The Project Gutenberg eBook, Nach Amerika! Sechster Band, by Friedrich
Gerstcker, Illustrated by Carl Reinhardt


This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org





Title: Nach Amerika! Sechster Band
       Ein Volksbuch


Author: Friedrich Gerstcker



Release Date: October 19, 2009  [eBook #30289]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK NACH AMERIKA! SECHSTER BAND***


E-text prepared by Delphine Lettau, Clive Pickton, and the Project
Gutenberg Online Distributed Proofreading Team (http://www.pgdp.net)



Note: Project Gutenberg also has an HTML version of this
      file which includes the original illustrations.
      See 30289-h.htm or 30289-h.zip:
      (http://www.gutenberg.org/files/30289/30289-h/30289-h.htm)
      or
      (http://www.gutenberg.org/files/30289/30289-h.zip)





NACH AMERIKA!

Ein Volksbuch

von

FRIEDRICH GERSTCKER.

Illustrirt von Carl Reinhardt.

Sechster Band.







Leipzig,
Hermann Costenoble,
Verlagsbuchhandlung

Berlin,
Rudolph Gaertner,
Amelang'sche Sort.-Buchhandlung.

1855.




Inhalt des sechsten Bandes.

 1.  Ein Sheriffsverkauf in Arkansas        1
 2.  Maulbeere in der Betversammlung       31
 3.  Der wandernde Krmer                  63
 4.  Georg und Marie                       91
 5.  Jimmy                                112
 6.  Kapellmeister Eltrich                136
 7.  Meier, Pelz & Co.                    169
 8.  Die berraschung                     199
 9.  Das Haus am Walde                    226
 10. Der rothe Drachen bei Heilingen      239




Capitel 1.

Ein Sheriffsverkauf in Arkansas.


Ein volles Jahr war nach den, im letzten Capitel beschriebenen Vorfllen
verflossen; die heie Sonne Amerikas hatte wiederum den Mais und Waizen
gereift, und die Frchte und Beeren des Waldes mit sem Saft gefllt;
durch die blaue sonnenreine Luft zog der weie wehende Spinnenfaden seine
stille Bahn, und legte sich einem duftigen Schleier gleich ber die
Wipfel des grnen Waldesdoms, in dessen Schatten die feisten Hirsche zu
Rudeln zusammenstanden, und die jungen Truthhner in die Zweige hinauf
flatterten, die ersten jungen Weinbeeren zu versuchen, die sich mit
ihren Reben dort empor gerankt.

Und wie das raschelte und rauschte im stillen Wald, wie sich das
blitzende Sonnenlicht in den fallenden Tropfen spiegelte, die ein
wohlthtiger Nachtregen ber das grne Laubmeer ausgegossen, und die
jetzt leise klopfend auf die gelbe, noch vorjhrige Blattdecke des Bodens
niederschlugen. Und die Grille zirpte ihr regelmig melancholisch Lied,
das wie das leise Schnarren einer in zeitrechten Schwingungen gehenden
Uhr von allen Seiten tnte, nur manchmal durch den gellenden Schrei
eines aufstiebenden Falken gestrt, dem der blaue Heher im Busch
spttisch den Warnungsruf nachffte.

Wie das summte und schwirrte um Lianenblthen und frisch aufkeimende
Waldesblumen, von Bienen und Kfern, zwischen denen hin hie und
da, wie ein verirrter Sonnenstrahl, ein blitzender gold und grn
schimmernder Kolibri gedankenschnell fast herber und hinber surrte,
ber einem duftenden honigschweren Kelch einen Moment mit unsichtbaren,
schattengleich fibrirenden Schwingen stand, und dann verschwunden war,
da ihm das Auge nicht folgen konnte, bis ihn sein Summen an dem
nchsten Blthenbusch verrieth.

Wie die Natur in wundervoller Harmonie, besonders in der Jahreszeit,
den ganzen Wald mit ihrer Pracht durchwirkt, und ineinandergreifend
Jedes sich die Hnde reicht zum schnen Ganzen; wie selbst der morsche
umgestrzte Baum, von wilden blhenden Ranken umzogen, zum Bilde hier
gehrt und nicht fehlen drfte; ja wr' ein einziger Zweig gebrochen
von den tausenden, die berall dem Licht, der Luft die grnen Arme
entgegenstrecken, die _Lcke_ wrde fhlbar, und der fallende Tropfen
selbst schmckt das Blatt das er verlie mit hherem Glanz, und wird zur
Perle wo er niederfllt.

Und doch _ein_ Miston in der Harmonie -- ein dunkler Fleck der da nicht
hingehrte, der sich nicht wohl da fhlte und das Ganze strte -- ein
nasses, schmutziges, verdrielich unzufriedenes Menschenbild, mitten
im Wald, im freien schnen wundervollen Wald -- Zachus Maulbeere, vom
Regen durchnt, kalt, hungrig, verirrt, festgefahren mit seinem Karren
in einem Gewirr von Reben und Wurzeln, und in einer Laune, Milch nur
durch bloes Ansehn zu suern.

Ein Gottvermaladeites Land das, lsterte er, sich erschpft auf einen
umgefallenen Baum setzend und sein Taschentuch, das er in der Hand
hielt, zusammenrollend und ausringend, da mich der Teufel plagen mute
nach diesem Gottvergessenen Staat zu gehn -- Bume -- Bume -- Nichts
als Bume in der Welt -- gerade in die Hh und gerade ber den Weg.
-- Schnes Vergngen das, wo man sich erst sein Schnupftuch _ausringen_
mu, da man sich damit _abtrocknen_ kann -- _schwabben_ nannten sie's
auf dem Schiff. Und jetzt sitz ich hier -- keine Ahnung wo bin -- keine
Idee von einer Richtung -- ein Scheerenschleifer im Wald -- Maulbeere,
Esel, was hast Du hier im Busch zu suchen, heh? -- war Dir zu wohl
drauen zwischen den Ansiedlungen im Osten, zwischen dem Waizenbrod und
Honig, eh? -- mutest geschwind machen da Du _hierher_ kamst, zwischen
Maisbrod und Speck, oder gar die Nacht in den Wald hinein -- _Schne_
Nacht die ich da verlebt habe, beim heiligen Sebastian -- oben in dem
verdammten Baum eingeklemmt gesessen, da ich die Glieder nicht mehr
rhren kann, und das Beest was da um mich her in den Bumen geschrieen
hat -- da ich nicht gefressen bin ist ein reiner Zufall. -- Romantisch
im Wald zu lagern eh? -- wenn ich nur wenigstens den verdammten
langhaarigen Dichter die Nacht bei mir gehabt htte, um an dem meinen
Gift auszulassen -- aber zehn gegen eins, der Lump hat die ganze Nacht
trocken und behaglich in einem warmen Bett geschlafen, und am andern
Morgen lgt er dann wie ein Leichenstein, schreibt von Gesicht im
Thau baden und Windsbraut die Schlfe khlen -- na _Dir_ mcht' ich
einmal die Schlfe khlen Du -- Du Blattlaus, statt mit sechs, mit zwei
schiefen Beinen. -- Und der Herr Schultze -- der selige Piepvogel mit
einem Gesicht -- wenn man's auf einen Stock schnitt, knnte man einen
Hund damit prgeln, dem htte die Nacht kreuzwohl zu Muthe sein mssen
-- hundemde auf einem Ast zu sitzen mit dem Kopf unterm Flgel und mit
der wohlthuenden berzeugung beim ersten Einnicken herunter zu fallen
und den Hals zu brechen.

Das geschieht Dir aber recht, Zachus, vollkommen recht, mein
Herzchen -- was dumm ist mu geprgelt werden, und anstatt lieber
den alten verdammten Karren, den ich es zum Sterben mde bin im Lande
umherzuschieben, in den Mississippi hineinzufahren und umzudrehen,
mut Du auch noch Fhrgeld dafr zahlen und damit herberkommen, dann
Wochenlang durch den heien nassen Sumpf ziehn, um hier endlich an
einem Platz, den die Nachkommen gar nicht finden knnen wenn sie Einem
wirklich ein Monument setzen wollten, elendiglich und Gotteserbrmlich
umzukommen.

Maulbeere drckte sich nach diesem Selbstgesprch den alten aufgeweichten
Hut fester in die Stirn, stemmte beide Ellbogen auf die Knie, sttzte
den Kopf in die Hnde und starrte finster und mit dicht zusammengezogenen
Brauen eine ganze Weile vor sich nieder.

Er sah auch traurig aus; -- den grnen Rock trug er noch immer. Das Wild
im Wald wechselt seinen Pelz oder sein Fell mit der Jahreszeit, der
Vogel hat seine Mauser, die Schlange streift ihre Haut ab, einer neuen
Raum zu geben, und jede Kreatur leckt oder subert dabei ihr Kleid,
das ihr der Schpfer gegeben, nach besten Krften, streicht Federn
oder Haare glatt und fhlt sich dann erst wohl, und behaglich wenn das
geschehn. Nur Maulbeere kannte kein solches Bedrfni; wie die Katze die
Nsse scheut, hate er, vor allen anderen Elementen, das Wasser; Niemand
hatte je gesehen da er sich wusch; wenn das an Bord geschehen war mute
er es in der Nacht gethan haben und selbst dann heimlich, von der Wacht
an Deck unbemerkt. Den grnen Rock, jetzt an unzhligen Stellen geflickt
und ausgebessert, trug er noch bis oben an die schwarze, matt glnzende
Pferdehaarhalsbinde fest zugeknpft, der alte Filz, der keine Faon mehr
zu verlieren hatte, lag ihm mit seinem, an drei Seiten durch Bindfaden
befestigten Deckel, weich und lappig geworden, dicht auf dem Scheitel,
und die derben rindsledernen Schuhe, zu denen die durch Dornen unten
ausgefranzten grokarirten baumwollenen Hosen niederhingen, schienen
das einzig trag- und nutzbare am ganzen Menschen. Auch der blonde
starre Bart hatte seit Wochen kein Rasirmesser gesehn, und das kurze
semmelblonde struppige Haar hing ihm jetzt na und in zusammenklebenden
Streifen ber Stirn und Schlfe, und lie ihm einzelne durch den defekten
Hutrand eingedrungene Tropfen ber die fahlgrauen Backen, auf denen sie
lange Schmutzstreifen bildeten, in die Halsbinde laufen.

In der widrigen Feuchtigkeit hatte ihn auch sein trockener Humor
verlassen, und Maulbeere sa neben seinem Karren wie ein wild gewordener,
der Civilisation abtrnnig gewordener Scheerenschleifer, Ha und Groll
gegen die ganze Welt -- die er berhaupt noch nie lieb gehabt -- im
Herzen.

Ein Schu! -- Zachus fuhr in die Hh, als ob _ihn_ die Kugel getroffen
htte, und horchte gespannt, nach welcher Richtung hin er das nchste
Gerusch jetzt hren wrde, als auch der Fall eines Krpers, nur wenige
Secunden spter, sein Ohr erreichte.

Hallo! _hupih_! -- hallo! schrie er jetzt dorthin aus Leibeskrften,
he! hallo! hallo! hu -- _ih_ -- _ahoy_!

Das laute Anschlagen eines Hundes antwortete dem fremden Ton, dem gleich
darauf der ermunternde Zuruf einer menschlichen Stimme folgte.

Existirt wirklich noch eine andere menschliche Kreatur in dieser
gottvergessenen Mischung von Streu und Nutzholz, brummte Maulbeere
vor sich hin, fehlte mir jetzt weiter gar Nichts, als da es so eine
verdammte Rothhaut wre, die eben solchen Hunger htte wie ich. Aber
einerlei, lieber an einem warmen behaglichen Feuer gebraten werden, wie
hier madenna vor Frost und Bauchgrimmen umkommen; also noch einmal ein
Nothsignal, die wilde Bestie auf meine Spur zu bringen.

Und wieder lie er den Wald von seinem Geschrei ertnen, und nicht
lange, so brach ein grau gestreifter, krftig gebauter Hund durch die
Bsche, gerad auf ihn zu, machte noch ein paar tchtige Stze gegen ihn
an, und gab dann Standlaut.

Maulbeere, der seine besonderen Grnde hatte den Hund nicht gegen sich
aufzubringen, konnte unter diesen Verhltnissen nichts anderes thun
als sich vollkommen ruhig verhalten; nicht lange aber, so brachen und
knackten die Bsche und ein Jger, die Bchse auf der Schulter, einen
eben geschossenen Truthahn, Kopf und Stnder mit Bast zusammengebunden,
wie eine Tasche umgehngt, trat aus den Bschen und kam, die wunderliche
Gestalt mit dem Karren dabei nicht wenig erstaunt betrachtend, auf
Maulbeere zu.

Hallo Fremder! rief Jack Owen, denn es war Niemand anders als unser
Arkansanischer Freund, wie zum Henker seid Ihr mit _dem_ Fuhrwerk da in
die Grndorn-Flat gerathen?

Hineingerathen? erwiederte Maulbeere, der in den zwei Jahren seines
hiesigen Aufenthalts schon ziemlich fertig Englisch gelernt hatte,
fragt mich lieber wie ich wieder hinausgerathe -- hier in der Gegend
wissen die Leute wohl gar nicht was ein _Weg_ ist?

Oh doch, lachte der Mann, der sich nicht satt sehen konnte an dem
Fremden, manchmal haben wir hier so schmale Dinger, die man, in
Ermangelung besserer, Wege nennt. Aber wo kommt Ihr her? -- was habt
Ihr da in der wunderlichen Maschine und wo wollt Ihr hin?

Wenn Ihr mich gefragt httet wie ich die Nacht geschlafen habe und
ob ich etwas zu essen haben wollte, wre mehr Sinn d'rin, brummte
Maulbeere verdrielich. Wie weit ist's bis zum nchsten Haus?

Kaum eine Viertelstunde -- wenn Ihr _hier_ bernachtet habt, konntet
Ihr die Hhne heut Morgen krhen hren -- wo habt Ihr geschlafen?

Wenn's Euch interessirt, knurrte Maulbeere, und Ihr den Spuren
nachgehen wollt, die ich mit dem verdammten Kasten hier aufgewhlt, dann
kommt Ihr zuletzt zu einem Baum -- irgend ein weitlufiger Verwandter
von diesen hier -- auf dem hab' ich gesessen!

Oben im Baum? lachte der Jger.

Wenn ich _drunter_ gelegen htte fndet Ihr einen Theil meiner
Gliedmaen vielleicht heute Morgen in dem Magen eines Panthers, und den
anderen sauber verscharrt fr eine zweite Mahlzeit, unter dem Laube.

Unsinn Mann -- Ihr knnt hier ein Jahr lang unter einem Baum im Walde
schlafen, und wenn Euch die Mosquitos und Holzbcke nicht auffressen,
die Panther thun Euch Nichts.

So? -- es hat wohl nicht Einer dicht bei mir auf einem anderen Baum
gesessen, und mir die ganze Nacht eine schauerliche Geschichte
vorgeheult, heh?

Hahahahaha! lachte Jack, das wird eine Eule gewesen sein; in dieser
Jahreszeit schlft sich's wundervoll im Wald.

Eule, brummte Maulbeere verchtlich zwischen den Zhnen durch,
wundervoll im Wald schlafen -- wer eine Leidenschaft dafr hat. Mir
ist's lieber ich erfahre es erst am nchsten Morgen, wenn's in der Nacht
geregnet hat.

Alle Wetter ja, rief Jack gutmthig, Ihr seid durch und durch na
-- es hat die Nacht wohl stark geregnet? und wir zu Hause haben nicht
einmal viel davon gemerkt. Aber kommt, nehmt Euer Fuhrwerk und bringt
es nur hier herber mir nach.

Wenn ich nicht fest damit se htte ich mich nicht hier huslich
niedergelassen, erwiederte der Scheerenschleifer mrrisch -- das
Dornenwerk hlt wie Ankertaue.

Da wollen wir leicht Bahn hauen, lachte Jack, sein langes schweres
Jagd- oder Bowiemesser aus dem Grtel nehmend, und die Dornen ringsum
mit leichten Schlgen durchhauend, so -- so -- so -- jetzt versucht's
einmal, gleich da drben wo die alte Eiche liegt geht ein schmaler Kuhpfad
nach der Farm zu, dem knnen wir folgen bis wir in den Reitweg kommen,
und dann habt Ihr freie Bahn -- gehts?

Wenn ich Jemanden finde der dumm genug ist mir den Kasten abzukaufen,
sagte Maulbeere, das Tragband wieder einhenkend und den Versuch machend,
so gebe ich mein Geschft auf und gehe unter die Millionaire -- hol der
Teufel das Scheerenschleifen.

Jack sah ihm lachend zu, bis der Fremde nach drei vier Anstzen den
schweren eingesunkenen Karren nicht vorwrts brachte, dann ging er
rasch auf einen jungen Papaobaum zu, von dem er die Rinde, so hoch er
hinaufreichen konnte, mit seinem Messer abschlug und niederstreifte, ein
Seil daraus drehte, und dieses vorn am Karren befestigend, sich selber
vorspannte.

So -- nun noch einmal -- a hoy -- alle zusammen!

Ahoy! rief Maulbeere, und mit dem Ruck kam der Karren frei, der von
den beiden Mnnern jetzt mit ziemlicher Leichtigkeit bis zu dem schmalen
Pfad, und diesen hin bis in den Reitweg gezogen wurde, wo ihn Maulbeere
allein fortbringen konnte.

Unterwegs wurde der Scheerenschleifer, mit der Aussicht auf ein warmes
Feuer und Essen, wie auf eine heie Tasse Kaffee aber gesprchiger,
erzhlte dem Jger welcher Art sein Geschft sei, was er thue und
treibe und wie er sein Brod erwerbe, und die ganzen Vereinigten Staaten
schon durchzogen habe, bis er zuletzt, durch die vielen brillanten
Schilderungen der westlichen Staaten verfhrt worden sei auch _hier_
sein Glck zu versuchen, wo er sich jetzt die grte Mhe geben werde,
so rasch als mglich wieder fortzukommen.

Jack Owen amsirte sich ungemein ber die wunderliche mrrisch-drollige
Ausdrucksweise des Mannes, dem er aber doch zu dessen Trost mittheilte,
da er sich htte zu keiner glcklicheren Zeit in diese Gegend verirren
knnen, als gerade heute, da sich fast das ganze County in der Nhe der
Farm, der sie eben zusteuerten, zu einer sogenannten Camp-Meeting (eine
fromme Zusammenkunft im Freien) versammelt sei, whrend zu gleicher Zeit
von dem Gouvernement des Staates der ffentliche Verkauf des ganzen
Platzes, in Folge eines alten Processes, anberaumt sei.

Maulbeere horchte hoch auf -- von den Camp-Meetings des Westens hatte
er schon so viel gehrt, da er selber gespannt war einer derselben
beizuwohnen, und Leute die sich bei einer solchen Versammlung einfanden,
fhrten auch stets Geld bei sich. Auf eine gute Einnahme in seinen
verschiedenen Branchen durfte er jedenfalls rechnen, und wer wei was
da sonst noch fr ihn auftauchte. Maulbeere war ganz der Mann dazu von
solcher Gelegenheit den grtmglichen Nutzen zu ziehn, und da er sie
nicht versumen wrde, fest entschlossen.

Vor ihnen lag jetzt Olnitzkis alte Farm, von der er brigens keine
Ahnung hatte, da Frulein von Seebald, seine alte Reisegefhrtin, mit
ihr in so genauer Beziehung gestanden, und eine Masse Menschen lagerten
um zahlreiche dort entzndete Feuer, kochten Kaffee, brieten Fleisch an
der Gluth, und gaben dem sonst so stillen Platz ein eigenes lebendiges,
frhliches Aussehn -- und wie ernst doch war der Zweck der sie hier
versammelt.

Als Olnitzki damals von Jack Owen erschossen worden, galopirte Soldegg
nach Little Rock zurck und -- klagte nicht etwa gegen die Farmer und
Squatter von Arkansas, er war zu klug dazu, und wute was ihm selber
geschehen konnte in dem Fall, aber er verkaufte seine rechtsgltigen
von Olnitzki selber gezeichneten Papiere, die den _Verkauf_ seiner Farm
wie seines smmtlichen Viehstands, mit Ausnahme eines einzigen Pferdes
betrafen, an einen Advokaten in Little Rock, einen sonst schlauen und
durchtriebenen, aber erst seit kurzer Zeit aus den stlichen Staaten
hierhergekommenen Burschen, fr den halben Werth gegen baar Geld, womit
er Arkansas verlie.

Der Advokat, ein gewisser Kowley, reiste ohne Weiteres nach Oaklandgrove
hinber, sein Eigenthum in Besitz zu nehmen, fand sich aber hierin
getuscht, erfuhr da Olnitzkis Frau, die Einzige die nach den Begriffen
der Nachbarn etwas zu sagen habe, Farm und Vieh einer Waise geschenkt
habe, die der von Olnitzki erschossene Riley hinterlassen, die Nachbarn
es bernommen htten die Farm fr diese zu bewirthschaften, bis sie den
Besitz selber antreten knne, und da keine Klaue und kein Huf von diesem
Eigenthum ihre #range# verlassen solle, in andere Hnde berzugehen.

Mr. Kowley sah sich genthigt unverrichteter Sache nach Little Rock
zurckzureiten; aber keineswegs gesonnen sich in seinem guten Recht
durch eine Bande gesetzloser Squatter, wie er sie nannte, stren zu
lassen, machte er die Sache in Little Rock anhngig, und ein ordentlicher
Proce entstand, von dessen Kosten sich die Squatter schon durch das sie
schtzende Gesetz[1] freihielten, der aber doch, nachdem er sich ber
Jahr und Tag hingezogen, _gegen_ die Squatter entschieden und ein Termin
zu gleicher Zeit anberaumt wurde, an dem die frher dem Polen Olnitzki
gehrende und kuflich an Mr. John Kowley bergegangene Farm, mit den
dazu gehrigen und in dem Verkaufsbrief einzeln aufgefhrten Pferden,
Rindern und Schweinen, ffentlich und an den Meistbietenden verkauft
werden sollte.

_Der_ Termin war heute, und zwei, gerade in jenem County befindliche
Geistliche, sogenannte #circuit riders#, die von ihren Consistorien
ausgeschickt werden die noch wenig bevlkerten Distrikte, in denen
keine Kirchen sind, zu durchziehn und dort zu predigen, hatten sich
entschlossen fr den nchsten Tag eine schon lngst beabsichtigte
Betversammlung im freien Walde anzusagen, da der Gerichtstermin ja
ohnedie eine Menge Menschen herbeiziehen mute. Ob gerade _diese_
Gelegenheit eine sonst passende war kmmerte sie wenig, sobald nur viel
Menschen dort zusammen kamen und die Beisteuer zu ihren milden Zwecken
-- Kirchenbau, Missionswesen, Bibelvertheilung und Erhaltung der
Geistlichen -- recht reichlich ausfiel.

Jack Owens sonst so freundliches Gesicht nahm aber einen recht ernsten,
finsteren Ausdruck an, als er den freien Platz betrat auf dem die
Fremden versammelt waren, und unter diesen eine ziemlich groe Zahl
stdtisch gekleideter Advokaten und Kaufleute von Little Rock, die
theils Neugierde, theils wirkliche Lust zu kaufen hier heraus in den
Wald getrieben, erkannte. Schweigend, und von seinem Begleiter dicht
gefolgt, seine Bchse ber der Schulter, seinen groen Hund hinter sich,
ohne zu gren, ohne umzusehen, schritt er zwischen der Schaar durch
und auf das Haus zu, in dessen Thr ein junges, bildhbsches vielleicht
vierzehnjhriges Mdchen stand, und ihm freudig und herzlich beide Hnde
entgegenstreckte.

Oh Gott segne Euch Mr. Owen rief ihm das etwas bleich und angegriffen
aussehende Kind entgegen -- wie froh, wie glcklich bin ich da Sie
endlich angekommen sind; ich hatte schon solche Angst Sie -- Sie
wrden --

Doch nicht fortbleiben heute, Jenny? lachte der Jger, gutmthig ihre
zarten Wangen und das goldene Haar aus ihrer Stirn streichend -- nein
mein Kind, wir verlassen Dich nicht, darauf darfst Du bauen; die ist
deine Heimath und soll es bleiben und wenn wir Alle unsere Heerden
verkaufen mten, sie Dir zu erhalten -- wohin es aber nicht kommen
wird. Wie geht's Deiner Gromutter, Herz?

Schlecht Mr. Owen, recht schlecht -- die vielen Menschen da drauen
machen ihr Angst -- sie hat strkeres Fieber heute gehabt, und ist vor
einer halben Stunde etwa nur erst eingeschlafen.

Hier hab' ich Dir 'was zu leben mitgebracht, Jenny sagte der Jger,
dem Kinde lchelnd das Kinn emporhebend -- ein junger Truthahn, aber
feist wie Butter; die it Du ja so gern. Doch dem Mann da, -- ein
Fremder der sich verirrt und die Nacht im Walde zugebracht hat -- mut
Du etwas zu essen machen und einen Platz an Deinem Feuer gnnen bis er
sich getrocknet hat, wenn er sich nicht lieber drauen in die Sonne
legt. Hast Du etwas fr ihn? --

Fr Sie und ihn, Mr. Owen, der Kaffee ist fertig und steht am Feuer,
ebenso das Brod, und der Speck ist in wenigen Minuten gebraten.

Bravo mein Herz, dann knnen wir gleich zulangen; ich habe berdie
schon den ganzen Morgen durch den Wald gepirscht, solch einen Vogel fr
Dich zu suchen, und Dir dabei gleich den Scheerenschleifer gefangen, der
die Nacht irgendwo im Wald aufgebumt war aus Furcht vor Panthern und
wilden Bestien. Kommen Sie herein, Mister, wie ist gleich ihr Name?
-- Mowlbare -- wunderliches Wort das, aber ich denke Sie halten's wohl
mit dem alten Sprichwort was wir hier im Walde haben -- einerlei _wie_
man uns ruft, nur nicht zu spt zum Essen!

Maulbeere lie sich nicht zweimal nthigen -- seinen Karren drauen vor
der Thr stehn lassend, nahm er den alten aufgeweichten Filz vom Kopf,
strich sich die nassen struppigen Haare aus der Stirn, und machte Miene
sich ohne Weiteres an den schon gedeckten Tisch zu setzen, auf den die
Kleine eben die breitfige blecherne und dampfende Kaffeekanne stellte.

Wenn Sie sich erst waschen wollen, so steht drauen der Eimer und das
Becken sagte Jack, dem es vielleicht so vorkam, als ob ein wenig
Seifenwasser der Physiognomie und den Hnden des Fremden eben nicht
schaden knne.

Danke sagte aber der Scheerenschleifer in aller Ruhe -- ich bin die
Nacht gerade genug gewaschen, und habe mir das Wasser verleidet -- Kaffee
ist mir lieber.

Helft Euch selber dann sagte Jenny freundlich, dem wunderlichen
Fremden einen Stuhl zum Tisch rckend -- Ihr seid herzlich willkommen
zu Allem was wir haben.

