Project Gutenberg's Die Verwirrungen des Zglings Trle, by Robert Musil

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Title: Die Verwirrungen des Zglings Trle

Author: Robert Musil

Release Date: December 21, 2010 [EBook #34717]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE VERWIRRUNGEN DES ZOGLINGS ***




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                              ROBERT MUSIL

                            Die Verwirrungen
                          des Zglings Trle


                             Wiener Verlag
                            Wien und Leipzig
                                  1906




Eine kleine Station an der Strecke, welche nach Ruland fhrt.

Endlos gerade liefen vier parallele Eisenstrnge nach beiden Seiten
zwischen dem gelben Kies des breiten Fahrdammes; neben jedem wie
ein schmutziger Schatten der dunkle, von dem Abdampfe in den Boden
gebrannte Strich.

Hinter dem niederen, lgestrichenen Stationsgebude fhrte eine breite,
ausgefahrene Strae zur Bahnhofsrampe herauf. Ihre Rnder verloren
sich in dem ringsum zertretenen Boden und waren nur an zwei Reihen
Akazienbumen kenntlich, die traurig mit verdursteten, von Staub und
Ru erdrosselten Blttern zu beiden Seiten standen.

Machten es diese traurigen Farben, machte es das bleiche, kraftlose,
durch den Dunst ermdete Licht der Nachmittagssonne: Gegenstnde und
Menschen hatten etwas Gleichgltiges, Lebloses, Mechanisches an sich,
als seien sie aus der Szene eines Puppentheaters genommen. Von Zeit
zu Zeit, in gleichen Intervallen, trat der Bahnhofsvorstand aus seinem
Amtszimmer heraus, sah mit der gleichen Wendung des Kopfes die weite
Strecke hinauf nach den Signalen der Wchterhuschen, die immer noch
nicht das Nahen des Eilzuges anzeigen wollten, der an der Grenze groe
Versptung erlitten hatte; mit ein und derselben Bewegung des Armes zog
er sodann seine Taschenuhr hervor, schttelte den Kopf und verschwand
wieder; so wie die Figuren kommen und gehen, die aus alten Turmuhren
treten, wenn die Stunde voll ist.

Auf dem breiten, festgestampften Streifen zwischen Schienenstrang
und Gebude promenierte eine heitere Gesellschaft junger Leute, links
und rechts eines lteren Ehepaares schreitend, das den Mittelpunkt
der etwas lauten Unterhaltung bildete. Aber auch die Frhlichkeit
dieser Gruppe war keine rechte; der Lrm des lustigen Lachens schien
schon auf wenige Schritte zu verstummen, gleichsam an einem zhen,
unsichtbaren Widerstande zu Boden zu sinken.

Frau Hofrat Trle, dies war die Dame von vielleicht vierzig Jahren,
verbarg hinter ihrem dichten Schleier traurige, vom Weinen ein wenig
gertete Augen. Es galt Abschied zu nehmen. Und es fiel ihr schwer, ihr
einziges Kind nun wieder auf so lange Zeit unter fremden Leuten lassen
zu mssen, ohne Mglichkeit, selbst schtzend ber ihren Liebling zu
wachen.

Denn die kleine Stadt lag weitab von der Residenz, im Osten des
Reiches, in sprlich besiedeltem, trockenem Ackerland.

Der Grund, dessentwegen Frau Trle es dulden mute, ihren Jungen in
so ferner, unwirtlicher Fremde zu wissen, war, da sich in dieser
Stadt ein berhmtes Konvikt befand, welches man schon seit dem vorigen
Jahrhunderte, wo es auf dem Boden einer frommen Stiftung errichtet
worden war, hier herauen belie, wohl um die aufwachsende Jugend
vor den verderblichen Einflssen einer Grostadt zu bewahren.

Denn hier erhielten die Shne der besten Familien des Landes ihre
Ausbildung, um nach Verlassen des Institutes die Hochschule zu
beziehen oder in den Militr- oder Staatsdienst einzutreten und in
allen diesen Fllen, sowie fr den Verkehr in den Kreisen der guten
Gesellschaft galt es als besondere Empfehlung, im Konvikte zu W.
aufgewachsen zu sein.

Vor vier Jahren hatte dies das Elternpaar Trle bewogen, dem
ehrgeizigen Drngen seines Knaben nachzugeben und seine Aufnahme in das
Institut zu erwirken.

Dieser Entschlu hatte spter viele Trnen gekostet. Denn fast seit
dem Augenblicke, da sich das Tor des Institutes unwiderruflich hinter
ihm geschlossen hatte, litt der kleine Trle an frchterlichem,
leidenschaftlichem Heimweh. Weder die Unterrichtsstunden noch die
Spiele auf den groen ppigen Wiesen des Parkes noch die anderen
Zerstreuungen, die das Konvikt seinen Zglingen bot, vermochten ihn
zu fesseln; er beteiligte sich kaum an ihnen. Er sah alles nur wie
durch einen Schleier hindurch und hatte selbst untertags hufig Mhe,
ein hartnckiges Schluchzen hinabzuwrgen; des Abends schlief er
aber stets unter Trnen ein.

Er schrieb Briefe nach Hause, beinahe tglich, und er lebte nur in
diesen Briefen; alles andere, was er tat, schien ihm nur ein
schattenhaftes, bedeutungsloses Geschehen zu sein, gleichgltige
Stationen, wie die Stundenziffern eines Uhrblattes. Wenn er aber
schrieb, fhlte er etwas Auszeichnendes, Exklusives in sich; wie eine
Insel voll wunderbarer Sonnen und Farben hob sich etwas in ihm aus dem
Meere grauer Empfindungen heraus, das ihn Tag um Tag kalt und
gleichgltig umdrngte. Und wenn er untertags, bei den Spielen oder
im Unterrichte, daran dachte, da er abends seinen Brief schreiben
werde, so war ihm, als trge er an unsichtbarer Kette einen goldenen
Schlssel verborgen, mit dem er, wenn es niemand sieht, das Tor von
wunderbaren Grten ffnen werde.

Das Merkwrdige daran war, da diese jhe, verzehrende Hinneigung zu
seinen Eltern fr ihn selbst etwas Neues und Befremdendes hatte. Er
hatte sie vorher nicht geahnt, er war gern und freiwillig ins Institut
gegangen, ja er hatte gelacht, als sich seine Mutter beim ersten
Abschied vor Trnen nicht fassen konnte, und dann erst, nachdem er
schon einige Tage allein gewesen war und sich verhltnismig wohl
befunden hatte, brach es pltzlich und elementar in ihm empor.

Er hielt es fr Heimweh, fr Verlangen nach seinen Eltern. In Wirklichkeit
war es aber etwas viel Unbestimmteres und Zusammengesetzteres. Denn der
Gegenstand dieser Sehnsucht, das Bild seiner Eltern, war darin
eigentlich gar nicht mehr enthalten. Ich meine diese gewisse plastische,
nicht blo gedchtnismige, sondern krperliche Erinnerung an eine
geliebte Person, die zu allen Sinnen spricht und in allen Sinnen bewahrt
wird, so da man nichts tun kann, ohne schweigend und unsichtbar den
anderen zur Seite zu fhlen. Diese verklang bald wie eine Resonanz, die
nur noch eine Weile fortgezittert hatte. Trle konnte sich damals
beispielsweise nicht mehr das Bild seiner lieben, lieben Eltern, --
dermaen sprach er es meist vor sich hin -- vor Augen zaubern. Versuchte
er es, so kam an dessen Stelle der grenzenlose Schmerz in ihm empor,
dessen Sehnsucht ihn zchtigte und ihn doch eigenwillig festhielt,
weil ihre heien Flammen ihn zugleich schmerzten und entzckten. Der
Gedanke an seine Eltern wurde ihm hiebei mehr und mehr zu einer
bloen Gelegenheitsursache, dieses egoistische Leiden in sich zu
erzeugen, das ihn in seinen wollstigen Stolz einschlo wie in die
Abgeschiedenheit einer Kapelle, in der von hundert flammenden Kerzen
und von hundert Augen heiliger Bilder Weihrauch zwischen die
Schmerzen der sich selbst Geielnden gestreut wird. -- -- --

Als dann sein Heimweh weniger heftig wurde und sich allgemach
verlor, zeigte sich diese seine Art auch ziemlich deutlich. Sein
Verschwinden fhrte nicht eine endliche Zufriedenheit nach sich,
sondern lie in der Seele des jungen Trle eine Leere zurck. Und an
diesem Nichts, an diesem Unausgefllten in sich erkannte er, da es
nicht eine bloe Sehnsucht gewesen war, die ihm abhanden kam, sondern
etwas Positives, eine seelische Kraft, etwas, das sich in ihm unter
dem Vorwand des Schmerzes ausgeblht hatte.

Nun aber war es vorbei, und diese Quelle einer ersten hheren Seligkeit
hatte sich ihm erst durch ihr Versiegen fhlbar gemacht.

Zu dieser Zeit verloren sich die leidenschaftlichen Spuren der im
Erwachen gewesenen Seele wieder aus seinen Briefen und an ihre Stelle
traten ausfhrliche Beschreibungen des Lebens im Institute und der
neugewonnenen Freunde.

Er selbst fhlte sich dabei verarmt und kahl, wie ein Bumchen, das
nach der noch fruchtlosen Blte den ersten Winter erlebt.

Seine Eltern aber waren es zufrieden. Sie liebten ihn mit einer
starken, gedankenlosen, tierischen Zrtlichkeit. Jedesmal, wenn er
vom Konvikte Ferien bekommen hatte, erschien der Hofrtin nachher ihr
Haus von neuem leer und ausgestorben, und noch einige Tage nach jedem
solchen Besuche ging sie mit Trnen in den Augen durch die Zimmer, da
und dort einen Gegenstand liebkosend berhrend, auf dem das Auge des
Knaben geruht oder den seine Finger gehalten hatten. Und beide htten
sie sich fr ihn in Stcke reien lassen.

Die unbeholfene Rhrung und leidenschaftliche, trotzige Trauer seiner
Briefe beschftigte sie schmerzlich und versetzte sie in einen Zustand
hochgespannter Empfindsamkeit, der heitere, zufriedene Leichtsinn, der
darauf folgte, machte auch sie wieder froh und in dem Gefhle, da
hiedurch eine Krise berwunden worden sei, untersttzten sie ihn nach
Krften.

Weder in dem einen noch in dem andern erkannten sie das Symptom einer
bestimmten seelischen Entwicklung, vielmehr hatten sie Schmerz und
Beruhigung gleichermaen als eine natrliche Folge der gegebenen
Verhltnisse hingenommen. Da es der erste, miglckte Versuch des
jungen, auf sich selbst gestellten Menschen gewesen war, die Krfte des
Inneren zu entfalten entging ihnen.

                   *       *       *       *       *

Trle fhlte sich nun sehr unzufrieden und tastete da und dort
vergeblich nach etwas Neuem, das ihm als Sttze htte dienen knnen.

                   *       *       *       *       *

Eine Episode dieser Zeit war fr das charakteristisch, was sich damals
in Trle zu spterer Entwicklung vorbereitete.

Eines Tages war nmlich der junge Frst H. ins Institut eingetreten,
der aus einem der einflureichsten ltesten, und konservativsten
Adelsgeschlechter des Reiches stammte.

Alle anderen fanden seine sanften Augen fad und affektiert; die
Art und Weise, wie er im Stehen die eine Hfte herausdrckte und
beim Sprechen langsam mit den Fingern spielte, verlachten sie als
weibisch. Besonders aber spotteten sie darber, da er nicht von
seinen Eltern ins Konvikt gebracht worden war, sondern von seinem
bisherigen Erzieher, einem =doctor theologiae= und Ordensgeistlichen.

Trle aber hatte vom ersten Augenblicke an einen starken Eindruck
empfangen. Vielleicht wirkte dabei der Umstand mit, da es ein
hoffhiger Prinz war, jedenfalls war es aber auch eine andere Art
Mensch, die er da kennen lernte.

Das Schweigen eines alten Landedelschlosses und frommer bungen schien
irgendwie noch an ihm zu haften. Wenn er ging, so geschah es mit
weichen, geschmeidigen Bewegungen, mit diesem etwas schchternen
Sichzusammenziehen und Schmalmachen, das der Gewohnheit eigen ist,
aufrecht durch die Flucht leerer Sle zu schreiten, wo ein anderer
an hundert unsichtbaren Ecken des leeren Raumes schwer anzurennen
scheint.

Der Umgang mit dem Prinzen wurde so zur Quelle eines feinen
psychologischen Genusses fr Trle. Er bahnte in ihm jene Art
Menschenkenntnis an, die es lehrt, einen anderen nach dem Falle
der Stimme, nach der Art, wie er etwas in die Hand nimmt, ja selbst
nach dem =timbre= seines Schweigens und dem Ausdruck der krperlichen
Haltung, mit der er sich in einen Raum fgt, kurz nach dieser
beweglichen, kaum greifbaren und doch erst eigentlichen, vollen Art,
etwas Seelisch-Menschliches zu sein, die um den Kern, das Greif- und
Besprechbare, wie um ein bloes Skelett herumgelagert ist, so zu
erkennen und zu genieen, da man die geistige Persnlichkeit dabei
vorwegnimmt.

Trle lebte whrend dieser kurzen Zeit wie in einer Idylle. Er stie
sich nicht an der Religiositt seines neuen Freundes, die ihm, der
aus einem brgerlich freidenkenden Hause stammte, eigentlich etwas
ganz Fremdes war. Er nahm sie vielmehr ohne alles Bedenken hin, ja
sie bildete in seinen Augen sogar einen besonderen Vorzug des Prinzen,
denn sie potenzierte gewissermaen das Wesen dieses Menschen, das er
dem seinen vllig unhnlich, aber auch ganz unvergleichlich fhlte.

In der Gesellschaft dieses Prinzen fhlte er sich etwa wie in einer
abseits des Weges liegenden Kapelle, so da der Gedanke, da er
eigentlich nicht dorthin gehre, ganz gegen den Genu verschwand,
das Tageslicht einmal durch Kirchenfenster anzusehen und das Auge so
lange ber den nutzlosen vergoldeten Zierat gleiten zu lassen, der
in der Seele dieses Menschen aufgehuft war, bis er von dieser selbst
ein undeutliches Bild empfing, so als ob er, ohne sich Gedanken
darber machen zu knnen, mit dem Finger eine schne, aber nach
seltsamen Gesetzen verschlungene Arabeske nachzge.

Dann kam es pltzlich zum Bruche zwischen beiden.

Wegen einer Dummheit, wie sich Trle selbst hinterher sagen mute.

Sie waren nmlich doch einmal ins Streiten ber religise Dinge
gekommen. Und in diesem Augenblicke war es eigentlich schon um alles
geschehen. Denn wie von Trle unabhngig schlug nun der Verstand in
ihm unaufhaltsam auf den zarten Prinzen los. Er berschttete ihn mit
dem Spotte des Vernnftigen, zerstrte barbarisch das filigrane
Gebude, in dem dessen Seele heimisch war, und sie gingen im Zorne
auseinander.

Seit der Zeit hatten sie auch kein Wort wieder zueinander gesprochen.
Trle war sich wohl dunkel bewut, da er etwas Sinnloses getan
hatte, und eine unklare, gefhlsmige Einsicht sagte ihm, da da
dieser hlzerne Zollstab des Verstandes zu ganz unrechter Zeit etwas
Feines und Genureiches zerschlagen habe. Aber dies war etwas, das
ganz auer seiner Macht lag. Eine Art Sehnsucht nach dem frheren
war wohl fr immer in ihm zurckgeblieben, aber er schien in einen
anderen Strom geraten zu sein, der ihn immer weiter davon entfernte.

Nach einiger Zeit trat dann auch der Prinz, der sich im Konvikte nicht
wohl befunden hatte, wieder aus.

                   *       *       *       *       *

Nun wurde es ganz leer und langweilig um Trle. Aber er war
einstweilen lter geworden, und die beginnende Geschlechtsreife fing
an sich dunkel und allmhlich in ihm emporzuheben. In diesem
Abschnitt seiner Entwicklung schlo er einige neue, dementsprechende
Freundschaften, die fr ihn spter von grter Wichtigkeit wurden.
So mit Beineberg und Reiting, mit Mot und Hofmeier, eben jenen
jungen Leuten, in deren Gesellschaft er heute seine Eltern zur
Bahn begleitete.

Merkwrdigerweise waren dies gerade die belsten seines Jahrganges,
zwar talentiert und selbstverstndlich auch von guter Herkunft,
aber bisweilen bis zur Roheit wild und ungebrdig. Und da gerade
ihre Gesellschaft Trle nun fesselte, lag wohl an seiner eigenen
Unselbstndigkeit, die, seitdem es ihn von dem Prinzen wieder
fortgetrieben hatte, sehr arg war. Es lag sogar in der geradlinigen
Verlngerung dieses Abschwenkens, denn es bedeutete wie dieses eine
Angst vor allzu subtilen Empfindeleien, gegen die das Wesen der
anderen Kameraden gesund, kernig und lebensgerecht abstach.

Trle berlie sich gnzlich ihrem Einflusse, denn seine geistige
Situation war nun ungefhr diese: In seinem Alter hat man am
Gymnasium Goethe, Schiller, Shakespeare, vielleicht sogar schon die
Modernen gelesen. Das schreibt sich dann halbverdaut aus den
Fingerspitzen wieder heraus. Rmertragdien entstehen oder sensitivste
Lyrik, die im Gewande seitenlanger Interpunktionen wie in der
Zartheit durchbrochener Spitzenarbeit einherschreitet: Dinge, die an
und fr sich lcherlich sind, fr die Sicherheit der Entwicklung aber
einen unschtzbaren Wert bedeuten. Denn diese von auen kommenden
Assoziationen und erborgten Gefhle tragen die jungen Leute ber
den gefhrlich weichen seelischen Boden dieser Jahre hinweg, wo man
sich selbst etwas bedeuten mu und doch noch zu unfertig ist, um
wirklich etwas zu bedeuten. Ob fr spter bei dem einen etwas
davon zurckbleibt oder bei dem andern nichts, ist gleichgltig,
dann findet sich schon jeder mit sich ab, und die Gefahr besteht
nur in dem Alter des berganges. Wenn man da solch einem jungen
Menschen das Lcherliche seiner Person zur Einsicht bringen knnte, so
wrde der Boden unter ihm einbrechen oder er wrde wie ein erwachter
Nachtwandler herabstrzen, der pltzlich nichts als Leere sieht.

Diese Illusion, dieser Trick zugunsten der Entwicklung fehlte im
Institute. Denn dort waren in der Bibliothek wohl die Klassiker
enthalten, aber diese galten als langweilig, und sonst fanden sich
nur sentimentale Novellenbnde und witzlose Militrhumoresken.

Der kleine Trle hatte sie wohl alle in einer frmlichen Gier nach
Bchern durchgelesen, irgendeine banal zrtliche Vorstellung aus ein
oder der anderen Novelle wirkte manchmal auch noch eine Weile nach,
allein einen Einflu, einen wirklichen Einflu, nahm dies auf seinen
Charakter nicht.

Es schien damals, da er berhaupt keinen Charakter habe.

Er schrieb zum Beispiel unter dem Einflusse dieser Lektre selbst hie
und da eine kleine Erzhlung oder begann ein romantisches Epos zu
dichten. In der Erregung ber die Liebesleiden seiner Helden rteten
sich dann seine Wangen, seine Pulse beschleunigten sich und seine
Augen glnzten.

Wie er aber die Feder aus der Hand legte, war alles vorbei;
gewissermaen nur in der Bewegung lebte sein Geist. Daher war es ihm
auch mglich, ein Gedicht oder eine Erzhlung wann immer, auf jede
Aufforderung hin, niederzuschreiben. Er regte sich dabei auf, aber
trotzdem nahm er es nie ganz ernst und die Ttigkeit schien ihm
nicht wichtig. Es ging von ihr nichts auf seine Person ber, und sie
ging nicht von seiner Person aus. Er hatte nur unter irgend einem
ueren Zwang Empfindungen, die ber das Gleichgltige hinausgingen,
wie ein Schauspieler hiezu des Zwanges einer Rolle bedarf.

Es waren Reaktionen des Gehirns. Das aber, was man als Charakter
oder Seele, Linie oder Klangfarbe eines Menschen fhlt, jedenfalls
dasjenige, wogegen die Gedanken, Entschlsse und Handlungen wenig
bezeichnend, zufllig und auswechselbar erscheinen, dasjenige, was
beispielsweise Trle an den Prinzen jenseits alles verstandlichen
Beurteilens geknpft hatte, dieser letzte, unbewegliche Hintergrund,
war zu jener Zeit in Trle gnzlich verloren gegangen.

In seinen Kameraden war es die Freude am Sport, das Animalische,
welches sie eines solchen gar nicht bedrfen lie, sowie am Gymnasium
das Spiel mit der Literatur dafr sorgt.

Trle war aber fr das eine zu geistig angelegt und dem anderen
brachte er jene scharfe Feinfhligkeit fr das Lcherliche solcher
erborgter =sentiments= entgegen, die das Leben im Institute durch
seine Ntigung steter Bereitschaft zu Streitigkeiten und Faustkmpfen
erzeugt. So erhielt sein Wesen etwas Unbestimmtes, eine innere
Hilflosigkeit, die ihn nicht zu sich selbst finden lie.

Er schlo sich seinen neuen Freunden an, weil ihm ihre Wildheit
imponierte. Da er ehrgeizig war, versuchte er hie und da, es ihnen
darin sogar zuvorzutun. Aber jedesmal blieb er wieder auf halbem
Wege stehen und hatte nicht wenig Spott deswegen zu erleiden. Dies
verschchterte ihn dann wieder. Sein ganzes Leben bestand in dieser
kritischen Periode eigentlich nur in diesem immer erneuten Bemhen,
seinen rauhen, mnnlicheren Freunden nachzueifern, und in einer tief
innerlichen Gleichgltigkeit gegen dieses Bestreben.

Besuchten ihn jetzt seine Eltern, so war er, solange sie allein waren,
still und scheu. Den zrtlichen Berhrungen seiner Mutter entzog er
sich jedesmal unter einem anderen Vorwande. In Wahrheit htte er ihnen
gerne nachgegeben, aber er schmte sich, als seien die Augen seiner
Kameraden auf ihn gerichtet.

Seine Eltern nahmen es als die Ungelenkigkeit der Entwicklungsjahre hin.

Nachmittag kam dann die ganze laute Schar. Man spielte Karten, a,
trank, erzhlte Anekdoten ber die Lehrer und rauchte die Zigaretten,
die der Hofrat aus der Residenz mitgebracht hatte.

Diese Heiterkeit erfreute und beruhigte das Ehepaar.

Da fr Trle mitunter auch andere Stunden kamen, wuten sie nicht.
Und in der letzten Zeit immer zahlreichere. Er hatte Augenblicke, wo
ihm das Leben im Institute vllig gleichgltig wurde. Der Kitt seiner
tglichen Sorgen lste sich da und die Stunden seines Lebens fielen
ohne innerlichen Zusammenhang auseinander.

Er sa oft lange -- in finsterem Nachdenken -- gleichsam ber sich
selbst gebeugt.

                   *       *       *       *       *

Zwei Besuchstage waren es auch diesmal gewesen. Man hatte gespeist,
geraucht, eine Spazierfahrt unternommen, und nun sollte der Eilzug das
Ehepaar wieder in die Residenz zurckfhren.

Ein leises Rollen in den Schienen kndigte sein Nahen an und die
Signale der Glocke am Dache des Stationsgebudes klangen der Hofrtin
unerbittlich ins Ohr.

Also nicht wahr, lieber Beineberg, Sie geben mir auf meinen Buben
acht? wandte sich Hofrat Trle an den jungen Baron Beineberg,
einen langen, knochigen Burschen mit mchtig abstehenden Ohren, aber
ausdrucksvollen, gescheiten Augen.

Der kleine Trle schnitt ob dieser Bevormundung ein mimutiges Gesicht
und Beineberg grinste geschmeichelt und ein wenig schadenfroh.

berhaupt, -- wandte sich der Hofrat an die brigen, -- mchte ich
Sie alle gebeten haben, falls meinem Sohne irgend etwas sein sollte,
mich gleich davon zu verstndigen.

Dies entlockte nun doch dem jungen Trle ein unendlich gelangweiltes:
Aber Papa, was soll mir denn passieren?! obwohl er schon daran
gewhnt war, bei jedem Abschiede diese allzugroe Sorgsamkeit ber
sich ergehen lassen zu mssen.

Die anderen schlugen indessen die Hacken zusammen, wobei sie die
zierlichen Degen straff an die Seite zogen, und der Hofrat fgte noch
hinzu: Man kann nie wissen, was vorkommt, und der Gedanke, sofort von
allem verstndigt zu werden, bereitet mir eine groe Beruhigung:
schlielich knntest du doch auch am Schreiben behindert sein.

Dann fuhr der Zug ein. Hofrat Trle umarmte seinen Sohn, Frau von
Trle drckte den Schleier fester ans Gesicht, um ihre Trnen zu
verbergen, die Freunde bedankten sich der Reihe nach, dann schlo der
Schaffner die Wagentr.

Noch einmal sah das Ehepaar die hohe, kahle Rckfront des
Institutsgebudes, -- die mchtige, langgestreckte Mauer, welche den
Park umschlo, dann kamen rechts und links nur mehr graubraune
Felder und vereinzelte Obstbume.

                   *       *       *       *       *

Die jungen Leute hatten unterdessen den Bahnhof verlassen und gingen
in zwei Reihen hintereinander auf den beiden Rndern der Strae, -- so
wenigstens dem dicksten und zhesten Staube ausweichend, -- der Stadt
zu, ohne viel miteinander zu reden.

Es war fnf Uhr vorbei und ber die Felder kam es ernst und kalt, wie
ein Vorbote des Abends.

Trle wurde sehr traurig.

Vielleicht war daran die Abreise seiner Eltern schuld, vielleicht war
es jedoch nur die abweisende, stumpfe Melancholie, die jetzt auf der
ganzen Natur ringsumher lastete und schon auf wenige Schritte die
Formen der Gegenstnde mit schweren glanzlosen Farben verwischte.

Dieselbe furchtbare Gleichgltigkeit, die schon den ganzen Nachmittag
ber allerorts gelegen war, kroch nun ber die Ebene heran, und
hinter ihr her wie eine schleimige Fhrte der Nebel, der ber den
Sturzckern und bleigrauen Rbenfeldern klebte.

Trle sah nicht rechts noch links, aber er fhlte es. Schritt fr
Schritt trat er in die Spuren, die soeben erst vom Fue des Vordermanns
in dem Staube aufklafften -- und so fhlte er es: als ob es so sein
mte: als einen steinernen Zwang, der sein ganzes Leben in diese
Bewegung -- Schritt fr Schritt -- auf dieser einen Linie, auf diesem
einen schmalen Streifen, der sich durch den Staub zog, einfing und
zusammenprete.

Als sie an einer Kreuzung stehen blieben, wo ein zweiter Weg mit dem
ihren in einen runden, ausgetretenen Fleck zusammenflo, und als
dort ein morschgewordener Wegweiser schief in die Luft hineinragte,
wirkte diese, mit ihrer Umgebung in Widerspruch stehende, Linie wie
ein verzweifelter Schrei auf Trle.

Wieder gingen sie weiter. Trle dachte an seine Eltern, an Bekannte,
an das Leben. Um diese Stunde kleidet man sich fr eine Gesellschaft
an oder beschliet ins Theater zu fahren. Und nachher geht man ins
Restaurant, hrt eine Kapelle, besucht das Kaffeehaus. Man macht
eine interessante Bekanntschaft. Ein galantes Abenteuer hlt bis
zum Morgen in Erwartung. Das Leben rollt wie ein wunderbares Rad immer
Neues, Unerwartetes aus sich heraus...

Trle seufzte unter diesen Gedanken und bei jedem Schritte, der ihn
der Enge des Institutes nher trug, schnrte sich etwas immer fester
in ihm zusammen.

Jetzt schon klang ihm das Glockenzeichen in den Ohren. Nichts
frchtete er nmlich so sehr wie dieses Glockenzeichen, das
unwiderruflich das Ende des Tages bestimmte -- wie ein brutaler
Messerschnitt.

Er erlebte ja nichts und sein Leben dmmerte in steter Gleichgltigkeit
dahin, aber dieses Glockenzeichen fgte dem auch noch den Hohn hinzu
und lie ihn in ohnmchtiger Wut ber sich selbst, ber sein
Schicksal, ber den begrabenen Tag erzittern.

Nun kannst du gar nichts mehr erleben, whrend zwlf Stunden kannst
du nichts mehr erleben, fr zwlf Stunden bist du tot...: das war
der Sinn dieses Glockenzeichens.

                   *       *       *       *       *

Als die Gesellschaft junger Leute zwischen die ersten niedrigen,
httenartigen Huser kam, wich dieses dumpfe Brten von Trle. Wie
von einem pltzlichen Interesse erfat, hob er den Kopf und blickte
angestrengt in das dunstige Innere der kleinen, schmutzigen Gebude,
an denen sie vorbergingen.

Vor den Tren der meisten standen die Weiber, in Kitteln und groben
Hemden, mit breiten, beschmutzten Fen und nackten, braunen Armen.

Waren sie jung und drall, so flog ihnen manches derbe slawische
Scherzwort zu. Sie stieen sich an und kicherten ber die jungen
Herren; manchmal schrie eine auch auf, wenn im Vorbergehen allzu
hart ihre Brste gestreift wurden, oder erwiderte mit einem lachenden
Schimpfwort einen Schlag auf die Schenkel. Manche sah auch blo mit
zornigem Ernste hinter den Eilenden drein; und der Bauer lchelte
verlegen -- halb unsicher, halb gutmtig -- wenn er zufllig
hinzugekommen war.

Trle beteiligte sich nicht an dieser bermtigen, frhreifen
Mnnlichkeit seiner Freunde.

Der Grund hiezu lag wohl teilweise in einer gewissen Schchternheit
in geschlechtlichen Sachen, wie sie fast allen einzigen Kindern
eigentmlich ist, zum greren Teile jedoch in der ihm besonderen
Art der sinnlichen Veranlagung, welche verborgener, mchtiger und
dunkler gefrbt war als die seiner Freunde und sich schwerer uerte.

Whrend die anderen mit den Weibern schamlos -- taten, beinahe mehr
um fesch zu sein als aus Begierde, war die Seele des schweigsamen,
kleinen Trle aufgewhlt und von wirklicher Schamlosigkeit gepeitscht.

Er blickte mit so brennenden Augen durch die kleinen Fenster und
winkligen, schmalen Torwege in das Innere der Huser, da es ihm
bestndig wie ein feines Netz vor den Augen tanzte.

Fast nackte Kinder wlzten sich in dem Kot der Hfe, da und dort gab
der Rock eines arbeitenden Weibes die Kniekehlen frei oder drckte
sich eine schwere Brust straff in die Falten der Leinwand. Und als
ob all dies selbst unter einer ganz anderen, tierischen, drckenden
Atmosphre sich abspielte, flo aus dem Flur der Huser eine trge,
schwere Luft, die Trle begierig einatmete.

Er dachte an alte Malereien, die er in Museen gesehen hatte, ohne
sie recht zu verstehen. Er wartete auf irgend etwas, so wie er vor
diesen Bildern immer auf etwas gewartet hatte, das sich nie ereignete.
Worauf...?... Auf etwas berraschendes, noch nie Gesehenes; auf einen
unerhrten Anblick, von dem er sich nicht die geringste Vorstellung
machen konnte; auf irgend etwas von frchterlicher, tierischer
Sinnlichkeit; das ihn wie mit Krallen packe und von den Augen aus
zerreie; auf ein Erlebnis, das in irgendeiner noch ganz unklaren Weise
mit den schmutzigen Kitteln der Weiber, mit ihren rauhen Hnden,
mit der Niedrigkeit ihrer Stuben, mit ... mit einer Beschmutzung an
dem Kot der Hfe ... zusammenhngen msse.... Nein, nein; ... er
fhlte jetzt nur mehr das feurige Netz vor den Augen; die Worte
sagten es nicht; so arg, wie es die Worte machen, ist es gar nicht;
es ist etwas ganz Stummes, -- ein Wrgen in der Kehle, ein kaum
merkbarer Gedanke und nur dann, wenn man es durchaus mit Worten
sagen wollte, kme es so heraus; aber dann ist es auch nur mehr
entfernt hnlich, wie in einer riesigen Vergrerung, wo man nicht
nur alles deutlicher sieht, sondern auch Dinge, die gar nicht da sind
.. Dennoch war es zum Schmen.

                   *       *       *       *       *

Hat das Bubi Heimweh? fragte ihn pltzlich spttisch der lange und
um zwei Jahre ltere v. Reiting, welchem Trle' Schweigsamkeit und
die verdunkelten Augen aufgefallen waren. Trle lchelte gemacht und
verlegen und ihm war, als htte der boshafte Reiting die Vorgnge in
seinem Innern belauscht.

Er gab keine Antwort. Aber sie waren mittlerweile auf den Kirchplatz
des Stdtchens gelangt, der die Form eines Quadrates hatte und mit
Katzenkpfen gepflastert war, und trennten sich nun voneinander.

Trle und Beineberg wollten noch nicht ins Institut zurck, whrend
die andern keine Erlaubnis zu lngerem Ausbleiben hatten und nach Hause
gingen.

                   *       *       *       *       *

Die beiden waren in der Konditorei eingekehrt.

Dort saen sie an einem kleinen Tische mit runder Platte, neben einem
Fenster, das auf den Garten hinausging, unter einer Gaskrone, deren
Lichter hinter den milchigen Glaskugeln leise summten.

Sie hatten es sich bequem gemacht, lieen sich die Glschen mit
wechselnden Schnpsen fllen, rauchten Zigaretten, aen dazwischen
etwas Bckerei und genossen das Behagen, die einzigen Gste zu sein.
Denn hchstens in den hinteren Rumen sa noch ein vereinzelter
Besucher vor seinem Glase Wein; vorne war es still und selbst die
feiste, angejhrte Konditorin schien hinter ihrem Ladentische zu
schlafen.

Trle sah -- nur so ganz unbestimmt -- durch das Fenster -- in den
leeren Garten hinaus, der allgemach verdunkelte.

Beineberg erzhlte. Von Indien. Wie gewhnlich. Denn sein Vater, der
General war, war dort als junger Offizier in englischen Diensten
gestanden. Und nicht nur hatte er wie sonstige Europer Schnitzereien,
Gewebe und kleine Industriegtzen mit herber gebracht, sondern auch
etwas von dem geheimnisvollen, bizarren Dmmern des esoterischen
Buddhismus gefhlt und sich bewahrt. Auf seinen Sohn hatte er das,
was er von da her wute und spter noch hinzulas, schon von dessen
Kindheit an bertragen.

Mit dem Lesen war es brigens bei ihm ganz eigens. Er war
Reiteroffizier und liebte durchaus nicht die Bcher im allgemeinen.
Romane und Philosophie verachtete er gleichermaen. Wenn er las,
wollte er nicht ber Meinungen und Streitfragen nachdenken, sondern
schon beim Aufschlagen der Bcher wie durch eine heimliche Pforte
in die Mitte auserlesener Erkenntnisse treten. Es muten Bcher sein,
deren Besitz allein schon wie ein geheimes Ordenszeichen war und wie
eine Gewhrleistung berirdischer Offenbarungen. Und solches fand
er nur in den Bchern der indischen Philosophie, die fr ihn eben
nicht bloe Bcher zu sein schienen, sondern Offenbarungen,
Wirkliches, -- Schlsselwerke wie die alchimistischen und Zauberbcher
des Mittelalters.

Mit ihnen schlo sich dieser gesunde, tatkrftige Mann, der strenge
seinen Dienst versah und berdies seine drei Pferde fast tglich selber
ritt, meist gegen Abend ein.

Dann griff er aufs Geratewohl eine Stelle heraus und sann, ob sich ihr
geheimster Sinn ihm nicht heute erschlsse. Und nie war er enttuscht,
so oft er auch einsehen mute, da er noch nicht weiter als bis zum
Vorhof des geheiligten Tempels gelangt sei.

So schwebte um diesen nervigen, gebrunten Freiluftmenschen etwas wie
ein weihevolles Geheimnis. Seine berzeugung, tglich am Vorabend
einer niederschmetternd groen Enthllung zu stehen, gab ihm eine
verschlossene berlegenheit. Seine Augen waren nicht trumerisch,
sondern ruhig und hart. Die Gewohnheit, in Bchern zu lesen, in denen
kein Wort von seinem Platze gerckt werden durfte, ohne den geheimen
Sinn zu stren, das vorsichtige, achtungsvolle Abwgen eines jeden
Satzes nach Sinn und Doppelsinn, hatte ihren Ausdruck geformt.

Nur mitunter verloren sich seine Gedanken in ein Dmmern von wohliger
Melancholie. Das geschah, wenn er an den geheimen Kult dachte, der sich
an die Originale der vor ihm liegenden Schriften knpfte, an die
Wunder, die von ihnen ausgegangen waren und Tausende ergriffen
hatten, Tausende von Menschen, die ihm wegen der groen Entfernung,
die ihn von ihnen trennte, nun wie Brder erschienen, whrend er doch
die Menschen seiner Umgebung, die er mit allen ihren Details sah,
verachtete. In diesen Stunden wurde er mimutig. Der Gedanke, da
sein Leben verurteilt sei, ferne von den Quellen der heiligen Krfte
zu verlaufen, seine Anstrengungen verurteilt, an der Ungunst der
Verhltnisse vielleicht doch zu erlahmen, drckte ihn nieder. Wenn
er aber dann eine Weile betrbt vor seinen Bchern gesessen war, wurde
ihm eigentmlich zumute. Seine Melancholie verlor zwar nichts von
ihrer Schwere, im Gegenteil, ihre Traurigkeit steigerte sich noch,
aber sie drckte ihn nicht mehr. Er fhlte sich mehr denn je verlassen
und auf verlorenem Posten, aber in dieser Wehmut lag ein feines
Vergngen, ein Stolz, etwas Fremdes zu tun, einer unverstandenen
Gottheit zu dienen. Und dann konnte wohl auch vorbergehend in seinen
Augen etwas aufleuchten, das an den Aberwitz religiser Ekstase
gemahnte.

                   *       *       *       *       *

Beineberg hatte sich mde gesprochen. In ihm lebte das Bild seines
wunderlichen Vaters in einer Art verzerrender Vergrerung weiter.
Jeder Zug war zwar bewahrt; aber das, was bei jenem ursprnglich
vielleicht nur eine Laune gewesen war, die ihrer Exklusivitt
halber konserviert und gesteigert wurde, hatte sich in ihm zu einer
phantastischen Hoffnung ausgewachsen. Jene Eigenheit seines Vaters,
die fr diesen im Grunde genommen vielleicht doch nur den gewissen
letzten Schlupfwinkel der Individualitt bedeutete, den sich jeder
Mensch -- und sei es auch nur durch die Wahl seiner Kleider --
schaffen mu, um etwas zu haben, das ihn vor anderen auszeichne,
war in ihm zu dem festen Glauben geworden, sich mittels ungewhnlicher
seelischer Krfte eine Herrschaft sichern zu knnen.

Trle kannte diese Gesprche zur Genge. Sie gingen an ihm vorbei und
berhrten ihn kaum.

Er hatte sich jetzt halb vom Fenster abgewandt und beobachtete
Beineberg, der sich eine Zigarette drehte. Und er fhlte wieder
jenen merkwrdigen Widerwillen gegen diesen, der zuzeiten in ihm
aufstieg. Diese schmalen dunklen Hnde, die eben geschickt den
Tabak in das Papier rollten, waren doch eigentlich schn. Magere
Finger, ovale, schn gewlbte Ngel: es lag eine gewisse Vornehmheit
in ihnen. Auch in den dunkelbraunen Augen. Auch in der gestreckten
Magerkeit des ganzen Krpers lag eine solche. Freilich, -- die Ohren
standen mchtig ab, das Gesicht war klein und unregelmig und der
Gesamteindruck des Kopfes erinnerte an den einer Fledermaus. Dennoch,
-- das fhlte Trle, indem er die Einzelnheiten gegeneinander abwog,
ganz deutlich, -- waren es nicht die hlichen, sondern gerade die
vorzglicheren derselben, die ihn so eigentmlich beunruhigten.

Die Magerkeit des Krpers, -- Beineberg selbst pflegte die
stahlschlanken Beine homerischer Wettlufer als sein Vorbild zu
preisen, -- wirkte auf ihn durchaus nicht in dieser Weise. Trle
hatte sich darber bisher noch nicht Rechenschaft gegeben und nun
fiel ihm im Augenblicke kein befriedigender Vergleich ein. Er htte
Beineberg gern scharf ins Auge gefat, aber dann htte es dieser
gemerkt und er htte irgendein Gesprch beginnen mssen. Aber gerade
so, -- da er ihn nur halb ansah und halb in der Phantasie das Bild
ergnzte, -- fiel ihm der Unterschied auf. Wenn er sich die Kleider
von dem Krper wegdachte, so war es ihm ganz unmglich, die
Vorstellung einer ruhigen Schlankheit festzuhalten, vielmehr traten
ihm augenblicklich unruhige, sich windende Bewegungen vor das Auge,
ein Verdrehen der Gliedmaen und Verkrmmen der Wirbelsule, wie
man es in alten Darstellungen des Martyriums oder in den grotesken
Schaubietungen der Jahrmarktsartisten finden kann.

Auch die Hnde, die er ja gewi ebensogut in dem Eindrucke irgendeiner
formvollen Geste htte festhalten knnen, dachte er nicht anders als
in einer fingernden Beweglichkeit. Und gerade an ihnen, die doch
eigentlich das Schnste an Beineberg waren, konzentrierte sich der
grte Widerwille. Sie hatten etwas Unzchtiges an sich. Das war
wohl der richtige Vergleich. Und etwas Unzchtiges lag auch in dem
Eindrucke verrenkter Bewegungen, den der Krper machte. In den
Hnden schien es sich nur gewissermaen anzusammeln und schien von
ihnen wie das Vorgefhl einer Berhrung auszustrahlen, das Trle
einen ekligen Schauer ber die Haut jagte. Er war selbst ber seinen
Einfall verwundert und ein wenig erschrocken. Denn schon zum zweitenmal
an diesem Tage geschah es, da sich etwas Geschlechtliches unvermutet
und ohne rechten Zusammenhang zwischen seine Gedanken drngte.

Beineberg hatte sich eine Zeitung genommen und Trle konnte ihn jetzt
genau betrachten.

Da war tatschlich kaum etwas zu finden, das dem pltzlichen Auftauchen
einer solchen Ideenverknpfung auch nur einigermaen htte zur
Entschuldigung dienen knnen.

Und doch wurde das Mibehagen aller Unbegrndung zu Trotz immer
lebhafter. Es waren noch keine zehn Minuten des Schweigens zwischen den
beiden verstrichen und dennoch fhlte Trle seinen Widerwillen
bereits auf das uerste gesteigert. Eine Grundstimmung, Grundbeziehung
zwischen ihm und Beineberg schien sich darin zum ersten Male zu
uern, ein immer schon lauernd dagewesenes Mitrauen schien mit
einem Male in das bewute Empfinden aufgestiegen zu sein.

Die Situation zwischen den beiden spitzte sich immer mehr zu.
Beleidigungen, fr die er keine Worte wute, drngten sich Trle
auf. Eine Art Scham, so als ob zwischen ihm und Beineberg wirklich
etwas vorgefallen wre, versetzte ihn in Unruhe. Seine Finger
begannen unruhig auf der Tischplatte zu trommeln.

                   *       *       *       *       *

Endlich sah er, um diesen sonderbaren Zustand loszuwerden, wieder zum
Fenster hinaus.

Beineberg blickte jetzt von der Zeitung auf; dann las er irgendeine
Stelle vor, legte das Blatt weg und ghnte.

Mit dem Schweigen war auch der Zwang gebrochen, der auf Trle gelastet
hatte. Belanglose Worte rannen nun vollends ber diesen Augenblick
hinweg und verlschten ihn. Es war ein pltzliches Aufhorchen gewesen,
dem nun wieder die alte Gleichgltigkeit folgte...

Wie lange haben wir noch Zeit? fragte Trle.

Zweieinhalb Stunden.

Dann zog er frstelnd die Schultern hoch. Er fhlte wieder die lhmende
Gewalt der Enge, der es entgegenging. Der Stundenplan, der tgliche
Umgang mit den Freunden. Selbst jener Widerwille gegen Beineberg
wird nicht mehr sein, der fr einen Augenblick eine neue Situation
geschaffen zu haben schien.

...Was gibt es heute zum Abendessen?

Ich wei nicht.

Was fr Gegenstnde haben wir morgen?

Mathematik.

Oh? Haben wir etwas auf?

Ja, ein paar neue Stze aus der Trigonometrie; doch du wirst sie
treffen, es ist nichts Besonderes an ihnen.

Und dann?

Religion.

Religion? Ach ja. Das wird wieder etwas werden ... Ich glaube, wenn
ich so recht im Zug bin, knnte ich gerade so gut beweisen, da zweimal
zwei fnf ist, wie da es nur einen Gott geben kann...

Beineberg blickte spttisch zu Trle auf. Du bist darin berhaupt
komisch; mir scheint fast, da es dir selbst Vergngen bereitet;
wenigstens glnzt dir der Eifer nur so aus den Augen...

Warum nicht?! Ist es nicht hbsch? Es gibt immer einen Punkt dabei,
wo man dann nicht mehr wei, ob man noch lgt oder ob das, was man
erfunden hat, wahrer ist als man selber.

Wieso?

Nun, ich meine es ja nicht wrtlich. Man wei ja gewi immer, da man
schwindelt; aber trotzdem erscheint einem selbst die Sache mitunter
so glaubwrdig, da man gewissermaen, von seinen eigenen Gedanken
gefangen genommen, still steht.

Ja, aber was bereitet dir denn daran Vergngen?

Eben dies. Es geht einem so ein Ruck durch den Kopf, ein Schwindel,
ein Erschrecken...

Ach hr auf, das sind Spielereien.

Ich habe ja nicht das Gegenteil behauptet. Aber jedenfalls ist mir
dies in der ganzen Schule noch das Interessanteste.

Es ist so eine Art mit dem Gehirn zu turnen; aber es hat doch keinen
rechten Zweck.

Nein, sagte Trle und sah wieder in den Garten hinaus. In seinem
Rcken -- ferne -- hrte er die Gasflammen summen. Er verfolgte ein
Gefhl, das melancholisch, wie ein Nebel, in ihm aufstieg.

Es hat keinen Zweck. Du hast recht. Aber man darf sich das gar nicht
sagen. Von alldem, das wir den ganzen Tag lang in der Schule tun,
-- was davon hat eigentlich einen Zweck? Wovon hat man etwas? Ich meine
etwas fr sich haben -- du verstehst? Man wei am Abend, da man wieder
einen Tag gelebt hat, da man so und so viel gelernt hat, man hat
dem Stundenplan gengt, aber man ist dabei leer geblieben, -- innerlich
meine ich, man hat sozusagen einen ganz innerlichen Hunger...

Beineberg brummte etwas von ben, Geist vorbereiten -- noch nichts
anfangen knnen -- spter...

Vorbereiten? ben? Wofr denn? Weit du etwas Bestimmtes? Du hoffst
vielleicht auf etwas, aber auch dir ist es ganz ungewi. Es ist so: Ein
ewiges Warten auf etwas, von dem man nichts anderes wei, als da man
darauf wartet ... Das ist so langweilig...

Langweilig... dehnte Beineberg nach und wiegte mit dem Kopfe.

Trle sah noch immer in den Garten. Er glaubte das Rascheln der welken
Bltter zu hren, die der Wind zusammentrug. Dann kam jener Augenblick
intensivster Stille, der stets dem vlligen Dunkelwerden kurz voran
geht. Die Formen, welche sich immer tiefer in die Dmmerung gebettet
hatten, und die Farben, welche zerflossen, schienen fr Sekunden still
zu stehen, den Atem anzuhalten...

