Project Gutenberg's Die Nacht der Erfllung, by Rabindranath Tagore

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Title: Die Nacht der Erfllung
       Erzhlungen

Author: Rabindranath Tagore

Translator: Helene Meyer-Franck

Release Date: June 10, 2010 [EBook #32763]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE NACHT DER ERFLLUNG ***




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  RABINDRANATH TAGORE

  DIE NACHT
  DER ERFLLUNG

  ERZHLUNGEN

  MNCHEN

  KURT WOLFF VERLAG


  Einzig autorisierte deutsche Ausgabe. Nach der
  von Rabindranath Tagore selbst veranstalteten
  englischen Ausgabe ins Deutsche bertragen von
  Helene Meyer-Franck


  1.-20. Tausend

  Copyright 1921 by Kurt Wolff Verlag A.-G. in Mnchen

  Gedruckt im Frhjahr 1921 in der Spamerschen
  Buchdruckerei in Leipzig

  Einbnde von H. Fikentscher in Leipzig




  INHALT


  Die Nacht der Erfllung           3
  Der Sieg                         18
  Maschi                           33
  Das Skelett                      63
  Der Hter des Erbes              80
  Die ltere Schwester            101
  Subha                           124
  Die glckverheiende Schau      138
  Der Postmeister                 150
  Die Flutreppe                  163
  Der Ausgestoene                174
  Das Kartenknigreich            197




DIE NACHT DER ERFLLUNG


Ich ging mit Surabala bei demselben alten Frulein in die Schule, und wir
spielten zusammen Mann und Frau. Wenn ich sie in ihrem Hause besuchte,
pflegte ihre Mutter mich zu htscheln, und oft stellte sie uns
nebeneinander und sagte fr sich: Welch ein reizendes Paar!

Ich war damals noch ein Kind, aber ich verstand doch sehr gut, was sie
meinte. Die Vorstellung setzte sich bei mir fest, da ich ein besonderes
Recht auf Surabala htte. So kam es, da ich im stolzen Gefhl meines
Eigentumsrechts sie zuweilen bestrafte und qulte; und auch sie ihrerseits
plagte sich willig fr mich ab und ertrug alle meine Strafen ohne Klage.
Das ganze Dorf pries ihre Schnheit, aber in den Augen eines jungen
Barbaren wie ich hatte diese Schnheit nichts Besonderes;-- ich wute nur,
da Surabala eigens dazu geboren war, mein Joch zu tragen, und da ich mir
daher nicht viel aus ihr zu machen brauchte.

Mein Vater war Gutsverwalter der Tschaudhuris, einer reichen
Gutsbesitzerfamilie. Es war seine Absicht, mich, sobald ich mir eine gute
Handschrift angeeignet htte, in der Gutsverwaltung auszubilden und mir
dann irgendwo eine Stelle als Pachteinnehmer zu verschaffen. Aber ich
lehnte innerlich diesen Vorschlag ab. Nilratan, ein Junge aus unserm Dorfe,
war seinem Vater durchgebrannt nach Kalkutta, hatte dort Englisch gelernt
und war endlich Nazir[1] des Distrikts geworden. Das war mein Lebensideal:
ich war im geheimen entschlossen, wenigstens oberster Gerichtssekretr zu
werden, wenn ich es nicht bis zum Nazir bringen sollte.

[1] Oberster einheimischer Verwaltungsbeamter.

Ich sah, da mein Vater diese Gerichtsbeamten immer mit der grten
Ehrfurcht behandelte. Ich wute von meiner Kindheit her, da man sie sich
durch allerlei Geschenke wie Fische, Gemse oder selbst Geld, geneigt
machen mute. Darum hatte ich in meinem Herzen diesen unteren
Gerichtsbeamten bis zu den Gerichtsvollziehern hinab einen hohen Ehrenplatz
eingerumt. Dies sind die Gtter, die man in unserm lieben Bengalen
verehrt,-- eine moderne Miniaturausgabe der 330 Millionen Gottheiten des
Hindu-Pantheon. Wo es sich um die Gewinnung materiellen Erfolges handelt,
haben die Leute mehr wirkliches Vertrauen zu ihnen, als zu dem guten alten
Gott Ganesch, dem Spender des Erfolgs, und so opfern sie jetzt diesen
Beamten alles, was frher Ganeschs Anteil war.

Durch das Beispiel Nilratans angefeuert, ergriff auch ich eine gnstige
Gelegenheit und rannte fort nach Kalkutta. Dort stieg ich einstweilen in
dem Hause eines Bekannten aus dem Dorfe ab, und dann erhielt ich von meinem
Vater eine kleine Summe fr meine Ausbildung. So konnte ich regelmigen
Unterricht nehmen.

Daneben trat ich politischen und sozialen Vereinigungen bei. Es wurde mir
jetzt pltzlich klar, da ich unbedingt irgendwie mein Leben fr mein
Vaterland opfern msse. Aber ich wute nicht wie, und niemand zeigte mir
den Weg.

Aber das tat meiner Begeisterung keinen Abbruch. Wir Dorfjungen hatten noch
nicht gelernt, ber alles zu spotten, wie die frhreife Jugend von
Kalkutta, und so war unser Glaube sehr stark. Die Fhrer unserer
Vereinigungen hielten Reden, und wir gingen in der heien Mittagssonne mit
leerem Magen von Tr zu Tr und sammelten Unterschriften, oder wir standen
an den Straenecken und teilten Zettel aus, oder stellten Sthle und Bnke
im Vortragssaal auf, und wenn irgend jemand nur die leiseste abfllige
Bemerkung ber unsern Fhrer machte, so waren wir gleich bereit, uns mit
ihm zu schlagen. Die Stadtknaben aber lachten ber diese trichten Jungen
vom Lande.

Ich war nach Kalkutta gekommen, um Nazir oder Gerichtssekretr zu werden,
aber jetzt fhlte ich mich auf dem Wege zu einem Mazzini oder Garibaldi.

Um diese Zeit vereinbarten Surabalas Vater und mein Vater, da wir uns
heiraten sollten. Ich war mit fnfzehn Jahren nach Kalkutta gekommen;
Surabala war damals acht. Jetzt war ich achtzehn und nach der Ansicht
meines Vaters bald ber das Heiratsalter hinaus. Aber ich hatte mir im
stillen gelobt, niemals zu heiraten, sondern fr mein Vaterland zu sterben,
daher sagte ich meinem Vater, ich wolle nicht heiraten, bevor ich meine
Studien zum Abschlu gebracht htte.

Nach zwei oder drei Monaten erfuhr ich, da Surabala mit einem
Rechtsanwalt namens Ram Lotschan verheiratet worden sei. Ich war damals
eifrig dabei, Unterschriften fr die Beihilfe zur Wiederaufrichtung Indiens
zu sammeln, und so berhrte mich diese Nachricht gar nicht.

Ich hatte mich immatrikulieren lassen und wollte gerade mein Zwischenexamen
machen, als mein Vater starb. Ich stand nicht allein, sondern hatte meine
Mutter und zwei Schwestern zu erhalten. Daher mute ich die Universitt
verlassen und mich nach einer Anstellung umsehen. Nach vielen Bemhungen
erhielt ich die Stelle eines zweiten Lehrers an der Prparandenanstalt
einer kleinen Stadt im Distrikt Noakhali.

Ich meinte, hier wrde ich gerade am Platze sein. Jeden einzelnen meiner
Schler wollte ich durch meinen persnlichen Einflu zum Fhrer des
knftigen Indiens heranziehen.

Ich begann mit meiner Arbeit und merkte bald, da das bevorstehende Examen
eine dringendere Angelegenheit war, als die Zukunft Indiens. Der Direktor
wurde zornig, wenn ich von irgend etwas anderm redete, als Grammatik oder
Algebra. Und in ein paar Monaten war es mit meiner Begeisterung aus.

Ich bin kein Genie. In der Stille meines Hauses fasse ich wohl khne Plne,
aber wenn ich das Arbeitsfeld betrete, mu ich wie der indische Stier
meinen Nacken unter das Joch des Pfluges beugen, die Stachelpeitsche meines
Herrn ertragen, den ganzen Tag geduldig und mit gebeugtem Haupt die
Schollen aufwerfen und zufrieden sein, wenn ich am Abend etwas
wiederzukuen habe. Solch ein Geschpf ist nicht dazu geschaffen, sich
aufzubumen und Sprnge zu machen.

Einer von den Lehrern mute der Feuersgefahr wegen in der Schule wohnen. Da
ich unverheiratet war, fiel diese Aufgabe mir zu. Ich wohnte in einem
Strohschuppen, dicht bei dem groen Schulhause.

Das Schulhaus stand in einiger Entfernung von der Stadt, neben einem groen
Teich. Um diesen herum standen Areka- und Kokospalmen und Madarpflanzen,
und ganz dicht neben dem Schulgebude wuchsen zwei groe alte
Paternosterbume und warfen weithin khlen Schatten.

Etwas verga ich zu erwhnen, und es schien mir bis hierher auch nicht
erwhnenswert. Der dortige Staatsanwalt Ram Lotschan Ray wohnte in der Nhe
unserer Schule. Ich wute auch, da seine Frau, meine einstige
Spielgefhrtin Surabala, dort mit ihm wohnte.

Ich machte die Bekanntschaft des Herrn Ram Lotschan. Ich kann nicht sagen,
ob er wute, da ich Surabala in ihrer Kindheit gekannt hatte. Ich hielt es
nicht fr angebracht, diese Tatsache bei unserer ersten Bekanntschaft ihm
gegenber zu erwhnen. Ja, ich mu sagen, ich erinnerte mich damals kaum,
da Surabala je irgendwie mit meinem Leben verbunden gewesen war.

An einem schulfreien Tage machte ich Herrn Ram Lotschan einen Besuch. Ich
wei nicht mehr, worber wir uns unterhielten, wahrscheinlich ber die
unglckliche Lage des heutigen Indiens. Nicht als ob sie ihm besonders am
Herzen gelegen htte, aber man konnte sich so gut ein paar Stunden ber
diesen Gegenstand breit und behaglich ergehen, whrend man dazu seine
Pfeife schmauchte.

Whrend wir uns so unterhielten, hrte ich im Nebenzimmer leichte Tritte,
das Rauschen eines Gewandes und ein ganz leises Klirren von Armbndern,
und ich war gewi, da zwei neugierige Augen mich durch den Spalt eines
kleinen Fensters beobachteten.

Pltzlich tauchte vor meinem Geiste ein Augenpaar auf, dunkle Augen, aus
denen Vertrauen, Unschuld und mdchenhafte Liebe leuchteten,-- schwarze
Pupillen, lange, dunkle Wimpern,-- und die Augen waren ruhig und fest auf
mich gerichtet. Mein Herz wurde wie mit eisernem Griff gepackt und krampfte
sich in jhem Schmerz zusammen.

Ich kehrte nach Hause zurck, aber der Schmerz wollte nicht weichen. Ob ich
las, schrieb oder irgend etwas anderes tat, ich konnte die Last nicht von
meinem Herzen abschtteln, sie lag wie ein schwerer Alp auf mir und prete
mir die Brust zusammen.

Am Abend wurde ich etwas ruhiger, und ich versuchte zu berlegen. Was
fehlt mir denn eigentlich? In mir fragte etwas: Wo ist _deine_ Surabala
jetzt? Ich erwiderte: Ich habe sie freiwillig aufgegeben. Ich konnte
nicht erwarten, da sie ewig auf mich warten wrde.

Aber die Stimme in mir beharrte: Damals konntest du sie haben, wenn du
nur wolltest. Heute kannst du tun, was du willst, du hast nicht einmal das
Recht, sie anzusehen. Die Surabala deiner Knabenzeit mag dir noch so nahe
sein; du kannst das Klirren ihrer Armspangen hren und den Duft ihres
Haares in der Luft spren,-- und doch wird immer eine Mauer zwischen euch
beiden sein.

Ich antwortete: Nun gut, sei dem so. Was ist mir Surabala?

Mein Herz fuhr fort: Heute ist Surabala dir nichts. Aber was htte sie dir
sein knnen?

Ach, das ist wahr. _Was_ htte sie mir sein knnen! Das geliebteste aller
Wesen, das mir nher stnde als die ganze Welt, das alle meine Freuden und
Leiden teilte,-- das htte sie sein knnen. Und jetzt ist sie mir so fern,
so fremd, da sie anzusehen verboten, mit ihr zu sprechen unschicklich, an
sie zu denken Snde ist!-- whrend dieser Ram Lotschan pltzlich von
irgendwoher auftaucht, ein paar auswendig gelernte religise Formeln
murmelt und dann mit einem Griff Surabala davontrgt als seinen alleinigen
und unbestrittenen Besitz.

Ich will kein neues Sittengesetz predigen oder die Gesellschaftsordnung
strzen, ich habe nicht die Absicht, Familienbande zu zerreien. Ich will
nur genau das ausdrcken, was in mir vorging, wenn es auch nicht vernnftig
ist. Ich konnte auf keine Weise das Gefhl loswerden, da Surabala, die da
im Schutze von Ram Lotschans Heim waltete, weit mehr mir als ihm gehrte.
Diese Vorstellung war-- das gebe ich zu-- unvernnftig und ungehrig,
aber unnatrlich war sie nicht.

Von nun an konnte ich meine Gedanken nicht auf irgendeine Arbeit richten.
Wenn am Mittag die Schler in meiner Klasse durcheinandersummten, wenn
drauen die Mittagshitze brtete, wenn die laue Brise den sen Duft der
Paternosterblten ins Zimmer trug, dann wnschte ich mir,-- ich wei
nicht, was ich wnschte, aber so viel ist gewi, da ich mir nicht
wnschte, mein ganzes Leben damit zuzubringen, die grammatischen Aufgaben
jener Zukunftshoffnungen Indiens zu verbessern.

Wenn die Schule aus war, konnte ich es in meinem einsamen Hause nicht
aushalten; und doch langweilte mich jeglicher Besuch. Wenn ich in der
Dmmerung am Teich sa und hrte, wie die Brise seufzend durch die Bltter
der Areka- und Kokospalmen strich, dann dachte ich, da doch die
menschliche Gesellschaft ein einziges Gewebe von Fehlern sei; niemand hat
Verstand genug, das Richtige zur richtigen Zeit zu tun, und wenn die
Gelegenheit vorbei ist, zermartern wir uns das Herz in vergeblichem Sehnen.

Ich htte Surabala heiraten und zeitlebens glcklich sein knnen. Aber ich
wollte durchaus ein Garibaldi werden,-- und wurde schlielich der zweite
Lehrer an einer Landschule! Und der Rechtsanwalt Ram Lotschan Ray, der gar
kein Anrecht darauf hatte, Surabalas Gatte zu werden, fr den vor seiner
Heirat Surabala durchaus nichts anderes bedeutete, als hundert andere
Mdchen, hat sie ganz ruhig geheiratet und verdient als Staatsanwalt einen
Haufen Geld; wenn ihm das Essen nicht schmeckt, so schilt er Surabala, und
wenn er guter Laune ist, schenkt er ihr eine Spange! Er ist glatt und rund,
gut gekleidet und frei von jeder Sorge; _er_ bringt nie seinen Abend damit
zu, am Teich zu sitzen und seufzend die Sterne anzustarren.

Ram Lotschan wurde in einem wichtigen Rechtsfall auf ein paar Tage aus der
Stadt abberufen. Surabala war in ihrem Hause ebenso einsam wie ich in
meiner Schule.

Ich erinnere mich, es war an einem Montag. Der Himmel war schon am frhen
Morgen mit Wolken bedeckt. Um zehn Uhr setzte ein feiner Sprhregen ein.
Bei dem drohenden Himmel hielt unser Direktor es fr ratsam, die Schule
frh zu schlieen. Den ganzen Tag lang liefen dunkle Wolken ber den Himmel
hin, als ob sie sich zu einem groartigen Schauspiel rsteten. Am nchsten
Tage, gegen Nachmittag, erhob sich ein Sturm, und der Regen kam in Strmen
herab. Wie die Nacht vorrckte, wuchs die Wut des Sturmes und des Regens.
Zuerst blies der Sturm aus Osten, aber dann wandte er sich und raste nach
Sden und Sdwesten zu.

Es war nutzlos, zu versuchen, in solch einer Nacht zu schlafen. Ich dachte
daran, da Surabala in diesem furchtbaren Wetter in ihrem Hause allein war.
Unsere Schule war viel strker gebaut, als ihr leichtes Sommerhaus. Immer
wieder schickte ich mich an, sie in das Schulhaus herberzurufen, mit der
Absicht, selbst die Nacht drauen am Teich zu verbringen. Aber ich konnte
mir kein Herz dazu fassen.

Um halb zwei Uhr gegen Morgen hrte ich pltzlich das Rauschen der
Flutwoge-- die See kam zu uns heraufgestrzt! Ich lief aus meinem Zimmer,
Surabalas Hause zu. Dazwischen war ein Damm, eine Eindeichung unseres
Teiches, und als ich daraufzu watete, kam mir das Wasser schon bis an die
Knie. Als ich den Damm erstieg, war gerade die zweite Woge heraufgekommen
und brach zerschellend dagegen. Der hchste Teil des Dammes war mehr als
siebzehn Fu ber der Ebene.

Als ich oben ankam, kam gleichzeitig mit mir jemand anders von der
entgegengesetzten Seite. Jede Fiber in mir wute sofort, wer es war, und
meine ganze Seele erzitterte in diesem Bewutsein. Ich zweifelte nicht, da
auch sie mich erkannt hatte.

Auf einer Insel von etwa drei Meilen im Geviert standen wir beide; alles
andere um uns her war mit Wasser bedeckt.

Es war eine Zeit der Sintflut; die Sterne am Himmel waren ausgelscht, und
alle Lichter auf Erden waren verschwunden. Wenn wir damals miteinander
gesprochen htten, so wre es kein Unrecht gewesen. Aber keiner von uns
konnte ein Wort finden, keiner von uns fragte auch nur, wie es dem andern
ginge. Wir standen da und starrten in die Dunkelheit. Zu unseren Fen
wirbelte der schwarze, wilde, heulende Todesstrom.

Heute hat Surabala die ganze Welt verlassen und ist zu _mir_ gekommen.
Heute hat sie niemanden auer mir. In ihrer fernen Kindheit war diese
Surabala aus einer andern Welt, aus irgendeinem dunklen, urzeitlichen Reich
des Geheimnisses gekommen und hatte im hellen Licht dieser menschenvollen
Erde neben mir gestanden, und heute, nach einem langen Zeitraum, hat sie
jene Erde verlassen, die so voll ist von Licht und Leben, um in diesem
furchtbaren, trostlosen Dunkel, in diesem Todeskampfe der Natur allein an
meiner Seite zu sein. Der Strom des Lebens hatte jene zarte Knospe einst
mir vor die Fe gesplt, und die Flut des Todes hat dieselbe Blume, die
jetzt zu voller Blte sich entfaltet hat, ergriffen und mir zugetragen, mir
und niemandem anders! Noch eine Woge, und wir werden von diesem uersten
Rand der Erde, auf dem wir jetzt getrennt sitzen, hinabgefegt und eins
werden im Tode.

Mge diese Woge nie kommen! Mge Surabala lange und glcklich in ihrem Heim
leben, umgeben von ihrem Gatten, ihren Kindern und Verwandten! Diese eine
Nacht, wo ich am Abgrund des Todes gestanden, habe ich ewige Seligkeit
gekostet.

Die Nacht ging hin, der Sturm legte sich, die Flut ebbte ab; ohne ein Wort
zu sagen, ging Surabala nach Hause zurck, und auch ich kehrte heim zu
meinem Schuppen, ohne ein Wort gesagt zu haben.

Ich sa lange und sann: Es ist wahr, ein Nazir oder oberster
Gerichtssekretr oder Garibaldi bin ich nicht geworden; ich bin nur der
zweite Lehrer an einer armseligen Landschule. Aber die eine kurze Nacht hat
auf den ganzen Weg meines Lebens einen Glanz geworfen.

Von allen Tagen und Nchten, die mir zugeteilt sind, war jene eine Nacht
die hchste Erfllung meines Daseins.




DER SIEG


Sie war die Prinzessin Adschita. Und der Snger des Knigs Narajan hatte
sie nie gesehen. Wenn er dem Knige ein neues Lied vortrug, dann erhob er
seine Stimme immer genau so weit, da unsichtbare Hrer hinter den
Vorhngen des Balkons hoch oben ber der Halle sie vernehmen konnten. Er
sandte sein Lied hinauf zu dem fernen Sternenlande, wo der Planet, der sein
Schicksal beherrschte, lichtumflossen thronte, unbekannt und unerreichbar
seinem Blick.

Bisweilen ersphte er einen Schatten, der sich hinter dem Vorhang bewegte.
Oder sein Ohr vernahm einen leisen, fernen Klang, und er trumte von den
Fuspangen, deren goldene Glckchen jeden Schritt mit Gesang begleiteten.
Ach, die rosigen zarten Fe, die ber den Staub der Erde hinschwebten und
ihn segneten wie Gottes Gnade die Snder! Der Dichter hatte sie auf den
Altar seines Herzens gestellt, wo er zum Ton jener goldenen Glocken seine
Lieder wob. Niemals stieg ein Zweifel darber in seiner Seele auf, wessen
Schatten es war, der sich hinter dem Vorhang bewegte, und wessen Fuspangen
zu dem Takt seines pochenden Herzens erklangen.

Mandschari, das Mdchen der Prinzessin, kam jeden Tag auf ihrem Wege zum
Flu an dem Hause des Dichters vorbei, und sie versumte nie, verstohlen
ein paar Worte mit ihm zu wechseln. Wenn die Strae leer war und die
Dmmerung ihren Schatten ber das Land breitete, dann trat sie khn in sein
Zimmer und setzte sich auf eine Ecke seines Teppichs. Und es schien wohl,
da sie mit besonderer Sorgfalt die Farbe ihres Schleiers und die Blume fr
ihr Haar gewhlt hatte.

Die Leute lchelten darber und flsterten allerlei, und man konnte sie
deswegen nicht tadeln. Denn der Dichter Schekhar gab sich keine Mhe zu
verbergen, da diese Begegnungen eine Quelle reiner Freude fr ihn waren.

Ihr Name bedeutete: Bltenstruchen. Jeder mu zugeben, da dies ein
lieblicher Name ist fr ein gewhnliches sterbliches Wesen. Aber Schekhar
gengte er noch nicht, und er nannte sie Frhlingsbltenstruchen. Und die
gewhnlichen Sterblichen schttelten den Kopf und sagten: Ach, du lieber
Himmel!

In den Frhlingsliedern, die der Dichter sang, wiederholte sich auffallend
oft das Lob der Frhlingsbltenstruchen. Der Knig lchelte und blinzelte
ihn bedeutungsvoll an, wenn er es hrte, und dann lchelte der Dichter
auch.

Der Knig fragte ihn wohl manchmal: Hat die Biene nichts anderes zu tun,
als im Hof des Frhlings umherzusummen?

Dann antwortete der Dichter: O doch, sie mu auch den Honig von den
Frhlingsbltenstruchen nippen.

Und alle, die in der Halle des Knigs waren, lachten. Und man sagte, auch
die Prinzessin Adschita habe gelacht, da ihr Mdchen den Namen angenommen,
den der Dichter ihr gegeben, und Mandschari war heimlich im Herzen froh.

So vermischt sich im Leben Wahrheit und Irrtum-- und zu dem, was Gott
baut, fgt der Mensch seinen eigenen Zierat.

Nur das, was der Dichter sang, war reine Wahrheit. Er sang von Krischna,
dem gttlichen Liebenden, und von Radha, der Geliebten, dem ewig Mnnlichen
und ewig Weiblichen; er sang von dem Leid, das so alt ist wie die Zeit
selbst, und von der Freude, die nie enden wird. Und jeder, vom Bettler bis
zum Knig selbst, erprobte die Wahrheit dieser Lieder in seinem innersten
Herzen. Die Lieder des Dichters waren auf aller Lippen. Beim fernsten
Mondenschimmer und beim leisesten Flstern der Sommerbrise brachen seine
Lieder in zahllosen Stimmen hervor aus Fenstern und Hfen, aus den
Segelboten auf dem Flu und aus den Schatten der Bume am Wege.

So rannen die Tage glcklich dahin. Der Snger sang, der Knig lauschte
seinem Lied, und die Zuhrer riefen Beifall. Mandschari kam immer wieder
auf ihrem Wege zum Flu an dem Hause des Dichters vorber-- der Schatten
huschte oben hinter dem Vorhang des Balkons, und die goldenen Glckchen
erklangen von fern.

Gerade um dieselbe Zeit verlie ein Snger sein Heim im Sden, um seinen
Triumphzug durch die Lnder anzutreten. Er kam ins Knigreich Amarapur zum
Knige Narajan. Er stand vor dem Thron und sang ein Lied zum Lobe des
Knigs. Er hatte alle kniglichen Snger auf seinem Wege zum Wettkampf
herausgefordert, und berall war er Sieger geblieben.

Der Knig empfing ihn ehrenvoll und sagte: Dichter, ich biete dir
Willkommen.

Pundarik, der Dichter, erwiderte stolz: Majestt, ich bitte um Kampf.

Schekhar, der Snger des Knigs, wute nicht, wie der Musenkampf gefhrt
werden sollte. Er konnte in der Nacht nicht schlafen. Immer tauchte vor ihm
im Dunkel die mchtige Gestalt des berhmten Pundarik auf mit seinem etwas
zur Seite geneigten stolzen Haupt und der wie ein Sbel gekrmmten Nase.

Mit zitterndem Herzen betrat Schekhar am folgenden Morgen die Arena. Das
Theater war von der Volksmenge gefllt.

Der Dichter verbeugte sich mit schchternem Lcheln vor seinem Nebenbuhler.
Pundarik dankte mit stolzem Kopfnicken und wandte dann den Blick mit
vielsagendem Lcheln nach dem Kreise seiner ihn begleitenden Verehrer.

Schekhar sah hinauf nach dem verhngten Balkon, und seine Seele grte die
Geliebte mit dem Worte: Wenn ich heute Sieger bin in diesem Kampf,
Geliebte, so soll dein siegreicher Name gepriesen werden.

Die Trompete erscholl. Die Menge erhob sich und rief: Sieg dem Knige!
Der Knig trat, in einen weiten, weien Mantel gehllt, langsam in die
Halle, wie eine Herbstwolke, und setzte sich auf den Thron.

Pundarik trat vor, und es ward pltzlich still in der groen Halle. Das
Haupt erhoben, die Brust gedehnt, begann er mit Donnerstimme den Knig
Narajan zu preisen. Seine Worte brandeten wie Wogen gegen die Mauern der
Halle und schienen der lauschenden Menge bis ins Mark zu dringen. Die
Geschicklichkeit, mit der er den Namen Narajan auf verschiedene Weise
deutete und jeden Buchstaben in allen mglichen Verbindungen durch das
Gewebe seiner Verse flocht, nahm seinen erstaunten Hrern den Atem.

Nachdem er wieder Platz genommen hatte, hallte noch minutenlang seine
Stimme zwischen den zahllosen Sulen der kniglichen Halle und in
Tausenden von sprachlosen Herzen nach. Die gelehrten Professoren, die aus
fernen Lndern gekommen waren, erhoben ihre Rechte und riefen: Bravo!

Der Knig warf einen Blick auf Schekhar, und dieser richtete einen
Augenblick die Augen schmerzerfllt auf seinen Herrn; dann erhob er sich
wie ein angeschossenes Wild in hchster Not. Sein Antlitz war bleich, seine
Schchternheit war fast die eines Mdchens, seine schlanke, jugendliche
Gestalt schien wie eine straff gespannte Leier bei der geringsten Berhrung
in Musik ausbrechen zu wollen.

Er begann gesenkten Hauptes, mit leiser Stimme. Die ersten Verse waren fast
unhrbar. Dann hob er langsam das Haupt und seine klare, se Stimme stieg
wie eine zitternde Feuerflamme in die Lfte.

Er begann mit der alten Sage aus dunkler Vorzeit von dem Geschlecht des
Knigs und erzhlte von dem Heldensinn und dem unvergleichlichen Edelmut
dieses Geschlechts bis hinab in die Gegenwart. Er richtete den Blick auf
das Antlitz des Knigs, und die ganze unermeliche Liebe zum Knigshause,
die das Volk still im Herzen hegte, fand Ausdruck und stieg wie Weihrauch
in seinem Liede auf, den Thron von allen Seiten einhllend. Dies waren
seine letzten Worte, als er sich zitternd setzte: Herr, wohl mag man mich
im Spiel der Worte bertreffen, aber niemals in meiner Liebe zu dir.

Trnen fllten die Augen der Hrer, und die Steinmauern erbebten von dem
Beifallssturm.

Doch Pundarik schttelte bei diesem allgemeinen Gefhlsausbruch nur erhaben
sein majesttisches Haupt. Dann erhob er sich und warf mit verchtlichem
Lcheln die Frage in die Versammlung: Was gibt es Hheres als das Wort?
Augenblicklich verstummte der Beifall.

Und nun bewies er, indem er eine erstaunliche Gelehrsamkeit entfaltete, da
das Wort von Anfang an gewesen sei, da das Wort Gott sei. Er brachte einen
Haufen von Belegen aus den heiligen Schriften und errichtete daraus dem
Wort einen hohen Altar, da es darauf throne ber allem, was im Himmel und
auf Erden ist. Er wiederholte mit seiner mchtigen Stimme: Was gibt es
Hheres als das Wort?

Stolz blickte er um sich. Niemand wagte, seine Herausforderung anzunehmen,
und er setzte sich, langsam wie ein Lwe, der sich eben an seinem Opfer
gesttigt hat. Die gelehrten Brahmanen riefen: Bravo! Der Knig war stumm
vor Staunen, und der Dichter Schekhar kam sich ganz unbedeutend vor neben
dieser verblffenden Gelehrsamkeit. Die Versammlung war damit fr den Tag
geschlossen.

Am nchsten Tage stimmte Schekhar sein Lied an. Er sang von jenem Tage, wo
das Fltenspiel der Liebe zum ersten Mal die Lfte des Brindawaldes aus
ihrem Schweigen aufschreckte. Die Schferinnen wuten nicht, wer der
Spieler war und von wannen die Musik kam. Bald schien sie aus dem Herzen
des Sdwindes zu kommen, und bald aus den Wolken, die ber die Hgel
hinzogen. Sie kam und brachte Liebesbotschaft vom Lande des Sonnenaufgangs,
und sie schwebte mit Seufzern der Sehnsucht vom Tal des Sonnenuntergangs
her. Die Sterne schienen die Register des geheimnisvollen Instruments zu
sein, das die Trume der Nacht mit Melodien berflutete. Es war, als ob die
Musik pltzlich von allen Seiten heranstrmte, von Feldern und Hainen, von
schattigen Heckenwegen und einsamen Landstraen, aus dem zarten Blau des
Himmels und aus dem schimmernden Grn des Grases. Sie verstanden ihren Sinn
noch nicht und wuten nicht, was die Sehnsucht in ihrem Herzen bedeutete.
Ihre Augen fllten sich mit Trnen, und ihr Leben sehnte sich,
hinabzutauchen ins Meer des Todes und sich ganz darin zu verlieren.

Schekhar verga seine Hrer, verga, da er dabei war, sich im Kampf mit
seinem Nebenbuhler zu messen. Er stand ganz allein inmitten seiner
Gedanken, die um ihn rauschten und flsterten wie Bltter im Sommerwind,
und er sang das Lied von der Flte. Vor seinem Geiste stand ein Bildnis,
das geboren war aus einem Schatten und aus dem leise klingenden Laut eines
fernen Schrittes.

Er setzte sich. Ein unnennbares Gefhl wehmtiger Wonne, unbestimmt und
grenzenlos, durchbebte die Hrer, und sie vergaen, ihm Beifall zu rufen.
Als sich die Wogen dieses Gefhls legten, trat Pundarik vor den Thron und
forderte seinen Nebenbuhler auf zu erklren, wer der Liebende und wer die
Geliebte sei. Er blickte stolz und selbstbewut um sich, lchelte seinen
Anhngern zu und fragte noch einmal: Wer ist Krischna, der Liebende, und
wer ist Radha, die Geliebte?