Die beiden Mnner setzten sich und aen, und eine Weile wurde weiter
Nichts gehrt, als das Klappern der Messer, Gabeln und Tassen, von denen
noch einige aus Olnitzkis Nachla brig geblieben waren und ber die
sich Maulbeere allerdings den Kopf zerbrach, wie solch reich vergoldetes,
weit anderen Verhltnissen angehrendes Geschirr hierher seinen Weg
gefunden haben konnte. Er wrde freilich noch weit mehr erstaunt gewesen
sein, wenn er erfahren htte da die nmliche allerdings henkellose und
oben ausgebrochene Tasse aus der er trank, mit ihm auf ein und demselben
Schiffe von Deutschland erst herbergekommen wre. Die Lebensmittel,
besonders der heie Kaffee nahmen jedoch seine Aufmerksamkeit viel zu
sehr in Anspruch, sich fr jetzt um irgend etwas anderes zu bekmmern,
und wieder und wieder mute Jenny die Tasse fllen.

Jenny sagte da Jack nach langer Pause, in der seine Blicke ernst und
sinnend ber den kleinen Raum geschweift waren -- denn das vergoldete
Geschirr hatte bei ihm ganz andere Erinnerungen wach gerufen, wenn das
Haus nachher zum Verkauf angekndigt ist, wirst Du mit bieten mssen,
Herz.

Ich, Mr. Owen? sagte das arme Kind, wehmthig lchelnd, Du lieber
Gott, mit was sollt ich wohl bieten; Sie wissen ja recht gut da wir
_Nichts_ haben auf der weiten Welt.

Hast Du _gar_ kein Geld, Jenny? sagte Jack, sie halb erstaunt aber
recht freundlich anschauend -- _gar_ Nichts, nicht ein ganz klein
wenig?

Ein ganz klein wenig, oh ja lchelte das Mdchen gutmthig -- einen
Viertel Dollar in Silber, den mir Gromutter schon vor langer langer
Zeit gegeben.

Nun siehst Du wohl, Schatz lachte der Jger, da Du reicher bist wie
Du Dich machst? das ist vollkommen genug.

_Ein_ Viertel Dollar, sagte ich Mr. Owen.

Jawohl, und noch dazu in Silber.

Aber was soll ich _damit_ anfangen?

Nun die Farm und das Vieh kaufen -- ganz Arkansas kannst Du freilich
nicht dafr bekommen.

Das Mdchen wandte sich langsam ab eine aufsteigende Thrne zu
unterdrcken, denn der Scherz that ihr weh; Jack aber, der sie nicht
krnken wollte, stand auf, ging zu ihr, legte seine Hand auf ihre
Schulter und sagte freundlich --

Es _ist_ kein Scherz, Jenny, Du mut gewi mit bieten, ja noch mehr,
Du mut den Anfang machen. _Frchtest_ Du Dich wenn ich dabei bin?

Nein Mr. Owen sagte das Mdchen herzlich -- aber ich begreife nur
nicht --

Wirst das schon Alles noch erfahren -- welche Zeit haben wir jetzt?

Bald elf Uhr, nach der Sonne.

Alle Wetter, dann ist auch nicht mehr viel zu versumen, um elf beginnt
die Auktion -- wenn ich Dich rufe komm zu mir hinaus. Und Sie, Mr.
Mowlbare knnen heut etwas Neues sehn in Arkansas, aber -- setzte er
ernster und fast wie drohend hinzu -- wenn ich Ihnen zum Besten rathen
soll, so bieten Sie nicht mit.

Danke herzlich sagte Maulbeere verbindlich -- spre fr jetzt noch
nicht die mindeste Lust mich in Arkansas niederzulassen -- aber hinaus
darf man doch kommen?

Gewi, gewi߫ lachte Jack wieder, und werden treffliche Gesellschaft
da finden; und seine Bchse schulternd, whrend er dem Mdchen freundlich
zunickte, verlie er rasch das Haus.

Drauen kamen indessen Fremde auf Fremde, sammelten sich um die
verschiedenen Feuer, wo sie einen Bekannten trafen, oder besahen auch
wohl die aus dem Nachla von den Nachbarn selber herbeigebrachten
Pferde, die dort ausgehobbelt -- d. h. mit zusammengebundenen Vorderfen
-- an hingeworfenen Maiskolben knapperten, und munter den immer und
immer wieder neuankommenden Reitern entgegenwieherten.

Um den Sheriff, der von Little Rock selber herbergekommen war
den Verkauf zu leiten, hatte sich dabei eine ziemliche Anzahl von
Stadtleuten versammelt; der Platz ging jedenfalls fr ein Spottgeld
weg, denn der jetzige Eigenthmer Mr. Kowley, wollte ihn um jeden Preis
los sein, und die Pferde allein, wackere prchtige Thiere, hatten einen
guten Werth.

Jack ging wieder zwischen den Gruppen durch, ohne sie auch nur eines
Blicks zu wrdigen, und hie und da flsterte man wohl leise hinter
ihm her, da das der Mann sei, der den frhern Eigenthmer dieses
Platzes erschossen. Vor eine Jury damals gestellt war er aber, da es in
Selbstvertheidigung geschehen, frei gesprochen worden; Olnitzki hatte
zuerst nach ihm geschossen, und der Wille allein wre gengend gewesen,
selbst ohne die, noch damals nicht geheilte Narbe von dessen Kugel. Die
Leute von Little Rock hielten sich aber fern von dem Mann; sie wollten
mit den Squattern dieses Distrikts, die den Ruf eines wilden unzhmbaren
Volkes hatten, so wenig als mglich in Berhrung kommen, und waren
vollkommen zufrieden Niemand weiter von der Schaar zu sehn, wenn sie
sich auch eigentlich darber wunderten.

Gentlemen! redete da der Sheriff die Versammlung an, es wird etwa elf
Uhr sein, und ich glaube wir knnen die Auktion beginnen, damit die
Herren, die noch gesonnen sind heute nach Little Rock zurckzukehren,
Zeit dazu behalten. Wir sind doch wahrscheinlich Alle versammelt, die an
dem Kaufe Theil nehmen wollen und ich werde anfangen.

Jack Owen stand etwa zwanzig Schritt von ihm entfernt, als er diese
Worte an die ihm Nchsten richtete, und nahm jetzt, ohne eine Sylbe
darauf zu erwiedern, seine Bchse von der Schulter. Zugleich spannte er
den Hahn, zielte einen Augenblick nach dem Wipfel einer der nchsten
Eichen, und bei dem Krachen des Schusses strzte ein Rothkehlchen, das
sich dort oben im Gefhle vlliger Sicherheit niedergelassen, gnzlich
von einander geschossen herunter zu Boden.

Ein famoser Schu! riefen Einige der Stadtleute, die nicht recht
wuten was sie aus dieser pltzlichen Schiebung mitten zwischen sich
machen sollten -- ein vortrefflicher Schu! Der Sheriff nur wandte
sich mit eben keinem freundlichen Blick gegen den Schtzen um, sagte
aber Nichts und Jack, ohne die geringste Notiz von irgend Jemand Anderem
zu nehmen, stie seine Bchse vor sich auf den Boden nieder, reinigte
sie, und lud sie wieder.

Da brachen rings die Bsche, Rosse wieherten, Hunde schlugen an; berall
raschelte und knackte es im Wald, und der Boden zitterte unter den
schmetternden Hufen einer heranstrmenden Anzahl Pferde, nach denen
sich die hier um die Feuer Versammelten kaum berrascht, ja erschreckt
umsehen konnten, als auch schon einige dreiig krftige wilde Gestalten,
fast Alle in lederne oder wollene Jagdhemden und ausgefranzte Leggins
gekleidet, ihre langen Bchsen ber der linken Schulter, ihre Messer an
der Seite, die Zgel ihrer Thiere locker in der rechten Hand, Einzelne
im bloen Kopf mit flatternden Haaren wie Indianer, Andere mit alten
Filz- oder Strohhten auf, ber umliegende und dort umhergestreute Stmme
wegsetzend, herankamen, und dicht um die Feuer her ihre schnaubenden
Thiere parirten. So rasch und pltzlich und so mit einem Mal von allen
Seiten war die Schaar der Backwoodsmen, smmtlich Nachbarn hier und
Squatter dieser Niederungen, herangekommen, da der Schu des Einen von
ihnen jedenfalls das _Signal_ fr Alle gewesen sein mute, die schon
lange darauf harrend im Hinterhalt gelegen. Aber Keiner von ihnen
kmmerte sich um den Anderen, und handelten sie nach _einem_ Entschlu,
so war der jedenfalls schon frher verabredet und besprochen, und
bedurfte keines weitern Worts noch Winkes. Aber Alle warfen sich jetzt
von den Pferden, hingen die Zgel der scharrenden, stampfenden Thiere an
den nchsten schwingenden Zweig der ihnen zur Hand war, und traten dann,
ihre Bchsen auf den Schultern und trotzig genug sich dabei im Kreise
umsehend, mitten zwischen die Kufer hinein, so da sie diese von allen
Seiten umgaben und umstanden. Unter ihnen waren der alte Rosemore, Bill
Jones, Sam Houston und berhaupt das ganze #settlement# oder die
Nachbarschaft -- Keiner fehlte.

Wenn Jemand in der ganzen Versammlung, so hatte aber der Sheriff von
Little Rock diese Demonstration, fr was er sie nicht ganz mit Unrecht
hielt, in Zorn und Unwillen angesehn, ohne freilich dagegen einschreiten
oder auch nur etwas dawider uern zu knnen. Da die Leute mit ihren
Waffen kamen verstand sich von selbst, ein Backwoodsman geht nie ohne
diese, nicht hundert Schritt von seiner Htte ab, vielweniger eine
Strecke durch den Wald, sei die Gelegenheit welche sie wolle, und das
stille ernste Benehmen der Mnner lie ebenfalls auf keine Strung
schlieen; nichtsdestoweniger gefiel ihm das pltzliche Ankommen der
Leute nicht, das auch auf die brigen Kufer, die schon wuten da
der Verkauf nicht mit dem Willen der Nachbarn geschah, einen
fatalen Eindruck gemacht. Dem Gesetz durften sie aber nicht mit Gewalt
entgegentreten, und so oft sie dasselbe auch in ihre eigne Hand schon
genommen, hteten sie sich doch jedenfalls den Sheriff in seinem Amt zu
hindern. So also auf einen der zahlreichen dort umherstehenden, kurz
abgehauenen Baumstmpfe tretend, die Versammlung besser bersehn zu
knnen, zeigte er dieser mit kurzen Worten an da der Verkauf der Farm
jetzt beginnen solle, die er, Zeit und Mhe zu ersparen, und nach dem
bestimmt ausgesprochenen Willen des jetzigen Eigenthmers, Mr. Kowley
aus Little Rock, gleich mit dem dazu gehrenden Vieh, Pferden, Rindern
und Schweinen in _einem_ Gebot an den Meistbietenden losschlagen wrden,
wonach es dann dem Kufer berlassen bleibe, wenn er es fr gut finden
sollte, Pferde oder Vieh wieder besonders zu versteigern.

Ein Wort Mr. Sheriff! sagte da pltzlich der alte Rosemore mit seiner
tiefen, ruhigen Stimme, indem er ebenfalls den Kolben seiner Bchse auf
einen andern Stumpf stemmte und hinaufstieg; ich bin als ltester hier
unter uns, und von den Nachbarn beauftragt worden noch ein paar Worte an
die Versammlung zu richten.

Ich glaube nicht da etwas derartiges nthig sein wird sagte der
Sheriff -- aber von allen Seiten rief es doch, doch! sprecht Sir -- was
giebt's und der Sheriff, sich die Unterlippe beiend, schwieg.

Ich bin gleich fertig sagte der alte Mann freundlich, denen nur die
es noch nicht wissen, wollte ich hier blos einfach mittheilen da Farm,
Pferde und Vieh von dem frheren Besitzer, dem Polen Olnitzki, an einen
anerkannten falschen Spieler und sonst gar verdchtigen Menschen, der es
seit der Zeit nie wieder gewagt hat zwischen uns zu erscheinen, im
_falschen_ Spiel, wie sich spter herausgestellt hat, verloren wurden.

Mr. Rosemore -- unterbrach ihn der Sheriff.

Entschuldigen Sie mich, Sir, ich bin noch nicht zu Ende sagte der alte
Mann ernst und fuhr dann langsam fort, die Frau wie wir Alle hier
wissen, die jener Olnitzki schlimmer behandelt hat, als ein Indianer
seine Squaw behandeln wrde, stammte aus einer edlen und reichen Familie,
und hatte mit _ihrem_ Geld, als sie nach Amerika kamen, Farm und
Viehstand, von dem Olnitzki schon frher drei Viertheile durchgebracht,
gekauft -- aber sie besa keine Papiere darber. Vor mehren Jahren hat
ferner jener Olnitzki, den hier spter seine Strafe erreichte, einen
armen aber rechtlichen Mann im allerdings ordentlich abgehaltenen
Zweikampf erschossen, weil dieser nicht ruhig zusehn wollte, wie er
seine arme, krnkliche Frau mishandelte und _schlug_. Der Mann hie
Riley und hat eine alte kranke Frau, seine Gromutter, und eine jngere
Schwester ein Kind noch fast, hinterlassen, das dort in der Thr der
Htte steht. Diesem Kinde hat Olnitzki's Frau, als sie mit ihrer Schwester
nach des Polen Tode uns verlie, die Farm mit dem smmtlichen Viehstand
geschenkt. Wir Nachbarn erklrten dabei, da Olnitzki kein Recht gehabt
habe die Farm, die seiner Frau gehrte zu _verspielen_, die Gerichte in
Little Rock entschieden aber anders. Nach langem Streiten gewann jener
Advokat, der von dem falschen Spieler Land und Vieh zu einem Spottpreis
gekauft, den Proze, und der Herr Sheriff ist heute herbergekommen,
Land und Viehstand an den Meistbietenden ffentlich zu versteigern.
_Das_, Mitbrger, ist der Thatbestand der Sache, und wir Nachbarn
-- setzte er mit lauterer Stimme hinzu, sind der Meinung da das Kind
die Farm, die ihm rechtmig schon gehrt, erstehen wird.

Das kommt auf die Gebote an, Sir! rief der Sheriff heftig.

Ei versteht sich, Sir, sagte der alte Rosemore -- auf die Gebote, und
ich bitte da Sie beginnen. Jack Owen -- seid doch so gut und fhrt das
arme Kind einmal hier zwischen die Herren herein -- es frchtet sich
sonst nher zu treten; Sie sind wohl so freundlich, Gentlemen, und
machen ihm Platz!

Oh ja wohl -- mit dem grten Vergngen! riefen die dem Haus zunchst
Stehenden bereitwillig, und Jack Owen schritt langsam dem Hause zu, nahm
Jenny, der er einige ermuthigende Worte zuflsterte, an die Hand, und
fhrte das junge zitternde Mdchen in den Kreis der Mnner, die eine
Gasse fr sie ffneten.

Oh Bill! rief whrend der kleinen Pause die jetzt entstand, Einer der
Backwoodsmen, ein rauher, wild aussehender Bursche einem Andern ber
den ganzen Kreis hinber zu -- ich habe die Nacht einen schndlichen,
nichtsnutzigen Traum gehabt -- mir trumte ein feiner Bursche mit einem
Tuchrock an, hatte die Farm erstanden, und wie ich zu Haus ritt lag er
im Grndorn Flat auf des Polen Grab, und hatte einen rothen, hlichen
Fleck mitten auf der Stirn.

Ah Unsinn Jim! lachte der Andere zurck, _Dein_ Traum hinkt, denn ich
habe getrumt _es htte gar Niemand mitgeboten_!

Gentlemen ich protestire hier feierlich gegen jede drohende Einwirkung
auf den Verkauf dieses Gutes! fiel hier der Sheriff hitzig ein, oder
ich sehe mich genthigt mich unverrichteter Sache zurckzuziehn, und dem
Staatsanwalt Anzeige solchen Benehmens zu machen.

Thut Euere Pflicht Sheriff! rief aber der alte Rosemore ruhig -- es
wird kein Mensch mehr ein Wort hineinreden -- da sich ein paar junge
Burschen ihre albernen Trume erzhlen darf Euch nicht kmmern.

Der Sheriff zgerte noch einen Augenblick und berieth sich in leisem
Flstern mit den ihm nchst Stehenden was zu thun, ein spterer Termin
wrde aber ebenfalls zu keinem andern Resultat gefhrt haben, die Kufer
hatten jedenfalls das Gesetz und seinen mchtigen Arm auf ihrer Seite,
und nach kurzer Einleitung, in der er jetzt die Zahl der urbar gemachten
cker, der Pferde, die von den Kauflustigen schon in Augenschein genommen,
die Anzahl Khe, Rinder und Schweine aufgezhlt, erffnete er die
Auktion und lud die Anwesenden zu einem Anfangsgebot ein.

Im ersten Augenblick herrschte tiefe Stille, das Zirpen der Grillen
drang peinlich deutlich von den nchsten Bumen herber, und man konnte
das _Athmen_ der Menge hren. Da bog sich Jack Owen freundlich zu dem
jungen Mdchen nieder und flsterte ihr ein paar ermuthigende Worte zu
und Jenny, mit todtenbleichen Wangen und zitternden Lippen, aber klaren,
blitzenden Augen, trat einen Schritt vor und sagte mit nicht lauter,
aber doch bis selbst zu den entferntest Stehenden dringend:

Ich biete einen Viertel Dollar fr das Ganze.

Unsinn! rief der Sheriff, in auflodernder Wuth mit dem Fue stampfend,
wir haben hier kein Kinderspiel fr mssige Leute -- ein Viertel
Dollar, wo das Gebot in die Hunderte steigen mu, nur den halben Werth
zu erreichen.

Gebot ist Gebot! rief es von anderer Seite, der Verkauf hat begonnen
-- thut Euere Pflicht Sheriff!

Ich brauche mich von Niemanden an meine Pflicht mahnen zu lassen!
schrie dieser, leichenbleich vor innerem Grimm, dem er doch nicht Worte
geben durfte, den Mnnern gegenber.

Ein Viertel Dollar ist geboten, sagte der alte Rosemore ruhig, Jenny
wird es wohl fr den Preis bekommen.

Wenn kein Gebot geschieht, rief jetzt der Sheriff, mit Zornfunkelnden
Augen, hebe ich den Verkauf auf!

Ein Gebot _ist_ geschehn! schrie da Einer der jungen Backwoodsmen,
derselbe, der vorher seinen Traum erzhlt, und trotzig dabei mit der
Bchse in den Kreis springend, wir Mnner von Arkansas sind eingeladen
worden dem Verkauf heute beizuwohnen; der Verkauf hat begonnen, ein
Gebot ist gemacht worden und ich frage Euch hier, die Ihr anwesend
seid, ob etwas Unregelmiges in der Verhandlung stattgefunden?

Nein -- Nichts! schrie es von allen Seiten, die Advokaten mgen uns
Ihre Dintenklexer hier herberschicken und uns die Farmen unter der Nase
ausbieten lassen, wir knnen und wollen es ihnen nicht wehren, aber la
sie es wagen unsere Gebote nicht zu respektiren, und wenn es sich um
einen einfachen Cent handelte, und bei Hll und Teufel wir schicken sie
heim, da ihre Haut keine Maishlsen mehr halten sollte.

Ein Viertel Dollar ist geboten Gentlemen! rief der alte Rosemore
wieder so ruhig wie vorher, Mr. Sheriff wollen Sie weiter fragen, oder
glauben Sie da der Preis gengt? es wird Mittagszeit, und wir, die wir
noch zur #Campmeeting# zu reiten wnschen, mchten doch erst gern zu
Hause etwas essen.

Gentlemen! rief aber der Sheriff auch, sich jetzt ermannend, Sie
werden dieses Scheingebot eines Kindes nicht gelten lassen. Das Gesetz
und sein starker Arm _schtzt_ Sie in jedem Gebot das Sie machen, und
meinen eignen Hals will ich zum Pfande setzen da der von Ihnen, der
die Gut zu irgend einem Preis ersteht, auch in den rechtlichen Besitz
desselben gelangen soll.

Mein Traum wird doch wahr, Bill, rief der Backwoodsman wieder ber den
Kreis hinber.

Denkt nicht daran, lachte der Andere, der Sheriff hat ja seinen Hals
verpfndet, und wird die Farm vielleicht selber kaufen wollen.

Ein Viertel Dollar ist geboten, begann zum dritten Mal der alte
Rosemore, wenn Ihr nicht selber jetzt die Auktion beginnt, Sheriff, dann
thun _wir_ es -- berschreitet Euere Pflicht nicht, denn _wir_ sind hier
herbestellt, und verlangen den Zuschlag fr den Kufer.

Auf ein solches Gebot schlag ich nicht zu! schrie aber der Sheriff,
jetzt auer sich vor Wuth, wer will mich zwingen?

Das Gesetz! tobten ihm da die Backwoodsmen entgegen, glaubt Ihr,
da Ihr uns hier zum Narren haben knnt, gerad' nach Gefallen, und
herbestellen wenn es Euch freut, weil Euch ein Gebot nicht behagt? Die
Farm ist angesetzt und feil gemacht; das Kind dort hat einen Viertel
Dollar geboten und bietet Niemand mehr, und schlagt Ihr dann nicht zu,
so straf uns Gott, wenn ein anderer Auktionator, ein anderer Kufer
seinen Fu wieder auf dieses Land setzen soll.

Und Keiner bietet einen Cent mehr, knirschte der Sheriff zwischen den
Zhnen durch -- wagte aber selber kein hheres Gebot -- Gentlemen ich
wiederhole es hier nochmals -- das _Gesetz_ schtzt Sie in jedem Gebote
das Sie thun, und kein Brger der Vereinigten Staaten _darf_ und wird
sich dem widersetzen, denn die Folgen wrden schwer und furchtbar auf
sein eigenes Haupt zurckfallen. So beginne ich denn nochmals den
Verkauf -- _zwei Bits_ sind geboten, und ich erwarte da der zweite
Bieter mit eben so viel hundert ganzen Dollarn nachfolgen wird -- _ich_
-- das _Gesetz_ steht ein fr sein gewahrtes Recht.

Alles schwieg -- der Amerikaner lt selten lange auf sich warten, wo
sich die Aussicht auf Gewinn fr ihn bietet, aber die dunklen trotzigen
Gestalten hier umher -- das Blut das schon unter diesen Bumen geflossen,
ohne da selbst das Gesetz im Stande gewesen war es zu shnen, die
Drohung selbst, die versteckt, aber doch deutlich genug in dem erzhlten
Traum lag -- hie und da vielleicht auch mit dem Rechtlichkeitsgefhle
Manches, der doch wohl einsah da dem Kind -- wie das _Gesetz_ auch da
geurtheilt -- die Farm gehren msse -- Keiner bot.

Wieder und wieder suchte sie der Sheriff nur erst zu _einem_ Gebot zu
treiben, dem dann leicht andere folgen wrden -- umsonst und endlich
selber gereizt, und wthender fast ber die herbergekommenen Kufer als
ber die Squatter selbst rief er, whrend die Nachbarn ringsum lautlos
standen, denn sie wuten jetzt da sie gesiegt hatten -- mit bleichen
Wangen und vor innerer Aufregung funkelnden Blicken:

Gut -- wenn Ihr Alle denn zu _feige_ seid Euer _Recht_ zu wahren,
und der, der am meisten dabei interessirt ist, sein ausgelegtes Geld
wenigstens fr das Land wieder zu bekommen, sich gar nicht dabei blicken
lt, was kmmerts mich. Also, und seine Hand hob sich dabei sie zum
Zuschlag sinken zu lassen, ein Viertel Dollar ist geboten -- ein
Viertel Dollar zum ersten -- kein Gebot weiter? -- ein Viertel Dollar
zum zweiten -- eine Todtenstille herrschte, man konnte das Zwitschern
der Vgel weit im Wald drinne, das Glucken und Kratzen der Hennen vor
dem Hause hren -- ein Viertel Dollar zum zweiten, und -- die Hand kam
nieder, und mit der Bewegung das Wort: _zum_ -- _Dritten_!

Hurrah! Hurrah! tobten und jubelten und jauchzten die wilden Gesellen
um ihn her -- piff, paff, gingen die Freudenschsse hoch in die Luft,
und Jack Owen, in der linken Hand seine abgeschossene Bchse schwingend,
griff mit dem rechten, eisernen Arm das junge, ngstlich umherschauende,
und seinem Glck noch immer nicht trauende Mdchen vom Boden auf und
trug es, unter dem Jubelruf der Menge, zwischen die Schaar der Nachbarn
hinein. Alle Hnde streckten sich nach ihr aus, den rauhen wilden Gesellen
standen Thrnen in den Augen, und im Triumphe wurde Jenny jetzt dem Hause
zugetragen, als neue, rechtmige Besitzerin.




Capitel 2.

Maulbeere in der Betversammlung.


Die Auktion war vorber; Farm und Viehbestand gehrte dem jungen
Mdchen, trotz jenem Jahrelang gefhrten Proce, und all die Kufer,
die hergekommen waren das Land, die Pferde zu erstehn, und sich das
Alles nun muten wie ein schnes Traumbild unter den Hnden selbst
wegschwinden sehen, standen im ersten Augenblick allerdings etwas
verdutzt und unbehaglich da, und wuten nicht recht was fr ein Gesicht
sie dazu machen sollten. Da die Backwoodsmen nmlich eine solche
Drohung, wie sie der eine Bursche so schlau in seine Trume geflochten,
wahr machen _knnten_, daran zweifelte nicht Einer von ihnen; des Polen
Grab lag keine tausend Schritt von dort entfernt, ein blutig Zeichen,
und ein Land kaufen das der Eigenthmer nie htte wagen drfen in Besitz
zu nehmen, wr auch ein Geldverschleudern nur gewesen, wie der
New-Yorker Advokat zu seinem Schaden jetzt erfahren.

Unter den Umstnden durften wir gar nicht bieten, sagte da der Eine
von ihnen zu dem Andern, der alte Mann hatte ganz recht -- man kann
doch der kranken Frau und dem Kind das Haus nicht unter den Fen
wegkaufen, und sie in den Wald setzen? -- ich wenigstens mchte das
nicht auf meinem Gewissen haben.

Ich auch nicht, rief ein Anderer, die arme Kleine; was fr ein
hbsches Mdchen das einmal wird -- und wie bleich sie aussah.

Mit Gte kann man bei mir Alles ausrichten, sagte ein Dritter, und
ein gutes Wort findet einen guten Ort -- die Leute waren klug genug da
sie nicht wirklich drohten.

Das wuten sie wohl da ihnen das Nichts half, rief der Erste wieder,
was htten sie machen wollen wenn wir das Haus erstanden? aber so ist's
besser und hundert Dollar sind mir nicht so lieb, als da es die Kleine
bekommen hat.

Maulbeere war ein stiller, aber hchst aufmerksamer Zuschauer des
Ganzen gewesen, und so sehr ihn die hchst eigenthmliche Verhandlung
interessirt, berlegte er doch eben, ob er nicht besser seinen eigenen
Nutzen jetzt auch ein wenig wahren, und seinen Karren herbeischieben
solle, der Versammlung mit wenigen eindringlichen Worten ihre eignen
stumpfen Messer und sonstigen Bedrfnisse in's Gedchtni zurckzurufen,
als die Backwoodsmen pltzlich Alle wieder zu ihren Pferden gingen, die
Zgel von den Zweigen warfen, in die Sttel sprangen und mit einem
wilden _Hupih_, von den laut anschlagenden Hunden gefolgt, aber jetzt
nach _einer_ Richtung hin, in den Wald hineinsprengten. Nur der alte
Rosemore blieb mit Jack Owen zurck und ging mit diesem in das Haus, wo
sie die Thre hinter sich zumachten, und eine Zeitlang darin blieben.
Nach einer ziemlich langen Weile kam Jack Owen allein zurck, und dem
Scheerenschleifer freundlich auf die Schulter klopfend, sagte er
lachend:

Nun wie hat Euch unsere Arkansas-Auktion gefallen?

