders schnen und lieben Feen-Apfelbumchen
vorbei und wei der liebe Gott an was sonst noch allem Mglichen vorbei,
wie z.B. auch an Erdbeerbschen und Blten oder besser bereits an den
reifen roten Erdbeeren manierlich vorbei, whrenddessen mich immer
allerlei mehr oder weniger schne und angenehme Gedanken stark
beschftigten, weil beim Spazieren viele Einflle, Lichtblitze und
Blitzlichter sich ganz von selber einmengen und einfinden, um sorgfltig
verarbeitet zu werden, kam ein Mensch, ein Ungeheuer, ein Ungetm mir
entgegen, der mir die helle lichte Strae fast vllig verdunkelte, ein
lang- und hochaufgeschossener unheimlicher Kerl, den ich leider nur
allzu gut kannte, ein hchst sonderbarer Geselle, nmlich der Riese

  Tomzack.

An allen andern Orten und auf allen andern Wegen eher als hier auf dem
lieben weichen Landweg wrde ich ihn vermutet haben. Seine trauervolle,
schauervolle Erscheinung, sein tragisches, ungeheures Wesen flte mir
Schrecken ein und nahm alle gute, schne und helle Aussicht und alle
Froheit und Freude von mir weg. Tomzack! Nicht wahr, lieber Leser, der
Name allein klingt schon nach schrecklichen und schwermtigen Dingen.
Was verfolgst du mich, was hast du ntig, mir hier mitten auf meinem
Weg zu begegnen, du Unglckseliger? rief ich ihm entgegen; doch Tomzack
gab mir keine Antwort. Gro schaute er mich an, d.h. er schaute nur so
von hoch oben auf mich herab; denn er berragte mich an Lnge und Hhe
um ein Bedeutendes. Ich kam mir neben ihm wie ein Zwerg oder wie ein
kleines armes schwaches Kind vor. Mit der grten Leichtigkeit htte
mich der Riese zertreten oder erdrcken knnen. Ah, ich wute, wer er
war. Fr ihn gab es keine Ruhe. Ruhelos ging er in der Welt umher. In
keinem sanften Bett schlief er, und in keinem wohnlichen heimeligen
Hause durfte er wohnen. Er hauste berall und nirgends. Heimat hatte er
keine, und irgend ein Heimatrecht besa er keins. Ohne Vaterland und
ohne Glck war er; gnzlich ohne Liebe, und ohne Menschenfreude mute er
leben. Anteil nahm er nicht, und auch an ihm und an seinem Treiben und
Leben nahm niemand Anteil. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft waren
ihm eine wesenlose Wste, und das Leben war zu gering, zu klein, zu eng
fr ihn. Es gab keinerlei Bedeutung fr ihn, und er selbst wieder
bedeutete fr niemanden etwas. Aus seinen groen Augen brach ein Glanz
von berwelten- oder Unterwelten-Gram. Ein unendlicher Schmerz sprach
aus seinen mden schlaffen Bewegungen. Er war nicht tot und nicht
lebendig, nicht alt und nicht jung. Hunderttausend Jahre alt schien er
mir zu sein, und es schien mir, als msse er ewig leben, um ewig nicht
lebendig zu sein. Er starb jeden Augenblick und vermochte dennoch nicht
zu sterben. Kein Grab mit Blumen gab es fr ihn. Ich wich ihm aus und
murmelte fr mich: Leb wohl, und la es dir immerhin gut gehen, Freund
Tomzack.

Ohne mich nach dem Phantom, nach dem bedauernswrdigen Kolo und
bermenschen weiter umzusehen, wozu ich wahrhaftig nicht die geringste
Lust hatte, ging ich weiter und gelangte bald nachher, so in der
weichen, warmen Luft ruhig weiterschreitend und den trben Eindruck
verwindend, den die fremdartige Mannes- oder vielmehr Riesengestalt auf
mich gemacht hatte, in einen Tannenwald, durch den sich ein gleichsam
lchelnder, schelmisch anmutiger Weg schlngelte, den ich mit Vergngen
verfolgte. Weg und Waldboden waren wie ein Teppich, und hier im
Waldinnern war es still wie in einer glcklichen Menschenseele, wie in
einem Tempelinnern, wie in einem Palast und verzauberten und vertrumten
Mrchenschlosse, wie im Dornrschenschlo, wo alles schlft und schweigt
seit Hunderten von langen Jahren. Tiefer drang ich hinein, und ich rede
vielleicht ein wenig schn, wenn ich sage, da ich mir wie ein Prinz mit
goldenem Haar und den Krper bedeckt mit einer kriegerischen Rstung
erschien. Es war so feierlich im Wald, da schne und feierliche
Einbildungen ganz von selber sich des empfindlichen Spaziergngers
bemchtigten. Wie war ich ber die se Waldesstille und Ruhe glcklich!
Von Zeit zu Zeit drang von auen her einiger schwacher Lrm in die
liebliche Abgeschiedenheit und reizende Dunkelheit hinein, etwa ein
Schlag, ein Pfiff oder sonst ein Gerusch, dessen ferner Schall die
herrschende Geruschlosigkeit nur noch erhhte, die ich recht nach
Herzenslust einatmete, und deren Wirkung ich frmlich trank und
schlrfte. Da und dort in all der Schweigsamkeit und in all der Stille
lie ein Vogel aus dem liebreizenden und heiligen Verborgenen heraus
seine heitere Stimme vernehmen. Ich stand so und horchte, und pltzlich
befiel mich ein unsagbares Weltempfinden und ein damit verbundenes,
gewaltsam aus der Seele hervorbrechendes Dankbarkeitsgefhl. Die Tannen
standen kerzengerade wie Sulen da, und nicht das Geringste rhrte sich
im weiten zarten Walde, den allerlei unhrbare Stimmen zu durchklingen
und zu durchhallen schienen. Tne aus der Vorwelt kamen, von ich wei
nicht woher, an mein Ohr. O, so will denn auch ich gerne, wenn es sein
soll, zu Ende gehen und sterben. Eine Erinnerung wird mich dann noch im
Grabe beglcken, und eine Dankbarkeit wird mich im Tode beleben; ein
Danksagen fr die Gensse, fr die Freude, fr das Entzcken; ein
Danksagen fr das Leben und eine Freude ber die Freude. Leises hohes
Rauschen lie sich, von oben aus den Tannwipfeln herabsuselnd,
vernehmen. Hier mte Lieben und Kssen gttlich schn sein, sagte ich
mir. Die bloen Schritte auf dem angenehmen Boden wurden zum Genu, und
die Ruhe zndete in der fhlenden Seele Gebete an. Hier tot zu sein und
in der khlen Walderde unauffllig begraben zu liegen, mte s sein.
Ach, da man den Tod im Tode fhlen und genieen drfte! Vielleicht ist
es so. Im Walde ein ruhiges kleines Grab zu haben, wre schn.
Vielleicht wrde ich das Singen der Vgel und das Waldrauschen ber mir
hren. Ich wnschte mir das. Herrlich fiel eine Sonnenstrahlen-Sule
zwischen Eichenstmmen in den Wald herab, der mir wie ein liebes grnes
Grab erschien. Bald trat ich wieder ins helle Freie hinaus und ins
Leben.

Es kme jetzt und trte hervor ein Wirtshaus, und zwar ein sehr feines,
reizendes, schmeichelhaftes, ein Wirtshaus, nah am Rand des Waldes
gelegen, aus dem ich soeben erst herauskam, ein Wirtshaus mit kstlichem
Garten voll erquicklichem Schatten. Der Garten lge auf einem
aussichtsreichen niedlichen Hgel, und dicht daneben lge oder stnde
ein knstlicher Extra-Aussichtshgel oder Rondell, wo man stehen und
ziemlich lang sich ber die prchtige Aussicht freuen knnte. Ein Glas
Bier oder Wein wre sicher auch nicht schlecht; aber der Mensch, der
hier spaziert, besinnt sich rechtzeitig, da er sich ja auf keinem gar
so sehr anstrengenden Ausmarsch befindet. Das mhereiche Gebirge liegt
weit in der blulich glnzenden, weiumhauchten Ferne. Er mu sich
ehrlich gestehen, da sein Durst weder mordsmig noch heidenmig ist,
da er bis jetzt verhltnismig nur kleine Strecken zurckzulegen gehabt
hat. Handelt es sich doch hier mehr um zartes, sanftes Spazierengehen
als um eine Reise und Wanderung, und mehr um einen feinen Rundgang als
um einen Gewaltritt und -Marsch, und daher verzichtet er gerechter- so
gut wie vernnftigerweise auf den Eintritt ins Lusthaus und
Erquickungshaus und nimmt Abgang. Alle ernsthaften Leute, die dies
lesen, werden seinem schnen Entschlu und seinem guten Willen gewi
reichen Beifall zollen. Nahm ich nicht bereits vor einer Stunde Anla,
eine jugendliche Sngerin anzumelden? Sie tritt jetzt auf.

Und zwar an einem Fenster zu ebener Erde.

Ich kam nmlich jetzt aus der Waldabschwenkung wieder in den Hauptweg
zurck und da hrte ich----

Doch halt! und eine kleine Anstandspause gemacht. Schriftsteller, die
ihren Beruf verstehen, nehmen denselben mglichst ruhig. Sie legen gern
von Zeit zu Zeit die Feder ein wenig aus der Hand. Anhaltendes Schreiben
ermdet wie Erdarbeit.

Was ich aus dem Fenster zu ebener Erde hrte, war der lieblichste,
frischeste Volks- und Operngesang, der mir als Morgen-Ohrenschmaus und
als Vormittagskonzert vllig unentgeltlich in die berraschten Ohren
tnte. Ein junges Mdchen, das fast noch ein Schulmdchen und doch auch
schon schlank und gro war, stand nmlich im hellen Kleid am rmlichen
Vorstadtfenster, und dieses Mdchen sang in die blaue Luft hinaus und
hinauf einfach zum Entzcken. Auf das angenehmste betroffen und durch
den unerwarteten Gesang bezaubert, blieb ich seitwrts stehen, um die
Sngerin nicht zu stren und mich damit nicht der Zuhrerschaft sowie
des Genusses zu berauben. Das Lied, das die Kleine sang, schien von
glcklicher und lieblicher Art zu sein; die Tne klangen wie junges,
unschuldiges Lebens- und Liebesglck selber; sie flogen, gleich
Engelsgestalten mit schneeweiem Freudengefieder, in den Himmel, aus
welchem sie wieder herunterzufallen und mit einem Lcheln zu sterben
schienen. Es glich dem Sterben aus Kummer, dem Sterben vielleicht auch
aus berzarter Freude, einem berglcklichen Lieben und Leben und einem
Nichtlebenknnen wegen zu reicher und schner Vorstellung vom Leben, da
gewissermaen der zrtliche, von Liebe und Glck berquellende,
bermtig in das Dasein drngende Gedanke sich zu berstrzen und ber
sich selber zusammenzubrechen schien. Als das Mdchen mit dem ebenso
einfachen wie reichen, reizenden Gesang, mit dem schmelzenden Mozart-
oder Hirtinnen-Lied zu Ende gekommen war, trat ich zu ihr hin, grte
sie, bat sie um Erlaubnis, ihr zu der schnen Stimme gratulieren zu
drfen, und machte ihr wegen des ungewhnlich seelenvollen Vortrages
mein Kompliment. Die kleine Gesangsknstlerin, die wie ein Reh oder wie
eine Art Antilope in Mdchenform aussah, schaute mich mit schnen
braunen Augen verwundert und fragend an. Sie hatte ein sehr feines,
zartes Gesicht und lchelte einnehmend und artig. Ihnen, sagte ich zu
ihr, steht, wenn Sie Ihre schne, junge, reiche Stimme zu pflegen und
behutsam auszubilden wissen, wozu es sowohl Ihres eigenen wie des
Verstndnisses anderer bedarf, eine glnzende Zukunft und groe Laufbahn
bevor; denn Sie erscheinen mir, offen und ehrlich gestanden, wie die
zuknftige groe Opernsngerin selber! Ihr Wesen ist offenbar klug, Sie
selber sind sanft und schmiegsam, und Sie besitzen, wenn mich meine
Vermutungen nicht gnzlich trgen, eine ganz bestimmte Seelenkhnheit.
Feuer und offensichtlicher Adel des Herzens sind Ihnen eigen; das hrte
ich soeben aus dem Liede, das Sie so schn und wahrhaft gut gesungen
haben. Sie haben Talent, noch mehr: Sie haben unzweifelhaft Genie! und
ich rede Ihnen da durchaus nichts Leeres und Unwahres vor. Es ist mir
darum zu tun, Sie zu bitten, recht sorgsam acht auf Ihre edle Begabung
zu geben, sie vor Verunstaltung, Verstmmelung, vorzeitigem
gedankenlosem Verbrauch zu hten. Einstweilen kann ich Ihnen nur
aufrichtig sagen, da Sie beraus schn singen und da das etwas sehr
Ernstes ist; denn es will viel bedeuten; es will vor allen Dingen
bedeuten, da man Sie auffordern soll, fleiig jeden Tag ein wenig
weiter zu singen. ben und singen Sie mit klugem, schnem Mahalten. Sie
selber kennen die Ausdehnung und den Umfang des Schatzes, den Sie
besitzen, ganz gewi nicht. In Ihrer gesanglichen Leistung tnt bereits
ein hoher Grad von Natur, eine reiche Summe ahnungslosen lebendigen
Wesens und Lebens und eine Flle von Poesie und Menschlichkeit. Man
glaubt Ihnen sagen zu drfen und Ihnen die Versicherung geben zu mssen,
da Sie eine echte Sngerin deshalb zu werden in jedem Sinn versprechen,
weil man glaubt, da Sie ein Mensch sind, den es wahrhaft aus dem Wesen
heraus drngt zu singen und der erst zu leben, sich seines Lebens freuen
zu knnen scheint, sobald er beginnt zu singen, alle vorhandene
Lebenslust derart in die Kunst des Gesanges hinberleitend, da alles
menschlich und persnlich Bedeutende, alles Seelenvolle,
Verstndnisvolle in ein hheres Etwas, in ein Ideal hinaufsteigt. In
einem schnen Gesang ist immer ein gleichsam zusammengedrngtes und
-gepretes Erfahren, Empfinden und Fhlen, eine zur Explosion fhige
Summe von beengtem Leben und von bewegter Seele, und mit solcher Art von
Gesang vermag eine Frau, wenn sie sich die guten Umstnde zunutze macht
und an der Leiter, die die Zuflligkeiten bilden, hinaufgelangt, als
Stern am Himmel der Tonkunst viele Gemter zu bewegen, groe Reichtmer
zu gewinnen, ein Publikum zu strmischen und begeisterten
Beifallskundgebungen hinzureien und die aufrichtige Liebe und
Bewunderung von Knigen und Kniginnen an sich zu ziehen.