Dann begann er, die Etymologie dieser Namen zu erklren, und wie man ihre
Bedeutung auf verschiedene Weise auslegen knne. Mit vollendeter
Geschicklichkeit brachte er alle die verwickelten Systeme der verschiedenen
philosophischen Schulen vor die ganz betubten Zuhrer. Jeden Buchstaben
jener Namen trennte er von seinem Nachbarn und hetzte sie alle einzeln mit
unbarmherziger Logik, bis sie vernichtet in den Staub sanken. Doch dann
griff er sie wieder auf und gab ihnen eine ganz neue Bedeutung, auf die
auch der scharfsinnigste Wortkrmer nicht verfallen wre.

Die Gelehrten waren in Ekstase; laut lrmten sie Beifall, und die Menge
stimmte ein, von dem Wahn hingerissen, da jetzt eben hier vor ihren Augen
durch ein Wunder von Intellekt der Vorhang vor der Wahrheit bis auf den
letzten Faden zerrissen worden sei. Diese gewaltige Leistung entzckte sie
so, da sie ganz vergaen, zu fragen, ob denn die Wahrheit nun auch
wirklich hinter diesem Vorhang war.

Der Knig war von Staunen berwltigt. Die Luft war von allen Musiktrumen
vollstndig gereinigt, und die Welt, die vorher im frischen jungen Grn
dagelegen hatte, hatte sich in eine solide, gut gepflasterte Landstrae
verwandelt.

Dem versammelten Volk erschien ihr Dichter jetzt wie ein bloer Knabe an
der Seite jenes Riesen, der so sicher dahinschritt durch die Welt der Worte
und Gedanken und alle Schwierigkeiten mit einem Tritt zu Boden stampfte.
Zum erstenmal wurde es ihnen klar, da die Dichtungen Schekhars lcherlich
einfach waren, und da sie sie ebenso gut selbst htten schreiben knnen.
Sie waren weder neu, noch schwer verstndlich, noch belehrend, noch
unentbehrlich.

Der Knig versuchte heimlich durch scharfe Blicke seinen Dichter zu einem
letzten Versuch anzuspornen. Aber Schekhar beachtete es nicht und blieb
stumm auf seinem Platz sitzen.

Da stand der Knig zornig auf von seinem Thron-- nahm seine Perlenkette ab
und legte sie Pundarik um das Haupt. Alle in der Halle riefen Beifall. Oben
vom Balkon her kam ein leises Gerusch, wie das Rauschen eines Gewandes
und der Klang von goldenen Glcklein. Schekhar erhob sich und verlie die
Halle.

Die Nacht war dunkel, die Sichel des abnehmenden Mondes gab nur ein mattes
Licht. Der Dichter Schekhar nahm seine Manuskripte aus dem Schrank und
hufte sie auf dem Fuboden auf. Einige davon enthielten seine ersten
Dichtungen, die er fast vergessen hatte. Er bltterte darin und las hier
und da eine Seite. Sie schienen ihm alle so unbedeutend und armselig, bloe
Worte und kindische Reime.

Er zerri seine Bcher eins nach dem andern und warf sie ins Feuer, indem
er sagte: Dir, dir will ich sie weihen, o meine Schnheit, mein Feuer! Du
hast all diese verlorenen Jahre in meinem Herzen gebrannt. Wenn mein Leben
ein Stck Gold gewesen wre, so wre es strahlender aus dieser Feuerprobe
hervorgegangen. Aber es ist eine zertretene Rasenscholle und nichts bleibt
von ihm brig als diese Handvoll Asche.

Die Nacht rckte langsam vor. Schekhar ffnete seine Fenster weit. Er
breitete auf seinem Lager die weien Blumen aus, die er so liebte:
Jasminblten, Tuberosen und Chrysanthemen, brachte alles, was er an Lampen
im Hause hatte, in sein Schlafzimmer und zndete sie an. Dann vermischte er
den Saft einer giftigen Wurzel mit Honig, trank ihn und legte sich auf sein
Lager.

Da erklangen drauen im Korridor goldene Fuspangen und die Brise trug
einen feinen Duft ins Zimmer.

Der Dichter hatte die Augen geschlossen. Meine Herrin, flsterte er,
hast du endlich Erbarmen mit deinem Diener und kommst zu ihm?

Eine se Stimme antwortete: Mein Dichter, ich bin da.

Schekhar ffnete die Augen und sah an seinem Lager die Gestalt einer Frau.
Er konnte nur noch wie durch einen Nebel sehen. Und es schien ihm, da das
aus dem Schatten geborene Bildnis, das er so lange im geheimen Schrein
seines Herzens bewahrt hatte, jetzt in seinem letzten Augenblick in die
Welt hinausgekommen war, um ihm ins Antlitz zu sehen.

Die Gestalt sagte: Ich bin die Prinzessin Adschita. Mit uerster
Anstrengung richtete sich der Dichter von seinem Lager auf.

Die Prinzessin flsterte ihm ins Ohr: Der Knig hat dir nicht
Gerechtigkeit widerfahren lassen. Du warst es, mein Dichter, der den Kampf
gewann, und ich bin gekommen, um dich mit dem Siegeskranz zu krnen.

Damit nahm sie den Blumenkranz von ihrem Haar und setzte ihn dem Dichter
aufs Haupt, und der Dichter sank tot auf sein Lager zurck.




MASCHI

I


Maschi!

Versuche zu schlafen, Dschotin, es wird spt.

Das macht nichts. Ich habe nicht mehr lange zu leben. Ich dachte eben, da
Mani doch lieber zu ihrem Vater sollte nach-- wo wohnt er doch noch?

In Sitarampur.

O ja, Sitarampur. Schicke sie dahin. Sie sollte nicht lnger bei einem
kranken Mann bleiben. Sie ist selbst nicht krftig.

Nun hre ihn einer! Denkst du denn, sie knnte es ertragen, dich in diesem
Zustand zu verlassen?

Wei sie, was die rzte--?

Aber das sieht sie ja selbst! Als ich neulich nur leise andeutete, da sie
zu ihrem Vater sollte, weinte sie sich fast die Augen aus.

                  *       *       *       *       *

Wir mssen hier zur Erklrung sagen, da dieser Bericht die Wahrheit etwas
entstellte-- um es gelinde auszudrcken. In Wirklichkeit verlief das
Gesprch mit Mani folgendermaen:

                  *       *       *       *       *

Nun, mein Kind, du hast wohl Nachricht von deinem Vater bekommen? Ich
meinte, deinen Vetter Anath hier zu sehen.

Ja! Nchsten Freitag ist das Annapraschan-Fest[2] meiner kleinen
Schwester. Daher meine ich--

[2] Entwhnungsfest, wobei das Kind zum erstenmal Reis zu essen bekommt.

Schn, liebes Kind. Schicke ihr ein goldenes Halsband. Darber wird deine
Mutter sich freuen.

Ich mchte selbst hinreisen. Ich habe meine kleine Schwester noch gar
nicht gesehen, und ich mchte sie gar zu gern sehen.

Was fllt dir ein? Du denkst doch nicht im Ernst daran, Dschotin allein zu
lassen? Hast du nicht gehrt, was der Arzt gesagt hat?

Aber er sagte doch, da augenblicklich keine besondere Ursache zu--

Wenn er das auch gesagt hat, du siehst doch, wie krank er ist.

Sie ist das erste Mdchen nach drei Brdern und alle machen soviel aus
ihr.-- Ich hrte, da es eine groe Sache werden soll. Wenn ich nicht
komme, wird Mutter sehr--

Ja, ich wei! Ich verstehe deine Mutter nicht. Aber ich wei auch sehr
gut, wie bse dein Vater sein wird, wenn du jetzt gerade Dschotin allein
lt.

Du mut ihm ein paar Zeilen schreiben und ihm sagen, da kein besonderer
Grund zur Besorgnis da ist und da, selbst wenn ich reise, auch kein--

Ja, da hast du recht; selbst wenn du reist, so ist nicht viel verloren.
Aber das wisse: wenn ich deinem Vater schreibe, werde ich ihm offen sagen,
was ich denke.

Dann brauchst du nicht zu schreiben. Ich werde meinen Mann fragen, und er
wird sicher--

Nun hr mal, mein Kind. Ich habe ein gut Teil von dir ertragen, aber wenn
du das tust, sind wir fertig miteinander. Und dein Vater kennt dich zu gut,
als da du ihn tuschen knntest.

Als Maschi fort war, warf Mani sich verdrielich aufs Bett.

Ihre Nachbarin und Freundin kam und fragte, was geschehen sei.

Denk dir nur! Ist es nicht eine Schande? Jetzt kommt das Annapraschan-Fest
meiner einzigen Schwester, und sie wollen mich nicht hinreisen lassen!

Aber Mani! Du denkst doch nicht wirklich daran, hinzureisen, wo dein Mann
so krank ist?

Ich tue doch nichts fr ihn, und ich knnte es auch nicht, wenn ich es
auch versuchte. Ich will dir offen sagen: Es ist so sterbenslangweilig in
diesem Hause, da ich es nicht aushalten kann!

Du bist eine seltsame Frau!

Ich kann nur nicht heucheln wie ihr andern und trbsinnig aussehen, nur
damit andre nicht schlecht von mir denken.

Nun, dann sag' mir, was du jetzt tun willst.

Ich mu fort. Niemand kann mich hindern.

K! Was du fr eine eigenwillige kleine Frau bist!


II

Als Dschotin hrte, da Mani geweint htte bei dem bloen Gedanken an eine
Heimreise zu ihrem Vater, wurde er so erregt, da er sich im Bett
aufrichten mute. Er schob das Kissen hinter seinen Rcken und sich darauf
zurcklehnend, sagte er: Maschi, ffne das Fenster ein wenig und nimm die
Lampe weg.

Die stille Nacht stand schweigend am Fenster wie ein Pilger der Ewigkeit,
und die Sterne schauten herein, die Zeugen zahlloser Todesszenen in
zahllosen Jahrtausenden.

Dschotin sah das Antlitz seiner Mani auf dem Hintergrunde der dunklen Nacht
und sah, wie ihre groen dunklen Augen unaufhrlich von Trnen berflossen.

Maschi fhlte sich erleichtert, als sie ihn so ruhig sah, denn sie dachte,
er schliefe.

Pltzlich machte er eine hastige Bewegung und sagte: Maschi, ihr meintet
alle, Mani sei zu oberflchlich, um sich in unserem Hause glcklich zu
fhlen. Aber jetzt siehst du--

Ja, mein Liebling, jetzt sehe ich, da ich mich irrte,-- aber in der
Prfung bewhrt sich erst der Mensch.

Maschi!

Versuch doch zu schlafen, mein Liebling.

La mich doch ein bichen denken, la mich plaudern. Sei nicht bse,
Maschi!

Nun also, plaudre.

Damals, als ich glaubte, ich knnte Manis Herz nicht gewinnen, ertrug ich
es still. Aber du--

Nein, mein Liebling, das darfst du nicht sagen; ich ertrug es auch.

Unsre Herzen, weit du, sind nicht leblose Dinge, die man nur aufzunehmen
braucht, um sie zu besitzen. Ich fhlte, da Mani ihr eigenes Herz nicht
kannte und da eines Tages, durch ein starkes Erlebnis--

Ja, Dschotin, du hast recht.

Daher beachtete ich ihre Launen nicht viel.

Maschi schwieg und unterdrckte einen Seufzer. Nicht einmal, sondern oft
hatte sie bemerkt, wie Dschotin die Nacht auf der Veranda zugebracht hatte.
Er hatte sich lieber von dem prasselnden Regen durchnssen lassen, als da
er in sein Schlafzimmer gegangen wre. Wie manchen Tag lang hatte er mit
fieberndem Kopf dagelegen, und sie wute, wie er sich sehnte, da Mani
kme und seine heie Stirn khlte, whrend Mani sich fertig machte, um ins
Theater zu gehen. Doch wenn Mani gekommen war, um ihn zu fcheln, hatte er
sie verdrielich fortgeschickt. Sie allein wute von seiner heimlichen
groen Not. Wie oft htte sie ihm sagen mgen: Beachte das trichte Kind
nicht so viel, la sie, bis sie selbst Sehnsucht und stille Trnen
kennenlernt. Aber so etwas kann man nicht sagen, und es wird auch leicht
miverstanden. Dschotin hatte der Gottheit Weib in seinem Herzen einen
Altar errichtet, auf dem Mani thronte. Er konnte nicht glauben, da er
keinen Anteil haben sollte an dem Wein der Liebe, den jene Gottheit
schenkte. Und so fuhr er fort anzubeten und sein Opfer darzubringen und gab
die Hoffnung auf eine Gabe nicht auf.

                  *       *       *       *       *

Maschi glaubte wieder, da Dschotin schliefe, als er pltzlich ausrief:

Ich wei, du dachtest, ich sei nicht glcklich mit Mani, und daher warst
du bse auf sie. Aber Maschi, das Glck ist wie jene Sterne. Sie decken
nicht die ganze Dunkelheit zu, es sind Lcken dazwischen. Diese Lcken sind
unsere Irrtmer. Wir machen Fehler im Leben und verstehen vieles falsch,
aber das Licht der Wahrheit dringt doch durch.-- Ich wei nicht, wie es
kommt, da mein Herz heute abend so froh ist.

Maschi begann sanft ber Dschotins Stirn zu streichen, whrend ihre Trnen
ungesehen im Dunkel flossen.

Ich dachte eben, Maschi, sie ist so jung! Was wird sie tun, wenn
ich----?

Jung, Dschotin? Sie ist alt genug. Ich war auch jung, als ich den
Geliebten verlor, und ich fand ihn auf immer in meinem Herzen wieder. War
das berhaupt ein Verlust? Und meinst du denn, da man durchaus glcklich
sein mu?

Maschi, es scheint, da gerade, wo Manis Herz erwacht, ich----

Sei darum nicht traurig, Dschotin. Ist es nicht genug, _da_ ihr Herz
erwacht?

Pltzlich fielen Dschotin die Worte aus dem Liede eines Volkssngers ein,
das er vor langer Zeit einmal gehrt hatte:

    O mein Herz, du erwachtest nicht, als der Mann
          deiner Liebe an deine Tr kam.
    Erst beim Schall seiner scheidenden Schritte erwachtest du.
          O, du erwachtest im Dunkel!

Maschi, wie spt ist es jetzt?

Gegen neun.

Noch so frh! Und ich glaubte, es mte wenigstens schon zwei oder drei
sein. Meine Mitternacht beginnt ja schon, wenn die Sonne untergegangen ist.
Aber warum wolltest du denn, da ich schlafe?

Nun, du weit, wie lange du gestern wach lagst, als du immerfort sprachst.
Daher mut du heute frh einschlafen.

Schlft Mani schon?

O nein, sie ist dabei, dir etwas Suppe zu kochen.

Das ist doch nicht dein Ernst, Maschi? Tut sie das wirklich?

Gewi! Sie kocht ja alles fr dich, die fleiige kleine Frau.

Ich dachte, da Mani berhaupt nicht--

Eine Frau braucht nicht lange, um solche Dinge zu lernen. Wenn's not tut,
lernt man sie von selbst.

Die Fischsuppe, die ich heute morgen a, hatte einen so besonders
kstlichen Geschmack; ich dachte, du httest sie gekocht?

Ach, du meine Gte, nein! Du denkst doch nicht etwa, Mani wrde mich
etwas fr dich tun lassen? Sie besorgt ja deine ganze Wsche selbst; sie
wei, wie eigen du damit bist. Wenn du nur deine Wohnzimmer sehen knntest,
wie blitzblank sie alles hlt!-- Wenn ich sie hufig in dein Krankenzimmer
kommen liee, so wrde sie sich ganz aufreiben. Aber das will sie ja auch
gerade.

Ist denn Manis Gesundheit--?

Der Arzt meint, wir sollten sie nicht zu oft ins Krankenzimmer lassen. Sie
ist zu weichherzig.

Aber Maschi, wie kannst du sie daran hindern, hereinzukommen?

Weil sie mir blind gehorcht. Aber ich mu ihr bestndig sagen, wie es dir
geht.

                  *       *       *       *       *

Die Sterne glitzerten am Himmel wie Trnentropfen. Dschotin neigte sein
Haupt dankbar seinem Leben, das im Begriff war zu scheiden, und als der Tod
durch das Dunkel seine Rechte nach ihm ausstreckte, fate er sie
vertrauensvoll.

Nach einer Weile seufzte Dschotin und sagte mit einer Bewegung leiser
Ungeduld:

Maschi, wenn Mani doch noch wacht, knnte ich da nicht-- wenn auch nur
eine--?

Ja gewi! Ich will sie rufen.

Ich werde sie nicht lange festhalten, nur fnf Minuten. Ich habe ihr etwas
Besonderes zu sagen.

Maschi ging seufzend hinaus, um Mani zu holen. Inzwischen fing Dschotins
Puls an, schnell zu schlagen. Er wute nur zu gut, da es ihm nie gelungen
war, ein vertrauliches Gesprch mit Mani zu haben. Die beiden Instrumente
waren verschieden gestimmt, und es war nicht leicht, sie zusammen zu
spielen. Immer wieder hatte Dschotin ein pltzliches Gefhl von Eifersucht
berkommen, wenn er Mani mit ihren Freundinnen lustig schwatzen und lachen
hrte. Dschotin tadelte nur sich,-- warum konnte _er_ nicht ber
oberflchliche Dinge plaudern so wie sie? Nicht da er es nicht gekonnt
htte; mit seinen mnnlichen Freunden plauderte er oft ber allerlei
alltgliche Dinge. Aber _das_ Geplauder, das fr Mnner pat, pat nicht
fr Frauen. Man kann ein philosophisches Gesprch als Monolog halten und
seinen unaufmerksamen Zuhrer gar nicht beachten, aber beim leichten
Geplauder mssen mindestens zwei zusammenwirken. Man kann auf _einer_
Sackpfeife spielen, aber nicht mit _einer_ Zymbel. Wie oft hatte Dschotin,
wenn er am Abend mit Mani drauen auf der Veranda sa, gewaltsame
Anstrengungen gemacht, eine Unterhaltung mit ihr in Gang zu bringen, aber
immer wieder ri gleich der Faden ab. Und es war, als ob der Abend sich
seines Schweigens schmte. Dschotin war sicher, da Mani sich von ihm
fortsehnte. Dann hatte er selbst ernstlich gewnscht, ein Dritter mchte
dazu kommen. Denn eine Unterhaltung zu dreien ist leicht, wenn sie zu
zweien schwer fllt.

Jetzt fing er an darber nachzudenken, was er sagen wollte, wenn Mani kme.
Aber so ein knstlich zurechtgelegtes Gesprch wollte ihn nicht
befriedigen. Dschotin frchtete, da diese fnf Minuten heute abend
verloren sein wrden. Und doch blieben ihm nur so wenige Augenblicke zu
vertraulichem Gesprch.


III

Was ist denn das, Kind, du willst doch nicht irgendwohin?

Doch, ich will nach Sitarampur.

Was denkst du dir denn? Wer soll dich denn begleiten?

Anath.

Nicht heute, mein Kind, ein andermal.

Aber die Kajte ist schon belegt.

Was macht das? Der Verlust lt sich leicht tragen. Reise morgen, morgen
frh.

Maschi, ich glaube nicht an die Unglckstage des Kalenders. Was kann es
schaden, wenn ich heute reise?

Dschotin mchte mit dir sprechen.

Schn, ich habe noch etwas Zeit. Ich will noch schnell einmal nach ihm
sehen.

Aber du mut ihm nicht sagen, da du verreisen willst.

Gut, ich will ihm nichts sagen. Aber ich kann nicht lange bei ihm bleiben.
Morgen ist das Annapraschan-Fest meiner Schwester, und ich mu heute
reisen.

O mein Kind, ich bitte dich, hre doch dies eine Mal auf mich! Versuch,
dich eine Weile ganz still zu fassen und setze dich zu ihm. La ihn nicht
merken, da du es eilig hast.

Was kann ich tun? Der Zug wartet nicht auf mich. Anath kommt in zehn
Minuten zurck. Bis dahin kann ich bei ihm bleiben.

Nein, das geht nicht. In dieser seelischen Verfassung werde ich dich nie
zu ihm lassen... O du erbrmliches Geschpf, der Mann, den du so qulst,
wird bald diese Welt verlassen; aber ich warne dich: du wirst diesen Tag
zeitlebens nicht vergessen. Da es einen Gott gibt, da es einen Gott gibt,
das wirst du eines Tages erfahren.

Maschi, du mut mich nicht so verwnschen.

O mein armer Junge, mein Liebling! Warum lebst du noch lnger? Diese Snde
hat kein Ende, und ich kann nichts tun, sie zu hindern.

                  *       *       *       *       *

Maschi zgerte noch eine Weile, dann ging sie ins Krankenzimmer zurck in
der Hoffnung, da Dschotin inzwischen eingeschlafen sei. Aber Dschotin
bewegte sich im Bett, als sie eintrat. Maschi rief aus:

Sieh einmal an, was sie nun gemacht hat!

Was ist geschehen? Kommt Mani nicht? Warum bist du so lange fortgeblieben,
Maschi?

Ich fand sie bitterlich weinend, weil sie die Milch fr deine Suppe hatte
verbrennen lassen. Ich versuchte sie zu trsten und sagte, es gbe ja noch
mehr Milch. Aber da sie bei der Zubereitung _deiner_ Suppe so nachlssig
hatte sein knnen, der Gedanke brachte sie ganz in Verzweiflung. Mit groer
Mhe gelang es mir, sie etwas zu beruhigen und ins Bett zu bringen. Daher
habe ich sie heute nicht mitgebracht. La sie ihren Kummer verschlafen.

Obgleich es Dschotin schmerzlich war, da Mani nicht kam, fhlte er sich
doch in gewisser Weise erleichtert. Er hatte so halb und halb gefrchtet,
da die wirkliche Mani das Bild, das er von ihr im Herzen trug, trben
knnte. Das war schon frher geschehen. Und der Gedanke, da Mani
unglcklich war, weil sie _seine_ Milch verbrannt hatte, fllte sein Herz
mit berstrmender Freude.

Maschi!

Ja, mein Liebling?

Ich bin ganz gewi, da es mit mir zu Ende geht. Aber ich bin nicht
traurig darum. Grme dich nicht um mich!

Nein, mein Liebling, ich werde mich nicht grmen. Ich glaube nicht, da
nur das Leben gut ist, und der Tod nicht.

Maschi, du kannst mir glauben, der Tod ist s.

Dschotin lag still da und blickte hinaus in den dunklen Nachthimmel, und es
war ihm, als ob es Mani selbst sei, die in Gestalt des Todes auf ihn
zuschritt. Sie war in ewige Jugend gekleidet, und die Sterne waren Blumen,
die die groe Mutter der Welt segnend auf ihren dunklen Scheitel gestreut
hatte. Es war ihm, als ob er sie jetzt wieder zum erstenmal unter dem
Hochzeitsschleier she[3]. Die unendliche Nacht wurde ganz erfllt von dem
liebenden Blick aus Manis dunklen Augen. Mani, die Braut dieses Hauses, das
kleine Mdchen, wurde zu dem Bild einer Gottheit, das auf dem Altar der
Sterne thronte, wo Leben und Tod in _einen_ Strom mnden. Dschotin faltete
die Hnde und flsterte leise: Endlich hat sich der Schleier gehoben, die
Hlle des tiefen Dunkels ist zerrissen. Ach, Geliebte! Wie oft hast du
mein Herz gemartert, aber jetzt wirst du mich nicht mehr verlassen!

[3] Braut und Brutigam sehen einander zum erstenmal bei der Hochzeitsfeier
unter einem Schleier, den man ihnen bers Haupt wirft.


IV

Ich habe Schmerzen, Maschi, aber du mut nicht denken, da ich leide. Es
ist, als ob meine Schmerzen sich allmhlich von meinem Leben lsten. Bisher
folgten sie ihm wie ein beladenes Boot im Schlepptau, jetzt aber ist das
Seil zerrissen, und sie treiben dahin mit allem, was mich drckt. Ich sehe
sie noch, aber sie gehren nicht mehr zu mir.-- Aber Maschi, ich habe
diese beiden letzten Tage Mani nicht ein einziges Mal gesehen!

Dschotin, ich will dir ein anderes Kissen geben.

Es scheint mir fast, Maschi, als ob Mani mich auch verlassen hat und von
mir forttreibt wie das beladene Leidensboot.

Komm, trink ein Schlckchen von dem Granatapfelsaft, mein Liebling. Dir
mu der Hals ganz trocken sein.

Ich schrieb gestern mein Testament; habe ich es dir gezeigt? Ich kann mich
nicht mehr erinnern.

Du brauchst es mir nicht zu zeigen, Dschotin.

Als Mutter starb, besa ich nichts. Du ernhrtest mich und zogst mich auf.
Daher meine ich----

Unsinn, Kind. Ich hatte nur dies Haus und ein bichen Vermgen. Das brige
hast du verdient.

Aber dies Haus--?

Das ist nichts. Du hast ja soviel hinzugebaut, da es schwer ist zu sagen,
wo mein Haus war!

Ich bin sicher, da Manis Liebe zu dir wirklich--

Ja, ja, das wei ich, Dschotin. Nun versuch' zu schlafen.

Wenn ich auch mein ganzes Eigentum Mani hinterlassen habe, so ist es
praktisch doch deins, Maschi. Sie wird dir ja immer in allem gehorchen.

Warum qulst du dich deshalb so viel, mein Liebling?

Alles, was ich habe, verdanke ich dir. Wenn du mein Testament siehst, so
denke keinen Augenblick, daߠ----

Aber was fllt dir ein, Dschotin? Glaubst du denn, da ich es auch nur
einen Augenblick belnehmen knnte, wenn du Mani gibst, was dir gehrt? Ich
bin doch nicht so kleinlich.

Aber du wirst auch----

Nun hre einmal, Dschotin, jetzt werde ich bse. Du willst mich mit Geld
trsten.

Ach, Maschi, wie gern mchte ich dir etwas geben, was besser ist als
Geld!

Das hast du ja getan, Dschotin! mehr als genug. Hast du mir denn nicht
mein einsames Leben ausgefllt? Das war solch ein groes Glck, da ich es
mir in vielen frheren Leben verdient haben mu. Du hast mir soviel
gegeben, da ich jetzt, wo dies Leben mir nichts mehr zu geben hat, nicht
klagen werde. Ja, ja, hinterlasse nur Mani alles: dein Haus, dein Geld,
deinen Wagen und dein Land-- mir sind solche Lasten jetzt zu schwer.

Ich wei ja, da du den Geschmack an den Freuden des Lebens verloren hast,
aber Mani ist so jung, daߠ--

O nein, das mut du nicht sagen. Wenn du ihr dein Eigentum hinterlt, das
ist schon recht, aber was die Freuden des Lebens anbetrifft--

Aber warum sollte sie sie auch nicht genieen, Maschi?

Nein, nein, das wird sie nicht knnen in ihrem groen Schmerz. Sie werden
ihr wie Staub und Asche sein.

                  *       *       *       *       *

Dschotin schwieg. Er konnte nicht entscheiden, ob es wahr war oder nicht
und ob er es beklagen msse, wenn Mani die Welt ohne ihn zuwider war.

Er seufzte und sagte: Das, was wirklich des Gebens wert ist, knnen wir
niemandem zurcklassen.

Es ist nichts Geringes, was du gibst, mein Liebling. Ich bete nur, da sie
den Wert dessen, was ihr gegeben wird, erkennen mge.

Gib mir noch etwas von dem Granatapfelsaft, Maschi, ich bin durstig. Kam
Mani eigentlich gestern zu mir?

Ja, sie kam, aber du schliefst gerade. Sie sa lange Zeit am Kopfende
deines Bettes und fchelte dich; dann ging sie weg, um deine Wsche zu
besorgen.

O wie wunderschn! Ich glaube, ich habe in demselben Augenblick getrumt,
da Mani versuchte, zu mir hereinzukommen. Die Tr war angelehnt, und sie
stie dagegen, aber sie wollte sich nicht ffnen. Aber Maschi, du gehst zu
weit, du solltest sie wissen lassen, da ich sterbe; sonst wird mein Tod
ein so furchtbarer Schlag fr sie sein.

Komm, mein Liebling, ich will dir diesen Schal ber die Fe decken, sie
werden ganz kalt.

Nein, Maschi, ich kann so etwas nicht auf den Fen haben.

Weit du, Dschotin, da Mani dir diesen Schal gestrickt hat? Sie hat so
fleiig daran gearbeitet, als sie eigentlich htte schlafen sollen. Erst
gestern ist sie damit fertig geworden.

Dschotin nahm den Schal und streichelte ihn zrtlich. Er empfand die sanfte
Weichheit der Wolle als hielte er Manis Hand in der seinen. Nacht fr Nacht
hatte sie ihre liebenden Gedanken hineingewoben. Er war nicht aus Wolle
gemacht, sondern aus ihrer Berhrung. Als daher Maschi den Schal ber seine
Fe legte, war es ihm, als ob Mani seine mden Glieder liebkoste.

Aber Maschi, ich dachte, Mani knne gar nicht stricken,-- jedenfalls
mochte sie es nie.

So etwas lernt man schnell. Natrlich mute ich es ihr zeigen. Auch sind
allerlei Fehler darin.

La diese Fehler nur, wir wollen ihn ja nicht auf die Pariser Ausstellung
schicken. Er wird trotz der Fehler meine Fe warm halten.

Dschotin begann sich im Geiste Mani bei der Arbeit vorzustellen, wie sie
Fehler machte und nicht damit zustande kommen konnte und doch Abend fr
Abend geduldig weiter daran arbeitete. Wie lieb und rhrend war das doch!
Und wieder strichen seine Finger zrtlich ber den Schal.

Maschi, ist der Doktor unten?

Ja, er will heute nacht hierbleiben.

Aber sag' ihm, es ist nutzlos, wenn er mir einen Schlaftrunk gibt. Der
verschafft mir nicht wirklich Ruhe, und ich fhle mich nur schlechter
danach. La mich richtig wach bleiben.-- Weit du, Maschi, da unsre
Hochzeit in der Vollmondnacht war im Monat Mai? Morgen ist der Tag, und die
Sterne jener Nacht werden am Himmel scheinen. Mani denkt vielleicht nicht
daran. Ich mchte sie heute daran erinnern; rufe sie doch auf ein paar
Minuten her.-- ... Warum antwortest du nicht? Der Doktor hat dir wohl
gesagt, ich sei so schwach, da jede Aufregung-- aber ich versichere dich,
Maschi, wenn ich heute abend nur ein paar Minuten mit ihr sprechen kann,
brauche ich gar keinen Schlaftrunk.-- Maschi, weine doch nicht so! Ich
fhle mich ganz wohl. Mein Herz ist heute so voll wie nie zuvor in meinem
Leben. Darum mchte ich Mani sehen.-- Nein, nein, Maschi, ich kann es
nicht ertragen, wenn du so weinst. Du bist alle diese letzten Tage so ruhig
gewesen. Was hast du denn nur heute abend?

Ach, Dschotin, ich glaubte, da der Quell meiner Trnen versiegt wre;
aber sie flieen immer wieder von neuem. Ich kann es nicht ertragen.

Ruf' Mani! Ich will sie an unsern Hochzeitsabend erinnern, so da sie
morgen----

Ich geh schon, mein Liebling. Schombhu wird an der Tr warten. Wenn du
irgend etwas willst, ruf' ihn.

Maschi ging in Manis Schlafzimmer und sank weinend auf den Fuboden nieder.
O komm, komm dies eine Mal, du herzloses Geschpf! Erflle die letzte
Bitte dessen, der dir alles gegeben hat. Er stirbt ja schon, gib ihm doch
nicht den Todessto!

                  *       *       *       *       *

Als Dschotin drauen Schritte hrte, fuhr er auf und rief: Mani!

Ich bin Schombhu. Hat der Herr mich gerufen?

Sage deiner Herrin, sie soll kommen.

Wer soll kommen?

Deine Herrin.

Sie ist noch nicht zurck.

Zurck? Von wo?

Von Sitarampur.

Wann reiste sie dahin?

Vor drei Tagen.

Einen Augenblick war Dschotin ganz betubt, und alles drehte sich vor
seinen Augen. Er glitt von den Kissen herab, die ihn sttzten, und stie
den wollenen Schal, der seine Fe bedeckte, auf den Boden.

                  *       *       *       *       *

Als Maschi nach einer langen Weile zurckkam, erwhnte Dschotin Manis Namen
nicht, und Maschi dachte, da er sie ganz vergessen htte.