Gut, erwiederte Maulbeere trocken, und wenn Sie einmal wieder eine
Farm fr einen hnlichen Preis wegzugeben haben --

Dann wit Ihr einen Kufer? lachte der Jger, glaub' es wohl -- aber
die Stadtherrn gehen auch nach ihren Pferden, so wollen wir denn den
armen Thieren hier ebenfalls wieder ihre Freiheit geben; heut oder
morgen werden sie doch nicht mehr gebraucht. Und dann Fremder, wenn es
Euch recht ist, gehen wir zur #Camp meeting# hinber, nicht weit von
hier nach jener Richtung zu; wre die Sache schon in Gang, knntet Ihr
die Leute selbst hier jauchzen hren.

_Jauchzen_ hren? frug Zachus verwundert.

Werdet's schon mit ansehn, sagte der Jger ruhig, den zum Verkauf
hierher gebrachten und mit, durch den Viertel Dollar erstandenen Pferden
die Hobbeln oder Stricke lsend, die ihre Vorderbeine zusammenhielten,
da die Thiere wieder frei zurck in den Wald, und ihren gewhnlichen
Weidepltzen zulaufen konnten, und nun kommt, nehmt Eueren Karren, und
folgt mir den Weg entlang, der hier an der Fenz hinunterfhrt, und wenn
Ihr nicht _beten_ wollt dort, kann ich Euch Arbeit ziemlich gewi
versprechen.

       *       *       *       *       *

Was fr ein Leben das war hier mitten in dem sonst so stillen Wald;
wie die verscheuchten Vgel ngstlich in den Zweigen herber- und
hinberflogen, und zwitscherten und riefen; wie der Hirsch, der dort
sonst seinen ungestrten sungsplatz hatte, als er heute langsam und
vertraut wie immer auf seinen Wechsel herankam, rasch den schnen Kopf
emporwarf, die von feindlichen Dnsten geschwngerte Luft einzog und
schreckend zurck in seine Wildni floh. Wie die Pferde so freudig
wieherten und den Boden stampften, und der grne Rasen ringsumher auf
der kleinen Waldesble zertreten war, nach allen Seiten, und wie sich
das drngte und schob und durcheinander wogte, von einer bunten
frhlichen Menschenmasse, die hier von allen Enden des County
zusammengekommen.

Ein Theil der Leute von Little Rock war ebenfalls dabei, die nmlich,
die von der Auktion kommend, es vorgezogen hatten den heutigen Tag hier
zu verbringen, und morgen frh zur Stadt zurckzukehren. Diese schienen
aber am wenigsten vertreten, kamen auch nicht aus Religiositt hierher,
sondern nur der leidigen Neugier wegen, und wurden von den Geistlichen
am wenigsten gern gesehn. Nein, die Backwoodsmen und besonders deren
Frauen und Tchter bildeten den Hauptkern der Versammlung; von allen
Seiten strmten sie herbei, die Frauen fest im Sattel -- und wenn es
auch kein Damensattel war -- ihre kleinen Bndel mit Kleidern vor sich
auf dem Pferd, die Mnner mit Bchse und Messer an der Seite wie immer.
Und Lager wurden von Einzelnen aufgeschlagen rings im Wald, mit
Rinden- oder Deckendach, whrend Andere dagegen ordentliche Zelte mit
herberbrachten, die sie allein fr diesen Zweck bestimmt. Hier waren
Mnner an der Arbeit einen Baum zu fllen, und aus den abgeschlagenen
Stcken rasch kurze Breter zu spalten zu einem sicheren Regenschutz,
dort wurde Feuerholz geschlagen und herbeigeschleppt, oder Zweige wurden
abgehauen, mit diesen ein flchtiges Schutzdach gegen Sonne und Nsse
herzustellen; aber berall herrschte Leben und Thtigkeit.

Und wie die Feuer ringsum flammten und die Kessel brodelten, der blaue
Rauch so luftig hinauf wirbelte in die grnen rauschenden Wipfel, und
emsige Frauengestalten mit den groen, unfrmlichen Bonnets auf dem Kopf
-- gleichen Schutz gegen Sonne wie Kchenfeuer gewhrend -- so fleiig
an den Tpfen und Pfannen schafften und siedeten.

Die Frauen hatten auch das meiste Interesse an solcher #Camp meeting#,
und wenn der Mann daheim kaum daran gedacht htte hinaus in den Wald zu
gehn und die Pferde zu suchen, lieen sie ihm nicht Ruhe, und hatten
tausend und tausend Grnde dafr weshalb sie, wenigstens diemal, unter
keiner Bedingung die fromme Versammlung versumen drften.

Erstlich schadete den Pferden das Bischen Bewegung gar Nichts -- sie
waren berdie so lange nicht gebraucht, und #Marys colt# schon ganz
lendenlahm geworden von all zu vieler Ruhe. Dann predigte zweitens,
dieses Mal ganz gewi der Ehrwrdige Mr. Sweetlip -- und was fr eine
se Stimme der hatte, und wie weich und hlich er Einem zum Herzen
sprach -- wer htte da ungerhrt bleiben knnen.

Und dann der andere Ehrwrdige Mr. Hottenbrocken, wie der es den Heiden
und Unglubigen sagte, wie der dem bsen Feind, #alias# Beelzebub zu
Leibe rckte und ihn aus dem Felde schlug.

Und dann hatten sie die Nachbarn in so ewig langer Zeit nicht gesehn
-- lieber Gott, hier im Walde kam man ja mit Niemandem zusammen, und
ob Bill Norton und Ann Sally wirklich versprochen wren, konnten sie ja
auch nur dort erfahren.

Und die beiden neuen Kleider, die sich Susanne in dem letzten halben
Jahr selbst gewebt und genht, wie htte sie die anders zeigen oder
tragen sollen; doch nicht im Haus etwa beim Spinnrad; und muten sie
nicht wenigstens einmal erst die priesterliche Weihe erhalten?

Die armen Frauen der Wlder sind in dieser Hinsicht auch wirklich bel
dran; in dem kleinsten unbedeutensten Stdtchen, ja selbst in dem
einzelnen Haus, das nur an einer begangenen Strae liegt, kann sich das
junge Mdchen nett und geschmackvoll anziehn, und hat die Genugthuung,
da sie wenigstens gesehn, und auch bewundert wird, denn es sind
oft liebe, bildschne Gestalten, denen der schlanke Wuchs, die edle
Gesichtsbildung und die, mit nur _sehr_ seltenen Ausnahmen fast
untadelhafte Reinlichkeit einen eigenen Zauber verleiht; im Wald
aber, im wirklichen Wald, von jeder Verbindung mit der Auenwelt
abgeschnitten, wo sollen da die armen Mdchen und Frauen ihre Kleider
zeigen, und zeigen _mssen_ sie dieselben; bei einem Kltzeroll-Fest
oder #Quilting frolic?# wie selten kommt das vor, und wenn's
geschieht, wie selten ist dann Tanz nachher -- einmal, zwei Mal im
ganzen Jahr und das noch dazu im Sommer.

Solche Gelegenheiten benutzen sie dann freilich auch auf's Beste, und
welche es irgend von den jungen Mdchen kann, kommt nicht zu einem
derartigen Fest ohne wenigstens noch _ein_ anderes Kleid, manchmal drei
und vier mitzubringen, die whrend dem Tanz gewechselt werden knnen.

Weit bessere Gelegenheit hierzu bietet aber jedenfalls eine #Camp
meeting#, die nicht nur einen einzigen Abend und im gnstigsten Fall
eine Nacht durch dauert, wie ein solches Fest, sondern nicht selten
gleich drei und vier Tage hintereinander weg, whrend die jungen Leute
aus der _ganzen_ Nachbarschaft dabei Gelegenheit bekommen einander zu
sehen, miteinander zu plaudern -- und mehr als das. Mancher Funke ist
bei diesen Betversammlungen aus Auge und Herz herber und hinbergeflogen,
und hat gezndet fr Lebenszeit -- wenigstens gebunden; berdie muten
die jungen Mnner dort still und ehrbar auftreten, durften nicht trinken,
fluchen und schwren, und konnten oft nur mit Hlfe einer ihnen
allerdings gewaltsam in's Herz geschtteten Religiositt den Pfad
betreten, der zu der Liebe der Auserwhlten fhrte.

Mit einem Wort, es geht bunt zu bei solchen Betversammlungen, und wenn
der Geist dann erst noch ber die Schaaren kmmt, vergeht dem Fremden
Hren oft und Sehn.

Maulbeere fand fr jetzt aber nicht das mindeste Auergewhnliche; da
hier so viele Menschen auf einen Platz sich versammelt hatten, der sonst
eine Wildni war, fiel ihm nicht auf, weil er von einer Wildni, trotz
der letztverbrachten Nacht, berhaupt noch keinen rechten Begriff hatte.
Die Lagerfeuer sahen ganz gemthlich unter den grnen Bumen aus, und
die Menge der Gelagerten versprach ihm reichlichen Gewinn. Nur ein
groes hlzernes Gerst fiel ihm auf, das seitwrts von dem Platz, am
Rande der kleinen Waldble, und noch im Schatten einer riesigen Eiche
stand, und rechts und links ein paar kleine Einfriedigungen hatte, die
mit Laub und duftenden Krutern streuartig ausgeschttet waren. Fr das
Vieh schienen sie aber nicht bestimmt, denn ringsumher lagen die Feuer,
und die Pferde durften schon der Kinder wegen nicht in den inneren
Kreis.

Maulbeere dachte aber gar nicht daran sich ber die Verwendung
der Pltze den Kopf zu zerbrechen -- vielleicht dienten sie zu
Schlafpltzen, vielleicht nicht, was kmmerte es ihn. Nach einem
flchtigen berblick ber die Vertheilung der verschiedenen Gruppen,
schob er seinen Karren, ohne sich weiter um seinen bisherigen Fhrer
zu kmmern, mitten in den Kreis hinein, begann pltzlich mit lauter
gellender Stimme, aber natrlich in Englischer Sprache, seine Waaren,
Knste und Eigenschaften anzupreisen, und hatte wenige Minuten spter
die Genugthuung, die groe Hlfte der Versammlung ihn umdrngen zu sehn.
Maulbeere war auch in der That fr diese Waldbewohner ein Gegenstand;
er war ein Charakter wie sie nicht oft dort herumgezogen, selbst unter
den Yankee-Pedlars. Schon sein ganzes uere, die wirklich auffallende
hnlichkeit mit einem Orang-Utang, die wunderbare Zungenfertigkeit
des fremden Mannes, mit seinem trockenen Humor, der sie oft zu lautem
Gelchter hinri, das Alles war ihnen neu, und vielleicht selbst die
Ungewiheit dabei, ob die jeden Augenblick erwarteten Geistlichen
mit diesem Ausbruch lauter Frhlichkeit einverstanden sein, oder ihn
vielleicht gar verdammen wrden, erhhte den Reiz.

Maulbeere hatte indessen schon sein Schleiferamt begonnen, und Messer
wurden ihm so viele gebracht, da er sich ihrer kaum erwehren konnte;
auch Bestellungen bekam er genug, dorthin fnf, dorthinber acht Meilen
vielleicht, eine alte Scheere wieder in Stand zu setzen oder, als er
sich auch hierin entwickelte, einem Fingerhut eine neue Decke anzulthen.
Er war unermdlich dabei, grob gegen die Mnner, die ihn auslachten,
zrtlich gegen die Frauen und Mdchen, die ber ihn kicherten, und sein
Rad schwirrte und zischte, whrend seine Zunge noch viel rascher ging
als das Rad.

_Der ehrwrdige Mr. Sweetlip!_ -- ein freudiges Gemurmel lief durch
die ganze Versammlung, und die Frauen besonders, drngten jetzt rasch
und eifrig fort von dem Scheerenschleifer, whrend ihre kleinen lieben
Gesichter, die noch vor wenig Minuten so herzlich gelacht, und so frhlich
in die blaue herrliche Welt hinausgeschaut, einen gar ernsten, fast
wehmthigen Ausdruck annahmen. Alles schaarte sich um den frommen Mann,
und Maulbeere blieb allein mit seinem Karren in der Mitte stehen.

Mr. Sweetlip war die Freundlichkeit selber; er sprach mit Allen, hatte fr
jeden ein ermunterndes oder ermahnendes, ein freundlich tadelndes oder
lobendes Wort; sprach von der Erndte und vom Wetter, von weggelaufenem
Vieh und verirrten Schaafen -- in der geistigen Bedeutung des Wortes
-- und seufzte dann oft recht schwer und traurig auf, wenn er der Snde
der Menschen gedachte, die in die Welt gekommen und leider nicht wieder
hinauszubringen war. Mr. Sweetlip war eine wahre Seele von einem
Menschen.

Ernster und strenger, in finsterem Schweigen trat der andere Geistliche,
Mr. Hottenbrocken auf, und wenn man die beiden mit einem Schwerte des
Herrn htte vergleichen knnen, so war Sweetlip der Rcken, Hottenbrocken
aber die Schneide und Spitze in aller Schrfe und Hrte edlen Stahls.

 [Illustration: Capitel 2.]

Wenn Sweetlip mit sanfter Zunge seinen Zuhrern allerdings ihre geistigen
Wunden aufri, aber l hineintrufelte, und es manchmal sogar fr eine
Snde zu halten schien, selbst der Hlle smmtliche gute Eigenschaften
abzusprechen, so ging Hottenbrocken hinter ihm her und warf Essig und
Pfeffer und Salz hinein, rttelte die sanftschlafenden Snder aus ihrem
bewutlosen Zustand auf, und beschrieb ihnen mit triumphirendem Lcheln
und glhenden Farben einen furchtbaren Abgrund, an dem sie geschlummert
haben sollten, und wenn sie den auch nicht gleich sahen, wurden sie doch
ngstlich und verzagt, und streckten die Hand nach dem ehrwrdigen Manne
aus, sie zu retten.

Mr. Sweetlip hatte brigens die #meeting# zu erffnen und zu begren,
und stieg oder kletterte zu diesem Zweck auf das hohe, kanzelartige
Gestell, das unter der Eiche errichtet worden. Von hier aus richtete
er eine ziemlich lange Rede, ohne weiteren besonderen Inhalt, an die
Versammlung, ermahnte sie, ihre Augen und Herzen und Hnde zu Gott
zu erheben und ihn zu bitten, da er sie bei ihrer jetzigen freudigen
Zusammenkunft erleuchten, die Guten strken, und die verlorenen Schaafe
zurck zu seiner Heerde fhren mge, zu deren Bequemlichkeit hier, wie
er mit klaren drren Worten andeutete, die beiden Einpferchungen
angebracht und mit weicher Streu gefllt waren.

Maulbeere glaubte wirklich im Anfang da er mit dieser Sache Scherz
treibe; der ernste, wehmthige Mann sah aber nicht aus wie Scherz, und
Thrnen standen auch schon in vielen Augen seiner schnen Zuhrerinnen.
Um sich dessen aber zu vergewissern, drckte er sich durch die
Andchtigen, seinen Karren sich selber berlassend, langsam der Stelle
zu, wo er seinen alten Freund Jack Owen finster und schweigend an einer
Eiche lehnen und der Rede horchen sah.

Knnt Ihr mir sagen Freund redete er diesen leise an, was der fromme
Herr da oben mit den beiden Pferchen meint, und ob die nur _bildlich_
dastehn, oder in der Hitze des Gesprchs vielleicht wirklich gebraucht
werden sollen? ich habe keine rechte Idee von etwas Derartigem, und
mchte mich gern belehren.

Es geht mir nicht viel besser, Fremder, sagte der Backwoodsman
seufzend -- ich habe auch keine rechte Idee von dem Wesen und Treiben
der Leute; soviel aber ist gewi, da sie die Fenzen oder Pferche, wie
Ihr sie nennen wollt, heute oder morgen noch brauchen, wenn der Herr da
oben die Gemeinde vorbereitet hat, und der andere lange Herr mit dem
finsteren Gesicht erst in ordentlichen Schu und Gang gekommen ist
-- wenn nicht heute, morgen seht Ihr das gewi!

Und sind das so berhmte Prediger? frug Maulbeere etwas erstaunt, denn
das uere der Leute hatte auf ihn den Eindruck nicht gemacht --

Der sanfte Mann der jetzt da oben spricht sagte Jack mit einem etwas
bitteren Lcheln, war noch im vorigen Jahr ein Schneider in Little
Rock, als pltzlich _der Geist_ ber ihn kam, wie sie es nennen, und er
zu predigen anfing. Er hat eine sanfte Gabe wie die Frauen sagen, und
wenn er nur anfngt zu reden, weinen sie schon vor lauter Rhrung und
Wehmuth. Der Andere ist ein Yankee, und war frher ein Pedlar, wie man
bei uns die wandernden Krmer nennt -- betrog alle Welt mit seinen
Yankee-Uhren und anderem Trdel den er zum Verkauf im Lande herumfhrte,
und -- wurde auch auf einmal religis, hielt einen Ausverkauf mit seinen
Uhren, von denen die Frauen wie toll darauf waren, eine zu kaufen, um,
wie sie meinten, dem Teufel zugleich eine Seele zu entreien, und fing
ebenfalls an zu predigen. Die Beiden sind jetzt die beliebtesten Redner,
die wir hier zu hren bekommen, und haben die anderen Circuit-rider wenn
nicht ganz weggebissen, doch so in den Schatten gedrngt, da sie sich
kaum noch sehn lassen. _Ihre_ Sammlungen fallen auch -- jedenfalls die
Hauptsache -- immer am reichlichsten aus, und fr ihre _milden Zwecke_
nehmen sie Geld und Geldes Werth, Hirsch- und Racoonfelle, Talg und
Honig und Brenfett. Aber jetzt pat auf setzte er, mit dem Kopf nach
der Kanzel winkend hinzu -- jetzt kommt Herr Hottenbrocken d'ran -- es
wird ein heier Tag werden, denn er schneidet ein furchtbar finsteres
Gesicht.

Jack schulterte, whrend er die letzten Worte sprach, seine Bchse,
drehte sich ab von dem frommen Mann, und schritt langsam hinein in den
Wald, whrend Mr. Hottenbrocken allerdings von der Kanzel zu donnern
begann, und mit leuchtenden Augen und im Anfang zwar noch ziemlich
ruhiger, dann aber immer wachsender Stimme den zitternden Zuhrern die
Pforten aufri die hinab in den Schlund der Hlle fhrten. Mit wilden
Gesten und rollenden Augen deckte er dabei alle Schrecknisse auf, die
dort unten der Unglubigen, der Tauben die nicht hren, der Blinden die
nicht sehen wollten, harrten, und seine Rede flo ihm glhend hei von
den in wilder Aufregung zitternden Lippen.

Maulbeere, so sehr er sich sonst ber derlei Sachen lustig machte, war
aber pltzlich unendlich aufmerksam geworden, drngte sich, so weit
sich das fglich thun lie, nach vorn, kein Wort von der Predigt zu
verlieren, und verrieth dabei eine Andacht, eine Freudigkeit, die
sogar mehrmals die Blicke des Geistlichen selber auf ihn lenkte und
wohlgefllig auf ihm weilen lie. Der Eine war Schneider, der Andere
Krmer gewesen, der _Geist_ gengte -- wenn der Geist kam mute der
Krper gehorchen! -- Die Predigt oben dauerte fort, Maulbeere hrte
sie aber nicht mehr, sein ueres Ohr war anscheinend offen, sein
inneres lauschte dagegen einem Chaos von Speculationen, die sich in dem
Gehirn des praktischen Scheerenschleifers entwickelten, und ihm seinen
Gedankenkasten mit einer Unmasse von Plnen und Ideen fllten.

So kam der Abend heran; dieser Tag war mehr eine Vorbereitung zu der
morgenden _Schlacht_ gewesen, die Mr. Hottenbrocken dem Teufel und
seinen Helfershelfern angekndigt hatte; seine Krieger, wie er die
Frommen und Glubigen nannte, waren gerstet und geweiht worden zu dem
schweren Kampf, und die nchste Sonne sollte ihre untergehenden Strahlen
auf die Streiter werfen, die mit der Glorie des Herrn siegreich aus
Kampf und Ringen hervorgegangen wren.

Maulbeere verlangte mehr als das zu wissen, und Jack Owen schien ihm
nicht der rechte Mann dazu, denn er hatte, soviel der Scheerenschleifer
bis jetzt davon gemerkt, keine Freude an der ganzen Sache, war auch in
der That nur herbergekommen, weil er die Frauen nicht zu Hause halten
konnte, und nicht allein ziehn lassen _wollte_. Frauen sind berhaupt
in den meisten Fllen weit besser zu Hause, als bei solchen Campmeetings
aufgehoben.

Unter den hierhergekommenen Andchtigen befand sich eine Familie,
die Maulbeere's Aufmerksamkeit schon von allem Anfang durch das viele
Kochgeschirr und die zahlreichen Proviantkisten auf sich gezogen, die
sie bei sich fhrten. Der Mann, wie er sich indessen erkundigt hatte,
war Kirchenltester, und ein groer Gnner Mr. Hottenbrockens, der
oft acht und vierzehn Tage auf seiner Durchreise bei ihm blieb, und
allabendlich in seiner Familie predigte. Diesem introducirte sich
Maulbeere noch _vor_ dem Abendessen, enthllte ihm den Eindruck, den
die Predigt heute Nachmittag auf ihn gemacht hatte, und bat ihn um die
Lebensgeschichte des langen Mannes, der eine so fabelhafte Rednergabe,
mit solchem Feuereifer und solcher Gluth der Sprache vom lieben Herrgott
und heiligen Geist empfangen habe.

Der Kirchenlteste nahm ihn freundlich auf; Maulbeere mute sich mit zu
seinem Feuer setzen und mit ihnen essen, und erzhlte ihnen dafr seine
Lebensgeschichte mit einer Phantasie, die seinen alten Schiffsgefhrten
Theobald glcklich gemacht haben wrde, und auch hier ihre Wirkung nicht
verfehlte. Er erfuhr dafr Alles was er wissen wollte -- da nmlich nicht
etwa ein langes Studium erforderlich sei, mit begabter Zunge zu reden,
sondern da solche, die der heilige Geist als Begnstigte ausersehen,
oft von den niedrigsten Handwerken, aus dem sndhaftesten Lebenswandel
heraus, zu der hohen Wrde eines Seelenhirten sich emporgeschwungen
htten, und Lichter geworden wren, ihren Mitbrdern und Schwestern auf
dem schmalen dornigen Pfad der Tugend voranzuleuchten. Nicht einmal ein
Examen war dabei erforderlich; es bedurfte eben weiter Nichts, als der
hohen natrlichen Begeisterung, die, fr einen monatlichen Gehalt aus
einer der frommen Stiftungen und Vereine, ihr leibliches Wohl vollkommen
in die Schanze schlug, und die Arbeit aufnahm im Weinberge des Herrn.
Schwer war freilich ihre Aufgabe dabei, sie hatten nicht allein gegen
die sndhaften Unglubigen, sondern auch gegen den Antichrist wie eine
Menge anderer Sekten anzukmpfen, aber das Ziel war glorreich -- sie
_muten_ endlich siegen, der Herr war mit ihnen, und die Schlange
blutete mit zertretenem Haupte unter ihren Hacken.

Das etwa war der Sinn der Rede, die der Kirchenlteste dem mit der
gespanntesten Aufmerksamkeit zuhorchenden Zachus Maulbeere hielt, und
wie dieser spt am Abend, wo sich die Mehrzahl der hier Gelagerten zur
Ruhe begeben, seinen Karren zu seinem neuen Beschtzer heranschob, und
dann in das laut gehaltene Nachtgebet inbrnstig mit einstimmte, schien
ein ganz anderer Geist in den sonst so rohen, profanen Menschen gefahren
zu sein. Die Anderen hatten sich lngst wieder erhoben, und er kniete
immer noch eine Weile allein in still versunkenem Gebet, legte sich dann,
in seine Decke gewickelt die er vorn an den Karren geschnallt mit sich
fhrte, ohne mit irgend Jemandem ein Wort weiter zu wechseln, auf den
ihm angewiesenen Platz unter ein weit gespanntes Leinwandzelt, und
war bald sanft und ruhig -- ein etwas lautes Schnarchen abgerechnet
-- eingeschlafen.

Am anderen Morgen begannen die Predigten ungemein frh, und Maulbeere
htte heute keine Zeit bekommen seine Geschicklichkeit zu verwerthen,
selbst wenn er es gewollt; er dachte aber gar nicht daran, sa gleich
vom Morgengrauen in den vordersten Reihen der Glubigen, und schien
sich wirklich nur zufllig gerade zur Frhstckszeit an dem Feuer des
Kirchenltesten wieder einzufinden. Dieser aber hatte seine innige
Freude an dem Mann, der, wie er nicht ganz mit Unrecht meinte, innerlich
und uerlich einer ordentlichen Reorganisation bedrfe, und die nur
allein durch das Wort Gottes erhalten knne. brigens sei es ein
erfreuliches Zeichen auch unter den _Deutschen_, die sonst nicht in dem
Rufe stnden, viel wirkliche Religiositt zu haben, Einzelne zu finden,
die eine rhmliche Ausnahme davon machten.

Zum Frhstck trat eine Pause ein, da die Geistlichen selber, zu
ihrem heutigen harten Kampfe, einer Strkung bedurften, und es war fr
Maulbeere ein rhrendes Bild, und eine Quelle tiefen Nachdenkens, zu
sehn, wie sich die _Brder_, in Liebe und Freundschaft darum stritten,
die ehrwrdigen Herren an _ihrem_ Frhstckstisch bewirthen zu drfen,
wo ihnen dann das Beste aufgetafelt wurde, was die Kche aus Wald und
Strom und Farmhof nur zu liefern vermochte.

Gleich nach dem Frhstck begann die Predigt wieder, die aber bis zum
Mittagessen wenig Erquickliches bot; es war ein Mischmasch von den
allergewhnlichsten Phrasen, in der allergewhnlichsten Art vorgetragen;
entweder _konnten_ die Leute nichts Besseres liefern, oder sie versparten
sich den vollen Eindruck auf den Nachmittag und Abend, wo die Zuhrer
berhaupt mehr aufgeregt und fr das bernatrliche mehr empfnglich
sind. Maulbeere nichtsdestoweniger hielt gewissenhaft aus; Manche seiner
Nachbarn und Nachbarinnen, die auch entsetzlich in ihrer Andacht durch
seinen alten grnen und wie glasirten Rock gestrt worden waren,
schliefen sanft; Maulbeere wachte, und verwandte kein Auge von dem
Redenden.

Mittag kam, und so sehr sich die Amerikaner vor einem unreinlichen
Menschen scheuen, hatte Maulbeeres Andacht doch besonders die
Aufmerksamkeit der Frauen auf sich gezogen; er war auch fremd hier, und
konnte nicht ohne Nahrungsmittel gelassen werden. Maulbeere bekam drei
Einladungen an verschiedene Feuer, die er alle drei annahm, und mit
geschickter Zeiteintheilung auch verwerthete. Nach Tisch und einer
kurzen Ruhezeit, mit der etwa drei Uhr Nachmittags heranrckte, begann
die Predigt auf's Neue -- jetzt aber mit einem andern Geist.