Ernst und staunend hrte das Mdchen den Worten, die ich sprach, zu, die
ich indessen mehr nur zu meinem eigenen Vergngen redete, als um von der
Kleinen gewrdigt und begriffen zu werden, wozu ihr die ntige Reife
fehlte.

Von weitem sehe ich bereits einen Bahnbergang, den ich zu berschreiten
haben werde; aber einstweilen bin ich noch nicht so weit; denn ich habe,
mu man unbedingt wissen, vorher noch zwei bis drei wichtige
Kommissionen zu besorgen und einige notwendige unumgngliche Abmachungen
zu treffen. ber diese Kommissionen soll so umstndlich und so genau wie
mglich Bericht abgelegt oder abgestattet werden. Man wird mir huldreich
gestatten, zu bemerken, da ich im Vorbeigehen in einem eleganten
Herren-Mageschft oder Schneideratelier wegen eines neuen Anzuges, den
ich anprobieren oder umndern lassen mu, tunlich vorzusprechen habe.
Zweitens habe ich im Gemeindehaus oder Amthaus schwere Steuern zu
entrichten, und drittens soll ich ja einen bemerkenswerten Brief auf die
Post tragen und in den Briefkasten hinab werfen. Man sieht, wie viel ich
zu erledigen habe und wie dieser scheinbar so bummelige und behagliche
Spaziergang voll praktischer geschftlicher Verrichtungen ist, und man
wird daher wohl die Gte haben, Verzgerungen zu verzeihen, Versptungen
zu billigen und langfdige Auseinandersetzungen mit Berufs- und
Kanzleimenschen gutzuheien, ja vielleicht sogar als willkommene
Beigaben und Beitrge zur Unterhaltung zu begren. Wegen aller hieraus
entstehenden Lngen, Weiten und Breiten bitte ich zum voraus gebhrend
um gefllige Entschuldigung. Ist je ein Provinz- und Hauptstadt-Autor
gegenber seinem Leserzirkel schchterner und hflicher gewesen? Ich
glaube kaum, und daher fahre ich mit uerst ruhigem Gewissen im
Erzhlen und Plaudern fort und melde folgendes:

Um der tausend Gottes willen, es ist ja hchste Zeit, zu Frau Aebi zu
springen, um zu dinieren oder mittag zu essen. Soeben schlgt es halb
ein Uhr. Glcklicherweise wohnt mir die Dame in allernchster Nhe. Ich
brauche nur glatt wie ein Aal ins Haus hinein zu schlpfen wie in ein
Schlupfloch und wie in eine Unterkunft fr arme Hungrige und
bedauerliche Heruntergekommene.

  Frau Aebi

empfing mich aufs liebenswrdigste. Meine Pnktlichkeit war ein
Meisterwerk. Man wei, wie Meisterwerke selten sind. Frau Aebi lchelte,
als sie mich auftauchen sah, beraus artig. Sie bot mir auf eine
herzliche und gewinnende Art, die mich sozusagen bezauberte, ihre nette
kleine Hand dar und fhrte mich sogleich ins Ezimmer, wo sie mich
ersuchte, mich zu Tisch zu setzen, was ich natrlich mit dem denkbar
grten Vergngen und vllig unbefangen ausfhrte. Ohne die mindesten
lcherlichen Umstnde zu machen, fing ich harmlos und zwanglos an zu
essen und wacker zuzugreifen und ahnte nicht von weitem, was mir zu
erleben bevorstand. Ich fing also an, wacker zuzugreifen und tapfer zu
essen. Derlei Tapferkeit kostet ja bekanntlich wenig berwindung. Mit
einigem Erstaunen merkte ich indessen, da mir Frau Aebi dabei fast
andchtig zuschaute. Es war dies einigermaen auffllig. Offenbar war es
fr sie ergreifend, mir zuzuschauen, wie ich zugriff und a. Mich
berraschte diese sonderbare Erscheinung, der ich jedoch keine groe
Bedeutung beilegte. Als ich plaudern und Unterhaltung machen wollte,
wehrte mir Frau Aebi ab, indem sie sagte, da sie auf jederlei
Unterhaltung mit der grten Freude verzichte. Das seltsame Wort machte
mich stutzig, und es begann mir angst und bang zu werden. Ganz im
geheimen fing ich an, vor Frau Aebi zu erschrecken. Als ich aufhren
wollte, abzuschneiden und einzustecken, weil ich deutlich fhlte, da
ich satt sei, sagte sie mir mit fast zrtlicher Miene und Stimme, die
ein mtterlicher Vorwurf leise durchzitterte: Sie essen ja gar nicht.
Warten Sie, ich will Ihnen hier noch ein recht saftiges, groes Stck
abschneiden. Ein Grauen durchrieselte mich, und ich erkhnte mich,
hflich und artig einzuwenden, da ich hauptschlich hergekommen sei, um
einigen Geist zu entfalten, worauf Frau Aebi unter einem liebreizenden
Lcheln sagte, da sie das keineswegs fr ntig halte. Ich vermag
unmglich, weiter zu essen, sagte ich dumpf und gepret. Ich war schon
nahe am Ersticken und schwitzte bereits vor Angst. Frau Aebi sagte: Ich
darf unmglich zugeben, da Sie schon aufhren wollen, abzuschneiden und
einzustecken, und nimmermehr glaube ich, da Sie wirklich satt sind. Sie
sagen ganz bestimmt nicht die Wahrheit, wenn Sie sagen, da Sie bereits
am Ersticken seien. Ich bin verpflichtet, zu glauben, da das nur
Hflichkeiten sind. Auf jederlei geistreiches Geplauder verzichte ich,
wie ich Ihnen schon gesagt habe, mit Vergngen. Sie sind sicherlich
hauptschlich zu mir gekommen, um zu beweisen und zu bekunden, da Sie
Appetit haben und ein starker Esser sind. Diese Anschauung darf ich
unter keinen Umstnden preisgeben. Ich mchte Sie recht herzlich bitten,
sich in das Unvermeidliche gutwillig zu schicken; denn ich kann Ihnen
versichern, da es fr Sie keine andere Mglichkeit gibt, vom Tisch
aufzustehen, als die, die darin besteht, da Sie alles, was ich Ihnen
abgeschnitten habe und fernerhin noch abschneiden werde, suberlich
aufessen und einstecken. Ich frchte, da Sie rettungslos verloren sind;
denn Sie mssen wissen, da es Hausfrauen gibt, die ihre Gste so lange
ntigen, zuzugreifen und einzupacken, bis dieselben zerbrechen. Ein
jmmerliches, klgliches Schicksal steht Ihnen bevor; aber Sie werden es
mutig ertragen. Wir alle mssen eines Tages irgend ein groes Opfer
bringen. Gehorchen Sie und essen Sie. Gehorsamkeit ist ja so s. Was
schadet es, wenn Sie dabei zugrunde gehen. Hier dieses hchst delikate,
zarte und groe Stck werden Sie mir ganz gewi noch vertilgen, ich wei
es. Nur Mut, mein bester Freund! Uns allen tut Khnheit not. Was sind
wir wert, wenn wir nur immer auf dem eigenen Willen beharren wollen.
Nehmen Sie alle Ihre Kraft zusammen und zwingen Sie sich, Hchstes zu
leisten, Schwerstes zu ertragen und Hrtestes auszuhalten. Sie glauben
nicht, wie es mich freut, Sie essen zu sehen, bis Sie die Besinnung
verlieren. Sie stellen sich gar nicht vor, wie ich mich grmen wrde,
wenn Sie das vermeiden wollten; aber nicht wahr, das tun Sie nicht;
nicht wahr, Sie beien und greifen zu, auch wenn Sie schon bis in den
Hals hinauf voll sind.

Entsetzliche Frau, was muten Sie mir zu? schrie ich, indem ich vom
Tisch jhlings aufsprang und Miene machte, auf und davon zu strzen.
Frau Aebi hielt mich jedoch zurck, lachte laut und herzlich und gestand
mir, da sie sich einen Scherz mit mir erlaubt habe, den ich so gut sein
solle, ihr nicht bel zu nehmen. Ich habe Ihnen nur ein Beispiel geben
wollen, wie es gewisse Hausfrauen machen, die vor Liebenswrdigkeit
gegenber ihren Gsten fast berflieen.

Auch ich mute natrlich lachen, und ich darf gestehen, da mir Frau
Aebi in ihrem bermut sehr gut gefiel. Sie wollte mich fr den ganzen
Nachmittag in ihrer Umgebung haben und war fast ein wenig ungehalten,
als ich ihr sagte, da es leider fr mich ein Ding der Unmglichkeit
sei, ihr lnger Gesellschaft zu leisten, weil ich gewisse wichtige Dinge
zu erledigen htte, die ich nicht aufschieben drfte. Es war uerst
schmeichelhaft fr mich, Frau Aebi lebhaft bedauern zu hren, da ich so
rasch wieder davongehen msse und wolle. Sie fragte mich, ob es wirklich
so dringend ntig sei, auszureien und zu entwischen, worauf ich ihr die
heilige Versicherung ablegte, da nur uerste Dringlichkeiten im stande
seien und die Kraft htten, mich von so angenehmem Ort und von so
anziehender, verehrenswrdiger Persnlichkeit so schnell wegzuziehen,
mit welchen Worten ich mich von ihr verabschiedete.

Es galt jetzt einen hartnckigen, widerspenstigen, von der Unfehlbarkeit
seines fraglos meisterlichen Knnens scheinbar in jeder Hinsicht
berzeugten, von seinem Wert und seiner Leistungsfhigkeit vollkommen
durchdrungenen, in diesen seinen berzeugungen unerschtterlichen
Schneider oder Marchand Tailleur zu besiegen, zu bndigen, zu
berrumpeln und zu erschttern. Schneidermeisterliche Festigkeit zu
erlahmen mu als eine der schwierigsten und mhseligsten Aufgaben
betrachtet werden, die die Khnheit unternehmen und der waghalsige
Entschlu vorwrts zu treiben entschlossen sein kann. Vor Schneidern und
ihren Anschauungen habe ich berhaupt eine stndige, krftige Furcht;
ich schme mich dieses traurigen Eingestndnisses in keiner Weise; denn
Furcht ist hier erklrlich und verstndlich. Ich war denn jetzt auch auf
Schlimmes, wenn nicht sogar vielleicht auf das Schlimmste und Bseste
gefat, und rstete mich fr diesen hchst gefhrlichen Angriffskrieg
mit Eigenschaften, wie Mut, Trotz, Zorn, Entrstung, Verachtung oder gar
Todesverachtung aus, mit welchen ohne Zweifel sehr schtzenswerten
Waffen ich der beienden Ironie und dem Spott hinter erheuchelter
Treuherzigkeit erfolgreich und siegreich entgegentreten zu knnen
hoffte. Es kam anders; aber ich will bis auf weiteres noch darber
schweigen, umso eher, als ich ja zuerst noch einen Brief zu befrdern
habe. Ich habe mich nmlich soeben entschlossen, zuerst auf die Post,
dann zum Schneider und erst nachher die Staatssteuer bezahlen zu gehen.
Die Post, ein appetitliches Gebude, lag mir brigens dicht vor der
Nase; ich ging frhlich hinein und erbat mir vom zustndigen Postbeamten
eine Marke, die ich auf den Brief klebte. Indem ich denselben vorsichtig
in den Kasten hinabgleiten lie, erwog und prfte ich im nachdenkenden
Geist, was ich geschrieben hatte. Wie ich noch sehr gut wute, lautete
der Inhalt folgendermaen:

  Sehr zu achtender Herr!