Pltzlich rief er: Maschi, erzhlte ich dir den Traum, den ich neulich
nachts hatte?

Welchen Traum?

Wo Mani immer gegen die Tr stie, und die Tr wollte sich nicht weiter
als einen Zoll ffnen. Sie stand drauen und konnte nicht herein. Jetzt
wei ich, da Mani bis zuletzt drauen vor meiner Tr bleiben mu.

Maschi antwortete nicht. Sie sah, da der Himmel, den sie aus Lgen fr
Dschotin aufgebaut hatte, nun doch eingestrzt war. Wenn das Leid kommt, so
ist es am besten, es nicht zu verleugnen. Wenn Gott schlgt, knnen wir dem
Schlag nicht ausweichen.

Maschi, die Liebe, die du mir gegeben hast, wird durch all meine knftigen
Leben dauern. Ich habe dies Leben ganz damit angefllt und nehme sie mit
fort. Ich bin gewi, in unserm nchsten Leben wirst du als meine Tochter
geboren werden, und ich werde dich mit meiner ganzen Liebe hten und
hegen.

Was sagst du da, Dschotin? Meinst du, ich soll wieder als Mdchen geboren
werden? Kannst du nicht beten, da ich als Sohn in deine Arme komme?

Nein, nein, nicht als Sohn. Du wirst in mein Haus kommen in jener
wunderbaren Schnheit, die dich schmckte, als du jung warst. Ich kann mir
sogar schon vorstellen, wie ich dich kleiden werde.

Sprich nicht so viel, Dschotin, versuch' zu schlafen.

Ich werde dich Lakschmi[4] nennen.

[4] Gemahlin Vischnus, Gttin des Glckes und der Schnheit.

Aber das ist ein altmodischer Name, Dschotin.

Ja, aber du bist ja auch meine altmodische Maschi. Komm wieder in mein
Haus mit deiner schnen altmodischen Art.

Ich kann doch nicht wnschen, deinem Hause die Enttuschung zu bringen,
da ein Mdchen statt eines Knaben kommt.

Maschi, du hltst mich fr schwach und willst mir alles Schwere ersparen.

Mein Kind, ich bin eine Frau und habe als solche meine Schwche. Daher
habe ich mein ganzes Leben versucht, dir alles mgliche Schwere zu
ersparen,-- aber es ist mir nicht gelungen.

Maschi, ich habe in diesem Leben nicht Zeit gehabt, die Lehren, die ich
empfangen habe, anzuwenden. Aber sie werden mir in meinem nchsten Leben
zugute kommen. Ich werde dann zeigen, was ein Mann leisten kann. Ich habe
gelernt, wie verkehrt es ist, immer nur an sich zu denken.

Was du auch sagen magst, mein Liebling, du hast nie etwas fr dich selbst
erstrebt, sondern alles andern gegeben.

Eins darf ich jedenfalls von mir sagen: Ich bin im Glck nie tyrannisch
gewesen, noch habe ich versucht, mein Recht mit Gewalt zu erzwingen. Weil
ich mich nicht belgen konnte, habe ich lange warten mssen. Vielleicht
wird die Wahrheit zuletzt doch gtig zu mir sein.-- Wer ist da, Maschi,
wer ist da?

Wo? Es ist niemand da, Dschotin.

Maschi, sieh doch einmal nebenan nach. Ich glaubte--

Nein, mein Liebling! Ich sehe niemanden.

Aber ich meinte ganz deutlich----

Nein, Dschotin, es ist nichts. Also sei ruhig. Der Doktor kommt jetzt.

Als der Doktor eintrat, sagte er:

Hren Sie mal, Sie drfen nicht so viel bei dem Kranken sein, Sie regen
ihn auf. Gehn Sie zu Bett, mein Assistent bleibt bei ihm.

Nein, Maschi, ich kann dich nicht fortlassen.

Gut, mein Liebling, ich werde ruhig in der Ecke sitzen.

Nein, nein, du mut dicht bei mir sitzen. Ich kann deine Hand nicht
lassen, nicht bis zuletzt. Deine Hand hat mich gefhrt und aus deiner Hand
soll Gott mich wieder empfangen.

Nun gut, sagte der Doktor, Sie knnen dableiben. Aber Dschotin Babu, Sie
drfen nicht zu ihr sprechen. Es ist Zeit, da Sie Ihre Medizin nehmen.

Zeit fr Medizin? Unsinn! Die Zeit dafr ist vorbei. Jetzt Medizin geben
heit nur tuschen. Aber ich frchte mich auch gar nicht vor dem Sterben.
Maschi, der Tod bereitet mir schon seinen Trank, was soll der Doktor mich
noch plagen! Schick' ihn fort! Dich nur brauch ich jetzt, niemanden sonst,
niemanden! Keine Lge mehr!

Ich mu hier als Arzt Einspruch tun, diese Aufregung schadet Ihnen!

Gehen Sie also fort, Doktor, regen Sie mich nicht mehr auf!-- Ist er
fort, Maschi? ... das ist gut! Nun komm und nimm meinen Kopf in deinen
Scho.

Ja komm, mein Liebling. Und nun versuch' zu schlafen!

Nein, Maschi, sag' nicht, da ich schlafen soll. Wenn ich einschlafe,
wache ich nicht wieder auf. Ich mu mich noch etwas wach halten.-- Hrst
du nicht ein Gerusch? Es kommt jemand!


V

Dschotin, mein Liebling, mach' deine Augen mal ein wenig auf. Sie ist
gekommen. Schau einmal her und sieh!

Wer ist gekommen? Ein Traum?

Kein Traum, mein Liebling! Mani ist mit ihrem Vater gekommen.

Wer bist du?

Siehst du denn nicht? Es ist deine Mani!

Mani? Hat die Tr sich geffnet?

Ja, mein Lieb, sie ist weit offen.

Nein, Maschi, nicht den Schal! nicht diesen Schal! Dieser Schal ist eine
Lge!

Es ist kein Schal, Dschotin. Es ist unsere Mani, die sich ber deine Fe
geworfen hat. Leg deine Hand auf ihren Kopf und segne sie. Weine nicht so,
Mani! Du hast noch Zeit genug dazu. Nun sei ein Weilchen ganz still.




DAS SKELETT


In dem Zimmer, neben welchem wir Knaben zu schlafen pflegten, hing ein
menschliches Skelett. In der Nacht pflegte die Brise, die durch das
geffnete Fenster hereinstrich, mit seinen Knochen zu rasseln. Am Tage
rasselten wir mit diesen Knochen. Wir hatten Osteologie bei einem Studenten
der Medizin, denn unser Vormund war entschlossen, uns in alle
Wissenschaften einzuweihen. Wieweit es ihm gelang, brauchen wir denen, die
uns kennen, nicht zu sagen, und den andern bleibt es besser ein Geheimnis.

Viele Jahre sind seitdem vergangen. Inzwischen ist das Skelett aus dem
Zimmer verschwunden und auch die Osteologie aus unserm Gehirn, ohne eine
Spur zurckzulassen.

Neulich war das Haus voll von Gsten, und ich mute die Nacht in demselben
alten Zimmer zubringen. Der Schlaf wollte in dieser ungewohnten Umgebung
nicht kommen, und whrend ich mich ruhelos von einer Seite auf die andere
warf, hrte ich die Kirchenuhr in der Nhe eine Stunde nach der andern
schlagen. Das Licht der Nachtlampe in der Ecke wurde immer matter, endlich
sprhte und flackerte es noch ein paarmal auf und ging dann ganz aus.

Wir hatten krzlich mehrere Verluste in der Familie gehabt, so war es
natrlich, da das Erlschen der Lampe mich auf Todesgedanken brachte. Ich
stellte die Betrachtung an, da es in der groen Arena der Natur doch
eigentlich derselbe Vorgang sei, wenn eine Lampe erlischt, und wenn das
Lichtlein eines Menschenlebens sich in ewiges Dunkel verliert.

Meine Gedanken riefen das Skelett wieder in meiner Erinnerung wach. Whrend
ich versuchte mir vorzustellen, wie der Leib, der es einst umhllt hatte,
wohl ausgesehen haben knnte, war es mir pltzlich, als ob etwas immer um
mein Bett herumginge, wobei es an den Wnden entlang tastete. Ich konnte
sein rasches Atmen hren. Es schien nach etwas zu suchen, was es nicht
finden konnte, und es ging mit immer hastigeren Schritten im Zimmer umher.
Ich war ganz sicher, da dies alles nur eine Einbildung meines
schlaflosen, aufgeregten Hirns war und da, was mir als laufende Tritte
erschien, in Wahrheit das Pochen der Adern in meinen Schlfen war. Doch
trotzdem berlief es mich kalt. Um diese Halluzination loszuwerden, rief
ich laut: Wer ist da? Die Tritte schienen neben meinem Bett anzuhalten,
und jemand antwortete: Ich bin es. Ich bin gekommen, um mich nach meinem
Skelett umzusehen.

Es wre doch lcherlich gewesen, einem Geschpf meiner Einbildung gegenber
Furcht zu zeigen; daher sagte ich-- indem ich aber doch die Bettdecke
etwas fester fate-- mit erheuchelter Ruhe: Eine nette Beschftigung zu
dieser nchtlichen Stunde! Was wollen Sie denn mit dem Skelett anfangen?

Die Antwort schien fast unmittelbar aus meinem Moskito-Vorhang zu kommen.
Welche Frage! In dem Skelett waren die Knochen, die mein Herz
einschlossen; der jugendliche Reiz meiner sechsundzwanzig Jahre umblhte
es. Sollte ich nicht den Wunsch haben, es noch einmal zu sehen?

Gewi, sagte ich, das ist ein ganz berechtigter Wunsch. Suchen Sie nur
weiter, whrend ich versuche, etwas zu schlafen.

Die Stimme sagte: Aber ich glaube, Sie sind einsam. Nun, da werde ich mich
ein Weilchen zu Ihnen setzen, und wir wollen ein wenig plaudern. Vor Jahren
pflegte ich so bei Menschen zu sitzen und mich mit ihnen zu unterhalten.
Aber whrend der letzten fnfunddreiig Jahre habe ich nur auf den
Verbrennungspltzen der Toten im Winde gesthnt. Ich mchte gern einmal wie
in frheren Zeiten mit einem Menschen plaudern.

Ich fhlte, wie sich jemand ganz dicht bei meinem Vorhang niedersetzte. So
ergab ich mich denn in diese Situation und erwiderte mit soviel
Herzlichkeit, wie ich aufbringen konnte: Ja, das wird sehr nett sein.
Lassen Sie uns von etwas Lustigem reden.

Das Lustigste, was ich kenne, ist meine eigene Lebensgeschichte. Die will
ich Ihnen erzhlen.

Die Kirchenuhr schlug die zweite Stunde.

Als ich noch im Lande der Lebendigen und jung war, frchtete ich eins wie
den Tod selbst, und das war mein Gatte. Was ich fhlte, lt sich nur mit
dem vergleichen, was ein Fisch empfindet, der an einem Angelhaken gefangen
ist. Denn es war, als htte mich ein Fremder mit dem schrfsten aller Haken
aus dem friedlich stillen Heim meiner Kindheit gerissen-- und ich hatte
kein Mittel, ihm zu entrinnen. Mein Gatte starb zwei Monate nach unsrer
Heirat, und meine Freunde und Verwandten beklagten mich mit vielem Pathos.
Der Vater meines Gatten aber, nachdem er mir lange forschend ins Gesicht
geblickt hatte, sagte zu meiner Schwiegermutter: >Siehst du nicht, da sie
den bsen Blick hat?<-- Nun, hren Sie auch zu? Ich hoffe, Sie finden die
Geschichte unterhaltend?

Sehr unterhaltend, sagte ich. Der Anfang ist wirklich uerst lustig.

Lassen Sie mich also fortfahren. Ich war sehr froh, als ich wieder in
meines Vaters Haus zurckkam. Die Leute versuchten, es mich nicht merken zu
lassen, aber ich wute wohl, da ich von der Natur mit einer seltenen,
blendenden Schnheit ausgestattet war. Was meinen Sie?

Ich glaube es wohl, murmelte ich. Aber Sie mssen bedenken, da ich Sie
nie gesehen habe.

Was? Sie haben mich nicht gesehen? Und mein Skelett? Hahaha! Nun gut. Ich
scherzte nur. Wie kann ich Sie je davon berzeugen, da jene zwei
hhlenartigen Lcher das strahlendste dunkle, schmachtende Augenpaar
enthielten? Und da die grinsenden Zhne, die Sie zu sehen pflegten, nichts
ahnen lieen von dem Lcheln, das jene rubinroten Lippen umspielte? Wenn
ich nur versuche, Ihnen eine Vorstellung zu geben von der Anmut, dem Reiz,
der in der Flle der Jugend in weichen, wundervoll geschwungenen Linien
jene trocknen alten Knochen umwuchs und umblhte, so mu ich lcheln. Aber
es macht mich auch zornig. Die hervorragendsten rzte meiner Zeit htten
sich nicht trumen lassen, da meine Knochen dazu gut seien, um Osteologie
daran zu lernen. Wissen Sie, da ein junger Arzt, den ich kannte, mich
tatschlich mit einer goldenen Tschampakblte verglich? Er meinte, da die
ganze brige Welt nur der Kelch sei, der die Blte meiner Schnheit
umschlo. Denkt irgend jemand bei dem Skelett an eine Tschampakblte?

Wenn ich ging, so hatte ich das Gefhl, da, wie ein Diamant Glanz um sich
verbreitet, jede meiner Bewegungen nach allen Seiten Wellen von Schnheit
ausstrahlte. Ich konnte stundenlang meine Hnde betrachten-- Hnde, die
spielend leicht den unbndigsten aller Mnner gezgelt htten.

Aber jenes starre, starrende alte Gerippe hat falsch Zeugnis von mir
abgelegt, whrend ich unfhig war, die schamlose Verleumdung
zurckzuweisen. Darum hasse ich von allen Menschen Sie am meisten! Ich
mchte durch ein Traumbild von meiner einstigen lebenswarmen Schnheit auf
immer allen Schlaf aus Ihren Augen bannen und mit ihm den ganzen
osteologischen Krimskrams, mit dem Ihr Hirn angefllt ist.

Ich knnte bei Ihrem Leibe schwren, wenn Sie ihn noch htten, rief ich
aus, da auch keine Spur von Osteologie mehr in meinem Kopf ist, und da
das einzige, was ihn jetzt erfllt, ein strahlendes Bild vollkommener
Schnheit ist, das sich leuchtend vom schwarzen Hintergrund der Nacht
abhebt. Das ist alles, was ich sagen kann.

Ich hatte keine weiblichen Gefhrten, fuhr die Stimme fort. Mein
einziger Bruder war entschlossen, nicht zu heiraten. Im Frauengemach war
ich allein. Allein pflegte ich im Garten zu sitzen, im Schatten der Bume,
und zu trumen, da die ganze Welt in mich verliebt sei; da die Sterne
schlaflos mit durstigen Blicken meine Schnheit trnken, da der Wind
schmachtende Seufzer ausstiee, wenn er unter irgendeinem Vorwande an mir
vorbeistrich, und da der Rasen, auf dem meine Fe ruhten, wenn er
Bewutsein gehabt, es bei ihrer Berhrung wieder verloren htte. Ich
trumte, da alle jungen Mnner in der ganzen Welt wie Grashalme zu meinen
Fen lgen; und mein Herz wurde von einer unbestimmten Traurigkeit erfat.

Als meines Bruders Freund Schekhar seine medizinischen Studien beendet
hatte, wurde er unser Hausarzt. Ich hatte ihn schon oft durch einen Spalt
des Vorhangs gesehen. Mein Bruder war ein Sonderling und mochte die Welt
nicht mit offenen Augen ansehen. Sie war ihm zu bunt und kraus. Und so
rckte er allmhlich immer mehr von ihr ab, bis er ganz allein in einer
dunklen Ecke sa. Schekhar war sein einziger Freund und daher der einzige
junge Mann, den ich je zu sehen bekam. Und wenn ich des Abends im Garten
meinen Hof hielt, so war das ganze Heer von eingebildeten Anbetern, die zu
meinen Fen lagen, jeder ein Schekhar.-- Hren Sie zu? Woran denken Sie?

Ich erwiderte mit einem Seufzer: Ich wnschte eben, ich wre Schekhar.

Warten Sie ein Weilchen. Hren Sie erst die Geschichte zu Ende. Eines
Tages, in der Regenzeit, bekam ich Fieber. Der Arzt kam, um nach mir zu
sehen. Das war unsre erste Begegnung. Ich lag dem Fenster gegenber, so da
der rosige Abglanz des Abendhimmels auf mein blasses Antlitz fallen mute.
Als der Doktor eintrat und mich anblickte, versetzte ich mich an seine
Stelle und betrachtete mich selbst. Ich sah im herrlichen Abendlicht das
zarte blasse Gesicht wie eine welke Blume auf dem weichen, weien Kissen
liegen, whrend die Locken lose um die Stirn fielen und die schchtern
gesenkten Lider dem ganzen Gesicht einen rhrenden Ausdruck gaben.

Der Doktor fragte in zaghaft leisem Tone meinen Bruder: >Drfte ich wohl
ihren Puls fhlen?<

Ich zog ein mdes, schn geformtes Handgelenk unter der Decke hervor.
>Ach,< dachte ich, als ich darauf blickte, >knnte ich doch nur ein
Saphirarmband daran haben[5].< Ich habe nie gesehen, da ein Doktor sich so
ungeschickt anstellte, wenn er den Puls eines Patienten fhlte. Seine
Finger zitterten, als sie mein Handgelenk faten. Er ma mein Fieber und
ich seinen Herzschlag.-- Glauben Sie mir das nicht?

[5] Witwen drfen sich nur in Wei kleiden, ohne jeden Schmuck.

Das glaube ich Ihnen gern, sagte ich, der Herzschlag des Menschen ist
verrterisch.

Nachdem ich mehrmals erkrankt und wiederhergestellt war, bemerkte ich, da
die Zahl der Hflinge, von denen ich des Abends im Garten trumte, bald auf
einen einzigen zusammengeschmolzen war. Und zuletzt bestand meine kleine
Welt nur noch aus einem Doktor und einem Patienten.

An solchen Abenden kleidete ich mich heimlich in einen goldgelben Sari,
wand um den Knoten, in den ich mein Haar schlang, einen Kranz von weien
Jasminblten und begab mich, mit einem kleinen Spiegel in der Hand, zu
meinem gewohnten Platz unter den Bumen.

Nun, glauben Sie etwa, da man es bald mde wird, seine eigene Schnheit
anzustaunen? Ach nein! Ich sah mich gar nicht mit meinen eigenen Augen.
Ich war damals ein Doppelwesen. Ich sah mich, als ob ich der Doktor wre;
ich starrte mich an, war entzckt, verliebte mich zum Wahnsinn. Aber trotz
all der Liebkosungen, mit denen ich mich berhufte, irrte doch ein Seufzer
in meinem Herzen umher, wie der ruhelose Nachtwind.

Jedenfalls war ich von dieser Zeit ab nie mehr allein. Wenn ich ging,
beobachtete ich mit gesenkten Lidern das Spiel meiner zarten kleinen Zehen
auf der Erde und fragte mich, was der Doktor wohl sagen wrde, wenn er es
sehen knnte. Am Mittag, wenn die Luft von Sonnenglut erfllt war und
nichts zu hren als hin und wieder der ferne Ruf einer Gabelweihe; wenn
drauen an unsrer Gartenmauer der Hndler vorberging mit seinem singenden
Ruf: >Kauft Ringe, kristallene Ringe!<, dann breitete ich ein schneeweies
Tuch auf den Rasen und legte mich darauf, den Kopf auf den Arm gesttzt.
Mit gesuchter Nachlssigkeit ruhte der andere Arm leicht auf dem weichen
Tuch, und dann stellte ich mir vor, jemand erblickte mich in dieser
wundervollen Pose, ergriffe meine Hand mit beiden Hnden ehrfrchtig,
drckte einen Ku auf ihre rosige Flche und ginge dann langsam fort.--
Wie wre es wenn ich die Geschichte hier enden liee? Wie wrde sie Ihnen
gefallen?

Das wre kein schlechter Abschlu߫, erwiderte ich nachdenklich. Sie wrde
zwar nicht ganz vollstndig sein, aber ich knnte ja leicht den Rest der
Nacht damit zubringen, sie irgendwie abzurunden.

Aber auf diese Weise wrde die Geschichte zu ernst. Wo bliebe das Lustige
dabei? Und wo bliebe das Skelett mit seinen grinsenden Zhnen?

Lassen Sie mich daher fortfahren. Sobald der Doktor eine kleine Praxis
hatte, mietete er im Erdgeschosse unseres Hauses ein Zimmer als
Sprechzimmer. Ich befragte ihn damals mitunter im Scherz ber Medizinen und
Gifte, und wieviel von dieser oder jener Arznei dazu gehren wrde, um
einen Menschen zu tten. Dieser Gegenstand interessierte ihn, und er wurde
beredt. Durch solche Gesprche wurde ich mit dem Gedanken an den Tod
vertraut, und so waren Liebe und Tod die beiden Dinge, die meine kleine
Welt ausfllten.-- Meine Geschichte ist jetzt bald zu Ende. Es ist nicht
viel mehr brig.

Von der Nacht ist auch nicht viel mehr brig, murmelte ich.

Nach einiger Zeit bemerkte ich, da der Doktor merkwrdig zerstreut
geworden war, und es schien, als ob er mir etwas zu verbergen suchte,
dessen er sich schmte. Eines Tages kam er herein. Er war sorgfltiger als
gewhnlich gekleidet und lieh sich meines Bruders Wagen fr den Abend.

Ich konnte meine Neugier nicht lnger bezwingen und ging hinauf zu meinem
Bruder, um zu erfahren, was der Doktor vorhatte. Nachdem ich erst ber
andere Dinge geredet hatte, fragte ich ihn endlich: >brigens, Dada[6],
wohin will der Doktor heute abend in deinem Wagen?<

[6] Der ltere Bruder.

>In den Tod<, antwortete mein Bruder kurz.

>Ach, sag' es mir doch<, drngte ich. >Wohin will er in Wirklichkeit?<

>Er will sich verheiraten<, war die etwas deutlichere Antwort.

>Ach, wirklich!< sagte ich und brach in ein langes, lautes Gelchter aus.

Ich erfuhr allmhlich, da die Braut eine reiche Erbin sei, die dem Doktor
ein groes Vermgen mitbringen wrde. Aber warum krnkte er mich, indem er
mir dies alles verbarg? Hatte ich ihn je gefleht und gebeten, sich nicht zu
verheiraten, weil es mir das Herz brechen wrde? Man darf den Mnnern nie
trauen. Ich hatte in meinem Leben nur einem einzigen Manne getraut, und nun
machte ich diese Entdeckung.

Als der Doktor nach getaner Arbeit hereinkam und im Begriff war
aufzubrechen, sagte ich lachend zu ihm: >Nun Doktor, Sie wollen sich heute
abend verheiraten?<

Meine Heiterkeit brachte ihn nicht nur aus der Fassung, sie verletzte ihn
auch.

>Aber wie kommt es denn,< fuhr ich fort, >da wir keine Illumination und
keine Musikkapelle haben?<

Er erwiderte mit einem Seufzer: >Ist eine Hochzeit denn ein so froher
Anla?<

Ich brach in ein erneutes Gelchter aus. >Nein, nein,< rief ich, >dies geht
wirklich nicht. Hat man je von einer Hochzeit ohne Lichter und Musik
gehrt?<

Ich qulte meinen Bruder so sehr, da er sofort alles bestellte, was zu
einer vergngten Hochzeit gehrt.

Die ganze Zeit schwatzte ich in einem fort lustig von der Braut, von dem
bevorstehenden Fest und was ich tun wollte, wenn die Braut ins Haus kme.
>Und, Doktor,< fragte ich, >werden Sie nun noch fortfahren, den Leuten den
Puls zu fhlen?< Hahaha! Wenn man auch nicht sehen kann, was in einem
Menschen, besonders in einem Mann, vorgeht, so will ich doch darauf
schwren, da meine Worte den Doktor wie Dolchste ins Herz trafen.

Die Hochzeitsfeierlichkeit sollte spt am Abend stattfinden. Bevor der
Doktor aufbrach, sollte er mit meinem Bruder drauen auf der Terrasse ein
Glas Wein trinken, wie sie es alle Tage zu tun pflegten. Der Mond war
gerade aufgegangen.

Ich kam lchelnd zu ihnen und sagte: >Haben Sie denn Ihre Hochzeit
vergessen, Doktor? Es ist Zeit aufzubrechen.<

Ich mu hier noch eine Kleinigkeit erwhnen. Ich war inzwischen in die
Apotheke hinunter gegangen und hatte ein kleines Pulver geholt, das ich
unbemerkt in des Doktors Glas geschttet hatte.

Der Doktor leerte sein Glas auf einen Zug und sagte dann mit vor Erregung
erstickter Stimme und mit einem Blick, der mir in die Seele schnitt: >Dann
mu ich fort.<

Die Musik begann zu spielen. Ich ging in mein Zimmer und kleidete mich in
meine Brautgewnder von Seide und Gold. Ich nahm meine Juwelen und
Schmucksachen aus dem verschlossenen Schrank und legte sie alle an; ich
malte das rote Abzeichen meiner Frauenwrde auf den Scheitel meines Haares.
Und dann bereitete ich mir unter dem Baum im Garten mein Lager.

Es war eine wundervolle Nacht. Der sanfte Sdwind kte die Mdigkeit der
Welt hinweg. Der Duft des Jasmins und der Quittenblten fllte den Garten
mit berauschender Freude.

Als die Klnge der Musik leiser und leiser wurden und das Licht des Mondes
blasser und blasser; als die Welt mit ihren altvertrauten Vorstellungen von
Heim und Verwandten meinem Bewutsein wie ein Traum zu entschwinden
begann,-- da schlo ich die Augen und lchelte.

Ich glaubte, da, wenn die Leute kommen und mich finden wrden, jenes
Lcheln noch auf meinen Lippen weilen wrde wie die Spur von rotem Wein,
da ich jenes Lcheln mit mir nehmen und da es mein Antlitz verklren
wrde, wenn ich so hinberschlummerte in mein ewiges Brautgemach. Aber ach,
wo blieb das Brautgemach? Wo die Brautgewnder von Seide und Gold? Als ich
von einem rasselnden Gerusch in mir erwachte, fand ich drei kleine Buben,
die an meinem Skelett Osteologie lernten. Wo einst in meinem Busen Freude
und Leid pochten und die Bltenknospen der Jugend sich eine nach der andern
erschlossen, da war jetzt der Lehrer geschftig mit seinem Zeigestock und
zhlte meine Knochen auf. Und jenes letzte Lcheln, das ich mir so
sorgfltig einstudiert hatte, haben Sie davon eine Spur bemerkt?

Nun, sagen Sie mir, wie gefllt Ihnen die Geschichte?

Sie war wundervoll, sagte ich.

In diesem Augenblick begann der Hahn zu krhen. Sind Sie noch da? fragte
ich. Niemand antwortete. Durchs Fenster dmmerte der Morgen.




DER HTER DES ERBES

I


Brindaban Kundu kam wtend zu seinem Vater und sagte: Ich gehe jetzt auf
der Stelle fort.

Du elendes, undankbares Geschpf! rief der Vater, Dschagannath Kundu,
verchtlich. Wenn du mir alles bezahlt hast, was ich fr deine Nahrung und
Kleidung ausgegeben habe, dann ist es Zeit, so groartig zu tun.

Die Nahrung und Kleidung, die es in Dschagannaths Hause zu geben pflegte,
hatte nicht viel kosten knnen. Unsere alten Weisen wuten mit unglaublich
wenig auszukommen. Dschagannaths Lebensweise zeigte, da sein Ideal in
dieser Beziehung dem ihren nicht nachgab. Wenn er es ihnen nicht ganz
gleichtun konnte, so war zum Teil die Abhngigkeit von der entarteten
Gesellschaft um ihn herum schuld daran, zum Teil waren es gewisse
unvernnftige Forderungen der Natur, bei ihrem Bestreben, Leib und Seele
zusammenzuhalten.

Solange Brindaban noch nicht verheiratet war, ging die Sache ganz gut, aber
nach seiner Verheiratung fing er an, dem Ideal seines Vaters untreu zu
werden. Es war klar, da des Sohnes Begriffe von Wohlsein sich immer mehr
vom Geistigen ab dem Materiellen zuwandten und in das Fahrwasser der
verderbten Welt gerieten. Er wollte das Unbehagen, das ihm Hitze und Klte,
Hunger und Durst verursachten, nicht lnger geduldig hinnehmen. Das
Minimum, das er an Nahrung und Kleidung brauchte, wuchs zusehends.

Vater und Sohn gerieten immer hufiger aneinander. Endlich wurde Brindabans
Frau ernstlich krank, und ein Landarzt wurde gerufen. Aber als der Doktor
eine teure Medizin fr die Kranke verordnete, nahm Dschagannath dies als
einen offenbaren Beweis seiner Unfhigkeit und wies ihm ohne weiteres die
Tr. Zuerst flehte Brindaban seinen Vater an, die Behandlung doch nicht
abzubrechen, dann wurde er heftig und machte ihm Vorwrfe, aber es half
alles nichts. Als seine Frau starb, schalt und schmhte er seinen Vater
und nannte ihn einen Mrder.

Unsinn! sagte der Vater. Sterben die Menschen denn nicht auch, wenn sie
alle mglichen Medizinen verschlucken? Wenn teure Medizinen das Leben
retten knnen, wie kommt es da, da Knige und Kaiser nicht unsterblich
sind? Du erwartest doch wohl nicht, da deine Frau mit mehr Pomp und
Feierlichkeit sterben soll als deine Mutter und deine Gromutter?

Wre Brindaban nicht von Kummer berwltigt und zum Denken ganz unfhig
gewesen, so htten ihm diese Worte wirklich einigen Trost geben knnen.
Weder seine Mutter noch seine Gromutter hatten Medizin genommen, bevor sie
dieser Welt Valet sagten, und so war es altehrwrdige Gewohnheit in der
Familie. Aber ach, die jngere Generation wollte nicht mehr nach dieser
alten Gewohnheit sterben! Die Englnder waren zu der Zeit, in der unsere
Geschichte spielt, erst ins Land gekommen. Die guten alten rechtglubigen
Leute waren damals entsetzt ber die gottlose Art der neuen Generation; sie
hockten stumm in ihrem Winkel und versuchten, aus ihren langen
Wasserpfeifen Trost zu saugen.

Kurz und gut, der moderne Brindaban sagte zu seinem alten Kauz von Vater:
Ich gehe auf der Stelle.

Der Vater war sogleich einverstanden und tat feierlich den Wunsch: Sollte
er in Zukunft seinem Sohne je einen einzigen Heller geben, so mchten die
Gtter ihm diese Tat anrechnen, als ob er das heilige Blut von Khen
vergossen htte. Brindaban wnschte gleicherweise: Sollte er je etwas von
seinem Vater annehmen, so mchte ihm diese Tat wie ein Muttermord
angerechnet werden.

Fr die Leute im Dorf war diese kleine Revolution eine erlsende
Abwechslung in dem ewigen Einerlei ihres Lebens. Und als Dschagannath
seinen Sohn enterbte, tat jeder sein Bestes, um ihn zu trsten. Nur in
einer so entarteten Zeit konnte es geschehen, da jemand sich um eines
Weibes willen mit seinem Vater entzweite-- darin waren sich alle einig.
Und sie gaben auch einen sehr einleuchtenden Grund fr ihre Ansicht: Wenn
einem sein Weib stirbt, sagten sie, so kann er sich gleich ein anderes
suchen. Aber wenn ihm sein Vater stirbt, so kann er nicht fr Geld oder
gute Worte einen anderen bekommen, der an seine Stelle trte. Ihre Logik
war zweifellos richtig, aber es ist zu vermuten, da die gnzliche
Aussichtslosigkeit, einen anderen Vater zu bekommen, den mileiteten Sohn
nicht sehr bekmmerte. Im Gegenteil.