Hre, Beineberg, sprach Trle, ohne sich zurckzuwenden, es mu
whrend des Dmmerns immer einige Augenblicke geben, die ganz eigener
Art sind. So oft ich es beobachte, kehrt mir dieselbe Erinnerung
wieder. Ich war noch sehr klein, als ich um diese Stunde einmal im
Walde spielte. Das Dienstmdchen hatte sich entfernt, ich wute das
nicht und glaubte es noch in meiner Nhe zu empfinden. Pltzlich
zwang mich etwas aufzusehen. Ich fhlte, da ich allein sei. Es war
pltzlich so still. Und als ich um mich blickte, war mir, als stnden
die Bume schweigend im Kreise und shen mir zu. Ich weinte; ich
fhlte mich so verlassen von den Groen, den leblosen Geschpfen
preisgegeben ... Was ist das? Ich fhle es hufig wieder. Dieses
pltzliche Schweigen, das wie eine Sprache ist, die wir nicht hren?

Ich kenne das nicht, was du meinst; aber warum sollten nicht die
Dinge eine Sprache haben? Knnen wir doch nicht einmal mit Bestimmtheit
behaupten, da ihnen keine Seele zukommt!

Trle gab keine Antwort. Beinebergs spekulative Auffassung behagte ihm
nicht.

Nach einer Weile begann aber dieser: Warum siehst du noch fortwhrend
zum Fenster hinaus? Was findest denn du daran?

Ich denke noch immer nach, was das sein mag? In Wahrheit hatte er
aber bereits an etwas Weiteres gedacht, was er nur nicht eingestehen
wollte. Die hohe Anspannung, das Lauschen auf ein ernstes Geheimnis
und die Verantwortung, mitten in noch unbeschriebene Beziehungen
des Lebens zu blicken, hatte er nur fr einen Augenblick aushalten
knnen. Dann war wieder jenes Gefhl des Allein- und Verlassenseins
ber ihn gekommen, das stets dieser zu hohen Anforderung folgte.
Er fhlte: hierin liegt etwas, das jetzt noch zu schwer fr mich
ist, und seine Gedanken flchteten zu etwas anderem, das auch darin
lag, aber gewissermaen nur im Hintergrunde und auf der Lauer: Die
Einsamkeit.

Aus dem verlassenen Garten tanzte hie und da ein Blatt an das
erleuchtete Fenster und ri auf seinem Rcken einen hellen Streifen in
das Dunkel hinein. Dieses schien auszuweichen, sich zurckzuziehen,
um im nchsten Augenblicke wieder vorzurcken und unbeweglich wie
eine Mauer vor den Fenstern zu stehen. Es war eine Welt fr sich,
dieses Dunkel. Wie ein Schwarm schwarzer Feinde war es ber die Erde
gekommen und hatte die Menschen erschlagen oder vertrieben oder was
immer getan, das jede Spur von ihnen auslschte.

Und Trle schien es, da er sich darber freue. Er mochte in diesem
Augenblick die Menschen nicht, die Groen und Erwachsenen. Er mochte
sie nie, wenn es dunkel war. Er war gewhnt sich dann die Menschen
wegzudenken. Die Welt erschien ihm danach wie ein leeres, finsteres
Haus und in seiner Brust war ein Schauer, als sollte er nun von Zimmer
zu Zimmer suchen -- dunkle Zimmer, von denen man nicht wute, was
ihre Ecken bargen -- tastend ber die Schwellen schreiten, die keines
Menschen Fu auer dem seinen mehr betreten sollte, bis -- in einem
Zimmer sich die Tren pltzlich vor und hinter ihm schlssen und er
der Herrin selbst der schwarzen Scharen gegenberstnde. Und in
diesem Augenblicke wrden auch die Schlsser aller anderen Tren
zufallen, durch die er gekommen, und nur weit vor den Mauern wrden
die Schatten der Dunkelheit wie schwarze Eunuchen auf Wache stehen
und die Nhe der Menschen fernhalten.

Das war seine Art der Einsamkeit, seit man ihn damals im Stiche
gelassen hatte, -- im Walde, wo er so weinte. Sie hatte fr ihn den
Reiz eines Weibes und einer Unmenschlichkeit. Er fhlte sie als
eine Frau, aber ihr Atmen war nur ein Wrgen in seiner Brust, ihr
Gesicht ein wirbelndes Vergessen aller menschlichen Gesichter und die
Bewegungen ihrer Hnde Schauer, die ihm ber den Leib jagten...

Er frchtete diese Phantasie, denn er war sich ihrer ausschweifenden
Heimlichkeit bewut, und der Gedanke, da solche Vorstellungen immer
mehr Herrschaft ber ihn gewinnen knnten, beunruhigte ihn. Aber
gerade dann, wenn er sich am ernstesten und reinsten glaubte, berkamen
sie ihn. Man knnte sagen, als eine Reaktion auf diese Augenblicke,
wo er empfindsame Erkenntnisse ahnte, die sich zwar in ihm schon
vorbereiteten, aber seinem Alter noch nicht entsprachen. Denn in
der Entwicklung einer jeden feinen moralischen Kraft gibt es einen
solchen frhen Punkt, wo sie die Seele schwcht, deren khnste
Erfahrung sie einst vielleicht sein wird, -- so als ob sich ihre
Wurzeln erst suchend senken und den Boden zerwhlen mten, den sie
nachher zu sttzen bestimmt sind, -- weswegen Jnglinge mit groer
Zukunft meist eine an Demtigungen reiche Vergangenheit besitzen.

Trle' Vorliebe fr gewisse Stimmungen war die erste Andeutung einer
seelischen Entwicklung, die sich spter als ein Talent des Staunens
uerte. Spterhin wurde er nmlich von einer eigentmlichen Fhigkeit
geradezu beherrscht. Er war dann gezwungen, Ereignisse, Menschen,
Dinge, ja sich selbst hufig so zu empfinden, da er dabei das
Gefhl sowohl einer unauflslichen Unverstndlichkeit als einer
unerklrlichen, nie vllig zu rechtfertigenden Verwandtschaft hatte.
Sie schienen ihm zum Greifen verstndlich zu sein und sich doch nie
restlos in Worte und Gedanken auflsen zu lassen. Zwischen den
Ereignissen und seinem Ich, ja zwischen seinen eigenen Gefhlen und
irgendeinem innersten Ich, das nach ihrem Verstndnis begehrte,
blieb immer eine Scheidelinie, die wie ein Horizont vor seinem
Verlangen zurckwich, je nher er ihr kam. Ja, je genauer er seine
Empfindungen mit den Gedanken umfate, je bekannter sie ihm wurden,
desto fremder und unverstndlicher schienen sie ihm gleichzeitig
zu werden, so da es nicht einmal mehr schien, als ob sie vor ihm
zurckwichen, sondern als ob er selbst sich von ihnen entfernen wrde,
und doch die Einbildung, sich ihnen zu nhern, nicht abschtteln knnte.

Dieser merkwrdige, schwer zugngliche Widerspruch fllte spter eine
weite Strecke seiner geistigen Entwicklung, er schien seine Seele
zerreien zu wollen und bedrohte sie lange als ihr oberstes Problem.

Vorlufig kndigte sich die Schwere dieser Kmpfe aber nur in einer
hufigen pltzlichen Ermdung an und schreckte Trle gleichsam
schon von ferne, sobald ihm aus irgendeiner fragwrdig sonderbaren
Stimmung -- wie vorhin -- eine Ahnung davon wurde. Er kam sich dann so
kraftlos vor wie ein Gefangener und Aufgegebener, gleichermaen von
sich wie von den anderen Abgeschlossener; er htte schreien mgen vor
Leere und Verzweiflung und statt dessen wandte er sich gleichsam
von diesem ernsten und erwartungsvollen, gepeinigten und ermdeten
Menschen in sich ab und lauschte -- noch erschrocken von diesem jhen
Verzichten und schon entzckt von ihrem warmen, sndigen Atem --
auf die flsternden Stimmen, welche die Einsamkeit fr ihn hatte --
-- -- -- -- -- --

Trle machte pltzlich den Vorschlag zu zahlen. In Beinebergs Augen
blitzte ein Verstehen auf; er kannte die Stimmung. Trle war dieses
Einverstndnis zuwider; seine Abneigung gegen Beineberg wurde wieder
lebendig und er fhlte sich durch die Gemeinschaft mit ihm geschndet.

Aber das gehrte fast schon mit dazu. Das Schndliche ist eine
Einsamkeit mehr und eine neue finstere Mauer.

Und ohne miteinander zu sprechen, schlugen sie einen bestimmten Weg ein.

                   *       *       *       *       *

Es mute in den letzten Minuten ein leichter Regen gefallen sein, --
die Luft war feucht und schwer, um die Laternen zitterte ein bunter
Nebel und die Brgersteige glnzten stellenweise auf.

Trle nahm den Degen, der aufs Pflaster schlug, eng an den Leib,
allein selbst das Gerusch der aufklappernden Abstze durchrieselte
ihn eigentmlich.

Nach einer Weile hatten sie weichen Boden unter den Fen, sie
entfernten sich von der inneren Stadt und schritten durch breite
Dorfstraen dem Flusse zu.

Dieser wlzte sich schwarz und trge, mit tiefen, glucksenden Lauten
unter der hlzernen Brcke. Eine einzige Laterne, mit verstaubten
und zerschlagenen Scheiben, stand da. Der Schein des unruhig vor den
Windsten sich duckenden Lichtes fiel dann und wann auf eine treibende
Welle und zerflo auf ihrem Rcken. Die runden Streuhlzer gaben unter
jedem Schritte nach ... rollten vor und wieder zurck...

Beineberg stand still. Das jenseitige Ufer war mit dichten Bumen
bestanden, welche, da die Strae rechtwinkelig abbog und lngs des
Wassers weiter fhrte, wie eine schwarze, undurchdringliche Mauer
drohten. Erst nach vorsichtigem Suchen fand sich ein schmaler,
versteckter Weg, der geradeaus hineinfhrte. Von dem dichten, ppig
wuchernden Unterholze, an das die Kleider streiften, ging jedesmal
ein Schauer von Tropfen nieder. Nach einer Weile muten sie wieder
stehen bleiben und ein Streichholz anreiben. Es war ganz still, sogar
das Gurgeln des Flusses war nicht mehr zu hren. Pltzlich kam von
ferne ein unbestimmter, gebrochener Ton zu ihnen. Er hrte sich wie
ein Schrei oder eine Warnung an. Oder auch wie der bloe Zuruf
eines unverstndlichen Geschpfes, das irgendwo gleich ihnen durch
die Bsche brach. Sie schritten auf den Ton zu, blieben stehen,
schritten wieder weiter. Im ganzen mochte es wohl eine Viertelstunde
gedauert haben, als sie aufatmend laute Stimmen und die Klnge einer
Ziehharmonika unterschieden.

Zwischen den Bumen wurde es nun lichter, und nach wenigen Schritten
standen sie am Rande einer Ble, in deren Mitte ein quadratisches,
zwei Stock hohes Gebude massig aufgebaut war.

Es war das alte Badhaus. Seinerzeit von den Brgern des Stdtchens
und den Bauern der Umgegend als Heilsttte bentzt, stand es jetzt
schon seit Jahren fast leer. Nur in seinem Erdgeschosse bot es einem
verrufenen Wirtshause Unterkunft.

Die beiden standen einen Augenblick still und horchten hinber.

Eben setzte Trle den Fu vor, um aus dem Gebsch herauszutreten, als
drben schwere Stiefel auf der Diele des Flures knarrten und ein
Betrunkener mit unsicheren Schritten ins Freie trat. Hinter ihm, in dem
Schatten des Flurs, stand ein Weib und man hrte es mit hastender,
zorniger Stimme etwas flstern, so als ob es etwas von ihm forderte.
Der Mann lachte dazu und wiegte sich in den Beinen. Dann kam es wie
ein Bitten herber. Aber auch das konnte man nicht verstehen. Nur der
schmeichelnde, zuredende Klang der Stimme war fhlbar. Das Weib trat
jetzt weiter heraus und legte dem Manne eine Hand auf die Schulter. Der
Mond beleuchtete sie, -- ihren Unterrock, ihre Jacke, ihr bittendes
Lcheln. Der Mann sah geradeaus, schttelte mit dem Kopfe und hielt
die Hnde fest in den Taschen. Dann spuckte er aus und stie das
Weib weg. Es mochte wohl irgend etwas gesagt haben. Nun konnte man
auch ihre Stimmen verstehen, die lauter geworden waren.

...Du willst also nichts geben? Du...!

Schau, da du hinaufkommst, du Dreckfink!

Was? So ein Bauernlmmel!

Zur Antwort klaubte der Trunkene mit schwerflliger Bewegung einen
Stein auf: Wenn du nicht gleich abfahrst, du dummes Mensch, so schlag'
ich dir den Buckel ein! und er holte zum Wurfe aus. Trle hrte das
Weib mit einem letzten Schimpfworte die Stiege hinaufflchten.

Der Mann stand eine Weile still und hielt unschlssig den Stein in
der Hand. Er lachte; sah nach dem Himmel, wo zwischen schwarzen Wolken
weingelb der Mond schwamm; dann glotzte er die dunkle Hecke der
Gebsche an, als berlege er darauf loszugehen. Trle zog vorsichtig
den Fu zurck, er fhlte sein Herz bis zum Halse hinauf schlagen.
Endlich schien sich der Trunkene doch besonnen zu haben. Seine Hand
lie den Stein fallen. Mit rohem, triumphierendem Lachen rief er
eine grobe Unanstndigkeit zu dem Fenster hinauf, dann drckte er
sich um die Ecke.

Die beiden standen noch immer bewegungslos. Hast du sie erkannt?
flsterte Beineberg; es war Bozena. Trle gab keine Antwort; er
horchte, ob der Betrunkene nicht wiederkehre. Dann wurde er von
Beineberg vorwrts geschoben. Mit raschen, vorsichtigen Stzen waren
sie -- an dem Lichtschein, der keilfrmig durch die Fenster des
Erdgeschosses fiel, vorbei -- in dem dunklen Hausflur. Eine hlzerne
Treppe fhrte in engen Windungen in das erste Stockwerk hinauf. Hier
mute man ihre Schritte auf den knarrenden Stufen gehrt haben,
oder hatte ein Degen gegen das Holz geschlagen: -- die Tre der
Schankstube wurde geffnet und jemand kam nachsehen, wer im Hause sei,
whrend die Ziehharmonika pltzlich schwieg und das Gewirr der Stimmen
einen Augenblick wartend aussetzte.

Trle prete sich erschrocken um die Windung der Stiege. Aber man
schien ihn trotz des Dunkels bemerkt zu haben, denn er hrte die
spttische Stimme der Kellnerin, whrend die Tre wieder geschlossen
wurde, irgend etwas sagen, worauf ein unbndiges Gelchter folgte.

Auf dem Treppenabsatz des ersten Stockwerkes war es vllig finster.
Weder Trle noch Beineberg trauten sich einen Schritt vorwrts zu
tun, ungewi, ob sie nicht etwas umwerfen und dadurch Lrm verursachen
wrden. Von der Aufregung angetrieben, suchten sie mit hastenden
Fingern nach der Trklinke.

                   *       *       *       *       *

Bozena war als Bauernmdchen in die Grostadt gekommen, wo sie in
Dienst trat und spter Kammerzofe wurde.

Es ging ihr anfangs ganz gut. Die burische Art, welche sie so wenig
ganz abstreifte wie ihren breiten, festen Gang, sicherte ihr das
Vertrauen ihrer Herrinnen, welche an diesem Kuhstalldufte ihres
Wesens seine Einfalt liebten, und die Liebe ihrer Herren, welche daran
das =parfum= schtzten. Wohl nur aus Laune, vielleicht auch aus
Unzufriedenheit und dumpfer Sehnsucht nach Leidenschaft gab sie dieses
bequeme Leben auf. Sie wurde Kellnerin, erkrankte, fand in einem
eleganten ffentlichen Hause Unterkommen und wurde allgemach, in
dem Mae, wie das Lotterleben sie verbrauchte, wieder -- und immer
weiter -- in die Provinz hinausgesplt.

Hier endlich, wo sie nun schon seit mehreren Jahren wohnte, nicht weit
von ihrem Heimatsdorfe, half sie untertags in der Wirtschaft mit und
las des Abends billige Romane, rauchte Zigaretten und empfing hie und
da den Besuch eines Mannes.

Sie war noch nicht geradezu hlich geworden, aber ihr Gesicht
entbehrte in auffallender Weise jeglicher Anmut, und sie gab sich
frmlich Mhe, dies durch ihr Wesen noch mehr zur Geltung zu bringen.
Sie lie mit Vorliebe durchblicken, da sie die Eleganz und das
Getriebe der vornehmen Welt sehr wohl kenne, nunmehr aber darber
hinaus sei. Sie uerte gerne, da sie darauf, wie auf sich selbst,
wie berhaupt auf alles pfeife. Trotz ihrer Verwahrlosung geno sie
deswegen ein gewisses Ansehen bei den Bauernshnen der Umgebung. Sie
spuckten zwar aus, wenn sie von ihr sprachen, und fhlten sich
verpflichtet, mehr noch als gegen andere Mdchen grob gegen sie zu
sein, im Grunde waren sie aber doch ganz gewaltig stolz auf dieses
verfluchte Mensch, das aus ihnen hervorgegangen war und der Welt
so durch den Lack geguckt hatte. Einzeln zwar und verstohlen, aber doch
immer wieder kamen sie, sich mit ihr zu unterhalten. Dadurch fand
Bozena einen Rest von Stolz und Rechtfertigung in ihrem Leben. Eine
vielleicht noch grere Genugtuung bereiteten ihr aber die jungen
Herren aus dem Institute. Gegen sie kehrte sie absichtlich ihre
rohesten und hlichsten Eigenschaften heraus, weil diese -- wie sie
sich auszudrcken pflegte -- ja trotzdem gerade so zu ihr gekrochen
kommen wrden.

Als die beiden Freunde eintraten, lag sie wie gewhnlich rauchend und
lesend auf ihrem Bette.

Trle sog, noch in der Tre stehend, mit begierigen Augen ihr Bild
in sich ein.

Gott, was fr se Buben kommen denn da? rief sie spttisch den
Eintretenden entgegen, die sie ein wenig verchtlich musterte. Je,
du Baron? Was wird denn die Mama dazu sagen?! -- Das war solch ein
Anfang nach ihrer Art.

Aber halt's... brummte Beineberg und setzte sich zu ihr aufs Bett.
Trle setzte sich abseits; er rgerte sich, weil Bozena sich nicht um
ihn bekmmerte und tat, als ob sie ihn nicht kennte.

Die Besuche bei diesem Weib waren in der letzten Zeit zu seiner
einzigen und geheimen Freude geworden. Gegen Ende der Woche wurde
er schon unruhig und konnte den Sonntag nicht erwarten, wo er am
Abend zu ihr schlich. Hauptschlich dieses Sicheinschleichenmssen
beschftigte ihn. Wenn es zum Beispiel vorhin den trunkenen Burschen
in der Schankstube eingefallen wre, auf ihn Jagd zu machen? Aus bloer
Lust, dem lasterhaften jungen Herrchen eins auszuwischen? Er war
nicht feig, aber er wute, da er hier wehrlos sei. Der zierliche
Degen kam ihm entgegen diesen groben Fusten wie ein Spott vor.
Auerdem die Schande und die Strafe, die er zu gewrtigen htte! Es
bliebe ihm nur brig zu fliehen oder sich aufs Bitten zu verlegen.
Oder sich von Bozena schtzen zu lassen. Der Gedanke durchrieselte
ihn. Aber das war es! Nur das! Nichts anderes! Diese Angst, dieses
Sichaufgeben lockte ihn jedesmal von neuem. Dieses Heraustreten aus
seiner bevorzugten Stellung unter die gemeinen Leute; unter sie --
tiefer als sie!

Er war nicht lasterhaft. Bei der Ausfhrung berwogen stets der
Widerwille gegen sein Beginnen und die Angst vor den mglichen
Folgen. Nur seine Phantasie war in eine ungesunde Richtung gebracht.
Wenn sich die Tage der Woche bleiern einer nach dem andern ber
sein Leben legten, fingen diese beizenden Reize an, ihn zu locken.
Aus den Erinnerungen an seine Besuche bildete sich eine eigenartige
Verfhrung heraus. Bozena erschien ihm als ein Geschpf von
ungeheuerlicher Niedrigkeit und sein Verhltnis zu ihr, die
Empfindungen, die er dabei zu durchlaufen hatte, als ein grausamer
Kultus der Selbstaufopferung. Es reizte ihn, alles zurcklassen zu
mssen, worin er sonst eingeschlossen war, seine bevorzugte Stellung,
die Gedanken und Gefhle, die man ihm einimpfte, all das, was ihm
nichts gab und ihn erdrckte. Es reizte ihn, nackt, von allem
entblt, in rasendem Laufe zu diesem Weibe zu flchten.

Das war nicht anders als bei jungen Leuten berhaupt. Wre Bozena rein
und schn gewesen und htte er damals lieben knnen, so htte er sie
vielleicht gebissen, ihr und sich die Wollust bis zum Schmerz
gesteigert. Denn die erste Leidenschaft des erwachsenden Menschen ist
nicht Liebe zu der einen, sondern Ha gegen alle. Das sich unverstanden
Fhlen und das die Welt nicht Verstehen begleitet nicht die erste
Leidenschaft, sondern ist ihre einzige nicht zufllige Ursache. Und
sie selbst ist eine Flucht, auf der das Zuzweiensein nur eine
verdoppelte Einsamkeit bedeutet.

Fast jede erste Leidenschaft dauert nicht lange und hinterlt einen
bitteren Nachgeschmack. Sie ist ein Irrtum, eine Enttuschung. Man
versteht sich hinterher nicht und wei nicht, was man beschuldigen
soll. Dies kommt, weil die Menschen in diesem Drama einander zum
greren Teile zufllig sind: Zufallsgefhrten auf einer Flucht. Nach
der Beruhigung erkennen sie sich nicht mehr. Sie bemerken aneinander
Gegenstze, weil sie das Gemeinsame nicht mehr bemerken.

Bei Trle war es nur darum anders, da er allein war. Die alternde,
erniedrigte Prostituierte vermochte nicht alles in ihm auszulsen. Doch
war sie soweit Weib, da sie Teile seines Inneren, die wie reifende
Keime noch auf den befruchtenden Augenblick warteten, gleichsam
frhzeitig an die Oberflche ri.

Das waren dann seine sonderbaren Vorstellungen und phantastischen
Verfhrungen. Fast ebenso nahe lag es ihm aber manchmal, sich auf die
Erde zu werfen und vor Verzweiflung zu schreien.

                   *       *       *       *       *

Bozena bekmmerte sich noch immer nicht um Trle. Sie schien es aus
Bosheit zu tun, blo um ihn zu rgern. Pltzlich unterbrach sie ihr
Gesprch: Gebt mir Geld, ich werde Tee und Schnaps holen.

Trle gab ihr eines der Silberstcke, die er am Nachmittage von seiner
Mutter erhalten hatte.

Sie holte vom Fensterbrett einen zerbeulten Schnellsieder und zndete
den Spiritus an; dann stieg sie langsam und schlrfend die Treppe
hinunter.

Beineberg stie Trle an. Warum bist du denn so fad? Sie wird denken,
du traust dich nicht.

La mich aus dem Spiel, bat Trle, ich bin nicht aufgelegt.
Unterhalte nur du dich mit ihr. Was will sie brigens fortwhrend
mit deiner Mutter?

Seit sie wei, wie ich heie, behauptet sie, einmal bei meiner Tante
in Dienst gewesen zu sein und meine Mutter gekannt zu haben. Zum Teil
scheint es wohl wahr zu sein, zum Teil lgt sie aber sicher -- rein zum
Vergngen: obwohl ich nicht recht verstehe, was ihr daran Spa macht.

Trle wurde rot; ein merkwrdiger Gedanke war ihm eingefallen. -- Da
kam aber Bozena mit dem Schnaps zurck und setzte sich wieder neben
Beineberg aufs Bett. Sie griff auch gleich wieder das frhere Gesprch
auf.

...Ja, deine Mama war ein schnes Mdchen. Du siehst ihr eigentlich
gar nicht hnlich, mit deinen abstehenden Ohren. Auch lustig war sie.
Mehr als einer wird sie sich wohl in den Kopf gesetzt haben. Recht hat
sie gehabt.

Nach einer Pause schien ihr etwas besonders Lustiges eingefallen zu
sein: Dein Onkel, der Dragoneroffizier, weit du? Karl hat er
glaube ich geheien, er war ein Kousin deiner Mutter, der hat ihr
damals den Hof gemacht! Aber Sonntags, wenn die Damen in der Kirche
waren, ist er mir nachgestiegen. Alle Augenblicke habe ich ihm etwas
anderes aufs Zimmer bringen mssen. Fesch war er, das wei ich heute
noch, nur hat er sich so gar nicht geniert... Sie begleitete
diese Worte mit einem vielsagenden Lachen. Dann verbreitete sie sich
weiter ber dieses Thema, das ihr augenscheinlich besonderes Vergngen
bereitete. Ihre Worte waren familir, und sie brachte sie mit einem
Ausdruck vor, der jedes einzelne beschmutzen zu wollen schien.
...Ich meine, er hat auch deiner Mutter gefallen. Wenn sie das
nun gewut htte! Ich glaube, deine Tante htte mich und ihn aus dem
Hause schmeien mssen. So sind nun einmal die feinen Damen, gar
wenn sie noch keinen Mann haben. Liebe Bozena das und liebe Bozena
jenes -- so ist es den ganzen Tag gegangen. Als aber die Kchin in
die Hoffnung kam, da httest du's hren sollen! Ich glaube gar, sie
meinten, da sich unsereins nur einmal im Jahr die Fe wasche. Der
Kchin sagten sie zwar nichts, aber ich konnte es hren, wenn ich im
Zimmer bediente und sie gerade davon sprachen. Deine Mutter machte
ein Gesicht, als mchte sie am liebsten nur Klnerwasser trinken.
Dabei hatte deine Tante gar nicht lange danach selbst einen Bauch
bis zur Nase...

Whrend Bozena sprach, fhlte sich Trle ihren gemeinen Anspielungen
fast wehrlos preisgegeben.

Was sie schilderte, sah er lebendig vor sich. Beinebergs Mutter
wurde zu seiner eigenen. Er erinnerte sich der hellen Rume der
elterlichen Wohnung. Der gepflegten, reinen, unnahbaren Gesichter,
die ihm zu Hause bei den Diners oft eine gewisse Ehrfurcht eingeflt
hatten. Der vornehmen, khlen Hnde, die sich selbst beim Essen
nichts zu vergeben schienen. Eine Menge solcher Einzelheiten fiel
ihm ein und er schmte sich, hier in einem kleinen belriechenden
Zimmer zu sein und mit einem Zittern auf die demtigenden Worte einer
Dirne zu antworten. Die Erinnerung an die vollendete Manier dieser
nie formvergessenen Gesellschaft wirkte strker auf ihn als alle
moralische berlegung. Das Whlen seiner dunklen Leidenschaften kam ihm
lcherlich vor. Mit visionrer Eindringlichkeit sah er eine khle,
abwehrende Handbewegung, ein chokiertes Lcheln, mit dem man ihn wie
ein kleines unsauberes Tier von sich weisen wrde. Trotzdem blieb
er wie festgebunden auf seinem Platze sitzen.

Mit jeder Einzelheit, deren er sich erinnerte, wuchs nmlich neben
der Scham auch eine Kette hlicher Gedanken in ihm gro. Sie hatte
begonnen, als Beineberg die Erluterung zu Bozenas Gesprch gab, worauf
Trle errtet war.

Er hatte damals pltzlich an seine eigene Mutter denken mssen, und
dies hielt nun fest und war nicht loszubekommen. Es war ihm nur so
durch die Grenzen des Bewutseins geschossen -- blitzschnell oder
undeutlich weit -- am Rande -- nur wie im Fluge gesehen -- kaum
ein Gedanke zu nennen. Und hastig war darauf eine Reihe von Fragen
gefolgt, die es verdecken sollten: 'Was ist es, das es ermglicht, da
diese Bozena ihre niedrige Existenz an die meiner Mutter heranrcken
kann? Da sie sich in der Enge desselben Gedankens an jene herandrngt?
Warum berhrt sie nicht mit der Stirne die Erde, wenn sie schon von ihr
sprechen mu? Warum ist es nicht wie durch einen Abgrund zum Ausdruck
gebracht, da hier gar keine Gemeinsamkeit besteht? Denn, wie ist
es doch? Dieses Weib ist fr mich ein Knuel aller geschlechtlichen
Begehrlichkeiten; und meine Mutter ein Geschpf, das bisher in
wolkenloser Entfernung, klar und ohne Tiefen, wie ein Gestirn
jenseits alles Begehrens durch mein Leben wandelte...'

Aber alle diese Fragen waren nicht das Eigentliche. Berhrten es
kaum. Sie waren etwas Sekundres; etwas, das Trle erst nachtrglich
eingefallen war. Sie vervielfltigten sich nur, weil keine das Rechte
bezeichnete. Sie waren nur Ausflchte, Umschreibungen der Tatsache, da
vorbewut, pltzlich, instinktiv ein seelischer Zusammenhang gegeben
war, der sie vor ihrem Entstehen schon in bsem Sinne beantwortet
hatte. Trle sttigte sich mit den Augen an Bozena und konnte
dabei seiner Mutter nicht vergessen; durch ihn hindurch verkettete
die beiden ein Zusammenhang: Alles andere war nur ein sich Winden
unter dieser Ideenverschlingung. Diese war die einzige Tatsache.
Aber durch die Vergeblichkeit, ihren Zwang abzuschtteln, gewann sie
eine frchterliche, unklare Bedeutung, die wie ein perfides Lcheln
alle Anstrengungen begleitete.

                   *       *       *       *       *

Trle sah im Zimmer umher, um dies loszuwerden. Aber alles hatte
nun schon diese eine Beziehung angenommen. Der kleine eiserne Ofen
mit den Rostflecken auf der Platte, das Bett mit den wackligen
Pfosten und der gestrichenen Lade, von der die Farbe an vielen
Stellen abbltterte, das Bettzeug, das schmutzig durch die Lcher
des abgentzten Lakens sah; Bozena, ihr Hemd, das von der einen
Schulter geglitten war, das gemeine, wste Rot ihres Unterrockes, ihr
breites, schwatzendes Lachen; endlich Beineberg, dessen Benehmen ihm im
Vergleich zu sonst wie das eines unzchtigen Priesters vorkam, der
toll geworden, zweideutige Worte in die ernsten Formen eines Gebetes
flicht, ... all das stie nach der einen Richtung, drngte auf ihn
ein und bog seine Gedanken gewaltsam immer wieder zurck.

Nur an einer Stelle fanden seine Blicke, die geschreckt von einem zum
andern flchteten, Frieden. Das war oberhalb der kleinen Gardine. Dort
sahen die Wolken vom Himmel herein und reglos der Mond.

Das war, als ob er pltzlich in die frische, ruhige Nachtluft
hinausgetreten wre. Eine Weile wurden alle Gedanken ganz still. Dann
kam ihm eine angenehme Erinnerung. Das Landhaus, das sie letzten Sommer
bewohnt hatten. Nchte im schweigenden Park. Ein sternzitterndes,
samtdunkles Firmament. Die Stimme seiner Mutter aus der Tiefe des
Gartens, wo sie mit Papa auf den schwach schimmernden Kieswegen
spazieren ging. Lieder, die sie halblaut vor sich hinsang. Aber da,
... es fuhr ihm kalt durch den Leib, ... war auch wieder dieses
qulende Vergleichen. Was mochten die beiden dabei gefhlt haben?
Liebe? Nein, der Gedanke kam ihm jetzt zum erstenmal. berhaupt war
das etwas ganz anderes. Nichts fr groe und erwachsene Menschen;
gar fr seine Eltern. Nachts am offenen Fenster sitzen und sich
verlassen fhlen, sich anders fhlen als die Groen, von jedem Lachen
und von jedem spttischen Blicke miverstanden, niemandem erklren
knnen, was man schon bedeute, und sich nach einer sehnen, die das
verstnde ... das ist Liebe! Aber dazu mu man jung und einsam sein.
Bei ihnen mute es etwas anderes gewesen sein; etwas Ruhiges und
Gleichmtiges. Mama sang einfach am Abend in dem dunklen Garten
und war heiter....

Aber gerade das war es, was Trle nicht verstand. Die geduldigen
Plne, welche fr den Erwachsenen, ohne da er es merkt, die Tage
zu Monaten und Jahren zusammenketten, waren ihm noch fremd. Und
ebenso jenes Abgestumpftsein, fr das es nicht einmal mehr eine
Frage bedeutet, wenn wieder ein Tag zu Ende geht. Sein Leben war
auf jeden Tag gerichtet. Jede Nacht bedeutete fr ihn ein Nichts,
ein Grab, ein Ausgelschtwerden. Das Vermgen, sich jeden Tag sterben
zu legen, ohne sich darber Gedanken zu machen, hatte er noch nicht
erlernt.

Deswegen hatte er immer etwas dahinter vermutet, das man ihm verberge.
Die Nchte erschienen ihm wie dunkle Tore zu geheimnisvollen Freuden,
die man ihm verheimlicht hatte, so da sein Leben leer und unglcklich
blieb.

Er erinnerte sich an ein eigentmliches Lachen seiner Mutter und
sich wie scherzhaft fester an den Arm ihres Mannes Drcken, das er
an einem jener Abende beobachtet hatte. Es schien jeden Zweifel
auszuschlieen. Auch aus der Welt jener Unantastbaren und Ruhigen
mute eine Pforte herberfhren. Und nun, da er wute, konnte er
nur mit jenem gewissen Lcheln daran denken, gegen dessen bses
Mitrauen er sich vergeblich wehrte -- -- -- --

Bozena erzhlte unterdessen weiter. Trle hrte mit halber
Aufmerksamkeit hin. Sie sprach von einem, der auch fast jeden Sonntag
kam ... Wie heit er nur? Er ist aus deinem Jahrgang.

Reiting?

Nein.

Wie sieht er aus?

Er ist beilufig so gro wie der da, Bozena wies auf Trle, nur
hat er einen etwas zu groen Kopf.

Ah, Basini?

Ja, ja, so nannte er sich. Er ist sehr komisch. Und nobel; er trinkt
nur Wein. Aber dumm ist er. Es kostet ihn eine Menge Geld und er tut
nichts als mir erzhlen. Er renommiert mit den Liebschaften, die er
zu Hause haben will; was er nur davon hat? Ich sehe ja doch, da er
zum erstenmal in seinem Leben bei einem Frauenzimmer ist. Du bist ja
auch noch ein Bub, aber du bist frech; er dagegen ist ungeschickt und
hat Angst davor, deswegen erzhlt er mir lang und breit, wie man als
Genumensch, -- ja, so hat er gesagt, -- mit Frauen umgehen msse. Er
sagt, alle Weiber seien nichts anderes wert; woher wollt ihr denn
das schon wissen?!

Beineberg grinste sie zur Antwort spttisch an.

Ja lach' nur! herrschte ihn Bozena belustigt an, ich habe ihn
einmal gefragt, ob er sich denn nicht vor seiner Mutter schmen wrde.
'Mutter?.. Mutter?' sagte er drauf, 'was ist das? Das existiert jetzt
nicht. Das habe ich zu Hause gelassen, bevor ich zu dir ging' ... Ja,
mach nur deine langen Ohren auf, so seid ihr! Nette Shnchen, ihr
feinen jungen Herren; eure Mtter knnten mir beinahe leid tun!.......

Bei diesen Worten bekam Trle wieder die frhere Vorstellung von sich
selbst. Wie er alles hinter sich lie und das Bild seiner Eltern
verriet. Und nun mute er sehen, da er damit nicht einmal etwas
frchterlich Einsames, sondern nur etwas ganz Gewhnliches tat. Er
schmte sich. Aber auch die anderen Gedanken waren wieder da. Sie tuen
es auch! Sie verraten dich! Du hast geheime Mitspieler! Vielleicht ist
es bei ihnen irgendwie anders, aber das mu bei ihnen das gleiche sein:
eine geheime, frchterliche Freude. Etwas, in dem man sich mit all
seiner Angst vor dem Gleichma der Tage ertrnken kann.... Vielleicht
wissen sie sogar mehr...?!... Etwas ganz Ungewhnliches? Denn
sie sind am Tage so beruhigt; .. und dieses Lachen seiner Mutter?..
als ob sie mit ruhigem Schritte ginge, alle Tren zu schlieen. -- --
-- -- -- -- -- -- -- --

In diesem Widerstreite kam ein Augenblick, wo Trle sich aufgab und
sich mit erwrgtem Herzen dem Sturme berlie.

Und gerade in diesem Augenblicke stand Bozena auf und trat zu ihm hin.

Warum spricht denn der Kleine nichts? Hat er Kummer?

Beineberg flsterte etwas und lchelte boshaft.

Was, Heimweh? Ist wohl die Mama weggefahren? Und der garstige Bub
luft gleich zu so einer!

Bozena vergrub zrtlich ihre Hand mit gespreizten Fingern in sein
Haar. Geh, sei nicht dumm. Da gib mir einen Ku. Die feinen Menschen
sind auch nicht von Zuckerwerk, und sie bog ihm den Kopf zurck.

Trle wollte etwas sagen, sich zu einem derben Scherze aufraffen,
er fhlte, da jetzt alles davon abhnge, ein gleichgltiges,
beziehungsloses Wort zu sagen, aber er brachte keinen Laut heraus.
Er starrte mit einem versteinten Lcheln in das wste Gesicht ber dem
seinen, in diese unbestimmten Augen, dann begann die Auenwelt klein
zu werden, ... sich immer weiter zurckzuziehen.... Fr einen
Augenblick tauchte das Bild jenes Bauernburschen auf, der den Stein
gehoben hatte, und schien ihn zu hhnen.... dann war er ganz allein.
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

                   *       *       *       *       *

Du, ich hab' ihn, flsterte Reiting.

Wen?

Den Spielladendieb.

Trle war eben mit Beineberg zurckgekommen. Es war knapp vor der
Zeit des Nachtmahls und das diensthabende Aufsichtsorgan schon
weggegangen. Zwischen den grnen Tischen hatten sich plaudernde
Gruppen gebildet und ein warmes Leben summte und surrte durch den Saal.

Es war das gewhnliche Schulzimmer mit weigetnchten Wnden, einem
groen schwarzen Kruzifix und den Bildnissen des Herrscherpaares zu
seiten der Tafel. Neben dem groen eisernen Ofen, der noch nicht
geheizt war, saen, teils auf dem Podium, teils auf umgelegten Sthlen,
die jungen Leute, welche nachmittags das Ehepaar Trle zur Bahn
begleitet hatten. Auer Reiting waren es der lange Hofmeier und
Dschjusch, unter welchem Spitznamen ein kleiner polnischer Graf
verstanden wurde.

Trle war einigermaen neugierig.

Die Spielladen standen im Hintergrunde des Zimmers und waren lange
Ksten mit vielen versperrbaren Schubfchern, in denen die Pfleglinge
des Institutes ihre Briefe, Bcher, Geld und allen mglichen kleinen
Kram aufbewahrten.

Und bereits seit geraumer Zeit klagten einzelne, da ihnen kleinere
Geldbetrge fehlten, ohne da sie jedoch bestimmte Vermutungen htten
aussprechen knnen.

Beineberg war der erste, der mit Gewiheit sagen konnte, da ihm --
in der Vorwoche -- ein grerer Betrag gestohlen worden sei. Aber nur
Reiting und Trle wuten darum.

Sie hatten die Diener im Verdachte.

So erzhl doch! bat Trle, aber Reiting machte ihm rasch ein
Zeichen: Pst! Spter. Es wei noch niemand davon.

Ein Diener? flsterte Trle.

Nein.

So deute doch wenigstens an, wer?

Reiting wandte sich von den brigen ab und sagte leise: B. Niemand
auer Trle hatte etwas von diesem vorsichtig gefhrten Gesprche
verstanden. Aber auf diesen wirkte die Mitteilung wie ein berfall.
B.? -- das konnte nur Basini sein. Und das war doch nicht mglich!
Seine Mutter war eine vermgende Dame, sein Vormund Exzellenz. Trle
wollte es nicht glauben und dazwischen schnitt der Gedanke an Bozenas
Erzhlung hindurch.

Er konnte kaum den Augenblick erwarten, da die anderen zum Speisen
gingen. Beineberg und Reiting blieben zurck, indem sie vorgaben, noch
vom Nachmittage her bersttigt zu sein.

Reiting machte den Vorschlag, doch lieber vorerst hinauf zu gehen.

Sie traten auf den Gang hinaus, der sich endlos lang vor dem Lehrsaale
dehnte. Die flackernden Gasflammen erhellten ihn nur auf kurze Strecken
und die Schritte hallten von Nische zu Nische, wenn man auch noch
so leise auftrat....

Vielleicht fnfzig Meter von der Tre entfernt, fhrte eine Stiege
in das zweite Stockwerk, in welchem sich das Naturalienkabinett,
noch andere Lehrmittelsammlungen und eine Menge leerstehender Zimmer
befanden.

Von hier aus wurde die Treppe schmal und stieg in kurzen, rechtwinklig
aneinander stoenden Abstzen zum Dachboden empor. Und -- wie alte
Gebude oft unlogisch, mit einer Verschwendung von Winkeln und
unmotivierten Stufen gebaut sind -- fhrte sie noch um ein
betrchtliches ber das Niveau des Bodens hinaus, so da es jenseits
der schweren, eisernen, versperrten Tre, durch welche sie
abgeschlossen war, eigens einer Holzstiege bedurfte, um zu ihm hinab zu
gelangen.

Diesseits aber entstand auf diese Weise ein mehrere Meter hoher
verlorener Raum, der bis zum Geblke hinaufreichte. In diesem, der
wohl niemals betreten wurde, hatte man alte Kulissen gelagert, die
von unvordenklichen Theaterauffhrungen herrhrten.

Das Tageslicht erstickte selbst an hellen Mittagen auf dieser Treppe
in einer Dmmerung, die von altem Staube gesttigt war, denn dieser
Bodenaufgang, der gegen den Flgel des mchtigen Gebudes zu lag,
wurde fast nie bentzt.

Von dem letzten Absatze der Stiege schwang sich Beineberg ber das
Gelnder und lie sich, indem er sich an dessen Gitterstben festhielt,
zwischen die Kulissen hinunter, welchem Beispiele Reiting und Trle
folgten. Dort konnten sie auf einer Kiste, welche eigens zu diesem
Zwecke hingeschafft worden war, festen Fu fassen und gelangten von ihr
mit einem Sprunge auf den Fuboden.

Selbst wenn sich das Auge eines auf der Stiege Stehenden an das Dunkel
gewhnt gehabt htte, so wre es ihm doch unmglich gewesen, von
dort aus mehr als ein regelloses Durcheinander zackiger, mannigfach
ineinander geschobener Kulissen zu unterscheiden.

Als jedoch Beineberg eine von ihnen ein wenig zur Seite rckte, ffnete
sich den unten Stehenden ein schmaler schlauchartiger Durchgang.

Sie versteckten die Kiste, welche ihnen beim Abstiege gedient hatte,
und drangen zwischen die Kulissen ein.

Hier wurde es vollstndig dunkel und es bedurfte einer sehr genauen
Kenntnis des Ortes, um weiterzufinden. Hie und da raschelte eine
der groen leinenen Wnde, wenn sie gestreift wurde, es rieselte
ber den Fuboden wie von aufgescheuchten Musen, und ein modriger
alter-Truhen-Geruch stubte auf.

Die drei dieses Weges Gewohnten tasteten sich unendlich vorsichtig,
Schritt fr Schritt bedacht, nicht an eine der als Fallstrick und
Warnsignal ber den Boden gespannten Schnre zu stoen, vorwrts.

Es verging geraume Zeit, bis sie zu einer kleinen Tre gelangten,
welche rechter Hand, knapp vor der den Boden abtrennenden Mauer,
angebracht war.

Als Beineberg diese ffnete, befanden sie sich in einem schmalen Raume
unterhalb des obersten Stiegenabsatzes, der bei dem Lichte einer
kleinen, flackernden llampe, welche Beineberg angezndet hatte,
abenteuerlich genug aussah.

Die Decke war nur in jenem Teile wagrecht, der unmittelbar unter
dem Treppenabsatze lag, und auch hier nur so hoch, da man knapp
aufrecht stehen konnte. Nach rckwrts zu schrgte sie sich aber, dem
Profile der Stiege folgend, ab und endigte in einem spitzen Winkel.
Mit der diesem gegenberliegenden Stirnseite stie der kleine Raum an
die dnne Zwischenmauer, welche den Dachboden von dem Stiegenhause
trennte und erhielt eine lngsseitige natrliche Begrenzung durch
das Gemuer, an dem die Stiege hinaufgefhrt war. Blo die zweite
Seitenwand, in welcher die Tre angebracht war, schien erst eigens
hinzugekommen zu sein. Sie verdankte wohl der Absicht ihr Entstehen,
hier eine kleine Kammer fr Gerte zu schaffen, vielleicht auch nur
einer Laune des Baumeisters, dem beim Anblicke dieses finsteren
Winkels der mittelalterliche Einfall gekommen sein mochte, ihn zu einem
Versteck vermauern zu lassen.

Jedenfalls gab es auer den Dreien kaum einen Menschen im ganzen
Institute, der von dem Bestehen dieses Raumes wute, geschweige denn
daran dachte, ihm irgendeine Bestimmung zu geben.

So konnten sie sich denselben ganz nach ihrem abenteuerlichen Sinne
ausstatten.

Die Wnde waren vollstndig mit einem blutroten Fahnenstoffe
ausgekleidet, den Reiting und Beineberg aus einem der Bodenrume
entwendet hatten, und der Fuboden war mit einer doppelten Lage
dicker, wolliger Kotzen bedeckt, wie solche im Winter in den
Schlafslen als zweite Decken dienten. In dem vorderen Teile der
Kammer standen niedere, mit Stoff berzogene Kistchen, die als Sitze
verwendet wurden; rckwrts, wo Fuboden und Decke in den spitzen
Winkel ausliefen, war eine Schlafsttte hergerichtet. Sie bot ein
Lager fr drei bis vier Personen, das sich durch einen Vorhang
verdunkeln und von dem vorderen Teile der Kammer abtrennen lie.

An der Wand hing neben der Tre ein geladener Revolver.

Trle liebte diese Kammer nicht. Ihre Enge und dieses Alleinsein
gefielen ihm wohl, man war wie tief in dem Inneren eines Berges,
und der Geruch der alten, verstaubten Kulissen durchzog ihn mit
unbestimmten Empfindungen. Aber die Verstecktheit, diese Alarmschnre,
dieser Revolver, der eine uerste Illusion von Trotz und
Heimlichkeit geben sollte, kamen ihm lcherlich vor. Es war, als
wollte man sich einreden, ein Ruberleben zu fhren.

Trle tat dabei eigentlich nur mit, weil er hinter den beiden anderen
nicht zurckstehen wollte. Beineberg und Reiting aber nahmen diese
Dinge furchtbar ernst. Das wute Trle. Er wute, da Beineberg zu
allen Keller- und Bodenrumen des Institutes Nachschlssel besa.
Wute, da dieser oft fr mehrere Stunden von der Klasse verschwand,
um irgendwo -- hoch oben in den Sparren des Dachstuhles oder unter
der Erde in einem der vielen verzweigten, verfallenden Gewlbe --
zu sitzen und bei dem Scheine einer kleinen Laterne, die er stets bei
sich trug, abenteuerliche Geschichten zu lesen oder sich Gedanken
ber die bernatrlichen Dinge eingeben zu lassen.

hnliches wute er auch von Reiting. Dieser hatte gleichfalls seine
versteckten Winkel, in denen er geheime Tagebcher aufbewahrte; nur
waren diese mit verwogenen Plnen fr die Zukunft ausgefllt und mit
genauen Aufzeichnungen ber Ursache, Inszenesetzung und Verlauf der
zahlreichen Intriguen, die er unter seinen Kameraden anstiftete. Denn
Reiting kannte kein greres Vergngen als Menschen gegeneinander zu
hetzen, den einen mit Hilfe des anderen unterzukriegen und sich an
abgezwungenen Geflligkeiten und Schmeicheleien zu weiden, hinter deren
Hlle er noch das Widerstreben des Hasses fhlen konnte.

Ich be mich dabei, war die einzige Entschuldigung, und er gab sie
mit liebenswrdigem Lachen. Zur bung sollte ihm auch gereichen, da er
fast tglich an irgendeinem entlegenen Orte sei es gegen eine Wand, sei
es gegen einen Baum oder einen Tisch boxte, um seine Arme zu strken
und seine Hnde durch Schwielen abzuhrten.