Der Reverend Mr. Sweetlip machte heute Nachmittag den Anfang, und die
Versammlung, als ob die Leute schon eine Ahnung gehabt htten, wie der
Geist heute wirken wrde, war zahlreicher als je; Maulbeere aber sa in
den vordersten Reihen.

Mit weicher, schmelzender Stimme begann der ehrwrdige Mr. Sweetlip
seinen aufmerksam lauschenden Zuhrern die Orte auf dieser Erde zu
schildern, wo den armen schwachen Menschen Verfhrung umlauere, ihn von
der Bahn des Guten abzulocken; und dabei zeigte er ihnen den Lohn, den
sie auf dieser Welt schon fr ein gottgeflliges Leben, aber auch viel
grer noch in einer anderen Welt, zu erwarten htten: in dieser Welt
durch ihr ruhiges, zufriedenes Gewissen, das ihnen die Brust mit einer
unendlichen Wollust und Seligkeit flle (und er selber fhrte sich dabei
zum Beispiel auf, wie er, seit er sein Herz dem Himmel zugewandt, in
einem wahren Meer von Wonne schwimme) und in jener, wo Gott und der
Heiland ihnen ein beneidenswerthes Loos bereiten wrde, so sie hier den
sndigen irdischen Lsten widerstnden, und ihre Augen nur nach dem
richteten _was Gottes_ wre. Auch hierbei lie er sich in eine nhere
und mehr bildliche Beschreibung dieser einstigen Seligkeit, wie er sie
sich dachte, ein, und schilderte seinen Zuhrern mit immer glhender
und lebendiger werdenden Farben das Paradies, wo sie von Ewigkeit zu
Ewigkeit oben im Kreis der Engel in den Wolken sitzen, und Hallelujah
singen wrden.

Maulbeere sah sich rasch nach seiner Nachbarin zur Linken um, denn diese
fing pltzlich an zu sthnen, schlo die Augen, warf den Kopf herber
und hinber, und gebehrdete sich etwa so, als ob sie einen Anfall von
Krmpfen erwartete. Der Scheerenschleifer dachte auch an seine kleine
Hausapotheke die er in dem Karren mit sich fhrte, an Salmiakgeist
und Hofmann'sche Tropfen, Einreibungen von Senfspiritus und andere
entsetzliche Mittel; ehe er aber noch zu einem rechten Entschlu kommen
konnte, begann seine Nachbarin zur Rechten ebenfalls, hnliche Tne
auszustoen und berall vor und hinter ihm, und rechts und links, fing
es an zu chzen und zu sthnen und die Ausrufe -- #Oh Loooord -- glory
-- glory -- happy -- happy -- blessed Jesus!# wurden nach allen Seiten
hin laut, und kamen in Gestalt von gewissermaen gewaltsam ausgestoenen
Seufzern zu Tage. Nur erst mit dem Schlu der Predigt, die in einem
langen Gebet endigte, beruhigten sich die Andchtigen, und die Frauen
hielten ihre Taschentcher vor die Augen und weinten, als ob ihnen das
grte Herzeleid in der Welt geschehen und nicht die einstige Seligkeit
geschildert wre.

Lautloses Schweigen folgte, denn Mr. Hottenbrocken kletterte jetzt,
nachdem er den ehrwrdigen Bruder Sweetlip heruntergelassen, auf
die Kanzel, bersah mit einem, ber die Massen schweifenden finster
drohenden Blick die Versammlung, und rief pltzlich, zu voller Hhe
aufgerichtet und den rechten Arm von sich streckend, mit donnernder
Stimme:

Brder und Schwestern -- Mitbrger -- Mitchristen -- Snder
-- _nichtswrdige, elende, erbrmliche Snder_ -- der Tag der Rache
ist nahe!

Oh Loooooord! schrie die eine Mitschwester an Maulbeeres Seite, der
doch jetzt fand, da diese verschiedenen Ausrufe keineswegs einem
krperlichen Gebrechen, sondern eher einer geistigen Vervollkommnung,
einer Empfnglichkeit des Herzens fr das Hhere, zuzuschreiben sei.
Mr. Hottenbrocken hatte indessen eine kleine Pause gemacht, als ob er
seinen Zuhrern Zeit geben wollte, ber diese Verkndigung nachzudenken,
und begann nun, nachdem er vorher sein Taschentuch herausgenommen und
sich vorsichtig geschneuzt hatte, mit einer Stimme und einem Ausdruck
seine Predigt, als ob er in irgend einem gleichgltigen Gesprch etwa
gesagt htte -- ich glaube wir werden diesen Nachmittag Regen
bekommen.

Der ehrwrdige Mr. Sweetlip, mein verehrter Bruder und fleiiger
Mitarbeiter im Weinberg des Herrn, hat Euch, liebe Schwestern und
Brder, die Freuden des Elysiums geschildert; er hat Euch mit glhenden
lebendigen Farben, wie den hheren heiligen Sphren abgelauscht, die
Pltze der Seligen vorgefhrt, wohin die _Guten_ einst kommen werden. Es
_giebt_ einen solchen Platz, liebe Schwestern und Brder, wie ich Euch
wohl kaum noch zu sagen habe, denn Jeder von Euch wei es -- es steht
mit klaren einfachen Worten in der Bibel, und ist daher keine Kunst
das zu wissen -- Jeder kann das wissen der nur lesen kann, oder einen
Bekannten hat, von dem er wei, da er ihm keine Lgen erzhlt, und der
ihm die Geschichte vorliest. Also wir sind davon, als einer ausgemachten
Thatsache, berzeugt, _da_ es einen Platz giebt, wohin die Guten, die
Gerechten vor dem Herrn kommen, und nicht allein unsere Phantasie,
geliebte Brder und Schwestern, verleiht diesem Platz die hhere Wonne,
nein auch die heilige Schrift giebt uns ziemlich genaue Grundlagen ber
den etwaigen Zustand dort oben, wie ihn mein Bruder in Christo, Mr.
Sweetlip geschildert hat -- Aber -- rief er pltzlich, und unterbrach
damit gewissermaen seine bis dahin vollkommen ruhige und wie
gesprchsweis gehaltene Rede -- _aber_, donnerte er noch einmal,
mit jetzt tief und drhnend schallender Stimme, aber _wer_ sind die
Gerechten? -- _wo_ sind sie? -- wie viele oder wie wenige sind es ihrer?
-- Wehe, wehe, wehe, mein Auge streift umher, und keinen Frieden, kein
Licht findet es, wohin es schweift -- mein Ohr lauscht auch dem leisesten
Klang, und nur Weheklagen sind es, die es vernimmt!

Oh Loooooord! -- sthnte Maulbeere's Nachbarin wieder.

Lauter und lauter wurde jetzt die Stimme des Sprechers, mit der er
jammerte da er umsonst das Haupt eines Gerechten suche, es mit
der ewigen Glorie zu decken -- sie wren _Alle_ Snder, schlechte,
miserabele, elende Snder vor dem Herrn -- keiner, der bestehen wrde
vor seiner Gerechtigkeit, und nur wenn sie strben, wrden sie es den
ersten Tag bequem haben, sie fortwhrend bergunter fhren, tief tief
hinunter zu dem hllischen Abgrund, wo da ist Heulen und Zhneklappen,
dann aber -- dann --

#Oh gracious Looooord!# sthnten die Stimmen rechts und links
-- #merci, merci -- merci!# Gnade! -- sei gut zu uns Herr, sei gut
zu uns! und hie und da standen Einzelne der Mitglieder auf, und
taumelten mehr als sie gingen unter dem #glory#-, #glory#- und #happy#-,
#happy#-Rufen in den einen kleinen Pferch, der zur Linken des Predigers
stand, wo sie sich auf die Knie warfen, und laut und brnstig, nur von
einzelnen Schreien unterbrochen, an zu beten fingen.

Maulbeere wurde unruhig, er blickte um sich her und sah seine Nachbarn
an, machte sogar ein paar Mal Miene aufzustehen, setzte sich aber immer
wieder nieder. Das Gesthne um ihn her wurde dabei immer toller, und je
wilder und feuriger der Mann auf der Kanzel jetzt anfing mit rasselnder,
drhnender Stimme die Qualen der Verdammten zu schildern, und lauter und
drohender der ganzen Schaar seiner Zuhrer ein hnliches Schicksal zu
prophezeihen, je mehr er mit den Armen warf und seine langen Glieder
umherzuschlenkern begann, die Augen dabei verdrehte und mit der Stimme,
vielleicht das Wimmern der Gepeinigten nachzuahmen, in ein Gekreisch
und Gewinsel fiel, und dann wieder um Gnade, Gnade schrie fr die
Verdammten, um deren Glieder er schon die Lohe schlagen she, die im
ewigen Feuer zuckten und sich krmmten und die Arme umsonst flehend,
Hlfe suchend, herausstreckten aus dem knisternden Verderben, da
erreichte der Aufruhr und Lrmen einen furchtbaren Grad. Die Leute
sprangen und heulten auf ihren Sitzen, schlugen mit den Armen und Beinen
um sich, und klammerten sich aneinander an, als ob sie schon jetzt
frchteten von dem hllischen Feind gefat, und nach seinen Regionen
niedergefhrt zu werden.

In dem links gelegenen Pferch hatten sich inde die Bcke mehr
und mehr angesammelt -- es waren die, die sich als die grten,
nichtswrdigsten Snder erkannten -- und lagen hier auf den Knieen,
rangen die Hnde, heulten, schrieen, und gebehrdeten sich mit einen Wort
wie Verrckte. Zwangsjacken wren auch in der That das einzige gewesen,
was sie htte halten knnen.

Mr. Hottenbrocken oben auf seiner Kanzel aber fing an zu triumphiren.

_Da_ kommen sie! schrie er mit ausgestrecktem Arm und Finger
niederdeutend, auf die mehr und mehr dem Pferch Zudrngenden, (Mnner
und Frauen und Mdchen, Alles durcheinander) und sein Auge scho Blitze,
seine Gestalt hob sich hher und gewaltiger, und zog sich dann manchmal
in sich selbst zusammen, als ob er noch unschlssig sei, vielleicht
mit einem Satz ber die Barriere weg, mitten zwischen die Schaar
hineinzuspringen -- da drngen sie herbei, vom Teufel gepeitscht, der
hinter ihnen mit ausgespreizten Krallen dreinspringt, den Einen oder
Anderen noch von denen die ihm entfliehen wollen zurckzureien in sein
Reich der Verdammni!

#Oh L--o--o--o--o--o--rd -- merci -- merci!# schrieen die Frauen
wieder, die sich jetzt zwischen den Bnken anfingen ngstlich umzusehn,
und sogar manchmal mistrauische Blicke auf den Scheerenschleifer warfen
-- habe Gnade mit uns, barmherziger Gott; rette uns, rette uns vor dem
Teufel -- rette uns vor dem ewigen Feuer!

Gnade? schrie aber der Mann auf der Kanzel mit seiner Donnerstimme
nieder in den Lrm und Aufruhr -- Gnade wollt Ihr? -- Gnade fr Euere
_Snden_? -- Gnade fr Euern _Unglauben_? Gnade fr Euere verderbten und
verstockten Herzen? -- der Fluch _Gottes_ wird Euch treffen am jngsten
Gericht -- niederschmettern wird er Euch in den Staub, die Ihr Euch
jetzt am stolzesten und hchsten whnt -- niederschmettern in ewige
Verdammni und Nacht und Finsterni und ewiges Feuer, wo Satan die Macht
ber Euch haben wird und die Kraft und die Gewalt; und _dort_ steht er!
schrie er pltzlich wild gellend auf, mit dem ausgestreckten Arm gegen
den Wald hinauszeigend -- dort grinst er herber auf Euch und fletscht
die gelben frchterlichen Zhne! -- dort steht er und schttelt sich vor
Lachen und innerer grimmiger Lust, wie er die Heerde sieht, die er bald
eintreiben kann in sein hllisches Reich, die Opfer sieht, die ihm
verfallen sind durch ihre eigene Snde und Lust und rettungslos,
rettungslos verloren gehn!

#Merci -- merci -- glory -- glory -- oh Looooord!# schrie und sthnte
die Schaar wieder, und ein solches Wthen und Drngen und chzen und
Winzeln begann zwischen den Menschen, da Maulbeere mistrauisch die
Leute von der Seite ansah, und doch nicht herausbekommen konnte ob sie
im Ernst waren, oder sich nur verstellten.

Und trotzdem war der Paroxismus noch nicht zum hchsten Grade gestiegen.
Der Geistliche auf der Kanzel hatte wieder eine Pause gemacht; es fehlten
ihm Worte weitere Schrecken heraufzubeschwren, das Schlimmste was er
hatte auffhren knnen war geschehn -- der Teufel stand mit gekrmmten
Krallen hinter den Bumen und lauerte auf seine Opfer; _der_ Schrecken
mute jetzt wirken und dann _die Mglichkeit_ der eingeschchterten
Schaar gezeigt werden, dem zu entgehn.

Fhlt Ihr Euere Gefahr? -- erkennt Ihr den Abgrund an dem Ihr steht?
rief der lange finstere Mann pltzlich wieder mit nicht sehr lauter,
aber zu den entfernteren Stellen dringender, bohrender Stimme, habt Ihr
das schwarze Meer, mit seinen strmenden rollenden Wogen gesehn, das
ber Euch hereinwlzen will, Euch in seine Tiefe zu ziehn? -- _fhlt_
Ihr endlich Euere Nichtigkeit, Euere Erbrmlichkeit, Euere Snde, die
schwarz genug ist da sie die Sonne verfinstern und der Engelein
Gnadengebet ersticken knnte? -- _fhlt_ Ihr sie? wit Ihr da Ihr
_verloren_ sein mtet -- rettungslos, erbarmungslos fr immer und ewig,
wenn Ihr nur das bekmt was Ihr hier _verdient_? nur dem _gerechten_
Richter gegenber?

#Oh Looooooo'od a massy!# schrie eine dicke, vor Maulbeere sitzende
Negerin jetzt mit gellendem Aufkreisch, und fiel von der Bank herunter
auf der sie gesessen, als ob sie todtgeschossen wre. Niemand bekmmerte
sich aber um sie, und sie blieb eine Weile regungslos liegen, ohne ein
Glied zu rhren.

Aber _noch_ ist es Zeit! donnerte da pltzlich des Redenden Stimme,
wie eine schmetternde Posaune Heil verheiend durch den Wald -- _noch_
ist die zwlfte Stunde nicht vorber, noch hlt der Engel der Gnade
die Hand ausgestreckt nach den Strauchelnden -- _noch_ ist es Zeit
Mitbrder, Mitschwestern, der Himmel ist offen, das Licht des
Heilands leuchtet Euch entgegen, das Wort der Verheiung kann noch
Wahrheit werden -- _noch_ ist es Zeit Gentlemen -- Brder, Schwestern,
Reisegefhrten! schrie der Mann, der beinah in der Hitze der Rede in
sein altes Geschft, das Auktioniren, gefallen wre und eben noch Raum
fand wieder einzulenken -- _noch_ ist es Zeit -- kommt, kommt, kommt zu
dem Herrn -- kommt, kommt, kommt zu Jesus Christus -- kommt -- oh kommt
in des Heilands Arme, der Euch rettet aus Noth, Tod und Verdammni
-- kommt!

#Glory -- glory -- happy -- happy!# brllte und tobte da pltzlich die
Masse -- #blessed be de Looo'd# Dschisos! schrie die dicke Negerin mit
einem gewaltigen Ruck sich emporrichtend, da sie gerade vor Maulbeere
auf die Erde zu sitzen kam, und ihm starr in's Antlitz sah. Aber berall
zu gleicher Zeit brach der langverhaltene Sturm jetzt donnernd los
-- Mnner und Frauen sprangen empor, rissen sich die Rcke vom Leib,
die Tcher von den Schultern, rauften sich die Haare, schlugen sich die
Brust, sthnten, kreischten, schrieen, den dicken Schaum auf den Lippen,
groe Schweitropfen auf der Stirn, und die Augen fast aus ihren Hhlen
drngend.

Es wre berhaupt unmglich dem Leser auch nur im Entferntesten
eine solche Scene lebendig genug zu beschreiben, da er sich selber
hineindenken knnte; etwas Derartiges mu man selber gesehn und erlebt
haben, und ist es dann vorbei, zweifelt man trotzdem wieder ob es
wirklich geschehn sein _knne_, ob nicht ein toller Fiebertraum uns
geneckt, und selbst der Erinnerung glauben wir nicht mehr, die uns
solch wildes, tolles Zeug will aufbewahren. Nichts Geisterhafteres,
Unnatrlicheres giebt es auf der weiten Gotteswelt, als diese Scenen, wo
der heilige Geist von den schaumbedeckten Lippen wahnsinniger Schwrmer
sprechen soll, und diese sich auf der Erde wlzen, die Fingerngel in
den Boden einwhlen, den Rasen beien und #glory, glory!# schreien, Ruhm
dem Herrn in der Hhe!

Viele mag es dabei geben, die einen solchen Zustand aus irgend einem
Grunde heucheln; die sich eben nur stellen als ob der Geist ber
sie kme, mit den Armen und Beinen werfen, und solcher Art einen sehr
billigen Ruf groer Religiositt erlangen, vielleicht Einla in manche
Familie zu bekommen, deren Kreis ihnen sonst verschlossen geblieben
wre. Ebenso gewi ist es aber auch, da Viele, _sehr_ viele in
Wirklichkeit und Wahrheit in diesen Zustand verfallen, da sie nur
durch die oft vollkommen sinnlose, nur mit einer gewissen Begeisterung
und mit steigendem Affekt gesprochene Rede in einen halb bewutlosen
berspannten Zustand gerathen, in dem sie sich der Erde entrckt und von
einem anderen, auer-, und jedenfalls berirdischen Wesen begeistert
whnen.[2] Fieberanflle folgen nicht selten demselben, und die aufgeregte
Einbildungskraft ist nachher jedenfalls sehr leicht im Stande das, wo
sich etwa noch eine Lcke in ihren Gedanken und Bildern finden sollte,
mit Leichtigkeit auszufllen. Auf Jemandem aber, der einer solchen
Versammlung mit kaltem, ruhigen Blute beiwohnt, macht sie unausweichlich
den Eindruck eines Haufens wahnsinniger Menschen, die losgebrochen sind,
und die kurze Zeit ihrer Freiheit geschwind benutzen, sich einmal recht
tchtig auszuschrein.

In diesen Pferchen besonders, wohin die sich drngen, die den heiligen
Geist ber sich kommen fhlen, geht es zuweilen zu, da man sich mit
Ekel von einem solchen Bilde menschlicher Entwrdigung abwendet, und
doch fhlen sich diese verblendeten Menschen auf dem Gipfel menschlicher
Erhhung, und werden natrlich darin von den Geistlichen, die den
Erfolg ihrer Wirksamkeit nach den Kpfen ihrer geretteten _Schaafe_
zhlen, bestrkt.

Ich wei wirklich nicht, ob der Ausdruck Schaaf in _solchen_ Fllen
hinlnglich und stark genug bezeichnend ist -- er gengt mir sehr hufig
bei uns nicht einmal.

Glory! Glory! Hallelujah! brllte die Schaar, heiliger Geist komm
-- senke Dich auf uns herab, rette uns, hilf uns -- #glory, happy, happy,
happy!#

Uch! schrie oder kreischte da pltzlich eine einzelne Stimme, so
scharf und gellend durch die Mistne um sie her, da sich selbst von den
augenblicklich Begeisterten Viele, halb dabei aus ihrer Rolle fallend,
nach der Stelle umsahen, von wo der merkwrdig wilde, unheimliche Laut
ertnte, und hier bot sich ihnen allerdings ein neues seltsames
Schauspiel.

Zachus Maulbeere hatte der Geist ergriffen, und whrend die dicke
Negerin, die sich wieder aufgerichtet, seine Knie umklammert hielt und
abwechselnd Hlfe und Glory! schrie, stand Maulbeere auf der Bank, auf
der er bisher gesessen, mit bloem Kopf, an der Stirn noch die Spuren
des niedergelaufenen Regenwassers von der vorigen Nacht, die Arme zum
Himmel ausgestreckt, und das Gesicht ebenfalls dorthin erhoben, und
tobte rger als Einer der Anwesenden sein #happy -- happy -- happy# dem
grnen Waldesdome entgegen.

Dort ist _noch_ ein Schaaf! schrie der Geistliche von der Kanzel
nieder, mit dem Arm auf den begeisterten Scheerenschleifer deutend, und
mit funkelnden, fast wie beutelustigen Augen die Wirkung seiner Rede an
dem Fremden beobachtend -- dort ist ein verirrtes, abtrnniges Schaaf
das zur Heerde zurckkehrt -- ein Lamm das sich in den Hnden des Herrn
vor den Krallen des Teufels bergen will -- eine Taube, die den Fngen
des ewig nagenden Geyers zu entziehen sucht. -- Oh komm -- komm Lamm
Gottes -- komm in den himmlischen Pferch -- komm in die Arme des
Heilands, die sich liebend und sehnschtig nach Dir ausstrecken -- oh
komm -- oh komm! --

Ich bin ein arger Snder gewesen! schrie da Maulbeere, pltzlich seine
Brust schlagend und einen vergeblichen Versuch machend sich von der
dicken Schwarzen zu befreien -- ein nichtswrdiger, verstockter Snder
-- eine Kerze des Satans, ein Pflegekind der Hlle -- der rothen,
feurigen, flammenden Hlle.

#Oh do--nt -- do--nt -- oh Loooood# schrie die Schwarze dazwischen.

Aber ich fhle die Kraft in mir, fuhr Maulbeere in seiner Begeisterung
fort -- Alles abzuwerfen was mich bis dahin gehalten (ausgenommen die
Schwarze, die nicht von ihm lie), ich fhle den _Geist_ kommen -- ja
Brder, ja Schwestern, ich fhle den Geist kommen, den heiligen, lieben,
gesegneten Geist!

#Oh glory -- glory -- glory -- happy -- happy!#

Ich fhle, wie es in mir tobt und whlt und brennt; _das_ ist das Feuer
das die Snde lutert, das ist der letzte Rest der Snden die jetzt
verkohlen und verfliegen -- ich komme -- ich komme -- _heih!_

Seine Worte arteten zuletzt in eine Art Geheul aus -- Augen schienen
aus ihren Hhlen herauszudrngen, die struppigen Haare sahen in diesem
Augenblick so aus als ob sie vor Entsetzen emporstnden, und mit einer
gewaltigen und wirklich verzweifelten Kraftanstrengung aus den ihn
umklammernden Armen der Negerin sich herauswindend, und jetzt ebenfalls
#glory, glory, happy, happy# rufend, arbeitete er sich nach dem schon
vollgedrngten Pferch durch, kletterte ber die Fenz, sprang mitten
in den Haufen hinein, und verschwand dort in dem Gewhl und Zucken
menschlicher Gliedmaen, die sich auf dem bestreuten Boden wanden.




Capitel 3.

Der wandernde Krmer.


Warm und freundlich schien die Sonne nieder auf die weiten grnen
Prairieen von Illinois, die sich in ungeheueren Flchen, nur hie und da
von einem dunklen Streifen hoher Eichen unterbrochen, nach Nord und Sd,
nach Ost und Westen dehnten. Wie eine wogende See stand dabei das hohe,
ppige Gras in der frischen Westbrise, die darber hinstrich, und lichte,
rasch ber die Oberflche laufende Wellen bildete, tuschend hnlich
einer ruhigen See, ber die ein leiser Passat die leicht gekruten,
eben nur sich hebenden Wogen zieht.

Wie Inseln darin, um die Tuschung noch grer zu machen, lagen einzelne
kleine Farmen weit zerstreut, deren Maisfelder gleichfalls wogten und
dem Wind sich neigten, und das grne Wasser darstellen konnten in der
Nhe des Landes, whrend die Prairieen schon eine dunklere, gelblichere
Frbung angenommen. Daraus vor aber ragten die kleinen grauen Dcher der
Blockhuser, mit ihren blauen dnnen Rauchstreifen, die weit ber die
Flche zogen; Felsen gleich, an denen sich die Brandung brach, whrend
in den Wogen der Prairieen selber zahlreiche Heerden, nur mit Kopf und
Rcken oft aus dem schwellenden Gras herausreichend, das seine Wellen an
ihnen vorbertrieb, herumschwammen, oder die breiten gutmthigen Kpfe
witternd und schnffelnd der frischen Luft entgegenhielten.

Aber kein Fahrzeug strich auf dem weiten wasserhnlichen Grasspiegel
einher; vergebens suchte das Auge nach einem lichten Segel, die Tuschung
nicht grer zu machen, sondern mehr fast zur Besttigung, da die
nicht Land- und Pflanzenwuchs, sondern wirklich schiffbares, wogendes
Wasser sei.

Ein Kahn! von den grnen Wellen getragen schwimmt, einen dunklen
Streifen hinter sich herziehend, ein schmaler dunkler Kahn dahin, und
ein einzelner Ruderer sitzt darin, still und regungslos sein Forttreiben
Wind und Strmung berlassend. Mit Gewalt mu sich das Auge zuletzt
zwingen in dem kleinen Kahn und Ruderer Mann und Pferd zu erkennen, die
langsam einem schmalen, sich durch die Prairie ziehenden Wege folgen,
und gerade auf die nchste, von einem kleinen Feld begrenzte Blockhtte
zuhalten.

Der Reiter aber war ein alter Bekannter von uns, Georg Donner, der,
langsam seinen Weg verfolgend, die kleine Htte endlich erreichte, und
dort seinem Pferde kurze Rast zu gnnen beschlo. Die ganze Umgebung
des Hauses lie ihn auch auf Landsleute als Eigenthmer schlieen, und
den Zgel seines klugen wackeren Thiers abstreifend, band er ihm die
Vorderfe, nach Landesart zusammen, und lie es sich sein Futter auf
der weiten Wiese selber suchen. Da ging die Thr der Htte auf, und ein
junges, rothwangiges, krftiges und auch recht hbsches Mdchen von etwa
achtzehn Jahren trat auf die Schwelle, den Fremden neugierig betrachtend.

Gr Euch Gott, Kind, rief ihr dieser freundlich entgegen, kann man
ein Glas Milch hier bekommen? -- es ist warm heute und das Wasser in der
Prairie schmeckt schlecht.

Recht gern und so viel Ihr wollt -- gr Euch Gott, sagte das Mdchen,
rasch in das Haus zurckgehend und bald mit einem groen, bis zum Rand
gefllten Blechmaas voll Milch wiederkehrend. Ihr seid wohl von weit
her unterwegs? frug sie dann, als Georg das Gef dankend an die Lippen
hob, und einen langen durstigen Zug daraus that.

Ich komme von Wisconsin herunter, wo ich ein Jahr mich aufgehalten,
sagte der junge Mann.

Von Wisconsin; da soll es auch recht gut sein -- wir haben viel Freunde
drben, die mit uns ber See gekommen sind -- wir wollten auch erst
dorthin, aber die Schwester wurde hier krank, und da dem Vater die
Gegend gefiel, blieben wir da, und lieen die andern weiter ziehn.

Und es geht Euch gut hier?

Gott sei Dank, ja; wir haben ziemlich billig gekauft, und die Jahre nun,
die wir hier sind, recht sparsam gelebt und recht fleiig gearbeitet,
und da sieht man doch da man vorwrts rckt.