Auch dem Alten wurde die Trennung von Brindaban nicht schwer. Zunchst
einmal wurden die Haushaltsausgaben durch seine Abwesenheit geringer. Und
dann wurde der Vater auch von einer groen Angst befreit, die ihn immer
verfolgt hatte: von der Angst, sein Sohn und Erbe knne ihn eines Tages
vergiften. Wenn er sein krgliches Mahl a, hatte er den Gedanken an Gift
nie loswerden knnen. Nach dem Tode seiner Schwiegertochter hatte diese
Angst sich etwas gemindert, und jetzt, da der Sohn fort war, verschwand sie
ganz.

Aber es gab eine weiche Stelle im Herzen des alten Mannes. Brindaban hatte
einen vierjhrigen Sohn, Gokul Tschandra, mit sich genommen. Nun waren die
Kosten fr den Unterhalt des Kindes verhltnismig gering und konnten
daher Dschagannaths Liebe zu ihm keinen Abbruch tun. Doch wenn sein Kummer,
als Brindaban den Kleinen mit sich nahm, auch aufrichtig war, so mischte
sich doch die Berechnung hinein, wieviel er monatlich durch die Abwesenheit
der beiden sparen wrde, wieviel das in einem Jahr ausmachte und welches
Kapital dazu gehren wrde, um die gleiche Summe an Zinsen einzubringen.

Aber es wurde dem Alten immer schwerer, in dem leeren Hause, in dem kein
Gokul Tschandra mehr Unfug trieb, zu leben. Jetzt war niemand mehr da, der
ihm Streiche spielte, whrend er seine Gebete sprach, niemand, der ihm sein
Essen wegri und es aufa, niemand, der mit seinem Tintenfa davonlief,
wenn er seine Rechnungsabschlsse machte. Der gewohnheitsmige Gang seines
tglichen Lebens, der nun durch nichts mehr unterbrochen wurde, wurde ihm
zur unertrglichen Last. Er fand, da man solchen ungestrten Frieden nur
in der knftigen Welt ertragen knnte. Wenn er die Lcher erblickte, die
sein Enkel in seine Bettdecke gerissen hatte, oder die Tintenzeichnungen
auf seiner Binsenmatte, die von demselben Knstler herrhrten, so wurde ihm
das Herz schwer vor Kummer. Einst hatte er dem Jungen bittere Vorwrfe
gemacht, da er sein Lendentuch in der kurzen Zeit von zwei Jahren
zerrissen hatte; jetzt traten Dschagannath die Trnen in die Augen, als er
da im Schlafzimmer stand und die schmutzigen berreste anstarrte. Er
verwahrte sie sorgfltig in seiner Lade und tat ein feierliches Gelbde:
sollte Gokul je zurckkommen, so wollte er nicht schelten, und wenn er auch
jedes Jahr ein Lendentuch aufbrauchte.

Aber Gokul kehrte nicht zurck, und der arme Dschagannath alterte sehr
schnell. Sein leeres Haus erschien ihm mit jedem Tage leerer.

Der alte Mann hielt es nicht mehr still zu Hause aus. Selbst in der
Mittagszeit, wenn alle ehrbaren Leute im Dorf ihre Mittagsruhe genossen,
dann sah man Dschagannath durchs Dorf wandern, die lange Pfeife in der
Hand. Die Knaben hrten auf zu spielen, wenn sie ihn sahen, sie zogen sich
geschlossen in sichere Entfernung zurck und sangen einen Vers, den ein
Dorfdichter verfat hatte und der die sparsamen Gewohnheiten des alten
Herrn pries. Niemand wagte es, seinen wirklichen Namen zu nennen, aus
Furcht, an dem Tage fasten zu mssen[7], und so legten die Leute ihm
andere Namen bei. Die lteren Leute nannten ihn Dschagannasch[8], aber die
jngere Generation nannte ihn einen Vampyr. Vielleicht hatte die blutlose,
vertrocknete Haut des Alten eine gewisse uere hnlichkeit mit der eines
Vampyrs.

[7] Es herrscht in Bengalen der Aberglaube, da, wer den Namen eines
Geizhalses ausspricht, an dem Tage nichts zu essen bekommt.

[8] Dschagannath heit der Herr der Welt und Dschagannasch wrde heien
der Verderber der Welt.


II

Eines Nachmittags, als Dschagannath wie gewhnlich die von Mangobumen
berschatteten Dorfstraen durchstreifte, sah er einen Knaben,
augenscheinlich einen Fremden, der die Hauptmannschaft ber die Dorfknaben
an sich gerissen hatte und ihnen den Plan eines neuen Streiches
auseinandersetzte. Durch die Energie seines Charakters und die verblffende
Neuheit seiner Ideen gewonnen, hatten die Knaben ihm alle als ihrem
Oberhaupt gehuldigt. Im Gegensatz zu den andern lief er nicht vor dem alten
Mann davon, sondern ging dicht zu ihm heran und schttelte aus seinem
Tschadar[9] eine lebendige Eidechse, die auf den Alten sprang, an seinem
Rcken hinablief und schnell ins Gebsch huschte. Der arme Mann zitterte
vor Schreck am ganzen Leibe, zur groen Belustigung der andern Knaben, die
vor Freude jubelten. Dschagannath ging scheltend und fluchend davon. Doch
er war noch nicht weit gegangen, als der Gamtscha[10] pltzlich von seiner
Schulter verschwand, und im nchsten Augenblick sah man ihn auf dem Kopf
des fremden Jungen, in einen Turban verwandelt.

[9] eine Art Plaid, das als Mantel um die Schulter getragen wird.

[10] Schulterschal.

Die neuen Aufmerksamkeiten dieses Brschchens wirkten befreiend auf
Dschagannath. Es war lange her, seit irgendein Junge sich so etwas bei ihm
herausgenommen hatte. Nach vielem guten Zureden und allerlei schnen
Versprechungen gelang es ihm endlich, den Knaben zu bewegen, zu ihm
heranzukommen, und nun entspann sich folgendes Gesprch zwischen ihnen:

Wie heit du, mein Junge?

Nitai Pal.

Wo wohnst du?

Das sage ich nicht.

Wer ist dein Vater?

Das sage ich nicht.

Warum nicht?

Weil ich von Hause fortgelaufen bin.

Warum hast du das getan?

Mein Vater wollte mich zur Schule schicken.

Es schien Dschagannath eine unntze Geldverschwendung, solchen Knaben zur
Schule zu schicken, und er sagte sich, der Vater msse ein ganz
unpraktischer Mann sein, da er dies nicht eingesehen hatte.

Hr' mal, mein Junge, sagte Dschagannath, mchtest du wohl mit mir
kommen und bei mir bleiben?

Meinetwegen, sagte der Junge. Und sogleich richtete er sich bei
Dschagannath huslich ein, ohne die mindesten Bedenken, als ob das Haus der
Schatten eines Baumes an der Strae gewesen wre. Und nicht nur das. Er
begann seine Wnsche in bezug auf Nahrung und Kleidung mit solcher khlen
Ruhe zu uern, als ob er die Rechnung im voraus bezahlt htte; und wenn
irgend etwas nicht in Ordnung war, machte er sich gar kein Gewissen daraus,
mit dem Alten zu zanken. Es war Dschagannath leicht genug gewesen, sein
eigenes Kind im Zaum zu halten, aber jetzt, wo es sich um ein fremdes Kind
handelte, mute er die Waffen strecken.


III

Die Leute im Dorf waren erstaunt, da Dschagannath sich pltzlich so viel
aus dem fremden Jungen machte. Sie waren sicher, da das Ende des Alten
nahe sei, und sie empfanden es schmerzlich, da er sein ganzes Eigentum
diesem hergelaufenen Schlingel vermachen wrde. Wtend vor Neid htten sie
dem Knaben gern ein Leid angetan, aber der Alte htete ihn wie seinen
Augapfel.

Mitunter drohte der Junge, er wolle fortgehen, und dann suchte der Alte ihn
mit dem Versprechen zu locken, er wolle ihm sein ganzes Eigentum
hinterlassen. So klein der Knabe auch noch war, so verstand er doch schon
vollkommen die Gre dieses Versprechens.

Nun begannen die Dorfbewohner nach dem Vater des Knaben zu forschen. Das
Herz schmolz ihnen vor Mitleid mit den gengstigten Eltern, und sie
erklrten, der Sohn msse ein ganz gottloser Bube sein, da er ihnen solch
Leid zufgte. Sie huften Schmhungen auf sein Haupt, aber die Wut, mit
der sie es taten, verriet eher Neid als Gerechtigkeitssinn.

Eines Tages hrte der alte Mann von einem Wanderer, da ein gewisser
Damodar Pal seinen verlorenen Sohn suche und jetzt eben in diese Gegend
komme. Als Nitai dies hrte, wurde er sehr unruhig; er wollte Reichtum
Reichtum sein lassen und davonlaufen. Dschagannath beruhigte ihn: Ich will
dich verstecken, wo niemand dich finden kann, selbst die Leute im Dorfe
nicht, sagte er.

Dies reizte die Neugier des Knaben, und er fragte: O, wo denn? Zeig mir
schnell den Platz!

Wenn ich ihn dir jetzt zeige, merken es die Leute. Warte, bis es Nacht
ist, sagte Dschagannath.

Die Aussicht auf das geheimnisvolle Versteck entzckte den Knaben. Er malte
sich aus, wie er, sobald sein Vater ohne ihn fortgegangen sein wrde, mit
seinen Kameraden Verstecken spielen und eine Wette machen wollte. Niemand
wrde ihn finden knnen. Wre das nicht ein Spa? Und da auch sein Vater
das ganze Dorf durchsuchen wrde, ohne ihn zu finden-- welch ein
Hauptspa!

Am Mittag schlo Dschagannath den Knaben in seinem Hause ein und verschwand
auf einige Zeit. Als er wieder zurckkam, plagte ihn Nitai mit Fragen.

Sobald es dunkel war, sagte Nitai: Grovater, gehen wir jetzt?

Erst mu es Nacht sein, erwiderte Dschagannath.

Nach einer kleinen Weile rief der Knabe: Jetzt ist es Nacht, Grovater;
komm, la uns gehen.

Die Leute im Dorf sind noch nicht zu Bett, flsterte Dschagannath.

Nitai wartete einen Augenblick, dann sagte er wieder: Jetzt sind sie zu
Bett, Grovater, ganz gewi. La uns jetzt gehen!

Die Nacht rckte vor. Der Schlaf legte sich schwer auf die Lider des armen
Jungen, und er mute gewaltige Anstrengungen machen, um wach zu bleiben. Um
Mitternacht ergriff Dschagannath des Knaben Arm und verlie das Haus. Sie
tasteten sich durch die dunklen Straen des schlafenden Dorfes. Kein Laut
unterbrach die Stille, nur ab und zu heulte irgendwo ein Hund, und dann
stimmten alle Hunde ringsum im Chor ein; oder ein Nachtvogel, der durch den
Laut von Menschentritten zu dieser ungewohnten Stunde aufgeschreckt war,
flatterte dicht an ihnen vorbei. Nitai zitterte vor Angst und klammerte
sich an Dschagannaths Arm.

Sie durchquerten manches Feld, und endlich kamen sie an ein Sumpfdickicht,
wo ein verfallener leerer Tempel stand. Ach, hier ist es! rief Nitai
enttuscht. Er hatte sich den Ort ganz anders gedacht. Hierbei war nichts
besonders Geheimnisvolles. Wie oft hatte er, seit er von Hause fortgelaufen
war, die Nacht in solchem verlassenen Tempel zugebracht. Es war zwar ein
ganz guter Ort zum Versteckenspielen, aber es war doch leicht mglich, da
seine Kameraden ihn hier aufstberten.

Dschagannath trat hinein und hob von der Mitte der Diele eine Steinfliese.
Der erstaunte Knabe erblickte einen unterirdischen Raum, in dem eine Lampe
brannte. Furcht und Neugierde kmpften in seinem kleinen Herzen.
Dschagannath stieg auf einer Leiter hinab, und Nitai folgte ihm.

Als der Knabe sich umsah, sah er rings an den Wnden lauter eherne Krge.
In der Mitte lag ein Gebetteppich ausgebreitet, und davor waren Zinnober,
Sandelpaste, Blumen und andere Dinge, die man zur Pudscha[11] brauchte,
bereitgelegt. Um seine Neugier zu befriedigen, langte der Knabe in einen
der Krge und nahm etwas von dem Inhalt heraus. Es waren Rupien und
Goldmnzen.

[11] pj = gottesdienstliche Verehrung, wie sie Gttern oder auch
Menschen, denen eine besondere Wrde eignet, erwiesen wird.

Dschagannath wandte sich zu dem Knaben. Ich habe dir gesagt, Nitai, da
ich dir all mein Geld geben wrde. Ich habe nicht viel, diese Krge sind
alles, was ich besitze. Diese will ich dir heute bergeben.

Der Knabe sprang hoch vor Freude. Alle? rief er. Du nimmst mir aber auch
keine einzige Rupie wieder davon weg, nicht wahr?

Wenn ich das tue, sagte der alte Mann in feierlichem Ton, so mge meine
Hand ausstzig werden. Aber ich stelle dir eine Bedingung. Wenn jemals mein
Enkel, Gokul Tschandra, oder sein Sohn oder sein Enkel oder Urenkel oder
irgendeiner seiner Nachkommen des Weges hierher kommen sollte, so mut du
ihm oder ihnen alles bis auf die letzte Rupie bergeben.

Der Knabe dachte, der Alte rede irre. Gut, erwiderte er.

So setze dich auf diesen Teppich, sagte Dschagannath.

Warum?

Weil dir Pudscha erwiesen werden mu.

Aber wozu? fragte der Knabe bestrzt.

Das ist so die Vorschrift.

Der Knabe hockte auf dem Teppich nieder, wie ihm gesagt war. Dschagannath
bestrich seine Stirn mit Sandelpaste, machte ihm ein rotes Mal zwischen die
Augenbrauen, legte ihm einen Blumenkranz um den Nacken und begann,
Zaubersprche herzusagen.

Dem armen Nitai war sehr bang zumute, als er so dasa wie ein Gott und die
Zaubersprche anhrte. Grovater, flsterte er.

Aber Dschagannath antwortete nicht, sondern fuhr fort, seine Zaubersprche
zu murmeln.

Zum Schlu schleppte er mit groer Mhe die Krge, einen nach dem andern,
vor den Knaben hin und lie ihn das folgende Gelbde nachsprechen:

Ich verspreche feierlich, da ich diesen ganzen Schatz Gokul Tschandra
Kundu, dem Sohn Brindaban Kundus, dem Enkel Dschagannath Kundus, bergeben
werde, oder dem Sohn oder Enkel oder Urenkel des genannten Gokul Tschandra
Kundu oder irgendeinem seiner Nachkommen oder rechtmigen Erben.

Der Knabe wiederholte diese Worte immer wieder bei jedem Krug, bis er ganz
betubt und seine Zunge wie gelhmt war. Als die Zeremonie zu Ende war, war
die Luft in der Hhle ganz dick von dem Rauch der irdenen Lampe und dem
Atemgift der beiden. Dem Knaben war der Gaumen trocken wie Staub, und alle
seine Glieder brannten ihm. Er erstickte fast.

Die Lampe wurde trber und trber und ging dann ganz aus. In der
vollstndigen Dunkelheit, die nun folgte, konnte Nitai hren, wie der Alte
die Leiter hinaufkletterte. Grovater, wohin gehst du? rief er angstvoll.

Ich gehe jetzt fort, erwiderte Dschagannath, du bleibst hier. Niemand
wird dich finden. Vergi nicht den Namen Gokul Tschandra, Sohn Brindabans
und Enkel Dschagannaths.

Dann zog er die Leiter fort. Mit angsterstickter Stimme flehte der Knabe:
Ich mchte zurck zu meinem Vater!

Dschagannath legte die Steinplatte wieder an ihren Platz. Dann kniete er
nieder und legte sein Ohr an den Stein. Er hrte noch einmal Nitais Stimme:
Vater-- dann kam ein Gerusch, als ob ein schwerer Gegenstand zu Boden
fiel-- dann war alles still.

Nachdem Dschagannath so seinen Reichtum einem Yak[12] bergeben hatte,
begann er, den Stein mit Erde zuzudecken. Dann hufte er zerbrochene
Mauersteine und losen Mrtel darber. Obenauf pflanzte er Grasbschel und
Waldgewchse. Die Nacht war fast vergangen, aber er konnte sich nicht von
dem Orte losreien. Immer wieder legte er sein Ohr an den Boden und
horchte. Es war ihm, als ob von tief, tief unten-- aus dem Innern der Erde
herauf-- ein Wehklagen ertnte. Es war ihm, als ob der Nachthimmel von
diesem einen Laut berflutet wre, als ob die ganze Menschheit, vom
Schlummer aufgeschreckt, sich in ihrem Bett aufrichtete und horchte.

[12] Yak oder Yakscha ist ein bernatrliches Wesen, von dem die
altindische Sage und Dichtung berichtet. In Bengalen versteht man
heutzutage unter einem Yak einen Geist, der einen Schatz zu bewachen hat,
wie in dieser Geschichte.

Der Alte hufte wie rasend Erde auf Erde auf den Stein. Er wollte jenen Ton
irgendwie ersticken, aber immer kam es ihm vor, als hrte er Vater!

Er schlug mit aller Kraft auf den Boden und rief: Sei still, sonst hren
dich die Leute! Aber immer noch glaubte er den Ruf Vater zu hren.

Die Sonne erleuchtete den stlichen Horizont. Da verlie Dschagannath den
Tempel und kam hinaus aufs freie Feld.

Doch auch da rief pltzlich jemand: Vater! Erschrocken wandte er sich um
und sah seinen Sohn dicht hinter sich.

Vater, sagte Brindaban, ich hre, da mein Junge sich in deinem Hause
verbirgt. Ich mu ihn wiederhaben.

Mit weitaufgerissenen Augen und verzerrtem Mund beugte der Alte sich vor
und rief: Dein Junge?

Ja, mein Gokul. Er heit jetzt Nitai Pal, und ich selbst nenne mich
Damodar Pal. Dein >Ruhm< hat sich in der Nachbarschaft so weit verbreitet,
da ich unsere Herkunft verbergen mute, weil die Menschen sich sonst
geweigert htten, unseren Namen auszusprechen.

Langsam hob der alte Mann beide Arme ber den Kopf. Seine Finger begannen
sich krampfartig zu bewegen, als ob er versuchte, nach irgend etwas in der
Luft zu greifen. Dann fiel er zu Boden.

Als er wieder zur Besinnung kam, zog er seinen Sohn nach dem verlassenen
Tempel. Als sie beide drinnen waren, sagte er: Hrst du irgend etwas
klagen?

Nein, sagte Brindaban.

Hre einmal scharf hin! Hrst du nicht jemanden >Vater< rufen?

Nein.

Dies schien ihn sehr zu erleichtern.

Von diesem Tage an pflegte er umherzugehen und die Leute zu fragen: Hrt
ihr nicht etwas klagen? Sie lachten ber den kindischen Alten.

Etwa vier Jahre spter lag Dschagannath im Sterben. Als das Licht der Welt
allmhlich seinen Augen entschwand und das Atmen ihm immer schwerer wurde,
richtete er sich pltzlich wie im Fieberwahn auf. Er warf beide Hnde in
die Luft, als ob er nach etwas tastete, und murmelte: Nitai, wer hat mir
die Leiter weggenommen?

Unfhig, die Leiter zu finden, um aus seinem furchtbaren Kerker
herauszuklettern, wo kein Licht zu sehen und keine Luft zum Atmen war, fiel
er auf sein Lager zurck und entschwand in jene Region, wo noch niemals
jemand gefunden wurde im ewigen Versteckspiel der Welt.

     Ereignisse, wie das in dieser Geschichte erzhlte, die jetzt
     glcklicherweise der Vergangenheit angehren, waren frher in
     Bengalen durchaus nicht selten. Unser Dichter weicht jedoch etwas
     von den landlufigen Berichten ab. Geizige Menschen nahmen zu
     solchem aberglubischen Treiben ihre Zuflucht, um selbst in einer
     zuknftigen Existenz wieder in den Besitz des Schatzes zu kommen.
     Wenn du mich in einer knftigen Existenz des Weges kommen siehst,
     so lautete die gewhnliche Formel des Auftrages, den man dem Opfer
     mitgab, bevor es zum Yak wurde, mut du mir diesen ganzen Schatz
     bergeben. Bewahre ihn bis dahin und rhre dich nicht! In unserer
     Kindheit hrten wir viele wahre Geschichten von Leuten, die
     pltzlich reich geworden waren durch die Begegnung mit solchen
     geisterhaften Wchtern ihres Reichtums aus einer frheren Existenz.




DIE LTERE SCHWESTER

I


Nachdem Tara den andern Frauen des Dorfes ausfhrlich berichtet, welch
bsen, tyrannischen Gatten ihre unglckliche Nachbarin habe, und alle seine
Missetaten aufgezhlt hatte, sprach sie ihm kurz und bndig das Urteil:
Mge Feuer solchem Manne die Zunge verbrennen!

Diese Worte verletzten Dschoygopal Babus Frau; es geziemte einem Weibe
unter keinen Umstnden, ein anderes Feuer als das einer Zigarre in eines
Gatten Mund zu wnschen.

Als sie daher jenem Urteil sanft widersprach, rief die hartherzige Tara mit
doppelter Heftigkeit: Ich wollte lieber in sieben Leben nacheinander Witwe
werden als die Frau eines solchen Mannes. Und damit hob sie die
Versammlung auf und ging fort.

Sasi dachte bei sich: Ich kann mir keine Krnkung von seiten eines Gatten
vorstellen, die das Herz so verhrten knnte. Und wie sie darber
nachdachte, wallte all die Zrtlichkeit ihres liebenden Herzens fr ihren
eigenen Gatten, der jetzt fern war, in ihr auf. Sie warf sich mit
ausgestreckten Armen auf die Seite des Bettes, wo ihr Gatte zu liegen
pflegte, sie kte das leere Kissen und sog den Duft seines Hauptes ein.
Dann schlo sie die Tr, holte aus einem hlzernen Kstchen eine alte, fast
ganz verblichene Photographie mit seinen Schriftzgen und sa lange da, in
Anschaun versunken. So verbrachte sie die stille Mittagszeit, allein in
ihrem Zimmer, alten Erinnerungen hingegeben, und manch heie
Sehnsuchtstrne rann ber ihr Antlitz.

Die Ehe zwischen Sasikala und Dschoygopal war nicht mehr jung. Sie waren
frh verheiratet und hatten Kinder. Die lange Gewohnheit des Umgangs hatte
ihr Leben in gemchlicher Alltglichkeit dahinflieen lassen. Auf keiner
Seite hatte sich je eine Spur groer Leidenschaft gezeigt. Sie hatten
sechzehn Jahre ununterbrochen zusammen gelebt, als ihr Gatte pltzlich aus
geschftlichen Grnden von Hause abgerufen wurde, und nun erwachte ein
starkes Liebesbedrfnis in Sasis Herzen. Da die Trennung das Band zwischen
ihnen straffer spannte, zog sich der Knoten noch fester, und die
Leidenschaft, die Sasi bisher gar nicht in sich gesprt hatte, prete ihr
das Herz jetzt schmerzhaft zusammen.

So geschah es, da Sasi nach so vielen langen Jahren, in ihrem Alter und
obgleich sie lngst Mutter von Kindern war, an diesem Frhlingsmittag auf
ihrem vereinsamten Ehebett liegend, den sen Traum brutlicher Jugend zu
trumen begann; die Musik jener Liebe, die sie bisher nie vernommen hatte,
drang pltzlich an ihr Ohr und spann sie in ihren Zauber ein wie der
murmelnde Sang eines Flusses. Sie wanderte den Flu hinauf und sah an
beiden Ufern manch goldenen Palast und manchen schattigen Hain; aber ihr
Fu fand unter den entschwundenen Glckshoffnungen keinen Halt mehr. Da
sagte sie sich, da, wenn ihr Gatte erst zurckkme, ihr Leben nicht wieder
so leer dahinrinnen, da der Frhling nicht wieder vergeblich an ihre Tr
klopfen sollte. Wie oft hatte sie mit migem Streit und kleinlichem Zank
ihren Gatten geqult! Mit der ganzen Einfalt eines reuigen Herzens gelobte
sie sich, ihm nie wieder Ungeduld zu zeigen, niemals sich seinen Wnschen
zu widersetzen, alle seine Befehle gehorsam hinzunehmen und in allem, im
Guten wie im Bsen, mit liebevollem Herzen seinen Willen zu tun; denn fr
sie war der Gatte das Ein und Alles, der hchste Gegenstand der Liebe, ja,
ein Gott.

Sasikala war die einzige Tochter und das Schokind ihrer Eltern. Darum
machte Dschoygopal, der selbst nur ein kleines Vermgen hatte, sich keine
Sorgen um die Zukunft. Sein Schwiegervater hatte genug, da sie in einem
Dorfe mit frstlichem Aufwand leben konnten.

Da wurde Sasikalas Vater noch in seinem Alter ein Sohn geboren. Man mu
gestehen, da Sasi von diesem unerwarteten unschicklichen und ungerechten
Benehmen ihrer Eltern sehr schmerzlich berhrt war, und auch Dschoygopal
war nicht gerade erfreut darber.

Die ganze Liebe der Eltern richtete sich jetzt auf diese spte Frucht ihres
Alters, und als der neuangekommene, winzige, schlfrige Schwager mit seinen
beiden schwachen kleinen Fustchen alle Hoffnungen und Erwartungen
Dschoygopals an sich ri, da nahm dieser eine Stelle in einem Teegarten in
Assam an.

Seine Freunde rieten ihm dringend, doch mehr in der Nhe Beschftigung zu
suchen, aber sei es nun aus einem allgemeinen Gefhl des Grolls oder weil
er die guten Aussichten auf schnelles Emporkommen in einem Teegarten
kannte, Dschoygopal wollte auf niemanden hren. Er schickte Frau und Kinder
zu seinem Schwiegervater und reiste nach Assam. Es war die erste Trennung
der Gatten, seit sie verheiratet waren.

Dies Ereignis machte Sasikala sehr zornig auf ihren kleinen Bruder. Der
Groll, der nicht ber die Lippen kommen darf, frit um so mehr am Herzen.
Wenn der kleine Bursche nach Herzenslust sog und schlief, fand seine groe
Schwester hundert Grnde zur Unzufriedenheit. Bald war der Reis kalt, oder
die Knaben kamen zu spt zur Schule, oder was es sonst war. Tag und Nacht
plagte sie sich und andere mit ihren rgerlichen Launen.

Aber nach kurzer Zeit starb die Mutter des Kindes. Vor ihrem Tode bergab
sie den kleinen Sohn der Sorge ihrer Tochter.

Da eroberte das mutterlose Kind schnell das Herz seiner Schwester. Laut
schreiend streckte er seine rmchen nach ihr aus und versuchte mit aller
Anstrengung ihren Mund, Nase und Augen in sein eigenes kleines Mulchen zu
bekommen; er packte mit seinen kleinen Fustchen ihr Haar und wollte es
nicht wieder loslassen; wenn er vor Tagesanbruch erwachte, wlzte er sich
zu ihr hinber, und sie fhlte die wohlige Wrme seines Krperchens und
hrte seinem Lallen wie dem Pltschern eines Bchleins zu; spter nannte er
sie Dschidschi und Dschidschima und tyrannisierte sie ganz regelrecht,
indem er bald verbotene Dinge tat, bald von verbotenen Speisen naschte,
bald an verbotene Orte lief. Da konnte Sasi ihm nicht lnger widerstehen.
Sie ergab sich bedingungslos diesem eigenwilligen kleinen Tyrannen. Seit
das Kind keine Mutter mehr hatte, hatte es Macht ber sie bekommen.


II

Der Name des Knaben war Nilmani. Als er zwei Jahre alt war, wurde sein
Vater ernstlich krank. Dschoygopal erhielt einen Brief mit der Bitte, so
schnell wie mglich zu kommen. Als er mit viel Mhe Urlaub erhalten hatte
und ankam, lag Kaliprasanna schon im Sterben.

Vor seinem Tode bergab er seinen Sohn der Sorge Dschoygopals und
vermachte seiner Tochter den vierten Teil seines Besitzes.

Nun gab Dschoygopal seine Stellung auf und kam nach Hause, um nach seinem
Eigentum zu sehen.

Nach langer Trennung sahen sich die Gatten wieder. Wenn irgendein Ding
zerbricht, so kann man die Teile wieder zusammenfgen. Aber wenn zwei
Menschen getrennt werden, so fgen sie sich nach langer Trennung nie wieder
an derselben Stelle und zur gleichen Zeit zusammen; denn die Seele ist ein
lebendes Wesen und wchst und wandelt sich jeden Augenblick.

In Sasi weckte die Wiedervereinigung neue Gefhle. Die Erstarrung
jahrelanger Gewohnheit in der frheren Zeit ihrer Ehe war durch die
Sehnsucht der Trennungszeit gnzlich gelst, und es war ihr jetzt, als ob
ihr der Gatte enger als je wieder verbunden wrde. Hatte sie sich doch im
Herzen gelobt: was fr Tage auch kommen und wie lange sie auch dauern
mchten, nie sollte der Glanz dieser Liebe zu ihrem Gatten sich trben.

Dschoygopal jedoch empfand anders bei dieser Wiedervereinigung. Als sie
frher bestndig zusammengewesen waren, hatten ihn seine Interessen und
Eigenheiten an sein Weib gebunden. Sie war damals eine lebendige Wahrheit
in seinem Leben, und das Gewebe seiner tglichen Gewohnheiten htte einen
groen Ri bekommen, wenn sie pltzlich gefehlt htte. Daher fhlte er
sich, als er zuerst sein Heim verlie, ganz verloren. Aber mit der Zeit
wurde dieser Ri in seiner Gewohnheit durch eine neue Gewohnheit wieder
zugeflickt.

Und dies war nicht alles. Frher hatte er ganz sorglos und trge
dahingelebt. In den letzten beiden Jahren war der Trieb, seine Lage zu
verbessern, in ihm so mchtig geworden, da er an nichts anders dachte. In
der Heftigkeit dieser neuen Leidenschaft schien ihm sein frheres Leben wie
ein wesenloser Schatten. In der Natur der Frau werden die grten
Vernderungen durch die Liebe bewirkt, in der des Mannes durch den Ehrgeiz.

Als Dschoygopal nach zwei Jahren zurckkehrte, fand er, da seine Frau
nicht ganz dieselbe geblieben war. Ihr Leben hatte durch seinen kleinen
Schwager an Umfang gewonnen. Dieser Teil ihres Lebens war ihm ganz fremd--
hier hatte er keine Gemeinschaft mit seinem Weibe. Sie gab sich alle Mhe,
ihn an ihrer Liebe fr das Kind teilnehmen zu lassen, aber man kann nicht
sagen, da es ihr gelang. Sasi kam wohl mit dem Kinde auf dem Arm zu ihm
und hielt es ihm lchelnd entgegen-- aber Nilmani umklammerte Sasis Nacken
und verbarg sein Gesicht an ihrer Schulter und wollte von der andern
Verwandtschaft nichts wissen. Sasi wollte, da ihr kleiner Bruder
Dschoygopal all die Knste vormachte, womit er die Herzen zu gewinnen
pflegte. Aber Dschoygopal lag gar nichts daran. Wie konnte das Kind dann
Lust dazu haben? Dschoygopal konnte gar nicht begreifen, was an diesem
dickkpfigen Kinde mit dem ernsten, brunlichen Gesicht sei, da man so
viel Liebe an ihn verschwenden solle.

Frauen verstehen solche Dinge schnell. Sasi verstand sofort, da
Dschoygopal Nilmani nicht leiden mochte. Und von nun an hielt sie ihren
Bruder sorgfltig im Hintergrund, um ihn vor dem lieblosen, abweisenden
Blick ihres Mannes zu schtzen. So wurde das Kind fr sie ein heimlich
gehteter Schatz, der Gegenstand ihrer einsamen Liebe.

Dschoygopal war sehr rgerlich, wenn Nilmani schrie; daher suchte Sasi das
Kind immer schnell zu beruhigen, indem sie es zrtlich an sich drckte und
ihm liebkosend zusprach. Und wenn Nilmanis Schreien des Nachts Dschoygopal
einmal im Schlafe strte und Dschoygopal gefoltert aufbegehrte und ber das
Kind schalt, so zitterte Sasi innerlich und fhlte sich gedemtigt und
schuldig. Dann nahm sie das Kind auf ihren Scho und setzte sich mit ihm in
die entfernteste Ecke und schmeichelte es mit tausend zrtlich geflsterten
Liebesworten wie: mein goldiger Schatz, mein Augenlicht, mein holdes
Kleinod wieder in Schlaf.