Trle wute um all dies, aber er verstand es nur bis zu einem
gewissen Punkte. Er war einige Male sowohl Reiting als Beineberg auf
ihren eigenwilligen Wegen gefolgt. Das Ungewhnliche daran hatte
ihm ja gefallen. Und auch das liebte er, hernach in die Tageshelle
zu treten, unter alle Kameraden, mitten in die Heiterkeit hinein,
whrend er in sich, in seinen Augen und Ohren, noch die Erregungen
der Einsamkeit und die Halluzinationen der Dunkelheit zittern
fhlte. Wenn ihm aber Beineberg oder Reiting bei solcher Gelegenheit,
um jemanden zu haben, vor dem sie von sich sprechen konnten,
auseinandersetzten, was sie bei all dem bewegte, versagte sein
Verstndnis. Er fand Reiting sogar berspannt. Dieser sprach nmlich
mit Vorliebe davon, da sein Vater eine merkwrdig unstete, spter
verschollene Person gewesen sei. Sein Name sollte berhaupt nur ein
Inkognito fr den eines sehr hohen Geschlechtes sein. Er dachte, von
seiner Mutter noch einmal in weitgehende Ansprche eingeweiht zu
werden, rechnete mit Staatsstreichen und groer Politik und wollte
demzufolge Offizier werden.

Solche Absichten konnte sich Trle ernstlich gar nicht vorstellen.
Die Jahrhunderte der Revolutionen schienen ihm ein fr alle Male
vorbei. Dennoch verstand Reiting Ernst zu machen. Vorlufig freilich
nur im kleinen. Er war ein Tyrann und unnachsichtig gegen den, der
sich ihm widersetzte. Sein Anhang wechselte von Tag zu Tag, aber immer
war die Majoritt auf seiner Seite. Darin bestand sein Talent. --
Gegen Beineberg hatte er vor ein oder zwei Jahren einen groen Krieg
gefhrt, der mit dessen Niederlage endete. Beineberg war zum Schlusse
ziemlich isoliert dagestanden, obwohl er in der Beurteilung der
Personen, an Kaltbltigkeit und dem Vermgen, Antipathien gegen
ihm Miliebige zu erregen, kaum hinter seinem Gegner zurckstand.
Aber ihm fehlte das Liebenswrdige und Gewinnende desselben. Seine
Gelassenheit und seine philosophische Salbung flten fast allen
Mitrauen ein. Man vermutete garstige Exzesse irgendwelcher Art am
Grunde seines Wesens. Dennoch hatte er Reiting groe Schwierigkeiten
bereitet und dessen Sieg war fast nur ein zuflliger gewesen. Seit
der Zeit hielten sie aus gemeinschaftlichem Interesse zusammen.

Trle hingegen wurde von diesen Dingen gleichgltig gelassen. Er
besa daher auch kein Geschick in ihnen. Dennoch war er mit in diese
Welt eingeschlossen und konnte tglich vor Augen sehen, was es bedeute,
in einem Staate -- denn jede Klasse ist in einem solchen Institute
ein kleiner Staat fr sich -- die erste Rolle inne zu haben. Deswegen
hatte er einen gewissen scheuen Respekt vor seinen beiden Freunden.
Die Anwandlungen, die er manchmal hatte, es ihnen gleichzutun,
blieben in dilettantischen Versuchen stecken. Dadurch geriet er, der
ohnedies jnger war, in das Verhltnis eines Schlers oder Gehlfen
zu ihnen. Er geno ihren Schutz, sie aber hrten gerne seinen Rat.
Denn Trle' Geist war der beweglichste. Einmal auf eine Fhrte
gesetzt, war er im Ausdenken der winkelzgigsten Kombinationen
beraus fruchtbar. Es vermochte auch keiner so genau wie er die
verschiedenen, von dem Verhalten eines Menschen in einer gegebenen
Lage zu erwartenden Mglichkeiten vorauszusagen. Nur wo es sich
darum handelte, einen Entschlu zu fassen, von den vorhandenen
psychologischen Mglichkeiten eine auf eigene Gefahr als bestimmt
anzunehmen und danach zu handeln, versagte er, verlor das Interesse und
hatte keine Energie. Seine Rolle als geheimer Generalstabschef
machte ihm aber Spa. Um so mehr, als sie so ziemlich das einzige
war, das in seine tiefinnerliche Langweile einige Bewegung brachte.

Manchmal kam ihm aber doch zu Bewutsein, was er durch diese innerliche
Abhngigkeit einbte. Er fhlte, da ihm alles, was er tat, nur ein
Spiel war. Nur etwas, das ihm half, ber die Zeit dieser Larvenexistenz
im Institute hinwegzukommen. Ohne Bezug auf sein eigentliches Wesen,
das erst dahinter, in noch unbestimmter zeitlicher Entfernung kommen
werde.

Wenn er nmlich bei gewissen Gelegenheiten sah, wie sehr seine beiden
Freunde diese Dinge ernst nahmen, fhlte er sein Verstndnis versagen.
Er htte sich gerne ber sie lustig gemacht, hatte aber doch Angst,
da hinter ihren Phantastereien mehr Wahres stecken knnte, als er
einzusehen vermochte. Er fhlte sich gewissermaen zwischen zwei
Welten zerrissen: Einer solid brgerlichen, in der schlielich doch
alles geregelt und vernnftig zuging, wie er es von zu Hause her
gewohnt war, und einer abenteuerlichen, voll Dunkelheit, Geheimnis,
Blut und ungeahnter berraschungen. Die eine schien dann die andere
auszuschlieen. Ein spttisches Lcheln, das er gerne auf seinen
Lippen festgehalten htte, und ein Schauer, der ihm ber den Rcken
fuhr, kreuzten sich. Ein Flimmern der Gedanken entstand...

Dann sehnte er sich danach, endlich etwas Bestimmtes in sich zu fhlen;
feste Bedrfnisse, die zwischen Gutem und Schlechtem, Brauchbarem und
Unbrauchbarem schieden; sich whlen zu wissen, wenn auch falsch --
besser doch, als berempfnglich alles in sich aufzunehmen...

Als er in die Kammer getreten war, hatte sich diese innere
Zwiespltigkeit, wie stets an diesem Orte, wieder seiner bemchtigt.

Reiting hatte unterdessen zu erzhlen angefangen:

Basini war ihm Geld schuldig gewesen, hatte ihn von einem Termin zum
andern vertrstet; jedesmal unter Ehrenwort. Ich hatte ja soweit
nichts dagegen, meinte Reiting, je lnger es so ging, desto mehr
wurde er von mir abhngig. Ein drei- oder vierfach gebrochenes
Ehrenwort ist am Ende doch keine Kleinigkeit? Aber schlielich
brauchte ich mein Geld selbst. Ich machte ihn darauf aufmerksam
und er schwor hoch und heilig. Hielt natrlich wieder nicht Wort.
Da erklrte ich ihm, da ich ihn anzeigen wrde. Er bat um zwei Tage
Zeit, weil er eine Sendung von seinem Vormunde erwarte. Ich aber
erkundigte mich einstweilen ein wenig um seine Verhltnisse. Wollte
wissen, von wem er etwa noch abhngig sei; -- man mu doch damit
rechnen knnen.

Was ich erfuhr, war mir nicht gerade angenehm. Er hatte bei Dschjusch
Schulden und noch bei einigen anderen. Einen Teil davon hatte er
schon gezahlt, natrlich von dem Gelde, das er mir schuldig blieb.
Die anderen brannten ihm unter den Ngeln. Mich rgerte das. Hielt er
mich fr den Gutmtigsten? Das wre mir kaum sympathisch gewesen.
Aber ich dachte mir: abwarten. Es wird sich schon Gelegenheit finden,
ihm solche Irrtmer auszutreiben. Gesprchsweise hatte er mir einmal
die Summe des erwarteten Betrags genannt, um mich zu beruhigen, da
diese grer sei als mein Guthaben. Ich fragte nun genau herum und
brachte heraus, da fr die Gesamtsumme der Schulden der Betrag bei
weitem nicht ausreiche. Aha, dachte ich mir, jetzt wird er es
wohl noch einmal probieren.

Und richtig kam er ganz vertraulich zu mir und bat, weil die anderen
so sehr drngten, um ein wenig Nachsicht. Ich blieb aber diesmal
ganz kalt. Bettel die anderen, sagte ich ihm, ich bin nicht
gewohnt nach ihnen zu kommen. Dich kenne ich besser, zu dir habe
ich mehr Vertrauen, versuchte er. Mein letztes Wort: Du bringst mir
morgen das Geld oder ich lege dir meine Bedingungen auf. Was fr
Bedingungen? erkundigte er sich. Das httet ihr hren sollen! Als ob
er bereit wre, seine Seele zu verkaufen. Was fr Bedingungen? Oho!
Du mut mir in allem, was ich unternehme, Gefolgschaft leisten. Wenn
es weiter nichts ist? Das tue ich gewi, ich halte von selbst gerne
zu dir. Oh, nicht nur, wenn es _dir_ Vergngen macht; Du mut
ausfhren, was immer ich will, -- in blindem Gehorsam! Jetzt sah
er mich so schief, halb grinsend und halb verlegen an. Er wute nicht,
wieweit er sich einlassen knne, wie weit es mir Ernst sei. Er
htte mir wahrscheinlich gerne alles versprochen, aber er mute
wohl frchten, da ich ihn nur auf die Probe stelle. Schlielich sagte
er daher und wurde rot: Ich werde dir das Geld bringen. Mir
machte er Spa, das war so ein Mensch, den ich bisher unter den
fnfzig anderen gar nicht beachtet hatte. Er zhlte doch nie mit,
nicht? Und nun war er mir pltzlich so ganz nahe getreten, da ich
ihn bis ins kleinste sah. Ich wute gewi, da der bereit sei, sich
zu verkaufen; ohne viel Aufhebens, wenn nur niemand darum wute. Es
war wirklich eine berraschung, und es gibt gar nichts Schneres, als
wenn einem ein Mensch pltzlich auf solche Weise offenbar wird, seine
bisher unbeachtete Art zu leben pltzlich vor einem liegt, wie die
Gnge eines Wurms, wenn das Holz entzwei springt....

Am nchsten Tage brachte er mir richtig das Geld. Ja mehr als das,
er lud mich ein, mit ihm im Kasino etwas zu trinken. Er bestellte
Wein, Torte, Zigaretten und bat mich, mir aufwarten zu drfen --
aus Dankbarkeit, weil ich so geduldig gewesen sei. Mir war nur
unangenehm, da er dabei so furchtbar harmlos tat. So als ob nie
zwischen uns ein verletzendes Wort gefallen wre. Ich deutete darauf
hin; er wurde nur noch herzlicher. Es war so, als ob er sich mir
entwinden, sich mir wieder gleichsetzen wollte. Er machte sich von
nichts mehr wissen, mit jedem zweiten Worte drngte er mir eine
Beteuerung seiner Freundschaft auf; nur in seinen Augen war etwas,
das sich an mich klammerte, als ob er sich frchte, das knstlich
geschaffene Gefhl der Nhe wieder zu verlieren. Schlielich wurde
er mir zuwider. Ich dachte: glaubt er denn, ich msse mir das gefallen
lassen? und sann nach, wie ich ihm eins moralisch vor den Kopf geben
knnte. Nach etwas recht Verletzendem suchte ich. Dabei fiel mir ein,
da mir Beineberg am Morgen erzhlt hatte, ihm sei Geld gestohlen
worden. Ganz nebenbei fiel es mir ein. Aber es kehrte wieder. Und es
schnrte mir frmlich den Hals zusammen. Es kme doch wunderbar
gelegen, dachte ich mir und fragte ihn beilufig, wieviel Geld er
denn noch besitze. Die Rechnung, die ich daraufhin anstellte, stimmte.
Wer war denn so dumm, dir trotz allem noch Geld zu borgen? fragte
ich lachend. Hofmeier.

Ich glaube, ich zitterte vor Freude. Hofmeier war nmlich zwei Stunden
vorher bei mir gewesen, um sich selbst etwas Geld zu entleihen. So
war das, was mir vor ein paar Minuten durch den Kopf gefahren war,
pltzlich Wirklichkeit geworden. Nicht anders, als wenn du zufllig,
scherzend denkst: Dieses Haus sollte jetzt brennen, und im nchsten
Augenblick schiet das Feuer schon meterhoch empor....

Ich berschlug rasch noch einmal alle Mglichkeiten; freilich,
Gewiheit war ja nicht zu gewinnen, aber mein Gefhl gengte mir. So
neigte ich mich denn zu ihm hin und sagte in wirklich liebenswrdigster
Weise, so als ob ich ihm ganz sanft ein schlankes, spitzes Stbchen ins
Gehirn hineintriebe: Schau doch, lieber Basini, warum willst du
mich anlgen? Wie ich das sagte, schienen seine Augen ngstlich im
Kopfe zu schwimmen, ich aber fuhr fort: Du kannst ja vielleicht bald
jemandem etwas vormachen, aber gerade ich bin nicht der Richtige. Du
weit doch, Beineberg.... Er wurde nicht rot und nicht bleich, es
schien, als warte er auf Lsung eines Miverstndnisses. Na, um
es kurz zu machen, sagte ich da, das Geld, wovon du mir deine
Schuld bezahltest, hast du heute nacht aus Beinebergs Schublade
genommen!

Ich lehnte mich wieder zurck, um den Eindruck zu beobachten. Er war
kirschrot geworden; die Worte, an denen er wrgte, trieben ihm den
Speichel auf die Lippen; endlich vermochte er zu sprechen. Es war ein
ganzer Gu von Beschuldigungen gegen mich: wie ich mich unterstehen
knne, so etwas zu behaupten; was denn eine solche schimpfliche
Vermutung auch nur im entferntesten rechtfertige; da ich nur Streit
mit ihm suche, weil er der Schwchere sei; da ich es nur aus rger
tue, weil er nach Zahlung seiner Schulden von mir erlst sei; da er
aber die Klasse anrufen werde, ... den Prfekten, ... den Direktor;
da Gott seine Unschuld bezeugen mge, und so weiter ins Unendliche.
Mir wurde wirklich schon bange, da ich ihm unrecht getan und ihn
unntig verletzt habe, so hbsch stand ihm die Rte im Gesicht; .. wie
ein gequltes, wehrloses, kleines Tierchen sah er aus. Aber es litt
mich doch nicht, so ohneweiters beizugeben. So hielt ich denn ein
spttisches Lcheln fest -- eigentlich fast nur aus Verlegenheit --
mit dem ich alle seine Reden anhrte. Hie und da nickte ich dazu
und sagte ruhig: Aber ich wei es doch.

Nach einer Weile wurde auch er ruhig. Ich lchelte weiter. Ich hatte
ein Gefhl, als ob ich ihn durch dieses Lcheln allein zum Diebe machen
knnte, selbst wenn er es noch nicht gewesen wre. Und zum Gutmachen,
dachte ich mir, ist auch spter immer noch Zeit.

Wieder nach einer Weile, whrend deren er mich von Zeit zu Zeit
heimlich angesehen hatte, wurde er pltzlich bleich. Eine merkwrdige
Vernderung ging mit seinem Gesichte vor. Die frmlich unschuldige
Anmut, die es vorher verschnt hatte, schwand; wie es schien, mit der
Farbe. Es sah nun grnlich aus, ksig, verquollen. Ich hatte so etwas
vorher nur ein einzigesmal gesehen -- als ich auf der Strae hinzukam,
wie man einen Mrder arretierte. Der war auch unter den anderen
Leuten umhergegangen, ohne da man ihm das geringste htte anmerken
knnen. Als ihm aber der Schutzmann die Hand auf die Schulter legte,
war er pltzlich ein anderer Mensch geworden. Sein Gesicht hatte
sich verwandelt und seine Augen starrten erschrocken und nach einem
Ausweg suchend aus einer wahren Galgenphysiognomie.

Daran wurde ich durch den Wechsel in Basinis Ausdruck erinnert; ich
wute nun alles und wartete nur noch....

Und es kam auch so. Ohne da ich etwas gesagt htte, fing Basini --
von dem Schweigen erschpft -- zu weinen an und bat mich um Gnade.
Er habe das Geld ja nur in der Not genommen; wenn ich nicht darauf
gekommen wre, htte er es so bald wieder zurckgegeben, da niemand
darum gewut htte. Ich solle doch nicht sagen, er habe gestohlen;
er habe es sich ja nur heimlich ausgeliehen...; weiter kam er nicht
vor Trnen.

Danach aber bettelte er mich von neuem. Er wolle mir gehorsam sein,
alles tun, was berhaupt ich wnsche, nur solle ich niemandem davon
erzhlen. Um diesen Preis bot er sich mir frmlich zum Sklaven an
und die Mischung von List und gieriger Angst, die sich dabei in seinen
Augen krmmte, war widerwrtig. Ich versprach ihm daher auch nur kurz,
mir noch berlegen zu wollen, was mit ihm geschehen werde, sagte aber,
da dies in erster Linie Beinebergs Sache sei. Was sollen wir nun
eurer Meinung nach mit ihm anfangen?

Whrend Reiting erzhlte, hatte Trle wortlos, mit geschlossenen
Augen zugehrt. Von Zeit zu Zeit war ihm ein Frsteln bis in die
Fingerspitzen gelaufen und in seinem Kopfe stieen die Gedanken wild
und ungeordnet in die Hhe, wie Blasen in siedendem Wasser. Man
sagt, da es so demjenigen gehe, der zum ersten Male das Weib sehe,
welches bestimmt ist, ihn in eine vernichtende Leidenschaft zu
verwickeln. Man behauptet, da es einen solchen Augenblick des Sich
bckens, Krfte heraufholens, Atem anhaltens, einen Augenblick ueren
Schweigens ber gespanntester Innerlichkeit zwischen zwei Menschen
gebe. Keinesfalls ist zu sagen, was in diesem Augenblicke vorgeht.
Er ist gleichsam der Schatten, den die Leidenschaft vorauswirft.
Ein organischer Schatten; eine Lockerung aller bisherigen Spannungen
und zugleich ein Zustand pltzlicher, neuer Gebundenheit, in dem schon
die ganze Zukunft enthalten ist; eine auf die Schrfe eines Nadelstichs
konzentrierte Inkubation.... Und er ist andrerseits ein Nichts,
ein dumpfes, unbestimmtes Gefhl, eine Schwche, eine Angst....

So fhlte es Trle. Was Reiting von sich und Basini erzhlte,
schien ihm, wenn er sich darber befragte, ohne Belang zu sein. Ein
leichtsinniges Vergehen und eine feige Schlechtigkeit von seiten
Basinis, worauf nun sicher irgendeine grausame Laune Reitings folgen
werde. Andrerseits aber fhlte er wie in einer bangen Ahnung, da
die Ereignisse nun eine ganz persnliche Wendung gegen ihn genommen
hatten, und in dem Zwischenfalle lag etwas, das ihn wie mit einer
scharfen Spitze bedrohte.

Er mute sich Basini bei Bozena vorstellen und er sah in der Kammer
umher. Ihre Wnde schienen ihm zu drohen, sich auf ihn zu senken, wie
mit blutigen Hnden nach ihm zu greifen, der Revolver rckte auf seinem
Platze hin und her....

Da war nun etwas zum ersten Male wie ein Stein in die unbestimmte
Einsamkeit seiner Trumereien gefallen; es war da; da lie sich
nichts machen; es war Wirklichkeit. Gestern war Basini noch genau so
wie er selbst gewesen; eine Falltre hatte sich geffnet, und Basini
war gestrzt. Genau so, wie es Reiting schilderte: eine pltzliche
Vernderung, und der Mensch hat gewechselt....

Und wieder verknpfte sich das irgendwie mit Bozena. Seine Gedanken
hatten Blasphemie getrieben. Ein fauler, ser Geruch, der aus ihnen
aufgestiegen war, hatte ihn verwirrt. Und diese tiefe Erniedrigung,
diese Selbstaufgabe, dieses von den schweren, blassen, giftigen
Blttern der Schande Bedecktwerden, das wie ein unkrperliches, fernes
Spiegelbild durch seine Trume gezogen war, war nun pltzlich mit
Basini -- geschehen.

Es war also etwas, womit man wirklich rechnen mu, vor dem man sich
hten mu, das pltzlich aus den schweigsamen Spiegeln der Gedanken
hervorspringen kann?...

Dann war aber auch alles andere mglich. Dann waren Reiting und
Beineberg mglich. War diese Kammer mglich ... Dann war es auch
mglich, da von der hellen, tglichen Welt, die er bisher allein
gekannt hatte, ein Tor zu einer anderen, dumpfen, brandenden,
leidenschaftlichen, nackten, vernichtenden fhre. Da zwischen
jenen Menschen, deren Leben sich wie in einem durchsichtigen und
festen Bau von Glas und Eisen geregelt zwischen Bureau und Familie
bewegt, und anderen, Herabgestoenen, Blutigen, ausschweifend
Schmutzigen, in verwirrten Gngen voll brllender Stimmen Irrenden,
nicht nur ein bergang besteht, sondern ihre Grenzen heimlich und
nahe und jeden Augenblick berschreitbar aneinanderstoen...

Und die Frage bliebe nur: wie ist es mglich? Was geschieht in solchem
Augenblicke? Was schiet da schreiend in die Hhe und was verlischt
pltzlich?...

Das waren die Fragen, die fr Trle mit diesem Ereignisse
heraufstiegen. Sie stiegen undeutlich herauf, mit verschlossenen
Lippen, von einem dumpfen, unbestimmten Gefhl ... einer Schwche,
einer Angst verhllt.

Aber doch klang wie von ferne, abgerissen und vereinzelt, manches ihrer
Worte in Trle auf und erfllte ihn mit banger Erwartung.

In diesen Augenblick fiel Reitings Anfrage.

Trle begann sofort zu sprechen. Er gehorchte dabei einem pltzlichen
Antriebe, einer Bestrzung. Es schien ihm, da irgend etwas
Entscheidendes bevorstehe, und er erschrak vor diesem Heranrckenden,
wollte ausweichen, eine Frist gewinnen ... Er sprach, aber im
selben Augenblicke fhlte er, da er nur Uneigentliches vorzubringen
habe, da seine Worte ohne inneren Rckhalt seien und gar nicht seine
wirkliche Meinung...

Er sagte: Basini ist ein Dieb. Und der bestimmte, harte Klang dieses
Wortes tat ihm so wohl, da er es zweimal wiederholte. ...ein Dieb.
Und einen solchen bestraft man -- berall, in der ganzen Welt. Er mu
angezeigt, aus dem Institute entfernt werden! Mag er sich drauen
bessern, zu uns pat er nicht mehr!

Aber Reiting sagte mit einem Ausdrucke unangenehmen Betroffenseins:
Nein, wozu es gleich zum uersten treiben?

Wozu? Ja, findest du denn das nicht selbstverstndlich?

Durchaus nicht. Du machst ja gerade so, als ob der Schwefelregen
schon vor der Tr stnde, um uns alle zu vernichten, wenn wir Basini
noch lnger unter uns behielten. Dabei ist die Sache doch nicht gar so
frchterlich.

Wie kannst du das sagen! Du willst also mit einem Menschen, der
gestohlen hat, der sich dir dann zur Magd, zum Sklaven angeboten
hat, tagtglich weiter zusammen sitzen, zusammen essen, zusammen
schlafen?! Ich verstehe das gar nicht. Wir werden doch gemeinsam
erzogen, weil wir gemeinsam zur selben Gesellschaft gehren. Wird es
dir gleich sein, wenn du seinerzeit vielleicht im selben Regiment mit
ihm stehst, oder im selben Ministerium arbeitest, wenn er in denselben
Familien verkehrt wie du -- vielleicht deiner eigenen Schwester den
Hof macht...?

Nun seh einer, ob du nicht bertreibst?! lachte Reiting, du tust,
als ob wir einer Brderschaft frs Leben angehrten! Glaubst du denn,
da wir immer ein Siegel an uns herumtragen werden: Stammt aus dem
Konvikte zu W. Ist mit besonderen Vorrechten und Verpflichtungen
behaftet? Spter geht ja doch jeder von uns seinen eigenen Weg, und
jeder wird das, wozu er berechtigt ist, denn es gibt nicht nur eine
Gesellschaft. Ich meine daher, wir brauchen uns nicht ber die Zukunft
den Kopf zu zerbrechen. Und was das Gegenwrtige betrifft, habe ich ja
nicht gesagt, da wir mit Basini Kameradschaft halten sollen. Es wird
sich schon irgendwie so finden lassen, da die Distanz gewahrt bleibt.
Basini ist in unserer Hand, wir knnen mit ihm machen, was wir wollen,
meinetwegen kannst du ihn zweimal tglich anspucken: wo bleibt da,
solange er es sich gefallen lt, die Gemeinsamkeit? Und lehnt er sich
auf, knnen wir ihm immer noch den Herrn zeigen ... Du mut nur die
Idee fallen lassen, da zwischen uns und Basini irgendeine andere
Zusammengehrigkeit bestehe, auer der, da uns seine Gemeinheit
Vergngen bereitet!

Trotzdem Trle gar nicht von seiner Sache berzeugt war, ereiferte er
sich weiter: Hre, Reiting, warum nimmst du dich Basinis so warm an?

Nehme ich mich seiner an? Das wei ich gar nicht. berhaupt habe ich
gewi keinen besonderen Grund; mir ist die ganze Geschichte grenzenlos
gleichgltig. Mich rgert ja nur, da du bertreibst. Was steckt dir
im Kopfe? So eine Art Idealismus, meine ich. Heilige Begeisterung
fr das Institut oder fr die Gerechtigkeit. Du hast keine Ahnung,
wie fad und musterhaft das klingt. Oder hast du am Ende, und Reiting
blinzelte verdchtigend zu Trle hinber, irgendeinen anderen Grund,
weswegen Basini hinausfliegen soll, und willst blo nicht Farbe
bekennen? Irgendeine alte Rache? Dann sag es doch! Denn, wenn es
dafr steht, knnen wir ja wirklich die gnstige Gelegenheit bentzen.

Trle wandte sich an Beineberg. Aber dieser grinste nur. Er sog
zwischen dem Sprechen an einem langen Tschibuk, sa mit orientalisch
gekreuzten Beinen und sah mit seinen abstehenden Ohren in der
zweifelhaften Beleuchtung wie ein groteskes Gtzenbild aus.
Meinetwegen knnt ihr machen, was ihr wollt; mir ist es nicht um das
Geld zu tun und um die Gerechtigkeit auch nicht. In Indien wrde
man ihm einen gespitzten Bambus durch den Darm treiben; das wre
wenigstens ein Vergngen. Er ist dumm und feig, da ist weiter nicht
schade um ihn, und es war mir wirklich Zeit meines Lebens hchst
egal, was mit solchen Leuten geschieht. Sie selbst sind nichts, und
was aus ihrer Seele noch werden mag, wissen wir nicht. Allah schenke
eurem Urteil seine Gnade!

Trle erwiderte nichts. Nachdem ihm Reiting widersprochen und
Beineberg die Entscheidung zwischen ihnen unbeeinflut gelassen hatte,
war er am Ende. Er vermochte keinen Widerstand mehr entgegenzusetzen;
er fhlte, da er gar kein Verlangen mehr habe, das Ungewisse, Kommende
aufzuhalten.

Also wurde ein Vorschlag angenommen, den Reiting nun machte. Es wurde
beschlossen, Basini vorderhand unter Aufsicht, gewissermaen unter
Kuratel zu stellen und ihm so Gelegenheit zu bieten, da er sich wieder
herausarbeiten knne. Seine Einnahmen und Ausgaben sollten von nun an
strenge geprft werden und seine Beziehungen zu den brigen von der
Erlaubnis der drei abhngen.

Dieser Beschlu war scheinbar sehr korrekt und wohlwollend. Musterhaft
fad, wie Reiting diesmal _nicht_ sagte. Denn, ohne da sie es sich
eingestanden, fhlte jeder, da hier nur eine Art Zwischenzustand
geschaffen werden sollte. Reiting htte ungerne auf eine Fortsetzung
dieser Angelegenheit verzichtet, da sie ihm Vergngen bereitete, aber
andererseits war er sich noch nicht klar, welche Wendung er ihr weiter
geben sollte. Und Trle war durch den bloen Gedanken, da er nun
tglich mit Basini zu tun haben werde, wie gelhmt.

Als er vorhin das Wort Dieb ausgesprochen hatte, war ihm fr
einen Augenblick leichter geworden. Es war wie ein Hinausstellen,
Vonsichwegschieben der Dinge gewesen, die in ihm whlten.

Aber die Fragen, die gleich darauf wieder auftauchten, vermochte dieses
einfache Wort nicht zu lsen. Sie waren jetzt deutlicher geworden, wo
es nicht mehr galt ihnen auszuweichen.

Trle sah von Reiting zu Beineberg, schlo die Augen, wiederholte
sich den gefaten Beschlu, sah wieder auf ... Er wute ja selbst
nicht mehr, war es nur seine Phantasie, die sich wie ein riesiges
Zerrglas ber die Dinge legte, oder war es wahr, war alles so, wie
es unheimlich vor ihm aufdmmerte? Und wuten nur Beineberg und
Reiting nichts von diesen Fragen? Obwohl gerade sie sich von Anfang
an heimisch in dieser Welt bewegt hatten, die ihm nun auf einmal erst
so fremd erschien?

Trle frchtete sich vor ihnen. Aber er frchtete sich nur so, wie
man sich vor einem Riesen frchtet, den man blind und dumm weiߠ...

Eines aber war entschieden: Er war jetzt viel weiter als vor einer
Viertelstunde noch. Die Mglichkeit einer Umkehr war vorber. Eine
leise Neugierde stieg auf, wie es nun wohl kommen werde, da er gegen
seinen Willen festgehalten sei. Alles, was sich in ihm regte, lag
noch im Dunkeln, aber doch sprte er schon eine Lust, in die Gebilde
dieser Finsternis hineinzustarren, welche die anderen nicht bemerkten.
Ein feines Frsteln war in diese Lust gemengt. Als ob ber seinem
Leben nun bestndig ein grauer, verhngter Himmel stehen werde --
mit groen Wolken, ungeheuren, wechselnden Gestalten und der immer
neuen Frage: Sind es Ungeheuer? Sind es nur Wolken?

Und diese Frage nur fr ihn! Als Geheimes, den anderen Fremdes,
Verbotenes...

So begann Basini sich zum ersten Male jener Bedeutung zu nhern, die
er spterhin in Trle' Leben einnehmen sollte.

                   *       *       *       *       *

Am nchsten Tage wurde Basini unter Kuratel gesetzt.

Nicht ganz ohne einige Feierlichkeit. Man bentzte eine Morgenstunde,
whrend welcher man sich den Freibungen, die auf einer groen Wiese im
Parke stattfanden, entzogen hatte.

Reiting hielt eine Art Ansprache. Nicht gerade kurz. Er wies Basini
darauf hin, da er seine Existenz verscherzt habe, eigentlich angezeigt
werden mte und es nur einer besonderen Gnade zu danken habe, da man
ihm vorlufig die Schande einer strafweisen Entfernung noch erlasse.

Dann wurden ihm die besonderen Bedingungen mitgeteilt. Die berwachung
ihrer Einhaltung bernahm Reiting.

Basini war whrend des ganzen Auftrittes sehr bleich gewesen, hatte
jedoch kein Wort erwidert und aus seinem Gesichte war nicht zu
entnehmen gewesen, was whrenddem in ihm vorgegangen war.

Trle war die Szene abwechselnd sehr geschmacklos und sehr bedeutend
vorgekommen.

Beineberg hatte mehr auf Reiting als auf Basini geachtet.

                   *       *       *       *       *

Whrend der nchsten Tage schien die Angelegenheit beinahe vergessen zu
sein.

Reiting war auer im Unterrichte und beim Speisen kaum zu sehen,
Beineberg war schweigsamer denn je und Trle schob es immer wieder
hinaus, ber die Geschichte nachzudenken.

Basini bewegte sich unter den Kameraden, als wre niemals etwas
vorgefallen.

                   *       *       *       *       *

Er war etwas grer als Trle, jedoch sehr schwchlich gebaut, hatte
weiche, trge Bewegungen und weibische Gesichtszge. Sein Verstand war
gering, im Fechten und Turnen war er einer der letzten, doch war ihm
eine angenehme Art koketter Liebenswrdigkeit eigen.

Zu Bozena war er seinerzeit nur gekommen, um den Mann zu spielen. Eine
wirkliche Begierde drfte ihm bei seiner zurckgebliebenen Entwicklung
durchaus noch fremd gewesen sein. Er empfand es vielmehr blo als
Ntigung, als Angemessenheit oder Verpflichtung, da man den Duft
galanter Erlebnisse an ihm nicht vermisse. Sein schnster Augenblick
war der, wenn er von Bozena wegging und es hinter sich hatte, denn
es war ihm nur um den Besitz der Erinnerung zu tun.

Mitunter log er auch aus Eitelkeit. So kam er nach jedem Urlaube mit
Andenken an kleine Abenteuer zurck -- Bndern, Locken, schmalen
Briefchen. Als er aber einmal ein Strumpfband in seinem Koffer
mitgebracht hatte, ein liebes, kleines, duftendes, himmelblaues, und
nachtrglich sich herausstellte, da es von niemand anderem als
seiner eigenen zwlfjhrigen Schwester war, wurde er wegen dieses
lcherlichen Grotuns viel verlacht.

Die moralische Minderwertigkeit, die sich an ihm herausstellte, und
seine Dummheit wuchsen auf einem Stamm. Er vermochte keiner Eingebung
Widerstand entgegenzusetzen und wurde von den Folgen stets berrascht.
Er war darin wie jene Frauen mit niedlichen Lckchen ber der Stirne,
die ihrem Gatten in mahlzeitweisen Dosen Gift beibringen und sich dann
voller Schrecken ber die fremden, harten Worte des Staatsanwaltes
wundern und ber ihr Todesurteil.

                   *       *       *       *       *

Trle wich ihm aus. Dadurch verlor sich allmhlig auch jenes
tiefinnerliche Erschrecken, das ihn im ersten Augenblicke gleichsam
unter den Wurzeln seiner Gedanken gepackt und erschttert hatte. Es
wurde wieder vernnftig um Trle; das Befremden wich und wurde Tag
um Tag unwirklicher, wie Spuren eines Traumes, die sich in der
realen, festen, sonnenbeschienenen Welt nicht behaupten knnen.

Um sich dieses Zustandes noch mehr zu versichern, teilte er alles in
einem Briefe seinen Eltern mit. Nur das, was er selbst dabei empfunden
hatte, verschwieg er.

Er war nun wieder auf den Standpunkt gelangt, da es doch am besten
sei, bei nchster Gelegenheit Basinis Entfernung aus dem Institute
durchzusetzen. Er vermochte sich gar nicht vorzustellen, da seine
Eltern anders darber denken knnten. Er erwartete von ihnen eine
strenge, angewiderte Beurteilung Basinis, eine Art, denselben mit den
Fingerspitzen wegzuschnellen wie ein unsauberes Insekt, das man in
der Nhe ihres Sohne nicht dulden drfe.

Nichts von alledem stand in dem Briefe, den er als Antwort erhielt.
Seine Eltern hatten sich rechtschaffene Mhe gegeben und wie
vernnftige Leute alle Umstnde erwogen, soweit sie sich eben nach
den abgerissenen, lckenhaften Mitteilungen jenes hastigen Briefes
eine Vorstellung davon machen konnten. Es folgte daraus, da sie
die nachsichtigste und zurckhaltendste Beurteilung bevorzugten, um so
mehr als sie in der Darstellung ihres Sohnes mglicherweise mit
mancher aus jugendlicher Emprung hervorgegangenen bertreibung zu
rechnen hatten. Sie billigten also den Entschlu, Basini Gelegenheit
zur Besserung zu geben, und meinten, da man nicht gleich wegen
eines kleinen Fehltrittes ein Menschenschicksal aus seiner Bahn
stoen drfe. Um so mehr -- und das betonten sie wie billig ganz
besonders -- als man es hier noch nicht mit fertigen Menschen zu
tun habe, sondern erst mit weichen, in der Entwicklung begriffenen
Charakteren. Man msse Basini gegenber wohl fr jeden Fall Ernst
und Strenge herauskehren, stets aber auch ihm mit Wohlwollen
entgegentreten und ihn zu bessern suchen.

Dies erhrteten sie durch eine ganze Reihe von Beispielen, die
Trle wohlbekannt waren. Denn er erinnerte sich genau, da viele in
den ersten Jahrgngen, wo es die Direktion noch liebte, drakonische
Sitten herauszukehren und dem Taschengelde enge Grenzen zog, sich oft
nicht enthalten konnten, Glcklichere von den gefrigen Kleinen,
die sie alle miteinander nun einmal waren, um einen Teil ihres
Schinkenbrotes oder dergleichen zu betteln. Auch er selbst war nicht
immer frei davon geblieben, wenn er auch seine Scham dahinter
versteckte, da er auf die boshafte, belwollende Direktion schimpfte.
Und nicht nur den Jahren, sondern auch den sowohl ernsten als gtigen
Ermahnungen seiner Eltern dankte er es, da er allmhlig gelernt
hatte, solche Schwchen mit Stolz zu vermeiden.

Aber all das verfehlte heute seine Wirkung.

Er mute ja einsehen, da seine Eltern in vieler Beziehung recht
hatten, auch wute er, da es kaum mglich sei, so von fernher ganz
richtig zu urteilen; ihrem Briefe schien jedoch etwas viel Wichtigeres
zu fehlen.

Das war das Verstndnis dafr, da da etwas Unwiderrufliches
geschehen sei, etwas, das unter Menschen eines gewissen Kreises nie
geschehen drfe. Das Staunen und die Betroffenheit fehlten. Sie
sprachen, als ob es eine gewohnte Sache wre, die man mit Takt, aber
ohne viel Aufhebens erledigen msse. Ein Makel, der so wenig schn,
aber so unausweichlich ist wie die tgliche Notdurft. Von einer
persnlicheren, beunruhigten Auffassung so wenig eine Spur wie bei
Beineberg und Reiting.

Trle htte sich auch dies gesagt sein lassen knnen. Statt dessen
zerri er aber den Brief in kleine Stckchen und verbrannte ihn. Es war
zum erstenmal in seinem Leben, da er sich eine solche Piettlosigkeit
zuschulden kommen lie.

In ihm war eine der beabsichtigten entgegengesetzte Wirkung ausgelst
worden. Im Gegensatze zu der schlichten Auffassung, die man ihm
vortrug, war ihm mit einem Male wieder das Problematische, Fragwrdige
von Basinis Vergehen eingefallen. Er sagte sich kopfschttelnd, da
man darber noch nachdenken msse, obwohl er sich ber das Warum keine
genaue Rechenschaft geben konnte...

Am merkwrdigsten war es, wenn er mehr mit Trumen als mit berlegungen
dem nachging. Dann erschien ihm Basini verstndlich, alltglich, mit
klaren Konturen, so wie ihn seine Eltern und seine Freunde sehen
mochten: und im nchsten Augenblicke verschwand er und kam wieder,
immer wieder, als eine kleine, ganz kleine Figur, die zeitweilig
vor einem tiefen, sehr tiefen Hintergrunde aufleuchtete.........

                   *       *       *       *       *

Da wurde Trle einmal whrend der Nacht -- es war sehr spt und alle
schliefen schon -- wachgerttelt.

An seinem Bette sa Beineberg. Das war so ungewhnlich, da er sofort
ahnte, es msse sich um etwas Besonderes handeln.

Steh auf. Aber mach keinen Lrm, damit uns niemand bemerkt; wir wollen
hinaufgehen, ich mu dir etwas erzhlen.

Trle kleidete sich flchtig an, nahm seinen Mantel um und schlpfte
in die Hausschuhe...

Oben stellte Beineberg mit besonderer Sorgfalt alle Hindernisse wieder
her, dann bereitete er Thee.

Trle, welchem der Schlaf noch in den Gliedern lag, lie sich von der
goldgelben, duftenden Wrme mit Behagen durchstrmen. Er lehnte sich
in eine Ecke und machte sich klein; er erwartete eine berraschung.

Endlich sagte Beineberg: Reiting betrgt uns.

Trle fhlte sich gar nicht erstaunt; er nahm es wie etwas
Selbstverstndliches auf, da die Angelegenheit irgendeine solche
Fortsetzung finden mute; ihm war fast, als htte er nur darauf
gewartet. Ganz unwillkrlich sagte er: Ich habe es mir gedacht!

So? Gedacht? Aber bemerkt wirst du wohl kaum etwas haben? Das wrde
dir gar nicht hnlich sehen.

Allerdings, mir ist nichts aufgefallen; ich habe mich auch weiter
nicht darum gekmmert.

Aber dafr habe ich gut achtgegeben; ich traute Reiting vom ersten
Tage an nicht. Du weit doch, da mir Basini mein Geld zurckgegeben
hat. Und wovon glaubst du? Aus eigenem? -- Nein.

Und du glaubst, da Reiting seine Hand dabei im Spiele hat?

Gewi.

Im ersten Augenblicke dachte Trle nichts anderes, als da sich nun
auch Reiting in eine solche Sache verwickelt habe.

Du glaubst also, da Reiting ebenso wie Basini...?

Wo denkst du hin! Reiting hat einfach von seinem eigenen Gelde das
Ntige gegeben, damit Basini seine Schuld bei mir ablsen knne.

Dafr sehe ich aber doch keinen rechten Grund.

Das konnte ich auch durch lange Zeit nicht. Jedenfalls wird aber
auch dir aufgefallen sein, da sich Reiting von allem Anfang an so
krftig fr Basini einsetzte. Du hast ja damals ganz recht gehabt; es
wre wirklich das natrlichste gewesen, wenn der Kerl hinausgeflogen
wre. Aber ich habe damals absichtlich nicht fr dich gestimmt, weil
ich mir dachte: ich mu doch sehen, was da alles noch mit im Spiele
ist. Ich wei zwar wirklich nicht genau, ob er damals schon ganz
klare Absichten hatte oder nur zuwarten wollte, nachdem er Basinis ein
fr allemal versichert war. Jedenfalls wei ich, wie es heute steht.

Nun?

Warte, das ist nicht so rasch erzhlt. Du kennst doch die Geschichte,
die vor vier Jahren im Institute stattgefunden hat?

Welche Geschichte?

Nun, die gewisse!

Nur beilufig. Ich wei blo, da es damals wegen irgend welcher
Schweinereien einen groen Skandal gegeben hat und da eine ganze
Anzahl deswegen strafweise entlassen werden mute.

Ja, das meine ich. Ich habe nheres darber einmal auf Urlaub von
einem aus jener Klasse erfahren. Sie haben einen hbschen Burschen
unter sich gehabt, in den viele von ihnen verliebt waren. Das kennst du
ja, denn das kommt alle Jahre vor. Die aber haben damals die Sache
zu weit getrieben.

Wieso?

Nun, ... wie...?! Frag doch nicht so dumm! Und dasselbe tut Reiting
mit Basini!

Trle verstand, worum es sich zwischen den beiden handelte, und er
fhlte in seiner Kehle ein Wrgen, als ob Sand darinnen wre.

Das htte ich nicht von Reiting gedacht. Er wute nichts Besseres
zu sagen. Beineberg zuckte die Achseln.

Er glaubt uns betrgen zu knnen.

Ist er verliebt?

Gar keine Spur. So ein Narr ist er nicht. Es unterhlt ihn, hchstens
reizt es ihn sinnlich.

Und Basini?

Der?... Ist dir nicht aufgefallen, wie frech er in der letzten Zeit
geworden ist? Von mir hat er sich kaum mehr etwas sagen lassen. Immer
hie es nur Reiting und wieder Reiting -- als ob der sein persnlicher
Schutzheiliger wre. Es ist besser, hat er sich wahrscheinlich
gedacht, von dem einen sich alles gefallen zu lassen als von jedem
etwas. Und Reiting wird ihm versprochen haben ihn zu schtzen, wenn er
ihm in allem zu Willen ist. Aber sie sollen sich geirrt haben, und ich
werde es Basini noch austreiben!

Wie bist du darauf gekommen?

Ich bin ihnen einmal nachgegangen.

Wohin?

Da nebenan auf den Boden. Reiting hatte von mir den Schlssel zum
andern Eingang. Ich bin dann hieher, habe vorsichtig das Loch
freigemacht und mich an sie herangeschlichen.

In die dnne Zwischenwand, welche die Kammer vom Dachboden trennte,
war nmlich ein Durchla gebrochen, gerade so breit, da sich ein
menschlicher Krper hindurchzwngen konnte. Er sollte im Falle einer
berraschung als Notausgang dienen und war fr gewhnlich durch
eingeschobene Ziegel verschlossen.

Es war eine lange Pause eingetreten, in der man nur das Aufglimmen des
Tabaks vernahm.

Trle vermochte nichts zu denken; er sah... Er sah hinter seinen
geschlossenen Augen wie mit einem Schlage ein tolles Wirbeln von
Vorgngen, .. Menschen; Menschen in einer grellen Beleuchtung, mit
hellen Lichtern und beweglichen, tief eingegrabenen Schatten;
Gesichter, ... ein Gesicht; ein Lcheln .. einen Augenaufschlag ..
ein Zittern der Haut; er sah Menschen in einer Weise, wie er sie noch
nie gesehen, noch nie gefhlt hatte. Aber er sah sie ohne zu sehen,
ohne Vorstellungen, ohne Bilder; so als ob nur seine Seele sie she;
sie waren so deutlich, da er von ihrer Eindringlichkeit tausendfach
durchbohrt wurde, aber, als ob sie an einer Schwelle Halt machten,
die sie nicht berschreiten konnten, wichen sie zurck, sobald er
nach Worten suchte, um ihrer Herr zu werden.

Er mute weiter fragen. Seine Stimme vibrierte. Und ... hast du
gesehen?

Ja.

Und ... wie war Basini?

Aber Beineberg schwieg und wieder hrte man nur das unruhige Knistern
der Zigaretten. Erst lange nachher begann Beineberg wieder zu sprechen.

Ich habe mir die Sache hin und her berlegt und du weit, da ich
darin ganz besonders denke. Was zunchst Basini anlangt, meine ich, da
um ihn in keinem Falle schade wre. Sei es, da wir ihn jetzt anzeigen
oder schlagen, oder ihn selbst rein des Vergngens halber zu Tode
martern wrden. Denn ich kann mir nicht vorstellen, da so ein Mensch
in dem wundervollen Mechanismus der Welt irgend etwas bedeuten soll.
Er erscheint mir nur zufllig, auerhalb der Reihe geschaffen zu sein.
Das heit -- irgend etwas mu ja auch er bedeuten, aber sicher nur
etwas so Unbestimmtes wie irgendein Wurm oder ein Stein am Wege, von
dem wir nicht wissen, ob wir an ihm vorbergehen oder ihn zertreten
sollen. Und das ist so gut wie nichts. Denn, wenn die Weltseele
will, da einer ihrer Teile erhalten bleibe, so spricht sie sich
deutlicher aus. Sie sagt dann nein und schafft einen Widerstand, sie
lt uns an dem Wurm vorbergehen und gibt dem Stein eine so groe
Hrte, da wir ihn nicht ohne Werkzeug zerschlagen knnen. Denn
bevor wir solches holen, hat sie lngst die Widerstnde einer Menge
kleiner, zher Bedenken eingeschoben, und berwinden wir diese, so
hatte die Sache eben von vorneherein andere Bedeutung.

Bei einem Menschen legt sie diese Hrte in seinen Charakter, in sein
Bewutsein als Mensch, in sein Verantwortlichkeitsgefhl, ein Teil
der Weltseele zu sein. Verliert nun ein Mensch dieses Bewutsein, so
verliert er sich selbst. Hat aber ein Mensch sich selbst verloren und
sich aufgegeben, so hat er das Besondere, das Eigentliche verloren,
weswegen ihn die Natur als Mensch geschaffen hat. Und niemals kann man
so sicher sein als in diesem Falle, da man es mit etwas Unnotwendigem
zu tun habe, mit einer leeren Form, mit etwas, das von der Weltseele
schon lngst verlassen wurde.