So kommt Ihr hier besser fort wie in Deutschland?

Ei Gott ja, _viel_ besser; lieber Himmel dort fraen die Steuern, was
wir mit Mhe und Noth erzwingen konnten; wir schafften und schafften,
da uns das Blut unter den Ngeln vorkam, aber nur schlimmer wurd' es,
nicht besser; wir _konnten_ nicht erschwingen was wir brauchten, und
langsam aber sicher ging's bergunter. Hier ist's besser; arbeiten mssen
wir freilich auch, beinah so viel wie in Deutschland, aber was wir
einnehmen ist unser, wir brauchen Nichts davon abzugeben, haben keine
groben Gerichtsleute die uns qulen, und keine Taxen und Steuern, die
Einem das Mark aus den Knochen saugen. Auch das Land ist vortrefflich;
was man pflanzt gedeiht, und wenn wir nur ein Bischen mehr an einem
groen Flu wohnten, da wir Alles gleich verkaufen knnten was wir
bauen, wr's noch viel besser. Die Leute sagen freilich, da wir eine
Eisenbahn hier vorbeibekommen, nachher wr's schon gut. Wo seid _Ihr_
her, wenn man fragen darf?

Aus Waldenhayn.

Aus Waldenhayn -- Jesus, in unserer Gegend liegt auch ein Waldenhayn,
aber s'ist doch wohl nicht das --

Und welches ist das? lchelte der junge Mann.

Krisheim -- und Bachstetten liegt auch nicht weit von dort, der Pfarrer
von Bachstetten ist ein Bruder vom Waldenhayner Pfarr.

_Der_ Waldenhayner Pfarr' ist mein Vater, sagte Georg.

Und Ihr seid in Krisheim gewesen? frug das Mdchen und hohe freudige
Rthe go sich ihr ber Stirn und Schlfe.

Oft und oft; es sind ja nur hchstens vier Stunden von unserem Ort.

Das Mdchen sah dem jungen Mann fest und forschend dabei in die Augen,
und dann drehte sie sich pltzlich ab, und die hellen klaren Thrnen
liefen ihr an den Wimpern nieder.

Ihr hngt wohl noch recht an daheim? sagte Georg endlich leise und
nach langer Pause, mchtet Ihr wieder zurck?

Ich wei nicht, flsterte das Mdchen, immer noch von ihm abgewandt,
ich hatt' es schon beinah vergessen, und seit dem letzten Weihnacht
wenig mehr daran gedacht -- wenn ich aber den Ort wieder nennen hre,
und nun gar wieder Jemanden sehe, der selber dort war, selber eigentlich
dorthin gehrt, dann -- dann fngt's freilich wieder an zu stechen,
und -- und es kommt mir dann manchmal doch wohl vor, als ob ich das
alte, liebe Dorf im Leben nimmer vergessen knnte. -- Wenn ich an den
Kirchthurm denke und -- und was daneben liegt -- und an die groen
Linden -- nur an den Weg der dorthin fhrt, mcht ich mir die Augen aus
dem Kopfe weinen. -- Aber der Vater darf's nicht merken, setzte sie
rasch hinzu, sagt Ihm Nichts wenn er kommt. Es ist ihm gerade so wie
uns zu Muthe, ich wei es wohl, wenn er sich's auch nicht will merken
lassen -- aber weinen kann er nicht, das geht ihm nicht von der Hand,
und da wird er lieber grob, wenn er's auch nicht so bse meint und
-- wenn man eigentlich wei warum er's wird, mcht' man ihn nur um so
lieber d'rum haben.

Georg war es, als er das Mdchen so plaudern, und selbst den Dialekt
aus seiner eigenen Gegend dabei hrte, ebenfalls recht weich um's Herz
geworden; ihm selber klang die Rede wie Glockentne aus der Heimath, und
er htte den lieben Lauten stundenlang lauschen mgen, so wohl, so weh
wurde ihm dabei in der Brust. Von der Fenz herber tnte da das Knallen
einer Peitsche, Stimmen wurden laut und der Bauer, mit seiner andern
Tochter, Lisbeth, kam den Weg die Fenz entlang; der Mann hatte frischen
Mais aus dem Felde in seinem kleinen Karren geholt, und das Mdchen,
wie ein Knabe von etwa dreizehn Jahren, ihm dabei aufladen helfen. Die
Leute sahen frisch und wohl aus mit ihren sonnverbrannten aber gesunden
Gesichtern, und man merkte es ihnen an, da sie die Arbeit freute die
sie thaten. Sie luden auch den jungen Mann freundlich ein bei ihnen die
Nacht zu bleiben und sich und sein Pferd auszuruhen, von dem langen
Ritt in der Sonne. Georg aber hatte keine Ruh, es zog ihn nach Indiana
hinber, wo er wenigstens hren wollte wie es denen ging, an denen sein
Herz, so weh ihm auch der Mann gethan, den er vor allen Anderen gern
geliebt htte, mit festen -- er frchtete unzerreibaren Banden hing,
und je lnger er sich fern gehalten von dem Platz, destomehr drngte und
trieb es ihn jetzt, wo seines Pferdes Kopf der Richtung sich wieder
zuwandte.

Eine kleine Weile plauderte er noch mit den Leuten; es that ihm wohl
hier zufriedene, glckliche Menschen zu sehn, die dem Lande ihr Brod
sauer genug abverdienen muten, die aber die Schultern ernst dagegen
stemmten, gegen das Werk, und, wenn auch langsam vorrckten, doch eben
sahen, _da_ sie vorrckten, und sich glcklich dabei fhlten.

Die gebratenen Tauben fliegen uns hier nicht in den Mund, sagte der
Mann unter Anderem und im Laufe des Gesprchs lchelnd, wie sie uns
manchmal, als wir von Deutschland fortgingen, vorgehalten haben, da wir
so etwas erwarteten; aber wenn wir richtig zugreifen und unsere Knochen
nicht schonen, dann knnen wir uns doch Tauben braten, und haben dann
welche, und in Deutschland ging das eben _nicht_ mehr an. Das erste Jahr
haben wir uns freilich tchtig placken mssen, und sind bei anderen
Leuten in Dienst gegangen, alle miteinander -- es war ein schweres Jahr,
aber es ging vorber, wir lernten auch das Land dabei kennen und die
Arbeit, und nun hab' ich das kleine Grundstck hier gekauft. -- Ganz
ist's freilich noch nicht bezahlt, aber in zwei Jahren hoffentlich ist's
mein, und mit dem Vieh was ich indessen ziehe, und das den Werth der
Farm erhht, knnen wir der Zukunft ruhig und sorgenfrei entgegengehn.

Der Mann hatte hundert Preuische Thaler mit herbergebracht, und mit
dem dazu was er und seine Familie das erste Jahr verdient, den Stamm
gelegt, der ihm eine sorgenfreie Existenz geben konnte.

Georg fing sein Pferd endlich wieder ein, band die Hobbeln ab, legte ihm
den Zgel wieder an, und ritt nach freundlichem Abschied von den Leuten
auf dem ausgeruhten Thiere rascher die etwas staubige Strae entlang,
wo er, wie ihm der Hesse gesagt hatte, noch eine andere kleine deutsche
Farm erreichen wrde, die ebenfalls ziemlich armen, aber braven, fleiigen
Deutschen gehrte. Es waren noch zwlf Englische Meilen bis dorthin, und
kein Haus lag dazwischen, kein Baum -- unabsehbar mit dem wogenden Gras
den Horizont begrenzend, dehnte sich die weite Prairie um ihn aus.

Erst unfern dem Haus lief ein kleiner Steppenstrom dem Wabasch zu, an
dessen Ufer dichte Bsche von Weiden, Eichen, Erlen, und einzelne
Hickorybume wuchsen, und dem Platz etwas unendlich freundlich Heimliches
gaben. Prairiehhner[3] gab es dort ebenfalls in Menge; auch Kaninchen
und die kleinen Rebhhner Nord-Amerikas -- ein Mittelding zwischen
Rebhuhn und Wachtel.

Die Ansiedlung, die hier stand, war noch ganz neu, das Land erst
krzlich urbar gemacht, aber mit einer prachtvollen Erndte wehenden
Maises, die Blcke zu der Htte frisch gehauen, und sogar das von ihnen
brig gebliebene und dort zum Feuer gelassene Holz noch nicht ganz
verbrannt. Ebenso bestand die Fenz aus ganz neu gespaltenen Riegeln, und
selbst die Hhner, die vor dem Haus herumliefen, die Schweine, die dann
und wann einmal einen vergeblichen Versuch machten, irgend wo eine Lcke
in der Einfriedigung des Feldes zu entdecken und diesem einen Besuch
abzustatten, die beiden Khe, die zum Melken nach Hause gekommen waren,
sahen aus, als ob sie dort noch nicht recht hingehrten, und keinen
eigentlich bestimmten Platz htten zu Aufenthalt und Wohnung. Weit
eher hatten sich die Kinder eingerichtet, von denen drei vor dem Hause
spielten und sich herumtummelten, und ein junges Mdchen von etwa vierzehn
Jahren schien alle Hnde voll zu thun zu haben, ihnen zu wehren und auf
sie aufzupassen.

Heute gab es freilich auch etwas Neues fr sie, das die Einfrmigkeit
ihres Steppenlebens auf erfreuliche Weise unterbrach, denn vor dem Hause
hielt ein kleiner Karren, ein sogenannter Pedlar-Wagen, mit allerlei
bunten, wunderhbschen Sachen zum Verkauf, und der Mann hatte gesagt,
da er die Nacht da bleiben und jedenfalls warten wrde bis Vater und
Mutter vom Felde heim kmen, ihnen seine Waaren auszupacken, von denen
sie Manches brauchen knnten. Indessen zeigte er ihnen aber allerlei,
und gewann ihre Herzen noch berdie durch ein paar kleine Spielereien,
die er ihnen preisgab. Endlich kamen die beiden Leute von ihrer Arbeit
zurck, und whrend die Frau nach den Khen ging, diese zu melken, trat
der Bauer zu dem Pedlar, und reichte ihm die Hand.

Guten Tag Landsmann -- Ihr seid doch ein Deutscher, wie? --

Allerdings, sagte der Pedlar, freundlich den Handdruck erwiedernd,
mcht's nicht verleugnen.

Mcht' Euch auch schwer werden, lachte der Bauer, Euer Gesichtsschnitt
wrd' Euch verrathen; nicht wahr Ihr seid von unsere Leut, wie wir bei
uns zu Lande sagen?

Na, wie mer's so nimmt, lachte Wald, denn es war unser alter
Reisegefhrte von der Haidschnucke, der hier seine Umstnde als Pedlar
schon so verbessert hatte, mit einem Gterkarren durch's Land fahren
zu knnen, wir _leben_ wie die Christen, und handeln wie die Christen
-- der Mensch kann nicht mehr verlangen.

Aber Ihr et kein Schweinefleisch, lachte der Bauer.

Nu, was wr der mehr d'rum, wenn wir's _nicht_ thten, sagte Wald
achselzuckend, aber setzt mich 'mal auf die Probe, besonders wenn
Bohnen dabei sind.

Na, ein Mann ein Wort, rief der Bauer, das sollt Ihr heut' Abend
haben, und Eueren Kasten knnt Ihr dann auch auskramen, wenn meine Alte
mit Melken fertig ist; die hat schon die ganze Zeit lamentirt, da sie
kein Band und keinen Zwirn und keine Nadeln und Kmme und Gott wei was
hat; es ist in Ewigkeit kein Pedlar hier vorbeigekommen.

Glck mu der Mensch haben, sagte Wald vergngt, da komm ich wieder
einmal gerade recht, und was die Frau braucht, steckt da Alles im Karren
d'rin.

 [Illustration: Capitel 3]

Ja, glaub's schon, wenn nur da im Hause drin auch Alles stk' um damit
zu zahlen -- na, aber so viel wird schon da sein. Und nun Cathrine, wie
ist's mit dem Kranken drin? wandte er sich dann an das junge Mdchen
das, indessen die Eltern im Felde arbeiteten, auf die Kinder hatte
Achtung geben mssen.

Nun es geht wohl nicht gut Vater, er hat viel gesthnt, ist aber vor
einer Stunde etwa eingeschlafen und liegt jetzt ruhig.

Habt Ihr Jemand krank in der Familie? frug Wald, ich habe kleine
Hausmittel bei mir, vielleicht kann ich da helfen.

Nein in der Familie nicht, Gott sei Dank, sagte der Bauer, aber ein
Landsmann, ein Bischen ein verkehrter Kauz, der ein paar Wochen bei mir
hier gewohnt, und hier versuchen wollte eine neue Erfindung zu machen,
ist dabei gefallen und hat das Bein gebrochen. Da nun kein Arzt in der
Umgegend zu haben ist, muten wir es ihm selber zurechtrcken so gut es
gehen wollte, und das, frcht' ich, wird wohl nicht zum Besten geschehn
sein. Wir knnen den armen Teufel aber nicht so verkommen lassen, und
ich will lieber morgen nach Vandalia hinunterreiten und einen Doktor
holen; es ist ein Bischen weit dazu, kann aber Nichts helfen.

Wie ist denn das gekommen? frug Wald, und _wo_ hat er das Bein
gebrochen?

Wo? -- da hinten von dem Baume herunter, sagte der Bauer, seht Ihr
die einzelne Eiche dort an der Prairie, an der die Balken lehnen?
-- dort drben links.

Ja aber, was um Gottes Willen hatte er denn da oben zu thun? frug Wald
erstaunt.

Ih nun, er hat eine neue Erfindung gemacht -- er hat _fliegen_ wollen,
und das ist noch nicht recht gegangen.

Fliegen wollen, Gott der Gerechte, ich bin froh da ich 'nen Karren
habe auf dem ich _fahren_ kann -- fliegen, und da ist er von oben
heruntergestrzt?

Wie ein Mehlsack -- er hatte sich so ein Gestell gemacht wie ein Drachen
etwa, aber ohne Bindfaden unten d'ran, sagte der Bauer, woran man
sonst so ein Ding hlt, da es nicht wegfliegt; das war aber hier auch
nicht nthig, denn es kam gleich von selber herunter, und ich htte gern
gelacht, wenn's nur dem armen Teufel dabei nicht so schlecht gegangen
wre -- es ist auch ein Deutscher.

Hm, hm, hm, sagte Wald, was es doch fr wunderliche Menschen auf der
Welt giebt, und macht er da ein Geschft d'raus?

Nein, er ist eigentlich Cigarrenmacher --

Er heit doch nicht Schultze? rief Wald schnell.

Schultze heit er allerdings -- am Ende kennt Ihr ihn gar.

Du lieber Gott; wenn's der ist den ich meine, sind wir miteinander
ber See herbergekommen, und er hatte da schon immer so einen kleinen
Sparren; wenn's ihm nur nicht gar am Ende im Oberstbchen fehlt. Kann
ich ihn einmal sehn?

Jetzt schlft er, wie die Cathrine sagt, meinte der Bauer, und da er
die ganze Zeit ber Schmerzen gehabt hat, wird's wohl besser sein wir
lassen ihn ruhig liegen, bis er von selber aufwacht.

Und wie lange ist's her, da er das Bein gebrochen? frug der Pedlar.

Heute gerade elf Tage, sagte der Bauer.

_Gerade_ elf, hm -- arme Teufel -- hat er denn Geld?

Nun ein Bischen was wohl, meinte der Bauer achselzuckend, er kam hier
durch, und die Gegend gefiel ihm hier fr das was er machen wollte, wie
er sagte.

Er meinte, er knnte hier recht hbsch in der Prairie herumfliegen?

Wahrscheinlich so -- und er bot mir ein und einen halben Dollar
wchentlich, wenn ich ihn ein paar Monate bekstigen wollte, bis er mit
seiner Arbeit fertig wre. Nu ja, viel zu verdienen war da nicht dabei,
aber ein Bischen baar Geld thut auch gut, und da's ein Deutscher war,
und sonst ein ordentlicher Mann schien, sagten meine Alte und ich ja.
Jetzt liegt er nun freilich da, und wir haben die Sorge und Noth mit
ihm, knnen ihn aber nun auch nicht im Stich lassen, bis er wieder
gesund ist und sich selber helfen mag.

Das ist brav von Euch gehandelt, sagte Wald, hier in dem Amerika wei
man nie wie Einer den Andern braucht; aber da kommt die Frau, nun kann
ich meine Sachen auspacken, da wir noch fertig werden eh' die Sonne
unter ist; nachher wird's dunkel im Handumdrehen.

Guten Tag miteinander, sagte die Frau zu dem Pedlar tretend, und ihm
die Hand reichend, na das ist recht da endlich einmal Einer von Euch
sich hierher verliert, wir haben lange darauf gewartet. Was habt Ihr
denn da in Euerem Karren drin?

Wald sumte nicht seine Waaren anzupreisen, und die verschiedenen Ksten
und Schubfache herausziehend, legte er den Blicken der jetzt um ihn
herdrngenden Familie die Herrlichkeiten offen, die, aus den Stdten des
Ostens hergefhrt, die Herzen in den westlichen Prairieen entzcken
sollten.

Viel Geld hatten die Leute nun zwar nicht an derlei Gut zu wenden,
Manches aber wurde wirklich nothwendig gebraucht und _mute_ geschafft
werden, und ging der Mann auch einmal in die ziemlich fern liegende
Stadt, konnte er's doch nie im Leben so aussuchen wie die Frau, und die
Pedlar bleiben deshalb auch immer den Frauen willkommene Gste.

Eine Anzahl Kleinigkeiten war indessen ausgesucht und bezahlt worden,
und obgleich der Pedlar bat, die Frau mchte das Nachtquartier in Abzug
bringen, wollte diese doch davon Nichts hren. Sie htten so Nichts
groes zu bieten, und fr ein Nachtquartier drften sie kein Geld
nehmen, das ginge nicht an -- aber wie ist mir denn, setzte sie hinzu,
den Pedlar dabei immer schrfer und aufmerksamer ansehend, ich dchte
doch, wir htten einander schon einmal gesehn?

Wr wohl mglich, lachte Wald, ich zieh' nun schon ein paar Jahr lang
die Kreuz und Queer im Lande herum -- hierher bin ich aber doch noch
nicht gekommen.

Es war auch nicht hier, sagte die Frau, ihn immer strker in's Auge
fassend, es war unten noch am Wasser, gleich wie wir ankamen -- Jesus,
Heinrich, sieh mal, ist das nicht der Mann, der mir den halben Dollar
gab, den Kindern Milch dafr zu kaufen?

Seid _Ihr_ die Leute, die da unten in New-Orleans an der Leve saen
und kein Brod und keine Arbeit hatten? frug aber nun Wald seinerseits
wirklich erstaunt, alle Wetter, dann habt Ihr Euch aber tchtig
herausgearbeitet in der kurzen Zeit.

Siehst Du's, er ist's, rief aber die Frau, rasch und herzlich Wald's
Hand ergreifend, wenn nur ein Mensch wt' wie ich mich danach gesehnt
habe Euch wieder zu sehn, und Euch danken zu knnen.

Ah, papperlapapp, sagte Wald, abwehrend, macht kein Aufhebens von der
Lpperei -- ich wollt' ich htt' mehr thun knnen.

Ich glaub's Euch, sagte der Mann jetzt auch, dem Juden die Hand
reichend und derb drckend, Ihr habt das Herz auf dem rechten Fleck,
gerade wo's hingehrt.

Ihr wit aber gar nicht wie Ihr uns damals geholfen habt, sagte, mit
Thrnen in den Augen, die Frau, als sie an die schwere Zeit zurckdachte,
wir anderen htten uns helfen knnen, aber das Kleinste schrie nach
Milch, und ich hatte keinen Tropfen mehr fr das arme Wrmchen. Seht
jetzt den Jungen an, was fr ein krftiger Bengel das geworden ist;
wer wei ob er sich jetzt dort so herumtummelte, wenn Ihr uns nicht
damals beigestanden. Lieber allmchtiger Gott, Du magst mir die Snde
verzeihen, aber ich wre lieber mit ihm in's Wasser gesprungen wie
nicht, so weh, so traurig war mir um's Herz, weil sich so gar Niemand
um uns kmmerte, und es _allen_ Menschen eben ganz gleichgltig zu
sein schien, ob wir da am Fluufer verdarben oder nicht. Euer Geschenk
brachte mir zuerst wieder, _mit_ der Hlfe, Hoffnung in's Herz, und von
dem Augenblick auch an schien's beinah, als ob es htte besser werden
sollen.

Auf gefundenem Gelde ruht ein Segen, lchelte Wald.

Ich glaub's Euch nicht, da Ihr es gefunden habt, sagte die Frau, ihn
scharf ansehend.

Und mir hat's seit der Zeit immer schwer auf der Seele gelegen, Geld
genommen zu haben, was ich nicht _verdient_ hatte, sagte der Mann, es
war das erste Mal gewesen, und Gott sei Dank, da wir jetzt im Stande
sind es mit tausend Dank zurckzuzahlen.

Wie heit zurckzahlen, sagte Wald halb verlegen, halb lachend, hab'
ich's mir doch schon selber wieder geholt -- zurckzahlen, was sagen Sie
zu _dem_ Mann; hab' mit ihm um sieben Dollar Geschfte gemacht, und
werde den halben nicht dabei haben.

Wald war in der That auf keine Weise zu bewegen etwas, was er fr einen
Nebenmenschen gethan, bezahlt zu nehmen, und der Bauer mute ihm
jetzt erzhlen wie es ihm hier so schnell geglckt. Ohne Mittel auf's
gerathewohl hin, und einen Theil seiner Sachen verkaufend nur die
Passage zu zahlen, war dieser mit seiner Familie nach Illinois gekommen
und hatte da ein kleines Stck Land zuerst gepachtet. Die Erndte, von
der er einen Theil abgeben mute, war trefflich gerathen, und so langsam
fortarbeitend hatte er jetzt den kleinen Platz, mit der Zeit ihn in den
nchsten Jahren langsam abzuzahlen, kuflich bernommen.

Wie sie noch so zusammen plauderten, und der Bauer nicht mde wurde dem
Krmer von den Vorzgen des Landes zu erzhlen, kam noch ein Reiter die
Strae nieder die zum Hause fhrte, und hielt neben der Gruppe.

Hallo Wald! so fleiig und eifrig im Geschft, hier mitten in der
Prairie? rief diesen da die freundliche Stimme Georg Donners an.

Herr Donner, wahrhaftig! sagte aber auch Wald, ihm die Hand auf das
Pferd entgegenstreckend, woher des Wegs?

Vom Norden herunter -- guten Abend Ihr Leute, wie weit ist's noch bis
zum nchsten Haus dahinein zu?

Nach der Richtung hin liegt keins, sagte der Mann, bis Ihr nicht zum
nchsten Waldstreifen kommt, und der ist sieben englische Meilen von
hier entfernt. -- Dort wohnen Irische, aber eben kein freundliches Volk,
und je weniger man mit ihnen verkehrt, desto besser.

Ja, ich bte Euch gern, Leute, ob Ihr mich die Nacht hier behalten
wolltet, sagte Georg, aber Ihr habt schon Besuch, und in dem Huschen
mcht' ich Euch auch nicht gern beschrnken.

Das thut Nichts, sagte die Frau freundlich, wir mssen uns
eben einrichten, und drfen schon einen Landsmann nicht dicht vor
Sonnenuntergang von der Thr weisen.

Ja und _den_ schon gar nicht, rief Wald rasch, denn erstens ist er
ein braver Kerl, und zweitens ein _Doktor_!

Ein Doktor? riefen die beiden Leute rasch, ja das wr schon recht!

Ist Jemand krank hier bei Euch? frug Georg.

Ein Schiffskamerad von uns Beiden, die Nachtigall, Herr Donner, von der
Haidschnucke hat das Bein gebrochen, und liegt im Haus drin schon elf
Tage ohne rztliche Hlfe.

Aber so steigen Sie doch nur ab, bat der Mann.

Du lieber Gott, sagte Georg, aus dem Sattel springend, und den Zaum
ber einen Zweig des nchsten Baumes werfend, da ist's ja doch die
hchste Zeit da irgend etwas fr den armen Mann geschieht.

Aber er schlft jetzt, sagte das lteste Kind, ich habe deshalb die
Kleinen aus dem Haus genommen, weil er so lange schon keine ordentliche
Ruhe gehabt hat.

Ich will ihn nicht stren, sagte Georg, nur wenn er wacht geh' ich zu
ihm; aber ich mchte ihn wenigstens sehn -- liegt er in diesem Haus?

Gleich links am Kamin auf dem kleinen Bett.

Georg schlich auf den Zehen in's Haus, aber wie er nur ber die Schwelle
trat, hrte ihn der Kranke, drehte den Kopf nach ihm um, und streckte
ihm dann rasch und freudig die bleiche abgemagerte, zitternde Hand
entgegen.

Donner, Sie sendet mir Gott selber, und von jetzt glaub' ich an
Wunder! sagte er, und die Stimme klang hohl und matt; guter Himmel,
was habe ich ausgestanden -- wie fhrt Sie denn jetzt mein Schutzgeist
her zu _mir_?

Georg lie sich aber auf keine weiteren Erklrungen und
Auseinandersetzungen ein, bis er nicht den Bruch untersucht hatte. Viel
war dabei schon in der langen Zeit, in der er uneingerichtet gelegen
hatte, verloren, und das rechte Schienbein, das bei dem Sturze, wie es
schien, schrg abgebrochen, noch ziemlich stark geschwollen. Er gab aber
die Hoffnung nicht auf noch Alles gut werden zu sehn, ging vor allen
Dingen mit der Axt hinaus an den kleinen Flu, sich selber die passenden
Rindenstcken zu Schienen abzuschlagen, und richtete den Bruch erst
ordentlich ein, schiente und band ihn, und stellte dann mit Walds Hlfe,
der Manches dazu in seinem Karren mit sich fhrte, eine Art Schwinge
her, in der sie das Bein frei schwebend hngen konnten, was dem Kranken
groe Erleichterung gab, und ein wieder Verschieben des Knochens
verhinderte.

Indessen war es dunkel geworden, der Mann hatte die beiden Pferde seiner
Gste in einen Verschlag gebracht und ihnen dort Mais eingeschttet,
die Frau kochte emsig am Kamin das Abendbrod fr ihre gern bewirtheten
Gste, und Schultze mute nun Georg und Wald, dem er ebenfalls herzlich
die Hand geschttelt, erzhlen, wie er zu dem unglckseligen Sturz
gekommen. -- Georg Donner hatte nmlich noch gar keine Ahnung, was er
hier fr Unsinn getrieben.

Wie, um Gottes Willen kamen Sie zu dem Bruch, lieber Schultze, frug er
ihn, als er neben dem Bette sa und seine Hand dabei dem kleinen jetzt
berglcklichen Mann, der sich schon der schwrzesten Verzweiflung
hingegeben, berlie.

Der Schwanz war zu kurz, lieber Herr Donner, ich hab' es mir gleich
gedacht; aber es hatte wahrhaftig keinen andern Grund, der Schwanz war
um dritthalb Fu zu kurz.

Aber von was in aller Welt reden Sie denn? rief Georg, auf's uerste
erstaunt.

Nun von meinem Drachen -- ich sage Ihnen Herr Donner, wenn ich den
unglckseligen Fall nicht gethan htte, flg ich jetzt im ganzen Lande
umher. Ich habe das Geheimni gefunden, das uns wieder zu unserer alten
verlorenen Eigenschaft verhelfen soll.