Die eigenartige Anrede drfte Ihnen die Gewiheit beibringen, da der
Absender Ihnen ganz kalt gegenbersteht. Ich wei, da Achtung vor mir
von Ihnen und denen, die Ihnen hnlich sind, nicht zu erwarten ist; denn
Sie und die, die Ihnen hnlich sind, haben eine bergroe Meinung von
sich selber, die sie verhindert, zur Einsicht und zur Rcksicht zu
kommen. Ich wei mit Bestimmtheit, da Sie zu den Leuten gehren, die
sich gro vorkommen, weil sie rcksichtslos und unhflich sind, die sich
mchtig dnken, weil sie Protektion genieen, und die weise zu sein
meinen, weil ihnen das Wrtchen weise einfllt. Leute wie Sie erkhnen
sich, gegenber der Armut und gegenber der Unbeschtztheit hart, frech,
grob und gewaltttig zu sein. Leute wie Sie besitzen die
auerordentliche Klugheit, zu meinen, da es notwendig sei, berall an
der Spitze zu stehen, allenortes ein bergewicht zu besitzen und zu
jeder Tageszeit zu triumphieren. Leute wie Sie merken nicht, da das
tricht ist, da das weder im Bereich der Mglichkeit liegt noch
wnschenswert sein kann. Leute wie Sie sind Protzen und sind jederzeit
bereit, der Brutalitt eifrig zu dienen. Leute wie Sie sind beraus
mutig darin, da sie jeden wahren Mut sorgfltig vermeiden, weil sie
wissen, da jeder wahre Mut Schaden zu bringen verspricht, und sie sind
mutig darin, da sie sich stets als die Guten und Schnen hinzustellen
ungemein viel Lust und ungemein viel Eifer bekunden. Leute wie Sie
respektieren weder das Alter noch das Verdienst, noch ganz bestimmt die
Arbeit. Leute wie Sie respektieren das Geld, und der Respekt vor dem
Geld verhindert sie, irgend etwas anderes hochzuachten. Wer redlich
arbeitet und sich emsig abmht, ist in den Augen von Leuten wie Sie ein
ausgesprochener Esel. Ich irre mich nicht; denn mein kleiner Finger sagt
mir, da ich recht habe. Ich wage Ihnen ins Gesicht hinein zu sagen, da
Sie Ihr Amt mibrauchen, weil Sie recht gut wissen, mit wie viel
Umstnden und Unannehmlichkeiten es verbunden wre, Ihnen auf die Finger
zu klopfen; aber in der Huld und Gnade, in der Sie stecken, und von
gnstigen Voraussetzungen umgeben, sind Sie dennoch hchst angefochten;
denn Sie fhlen ohne Zweifel, wie sehr Sie schwanken. Sie hintergehen
das Zutrauen, halten Ihr Wort nicht, schdigen ohne Besinnen den Wert
und das Ansehen derer, die mit Ihnen verkehren, beuten schonungslos aus,
wo Sie Wohltat zu stiften vorgeben, verraten den Dienst und verleumden
den freundlichen Diener, sind hchst wankelmtig und unzuverlssig und
zeigen Eigenschaften, die man an einem Mdchen, nicht aber an einem
Mann, eilig entschuldigt. Verzeihen Sie, da ich mir erlaube, Sie fr
sehr schwach zu halten, und genehmigen Sie mit der aufrichtigen
Versicherung, da ich es fr rtlich halte, Ihnen in Zukunft
geschftlich vllig fern zu bleiben, das immerhin erforderliche Ma und
den absolut gegebenen Grad von Achtung von einem Menschen, dem die
Auszeichnung und das freilich bescheidene Vergngen zufielen, Sie kennen
zu lernen.

Fast bereute ich nun, diesen Buschklepperbrief, als welcher er mir
nachtrglich beinahe vorkommen wollte, der Post zur Befrderung und
berbringung anvertraut zu haben; denn keiner geringeren als einer
leitenden einflureichen Person hatte ich, bitterbsen Kriegszustand
heraufbeschwrend, den Abbruch der diplomatischen, besser:
wirtschaftlichen Beziehungen auf so ideale Art angekndigt. Immerhin
lie ich dem Fehdebrief jetzt den Lauf, indem ich mich damit trstete,
da ich mir sagte, da der Mensch oder sehr zu achtender Herr ja die
Botschaft vielleicht berhaupt gar nicht lese, weil er schon beim Lesen
und Kosten des zweiten oder dritten Wortes wahrscheinlich die Lektre
recht satt habe und den flammenden Ergu vermutlich, ohne viel Zeit und
Kraft zu verlieren, in den alles Unwillkommene verschlingenden und
beherbergenden Papierkorb werfe. berdies vergit sich so etwas
innerhalb eines halben oder Vierteljahres naturgem߫, folgerte und
philosophierte ich und marschierte kurags zum Schneider.

Derselbe sa frhlich und anscheinend mit dem ruhigsten Gewissen der
Welt in seinem zierlichen Modesalon oder Werkstatt, die mit
feinduftenden Tchern und Tuchresten vollgepfropft und gestopft war. In
einem Vogelbauer oder Kfig lrmte, um das Idyll vollkommen zu machen,
ein Vogel, und ein eifriger verschmitzter Lehrling war brav mit
Zuschneiden beschftigt. Herr Schneidermeister Dnn stand, als er meiner
ansichtig wurde, vom Sitzplatz, auf welchem er emsig mit der Nhnadel
focht, hflich auf, um den Ankmmling artig willkommen zu heien. Sie
kommen wegen Ihres nchstdem durch meine Firma an Sie fix und fertig
abzuliefernden, ohne Zweifel tadellos sitzenden Anzuges, sagte er,
indem er mir nur fast ein wenig zu kameradschaftlich die Hand gab, die
ich mich indessen durchaus nicht scheute, krftig zu schtteln. Ich
komme, gab ich zurck, um unverzagt und hoffnungsfroh zur Anprobe zu
schreiten, indem ich mancherlei befrchte.

Herr Dnn sagte, da er alle meine Befrchtungen fr berflssig halte
und da er fr Sitz und Schnitt garantiere, und indem er das sagte,
geleitete er mich in eine Nebenstube, aus welcher er selber sich sofort
zurckzog. Er garantierte und beteuerte wiederholt, was mir nicht recht
gefallen wollte. Rasch waren die Probe und die damit auf das innigste
verknpfte Enttuschung fertig. Ich rief, indessen ich einen
berschumenden Verdru niederzukmpfen versuchte, heftig und gewaltsam
nach Herrn Dnn, dem ich mit mglichst groer Gelassenheit und vornehmer
Unzufriedenheit den vernichtenden Ausruf entgegenschleuderte: Dachte
ich es mir doch!

Mein allerliebster werter Herr, regen Sie sich nicht unntzerweise
auf!

Mhsam genug brachte ich hervor: Wohl gibt es hier in Hlle und Flle
Anla, sich aufzuregen und untrstlich zu sein. Behalten Sie Ihre hchst
unpassenden Beschwichtigungen fr sich, und hren Sie gtigst auf, mich
beruhigen zu wollen; denn was Sie getan haben, um einen tadellosen Anzug
herzustellen, ist im hchsten Grad beunruhigend. Alle gehegten zarten
oder unzarten Befrchtungen bewahrheiten sich, und die schlimmsten
Ahnungen sind in Erfllung gegangen. Wie knnen Sie fr tadellosen Sitz
und Schnitt zu garantieren wagen, und wie ist es mglich, da Sie den
Mut haben, mir zu versichern, da Sie Meister in Ihrem Berufe sind, wo
Sie bei nur einiger dnngester Ehrlichkeit und beim geringfgigsten Ma
von Aufrichtigkeit und Aufmerksamkeit ohne weiteres werden zugestehen
mssen, da ich vollkommenes Pech habe und da der durch Ihre werte und
ausgezeichnete Firma mir zu liefernde tadellose Anzug total verpfuscht
ist?

Den Ausdruck 'verpfuscht' verbitte ich mir verbindlich.

Ich will mich fassen, Herr Dnn.

Ich danke Ihnen und freue mich herzlich ber diesen so angenehmen
Vorsatz.

Sie werden mir erlauben, von Ihnen zu verlangen, da Sie an diesem
Anzug, der, gesttzt auf die soeben stattgefundene sorgfltige Anprobe
Haufen von Fehlern, Mngeln und Gebrechen aufweist, bedeutende
nderungen vornehmen werden.

Das kann man.

Die Unzufriedenheit, der Verdru und die Trauer, die ich empfinde,
drngen mich, Ihnen zu sagen, da Sie mir rger bereitet haben.

Ich schwre Ihnen, da mir das leid tut.

Der Eifer, den Sie zeigen, zu schwren, da es Ihnen leid tut, mich
gergert und in die allerschlechteste Stimmung versetzt zu haben, ndert
am fehlerhaften Anzug nicht das Geringste, dem ich mich weigere, auch
nur den kleinsten Grad von Anerkennung zu zollen, und dessen Annahme ich
energisch zurckweise, da von Beifall und Zustimmung keine Rede sein
kann. Bezglich des Rockes fhle ich deutlich, da er mich zum buckligen
und daher hlichen Menschen macht, eine Verunstaltung, mit der ich mich
unter keinen Umstnden einverstanden erklren kann. Ich fhle mich
vielmehr bewogen, gegen eine so boshafte Ausstattung und Verzierung
meines Krpers zu protestieren. Die rmel leiden an einer
bedenkenerregenden berflle von Lnge, und die Weste zeichnet sich
dadurch in hervorragender Weise aus, da sie den Eindruck hervorruft und
den unangenehmen Schein erweckt, als habe ihr Trger einen dicken Bauch.
Die Hose oder das Beinkleid ist einfach abscheulich. Zeichnung und
Entwurf der Hose flen mir ein aufrichtig empfundenes Grauen ein. Wo
dieses ganz elende, dumme und lcherliche Kunstwerk von Beinkleid eine
gewisse Weite besitzen sollte, weist es eine einschnrende Enge auf, und
wo es eng sein sollte, ist es mehr als weit. Ihre Leistung, Herr Dnn,
ist alles in allem phantasielos, und Ihr Werk beweist einen Mangel an
Intelligenz. An diesem Anzug haftet etwas Erbrmliches, etwas
Kleinliches, etwas Albernes, etwas Hausbackenes, etwas Lcherliches und
etwas ngstliches. Der, der ihn angefertigt hat, darf sicherlich nicht
zu den schwungvollen Naturen gezhlt werden. Bedauerlich ist eine
derartige gnzliche Abwesenheit jeden Talentes.

Herr Dnn besa die Unverfrorenheit, mir zu sagen: Ich verstehe Ihre
Entrstung nicht und werde nie zu bewegen sein, sie zu verstehen. Die
zahlreichen heftigen Vorwrfe, die Sie mir machen zu mssen glauben,
sind mir unbegreiflich und werden mir sehr wahrscheinlich stets
unbegreiflich sein. Der Anzug sitzt sehr gut. Niemand wird mich irgend
etwas anderes glauben machen. Die berzeugung, die ich habe, da Sie
ungemein vorteilhaft darin aussehen, erklre ich fr unerschtterlich.
An gewisse denselben auszeichnende Eigentmlichkeiten und
Eigenartigkeiten werden Sie sich in kurzer Zeit gewhnt haben. Hchste
Staatsbeamte bestellen bei mir ihren beraus schtzenswerten Bedarf;
ebenso lassen Herren Gerichtsprsidenten huldvoll bei mir arbeiten.
Dieser sicherlich schlagende Beweis meiner Leistungsfhigkeit genge
Ihnen. Auf berspannte Erwartungen und Vorstellungen vermag ich nicht
einzugehen, und auf anmaliche Forderungen lt sich Schneidermeister
Dnn keineswegs ein. Besser situierte Leute und vornehmere Herren wie
Sie sind mit meiner Gewandtheit und Fertigkeit in jeder Hinsicht
zufrieden gewesen. Diese Anspielung drfte Sie entwaffnen.