Kinder zanken sich um hundert Kleinigkeiten. Sonst pflegte Sasi in solchen
Fllen ihre Kinder zu bestrafen und ihres Bruders Partei zu nehmen, da er
ja keine Mutter hatte. Jetzt vernderte sich mit dem Richter auch das
Gesetz. Nilmani mute oft unschuldig schwere Strafe erleiden, ohne da
Dschoygopal untersuchte, wer der Schuldige war. Dies Unrecht traf Sasi wie
ein Dolch ins Herz; sie nahm ihren bestraften Bruder in ihr Zimmer und
suchte, so gut sie konnte, mit Sigkeiten und Spielsachen und durch Ksse
und Liebkosungen sein gekrnktes Herz zu trsten.

Je mehr Sasi Nilmani liebte, desto mehr rgerte sich Dschoygopal ber ihn.
Und wiederum, je mehr Dschoygopal seine Abneigung gegen Nilmani zeigte,
desto mehr badete Sasi das Kind in dem Nektar ihrer Liebe.

Und wenn Dschoygopal seine Frau rauh behandelte, so diente sie ihm mit
schweigender Sanftmut und liebevoller Gte. Aber innerlich verletzten sie
sich jeden Augenblick Nilmanis wegen.

Dies heimliche Aneinanderreiben bei einem solchen Konflikt ist viel
schwerer zu ertragen als ein offener Zusammensto.


III

Nilmanis Kopf war das Grte an ihm. Es war, als ob der Schpfer eine groe
Blase durch ein dnnes Rohr aufgeblasen htte. Die rzte frchteten
zuweilen, da das Kind auch einmal schnell wie eine Blase dahinschwinden
knnte. Es lernte sehr spt sprechen und gehen. Wenn man sein ernstes,
trauriges Gesicht sah, so htte man denken knnen, da seine Eltern die
ganze traurige Last ihres Alters auf das Haupt dieses kleinen Kindes
abgeladen htten.

Dank der sorgfltigen Pflege seiner Schwester berstand Nilmani die
gefhrliche Periode der Kinderkrankheiten und war nun schon fnf Jahre alt.

Im Monat Kartik[13] am Bhaiphoto-Tag[14] hatte Sasi Nilmani wie einen
kleinen Babu herausgeputzt mit Rock und Tschadar[15] und rotumsumtem
Lendentuch und war dabei, das Bruderzeichen auf seine Stirn zu malen, als
ihre freimtige Nachbarin Tara hereinkam und anfing, mit ihr zu zanken.

[13] Mitte Oktober bis Mitte November.

[14] Wrtlich Bruderzeichen. Ein schner und rhrender Brauch bei den
Hindus: die Schwester macht mit Sandelpaste ein Zeichen auf die Stirn ihres
Bruders und spricht eine Formel aus, kraft deren sie vor das Tor Jamas,
des Todesgottes, eine Schranke setzt (d.h. ihm langes Leben wnscht). Bei
dieser Gelegenheit bewirten die Schwestern ihre Brder, machen ihnen
Geschenke usw. (Anm. d. engl. bersetz.)

[15] Eine Art Plaid, das als Mantel getragen wird.

Es hat keinen Zweck, rief sie, dem Bruder mit so viel Prunk und Staat
das Bruderzeichen zu geben, wenn man ihn im geheimen seines Eigentums
beraubt.

Sasi war wie vom Donner gerhrt. Staunen, Wut und Schmerz kmpften in ihr.
Tara wiederholte ihr das Gercht, Sasi und ihr Mann htten sich den Plan
ausgeheckt, das Besitztum des minderjhrigen Nilmani wegen rckstndiger
Pacht zum Verkauf zu stellen und es durch einen Vetter Dschoygopals fr
sich ankaufen zu lassen. Als Sasi dies hrte, stie sie den Fluch aus, da
denen, die eine so schreckliche Lge verbreiteten, die Zunge gelhmt werden
mge. Dann ging sie weinend zu ihrem Manne und erzhlte ihm von der
Klatscherei. Dschoygopal sagte: Man kann heutzutage doch niemandem trauen.
Upen ist der Sohn meiner Tante, und ich fhlte mich ganz sicher, als ich
ihm die Sorge fr das Besitztum berlie. Wenn ich nur den geringsten
Verdacht gehabt htte, so htte es nicht geschehen knnen, da er das Gut
Hasilpur in Zahlungsrckstand geraten lie und es nachher heimlich fr sich
ankaufte.

Willst du ihn denn nicht verklagen? fragte Sasi erstaunt.

Den eigenen Vetter verklagen! rief Dschoygopal. Auerdem wrde es gar
nichts ntzen, es wre bloe Geldverschwendung.

Es war Sasis vornehmste Pflicht, den Worten ihres Gatten zu glauben, aber
sie konnte es nicht. Ihr glckliches Heim, ihr liebendes Wirken im Hause
wurde ihr verhat. Das Familienleben, das einst ihre hchste Zuflucht
gewesen war, war fr sie jetzt nichts mehr als ein grausames Netz von
Selbstsucht, das Bruder und Schwester von allen Seiten umstrickte. Sie war
eine Frau und stand allein, wie sollte sie den hilflosen Nilmani retten? Je
mehr sie grbelte, je mehr fllte sich ihr Herz mit Abscheu gegen ihren
Gatten und mit unendlicher Liebe fr ihren gefhrdeten kleinen Bruder. Wenn
sie nur gewut htte, wie sie es machen sollte, so wre sie gern zum Lat
Saheb[16] gegangen, ja sie htte der Maharani[17] selbst geschrieben, da
sie das Eigentum ihres Bruders rettete. Die Maharani htte sicher nicht
geduldet, da Nilmanis Gut Hasilpur mit einem jhrlichen Einkommen von 758
Rupien verkauft wrde.

[16] Vizeknig.

[17] Der Knigin.

Als Sasi so bei sich berlegte, wie sie ihres Mannes Vetter zur
Rechenschaft ziehen knnte, indem sie sich an die Maharani selbst wandte,
wurde Nilmani pltzlich von Fieber und Krmpfen ergriffen.

Dschoygopal rief den Dorfarzt. Als Sasi ihn bat, einen besseren Arzt zu
holen, sagte Dschoygopal: Ach was, Matilal versteht seine Sache ganz gut.

Sasi fiel ihm zu Fen und beschwor ihn bei ihrem Leben, worauf Dschoygopal
sagte: Gut, ich werde den Arzt aus der Stadt schicken.

Sasi kauerte auf dem Bette mit Nilmani im Scho; er wollte sie auch keinen
Augenblick aus den Augen lassen; er klammerte sich an sie, damit sie ihm
nicht unter irgendeinem Vorwand entschlpfte, selbst im Schlaf lie er ihr
Kleid nicht los.

So verging der ganze Tag, und abends kam Dschoygopal und sagte, da der
Doktor nicht zu Hause sei, er sei fort zu einem entfernten Kranken. Er
fgte hinzu, er selbst msse noch am selben Abend wegen eines Prozesses
fortreisen und habe Matilal Bescheid gesagt, der sich regelmig nach dem
Kranken umsehen wolle.

In der Nacht begann Nilmani im Schlaf zu phantasieren. Sobald der Morgen
dmmerte, nahm Sasi, ohne sich im geringsten zu bedenken, ein Boot und
fuhr mit ihrem kranken Bruder zum Arzt. Der Arzt war zu Hause-- er war gar
nicht aus der Stadt fortgewesen.

Er fand schnell ein Unterkommen fr sie, und nachdem er sie der Frsorge
einer ltlichen Witwe bergeben hatte, unternahm er die Behandlung des
Knaben.

Am nchsten Tage kam Dschoygopal. Kochend vor Wut gebot er seiner Frau,
sofort mit ihm nach Hause zurckzukehren.

Und wenn du mich kurz und klein schlgst, so kehre ich doch nicht zurck,
erwiderte sie. Ihr alle wollt meinen Nilmani umbringen, der nicht Vater
noch Mutter, der niemand als mich hat, aber ich will ihn retten.

Dann bleibst du hier und kommst nicht wieder in mein Haus zurck, rief
Dschoygopal zornig.

Da fuhr Sasi endlich auf. _Dein_ Haus! Das Haus gehrt meinem Bruder!

Gut, wir werden sehen, sagte Dschoygopal. Die Nachbarn erhoben einen
groen Lrm ber diesen Vorfall. Wenn du mit deinem Mann zanken willst,
sagte Tara, so tu es zu Hause. Wozu mut du ihm davonlaufen? Er ist doch
immer dein Gatte.

Es gelang Sasi, indem sie alles Geld, was sie bei sich hatte, ausgab und
ihre Schmucksachen verkaufte, ihren Bruder aus dem Rachen des Todes zu
retten. Da hrte sie, da ihr groes Besitztum Dwarigram, auf dem ihr
Wohnhaus stand und dessen jhrliche Einknfte mehr als 1500 Rupien
betrugen, mit Hilfe des Zemindars[18] von Dschoygopal auf seinen eigenen
Namen umgeschrieben worden war. Jetzt gehrte also das ganze Besitztum
nicht mehr ihrem Bruder, sondern ihnen.

[18] Der von der Regierung gegen eine Pachtsumme angestellte Hauptpchter
eines Landstriches mit dem Recht der Unterverpachtung.

Als Nilmani sich von seiner Krankheit erholt hatte, bat er immer wieder
klglich: La uns nach Hause gehen, Schwester. Er hatte Heimweh nach
seinen Neffen und Nichten, seinen Gespielen. Daher sagte er immer wieder:
La uns heimgehen, Schwester, in unser altes Haus zurck. Sasi weinte,
wenn er so bat. Wo war ihr Heim?

Aber das Weinen ntzte nichts. Ihr Bruder hatte niemanden auf der Welt als
sie. Das sagte sich Sasi. So wischte sie denn ihre Trnen ab, ging in das
Haus des stellvertretenden Friedensrichters, Tarini Babu, und bat seine
Gattin, ihr zu helfen. Der stellvertretende Friedensrichter kannte
Dschoygopal. Da eine Frau ihr Haus verlie und wegen Eigentumssachen mit
ihrem Manne Streit anfing, brachte ihn sehr gegen Sasi auf. Doch lie er
sich nichts merken, er schrieb sofort an Dschoygopal und hielt Sasi eine
Zeitlang hin. Dschoygopal kam, setzte seine Frau und seinen Schwager mit
Gewalt in ein Boot und brachte sie nach Hause.

So waren die Gatten nach einer zweiten Trennung zum zweitenmal wieder
vereint. So wollte es Pradschapati[19].

[19] Der Gott der Ehe bei den Hindus.

Nilmani war vollkommen glcklich, da er nach langer Abwesenheit seine
alten Gespielen wieder hatte. Wie Sasi seine ahnungslose Freude sah, war es
ihr, als ob ihr das Herz brechen wollte.


IV

Der Friedensrichter bereiste whrend der khlen Jahreszeit das Land und
schlug sein Zelt im Dorf auf, um zu jagen. Auf der Dorfwiese traf der
Sahib Nilmani. Die andern Knaben gingen dem groen Herrn wie einem
gefhrlichen Untier weit aus dem Wege. Aber Nilmani blieb unerschrocken
stehen und starrte den Sahib ernsthaft und neugierig an.

Der Sahib ging belustigt auf ihn zu und fragte auf Bengalisch: Du gehst in
die Dorfschule?

Der Knabe nickte stumm. Was fr pustaks[20] liest du? fragte der Sahib.

[20] Ein gelehrtes Wort fr Bcher.

Da Nilmani das Wort pustak nicht verstand, starrte er den Friedensrichter
nur weiter schweigend an. Zu Hause erzhlte Nilmani seiner Schwester mit
groer Begeisterung von dieser Begegnung.

Am Mittag ging Dschoygopal, mit Beinkleidern, langem Rock und Turban
angetan, um dem Sahib seine Aufwartung zu machen. Ein Schwarm von
Bittstellern, Dienern und Polizisten standen um ihn herum. Da der Sahib die
Hitze frchtete, hatte er sich drauen vor dem Zelt an einem khlen
schattigen Platz an den Gerichtstisch gesetzt, und nachdem er Dschoygopal
einen Stuhl hatte bringen lassen, fragte er ihn, wie alles im Dorfe
stnde. Als Dschoygopal so vor aller Augen auf dem Ehrensitz Platz nahm,
schwoll sein Selbstgefhl gewaltig, und er dachte, wie schn es wre, wenn
jetzt einer von den Tschakrabartis oder Nandis kme und ihn da she.

In diesem Augenblick kam eine Frau, das Antlitz dicht verhllt und Nilmani
an der Hand fhrend, geradewegs auf den Friedensrichter zu. Sahib, sagte
sie, Ihrem Schutz bergebe ich meinen hilflosen Bruder. Retten Sie ihn.
Der Sahib, der den ernsten Knaben mit dem groen Kopfe sogleich
wiedererkannte und sich sagte, da die Frau sicher einer angesehenen
Familie angehrte, stand sogleich auf und bat sie, in sein Zelt
einzutreten.

Doch die Frau sagte: Was ich zu sagen habe, will ich hier sagen.

Dschoygopal erbleichte. Fr die neugierigen Dorfbewohner war die Geschichte
ein Hauptspa, und sie drngten sich heran. Aber sobald der Sahib seinen
Stock erhob, machten sie sich davon.

Noch immer die Hand des Bruders haltend, erzhlte Sasi die Geschichte
dieses Waisenkindes von Anfang an. Sobald Dschoygopal versuchte, sie zu
unterbrechen, donnerte ihn der Friedensrichter mit zornrotem Gesicht an:
Schweig! und machte ihm mit dem Stock ein Zeichen, sich zu erheben und
stehenzubleiben.

Dschoygopal, der innerlich vor Wut schumte, stand stumm da. Nilmani
schmiegte sich an seine Schwester und hrte scheu und furchtsam zu.

Als Sasi ihre Erzhlung beendet hatte, richtete der Sahib ein paar Fragen
an Dschoygopal, und nachdem er seine Antworten gehrt hatte, schwieg er
eine ganze Weile. Dann wandte er sich an Sasi: Gute Frau, sagte er, wenn
auch diese Angelegenheit eigentlich nicht vor mein Gericht gehrt, so
knnen Sie doch gewi sein, da ich die ntigen Schritte tun werde, um
Ihnen zu helfen. Sie knnen ohne Sorge mit Ihrem Bruder nach Hause gehen.

Doch Sasi erwiderte: Sahib, solange das Haus nicht ihm gehrt, wage ich
nicht, ihn dahin zu bringen. Wenn Sie selbst nicht Nilmani bei sich
behalten, wird niemand anders ihn retten knnen.

Und was soll aus Ihnen werden? fragte der Sahib.

Ich werde in meines Gatten Haus zurckkehren, sagte Sasi; fr mich ist
nichts zu frchten.

Der Sahib lchelte ein wenig zweifelnd, und da ihm nichts anderes
brigblieb, so willigte er ein, diesen mageren, dunklen, ernsten, gesetzten
vornehmen bengalischen Knaben, dessen Hals dicht mit Amuletten behngt war,
in seine Obhut zu nehmen.

Als Sasi fortgehen wollte, klammerte der Knabe sich an ihr Kleid. Hab'
keine Angst, baba,-- komm, sagte der Sahib. Whrend die Trnen hinter
ihrem Schleier flossen, sagte Sasi: Ja, geh, mein Bruder, mein geliebter
Bruder-- du wirst deine Schwester wiedersehen!

Damit umarmte sie ihn, strich ihm noch einmal liebkosend ber Kopf und
Rcken und ri sich dann eilig los, whrend der Sahib seinen linken Arm um
ihn legte. Das Kind schrie auf: Schwester, o meine Schwester! Sasi wandte
sich jh um und streckte noch einmal stumm den Arm nach ihm aus, als wollte
sie ihn trsten, dann eilte sie mit brechendem Herzen davon.

Und wieder trafen die Gatten in dem altvertrauten Hause zusammen. So
wollte es Pradschapati!

Aber diese Vereinigung dauerte nicht lange. Denn bald darauf hrten die
Dorfbewohner eines Morgens, da Sasi in der Nacht an der Cholera gestorben
und sofort eingeschert sei.

Niemand uerte ein Wort darber. Nur die Nachbarin Tara wollte mitunter
mit etwas herausplatzen, aber die Leute brachten sie schnell mit
erschrockenem Pst zum Schweigen.

Sasi hatte beim Abschied ihrem Bruder versprochen, da sie sich wiedersehen
wrden. Wo das Versprechen erfllt wurde, kann niemand sagen.




SUBHA


Als man dem Mdchen den Namen Subhaschini[21] gab, wer htte da ahnen
knnen, da sie stumm sein wrde? Ihre beiden lteren Schwestern hieen
Sukeschini[22] und Suhasini[23], und um der Gleichfrmigkeit willen nannte
der Vater seine jngste Tochter Subhaschini. Sie wurde der Krze wegen
Subha genannt.

[21] Die lieblich Plaudernde.

[22] Die lieblich Gelockte.

[23] Die lieblich Lchelnde.

Die beiden lteren Schwestern waren mit den gewhnlichen Unkosten und
Schwierigkeiten verheiratet, und nun lag die jngste Tochter wie eine
stille Last auf dem Herzen der Eltern. Alle Menschen schienen zu meinen,
da sie, da sie nicht sprach, auch nicht fhlte; sie sprachen in ihrer
Gegenwart ganz offen ber ihre Zukunft und ihre eigenen Sorgen darber. Sie
hatte schon in ihrer frhesten Kindheit verstanden, da sie ein Fluch fr
ihr Vaterhaus war, daher zog sie sich von den andern zurck und versuchte,
abseits zu leben. Wenn sie sie nur alle vergessen wollten! Sie fhlte, da
sie es dann htte ertragen knnen. Aber wer kann seinen Schmerz vergessen?
Tag und Nacht qulte der Gedanke an sie die Eltern. Besonders die Mutter
empfand sie als ein krperliches Gebrechen an sich selbst. Fr die Mutter
ist die Tochter noch mehr ein Teil ihrer selbst als der Sohn es sein kann;
und ein Fehler an ihr ist fr sie eine Quelle persnlicher Schmach.
Banikantha, Subhas Vater, liebte sie eigentlich noch mehr als seine andern
Tchter; aber die Mutter betrachtete sie mit Abneigung als einen
Schandfleck am eigenen Leibe.

Wenn Subha auch keine Sprache hatte, so hatte sie doch ein paar groe,
dunkle, von langen Wimpern beschattete Augen; und ihre Lippen bebten leise
wie ein Blatt bei jedem Gedanken, der sie bewegte.

Wenn wir unsere Gedanken in Worten ausdrcken wollen, so ist die
Vermittlung gar nicht leicht zu finden. Es bedarf erst der bersetzung, die
oft ungenau ist, und dann werden wir miverstanden. Aber ein Paar dunkle
Augen brauchen nicht bersetzt zu werden, aus ihnen spricht die Seele
unmittelbar. In ihnen erffnet oder verschliet sich uns der Gedanke,
leuchtet uns klar entgegen oder tritt dster hervor, steht ruhig und
gelassen da wie der untergehende Mond oder schiet wie der Blitz hervor und
erhellt einen Augenblick alles um sich her. Sie, die von ihrer Geburt an
keine andere Sprache gekannt haben als das Zittern ihrer Lippen, lernen
eine Sprache der Augen, die unendlich ausdrucksvoll ist; sie ist tief wie
das Meer, klar wie der Himmel, in ihr spielen Licht und Schatten, Morgen-
und Abendrte. Die Stummen haben etwas von der einsamen Gre der Natur
selbst. Daher war es fast, als ob die andern Kinder Subha frchteten; sie
spielten fast nie mit ihr. Sie war schweigend und ohne Gefhrten wie der
stille Mittag.

Das Dorf, wo sie lebte, hie Tschandipur. Sein Flu, der fr einen Flu
Bengalens klein war, hielt sich in seinen engen Grenzen, wie ein Mdchen
aus dem Mittelstande. Dieser geschftige Streifen Wasser flo nie ber
seine Ufer, sondern erfllte gewissenhaft seine Pflichten, als ob er ein
Glied jeder Familie gewesen wre, die an seinen Ufern wohnte. Zu beiden
Seiten waren Huser und Bume, die die Ufer beschatteten. So wurde die
Gttin des Flusses, wenn sie von ihrem Knigsthron herabstieg, zur
Gartengottheit jedes Heims und eilte, sich selbst vergessend, leichtfig
und heiter von einer Aufgabe zur andern, unendlichen Segen spendend.

Banikanthas Gehft lag dicht am Flu. Die vorberfahrenden Schiffer konnten
jede Htte und jeden Schuppen desselben sehen. Ich wei nicht, ob irgend
jemand unter diesen Anzeichen von Wohlstand das kleine Mdchen bemerkte,
die, wenn ihre Arbeit getan war, sich nach dem Fluufer schlich und dort
sa. Denn hier vermite sie die Gabe der Sprache nicht, hier sprach die
Natur fr sie. Das Murmeln des Baches, die Stimmen der Dorfleute, die
Lieder der Schiffer, das Zwitschern der Vgel und das Rauschen der Bume,
alles flo zu _einer_ Sprache zusammen und wurde eins mit dem Zittern ihres
Herzens. Es wurde zu einer groen Woge von Schall, die an ihr sehnschtiges
Herz schlug. Dies Rauschen und Raunen in der Natur war die Sprache der
armen Stummen, und in ihren dunklen Augen fand die Sprache der Welt um sie
her ihren Ausdruck. Von den kleinen Heimchen, die im Gebsch zirpten, bis
zu den stillen Sternen ber ihr war nichts, was nicht zu ihr sprach mit
Zeichen und Gebrden, Weinen und Seufzen. Und in der tiefen Stille des
Mittags, wenn die Schiffer und Fischerleute zum Essen gegangen waren, wenn
die Dorfbewohner schliefen und die Vgel verstummt waren, wenn die
Fhrboote mig am Ufer lagen, wenn die groe, geschftige Welt mit ihrer
Arbeit haltmachte und pltzlich schweigend dastand wie ein einsamer,
furchtbarer Riese, dann saen unter dem weiten Himmelsdom, in der
feierlichen Mittagsstille, die beiden allein und schweigend da: die stumme
Natur und das stumme Mdchen-- die eine berstrmt vom Sonnenlichte, die
andere von einem kleinen Baum beschattet.

Aber Subha war nicht ganz ohne Freunde. Im Stall waren zwei Khe, Sarbaschi
und Panguli. Sie hatten nie von ihren Lippen ihren Namen gehrt, aber sie
kannten ihren Schritt. Wenn sie auch keine Worte hatte, so hatte sie doch
ein liebevolles Murmeln fr sie, und sie verstanden ihr sanftes Gemurmel
besser als alle Worte. Wenn sie sie liebkoste oder schalt oder sich
zrtlich an sie schmiegte, so verstanden diese Tiere sie besser, als
Menschen es htten tun knnen. Subha kam zu ihnen in den Stall und schlang
ihren Arm um Sarbaschis Nacken; sie rieb ihre Wange an der ihrer Freundin,
und Panguli sah sie mit ihren groen gtigen Augen an und leckte ihr
Gesicht. Das Mdchen kam dreimal am Tage regelmig zur bestimmten Zeit zu
ihnen, aber auch dazwischen besuchte sie sie noch oft. Immer wenn sie Worte
gehrt hatte, die sie verletzten und ihr wehe taten, so kam sie zu diesen
stummen Freunden. Es war, als ob sie in ihrem stillen, traurigen Blick ihre
innere Not lsen. Sie drngten sich dicht an sie und rieben ihre Hrner
sanft an ihren Armen und versuchten, sie in ihrer stummen, hilflosen Art zu
trsten. Auer diesen beiden waren da noch ein paar Ziegen und ein
Ktzchen, aber so nahe standen sie Subha doch nicht, wenn sie sich auch
ebenso anhnglich zeigten. Das Ktzchen sprang bei jeder Gelegenheit, die
sich ihm bot, auf ihren Scho, um dort sein Schlfchen zu halten, und
schnurrte behaglich und dankbar, wenn Subhas weiche Finger ihm ber Hals
und Rcken strichen.

Subha hatte aber auch unter der hheren Tiergattung einen Kameraden, und
es ist schwer zu sagen, wie ihre Beziehungen zueinander waren, denn er
konnte sprechen, und diese Gabe nahm ihnen die Mglichkeit, sich
miteinander in der allgemeinen Natursprache zu verstndigen. Er war der
Jngste von den Gosains, namens Pratap, ein trger Bursche. Nach langer
vergeblicher Mhe hatten seine Eltern die Hoffnung aufgegeben, da je etwas
aus ihm werden und er es lernen wrde, sich selbst durchzuschlagen. Nun
haben Taugenichtse den Vorteil, da sie, wenn auch ihre eigenen Verwandten
nichts von ihnen wissen wollen, gewhnlich bei allen andern sehr beliebt
sind. Da sie durch keine Arbeit gebunden sind, werden sie ffentliches
Eigentum. Wie jede Stadt ihren freien Platz braucht, wo alle atmen knnen,
so braucht jedes Dorf zwei bis drei solche Freiherren von Miggang, die
Zeit fr alle haben, so da, wenn wir ein wenig faulenzen mchten und einen
Gefhrten brauchen, gleich einer zur Hand ist.

Prataps Hauptehrgeiz richtete sich auf den Fischfang. Damit wute er eine
Menge Zeit zu verbringen, und fast jeden Nachmittag konnte man ihn in
dieser Beschftigung finden. So kam es, da er hufig mit Subha
zusammentraf. Bei allem, was er tat, hatte er gern einen Kameraden, und
beim Fischfang ist ein stummer Kamerad der beste. Pratap schtzte Subha
wegen ihrer Schweigsamkeit, und da alle andern sie Subha nannten, zeigte er
ihr seine Zuneigung, indem er sie Su nannte.

Subha sa dann unter einem Tamarindenbaum, und Pratap warf nicht weit davon
seine Angel aus. Er hatte immer etwas Betel mitgebracht, und Subha
bereitete ihn ihm zu. Und wenn sie so dasa und ihm lange zusah, stieg wohl
in ihr der heie Wunsch auf, ihm helfen, etwas Groes fr ihn tun zu
knnen, um zu beweisen, da sie keine nutzlose Last in dieser Welt sei.
Aber was sollte sie tun? Dann wandte sie sich in stillem Gebet an den
Schpfer, er mchte ihr pltzlich eine wunderbare Gabe verleihen, so da
Pratap erstaunt ausrufen mte: Potztausend, ich htte mir nie trumen
lassen, da unsre Su so etwas knnte!

Man denke nur! Wenn Subha eine Wassernymphe gewesen wre, so wre sie
langsam aus dem Flu emporgetaucht und htte ihm den Edelstein aus einer
Schlangenkrone ans Ufer gebracht. Dann htte Pratap sein armseliges Fischen
lassen und in die Unterwelt hinabtauchen knnen, und dort htte er in einem
silbernen Palaste auf einem goldenen Bett -- nun, wen gesehen? Wen sonst
als die stumme kleine Su, Banikanthas Kind? Ja, unsre Su, die einzige
Tochter der glnzenden Juwelenstadt! -- Aber das wrde nie geschehen, es
war unmglich. Nicht da irgend etwas wirklich unmglich war, aber Su war
nicht im kniglichen Palast von Patalpur[24], sondern im Hause Banikanthas
geboren, und so wute sie kein Mittel, Pratap in Erstaunen zu setzen.

[24] Stadt der Unterwelt.

Allmhlich wuchs sie heran. Allmhlich begann sie, sich selbst zu finden.
Ein nie gekanntes, unbestimmtes Gefhl durchwogte sie, wie die Flut des
Meeres, wenn der Vollmond aufsteigt. Sie stand vor sich selbst wie vor
etwas ganz Neuem, das sie sich nicht erklren konnte.

Einmal, es war spt in einer Vollmondnacht, ffnete sie langsam ihre Tr
und blickte schchtern hinaus. Die Natur, die selbst auch in ihrem Vollmond
war wie die einsame Subha, sah auf die schlafende Erde herab. Auch in ihr
pulsierte starkes junges Leben; Freude und Traurigkeit fllte ihr Wesen zum
berquellen, sie war an den Grenzen ihrer grenzenlosen Einsamkeit
angelangt, ja, sie war ber sie hinausgekommen. Das Herz war ihr schwer,
und die Sprache war ihr versagt! An das Gewand dieser stummen gengsteten
Mutter klammerte sich ein stummes gengstetes Kind.

Der Gedanke an Subhas Heirat erfllte die Eltern mit steter Sorge. Die
Leute machten ihnen Vorwrfe und sprachen sogar davon, da sie sie aus der
Kaste ausstoen wrden. Banikantha war wohlhabend, sie aen zweimal am Tage
Fisch-Ragout, und infolgedessen fehlte es ihnen nicht an Feinden. Da nahmen
die Frauen die Sache in die Hand, und Bani verreiste auf ein paar Tage.
Bald kehrte er zurck und sagte: Wir mssen nach Kalkutta reisen.

So wurde denn die Reise in dieses fremde Land vorbereitet. Subhas Herz war
schwer von Trnen wie ein nebelumhllter Morgen. Eine unbestimmte Angst
hatte sich schon seit Tagen in ihr gesammelt, und sie ging ihren Eltern auf
Schritt und Tritt nach wie ein stummes Tier. Mit angstvoll geffneten
Augen forschte sie in ihrem Gesicht, als ob sie ihr Schicksal in ihren
Zgen lesen wollte. Aber sie wrdigten sie keines Wortes. Eines
Nachmittags, whrend dies alles vor sich ging und als Subha einmal wie
sonst Pratap beim Fischen zusah, rief er lachend: Nun, Su, jetzt haben sie
also glcklich einen Brutigam fr dich eingefangen und du wirst heiraten.
Vergi mich nur nicht ganz! Dann wandte er seine Aufmerksamkeit wieder den
Fischen zu. Wie ein verwundetes Wild den Jger in stummer Todesangst
anblickt, als fragte es ihn: Was habe ich dir getan? so blickte Subha
Pratap an. An dem Tage sa sie nicht mehr unter dem Baum. Als Banikantha
seinen Mittagsschlaf beendet hatte und in seinem Schlafzimmer sa und
rauchte, strzte Subha ihm pltzlich laut aufschluchzend zu Fen und sah
ihn flehend an. Banikantha versuchte, sie zu trsten, und auch seine Wange
wurde feucht von Trnen.

Die Reise nach Kalkutta war auf den folgenden Tag festgesetzt. Subha ging
in den Kuhstall, um den Gefhrten ihrer Kindheit Lebewohl zu sagen. Sie
lie sie aus der Hand fressen; sie umklammerte ihren Hals, sie sah ihnen
ins Gesicht, und Trnen strmten unaufhrlich aus ihren Augen und kndeten
den stummen Freunden ihr ganzes Leid. Es war die zehnte Nacht des neuen
Mondes. Subha ging hinaus und warf sich auf ihr Rasenlager neben dem
geliebten Flu. Es war, als ob sie ihren Arm um die Erde, ihre starke,
schweigende Mutter, schlang und ihr sagen wollte: >La mich nicht fort,
Mutter. Leg deine Arme um mich, wie ich sie um dich lege, und halte mich
fest.<

Sie waren in Kalkutta angelangt. In einem fremden Hause putzte die Mutter
Subha sorgfltig heraus. Sie steckte ihr Haar, das sonst frei um ihre
Schultern gehangen hatte, in festen Flechten hoch, behing sie ber und ber
mit Schmucksachen und tat ihr Bestes, ihre natrliche Schnheit zu
ersticken. Subhas Augen fllten sich mit Trnen. Die Mutter schalt sie
rauh, denn sie frchtete, die Augen knnten vom Weinen geschwollen werden,
aber die Trnen wollten auf kein Schelten hren. Der Brutigam kam mit
einem Freunde, um sich die Braut anzusehen. Den Eltern war ganz schwindlig
vor Angst, als sie den Gott nahen sahen, der sich das Tier zu seinem Opfer
erwhlen sollte. Hinter den Kulissen gab die Mutter der Tochter noch
eindringlich ihre Verhaltungsmaregeln und rief dadurch einen erneuten
Trnenausbruch hervor, bevor sie sie zur Musterung entlie. Der groe Mann
sah sie eine lange Weile forschend an, dann sagte er: Gar nicht so bel.