Aber bester Herr Schultze, was machen Sie fr Streiche, lachte Georg,
als ihm ihr Wirth jetzt ebenfalls mit kurzen Worten die ganze Geschichte
erklrt hatte, wie sich Herr Schultze mit unendlicher Mhe aus Schilf
und Rohrwerk und Seide ein breites Gestell gebaut, dieses dann oben an
dem Baum befestigte, und bei einer frischen Brise endlich, wo sich die
Flche von selber an zu heben fing, oben darauf gestiegen wre und die
Seile durchgeschnitten htte, wonach der Drache, oder wie es sonst
heien mchte, auf der einen Seite bergekippt wre, Herrn Schultze
heruntergeworfen, und sich selber im nchsten Baume wieder gefangen
htte.

Was ich fr Streiche mache, bester Donner? rief aber Schultze, ich
schlage mein Leben fr die Wissenschaft in die Schanze, _das_ mache ich.
Meine feste, innige berzeugung ruht auf dem System, und ich wei, da
ich es durchsetze; was liegt daran, ob ich spter noch einmal ein oder
beide Beine breche, ich werde doch in meinem Leben nur noch sehr wenig
gehn, denn nicht allein bin ich dahinter gekommen wie die Flug_kraft_
am Besten herzustellen ist, nein ich bin auch im Stande, mein spter
vervollkommtes Luftschiff in eine hhere oder tiefere Luftschicht zu
lenken und es dort zu _steuern_ -- was sagen Sie nun, Freundchen?

Da Sie, sobald Ihr _Bein_ wieder geheilt ist, mit _diesen_ Ideen
nchstens den _Hals_ brechen werden, erwiederte Georg achselzuckend;
was aber um des Himmels Willen hat Sie auf diese unglckselige, brodlose
Idee gebracht? -- was wollen Sie damit bezwecken, was _hilft_ es Ihnen,
wenn Sie wirklich eine Strecke durch die Luft fliegen und mit
unzerbrochenen, unverrenkten Gliedern wieder auf Gottes Erdboden
kommen?

Das kann ich Ihnen nicht so auseinandersetzen, mein junger Freund,
sagte aber Schultze, ernst und recht wehmthig dabei mit dem Kopfe
schttelnd, das ist das Ziel, die Aufgabe meines Lebens, fr die mich
Gott eigends geboren und in die Welt gesetzt. Ich fhle das auch in mir,
ja was noch mehr ist, ich fhle da ich es durchsetzen werde, da ich
bestimmt bin, der Menschheit eine neue ra zu grnden, oder vielmehr
unsere jetzige Bahn zu dem alten Punkt zurckzufhren. Die Kraft und
Eigenschaft, die wir einst besessen, haben wir nicht _verloren_, sondern
nur auf eine Zeitlang _vergessen_. Es ist das Ei des Columbus; wenn
gefunden, wird die ganze Welt schreien: ja das ist gar Nichts -- wenn
wir das _so_ gemacht htten, htten wir's auch gekonnt. Die Sache ist
aber die, sie haben's nicht _so_ gemacht, und Schultzes Name, mein
lieber Freund, Benjamin Schultze wird unsterblich werden.

Wenigstens bald zu den Unsterblichen gehren, wenn Sie in der Art
fortfahren, lchelte Georg. Ich will eine mgliche Ausfhrbarkeit der
Luftschifffahrt gar nicht etwa bestreiten; es sind in den letzten Jahren
andere Sachen mglich gemacht, die wir frher fr eben so unmglich
gehalten; aber ich frchte, lieber Schultze, Sie haben das Zeug nicht
dazu etwas derartiges durchzufhren. Ihnen stehen keine bedeutende
Mittel zu Gebote, Sie haben auch, so viel ich wei, keine mechanischen
Kenntnisse, Sie in der Ausfhrung eines solchen Plans zu untersttzen,
und der gute Willen gengt dazu nicht. Dieser Sturz sollte Ihnen deshalb
eine Warnung sein; Sie kommen diemal noch hoffentlich mit ein paar
Monate Hinken davon -- da es nicht spter schlimmer wird.

Wald mute jetzt erzhlen, was er bis dahin getrieben, und that das mit
dem ihm eigenen, drolligen Humor. Er war mit etwa zwanzig Spanischen
Dollarn in der Tasche an Land gekommen und hatte dort gleich, nach
dem Beispiel seiner Glaubensgenossen, einen kleinen Handel mit Band,
Litzen, Nadeln etc., etc., etc. angefangen. Den war er bald im Stande
zu vermehren und kaufte jetzt, anstatt ein theueres Haus in der Stadt,
das er nicht htte bezahlen knnen, und wo das Standgeld allein seinen
Nutzen halb aufgezehrt haben wrde, ein kleines altes Flatboot an der
Landung, das er dort ruhig auf dem Schlamm liegen lie, und zu einem
Laden herrichtete. Er mute dort natrlich viel von den Mosquitos sowohl,
als dem schauerlichen Dunst der benachbarten Boote leiden, aber er
verdiente Geld, und blieb da so lange, bis er im Stande war, sich eine
ordentliche Quantitt Waaren mit Wagen und Pferd zu kaufen, mit denen er
dann von New-Orleans fort zu Lande am Mississippi hinaufzog, bis ihn die
Fieberzeit dort wieder vertrieb, und er an Bord eines Dampfschiffes
ging, sich in Cincinnati mit seinem Karren an Land setzen zu lassen. Von
dort aus hatte er Indiana ziemlich durchstreift, vortreffliche Geschfte
gemacht, und groe Lust wieder dorthin zurckzukehren, und vielleicht
erst zum Sptherbst nach Illinois zu kommen, da die Fliegen den Tag ber
das Pferd so belstigten, und Nachtreisen ihm bei seinem Geschft doch
nichts ntzen konnten.

Durch Indiana? -- Georg fhlte wie sein Herz strker an zu klopfen
fing, denn er dachte der Mglichkeit, der Krmer knne auch Lobensteins
besucht haben, von denen er ber ein Jahr auch nicht die geringste Kunde
gehabt. Wald lie ihn aber auch darber nicht lange in Zweifel, und fing
an aus freien Stcken die ihrer frheren Reisegefhrten aufzuzhlen, die
er auf seinen Wanderungen angetroffen.

Die ersten waren zwei von den drei Passagieren, die von dem Leuchtschiff
zu ihnen an Bord gekommen, die beiden dem Zuchthaus wahrscheinlich
entnommenen jungen Verbrecher, die ihre alte Gewohnheit hier nicht hatten
verleugnen knnen oder wollen, und bei einem Pferdediebstahl erwischt
waren. Die Eigenthmer schienen Lust gehabt zu haben sie gleich an Ort
und Stelle zu hngen, aber der Sheriff legte sich zu ihrem Glck noch
in's Mittel, und sie wurden (Wald kam gerade dazu sie abfhren zu
sehen), nachdem die dortigen Ansiedler ihnen wenigstens erst eine
tchtige Tracht Schlge mit einem schwanken Hickory verabreicht, in das
Staatsgefngni abgeliefert.

Dann hatte er ein paar von _seinen_ Landsleuten, auch
Zwischendeckspassagiere der Haidschnucke, im Lande, und ebenfalls als
Krmer oder Hndler angetroffen. Lwenhaupt war Eigenthmer eines
Kleiderladens am Wasser unten, in Cincinnati, wollte sich aber von
seiner Frau scheiden lassen, weil sie ihn mishandelte. Rechheimer war
ebenfalls Pedlar geworden und die beiden Rechheimer Mdchen hatten sich,
die eine in Cincinnati, die andere in Vincennes, an ziemlich wohlhabende
Leute verheirathet.

Der Polnische Jude mit seiner Holzharmonika war wieder nach New-Orleans
zurckgegangen, der Knabe aber so krank geworden, da er nicht mehr
singen konnte -- und erst ganz krzlich -- vor ein paar Tagen nur
-- hatte er ein ganzes Nest von Haidschnucken-Passagieren auf einer Farm
unweit Grahamstown in Indiana getroffen.

Und wie geht es Lobensteins? rief Georg rasch.

Sie kennen den Platz?

Ich habe dort gearbeitet, erwiederte Georg ausweichend.

Thut mir leid um die Leute, sagte Wald.

Wie so? -- was ist mit ihnen? frug Georg rasch.

Nun, da es ihnen so schlecht geht.

Ist Jemand krank?

Nicht da ich wte -- nur so, meine ich.

Aber der Professor hat doch die Farm?

_Hatte_ sie, sagte Wald.

Er hat sie verkauft? rief Georg, rasch und erschreckt.

Noch nicht, meinte der Pedlar, doch heute oder morgen wird's wohl
dran gehn. Wie ich dort vorbei kam war's dicht daran.

Aber wie ist das mglich, sagte Georg, die Erndte ist doch gewi
dort wie hier gut ausgefallen, die Verbesserungen, die er auf der Farm
gemacht, mssen ihm wenigstens _etwas_ eingetragen haben, und so war der
Platz doch nicht verschuldet, ein solches Ende so rasch herbeizufhren.

Wie die Geschichte ganz genau ist, wei ich nicht, sagte Wald, so
viel aber ist gewi, da der Professor Vieh und manches Andere verkaufen
mute, dem Weber, der sich bei ihm mit seiner Familie verdingt hatte,
seinen Jahrlohn zu geben. Auerdem hat er Unglck gehabt mit dem
einzigen Sohn, der sich auf der Jagd eine Ladung Schroth durch den Leib
geschossen.

Groer Gott, Eduard, rief Georg, entsetzt von seinem Sitz aufspringend.

Wie ich die Sache hrte, fuhr Wald fort, war der junge Mann mit einem
andern unserer Zwischendeckspassagiere -- dem langhaarigen Burschen, der
immer die Verse an Bord machte -- auf die Jagd gegangen, und wei der
liebe Gott, was die beiden jungen Leute zusammen angefangen, aber der
junge Lobenstein, Eduard hie er, glaub' ich, scho sich, wie jener
Versemacher sagte, beim ber einen Graben springen durch den Leib, und
starb ein paar Stunden darauf unter den furchtbarsten Schmerzen.

Das ist ja entsetzlich, sthnte Georg.

Nicht so, als der Mensch vielleicht denken mchte, meinte Wald ruhig,
denn wie mir der Weber erzhlte, war der junge Bengel zum Arbeiten nie
etwas nutz gewesen, und durch den Fall wurden sie auch, als reinen Gewinn,
den Literaten los, der sich auf dem ersten Dampfboot wieder nach
New-Orleans einschiffte.

Aber wie um Gottes Willen konnte er so zurckkommen, _gezwungen_ zu
werden seine Farm verkaufen zu mssen? frug Georg.

Wie? -- einfach genug, meinte der Pedlar, ich habe weitlufig darber
mit dem Weber, einem ordentlichen, braven Menschen gesprochen, der die
Sache schon lange hat kommen sehn, aber Nichts ausrichten konnte gegen
den Starrkopf des Professors. Anstatt sein Feld ordentlich mit Mais oder
Waizen zu bepflanzen, Produkte, von denen er wute, da er sie wieder in
baar Geld verwandeln konnte, machte er Experimente, baute in eine Ecke
Runkelrben und in die andere lsaat, verschwendete dabei ein Capital an
Arbeitslohn, fr eine Bande mssiger, ungeschickter Gesellen, die ihren
Nutzen dabei fanden ihn in dem Glauben zu bestrken er knne Mhlen und
Gott wei was sonst noch, bauen. Die Leute wollten dann allwchentlich
ausgezahlt sein, und was nicht mehr lnger verborgen bleiben konnte, kam
an's Tageslicht. Mit einem recht groen, tchtigen Capital htte der
Mann vielleicht Manches erreichen knnen, so aber reichten seine Mittel
nicht aus; Mhlen, Zuckerpressen, Backsteinmaschinen, Alles was er zu
gleicher Zeit begann, und was in einigen Jahren, wenn richtig geleitet,
gewi einen hbschen Profit abgeworfen htte, blieb mitten in der Arbeit
stehn, und zehrte, anstatt zu helfen, mit an dem brigen Capital.

Und ist der Weber noch bei ihm? frug Georg.

Oh Gott bewahre, sagte Wald, kopfschttelnd, der Professor hat ihn
bei Heller und Pfennig ausgezahlt, was er ihm und seiner Familie fr
die Jahresarbeit schuldete, und seinen Contrakt ehrlich gehalten, damit
aber auch, wie es scheint, seine eigenen Krfte total erschpft, und
Brockfeld sitzt jetzt, etwa zwei Meilen diesseit von Lobensteins Farm,
auf einem eigenen Stck Land, in einem eigenen freundlichen Huschen,
und es geht ihm und den Kindern und der alten Mutter _recht_ gut.

Wie weit ist es bis dorthin? frug Georg, fast unwillkrlich dabei von
seinem Stuhle aufspringend.

Nun heute Abend kommen Sie nicht mehr hin, lachte Wald, wenn Sie aber
ordentlich zureiten, mgen Sie in vier Tagen den Platz erreichen -- Sie
wissen ja wohl wo er liegt.

Ach wenn Sie nur noch eine ganz kurze Zeit bei mir bleiben knnten,
bester Donner, seufzte Schultze wehmthig vor sich hin, wie soll es
denn werden, wenn Sie fortgehn?

Georg beruhigte ihn brigens hierber, und versprach ihm, heute Abend
noch seine beiden Wirthsleute und Pfleger so zu unterrichten, da sie
den jetzt gut eingerichteten und fest und sicher geschienten Bruch auch
allein behandeln knnten. Ruhe war das Einzige was er brauchte, und das
Hauptschlichste dann nahrhafte Speisen, die sich die Leute nicht
getraut hatten ihm zu geben, damit sich sein Krper, was er so sehr
bedurfte, wieder krftige und strke. Sei es ihm mglich, wolle er
selber noch einmal in vierzehn Tagen etwa hierher zurckkehren.




Capitel 4.

Georg und Marie.


Vier Tage spter mit Sonnenuntergang erreichte Georg nach scharfem Ritt,
auf dem er sein Pferd nicht geschont, Brockfelds Farm, erfuhr aber hier,
wo man ihn auf das Herzlichste begrte, nur die Besttigung dessen, was
ihm Wald schon in Illinois gesagt, da es mit den Vermgensumstnden
des Professors _recht_ traurig stehe, dieser nicht im Stande sei, seine
letzte Zahlung an den Wirth in Grahamstown, von dem er die Farm gekauft,
zu machen, und gesonnen sei, sie am nchsten Montag -- der erste
im Monat September, wo Gerichtssitzung in Hollowfield wre -- zu
verauktioniren, wenn er sich nicht vorher mit dem Wirth selber ber die
Rcknahme des Platzes einigen knnte. Dieser aber wollte jetzt freilich
nur entsetzlich wenig dafr geben, weil er behauptete, die Aussichten
fr die Lage desselben htten sich allerdings, und ganz wider Erwarten,
sehr verschlechtert. Noch immer war keine Hoffnung eine Eisenbahn
hierherzubringen, inde die Cincinnati-Bahn schon beendet worden, und
was sollte er nun mit einer mitten im Wald liegenden Farm anfangen?

Der Professor mochte jetzt wohl recht gut einsehn, da er damals von dem
schlauen Wirth bei seinem Ankauf betrogen worden, und sich bs damit
bereilt habe; war das aber nicht seine eigene Schuld? Anstatt, wenn er
selber darin nicht Zeit gehabt Erfahrungen zu sammeln, wenigstens einen
unpartheiischen Sachkundigen dazuzunehmen, der die Verhltnisse des
Landes kannte, war er mit den beiden Deutschen hinbergeritten die,
so gut sie es mit ihm selber meinen mochten, doch nur im Stande sein
konnten einen _deutschen_ Maasstab an das Land zu legen; von allem
Anderen verstanden sie Nichts, und der pfiffige Amerikaner hatte nicht
gesumt das zu benutzen.

Die Summe, die der Professor dem Wirth in Grahamstown noch schuldete,
kannte der Weber nicht, und Georg htte das Herz brechen mgen vor Weh
und Schmerz, wenn er der Zukunft dachte, der jetzt die Frauen
entgegensahen.

Dem Weber ging es inde recht gut hier auf seinem neuen Platz; er hatte
Zeit gehabt sich die Umgegend genau anzuschauen, und nach allen Seiten
hin etwa die Preise der verschiedenen Pltze zu erfahren. Dies kleine
#improvement# mit vierzig Acker vom Staat gekauften und fnf Acker
darunter urbar gemachtem Landes war da, durch das pltzliche Fortziehn
des Eigenthmers, unter dem Werth gegen baar Geld zu verkaufen gewesen;
die Gelegenheit hatte er benutzt, und befand sich wohl dabei. Die Leute
waren auch unendlich fleiig, griffen _Alle_ zu, und arbeiteten von frh
bis spt, sich ihre neue Heimath nicht allein wohnlich, sondern auch
eintrglich zu machen. Der Viehstand besserte sich dabei ebenfalls, und
die Aussicht war da, da sich ihr Vermgen von Jahr zu Jahr vermehren,
nicht zurckgehen werde, und sie ihre Auswanderung aus der Heimath, so
weh ihnen die im Anfang auch gethan, nicht zu bereuen brauchten. Auch
die alte Mutter, die noch am lngsten an der Heimath gehangen, und
doch immer heimlich gesthnt und geklagt, so gut es ihren Kindern auch
ging, und so sorglos sie in's Leben sehen durften, hatte sich endlich
hineingefunden in die neue Welt. Freilich, so warm und freundlich schien
die Sonne doch hier nicht wie in Deutschland, so khl war der Schatten,
so lau die Luft nicht im Frhling, die Blumen rochen nicht so gut, die
Vgel sangen nicht so lieb, der Himmel war nicht so blau, die Wiese
nicht so grn, das Wasser nicht so s, und einen Vergleich mit
Deutschland hielt das Amerika lange nicht aus. Aber -- sie mute doch
zuletzt einsehn, da es ihren Kindern gut hier ging; in Deutschland
hatten sie ihr Schwein verkaufen mssen, Steuern davon zu zahlen, hier
hielten sie schon vier Khe und so viel Dutzend Schweine, wie sie zu
Hause Stck gehabt, und Hhner und Gnse daneben, hatten zwanzig Mal so
viel Land wie daheim, und wenn das Haus auch noch nicht so warm und
bequem war, der nchste Sommer wrde das schon bessern. So sa sie denn
jetzt auch wieder wie vordem in ihrer Ecke im Haus, oder bei schnem
Wetter unter einem breitstigen Eichbaum vor der Thr im Schatten, wo
ihr der Sohn ein groes freundliches Asterbeet angelegt, ihre Augen an
dem Glanz der Herbstblumen zu letzen. So, mit dem Spinnrad vor sich,
wenn sie auch nur wenig spann, und das mehr aus alter Gewohnheit bei ihr
stand, legte sie oft die Hnde in den Schoo und schaute schweigend und
still befriedigt die neben ihr spielenden Enkel an, die sich munter auf
dem Platz da umher tummelten, und amerikanischen Boden gerade so passend
zu ihren Spielen fanden, wie deutschen.

Georg hatte aber keine Ruhe hier -- ihn drngte es mehr von dem Schicksal
einer Familie zu hren, deren Wohl ihm warm am Herzen lag, und mit
Tagesanbruch am anderen Morgen sattelte er sein Pferd, nahm freundlichen
Abschied von den Leuten, die ihn noch Alle gern vom Schiff und von der
Farm her hatten, und ritt in scharfem Trabe, Lobensteins Farm fr jetzt
umgehend, dem kleinen Grahamstown zu, dort erst vor allen Dingen mit dem
Glubiger des Professors zu sprechen, und zu sehen wie tief dieser
eigentlich in Schulden stecke.

Etwa um zehn Uhr Morgens erreichte er den kleinen Platz, der noch gerade
so still und de lag wie vor zwei Jahren, ja eher noch stiller, noch
verlassener, denn drei oder vier damals gebaute Huser waren wirklich
von ihren Eigenthmern, da alle die groen Verheiungen nicht wahr
geworden, im Stich gelassen, und gaben dem Ort noch mehr ein wstes,
trauriges Aussehn. Auch Ezra Ludkins hatte Lust auszuverkaufen, und
zu dem Zweck einen groen Anschlag unter seine Seejungfer befestigt,
welchem zufolge ihn dringende Familienverhltnisse nach Texas riefen,
und er Haus und Geschft unter dem Werth losschlagen wolle. Es fand sich
aber kein Kufer, und Wind und Wetter bekamen es endlich satt, das
Papier da nutzlos hngen zu sehn, und rissen es herunter.

Ezra Ludkins war brigens zu Hause, hatte auch freie Zeit genug, denn er
schien der einzige Gast seines ganzen Hauses, das leer und de stand und
mit den nackten Wnden und unbesetzten Tischen recht gut zu der ganzen
kleinen Stadt pate, deren erstes Gebude es gewesen.

Amerika bietet viel solcher Beispiele; wo sich die Wahl fr den Bau
einer Stadt als eine glckliche erwiesen, strmt die Bevlkerung ihr in
Masse zu, und einzelne Beispiele wie Cincinnati, Milwaukie, Buffalo
und hundert andere zeigen, welche Lebenskraft in dem Fall in dem
Volke liegt. Wo das aber nicht der Fall war, wo die Mglichkeit oder
Zweckmigkeit der Verbindungswege falsch berechnet worden, oder, wenn
die Stadt dicht am Ufer des Flusses lag, dieser vielleicht zufllig
den Grund zu versanden anfing, wenn auch fr jetzt noch Wasser fr die
grten Boote blieb, da war es vorbei mit der _Stadt_; nicht allein
keine neuen Ansiedler lieen sich dort nieder, nein auch die, die schon
ein Grundstck gekauft, und viele Hoffnungen frher auf den Platz
gesetzt hatten, suchten das so rasch als mglich wieder loszuwerden, und
lieen es lieber ganz im Stich, ehe sie weiter noch Geld und Zeit darauf
verwandt htten ihr Glck hier zu versuchen; es gab andere Gelegenheit
dazu im weiten Land.

Ezra Ludkins schien aber nichtsdestoweniger kaum geneigt, dem jungen Mann
den Stand der Verhltnisse zwischen ihm und dem Professor, auseinander
zu setzen; er mochte wohl Hoffnung haben, die fr diese Gegend kostbaren
Meublen, wie die andern mitgebrachten Sachen, auf eine Auktion geworfen
zu sehn, und dann im Stande zu sein billig genug zu kaufen, da hier
Niemand Anders fast Gebrauch fr solche Gegenstnde hatte. Nur erst, als
Georg in ihn drang, und fest darauf bestand, er sei von dem Professor
selber abgeschickt worden, die noch bestehenden Rechnungen nachzusehn,
und so weit das mglich wre, zu ordnen, entschlo er sich dazu sein
Buch herbeizuholen, und brachte eine Forderung an den Professor von
einhundert und dreiig Dollar.

Aber das Andere, was auf dem Haus noch steht, drngte Georg.

Nun das ist _das_ hier, sagte Ludkins mrrisch, hol' der Henker einen
solchen Handel, denn wenn ich gewut htte, da ich so lange auf mein
Geld warten mute, wr's mir nicht eingefallen den Platz zu verkaufen
-- ich htte zehn andere Kufer gehabt die das Geld baar niederzahlten.
Baar Geld ist stets noch einmal so viel werth, wie die beste Note.

Wieviel ist aber die _ganze_ Summe, die Ihnen der Professor schuldig
ist? frug Georg, jetzt ebenfalls ungeduldig werdend, wenn Sie in
solcher Eile sind, antworten Sie mir wenigstens einfach auf meine
Frage.

Nun die Antwort habe ich Dir auch einfach genug gegeben, brummte
der Pensylvanier -- wenn Du kein Deutsch verstehst, kann ich's nicht
helfen -- hundert und dreiig Dollar.

Und das ist Alles? rief Georg, wirklich kaum im Stande sein Erstaunen
zu verbergen.

Das ist Alles, wenn er's nur zahlt, sagte der Pensylvanier.

Und an den frheren Eigenthmer der Farm hat er keine Verpflichtungen
weiter? frug der junge Mann noch einmal vorsichtig.

Der bin ich; mein Junge hatte sie nur dem Namen nach; -- fr hundert
und dreiig Dollar kann er meinetwegen dort wohnen bleiben, und alle
seine wahnsinnigen Experimente durchfhren nach Herzenslust.

Sein Sie so gut und schreiben Sie mir die Quittung, sagte Georg ruhig.

Fr die ganze Summe?

Ja -- bis auf den heutigen Tag fr Alles was Ihnen Mr. Lobenstein noch
schuldet.

Das soll schnell genug geschehen sein, brummte der Pensylvanier, ging
hinter seine #bar#, wo Dinte und Feder stand, und schrieb die Quittung
aus. Georg nahm indessen aus seinem Taschenbuch die Summe in guten
Indiana-Banknoten, die der Wirth jedoch erst hchst aufmerksam und
sorgfltig nachsah, endlich fr richtig befand und den verlangten Schein
dem jungen Mann aushndigte. Eine Viertelstunde spter sa Georg wieder
im Sattel, und galopirte rasch und mit einem recht freudigen Gefhl in
der Brust, den schmalen, schattigen Weg hinauf, der nach der deutschen
Farm fhrte.

Wie hatte sich der Platz verndert, seit dem letzten Jahre; das
frhliche regsame Leben was dort geherrscht, war verschwunden, das Haus,
in dem die Weberfamilie mit den Arbeitern gelebt, stand ganz leer, von
dem munter blkenden Vieh, das die Fenzen sonst umgeben, war fast
Nichts mehr brig geblieben -- eine einzige Kuh und ein paar Schweine
ausgenommen -- da mit dessen Verkauf die nthigsten Ausgaben hatten
gedeckt, die dringendsten Schulden bezahlt werden mssen, und der Platz
selber verrieth nur zu deutlich, wie keine ordnende Mnnerhand mehr ihm
vorstehe, selbst nur ihn so in Stand zu halten wie er war.

ber die Fenz lagen ein paar der im Feld noch gelassenen alten
abgetrockneten Bume umgestrzt, und die niedergebrochenen Riegel, mit
den unausgefllten Lcken, verschwanden schon allmhlich in dem Unkraut,
das ber sie emporwucherte. Der Mais war gereift, aber noch zum Theil
-- was nicht hatte verkauft werden mssen -- im Felde gelassen, und die
nicht umgebrochenen Kolben, von Spechten und Krhen angepickt, begannen
anzufaulen. Der kleine Garten hinter dem Haus sah ebenfalls wst und von
Unkraut berwuchert aus; die Frauen hatten nicht Zeit mehr gehabt, vor
dringenderen Arbeiten, die Blumen zu pflegen, die sie im Anfang geset,
und nur die paar Gemsebeete, fr das Nothwendigste was sie im Hause
brauchten, waren rein vom Unkraute gehalten, da die Sonne es bescheinen
konnte. Selbst ber den Weg hinber lag ein umgestrzter Baum, und der
Pfad, den sich die Bewohner darum hingemacht, bewie, wie er schon
lngere Zeit gefallen sein mute, ohne da sich irgend Jemand die Mhe
genommen, ihn hinwegzurumen.