Da ich einsehen mute, da es unmglich sei, irgend etwas auszurichten,
und da ich mir sagen mute, da meine vielleicht nur allzu feurige und
ungestme Attacke sich in eine schmerzliche und schmhliche Niederlage
verwandelt hatte, so zog ich meine Truppen aus dem unglcklichen Gefecht
zurck, brach weich ab und flog beschmt davon. Solchergestalt endete
das khne Abenteuer mit dem Schneider. Ohne mich nach irgend welchen
andern Dingen umzuschauen, eilte ich auf die Gemeindekasse oder auf das
Steuerbureau wegen der Steuern; aber hier mu ich einen grblichen
Irrtum berichtigen.

Es handelte sich nmlich, wie mir jetzt nachtrglich einfllt, nicht um
Zahlung, sondern lediglich einstweilen um eine mndliche Besprechung mit
dem Herrn Prsidenten der lblichen Steuerkommission und um Eingabe oder
Abgabe einer feierlichen Erklrung. Man nehme mir den Irrtum nicht bel
und hre freundlich, was ich hierber zu sagen haben werde. So gut wie
der standhafte und unerschtterliche Schneidermeister Dnn
Tadellosigkeit versprach und garantierte, verspreche und garantiere ich
in Bezug auf die abzulegende Steuer-Erklrung Exaktheit und
Ausfhrlichkeit sowohl wie Knappheit und Krze.

Ich springe sofort in die bezgliche scharmante Situation hinein:
Erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, sagte ich frei und offen zum
Steuermann oder hohen Steuerbeamten, der mir sein obrigkeitliches Ohr
schenkte, um dem Bericht, den ich abstattete, mit gehriger
Aufmerksamkeit zu folgen, da ich als armer Schriftsteller und
Federfhrer oder _Homme de Lettres_ ein sehr fragwrdiges Einkommen
geniee. Von irgend welcher Vermgens-Anhufung kann natrlich bei mir
nicht die Spur zu sehen und zu finden sein. Ich stelle das zu meinem
groen Bedauern fest, ohne indessen ber die klgliche Tatsache zu
verzweifeln oder zu weinen. Ich schlpfe notdrftig durch, wie man sagt.
Luxus treibe ich keinen; das vermgen Sie mir auf den ersten Blick
anzusehen. Das Essen, das ich esse, kann als hinlnglich und sprlich
bezeichnet werden. Es ist Ihnen eingefallen zu glauben, da ich Herr und
Gebieter von vielerlei Einknften sei; ich bin aber gentigt, diesem
Glauben und allen diesen Vermutungen hflich aber entschieden
entgegenzutreten und die schlichte, nackte Wahrheit zu sagen, und diese
lautet auf alle Flle, da ich beraus frei von Reichtmern, dagegen
aber vollbehangen von jeder Art Armut bin, was Sie die Gte haben und
vormerken wollen. Sonntags darf ich mich auf der Strae gar nicht
blicken lassen, weil ich kein Sonntagskleid habe. An solidem und
sparsamem Lebenswandel hnele ich einer Feldmaus. Ein Sperling hat mehr
Aussichten, wohlhabend zu werden als gegenwrtiger Berichterstatter und
Steuerzahler. Ich habe Bcher geschrieben, die dem Publikum leider nicht
gefallen, und die Folgen davon sind herzbeklemmend. Ich zweifle keinen
Augenblick, da Sie das einsehen und da Sie infolgedessen meine
finanzielle Lage verstehen. Brgerliche Stellung und brgerliches
Ansehen besitze ich nicht; das ist sonnenklar. Verpflichtungen einem
Menschen gegenber, wie ich bin, scheint es berhaupt keine zu geben.
Das lebhafte Interesse fr die schne Literatur ist beraus sprlich
vertreten, und die schonungslose Kritik, die jedermann an unsereins
Werken glaubt ben und pflegen zu drfen, bildet eine weitere starke
Ursache der Schdigung und hemmt wie ein Hemmschuh die Verwirklichung
irgend eines bescheidenen Wohlstandes. Wohl gibt es gtige Gnner und
freundliche Gnnerinnen, die mich von Zeit zu Zeit in der edelsten Art
untersttzen; aber eine Gabe ist kein Einkommen, und eine Untersttzung
ist kein Vermgen. Aus allen diesen sprechenden und doch wohl
berzeugenden Grnden, mein hochgeehrter Herr, mchte ich Sie ersuchen,
von jederlei Steuererhhung, die Sie mir angekndigt haben, abzusehen,
und ich mu Sie bitten, wenn nicht beschwren, meine Zahlungskraft so
niedrig einzuschtzen wie nur immer mglich.

Der Herr Vorsteher oder Herr Taxator sagte: Man sieht Sie aber immer
spazieren!

Spazieren, gab ich zur Antwort, mu ich unbedingt, um mich zu beleben
und um die Verbindung mit der lebendigen Welt aufrecht zu halten, ohne
deren Empfinden ich keinen halben Buchstaben mehr schreiben und nicht
das leiseste Gedicht in Vers oder Prosa mehr hervorbringen knnte. Ohne
Spazieren wre ich tot, und mein Beruf, den ich leidenschaftlich liebe,
wre vernichtet. Ohne Spazieren und Bericht-Auffangen knnte ich auch
keinen Bericht mehr abstatten und nicht den winzigsten Aufsatz mehr,
geschweige denn eine ganze lange Novelle verfassen. Ohne Spazieren wrde
ich ja gar keine Beobachtungen und gar keine Studien machen knnen. Ein
so gescheiter und aufgeweckter Mann wie Sie darf und wird das
augenblicklich begreifen. Auf einem schnen und weitschweifigen
Spaziergang fallen mir tausend brauchbare ntzliche Gedanken ein. Zu
Hause eingeschlossen, wrde ich elendiglich verkommen und verdorren.
Spazieren ist fr mich nicht nur gesund und schn, sondern auch dienlich
und ntzlich. Ein Spaziergang frdert mich beruflich und macht mir
zugleich auch noch persnlich Spa und Freude; er erquickt und trstet
und freut mich, ist mir ein Genu und hat gleichzeitig die Eigenschaft,
da er mich zu weiterem Schaffen reizt und anspornt, indem er mir
zahlreiche kleine und groe Gegenstndlichkeiten als Stoff darbietet,
den ich spter zu Hause emsig und eifrig bearbeite. Ein Spaziergang ist
immer voll sehenswerter und fhlenswerter bedeutender Erscheinungen. Von
Gebilden und lebendigen Gedichten, von Zaubereien und Naturschnheiten
wimmelt es auf netten Spaziergngen meistens, und seien sie noch so
klein. Naturkunde und Landeskunde ffnen sich reizvoll und anmutvoll vor
den Sinnen und Augen des aufmerksamen Spaziergngers, der freilich nicht
mit niedergeschlagenen, sondern mit offenen und ungetrbten Augen
spazieren mu, wenn ihm der schne Sinn und der heitere, edle Gedanke
des Spazierganges aufgehen soll. Bedenken Sie, wie der Dichter verarmen
und klglich scheitern mu, wenn nicht die mtterliche und vterliche
und kindlich schne Natur ihn immer wieder von neuem mit dem Quell des
Guten und Schnen erfrischt. Bedenken Sie, wie fr den Dichter der
Unterricht und die heilige goldene Belehrung, die er drauen im
spielenden Freien schpft, immer wieder von der grten Bedeutung sind.
Ohne Spazieren und damit verbundene Naturanschauung, ohne diese ebenso
liebliche wie ermahnungsreiche Erkundigung fhle ich mich wie verloren
und bin es auch. Hchst liebevoll und aufmerksam mu der, der spaziert,
jedes kleinste lebendige Ding, sei es ein Kind, ein Hund, eine Mcke,
ein Schmetterling, ein Spatz, ein Wurm, eine Blume, ein Mann, ein Haus,
ein Baum, eine Hecke, eine Schnecke, eine Maus, eine Wolke, ein Berg,
ein Blatt oder auch nur ein armes weggeworfenes Fetzchen Schreibpapier,
auf das vielleicht ein liebes gutes Schulkind seine ersten ungefgen
Buchstaben geschrieben hat, studieren und betrachten. Die hchsten und
niedrigsten, die ernstesten und lustigsten Dinge sind ihm gleicherweise
lieb und schn und wert. Keinerlei empfindsamliche Eigenliebe und
Leichtverletzlichkeit darf er mit sich tragen. Uneigenntzig und
unegoistisch mu er seinen sorgsamen Blick berallhin schweifen und
herumstreifen lassen; ganz nur im Anschauen und Merken der Dinge mu er
stets fhig sein aufzugehen, und sich selber, seine eigenen Klagen,
Bedrfnisse, Mngel, Entbehrungen hat er, gleich dem wackeren,
dienstbereiten und aufopferungsfreudigen erprobten Feldsoldaten,
hintanzustellen, gering zu achten und zu vergessen. Im andern Fall
spaziert er nur mit halber Aufmerksamkeit und mit halbem Geist, und das
ist nichts wert. Er mu jederzeit des Mitleides, des Mitempfindens und
der Begeisterung fhig sein, und er ist es hoffentlich. Er mu in den
hohen Enthusiasmus hinaufzudringen und sich in die tiefste und kleinste
Alltglichkeit herunterzusenken und zu neigen vermgen, und er kann es
vermutlich. Treues, hingebungsvolles Aufgehen und Sichverlieren in die
Gegenstnde und eifrige Liebe zu allen Erscheinungen und Dingen machen
ihn aber dafr glcklich, wie jede Pflichterfllung den Pflichtbewuten
glcklich und reich im Innersten macht. Geist, Hingabe und Treue
beseligen ihn und heben ihn hoch ber seine eigene unscheinbare
Spaziergngerperson hinaus, die nur zu oft im Geruch und schlechten Rufe
des Vagabundierens und unntzen Herumstreichens steht. Seine
mannigfaltigen Studien bereichern und belustigen, besnftigen und
veredeln ihn und streifen mitunter, so unwahrscheinlich das auch klingen
mag, hart an exakte Wissenschaft, die dem scheinbar leichtfertigen
Bummler niemand zutraut. Wissen Sie, da ich hartnckig und zh im Kopfe
arbeite und oft im besten Sinn ttig bin, wo es den Anschein hat, als ob
ich ein gedankenlos und arbeitslos im Blauen oder im Grnen mich
verlierender, saumseliger, trumerischer und trger, schlechtesten
Eindruck machender Erztagedieb und leichtfertiger Mensch ohne
Verantwortung sei? Geheimnisvoll und heimlich schleichen dem
Spaziergnger allerlei schne feinsinnige Spaziergangsgedanken nach,
derart, da er mitten im fleiigen, achtsamen Gehen innehalten,
stillstehen und horchen mu, da er ber und ber von seltsamen
Eindrcken und bezaubernder Geistergewalt benommen und betreten ist und
er das Gefhl hat, als msse er pltzlich in die Erde hinabsinken oder
als ffne sich vor seinen geblendeten, verwirrten Denker- und
Dichteraugen ein Abgrund. Der Kopf will ihm abfallen, und die sonst so
lebendigen Arme und Beine sind ihm wie erstarrt. Land und Leute, Tne
und Farben, Gesichter und Gestalten, Wolken und Sonnenschein drehen sich
wie Schemen rund um ihn herum, und er mu sich fragen: Wo bin ich?
Erde und Himmel flieen und strzen mit einmal in ein blitzendes,
schimmerndes, bereinanderwogendes, undeutliches Nebelgebilde zusammen;
das Chaos beginnt, und die Ordnungen verschwinden. Mhsam versucht der
Erschtterte seine gesunde Besinnung aufrecht zu halten; es gelingt ihm,
und er spaziert vertrauensvoll weiter. Halten Sie es fr ganz und gar
unmglich, da ich auf einem weichen geduldigen Spaziergang Riesen
antreffe, Professoren die Ehre habe zu sehen, mit Buchhndlern und
Bankbeamten im Vorbeigehen verkehre, mit angehenden jugendlichen
Sngerinnen und ehemaligen Schauspielerinnen rede, bei geistreichen
Damen zu Mittag speise, durch Wlder streife, gefhrliche Briefe
befrdere und mich mit tckischen ironischen Schneidermeistern wild
herumschlage? Das alles kann vorkommen, und ich glaube, da es in der
Tat vorgekommen ist. Den Spaziergnger begleitet stets etwas
Merkwrdiges, Gedankenvolles und Phantastisches, und er wre dumm, wenn
er dieses Geistige nicht beachten oder gar von sich fortstoen wrde;
aber das tut er nicht; er heit vielmehr alle sonderbaren,
eigentmlichen Erscheinungen willkommen, befreundet und verbrdert sich
mit ihnen, weil sie ihn entzcken, macht sie zu gestaltenhaften
wesenvollen Krpern, gibt ihnen Bildung und Seele, wie sie ihrerseits
ihn beseelen und bilden. Ich verdiene mit einem Wort mein tgliches Brot
durch Denken, Grbeln, Bohren, Graben, Sinnen, Dichten, Untersuchen,
Forschen und Spazieren so sauer wie irgend einer. Indem ich vielleicht
die allervergngteste Miene schneide, bin ich hchst ernsthaft und
gewissenhaft, und wo ich weiter nichts als zrtlich und schwrmerisch zu
sein scheine, bin ich ein solider Fachmann! Ich hoffe, da alle diese
eingehenden Aufklrungen Sie von meinen ehrlichen Bestrebungen
berzeugen und Sie vollauf befriedigen.