Trle fhlte keinen Widerspruch. Er hrte auch gar nicht mit
Aufmerksamkeit zu. Er hatte bisher noch nie Veranlassung zu solchen
metaphysischen Gedankengngen gehabt, und hatte auch nie darber
nachgedacht, wieso ein Mensch von Beinebergs Verstande auf derartiges
verfallen knne. Die ganze Frage war berhaupt noch nicht in den
Horizont seines Lebens getreten.

Demgem gab er sich auch gar keine Mhe, Beinebergs Ausfhrungen auf
ihren Sinn zu prfen; er hrte nur halb auf sie hin.

Er verstand blo nicht, wie man so breit und weit ausholen knne. In
ihm zitterte alles und die Umsicht, mit der Beineberg seine Gedanken
wei Gott wo her holte, erschien ihm lcherlich, unangebracht, machte
ihn ungeduldig. Aber Beineberg fuhr gelassen fort. Mit Reiting
jedoch steht die Sache ganz anders. Auch er hat sich durch das, was er
getan hat, in meine Hand gegeben, aber sein Schicksal ist mir gewi
nicht so gleichgltig wie das Basinis. Du weit, seine Mutter hat
kein groes Vermgen; wenn er aus dem Institute ausgeschlossen wird,
ist es daher fr ihn mit allen Plnen zu Ende. Von hier aus kann er
es zu etwas bringen, sonst aber drfte sich wohl wenig Gelegenheit
dazu finden. Und Reiting hat mich nie mgen .. verstehst du?.. er
hat mich gehat, .. hat mir frher zu schaden getrachtet, wo er nur
konnte, .. ich glaube, er wrde sich heute noch freuen, wenn er mich
los werden knnte. Siehst du jetzt, was ich aus dem Besitz dieses
Geheimnisses alles machen kann?...

Trle erschrak. Aber so sonderbar, als ob das Schicksal Reitings ihn
selbst betrfe. Er blickte erschrocken auf Beineberg. Dieser hatte
die Augen bis auf einen kleinen Spalt geschlossen und erschien ihm wie
eine unheimliche, groe, ruhig in ihrem Netze lauernde Spinne. Seine
letzten Worte klangen kalt und deutlich wie die Stze eines Diktats in
Trle' Ohren.

Er hatte das Vorangegangene nicht verfolgt, hatte nur gewut: Beineberg
spricht jetzt wieder von seinen Ideen, die doch mit dem Gegebenen gar
nichts zu tun haben, ... und nun wute er auf einmal nicht, wie es
gekommen war.

Das Gewebe, das doch irgendwo drauen im Abstrakten angeknpft worden
war, wie er sich erinnerte, mute sich mit fabelhafter Geschwindigkeit
pltzlich zusammengezogen haben. Denn mit einem Male war es nun
konkret, wirklich, lebendig, und ein Kopf zappelte darin, ... mit
zugeschnrtem Halse.

Er liebte Reiting durchaus nicht, aber er erinnerte sich jetzt
seiner liebenswrdigen, frechen, unbekmmerten Art, mit der er alle
Intrigen anfate, und Beineberg erschien ihm dagegen schndlich,
wie er ruhig und grinsend seine vielarmigen, grauen, abscheulichen
Gedankengespinste um jenen zusammenzog.

Unwillkrlich fuhr ihn Trle an: Du darfst es nicht gegen ihn
ausntzen. Es mochte wohl auch sein steter, heimlicher Widerwille
gegen Beineberg mit im Spiele gewesen sein.

Aber Beineberg sagte von selbst, nach kurzem Besinnen: Wozu auch?!
Um ihn wre wirklich schade. Mir ist er von jetzt an ohnedies
ungefhrlich und er ist doch zu viel wert, um ihn ber eine solche
Dummheit stolpern zu lassen. Damit war dieser Teil der Angelegenheit
erledigt. Aber Beineberg sprach weiter und wandte sich nun wieder
Basinis Schicksal zu.

Meinst du noch immer, da wir Basini anzeigen sollen? Aber Trle gab
keine Antwort. Er wollte Beineberg sprechen hren, dessen Worte klangen
ihm wie das Hallen von Schritten auf hohlem, untergrabenem Erdreich und
er wollte diesen Zustand auskosten.

Beineberg verfolgte seine Gedanken weiter. Ich denke, wir behalten
ihn vorderhand fr uns und strafen ihn selbst. Denn bestraft mu er
werden -- allein schon wegen seiner Anmaung. Die vom Institute wrden
ihn hchstens entlassen und seinem Onkel einen langen Brief dazu
schreiben; -- du weit ja beilufig, wie geschftsmig das geht.
Eure Exzellenz, Ihr Neffe hat sich vergessen, ... irregeleitet ...
geben ihn Ihnen zurck ... hoffen, da es Ihnen gelingen wird ...
Weg der Besserung ... einstweilen jedoch unter den anderen unmglich
... usw. Hat denn so ein Fall ein Interesse oder einen Wert fr sie?

Und was fr einen Wert soll er fr uns haben?

Was fr einen Wert? Fr dich vielleicht keinen, denn du wirst einmal
Hofrat werden oder Gedichte machen; -- du brauchst das schlielich
nicht, vielleicht hast du sogar Angst davor. Aber ich denke mir mein
Leben anders!

Trle horchte diesmal auf.

Fr mich hat Basini einen Wert -- einen sehr groen sogar. Denn
sieh -- du lieest ihn einfach laufen und wrdest dich ganz damit
beruhigen, da er ein schlechter Mensch war. Trle unterdrckte
ein Lcheln. Damit bist du fertig, weil du kein Talent oder kein
Interesse hast, dich selbst an einem solchen Fall zu schulen. Ich
aber habe dieses Interesse. Wenn man meinen Weg vor sich hat, mu man
die Menschen ganz anders auffassen. Deswegen will ich mir Basini
erhalten, um an ihm zu lernen.

Wie willst du ihn aber bestrafen?

Beineberg hielt einen Augenblick mit der Antwort aus, als berlegte er
noch die zu erwartende Wirkung. Dann sagte er vorsichtig und zgernd:
Du irrst, wenn du glaubst, da mir so sehr um das Strafen zu tun ist.
Freilich wird man es ja am Ende auch eine Strafe fr ihn nennen knnen,
... aber, um nicht lange Worte zu machen, ich habe etwas anderes im
Sinn, ich will ihn ... nun sagen wir einmal ... qulen...

Trle htete sich ein Wort zu sagen. Er sah noch durchaus nicht klar,
aber er fhlte, da dies alles so kam, wie es fr ihn -- innerlich
-- kommen mute. Beineberg, der nicht entnehmen konnte, wie seine Worte
gewirkt hatten, fuhr fort: ...Du brauchst nicht zu erschrecken,
es ist nicht so arg. Denn zunchst auf Basini ist doch, wie ich dir
ausfhrte, keine Rcksicht zu nehmen. Die Entscheidung, ob wir ihn
qulen oder etwa schonen sollen, ist nur in unserem Bedrfnisse nach
dem einen oder dem anderen zu suchen. In inneren Grnden. Hast du
solche? Das mit Moral, Gesellschaft und so weiter, was du damals
vorgebracht hast, kann natrlich nicht zhlen; du hast hoffentlich
selbst nie daran geglaubt. Du bist also vermutlich indifferent. Aber
immerhin kannst du dich ja noch von der ganzen Sache zurckziehen,
falls du nichts aufs Spiel setzen willst.

Mein Weg wird jedoch nicht zurck oder vorbei, sondern mitten
hindurch fhren. Das mu so sein. Auch Reiting wird nicht von der
Sache lassen, denn auch fr ihn hat es einen besonderen Wert, einen
Menschen ganz in seiner Hand zu haben und sich ben zu knnen, ihn
wie ein Werkzeug zu behandeln. Er will herrschen und wrde _dir_ es
gerade so machen wie Basini, wenn die Gelegenheit zufllig dich
trfe. Fr mich handelt es sich jedoch noch um mehr. Fast um eine
Verpflichtung gegen mich selbst; wie soll ich dir nur diesen
Unterschied zwischen uns klar machen? Du weit, wie sehr Reiting
Napoleon verehrt: halte nun dagegen, da der Mensch, welcher mir vor
allen gefllt, mehr irgendeinem Philosophen und indischen Heiligen
hnelt. Reiting wrde Basini opfern und nichts als Interesse dabei
empfinden. Er wrde ihn moralisch zerschneiden, um zu erfahren,
worauf man sich bei solchen Unternehmungen gefat zu machen hat.
Und wie gesagt, dich oder mich gerade so gut wie Basini und ohne
da es ihm im geringsten nahe ginge. Ich dagegen habe gerade so
gut wie du diese gewisse Empfindung, da Basini schlielich und
endlich doch auch ein Mensch sei. Auch in mir wird etwas durch eine
begangene Grausamkeit verletzt. Aber gerade darum handelt es sich!
Frmlich um ein Opfer! Siehst du, auch ich bin an zwei Fden geknpft.
An diesen einen, unbestimmten, der mich in Widerspruch zu meiner
klaren berzeugung an eine mitleidige Tatlosigkeit bindet, aber auch
an einen zweiten, der zu meiner Seele hinluft, zu innersten
Erkenntnissen und mich an den Kosmos fesselt. Solche Menschen wie
Basini, sagte ich dir schon frher, bedeuten nichts -- eine leere,
zufllige Form. Die wahren Menschen sind nur die, welche in sich
selbst eindringen knnen, kosmische Menschen, welche imstande sind,
sich bis zu ihrem Zusammenhange mit dem groen Weltprozesse zu
versenken. Diese verrichten Wunder mit geschlossenen Augen, weil
sie die gesamte Kraft der Welt zu gebrauchen verstehen, die in ihnen
gerade so ist wie auer ihnen. Aber alle Menschen, die bis dahin dem
zweiten Faden folgten, muten den ersten vorher zerreien. Ich habe von
schauerlichen Buopfern erleuchteter Mnche gelesen, und die Mittel
der indischen Heiligen sind ja auch dir nicht ganz unbekannt. Alle
grausamen Dinge, die dabei geschehen, haben nur den Zweck, die
elenden nach auen gerichteten Begierden abzutten, welche, ob sie
nun Eitelkeit oder Hunger, Freude oder Mitleid seien, nur von dem Feuer
abziehen, das jeder in sich zu erwecken vermag.

Reiting kennt nur das auen, ich folge dem zweiten Faden. Jetzt
hat er in den Augen aller einen Vorsprung, denn mein Weg ist
langsamer und unsicherer. Aber mit einem Schlage kann ich ihn wie
einen Wurm berholen. Siehst du, man behauptet, die Welt bestnde
aus mechanischen Gesetzen, an denen sich nicht rtteln lasse. Das
ist ganz falsch, das steht nur in den Schulbchern! Die Auenwelt
ist wohl hartnckig, und ihre sogenannten Gesetze lassen sich bis zu
einem gewissen Grade nicht beeinflussen, aber es hat doch Menschen
gegeben, denen das gelang. Das steht in heiligen, vielgeprften
Bchern, von denen die meisten nur nichts wissen. Von dorther wei
ich, da es Menschen gegeben hat, die Steine und Luft und Wasser durch
eine bloe Regung ihres Willens bewegen konnten und vor derem
Gebete keine Kraft der Erde fest genug war. Aber auch das sind erst die
uerlichen Triumphe des Geistes. Denn, wem es _ganz_ gelingt, seine
Seele zu schauen, fr den lst sich sein krperliches Leben, das nur
ein zuflliges ist; es steht in den Bchern, da solche direkt in
ein hheres Reich der Seelen eingingen.

Beineberg sprach vllig ernsthaft, mit verhaltener Erregung. Trle
hielt noch immer fast ununterbrochen die Augen geschlossen; er
fhlte Beinebergs Atem zu sich herberdringen und sog ihn wie ein
beklemmendes Betubungsmittel ein. Indessen beendete Beineberg
seine Rede:

Du kannst also sehen, worum es sich mir handelt. Was mir einredet,
Basini laufen zu lassen, ist von niederer, uerlicher Herkunft. Du
magst dem folgen. Fr mich ist es ein Vorurteil, von dem ich los mu,
wie von allem, das von dem Wege zu meinem Innersten ablenkt.

Gerade da es mir schwer fllt, Basini zu qulen -- ich meine, ihn
zu demtigen, herabzudrcken, von mir zu entfernen -- ist gut. Es
erfordert ein Opfer. Es wird reinigend wirken. Ich bin mir schuldig,
tglich an ihm zu lernen, da das bloe Menschsein gar nichts bedeutet
-- eine bloe ffende, uerliche hnlichkeit.

Trle verstand nicht alles. Er hatte nur wieder die Vorstellung,
da sich eine unsichtbare Schlinge pltzlich zu einem greifbaren,
tdlichen Knoten zusammengezogen habe. Beinebergs letzte Worte
klangen in ihm nach: eine bloe uerliche, ffende hnlichkeit,
wiederholte er sich. Das schien auch auf sein Verhltnis zu Basini
zu passen. Bestand nicht der sonderbare Reiz, den dieser auf ihn
ausbte, in solchen Gesichten? Einfach darin, da er sich nicht in ihn
hineindenken konnte, und ihn daher stets wie in unbestimmten Bildern
empfand? War nicht, als er sich vorhin Basini vorgestellt hatte,
hinter dessen Gesichte ein zweites, verschwimmendes gestanden? Von
einer greifbaren hnlichkeit, die sich doch an nichts anknpfen lie?

So kam es, da Trle, anstatt da er ber die ganz sonderbaren
Absichten Beinebergs nachgedacht htte, von den neuen, ungewhnlichen
Eindrcken halb betubt, versuchte, ber sich selbst klar zu werden.
Er erinnerte sich an den Nachmittag, bevor er von Basinis Vergehen
erfahren hatte. Da waren diese Gesichte eigentlich auch schon
dagewesen. Es hatte sich immer etwas gefunden, womit seine Gedanken
nicht fertig werden konnten. Etwas, das so einfach und so fremd
erschien. Er hatte Bilder gesehen, die doch keine Bilder waren.
Vor jenen Htten, ja selbst als er mit Beineberg in der Konditorei sa.

Es waren hnlichkeiten und unberbrckbare Unhnlichkeiten zugleich.
Und dieses Spiel, diese geheime, ganz persnliche Perspektive hatte
ihn erregt.

Und nun ri ein Mensch dies an sich. All das war nun in einem Menschen
verkrpert, wirklich geworden. Dadurch ging die ganze Sonderbarkeit
auf diesen Menschen ber. Dadurch rckte sie aus der Phantasie ins
Leben und wurde bedrohlich...

Die Aufregungen hatten Trle ermdet, seine Gedanken ketteten sich
nur mehr lose aneinander.

Ihm blieb nur die Erinnerung, da er diesen Basini nicht loslassen
drfe, da dieser bestimmt sei, auch fr ihn eine wichtige und bereits
unklar erkannte Rolle zu spielen.

Dazwischen schttelte er verwundert den Kopf, wenn er an Beinebergs
Worte dachte. Auch der...?

Er kann doch nicht dasselbe suchen, wie ich, und doch fand gerade er
die richtige Bezeichnung dafr...

Trle trumte mehr als er dachte. Er war nicht mehr imstande, sein
psychologisches Problem von Beinebergs Phantastereien zu unterscheiden.
Er hatte schlielich nur das eine Gefhl, da sich die riesige Schlinge
immer fester um alles zusammenziehe.

Das Gesprch fand keine Fortsetzung. Sie lschten das Licht aus und
schlichen vorsichtig in ihren Schlafsaal zurck.

                   *       *       *       *       *

Die nchsten Tage brachten keine Entscheidung. Es gab in der Schule
viel zu tun, Reiting wich vorsichtig jedem Alleinsein aus und auch
Beineberg ging einer erneuten Aussprache aus dem Wege.

So geschah es, da sich whrend dieser Tage, wie ein in seinem Lauf
gehemmter Strom, das Geschehene tiefer in Trle eingrub und seinen
Gedanken eine unwiderrufliche Richtung gab.

Mit der Absicht, Basini zu entfernen, war es dadurch endgltig
vorber. Trle fhlte sich jetzt zum ersten Male voll auf sich selbst
konzentriert und vermochte an gar nichts anderes mehr zu denken. Auch
Bozena war ihm gleichgltig geworden; was er gelegentlich ihrer
empfunden hatte, wurde ihm zu einer phantastischen Erinnerung, an
deren Stelle nun der Ernst getreten war.

Freilich schien dieser Ernst nicht weniger phantastisch zu sein.

                   *       *       *       *       *

Von seinen Gedanken beschftigt, war Trle allein im Parke spazieren
gegangen. Es war um die Mittagszeit und die Sptherbstsonne legte
blasse Erinnerungen ber Wiesen und Wege. Da Trle in seiner Unruhe
keine Lust zu weiterem Spaziergange hatte, umschritt er blo das
Gebude und warf sich am Fue der fast fensterlosen Seitenmauer in das
fahle, raschelnde Gras. ber ihm spannte sich der Himmel, ganz in jenem
verblichenen, leidenden Blau, das dem Herbste eigen ist, und kleine,
weie, geballte Wlkchen hasteten darber hin.

Trle lag lang ausgestreckt am Rcken und blinzelte unbestimmt
trumend zwischen den sich entbltternden Kronen zweier vor ihm
stehenden Bume hindurch.

Er dachte an Beineberg; wie sonderbar doch dieser Mensch war! Seine
Worte wrden zu einem zerbrckelnden indischen Tempel gehren, in die
Gesellschaft unheimlicher Gtzenbilder und zauberkundiger Schlangen in
tiefen Verstecken; was sollten sie aber am Tage, im Konvikte, im
modernen Europa? Und doch schienen diese Worte, nachdem sie sich ewig
lange, wie ein Weg ohne Ende und bersicht in tausend Windungen
hingezogen hatten, pltzlich vor einem greifbaren Ziele gestanden zu
sein...

Und pltzlich bemerkte er -- und es war ihm, als geschhe dies zum
ersten Male -- wie hoch eigentlich der Himmel sei.

Es war wie ein Erschrecken. Gerade ber ihm leuchtete ein kleines,
blaues, unsagbar tiefes Loch zwischen den Wolken.

Ihm war, als mte man da mit einer langen, langen Leiter hineinsteigen
knnen. Aber je weiter er hineindrang und sich mit den Augen hob,
desto tiefer zog sich der blaue, leuchtende Grund zurck. Und es war
doch, als mte man ihn einmal erreichen und mit den Blicken ihn
aufhalten knnen. Dieser Wunsch wurde qulend heftig.

Es war, als ob die aufs uerste gespannte Sehkraft Blicke wie Pfeile
zwischen die Wolken hineinschleuderte und als ob sie, je weiter sie
auch zielte, immer um ein weniges zu kurz trfe.

Darber dachte nun Trle nach; er bemhte sich mglichst ruhig und
vernnftig zu bleiben. Freilich gibt es kein Ende, sagte er sich, es
geht immer weiter, fortwhrend weiter, ins Unendliche. Er hielt die
Augen auf den Himmel gerichtet und sagte sich dies vor, als glte es
die Kraft einer Beschwrungsformel zu erproben. Aber erfolglos; die
Worte sagten nichts, oder vielmehr sie sagten etwas ganz anderes,
so als ob sie zwar von dem gleichen Gegenstande, aber von einer
anderen, fremden, gleichgltigen Seite desselben redeten.

Das Unendliche! Trle kannte das Wort aus dem Mathematikunterrichte.
Er hatte sich nie etwas Besonderes darunter vorgestellt. Es kehrte
immer wieder; irgend jemand hatte es einst erfunden und seither war es
mglich, so sicher damit zu rechnen, wie nur mit irgend etwas Festem.
Es war, was es gerade in der Rechnung galt; darber hinaus hatte Trle
nie etwas gesucht.

Und nun durchzuckte es ihn wie mit einem Schlage, da an diesem Worte
etwas furchtbar Beunruhigendes hafte. Es kam ihm vor wie ein gezhmter
Begriff, mit dem er tglich seine kleinen Kunststckchen gemacht
hatte, und der nun pltzlich entfesselt worden war. Etwas ber den
Verstand Gehendes, Wildes, Vernichtendes schien durch die Arbeit
irgendwelcher Erfinder hineingeschlfert worden zu sein und war nun
pltzlich aufgewacht und wieder furchtbar geworden. Da, in diesem
Himmel, stand es nun lebendig ber ihm und drohte und hhnte.

Endlich schlo er die Augen, weil ihn dieser Anblick so sehr qulte.

                   *       *       *       *       *

Als er bald darauf durch einen Windsto, der durch das welke Gras
raschelte, wieder geweckt wurde, sprte er seinen Krper kaum und von
den Fen herauf strmte eine angenehme Khle, die seine Glieder in
einem Zustand ser Trgheit festhielt. In sein frheres Erschrecken
hatte sich nun etwas Mildes und Mdes gemischt. Noch immer fhlte er
den Himmel riesig und schweigend auf sich herunterstarren, aber er
erinnerte sich nun, wie oft er schon vordem einen solchen Eindruck
empfangen hatte, und wie zwischen Wachen und Trumen ging er alle diese
Erinnerungen durch und fhlte sich in ihre Beziehungen eingesponnen.

Da war zunchst jene Kindheitserinnerung, in der die Bume so ernst und
schweigend standen wie verzauberte Menschen. Schon damals mute er es
empfunden haben, was spter immer wieder kam. Selbst jene Gedanken
bei Bozena hatten etwas davon an sich gehabt, etwas Besonderes,
etwas Ahnungsvolles, das mehr war als sie besagten. Und jener
Augenblick der Stille im Garten, vor den Fenstern der Konditorei,
bevor sich die dunklen Schleier der Sinnlichkeit niedersenkten, war so
gewesen. Und Beineberg und Reiting waren oft whrend des Bruchteiles
eines Gedankens zu etwas Fremdem, Unwirklichem geworden; und endlich
Basini? Die Vorstellung dessen, was mit ihm geschah, hatte Trle
vllig entzweigerissen; sie war bald vernnftig und alltglich, bald
von jenem bilderdurchzuckten Schweigen, das allen diesen Eindrcken
gemeinsam war, das nach und nach in Trle' Wahrnehmung gesickert
war und nun mit einem Male beanspruchte, als etwas Wirkliches,
Lebendiges behandelt zu werden; genau so wie vorhin die Vorstellung der
Unendlichkeit.

Trle fhlte nun, da es ihn von allen Seiten umschlo. Wie ferne,
dunkle Krfte hatte es wohl schon seit jeher gedroht, aber er war
instinktiv davor zurckgewichen und hatte es nur zeitweilig mit einem
scheuen Blick gestreift. Nun aber hatte ein Zufall, ein Ereignis seine
Aufmerksamkeit verschrft und darauf gerichtet, und wie auf ein Zeichen
brach es nun von allen Seiten herein; eine ungeheure Verwirrung mit
sich reiend, die jeder Augenblick aufs neue weiter breitete.

Es kam wie eine Tollheit ber Trle, Dinge, Vorgnge und Menschen als
etwas Doppelsinniges zu empfinden. Als etwas, das durch die Kraft
irgendwelcher Erfinder an ein harmloses, erklrendes Wort gefesselt
war, und als etwas ganz Fremdes, das jeden Augenblick sich davon
loszureien drohte.

Gewi: es gibt fr alles eine einfache, natrliche Erklrung, und
auch Trle wute sie, aber zu seinem furchtsamen Erstaunen schien sie
nur eine ganz uere Hlle fortzureien, ohne das Innere blozulegen,
das Trle wie mit unnatrlich gewordenen Augen stets noch als zweites
dahinter schimmern sah.

So lag Trle und war ganz eingesponnen von Erinnerungen, aus denen
wie fremde Blten seltsame Gedanken wuchsen. Jene Augenblicke, die
keiner vergit, Situationen, wo der Zusammenhang versagt, der sonst
unser Leben sich lckenlos in unserem Verstande abspiegeln lt, als
liefen sie parallel und mit gleicher Geschwindigkeit nebeneinander
her -- schlossen sich verwirrend eng aneinander.

Die Erinnerung an das so furchtbar stille, farbentraurige Schweigen
mancher Abende wechselte unvermittelt mit der heien zitternden Unruhe
eines Sommermittags, die einmal seine Seele glhend, wie mit den
zuckenden Fen eines huschenden Schwarms schillernder Eidechsen
berlaufen hatte.

Dann fiel ihm pltzlich ein Lcheln jenes kleinen Frsten ein -- ein
Blick -- eine Bewegung -- damals, als sie innerlich miteinander fertig
wurden -- durch die jener Mensch sich mit einem -- sanften -- Mal aus
allen Beziehungen lste, die Trle um ihn gesponnen hatte, und in
eine neue, fremde Weite hineinschritt, die sich -- gleichsam in das
Leben einer unbeschreiblichen Sekunde konzentriert -- unversehens
aufgetan hatte. Dann kamen wieder Erinnerungen aus dem Walde --
zwischen den Feldern. Dann ein schweigsames Bild in einem dunkelnden
Zimmer zu Hause, das ihn spter an seinen verlorenen Freund pltzlich
erinnert hatte. Worte eines Gedichtes fielen ihm ein...

Und es gibt auch sonst Dinge, wo zwischen Erleben und Erfassen diese
Unvergleichlichkeit herrscht. Immer aber ist es so, da das, was wir in
einem Augenblick ungeteilt und ohne Fragen erleben, unverstndlich und
verwirrt wird, wenn wir es mit den Ketten der Gedanken zu unserem
bleibenden Besitze fesseln wollen. Und was gro und menschenfremd
aussieht, solange unsere Worte von ferne danach langen, wird einfach
und verliert das Beunruhigende, sobald es in den Tatkreis unseres
Lebens eintritt.

                   *       *       *       *       *

Und so hatten alle diese Erinnerungen auf einmal dasselbe Geheimnis
gemeinsam. Als ob sie zusammengehrten, standen sie alle zum Greifen
deutlich vor ihm.

Sie waren einstens von einem dunklen Gefhl begleitet gewesen, das er
wenig beachtet hatte.

Gerade um dieses bemhte er sich jetzt. Ihm fiel ein, da er
einstens, als er mit seinem Vater vor einer jener Landschaften
stand, unvermittelt gerufen hatte: o es ist schn -- und verlegen
wurde, als sich sein Vater freute. Denn er htte ebensogut sagen
mgen: es ist schrecklich traurig. Es war ein Versagen der Worte, das
ihn da qulte, ein halbes Bewutsein, da die Worte nur zufllige
Ausflchte fr das Empfundene waren.

Und heute erinnerte er sich des Bildes, erinnerte sich der Worte und
deutlich jenes Gefhles zu lgen, ohne zu wissen, wieso. Sein Auge ging
in der Erinnerung von neuem alles durch. Aber immer wieder kehrte es
ohne Erlsung zurck. Ein Lcheln des Entzckens ber den Reichtum der
Einflle, das er noch immer wie zerstreut festhielt, bekam langsam
einen kaum merklichen schmerzhaften Zug...

Er hatte das Bedrfnis, rastlos nach einer Brcke, einem Zusammenhange,
einem Vergleich zu suchen -- zwischen sich und dem, was wortlos vor
seinem Geiste stand.

Aber so oft er sich bei einem Gedanken beruhigt hatte, war wieder
dieser unverstndliche Einspruch da: Du lgst. Es war, als ob er eine
unaufhrliche Division durchfhren mte, bei der immer wieder ein
hartnckiger Rest heraussprang, oder als ob er sich fiebernde Finger
wundbemhte, um einen endlosen Knoten zu lsen.

Und endlich lie er nach. Es schlo sich eng um ihn und die
Erinnerungen wuchsen in unnatrlicher Verzerrung.

Er hatte die Augen wieder auf den Himmel gerichtet. Als knnte er
ihm vielleicht noch durch einen Zufall sein Geheimnis entreien und
an ihm erraten, was ihn allerorten verwirrte. Aber er wurde mde,
und das Gefhl einer tiefen Einsamkeit schlo sich langsam ber ihm
zusammen. Der Himmel schwieg. Und Trle fhlte, da er unter diesem
unbewegten, stummen Gewlbe ganz allein sei, er fhlte sich wie ein
kleines lebendes Pnktchen unter dieser riesigen, durchsichtigen Leiche.

Aber es schreckte ihn kaum mehr. Wie ein alter, lngst vertrauter
Schmerz hatte es nun auch das letzte Glied ergriffen.

Ihm war, als ob das Licht einen milchigen Schimmer angenommen htte
und wie ein bleicher kalter Nebel vor seinen Augen tanzte.

Langsam und vorsichtig wandte er den Kopf und sah umher, ob sich denn
wirklich alles verndert habe. Da streifte sein Blick von ungefhr
die graue, fensterlose Mauer, die hinter seinem Haupte stand. Sie
schien sich ber ihn gebeugt zu haben und ihn schweigend anzusehen.
Von Zeit zu Zeit kam ein Rieseln herunter, und ein unheimliches Leben
erwachte in der Wand.

So hatte er es oft in dem Versteck belauscht, wenn Beineberg und
Reiting ihre phantastische Welt entrollten, und er hatte sich
darber gefreut wie ber die seltsame Begleitmusik zu einem grotesken
Schauspiel.

Nun aber schien der helle Tag selbst zu einem unergrndlichen Versteck
geworden zu sein und das lebendige Schweigen umstand Trle von allen
Seiten.

Er vermochte nicht den Kopf abzuwenden. Neben ihm, in einem feuchten,
dsteren Winkel wucherte Huflattich und spreitete seine breiten Bltter
zu phantastischen Verstecken den Schnecken und Wrmern.

Trle hrte das Schlagen seines Herzens. Dann kam wieder ein leises,
flsterndes, versickerndes Rieseln ... Und diese Gerusche waren das
einzig Lebendige in einer zeitlosen schweigenden Welt................

                   *       *       *       *       *

Am nchsten Tage stand Beineberg mit Reiting, als Trle zu ihnen trat.

Ich habe schon mit Reiting gesprochen, sagte Beineberg, und alles
vereinbart. Du interessierst dich ja doch nicht recht fr solche
Sachen.

Trle fhlte etwas wie Zorn und Eifersucht ber diese pltzliche
Wendung in sich aufsteigen, wute aber doch nicht, ob er der
nchtlichen Unterredung vor Reiting erwhnen solle. Nun, ihr
httet mich wenigstens dazu rufen knnen, da ich nun einmal gerade
so gut wie ihr an der Sache beteiligt bin, meinte er.

Htten wir auch getan, lieber Trle, beeilte sich Reiting, dem
offenbar diesmal daran lag, keine unntigen Schwierigkeiten zu
haben, aber du warst gerade nicht zu finden und wir rechneten auf
deine Zustimmung. Was sagst du brigens zu Basini? (Kein Wort der
Entschuldigung, so als ob sich sein eigenes Verhalten von selbst
verstnde.)

Was ich dazu sage? Nun er ist ein gemeiner Mensch, antwortete Trle
verlegen.

Nicht wahr? Sehr gemein.

Aber du lt dich auch in schne Dinge ein! Und Trle lchelte etwas
erzwungen, denn er schmte sich, da er Reiting nicht heftiger zrne.

Ich? Reiting zuckte mit den Schultern, was ist weiter dabei? Man
mu alles mitgemacht haben und wenn er nun einmal so dumm und so
niedertrchtig ist....

Hast du seither schon mit ihm gesprochen? mischte sich nun Beineberg
ein.

Ja, er war gestern am Abend bei mir und bat mich um Geld, da er wieder
Schulden hat, die er nicht zahlen kann.

Hast du es ihm schon gegeben?

Nein, noch nicht.

Das ist sehr gut, meinte Beineberg, da haben wir ja gleich die
gesuchte Gelegenheit, ihn zu packen. Du knntest ihn fr heute abend
irgendwohin bestellen.

Wohin? In die Kammer?

Ich denke nein, denn von der hat er vorderhand noch nichts zu wissen.
Aber befiehl ihm, auf den Boden zu kommen, wo du damals mit ihm warst.

Fr wieviel Uhr?

Sagen wir ... elf.

Gut. -- Willst du noch etwas spazieren gehen?

Ja. Trle wird wohl noch zu tun haben, was?

Trle hatte zwar nichts mehr zu arbeiten, aber er fhlte, da die
beiden noch etwas miteinander gemein hatten, das sie ihm verheimlichen
wollten. Er rgerte sich ber seine Steifheit, die ihn abhielt, sich
dazwischen zu drngen.

So sah er ihnen eiferschtig nach und stellte sich alles mgliche vor,
was sie vielleicht heimlich verabreden knnten.

Dabei fiel ihm auf, welche Harmlosigkeit und Liebenswrdigkeit in dem
aufrechten, biegsamen Gange Reitings lag; -- gerade so wie in seinen
Worten. Und dem entgegen versuchte er sich ihn vorzustellen, wie er an
jenem Abende gewesen sein mute; das Innerliche, Seelische davon. Das
mute wie ein langes, langsames Sinken zweier ineinander verbissener
Seelen gewesen sein und dann eine Tiefe wie in einem unterirdischen
Reich; -- dazwischen ein Augenblick, in dem die Gerusche der Welt,
oben, weit oben, lautlos wurden und verlschten.

Kann denn ein Mensch nach etwas derartigem wieder so vergngt und
leicht sein? Sicher bedeutete es ihm nicht soviel. Trle htte ihn
so gerne gefragt. Und statt dessen hatte er ihn nun in einer kindischen
Scheu diesem spinnenhaften Beineberg berlassen!

                   *       *       *       *       *

Um dreiviertel elf Uhr sah Trle, da Beineberg und Reiting aus ihren
Betten schlpften und zog sich gleichfalls an.

Pst! -- so warte doch. Das fllt ja auf, wenn wir alle drei zugleich
weggehen.

Trle versteckte sich wieder unter seiner Decke.

Auf dem Gange vereinigten sie sich dann und stiegen mit der gewohnten
Vorsicht den Bodenaufgang hinan.

Wo ist Basini? fragte Trle.

Er kommt von der anderen Seite; Reiting hat ihm den Schlssel dazu
gegeben.

Sie blieben die ganze Zeit ber im Dunkeln. Erst oben, vor der groen,
eisernen Tre, zndete Beineberg seine kleine Blendlaterne an.

Das Schlo leistete Widerstand. Es sa durch eine jahrelange Ruhe fest
und wollte dem Nachschlssel nicht gehorchen. Endlich schlug es mit
einem harten Laut zurck; der schwere Flgel rieb widerstrebend im
Roste der Angeln und gab zgernd nach.

Aus dem Bodenraume schlug eine warme, abgestandene Luft heraus, wie
die kleiner Treibhuser.

Beineberg schlo die Tre wieder zu.

Sie stiegen die kleine hlzerne Treppe hinab und kauerten sich neben
einem mchtigen Querbalken nieder.

Zu ihrer Seite standen riesige Wasserbottiche, welche bei dem Ausbruche
eines Brandes den Lscharbeiten dienen sollten. Das Wasser darin war
offenbar schon lange nicht erneuert worden und verbreitete einen
slichen Geruch.

berhaupt war die ganze Umgebung uerst beklemmend: Die Hitze unter
dem Dach, die schlechte Luft und das Gewirre der mchtigen Balken, die
teils nach oben zu sich im Dunkel verloren, teils in einem gespenstigen
Netzwerk am Boden hinkrochen.

Beineberg blendete die Laterne ab und sie saen, ohne ein Wort zu
reden, regungslos in der Finsternis -- durch lange Minuten.

Da knarrte am entgegengesetzten Ende im Dunkeln die Tr. Leise und
zgernd. Das war ein Gerusch, welches das Herz bis zum Halse hinauf
klopfen machte, wie der erste Laut der sich nhernden Beute.

Es folgten einige unsichere Schritte; das Anschlagen eines Fues gegen
erdrhnendes Holz; ein mattes Gerusch, wie von dem Aufschlagen eines
Krpers ... Stille ... Dann wieder zaghafte Schritte ... Warten ...
Ein leiser menschlicher Laut ... Reiting?

Da zog Beineberg die Kappe von der Blendlaterne und warf einen breiten
Strahl gegen den Ort, woher die Stimme kam.

Einige mchtige Balken leuchteten mit scharfen Schatten auf, weiterhin
sah man nichts als einen Kegel tanzenden Staubes.

Aber die Schritte wurden bestimmter und kamen nher.

Da schlug -- ganz nahe -- wieder ein Fu gegen das Holz und im nchsten
Augenblicke tauchte in der breiten Basis des Lichtkegels das -- in der
zweifelhaften Beleuchtung aschfahle -- Gesicht Basinis auf.

                   *       *       *       *       *

Basini lchelte. Lieblich, slich. Starr festgehalten, wie das Lcheln
eines Bildes, hob es sich aus dem Rahmen des Lichtes heraus.

Trle sa an seinen Balken gepret und fhlte das Zittern seiner
Augenmuskeln.

Nun zhlte Beineberg die Schandtaten Basinis auf; gleichmig, mit
heiseren Worten.

Dann die Frage: Du schmst dich also gar nicht? Dann ein Blick
auf Reiting, der zu sagen schien: Nun ist es wohl schon an der Zeit,
da du mir hilfst. Und in dem Augenblicke gab ihm Reiting einen
Faustschlag ins Gesicht, so da er nach rckwrts taumelte, ber
einen Balken stolperte, strzte. Beineberg und Reiting sprangen ihm
nach.

Die Laterne war umgekippt und ihr Licht flo verstndnislos und trge
zu Trle' Fen ber den Boden hin...

Trle unterschied aus den Geruschen, da sie Basini die Kleider
vom Leibe zogen und ihn mit etwas Dnnem, Geschmeidigem peitschten.
Sie hatten dies alles offenbar schon vorbereitet gehabt. Er hrte das
Wimmern und die halblauten Klagerufe Basinis, der unausgesetzt um
Schonung flehte; schlielich vernahm er nur noch ein Sthnen, wie ein
unterdrcktes Geheul, und dazwischen halblaute Schimpfworte und die
heien leidenschaftlichen Atemste Beinebergs.

Er hatte sich nicht vom Platze gerhrt. Gleich anfangs hatte ihn wohl
eine viehische Lust mit hinzuspringen und zuzuschlagen gepackt, aber
das Gefhl, da er zu spt kommen und berflssig sein wrde, hielt ihn
zurck. ber seinen Gliedern lag mit schwerer Hand eine Lhmung.

Scheinbar gleichgltig sah er vor sich hin zu Boden. Er spannte
sein Gehr nicht an, um den Geruschen zu folgen, und er fhlte sein
Herz nicht rascher schlagen als sonst. Mit den Augen folgte er dem
Lichte, das sich zu seinen Fen in einer Lache ergo. Staubflocken
leuchteten auf und ein kleines hliches Spinnengewebe. Weiterhin
sickerte der Schein in die Fugen zwischen den Balken und erstickte in
einem staubigen, schmutzigen Dmmern.

Trle wre auch eine Stunde lang so sitzen geblieben, ohne es zu
fhlen. Er dachte an nichts und war doch innerlich vollauf beschftigt.
Dabei beobachtete er sich selbst. Aber so, als ob er eigentlich ins
Leere she und sich selbst nur wie in einem undeutlichen Schimmer von
der Seite her erfate. Nun rckte aus diesem Unklaren -- von der
Seite her -- langsam, aber immer sichtlicher ein Verlangen ins
deutliche Bewutsein.

Irgend etwas lie Trle darber lcheln. Dann war wieder das Verlangen
strker. Es zog ihn von seinem Sitze hinunter -- auf die Knie; auf
den Boden. Es trieb ihn, seinen Leib gegen die Dielen zu pressen;
er fhlte, wie seine Augen gro werden wrden wie die eines Fisches,
er fhlte durch den nackten Leib hindurch sein Herz gegen das Holz
schlagen.

Nun war wirklich eine mchtige Aufregung in Trle und er mute sich
an seinem Balken festhalten, um sich gegen den Schwindel zu sichern,
der ihn hinabzog.

Auf seiner Stirne standen Schweiperlen und er fragte sich ngstlich,
was dies alles zu bedeuten habe?

Aus seiner Gleichgltigkeit aufgeschreckt, horchte er nun auch wieder
durch das Dunkel zu den dreien hinber.

Es war dort still geworden; nur Basini klagte leise vor sich hin,
whrend er nach seinen Kleidern tastete.

Trle fhlte sich durch diese klagenden Laute angenehm berhrt. Wie
mit Spinnenfen lief ihm ein Schauer den Rcken hinauf und hinunter;
dann sa es zwischen den Schulterblttern fest und zog mit feinen
Krallen seine Kopfhaut nach hinten. Zu seinem Befremden erkannte
Trle, da er sich in einem Zustande geschlechtlicher Erregung befand.
Er dachte zurck und ohne sich zu erinnern, wann dieser eingetreten
sei, wute er doch, da er schon das eigentmliche Verlangen sich
gegen den Boden zu drcken begleitet hatte. Er schmte sich dessen;
aber es hatte ihm wie eine mchtige Blutwelle daherflutend den Kopf
benommen.

Beineberg und Reiting kamen zurckgetastet und setzten sich schweigend
neben ihn. Beineberg blickte auf die Lampe.

In diesem Augenblicke zog es Trle wieder hinunter. Es ging von
den Augen aus -- das fhlte er nun -- von den Augen aus wie eine
hypnotische Starre zum Gehirn. Es war eine Frage, ja eine ... nein,
eine Verzweiflung ... o es war ihm ja bekannt ... die Mauer, jener
Gastgarten, die niederen Htten, jene Kindheitserinnerung ... dasselbe!
dasselbe! Er sah auf Beineberg. Fhlt denn der nichts? dachte er.
Aber Beineberg bckte sich und wollte die Lampe aufheben. Trle
hielt seinen Arm zurck. Ist das nicht wie ein Auge? sagte er und
wies auf den ber den Boden flieenden Lichtschein.

Willst du vielleicht jetzt poetisch werden?

Nein. Aber sagst du nicht selbst, da es mit den Augen eine eigene
Bewandtnis hat? Aus ihnen wirkt -- denk doch nur an deine hypnotischen
Lieblingsideen -- mitunter eine Kraft, die in keinem Physikunterricht
ihren Platz hat; -- sicher ist auch, da man einen Menschen oft weit
besser aus seinen Augen errt, als aus seinen Worten....

Nun -- und?

Mir ist dieses Licht wie ein Auge. Zu einer fremden Welt. Mir ist,
als sollte ich etwas erraten. Aber ich kann nicht. Ich mchte es in
mich hinein trinken....

Nun -- du fngst doch an poetisch zu werden.

Nein, es ist mir ernst. Ich bin ganz verzweifelt. So sieh doch nur
hin und du wirst es auch fhlen. Ein Bedrfnis, sich in dieser Lache
zu wlzen, -- auf allen vieren, ganz nah in die staubigen Winkel zu
kriechen, als ob man es so erraten knnte....

Mein Lieber, das sind Spielereien, Empfindeleien. La jetzt geflligst
solche Sachen.

Beineberg bckte sich vollends und stellte die Lampe wieder auf ihren
Platz. Trle empfand aber Schadenfreude. Er fhlte, da er diese
Ereignisse mit einem Sinne mehr in sich aufnahm als seine Gefhrten.

Er wartete nun auf das Wiedererscheinen Basinis und fhlte mit einem
heimlichen Schauer, da sich seine Kopfhaut abermals unter den feinen
Krallen anspannte.

Er wute es ja schon ganz genau, da fr ihn etwas aufgespart war, das
immer wieder und in immer krzeren Zwischenrumen ihn mahnte; eine
Empfindung, die fr die anderen unverstndlich war, fr sein Leben
aber offenbar groe Wichtigkeit haben mute.

Nur was diese Sinnlichkeit dabei zu bedeuten hatte, wute er nicht,
aber er erinnerte sich, da sie eigentlich schon jedesmal dabei gewesen
war, wenn die Ereignisse angefangen hatten, nur ihm sonderbar zu
erscheinen, und ihn qulten, weil er hiefr keinen Grund wute.

Und er nahm sich vor, bei nchster Gelegenheit ernstlich hierber
nachzudenken. Einstweilen gab er sich ganz dem aufregenden Schauer
hin, der Basinis Wiedererscheinen voranging.

Beineberg hatte die Lampe aufgerichtet und wieder schnitten die
Strahlen einen Kreis in das Dunkel, wie einen leeren Rahmen.

Und mit einem Male war Basinis Antlitz wieder darinnen; genau so wie
zum ersten Male; mit demselben starr festgehaltenen, slichen Lcheln;
als ob in der Zwischenzeit nichts geschehen wre; nur ber Oberlippe,
Mund und Kinn zeichneten langsame Blutstropfen einen roten, wie ein
Wurm sich windenden Weg.

                   *       *       *       *       *

Dort setze dich nieder! Reiting wies auf den mchtigen Balken. Basini
gehorchte. Reiting hub zu sprechen an: Du hast wahrscheinlich schon
geglaubt, da du fein heraus bist; was? Du hast wohl geglaubt, ich
werde dir helfen? Nun, da hast du dich getuscht. Was ich mit dir tat,
war nur, um zu sehen, wie weit deine Niedrigkeit geht.

Basini machte eine abwehrende Bewegung. Reiting drohte wieder, auf ihn
zu springen. Da sagte Basini: Aber ich bitte euch um Gottes willen,
ich konnte nicht anders.

Schweig! schrie Reiting, deine Ausreden haben wir satt. Wir wissen
nun ein fr allemal, wie wir mit dir daran sind und werden uns danach
richten...

Es trat ein kurzes Schweigen ein. Da sagte pltzlich Trle leise, fast
freundlich: Sag doch, ich bin ein Dieb.

Basini machte groe, fast erschrockene Augen; Beineberg lachte
beifllig.

Aber Basini schwieg. Da gab ihm Beineberg einen Sto in die Rippen und
schrie ihn an:

Hrst du nicht, du sollst sagen, da du ein Dieb bist! Sofort wirst
du es sagen!

Abermals trat eine kurze, kaum wgbare Stille ein; dann sagte Basini
leise, in einem Atem und mit mglichst harmloser Betonung: Ich bin
ein Dieb.

Beineberg und Reiting lachten vergngt zu Trle hinber: Das war
ein guter Einfall von dir, Kleiner, und zu Basini: Und jetzt wirst
du sofort noch sagen: 'Ich bin ein Tier ein diebisches Tier, _euer_
diebisches, schweinisches Tier!'

Und Basini sagte es, ohne auszusetzen und mit geschlossenen Augen.

Aber Trle hatte sich schon wieder ins Dunkel zurckgelehnt. Ihm
ekelte vor der Szene und er schmte sich, da er seinen Einfall den
anderen preisgegeben hatte.

                   *       *       *       *       *

Whrend des Mathematikunterrichtes war Trle pltzlich ein Einfall
gekommen.

Er hatte schon whrend der letzten Tage den Unterricht in der Schule
mit besonderem Interesse verfolgt gehabt, denn er dachte sich: Wenn
dies wirklich die Vorbereitung fr das Leben sein soll, wie sie sagen,
so mu sich doch auch etwas von dem angedeutet finden, was ich suche.

Gerade an die Mathematik hatte er dabei gedacht; noch von jenen
Gedanken an das Unendliche her.

Und richtig war es ihm mitten im Unterrichte hei in den Kopf
geschossen. Gleich nach Beendigung der Stunde setzte er sich zu
Beineberg als dem einzigen, mit dem er ber etwas derartiges sprechen
konnte.

Du, hast du das vorhin ganz verstanden?

Was?

Die Geschichte mit den imaginren Zahlen?

Ja. Das ist doch gar nicht so schwer. Man mu nur festhalten, da die
Quadratwurzel aus negativ Eins die Rechnungseinheit ist.

Das ist es aber gerade. Die gibt es doch gar nicht. Jede Zahl, ob sie
nun positiv ist oder negativ, gibt zum Quadrat erhoben etwas Positives.
Es kann daher gar keine wirkliche Zahl geben, welche die Quadratwurzel
von etwas Negativem wre.

Ganz recht; aber warum sollte man nicht trotzdem versuchen, auch bei
einer negativen Zahl die Operation des Quadratwurzelziehens anzuwenden?
Natrlich kann dies dann keinen wirklichen Wert ergeben und man nennt
doch auch deswegen das Resultat nur ein imaginres. Es ist so, wie
wenn man sagen wrde: hier sa sonst immer jemand, stellen wir ihm
also auch heute einen Stuhl hin; und selbst, wenn er inzwischen
gestorben wre, so tuen wir doch, als ob er kme.

Wie kann man aber, wenn man bestimmt, ganz mathematisch bestimmt wei,
da es unmglich ist?