Es mochte Mittagszeit sein, als Georg den Platz erreichte; kein
menschliches Wesen war aber in dem breiten Hofraum zu sehn; nur der
aus dem Haus selber aufsteigende dnne Rauch, wie ein paar einzelne
scharrende Hhner, verriethen, da der Ort bewohnt, und nicht ganz
verlassen sei, und mit klopfendem Herzen ritt er ber die niedergeworfenen
Stangen der Einfriedigung hinweg bis fast an das Haus hinan, band dort
sein Pferd an und -- zgerte wieder, ob er den Fu vorwrts setzen und
die Schwelle jetzt betreten sollte, die bald zu erreichen, er sein Pferd
fast zu Schanden geritten. Da schlug der Hund an, ein junger Brake,
den sich Eduard hatte zum Jagdhund dressiren wollen, und der jetzt auf
eigene Hand des Nachts Opossums und Waschbren in die Bume jagte und
Stunden lang darunter vergebens heulte, Hlfe herbeizurufen.

Am Fenster des kleinen Hauses wurde Jemand sichtbar, Georg konnte aber
nicht gleich erkennen wer es sei, so trbe war ihm das Auge geworden,
als er die trostlose Vernderung hier erkannte, und langsam schritt er
auf die Thre zu, inde der Hund, der ihn erkannte, an ihm hinaufsprang
und winselte und bellte.

Kennst Du mich noch Hektor? sagte er, des freundlichen Thieres Kopf
streichelnd -- hast Du mich nicht vergessen in der langen Zeit?

Georg! rief da eine, oh nur zu wohlbekannte, aber erschreckte Stimme
dicht vor ihm, und Marie, die aus der Kche unten getreten, zu sehn wer
da komme, brach todtenbleich in die Knie, und wre zu Boden gesunken,
htte sie Georg nicht in seinem Arme aufgefangen.

Oh Georg -- Georg ist wieder da! rief da eine frhliche Kinderstimme
und Camilla, die jngste Tochter Lobensteins, von dem um ein Jahr lteren
Carl rasch gefolgt, sprang aus der Thr und flog auf den jungen Mann zu.
Auch Marie hatte sich jetzt wenigstens so weit gesammelt, wieder allein
stehn zu knnen, aber noch immer war kein Tropfen Blutes in ihr Gesicht
zurckgekehrt, doch lenkte der Neugekommene die Aufmerksamkeit der
brigen glcklich von ihr ab.

Herr Donner? sagte der Professor, der jetzt ebenfalls in der Thr
erschien, und den jungen Mann halb erstaunt, halb verlegen erkannte
-- aber bitte, kommen Sie nher -- bleiben Sie nicht drauen auf der
Diele stehn.

Mein lieber -- lieber Herr Professor! rief Georg, dem alten Herrn
entgegeneilend, und seine Hand herzlich drckend -- wie freue ich mich,
Sie so wohl und munter wiederzufinden -- aber -- wo ist die Frau
Professorin?

Sie ist nicht wohl, sagte der Professor nach kurzer, aber ngstlicher
Pause -- Sie wissen vielleicht noch nicht, wie schwer uns das Schicksal,
seit Sie uns verlassen, in meinen Sohne heimgesucht --

Ich wei es, sagte Georg leise, und mit tiefem Mitgefhl.

Seit der Zeit krnkelt meine Frau, fuhr der Professor langsam fort
-- der Schlag damals traf sie zu schwer. Um sich zu zerstreuen und die
bsen Gedanken loszuwerden, arbeitete sie dabei mehr als ihr gut war,
und htet nun jetzt schon seit vier Wochen ununterbrochen das Lager.
Anna war gerade hinber gegangen nach ihr zu sehen. Aber komm Marie
-- setz einen Stuhl zum Tisch fr Herrn Donner -- wenn Sie mit uns
vorlieb nehmen wollen, wir sind gerade bei Tisch, aber Schmalhans ist
heute Kchenmeister -- Sie haben es sehr unglcklich getroffen.

Georg -- selber nicht wissend, wie er das, was ihm auf dem Herzen lag,
beginnen sollte -- setzte sich mit zu Tisch -- die Mahlzeit bestand in
Kartoffeln mit Butter und einem sehr einfachen Amerikanischen Gericht,
Hominy -- gequollener und in Wasser abgekochter Mais.

Wenn Georg die letzte und vorletzte Woche gekommen wre, rief Camilla
dazwischen -- htte er auch nichts Anderes gefunden.

Mgen Sie das Hominy? frug der Professor verlegen lchelnd, und
versuchend die Aufmerksamkeit des jungen Mannes von dem Kinde abzuziehn
-- _ich_ habe mich so daran gewhnt, da es ordentlich ein Leibgericht
von mir geworden ist.

Wir Andern mgen es aber alle mit einander nicht, sagte Camilla -- es
schmeckt gerade wie Stroh.

Die Thr ging in diesem Augenblick auf, und Anna's Eintritt unterbrach
glcklicher Weise die naseweise Bemerkung des Kindes. Anna begrte den
jungen Mann auf das Herzlichste, und auch Marie wurde zutraulicher, und
gewann ihre ganze Fassung wieder, als sie sah, wie unbefangen sich die
Schwester mit dem frhern Hausgenossen unterhielt. Georg beseitigte
dabei auf sehr praktische Weise jede Verlegenheit, die der Professor
etwa htte wegen dem Essen fhlen knnen, indem er, durch den scharfen
Ritt auch wirklich hungrig geworden, tapfer zulangte, und dem Hominy und
den Kartoffeln alle nur mgliche Ehre anthat.

Und wissen Sie, weshalb ich hierher zurckgekommen bin? frug Georg
nach beendeter Mahlzeit, indem er lchelnd den Professor ansah, nur aber
einen ganz scheuen, flchtigen Blick nach Marien hinberzuwerfen wagte,
deren Auge er jedoch nicht begegnete. --

Weshalb, wei ich nicht, sagte der Professor herzlich -- aber es
freut mich, _da_ Sie wiedergekommen sind, und mir wenigstens dadurch
beweisen, Sie tragen keinen Groll nach, wegen dem Vergangenen.

Lieber Professor.

Ich htte selber schon an Sie geschrieben, fuhr dieser jedoch
entschlossen fort, konnte aber von keiner Seite auch nur die geringste
Nachricht bekommen, _wo_ Sie sich befnden; Sie waren auf einmal
verschollen und blieben es, von dem Augenblick an, wo Sie den Platz
verlassen, da Sie Herr von Hopfgarten damals, ein paar Stunden spter,
vergeblich im ganzen Township suchen lie.

Herr von Hopfgarten?

Ich erzhle Ihnen die Geschichte ein ander Mal -- aber -- sind Sie
_zufllig_ wieder in unsere Nhe gekommen, oder haben Sie uns noch nicht
ganz vergessen gehabt, und absichtlich aufgesucht?

Ich bin vier Tage so scharf geritten, wie mein Pferd laufen konnte,
lchelte Georg, tief dabei errthend -- nur um recht bald hier zu
sein.

Das ist brav, das ist recht brav von Ihnen, rief Anna freudig, und
Marie dankte es ihm diemal mit einem lchelnden Blick.

Um aber kurz zu sein, fuhr Georg zgernd und errthend fort, so -- so
mchte ich wieder hier in Arbeit treten, und -- und wenn Sie mir beweisen
wollen, da auch Sie keinen Groll mehr gegen mich hegen, vielleicht
manches voreilig gesprochenen Wortes wegen -- so schicken Sie mich nicht
wieder fort, sondern behalten mich hier.

Ach das ist brav, das ist schn, rief Carl -- da brauche ich und
Marie nicht mehr das schwere Holz aus dem Wald herbeizuschleppen. Anna
und Marie aber sahen sich verlegen an und der Vater sagte, ohne die
Frage direkt zu beantworten und dann Georgs Arm nehmend, zu seinen
Tchtern:

Haltet den Kaffee bereit, Kinder, bis wir zurckkommen, ich mu Herrn
Donner doch einmal zeigen, wie weit wir mit unseren Arbeiten vorwrts
gelangt sind, seit er uns verlassen, und unterwegs knnen wir dann auch
alles Weitere viel besser und bequemer besprechen, und ihn mit sich
die Treppe hinunterfhrend, traten sie in den Hof, wo Georg vor allen
Dingen sein Pferd absatteln, in den Stall einstellen und fttern mute,
und dann mit dem Professor langsam den Weg hinabging, der an den Feldern
hinfhrte.

Lieber Donner, sagte dieser hier zu ihm, und es war ihm angenehm, da
er, neben ihm hingehend', nicht in sein Auge zu schauen brauchte -- die
Zeiten, seit wir uns nicht gesehen, haben sich _sehr_ verndert, und
-- so gern ich Sie wieder auf meiner Farm beschftigen mchte, ja so -- so
nthig ich sogar Jemanden dazu brauchte -- bin ich nicht mehr -- durch
die diejhrigen niedrigen Getreidepreise noch auerdem gedrckt -- im
Stande Arbeiter zu halten und -- zu bezahlen.

Aber bester Professor --

Bitte, lassen Sie mich ausreden, sagte dieser, fest entschlossen, die
einmal begonnene Sache nun auch durchzufhren -- ehe wir von etwas
Anderem beginnen -- ehe ich Ihren freundlichen Antrag, wieder auf meiner
Farm eine bestimmte Beschftigung zu nehmen, zurckweise, bin ich Ihnen,
mein lieber Donner, eine Ehrenerklrung schuldig, die mir -- thun Sie
mir die Liebe und unterbrechen Sie mich jetzt nicht -- die mir schon
lange schwer und drckend auf dem Herzen gelegen.

Lieber Herr Professor --

Ich bin damals nicht allein unfreundlich, nein, ich bin auch ungerecht
gegen Sie gewesen, fuhr aber der Professor entschlossen fort, und es
mag Ihnen einige Beruhigung oder Genugthuung gewhren, von mir ganz
offen das Gestndni zu hren, da ich durch Schaden habe klug werden
und die Wahrheit dessen erleben mssen, was Sie gerade vertheidigten,
und gethan haben wollten.

Oh wie gern wollt' ich Unrecht gehabt haben, bester Professor, wenn
nur --

Sie haben _nicht_ Unrecht gehabt, unterbrach ihn der Professor
rasch, und selbst, was Sie mir an dem letzten Morgen ber jenen faden
Dichterling sagten, hat sich furchtbar, viel furchtbarer freilich als
wir Beide damals ahnen konnten, bewhrt. Ich habe schwer -- fast zu
schwer fr meine Leichtglubigkeit, mit der ich unreifen, oft vielleicht
selbst eigenntzigen Plnen Glauben schenkte, ben mssen, und wollte
es gern, wenn nicht -- wenn nicht meine arme Familie jetzt auch so
schwer darunter leiden mte. Sie sehn, lieber Donner, ich bin offen und
aufrichtig gegen Sie, das mag Ihnen den besten Beweis liefern, da ich
mein Unrecht gegen Sie bereue.

Georg war tief erschttert; das Bekenntni des sonst so strengen
abgeschlossenen Mannes, das gerade _ihn_ furchtbare berwindung mute
gekostet haben, machte einen unendlich wehmthigen Eindruck auf ihn, und
er brauchte Minuten, sich selber erst wieder so weit zu sammeln, dem zu
erwidern. Der Professor war indessen an einer Stelle stehen geblieben,
wo ein drrer Baum erst ganz krzlich ber die Fenz heruntergeschlagen
schien, und dieselbe zusammengebrochen hatte, was sich ein paar Schweine
zu Nutz gemacht, die drinne an einem Krbi herumbissen und, als sie
die Mnner kommen hrten, grunzend in das Feld weiterhinein flchteten.

Die Farm sieht arg verwildert aus, sagte Georg endlich leise, eine
direkte Antwort auf das Gestndni vermeidend, man sollte kaum glauben,
da ein einziges Jahr eine solche Vernderung hervorbringen knnte.

Seit dem Tode meines Sohnes, sagte der alte Herr seufzend, habe ich
selber an Allem die Lust verloren, und nichts thun noch arbeiten mgen;
selbst das Nothwendigste ist liegen geblieben, und der sptere Besitzer
der Farm mag nachholen, was ich versumen mute.

Sie wollen fort von hier?

Wir brauchen uns ber das Hlfsverbum nicht zu tuschen, lieber
Donner, sagte der Professor wehmthig lchelnd, ob ich _will_ oder
nicht -- ich _mu_!

Und Ihre Familie? sagte Donner halb vorwurfsvoll.

Sie haben recht, seufzte der Mann, es ist schwer fr sie, geht aber
doch nicht anders an; ich will nach dem fernen Westen, wo man, wie ich
aus sicherer Quelle wei, ein kleines #improvement# fr fnfzig Dollar,
und vierzig Acker Land fr denselben Preis bekommen kann. So viel wird
mir nach dem Verkauf meiner Sachen und Abzug aller Reisespesen brig
bleiben, und wir mssen dort eben ein neues Leben beginnen.

Und glauben Sie, da Ihre Frauen das aushalten wrden? frug Georg ihn
ernst, _kennen_ Sie das Leben im Westen, mit seinen Entbehrungen,
seinen Beschwerden, seinem Klima?

Ich habe viel darber gelesen, sagte der Professor ausweichend.

Du lieber Gott, seufzte der junge Mann, wenn ich mir da die arme Frau
Professorin, die zarte Anna und selbst die krftige Marie denken mte
-- ich wrde im Leben nicht wieder froh werden.

Aber was _soll_ ich thun? sagte der Professor, froh endlich einmal
Jemanden zu haben, mit dem er sich aussprechen, gegen den er sein Herz
erleichtern konnte, Ihnen gegenber brauch' ich kein Hehl daraus zu
machen, denn ich wei, Sie nehmen Theil an unserem Schicksal, das sich
nicht allein durch eigene Schuld, sondern auch durch das Zusammentreffen
unglckseliger Umstnde so traurig gestaltet hat. Ich bin nicht im
Stande das letzte Kaufgeld fr die viel zu theuer bezahlte Farm, so
wenig das sein mag, aufzutreiben, der Bursche in Grahamstown, dem mein
Mobiliar in die Augen sticht, drngt mich mit der Zahlung, und auch
meine letzte Hoffnung, Herr von Hopfgarten, ist nicht mehr aufzufinden.
Ich habe mich nach ihm bei dem Wirth des St. Charles Hotels in New-Orleans
erkundigt, und wenn mir die Leute die Wahrheit geschrieben, so ist
Freund Hopfgarten vor kurzer Zeit nach Europa zurckgekehrt. Den Termin
lnger hinauszuschieben bin ich ebenfalls nicht im Stande, und werde
schon nchste Woche gezwungen sein meine Farm und Mobiliar vielleicht
fr den sechsten Theil dessen was sie mich selber gekostet hat, zu
verkaufen, und mit den Meinen dann von vorn anfangen zu mssen, ein
allerdings vollkommen neues Leben zu beginnen.

Wenn Sie denn fest entschlossen sind, rief da Georg, der klopfenden
Herzens, das Gestndni seiner Liebe zu Marie auf den Lippen, noch nicht
gewagt hatte damit herauszutreten, wenn Sie die Wildni whlen wollen
und mssen zu Ihrem Aufenthalt -- dann nehmen Sie mich mit und -- seien
Sie mir mehr als Freund dann, lieber Herr -- seien Sie mir _Vater_
-- Vater im wahren Sinn des Worts. Lange Monden hin, fuhr der junge Mann,
als ihn der Professor staunend ansah, leidenschaftlicher fort, habe ich
die Qual der Ungewiheit, die Sehnsucht nach dem einen Wesen auf dieser
Welt, das meiner Seele Ziel geworden, mit mir herumgetragen -- ich darf
das nicht lnger mehr -- geben Sie mir Marie zum Weibe, lassen Sie
_mich_ den verlorenen Sohn ersetzen, und nie, nie sollen Sie bereuen mir
so vertraut zu haben.

Mein lieber, lieber Donner, sagte der Professor, der sich noch immer
nicht von seiner berraschung erholen konnte Sie wollen Ihr Schicksal
an das einer Familie ketten, die sich -- die sich eben nicht im Glck
befindet -- und wei Marie --

Noch keine Sylbe -- noch habe ich selber nicht gewagt, ihr meine Liebe
zu gestehen, rief Georg, aber wenn mich nicht Alles tuschte, darf ich
hoffen.

Der Professor sah dem jungen Mann lange und fest in's Auge -- bis sich
sein eigener Blick in langsam aufsteigenden Thrnen dunkelte, dann nahm
er Georgs Hand, drckte sie fest und herzlich, und zog ihn endlich leise
aber liebend an seine Brust.

Mein lieber, lieber Vater, flsterte Georg.

Mein lieber, lieber Sohn!

Und nun zur Mutter! rief da Georg, dem Lust und Freude das Herz bald
in der Brust zu sprengen drohte, nun zur Mutter, ihr Sorge und Kummer,
und mit den beiden Menschenqulern auch die bse Krankheit zu nehmen,
die sie noch an's Lager fesselt. Wir gehen _nicht_ nach dem Westen Vater
-- wir bleiben _hier_, und die Fenzen werden wieder ausgebessert, das
Unkraut wird hinausgeworfen aus dem Felde, und die Mhle fertig gebaut,
dem Wirth in Grahamstown gerad zum Trotz und rgern.

Der Professor schttelte traurig mit dem Kopf und sagte seufzend:

Das sind _Plne_, mein junger Freund, wie sie die _Jugend_ eben
entschuldigt; das ruhige Alter findet sich nicht mehr so leicht mit
Unmglichkeiten ab.

Und wissen Sie denn Vater -- o da ich Sie jetzt -- da ich Sie
_endlich_ so nennen darf, sagte Georg, seinen Arm ergreifend, und ihm
mit blitzenden Augen in's Antlitz sehend, da ich vom Glck begnstigt
in Michigan in das Haus eines reichen Mannes kam, bei ihm ein Viertel
Jahr in gutem Gehalt stand und ihm die beiden Kinder, die ihm schwer
erkrankten, rettete? -- wissen Sie, da mich der Mann aus Dankbarkeit
in den Stand setzte, durch den zweckmigen Kauf einer Anzahl von
Baupltzen in einer neu gegrndeten Stadt, in den letzten drei Viertel
Jahren nur durch einen theilweisen Verkauf derselben Parcellen wieder,
fnfzehnhundert Dollar an baarem Gelde zu verdienen? -- Und kennen Sie
die Quittung hier von Grahamstown? rief er unter vorquellenden Thrnen
lachend aus, kennen Sie den Autographen von Ezra Ludkins? -- Da behalten
Sie das Papier und lesen Sie es aufmerksam durch, hoffentlich ist Alles
in Ordnung und -- mag mich Marie nicht -- sagt sie _nein_ -- ja dann
soll mich mein Rappe noch heute Abend fort -- weit fort von hier tragen,
gleichviel wohin. -- Sagt sie aber ja -- oder lacht oder weint sie nur
-- oder thut sie gar Nichts -- und sieht sie mich nicht einmal an, dann
-- aber ich kann es wahrhaftig nicht lnger mehr in der Ungewiheit
ertragen; kommen Sie nach Vater, so rasch Sie Ihre Fe tragen, und
voraus hol' ich mir mein Glck oder Leid aus Mariens Munde!

Und den Hut freundlich gegen den Professor schwenkend lie er ihn an der
hinteren Fenz und am Holzrande zurck, und sprang in flchtigen Stzen
dem kaum verlassenen Hause wieder zu.

Und dort? -- lieber Leser, das ist eine Sache, die nur immer zwei Leute
auf einmal in der Welt interessirt. Wie Vielliebchen aus _einem_
Mandelkern hat der liebe Gott die Herzen, von denen immer zwei und zwei
fr einander geschaffen sind, ber die Welt wild und bunt hinausgestreut
-- selig die, die ihre Theile wieder zusammenfinden.

Und Marie und Georg _waren_ selig; an dem Abend, neben dem Bett der
Mutter, der mit der frohen frischen Hoffnung auch wieder neuer Muth,
neue Kraft in das Herz gezogen, wie es Georg gehofft, saen sie Hand
in Hand und plauderten und bauten mit der Schwester Plne auf, die
Glcklichen, nach Herzenslust. Und der Vater ging dabei, die Hnde auf
den Rcken gelegt, schmunzelnd auf und ab; in der Kinder jungem Leben
ging auch ihm ein neues frisches Dasein auf -- die trbe bse Zeit lag
dahinten, und wenn auch bittere Erfahrungen ihn geprft, so waren es
doch eben Erfahrungen geworden, und _auf_ ihnen weiter schreitend, mit
einer jungen krftigen Sttze jetzt an seiner Seite, konnt' er der
Zukunft wieder froh in's Auge schaun.




Capitel 5

Jimmy.


Die Fieberzeit, trotz ihren Schrecken von den Amerikanern scherzweis
der gelbe Jack genannt, war vorber; der Oktober hatte, gleich von
Anfang an mit kalten und scharfen Nordwest-Winden einsetzend, die Seuche
seewrts geweht, und die Luft gereinigt, und vom Norden herunter kehrten
die geflchteten Bewohner der gefhrdeten Stadt in Schaaren zu ihren
Wohnsitzen zurck.

Welch ein Unterschied zwischen dem New-Orleans jetzt, und dem, vier
Wochen frher. Welch Drngen und Treiben berall von frischem, frhlichem,
krftigem Volk, das herber und hinber drngt, kauft und verkauft, und
plaudert, lacht und singt. Welch Treiben und Leben an der Leve, wo Boot
nach Boot, Schiff nach Schiff anlegt, seine Waaren der neugeborenen
Stadt zuzufhren; welch Treiben und Leben in den Straen, den kleinen
Adern des Verkehrs, in denen das warm pulsirende Herzblut herber und
hinber treibt, und nur vier Wochen Unterschied, wie sahen da die
Straen aus? -- wie der Strom? -- wo war das Leben, das jetzt, dem
schumenden Bache gleich, aus seinen Ufern quoll?

Der Wanderer, der die Stadt in _der_ Zeit, im August und September,
betrat, und das lebendige Bild von ihr im Herzen, ein frhlich
schaffendes, lebenslustiges Volk zu finden erwartete, steht entsetzt
und traut den Augen kaum.

New-Orleans, des Sdens Knigin, der keine andere Stadt im weiten Reich
die Spitze bieten kann, scheint in _der_ Zeit ein weiter offener Sarg
-- die Straen liegen todt und leer, der Futritt des einzelnen flchtigen
Wanderers schallt hohl und unheimlich von den verschlossenen Husern
wieder -- dort begegnet ihm ein anderer, eben so rasch, das Tuch am
Munde -- aber scheu weicht man sich aus und will aneinander vorber -- da
zuckt der Fu fast unwillkrlich -- es ist ein Freund, den man so lange
nicht gesehn, schon todt gewhnt -- einerlei, vorbei; die Krankheit
knnte in seiner Nhe weilen, sein Hauch vielleicht sie bringen, und mit
stummem, traurigem Nicken fliehen sich die Beiden.

Wo ist dann der frhliche Lrm der Dampfbootlandung, das Rasseln der
schwerbeladenen Gterkarren mit den trunkenen Irlndern, das Singen und
Lachen der Neger. Dort fhrt etwas ber das Pflaster -- wie hohl das
in den leeren Straen klingt -- es ist nur der Leichenwagen, der im
scharfen Trab hinausfhrt, seine Doppellast abzuwerfen und neue, schon
lang bestellte Fuhre zu holen. Wo ist das rege geschftige Treiben der
Lden -- die meisten sind geschlossen, wer soll jetzt kaufen, und der
Trauerflor an den Thren dort und hier, und da und drben, kndet die
Stelle, wo sich die Seuche mit den langen gelben, gierigen Krallen ihre
Opfer herausgeholt.

Und jetzt? -- kaum ein Monat ist verflossen, da diese Straen wst
und de lagen, und der groe Vernichter seine Erndte in der scheinbar
menschenleeren Stadt hielt; wo er mit schwlem Flgelschlag ber die
Dcher strich, und rechts und links in boshafter Lust seinen Giftodem
einblie in das, in jenes Haus -- und seht, wie das wieder drngt und
wogt, und lacht und singt und frhlich ist, und die Todten in ihren
stillen Grbern schon lange, lange vergessen hat. Lieber Gott, _Wochen_
sind ja auch schon darber hingegangen, und eine fast neue Bevlkerung
hat Besitz von dem Grund und Boden genommen, den die Seuche gelichtet
und verdet.

Was damals freilich New-Orleans verlassen _konnte_, that es, und
die Wirths- und Gasthuser standen d' und leer, ja man vermied die
Schwellen derselben mit scheuer Angst, aus Furcht, gerade dort am
meisten Kranke zu treffen, und in dem Athemzug vielleicht den Tod schon
einzuziehen. So flohen auch das deutsche Vaterland sechs Wochen lang
die meisten Boarder, aber die dort Wohnenden _konnten_ nicht alle
fort. Viel arme Deutsche, die mit verspteten Schiffen nach langer
Reise hier eingetroffen waren, fanden theils kein Boot mehr, das sie
mit fortnahm von hier, theils hatten sie kein Geld, die in der Zeit
entsetzlich hohe Passage zu bezahlen. Die Capitaine der wenigen dort
anlegenden Dampfer wuten recht gut, da Alles, was jetzt die Stadt
verlassen konnte, ging, und rechneten fnf- und sechsfache Passagepreise,
sich selbst fr die Gefahr bezahlt zu machen, der sie die Stirn boten.

So lag eine ganze Schaar Baiern, ohne Mittel fortzukommen, in den
kleinen dumpfigen Hinterstuben des deutschen Vaterlands, und wie die
Seuche hereinbrach ber die Stadt, suchte sie sich schon ihre ersten
Opfer aus der Schaar.

Im deutschen Vaterland war aber indessen auch noch auerdem eine groe
Vernderung vorgegangen, und Hedwig hatte das Haus nicht allein nicht
verlassen, sondern Franz seinem Vater frei und offen erklrt, da er das
junge wackere Mdchen, sobald er nur erst einmal selbststndig dastehe,
wenn sie ihn haben mge, zum Weibe nehmen wolle.

Den alten Mann fesselte in dieser Zeit ein Sturz, den er von der Treppe
gethan, an sein Lager, und Franz mute berdie indessen die Leitung der
ganzen Wirthschaft bernehmen. Mit _dem_ Plane seines Sohnes war er im
Anfang aber gar nicht einverstanden, hatte die und jene Einwendungen,
erklrte, er sei doch nicht ganz _so_ arm wie Franz zu glauben scheine
(und wie er ihm allerdings selber oft genug betheuert) und _sein_ Sohn
knne da wohl schon noch eine bessere Parthie machen, und sich seine
Frau aus einem anderen Hause -- und wenn es das grte Steingebude in
der Stadt wre -- holen. Da Franz aber, nicht gerade gleich auf eine
Einwilligung dringend, hartnckig bei dem einmal gefaten Entschlusse
blieb, gewhnte er sich zuletzt an den Gedanken, und sah, wenn er dem
Sohne das auch nicht gestand, selbst seiner abnehmenden Krfte wegen,
eher noch eine Sttze in dem fleiigen, wirthschaftlichen Mdchen.

Nur der verschwenderische Geist des Sohnes, wie er es nannte, machte
ihm Sorge; er rief ihn deshalb auch oft an sein Bett, und beschwor ihn,
doch nur um Gottes Willen auf sein eignes Gut mehr zu achten, den
eigenen Nutzen mehr im Auge zu haben, denn wenn er selber einmal die
Augen schliee, und nicht mehr rathen, nicht mehr wehren knne, wie
bald seien dann die paar gesparten Thaler auch wieder fort, an der die
Undankbarkeit der Menschen schon lange arbeite und whle und zehre.