Der Beamte sagte: Gut!, und er fgte bei: Ihr Gesuch betreffs
Bewilligung mglichst niedrig zu veranschlagenden Steuersatzes werden
wir nher prfen und Ihnen diesbezglich baldige abschlgige oder
einwilligende Mitteilung machen. Fr freundlich abgelegten
Wahrheitsbericht und eifrig geleistete ehrliche Aussagen dankt man
Ihnen. Sie drfen einstweilen abtreten und Ihren Spaziergang
fortsetzen.

Da ich in Gnaden entlassen war, so eilte ich freudig fort und war bald
wieder im Freien. Freiheitsbegeisterungen ergriffen mich und rissen mich
hin. Ich komme jetzt endlich, nach so manchem tapfer bestandenem
Abenteuer und nach so manchem mehr oder weniger siegreich berwundenen
schwierigen Hindernis, zu dem lngst angemeldeten und vorausgesagten
Eisenbahnbergang, wo ich eine Weile stehen bleiben und niedlich warten
mute, bis etwa allmhlich der Zug gtigst die hohe Gnade gehabt htte,
suberlich vorberzufahren. Allerlei mnnliches und weibliches Volk
jeglichen Alters und Charakters stand und wartete wie ich an der Stange.
Die korpulente, nette Bahnwrtersfrau stand still wie eine Statue da und
musterte uns Herumstehende und Wartende grndlich. Der vorbeisausende
Eisenbahnzug war voll Militr, und alle zu den Fenstern
herausschauenden, dem lieben teuren Vaterland Dienste weihenden und
widmenden Soldaten, diese ganze fahrende Soldatenschule einerseits und
das unntze Zivilpublikum anderseits grten und winkten einander
gegenseitig freundlich und patriotisch, eine Bewegung, die rund herum
liebliche Stimmungen verbreitete. Da der bergang frei geworden war,
gingen ich und alle andern friedlich und ruhig weiter, und nun schien
mir jederlei Umgebung mit einmal noch tausendmal schner als vorher
geworden zu sein. Der Spaziergang schien immer schner, reicher und
grer werden zu wollen. Hier beim Bahnbergang schien mir der Hhepunkt
oder etwas wie das Zentrum zu sein, von wo aus es leise wieder sinken
wrde. Ich ahnte bereits etwas vom beginnenden sanften Abendabhang.
Etwas wie goldene Wehmutwonne und ser Schwermutzauber hauchte wie ein
stiller, hoher Gott umher. Hier ist es jetzt himmlisch schn, sagte
ich zu mir selber. Wie ein bezauberndes, Trnen heraufbeschwrendes
Abschiedlied lag das zarte Land mit seinen lieben, bescheidenen Wiesen,
Grten und Husern da. Tnend drangen leise uralte Volksklagen und
Leiden des guten, armen Volkes aus allen Seiten daher. Geister mit
entzckenden Gestalten und Gewndern tauchten gro und weich auf, und
die liebe, gute Landstrae strahlte himmelblau und wei und goldig.
Rhrung und Entzcken flogen wie aus dem Himmel niederstrzende
Engelsbilder ber die golden gefrbten, rosig angehauchten kleinen
Armutshuser, die der Sonnenschein zrtlich umarmte und umrahmte. Liebe
und Armut und silberner-goldener Hauch gingen und schwebten Hand in
Hand. Es war mir zumut, als rufe mich jemand Liebes beim Namen oder als
ksse und trste mich jemand. Gott der Allmchtige, unser gndiger Herr,
trat auf die Strae, um sie zu verherrlichen und himmlisch schn zu
machen. Einbildungen aller Art und Illusionen machten mich glauben, da
Jesus Christus heraufgestiegen sei und jetzt mitten unter den Leuten und
mitten durch die liebenswrdige Gegend wandere und umher wandle. Huser,
Grten und Menschen verwandelten sich in Klnge, alles Gegenstndliche
schien sich in eine Seele und in eine Zrtlichkeit verwandelt zu haben.
Ser Silberschleier und Seelennebel schwamm in alles und legte sich um
alles. Die Weltseele hatte sich geffnet, und alles Leid, alle
menschlichen Enttuschungen, alles Bse, alles Schmerzhafte schienen zu
entschwinden, um von nun an nie mehr wieder zu erscheinen. Frhere
Spaziergnge traten mir vor die Augen; aber das wundervolle Bild der
bescheidenen Gegenwart wurde zur berragenden Empfindung. Die Zukunft
verblate, und die Vergangenheit zerrann. Ich glhte und blhte selber
im glhenden, blhenden Augenblick. Aus nheren und weiteren
Entfernungen trat Groes und Gutes mit herrlicher Gebrde, Beglckungen
und Bereicherungen silberhell hervor, und ich phantasierte mitten in der
schnen Gegend von nichts anderem als nur eben von ihr. Alle brigen
Phantasien sanken zusammen und verschwanden in der Bedeutungslosigkeit.
Ich hatte die ganze reiche Erde dicht vor mir und schaute doch nur auf
das Kleinste und Bescheidenste. Mit Liebesgebrden hob sich und senkte
sich der Himmel. Ich war ein Inneres geworden und spazierte wie in einem
Innern; alles uere wurde zum Traum, das bisher Verstandene zum
Unverstndlichen. An der Oberflche herab strzte ich in die fabelhafte
Tiefe, die ich im Augenblick als das Gute erkannte. Was wir verstehen
und lieben, das versteht und liebt auch uns. Ich war nicht mehr ich
selber, war ein anderer und doch gerade darum erst recht wieder ich
selbst. Im sen Liebeslichte erkannte ich oder glaubte ich erkennen zu
sollen, da vielleicht der innerliche Mensch der einzige sei, der
wahrhaft existiert. Der Gedanke griff mich an: Wo wollten wir armen
Menschen sein, wenn es keine treue Erde gbe? Was htten wir noch, wenn
wir dieses Schne und Gute nicht htten? Wo sollte ich sein, wenn ich
nicht hier sein drfte? Hier habe ich alles, und anderswo htte ich
nichts.

Was ich sah, war ebenso klein und arm wie gro und bedeutend, ebenso
bescheiden wie reizend, ebenso nah wie gut und ebenso lieblich wie warm.
An zwei Husern, die wie lebendige, gemtliche Nachbarsgestalten nah
beieinander im hellen Sonnenlicht lagen, hatte ich groe Freude. Eine
Freude kam auf die andere, und in der weichen, zutraulichen Luft
schwebte ein Behagen auf und ab und zitterte es wie von verhaltenem
Vergngen. Eines der beiden kleinen, feinen Huser war das Wirtshaus zum
Bren; der Br war im Wirtshausschild trefflich und drollig
abgebildet. Kastanienbume berschatteten das zierliche, gutmtige Haus,
das sicher von lieben, netten, freundlichen Leuten bewohnt war; sah doch
das Haus nicht wie manche Bauwerke hochmtig, sondern wie die
Zutraulichkeit und Treue selber aus. berall, wohin das Auge blickte,
lag dichte, zufriedene Gartenpracht und schwebte grnes, dichtes Gewirr
von artigen Blttern. Das zweite Haus oder Huschen glich in seiner
sichtlichen Lieblichkeit und Niedrigkeit einem kindlich schnen Blatt
aus einem Bilderbuch, einer sen Illustration, so reizend und seltsam
stellte es sich dar. Die Welt rund um das Huschen erschien vollkommen
gut und schn. Ich verliebte mich in das bildschne, kleine Hauswesen
allsogleich bis ber die Ohren und wre von Herzen gern hineingegangen,
um mich einzunisten und einzumieten und fr immer im Zauberhuschen und
Kleinod zu wohnen, und mich wohlzufhlen; aber gerade die schnsten
Wohnungen sind leider Gottes meistens besetzt, und wer fr seinen
anspruchsvollen Geschmack eine passende Wohnung sucht, dem geht es
schlecht, weil, was leer steht und zu haben ist, oft greulich ist und
Grauen erregt. Das schne Huschen war sicherlich von einem
alleinstehenden Frauchen oder Gromtterchen bewohnt; es duftete danach
und schaute so danach aus. Wenn es gestattet ist, zu sagen, so melde ich
ferner, da an der Wand des Huschens Wandmalereien oder erhabene
Fresken strotzten, die himmlisch fein und lustig waren und eine
Schweizeralpenlandschaft darstellten, auf der wieder ein Haus und zwar
ein Berner-Oberlnderhaus stand, nmlich gemalt. Gut war die Malerei an
sich wahrhaftig keineswegs. Solches behaupten zu wollen wre keck.
Herrlich kam sie mir aber trotzdem vor. Simpel und einfltig, wie sie
war, entzckte sie mich; mich entzckt eigentlich jedes noch so dumme
und ungeschickte Stck Malerei, weil jedes Stck Malerei erstens an
Emsigkeit und Flei und zweitens an Holland erinnert. Ist denn nicht
jede Musik, auch die krglichste, fr den schn, der das Wesen und die
Existenz der Musik liebt? Ist nicht fast jeder beliebige Mensch, auch
der bseste und unangenehmste, fr den Freund der Menschen
liebenswrdig? Gemalte Landschaft mitten in der wirklichen Landschaft
ist kaprizis, pikant. Das wird niemand bestreiten knnen. Den
Tatbestand, da ein altes Mtterchen in dem Huschen wohne, nagelte und
heftete ich brigens gewi nicht fest und vermochte ich durchaus nicht
aufzunehmen. Mich nimmt aber nur wunder, warum ich hier Worte wie
Tatbestand in den Mund zu nehmen wage, wo alles so weich und voll
Menschennatur ist oder wenigstens sein soll wie Empfindungen und
Ahnungen eines Mutterherzens. brigens war das Huschen graublau
angestrichen und hatte hellgolden-grne Fensterlden, die zu lcheln
schienen, und rund herum in einem Zaubergrtchen dufteten die schnsten
Blumen. ber ein Lust- und Gartenhuschen neigte und krmmte sich in
entzckender Anmut ein Rosenstrauch und -Busch voll der schnsten Rosen.

Falls ich nicht krank, sondern gesund und munter bin, was ich hoffe und
woran ich nicht zweifeln will, kam ich, indem ich behaglich weiterging,
vor ein lndliches Friseurgeschft, mit dessen Inhalt und Inhaber ich
mich jedoch, wie mir scheint, nicht Grund habe abzugeben, da ich der
Meinung bin, da es noch nicht dringend ntig ist, mir das Haar
schneiden zu lassen, was ja vielleicht ganz hbsch und spahaft wre.
Ferner kam ich an einer Schusterwerkstatt vorbei, die mich an den
genialen aber unglcklichen Dichter Lenz erinnerte, der whrend der Zeit
seiner Geistes- und Gemtszerrttung Schuhe machen lernte und machte.
Schaute ich nicht auch im Vorbeigehen in ein Schulhaus und in eine
freundliche Schulstube hinein, wo gerade die gestrenge Schullehrerin
examinierte und kommandierte? Bei dieser Gelegenheit sei darauf
hingewiesen, wie sehr der Spaziergnger im Flug und im Nu wnschte,
wieder ein Kind und ein unfolgsamer, spitzbbischer Schulknabe sein zu
drfen, wieder zur Schule gehen und eine wohlverdiente Tracht Hiebe zur
Strafe fr begangene Unartigkeiten und Untaten einernten und in Empfang
nehmen zu knnen. Da wir von Prgel reden, sei gerade noch erwhnt und
beigeflochten, wir seien der Meinung, da ein Landmann ehrlich und
tchtig durchgeprgelt zu werden verdiente, der nicht zaudert, den
Schmuck der Landschaft und die Schnheit seines eigenen Heimwesens,
nmlich seinen hohen, alten Nubaum umzuhauen, um schndes, schlechtes,
trichtes Geld damit zu erhandeln. Ich kam nmlich an einem bildhbschen
Bauernhaus mit hohem, herrlich-mchtigem Nubaum vorbei; da stieg mir
der Prgel- und Handelsgedanke auf. Dieser hohe, majesttische Baum,
rief ich hell aus, der das Haus so wunderbar beschtzt und verschnt,
es in eine so ernste und frhliche Heimeligkeit und traute
Heimatlichkeit einspinnt, dieser Baum, sage ich, ist eine Gottheit, ein
Heiligtum, und tausend Peitschenhiebe dem gefhllosen und ruchlosen
Besitzer, der all diesen goldenen, himmlisch grnen Bltterzauber
verschwinden zu machen wagen darf, damit er seinen Gelddurst, das
Gemeinste und Schndeste, was es auf Erden gibt, befriedige. Solche
Trottel sollte man aus der Gemeinde ausstoen. Nach Sibirien oder nach
Feuerland mit solchen Schndern und Umstrzern des Schnen. Doch es gibt
gottlob auch Bauern, die Herz und Sinn fr etwas Zartes und Gutes
haben.