So tut man eben trotzdem, als ob dem nicht so wre. Es wird wohl
irgendeinen Erfolg haben. Was ist es denn schlielich anderes mit
den irrationalen Zahlen? Eine Division, die nie zu Ende kommt, ein
Bruch, dessen Wert nie und nie und nie herauskommt, wenn du auch noch
so lange rechnest? Und was kannst du dir darunter denken, da sich
parallele Linien im Unendlichen schneiden sollen? Ich glaube, wenn
man allzu gewissenhaft wre, so gbe es keine Mathematik.

Darin hast du recht. Wenn man es sich so vorstellt, ist es eigenartig
genug. Aber das merkwrdige ist ja gerade, da man trotzdem mit solchen
imaginren oder sonstwie unmglichen Werten ganz wirklich rechnen
kann, und zum Schlusse ein greifbares Resultat vorhanden ist!

Nun, die imaginren Faktoren mssen sich zu diesem Zwecke im Laufe
der Rechnung gegenseitig aufheben.

Ja, ja; alles, was du sagst, wei ich auch. Aber bleibt nicht
trotzdem etwas ganz Sonderbares an der Sache haften? Wie soll ich das
ausdrcken? Denk doch nur einmal so daran: In solch einer Rechnung
sind am Anfang ganz solide Zahlen, die Meter oder Gewichte, oder irgend
etwas anderes Greifbares darstellen knnen und wenigstens wirkliche
Zahlen sind. Am Ende der Rechnung stehen ebensolche. Aber diese
beiden hngen miteinander durch etwas zusammen, das es gar nicht gibt.
Ist das nicht wie eine Brcke, von der nur Anfangs- und Endpfeiler
vorhanden sind und die man dennoch so sicher berschreitet, als ob sie
ganz dastnde? Fr mich hat so eine Rechnung etwas Schwindliges; als
ob es ein Stck des Weges wei Gott wohin ginge. Das eigentlich
Unheimliche ist mir aber die Kraft, die in solch einer Rechnung
steckt und einen so festhlt, da man doch wieder richtig landet.

Beineberg grinste: Du sprichst ja beinahe schon so wie unser Pfaffe:
... Du siehst einen Apfel -- das sind die Lichtschwingungen und das Auge
und so weiter ---- und du streckst die Hand aus, um ihn zu stehlen --
das sind die Muskeln und die Nerven, die diese in Bewegung setzen. --
Aber zwischen den beiden liegt etwas und bringt eins aus dem andern
hervor -- und das ist die unsterbliche Seele, die dabei gesndigt
hat...; ja -- ja -- keine eurer Handlungen ist erklrlich ohne die
Seele, die auf euch spielt wie auf den Tasten eines Klaviers... Und er
ahmte den Stimmfall nach, mit dem der Katechet dieses alte Gleichnis
vorzubringen pflegte. -- brigens interessiert mich diese ganze
Geschichte wenig.

Ich dachte, gerade dich mte sie interessieren. Ich wenigstens mute
gleich an dich denken, weil das -- wenn es wirklich so unerklrlich ist
-- doch fast eine Besttigung fr deinen Glauben wre.

Warum sollte es nicht unerklrlich sein? Ich halte es fr ganz
wohl mglich, da hier die Erfinder der Mathematik ber ihre eigenen
Fe gestolpert sind. Denn warum sollte das, was jenseits unseres
Verstandes liegt, sich nicht einen solchen Spa mit eben diesem
Verstande erlaubt haben? Aber ich gib mich damit nicht ab, denn diese
Dinge fhren doch zu nichts.

                   *       *       *       *       *

Noch am selben Tage hatte Trle den Lehrer der Mathematik gebeten, ihn
besuchen zu drfen, um sich ber einige Stellen des letzten Vortrages
Aufklrung zu holen.

Den nchsten Tag, whrend der Mittagspause, stieg er nun die Treppe
zu der kleinen Professorswohnung hinan.

Er hatte jetzt einen ganz neuen Respekt vor der Mathematik, da sie
ihm nun einmal aus einer toten Lernaufgabe unversehens etwas sehr
Lebendiges geworden zu sein schien. Und von diesem Respekte aus empfand
er eine Art Neid gegen den Professor, dem alle diese Beziehungen
vertraut sein muten und der ihre Kenntnis stets bei sich trug, wie den
Schlssel eines versperrten Gartens. berdies wurde Trle aber auch
von einer, allerdings ein wenig zaghaften Neugierde angetrieben.
Er war noch nie in dem Zimmer eines erwachsenen jungen Mannes gewesen
und es kitzelte ihn zu erfahren, wie denn das Leben eines solchen
anderen, wissenden und doch ruhigen Menschen aussehe, wenigstens so
weit man aus den ueren, umgebenden Dingen darauf schlieen kann.

Er war sonst seinen Lehrern gegenber scheu und zurckhaltend und
glaubte, da er sich deswegen nicht ihrer besonderen Zuneigung erfreue.
Seine Bitte erschien ihm daher, whrend er jetzt erregt vor der Tre
innehielt, als ein Wagnis, bei dem es sich weniger darum handelte,
eine Aufklrung zu erhalten, -- denn ganz im stillen zweifelte er
schon jetzt daran, -- als da er einen Blick -- gewissermaen hinter
den Professor und in dessen tgliches Konkubinat mit der Mathematik
hinein -- tun knne.

Man fhrte ihn in das Arbeitszimmer. Es war ein lnglicher
einfenstriger Raum; ein mit Tintenflecken bertropfter Schreibtisch
stand in der Nhe des Fensters und an der Wand ein Sofa, das mit einem
gerippten, grnen, kratzigen Stoffe berzogen war und Quasten hatte.
Oberhalb dieses Sofas hingen eine ausgeblichene Studentenmtze und
eine Anzahl brauner, nachgedunkelter Photographien in Visiteformat
aus der Universittszeit. Auf dem ovalen Tische mit den X-fen,
deren grazis sein sollende Schnrkel wie eine miglckte Artigkeit
wirkten, lag eine Pfeife und blttriger, grogeschnittener Tabak.
Das ganze Zimmer hatte davon einen Geruch nach billigem Knaster.

Kaum hatte Trle diese Eindrcke in sich aufgenommen und ein gewisses
Mibehagen in sich konstatiert, wie bei der Berhrung mit etwas
Unappetitlichem, als sein Lehrer eintrat.

Er war ein junger Mann von hchstens dreiig Jahren; blond, nervs und
ein ganz tchtiger Mathematiker, welcher der Akademie schon einige
wichtige Abhandlungen eingereicht hatte.

Er setzte sich sofort an seinen Schreibtisch, kramte ein wenig in
den umherliegenden Papieren, (Trle kam es spter vor, da er sich
geradenwegs dorthin gerettet hatte), putzte seinen Klemmer mit dem
Taschentuche, schlug ein Bein ber das andere und sah Trle erwartend
an.

Dieser hatte nun auch ihn zu mustern begonnen. Er bemerkte ein Paar
grober weier Wollsocken und darber, da die Bnder der Unterhose von
der Wichse der Zugstiefel schwarz gescheuert waren.

Dagegen sah das Taschentuch wei und geziert hervor und die Krawatte
war zwar genht, aber dafr prchtig buntscheckig wie eine Palette.

Trle fhlte sich unwillkrlich durch diese kleinen Beobachtungen
weiter abgestoen; er vermochte kaum mehr zu hoffen, da dieser Mensch
wirklich im Besitze bedeutungsvoller Erkenntnisse sei, wenn doch
offenbar an seiner Person und ganzen Umgebung nicht das geringste
davon zu merken war. Er hatte sich im stillen das Arbeitszimmer eines
Mathematikers ganz anders vorgestellt; mit irgendwelchem Ausdrucke
fr die frchterlichen Dinge, die darin gedacht wurden. Das Gewhnliche
verletzte ihn; er bertrug es auf die Mathematik, und sein Respekt
begann einem mitrauischen Widerstreben zu weichen.

Da nun auch der Professor ungeduldig auf seinem Platze hin und her
rckte und nicht wute, wie er das lange Schweigen und die musternden
Blicke deuten solle, lag zwischen den beiden Menschen schon in diesem
Augenblicke die Atmosphre eines Miverstndnisses.

Nun wollen wir ... wollen Sie ... ich bin gerne bereit Ihnen Auskunft
zu erteilen, begann der Professor.

Trle trug seine Einwendungen vor und bemhte sich, deren Bedeutung
fr ihn auseinanderzusetzen. Aber ihm war, als mte er durch
einen dicken, trben Nebel hindurch sprechen und seine besten Worte
erstickten schon in der Kehle.

Der Professor lchelte, hstelte einstweilen, sagte: Sie gestatten
und zndete sich eine Zigarette an, rauchte sie in hastigen Zgen; das
Papier -- was Trle alles zwischendurch bemerkte und gewhnlich fand
-- lief fett an und bog sich jedesmal knisternd ein; der Professor nahm
den Klemmer von der Nase, setzte ihn wieder auf, nickte mit dem
Kopfe, .. schlielich lie er Trle gar nicht zu Ende kommen. Es
freut mich, ja mein lieber Trle, es freut mich wirklich sehr,
unterbrach er ihn, Ihre Bedenken zeigen von Ernst, von eigenem
Nachdenken, von ... hm ... aber es ist gar nicht so leicht, Ihnen
die gewnschte Aufklrung zu geben, ... Sie drfen mich da nicht
miverstehen.

Sehen Sie, Sie sprachen von dem Eingreifen transzendenter, hm ja ...
transzendent nennt man das, -- Faktoren...

Nun wei ich ja allerdings nicht, wie Sie hierber fhlen; mit dem
bersinnlichen, jenseits der strengen Grenzen des Verstandes Liegenden,
ist es eine ganz eigene Sache. Ich bin eigentlich nicht recht
befugt, da einzugreifen, es gehrt nicht zu meinem Gegenstande; man
kann so und so darber denken, und ich mchte durchaus vermeiden,
gegen irgend jemanden zu polemisieren... Was aber die Mathematik
anlangt, und hiebei betonte er das Wort Mathematik, als ob er eine
verhngnisvolle Tr ein fr allemal zuschlagen wollte, was also die
Mathematik anlangt, ist es ganz gewi, da hier auch ein natrlicher
und nur mathematischer Zusammenhang besteht.

Nur mte ich, -- um streng wissenschaftlich zu sein, --
Voraussetzungen machen, die Sie kaum noch verstehen drften, auch
fehlt uns die Zeit dazu.

Wissen Sie, ich gebe ja gerne zu, da zum Beispiel diese imaginren,
diese gar nicht wirklich existierenden Zahlwerte, ha ha, gar keine
kleine Nu fr einen jungen Studenten sind. Sie mssen sich damit
zufrieden geben, da solche mathematische Begriffe eben rein
mathematische Denknotwendigkeiten sind. berlegen Sie nur: auf der
elementaren Stufe des Unterrichts, auf der sie sich noch befinden,
hlt es sehr schwer, fr vieles, das man berhren mu, die richtige
Erklrung zu geben. Zum Glck fhlen es die wenigsten, wenn aber
einer, wie Sie heute, -- doch wie gesagt, es hat mich sehr gefreut, --
nun wirklich kommt, so kann man nur sagen: Lieber Freund, du mut
einfach glauben; wenn du einmal zehnmal soviel Mathematik knnen wirst
als jetzt, so wirst du verstehen, aber einstweilen: glauben!

Es geht nicht anders, lieber Trle, die Mathematik ist eine ganze Welt
fr sich und man mu reichlich lange in ihr gelebt haben, um alles
zu fhlen, was in ihr notwendig ist.

Trle war froh, als der Professor schwieg. Seit er die Tr zufallen
gehrt hatte, war ihm, da sich die Worte immer weiter und weiter
entfernten, ... nach der anderen, gleichgltigen Seite hin, wo alle
richtigen und doch nichts besagenden Erklrungen liegen.

Aber er war von dem Schwall der Worte und dem Milingen betubt und
verstand nicht gleich, da er nun aufstehen solle.

Da suchte der Professor, um es endgltig zu erledigen, nach einem
letzten, berzeugenden Argumente.

Auf einem kleinen Tischchen lag ein Renommierband Kant. Den nahm
der Professor und zeigte ihn Trle. Sehen Sie dieses Buch, das ist
Philosophie, es enthlt die Bestimmungsstcke unseres Handelns. Und
wenn Sie dem auf den Grund fhlen knnten, so wrden Sie auf lauter
solche Denknotwendigkeiten stoen, die eben alles bestimmen, ohne
da sie selbst so ohneweiters einzusehen wren. Es ist ganz hnlich wie
mit dem in der Mathematik. Und dennoch handeln wir fortwhrend danach:
Da haben Sie gleich den Beweis dafr, wie wichtig solche Dinge sind.
Aber, lchelte er, als er sah, da Trle richtig das Buch aufschlug
und darinnen bltterte, lassen Sie es doch jetzt noch. Ich wollte Ihnen
nur ein Beispiel geben, an das Sie sich spter einmal erinnern knnen;
vorlufig drfte es wohl noch zu schwer fr Sie sein.

                   *       *       *       *       *

Den ganzen Rest des Tages ber befand sich Trle in einem bewegten
Zustande.

Der Umstand, da er Kant in der Hand gehabt hatte, -- dieser ganz
zufllige Umstand, dem er im Augenblicke wenig Beachtung geschenkt
hatte, -- wirkte mchtig in ihm nach. Der Name Kants war ihm vom
Hrensagen wohl bekannt und hatte fr ihn den Kurswert, den er
allgemein in der sich mit den Geisteswissenschaften nur von ferne
befassenden Gesellschaft hat -- als letztes Wort der Philosophie. Und
diese Autoritt war sogar mit ein Grund gewesen, da sich Trle
bisher so wenig mit ernsten Bchern beschftigt hatte. Sehr junge
Menschen pflegen sich ja, wenn einmal die Periode berwunden ist, in
der sie Kutscher, Grtner oder Zuckerbcker werden wollten, mit der
Phantasie das Gebiet ihrer Lebensaufgaben zunchst dort abzustecken,
wo sich ihrem Ehrgeize die meiste Mglichkeit, Auszeichnendes zu
leisten, darzubieten scheint. Wenn sie sagen, sie wollen Arzt werden,
so haben sie sicher einmal irgendwo ein hbsches und geflltes
Wartezimmer gesehen, oder einen Glasschrank mit unheimlichen
chirurgischen Instrumenten, oder hnliches; sprechen sie von der
diplomatischen Laufbahn, so denken sie an den Glanz und die Vornehmheit
internationaler Salons, kurz sie whlen ihren Beruf nach dem Milieu,
in dem sie sich am liebsten sehen mchten, und nach der Pose, in
der sie sich am besten gefallen.

Nun war vor Trle der Name Kant nie anders als gelegentlich und mit
einer Miene ausgesprochen worden, wie der eines unheimlichen Heiligen.
Und Trle konnte gar nichts anderes denken, als da von Kant die
Probleme der Philosophie endgltig gelst seien, und diese seither
eine zwecklose Beschftigung bleibe, wie er ja auch glaubte, da es
sich nach Schiller und Goethe nicht mehr lohne zu dichten.

Zu Hause standen diese Bcher in dem Schranke mit den grnen Scheiben
in Papas Arbeitszimmer und Trle wute, da dieser nie geffnet wurde,
auer um ihn einem Besuch zu zeigen. Er war wie das Heiligtum einer
Gottheit, der man nicht gerne naht, und die man nur verehrt, weil man
froh ist, da man sich dank ihrer Existenz um gewisse Dinge nicht
mehr zu kmmern braucht.

Dieses schiefe Verhltnis zu Philosophie und Literatur hatte spter
auf Trle' weitere Entwicklung jenen unglcklichen Einflu ausgebt,
dem er manche traurige Stunde zu danken hatte. Denn sein Ehrgeiz
wurde hiedurch von seinen eigentlichen Gegenstnden abgedrngt und
geriet, whrend er, seines Zieles beraubt, nach einem neuen suchte, --
unter den brutalen und entschlossenen Einflu seiner Gefhrten. Seine
Neigungen kehrten nur noch gelegentlich und verschmt zurck und
hinterlieen jedesmal das Bewutsein, etwas Unntzes und Lcherliches
getan zu haben. Sie waren aber doch so stark, da es ihm nicht gelang,
sich ihrer ganz zu entledigen, und dieser bestndige Kampf war es, der
sein Wesen der festen Linien und des aufrechten Ganges beraubte.

Mit dem heutigen Tage schien jedoch dieses Verhltnis in eine neue
Phase getreten zu sein. Die Gedanken, um derentwillen er heute
vergeblich Aufklrung gesucht hatte, waren nicht mehr die wurzellosen
Verkettungen einer spielenden Einbildungskraft, vielmehr whlten sie
ihn auf, lieen ihn nicht los, und mit seinem ganzen Krper fhlte
er, da hinter ihnen ein Stck seines Lebens poche. Dies war fr Trle
etwas ganz Neues. In seinem Inneren war eine Bestimmtheit, die er
sonst nicht an sich gekannt hatte. Es war beinahe trumerisch,
geheimnisvoll. Das mute sich wohl unter den Einflssen der letzten
Zeit in aller Stille entwickelt haben und pochte nun pltzlich mit
gebieterischem Finger an. Ihm war zumute wie einer Mutter, die zum
ersten Male die herrischen Bewegungen ihrer Leibesfrucht fhlt.

Es wurde ein wundervoll genureicher Nachmittag.

Trle holte aus seiner Lade alle seine poetischen Versuche hervor, die
er dort verwahrt hatte. Er setzte sich mit ihnen zum Ofen und blieb
ganz allein und ungesehen hinter dem mchtigen Schirme. Ein Heft nach
dem anderen bltterte er durch, dann zerri er es ganz langsam in
lauter kleine Stcke und warf diese einzeln, immer wieder die feine
Rhrung des Abschieds verkostend, ins Feuer.

Er wollte damit alles Gepck von frher hinter sich werfen, gleich als
gelte es jetzt -- von nichts beschwert -- alle Aufmerksamkeit auf die
Schritte zu richten, die nach vorwrts zu tun seien.

Endlich stand er auf und trat unter die anderen. Er fhlte sich frei
von allen ngstlichen Seitenblicken. Was er getan hatte, war eigentlich
nur ganz instinktiv geschehen; nichts bot ihm eine Sicherheit, da
er wirklich von nun an ein Neuer werde sein knnen, als das bloe
Dasein jenes Impulses. Morgen, sagte er sich, morgen werde ich alles
sorgfltig revidieren und ich werde schon Klarheit gewinnen.

Er ging im Saale umher, zwischen den einzelnen Bnken, sah in die
geffneten Hefte, auf die in dem grellen Wei beim Schreiben geschftig
hin und her hastenden Finger, deren jeder seinen kleinen, braunen
Schatten hinter sich herzog, -- er sah dem zu wie einer, der pltzlich
aufgewacht ist, mit Augen, denen alles von ernsterer Bedeutung zu
sein schien.

                   *       *       *       *       *

Aber schon der nchste Tag brachte eine arge Enttuschung. Trle
hatte sich nmlich gleich am Morgen die Reklamausgabe jenes Bandes
gekauft, den er bei seinem Professor gesehen hatte, und bentzte die
erste Pause, um mit dem Lesen zu beginnen. Aber vor lauter Klammern
und Funoten verstand er kein Wort und wenn er gewissenhaft mit den
Augen den Stzen folgte, war ihm, als drehe eine alte, kncherne Hand
ihm das Gehirn in Schraubenwindungen aus dem Kopfe.

Als er nach etwa einer halben Stunde erschpft aufhrte, war er nur
bis zur zweiten Seite gelangt und Schwei stand auf seiner Stirne.

Aber dann bi er die Zhne aufeinander und las nochmals eine Seite
weiter, bis die Pause zu Ende war.

Abends aber mochte er das Buch schon nicht mehr anrhren. Angst? Ekel?
-- er wute nicht recht. Nur das eine qulte ihn brennend deutlich,
da der Professor, dieser Mensch, der nach so wenig aussah, das Buch
ganz offen im Zimmer liegen hatte, als sei es fr ihn eine tgliche
Unterhaltung.

In dieser Stimmung traf ihn Beineberg.

Nun Trle, wie war's gestern beim Professor? Sie saen allein in
einer Fensternische und hatten den breiten Kleiderstnder, auf dem
die vielen Mntel hingen, vorgeschoben, so da von der Klasse nur
ein auf- und abschwellendes Summen und der Widerschein der Lampen
an der Decke zu ihnen drang. Trle spielte zerstreut mit einem vor
ihm hngenden Mantel.

Schlfst du denn? Er wird dir doch wohl irgend etwas geantwortet
haben? Ich kann mir's brigens denken, er wird nicht schlecht in
Verlegenheit gekommen sein, nicht?

Warum?

Nun auf eine so dumme Frage wird er wohl nicht gefat gewesen sein.

Die Frage war gar nicht dumm; ich bin sie noch immer nicht los.

Ich meine es ja auch nicht so schlimm; nur fr ihn wird sie dumm
gewesen sein. Die lernen ihre Sachen gerade so auswendig wie der Pfaffe
seinen Katechismus, und wenn man sie ein wenig auer der Reihe fragt,
kommen sie immer in Verlegenheit.

Ach verlegen war der nicht um die Antwort. Er hat mich sogar nicht
einmal ausreden lassen, so schnell hat er sie bei der Hand gehabt.

Und wie hat er die Geschichte erklrt?

Eigentlich gar nicht. Er hat gesagt, das knne ich jetzt noch nicht
einsehen, das seien Denknotwendigkeiten, die erst demjenigen klar
werden, der sich bereits eingehender mit diesen Dingen befat hat.

Das ist ja der Schwindel! Einem Menschen, der nichts wie vernnftig
ist, vermgen sie ihre Geschichten nicht vorzuerzhlen. Erst wenn
er zehn Jahre hindurch mrbe gemacht wurde, geht es. Bis dahin hat
er nmlich tausende Male auf diesen Grundlagen gerechnet und groe
Gebude aufgefhrt, die immer bis aufs letzte stimmten; er glaubt dann
einfach an die Sache, wie der Katholik an die Offenbarung, sie hat
sich immer so schn fest bewhrt ... ist es dann eine Kunst einem
solchen Menschen den Beweis aufzureden? Im Gegenteil, niemand wre
imstande ihm einzureden, da sein Gebude zwar steht, der einzelne
Baustein aber zu Luft zerrinnt, wenn man ihn fassen will!

Trle fhlte sich durch die bertreibung Beinebergs unangenehm berhrt.

So arg, wie du's hinstellst, wird es wohl nicht sein. Ich habe nie
gezweifelt, da die Mathematik recht hat, -- schlielich lehrt's doch
auch der Erfolg, -- mir war vielmehr nur das sonderbar, da die Sache
mitunter so gegen den Verstand geht; und mglich wre es immerhin, da
das nur scheinbar ist.

Nun du kannst ja die zehn Jahre abwarten, vielleicht hast du dann
den richtig prparierten Verstand.... Aber ich habe auch darber
nachgedacht, seit wir letzthin davon sprachen, und ich bin ganz fest
davon berzeugt, da die Sache einen Haken hat. brigens hast du damals
auch ganz anders gesprochen als heute.

O nein. Mir ist es ja auch heute noch bedenklich, nur will ich es
nicht gleich so bertreiben wie du. _Sonderbar_ finde ich das Ganze
auch. Die Vorstellung des Irrationalen, des Imaginren, der Linien,
die parallel sind und sich im Unendlichen -- also doch irgendwo --
schneiden, regt mich auf. Wenn ich darber nachdenke, bin ich betubt,
wie vor den Kopf geschlagen. Trle lehnte sich vor, ganz in den
Schatten hinein, und seine Stimme umschleierte sich leise beim
Sprechen. In meinem Kopfe war vordem alles so klar und deutlich
geordnet; nun aber ist mir, als seien meine Gedanken wie Wolken, und
wenn ich an die bestimmten Stellen komme, so ist es wie eine Lcke
dazwischen, durch die man in eine unendliche, unbestimmbare Weite
sieht. Die Mathematik wird schon recht haben; aber was ist es mit
meinem Kopfe und was mit all den anderen? Fhlen die das gar nicht?
Wie malt es sich in ihnen ab? Gar nicht?

Ich denke, du konntest es an deinem Professor sehen. Du, -- wenn du
auf so etwas kommst, schaust dich sofort um und fragst, wie stimmt
das jetzt zu allem brigen in mir? _Die_ haben sich einen Weg in
tausend Schneckengngen durch ihr Gehirn gebohrt und sie sehen blo
bis zur nchsten Ecke zurck, ob der Faden noch hlt, den sie hinter
sich herspinnen. Deswegen bringst du sie mit deiner Art zu fragen
in Verlegenheit. Von denen findet keiner den Weg zurck. Wie kannst
du brigens behaupten, da ich bertreibe? Diese Erwachsenen und
ganz Gescheiten haben sich da vollstndig in ein Netz eingesponnen,
eine Masche sttzt die andere, so da das Ganze Wunder wie natrlich
aussieht; wo aber die erste Masche steckt, durch die alles gehalten
wird, wei kein Mensch.

Wir zwei haben noch nie so ernst darber gesprochen, schlielich
macht man ber solche Dinge nicht gern viel Worte, aber du kannst
jetzt sehen, wie schwach die Ansicht ist, mit der sich die Leute
ber die Welt begngen. Tuschung ist sie, Schwindel ist sie,
Schwachkpfigkeit! Blutarmut! Denn ihr Verstand reicht gerade so weit,
um ihre wissenschaftliche Erklrung aus dem Kopf herauszudenken,
drauen erfriert sie aber, verstehst du? Ha ha! Alle diese Spitzen,
diese uersten, von denen uns die Professoren erzhlen, sie seien
so fein, da wir sie jetzt noch nicht anzurhren vermgen, sind tot
-- erfroren, -- verstehst du? Nach allen Seiten starren diese
bewunderten Eisspitzen und kein Mensch vermag mit ihnen etwas
anzufangen, so leblos sind sie!

Trle hatte sich lngst wieder zurckgelehnt. Beinebergs heier Atem
fing sich in den Mnteln und erhitzte den Winkel. Und wie immer in
der Erregung, wirkte Beineberg peinlich auf Trle. Jetzt gar, wo
er sich vorschob, so nahe heran, da seine Augen unbeweglich, wie
zwei grnliche Steine vor Trle standen, whrend die Hnde mit einer
eigentmlich hlichen Behendigkeit im Helldunkel hin und her zuckten.

Alles ist unsicher, was sie behaupten. Alles geht natrlich zu,
sagen sie; -- wenn ein Stein fllt, so sei das die Schwerkraft, warum
soll es aber nicht ein Wille Gottes sein und warum soll derjenige,
der ihm wohlgefllig ist, nicht einmal davon entbunden sein, das Los
des Steines zu teilen? Doch wozu erzhle ich dir solches?! Du wirst
doch immer halb bleiben! Ein wenig Sonderbares ausfindig machen, ein
wenig den Kopf schtteln, ein wenig sich entsetzen -- das liegt dir:
darber traust du dich aber nicht hinaus. brigens ist das nicht mein
Schade.

Der meine etwa? So sicher sind denn doch wohl auch deine Behauptungen
nicht.

Wie kannst du das sagen! Sie sind berhaupt das einzig Sichere. Wozu
soll ich mich brigens mit dir darber zanken?! Du wirst es schon
noch sehen, mein lieber Trle; ich mchte sogar wetten, da du dich
noch einmal ganz verflucht dafr interessieren wirst, was es damit
fr Bewandtnis hat. Beispielsweise, wenn es mit Basini so kommt, wie
ich....

La das, bitte unterbrach ihn Trle, ich mchte das gerade jetzt
nicht da hineinmengen.

O, warum nicht?

Nun so. Ich will einfach nicht. Es ist mir unangenehm. Basini und dies
sind fr mich zweierlei; und zweierlei pflege ich nicht im selben Topf
zu kochen.

Beineberg verzog es bei dieser ungewohnten Entschiedenheit, ja Grobheit
seines jngeren Kameraden vor rger den Mund. Aber Trle fhlte, da
die bloe Nennung Basinis seine ganze Sicherheit untergraben hatte,
und um dies zu verbergen, redete er sich in rger. berhaupt
behauptest du Dinge mit einer Sicherheit, die geradezu verrckt
ist. Glaubst du denn nicht, da deine Theorien gerade so auf Sand
gebaut sein knnen, wie die anderen? Das sind ja noch viel verbohrtere
Schneckengnge, die noch weit mehr guten Willen voraussetzen.

Merkwrdigerweise wurde Beineberg nicht bse; er lchelte nur -- zwar
ein wenig verzerrt und seine Augen funkelten doppelt so unruhig -- und
sagte in einem fort: Du wirst schon sehen, du wirst schon sehen...

Was werde ich denn sehen? Und meinetwegen, so werde ich es halt sehen;
aber es interessiert mich blutwenig, Beineberg! Du verstehst mich
nicht. Du weit gar nicht, was mich interessiert. Wenn mich die
Mathematik qult und wenn mich-- doch er berlegte sich's noch
schnell und sagte nichts von Basini, wenn mich die Mathematik
qult, so suche ich dahinter ganz etwas anderes als du, gar nichts
bernatrliches, gerade das Natrliche suche ich -- verstehst du?
gar nichts auer mir -- in mir suche ich etwas: in mir! etwas
Natrliches! Das ich aber trotzdem nicht verstehe! Das empfindest
du aber gerade so wenig wie der von der Mathematik .... ach la mich
mit deiner Spekulation fr jetzt in Ruhe!

Trle zitterte vor Aufregung, als er aufstand.

Und Beineberg wiederholte in einem fort: nun wir werden ja sehen,
werden ja sehen...

                   *       *       *       *       *

Als Trle abends im Bette lag, fand er keinen Schlaf. Die
Viertelstunden schlichen wie Krankenschwestern von seinem Lager,
seine Fe waren eiskalt, und die Decke drckte ihn anstatt ihn zu
wrmen.

In dem Schlafsaale hrte man nur das ruhige und gleichmige Atmen der
Zglinge, die nach der Arbeit des Unterrichtes, des Turnens und des
Laufens im Freien ihren gesunden, tierischen Schlaf gefunden hatten.

Trle horchte auf die Atemzge der Schlafenden. Das war Beinebergs,
das Reitings, das Basinis Atem; welcher? Er wute es nicht; aber einer
von den vielen, gleichmigen, gleichruhigen, gleichsicheren, die wie
ein mechanisches Werk sich hoben und senkten.

Einer der leinenen Vorhnge hatte sich nur bis zur halben Hhe
herunterrollen lassen; darunter leuchtete die helle Nacht herein und
zeichnete ein fahles, unbewegliches Viereck auf den Fuboden. Die
Schnur hatte sich oben gespiet oder war ausgesprungen und hing in
hlichen Windungen herunter, whrend ihr Schatten auf dem Boden
wie ein Wurm durch das helle Viereck kroch.

Dies alles war von einer bengstigenden, grotesken Hlichkeit.

Trle versuchte an etwas Angenehmes zu denken. Beineberg fiel ihm
ein. Hatte er ihn nicht heute bertrumpft? Seiner berlegenheit einen
Sto versetzt? War es ihm nicht heute zum erstenmal gelungen, seine
Besonderheit gegen den anderen zu wahren? So hervorzuheben, da dieser
den unendlichen Unterschied an Feinheit der Empfindlichkeit fhlen
konnte, der ihrer beiden Auffassungen voneinander trennte? Hat er
denn noch etwas zu erwidern gewut? Ja oder nein?..

Aber dieses: ja oder nein? schwoll in seinem Kopfe an wie aufsteigende
Blasen und zerplatzte, und ja oder nein?... ja oder nein? schwoll
es immer und immer wieder an, unaufhrlich, in einem stampfenden
Rhythmus, wie das Rollen eines Eisenbahnzuges, wie das Nicken von
Blumen an zu hohen Stengeln, wie das Klopfen eines Hammers, das man
durch viele dnne Wnde hindurch in einem stillen Hause hrt ...
Dieses aufdringliche, selbstgefllige ja oder nein? widerte Trle
an. Seine Freude war unecht, es hopste so lcherlich.

Und schlielich, als er auffuhr, schien es sein eigener Kopf zu
sein, der da nickte, auf den Schultern rollte, oder im Takte auf und
niederschlug...

Endlich schwieg alles in Trle. Vor seinen Augen war nur eine weite,
schwarze Flche, die sich kreisrund nach allen Seiten hin ausdehnte.

Da kamen ... weit vom Rande her ... zwei kleine, wackelnde Figrchen --
quer ber den Tisch. Das waren offenbar seine Eltern. Aber so klein,
da er fr sie nichts empfinden konnte.

Auf der anderen Seite verschwanden sie wieder.

Dann kamen wieder zwei; -- doch halt, da lief einer von rckwrts
an ihnen vorbei -- mit Schritten, die doppelt so lang waren als sein
Krper -- und schon war er hinter die Kante getaucht; war es nicht
Beineberg gewesen? -- Nun die zwei, der eine von ihnen war ja doch
der Mathematikprofessor? Trle erkannte ihn an dem Sacktchlein, das
kokett aus der Tasche schaute. Aber der andere? Der mit dem sehr,
sehr dicken Buch unter dem Arm, das halb so hoch war als er selbst?
Der sich kaum damit schleppen konnte?... Bei jedem dritten Schritte
blieben sie stehen und legten das Buch auf die Erde. Und Trle hrte
die piepsige Stimme seines Lehrers sagen: Wenn dem so sein soll,
finden wir das richtige auf Seite zwlf, Seite zwlf verweist uns
weiter an Seite zweiundfnfzig, dann gilt aber auch das, was auf
Seite einunddreiig bemerkt wurde, und unter dieser Voraussetzung
... Dabei standen sie ber das Buch gebckt und griffen mit den Hnden
hinein, da die Bltter stoben. Nach einer Weile richteten sie sich
wieder auf, und der andere streichelte fnf- oder sechsmal die Wangen
des Professors. Dann kamen abermals ein paar Schritte nach vorwrts
und Trle hrte von neuem die Stimme, genau so, wie wenn sie im
Mathematikunterricht einen Bandwurm von Beweis abfingerte. Solange,
bis der andere wieder den Professor streichelte.

Dieser andere...? Trle zog die Brauen zusammen, um besser zu
sehen. Trug er nicht einen Zopf? Und etwas altertmliche Kleidung?
Sehr altertmliche? Seidene Kniehosen sogar? War das nicht...? O!
Und Trle wachte mit einem Schrei auf: Kant!

Im nchsten Augenblicke lchelte er; es war ganz still umher, die
Atemzge der Schlafenden waren leise geworden. Auch er hatte
geschlafen. Und in seinem Bette war es einstweilen warm geworden.
Er dehnte sich behaglich unter der Decke entlang.

Ich habe also von Kant getrumt, dachte er, warum nicht lnger?
Vielleicht htte er mir doch etwas ausgeplaudert. Er erinnerte sich
nmlich, wie er einstens, in Geschichte nicht vorbereitet, whrend der
ganzen Nacht so lebhaft von den betreffenden Personen und Ereignissen
getrumt hatte, da er am nchsten Tag davon erzhlen konnte, als
wre er selbst mit dabei gewesen, und die Prfung mit Auszeichnung
bestand. Und nun fiel ihm auch Beineberg wieder ein, Beineberg und
Kant -- das gestrige Gesprch.

Langsam zog sich der Traum von Trle zurck -- langsam, wie eine
seidene Decke, die ber die Haut eines nackten Krpers hinuntergleitet,
ohne ein Ende zu nehmen.

Aber doch wich sein Lcheln bald wieder einer sonderbaren Unruhe. War
er denn in seinen Gedanken auch nur um einen Schritt wirklich weiter
gekommen? Konnte er denn auch nur _etwas_ aus diesem Buche ersehen,
das die Lsung aller Rtsel enthalten sollte? Und sein Sieg? Gewi,
es war nur seine unerwartete Lebhaftigkeit gewesen, die Beineberg zum
Schweigen gebracht hatte...

Abermals bemchtigte sich eine tiefe Unlust und frmlich krperliche
belkeit seiner. So lag er Minuten lang, vom Ekel ganz ausgehhlt.

Dann aber trat pltzlich wieder die Empfindung in sein Bewutsein,
wie sein Krper an allen Stellen von der milden, lauwarmen Leinwand des
Bettes berhrt wurde. Behutsam, ganz langsam und behutsam drehte
Trle den Kopf. Richtig, dort lag noch das fahle Viereck auf dem
Estrich -- mit ein wenig verschobenen Seiten zwar, aber noch kroch
auch jener gewundene Schatten hindurch. Ihm war, als liege dort eine
Gefahr gekettet, die er aus seinem Bette heraus, wie durch Gitterstbe
geschtzt, mit der Ruhe der Sicherheit betrachten knne.

In seiner Haut, rings um den ganzen Krper herum, erwachte dabei ein
Gefhl, das pltzlich zu einem Erinnerungsbilde wurde. Als er ganz
klein war -- ja, ja, das war's, -- als er noch Kleidchen trug und
noch nicht in die Schule ging, hatte er Zeiten, da in ihm eine ganz
unaussprechliche Sehnsucht war, ein Mderl zu sein. Und auch diese
Sehnsucht sa nicht im Kopfe -- o nein -- auch nicht im Herzen -- sie
kitzelte im ganzen Krper und jagte rings unter der Haut umher. Ja
es gab Augenblicke, wo er sich so lebhaft als kleines Mdchen fhlte,
da er glaubte, es knne gar nicht anders sein. Denn er wute damals
nichts von der Bedeutung krperlicher Unterschiede und er verstand
es nicht, warum man ihm von allen Seiten sagte, er msse nun wohl
fr immer ein Knabe bleiben. Und wenn man ihn fragte, warum er denn
glaube, lieber ein Mderl zu sein, so fhlte er, da sich das gar
nicht sagen lasse...

Heute sprte er zum ersten Male wieder etwas hnliches. Wieder nur so
rings unter der Haut umher.

Etwas, das Krper und Seele zugleich zu sein schien. Ein Jagen und
Hasten, das sich tausendfltig, wie mit samtenen Fhlfden von
Schmetterlingen an seinem Krper stie. Und zugleich jenes Trotzen,
mit dem kleine Mdchen flchten, wenn sie fhlen, da sie von den
Erwachsenen ohnedies nicht verstanden werden, die Arroganz, mit
der sie dann ber die Erwachsenen kichern, diese furchtsame, stets
wie zu schnellem Davonlaufen bereite Arroganz, die fhlt, da sie sich
jeden Augenblick in irgendein furchtbar tiefes Versteck in dem kleinen
Krper zurckziehen knne...

Trle lachte leise vor sich hin und abermals dehnte er sich behaglich
die Decke entlang.

Dieses wutzlige kleine Mnnchen, von dem er getrumt hatte, wie gierig
es die Seiten unter den Fingern jagte! Und das Viereck dort unten? Ha,
ha. Ob so gescheite Mnnchen wohl je in ihrem Leben so etwas bemerkt
haben? Er kam sich unendlich gesichert gegen diese gescheiten Menschen
vor und zum ersten Male fhlte er, da er in seiner Sinnlichkeit --
denn da es diese sei, wute er nun schon lange -- etwas hatte,
das ihm keiner zu nehmen vermochte, das auch keiner nachzumachen
vermochte, etwas, das ihn wie eine hchste, versteckteste Mauer gegen
alle fremde Klugheit schtzte.

Ob so gescheite Mnnchen wohl je in ihrem Leben, spann er dies weiter,
unter einer einsamen Mauer gelegen und bei jedem Rieseln hinter dem
Mrtel erschrocken sind, als ob etwas Totes da Worte suche, um zu
ihnen zu sprechen? Ob sie wohl je so die Musik, die der Wind in den
herbstlichen Blttern anfacht, gefhlt haben, -- so durch und durch
gefhlt haben, da dahinter pltzlich ein Schreck stand, ... der sich
langsam, langsam in eine Sinnlichkeit verwandelte? Aber in eine so
merkwrdige Sinnlichkeit, die mehr wie ein Flchten und dann wie ein
Auslachen ist. O, es ist leicht gescheit zu sein, wenn man alle diese
Fragen nicht kennt...

Dazwischen aber schien immer wieder das kleine Mnnchen riesig zu
wachsen, mit einem unerbittlich strengen Gesicht, und jedesmal zuckte
es wie ein elektrischer Schlag schmerzhaft von Trle' Gehirn durch
den Krper. Der ganze Schmerz darber, da er noch immer vor einem
verschlossenen Tore stehen msse, das eben, was noch im Augenblick
vorher die warmen Schlge seines Blutes weggedrngt hatten, -- erwachte
dann wieder und eine wortlose Klage flutete durch Trle' Seele, wie
das Heulen eines Hundes, das ber die weiten, nchtlichen Felder
zittert.

So schlief er ein. Noch im Halbschlaf blickte er ein paarmal zu dem
Fleck beim Fenster hinber, so wie man mechanisch nach einem haltenden
Seile greift, um zu fhlen, ob es noch gespannt sei. Dann tauchte
unklar der Vorsatz auf, da er morgen nochmals ganz genau ber
sich nachdenken werde -- am besten mit Feder und Papier -- dann,
ganz zuletzt, war nur die angenehme, laue Wrme -- wie ein Bad und
eine sinnliche Regung -- die ihm aber als solche gar nicht mehr zu
Bewutsein kam, sondern in irgendeiner durchaus unerkennbaren, aber
sehr nachdrcklichen Weise mit Basini verknpft war.

Dann schlief er fest und traumlos.

                   *       *       *       *       *

Und doch war dies das erste, womit er am nchsten Tage aufwachte. Nun
htte er gar zu gerne gewut, was es eigentlich war, das er da zum
Schlusse von Basini halb gedacht und halb getrumt hatte, aber er war
nicht imstande sich darauf noch zu besinnen.

So blieb nur eine zrtliche Stimmung davon zurck, wie sie um die
Weihnachtszeit in einem Hause herrscht, wo die Kinder wissen, da
die Geschenke schon da sind, aber noch dort hinter der geheimnisvollen
Tr versperrt, durch deren Fugen man nur hie und da einen Strahl vom
Lichterglanze dringen sieht.

Am Abend blieb Trle in der Klasse; Beineberg und Reiting waren
irgendwohin verschwunden, wahrscheinlich in die Kammer am Dachboden;
Basini sa vorne auf seinem Platze, den Kopf mit beiden Hnden ber
ein Buch gesttzt.

Trle hatte sich ein Heft gekauft und richtete sorgfltig Feder und
Tinte zurecht. Dann schrieb er auf die erste Seite, nach einigem
Zgern: =De natura hominum=; er glaubte den lateinischen Titel dem
philosophischen Gegenstande schuldig zu sein. Dann zog er einen groen,
kunstvollen Schnrkel um die berschrift und lehnte sich in seinen
Stuhl zurck, um zu warten, bis diese trockne.

Aber dies war schon lange geschehen und er hatte noch immer nicht
wieder zur Feder gegriffen. Etwas hielt ihn unbeweglich fest. Es war
die hypnotische Stimmung der groen, heien Lampen, der tierischen
Wrme, die von dieser Masse von Menschen ausging. Er war immer
empfnglich fr diesen Zustand gewesen, der sich bei ihm bis zu
krperlichem Fiebergefhle steigern konnte, das stets mit einer
auerordentlichen Empfindlichkeit des Geistes verbunden war. So auch
heute. Er hatte sich lngst schon untertags zurechtgelegt, was er
eigentlich notieren wolle: die ganze Reihe jener gewissen bisherigen
Erfahrungen von dem Abend bei Bozena an bis zu jener unbestimmten
Sinnlichkeit, die sich die letzten Male bei ihm eingestellt hatte.
Wenn dann alles geordnet, Faktum fr Faktum aufgezeichnet sein werde,
hoffte er, werde sich auch die richtige, verstandesgesetzmige
Fassung von selbst ergeben, wie die Form einer umhllenden Linie aus
dem wirren Bilde sich hundertfltig schneidender Kurven heraustritt.
Und mehr wollte er nicht. Aber es war ihm bisher wie einem Fischer
ergangen, der zwar am Zucken des Netzes fhlt, da ihm eine schwere
Beute ins Garn gegangen ist, aber trotz aller Anstrengungen nicht
vermag, sie ans Licht zu heben.

Und nun begann Trle doch noch zu schreiben, -- aber hastig und ohne
mehr auf die Form zu achten. Ich fhle, notierte er, etwas in mir
und wei nicht recht, was es ist. Rasch strich er aber die Zeile
wieder durch und schrieb an ihrer Stelle: Ich mu krank sein --
wahnsinnig! Hier berlief ihn ein Schauer, denn dieses Wort empfindet
sich angenehm pathetisch. Wahnsinnig, -- oder was ist es sonst, da
mich Dinge befremden, die den anderen alltglich erscheinen? Da
mich dieses Befremden qult? Da mir dieses Befremden unzchtige
Gefhle -- er whlte absichtlich dieses Wort voll biblischer
Salbung, weil ihn dunkler und voller dnkte, -- erregt? Ich bin dem
frher gegenbergestanden wie jeder junge Mann, wie alle meine
Kameraden... Da stockte er aber. Ist das denn auch wahr? dachte
er sich; bei Bozena zum Beispiel war es doch schon so eigen; wann
hat es also eigentlich angefangen?... Egal, dachte er, einmal
jedenfalls. Aber er lie doch den Satz unvollendet.

Welche Dinge sind es, die mich befremden? Die unscheinbarsten.
Meistens leblose Sachen. Was befremdet mich an ihnen? Ein Etwas,
das ich nicht kenne. Aber das ist es ja eben! Woher nehme ich dieses
Etwas? Ich empfinde sein Dasein; es wirkt auf mich; so, als ob es
sprechen wollte. Ich bin in der Aufregung eines Menschen, der einem
Gelhmten die Worte von den Verzerrungen des Mundes ablesen soll und es
nicht zuwege bringt. So, als ob ich einen Sinn mehr htte als die
anderen, aber einen nicht fertig entwickelten, einen Sinn, der da ist,
sich bemerkbar macht, aber nicht funktioniert. Die Welt ist fr mich
voll lautloser Stimmen: bin ich daher ein Seher oder ein Halluzinierter?

Aber nicht nur das Leblose wirkt so auf mich; nein, was mich viel mehr
in Zweifel strzt, auch die Menschen. Vor einem gewissen Zeitpunkt
sah ich sie, wie sie sich selbst sehen. Beineberg und Reiting zum
Beispiel, -- sie haben ihre Kammer, eine ganz gewhnliche, verborgene
Bodenkammer, weil es ihnen Spa macht, einen solchen Rckzugsort zu
besitzen. Das eine tun sie, weil sie auf den zornig sind, das andere,
weil sie dem Einflusse jenes zweiten bei den Kameraden vorbeugen
wollen. Lauter verstndliche klare Grnde. Heute aber erscheinen
sie mir manchmal, als htte ich einen Traum, und sie seien Figuren
darin. Nicht ihre Worte, nicht ihre Handlungen allein, nein, alles
an ihnen, verbunden mit ihrer krperlichen Nhe, wirkt mitunter so
auf mich, wie es die leblosen Dinge tuen. Und doch hre ich sie
nebenbei immer wieder genau so sprechen wie frher, sehe, da ihre
Handlungen und ihre Worte sich noch immer genau nach denselben
Formen aneinanderreihen ... das will mich unaufhrlich belehren, da
gar nichts Auerordentliches vorgehe und ebenso unaufhrlich lehnt
sich doch in mir etwas dagegen auf. Diese Vernderung begann, wenn ich
mich genau erinnere, mit Basinis...

Hier sah Trle unwillkrlich zu diesem hinber.