Er nahm besonders Notiz von ihren Trnen und meinte, sie msse ein weiches
Herz haben. Dadurch gewann sie in seinen Augen an Wert, denn er sagte sich,
da ein Mdchen, welches unglcklich sei, weil es seine Eltern verlassen
sollte, auch eine treue und zrtliche Gattin werden wrde. Und so dienten
die Trnen des armen Kindes wie die Perlen der Muschel nur dazu, sie
begehrenswerter zu machen.

Der Kalender wurde befragt, und die Hochzeit fand an einem
glckverheienden Tage statt. Nachdem Subhas Eltern ihre stumme Tochter den
Hnden eines andern bergeben hatten, kehrten sie nach Hause zurck. Gott
sei Dank! Ihre Kaste war gerettet, und sie waren gerechtfertigt in dieser
und der zuknftigen Welt! Der Brutigam hatte seine Arbeit im westlichen
Teil des Landes, und bald nach der Hochzeit nahm er sein Weib mit sich
dorthin.

Es waren noch nicht zehn Tage vergangen, als schon jeder wute, da die
junge Frau stumm war! Wenigstens war es nicht ihre Schuld, wenn irgend
jemand es noch nicht wute, denn sie versuchte niemand zu tuschen. Ihre
Augen erzhlten ihre ganze Geschichte, wenn auch niemand sie verstand. Sie
sah auf jede Hand, sie fand nirgends eine Sprache; sie vermite die
Gesichter, die ihr von ihrer Geburt an vertraut waren und die die Sprache
eines stummen Kindes verstanden hatten. In ihrem schweigenden Herzen tnte
ein endloses stummes Weinen, das nur der Erforscher der Herzen hren
konnte.

Ihr Gebieter aber hielt noch einmal sorgfltig Umschau, diesmal brauchte er
sowohl seine Ohren wie seine Augen und heiratete eine zweite Frau, die
sprechen konnte.




DIE GLCKVERHEISSENDE SCHAU


Kantitschandra war noch jung, doch nachdem ihm seine Gattin gestorben war,
suchte er keine zweite Gefhrtin, sondern gab sich ganz seiner Leidenschaft
fr die Jagd hin. Sein Krper war lang und schlank, zh und behende, sein
Blick scharf, seine Hand verfehlte nie das Ziel. Er ging wie ein Landmann
gekleidet, und seine Gefhrten waren der Wettkmpfer Hira Singh, der Snger
Khan Saheb, Mian Saheb, Tschakkanlal und viele andere. An migen
Begleitern fehlte es ihm nicht.

Im Monat Agrahayan[25] jagte Kanti mit einigen Jagdgefhrten im Sumpfgebiet
von Naidighi. Sie waren in Booten, und ein ganzes Heer von Dienern,
gleichfalls in Booten, fllte die Badestufen. Die Dorffrauen fanden es fast
unmglich, zu baden oder Wasser zu holen. Den ganzen Tag lang erzitterten
Land und Wasser von den Schssen ihrer Flinten, und Abend fr Abend
scheuchte ihre Musik den Schlaf hinweg.

[25] November-Dezember.

Eines Morgens, als Kanti in seinem Boot sa und seine Lieblingsflinte
reinigte, wurde er pltzlich durch einen Schrei wie von einer wilden Ente
aufgeschreckt. Als er aufsah, erblickte er ein Dorfmdchen, das zwei weie
junge Enten im Arm hielt und sich dem Wasser nherte. Der kleine Flu stand
fast ganz still, da viele Schlingpflanzen seinen Lauf hemmten. Das Mdchen
setzte die Vgel ins Wasser und bewachte sie ngstlich. Augenscheinlich war
die Nhe der Jger die Ursache ihrer Unruhe und nicht die Wildheit der
Enten.

Die Schnheit des Mdchens war von einer seltenen Frische und
Unberhrtheit, als ob sie eben erst aus der Werkstatt Wischwakarmans[26]
hervorgegangen wre. Es war schwer, ihr Alter zu erraten. Ihre Gestalt war
fast die eines Weibes, aber ihr Antlitz hatte einen Ausdruck von so
kindlicher Reinheit, da man sah, die Eindrcke der Welt hatten in ihrer
Seele noch keine Spur hinterlassen. Sie schien selbst nicht zu wissen, da
sie die Schwelle des Jungfrauentums erreicht hatte.

[26] Der gttliche Bildner in der indischen Mythologie.

Kanti hatte mit dem Reinigen seiner Flinte aufgehrt. Er sa da, wie von
einem Zauber gebannt. Solch Antlitz htte er nie an solchem Ort zu finden
erwartet. Und doch pate seine Schnheit besser in diese Umgebung hinein
als in die Pracht eines Palastes. Eine Knospe ist lieblicher am Zweig als
in einer goldenen Vase. Das blhende Schilf glnzte im Herbsttau und in der
Morgensonne, und in diesem Rahmen erschien das frische, jugendreine Antlitz
dem entzckten Auge Kantis wie ein heiliges Tempelbild. Kalidasa hat
vergessen zu besingen, wie Schivas Gattin, die Bergknigin selbst, zuweilen
zum jungen Ganges herabstieg mit ebensolchen jungen Entlein im Arm. Whrend
er noch in ihren Anblick versunken war, fuhr das Mdchen erschrocken
zusammen, und einen halbartikulierten Schmerzensschrei ausstoend, ergriff
sie hastig die Enten und barg sie an ihrer Brust. Im nchsten Augenblick
hatte sie das Fluufer verlassen und war in dem nahen Bambusdickicht
verschwunden. Als Kanti sich umsah, erblickte er einen seiner Leute, der
mit einer ungeladenen Flinte auf die Enten zielte. Er sprang sofort auf ihn
zu und versetzte ihm eine schallende Ohrfeige. Der verblffte Spamacher
beendete seinen Spa am Boden. Kanti fuhr mit dem Reinigen seiner Flinte
fort.

Aber die Neugier lie ihm doch keine Ruhe und trieb ihn zu dem Dickicht, in
dem er das Mdchen hatte verschwinden sehen. Als er sich hindurchgearbeitet
hatte, befand er sich auf einem Bauernhofe, der von der Wohlhabenheit des
Besitzers Zeugnis gab. An einer Seite war eine Reihe Scheunen mit
kegelfrmigen Strohdchern, an der andern ein reinlich gehaltener Kuhstall,
an dessen Ende ein Jujubenstrauch wuchs. Unter dem Strauch sa das Mdchen,
das er am Morgen gesehen hatte, und schluchzte ber eine verwundete Taube,
in deren gelben Schnabel sie aus dem feuchten Zipfel ihres Gewandes etwas
Wasser zu tropfen versuchte. Eine graue Katze hatte die Vorderpfoten auf
ihr Knie gestemmt und sah verlangend nach dem Vogel, und hin und wieder,
wenn sie sich zu weit vordrngte, wies das Mdchen sie durch einen
warnenden Schlag auf die Nase wieder an ihren Platz.

Dies kleine Bild, im Rahmen des in der Mittagsstille friedlich daliegenden
Bauernhofes, verfehlte nicht seinen Eindruck auf Kantis empfngliches Herz.
Unter dem zarten Laub des Jujubenstrauches huschten die Lichtkringelchen
hin und her und spielten auf dem Schoe des Mdchens. Nicht weit davon lag
eine Kuh behaglich wiederkuend und wehrte mit trgen Bewegungen ihres
Kopfes und Schwanzes die Fliegen ab. Der Nordwind flsterte leise im nahen
Bambusdickicht. Und sie, die ihm in der Morgenfrhe am Fluufer wie die
Waldknigin erschienen war, erschien ihm jetzt im Schweigen des Mittags wie
die Gottheit des Hauses, die sich voll Erbarmen ber ein leidendes Geschpf
neigte. Kanti, der mit seiner Flinte in ihr Bereich eingedrungen war,
berkam ein Gefhl der Schuld. Er fhlte sich wie ein Dieb, der auf
frischer Tat ertappt war. Es drngte ihn, ihr zu sagen, da nicht er es
war, der die Taube verletzt hatte. Als er noch so dastand und nicht wute,
wie er beginnen sollte, rief jemand vom Hause her: Sudha! Das Mdchen
sprang auf. Sudha! rief die Stimme noch einmal. Sie nahm ihre Taube und
lief hinein. Sudha!, dachte Kanti, welch ein passender Name![27]

[27] sudha bedeutet Nektar.

Er kehrte zu seinem Boot zurck, gab seine Flinte einem seiner Leute und
ging zu der vorderen Tr des Hauses. Dort fand er einen Brahmanen von
mittleren Jahren, mit einem friedlichen, glattrasierten Gesicht, der auf
einer Bank vor dem Hause sa und in seinem Erbauungsbuch las. Kanti fand
auf seinem gtigen ernsten Antlitz etwas von der Mildherzigkeit wieder, die
aus dem des Mdchens leuchtete.

Kanti trat grend nher und sagte: Darf ich um etwas Wasser bitten, Herr?
Ich bin sehr durstig. Der Brahmane hie ihn mit eifriger
Gastfreundlichkeit willkommen, und nachdem er ihn zum Niedersitzen auf die
Bank gentigt, ging er hinein und brachte eigenhndig einen kleinen
Zinnteller mit Zuckerwaffeln und einem zinnernen Krug mit Wasser.

Nachdem Kanti gegessen und getrunken hatte, bat der Brahmane ihn, ihm
seinen Namen zu sagen. Kanti nannte seinen und seines Vaters Namen und
seinen Wohnort. Wenn ich Ihnen irgendwie zu Diensten sein kann, Herr,
fgte er in der blichen Weise hinzu, so werde ich mich glcklich
schtzen.

Sie knnen mir nicht zu Diensten sein, mein Sohn, sagte Nabin Banerdschi,
ich habe augenblicklich nur eine einzige Sorge.

Und was fr eine Sorge ist das? fragte Kanti.

Die Sorge um meine Tochter Sudha, die herangewachsen ist (Kanti lchelte,
als er an ihr Kindergesicht dachte) und fr die ich noch keinen wrdigen
Brutigam habe finden knnen. Wenn ich sie nur gut verheiratet htte, so
wrde ich der Welt meine Schuld abgetragen haben. Aber hier am Ort ist kein
passender Brutigam fr sie, und ich kann den Dienst meines Gottes hier
nicht im Stich lassen, um anderswo fr sie einen Gatten zu suchen.

Wenn Sie mich in meinem Boot aufsuchen mchten, Herr, so knnten wir ber
die Heirat Ihrer Tochter sprechen. Mit diesen Worten verabschiedete sich
Kanti und kehrte zu seinem Boot zurck. Dann sandte er einige von seinen
Leuten ins Dorf, um sich nach der Tochter des Brahmanen zu erkundigen. Die
Antwort war ein einstimmiges Lob ihrer Schnheit und Tugenden.

Als am nchsten Tage der alte Mann zu dem Boot kam, um seinen versprochenen
Besuch zu machen, begrte ihn Kanti mit tiefer Ehrfurcht und bat ihn um
die Hand seiner Tochter fr sich selbst. Der Brahmane war so berwltigt
von diesem ungehofften Glck,-- denn Kanti gehrte nicht nur einer
wohlbekannten Brahmanenfamilie an, sondern war auch ein reicher und
angesehener Gutsbesitzer--, da er zuerst kaum ein Wort erwidern konnte.
Er dachte, es msse sich um einen Irrtum handeln. Endlich wiederholte er
mechanisch: Sie selbst wollen meine Tochter heiraten?

Wenn Sie mich ihrer fr wrdig halten, sagte Kanti.

Sie meinen Sudha? fragte der Alte noch einmal.

Ja, war die Antwort.

Aber wollen Sie sie nicht erst sehen und mit ihr sprechen?

Kanti verschwieg, da er sie schon gesehen hatte, und sagte: O, das wird
bei der Hochzeit geschehen, im Augenblick der glckverheienden Schau[28].

[28] Nach der Verlobung drfen Braut und Brutigam sich nicht wiedersehen
bis zu dem Teil der Hochzeitsfeierlichkeit, den man als glckverheiende
Schau bezeichnet.

Mit vor innerer Erregung zitternder Stimme sagte der Alte: Meine Sudha ist
wirklich ein gutes Mdchen, in allen huslichen Dingen geschickt. Da Sie
sie so gromtig auf Treu und Glauben nehmen, so mge sie Ihnen nie einen
Augenblick Kummer bereiten. Dies ist mein Segen!

Man mietete das groe Backsteingebude des Archivars fr die
Hochzeitsfeierlichkeit, die auf den nchsten Magh[29] festgesetzt wurde, da
Kanti nicht gern lnger warten wollte. Zur bestimmten Zeit erschien der
Brutigam auf seinem Elefanten mit Trommeln und Musik und einem Fackelzuge,
und die Feierlichkeit begann.

[29] Januar-Februar.

Als der Augenblick der glckverheienden Schau gekommen und der
Scharlachschleier ber das Brautpaar geworfen war, sah Kanti zu seiner
Braut auf. In dem schchternen, verwirrten Antlitz, das sich unter der
Brautkrone neigte und ganz mit Sandelpaste bedeckt war, konnte er kaum das
Dorfmdchen, dessen Bild seiner Phantasie vorschwebte, wiedererkennen, und
seine Erregung war so gro, da es sich wie ein Nebel ber seine Augen
legte.

Als die Hochzeitsfeierlichkeiten vorber waren und die Frauen sich im
Zimmer der Braut versammelten, bestand eine alte Dame aus dem Dorf darauf,
Kanti solle selbst seinem Weibe den Brautschleier abnehmen. Als er es tat,
fuhr er zurck. Es war nicht dasselbe Mdchen.

Es war ihm, als ob etwas in ihm aufstiege und sein Gehirn durchstche. Als
ob die Lichter der Lampen sich verdsterten und Dunkelheit das Gesicht der
Braut selbst schwarz frbte.

Im ersten Augenblick war er zornig auf seinen Schwiegervater. Der alte
Halunke hatte ihm das eine Mdchen gezeigt und das andere verheiratet. Aber
bei ruhiger berlegung erinnerte er sich, da ihm der alte Mann berhaupt
keine Tochter gezeigt hatte,-- da alles seine eigene Schuld war. Er hielt
es fr das beste, seine heillose Dummheit den Menschen nicht zu verraten,
und nahm mit scheinbarer Ruhe wieder seinen Platz ein.

Er brachte die Pille glcklich herunter, aber ihren Geschmack konnte er
nicht loswerden. Die ausgelassene Frhlichkeit der Hochzeitsgesellschaft
war ihm unertrglich. Er war wtend auf sich selbst und auf alle anderen.

Pltzlich merkte er, wie seine Braut, die neben ihm sa, zusammenschrak und
einen Schrei unterdrckte; ein junger Hase war ins Zimmer gesprungen und
ber ihre Fe gehuscht. Dicht hinter ihm kam das Mdchen, das er vorher
gesehen hatte. Sie ergriff das Hschen, nahm es in ihren Arm und begann,
ihm liebkosend etwas zuzumurmeln. Ach, das verrckte Mdchen! riefen die
Frauen und machten ihr Zeichen, das Zimmer zu verlassen. Aber sie beachtete
es nicht, sondern kam herein und setzte sich ganz unbekmmert dem Brautpaar
gegenber, das sie mit kindlicher Neugierde anstarrte. Als ein
Dienstmdchen kam und sie am Arm nahm, um sie hinauszubringen, wehrte Kanti
ihr hastig und sagte: La sie in Ruh.

Wie heit du? wandte er sich dann an das Mdchen.

Diese wiegte mit dem Krper hin und her, aber gab keine Antwort. Alle
Frauen im Zimmer begannen zu kichern.

Kanti stellte eine andere Frage: Wie geht es deinen kleinen Enten?

Das Mdchen fuhr fort, ihn unbekmmert anzustarren.

Der ganz verwirrte Kanti raffte seinen Mut noch einmal zusammen und
erkundigte sich teilnahmsvoll nach der verwundeten Taube, aber es half ihm
nichts. Das zunehmende Gelchter im Zimmer zeigte, da irgend etwas bei der
Sache sehr komisch war.

Endlich erfuhr Kanti, da das Mdchen taubstumm und die Gefhrtin aller
Tiere im Dorfe sei. Es war nur Zufall gewesen, als sie sich damals bei dem
Ruf Sudha erhoben hatte.

Jetzt traf es Kanti zum zweitenmal wie ein Schlag. Der dunkle Vorhang
zerri, der sich vor seine Augen gesenkt hatte. Mit einem aus tiefster
Seele kommenden Seufzer der Erleichterung, wie aus einer furchtbaren Gefahr
befreit, blickte er noch einmal in das Antlitz seiner Braut. Dann kam in
Wahrheit die glckverheiende Schau. Das Licht, das aus seinem Herzen und
von den hell leuchtenden Lampen strahlte, fiel auf ihr liebliches Antlitz,
und er sah es in seinem wahren Glanz und wute, da Nabins Segen sich
erfllen wrde.




DER POSTMEISTER


Der Postmeister begann seine Laufbahn im Dorfe Ulanur. Zwar war das Dorf
nur klein, aber in seiner Nhe lag eine Indigofabrik, und der Besitzer, ein
Englnder, hatte es durchgesetzt, da das Dorf ein Postamt bekam.

Unser Postmeister stammte aus Kalkutta. Er fhlte sich in diesem
abgelegenen Dorfe wie ein Fisch auf dem Trocknen. Seine Amtsstube, die
zugleich als Wohnraum diente, war in einem dunklen Strohschuppen, nicht
weit von einem grnen, schlammigen Teiche, der an allen Seiten von dichtem
Buschwerk umgeben war.

Die Mnner, die in der Indigofabrik beschftigt waren, hatten keine Zeit;
sie waren auch wohl kaum wnschenswerte Gesellschaft fr Leute seines
Standes. Dazu kommt noch, da ein junger Kalkuttaer sich schwer an andre
anschliet. Unter Fremden macht er immer den Eindruck, als ob er stolz sei
oder sich nicht wohl unter ihnen fhle. So war der Postmeister recht
einsam; zu tun hatte er auch nicht viel.

Zuweilen versuchte er sich in Versen. Er versuchte zum Ausdruck zu bringen,
da das Rauschen der Bltter und das Wandern der Wolken am Himmel genug
seien, um das Leben mit Freude zu fllen. Aber Gott wei, da der arme
Bursche sich wie neugeboren gefhlt htte, wenn irgendein Geist aus
Tausendundeiner Nacht pltzlich Bume, Bltter und alles hinweggefegt und
sie durch eine gutgepflasterte Strae ersetzt htte, deren hohe
Huserreihen ihm die Wolken verdeckten.

Des Postmeisters Gehalt war gering. Er mute sich seine Mahlzeiten selbst
zubereiten und teilte sie mit Ratan, einem Waisenmdchen aus dem Dorf, die
allerlei kleine Dienste fr ihn verrichtete.

Wenn am Abend der Rauch aus den Kuhstllen aufzusteigen begann[30] und in
jedem Busch die Heimchen zirpten; wenn die Fakire der Baul-Sekte an ihren
tglichen Versammlungsorten ihre schrillen Lieder sangen, wenn einem
Dichter, der etwa versucht htte, auf das Rauschen der Bltter im
Bambusdickicht zu horchen, ein eiskalter Schauer ber den Rcken gelaufen
wre-- dann zndete der Postmeister seine kleine Lampe an und rief:
Ratan!

[30] Man zndet in den Kuhstllen Rauchfeuer an, um die Moskitos zu
vertreiben.

Ratan sa drauen und wartete auf diesen Ruf, aber statt sogleich
hereinzukommen, antwortete sie erst: Haben Sie mich gerufen, Herr?

Was tust du? fragte dann der Postmeister.

Ich mu jetzt wohl das Kchenfeuer anznden, kam als Antwort zurck.

Und dann sagte der Postmeister: Ach, la das Feuer noch eine Weile, znde
mir erst meine Pfeife an.

Nach einem Augenblick kam Ratan herein, mit aufgeblasenen Backen, denn sie
blies aus Leibeskrften in ein Stck brennende Kohle, womit sie den Tabak
anzndete. Dies gab dem Postmeister dann eine Gelegenheit zur Unterhaltung.
Nun, Ratan, begann er dann wohl, hast du noch irgendwelche Erinnerungen
an deine Mutter?

Das war ein ergiebiges Thema. Ratan hatte nicht mehr viel Erinnerungen an
sie. Ihr Vater hatte mehr von ihr gehalten als ihre Mutter, an ihn
erinnerte sie sich noch viel lebhafter. Er pflegte am Abend nach der Arbeit
heimzukommen, und ein paar solcher Abende hatten sich ihrem Gedchtnis wie
deutliche Bilder eingegraben. Ratan hockte auf dem Boden, whrend sie sich
in diesen Erinnerungen erging. Sie gedachte eines kleinen Bruders, und wie
sie einmal an einem trben Tag am Teich mit ihm Fischen gespielt hatte, mit
einem Zweig als Angelrute. Solche kleinen Erlebnisse wurden in der
Erinnerung gro und bedeutungsvoll und verdrngten die greren. Whrend
sie so plauderten, wurde es oft sehr spt, und der Postmeister fhlte sich
zu schlfrig, um noch irgend etwas zu kochen. Dann machte Ratan eilig ein
Feuer an und rstete etwas ungesuertes Brot, das ihnen, zusammen mit den
kalten Resten der Mittagsmahlzeit, als Abendessen gengte.

An manchen Abenden, wenn der Postmeister so an seinem Pult in der Ecke des
groen, leeren Strohschuppens sa, rief auch er die Erinnerungen an sein
Heim wach, an seine Mutter und Geschwister, an die, nach denen sich sein
Herz in seiner Verbannung sehnte-- an die er immer dachte, aber von denen
er mit den Fabrikleuten nicht sprechen konnte, obgleich es ihm ganz
natrlich war, in Gegenwart des einfachen kleinen Mdchens ihrer zu
gedenken. Und so kam es, da das Mdchen, wenn sie von den Seinen sprach,
sie als Mutter, Bruder und Schwester[31] bezeichnete, als ob sie sie ihr
Leben lang gekannt htte. Sie hatte ja auch in ihrem kleinen Herzen ein
deutliches Bild von jedem einzelnen.

[31] Die Dienstboten in der Familie bezeichnen den Herrn und die Herrin als
Vater und Mutter und die Kinder als ltere Geschwister.

Es war in der Regenzeit, an einem Mittage. Der Regen hatte gerade
aufgehrt, und es wehte eine leise, khle Brise. Der Duft des feuchten
Grases und Laubes in der heien Sonne berhrte den Krper wie der warme
Atem der ermdeten Erde. Ein Vogel wiederholte den ganzen Nachmittag
unermdlich den Kehrreim seines Klageliedes im Audienzraum der Natur.

Der Postmeister hatte nichts zu tun. Der Glanz des frischgewaschenen Laubes
und die aufgetrmten Wolkenmassen am Himmel waren ein herrlicher Anblick,
und der Postmeister sah den abziehenden Regenwolken nach und dachte bei
sich: Ach, wenn ich nur eine verwandte Seele hier htte, ein liebendes
Wesen, das ich an mein Herz schlieen knnte! Genau dasselbe, so dachte er
weiter, versuchte auch jener Vogel zu sagen, genau dasselbe seufzte das
Laub des alten Baumes, an dessen Stamm er mig seinen Rcken lehnte. Aber
das wute und glaubte niemand, da auch in einem schlecht bezahlten
Dorfpostmeister in der tiefen Stille der Mittagspause solche Gefhle
aufsteigen knnten.

Der Postmeister seufzte und rief: Ratan! Ratan lag ausgestreckt unter dem
Guajavabaum und war eifrig damit beschftigt, unreife Guajavafrchte zu
essen. Sobald sie die Stimme ihres Herrn hrte, kam sie atemlos angelaufen
und fragte: Haben Sie mich gerufen, Dada[32]?--Ich dachte eben, sagte
der Postmeister, ich knnte dich eigentlich lesen lehren. Und er brachte
den Rest des Tages damit zu, ihr das Alphabet beizubringen.

[32] = lterer Bruder

Auf diese Weise kam Ratan in ganz kurzer Zeit schon bis zu den
Doppelkonsonanten.

Es schien, als ob die Regenzeit nicht enden wollte. Kanle, Grben und
Gruben strmten ber von Wasser. Tag und Nacht hrte man das Prasseln des
Regens und das Quaken der Frsche. Die Dorfstraen wurden unpassierbar, und
man mute seine Einkufe in flachen Booten machen.

Eines Morgens, als der Himmel wieder schwer von Wolken war, hatte die
kleine Schlerin des Postmeisters schon lange vor der Tr auf seinen Ruf
gewartet. Als sie immer noch nichts hrte, nahm sie endlich ihr arg
zerlesenes Buch und ging leise hinein. Sie fand ihren Herrn auf seiner
Matratze ausgestreckt, und in dem Glauben, er schliefe noch, wollte sie
schon auf den Zehen wieder hinausschleichen, als sie pltzlich ihren Namen
hrte: Ratan! Sie wandte sich sogleich um und fragte: Schliefen Sie,
Dada? Der Postmeister sagte in klagendem Ton: Ich bin nicht wohl. Fhl'
einmal meinen Kopf, ist er nicht ganz hei?

In der Einsamkeit seiner Verbannung und in dem trben Dunkel der Regenzeit
brauchte sein schmerzender Krper etwas zarte und liebevolle Pflege. Er
gedachte mit Sehnsucht der Zeit, wo eine weiche Hand mit leise klirrendem
Armband sanft ber seine Stirn gestrichen hatte, und er versuchte sich
vorzustellen, da Frauenliebe an seinem Lager sa in Gestalt von Mutter und
Schwester. Und er wurde nicht enttuscht. Ratan hrte auf, ein kleines
Mdchen zu sein. Sie trat sofort an die Stelle der Mutter, rief den
Dorfarzt, gab dem Patienten zu den vorgeschriebenen Zeiten seine Pillen,
wachte die ganze Nacht an seinem Lager, kochte ihm seine Hafersuppe und
fragte von Zeit zu Zeit: Fhlen Sie sich ein wenig besser, Dada?

Es dauerte einige Zeit, bis der Postmeister mit sehr geschwchtem Krper
sein Krankenlager verlassen konnte. Dies geht nicht so weiter, sagte er
entschlossen. Ich mu um Versetzung einkommen. Er schrieb sofort in
diesem Sinne ein Gesuch nach Kalkutta mit der Begrndung, da der Ort zu
ungesund sei.

Nachdem Ratan ihrer Pflichten als Krankenpflegerin enthoben war, nahm sie
wieder ihren alten Platz drauen vor der Tr ein. Aber sie wartete
vergebens auf den altgewohnten Ruf. Mitunter blickte sie verstohlen hinein;
dann sah sie den Postmeister auf seinem Stuhl sitzen oder auf seiner
Matratze ausgestreckt und geistesabwesend in die Luft starren. Whrend
Ratan auf ihren Ruf wartete, wartete der Postmeister auf eine Antwort auf
sein Gesuch. Die Kleine las ihre alten Aufgaben immer wieder durch; ihre
grte Angst war, da sie, wenn sie gerufen wrde, die Doppelkonsonanten
nicht richtig lesen knnte. Endlich, nach einer Woche, kam eines Abends
wirklich der Ruf. Mit berquellendem Herzen strzte Ratan ins Zimmer:
Haben Sie mich gerufen, Dada?

Der Postmeister sagte: Ich reise morgen fort, Ratan.

Wohin reisen Sie, Dada?

Ich reise nach Hause.

Wann kommen Sie zurck?

Ich komme nicht zurck.

Ratan fragte nicht weiter. Der Postmeister erzhlte ihr von selbst, da
sein Gesuch um Versetzung abschlgig beschieden sei, und da er nun seinen
Posten aufgegeben habe und nach Hause wolle.

Lange sprach keiner von beiden ein Wort. Die Lampe brannte trbe weiter,
und durch ein Loch in einer Ecke des Daches tropfte das Wasser gleichmig
in ein irdenes Gef, das darunter auf dem Boden stand.

Nach einer Weile stand Ratan auf und ging in die Kche, um das Abendessen
zu bereiten; aber sie wurde nicht so schnell damit fertig wie sonst. Viele
neue Gedanken strmten auf ihr kleines Hirn ein. Als der Postmeister sein
Abendessen beendet hatte, fragte das Mdchen ihn pltzlich: Dada, werden
Sie mich mit nach Hause nehmen?

Der Postmeister lachte. Was fr ein Einfall! sagte er; aber es schien ihm
berflssig, dem Mdchen zu erklren, was denn so Lcherliches dabei sei.

Die ganze Nacht, im Wachen und im Traum, verfolgte sie des Postmeisters
lachende Antwort: Was fr ein Einfall!

Als der Postmeister am andern Morgen aufstand, fand er sein Bad bereit. Er
hatte an seiner Kalkuttaer Gewohnheit festgehalten, im Hause zu baden,
statt, wie man es sonst im Dorfe tat, sein Bad im Flu zu nehmen. Das
Mdchen hatte ihn nicht fragen knnen, um welche Zeit er abreisen wolle,
daher hatte sie schon lange vor Sonnenaufgang das Wasser vom Flu geholt,
damit er es bereit fnde, sobald er es brauchte. Nach dem Bade hrte sie
ihn rufen. Sie trat leise ein und sah ihrem Herrn schweigend ins Gesicht,
seine Befehle erwartend. Du brauchst dir keine Sorge zu machen wegen
meines Fortgehens, Ratan, sagte er zu ihr, ich werde meinem Nachfolger
sagen, da er sich um dich kmmert. Diese Worte waren ohne Zweifel
freundlich gemeint, aber ein Frauenherz ist unberechenbar.

Ratan hatte, ohne zu klagen, manche Schelte von ihrem Herrn hingenommen,
aber diese freundlichen Worte konnte sie nicht ertragen. Nein, nein! rief
sie, in Trnen ausbrechend, Sie brauchen niemandem irgend etwas ber mich
zu sagen; ich will hier nicht lnger bleiben.

Der Postmeister war sprachlos. So hatte er Ratan nie gesehen.--

Pnktlich kam der Nachfolger an, und nachdem der Postmeister ihm das Amt
bergeben hatte, schickte er sich an, abzureisen. Bevor er aufbrach, rief
er Ratan und sagte: Hier ist etwas fr dich; ich hoffe, damit kommst du
eine kleine Zeitlang aus. Und damit zog er aus seiner Tasche sein ganzes
Monatsgehalt und behielt nur eine geringfgige Summe fr seine
Reiseausgaben zurck. Doch Ratan fiel ihm zu Fen und rief: Ach nein,
Dada, bitte geben Sie mir nichts, kmmern Sie sich berhaupt gar nicht um
mich! Dann lief sie hinaus.

Der Postmeister seufzte, nahm seine Reisetasche, hngte seinen Regenschirm
ber die Schulter, und begleitet von einem Manne, der seinen bunten, mit
Eisenblech beschlagenen Koffer trug, ging er langsam nach dem Schiff.

Als er einstieg und das Schiff abfuhr und die vom Regen geschwollenen
Wasser des Flusses schweigend seinen Bug umsprudelten wie Trnenstrme, die
von der Erde aufstiegen, da wurde ihm eigentmlich weh ums Herz. Das
gramerfllte Antlitz des Dorfmdchens schien ihm ein Abbild zu sein von dem
groen, unausgesprochenen, unermelich tiefen Leid der Mutter Erde selbst.
Schon sprte er den Drang, umzukehren und das einsame, von der Welt
verlassene Geschpf mitzunehmen. Aber der Wind hatte gerade die Segel
geblht, das Schiff war mitten in der heftigen Strmung, das Dorf lag schon
hinter ihm, und der weit auerhalb des Dorfes liegende Verbrennungsplatz
wurde bereits sichtbar.

So lie sich denn der Reisende auf den Wogen des schnell strmenden Flusses
dahintragen und trstete sich mit philosophischen Betrachtungen ber die
zahllosen Trennungen in der Welt und ber den Tod, die letzte groe
Trennung.

Aber Ratan hatte keine Philosophie. Sie wanderte ruhelos im Postamt umher,
und ihre Trnen flossen unaufhaltsam. Vielleicht hegte sie noch in
irgendeinem Winkel ihres Herzens eine leise Hoffnung, da ihr Dada
zurckkehren werde, und dies war der Grund, weshalb sie sich nicht
losreien konnte. Ach, um das trichte Menschenherz!