Ich bin vielleicht in Bezug auf den Baum, den Geiz, den Bauer, den
Transport nach Sibirien und die Prgel, die anscheinend der Bauer
verdient, weil er den Baum fllt, etwas zu weit gegangen und mu
gestehen, da ich mich habe hinreien lassen, zu zrnen. Freunde von
schnen Bumen werden indessen meinen Unmut begreifen und meinem so
lebhaft zum Ausdruck gebrachten Bedauern beistimmen. Die tausend
Peitschenhiebe nehme ich meinetwegen gerne zurck. Dem Ausdruck
Trottel versage selbst ich den Beifall. Ich mibillige das grobe Wort
und bitte den Leser deswegen um Entschuldigung. Da ich mich bereits
mehrmals entschuldigen mute, so habe ich im hflichen um Verzeihung
Bitten schon eine gewisse bung erlangt. Gefhlloser und ruchloser
Besitzer htte ich ebenfalls nicht ntig gehabt zu sagen. Es sind dies
geistige Erhitzungen, die vermieden werden mssen. Das ist klar. Den
Schmerz um eines schnen, hohen, alten Baumes Sturz lasse ich stehen und
eine bse Miene mache ich hierber sicher, woran mich niemand verhindern
darf. Aus der Gemeinde ausstoen ist unvorsichtig gesprochen, und was
die Geldgier betrifft, die ich als gemein bezeichnet habe, so nehme ich
an, da auch ich bereits ein oder das andere mal hindiesbezglich schwer
gefrevelt, gefehlt und gesndigt habe und da gewisse Elendigkeiten und
Gemeinheiten auch mir durchaus nicht fremd und unbekannt geblieben sind.
Mit diesen Stzen mache ich Flaumacherpolitik, wie man sie schner gar
nicht zu sehen bekommen kann; aber ich halte diese Politik fr eine
Notwendigkeit. Der Anstand gebietet uns, acht zu geben, da wir mit uns
selber ebenso streng verfahren wie mit andern, und da wir andere ebenso
milde und gelinde beurteilen wie uns selber, und letzteres tun wir ja
bekanntlich jederzeit unwillkrlich. Ist es nicht geradezu reizend, wie
ich hier Fehler sauber korrigiere und Verste abgltte? Indem ich
Eingestndnisse mache, erweise ich mich als friedfertig, und indem ich
Eckiges abrunde und Hartes weich mache, bin ich ein feiner, zarter
Abschwcher, zeige ich Sinn fr gute Tonart und bin ich diplomatisch.
Blamiert habe ich mich immerhin; aber ich hoffe, man anerkenne den guten
Willen.

Wenn jetzt jemand noch sagt, da ich ein rcksichtsloser Mensch,
Machtmensch und Machthaber sei, der blind drauflos geht, so behaupte
ich, d.h. wage ich zu hoffen, da ich das Recht habe, zu behaupten, da
sich die Person, die das sagt, bs irrt. So zart und sanft wie ich hat
vielleicht noch nie ein Autor bestndig an den Leser gedacht.

So, und nun kann ich mit Palais oder Adelspalsten dienstfertig
aufwarten und zwar wie folgt: Ich trumpfe frmlich auf; denn mit solch
einem halbverfallenen Edelsitz und Patrizierhaus, mit einem
altersgrauen, parkumgebenen, stolzen Rittersitz und Herrenhaus wie das
ist, das jetzt hier auftaucht, kann man Staat machen, Aufsehen erregen,
Neid erwecken, Bewunderung hervorrufen und Ehre einheimsen. Mancher arme
aber feine Literat wohnte mit Herzenslust und hchstem Vergngen in
solch einem Schlo oder Burg mit Hof und Einfahrt fr hochherrschaftliche,
wappengeschmckte Wagen. Mancher arme aber genufreudige
Maler trumt von zeitweiligem Aufenthalt auf kstlichen,
altertmlichen Landsitzen. Manches gebildete, aber vielleicht bettelarme
Stadtmdchen denkt mit wehmtigem Entzcken und mit idealem Eifer an
Teiche, Grotten, hohe Gemcher und Snften und sich selbst bedient von
eilfertigen Dienern und edelmtigen Rittern. Auf dem Herrenhause, das
ich da sah, d.h. mehr an als auf ihm, war die Jahreszahl 1709 zu sehen
und zu lesen, was mein Interesse natrlich lebhaft erhhte. Mit einem
gewissen Entzcken schaute ich als Natur- und Altertumsforscher in den
vertrumten, alten, sonderbaren Garten hinein, wo ich in einem Bassin
mit reizend pltscherndem Springbrunnen den seltsamsten meterlangen
Fisch, nmlich einen einsamen Wels, leicht entdeckte und konstatierte.
Ebenso sah und entdeckte ich und stellte ich mit romantischer Wonne fest
einen Gartenpavillon im maurischen oder arabischen Stil, schn und reich
mit Himmelblau, geheimnisvollem Sternen-Silber, Gold, Braun und edlem,
ernstem Schwarz bemalt. Ich vermutete und witterte mit hchst feinem
Verstndnis sogleich heraus, da der Pavillon ungefhr im Jahr 1858
entstanden sein und errichtet worden sein drfte, ein Ermitteln, Erraten
und Herausriechen, das mich vielleicht berechtigt, diesbetreffs einmal
einen einschlgigen Vortrag oder eine Vorlesung im Rathaussaal vor
vielem beifallfreudigem Publikum mit ziemlich stolzem Gesicht und
selbstbewuter Miene zuversichtlich abzuhalten. Den Vortrag erwhnte
sehr wahrscheinlich dann die Presse, was mir selbstverstndlich nur lieb
sein knnte; denn sie erwhnt manchmal allerlei mit keinem
Sterbenswrtchen. Indem ich den arabischen oder persischen
Gartenpavillon studierte, fiel mir ein, zu denken: Wie schn mu es
hier des Nachts sein, wenn alles mit einem beinahe undurchdringlichen
Dunkel umflort ist, alles ringsherum still, schwarz und lautlos ist,
Tannen aus dem Dunkel leise hervorragen, mitternchtliches Empfinden den
einsamen Wanderer festhlt, und nun eine Lampe, die sen, gelben Schein
verbreitet, in den Pavillon hineingetragen wird von einer schnen,
reizgeschmckten, edlen Frau, die dann, von einem eigentmlichen
Geschmack getrieben und von seltsamer Seelenanwandlung bewogen, auf dem
Piano, womit in diesem Fall natrlich unser Gartenhaus ausgestattet zu
sein hat, Lieder zu spielen beginnt, wozu sie, falls der Traum erlaubt
ist, mit entzckend schner, reiner Stimme singt. Wie wrde man da
lauschen, wie wrde man da trumen, wie wrde man ber die Nachtmusik
glcklich sein.

Aber es war nicht Mitternacht und weit und breit weder ein ritterliches
Mittelalter noch ein Jahr Fnfzehn- oder Siebzehnhundert, sondern heller
Tag und Werktag, und ein Trupp Leute nebst einem der unhflichsten und
unritterlichsten, barschesten und impertinentesten Automobile, die mir
je begegneten, strten mich an der Flle meiner gelehrten und
romantischen Betrachtungen sehr und warfen mich im Handumdrehen aus
aller Schlopoesie und Vergangenheitstrumerei heraus, derartig, da ich
unwillkrlich ausrief: Zwar sehr grob ist das, wie man mich hier
hindert, die feinsten Studien zu machen und mich in die vornehmsten
Vertiefungen zu versenken. Ich knnte entrstet sein; aber statt dessen
will ich lieber sanftmtig sein und manierlich leiden und dulden. S
ist der Gedanke an das vorbergegangene Schne und Holde, s ist das
edle blasse Gemlde untergegangener, ertrunkener Schnheit; aber der
Mitwelt und den Mitmenschen hat man keinen Grund deswegen den Rcken zu
kehren, und man darf nicht glauben, da man berechtigt sei, Leuten und
Einrichtungen zu grollen, weil sie die Stimmung nicht bercksichtigen,
die derjenige hat, der sich an Geschichtliches und Gedankliches
verliert.

Ein Gewittersturm, dachte ich im Weitergehen, wre hier schn.
Hoffentlich erlebe ich bei guter Gelegenheit einen solchen. An einen
guten, ehrlichen, kohlrabenschwarzen Hund, der am Weg lag, richtete ich
folgende spahafte Ansprache: Kommt dir scheinbar gnzlich unbelehrten
und unkultivierten Burschen wirklich nicht im entferntesten in den Sinn,
aufzustehen und mich mit deiner pechschwarzen Tatze zu gren, wo du mir
doch am Schritt und am ganzen brigen Gehaben ansehen mut, da ich ein
Mensch bin, der volle sieben gute Jahre lang in der Welt- und Hauptstadt
gelebt hat, und der whrend dieser Zeit aus dem Verkehr und angenehmen
Umgang mit ausschlielich gebildeten Menschen fast keine Minute,
geschweige denn Stunde oder gar Monat und Woche lang herausgekommen ist?
In welche Schule bist du, ruppiger Gesell, denn eigentlich gegangen?
Wie? Und nicht einmal eine kleine Antwort gibst du mir? Bleibst ruhig
liegen, schaust mich ruhig an, verziehst keine Miene und bleibst
unbeweglich wie ein Monument? Schme dich!

Tatschlich jedoch gefiel mir der Hund, der in der treuherzigen
Wachsamkeit und in der humorvollen Ruhe und Gelassenheit, die er zur
Schau trug, prchtig aussah, ungemein gut, und weil er mich so frhlich
anblinzelte, redete ich mit ihm, und weil er ja doch wohl kein Wort
verstand, durfte ich mir herausnehmen, ihn zu schelten, was aber, wie
man aus der Possierlichkeit der Redeweise gemerkt haben wird, jedenfalls
nicht bse gemeint sein konnte.

Beim Anblick eines hchst soigniert dahertrabenden und wackelig
stolzierenden feinen steifen Herrn hatte ich den wehmtigen Gedanken:
Und vernachlssigte kleine arme schlechtgekleidete Kinder? Ist es
mglich, da so ein schngekleideter, grandios aufgeputzter, glnzend
ausstaffierter und austapezierter, ring- und schmuckbehangener,
geschniegelter und gewichster Herr keinen Augenblick an arme junge
Geschpfe denkt, die oft genug in Fetzen einhergehen, traurigen Mangel
an Pflege und Suberlichkeit offenbaren und klglich verwahrlost sind?
Geniert sich der Pfau nicht ein bichen? Fhlt sich der Herr Erwachsene,
der so schn einhergeht, beim Anblick der schmutzigen, fleckigen Kleinen
ganz und gar nicht betroffen? Mich dnkt, es drfte kein erwachsener
Mensch Lust zeigen, geputzt aufzutreten, solange es immer noch Kinder
gibt, denen jeder uere Schmuck mangelt.

Aber man knnte mit ebenso viel Recht sagen, da niemand ins Konzert
gehen oder eine Theatervorstellung besuchen oder sonstwelche Lustbarkeit
genieen sollte, solange es Gefngnisse und Strafanstalten mit
unglcklichen Gefangenen in der Welt gibt. Dies geht selbstverstndlich
zu weit. Und wenn jemand mit Genieen und mit aller Lebenslust solange
warten wollte, bis die Welt endlich keine unglcklichen armen Menschen
mehr aufweisen wrde, so mte er bis an das graue unausdenkbare Ende
aller Tage und bis ans eisigkalte, de Ende der Welt warten, und bis
dahin drfte ihm die Lust und das Leben selber grndlich vergangen sein.