Basini sa noch immer ber sein Buch gesttzt und schien zu lernen.
Wie er ihn so da sitzen sah, schwiegen in Trle die Gedanken, und
er hatte Gelegenheit, die reizvollen Qualen, die er eben beschrieb,
wieder am Werke zu fhlen. Denn so wie ihm zu Bewutsein kam, wie
ruhig und harmlos Basini vor ihm sitze, durch gar nichts von den andern
rechts und links unterschieden, wurden die Erniedrigungen in ihm
lebendig, die Basini erlitten hatte. Wurden in ihm lebendig: -- das
heit, da er gar nicht daran dachte, mit jener gewissen Jovialitt,
die die moralische berlegung im Gefolge hat, sich zu sagen, da es in
jedem Menschen liege, nach erduldeten Erniedrigungen mglichst schnell
wenigstens nach der ueren Haltung des Unbefangenen wieder zu
trachten, sondern da sich sofort in ihm etwas regte, wie eine
wahnsinnig kreiselnde Bewegung, die augenblicklich das Bild Basinis
zu den unglaublichsten Verrenkungen zusammenbog, dann wieder in
nie gesehenen Verzerrungen auseinanderri, so da ihm selbst davor
schwindelte. Dies waren allerdings nur Vergleiche, die er nachher
erfand. Im Augenblicke selbst hatte er nur das Gefhl, da etwas in ihm
wie ein toller Kreisel aus der zusammengeschnrten Brust zum Kopfe
hinaufwirble, das Gefhl seines Schwindels. Dazwischen hinein sprangen
wie stiebende Farbenpunkte Gefhle, die er zu den verschiedenen Zeiten
von Basini empfangen hatte.

Eigentlich war es ja immer nur ein und dasselbe Gefhl gewesen. Und
ganz eigentlich berhaupt kein Gefhl, sondern mehr ein Erbeben ganz
tief am Grunde, das gar keine merklichen Wellen warf und vor dem
doch die ganze Seele so verhalten mchtig erzitterte, da die Wellen
selbst der strmischsten Gefhle daneben wie harmlose Kruselungen der
Oberflche erschienen.

Wenn ihm dieses eine Gefhl zu verschiedenen Zeiten dennoch verschieden
zu Bewutsein gekommen war, so hatte dies darin seinen Grund, da er
zur Ausdeutung dieser Woge, die den ganzen Organismus berflutete,
nur ber die Bilder verfgte, welche davon in seine Sinne fielen, --
so wie wenn von einer unendlich sich in die Finsternis hinein
erstreckenden Dnung nur einzelne losgelste Teilchen an den Felsen
eines beleuchteten Ufers in die Hhe spritzen, um gleich darauf
hilflos aus dem Kreise des Lichtes wieder zu versinken.

Diese Impressionen waren daher unbestndig, wechselnd, von einem
Bewutsein ihrer Zuflligkeit begleitet. Nie konnte Trle sie
festhalten, denn, wie er genauer zusah, fhlte er, da diese
Reprsentanten an der Oberflche in gar keinem Verhltnis zu der
Wucht der dunklen ungehobenen Masse standen, die zu vertreten sie
vorgaben.

Nie sah er Basini irgendwie in krperlicher Plastik und Lebendigkeit
irgendeiner Pose, nie hatte er eine wirkliche Vision: immer nur
die Illusion einer solchen, gewissermaen nur die Vision seiner
Visionen. Denn immer war es in ihm, als sei soeben ein Bild ber
die geheimnisvolle Flche gehuscht, und nie gelang es ihm, im
Augenblicke des Vorganges selbst, diesen zu erhaschen. Daher war
bestndig eine rastlose Unruhe in ihm, wie man sie vor einem
Kinematographen empfindet, wenn man neben der Illusion des Ganzen
doch eine vage Wahrnehmung nicht loswerden kann, da hinter dem Bilde,
das man empfngt, hunderte von -- fr sich betrachtet ganz anderen --
Bildern vorbeihuschen.

Wo aber in ihm diese illusionierende -- und doch stets um ein unmebar
Kleines zu wenig illusionierende -- Kraft eigentlich zu suchen sei,
wute er nicht. Er ahnte nur dunkel, da sie mit jener rtselhaften
Eigenschaft seiner Seele zusammenhnge, auch von den leblosen Dingen,
den bloen Gegenstnden mitunter wie von hundert schweigenden,
fragenden Augen berfallen zu werden.

Trle sa also ganz still und starr, sah unaufhrlich zu Basini
hinber und war ganz in dem tollen Wirbeln seines Inneren befangen.
Und immer wieder tauchte daraus die eine Frage auf: Was ist das fr
eine besondere Eigenschaft, die ich besitze? Allmhlich sah er
weder Basini mehr, noch die hei glosenden Lampen, noch fhlte er
die tierische Wrme ringsumher, noch das Summen und Brausen, das aus
einer Menge von Menschen, selbst wenn sie nur flstern, aufsteigt. Wie
eine heie, dunkel glhende Masse schwang das alles ununterschieden
im Kreise um ihn. Nur in den Ohren fhlte er ein Brennen und in den
Fingerspitzen eine eisige Klte. Er befand sich in jenem Zustande
eines mehr seelischen als krperlichen Fiebers, den er sehr liebte.
Immer mehr wuchs diese Stimmung, der auch zrtliche Regungen
beigemengt waren, an. In diesem Zustande hatte er sich frher gerne
jenen Erinnerungen hingegeben, welche das Weib hinterlt, wenn
sein warmer Atem zum ersten Male an solch einer jungen Seele
vorbeistreift. Und auch heute erwachte in ihm jene mde Wrme. Da:
eine Erinnerung ... Es war auf einer Reise ... in einer kleinen
italienischen Stadt ... er wohnte mit seinen Eltern in einem
Gasthofe nicht weit vom Theater. Jeden Abend gaben sie dort
dieselbe Oper und jeden Abend hrte er jedes Wort und jeden Ton
herber. Aber er war der Sprache nicht mchtig. Und jeden Abend sa er
dennoch am offenen Fenster und hrte zu. Auf diese Weise verliebte
er sich in eine der Schauspielerinnen, ohne sie je gesehen zu haben. Er
war nie vom Theater so ergriffen worden wie damals; er empfand die
Leidenschaft der Melodien wie Flgelschlge groer dunkler Vgel, als
ob er die Linien fhlen knnte, die ihr Flug in seiner Seele zog. Es
waren keine menschlichen Leidenschaften mehr, die er hrte, nein, es
waren Leidenschaften, die aus den Menschen entflohen, wie aus zu
engen und zu alltglichen Kfigen. Nie konnte er in dieser Erregung an
die Personen denken, welche dort drben -- unsichtbar -- jene
Leidenschaften agierten; versuchte er sie sich vorzustellen, so
schossen augenblicks dunkle Flammen vor seinen Augen auf oder
unerhrt gigantische Dimensionen, so wie in der Finsternis die
menschlichen Krper wachsen und menschliche Augen wie die Spiegel
tiefer Brunnen leuchten. Diese dstere Flamme, diese Augen im
Dunkel, diese schwarzen Flgelschlge liebte er damals unter dem
Namen jener ihm unbekannten Schauspielerin.

Und wer hatte die Oper geschaffen? Er wute es nicht. Vielleicht war
der Text ein fader, sentimentaler Liebesroman. Hatte sein Schpfer
gefhlt, da er unter den Tnen zu etwas anderem wurde?

Ein Gedanke prete Trle am ganzen Krper zusammen. Sind auch die
Erwachsenen so? Ist die Welt so? Ist es ein allgemeines Gesetz, da
etwas in uns ist, das strker, grer, schner, leidenschaftlicher,
dunkler ist als wir? Worber wir so wenig Macht haben, da wir nur
ziellos tausend Samenkrner streuen knnen, bis aus einem pltzlich
eine Saat wie eine dunkle Flamme schiet, die weit ber uns
hinauswchst?... Und in jedem Nerv seines Krpers bebte ein
ungeduldiges Ja als Antwort.

Trle sah mit glnzenden Augen um sich. Noch immer waren die Lampen,
die Wrme, das Licht, die emsigen Menschen da. Aber er kam sich unter
all dem wie ein Auserwhlter vor. Wie ein Heiliger, der himmlische
Gesichte hat -- denn von der Intuition groer Knstler wute er nichts.

Hastig, mit der Geschwindigkeit der Angst, griff er nach der Feder und
notierte sich einige Zeilen ber seine Entdeckung; noch einmal schien
es in seinem Innern weithin wie ein Licht zu sprhen, -- -- -- -- --
dann brach ein aschgrauer Regen ber seine Augen und der bunte Glanz
in seinem Geiste erlosch.

                   *       *       *       *       *

...Aber die Episode mit Kant war nahezu gnzlich berwunden. Bei
Tage dachte Trle berhaupt nicht mehr daran; die berzeugung,
da er selbst schon nahe der Lsung seiner Rtsel stehe, war viel zu
lebhaft in ihm, als da er sich noch um die Wege eines anderen
bekmmert htte. Seit dem letzten Abend war ihm, er habe den Griff
zu der Tre, die hinberfhre, schon in der Hand gefhlt, nur sei
er ihm wieder entglitten. Da er aber eingesehen hatte, da er auf
die Hlfe philosophischer Bcher verzichten msse, und auch kein
rechtes Vertrauen zu ihnen hatte, stand er ziemlich ratlos da, wie
er ihn wiedergewinnen wolle. Er machte einige Male Versuche in seinen
Aufzeichnungen fortzufahren, allein die geschriebenen Worte blieben
tot, eine Reihe von grmlichen, lngst bekannten Fragezeichen, ohne
da jener Augenblick wieder erwacht wre, in dem er zwischen ihnen
hindurch wie in ein von zitternden Kerzenflammen erhelltes Gewlbe
geblickt hatte.

Daher beschlo er, so oft als mglich, immer und immer wieder die
Situationen zu suchen, welche jenen fr ihn so eigentmlichen Gehalt in
sich trugen; und besonders hufig ruhte sein Blick auf Basini, wenn
dieser, sich unbeobachtet glaubend, harmlos unter den anderen sich
bewegte. Einmal, dachte sich Trle, wird es schon wieder lebendig
werden und dann vielleicht lebhafter und klarer als bisher. Und
er wurde ganz beruhigt durch diesen Gedanken, da man sich solchen
Dingen gegenber einfach in einem finsteren Raume befinde und einem
nichts brig bleibe, als, wenn man die richtige Stelle wieder unter
den Fingern verloren hat, nochmals und nochmals aufs Geratewohl die
dunklen Wnde abzutasten.

In den Nchten jedoch verfrbte sich dieser Gedanke ein wenig. Es
berkam ihn da doch eine gewisse Beschmung darber, da er sich an
seinem ursprnglichen Vorsatze, aus dem Buche, das ihm sein Lehrer
gezeigt hatte, sich die vielleicht doch darin enthaltene Erklrung
zu holen, so vorbeigedrckt hatte. Er lag dann ruhig und horchte zu
Basini hinber, dessen geschndeter Krper friedlich wie die aller
anderen atmete. Er lag ruhig, wie ein Jger auf dem Anstande, mit dem
Gefhle, da die also verwartete Zeit ihren Lohn schon noch bringen
werde. Sowie aber der Gedanke an das Buch auftauchte, nagte ein
feinzahniger Zweifel an dieser Ruhe, eine Ahnung, da er Unntzes
tue, ein zgerndes Gestndnis einer erlittenen Niederlage.

Sobald dieses unklare Gefhl sich geltend machte, verlor seine
Aufmerksamkeit das Behagliche, mit dem man der Entwicklung eines
wissenschaftlichen Experimentes zusieht. Ein krperlicher Einflu
schien dann von Basini auszugehen, ein Reiz, wie wenn man in der Nhe
eines Weibes schlft, von dem man jeden Augenblick die Decke wegziehen
kann. Ein Kitzel im Gehirn, der von dem Bewutsein ausgeht, da man
nur die Hand auszustrecken brauche. Das, was junge Paare hufig zu
Ausschweifungen treibt, die weit ber ihr sinnliches Bedrfnis
hinausgehen.

                   *       *       *       *       *

Je nach der Lebhaftigkeit, mit der ihm einfiel, da sein Unterfangen
ihm vielleicht lcherlich erscheinen mte, wenn er das alles wte,
was Kant, was sein Professor, was alle die wissen, welche mit ihren
Studien fertig sind, je nach der Strke dieser Erschtterung waren
die sinnlichen Antriebe schwcher oder strker, welche trotz der
Stille des allgemeinen Schlafes seine Augen hei und offen hielten.
Ja zeitweilig loderten sie so mchtig in ihm empor, da sie jeden
anderen Gedanken erstickten. Wenn er sich in diesen Augenblicken
halb willig, halb verzweifelt ihren Einflsterungen hingab, so ging
es ihm nur, wie es allen Menschen geht, die ja auch nie so sehr zu
einer tollen, ausschweifenden, so sehr die Seele zerreienden, mit
wollstiger Absicht zerreienden, Sinnlichkeit neigen, als dann,
wenn sie einen Mierfolg erlitten haben, der das Gleichgewicht ihres
Selbstbewutseins erschttert. -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Wenn er dann nach Mitternacht endlich in unruhigem Schlummer lag,
schien ihm einige Male, da jemand aus der Gegend um Reitings oder
Beinebergs Bett aufstand, seinen Mantel nahm und zu Basini hintrat.
Dann verlieen sie den Saal.... ...Aber es konnte auch eine
Einbildung gewesen sein. -- -- -- -- -- --

                   *       *       *       *       *

Es kamen zwei Feiertage; da sie auf einen Montag und Dienstag fielen,
lie der Direktor den Zglingen schon den Samstag frei und es gab
viertgige Ferien. Fr Trle war dies jedoch zu wenig, um die weite
Reise nach Hause machen zu knnen; er hatte deswegen gehofft, da
wenigstens seine Eltern ihn besuchen wrden, allein sein Vater wurde
durch dringende Geschfte im Ministerium festgehalten und die Mutter
fhlte sich unwohl, so da sie sich nicht allein den Anstrengungen der
Reise aussetzen konnte.

Erst als Trle den Brief erhielt, in dem ihm seine Eltern absagten
und viele zrtliche Trstungen hinzufgten, fhlte er, da es ihm
so eigentlich ganz recht sei. Er htte es beinahe als eine Strung
empfunden, -- zumindest htte es ihn arg verwirrt, -- wenn er seinen
Eltern im jetzigen Zeitpunkte htte gegenbertreten mssen.

Viele Zglinge erhielten Einladungen auf naheliegende Besitzungen.
Auch Dschjusch, dessen Eltern eine Tagreise im Wagen von der kleinen
Stadt entfernt ein schnes Gut besaen, nahm Urlaub und Beineberg,
Reiting, Hofmeier begleiteten ihn. Auch Basini war von Dschjusch
eingeladen worden, allein Reiting hatte ihm befohlen abzulehnen.
Trle schtzte vor, da er nicht wisse, ob seine Eltern nicht doch
noch kommen wrden; er fhlte sich absolut nicht zu harmlos heiteren
Festlichkeiten und Unterhaltungen gelaunt.

Samstag mittag schon lag das groe Haus schweigend und nahezu verlassen
da.

Wenn Trle durch die Gnge schritt, so widerhallte es von einem Ende
zum andern; kein Mensch bekmmerte sich um ihn, denn auch die
meisten Lehrer waren zur Jagd oder sonst irgendwohin gefahren. Nur
bei den Mahlzeiten, die jetzt in einem kleinen Zimmer neben dem
verlassenen Speisesaale serviert wurden, sahen sich die wenigen
zurckgebliebenen Zglinge; nach Tisch zerstreuten sich ihre Schritte
wieder in der weiten Flucht der Gnge und Zimmer, das Schweigen des
Hauses verschlang sie gleichsam, und sie fhrten in der Zwischenzeit
ein Leben, nicht mehr beachtet, als das der Spinnen und Tausendfer
in Keller und Boden.

Von Trle' Klasse waren nur er und Basini zurckgeblieben, einige
andere ausgenommen, welche in den Krankenzimmern lagen. Beim Abschied
hatte Trle noch einige heimliche Worte mit Reiting gewechselt, welche
sich auf Basini bezogen. Reiting frchtete nmlich, da Basini die
Gelegenheit bentzen knnte, um bei einem der Lehrer Schutz zu suchen,
und er legte Trle ans Herz, ihn sorgsam zu berwachen.

Es bedurfte dessen jedoch gar nicht, um Trle' Aufmerksamkeit auf
Basini zu sammeln.

Kaum hatte sich die Unruhe der vorfahrenden Wagen, der koffertragenden
Diener, der mit Scherzen voneinander Abschied nehmenden Zglinge aus
dem Hause verloren, als das Bewutsein seines Alleinseins mit Basini
herrisch von Trle Besitz ergriff.

Das war nach dem ersten Mittagmahle. Basini sa vorne auf seinem Platze
und schrieb an einem Briefe; Trle hatte sich in die hinterste Ecke
des Zimmers gesetzt und versuchte zu lesen.

Es war zum ersten Male wieder das gewisse Buch und Trle hatte
sich die Situation sorgsam so ausgedacht gehabt: Vorne sa Basini,
rckwrts er, mit den Augen ihn festhaltend, sich in ihn hineinbohrend.
Und so wollte er lesen. Nach jeder Seite sich tiefer in Basini
hineinsenkend. So mute es gehen; so mute er die Wahrheiten finden,
ohne das Leben, das lebendige, komplizierte, fragwrdige Leben, aus den
Hnden zu verlieren...

Aber es ging nicht. Wie immer, wenn er sich etwas allzu sorgfltig
vorher ausdachte. Es war zu wenig unvermittelt und die Stimmung
erlahmte rasch zu einer zhen, breiigen Langeweile, die sich eklig
an jeden der viel zu absichtlich immer wieder erneuten Versuche klebte.

Trle warf wtend das Buch zur Erde. Basini sah sich erschreckt um,
fuhr aber gleich wieder hastig fort zu schreiben.

So krochen die Stunden der Dmmerung zu. Trle sa ganz stumpfsinnig.
Das einzige, was sich aus einem dumpfen, surrenden, brummenden
Allgemeingefhle heraus in sein Bewutsein hob, war das Ticken seiner
Taschenuhr. Wie ein kleines Schwnzchen wackelte es hinter dem
trgen Leib der Stunden her. Im Zimmer wurde es verschwommen ...
Basini konnte doch lngst nicht mehr schreiben ... Ah, wahrscheinlich
traut er sich nicht Licht zu machen, dachte sich Trle. Sa er
aber berhaupt noch auf seinem Platze? Trle hatte in die kahle,
dmmerige Landschaft hinausgesehen und mute sein Auge erst an das
Dunkel des Zimmers gewhnen. Doch. Dort, der unbewegliche Schatten, das
wird er wohl sein. Ach, er seufzt ja sogar -- einmal, ... zweimal ...
oder schlft er am Ende?

Ein Diener kam und zndete die Lampen an. Basini fuhr auf und rieb
sich die Augen. Dann nahm er ein Buch aus der Lade und schien lernen
zu wollen.

Trle brannte es auf den Lippen ihn anzusprechen, und um dem
vorzubeugen, verlie er hastig das Zimmer.

                   *       *       *       *       *

In der Nacht htte Trle beinahe Basini berfallen. Solch eine
mrderische Sinnlichkeit war in ihm nach der Pein des gedankenlosen,
stumpfsinnigen Tages erwacht. Zum Glck erlste ihn noch rechtzeitig
der Schlaf.

Der nchste Tag verging. Er hatte nichts als die gleiche
Unfruchtbarkeit der Stille gebracht. Das Schweigen -- die Erwartung
berreizten Trle, -- die bestndige Aufmerksamkeit verzehrte alle
geistigen Krfte, so da er zu jedem Gedanken unfhig blieb.

Zerschlagen, enttuscht, bis zu den rgsten Zweifeln mit sich
unzufrieden, legte er sich frhzeitig zu Bett.

Er lag schon lange in einem ruhelosen, erhitzten Halbschlafe, als er
Basini kommen hrte.

Ohne sich zu regen, folgte er mit den Augen der dunklen Gestalt, die
an seinem Bette vorbeischritt; er hrte das Gerusch, welches durch
das Lsen der Kleidung verursacht wurde; dann das Knistern der ber
den Krper gezogenen Decke.

Trle hielt den Atem an, dennoch vermochte er nichts mehr zu hren.
Und doch verlie ihn nicht das Gefhl, da Basini nicht schlafe,
sondern ebenso angestrengt wie er durch das Dunkel horche.

So vergingen Viertelstunden -- Stunden. Hie und da nur durch das leise
Gerusch der sich im Bette bewegenden Krper unterbrochen.

Trle befand sich in einem eigentmlichen Zustande, der ihn wach
erhielt. Gestern waren es sinnliche Bilder der Einbildungskraft
gewesen, in denen er gefiebert hatte. Erst ganz zum Schlusse hatten
sie eine Wendung zu Basini genommen, gleichsam sich unter der
unerbittlichen Hand des Schlafes, der sie verlschte, zum letzten Male
aufgebumt, und er hatte gerade daran nur eine ganz dunkle Erinnerung.
Heute aber war es von Anfang an nichts als ein triebhafter Wunsch
aufzustehen und zu Basini hinber zu gehen. Solange er das Gefhl
gehabt hatte, da Basini wache und zu ihm herber horche, war es kaum
auszuhalten gewesen; und jetzt, da dieser doch wohl schon schlief,
lag erst recht ein grausamer Kitzel darin, den Schlafenden wie eine
Beute zu berfallen.

Trle sprte schon die Bewegungen des Sichaufrichtens und aus dem
Bette Steigens in allen Muskeln zucken. Trotzdem vermochte er aber
noch nicht seine Reglosigkeit abzuschtteln.

Was soll ich denn eigentlich bei ihm? fragte er sich in seiner
Angst fast laut. Und er mute sich gestehen, da die Grausamkeit
und Sinnlichkeit in ihm gar kein rechtes Ziel hatte. Er wre in
Verlegenheit gekommen, wenn er sich wirklich auf Basini gestrzt
htte. Er wollte ihn doch nicht prgeln? Gott bewahre! Und in welcher
Weise sollte sich denn seine sinnliche Erregung an ihm befriedigen?
Er empfand unwillkrlich einen Abscheu, als er an die verschiedenen
kleinen Knabenlaster dachte. Sich vor einem anderen Menschen so
blostellen? Nie!...

In dem Mae aber, als dieser Abscheu wuchs, wurde auch der Antrieb
strker, zu Basini hinber zu gehen. Schlielich war Trle ganz
von der Unsinnigkeit eines solchen Unterfangens durchdrungen, aber
ein frmlich physischer Zwang schien ihn wie an einem Seile aus dem
Bette zu ziehen. Und whrend alle Bilder aus seinem Kopfe wichen
und er sich unaufhrlich sagte, da es jetzt wohl am besten wre,
den Schlaf zu suchen, richtete er sich mechanisch von seinem Lager
auf. Ganz langsam -- er fhlte ordentlich, wie dieser seelische Zwang
nur Schritt fr Schritt gegen die Widerstnde Boden gewann -- richtete
er sich auf. Erst einen Arm ... dann sttzte er den Oberkrper auf,
dann schob er ein Knie unter der Decke hervor ... dann ... doch
pltzlich eilte er mit bloen Fen auf den Zehen zu Basini hinber
und setzte sich auf den Rand des Bettes.

Basini schlief.

Er sah ganz so aus, als ob er angenehm trumte.

Trle war noch immer nicht Herr seiner Handlungen. Einen Augenblick
sa er still und starrte dem Schlafenden ins Gesicht. Jene kurzen,
abgerissenen, gleichsam nur den Situationsbefund konstatierenden
Gedanken zuckten durch sein Gehirn, die man hat, wenn man ein
Gleichgewicht verliert, strzt oder wenn einem ein Gegenstand aus den
Hnden gerissen wird. Und ohne Besinnen fate er Basini an der
Schulter und rttelte ihn wach.

Der Schlfer reckte sich einige Male trge, dann fuhr er auf und
blickte Trle mit schlafblden Augen an.

Trle erschrak; er war vllig verwirrt; seine Handlung kam ihm zum
ersten Male zur Besinnung, und er wute nicht, was er nun weiter tun
solle. Er schmte sich furchtbar. Sein Herz klopfte hrbar. Worte der
Erklrung, Ausreden drngten sich auf seine Zunge. Er wollte Basini
fragen, ob er keine Streichhlzchen habe, ob er ihm nicht sagen knne,
wie viel Uhr es sei...

Basini glotzte ihn noch immer ohne Verstndnis an.

Schon zog Trle, ohne ein Wort hervorgebracht zu haben, den Arm
zurck, schon glitt er von dem Bette herunter, um lautlos in das
seine zurckzuschleichen, -- da schien Basini die Situation erfat
zu haben und richtete sich mit einem Rucke auf.

Trle blieb unschlssig am Bettende stehen. Basini sah ihn noch
einmal mit einem fragenden, prfenden Blicke an, dann stieg er vollends
aus dem Bette, schlpfte in Mantel und Hausschuhe und ging mit
schlurfenden Schritten voran.

Trle wurde es mit einem Schlage klar, da dies nicht zum erstenmal
geschehe.

Im Vorbeigehen nahm er die Schlssel zur Kammer, die er unter seinem
Kopfkissen versteckt gehabt hatte, mit. -- -- -- -- -- -- -- --

Basini schritt geradenwegs zur Bodenkammer voraus. Er schien mit dem
Wege, den man ihm damals doch noch verheimlicht hatte, inzwischen
genau bekannt geworden zu sein. Er hielt die Kiste fest, als Trle
daraufstieg, er rumte die Kulissen zur Seite, umsichtig, mit diskreten
Bewegungen, wie ein geschulter Lakai.

Trle sperrte auf und sie traten ein. Er stand mit dem Rcken zu
Basini und zndete die kleine Lampe an.

Als er sich umdrehte, stand Basini nackt vor ihm.

Unwillkrlich trat er einen Schritt zurck. Der pltzliche Anblick
dieses nackten, schneeweien Krpers, hinter dem das Rot der Wnde zu
Blut wurde, blendete und bestrzte ihn. Basini war schn gebaut; an
seinem Leibe fehlte fast jede Spur mnnlicher Formen, er war von einer
keuschen, schlanken Magerkeit, wie der eines jungen Mdchens. Und
Trle fhlte das Bild dieser Nacktheit wie heie, weie Flammen in
seinen Nerven auflodern. Er konnte sich der Macht dieser Schnheit
nicht entziehen. Er hatte vorher nicht gewut, was Schnheit sei.
Denn was war ihm in seinem Alter Kunst, was kannte er schlielich
davon?! Ist sie doch bis zu einem gewissen Alter jedem in freier
Luft aufgewachsenen Menschen unverstndlich und langweilig!

Hier aber war sie auf den Wegen der Sinnlichkeit zu ihm gekommen.
Heimlich, berfallend. Ein betrender warmer Atem strmte aus der
entblten Haut, eine weiche, lsterne Schmeichelei. Und doch war
etwas daran, das zum Hndefalten feierlich und bezwingend war.

Aber nach der ersten berraschung schmte sich Trle des einen wie
des anderen. Es ist doch ein Mann! Der Gedanke emprte ihn, aber ihm
war zumute, als ob ein Mdchen nicht anders sein knnte.

Beschmt herrschte er Basini an: Was fllt dir denn ein?! Gleich wirst
du wieder..!!

Nun schien _dieser_ bestrzt; zgernd und ohne die Augen von Trle
zu lassen, nahm er den Mantel vom Boden auf.

Da, setz dich! wies Trle Basini an. Dieser gehorchte. Trle lehnte
mit hinter dem Rcken gekreuzten Hnden an der Wand.

Warum hast du dich ausgezogen? Was wolltest du von mir?

Nun ich dachte...

Zgern.

Was dachtest du?

Die anderen...

Was die anderen?

Beineberg und Reiting...

Was Beineberg und Reiting? Was taten sie? Du mut mir alles erzhlen!
Ich will es so; verstehst du? Obwohl ich es schon von den andern gehrt
habe. Trle wurde bei dieser unbeholfenen Lge rot. Basini bi sich
die Lippen.

Nun, wird's?!

Nein, verlange nicht, da ich erzhle! Bitte, verlange es nicht! Ich
will ja alles tun, was du willst. Aber la mich nicht erzhlen... O,
du hast solch eine besondere Art mich zu qulen..! Ha, Angst und
eine flehentliche Bitte kmpften in den Augen Basinis. Trle lenkte
unwillkrlich ein.

Ich will dich gar nicht qulen. Ich will dich nur zwingen, selbst die
volle Wahrheit zu sagen. Vielleicht in deinem Interesse.

Aber ich habe doch gar nichts getan, was besonderen Erzhlens wert
wre.

So? Warum aber hast du dich dann ausgezogen?

Sie verlangten es so.

Und warum hast du getan, was sie verlangten? Du bist also feig?
Erbrmlich feig?

Nein, ich bin nicht feig! Sag das nicht!

Wirst du den Mund halten! Wenn du ihre Prgel frchtest, so knnten
dir die meinen auch nicht schlecht bekommen!

Ich frchte aber gar nicht ihre Prgel.

So? Was denn?

Trle sprach wieder ruhig. Seine rohe Drohung rgerte ihn bereits.
Aber unwillkrlich war sie ihm entschlpft, lediglich weil ihm schien,
da sich Basini ihm gegenber mehr herausnehme als gegen die anderen.

Wenn du dich, wie du sagst, nicht frchtest, was ist dann mit dir?

Sie sagen, wenn ich ihnen zu Willen sei, werde mir nach einiger Zeit
alles verziehen werden.

Von ihnen beiden?

Nein, berhaupt.

Wie knnen sie das versprechen; ich bin doch auch noch da!

Hiefr werden schon sie sorgen, sagen sie!

Dies gab Trle einen Schlag. Beinebergs Worte, da Reiting
gegebenenfalls gegen ihn gerade so handeln wrde wie gegen Basini,
fielen ihm ein. Und wenn es wirklich zu einer Intrige gegen ihn kme,
wie sollte er ihr begegnen? Er war den beiden in derlei nicht
gewachsen, wie weit wrden sie es treiben knnen? Wie mit Basini?...
Alles in ihm lehnte sich gegen diesen hmischen Einfall auf.

Minuten verstrichen zwischen ihm und Basini. Er wute, da es ihm an
Wagemut und Ausdauer zu derlei Rnken gebrach; aber nur deswegen,
weil er sich zu wenig dafr interessierte, weil er nie seine ganze
Persnlichkeit im Spiele fhlte. Er hatte immer mehr dabei zu verlieren
als zu gewinnen gehabt. Kme dies aber einmal anders, so fhlte er,
da auch eine ganz andere Zhigkeit und Tapferkeit in ihm sein wrde.
Nur wissen mte man, wann es Zeit sei, alles aufs Spiel zu setzen.

Haben sie dir nheres gesagt?... wie sie sich das denken?... Das
meinetwegen?

Nheres? Nein. Sie sagten nur, da sie schon sorgen wrden.

Dennoch ... eine Gefahr lag nun da ... irgendwo im Versteck ... und
lauerte auf Trle ... jeder Schritt konnte in eine Fuangel
fallen, jede Nacht konnte die letzte vor Kmpfen sein. Eine
ungeheure Unsicherheit lag in diesem Gedanken. Das war kein lssiges
Sichtreibenlassen mehr, kein Spielen mit rtselhaften Gesichten, -- das
hatte harte Ecken und war fhlbare Wirklichkeit.

Das Gesprch fing wieder an.

Und was tun sie mit dir?

Basini schwieg.

Wenn es dir mit deiner Besserung ernst ist, mut du mir alles sagen.

Sie lassen mich auskleiden.

Ja, ja, das sah ich doch, ... und dann....

Eine kleine Weile verstrich und pltzlich sagte Basini:

Verschiedenes.

Er sagte es mit einer weibischen, buhlerischen Betonung.

Du bist also ihre ... Mai...tresse?

O nein, ich bin ihr Freund!

Wie kannst du dich unterstehen, das zu sagen!

Sie sagen es selbst.

Was?...

Ja, Reiting.

So, Reiting?

Ja, er ist sehr freundlich zu mir. Meist mu ich mich ausziehen und
ihm etwas aus Geschichtsbchern vorlesen; von Rom und seinen Kaisern,
von den Borgias, von Timur Chan ... na du weit schon, lauter solch
blutige, groe Sachen. Dann ist er sogar zrtlich gegen mich.

                   *       *       *       *       *

Nur nachher schlgt er mich meistens...

Wonach?!!...... Ach so!

Ja. Er sagt, wenn er mich nicht schlagen wrde, so mte er glauben,
ich sei ein Mann, und dann drfte er mir gegenber auch nicht so
weich und zrtlich sein. So aber sei ich seine Sache und da geniere er
sich nicht.

Und Beineberg?

O Beineberg ist hlich. Findest du nicht auch, da er aus dem Munde
riecht?

Schweig! Was ich finde, geht dich gar nichts an! Erzhle was Beineberg
mit dir tut!

Nun, auch so wie Reiting, nur .... Aber du darfst mich nicht wieder
gleich schimpfen...

Vorwrts.

Nur ... auf einem anderen Umwege. Er hlt mir erst lange Reden ber
meine Seele. Ich habe sie beschmutzt, aber gewissermaen nur den
ersten Vorhof derselben. Im Verhltnis zu dem Innersten sei dies
etwas Nichtiges und uerliches. Nur msse man es abtten; so seien
schon viele aus Sndern zu Heiligen geworden. Die Snde sei daher in
hherer Hinsicht gar nicht so schlecht; nur msse man sie ganz auf
die Spitze treiben, damit sie abbreche. Er lt mich sitzen und ein
geschliffenes Glas anstarren...

Er hypnotisiert dich?

Nein, er sagt, er msse nur alle Dinge, die an der Oberflche meiner
Seele umherschwimmen, einschlfern und kraftlos machen. Dann erst knne
er mit meiner Seele selbst verkehren.

Und wie verkehrt er denn mit ihr?

Das ist ein Experiment, das ihm noch nie gelungen ist. Er sitzt, und
ich mu mich auf die Erde legen, so da er die Fe auf meinen Leib
stellen kann. Ich mu von dem Glas recht trge und schlfrig geworden
sein. Dann auf einmal befiehlt er mir zu bellen. Er beschreibt es
mir ausfhrlich: -- leise, mehr winselnd, -- so wie ein Hund aus dem
Schlafe heraus bellt.

Wozu das?

Man wei nicht, wozu es gut ist. Er lt mich auch grunzen wie ein
Schwein und wiederholt mir in einem fort, ich habe etwas von diesem
Tiere in mir. Aber nicht als ob er mich schimpfen wollte; er wiederholt
es mir ganz leise und freundlich, um es -- wie er sagt -- fest in
meine Nerven einzudrcken. Denn er behauptet, da mglicherweise eine
meiner frheren Existenzen so gewesen sei und da man sie hervorlocken
msse, um sie unschdlich zu machen.

Und du glaubst ihm all das?

Gott bewahre; ich meine, er selbst glaubt nicht daran. Und dann ist er
doch auch zum Schlusse immer ganz anders. Wie soll ich auch solche
Dinge glauben?! Wer glaubt denn heute an eine Seele?! Und gar an eine
solche Seelenwanderung?! Da ich gefehlt habe, wei ich ganz gut;
aber ich habe immer gehofft, es wieder gut machen zu knnen. Da ist
gar kein Hokuspokus ntig. Ich zerbreche mir auch gar nicht den Kopf
darber, wieso ich meinen Fehltritt begehen konnte. So etwas kommt so
rasch, so von selbst; man merkt erst nachher, da man etwas Unkluges
getan hat. Wenn es ihm aber Vergngen macht, etwas bersinnliches
dahinter zu suchen, so soll er meinetwegen. Vorlufig mu ich ihm ja
doch zu Willen sein. Wenn er nur lieber unterlassen mchte, mich zu
stechen...

Was?

Ja, mit einer Nadel -- nun nicht heftig, nur um zu sehen, wie ich
darauf reagiere ... ob sich nicht an irgendeiner Stelle des Krpers
etwas bemerkbar mache. Aber weh tut es doch. Er behauptet nmlich,
die rzte verstnden nichts davon, ich habe mir nicht gemerkt, womit
er das beweisen will, ich erinnere mich nur, da er viel von Fakiren
spricht, die, wenn sie ihre Seele schauen, gegen krperliche Schmerzen
unempfindlich sein sollen.

Nun ja, ich kenne diese Ideen; du sagtest aber doch selbst, da dies
nicht alles sei.

Gewi nicht; ich sagte doch auch, da ich dies nur fr einen Umweg
halte. Nachher kommen jedesmal Viertelstunden, wo er schweigt, und ich
nicht wei, was in ihm vorgeht. Danach aber bricht er pltzlich los
und verlangt Dienste von mir -- wie besessen -- weit rger als Reiting.

Und du tust alles, was man von dir verlangt?

Was bleibt mir brig? Ich will wieder ein anstndiger Mensch werden
und meine Ruhe haben.

Was aber inzwischen geschehen ist, wird dir ganz gleich sein?

Ich kann mir ja nicht dagegen helfen.

Gib jetzt genau acht und beantworte meine Fragen: Wieso konntest du
stehlen?

Wieso? Schau, ich brauchte das Geld dringend; ich hatte beim Traiteur
Schulden und er wollte sich nicht mehr vertrsten lassen. Dann glaubte
ich doch bestimmt, da in jenen Tagen fr mich Geld kommen werde.
Von den Kameraden wollte mir keiner leihen: die einen hatten selbst
keins und die Sparsamen freut es ja nur, wenn einer, der nicht so ist,
gegen Monatsende in Verlegenheit kommt. Ich wollte gewi niemanden
betrgen; ich wollte es mir nur heimlich ausleihen...

Nicht so meine ich es, unterbrach Trle ungeduldig diese Erzhlung,
die Basini offenbar erleichterte, ich frage: wieso -- wie konntest
du das tun, wie fhltest du dich? Was ging in jenem Augenblick in dir
vor?

Nun ja -- gar nichts. Es war doch nur ein Augenblick, ich fhlte
nichts, ich berlegte nichts, es war einfach pltzlich geschehen.

Aber das erstemal mit Reiting? Als er zum erstenmal jene Dinge von
dir verlangte? Verstehst du...?

O unangenehm war es mir schon. Weil es so auf Befehl geschehen sollte.
Denn sonst ... denk nur, wie viele tun solche Sachen freiwillig zum
Vergngen, ohne da die anderen davon wissen. Da ist es wohl nicht so
arg.

Aber du hast es auf Befehl getan. Du hast dich erniedrigt. So wie wenn
du in den Kot kriechen wrdest, weil es ein anderer will.

Das gebe ich ja zu; aber ich mute.

Nein, du mutest nicht.

Sie htten mich geprgelt, angezeigt; alle Schande wre auf mich
gekommen.

Nun meinetwegen, lassen wir das. Ich will etwas anderes von dir
wissen. Hre, ich wei, da du viel Geld bei Bozena gelassen hast.
Du hast vor ihr aufgeschnitten, dich in die Brust geworfen, mit deiner
Mnnlichkeit geprahlt. Du willst also ein Mann sein? Nicht nur mit dem
Mund und mit ... sondern mit der ganzen Seele? Nun sieh, da verlangt
auf einmal einer von dir einen so erniedrigenden Dienst, du fhlst
im selben Augenblick, da du zu feig bist, um nein zu sagen: ging da
nicht durch dein ganzes Wesen ein Ri? Ein Schreck -- unbestimmt -- als
ob sich eben etwas Unsagbares in dir vollzogen htte?

Gott, ich verstehe dich nicht; ich wei nicht, was du willst; ich kann
dir nichts, gar nichts sagen.

So pa auf; ich werde dir jetzt befehlen, dich wieder auszukleiden.

Basini lchelte.

Dich platt da vor mir auf die Erde zu legen. Lach nicht! Ich befehle
es dir wirklich! Hrst du?! Wenn du nicht augenblicklich folgst, so
wirst du sehen, was dir bevorsteht, wenn Reiting zurckkommt! So.
Siehst du, jetzt liegst du nackt vor mir auf der Erde. Du zitterst
sogar; es friert dich? Ich knnte jetzt auf deinen nackten Leib
speien, wenn ich wollte. Drcke nur den Kopf fest auf die Erde; sieht
der Staub am Boden nicht merkwrdig aus? Wie eine Landschaft voll
Wolken und Felsblcken so gro wie Huser? Ich knnte dich mit Nadeln
stechen. Da in der Nische, bei der Lampe liegen noch welche. Fhlst
du sie schon auf der Haut?... Aber ich will nicht ... Ich knnte dich
bellen lassen, wie es Beineberg getan hat, den Staub auffressen lassen
wie ein Schwein, ich knnte dich Bewegungen machen lassen -- du weit
schon -- und du mtest dazu seufzen: O meine liebe Mut... Doch
Trle hielt jh in dieser Lsterung inne. Aber ich will nicht,
will nicht, verstehst du?!

Basini weinte. Du qulst mich...

Ja, ich qule dich. Aber nicht darum ist es mir; ich will nur eines
wissen: Wenn ich all das wie Messer in dich hineinstoe, was ist in
dir? Was vollzieht sich in dir? Zerspringt etwas in dir? Sag! Jh
wie ein Glas, das pltzlich in tausend Splitter geht, bevor sich
noch ein Sprung gezeigt hat? Das Bild, das du dir von dir gemacht hast,
verlscht es nicht mit einem Hauche; springt nicht ein anderes an seine
Stelle, wie die Bilder der Zauberlaternen aus dem Dunkel springen?
Verstehst du mich denn gar nicht? Nher erklren kann ich's dir nicht;
du mut mir selbst sagen!...

Basini weinte ohne aufzuhren. Seine mdchenhaften Schultern zuckten;
er brachte immer nur dasselbe hervor. Ich wei nicht, was du willst;
ich kann dir nichts erklren; es geschieht im Augenblicke; es kann dann
gar nicht anders geschehen; du wrdest ebenso handeln wie ich.

Trle schwieg. Er blieb erschpft, reglos an der Wand lehnen und
starrte vor sich hin, geradeaus ins Leere.

Wenn du in meiner Situation wrest, wrdest du geradeso handeln,
hatte Basini gesagt. Da war das Geschehene als eine einfache
Notwendigkeit, ruhig und ohne Verzerrung.

Trle' Selbstbewutsein lehnte sich in heller Verachtung selbst
gegen die bloe Zumutung auf. Und doch schien ihm diese Auflehnung
seines ganzen Wesens keine befriedigende Gewhr zu bieten. ...ja,
ich wrde mehr Charakter haben als er, ich wrde solche Zumutungen
nicht ertragen -- aber ist dies auch von Belang? Ist es von Belang,
da ich aus Festigkeit, aus Anstndigkeit, aus lauter Grnden, die
mir jetzt ganz nebenschlich sind, anders handeln wrde? Nein, nicht
daran liegt's, wie ich handeln wrde, sondern daran, da ich, wenn ich
einmal wirklich so handelte wie Basini, ebensowenig Auergewhnliches
dabei empfinden wrde wie er. Dies ist das eigentliche: Mein Gefhl
meiner selbst wrde genau so einfach und von allem Fragwrdigen
entfernt sein wie das seine...

Dieser Gedanke, welcher -- in abgerissenen, bereinander greifenden,
immer wieder von vorne anfangenden Stzen gedacht -- der Verachtung
fr Basini einen ganz intimen, leisen, aber weit tiefer als Moral
an das innerste Gleichgewicht rhrenden Schmerz hinzufgte, kam von
der Erinnerung an eine kurz vorher gehabte Empfindung, die Trle
nicht loslie. Als ihm nmlich durch Basini die mglicherweise von
Reiting und Beineberg drohende Gefahr zur Kenntnis kam, war er einfach
erschrocken. Einfach erschrocken, wie bei einem berfall, und hatte
ohne berlegen blitzschnell nach Paraden und Deckungen gesucht. Das
war nun im Augenblicke einer wirklichen Gefahr gewesen; und die
Empfindung, die er dabei gehabt hatte, reizte ihn. Diese raschen,
gedankenlosen Impulse. Er versuchte ganz vergebens sie wieder in
sich auszulsen. Aber er wute, da sie der Gefahr augenblicks alles
Sonderbare und Zweideutige benommen hatten.

Und doch war es dieselbe Gefahr gewesen, die er vor einigen Wochen
erst an derselben Stelle geahnt hatte. Damals, als er so eigens wegen
der Kammer erschrocken war, die wie ein vergessenes Mittelalter abseits
von dem warmen und hellen Leben der Lehrsle lag, ber Beineberg und
Reiting, weil sie aus den Menschen, die sie dort waren, pltzlich etwas
anderes, Dsteres, Blutgieriges, Personen in einem ganz anderen Leben
geworden zu sein schienen. Damals war dies eine Verwandlung, ein
Sprung fr Trle, als ob das Bild seiner Umgebung pltzlich in andere,
aus hundertjhrigem Schlafe erwachte Augen fiele.

Und doch war es dieselbe Gefahr gewesen ... Unaufhrlich wiederholte
er sich dies. Und immer wieder versuchte er die Erinnerungen der beiden
verschiedenen Empfindungen miteinander zu vergleichen.................

Basini hatte sich mittlerweile lngst aufgerichtet; er bemerkte den
stieren, geistesabwesenden Blick seines Gefhrten, leise nahm er seine
Kleider auf und schlich sich davon.

Trle sah es -- wie durch einen Nebel hindurch -- aber er lie es
wortlos geschehen.

Seine Aufmerksamkeit war ganz durch das Bestreben gefesselt, jenen
Punkt in ihm wieder aufzufinden, wo pltzlich jener Wechsel in der
innerlichen Perspektive stattgefunden hatte.

Aber so oft er in dessen Nhe kam, erging es ihm wie einem, der Nahes
mit Fernem vergleichen will: er erhaschte nie die Erinnerungsbilder
beider Gefhle zugleich, sondern jedesmal ging wie ein leiser
Knacks zwischendurch ein Gefhl, wie es im Krperlichen etwa den
kaum merkbaren Muskelempfindungen entspricht, die das Einstellen
des Blickes begleiten. Und jedesmal beanspruchte dies gerade im
entscheidenden Momente die Aufmerksamkeit fr sich, die Ttigkeit
des Vergleiches drngte sich vor den Gegenstand des Vergleiches, es
gab einen kaum fhlbaren Ruck -- und alles stand still.

Und immer wieder begann Trle von neuem.

Dieser Proze von mechanischer Gleichmigkeit schlferte ihn in einen
starren, wachen, eiskalten Schlaf, der ihn reglos an seinem Platze
festhielt. Unbestimmt lange.

Erst ein Gedanke weckte Trle auf wie die leise Berhrung einer warmen
Hand. Ein anscheinend so selbstverstndlicher Gedanke, da sich Trle
wunderte, nicht schon lngst darauf verfallen zu sein.

Ein Gedanke, der gar nichts tat, als die eben gemachte Erfahrung
registrieren: es kommt immer einfach, unverzerrt, in natrlichen,
alltglichen Proportionen, was von ferne so gro und geheimnisvoll
aussieht. So als ob eine unsichtbare Grenze um den Menschen gezogen
wre. Was sich auerhalb vorbereitet und von ferne herannaht, ist wie
ein nebliges Meer voll riesenhafter, wechselnder Gestalten; was an
ihn herantritt, Handlung wird, an seinem Leben sich stt, ist klar
und klein, von menschlichen Dimensionen und menschlichen Linien. Und
zwischen dem Leben, das man lebt, und dem Leben, das man fhlt, ahnt,
von ferne sieht, liegt wie ein enges Tor die unsichtbare Grenze, in dem
sich die Bilder der Ereignisse zusammendrcken mssen, um in den
Menschen einzugehen.

                   *       *       *       *       *

Und doch, so sehr dies seiner Erfahrung entsprach, beugte Trle
nachdenklich den Kopf.

Ein sonderbarer Gedanke -- -- -- -- fhlte er.

                   *       *       *       *       *

Endlich lag er in seinem Bett. Er dachte an gar nichts mehr, denn
das Denken fiel so schwer und war so fruchtlos. Was er ber die
Heimlichkeiten seiner Freunde erfahren hatte, zog ihm zwar durch
den Sinn, aber so gleichgltig und leblos wie eine Nachricht, die
man in einer fremden Zeitung liest.

Von Basini war nichts mehr zu hoffen. Freilich, sein Problem! -- Aber
es war so fraglich und er so mde und so zerschlagen. Eine Tuschung
vielleicht -- das Ganze.

Nur der Anblick Basinis, seiner nackten, leuchtenden Haut, duftete wie
ein Fliederstrauch in das Dmmern der Empfindungen, das dem Schlafe
vorausging. Sogar aller moralische Abscheu verlor sich. Schlielich
schlief Trle ein.

                   *       *       *       *       *

Kein Traum zog durch seine Ruhe. Aber eine unendlich angenehme Wrme
breitete weiche Teppiche unter seinen Leib. Schlielich wachte er
darber auf. Und beinahe htte er einen Schrei ausgestoen. An seinem
Bette sa Basini! Und mit rasender Behendigkeit lste dieser im
nchsten Augenblicke das Hemd von seinem Leibe, schmiegte sich unter
die Decke und prete seinen nackten, zitternden Leib an Trle an.