DIE FLUSSTREPPE


Wenn du von vergangenen Zeiten hren willst, setze dich hier auf diese
meine Stufe und lausche dem Murmeln und Pltschern des Wassers.

Es war Anfang September. Der Flu war hoch geschwollen, nur vier von meinen
Stufen sahen aus dem Wasser hervor. Seine Wellen bersplten die tiefer
liegenden Teile des Ufers, wo die Katschupflanzen in dichten Massen unter
den Zweigen der Mangobume wuchsen. An einer Biegung des Flusses ragten
drei alte Steinhaufen aus dem Wasser hervor. Die Fischerboote, die an die
Stmme der Akazienbume am Ufer festgebunden waren, schaukelten sich am
frhen Morgen auf den schwellenden Fluten. Die langen Grser auf der
Sandbank wurden gerade von der eben aufgehenden Sonne berhrt; sie waren
noch nicht voll erblht, sondern hatten erst zu blhen begonnen.

Die kleinen Boote blhten ihre winzigen Segel auf dem sonnenbeschienenen
Flu. Der Brahmanenpriester kam mit seinen heiligen Gefen, um zu baden.
Die Frauen kamen zu zweien und dreien, um Wasser zu holen. Ich wute, dies
war die Zeit, wo Kusum zur Badetreppe kam.

Aber an jenem Morgen vermite ich sie. Bhuban und Swarno kamen und klagten
um sie. Sie sprachen darber, da man ihre Freundin fortgebracht habe zu
dem Hause ihres Gatten, an einen Ort weitab von dem Flu, mit fremden
Menschen und fremden Husern und fremden Straen.

Mit der Zeit verblate ihr Bild fast ganz in meiner Erinnerung. Ein Jahr
verging. Die Frauen auf den Badestufen sprachen selten von Kusum. Aber
eines Morgens schrak ich zusammen bei der altvertrauten Berhrung ihrer
Fe. Ach ja, es waren ihre Fe, aber sie waren ohne Spangen und hatten
ihre alte Musik verloren.

Kusum war Witwe geworden. Die Leute sagten, da ihr Gatte an einem fernen
Ort gearbeitet und sie ihn nur ein paar Mal gesehen htte. Ein Brief hatte
ihr die Nachricht von seinem Tode gebracht. So war sie mit acht Jahren
Witwe geworden, hatte das rote Frauenmal von ihrer Stirn entfernt, ihren
Schmuck abgelegt und war in ihr altes Heim am Ganges zurckgekehrt. Aber
sie fand nur noch wenige ihrer alten Spielgefhrtinnen. Bhuban, Swarno und
Amala waren verheiratet und fortgezogen; nur Sarat war noch da, aber auch
sie, hie es, wrde nchsten Dezember heiraten.

Wie der Ganges, sobald die Regenzeit kommt, schnell zu seiner ganzen,
herrlichen Flle anschwillt, so entfaltete sich auch Kusum von Tag zu Tag
zu der ganzen Flle jugendlicher Schnheit. Aber ihr dunkles Gewand, ihr
ernstes Gesicht und stilles Wesen warfen einen Schleier ber ihre Jugend
und verbargen sie den Augen der Menschen wie hinter einem Nebel. Zehn Jahre
glitten dahin, und niemand schien bemerkt zu haben, da Kusum zum Weibe
herangereift war.

Vor langen Jahren, an einem Septembermorgen wie heute, kam ein groer,
schlanker, junger Sannjasin von heller Hautfarbe des Weges daher und nahm
Herberge in dem Schivatempel mir gegenber. Das Gercht von seiner Ankunft
verbreitete sich im Dorfe. Die Frauen lieen ihre Krge stehen und drngten
sich in den Tempel, um dem heiligen Mann ihre Ehrfurcht zu erweisen.

Die Menge wuchs mit jedem Tage. Der Ruhm des Sannjasin verbreitete sich
schnell unter den Frauen. Einmal trug er ihnen aus dem Bhgavata-Purna
vor, ein andermal erklrte er ihnen die Gt oder predigte im Tempel ber
ein heiliges Buch. Einige suchten Rat bei ihm, einige Zaubermittel und
einige Arznei.

So vergingen Monate. Im April, zur Zeit der Sonnenfinsternis, kamen
ungeheure Scharen hierher, um im Ganges zu baden. Unter den Akazienbumen
wurde ein Jahrmarkt abgehalten. Viele von den Pilgern suchten den Sannjasin
auf, und unter ihnen waren einige Frauen aus dem Dorfe, wo Kusum
verheiratet gewesen war.

Es war an einem Morgen. Der Sannjasin sa auf meinen Stufen und sprach
seine Gebete, als pltzlich eine der Pilgerinnen ihre Nachbarin anstie und
sagte: Ei sieh doch! Es ist ja der Gatte unserer Kusum! Die andere hielt
vorsichtig mit zwei Fingern ihren Schleier ein klein wenig auseinander und
rief aus: O Himmel, er ist es wirklich! Es ist der jngste Sohn der
Familie Tschattergu aus unserm Dorfe! Und eine dritte, die ihren Schleier
nicht so geflissentlich zur Schau trug, rief: Ja gewi mu er es sein! Er
hat genau dieselbe Stirn und Nase und Augen! Doch eine andere Frau sagte
seufzend, indem sie ihren Krug ins Wasser tauchte und sich nicht weiter
nach dem Sannjasin umsah: Ach nein! Der junge Mann lebt nicht mehr; er
kommt nicht zurck. Die arme Kusum!

Er hatte auch keinen so groen Bart, wandte eine andere ein. Und so
mager war er auch nicht. Und auch nicht so gro, meinten noch andere.
Damit war die Frage erledigt, und man sprach nicht mehr darber.

Eines Abends, als der Vollmond aufging, kam Kusum und setzte sich auf meine
unterste Stufe dicht ber dem Wasser, und ihr Schatten fiel auf mich.

Es war sonst niemand an dem Badeplatz. Die Heimchen zirpten um mich her.
Das Gelute der Tempelglocken hatte aufgehrt, die letzte Tonwelle
verebbte langsam, bis sie sich allmhlich im verdmmernden Hain des andern
Ufers verlor. Auf dem dunklen Wasser des Ganges lag ein Streifen
glitzernden Mondlichts. Am Uferrand, in den Bschen und Hecken, unter dem
Tempelportal, in den Ruinen verfallener Huser, am Rand des Teiches, im
Palmenhain, berall stiegen Schatten auf von phantastischer Gestalt. Die
Fledermuse hingen an den Zweigen der Tschatimbume und schwangen leise hin
und her. In der Nhe erhob sich das laute Geheul der Schakale und
verstummte dann wieder.

Langsam trat der Sannjasin aus dem Tempel. Als er die Badetreppe
herabsteigen wollte, sah er eine Frau allein dort sitzen und war schon im
Begriff umzukehren, als Kusum pltzlich den Kopf hob und sich umsah. Ihr
Schleier glitt herab, und das Mondlicht fiel voll auf ihr Gesicht, als sie
ihn anblickte.

Eine Eule flog schreiend ber die beiden hinweg. Kusum schrak zusammen bei
dem Laut, kam zu sich und zog den Schleier ber den Kopf. Dann neigte sie
sich tief vor dem Sannjasin.

Er segnete sie und fragte: Wer bist du?

Ich heie Kusum, erwiderte sie.

Weiter wurde an jenem Abend kein Wort gesprochen. Kusum ging langsam zu
ihrem Hause zurck, das ganz in der Nhe war. Aber der Sannjasin blieb in
jener Nacht noch stundenlang auf meinen Stufen sitzen. Endlich, als der
Mond seinen Weg von Osten nach Westen zurckgelegt hatte und der Schatten
des Sannjasin von hinten nach vorn gerckt war, stand er auf und ging in
den Tempel.

Seitdem sah ich Kusum tglich zu ihm kommen und ihm ihre Ehrfurcht
bezeugen. Wenn er die heiligen Schriften erklrte, stand sie in einer Ecke
und hrte ihm zu. Wenn er seinen Morgengottesdienst beendet hatte, pflegte
er sie zu sich zu rufen und zu ihr ber Religion zu sprechen. Sie konnte
wohl nicht alles verstehen, aber sie hrte ihm aufmerksam und schweigend zu
und versuchte, es zu verstehen. Seinen Weisungen folgte sie blindlings.
Tglich kam sie zum Tempel, immer zum Dienst des Gottes bereit, sei es, da
sie Blumen zum Morgen- und Abendopfer pflckte oder Wasser vom Ganges
holte, um die Tempelfliesen zu waschen.

Der Winter nahte sich seinem Ende. Kalte Winde wehten. Aber dann kam am
Abend ganz unerwartet die warme Frhlingsbrise vom Sden her; der Himmel
verlor sein frostiges Aussehen; nach langem Schweigen ertnte wieder Musik
und Fltenspiel im Dorfe. Die Schiffer zogen die Ruder ein, lieen ihre
Fahrzeuge mit dem Strom treiben und begannen die alten Lieder von Krischna
zu singen. Der Frhling war da.

Damals fing ich an, Kusum zu vermissen. Seit einiger Zeit war sie weder zum
Flu noch zum Tempel oder zum Sannjasin gekommen.

Was dazwischen geschah, wei ich nicht, aber nach einiger Zeit trafen die
beiden sich eines Abends auf meinen Stufen.

Mit gesenktem Blick fragte Kusum: Herr, hast du mich rufen lassen?

Ja, warum sehe ich dich nicht mehr? Warum hast du in letzter Zeit
angefangen, den Dienst der Gtter zu vernachlssigen?

Sie schwieg.

Sage mir deine Gedanken ganz offen.

Mit halbabgewandtem Gesicht erwiderte sie: Ich bin ein sndiges Weib,
Herr, und so diene ich den Gttern nur schlecht.

Der Sannjasin sagte: Kusum, ich wei, dich qult etwas.

Sie zuckte leicht zusammen. Dann verhllte sie ihr Gesicht in ihrem Sari
und setzte sich weinend auf die Stufe zu Fen des Sannjasin.

Er trat etwas zurck. Dann sagte er: Sag' mir, was du auf dem Herzen hast,
damit ich dir den Weg zum Frieden zeige.

Sie erwiderte in einem Ton unerschtterlichen Vertrauens, indem sie ab und
zu nach Worten rang: Wenn du befiehlst, so mu ich dir alles sagen. Aber
es ist so schwer, ich wei nicht, wie ich es dir erklren soll. Du, Herr,
mut es ja erraten haben. Ich verehrte Einen wie einen Gott, ich betete ihn
an, und mein Herz war ganz erfllt von der Seligkeit dieser Hingebung. Aber
eines Nachts hatte ich einen Traum. Mir trumte, der Herr meines Herzens
sa neben mir in einem Garten; er hielt meine rechte Hand in seiner Linken
und flsterte mir Worte der Liebe zu. Alles schien mir vertraut und als
msse es so sein. Der Traum verschwand, aber seine Wirkung blieb. Als ich
ihn am nchsten Tage wiedersah, erschien er mir im andern Licht als vorher.
Jenes Traumbild verfolgte mich. Ich floh in meiner Angst und hielt mich
fern von ihm, aber das Bild wich nicht. Seitdem hat mein Herz keinen
Frieden gekannt,-- alles in mir ist dunkel geworden!

Whrend sie unter Trnen ihre Geschichte erzhlte, fhlte ich, wie der
Sannjasin den rechten Fu fest auf meine Steinstufe prete.

Als sie geendet hatte, sagte er: Du mut mir sagen, wen du im Traum
sahst.

Mit gefalteten Hnden flehte sie: Ich kann nicht.

Er beharrte: Du mut mir sagen, wer es war.

Sie rang die Hnde. Mu ich es dir sagen? fragte sie. Ja, erwiderte er.
Du bist es, Herr! stie sie hervor. Dann brach sie schluchzend zusammen
und barg ihr Antlitz an meinem steinernen Busen.

Als sie wieder zu sich kam und sich aufrichtete, sagte der Sannjasin
langsam: Ich verlasse diesen Ort noch heute abend, damit du mich nicht
wiedersiehst. Bedenke, da ich ein Sannjasin bin, der nicht dieser Welt
gehrt. Du mut mich vergessen.

Kusum erwiderte mit leiser Stimme: Wie du befiehlst, Herr.

Leb denn wohl, sagte der Sannjasin. Kusum neigte sich stumm vor ihm und
berhrte ehrfurchtsvoll seine Fe. Dann ging er.

Der Mond stieg herab; die Nacht wurde dunkel. Ich hrte ein Platschen im
Wasser. Der Sturm raste durch die dunkle Nacht, als ob er alle Sterne am
Himmel auslschen wollte.




DER AUSGESTOSSENE


Gegen Abend hatte das Gewitter den Hhepunkt erreicht. Der Regen kam wtend
herabgestrzt, wild krachte der Donner, und unaufhrlich zuckten die Blitze
ber den Himmel hin; es war, als ob in den Lften eine Schlacht zwischen
Gttern und Dmonen rase. Schwarze Wolken flatterten daher wie die Fahnen
des Verderbens. Der Ganges war zu wilder Wut aufgepeitscht, und die Bume
an seinen Ufern schwankten seufzend und sthnend hin und her.

In einem der Huser am Flu, in Tschandernagur, sa bei geschlossenen Tren
und Fenstern ein Mann neben seiner Frau auf dem Bett und redete
eindringlich auf sie ein. Eine irdene Lampe brannte neben ihnen.

Scharat, der Mann, sagte: Ich wollte, du bliebst noch ein paar Tage hier,
bis du ganz wiederhergestellt bist, dann knntest du frisch und gesund nach
Hause zurckkehren.

Kiran erwiderte: Ich bin schon ganz wiederhergestellt. Es kann mir
unmglich schaden, wenn ich jetzt reise.

Jeder Verheiratete wird sofort begreifen, da die Unterhaltung nicht ganz
so kurz war, wie ich sie berichtet habe. Die Sache selbst war nicht
schwierig, aber die Grnde fr und wider wollten sie zu keiner Entscheidung
kommen lassen. Wie ein steuerloses Boot drehte sich die Diskussion immer um
denselben Punkt, bis sie zuletzt in Gefahr kam, von einem Trnenstrom
berflutet zu werden.

Scharat sagte: Der Doktor meint, du solltest noch ein paar Tage hier
bleiben.

Dein Doktor wei natrlich alles, erwiderte Kiran.

Aber du weit doch auch, da gerade jetzt berall so viel Krankheiten
sind! sagte Scharat. Du ttest gut, noch ein paar Monate hierzubleiben.

Als ob hier alle Welt gesund wre!

Die Sache war die: Kiran war der allgemeine Liebling ihrer Verwandten und
Freunde, so da, als sie ernstlich erkrankte, alle in groer Sorge um sie
waren. Die Besserwisser im Dorfe zwar fanden es lcherlich von ihrem
Gatten, da er sich um eine Frau so anstellte und sogar Luftvernderung fr
sie fr ntig hielt. Als ob noch niemals eine Frau krank gewesen wre! Und
meinte er denn, da an dem Ort, wohin er sie bringen wollte, die Leute
unsterblich seien? Aber Scharat und seine Mutter hatten fr solche Reden
taube Ohren, ihnen war das Leben ihres Lieblings wichtiger als alle
Weisheit eines Dorfes. Denn in solchen Fllen haben die Menschen immer
ihren eigenen Mastab. So waren sie also nach Tschandernagur gereist und
Kiran war genesen, wenn sie auch noch sehr schwach war. Ihr Gesichtchen war
so schmal und bla, da der Gatte, wenn er sie ansah, von Mitleid erfllt
war, und der Gedanke, wie nahe sie daran gewesen war, ihm zu entgleiten,
machte sein Herz erzittern.

Kiran liebte frhliche Geselligkeit; das einsame Leben in der Villa am Flu
war gar nicht nach ihrem Geschmack. Es gab nichts zu tun, keine
interessanten Nachbarn, und sie hate es, sich den ganzen Tag mit Medizin
und Krankenkost zu beschftigen. Sie hatte genug von dem ewigen Aufwrmen
und Einlffeln. Dies war der Gegenstand, ber den die Gatten sich
unterhielten, als sie an diesem strmischen Abend zusammen im Schlafzimmer
saen.

Solange Kiran sich zu Errterungen herbeilie, war ein ehrlicher Kampf
mglich. Aber als sie nun aufhrte, ihm zu antworten, den Kopf zurckwarf
und verzweifelt nach der andern Seite starrte, war der arme Mann
entwaffnet. Er war schon im Begriff, sich bedingungslos zu ergeben, als ein
Diener etwas durch die geschlossene Tr rief.

Scharat stand auf und ffnete die Tr. Der Diener berichtete, da ein Boot
im Sturm gekentert, und da es einem der Insassen, einem jungen
Brahmanenknaben, gelungen sei, ans Ufer zu schwimmen und in ihrem Garten zu
landen.

Kiran war mit einem Male wieder sie selbst mit all ihrer liebreichen
Hilfsbereitschaft. Sie machte sich sofort daran, trockenes Zeug fr den
Knaben herauszusuchen. Dann wrmte sie eine Tasse Milch und lie ihn in ihr
Zimmer kommen.

Der Knabe hatte langes, lockiges Haar, groe ausdrucksvolle Augen, und noch
keine Spur von Flaum auf dem Gesicht. Nachdem Kiran ihn gentigt hatte,
etwas Milch zu trinken, mute er ihr alles von sich erzhlen. Er sagte ihr,
da er Nilkanta hiee und zu einer Schauspielertruppe gehre. Sie waren
unterwegs nach einer benachbarten Villa, um dort zu spielen, als das Boot
pltzlich im Sturm gekentert war. Er hatte keine Ahnung, was aus seinen
Gefhrten geworden war. Er war ein guter Schwimmer, und seine Krfte hatten
gerade noch gereicht, um ans andere Ufer zu gelangen.

Der Knabe blieb bei ihnen. Da er so mit genauer Not einem schrecklichen
Tode entronnen war, erweckte Kirans warme Teilnahme fr ihn. Scharat fand,
da die Ankunft des Knaben gerade in diesem Augenblick sich sehr glcklich
traf, da seine Frau Unterhaltung haben und sich vielleicht bewegen lassen
wrde, noch eine Zeitlang zu bleiben. Auch ihre Schwiegermutter freute sich
ber die Aussicht, sich dem brahmanischen Gast wohlttig erweisen zu
knnen. Und Nilkanta selbst war entzckt, da er sowohl seinem Prinzipal
wie dem Jenseits entronnen war und zugleich in dieser reichen Familie eine
Heimat gefunden hatte.

Aber in kurzer Zeit wurden Scharat und seine Mutter andern Sinnes und
sehnten sich danach, ihn wieder loszuwerden. Der Knabe fand ein geheimes
Vergngen daran, Scharats Pfeifen zu rauchen; er ging mit grter
Seelenruhe im strmenden Regen mit Scharats seidenem Regenschirm davon, um
einen Spaziergang durchs Dorf zu machen, und freundete sich mit jedem, den
er traf, an. Dazu kam noch, da er aus dem Dorf einen Bastardkter
mitbrachte, den er so rcksichtslos verzog, da er mit schmutzigen Pfoten
hereinkam und Spuren seines Besuchs auf Scharats reiner Bettdecke
zurcklie. Dann sammelte er eine treu ergebene Schar von Jungen jeden
Standes und Alters um sich, und die Folge war, da in der ganzen
Nachbarschaft kein einziger Mango in dem Sommer mehr zur Reife kam.

Es war kein Zweifel, da Kiran den Knaben verzog. Scharat machte ihr oft
Vorstellungen deswegen, aber sie hrte nicht auf ihn. Sie putzte ihn
geckenhaft heraus mit Scharats abgelegten Kleidern oder mit neuen, die sie
ihm schenkte. Und weil sie sich zu ihm hingezogen fhlte und auch neugierig
war, mehr ber ihn zu erfahren, lie sie ihn bestndig in ihr Zimmer
rufen. Wenn sie gebadet und zu Mittag gegessen hatte, pflegte sie auf ihrem
Bett zu sitzen, ihre silberne Betelbchse neben sich, und whrend das
Mdchen ihr das Haar kmmte und trocknete, stand Nilkanta vor ihr und
deklamierte Stcke aus seinen alten Rollen, wobei er durch Gesang und
Gesten das Spiel belebte, whrend seine Koboldlocken ihn wild umflatterten.
So gingen die langen Nachmittagstunden frhlich hin. Kiran versuchte oft,
Scharat zu berreden, sich als Zuhrer zu ihnen zu setzen, aber Scharat,
der den Jungen von Herzen verabscheute, lehnte ab. Auch konnte Nilkanta
seine Rolle nicht halb so gut spielen, wenn Scharat da war. Seine Mutter
lie sich mitunter bewegen zu kommen, in der Hoffnung, in den Vortrgen
heilige Namen zu hren; aber die Neigung zu ihrem Mittagsschlfchen erwies
sich strker als ihre Andacht; sie nickte jedesmal bald ein.

Der Knabe bekam oft Knffe und Ohrfeigen von Scharat, aber da das nichts
war im Vergleich zu dem, was er bei der Schauspielertruppe gewohnt gewesen
war, machte er sich nicht das geringste daraus. Er hatte aus den
Erfahrungen, die er in seinem kurzen Leben gemacht hatte, den Schlu
gezogen, da das menschliche Leben aus Essen und Schlgen besteht, und da
die Schlge bei weitem berwiegen.

Es war schwer, Nilkantas Alter zu bestimmen. Fr 14 oder 15 war sein
Gesicht zu alt; fr 17 oder 18 zu jung. Er war entweder ein frhreifer
Knabe oder ein knabenhafter Jngling. Die Sache war die, da er, als er als
ganz kleiner Junge zu der Schauspielertruppe kam, die Rollen der Radhika,
der Damajanti, der Sita und der Gefhrtin Bidjas gespielt hatte. Die
Vorsehung war rcksichtsvoll genug gewesen, ihn genau so gro wachsen zu
lassen, wie sein Direktor ihn brauchte, und dann sein Wachstum anzuhalten.
Da jeder sah, wie klein er war, und er selbst sich auch sehr klein vorkam,
wurde ihm nicht die seinem Alter gebhrende Achtung zuteil. Alles dies kam
zusammen, um ihn mitunter als einen unreifen Siebzehnjhrigen erscheinen zu
lassen, und dann wieder als einen Vierzehnjhrigen, der aber selbst fr
einen Siebzehnjhrigen schon zu viel wute. Und als keine Spur von Flaum
auf seinem Gesicht sich zeigen wollte, wurde die Frage noch schwieriger.
Entweder infolge des Rauchens oder weil er sich gewhnt hatte, altklug zu
reden, zogen sich Falten um seinen Mund, die ihn alt und hart erscheinen
lieen, aber aus seinen groen Augen leuchtete Unschuld und Jugend. Ich
glaube, sein Herz war jung geblieben, nur seine uere Erscheinung war zu
frh gereift in der Treibhausatmosphre, die das grelle Licht der
ffentlichkeit um ihn geschaffen hatte.

In dem stillen Schutz von Scharats Haus und Garten in Tschandernagur hatte
die Natur Mue, ungehindert ihr Werk zu tun. Er hatte unnatrlich lange im
Zustande der Kindheit verharrt, jetzt glitt er unbemerkt und schnell aus
diesem Stadium heraus und seine siebzehn oder achtzehn Jahre kamen zu ihrem
Recht. Niemand bemerkte die Vernderung; sie zeigte sich zuerst darin, da
er sich schmte, wenn Kiran ihn wie einen Knaben behandelte. Als die
lustige Kiran ihm eines Tages vorschlug, er solle die Rolle einer
Gesellschafterin spielen, verletzte ihn der Gedanke, da er Frauenkleider
anziehen solle, obgleich er selbst nicht wute, warum. Und als sie ihn
rief, damit er ihr seine alten Rollen vorspiele, verschwand er. Es kam ihm
nie der Gedanke, da er auch jetzt noch nicht etwas viel Besseres war als
ein Bursche fr alles bei einer herumziehenden Truppe. Er entschlo sich
sogar, bei Scharats Geschftsfhrer etwas Unterricht zu nehmen. Aber da
Nilkanta der verzogene Liebling seiner Herrin war, konnte der
Geschftsfhrer ihn nicht ausstehen. Auch machte es die Gewohnheit seines
unsteten Lebens ihm unmglich, seine Gedanken lngere Zeit auf eine Sache
zu richten; bald begann das Alphabet einen verworrenen Tanz vor seinen
Augen aufzufhren. Er pflegte lange Zeit am Flu zu sitzen, den Rcken an
einen Tschampabaum gelehnt und das geffnete Buch auf dem Scho. Die Wellen
seufzten zu seinen Fen, Boote trieben an ihm vorber, und Vgel
zwitscherten um ihn herum und schwirrten rastlos ber ihn hin. Welche
Gedanken ihn bewegten, wenn er so dasa und in sein Buch starrte, das wute
nur er, und vielleicht wute er selbst es auch nicht. Er kam nie von einem
Wort zum andern, aber der erhebende Gedanke, da er tatschlich ein Buch
las, fllte seine Seele mit stolzer Freude. Immer, wenn ein Boot vorbeikam,
hob er sein Buch hoch und tat so, als ob er eifrig lse, indem er mit
lauter Stimme deklamierte. Aber sobald die Zuhrer vorber waren, lie sein
Eifer nach. Frher sang er seine Lieder mechanisch, aber jetzt erregten
ihre Melodien seine Seele. Der Text war unbedeutend und voll von
spielerischen Stabreimen. Und das Wenige, was an Sinn darin lag, ging ber
sein Verstndnis. Doch wenn er sang:

    Zweigeborener Vogel, ach, welch Unheil hat dich hergetragen?
    Was tat dir unsre Knigin, da du sie willst im Wald erschlagen?

so fhlte er sich in eine andere Welt versetzt, zu Wesen anderer Art. Diese
vertraute Erde und sein eigenes armes Leben wurden zu Musik, und er selbst
wurde ein anderer. Jenes Mrchen von der Gans und der Knigstochter warf
ein Bild von unendlicher Schnheit auf den Spiegel seiner Seele. Es ist
unmglich zu sagen, welche Rolle er selbst in seiner Phantasie spielte,
aber der arme und verlassene kleine Sklave der Schauspielertruppe war ganz
vergessen.

Wenn ein armes verwahrlostes Kind sich am Abend hungrig und schmutzig in
seinem elenden Heim schlafen legt und von Prinzen und Prinzessinnen und
Mrchenschtzen trumt, dann befreit sich in der dunklen Htte mit ihrer
trbe flackernden Kerze die Seele von den Banden der Armut und des Elends
und schreitet in jugendlicher Schnheit und mit strahlendem Gewande khn
durch das Mrchenreich, wo nichts unmglich ist.

So schuf auch dieser herumgestoene, heimatlose Knabe sich und seine Welt
neu, wenn er durch die Melodien seiner Lieder schritt. Das pltschernde
Wasser, die rauschenden Bltter, die zwitschernden Vgel; die Gttin, die
ihm, dem Hilflosen, Verlassenen Obdach gegeben hatte, ihr Gesicht voller
Anmut und Liebreiz, ihre wundervollen Arme mit den glnzenden Spangen, ihre
rosigen Fe, zart wie Blumenknospen, alles dies wurde wie durch einen
Zauber eins mit der Musik seines Liedes. Aber wenn das Lied zu Ende war, so
schwand das Zauberbild, und er war wieder der Nilkanta der kleinen
Wanderbhne mit seinen wilden Koboldlocken. Und dann kam Scharat herein,
noch ganz erregt ber die Klagen seines Nachbarn, dessen Mangobume
geplndert waren, und ohrfeigte und knuffte ihn. Und der Bursche Nilkanta,
der Verfhrer der Dorfjugend, ging hinaus, um neues Unheil anzustiften zu
Lande und zu Wasser und in der Luft, auf den Zweigen der Bume.

Bald nach der Ankunft Nilkantas kam Scharats jngerer Bruder Satisch, um
seine Ferien in Tschandernagur zuzubringen. Kiran war entzckt, eine neue
Unterhaltung zu finden. Sie und Satisch waren im gleichen Alter, und die
Zeit verging ihnen angenehm mit Spiel und Streit und Verkleidungen und
Lachen und selbst Weinen. Sie schlich sich von hinten an ihn heran und
hielt ihm pltzlich die Augen zu, mit Scharlachpaste an den Fingern, sie
schrieb Affe auf seinen Rcken, oder schlo ihn unter schallendem
Gelchter in sein Zimmer ein. Satisch seinerseits gab ihr nichts nach; er
nahm ihr ihre Schlssel und Ringe weg, mischte Pfeffer unter ihren Betel
und band sie unbemerkt am Bettpfosten fest.

Gott mag wissen, was inzwischen in den armen Nilkanta gefahren war. Er war
pltzlich so voll Bitterkeit, da er sie an irgend jemandem oder irgend
etwas auslassen mute. Er verprgelte seine treu ergebenen Anhnger, so da
sie laut weinend davonliefen. Er stie seinen Lieblingskter, bis der
Himmel von seinem Heulen widerhallte. Wenn er spazieren ging, bestreute er
seinen Weg mit Zweigen und Blttern, die er mit seinem Stock von den
Struchern am Wege hieb.

Kiran mochte den Menschen gern etwas Gutes zu essen vorsetzen. Nilkanta
konnte im Essen Unglaubliches leisten und wies nie einen guten Bissen
zurck, wie oft man ihn ihm auch bot. Daher lie Kiran ihn gern zu sich
rufen, damit er bei ihr a; es machte ihr die grte Freude zuzusehen, wie
dieser Brahmanenknabe sich ordentlich satt a, und sie berhufte ihn mit
Leckerbissen. Nachdem Satisch gekommen war, hatte sie viel weniger Zeit fr
Nilkanta brig und war selten dabei, wenn er sein Essen bekam. Sonst hatte
ihre Abwesenheit seinen Appetit nicht beeintrchtigt, und er stand nicht
auf, bis er seine Milch bis auf den letzten Tropfen getrunken und die Tasse
noch grndlich mit Wasser nachgesplt hatte. Aber jetzt war er unglcklich,
wenn Kiran nicht dabei war, um ihn zu diesem oder jenem Gericht zu ntigen,
und nichts wollte ihm schmecken. Er stand auf, ohne viel gegessen zu haben,
und sagte gepret: Ich bin nicht hungrig. Er bildete sich ein, da Kiran
von seiner dauernden Appetitlosigkeit hren wrde; er malte sich ihre
Besorgnis aus und hoffte, sie wrde ihn rufen lassen und ihn zum Essen
drngen. Aber nichts dergleichen geschah. Kiran erfuhr nie davon und lie
ihn nicht rufen, und das Mdchen a alles auf, was er briglie. Dann
lschte er die Lampe in seinem Zimmer aus, warf sich in der Dunkelheit aufs
Bett und drckte krampfhaft schluchzend das Gesicht in die Kissen. Was war
sein Kummer? Wer hatte ihm etwas getan? Und wer sollte ihm helfen? Endlich,
wenn niemand kam, neigte sich der Schlaf mtterlich ber ihn und
besnftigte liebkosend das wehe Herz des mutterlosen Knaben.

Nilkanta kam zu der festen berzeugung, da Satisch Kiran gegen ihn
einnahm. Wenn Kiran zerstreut war und ihm nicht wie sonst freundlich
zunickte, zog er sofort daraus den Schlu, da Satisch ihn bei ihr
verleumdet htte. Er betete jeden Tag zu den Gttern mit der ganzen
Inbrunst seines Hasses, sie mchten ihn in seinem nchsten Leben als
Satisch und Satisch als Nilkanta geboren werden lassen. Er glaubte, da der
Zorn eines Brahmanen nicht wirkungslos sei, und je mehr er Satisch mit dem
Feuer seiner Flche zu verzehren suchte, je mehr verzehrte sich sein
eigenes Herz. Und dabei hrte er, wie Satisch oben mit seiner Schwgerin
scherzte und lachte.

Nilkanta wagte es nie, Satisch seine Feindschaft offen zu zeigen. Aber er
fand hundert kleine Gelegenheiten, ihn zu rgern. Wenn Satisch beim Baden
auf den Flu hinausschwamm und seine Seife auf den Stufen des Badeplatzes
liegen lie, so war sie, wenn er zurckkam, allemal verschwunden. Einmal
schwamm ihm sein schner gestreifter Lieblingskittel davon, und er glaubte,
der Wind habe ihn ins Wasser geweht.