Eine zerzauste, zerarbeitete, zermrbte, wankende Arbeiterin, die
auffllig mde und geschwcht und doch hastig daherkam, weil sie
offenbar rasch noch allerlei zu verrichten hatte, mahnte mich im
Augenblick an feingepflegte, verwhnte Tchterchen oder hhere Tchter,
die oft nicht wissen oder zu wissen scheinen, mit welcher Art zierlicher
vornehmer Beschftigung oder Zerstreuung sie ihren Tag zu verbringen
haben, und die vielleicht nie rechtschaffen mde sind, die tagelang,
wochenlang darber nachdenken, was sie tragen knnten, um den Glanz
ihres Bildes zu erhhen, und die lange Betrachtungen darber anzustellen
Zeit in Hlle und Flle haben, was sie bewerkstelligen sollen, damit
mehr und immer mehr bertriebene krnkliche Finessen ihre Person und ihr
ses, zuckerbckerhaftes Figrchen einhllen.

Aber ich bin ja meistens selber ein Liebhaber und Verehrer solcher
liebenswrdiger, bis ins uerste gepflegter, mondscheinhaft schner,
zarter Mdchenpflanzen. Ein reizendes Backfischchen knnte mir befehlen,
was ihm einfiele, ich wrde ihm blindlings gehorchen. O wie ist die
Schnheit schn und das Hinreiende hinreiend!

Wieder komme ich auf Architektur und Baukunst zu sprechen, wobei ein
Stckchen oder Fleckchen Kunst und Literatur zu bercksichtigen sein
wird.

Vorher eine Bemerkung: Alte edle wrdige Huser, historische Sttten und
Bauten mit Blmchen-Ornamentik zu beputzen, kndigt denkbar schlechten
Geschmack an. Wer das tut oder tun lt, sndigt gegen den Geist des
Wrdigen und Schnen und verletzt die schne Erinnerung an unsere ebenso
tapferen wie edlen Vorfahren. Zweitens bekrnze und bestecke man nie
Brunnen-Architekturen mit Blumen. Blumen sind an sich freilich schn;
aber sie sind nicht dazu da, um die edle Strenge und strenge Schnheit
von Steinbildern zu verlalifaren und zu verwischen. berhaupt kann die
Vorliebe fr Blumen in dumme Blumensucht ausarten. Persnlichkeiten,
Magistrate, die dies angeht, mgen sich autoritativen Ortes erkundigen,
ob ich recht habe, und sich hernach hbsch danach gtig verhalten.

Um zwei schne und interessante Gebulichkeiten zu erwhnen, die mich
stark fesselten und meine Aufmerksamkeit in ungewhnlichem Grad in
Anspruch nahmen, sei gesagt, da ich nmlich, indem ich so meinen Weg
weiter verfolgte, vor eine entzckende seltsame Kapelle kam, die ich
sogleich die Brentano-Kapelle nannte, weil ich sah, da sie aus der
phantasieumwobenen, goldumhauchten, halb hellen und halb dunklen Zeit
der Romantiker stammte. Der groe wilde strmische dunkle Roman Godwin
von Brentano fiel mir ein. Hohe schlanke Bogenfenster gaben dem hchst
originellen, sonderbaren Gebude ein zartes, liebliches Ansehen und
verliehen ihm den Geist des Zaubervollen, den Zauber der Innigkeit und
des gedankenhaften Lebens. Feurige tiefsinnige Landschaftschilderungen
von eben erwhntem Dichter kamen mir in Erinnerung, namentlich die
Beschreibung deutscher Eichenwlder. Bald darauf stand ich vor der Villa
genannt Terrasse, die mich an den Maler Karl Stauffer-Bern, der hier
zeitweise wohnte und hauste, und gleichzeitig an gewisse sehr vornehme
edle Baulichkeiten mahnte, die an der Tiergartenstrae zu Berlin stehen,
die um des strengen, hoheitvollen und schlicht-klassischen Stiles
willen, den sie zum Ausdruck bringen, sympathisch und sehenswrdig sind.
Das Staufferhaus und die Brentano-Kapelle stellten sich mir als
Denkmler zweier streng von einander getrennter Welten dar, die beide
auf ihre eigentmliche Art anmutig, unterhaltend und bedeutend sind.
Hier die gemessene, khle Eleganz, dort der bermtige, tiefsinnige
Traum, hier etwas Feines und Schnes und dort etwas Feines und Schnes,
aber als Wesen und Bildung vllig verschieden, obwohl einander der Zeit
nach nah. Es fngt jetzt auf meinem Spaziergang allmhlich an zu
abenden, und das stille Ende, scheint mir, sei nicht mehr gar so fern.

Einige Alltglichkeiten und Verkehrserscheinungen sind hier vielleicht
ganz am Platz, nmlich etwa der Reihe nach: eine stattliche
Klavierfabrik nebst andern Fabriken und Etablissementen, eine
Pappelallee dicht neben einem schwrzlichen Flu, Mnner, Frauen,
Kinder, elektrische Straenbahnwagen, ihr Krchzen und der ausschauende
verantwortliche Feldherr oder Fhrer, ein Trupp reizend gescheckter und
gefleckter blafarbiger Khe, Bauernfrauen auf Bauernwagen und
dazugehriges Rdergeroll und Peitschenknallen, etliche schwerbepackte,
hochaufgetrmte Lastwagen, Bierwagen und Bierfsser, heimkehrende, aus
der Fabrik hervorstrmende und -brechende Arbeiter, das berwltigende
dieses Massen-Anblicks und -Artikels und seltsame Gedanken hierauf
bezglich; Gterwagen mit Gtern vom Gterbahnhof herfahrend, ein ganzer
fahrender und wandernder Zirkus mit Elefanten, Pferden, Hunden, Zebras,
Giraffen, in Lwenkfigen eingesperrten grimmigen Lwen, mit Singalesen,
Indianern, Tigern, Affen und einherkriechenden Krokodilen,
Seiltnzerinnen und Eisbren und all dem ntigen Reichtum an Gefolge,
Dienerschaft, Artistenpack und -Personal, weiter: Jungens mit hlzernen
Waffen bewaffnet, die den europischen Krieg nachahmen, indem sie
smtliche Kriegsfurien entfesseln, ein kleiner Galgenstrick, der das
Lied Hunderttausend Frsche singt, worauf er mchtig stolz ist;
ferner: Holzer und Waldmenschen mit Karren voll Holz, zwei bis drei
Prachtschweine, wobei sich die lebhafte Phantasie des Beschauers die
Kstlichkeit und Annehmlichkeit eines herrlich duftenden, fertig
zubereiteten Schweinebratens gierig ausmalt, was ja verstndlich ist;
ein Bauernhaus mit Sinnspruch ber der Einfahrt, zwei Bhminnen,
Galizierinnen, Slavinnen, Wendinnen oder gar Zigeunerinnen in roten
Stiefeln und mit pechschwarzen Augen und dito Haar, bei welchem
fremdartigen Anblick man vielleicht an den Gartenlauberoman Die
Zigeunerfrstin denkt, der zwar in Ungarn spielt, was aber wenig
ausmacht, oder an Preziosa, die ja zwar spanischen Ursprungs ist, was
man aber nicht gar so genau zu nehmen braucht. Ferner an Lden: Papier-,
Fleisch-, Uhren-, Schuh-, Hut-, Eisen-, Tuch-, Kolonialwaren-,
Spezerei-, Galanterie-, Mercerie-, Bcker- und Zuckerbckerlden. Und
berall, auf allen diesen Dingen liebe Abendsonne. Ferner viel Lrm und
Gerusch, Schulen und Schullehrer, letztere mit Gewicht und Wrde im
Gesicht, Landschaft und Luft und viele Malerei. Ferner nicht zu
bersehen oder zu vergessen: Aufschriften und Ankndigungen wie Persil
oder Maggis unbertroffene Suppenrollen oder Continental-Gummiabsatz
enorm haltbar oder Grundstck zu verkaufen oder Die beste
Milch-Schokolade oder ich wei wahrhaftig nicht, was sonst noch alles.
Wollte man so aufzhlen, bis alles getreulich aufgezhlt wre, so kme
man an kein Ende. Einsichtige fhlen und merken das. Ein Plakat oder
Tafel fiel mir vorzglich auf; der Inhalt war folgender:

  Kostgngerei

oder feine Herrenpension empfiehlt feinen oder wenigstens besseren
Herren ihre prima Kche, die derartig ist, da wir mit ruhigem Gewissen
sagen knnen, sie befriedige den verwhntesten Gaumen und entzcke den
lebhaftesten Appetit. Auf allzu hungrige Mgen mchten wir indessen
lieber verzichten zu reflektieren. Die Kochkunst, die wir darbieten,
entspricht hherer Erziehung, womit wir angedeutet haben mchten, da es
uns lieb sein wird, nur wirklich gebildete Herren an unserer Tafel
schmausen zu sehen. Kerlen, die ihren Wochen- und Monatslohn vertrinken
und daher nicht prompt zu zahlen imstande sind, wnschen wir nicht im
entferntesten zu begegnen; vielmehr halten wir inbezug auf unsere sehr
geehrte Kostgngerschaft auf zarten Anstand und gefllige Manieren.
Reizende, artige Tchter pflegen bei uns an den kstlich gedeckten, mit
Blumen aller Art geschmckten, appetitlichen Tischen zu servieren. Wir
sprechen das aus, damit Herren Reflektanten einsehen, wie ntig es ist,
sich von dem Augenblick an fein zu benehmen und tatschlich flott und
proper aufzufhren, wo der allfllige Herr Pensionr seinen Fu in
unsere estimable, respektable Pension setzt. Mit Wstlingen und
Raufbolden, mit Prahlhelden und Grotuern wollen wir ganz entschieden
nichts zu schaffen haben. Solche, die Anla zu haben glauben, sich zu
sagen, da sie zu dieser Sorte gehren, wollen die Gte haben, unserem
Institut ersten Ranges fern zu bleiben und uns mit ihrer unangenehmen
Gegenwart zu verschonen. Jeder nette, zarte, hfliche, artige, feine,
zuvorkommende, freundliche, frhliche, aber nicht bermig freudige und
frhliche, sondern eher leise, vor allen Dingen aber zahlungsfhige,
solide, pnktlich zahlende Herr hingegen wird uns in der Tat in jeder
Hinsicht willkommen sein, und er soll auf das feinste bedient und auf
das allerhflichste und schnste behandelt sein; das versprechen wir
ehrlich und denken es auch allezeit zu halten, da es eine Lust ist. Ein
solcher netter, reizender Herr soll auf unserer Tafel so ausgesuchte
Leckerbissen finden, wie er die grte Mhe haben wrde, sie andernortes
anzutreffen; denn tatschlich gehen aus unserer exquisiten Kche
Meisterwerke der Kochkunst hervor; das wird jeder Gelegenheit haben zu
besttigen, der es mit unserer vornehmen Herrenkostgngerei versuchen
will, wozu wir ihn auffordern und jederzeit ermuntern. Das Essen, das
wir auf den Tisch setzen, bersteigt sowohl an Gte wie an Menge jeden
einigermaen gesunden Begriff, und keine noch so lebhafte Phantasie und
menschliche Einbildungskraft ist fhig, sich die delikaten und
mundwssernden Bissen auch nur annhernd vorzustellen, die wir zu
verabfolgen und vor die freudig erstaunten Gesichter unserer Herren
Emannschaften zu stellen gewhnt sind. Aber es kommen, wie bereits
mehrmals betont, nur bessere Herren in Betracht, und man erlaube uns
gtig, um Irrtmer zu vermeiden und Zweifel zu beseitigen, unsere
diesbezgliche Auffassung kurz kundzutun. In unseren Augen ist nur
derjenige ein besserer Herr, der von Feinheit und Bessersein strotzt und
der in jeder Beziehung halt einfach viel besser ist als andere schlichte
Leute. Leute, die weiter nichts als schlicht sind, passen uns durchaus
nicht. Ein besserer Herr ist nach unserer Meinung nur der, der sich
ziemlich viel eitles und albernes Zeug einbildet und der sich vor allen
Dingen einzubilden vermag, da seine Nase besser ist als irgend eines
beliebigen andern guten und vernnftigen Menschen Nase. Das Betragen
eines bessern Herrn spricht diese eigentmliche Voraussetzung deutlich
aus, und hierauf verlassen wir uns. Wer nur gut, grad und ehrlich ist
und weiter keinen andern bedeutsamen Vorzug aufweist, der bleibe uns
bitte fern; denn er scheint uns kein feinerer und besserer Herr zu sein.
Fr die Auswahl von nur feinsten und gediegensten besseren Herren
besitzen wir das feinste Verstndnis. Wir merken es sofort am Gang, an
der Tonart, an der Art, Unterhaltung zu machen, am Gesicht, an den
Bewegungen und namentlich an der Kleidung, am Hut, am Stock, an der
Blume im Knopfloch, die entweder existiert oder nicht, ob ein Herr zu
den besseren Herren zu zhlen sei oder nicht. Der Scharfblick, den wir
hierin besitzen, grenzt an Zauberei, und wir wagen zu behaupten, da wir
uns in diesen Stcken eine gewisse Genialitt zumuten. So, nun wei man,
mit welcher Art von Leuten wir rechnen, und kommt ein Mensch zu uns, dem
wir von weitem ansehen, da er sich fr uns und unsere Pension nicht
eignet, so sagen wir ihm: Wir bedauern sehr, und es tut uns recht
leid.