Kaum hatte sich Trle in diesem berfalle zurechtgefunden, als er
Basini von sich stie.

Was fllt dir denn ein...?!

Doch Basini bettelte. O, sei nicht wieder so! So wie du ist keiner.
Sie verachten mich nicht so wie du; sie tun dies nur scheinbar, damit
sie dann desto anders sein knnen. Aber du? Gerade du...?!... Du bist
sogar jnger als ich, wenn du auch strker bist; ... wir sind beide
jnger als die anderen; ... du bist nicht so roh und prahlerisch wie
sie; ... du bist sanft; ... ich liebe dich...!

Was -- was sagst du? Was soll ich mit dir? Geh -- so geh doch weg!
Und Trle stemmte geqult seinen Arm gegen Basinis Schulter. Aber die
heie Nhe der weichen, fremden Haut verfolgte ihn und umschlo ihn
und erstickte ihn. Und in einem fort flsterte Basini .. Doch .. doch
.. bitte .. o, es wre mir ein Genu, dir zu dienen.

                   *       *       *       *       *

Trle fand keine Antwort. Whrend Basini sprach, whrend der Sekunden
des Zweifelns und berlegens, war es wieder wie ein tief grnes Meer
ber seine Sinne gesunken. Nur Basinis bewegliche Worte leuchteten
darinnen auf wie das Blinken silberner Fischchen.

Noch immer hielt er seine Arme gegen Basinis Krper gestemmt. Aber
auf ihnen lag es wie eine feuchte, schwere Wrme; ihre Muskeln
erschlafften; er verga ihrer ... Nur wenn ihn ein neues der zuckenden
Worte traf, wachte er auf, weil er pltzlich fhlte -- wie etwas
schrecklich Unfabares -- da eben -- wie im Traum -- seine Hnde
Basini nher gezogen hatten.

Dann wollte er sich aufrtteln, sich zuschreien: Basini betrgt dich;
er will dich nur zu sich hinabziehen, damit du ihn nicht mehr verachten
kannst. Aber der Schrei erstickte; kein Laut lebte in dem weiten
Hause; in allen Gngen schienen die dunklen Fluten des Schweigens
unbeweglich zu schlafen.

Er wollte zu sich selbst zurckfinden: aber wie schwarze Wchter lagen
sie vor allen Toren.

Da suchte Trle kein Wort mehr. Die Sinnlichkeit, die sich nach und
nach aus den einzelnen Augenblicken der Verzweiflung in ihn gestohlen
hatte, war jetzt zu ihrer vollen Gre erwacht. Sie lag nackt neben
ihm und deckte ihm mit ihrem weichen schwarzen Mantel das Haupt zu.
Und sie raunte ihm se Worte der Resignation ins Ohr und schob mit
ihren warmen Fingern alle Fragen und Aufgaben als vergebens weg. Und
sie flsterte: in der Einsamkeit ist alles erlaubt.

Nur in dem Augenblicke, als es ihn fortri, wachte er sekundenlang
auf und klammerte sich verzweifelt an den einen Gedanken: Das bin
nicht ich!... nicht ich!... Morgen erst wieder werde ich es sein!...
Morgen...

                   *       *       *       *       *

Dienstag abends kehrten die ersten Zglinge zurck. Ein anderer Teil
kam erst mit den Nachtzgen. Es war eine bestndige Unruhe im Hause.

Trle empfing seine Freunde unwirsch und verdrossen; er hatte
nicht vergessen. Und dann brachten sie auch etwas so Frisches und
Weltmnnisches von auen mit. Das beschmte ihn, der jetzt die
drckende Luft enger Stuben liebte.

Er schmte sich jetzt berhaupt hufig. Aber nicht eigentlich deswegen,
wozu er sich hatte verfhren lassen, -- denn dies ist in Instituten
nichts so Seltenes, -- als weil er sich nun tatschlich einer Art
Zrtlichkeit fr Basini nicht erwehren konnte und andererseits
eindringlicher denn je empfand, wie verachtet und erniedrigt dieser
Mensch war.

Er hatte des fteren heimliche Zusammenknfte mit ihm. Er fhrte ihn in
alle Verstecke, die er durch Beineberg kannte, und da er selbst auf
solchen Schleichwegen nicht geschickt war, fand sich Basini bald besser
zurecht als er und wurde zum Fhrer.

Des Nachts aber lie ihn eine Eifersucht, mit der er Beineberg und
Reiting bewachte, nicht zur Ruhe kommen.

Die beiden hielten sich jedoch von Basini zurck. Vielleicht langweilte
er sie bereits. Jedenfalls schien mit ihnen eine Vernderung vor sich
gegangen zu sein. Beineberg war finster und verschlossen; wenn er
sprach, so handelte es sich um geheimnisvolle Andeutungen von etwas
Bevorstehendem. Reiting hatte sein Interesse scheinbar wieder anderen
Dingen zugewandt; er flocht mit gewohnter Geschicklichkeit das Netz zu
irgendeiner Intrige, indem er die einen durch kleine Geflligkeiten
zu gewinnen suchte und die anderen dadurch schreckte, da er sich
durch heimliche List zum Mitwisser ihrer Geheimnisse machte.

Wenn sie zu dritt beisammen waren, drangen die beiden darauf, da
Basini nchstens wieder in die Kammer oder auf den Boden befohlen werde.

Trle suchte es durch allerhand Ausflchte hinauszuschieben, litt
dabei aber bestndig unter dieser heimlichen Anteilnahme.

Vor wenigen Wochen noch htte er einen solchen Zustand berhaupt nicht
verstanden, denn schon von den Eltern her war er krftig, gesund und
natrlich.

Aber man darf auch wirklich nicht glauben, da Basini in Trle ein
richtiges und -- wenn auch noch so flchtig und verirrt -- wirkliches
Begehren erregte. Es war allerdings etwas wie Leidenschaft in Trle
erwacht, aber Liebe war ganz gewi nur ein zuflliger, beilufiger
Name dafr, und der Mensch Basini nicht mehr als ein stellvertretendes
und vorlufiges Ziel dieses Verlangens. Denn wenn sich Trle auch
mit ihm gemein machte, sein Begehren sttigte sich niemals an ihm,
sondern wuchs zu einem neuen, ziellosen Hunger ber Basini hinaus.

                   *       *       *       *       *

Vorerst war es berhaupt nur die Nacktheit des schlanken Knabenkrpers
gewesen, die ihn geblendet hatte.

Der Eindruck war nicht anders, als wre er den nur schnen, von
allem Geschlechtlichen noch fernen Formen eines ganz jungen Mdchens
gegenber gestanden. Eine berwltigung. Ein Staunen. Und die Reinheit,
die unwillkrlich von diesem Zustande ausging, war es, die den Schein
einer Neigung, -- dieses neue wunderbar unruhige Gefhl in sein
Verhltnis zu Basini trug. Alles andere aber hatte damit wenig zu
tun. Dieses brige des Begehrens war schon lngst, -- war schon bei
Bozena und noch viel frher dagewesen. Es war die heimliche, ziellose,
auf niemanden bezogene, melancholische Sinnlichkeit des Heranreifenden,
welche wie die feuchte, schwarze, keimtragende Erde im Frhjahr ist und
wie dunkle unterirdische Gewsser, die nur eines zuflligen Anlasses
bedrfen, um durch ihre Mauern zu brechen.

Der Auftritt, den Trle erlebt hatte, war zu diesem Anlasse geworden.
Durch eine berraschung, ein Miverstndnis, ein Verkennen des
Eindruckes wurden die verschwiegenen Verstecke, in denen sich alles
Heimliche, Verbotene, Schwle, Ungewisse und Einsame von Trle'
Seele gesammelt hatte, aufgestoen und diesen dunklen Regungen die
Richtung gegen Basini erteilt. Denn da stieen sie mit einem Male
auf etwas, das warm war, atmete, duftete, Fleisch war, an dem diese
unbestimmt schweifenden Trume Gestalt gewannen und Teil seiner
Schnheit, statt der tzenden Hlichkeit, mit der sie Bozena in der
Einsamkeit gestupt hatte. Das ri ihnen mit einem Schlage ein Tor
zum Leben auf und in dem entstehenden Zwielicht mengte sich alles,
Wnsche und Wirklichkeit, ausschweifende Phantasien und Eindrcke,
die noch die warmen Spuren des Lebens trugen, Empfindungen, die von
auen einfielen und Flammen, die ihnen von innen entgegenloderten
und sie bis zur Unkenntlichkeit einhllten.

Aber dies alles war fr Trle selbst nicht mehr unterscheidbar und war
fr ihn in einem einzigen, unklaren, ungegliederten Gefhl vereint,
das er in der ersten berraschung wohl fr Liebe nehmen mochte.

                   *       *       *       *       *

Bald aber lernte er es richtiger schtzen. Eine Unruhe trieb ihn
von da an rastlos umher. Er legte jedes Ding, das er berhrte, kaum
ergriffen wieder weg. Er konnte kein Gesprch mit Kameraden fhren,
ohne grundlos zu verstummen oder zerstreut mehrmals den Gegenstand zu
wechseln. Es kam auch vor, da ihn mitten im Sprechen eine Welle der
Scham berflutete, so da er rot wurde, zu stottern begann, sich
abwenden mute...

Er mied untertags Basini. Konnte er es nicht vermeiden ihn anzusehen,
so packte ihn fast immer eine Ernchterung. Jede Bewegung Basinis
erfllte ihn mit Ekel, die ungewissen Schatten seiner Illusionen
machten einer kalten, stumpfen Helle Platz, seine Seele schien
zusammenzuschrumpfen, bis nichts mehr brig blieb als die Erinnerung an
ein frheres Begehren, das ihm unsagbar unverstndig und widerwrtig
vorkam. Er stie seinen Fu gegen die Erde und krmmte seinen Leib
zusammen, nur um sich dieser schmerzhaften Scham zu entwinden.

Er fragte sich, was die anderen zu ihm sagen wrden, wenn sie sein
Geheimnis wten, seine Eltern, seine Lehrer?

Mit dieser letzten Verwundung brachen seine Qualen aber regelmig
ab. Eine khle Mdigkeit bemchtigte sich seiner; die heie und
erschlaffte Haut seines Krpers spannte sich in einem wohligen Frsteln
wieder an. Er lie dann still alle Menschen an sich vorbei. Aber eine
gewisse Miachtung erfllte ihn gegen alle. Im geheimen verdchtigte er
jeden, mit dem er sprach, der rgsten Dinge.

Und berdies glaubte er, bei ihnen die Scham zu vermissen. Er glaubte
nicht, da sie so litten, wie er es von sich wute. Die Dornenkrone
seiner Gewissensbisse schien ihnen zu fehlen.

Er aber fhlte sich wie ein aus einer tiefen Agonie Erwachter. Wie ein
von den verschwiegenen Hnden der Auflsung Gestreifter. Wie einer,
der die stille Weisheit einer langen Krankheit nicht vergessen kann.

In diesem Zustande fhlte er sich glcklich und die Augenblicke kamen
immer wieder, wo er sich nach ihm sehnte.

Sie begannen damit, da er Basini wieder gleichgltig ansehen konnte
und das Abscheuliche und Gemeine mit einem Lcheln aushielt. Dann
wute er, da er sich erniedrigen werde, aber er unterschob dem einen
neuen Sinn. Je hlicher und unwrdiger das war, was ihm Basini bot,
desto grer war der Gegensatz zu dem Gefhl einer leidenden Feinheit,
das sich nachher einzustellen pflegte.

Trle zog sich in irgendeinen Winkel zurck, von dem aus er beobachten
konnte, ohne selbst gesehen zu werden. Wenn er die Augen schlo, so
stieg ein ungewisses Drngen in ihm auf, und wenn er die Augen
ffnete, fand er nichts, was er damit htte vergleichen knnen.
Und dann wuchs _pltzlich_ der Gedanke an Basini und ri alles an
sich. Bald verlor er dabei alles Bestimmte. Er schien nicht mehr
Trle anzugehren und schien sich nicht mehr auf Basini zu beziehen.
Er war ganz von Gefhlen umrauscht, wie von lsternen Frauen in
hochgeschlossenen Gewndern unter vorgebundenen Masken.

Trle kannte kein einziges beim Namen, er wute von keinem, was es
barg; aber gerade darin lag die berauschende Verlockung. Er kannte
sich selbst nicht mehr; und gerade daraus wuchs seine Lust zu wilder,
verachtender Ausschweifung, wie wenn bei einem galanten Feste pltzlich
die Lichter verlschen und niemand mehr wei, wen er zur Erde zieht
und mit Kssen bedeckt.

                   *       *       *       *       *

Trle wurde spter, nachdem er die Ereignisse seiner Jugend
berwunden hatte, ein junger Mann von sehr feinem und empfindsamem
Geiste. Er zhlte dann zu jenen sthetisch intellektuellen Naturen,
welchen die Beobachtung der Gesetze und wohl auch teilweise der
ffentlichen Moral eine Beruhigung gewhrt, weil sie dadurch enthoben
sind, ber etwas Grobes, von dem feineren seelischen Geschehen
Weitabliegendes nachdenken zu mssen, die aber eine gelangweilte
Unempfindlichkeit mit dieser groen ueren, ein wenig ironischen
Korrektheit verbinden, sobald man ein persnlicheres Interesse fr
deren Gegenstnde von ihnen verlangt. Denn dieses wirklich sie selbst
ergreifende Interesse sammelt sich bei ihnen einzig auf das Wachstum
der Seele, des Geistes, oder wie immer man das benennen mag, was hie
und da durch einen Gedanken zwischen den Worten eines Buches oder vor
den verschlossenen Lippen eines Bildes in uns gemehrt wird; was
manchmal erwacht, wenn irgendeine einsame, eigenwillige Melodie von
uns fortgeht und -- ins Ferne schreitend -- mit fremden Bewegungen
an dem dnnen, roten Faden zerrt, unseres Blutes, den sie hinter sich
herzieht; das aber immer verschwunden ist, wenn wir Akten schreiben,
Maschinen bauen, in den Zirkus gehen, oder den hundert anderen
hnlichen Beschftigungen folgen.--

Diesen Menschen sind also die Gegenstnde, welche nur ihre moralische
Korrektheit herausfordern, hchst gleichgltig. Trle bereute daher
auch nie in seinem spteren Leben das damals Geschehene. Seine
Bedrfnisse waren so einseitig schngeistig zugeschrft, da es, wenn
man ihm etwa eine ganz hnliche Geschichte von den Ausschweifungen
eines Wstlings erzhlt htte, gewi vllig auerhalb seines
Gesichtskreises gelegen wre, seine Entrstung gegen das Geschehene
zu richten. Er htte einen solchen Menschen gewissermaen nicht
deswegen verachtet, weil er ein Wstling, sondern weil er nichts
Besseres ist; nicht wegen seiner Ausschweifungen, sondern wegen des
Seelenzustandes, der ihn diese begehen lt; weil er dumm ist, oder
weil seinem Verstande die seelischen Gegengewichte fehlen...: immer
also nur wegen des traurigen, beraubten, entkrfteten Anblicks, den er
bietet. Und er htte ihn gleicherweise verachtet, ob nun sein Laster
in geschlechtlichen Ausschweifungen oder in zwanghaft entartetem
Zigarettenrauchen oder Alkoholgenu bestnde.

Und wie allen dermaen auf die Steigerung ausschlielich ihrer
Geistigkeit konzentrierten Menschen bedeutete auch ihm das bloe
Vorhandensein schwler und exzessiver Regungen noch wenig. Er liebte es
damit zu rechnen, da die Fhigkeit zu genieen, die knstlerischen
Talente, das ganze verfeinerte Seelenleben ein Zierat sei, an dem man
sich leicht verletze. Er betrachtete es als etwas Unumgngliches,
da ein Mensch von reichem und beweglichem Innenleben Augenblicke habe,
um die andere nicht wissen drfen, und Erinnerungen, die er in
geheimen Fchern verwahrt. Und er verlangte von ihm nur, da er
nachtrglich sich ihrer mit Feinheit zu bedienen verstehe.

So da, als er einmal von jemandem, dem er die Geschichte seiner
Jugend erzhlt hatte, gefragt wurde, ob diese Erinnerung nicht doch
manchmal beschmend sei, er lchelnd folgende Antwort gab: Ich leugne
ganz gewi nicht, da es sich hier um eine Erniedrigung handelte.
Warum auch nicht? Sie verging. Aber etwas von ihr blieb fr immer
zurck: jene kleine Menge Giftes, die ntig ist, um der Seele die allzu
sichere und beruhigte Gesundheit zu nehmen und ihr dafr eine feinere,
zugeschrfte, verstehende zu geben.

Wollten Sie brigens die Stunden der Erniedrigung zhlen, die
berhaupt von jeder groen Leidenschaft der Seele eingebrannt
werden? Denken Sie nur an die Stunden der absichtlichen Demtigung in
der Liebe! Diese entrckten Stunden, zu denen sich Liebende ber
gewisse tiefe Brunnen neigen oder einander das Ohr ans Herz legen,
ob sie nicht drinnen die Krallen der groen, unruhigen Katzen
ungeduldig an den Kerkerwnden hren? Nur um sich zittern zu fhlen!
Nur um ber ihr Alleinsein oberhalb dieser dunklen, brandmarkenden
Tiefen zu erschrecken! Nur um jh -- in der Angst der Einsamkeit
mit diesen dsteren Krften -- sich ganz ineinander zu flchten!

Sehen Sie doch nur jungen Ehepaaren in die Augen. Du glaubst...?
steht darin, aber du ahnst ja gar nicht, wie tief wir versinken knnen!
-- In diesen Augen liegt ein heiterer Spott gegen den, der von so
vielem nichts wei, und der zrtliche Stolz derer, die miteinander
durch alle Hllen gegangen sind.

Und wie diese Liebenden miteinander, so bin ich damals mit mir selbst
durch all dies hindurchgegangen.

                   *       *       *       *       *

Dennoch, wenn Trle auch spter so urteilte, damals, als er sich in
dem Sturme einsamer, begehrlicher Empfindungen befand, war diese des
guten Endes berzeugte Zuversicht durchaus nicht immer in ihm. Von
den Rtseln, die ihn erst vor kurzem geqult hatten, war noch eine
unbestimmte Nachwirkung geblieben, die wie ein dunkler ferner Ton am
Grunde seiner Erlebnisse klang. Gerade daran mochte er jetzt nicht
denken.

Aber zeitweilig mute er es. Und dann befiel ihn tiefste
Hoffnungslosigkeit, und eine ganz andere, eine mde, zukunftslose
Beschmung konnte ihn bei diesen Erinnerungen ergreifen.

Trotzdem vermochte er aber auch ber diese nicht sich Rechenschaft zu
geben.

Dies bewirkten die besonderen Verhltnisse im Institute. Dort, wo die
jungen aufdrngenden Krfte hinter grauen Mauern festgehalten wurden,
stauten sie die Phantasie voll wahllos wohllstiger Bilder, die manchem
die Besinnung raubten.

Ein gewisser Grad von Ausschweifung galt sogar als mnnlich, als
verwegen, als khnes Inbesitznehmen vorenthaltener Vergngungen.
Zumal wenn man sich mit der ehrbar verkmmerten Erscheinung der
meisten Lehrer verglich. Denn dann gewann das Mahnwort Moral einen
lcherlichen Zusammenhang mit schmalen Schultern, mit spitzen Buchen
auf dnnen Beinen und Augen, die hinter ihren Brillen harmlos wie
Schfchen weideten, als sei das Leben nichts als ein Feld voll Blumen
ernster Erbaulichkeit.

Im Institute endlich hatte man noch keine Kenntnis vom Leben und keine
Ahnung von allen jenen Abstufungen von Gemeinheit und Wstheit bis zu
Krankheit und Lcherlichkeit, die den Erwachsenen in erster Linie mit
Widerwillen erfllen, wenn er von solchen Dingen hrt.

Alle diese Hemmnisse, deren Wirksamkeit wir gar nicht abzuschtzen
vermgen, fehlten ihm. Er war frmlich naiv in seine Vergehen
hineingeraten.

Denn auch die ethische Widerstandskraft, dieses empfindliche
Fhlvermgen des Geistes, das er spter so hoch schtzte, fehlte
damals noch. Aber doch kndigte es sich schon an. Trle irrte, er
sah erst die Schatten, die etwas noch Unerkanntes in ihm in sein
Bewutsein warf, und er hielt sie flschlich fr Wirklichkeit: aber
er hatte eine Aufgabe an sich selbst zu erfllen, eine Aufgabe der
Seele -- wenn er ihr auch noch nicht gewachsen war.

Er wute nur, da er etwas noch Undeutlichem auf einem Wege gefolgt
war, der tief in sein Inneres fhrte; und er war dabei ermdet. Er
hatte sich gewhnt, auf auerordentliche, verborgene Entdeckungen zu
hoffen, und war dabei in die engen, winkligen Gemcher der Sinnlichkeit
gelangt. Nicht aus Perversitt, sondern infolge einer augenblicklich
ziellosen geistigen Situation.

Und gerade diese Untreue gegen etwas Ernstes, Erstrebtes in sich
erfllte ihn mit einem unklaren Bewutsein von Schuld; ein
unbestimmter, versteckter Ekel verlie ihn niemals ganz und eine
ungewisse Angst verfolgte ihn, wie einen, der im Dunkel nicht mehr
wei, ob er noch seinen Weg unter den Fen hat oder wo er ihn verlor.

Er bemhte sich dann berhaupt nichts zu denken. Stumm und betubt und
aller frheren Fragen vergessend, lebte er dahin. Der feine Genu an
seinen Demtigungen wurde immer seltener.

Noch lie er ihn nicht, aber doch setzte Trle am Ende dieser Zeit
keinen Widerstand mehr entgegen, als ber Basinis Schicksal weiter
beschlossen wurde.

                   *       *       *       *       *

Dies geschah einige Tage spter, als sie zu dritt in der Kammer
beisammen waren. Beineberg war sehr ernst.

Reiting fing zu sprechen an: Beineberg und ich glauben, da es auf
die bisherige Weise mit Basini nicht mehr weiter geht. Er hat sich mit
dem Gehorsam, den er uns schuldet, abgefunden und leidet nicht mehr
darunter; er ist von einer frechen Vertraulichkeit wie ein Bedienter.
Es ist also an der Zeit, mit ihm einen Schritt weiter zu gehen. Bist
du einverstanden?

Ich wei doch noch gar nicht, was ihr mit ihm tun wollt.

Das ist auch schwer zurecht gelegt. Wir mssen ihn noch weiter
demtigen und herunterdrcken. Ich mchte sehen, wie weit das geht.
Auf welche Weise, ist freilich eine andere Frage. Ich habe allerdings
auch hierber einige nette Einflle. Wir knnten ihn zum Beispiel
durchpeitschen und er mte Dankpsalmen dazu singen; den Ausdruck
dieses Gesanges anzuhren wre nicht bel -- jeder Ton gewissermaen
von einer Gnsehaut berlaufen. Wir knnten ihn die unsaubersten
Sachen apportieren lassen. Wir knnten ihn zu Bozena mitnehmen,
dort die Briefe seiner Mutter vorlesen lassen, und Bozena mchte schon
den ntigen Spa dazu liefern. Doch das alles luft uns nicht davon.
Wir knnen es uns ruhig ausdenken, ausfeilen und Neues dazufinden.
Ohne die entsprechenden Details ist es vorderhand noch langweilig.
Vielleicht liefern wir ihn berhaupt der Klasse aus. Das wre das
gescheiteste. Wenn von so vielen jeder nur ein wenig beisteuert,
so gengt es, um ihn in Stcke zu zerreien. berhaupt habe ich diese
Massenbewegungen gern. Keiner will Besonderes dazu tun, und doch gehen
die Wellen immer hher, bis sie ber allen Kpfen zusammenschlagen.
Ihr werdet sehen, keiner wird sich rhren, und es wird doch einen
Riesensturm geben. So etwas in Szene zu setzen, ist fr mich ein
auerordentliches Vergngen.

Was wollt ihr aber zunchst tun?

Wie gesagt, ich mchte mir das fr spter aufsparen, vorderhand wrde
es mir gengen, ihn soweit zu bringen -- durch Drohungen oder Prgel
-- da er wieder zu allem ja sagt.

Wozu? entfuhr es Trle. Sie sahen sich fest in die Augen.

Ach verstell dich nicht; ich wei sehr wohl, da du davon unterrichtet
bist. Trle schwieg. Hatte Reiting etwas erfahren?... Klopfte er nur
auf den Strauch?

...Doch noch von damals her; Beineberg hat dir doch gesagt, wozu
sich Basini hergibt.

Trle atmete erleichtert auf.

Na, mach nur nicht so erstaunte Augen. Damals hast du sie auch so
aufgerissen, und es handelt sich doch um nichts gar so Arges. brigens
hat mir Beineberg gestanden, da er dasselbe mit Basini tut. Dabei
blickte Reiting mit einer ironischen Grimasse zu Beineberg hinber.
Das war so seine Art, einem anderen ganz ffentlich und ungeniert ein
Bein zu stellen.

Aber Beineberg erwiderte nichts; er blieb in seiner nachdenklichen
Stellung sitzen und schlug kaum die Augen auf.

Na, mchtest du nicht mit deiner Sache herausrcken?! Er hat nmlich
eine verrckte Idee mit Basini vor und will sie durchaus ausfhren,
ehe wir anderes unternehmen. Aber sie ist ganz amsant.

Beineberg blieb ernst; er sah Trle mit einem nachdrcklichen Blicke
an und sagte: Erinnerst du dich, was wir damals hinter den Mnteln
sprachen?

Ja.

Ich bin niemals mehr darauf zu sprechen gekommen, denn das bloe Reden
hat ja doch keinen Zweck. Aber ich habe darber nachgedacht -- du
kannst mir glauben -- oft. Auch das, was Reiting dir eben gesagt hat,
ist wahr. Ich habe dasselbe mit Basini getan wie er. Vielleicht noch
einiges mehr. Deswegen, weil ich, wie ich schon damals sagte, des
Glaubens war, da die Sinnlichkeit vielleicht das richtige Tor sein
knnte. Das war so ein Versuch. Ich wute keinen anderen Weg zu dem,
was ich suchte. Aber dieses Planlose hat keinen Sinn. Darber habe ich
nachgedacht -- nchtelang nachgedacht -- wie man etwas Systematisches
an seine Stelle setzen knnte.

Jetzt glaube ich es gefunden zu haben und wir werden den Versuch
machen. Jetzt wirst du auch sehen, wie sehr du damals im Unrecht
warst. Alles ist unsicher, was von der Welt behauptet wird, alles geht
anders zu. Das lernten wir damals gewissermaen nur von der Kehrseite
kennen, indem wir Punkte aussuchten, bei denen diese ganze natrliche
Erklrung ber die eigenen Fe stolpert, jetzt hoffe ich aber das
Positive zeigen zu knnen -- das andere!

Reiting verteilte die Teeschalen; dabei stie er vergngt Trle an.
Gib gut acht. -- Das ist sehr fesch, was er sich ausgetiftelt hat.

Beineberg aber drehte mit einer raschen Bewegung die Lampe aus. In dem
Dunkel warf nur die Spiritusflamme des Kochers unruhige, bluliche
Lichter auf die drei Kpfe.

Ich lschte die Lampe aus, Trle, weil es sich so von solchen Dingen
besser spricht. Und du, Reiting, kannst meinethalben schlafen, wenn
du zu dumm bist, um Tieferes zu begreifen.

Reiting lachte belustigt.

Du erinnerst dich also noch an unser Gesprch. Du selbst hattest
damals jene kleine Sonderbarkeit in der Mathematik heraus gefunden.
Dieses Beispiel, da unser Denken keinen gleichmig festen, sicheren
Boden hat, sondern ber Lcher hinweggeht. -- Es schliet die Augen,
es hrt fr einen Moment auf zu sein und wird doch sicher auf die
andere Seite hinbergetragen. Wir mten eigentlich lngst verzweifelt
sein, denn unser Wissen ist auf allen Gebieten von solchen Abgrnden
durchzogen, nichts wie Bruchstcke, die in einem unergrndlichen
Ozean treiben.

Wir verzweifeln aber nicht, wir fhlen uns dennoch so sicher wie auf
festem Boden. Wenn wir dieses sichere, gewisse Gefhl nicht htten,
wrden wir uns aus Verzweiflung ber unseren armen Verstand tten.
Dieses Gefhl begleitet uns bestndig, es hlt uns zusammen, es nimmt
unseren Verstand in jedem zweiten Augenblick schtzend in den Arm
wie ein kleines Kind. So wie wir uns dessen einmal bewut geworden
sind, knnen wir das Dasein einer Seele nicht mehr leugnen. So wie wir
unser geistiges Leben zergliedern und das Unzureichende des Verstandes
erkennen, fhlen wir es frmlich. Fhlen es -- verstehst du -- denn
wenn dieses Gefhl nicht wre, wrden wir zusammenklappen wie leere
Scke.

Wir haben nur verlernt, auf dieses Gefhl zu achten, aber es ist eines
der ltesten. Vor Tausenden von Jahren haben schon Vlker, die tausende
Meilen voneinander wohnten, darum gewut. Wie man sich einmal damit
befat, kann man diese Dinge gar nicht leugnen. Doch ich will dich
nicht mit Worten berreden; ich werde dir nur das ntigste sagen, damit
du nicht ganz unvorbereitet bist. Den Beweis werden die Tatsachen
erbringen.

Nimm also an, die Seele existiere, dann ist es doch ganz
selbstverstndlich, da wir kein heieres Bestreben haben knnen, als
den verloren gegangenen Kontakt mit ihr wieder herzustellen, mit
ihr wieder vertraut zu werden, ihre Krfte wieder besser ausntzen zu
lernen, Teile der bersinnlichen Krfte, die in ihrer Tiefe
schlummern, fr uns zu gewinnen.

Denn das alles ist mglich, es ist schon mehr als einmal gelungen,
die Wunder, die Heiligen, die indischen Gottesschauer sind lauter
Beglaubigungen fr solche Geschehnisse.

Hr einmal, warf Trle ein, du redest dich jetzt ein wenig in
diesen Glauben hinein. Du hast dazu eigens die Lampe auslschen mssen.
Wrdest du aber auch so sprechen, wenn wir jetzt unten zwischen den
andern sen, die Geographie, Geschichte lernen, Briefe nach Hause
schreiben, wo die Lampen hell brennen und vielleicht der Prfekt um die
Bnke geht? Kmen dir da nicht doch deine Worte etwas abenteuerlich
vor, etwas anmaend, als ob wir gar nicht zu denen gehrten, in einer
anderen Welt lebten, achthundert Jahre vorher?

Nein, mein lieber Trle, ich wrde dasselbe behaupten. brigens ist
es ein Fehler von dir, da du immer nach den andern schielst; du
bist zu wenig selbstndig. Briefe nach Hause schreiben! Bei solchen
Sachen denkst du an deine Eltern! Wer sagt dir, da sie uns hier
berhaupt nur zu folgen vermgen? Wir sind jung, eine Generation
spter, vielleicht sind uns Dinge vorbehalten, die sie nie in ihrem
Leben geahnt haben. Ich wenigstens fhle es in mir.

Doch wozu lange reden; ich werde es euch ja beweisen.

Nachdem sie einige Zeit geschwiegen hatten, sagte Trle: Wie willst
du es denn eigentlich anpacken, deiner Seele habhaft zu werden?

Das will ich dir jetzt nicht auseinandersetzen, da ich es ohnedies
vor Basini werde tun mssen.

Aber beilufig kannst du es wenigstens sagen.

Nun ja. Die Geschichte lehrt, da es hiezu nur einen Weg gibt: die
Versenkung in sich selbst. Nur ist das eben das Schwierige. Die alten
Heiligen zum Beispiel, zu der Zeit, wo die Seele sich noch in Wundern
uerte, konnten dieses Ziel durch inbrnstiges Gebet erreichen.
Zu jener Zeit war eben die Seele von anderer Art, denn heute versagt
dieser Weg. Heute wissen wir nicht, was wir tun sollen; die Seele
hat sich verndert, und es liegen leider Zeiten dazwischen, wo man dem
nicht die richtige Aufmerksamkeit gewidmet hat und der Zusammenhang
unwiederbringlich verloren ging. Einen neuen Weg knnen wir nur durch
sorgfltigste berlegung finden. Hiemit habe ich mich whrend der
letzten Zeit intensiv beschftigt. Am nchsten drfte man wohl mit
Hilfe der Hypnose gelangen. Nur ist es noch nie versucht worden.
Man macht da immer nur so alltgliche Kunststckchen, weswegen die
Methoden noch nicht daraufhin erprobt sind, ob sie auch zu Hherem
fhren. Das letzte, was ich hierber jetzt schon sage, ist, da ich
Basini nicht nach dieser landlufigen Art hypnotisieren werde,
sondern nach meiner eigenen, die, wenn ich nicht irre, einer schon
im Mittelalter angewandten hnlich ist.

Ist dieser Beineberg nicht kostbar? lachte Reiting. Nur htte er
zur Zeit der Weltuntergangsprophezeiungen leben sollen, dann htte
er am Ende wirklich geglaubt, da es seine Seelenmagie gewesen sei,
deretwegen die Welt bestehen blieb.

Als Trle auf diesen Spott hin Beineberg ansah, bemerkte er, da
dessen Gesicht ganz starr wie in krampfhafter Aufmerksamkeit verzerrt
war. Im nchsten Augenblick fhlte er sich von eiskalten Fingern
gefat. Trle erschrak ber diese hochgradige Aufregung; dann lste
sich die Spannung der ihn umklammernden Hand. O es war nichts. Nur
ein Gedanke. Mir war als sollte mir etwas Besonderes einfallen, ein
Fingerzeig, wie es zu machen sei...

Hrst du, du bist wirklich ein wenig angegriffen, sagte Reiting in
jovialer Weise, sonst warst du doch ein eiserner Kerl und betriebst
so etwas nur als Sport; jetzt aber bist du wie ein Frauenzimmer.

Ach was -- du hast eben keine Ahnung, was das heit, solche Dinge in
der Nhe zu wissen, jeden Tag schon vor ihrem Besitze zu stehen!

Streitet nicht, sagte Trle -- er war im Laufe der wenigen Wochen
weit fester und energischer geworden -- meinetwegen kann jeder
machen, was er will; ich glaube an gar nichts. Weder deinen geriebenen
Qulereien, Reiting, noch Beinebergs Hoffnungen. Und selbst wei
ich nichts zu sagen. Ich warte ab, was ihr herausbringt.

Wann also?

Es wurde die zweitnchste Nacht bestimmt.

                   *       *       *       *       *

Trle lie sie widerstandslos an sich herankommen. In dieser
neuentstandenen Situation war auch sein Gefhl fr Basini vllig
erkaltet. Das war sogar eine ganz glckliche Lsung, weil sie
wenigstens mit einem Schlage von dem Schwanken zwischen Beschmung
und Begierde befreite, aus dem Trle durch eigene Kraft nicht
herauskam. Jetzt hatte er wenigstens einen geraden, klaren Widerwillen
gegen Basini, als ob die diesem zugedachten Demtigungen auch ihn
beschmutzen knnten.

Im brigen war er zerstreut und mochte an nichts ernst denken; am
allerwenigsten an das, was ihn einst so beschftigte.

Erst als er mit Reiting die Treppe zum Boden hinaufstieg, whrend
Beineberg mit Basini schon vorausgegangen war, wurde die Erinnerung
an das einst in ihm Gewesene lebhafter. Die selbstbewuten Worte
wollten ihm nicht aus dem Kopfe, die er in dieser Angelegenheit
Beineberg vorgeworfen hatte, und er sehnte sich diese Zuversicht
wieder zu gewinnen. Zgernd hielt er auf jeder Stufe den Fu zurck.
Aber die alte Gewiheit kehrte nicht wieder. Er erinnerte sich zwar
aller Gedanken, die er damals gehabt hatte, aber sie schienen ferne an
ihm vorberzugehen, als seien sie nur die Schattenbilder des einst
Gedachten.

Schlielich, da er in sich nichts fand, richtete sich seine Neugierde
wieder auf die Ereignisse, die von auen kommen sollten, und trieb ihn
vorwrts.

Mit raschen Schritten eilte er hinter Reiting die brigen Stufen hinauf.

Whrend sich die eiserne Tr knarrend hinter ihnen schlo, fhlte
er seufzend, da Beinebergs Vorhaben zwar auch nur ein lcherlicher
Hokuspokus sei, aber doch wenigstens etwas Festes und berlegtes,
whrend in ihm alles in undurchsichtiger Verwirrung lag.

Auf einem querlaufenden Balken nahmen sie Platz -- in erwartungsvoller
Spannung wie in einem Theater.

Beineberg war mit Basini schon da.

Die Situation schien seinem Vorhaben gnstig. Das Dunkel, die abgestandene
Luft, der faule, sliche Geruch, der den Wasserbottichen entstrmte,
schufen ein Gefhl des Einschlafens, Nichtmehraufwachenknnens, eine
mde, lssige Trgheit.

Beineberg hie Basini sich zu entkleiden. Die Nacktheit hatte jetzt
in dem Dunkel einen blulichen, faulen Schimmer und wirkte durchaus
nicht erregend.

Pltzlich zog Beineberg den Revolver aus der Tasche und hielt ihn gegen
Basini.

Selbst Reiting neigte sich da vor, um jeden Augenblick dazwischen
springen zu knnen.

Aber Beineberg lchelte. Eigentmlich verzerrt; so als ob er es gar
nicht wollte, sondern nur das Heraufdrngen irgendwelcher fanatischer
Worte seine Lippen zur Seite geschoben htte.

Basini war wie gelhmt in die Knie gesunken und starrte mit angstvoll
aufgerissenen Augen die Waffe an.

Steh auf, sagte Beineberg, wenn du alles genau befolgst, was ich
dir sage, soll dir kein Leid geschehen, wie du mich aber durch den
geringsten Widerspruch strst, schiee ich dich nieder. Merk dir das!

Ich werde dich allerdings auch so tten, aber du wirst wieder zum Leben
zurckkommen. Das Sterben ist uns nicht so fremd, wie du meinst; wir
sterben tglich -- im tiefen, traumlosen Schlafe.

Wieder verzog das wirre Lcheln Beinebergs Mund.

Knie dich jetzt da oben hin, -- in halber Hhe lief ein breiter,
wagrechter Balken, -- so -- ganz aufrecht -- halte dich vllig gerade
-- das Kreuz mut du einziehen. Und jetzt schau fort da drauf; aber
ohne zu blinzeln, die Augen mut du so weit ffnen, als du nur kannst!

Beineberg stellte eine kleine Spiritusflamme so vor ihn hin, da er
den Kopf ein wenig zurckbeugen mute, um voll hineinzusehen.

Man konnte nicht viel wahrnehmen, aber nach einiger Zeit schien Basinis
Krper zu beginnen, wie ein Pendel hin und her zu schwingen. Die
blulichen Reflexe bewegten sich auf seiner Haut auf und ab. Hie und
da glaubte Trle Basinis Gesicht mit einem ngstlich verzerrten
Ausdrucke wahrzunehmen.

Nach einiger Zeit fragte Beineberg: Bist du mde?

Diese Frage war in der gewhnlichen Weise der Hypnotiseure gestellt.

Dann begann er mit leiser, verschleierter Stimme zu erklren.

Das Sterben ist nur eine Folge unserer Art zu leben. Wir leben von
einem Gedanken zum andern, von einem Gefhl zum nchsten. Denn unsere
Gedanken und Gefhle flieen nicht ruhig wie ein Strom, sondern
sie 'fallen uns ein', fallen in uns hinein wie Steine. Wenn du dich
genau beobachtest, fhlst du es, da die Seele nicht etwas ist, das
in allmhligen bergngen seine Farben wechselt, sondern da die
Gedanken wie Ziffern aus einem schwarzen Loch daraus hervorspringen.
Jetzt hast du einen Gedanken oder ein Gefhl und mit einem Male steht
ein anderes da, wie aus dem Nichts gesprungen. Wenn du aufmerkst,
kannst du sogar zwischen zwei Gedanken den Augenblick spren, wo alles
schwarz ist. Dieser Augenblick ist, -- einmal erfat, fr uns geradezu
der Tod.

Denn unser Leben ist nichts anderes als Marksteine setzen und von einem
zum anderen hpfen, tglich ber tausend Sterbesekunden hinweg. Wir
leben nur gewissermaen in den Ruhepunkten. Deswegen haben wir auch
eine so lcherliche Furcht vor dem unwiderruflichen Sterben, denn es
ist das schlechthin Marksteinlose, der unermeliche Abgrund, in den
wir hineinfallen. Fr diese Art zu leben ist es wirklich die vllige
Verneinung.

Aber auch nur unter der Perspektive dieses Lebens, nur fr den,
der nicht anders gelernt hat sich zu fhlen, als von Augenblick zu
Augenblick.

Ich nenne dies das hpfende bel, und das Geheimnis besteht darin es
zu berwinden. Man mu das Gefhl seines Lebens als eines ruhig
Gleitenden in sich erwecken. In dem Momente, wo dies gelingt, ist man
dem Tode ebenso nah als dem Leben. Man lebt nicht mehr -- nach unseren
irdischen Begriffen--, aber man kann auch nicht mehr sterben, denn
mit dem Leben hat man auch den Tod aufgehoben. Es ist der Augenblick
der Unsterblichkeit, der Augenblick, wo die Seele aus unserem engen
Gehirn in die wunderbaren Grten ihres Lebens tritt.

Folge mir also jetzt genau.

Schlfere alle Gedanken ein, starre in diese kleine Flamme; ... denke
nicht von einem zum andern ... Konzentriere alle Aufmerksamkeit nach
innen ... Starre die Flamme an ... dein Denken wird wie eine Maschine,
die immer langsamer geht ... immer ... langsamer ... geht ... Starre
nach innen ... so lange, bis du den Punkt findest, wo du dich fhlst,
ohne einen Gedanken oder eine Empfindung zu fhlen...

Dein Schweigen wird mir die Antwort sein. Wende den Blick nicht von
innen weg... Minuten verstrichen...

Fhlst du den Punkt...?

Keine Antwort.

Hre, Basini, ist es dir gelungen?

Schweigen.

Beineberg stand auf, und sein hagerer Schatten richtete sich neben dem
Balken in die Hhe. Oben schwang Basinis Krper, von der Dunkelheit
trunken, merkbar hin und her.

Dreh dich zur Seite, befahl Beineberg. Was jetzt gehorcht, ist
nur mehr das Gehirn, murmelte er, das mechanisch noch eine Weile
funktioniert, bis die letzten Spuren verzehrt sind, die ihm die Seele
aufdrckte. Sie selbst ist irgendwo -- in ihrem nchsten Dasein. Sie
trgt nicht mehr die Fesseln der Naturgesetze..., er wandte sich
jetzt an Trle, sie ist nicht mehr zur Strafe verurteilt, einen
Krper schwer zu machen, zusammenzuhalten. Neige dich vor, Basini --
so -- ganz allmhlich ... immer weiter mit dem Krper hinaus ...
Sowie die letzte Spur im Gehirn erloschen sein wird, werden die Muskeln
nachlassen und der leere Krper in sich zusammenbrechen. Oder er
wird schweben bleiben; ich wei es nicht; die Seele hat eigenmchtig
den Krper verlassen, es ist nicht der gewhnliche Tod, vielleicht
bleibt der Krper in der Luft schweben, weil nichts, keine Kraft des
Lebens noch des Todes mehr, sich seiner annimmt ... Neige dich vor
... mehr noch.

                   *       *       *       *       *

In diesem Augenblick polterte Basinis Krper, der aus Angst allen
Befehlen gefolgt war, schwer aufschlagend Beineberg zu Fen.

Vor Schmerz schrie Basini auf. Reiting begann laut zu lachen.
Beineberg aber, der einen Schritt zurckgewichen war, stie einen
gurgelnden Wutschrei aus, als er den Betrug erfat hatte. Mit
einer blitzschnellen Bewegung ri er seinen Ledergurt vom Leibe,
fate Basini bei den Haaren und peitschte wie rasend auf ihn ein. Die
ganze ungeheure Spannung, unter der er gestanden war, strmte in
diesen wtenden Schlgen aus. Und Basini heulte unter ihnen vor
Schmerz, da es wie die Klage eines Hundes in allen Winkeln zitterte.

                   *       *       *       *       *

Trle war whrend des ganzen vorangegangenen Auftrittes ruhig
geblieben. Er hatte im stillen gehofft, da sich vielleicht doch
etwas ereignen werde, das ihn wieder mitten in seinen verlorenen
Empfindungskreis versetzen wrde. Es war eine trichte Hoffnung, dessen
blieb er sich stets bewut, aber sie hatte ihn doch festgehalten.
Nun schien ihm jedoch, da alles vorbei sei. Die Szene widerte ihn
an. Ganz gedankenlos; stummer, toter Widerwille.

Er erhob sich leise und ging ohne ein Wort zu sagen fort. Ganz
mechanisch.

Beineberg schlug sich noch immer an Basini mde.

                   *       *       *       *       *

Als Trle im Bette lag, fhlte er: ein Abschlu. Etwas ist vorbei.

Whrend der nchsten Tage oblag er ruhig seinen Arbeiten in der
Schule; er kmmerte sich um nichts; Reiting und Beineberg mochten
wohl einstweilen ihr Programm Punkt fr Punkt in Szene setzen, Trle
ging ihnen aus dem Wege.

Da trat am vierten Tage, als gerade niemand zugegen war, Basini auf
ihn zu. Er sah elend aus, sein Gesicht war bleich und abgemagert,
in seinen Augen flackerte das Fieber einer bestndigen Angst. Mit
scheuen Seitenblicken, in hastigen Worten stie er hervor: Du mut
mir helfen! Nur du kannst es tun! Ich halte es nicht mehr lnger
aus, wie sie mich qulen. Alles Frhere habe ich ertragen, .. jetzt
aber werden sie mich noch totschlagen!

Trle war es unangenehm, hierauf eine Antwort zu geben. Endlich sagte
er: Ich kann dir nicht helfen; du selbst bist an allem schuld, was
mit dir geschieht.

Aber du warst doch vor kurzem noch so lieb zu mir.

Niemals.

Aber...

Schweig davon. Das war nicht ich ... Ein Traum ... Eine Laune ... Es
ist mir sogar recht, da deine neue Schande dich von mir fortgerissen
hat.... Es ist gut so fr mich...

Basini lie den Kopf sinken. Er fhlte, da ein Meer von grauer,
nchterner Enttuschung sich zwischen ihn und Trle geschoben hatte...
Trle war kalt, ein anderer.

Da warf er sich vor ihm in die Knie, schlug mit dem Kopf auf den Boden
und schrie: Hilf mir! Hilf mir!.. Um Gottes willen hilf mir!

Trle zauderte einen Augenblick. In ihm war weder der Wunsch, Basini
zu helfen, noch gengend Emprung, um ihn von sich zu stoen. So
folgte er dem erstbesten Gedanken. Komm heute Nacht auf den Boden, ich
will noch einmal mit dir darber sprechen. Im nchsten Augenblick
bereute er aber schon.

Wozu nochmals daran rhren? fiel ihm ein und er sagte berlegend:
Doch sie wrden dich ja sehen; es geht nicht.

O nein, sie blieben die letzte Nacht bis zum Morgen mit mir auf --
sie werden heute schlafen.

Also meinetwegen. Aber erwarte nicht, da ich dir helfen werde.

                   *       *       *       *       *

Trle hatte Basini die Zusammenkunft entgegen seiner eigentlichen
berzeugung bestimmt. Denn die war, da alles innerlich vorbei sei
und nichts mehr zu holen. Nur mehr eine Art Pedanterie, eine von
vorneherein hoffnungslose, eigensinnige Gewissenhaftigkeit hatte ihm
eingeblasen, nochmals an den Ereignissen herumzutasten.

Er hatte das Bedrfnis, es kurz zu machen.

Basini wute nicht, wie er sich benehmen sollte. Er war so verprgelt,
da er sich kaum zu rhren getraute. Alles Persnliche schien aus
ihm gewichen zu sein; nur in den Augen hatte sich ein Rest davon
zusammengedrngt und schien sich angstvoll, flehend an Trle zu
klammern.

Er wartete, was dieser tun werde.