Eines Tages wollte Kiran Satisch eine Unterhaltung verschaffen und lie
Nilkanta rufen, da er wie sonst seine Rollen vordeklamierte. Aber er stand
in finsterem Schweigen da. Ganz berrascht fragte ihn Kiran, was ihm fehle.
Nilkanta gab keine Antwort. Und als sie ihn noch einmal drngte, er solle
ein besonderes Lieblingsstck von ihr vortragen, sagte er: Ich habe es
vergessen und ging hinaus.

Endlich kam die Zeit ihrer Rckkehr nach Hause. Jeder war mit Packen
beschftigt. Satisch sollte mit ihnen reisen. Aber zu Nilkanta sagte
niemand ein Wort. Die Frage, ob er mitgehen solle oder nicht, schien
niemandem eingefallen zu sein.

Natrlich war diese Frage von Kiran aufgeworfen worden, und sie hatte den
Vorschlag gemacht, ihn mitzunehmen. Aber sowohl ihr Gatte wie seine Mutter
und sein Bruder waren so energisch dagegen gewesen, da sie die Sache
aufgab. Ein paar Tage vor der Abreise lie sie den Knaben rufen und riet
ihm mit freundlichen Worten, wieder zu den Seinen zurckzukehren.

Er hatte sich solange von ihr vernachlssigt gefhlt, da ihr gtiger Ton
ihn jetzt berwltigte; er brach in Trnen aus. Auch Kirans Augen fllten
sich mit Trnen. Ihr Gewissen sagte ihr, da sie hier gedankenlos und
selbstschtig ein Band geknpft hatte, das nicht dauern konnte.

Aber Satisch wurde unwillig, als er diesen groen Jungen weinen sah. Was
steht der Narr da und heult, statt zu sprechen? sagte er. Und als Kiran
ihn ein gefhlloses Geschpf schalt, erwiderte er: Liebe Schwester, das
verstehst du nicht. Du bist zu gut und vertrauensvoll. Dieser Bursche
kommt von Gott wei wo hergelaufen und wird wie ein Knig behandelt.
Natrlich hat der Tiger nicht Lust, wieder in eine Maus verwandelt zu
werden.[33] Und augenscheinlich hat er sich gemerkt, da dein Herz mit ein
paar Trnen leicht zu rhren ist.

[33] Bezieht sich auf eine Sage von einem Heiligen, der eine zahme Maus in
einen Tiger verwandelte.

Nilkanta eilte hinaus. Er htte ein Messer sein mgen, um Satisch zu
zerfleischen, eine Nadel, um ihn durch und durch zu stechen, ein Feuer, um
ihn zu Asche zu verbrennen. Aber Satisch trug nicht einmal eine Schramme
davon. Nur sein eigenes Herz blutete unaufhrlich.

Satisch hatte ein groes Tintenfa von Kalkutta mitgebracht. Der
Tintenbehlter steckte in einem Perlmutter-Boot, das von einer neusilbernen
Gans gezogen wurde, die einen Federhalter trug. Er liebte es sehr und
reinigte es jeden Tag sorgfltig mit einem alten seidenen Taschentuch.
Kiran pflegte dem Vogel lachend auf seinen silbernen Schnabel zu klopfen
und zu singen:

    Zweigeborner Vogel, ach, welch Unglck hat dich hergetragen?

und dann begannen die beiden sich wie gewhnlich zu necken.

Am Tage vor ihrer Abreise fehlte das Tintenfa und war nirgends zu finden.
Kiran sagte lachend: Schwager, deine Gans ist weggeflogen, um deine
Damajanti zu suchen[34].

[34] Satisch eine Gattin zu suchen.

Aber Satisch war in groer Wut. Er war fest berzeugt, da Nilkanta es
gestohlen htte, denn man hatte ihn am Abend vorher um das Zimmer
herumlungern sehen. Er lie den Angeschuldigten rufen. Kiran war auch da.
Du hast mein Tintenfa gestohlen, du Dieb! brach er los. Bring es
sogleich her! Nilkanta hatte von Scharat alle Strafen und Zchtigungen, ob
sie nun verdient waren oder unverdient, mit vollkommenem Gleichmut
hingenommen. Aber als man ihn in Kirans Gegenwart einen Dieb schalt,
flammten seine Augen in wildem Zorn auf, seine Brust wogte, und seine Kehle
war wie zugeschnrt. Wenn Satisch noch ein Wort gesagt htte, so htte er
sich wie eine wilde Katze auf ihn gestrzt und seine Ngel als Krallen
gebraucht.

Kiran war sehr unglcklich ber diese Szene. Sie fhrte den Knaben hinaus
in ein anderes Zimmer und sagte in ihrem liebevollen, gtigen Ton: Nilu,
wenn du das Tintenfa wirklich genommen hast, gib es mir ganz still zurck;
dann will ich schon dafr sorgen, da dir niemand ein Wort darber sagt.
Groe Trnen rannen ber die Wangen des Knaben, bis er endlich bitterlich
weinend sein Gesicht in den Hnden verbarg. Kiran ging zu den andern zurck
und sagte: Ich bin sicher, da Nilkanta das Tintenfa nicht genommen hat.
Aber Scharat und Satisch waren ebenso fest berzeugt, da kein anderer als
Nilkanta es getan htte. Ganz gewi nicht! versicherte Kiran. Scharat
wollte mit dem Jungen ein Kreuzverhr anstellen, aber seine Frau lie es
nicht zu.

Dann machte Satisch den Vorschlag, sein Zimmer und seinen Koffer zu
untersuchen. Wenn ihr das zu tun wagt, sagte Kiran, so werde ich euch
nie in meinem Leben verzeihen. Ihr sollt diesem armen unschuldigen Knaben
nicht nachspionieren. Und dabei fllten sich ihre Augen mit Trnen. Das
entschied die Sache und bewirkte, da man Nilkanta in Ruhe lie.

Kirans Herz quoll ber von Mitleid mit dem armen heimatlosen Jungen, den
man so hatte krnken wollen. Sie kaufte zwei neue Anzge und ein Paar
Schuhe, und mit diesen Sachen und mit einer Banknote ging sie am Abend
leise in Nilkantas Zimmer. Sie wollte ihm diese Abschiedsgeschenke als
berraschung in den Koffer legen. Der Koffer selbst war auch ein Geschenk
von ihr.

Aus ihrem Schlsselbund suchte sie einen aus, der pate, und ffnete
geruschlos den Koffer. Er war so vollgestopft mit verschiedenen Dingen,
da die neuen Kleidungsstcke nicht mehr Platz darin hatten. Daher schien
es ihr besser, alles herauszunehmen und den Koffer fr ihn zu packen.
Zuerst kamen Messer, Kreisel, Rollen mit Drachenschnur, Bambuszweige,
polierte Muscheln zum Schlen von unreifen Mangos, Bden von zerbrochenen
Glsern, kurz all solche Dinge, woran ein Knabenherz hngt. Dann kam eine
Schicht Wsche, rein und schmutzig durcheinander. Und ganz unten, unter der
Wsche, lag das vermite Tintenfa mit Gans und allem!

Kiran stieg das Blut hei in die Wangen, sie sank wie betubt neben dem
Koffer nieder, das Tintenfa in der Hand, ganz verwirrt und ratlos.

Inzwischen war Nilkanta von hinten ins Zimmer gekommen, ohne da Kiran ihn
bemerkte. Er hatte alles gesehen und glaubte, da Kiran sich bei ihm
eingeschlichen habe, um ihn als Dieb zu entlarven, und da seine Tat nun
entdeckt sei. Wie konnte er je hoffen, sie zu berzeugen, da er kein Dieb
sei und da nur Rachsucht ihn bewogen hatte, das Tintenfa wegzunehmen mit
der Absicht, es bei nchster Gelegenheit in den Flu zu werfen? In einem
schwachen Augenblick hatte er es statt dessen in seinem Koffer versteckt.
Ich bin kein Dieb! rief es in ihm; ein Dieb bin ich nicht! Was war er
denn? Was htte er sagen knnen? Er hatte gestohlen und war doch kein Dieb!
Er wrde Kiran nie begreiflich machen knnen, welch schweres Unrecht sie
ihm tat, wenn sie ihn fr einen Dieb hielt! Und wie konnte er es je
vergessen, da sie versucht hatte, ihm nachzuspionieren?

Endlich legte Kiran mit einem tiefen Seufzer das Tintenfa in den Koffer
zurck, und als sei sie selbst der Dieb, verbarg sie es wieder unter der
Wsche und den anderen Dingen, und obenauf legte sie die Geschenke und die
Banknote, die sie mitgebracht hatte.

Am nchsten Tage war der Knabe nirgends zu finden. Die Leute im Dorf hatten
ihn nicht gesehen, die Polizei konnte keine Spur von ihm entdecken. Nun
lat uns doch einmal unsere Neugierde befriedigen und seinen Koffer
ansehen, meinte Scharat. Aber Kiran lie es nicht zu.

Sie lie den Koffer auf ihr Zimmer bringen, und nachdem sie das Tintenfa
herausgenommen hatte, warf sie es in den Flu.

Die ganze Familie kehrte nach Hause zurck. Am nchsten Tage lag der Garten
verlassen da. Nur Nilkantas hungriger kleiner Kter lief suchend am
Fluufer auf und ab und heulte und heulte, als ob ihm das Herz brechen
wollte.




DAS KARTENKNIGREICH

I


Es war einmal ein Kartenknigreich auf einer einsamen Insel im fernen Meer.
Dort lebten die Knige und die Kniginnen, die Asse und die Buben. Die
Zehne und Neune mit den Zweien und Dreien und all den andern Stnden hatten
sich auch schon vor langer Zeit dort niedergelassen. Aber diese gehrten
nicht zu den zwiegebornen[35] Kasten wie die erlauchten Hofkarten.

[35] Zwiegeboren ist die Bezeichnung der drei oberen Kasten (Brahmanen,
Kschatrijas und Vaischjas). Die Anlegung der heiligen Schnur bei der
Einweihung gilt als zweite Geburt. (Anm. d. bers.)

As, Knig und Bube waren die drei hchsten Kasten. Die vierte Kaste war aus
einer Vermischung mit den niedrigeren Karten entstanden. Die Zweie und
Dreie aber waren die niedrigsten von allen. Diese niedrigeren Karten
durften niemals in derselben Reihe mit den groen Hofkarten sitzen.

Die Satzungen und Regeln dieses Inselknigreichs waren wirklich wunderbar.
Der besondere Rang jedes Einzelnen war seit unvordenklichen Zeiten
festgesetzt. Jeder hatte seine ihm zugewiesene Arbeit und tat nie etwas
anderes. Eine unsichtbare Hand schien sie bei jedem ihrer Schritte zu
leiten-- den Regeln gem.

Niemand hatte im Kartenknigreich je Veranlassung zu denken; niemand
brauchte zu irgendeinem Entschlu zu kommen; niemand kam je in den Fall,
ber irgendeine neue Sache eine Meinung zu vertreten. Die Brger bewegten
sich stumm und teilnahmlos auf dem vorgeschriebenen Wege dahin. Wenn sie
umfielen, geschah es ganz geruschlos. Sie legten sich auf den Rcken, die
Augen nach oben gerichtet, mit korrektem Ausdruck in jedem Zuge ihres
Gesichts, der ihm nun fr immer eingeprgt war.

Es herrschte eine merkwrdige Stille im Knigreich der Karten. Sattheit und
Zufriedenheit waren vollkommen in ihrer runden Flle. Niemals gab es
Aufruhr oder Gewalttat, niemals Aufregung oder Begeisterung.

Der groe Ozean lullte mit seiner ewig gleichen Melodie die Insel in
Schlaf, whrend die weien Hnde seiner Wellen sanft und weich ber ihre
Stirn strichen. Der weite Himmel breitete sein azurnes, flaumiges Gefieder
schtzend ber die Insel wie die Schwingen einer brtenden Vogelmutter.
Denn am fernen Horizont bezeichnete eine tiefblaue Linie ein anderes Ufer.
Aber kein Laut von Kampf und Streit konnte bis zu der Insel der Karten
dringen und ihre tiefe Ruhe stren.


II

In jenem fernen, fremden Lande jenseits des Meeres lebte ein junger Prinz,
dessen Mutter eine kummervolle Knigin war. Diese Knigin war in Ungnade
gefallen und lebte mit ihrem einzigen Sohn an der Meereskste. Der Prinz
verlebte seine Kindheit allein und verlassen; er sa bei seiner verlassenen
Mutter und wob das Netz seiner ungeheuren Wnsche. Er sehnte sich auf die
Suche zu gehen nach dem fliegenden Ro, nach dem Edelstein in der Haube der
Kobraschlange, nach der Himmelsrose, nach dem Zauberstab oder nach dem Orte
jenseits der dreizehn Flsse und sieben Seen, wo die Prinzessin
Tausendschn im Schlo des Ungeheuers schlief.

Vom Sohn des Kaufmanns lernte der junge Prinz in der Schule die
Geschichten von fremden Knigreichen. Vom Sohne des Amtmanns hrte er das
Mrchen von Alladin und der Wunderlampe. Und wenn der Regen
herniederrauschte und die Wolken den Himmel bedeckten, sa er auf der
Schwelle, und auf die See hinausblickend sagte er zu seiner kummervollen
Mutter: Mutter, erzhle mir eine Geschichte von einem ganz fernen Lande.

Und dann erzhlte ihm seine Mutter eine endlos lange Geschichte, die sie in
ihrer Kindheit gehrt hatte, von einem Wunderlande jenseits des Meeres, wo
die Prinzessin Tausendschn lebte. Und das Herz des jungen Prinzen wurde
krank vor Sehnsucht, wenn er da auf der Scholle sa und hinausblickte auf
den Ozean und der Wundergeschichte seiner Mutter lauschte, whrend drauen
der Regen herniederrauschte und die grauen Wolken den Himmel bedeckten.

Eines Tages kam der Sohn des Kaufmanns zum Prinzen und sagte khn:
Kamerad, meine Studien sind zu Ende. Jetzt will ich auf Reisen gehen und
auf dem Meere mein Glck versuchen. Ich komme, dir Lebewohl zu sagen.

Der Prinz sagte: Ich will mit dir gehen.

Und der Sohn des Amtmanns sagte auch: Kameraden, ihr habt immer treu und
redlich an mir gehandelt, ihr werdet mich nicht zurcklassen. Auch ich will
euer Gefhrte sein.

Da sagte der junge Prinz zu seiner kummervollen Mutter: Mutter, ich will
jetzt auf die Reise gehen und mein Glck suchen. Wenn ich wieder
zurckkomme, werde ich ein Mittel gefunden haben, all deinen Kummer zu
bannen.

So machten sich denn die drei Gefhrten zusammen auf die Reise. Im Hafen
lagen die zwlf Schiffe des Kaufmanns vor Anker, und die drei Gefhrten
gingen an Bord. Der Sdwind blies, die zwlf Schiffe segelten fort, und die
Wnsche des Prinzen flatterten ihnen voran.

An der Muschelinsel fllten sie ein Schiff mit Muscheln. An der
Sandelbauminsel fllten sie ein zweites Schiff mit Sandelholz, und an der
Koralleninsel fllten sie ein drittes Schiff mit Korallen.

Vier Jahre gingen dahin, und sie fllten noch vier Schiffe, eins mit
Elfenbein, eins mit Moschus, eins mit Gewrznelken und eins mit
Muskatnssen.

Aber als diese Schiffe alle beladen waren, erhob sich ein furchtbarer
Sturm. Alle Schiffe gingen unter mit ihren Nelken und Muskatnssen und
Moschus und Elfenbein und Korallen und Sandelholz und Muscheln. Aber das
Schiff mit den drei Gefhrten schlug gegen das Felsenriff einer Insel, warf
sie wohlbehalten ans Ufer und brach selbst in Stcke.

Dies war die berhmte Karteninsel, wo As und Knig und Knigin und Bube mit
den Neunen und Zehnen und all den anderen Stnden nach den festgesetzten
Regeln lebten.


III

Bis dahin hatte nie etwas jene Inselstille gestrt. Nie hatte sich etwas
Neues ereignet. Nie war man ber irgendeine Sache verschiedener Meinung
gewesen.

Und nun erschienen pltzlich die drei Gefhrten, die das Meer ans Land
geworfen hatte,-- und die groe Debatte begann. Da waren drei
Hauptstreitpunkte.

Erstens: zu welcher Kaste sollten diese klassenlosen Fremden gehren?
Sollten sie denselben Rang einnehmen wie die Hofkarten? Oder waren es blo
Leute einer niederen Kaste, denen man den Platz der Neune und Zehne zuwies?
Es lag kein Przedenzfall vor, nach dem man diese wichtige Frage htte
entscheiden knnen.

Zweitens: Zu welcher Rasse gehrten sie? Hatten sie die hellere und zartere
Hautfarbe der Herzen oder die dunklere der Treffs? ber diese Frage wurde
endlos disputiert. Das ganze Heiratssystem der Insel mit seinen
verwickelten Satzungen hing von ihrer richtigen Entscheidung ab.

Drittens: Was fr Nahrung sollten sie erhalten? Bei wem sollten sie wohnen
und schlafen? Und sollten sie mit dem Kopf nach Sdwesten hin liegen oder
nach Nordwesten, oder nur nach Nordosten? Im ganzen Kartenknigreiche war
nie ber eine Reihe so wichtiger und hchst kritischer Fragen verhandelt
worden.

Aber inzwischen wurden die drei Gefhrten verzweifelt hungrig. Sie muten
sich irgendwie etwas zu essen verschaffen. Und whrend die groe Beratung
noch vor sich ging mit ihren endlosen Pausen und whrend die Asse fr sich
eine Versammlung einberiefen und einen Ausschu bildeten, der irgendeinen
alten Fall aufstbern sollte, nach dem man entscheiden knnte, aen die
drei Gefhrten selbst alles, was sie finden konnten, und tranken aus jedem
Gef und brachen alle Regeln.

Selbst die Zweie und Dreie waren ber dies unerhrte Betragen entsetzt. Die
Dreie sagten: Brder Zwei, diese Leute sind einfach schamlos. Und die
Zweie sagten: Brder Drei, sie gehren augenscheinlich zu einer noch
niedrigeren Kaste als wir.

Nachdem die drei Gefhrten ihr Mahl beendet hatten, machten sie einen
Spaziergang durch die Stadt.

Als sie sahen, wie die Leute gewichtig durch die Straen schritten, in
dster feierlichem Zuge, mit ngstlich korrekten Mienen, da wandte sich der
Prinz nach dem Sohn des Kaufmanns und dem Sohn des Amtmanns um, warf den
Kopf zurck und brach in unbndiges Gelchter aus.

Die Knigsstrae hinab ber den Asplatz und am Bubenkai entlang erscholl
dies seltsame, unerhrte Gelchter, bis es wie ber sich selbst erschrocken
im groen leeren Raum des Schweigens hinstarb.

Den Sohn des Amtmanns und den Sohn des Kaufmanns berlief es eiskalt bei
dem geisterhaften Schweigen rings um sie her. Sie wandten sich zum Prinzen
und sagten: Kamerad, la uns von hier fortgehen. La uns keinen Augenblick
lnger in diesem unheimlichen Gespensterlande bleiben.

Aber der Prinz sagte: Kameraden, diese Leute sehen aus wie Menschen; ich
will sie einmal gehrig durch und durch und um und um schtteln, um zu
sehen, ob denn nicht noch ein einziger Tropfen warmen Lebensblutes in ihren
Adern brig ist!


IV

Ein Tag nach dem andern verging, und das Leben der Insel rann still und
gelassen dahin, fast ohne das leiseste Wellengekrusel. Die drei Gefhrten
aber kehrten sich an keine Regeln und Satzungen. Sie taten nie etwas nach
vorgeschriebener Weise, mochten sie nun stehen oder sitzen oder sich
umwenden oder auf dem Rcken liegen. Im Gegenteil, wo immer sie sahen, da
man diese Dinge genau nach den Regeln tat, brachen sie in ein zgelloses
Gelchter aus. Auf sie machte der heilige Ernst dieser geheiligten Regeln
durchaus keinen Eindruck.

Eines Tages kamen die groen Hofkarten zu dem Prinzen und dem Sohn des
Amtmanns und dem Sohn des Kaufmanns.

Warum, fragten sie langsam, bewegt ihr euch nicht nach den Regeln?

Die drei Gefhrten antworteten: Weil unsere Itscha (= Wunsch) es so will.

Die groen Hofkarten sagten alle zusammen mit hohler Grabesstimme, als wenn
sie langsam aus einem jahrtausendelangen Schlaf erwachten: Itscha? Und
drfen wir fragen, wer Itscha ist?

Sie ahnten damals noch nicht, wer Itscha war, aber die ganze Insel sollte
es bald erfahren.

Zuerst fing es an, leise in ihrem Geist zu dmmern, als sie das Tun des
Prinzen beobachteten und dadurch zu der Erkenntnis kamen, da sie geradeaus
gehen konnten in einer Richtung, die der gewohnten entgegengesetzt war.
Dann machten sie noch eine berraschende Entdeckung: sie bemerkten, da die
Karten noch eine andere Seite hatten, die sie nicht beachtet hatten. Dies
war der Anfang der Wandlung.

Nun aber, da die Wandlung einmal begonnen hatte, konnten die Gefhrten die
Inselbewohner immer tiefer in die Geheimnisse der Itscha einweihen. Den
Karten wurde es allmhlich klar, da das Leben nicht an Regeln gebunden
ist. Sie fingen an, eine geheime Befriedigung zu empfinden, da sie die
knigliche Macht, fr sich selbst zu whlen, ausben konnten.

Aber bei diesem ersten Ansto der Itscha geriet der ganze Kartenhaufe ins
Schwanken und fiel zu Boden. Es war, wie wenn eine ungeheure Riesenschlange
aus langem Schlaf erwacht und langsam ihre zahllosen Windungen aufrollt,
whrend ein Zittern durch ihren ganzen Krper luft.


V

Bis dahin hatten die Kniginnen der Piks und Treffs und Karos und Herzen
immer hinter einem Vorhang gesessen und ins Leere gestarrt oder den Blick
zu Boden gesenkt.

Und jetzt geschah es pltzlich an einem Frhlingsnachmittag, da
Herzknigin einen Augenblick die dunklen Wimpern hob und verstohlen vom
Balkon aus einen schnellen Blick auf den Prinzen warf.

Groer Gott, rief der Prinz, ich dachte, das wren alles nur gemalte
Figuren. Aber ich habe mich geirrt. Es sind doch Frauen.

Nun rief der junge Prinz seine beiden Gefhrten zu sich und sagte in
nachdenklichem Ton: Meine Kameraden! Diese Damen haben einen Zauber, den
ich nie zuvor bemerkt habe. Als ich den Blick aus den dunklen Augen der
Knigin sah, wie sie in einem neuen Gefhl aufleuchteten, da erschien er
mir wie der erste leise Dmmerstrahl in einer neu erschaffenen Welt.

Die beiden Gefhrten tauschten ein vielsagendes Lcheln und sagten:
Wirklich, Prinz?

Mit der armen Herzknigin aber wurde es von diesem Tag an immer schlimmer.
Sie fing an, alle Regeln zu vergessen, so da es wirklich eine Schande war.
Wenn sie zum Beispiel ihren Platz in der Reihe neben dem Buben hatte, so
befand sie sich pltzlich statt dessen ganz zufllig an der Seite des
Prinzen. Dann sagte der Bube mit unbeweglicher Miene und in feierlichem
Ton: Knigin, Ihr habt Euch geirrt.

Und die roten Wangen der armen Herzknigin rteten sich noch tiefer. Aber
der Prinz kam ihr ritterlich zu Hilfe und sagte: Nein, es ist kein Irrtum.
Von heute ab bin ich Bube.

Nun geschah es aber, da die andern, whrend jeder versuchte, die
Unschicklichkeiten der schuldigen Herzknigin zu verbessern, selbst
anfingen, Fehler zu machen. Die Asse sahen sich von den Knigen beiseite
gedrngt. Die Buben gerieten unter die Knige. Die Neune und Zehne gaben
sich ein Ansehen, als ob sie zu den groen Hofkarten gehrten. Die Zweie
und Dreie wurden dabei ertappt, wie sie heimlich die Pltze einnahmen, die
fr die Viere und Fnfe reserviert waren. Es hatte nie vorher solch ein
wirres Durcheinander gegeben.

Schon viele Lenze waren ber die Karteninsel hingezogen. Der Kokil, der
Frhlingsvogel, hatte Jahr fr Jahr seinen Sang ertnen lassen. Aber er
hatte nie wie jetzt das Blut in Erregung gebracht. In vergangenen Tagen
hatte das Meer unermdlich sein Lied gesungen. Aber da hatte es ihnen nur
das ewige Einerlei der Regel wiederholt. Nun aber verkndeten seine Wellen
pltzlich mit glitzerndem Licht und leuchtenden Schatten und Tausenden von
Stimmen das tiefste Sehnen des liebenden Herzens.


VI

Wohin sind nun pltzlich die korrekten, runden, regelmigen,
selbstzufriedenen Gesichter? Hier ist ein Antlitz, bla vor
Liebessehnsucht. Hier ist ein Herz, das in wilder Qual pocht. Hier ist ein
Geist, der sich in Zweifeln zermrbt. Musik und Seufzer, Lcheln und Trnen
fllen die Luft. Das Leben pulsiert, Herzen brechen, Leidenschaften
flackern auf.

Jeder denkt jetzt an sein eigenes Aussehen und vergleicht sich mit andern.
Treff-As berlegt bei sich, da Pik-Knig wohl ganz passabel aussieht.
Aber, meint er, man braucht nur zu sehen, wie sich alle Blicke auf mich
richten, wenn ich die Strae entlang gehe. Pik-Knig sagt: Was in aller
Welt hat Treff-As sich immer den Hals zu verrenken und wie ein Pfau
einherzustolzieren? Er bildet sich ein, da alle Kniginnen vor Liebe zu
ihm sterben, whrend in Wahrheit---- Hier schweigt er und wirft einen
prfenden Blick in den Spiegel.

Aber die Kniginnen waren die schlimmsten von allen. Sie fingen an, ihre
ganze Zeit damit hinzubringen, da sie sich auffllig herausputzten. Und
die boshaften Bemerkungen, die sie bereinander machten, waren wahrhaft
skandals.

Die Jnglinge saen teilnahmlos im Laube unter den Bumen und streckten
sich im Waldesschatten aus. Und die jungen Mdchen in hellblauen Kleidern
kamen wie zufllig zu denselben Schatten derselben Bume desselben Waldes
und taten, als ob sie niemanden dort shen, und sahen mglichst unschuldig
aus, als ob sie weiter nichts suchten. Und dann wagte ein junger Mann, der
dreister war als die andern, in einem Anfall von Tollheit, sich einem
Mdchen in Blau zu nhern. Aber als er nher kam, versagte ihm die Sprache.
Er stand da, stumm und verwirrt, und der gnstige Augenblick ging vorber.

Die Kokils sangen oben in den Zweigen. Der boshafte Sdwind blies; er
zerzauste ihnen das Haar und machte ihr Blut schneller kreisen. Das Laub
der Bume rauschte in Entzcken. Und der nie verstummende Gesang des Meeres
schaukelte all das heimliche Sehnen der jungen Herzen auf der Springflut
der Liebe hin und her.

Die drei Gefhrten hatten in die ausgetrockneten Kanle des
Kartenknigreichs die volle Hochflut eines neuen Lebens gebracht.


VII

Und nun trat, obgleich die Flut hoch ging, eine Pause ein, als ob die
steigenden Wogen nicht in Schaum zerfallen, sondern immer geschwellt
bleiben wollten. Man sprach sich nicht in Worten aus, man ging nur
vorsichtig einen Schritt vorwrts und wich dann zwei zurck. Alle schienen
damit beschftigt, ihre unerfllten Wnsche wie Luftschlsser oder
Sandburgen aufzutrmen. Sie waren bla und stumm, ihre Augen brannten, ihre
Lippen zitterten von unausgesprochenen Geheimnissen.

Der Prinz sah, was ihnen fehlte. Er rief alle Inselbewohner zusammen und
sagte: Bringt die Flten und die Zimbeln, die Pfeifen und die Trommeln.
Lat sie allesamt ertnen und erhebt lautes Freudengeschrei. Denn
Herz-Knigin wird noch heute abend ihren Gemahl whlen.

Und die Zehne und Neune begannen ihre Flten und Pfeifen zu blasen; die
Achte und Siebene bliesen ihre Posaunen und spielten ihre Bratschen, und
selbst die Zweie und Dreie begannen wild ihre Trommeln zu schlagen.

Als dieser lrmende Sturm von Musik sich erhob, fegte er mit einem Sto
alles Seufzen und allen Trbsinn hinweg. Und nun, welch ein Strom von
Lachen und Reden! Es gab khnes Werben und spottendes Weigern und Plaudern
und Schwatzen und Spa und Frhlichkeit. Es war wie das Zittern und
Schwanken und Rauschen und Brausen von Millionen von Blttern und Zweigen
tief drinnen im Urwald, wenn der Sommersturm hindurchfhrt.

Aber Herz-Knigin im rosenroten Gewande sa still im Schatten ihrer
verschwiegenen Laube und horchte auf den tobenden Lrm der Musik und der
Frhlichkeit, der immer nher kam. Sie schlo die Augen und trumte ihren
Liebestraum. Und als sie sie wieder ffnete, sah sie den Prinzen zu ihren
Fen sitzen und zu ihr aufblicken. Da bedeckte sie ihr Gesicht mit beiden
Hnden und wich zurck, in dem freudigen Aufruhr ihres Innern erzitternd.

Und der Prinz verbrachte den ganzen Tag allein, an der Kste des wogenden
Meeres hinwandelnd. Er sah immer diesen erschreckten Blick, dieses
Zurckbeben der Knigin, und in seinem Herzen pochte die Hoffnung laut.

Am Abend warteten die buntgekleideten Reihen der Jnglinge und Mdchen
dicht gedrngt und mit lchelnden Gesichtern vor den Toren des Palastes.
Die Halle war feenhaft erleuchtet und mit Girlanden von Frhlingsblumen
geschmckt. Langsam trat Herz-Knigin ein, und die ganze Versammlung erhob
sich, sie zu begren. Einen Jasminkranz in der Hand, stand sie gesenkten
Blickes vor dem Prinzen. In ihrer demtigen Schchternheit konnte sie den
Kranz kaum zu dem Nacken des Brutigams, den sie gewhlt hatte, erheben.
Aber der Prinz neigte sein Haupt, und der Kranz glitt an seinen Platz. Die
Versammlung der Jnglinge und Mdchen hatte in lautloser Spannung ihre Wahl
erwartet. Und als sie gewhlt hatte, brach ein Sturm toller Freude los und
brauste durch die Halle und tnte ber die ganze Insel hin bis hinaus zu
den Schiffen weit drauen auf dem Meere. Niemals hatte es im
Kartenknigreich je solchen Jubel gegeben.

Und sie hoben den Prinzen und seine Braut auf ihre Schultern und setzten
sie auf den Thron und krnten sie auf der Stelle-- auf der alten
Karteninsel.

Und die kummervolle Knigin-Mutter auf der fernen Insel jenseits des Meeres
kam in einem goldgeschmckten Schiffe zu dem neuen Knigreich ihres Sohnes
gefahren.

Und die Brger werden nicht mehr von Regeln geleitet, sondern sind gut oder
schlecht oder beides, je nach ihrer Itscha.




Anmerkungen zur Transkription:

  S. 4: mit der grten Ehrfucht wurde gendert in
        mit der grten Ehrfurcht
  S. 72: bald auf einer einzigen wurde gendert in
         bald auf einen einzigen
  S. 110: Dschoygapal war sehr rgerlich wurde gendert in
          Dschoygopal war sehr rgerlich
  S. 110: und fhlte sich gedehmtigt wurde gendert in
          und fhlte sich gedemtigt
  S. 184: im Wald ererschlagen wurde gendert in
          im Wald erschlagen
  S. 213: Innnern wurde gendert in Innern
  Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Buchende an den Anfang versetzt.





End of Project Gutenberg's Die Nacht der Erfllung, by Rabindranath Tagore

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE NACHT DER ERFLLUNG ***

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