Zwei bis drei Leser werden vielleicht in die Wahrscheinlichkeit dieses
Plakates einige Zweifel setzen, indem sie sich sagen werden, da man
nicht recht daran glauben knne.

Vielleicht sind da oder dort Wiederholungen vorgekommen. Ich mchte aber
bekennen, da ich Natur und Menschenleben als eine ebenso schne wie
reizende Flucht von Wiederholungen anschaue, und ich mchte auerdem
bekennen, da ich eben diese Erscheinung als Schnheit und als Segen
betrachte. Es gibt freilich manchenortes durch berreizung verdorbene,
sensationslsterne Neuigkeitenschnapper und -Lecker, Menschen, die fast
jede Minute nach irgend noch niedagewesenen Genssen lsten. Fr
solcherlei Leute dichtet der Dichter keinesfalls, wie der Musiker nicht
Musik fr sie macht und der Maler nicht fr sie malt. Im groen und
ganzen dnkt mich das stetige Bedrfnis nach Genu und Kost von immer
wieder gnzlich neuen Dingen ein Zug von Kleinheit, Mangel an innerem
Leben, Naturentfremdung und mittelmiger oder mangelhafter
Auffassungsgabe zu sein. Kleine Kinder sind es, denen man immer irgend
etwas Neues und Anderes vorfhren mu, damit sie nur nicht unzufrieden
sind. Der ernsthafte Schriftsteller fhlt sich nicht berufen,
Anhufungen des Stofflichen zu besorgen, nervser Gier behender Diener
zu sein, und er frchtet sich folgerichtigerweise nicht vor einigen
natrlichen Wiederholungen, obgleich er sich selbstverstndlich stets
Mhe gibt, zu viele hnlichkeiten fleiig zu verhten.

Es war nun Abend geworden, und da gelangte ich auf einem hbschen,
stillen Weg oder Seitenweg, der unter Bumen hinlief, zum See hinaus,
und hier endete der Spaziergang. In einem Erlenwldchen, am Rand des
Wassers, war eine Knaben- und Mdchenschule versammelt, und der Herr
Pfarrer oder Lehrer erteilte inmitten der Abendnatur Naturunterricht und
Anschauungslehre. Mir fielen, indem ich langsam weiterging, zweierlei
Menschengestalten ein. Vielleicht infolge gewisser umfassender Ermdung
dachte ich an ein schnes Mdchen und daran, wie ich so allein in der
weiten Welt sei und da das nicht ganz recht sein knne. Selbstvorwrfe
rhrten mich von hinten an und traten mir von vorn in den Weg, und ich
hatte stark zu kmpfen. Gewisse bse Erinnerungen bemchtigten sich
meiner. Selbstanklagen machten mir urpltzlich das Herz schwer. Indessen
suchte und sammelte ich in der Umgebung, teils in einem Wldchen, teils
im Felde, Blumen. Sanft und leise fing es an zu regnen, wodurch das
zarte Land noch zarter und stiller wurde. Mir war es, als weine es, und
whrend ich Blumen sammelte, horchte ich auf das leise Weinen, das auf
die Bltter herabrieselte. Warmer, schwacher Sommerregen, wie bist du
s! Warum sammle ich hier Blumen, fragte ich mich und schaute
nachdenklich zu Boden, und der zarte Regen vergrerte meine
Nachdenklichkeit, die er bis zur Trauer steigerte. Alte vergangene
Verfehlungen fielen mir ein, Treubruch, Ha, Trotz, Falschheit,
Hinterlist, Bosheit und vielerlei heftige, unschne Auftritte.
Ungezgelte Leidenschaft, wilde Wnsche, und wie ich gar manchen Leuten
wehgetan hatte, wie ich Unrecht getan hatte. Wie eine Schaubhne voll
dramatischer Szenen ffnete sich mir das vorbergegangene Leben, und ich
mute ber meine zahlreichen Schwchen, ber alle Unfreundlichkeiten und
Lieblosigkeiten, die ich hatte fhlen lassen, unwillkrlich staunen. Da
trat mir die zweite Gestalt vor die Augen, und ich sah pltzlich den
alten, mden, armen, verlassenen Mann wieder, den ich vor einigen Tagen
in einem Wald am Boden liegen gesehen hatte, und zwar so erbrmlich,
bla und zum Sterben klglich, so leidvoll und todesmatt, da mich der
traurige und seelenbeengende Anblick tief erschreckt hatte. Diesen mden
Mann schaute ich jetzt im Geiste, und es wurde mir schwach davon. Ich
fhlte das Bedrfnis, mich irgendwo hinzulegen, und da gerade ein
freundliches, trauliches Uferpltzchen in der Nhe war, so machte ich es
mir, gewissermaen erschpft wie ich war, auf dem weichen Boden unter
dem treuherzigen Geste eines Baumes bequem. Erde, Luft und Himmel
anschauend, kam mich der betrbliche, unweigerliche Gedanke an, da ich
zwischen Himmel und Erde ein armer Gefangener sei, da alle Menschen auf
diese Art und Weise klglich gefangen seien, da es fr alle nur den
einen finsteren Weg gebe, nmlich in das Loch hinab, in die Erde, da es
keinen andern Weg in die andere Welt gebe als den, der durch das Grab
geht. So mu denn alles, alles, dieses ganze reiche Leben, die
freundlichen, gedankenvollen Farben, dieses Entzcken, diese
Lebensfreude und Lebenslust, alle diese menschlichen Bedeutungen,
Familie, Freund und Geliebte, diese helle, zrtliche Luft voll gttlich
schner Bilder, die Vater- und Mutterhuser und lieben, sanften Straen
eines Tages vergehen und sterben, die hohe Sonne, der Mond, und die
Herzen und Augen der Menschen. Lange dachte ich darber nach und bat im
stillen die Menschen, denen ich vielleicht weh getan haben mochte, um
Verzeihung. Lange lag ich in undeutlichen Gedanken da, bis mir wieder
das Mdchen einfiel, das so schn und jugendfrisch war, so se, gute,
reine Augen hatte. Ich stellte mir recht lebhaft vor, wie reizend ihr
kindlich-hbscher Mund sei, wie hbsch ihre Wangen, und wie ihre
krperliche Erscheinung mich mit ihrer melodischen Weichheit bezaubere,
wie ich vor einiger Zeit sie etwas fragte, wie sie im Zweifel und
Unglauben die schnen Augen niederschlug, und daran, wie sie nein
sagte, als ich sie fragte, ob sie an meine aufrichtige Liebe, Zuneigung,
Hingabe und Zrtlichkeit glaube. Die Umstnde hatten ihr befohlen, zu
reisen, und sie war fortgegangen. Vielleicht wrde ich sie noch
rechtzeitig haben berzeugen knnen, da ich es gut mit ihr meine, da
ihre liebenswrdige Person mir wichtig und da es mir aus vielen schnen
Grnden daran gelegen sei, sie glcklich zu machen und damit mich
selbst; aber ich gab mir weiter keine Mhe mehr, und sie ging fort. Wozu
dann die Blumen? Sammelte ich Blumen, um sie auf mein Unglck zu
legen?, fragte ich mich, und der Strau fiel mir aus der Hand. Ich
hatte mich erhoben, um nach Hause zu gehen; denn es war schon spt, und
alles war dunkel.




Von =Robert Walser= sind erschienen:


~Fritz Kochers Aufstze~ / Inselverlag.

~Geschwister Tanner~, Roman / Bruno Cassirer, Berlin.

~Der Gehlfe~, Roman / Bruno Cassirer, Berlin.

~Jakob v. Gunten~, Roman / Bruno Cassirer, Berlin.

~Gedichte~ / Bruno Cassirer, Berlin.

~Aufstze~ / Kurt Wolff, Leipzig.

~Geschichten~ / Kurt Wolff, Leipzig.




Schweizerische Erzhler

Die zeitgenssische Novellendichtung der Schweiz in Einzelausgaben


  Jedes Werkchen in Pappband mit Farbschnitt ~80 Rappen~


Zwei Urteile:

Diese Sammlung, die Wohlfeilheit, Anmut der Ausstattung und Erlesenheit
des Inhalts vereinigt, ist ein Zeugnis der zum Bewutsein erwachten
nationalschweizerischen Literatur.

  Frankfurter Ztg.

Die sechs allerliebsten Oktavbndchen sind eine solche Augenwonne, da
man um Worte des Lobes vom Morgen- bis zum Abendstern nicht verlegen
wre. Manche meisterliche Gabe hlt sie zusammen, soda man gleich so
unbescheiden ist, sich alle sechs zu wnschen, als Anfang einer
zierlichen kleinen Schweizerbibliothek, die sich ihr Programm und ihre
weitern Ueberraschungen offen hlt.

  Neue Zrcher Zeitung


Die erste Gruppe

Titel und Deckelzeichnung sind den besten Rahmentiteln des 18.
Jahrhunderts nachgeahmt, der Zeit, die das Gewand des Buches mit grter
Innigkeit behandelte, in der das Buch das bevorzugte Angebinde zwischen
Liebenden war.

  =Inhalt=:

   1. Band: ~Maria Thurnheer von Paul Ilg.~
   2. Band: ~Drei altmodische Liebesgeschichten von Meinrad Lienert.~
   3. Band: ~Daniel Pfund von Alfred Huggenberger.~
   4. Band: ~Schalkhafte Geschichten von Felix Mschlin.~
   5. Band: ~In der Glcksschaukel. Drei Novellen von Olga Amberger.~
   6. Band: ~Bauz. Zwei Erzhlungen von Albert Steffen.~


Die zweite Gruppe

Ihre Ausstattung legt vom Buchgeschmack der jngsten Gegenwart Zeugnis
ab. Die bedeutendsten Buchknstler Deutschlands (Ehmke, Preetorius,
Tiemann, Walser) und der Schweiz (Baumberger, Cardinaux) sind hier in
einen hochinteressanten Wettbewerb getreten: jeder hat die
Deckelzeichnung eines andern Bndchens bernommen.

  =Inhalt=:

   7. Band: ~Der Lsterer von Ernst Zahn.~
   8. Band: ~Das verlassene Dorf. Zwei Geschichten aus dem Wallis von
            Johannes Jegerlehner.~
   9. Band: ~Der Spaziergang von Robert Walser.~
  10. Band: ~Fsilier Wipf. Eine Geschichte aus dem Grenzdienst von
            Robert Faesi.~
  11. Band: ~Leiden. Erzhlungen von Ruth Waldstetter.~
  12. Band: ~Odil. Zwei Erzhlungen von Max Pulver.~

  =Verlag: Huber & Co.= / =Frauenfeld= und =Leipzig=




  [ Im folgenden werden alle genderten Textzeilen angefhrt, wobei
    jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die genderte Zeile
    steht.

  Gemtsverfassung, die mich tief beglckte. Die morgenliche
  Gemtsverfassung, die mich tief beglckte. Die morgendliche

  Kriegsgefahr Tod, Elend, Ha und Verwundungen auf der Erde verbreitet
  Kriegsgefahr, Tod, Elend, Ha und Verwundungen auf der Erde verbreitet

  wehrte mir Frau Aebi ab, imdem sie sagte, da sie auf jederlei
  wehrte mir Frau Aebi ab, indem sie sagte, da sie auf jederlei

  entgegenzutreten und die schlichte, nakte Wahrheit zu sagen, und diese
  entgegenzutreten und die schlichte, nackte Wahrheit zu sagen, und diese

  ist nichts wert, Er mu jederzeit des Mitleides, des Mitempfindens und
  ist nichts wert. Er mu jederzeit des Mitleides, des Mitempfindens und

  ~Fritz Kochlers Aufstze~ / Inselverlag.
  ~Fritz Kochers Aufstze~ / Inselverlag.

  ~Der Gehilfe~, Roman / Bruno Cassirer, Berlin.
  ~Der Gehlfe~, Roman / Bruno Cassirer, Berlin.

  ]






End of the Project Gutenberg EBook of Der Spaziergang, by Robert Walser

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER SPAZIERGANG ***

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Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
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increasing the number of public domain and licensed works that can be
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array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
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where we have not received written confirmation of compliance.  To
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particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
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