Endlich brach Trle das Schweigen. Er sprach rasch, gelangweilt,
so wie wenn man eine lngst abgetane Sache der Form halber nochmals
erledigen mu.

Ich werde dir nicht helfen. Ich hatte allerdings eine Zeitlang ein
Interesse an dir, aber das ist jetzt vorbei. Du bist wirklich nichts
als ein schlechter, feiger Kerl. Gewi nichts anderes. Was soll mich
da noch an dich halten! Frher glaubte ich immer, da ich fr dich
ein Wort, eine Empfindung finden mte, die dich anders bezeichnete;
aber es gibt wirklich nichts Bezeichnenderes, als zu sagen, da du
schlecht und feig bist. Das ist so einfach, so nichtssagend und doch
alles, was man vermag. Was ich frher anderes von dir wollte, habe
ich vergessen, seit du dich mit deinen geilen Bitten dazwischen
gedrngt hast. Ich wollte einen Punkt finden, fern von dir, um dich von
dort anzusehen ... das war mein Interesse an dir; du selbst hast es
zerstrt ... doch genug; ich bin dir ja keine Erklrung schuldig.
Nur eines noch: Wie ist dir jetzt zumute?

Wie soll mir zumute sein? Ich kann es nicht lnger ertragen.

Sie machen jetzt wohl sehr Arges mit dir, und es schmerzt dich?

Ja.

Aber so ganz einfach ein Schmerz? Du fhlst, da du leidest, und du
willst dem entgehen? Ganz einfach und ohne Komplikation?

Basini fand keine Antwort.

Nun ja, ich frage nur so nebenher, nicht genau genug. Aber das ist
ja gleichgltig. Ich habe nichts mehr mit dir zu tun; ich sagte es
schon. Ich vermag in deiner Gesellschaft nicht das geringste mehr zu
fhlen. Mach, was du willst...

Trle wollte gehen.

Da ri sich Basini die Kleider vom Leibe und drngte sich an Trle
heran. Sein Krper war von Striemen berzogen -- widerwrtig. Seine
Bewegung elend wie die eines ungeschickten Freudenmdchens. Ekelnd
wandte sich Trle ab.

Er hatte aber kaum die ersten Schritte in das Dunkel hineingetan, als
er auf Reiting stie.

Was ist das, du hast geheime Zusammenknfte mit Basini?

Trle folgte dem Blicke Reitings und sah auf Basini zurck. Gerade an
der Stelle, wo dieser stand, fiel von einer Dachlucke her ein breiter
Balken Mondlicht ein. Die blulich berhauchte Haut mit den wunden
Malen sah darin aus wie die eines Ausstzigen. Unwillkrlich suchte
sich Trle fr diesen Anblick zu entschuldigen.

Er hat mich darum gebeten.

Was will er?

Ich soll ihn beschtzen.

Na, da ist er ja an den Richtigen gekommen.

Vielleicht wrde ich es doch tun, aber mir ist die ganze Geschichte
langweilig.

Reiting sah unangenehm betroffen auf, dann fuhr er zornig Basini an.

Wir werden dich schon lehren, Heimlichkeiten gegen uns anzustiften!
Dein Schutzengel Trle wird selbst zusehen und sein Vergngen daran
haben.

Trle hatte sich bereits abgewandt gehabt, aber diese offenbar an
seine Adresse gerichtete Bosheit hielt ihn, ohne da er berlegte,
zurck.

Hre, Reiting, das werde ich nicht tun. Ich will nichts mehr damit
zu schaffen haben; mir ist das Ganze zuwider.

Auf einmal?

Ja, auf einmal. Denn frher suchte ich hinter all dem etwas...
Warum nur drngte sich ihm dies jetzt wieder bestndig auf...

Aha, das zweite Gesicht.

Jawohl; jetzt aber sehe ich nur, da du und Beineberg abgeschmackt
roh seid.

O, du sollst sehen, wie Basini Kot frit, witzelte Reiting.

Das interessiert mich jetzt nicht mehr.

Hat dich aber doch...!

Ich sagte dir schon, nur solange mir Basinis Zustand dabei ein Rtsel
war.

Und jetzt?

Ich wei jetzt nichts von Rtseln. Alles geschieht: Das ist die ganze
Weisheit. Trle wunderte sich, da ihm auf einmal wieder Gleichnisse
einfielen, die sich jenem verloren gegangenen Empfindungskreise
nherten. Als Reiting spttisch erwiderte, nun diese Weisheit
braucht man wohl nicht erst weit her zu holen, scho daher in ihm
ein zorniges Gefhl der berlegenheit empor und legte ihm harte
Worte in den Mund. Fr einen Augenblick verachtete er Reiting so
sehr, da er ihn am liebsten mit Fen getreten htte.

Spotten magst du; was aber _ihr_ jetzt treibt, ist nichts als eine
gedankenlose, de, ekelhafte Qulerei!

Reiting warf einen Seitenblick auf den aufhorchenden Basini.

Halte dich zurck, Trle!

Ekelhaft, schmutzig -- du hast es gehrt!

Jetzt brauste auch Reiting auf.

Ich verbiete dir, uns hier vor Basini zu beschimpfen!

Ach was. Du hast nichts zu verbieten! Die Zeit ist vorbei. Ich hatte
einmal vor dir und Beineberg Respekt, jetzt sehe ich aber, was ihr
gegen mich seid. Stumpfsinnige, widerwrtige, tierische Narren!

Halt deinen Mund, oder...!! Reiting schien auf Trle zuspringen
zu wollen. Trle wich einen Schritt zurck und schrie ihn an: Glaubst
du, ich werde mich mit dir prgeln?! Dafr steht mir Basini nicht. Mach
mit ihm, was du willst, aber la mich jetzt vorbei!!

Reiting schien sich eines besseren als seines Dreinschlagens besonnen
zu haben und trat zur Seite. Nicht einmal Basini rhrte er an. Aber
Trle, der ihn kannte, wute nun, da hinter seinem Rcken eine
bsartige Gefahr drohe.

                   *       *       *       *       *

Schon am zweitnchsten Nachmittage traten Reiting und Beineberg auf
Trle zu.

Dieser bemerkte den bsen Ausdruck ihrer Augen. Offenbar trug Beineberg
den lcherlichen Zusammenbruch seiner Prophezeiungen nun ihm nach und
Reiting mochte ihn berdies bearbeitet haben.

Wie ich hrte, hast du uns beschimpft. Noch dazu vor Basini. Weswegen?

Trle gab keine Antwort.

Du weit, da wir uns solches nicht bieten lassen. Weil aber du es
bist, dessen launenhafte Einflle wir ja gewhnt sind und nicht hoch
anschlagen, wollen wir die Sache ruhen lassen. Nur eines mut du
tun. Trotz dieser freundlichen Worte war etwas bse Wartendes in
Beinebergs Augen.

Basini kommt heute Nacht in die Kammer; wir werden ihn dafr
zchtigen, da er dich aufhetzte. Wenn du uns weggehen siehst, komme
nach.

Aber Trle sagte nein: ...Ihr knnt machen, was ihr wollt; mich
mt ihr dabei aus dem Spiele lassen.

Wir werden heute Nacht Basini noch genieen, morgen liefern wir ihn
der Klasse aus, denn er beginnt sich aufzulehnen.

Macht, was ihr wollt.

Du wirst aber dabei sein.

Nein.

Gerade vor dir mu Basini sehen, da ihm nichts gegen uns helfen
kann. Gestern weigerte er sich schon unsere Befehle auszufhren; wir
haben ihn halbtot geschlagen und er blieb dabei. Wir mssen wieder zu
moralischen Mitteln greifen, ihn erst vor dir, dann vor der Klasse
demtigen.

Ich werde aber nicht dabei sein!

Warum?

Nein.

Beineberg schpfte Atem; es sah aus, als wolle er Gift auf seinen
Lippen sammeln, dann trat er ganz nahe an Trle heran.

Glaubst du wirklich, da wir nicht wissen, warum? Denkst du, wir
wissen nicht, wie weit du dich mit Basini eingelassen hast?

Nicht weiter als ihr.

So. Und da wrde er gerade dich zu seinem Schutzpatron erwhlt haben?
Was? -- Gerade zu dir wrde ihn das groe Zutrauen erfat haben? Fr
so dumm wirst du uns doch nicht halten.

Trle wurde zornig. Wit, was ihr wollt, mich aber lat jetzt mit
euren dreckigen Geschichten in Ruhe.

Wirst du schon wieder grob?!

Ihr ekelt mich an! Eure Gemeinheit ist ohne Sinn! Das ist das
Widerwrtige an euch.

So hre. Du solltest uns fr so manches zur Dankbarkeit verpflichtet
sein. Wenn du glaubst, dich trotzdem jetzt ber uns erheben zu knnen,
die wir deine Lehrmeister waren, so irrst du dich arg. Kommst du heute
abend mit oder nicht??

Nein!

Mein lieber Trle, wenn du dich gegen uns auflehnst und nicht
kommst, so wird es dir gerade so gehen wie Basini. Du weit, in
welcher Situation dich Reiting getroffen hat. Das gengt. Ob wir
mehr oder weniger getan haben, wird dir wenig ntzen. Wir werden
alles gegen dich wenden. Du bist in solchen Dingen lange zu dumm und
unentschlossen, um dagegen aufkommen zu knnen.

Wenn du dich also nicht rechtzeitig besinnst, stellen wir dich der
Klasse als den Mitschuldigen Basinis hin. Dann mag er dich beschtzen.
Verstanden?

Wie ein Unwetter war diese Flut von Drohungen, bald von Beineberg,
bald von Reiting, bald von beiden zugleich hervorgestoen, ber Trle
weggerauscht. Als die beiden fort waren, rieb er sich die Augen,
als htte er getrumt. Aber Reiting kannte er; der war im Zorne der
grten Niedertracht fhig und Trle' Schimpf und Auflehnung schienen
ihn tief verletzt zu haben. Und Beineberg? Er hatte ausgesehen, als
zitterte er unter einem jahrelang verhaltenen Hasse ... und das doch
nur, weil er sich vor Trle bse blamiert hatte.

Doch je tragischer sich die Ereignisse ber seinem Kopfe zusammenzogen,
desto gleichgltiger und mechanischer schienen sie Trle. Er hatte vor
den Drohungen Angst. Das ja; aber weiter nichts. Die Gefahr hatte ihn
mitten in das Wirbeln der Wirklichkeit gezogen.

Er legte sich zu Bett. Er sah Beineberg und Reiting weggehen und den
mden Schritt Basinis vorbeischlrfen. Aber er ging nicht mit.

Doch marterten ihn schreckliche Vorstellungen. Zum ersten Male dachte
er wieder mit einiger Innigkeit an seine Eltern. Er fhlte, da er
diesen ruhigen, gesicherten Boden brauche, um das zu festigen und
auszureifen, was ihm bisher nur Verlegenheiten gebracht hatte.

Was aber war das? Er hatte keine Zeit darber nachzudenken und ber
die Ereignisse zu grbeln. Nur eine leidenschaftliche Sehnsucht
fhlte er, aus diesen wirren, trudelnden Verhltnissen herauszukommen,
eine Sehnsucht nach Stille, nach Bchern war in ihm. Als sei seine
Seele schwarze Erde, unter der sich die Keime schon regen, ohne da
man noch wei, wie sie herausbrechen werden. Das Bild eines Grtners
drngte sich ihm auf, der jeden Morgen seine Beete begiet, mit
gleichmiger, zuwartender Freundlichkeit. Dieses Bild lie ihn
nicht los, seine zuwartende Sicherheit schien alle Sehnsucht auf
sich zu sammeln. Nur so darf es kommen! Nur so! fhlte Trle und ber
alle Angst und alle Bedenken sprang die berzeugung hinweg, da er
alles daran setzen msse, diesen Seelenzustand zu erreichen.

Nur ber das, was zunchst zu geschehen habe, war er sich noch
nicht klar. Denn vor allen Dingen wurde durch diese Sehnsucht nach
friedlicher Vertiefung sein Abscheu vor dem bevorstehenden
Intrigenspiel nur noch verstrkt. Auch hatte er wirkliche Angst vor
der ihm auflauernden Rache. Sollten die beiden wirklich versuchen, ihn
vor der Klasse anzuschwrzen, so wrde ihn die Gegenarbeit einen
ungeheuren Aufwand von Energie kosten, um den es ihm gerade jetzt leid
tat. Und dann, selbst wenn er nur an diesen Wirrwarr, an dieses
jedes hheren Wertes bare Sichstoen mit fremden Absichten und
Willenskrften dachte, berlief ihn ein Ekel.

Da fiel ihm ein Brief ein, den er lange vorher von zu Hause erhalten
hatte. Es war die Antwort auf einen von ihm an die Eltern gerichteten,
in dem er damals, so gut es gehen mochte, von seinen sonderbaren
Seelenzustnden berichtet hatte, bevor noch die Episode mit der
Sinnlichkeit eingetreten war. Es war wieder eine recht hausbackene
Antwort, voll rechtschaffener, langweiliger Ethik gewesen und riet
ihm, Basini zu bewegen, da er sich selbst stelle, damit dieser
unwrdige, gefhrliche Zustand seiner Abhngigkeit ein Ende finde.

Diesen Brief hatte Trle spter wieder gelesen, als Basini nackt neben
ihm auf den weichen Decken der Kammer lag. Und es hatte ihm eine
besondere Lust bereitet, diese schwerflligen, einfachen, nchternen
Worte auf der Zunge zergehen zu lassen, whrend er sich dachte, da
seine Eltern wohl durch das allzu Taghelle ihres Daseins blind gegen
das Dunkel seien, in dem seine Seele augenblicks wie eine geschmeidige
Raubkatze kauerte.

Heute aber langte er ganz anders nach dieser Stelle, als sie ihm wieder
einfiel.

Eine angenehme Beruhigung breitete sich ber ihn, als htte er die
Berhrung einer festen, gtigen Hand gefhlt. Die Entscheidung war
in diesem Augenblick gefallen. Ein Gedanke war in ihm aufgeblitzt,
und er hatte ihn bedenkenlos ergriffen, gleichsam unter dem Patronate
seiner Eltern.

Er blieb wach liegen, bis die drei zurckkamen. Dann wartete er, bis
er an den gleichmigen Atemzgen hrte, da sie schliefen. Nun ri er
hastig ein Blatt aus seinem Notizbuche und schrieb bei dem ungewissen
Lichte der Nachtlampe in groen, schwankenden Buchstaben darauf:

    'Sie werden dich morgen der Klasse ausliefern, und es steht
    dir Frchterliches bevor. Der einzige Ausweg ist, da du dich
    selbst dem Direktor anzeigst. Zu Ohren wrde es ihm ja auch
    ohnedies kommen, nur da man dich vorher noch halbtot prgeln
    wrde.

    Schiebe alles auf R. und B. und schweige von mir.

    Du siehst, da ich dich retten will.'

Diesen Zettel steckte er dem Schlafenden in die Hand.

Dann schlief auch er, von der Aufregung erschpft, ein.

                   *       *       *       *       *

Den nchsten Tag schienen Beineberg und Reiting noch als Frist Trle
gewhren zu wollen.

Mit Basini wurde es jedoch Ernst.

Trle sah, wie Beineberg und Reiting zu einzelnen hingingen, und wie
sich dort um sie herum Gruppen bildeten, in denen eifrig geflstert
wurde.

Dabei wute er nicht, ob Basini seinen Zettel gefunden habe, denn ihn
zu sprechen fand sich keine Gelegenheit, da sich Trle beobachtet
fhlte.

Anfangs hatte er berhaupt Angst, da es sich auch schon um ihn handle.
Aber er war nunmehr im Angesichte der Gefahr von ihrer Widerwrtigkeit
so gelhmt, da er alles an sich htte herankommen lassen.

Spter erst mischte er sich zaghaft, gefat, da sich augenblicks alle
gegen ihn kehren wrden, unter eine der Gruppen.

Aber man bemerkte ihn gar nicht. Es galt vorlufig erst Basini.

Die Aufregung wuchs. Trle konnte es beobachten. Reiting und Beineberg
mochten wohl noch Lgen hinzugetan haben...

Erst lchelte man, dann wurden einige ernst, und bse Blicke glitten
an Basini vorbei, endlich brtete es wie ein dunkles, heies, von
finsteren Gelsten schwangeres Schweigen ber der Klasse.

Zufllig war ein freier Nachmittag.

Alle versammelten sich hinten bei den Ksten; dann wurde Basini
vorgerufen.

Beineberg und Reiting standen wie zwei Bndiger zu seinen Seiten.

Das probate Mittel des Entkleidens machte, nachdem man die Tren
verschlossen und Posten ausgestellt hatte, allgemeinen Spa.

Reiting hielt ein Pckchen Briefe von Basinis Mutter an diesen in
seiner Hand und begann vorzulesen.

Mein gutes Kind...

Allgemeines Gebrlle.

Du weit, da ich von dem wenigen Gelde, ber das ich als Witwe
verfge...

Unfltiges Lachen, zgellose Scherze flattern aus der Masse auf.
Reiting will weiter lesen. Pltzlich stt einer Basini. Ein anderer,
auf den er dabei fllt, stt ihn halb im Scherze, halb in Entrstung
zurck. Ein dritter gibt ihn weiter. Und pltzlich fliegt Basini,
nackt, mit von der Angst aufgerissenem Munde, wie ein wirbelnder
Ball, unter Lachen, Jubelrufen, Zugreifen aller im Saale umher -- von
einer Seite zur andern -- stt sich Wunden an den scharfen Ecken der
Bnke, fllt in die Knie, die er sich blutig reit -- und strzt
endlich blutig bestaubt, mit tierischen, verglasten Augen zusammen,
whrend augenblicklich Schweigen eintritt und alles vordrngt, um ihn
am Boden liegen zu sehen.

Trle schauderte. Er hatte die Macht der frchterlichen Drohung vor
sich gesehen.

Und immer noch wute er nicht, was Basini tun werde.

In der nchsten Nacht sollte Basini an ein Bett gebunden werden und
man hatte beschlossen, ihn mit Florettklingen durchzupeitschen.

                   *       *       *       *       *

Aber zur allgemeinen Verwunderung erschien schon am frhen Morgen der
Direktor in der Klasse. In seiner Begleitung der Klassenvorstand und
zwei Lehrer. Basini wurde von der Klasse entfernt und in ein eigenes
Zimmer gebracht.

Der Direktor aber hielt eine zornige Ansprache wegen der zutage
getretenen Roheiten und ordnete eine strenge Untersuchung an.

Basini hatte sich selbst gestellt.

Jemand mute ihn von dem ihm Bevorstehenden verstndigt haben.

                   *       *       *       *       *

Gegen Trle schpfte niemand Verdacht. Er sa still und in sich
gekehrt, als ginge ihn das Ganze gar nichts an.

Nicht einmal Reiting und Beineberg suchten in ihm den Verrter. Ihre
Drohungen gegen ihn hatten sie selbst nicht ernst genommen; sie hatten
sie um ihn einzuschchtern, um ihre berlegenheit fhlbar zu machen,
vielleicht auch aus rger hervorgestoen; jetzt, wo ihr Zorn vorber
war, dachten sie kaum mehr daran. Schon die Verbindlichkeiten gegen
seine Eltern wrden sie von einem Vorgehen gegen Trle zurckgehalten
haben. Das war ihnen so selbstverstndlich, da sie sich auch von
seiner Seite nicht des geringsten versahen.

Trle empfand ber seinen Schritt keine Reue. Das Heimliche, Feige,
das diesem anhaftete, kam gegenber dem Gefhle einer gnzlichen
Befreiung nicht zur Geltung. Nach all den Aufregungen war es in ihm
wundersam klar und weit geworden.

Er beteiligte sich nicht an den erregten Gesprchen ber das zu
Erwartende, die allenthalben gepflogen wurden; er lebte den ganzen Tag
ruhig vor sich hin.

Als es Abend wurde und die Lampen brannten, setzte er sich auf seinen
Platz und das Heft, in dem jene flchtigen Aufzeichnungen eingetragen
waren, hatte er vor sich hingelegt.

Aber er las lange nicht darin. Er strich mit der Hand ber die Seiten
und ihm war, da ein feiner Duft aus ihnen aufsteige, wie Lavendel aus
alten Briefen. Es war die mit Wehmut gemischte Zrtlichkeit, die wir
einer abgeschlossenen Vergangenheit entgegenbringen, wenn wir in dem
zarten, blassen Schatten, der mit Totenblumen in den Hnden aus ihr
aufsteigt, vergessene hnlichkeiten mit uns wiederentdecken.

Und dieser wehmtige feine Schatten, dieser bleiche Duft schien sich
in einem breiten, vollen, warmen Strom zu verlieren -- dem Leben, das
nun offen vor Trle lag.

Eine Entwicklung war abgeschlossen, die Seele hatte einen neuen
Jahresring angesetzt, wie ein junger Baum, -- dieses noch wortlose,
berwltigende Gefhl entschuldigte alles, was geschehen war.

Nun begann Trle seine Erinnerungen durchzublttern. Die Stze,
in denen er hilflos das Geschehene -- dieses vielfltige Staunen
und Betroffensein vom Leben -- konstatiert hatte, wurden wieder
lebendig, schienen sich zu regen und gewannen Zusammenhang. Wie ein
heller Weg lagen sie vor ihm, in den sich die Spuren seiner tastenden
Schritte geprgt hatten. Aber noch schien ihnen etwas zu fehlen;
kein neuer Gedanke, o nein; aber sie packten Trle noch nicht mit
voller Lebendigkeit.

Er fhlte sich unsicher. Und nun kam ihm die Angst, morgen vor seinen
Lehrern zu stehen und sich rechtfertigen zu mssen. Womit?! Wie sollte
er ihnen das auseinandersetzen? Diesen dunklen, geheimnisvollen Weg,
den er gegangen. Wenn sie ihn fragen wrden: warum hast du Basini
mihandelt? -- so knnte er ihnen doch nicht antworten: weil mich
dabei ein Vorgang in meinem Gehirn interessierte, ein Etwas, von dem
ich heute trotz allem noch wenig wei, und vor dem alles, was ich
darber denke, mir belanglos erscheint.

Dieser kleine Schritt, der ihn noch von dem Endpunkte des geistigen
Prozesses trennte, den er durchzumachen hatte, schreckte ihn wie ein
ungeheurer Abgrund.

Und ehe es noch Nacht wurde, befand sich Trle in einer fieberhaften,
ngstlichen Aufregung.

                   *       *       *       *       *

Am nchsten Tage, als man die Zglinge einzeln zum Verhre rief, war
Trle verschwunden.

Man hatte ihn zuletzt am Abend, vor einem Hefte sitzend, gesehen,
anscheinend lesend.

Man suchte im ganzen Institute, Beineberg sah heimlich in der Kammer
nach, Trle war nicht zu finden.

Da wurde klar, da er aus dem Institute geflohen war, und man
verstndigte nach allen Seiten die Behrden, ihn mit Schonung
einzubringen.

Die Untersuchung nahm mittlerweile ihren Anfang.

Reiting und Beineberg, welche glaubten, da Trle aus Angst vor ihrer
Drohung, ihn hineinzulegen, geflohen sei, fhlten sich verpflichtet,
nun jeden Verdacht von ihm abzulenken und traten krftig fr ihn ein.

Sie wlzten alle Schuld auf Basini und die ganze Klasse bezeugte es
Mann fr Mann, da Basini ein diebischer, nichtswrdiger Kerl sei,
der den wohlmeinendsten Versuchen, ihn zu bessern, nur mit neuen
Rckfllen antworte. Reiting beteuerte, da sie ja einshen, gefehlt
zu haben, es aber nur deswegen getan htten, weil ihnen ihr Mitleid
sagte, man solle einen Kameraden nicht eher der Strafe ausliefern,
als man alle Mittel gtlicher Belehrung erschpft habe, und wieder
schwur die ganze Klasse, da Basinis Mihandlung nur ein berschumen
war, weil Basini den ihn aus den edelsten Empfindungen Schonenden mit
grtem, gemeinstem Hohne begegnet war.

Kurz es war eine wohlverabredete Komdie, von Reiting glnzend
inszeniert, und alle ethischen Tne wurden zur Entschuldigung
angeschlagen, welche in den Ohren der Erzieher Wert haben.

Basini schwieg stumpfsinnig zu allem. Vom vorgestrigen Tag her lag noch
ein tdlicher Schreck auf ihm und die Einsamkeit seiner Zimmerhaft,
der ruhige, geschftsmige Gang der Untersuchung waren fr ihn
schon eine Erlsung. Er wnschte sich nichts als ein rasches Ende.
berdies hatten Reiting und Beineberg nicht verabsumt, ihn mit der
frchterlichsten Rache zu bedrohen, falls er gegen sie aussage.

Da wurde Trle eingebracht. Todmde und hungrig hatte man ihn in der
nchsten Stadt aufgegriffen.

Seine Flucht schien nun das einzig Rtselhafte in der ganzen
Angelegenheit zu sein. Aber die Situation war ihm gnstig. Beineberg
und Reiting hatten gut vorgearbeitet, von der Nervositt gesprochen,
die er in der letzten Zeit an den Tag gelegt haben sollte, von seiner
moralischen Feinfhligkeit, die es sich schon zum Verbrechen
anrechne, da er, der von Anfang an um alles wute, nicht gleich die
Sache zur Anzeige gebracht habe und auf diese Weise die Katastrophe
mit verschuldete.

Trle wurde also schon mit einem gewissen gerhrten Wohlwollen
empfangen und die Kameraden bereiteten ihn rechtzeitig darauf vor.

Dennoch war er frchterlich aufgeregt und die Angst, sich nicht
verstndlich machen zu knnen, erschpfte ihn vllig....

Die Untersuchung wurde aus Diskretion, da man doch etwaige Enthllungen
befrchtete, in der Privatwohnung des Direktors gefhrt. Zugegen waren
auer diesem noch der Klassenvorstand, der Religionslehrer und der
Mathematikprofessor, welchem es als dem Jngsten des Lehrerkollegiums
zugefallen war, die protokollarischen Notizen zu fhren.

Um das Motiv seiner Flucht befragt, schwieg Trle.

Allseitiges, verstndnisvolles Kopfnicken.

Nun gut, sagte der Direktor, wir sind hierber unterrichtet. Aber
sagen Sie uns, was Sie bewog, das Vergehen des Basini zu verheimlichen.

Trle htte nun lgen knnen. Aber seine Scheu war gewichen. Es
reizte ihn frmlich, von sich zu sprechen und seine Gedanken an diesen
Kpfen zu versuchen.

Ich wei es nicht genau, Herr Direktor. Als ich das erstemal davon
hrte, schien es mir etwas ganz Ungeheuerliches zu sein ... etwas gar
nicht Vorstellbares...

Der Religionslehrer nickte Trle befriedigt und aufmunternd zu.

Ich ... ich dachte an Basinis Seele...

Der Religionslehrer strahlte ber das ganze Gesicht, der Mathematiker
putzte seinen Klemmer, rckte ihn zurecht, kniff die Augen zusammen...

Ich konnte mir den Augenblick nicht vorstellen, in dem eine solche
Demtigung ber Basini hereinbrach, und deswegen trieb es mich immer
wieder in dessen Nhe...

Nun ja -- Sie wollen wohl damit sagen, da Sie einen natrlichen
Abscheu vor dem Fehltritte Ihres Kameraden hatten und da der Anblick
des Lasters Sie gewissermaen bannte, so wie man es von dem Blick der
Schlangen ihren Opfern gegenber behauptet.

Der Klassenvorstand und der Mathematiker beeilten sich, ihre Zustimmung
zu dem Gleichnis durch lebhafte Gesten zu erkennen zu geben.

Aber Trle sagte: Nein, es war nicht eigentlich ein Abscheu. Es
war so: einmal sagte ich mir, er habe gefehlt und man msse ihn denen
berantworten, die ihn zu bestrafen haben...

So htten Sie auch handeln sollen.

...Dann aber erschien er mir wieder so sonderbar, da ich gar
nicht ans Strafen dachte, mich von einer ganz anderen Seite aus ihm
gegenber befand; es gab jedesmal in mir einen Sprung, wenn ich so an
ihn dachte...

Sie mssen sich deutlicher ausdrcken, mein lieber Trle.

Das kann man nicht anders sagen, Herr Direktor.

Doch, doch. Sie sind aufgeregt; wir sehen es ja; verwirrt; -- was Sie
eben sagten, war sehr dunkel.

Nun ja, ich fhle mich verwirrt; ich hatte einmal schon viel bessere
Worte dafr. Aber es kommt doch immer auf dasselbe hinaus, da etwas
Wunderliches in mir war...

Gut -- aber das ist doch wohl selbstverstndlich bei dieser ganzen
Angelegenheit.

Trle berlegte einen Augenblick.

Vielleicht kann man es so sagen: Es gibt gewisse Sachen, die bestimmt
sind, gewissermaen in doppelter Form in unser Leben einzugreifen. Ich
fand als solche Personen, Ereignisse, dunkle, verstaubte Winkel, eine
hohe, kalte, schweigende, pltzlich lebendig werdende Mauer...

Aber um Himmelswillen, Trle, wohin verirren Sie sich?

Aber Trle bereitete es nun einmal Vergngen, alles aus sich
herauszureden.

...imaginre Zahlen...

Alle sahen bald einander, bald Trle an. Der Mathematiker hstelte:

Ich mu da zu besserem Verstndnis dieser dunklen Angaben hinzufgen,
da mich der Zgling Trle einmal aufgesucht hat, um sich eine
Erklrung gewisser Grundbegriffe der Mathematik -- so auch des
Imaginren -- zu erbitten, die der ungeschulten Vernunft tatschlich
Schwierigkeiten bereiten knnen. Ich mu sogar gestehen, da er
hiebei unleugbaren Scharfsinn entwickelte, jedoch mit einer wahren
Manie nur solche Dinge ausgesucht hatte, welche gewissermaen eine
Lcke in der Kausalitt unseres Denkens -- fr ihn wenigstens --
zu bedeuten schienen.

Erinnern Sie sich noch Trle, was Sie damals sagten?

Ja. Ich sagte, da es mir an diesen Stellen scheine, wir knnten mit
unserem Denken allein nicht hinberkommen, sondern bedrften einer
anderen, innerlicheren Gewiheit, die uns gewissermaen hinbertrgt.
Da wir mit dem Denken allein nicht auskommen, fhlte ich auch an
Basini.

Der Direktor wurde bei diesem philosophischen Ausbiegen der
Untersuchung bereits ungeduldig, aber der Katechet war von Trle'
Antwort sehr befriedigt.

Sie fhlen sich also, fragte er, von der Wissenschaft weg zu
religisen Gesichtspunkten gezogen? Offenbar war es wirklich auch
Basini gegenber hnlich, wandte er sich an die brigen, er scheint
ein empfngliches Gemt fr das feinere, ich mchte sagen gttliche
und ber uns hinausgehende Wesen der Moral zu haben.

Nun fhlte sich der Direktor doch verpflichtet darauf einzugehen.

Hren Sie, Trle, ist es so, wie Seine Hochwrden sagt? Haben Sie
einen Hang hinter den Begebenheiten oder Dingen -- wie Sie sich ja
ziemlich allgemein ausdrcken -- einen religisen Hintergrund zu
suchen?

Er wre selbst schon froh gewesen, wenn Trle endlich bejaht htte
und ein sicherer Boden zu seiner Beurteilung gegeben gewesen wre; aber
Trle sagte: Nein, auch das war es nicht.

Nun, dann sagen Sie uns doch endlich klipp und klar, platzte jetzt
der Direktor los, was es gewesen ist. Wir knnen uns doch unmglich
mit Ihnen hier in eine philosophische Auseinandersetzung einlassen.

Doch Trle war nun trotzig. Er fhlte selbst, da er schlecht
gesprochen hatte, aber den Widerspruch sowohl, wie die miverstndliche
Zustimmung, die er gefunden hatte, gaben ihm das Gefhl einer
hochmtigen berlegenheit ber diese lteren Leute, die von den
Zustnden des menschlichen Inneren so wenig zu wissen schienen.

Ich kann nicht dafr, da es all das nicht ist, was Sie meinten. Ich
kann aber selbst nicht genau schildern, was ich jedes einzelnemal
empfand; wenn ich aber sage, was ich jetzt davon denke, so werden Sie
vielleicht auch verstehen, warum ich so lange nicht davon loskonnte.

Er hatte sich aufgerichtet, so stolz, als sei er hier Richter, seine
Augen gingen geradeaus an den Menschen vorbei; er mochte diese
lcherlichen Figuren nicht ansehen.

Drauen vor dem Fenster sa eine Krhe auf einem Ast, sonst war nichts
als die weie, riesige, Flche.

Trle fhlte, da der Augenblick gekommen sei, wo er klar, deutlich,
siegesbewut von dem sprechen werde, das erst undeutlich und qulend,
dann leblos und ohne Kraft in ihm gewesen war.

Nicht als ob ein neuer Gedanke ihm diese Sicherheit und Helle
verschafft htte, er ganz, wie er hoch aufgerichtet dastand, als
sei um ihn nichts als ein leerer Raum, -- er, der ganze Mensch, fhlte
es, so wie er es damals gefhlt hatte, als er die erstaunten Augen
unter den schreibenden, lernenden, emsig schaffenden Kameraden hatte
umherwandern lassen.

Denn mit den Gedanken ist es eine eigene Sache. Sie sind oft nicht mehr
als Zuflligkeiten, die wieder vergehen, ohne Spuren hinterlassen zu
haben, und die Gedanken haben ihre toten und ihre lebendigen Zeiten.
Man kann eine geniale Erkenntnis haben und sie verblht dennoch,
langsam, unter unseren Hnden, wie eine Blume. Die Form bleibt, aber
die Farben, der Duft fehlen. Das heit, man erinnert sich ihrer wohl
Wort fr Wort und der logische Wert des gefundenen Satzes bleibt
vllig unangetastet, dennoch aber treibt er haltlos nur auf der
Oberflche unseres Inneren umher und wir fhlen uns seinethalben nicht
reicher. Bis -- nach Jahren vielleicht -- mit einem Schlage wieder ein
Augenblick da ist, wo wir sehen, da wir in der Zwischenzeit gar
nichts von ihm gewut haben, obwohl wir logisch alles wuten.

Ja, es gibt tote und lebendige Gedanken. Das Denken, das sich an der
beschienenen Oberflche bewegt, das jederzeit an dem Faden der
Kausalitt nachgezhlt werden kann, braucht noch nicht das lebendige zu
sein. Ein Gedanke, den man auf diesem Wege trifft, bleibt gleichgltig
wie ein beliebiger Mann in der Kolonne marschierender Soldaten.
Ein Gedanke, -- er mag schon lange vorher durch unser Hirn gezogen
sein, wird erst in dem Momente lebendig, da etwas, das nicht mehr
Denken, nicht mehr logisch ist, zu ihm hinzutritt, so da wir
seine Wahrheit fhlen, jenseits von aller Rechtfertigung, wie einen
Anker, der von ihm aus ins durchblutete, lebendige Fleisch ri ... Eine
groe Erkenntnis vollzieht sich nur zur Hlfte im Lichtkreise des
Gehirns, zur andern Hlfte in dem dunklen Boden des Innersten und sie
ist vor allem ein Seelenzustand, auf dessen uerster Spitze der
Gedanke nur wie eine Blte sitzt.

Nur einer Erschtterung der Seele hatte es fr Trle noch bedurft,
um diesen letzten Trieb in die Hhe zu treiben.

Ohne sich um die betroffenen Gesichter ringsum zu kmmern, gleichsam
nur fr sich, knpfte er hieran an und sprach, ohne abzusetzen, die
Augen geradeaus gerichtet bis zu Ende:

...Ich habe vielleicht noch zu wenig gelernt, um mich richtig
auszudrcken, aber ich will es beschreiben. Eben war es wieder in mir.
Ich kann es nicht anders sagen, als da ich die Dinge in zweierlei
Gestalt sehe. Alle Dinge; auch die Gedanken. Heute sind sie dieselben
wie gestern, wenn ich mich bemhe einen Unterschied zu finden, und
wie ich die Augen schliee, leben sie unter einem anderen Lichte auf.
Vielleicht habe ich mich mit den irrationalen Zahlen geirrt; wenn
ich sie gewissermaen der Mathematik entlang denke, sind sie mir
natrlich, wenn ich sie geradeaus in ihrer Sonderbarkeit ansehe,
kommen sie mir unmglich vor. Doch hier mag ich wohl irren, ich wei
zu wenig von ihnen. Ich irrte aber nicht bei Basini, ich irrte nicht,
als ich mein Ohr nicht von dem leisen Rieseln in der hohen Mauer, mein
Auge nicht von dem schweigenden Leben des Staubes, das eine Lampe
pltzlich erhellte, abwenden konnte. Nein, ich irrte mich nicht, wenn
ich von einem zweiten, geheimen, unbeachteten Leben der Dinge sprach!
Ich -- ich meine es nicht wrtlich -- nicht diese Dinge leben, nicht
Basini hatte zwei Gesichter -- aber in mir war ein zweites, das dies
alles nicht mit den Augen des Verstandes ansah. So wie ich fhle, da
ein Gedanke in mir Leben bekommt, so fhle ich auch, da etwas in
mir beim Anblicke der Dinge lebt, wenn die Gedanken schweigen. Es ist
etwas Dunkles in mir, unter allen Gedanken, das ich mit den Gedanken
nicht ausmessen kann, ein Leben, das sich nicht in Worten ausdrckt
und das doch mein Leben ist...

Dieses schweigende Leben hat mich bedrckt, umdrngt, das anzustarren
trieb es mich immer. Ich litt unter der Angst, da unser ganzes Leben
so sei und ich nur hie und da stckweise darum erfahre ... o ich hatte
furchtbare Angst ... ich war von Sinnen...

Diese Worte und Gleichnisse, die weit ber Trle' Alter hinausgingen,
kamen ihm in der riesigen Erregung, in einem Augenblicke beinahe
dichterischer Inspiration leicht und selbstverstndlich ber die
Lippen. Jetzt senkte er die Stimme, und wie von seinem Leide ergriffen,
fgte er hinzu:

...Jetzt ist das vorber. Ich wei, da ich mich doch geirrt
habe. Ich frchte nichts mehr. Ich wei: die Dinge sind die Dinge und
werden es wohl immer bleiben; und ich werde sie wohl immer bald
so, bald so ansehen. Bald mit den Augen des Verstandes, bald mit
den anderen ... Und ich werde nicht mehr versuchen, dies miteinander
zu vergleichen...

Er schwieg. Er fand es ganz selbstverstndlich, da er nun gehen knne,
und niemand hinderte ihn daran.

                   *       *       *       *       *

Als er drauen war, sahen sich die Zurckgebliebenen verdutzt an.

Der Direktor neigte unschlssig den Kopf hin und her. Der
Klassenvorstand fand als erster das Wort. Ei, dieser kleine Prophet
wollte uns wohl eine Vorlesung halten. Aber der Kuckuck mag aus ihm
klug werden. Diese Erregung! Und dabei dieses Verwirren ganz
einfacher Dinge!

Rezeptivitt und Spontaneitt des Denkens, sekundierte der
Mathematiker. Es scheint, da er zu groes Augenmerk auf den
subjektiven Faktor aller unserer Erlebnisse gelegt hat und da ihn das
verwirrte und zu seinen dunklen Gleichnissen trieb.

Nur der Religionslehrer schwieg. Er hatte aus den Reden Trle' so oft
das Wort Seele aufgefangen und htte sich gerne des jungen Menschen
angenommen.

Aber er wute doch nicht recht, wie es gemeint war.

Der Direktor jedoch machte der Situation ein Ende. Ich wei nicht, was
eigentlich in dem Kopfe dieses Trle steckt, jedenfalls aber befindet
er sich in einer so hochgradigen berreizung, da der Aufenthalt in
einem Institute fr ihn wohl nicht mehr der geeignete ist. Fr ihn
gehrt eine sorgsamere berwachung seiner geistigen Nahrung, als wir
sie durchfhren knnen. Ich glaube nicht, da wir die Verantwortung
weiter tragen knnen. Trle gehrt in die Privaterziehung; ich
werde in diesem Sinne an seinen Vater schreiben.

Alle beeilten sich, diesem guten Vorschlage des ehrlichen Direktors
beizupflichten.

Er war wirklich so eigentmlich, da ich beinahe glaube, er hat Anlage
zum Hysteriker, sagte der Mathematiker zu seinem Nachbar.

                   *       *       *       *       *

Zu gleicher Zeit mit dem Briefe des Direktors traf ein solcher von
Trle bei seinen Eltern ein, in welchem er sie um seine Herausnahme
bat, weil er sich in dem Institute nicht mehr auf seinem Platze fhle.

                   *       *       *       *       *

Basini war mittlerweile strafweise entlassen worden. In der Schule ging
alles den gewohnten Gang.

Es war beschlossen, da Trle von seiner Mutter abgeholt werde. Er
nahm gleichgltigen Abschied von seinen Kameraden. Beinahe begann er
schon ihre Namen zu vergessen.

In die rote Kammer war er nie mehr hinaufgestiegen. Das schien alles
weit, weit hinter ihm zu liegen.

Seit Basinis Entfernung war es tot. Fast so, als ob dieser Mensch, der
alle diese Beziehungen an sich gekettet hatte, sie nun auch mit sich
fortgenommen htte.

Etwas Stilles, Zweifelndes war ber Trle gekommen, aber die
Verzweiflung war weg. Es waren wohl nur jene heimlichen Sachen mit
Basini, die sie so gesteigert hatten, dachte er sich. Sonst schien
ihm gar kein Grund vorzuliegen.

Aber er schmte sich. So wie man sich am Morgen schmt, wenn man in der
Nacht -- von einem Fieber gepeinigt -- aus allen Winkeln des dunklen
Zimmers furchtbare Drohungen sich emportrmen sah.

Sein Verhalten vor der Kommission; es kam ihm ungeheuer lcherlich vor.
Soviel Aufhebens! Hatten sie nicht recht gehabt? Wegen einer solch
kleinen Sache! Jedoch es war etwas in ihm, das dieser Beschmung
den Stachel nahm. Gewi gebrdete ich mich unvernnftig, berlegte
er, jedoch scheint das Ganze berhaupt wenig mit meiner Vernunft
zu tun gehabt zu haben. Das war nmlich jetzt sein neues Gefhl. Er
hatte die Erinnerung an einen frchterlichen Sturm in seinem Innern,
zu dessen Erklrung die Grnde, die er jetzt noch in sich dafr
vorfand, bei weitem nicht ausreichten. Also mute es wohl etwas
viel Notwendigeres und Tieferliegendes gewesen sein, schlo er, als
was sich mit Vernunft und hnlichen Begriffen beurteilen lt...

Und das, was vor der Leidenschaft dagewesen war, was von ihr nur
berwuchert worden war, das Eigentliche, das Problem, sa fest. Diese
wechselnde seelische Perspektive je nach Ferne und Nhe, die er erlebt
hatte. Dieser unfabare Zusammenhang, der den Ereignissen und Dingen
je nach unserem Standpunkte pltzliche Werte gibt, die einander ganz
unvergleichlich und fremd sind..

Dies und alles andere -- er sah es merkwrdig klar und rein -- und
klein. So wie man es eben am Morgen sieht, wenn die ersten reinen
Sonnenstrahlen den Angstschwei getrocknet haben und Tisch und Schrank
und Feind und Schicksal wieder in ihre natrlichen Dimensionen zurck
kriechen.

Aber wie da eine leise, grblerische Mdigkeit zurckbleibt, so
war es auch Trle geschehen. Er wute nun zwischen Tag und Nacht
zu scheiden; -- er hatte es eigentlich immer gewut und nur ein
schwerer Traum war verwischend ber diese Grenzen hingeflutet und er
schmte sich dieser Verwirrung: aber die Erinnerung, da es anders sein
kann, da es feine, leicht verlschbare Grenzen rings um den Menschen
gibt, da fiebernde Trume um die Seele schleichen, die festen Mauern
zernagen und unheimliche Gassen aufreien, -- auch diese Erinnerung
hatte sich tief in ihn gesenkt und strahlte blasse Schatten aus.

Er konnte nicht viel davon erklren. Aber diese Wortlosigkeit fhlte
sich kstlich an, wie die Gewiheit des befruchteten Leibes, der das
leise Ziehen der Zukunft schon in seinem Blute fhlt. Und Zuversicht
und Mdigkeit mischten sich in Trleߠ...

So kam es, da er still und nachdenklich auf den Abschied
wartete.......

Seiner Mutter, die geglaubt hatte, einen berreizten und verwirrten
jungen Menschen zu finden, fiel seine khle Gelassenheit auf.

Als sie zum Bahnhof hinausfuhren, lag rechts von ihnen der kleine
Wald mit dem Hause Bozenas. Er sah so unbedeutend und harmlos aus,
ein verstaubtes Geranke von Weiden und Erlen.

Trle erinnerte sich da, wie unvorstellbar ihm damals das Leben seiner
Eltern gewesen war. Und er betrachtete verstohlen von der Seite seine
Mutter.

Was willst du, mein Kind?

Nichts, Mama, ich dachte nur eben etwas.

Und er prfte den leise parfmierten Geruch, der aus der Taille seiner
Mutter aufstieg.




  [ Im folgenden werden alle genderten Textzeilen angefhrt, wobei
    jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die genderte Zeile
    steht.

  sie bildete in seinen Augen sogar einen besonderes Vorzug des Prinzen,
  sie bildete in seinen Augen sogar einen besonderen Vorzug des Prinzen,

  die der Hofrat aus der Residenz mitgebracht hatte
  die der Hofrat aus der Residenz mitgebracht hatte.

  Die anderen schlugen indessen die Haken zusammen, wobei sie die
  Die anderen schlugen indessen die Hacken zusammen, wobei sie die

  sie selbst ist eine Flucht, auf der das zuzweiensein nur eine
  sie selbst ist eine Flucht, auf der das Zuzweiensein nur eine

  als ob wir einer Brderschaft fr Lebens angehrten! Glaubst du denn,
  als ob wir einer Brderschaft frs Leben angehrten! Glaubst du denn,

  lange, wie ein Weg ohne Ende und Ubersicht in tausend Windungen
  lange, wie ein Weg ohne Ende und bersicht in tausend Windungen

  vorzubringen pflegte. -- Ubrigens interessiert mich diese ganze
  vorzubringen pflegte. -- brigens interessiert mich diese ganze

  mit dem in der Mathematik. Und dennoch handeln wir fortwhrend dannach:
  mit dem in der Mathematik. Und dennoch handeln wir fortwhrend danach:

  schwindelte. Dies waren allerdings nur Vergleiche die er nachher
  schwindelte. Dies waren allerdings nur Vergleiche, die er nachher

  Ja, ja, das sah ich doch, ... und dann....
  Ja, ja, das sah ich doch, ... und dann....

  betrgen; ich wollte es mir nur heimlich ausleihen..
  betrgen; ich wollte es mir nur heimlich ausleihen...

  Sie htten mich geprgelt, angezeigt; alle, Schande wre auf mich
  Sie htten mich geprgelt, angezeigt; alle Schande wre auf mich

  zwischen dem Leben das man lebt, und dem Leben, das man fhlt, ahnt,
  zwischen dem Leben, das man lebt, und dem Leben, das man fhlt, ahnt,

  jungen aufdrngenden Krfte hinter grauen Mauern festgehalten wurden.
  jungen aufdrngenden Krfte hinter grauen Mauern festgehalten wurden,

  innen weg... Minuten verstrichen...
  innen weg... Minuten verstrichen...

  Fhlst du den Punkt...?
  Fhlst du den Punkt...?

  Trle wurde zornig. Wit, was ihr wollt' mich aber lat jetzt mit
  Trle wurde zornig. Wit, was ihr wollt, mich aber lat jetzt mit

  Doch Trle war nun trotzig. Er fhlte elbst, da er schlecht
  Doch Trle war nun trotzig. Er fhlte selbst, da er schlecht

  nichts von ihm gewut haben obwohl wir logisch alles wuten.
  nichts von ihm gewut haben, obwohl wir logisch alles wuten.

  Und er prfte den leise parfmierten Geruch. der aus der Taille seiner
  Und er prfte den leise parfmierten Geruch, der aus der Taille seiner

  ]





End of the Project Gutenberg EBook of Die Verwirrungen des Zglings Trle, by 
Robert Musil

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE VERWIRRUNGEN DES ZOGLINGS ***

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