Franz hatte ein zu gutes Herz, dem Eigennutz mehr zu folgen als diesem,
und der Vater wrde dem einzigen Sohne auch wirklich schon lange den
Willen gelassen, und die Wirthschaft ganz bergeben haben, htte ihn
nicht Messerschmidt bis jetzt noch immer aus allen Krften davon
abgehalten und gewarnt; wie dieser denn auch sein Mglichstes that, die
Heirath mit dem jungen Hamann und dem fremden hergelaufenen Mdchen
aus allen Krften zu hintertreiben.

Die Seuche unterbrach das Alles -- Niemand, der nicht mute, verkehrte
mit dem Anderen; Messerschmidt selber betrat in dieser ganzen Zeit
das Haus nicht, Franz aber lernte gerade da den Werth des holden
anspruchslosen Kindes, mit seiner Aufopferung und Herzensgte im reinsten
Lichte kennen. Hier war kein _Schein_ mehr, wo der Tod grinsend und
drohend an der Schwelle stand; hier war nicht mehr Verstellung denkbar,
das Herz des reich geglaubten Wirthssohnes, wie Messerschmidt dem
jungen Hamann oft und heimlich warnend zugeflstert, zu fesseln;
unbekmmert um Alles, wo sie nur ntzen konnte, ging Hedwig ihren
stillen Weg, und an den Krankenbetten stand sie oft ein Engel des
Trostes und der Hlfe.

Schon seit Clara damals sich von ihrer Krankheit erholt, und selber im
Stande gewesen war durch weibliche Arbeiten ihren Unterhalt wenigstens
zu verdienen, hatte Hedwig Gehalt bezogen, den ihr der alte Hamann
selber, _trotz_ seinem Geiz, freiwillig erhht, als er sich doch nicht
leugnen konnte, wie sie arbeitete und schaffte, und wie sie Alles ihm
zusammenhielt. Was sie aber an Geld bekommen, nahm die schwere Zeit auch
wieder fort, denn keine Woche verging, in der nicht hlflose Wittwen und
Waisen den Sarg des Gatten und Vaters hinausbegleitet zu seiner stillen
Ruhesttte, dann aber selber verlassen und allein in der fremden Welt
gestanden htten, die ihnen eine Heimath werden sollte, und jetzt nur
Tod und Elend zeigte, wohin sie schauten. Fr wie viele zahlte sie da
nicht das Passagegeld auf den einzelnen Dampfbooten, sie nur fort, einer
gesunden Gegend zuzubringen, ehe sie hier ihr Letztes verzehrt, und mehr
noch vielleicht von ihren Lieben begraben muten; wie viele untersttzte
sie hier mit Rath und That, lste die schon versetzten Koffer fr sie
ein, und zog sich scheu und schchtern in ihr kleines Kmmerchen zurck,
wenn ihr die Leute nur dafr danken wollten, was sie gethan.

Mit der gesunden Jahreszeit kehrte aber auch die gewhnliche Arbeit
wieder fr das deutsche Gasthaus; Schiff nach Schiff traf ein, alle mit
Auswanderern schwer beladen, und da sich nicht Alle gleich entschlieen
konnten die eben betretene Stadt, die keine Spur der berstandenen Pest
mehr zeigte, gleich wieder zu verlassen, fllten sich die Gasthuser,
wie das um diese Zeit fast stets der Fall ist, bis unter die Dcher mit
Fremden und ihren Gtern an. Die war auch immer die geschftigste und
eintrglichste Zeit fr den alten Hamann gewesen, und jetzt sa er, in
sein Zimmer gebannt, regungslos fest auf seinem Stuhl, und durfte und
konnte nicht hinaus.

Zuerst qulte und sorgte er sich denn auch ab dabei, und wollte es wohl
gar erzwingen, trotz allen rzten und Medicinen; endlich sah er aber
doch wohl ein da es nicht ging, da er sich Ruhe gnnen msse, bis ihn
die Glieder wieder trgen, und die Hauptarbeitszeit wohl berhaupt fr
ihn vorbei sei. Der Sohn drngte und bat dabei da er nun endlich in
seine Verbindung mit Hedwig willigen mchte; es sei ein anderes Leben
wenn eine _Hausfrau_ in der Wirthschaft wre, besonders _solche_
Hausfrau, und er, der Vater selber, knne ruhiger sein, wo er nicht
_fremden_ Menschen nur sein Eigenthum anzuvertrauen habe.

Der alte Hamann gab endlich seine Einwilligung, und Hedwig, die dem
jungen Mann von Herzen zugethan war, und mehr fast noch in dem Bewutsein
nun freier handeln, noch mehr Gutes thun zu knnen, sich wohl und
glcklich fhlte, legte am Altar ihre Hand in die seine, und zog als
_Herrin_ in das Haus hinein, das sie in Noth und Sorge, als Dienerin
betreten.

Franz schwelgte in der Zeit in einem Meer von Wonne, und wenn er auch
von seinem Vater -- der Termin dazu war auf den ersten December
festgesetzt worden -- die ganze unbeschrnkte Fhrung des Hauses noch
nicht berkommen hatte, fhlte er sich doch zu glcklich im Besitz
seines braven, inniggeliebten Weibes, anderen Gedanken in dieser Zeit
noch Raum zu geben. Hedwig aber wirthschaftete nach wie vor, in stiller
anspruchsloser Weise -- wo sie helfen konnte, half sie gern, und das
deutsche Vaterland, frher der eintrglichste Platz fr alle Arten
diebischer Agenten, und die Hhle, in der hunderte von armen Einwanderern
ihr Alles verloren, und nackt in die Welt hinausgestoen wurden, schien
ein Asyl der Hlfsbedrftigen zu werden, und erweckte deshalb auch
besonders in den Herzen einzelner, bei dem frheren Gewinn Betheiligter,
rege Besorgnisse.

Unter diesen standen der Agent Messerschmidt, und Jimmy der Barkeeper
vorne an, denen Beiden die Hochzeit zwischen den jungen Leuten ein Dorn
im Fleisch geworden, und was sie nicht mehr hintertreiben konnten,
suchten sie wenigstens so viel als mglich zu stren. Franz wute das,
vermochte aber noch nicht selber irgend etwas mit Beiden anzufangen, bis
er nicht die Wirthschaft allein in Hnden hielt, und als unumschrnkter
Herr darin gebieten konnte. Der Tag rckte jedoch mehr und mehr heran,
und als der November endlich verflossen war und der alte Hamann am 1sten
Morgens, wie schon frher verabredet, einen Advokaten zu sich in's
Zimmer kommen, und in dessen Gegenwart dem einzigen Sohne schon bei
seinen Lebzeiten Haus und Wirthschaft berschreiben lie, war Franzes
_erstes_ Geschft, hinunter in die Bar zu gehn und dem darber
allerdings verdutzten Jimmy, wie ihr Contrakt zusammen lautete, mit
vierwchentlicher Warnung auf den ersten Januar des nchsten Jahres zu
kndigen.

Jimmy, sagte er, als er zu dem Burschen hinunter in den gerade
unbesetzten Schenkraum kam, ich bin jetzt eben Herr hier im Haus
geworden, und da wir Beide nicht recht zusammenpassen, meine Frau mir
auch Manches von Euch erzhlt hat was mir nicht gefllt, so ist's
besser, da Ihr zu der zwischen Euch und meinem Vater abgemachten Zeit
das Haus verlat. Heute ist der erste December -- am ersten Januar knnt
Ihr eine andere Stelle antreten, und habt bis dahin Zeit Euch umzusehen;
wollt Ihr aber frher fort, hlt Euch Niemand hier -- verstanden?

Das war deutlich genug Mr. Hamann, #anyhow#, sagte Jimmy, der dabei
wieder ganz in Gedanken an seiner Lieblingsbeschftigung begann -- die
Finger zu knacken, werde aber von Ihrer Gte wohl keinen Gebrauch
machen, _vor_ der bestimmten Zeit, da ich dann ebenfalls zu heirathen
gedenke. Sonderbar -- wollte Ihnen auch heute aufsagen.

Desto besser, Jimmy, sagte Franz, dann haben wir Einer dem Andern
nicht weh gethan, und knnen und werden uns ziemlich gut ohne einander
behelfen.

Jes, sagte Jimmy, eine gleichgltige Miene dabei annehmend, verdammt
gut, denk' ich mir so; -- werden eine _sehr_ schne Wirthschaft hier
anrichten, Mr. Hamann _junior_.

Jes, Jimmy -- denk' ich mir so, lachte Franz leise vor sich hin, und
verlie dann, ohne sich weiter um den Menschen zu bekmmern, das Zimmer.

Denk' ich mir so -- Einfaltspinsel -- knurrte der Barkeeper finster
und verdrielich hinter seinem neuen Principale her -- _Du_ wirst noch
Manches zu denken kriegen, mein Bursche, bis wir Beiden auseinander
sind, denk' _ich_ mir so. Und noch bist Du mich auch nicht los, und es
mte doch mit dem Henker zugehn, wenn zwischen hier und da nicht noch
was auftauchen sollte, was der Sache eine andere Wendung gbe. _Was_,
wei ich freilich selber noch nicht, aber da Jimmy eine sich etwa
bietende und ihm passende Gelegenheit nicht unbenutzt wird vorbergehn
lassen, darauf mein Juwel, knntest Du allenfalls Gift nehmen.

Hallo Jimmy, sagte da eine bekannte Stimme, und als sich der Barkeeper
rasch nach der Thr umdrehte, sah er den eben nur hereingesteckten,
etwas dicken Kopf des Agenten Julius Messerschmidt.

Ah -- Ihr kommt gerade recht Alterchen, sagte Jimmy, in einer Art
Instinkt dabei hinter die Bar tretend und zwei Glser umsetzend -- was
trinkt Ihr?

Immer Brandy Jimmy, im Winter, sagte Messerschmidt jetzt ganz zur
Thre hereinkommend, und den Kautabak, den er nach Amerikanischer Sitte
im Munde hielt, daraus entfernend, dem besprochenen Getrnke Raum zu
geben; immer Brandy, und im Sommer erst recht Brandy, denn da khlt er;
besonders wenn er so gut ist wie der Hamann'sche.

Ihr seid doch der Einzige der ihn lobt, weil Ihr ihn selbst geliefert
habt; lachte Jimmy.

Unsinn, Jimmy -- baarer Unsinn -- an dem Brandy hab' ich mein Geld
verloren, und such' es nur dadurch wieder einzubringen, da ich recht
viel davon trinke. _Der_ Brandy ist spottbillig mit sechs Cent das Glas,
und an der Leve verkaufen sie ihn aus demselben Fa fr zwlf und einen
halben.

Werden wohl ihre Grnde dafr haben, meinte Jimmy, aber was fhrt
_Euch_ gerade _heute_ Morgen her?

Mich _gerade_ heute? -- ist heute ein besonderer Tag, Jimmy? frug
Messerschmidt.

Hm, nicht das ich wte, meinte Jimmy, der erst herauszubekommen
wnschte, was der Agent hatte, ehe er ihm von dem heute abgeschlossenen
Vertrag zwischen dem alten und jungen Hamann sagte. Er wute recht gut,
wie Messerschmidt bei dem letzteren angeschrieben stand.

Nun also, Jimmy; meinte Messerschmidt, aber Ihr knnt mir wohl sagen,
wie's mit dem _Alten_ steht; ich mcht' ihm ein Anerbieten machen.

Nicht zu sprechen, sagte Jimmy trocken, alle Geschfte heute an die
junge Firma angewiesen.

Hm -- mit dem _Jungen_ hab' ich gerade nicht gern viel zu thun,
brummte der Agent langsam zwischen den Zhnen durch, wenn aber der Alte
ja sagt, kann _der_ mir auch den Hobel ausblasen. Also den Alten kann
man nicht sprechen?

Ertheilt Niemand Audienz.

Und wo ist der Junge?

Jimmy mache eine entsprechende Bewegung mit dem ber die Schulter
gestoenen Daumen nach dem Hof hinaus.

Wollt Ihr ihn einmal rufen, Jimmy?

Wenn's sein _mu_, ja, sagte dieser.

Apropos Jimmy --

Nun? -- was giebt's noch?

Wit Ihr, die Mecklenburger Bauern, die ich Euch gestern zugebracht --

Nun? -- kein Geld?

Kein Geld? -- wiederholte der Agent, indem er die Lippen vorspitzte,
so weit er sie bringen konnte -- oh Jimmy, wenn wir Beide das nur
htten, was in den zwei grnen Koffern steckt -- nachher knnten wir
zufrieden sein.

Nun, wird das Groe eben nicht sein, meinte Jimmy gleichgltig.

Das Groe nicht sein? -- wenn _ich_ ihnen nicht htte Amerikanisches
Gold fr Dnisches geben mssen -- und das Sckchen voll, was da drin
stand -- und die goldenen Uhren und Ketten die daneben lagen. Die
Menschen mssen ein heidenmiges Geld haben, und das ist nur erst ein
_Theil_, denn das Meiste haben sie, wie sie sagen, zu Hause gelassen,
um mit dem erst einmal zu probiren, wie es hier eigentlich ist.
-- Jammerschade, da sie keine Schwiegershne brauchen.

Wir Beide wren ein paar kostbare Exemplare, schmunzelte Jimmy.

Die beiden liebenswrdigen Gesellen lachten noch zusammen als die Thr
aufging, und der junge Hamann wieder in's Zimmer trat.

Ah Franz, das ist mir lieb, da Sie kommen, sagte Messerschmidt in
seiner vertrauten Weise; ich hatte eine Bitte an den Alten, aber da ich
hre, da er noch auf der Kante liegt, knnen Sie mir auch den Gefallen
thun.

Und das wre? sagte Franz, dem Mann ruhig in's Gesicht sehend.

Sie wissen, da ich in letzter Zeit ein Bischen in Geldverlegenheit
gewesen bin, sagte der Agent, das verdammte Spielen, was ich schon so
oft verschworen, hat mich wieder einmal angefhrt, und ich mute sogar,
wogegen ich mich bis jetzt hartnckig gestrubt, mein Quadroonmdchen,
das allerdings das letzte Jahr in einem fort gekrnkelt und keinen
Dollar verdient hat, verkaufen. Ein deutscher Violinspieler hatte einen
Narren an ihr gefressen und mir die Dirne noch gut genug bezahlt; jetzt
hab' ich Niemand Anderem im Haus; Lohn mcht' ich auch nicht gern viel
zahlen --

Bitte, kommen Sie zur Sache, sagte Franz.

Nun die ist einfach genug, meinte Messerschmidt -- Sie haben da ganz
krzlich ein paar arme, aber ganz hbsche Braunschweiger Mdchen in's
Haus genommen, die der jungen Frau glaub' ich, um ihren Boarding zu
bezahlen, mit in der Kche helfen -- bitte -- Sie brauchen sich deshalb
gar nicht zu entschuldigen -- setzte er rasch hinzu, als ob er etwas
Derartiges von dem jungen Hamann vermuthete -- das versteht sich von
selber, und ist ganz in der Ordnung; aber ich mchte gern eine von
denen, die Jngste hat mir am besten gefallen, zu mir in's Haus nehmen,
das zu besorgen, was ich eben zu besorgen habe; sollte sie dann etwa
noch eine Kleinigkeit im Hause schuldig sein, so knnten wir das ja am
nchsten _Geschfte_ abrechnen.

Ist sonst noch etwas, Herr Messerschmidt, was Sie vielleicht an das Haus
hier zu fordern haben? sagte Franz ruhig.

Fr den Augenblick Nichts; die letzte Sendung Mecklenburger hat mir Ihr
Alter ja gleich ausbezahlt; ich war damals besonders klamm.

Also sind wir Ihnen weiter Nichts schuldig?

Nicht einen Cent, bewahre, aber ich hoffe Ihnen morgen frh vielleicht
--

Erlauben Sie mir Ihnen dann zu bemerken, unterbrach ihn Franz ziemlich
kalt und trocken, da von jetzt an jede Geschftsverbindung zwischen
uns aufgehrt hat --

Unsinn, Franz -- Sie wissen ja --

Entschuldigen Sie, mein Name ist fr _Sie_ Mr. Hamann; mein Vater hat
heute die Fhrung dieses Hauses in meine Hnde gelegt, und ich ersuche
Sie, alle weiteren Bemhungen fr mich zu unterlassen.

Hoho -- rief Messerschmidt dunkelroth im Gesicht werdend, und sich
hoch dabei aufrichtend -- weht der Wind aus _der_ Richtung, und hat der
Alte richtig den dummen Streich, gemacht?

Ich verbitte mir solche Bemerkungen, Herr Messerschmidt --

Oh Herr -- ich werde Ihre Schwelle nicht mehr betreten --

Ich bin davon berzeugt, sagte Franz, vollkommen ruhig, wrde auch
sonst mich in die unangenehme Nothwendigkeit versehn, Sie
hinauszuwerfen.

Herr Hamann! rief der Agent drohend.

Herr Messerschmidt? sagte Franz ihm ruhig aber fest und entschlossen
in's Auge sehend.

Es ist gut! rief dieser, keineswegs gewillt dem jungen Mann
entgegenzutreten; das ist mein Dank jetzt fr die jahrelange Protektion
dieses Hauses, das aber jetzt _kein_ Gast mehr betreten soll, den _ich_
daran verhindern kann.

Sie werden zu spt zu Ihrem #Lunch#[4] kommen, sagte Franz ziemlich
bedeutungsvoll auf die Thr zeigend.

Jimmy, Sie sind mein Zeuge, wie ich hier behandelt werde, rief
Messerschmidt mit gekrnktem Stolz, Sie werden mir dafr Rede stehn
mssen, Herr Hamann.

Sie werden wirklich zu spt zu Ihrem #Luncheon# kommen, sagte der
junge Hamann, die Thre jetzt selber ffnend und mit einer ungeduldigen,
nicht miszuverstehenden Bewegung hinausdeutend.

Guten Morgen Herr Hamann! rief da der Agent, bebend vor Zorn, drckte
sich den Hut fest in die Stirn, und flog im nchsten Augenblick voll
und breit gegen die Gestalten zweier anderer Mnner an, die eben im
Begriff waren, die beiden steinernen Stufen in das Schenkzimmer
hinaufzusteigen.

Hallo, sagte der Erste von diesen, nur mit Mhe sein Gleichgewicht
bewahrend und dem Davonstrmenden erstaunt nachsehend, der hat's
verdammt eilig -- das Gesicht sollt' ich auch kennen, ging der
freiwillig, oder _wurd'_ er gegangen?

Der junge Hamann warf einen flchtigen Blick auf die neu Eintretenden
und drehte sich dann, ohne sich weiter mit ihnen einzulassen, rasch
herum und verlie das Zimmer.

Alle Wetter, Mr. Meier! rief da der Barkeeper den frheren Boarder
erkennend -- wo haben Sie die Zeit gesteckt -- man hat Sie ja mit
keinem Auge mehr gesehn.

Geschftsreisen, mein junger Freund, Geschftsreisen, sagte der
Passagier der Haidschnucke, indem er die Augenbrauen in die Hhe zog,
und mit den Achseln zuckte, komme gerade von Milwaukie herunter, die
balsamische Luft des Sdens einzuathmen. Aber weshalb war der Mann,
der da zur Thr hinaussprang und mich beinah ber den Haufen warf, so in
Eile? -- irgend etwas Unangenehmes vorgefallen?

Husliche Scenen wie sie manchmal in einer Familie vorkommen, lachte
Jimmy ausweichend -- soll ich Glser aufsetzen?

Hm, ja -- aber nicht hierher, sagte Meier -- gebt uns ein paar Glas
rechten steifen kalten Punch -- lieber etwas reichlich Zucker und
Citrone, aber desto mehr Arrak -- dort in das Ezimmer an den kleinen
Ecktisch -- wir haben 'was mit einander zu reden -- werft auch ein paar
Stck Eis hinein, und wenn Ihr noch zwei andere Glser in Vorrath macht,
schadet's ebenfalls Nichts -- wir sind alle Beide durstig.

Ich auch, sagte Jimmy.

Gut mein Herz, macht Euch dann auch ein Glas zurecht; uns aber nicht
schlechter, verstanden? -- werdet ja wohl irgendwo so eine bestaubte
Flasche noch stecken haben.

Meier winkte dabei seinen Gefhrten ihm zu folgen, und ging mit ihm in
das Nebenzimmer, wo ein paar deutsche Zeitungen auflagen, und sie, mit
diesen zwischen sich, ohne jedoch darin zu lesen, an einem kleinen Tisch
dicht am Fenster und der nchsten Wand, Platz nahmen.

Nun, was war's also Kamerad, was Du mir sagen wolltest, frug hier
Meier seinen Gefhrten -- wir sind hier ungestrt.

Wit Ihr, was aus Euerer Frau geworden ist? frug der Andere, eine
kleine, gedrungene Gestalt mit struppigem, grau gesprenkelten Bart und
darber unstt umhersuchenden kleinen grauen, stechenden Augen, sonst
aber in anstndiger behbiger Tracht.

Meiner _Frau_? sagte Meier erstaunt, wie kommt Ihr auf die? _lebt_
sie denn noch?

Ein zrtlicher Gatte, das mu wahr sein, lachte Pelz -- auch
eigentlich ein alter Bekannter von uns, wenn auch jetzt in anderer
Schaale -- sie war noch vor acht Tagen hier in New-Orleans.

'S ist mir lieb da Ihr sagt sie _war_ -- brummte Meier, hol' der
Teufel das Weibervolk, das flennt und heult und wimmert und ist immer
eine Kette am Fu, wo der Mann einmal einen raschen, entscheidenden
Schritt zu thun gedenkt. Wo ist sie hin?

Zu Schiff fort.

Zu Schiff? rief Meier, rasch und erstaunt in seinem Stuhle auffahrend.

Mit einem deutschen Schiffe zurck, besttigte aber der Andere.

Nach _Deutschland_ zurck; ist sie denn toll? -- aber Ihr habt Euch
geirrt, Pelz, das kann sie nicht gewesen sein.

Geirrt? -- ich werde die Frau nicht kennen; sagte der Mann mrrisch
-- sie sah noch dazu weit besser aus als an Bord, ging einfach und
reinlich gekleidet, und hatte 'was hllisch Ordentliches an sich; trug
auch keinen Schmuck mehr, weder am Hals noch in den Ohren, und kam mir
nur verdammt elend vor.

Und hat sie _Euch_ gesehn?

Ja; aber ob sie mich nicht gekannt hat, oder mich nicht kennen wollte,
sagte Pelz, wei ich nicht. Sie sah mir ein paar Secunden starr in's
Gesicht, und ging dann still und ernst an mir vorber auf's Schiff, das
etwa eine halbe Stunde spter seine Taue einholte und, von einem Dampfer
in's Schlepptau genommen, den Strom hinunter qualmte.

Glckliche Reise, brummte Meier, sein Glas, das ihm in diesem
Augenblick Jimmy hereinbrachte, auf einen Zug leerend.

Danke, sagte dieser etwas erstaunt, aber woher wit _Ihr_, da ich
fort will?

Ihr? sagte Meier, mit einem halbspttischen Lcheln den Barkeeper ber
sein Glas ansehend, nun dazu braucht man kein Prophet zu sein; Ihr habt
Euch ja, so lange wir hier sind, die Gelenke schon in einem fort zum
Marschiren eingerenkt.

Hundeleben hier, sagte Jimmy, der sich Meiers Einladung nach sein Glas
mit zum Tisch gebracht hatte, und jetzt daran nippte, mchte hier nicht
lnger _abgemalt_ sein.

Wr auch Schade um die Farbe, lachte Meier -- aber was ist im Wind?
-- Skandal im Haus?

Neue Wirthschaft! sagte Jimmy mit einem vorsichtigen Blick nach der
Thr -- _moralische_, verstanden? -- der Sohn hat die Haushlterin
_endlich_ geheirathet, und nun wird's _fromm_ im Hause hergehn. _Wie_
das Geld verdient ist, kommt jetzt nicht mehr darauf an; obendrauf legt
man ein Gesangbuch.

_Viel_ Geld hier verdient, sollt' ich denken, sagte Meier, den Rest
seines Glases hinuntersplend und dieses dem Barkeeper zu neuer Fllung
hinreichend.

Ein Haufen, versetzte dieser, aber wieder leise -- der Alte mu oben
einen Kasten voll haben, Gott wei wie gro.

Kostet auch viel so eine Wirthschaft, sagte Pelz, ruhig vor sich
niedersehend -- wer das nicht wei, glaubt's kaum -- das geht meist
Alles wieder d'rauf.

Wie Ihr's versteht, rief Jimmy, in Eifer gerathend, seine Behauptung
bezweifelt zu sehn; _ich_ wei was da _hinauf_ gekommen ist, und da
Nichts wieder herunter geht, denn Alles, was die Wirthschaft selber
kostet, wird aus der Kasse hier bestritten -- _so_ scharf geht's. Wenn
der alte Hamann in seinem Geldkasten oben nicht seine _Hunderttausend_
liegen hat, will ich Holz hacken mein Lebelang.

Noch ein Glas, Jimmy, bitte, sagte Meier -- mein Kamerad ist auch
fertig, und _Ihr_ trinkt so langsam, als ob's Wasser wre, wir haben
Durst.

Gleich, sagte Jimmy, mit den Glsern wieder zurck in die Bar gehend,
whrend die beiden Mnner bedeutsame Blicke mitsammen wechselten.

Ich glaube, der Junge taugte dazu, flsterte Pelz leise und rasch.

Vielleicht -- vielleicht auch nicht, sagte Meier, mit dem Kopf
schttelnd -- nur um Alles in der Welt vorsichtig.

Nu versteht sich; aber _der_ wei Hausgelegenheit --

Pst -- er kommt.

Da -- _der_ wird Euch noch besser schmecken, sagte Jimmy, mit den
frisch gefllten Glsern hereinkommend, und die Lippen schon im Voraus
ableckend, der ist famos.

Ne zum Donnerwetter Jimmy, das sollte mir wirklich leid thun wenn Ihr
fort gingt, sagte Meier -- wo kriegt denn der Esel von Wirth auch
gleich wieder einen solchen Barkeeper her? Ihr kennt doch das Geschft
von innen und auen.

Sollt' es denken, brummte Jimmy an seinem zweiten Glas vorsichtig
nippend.

Und das Haus und die Wirthschaft --

Wie meine Tasche, jede Ecke, jeden Winkel drinne.

Apropos Jimmy, sagte Meier, seinen Punch dabei mit dem Lffel umrhrend,
ist noch Platz hier im Haus fr uns Beide?

Das wird schwer halten, meinte der Barkeeper, die Augenbrauen in die
Hhe ziehend -- so arg ist's noch beinah nicht gewesen wie heuer, mit
der Einwanderung.

Oh das wird alle Jahr besser, Kamerad, lachte der Alte dazwischen
-- je hbscher sie's drben in Deutschland treiben, desto mehr Leute
glauben, da sie so ein Glck gar nicht verdienen. Wie bei einem vollen
Kelterfa -- je mehr man oben drauf pret, je mehr luft ber den Rand
fort, bis die Presse unten aufsitzt -- und dann kann man vielleicht
wieder frisch nachgieen.

Und das _Beste_ luft oben ab, sagte Jimmy, nicht ohne einen gewissen
Humor die Beiden betrachtend.

Wenn man _uns drei_ hier ansieht, besttigte Pelz, sollte man's
beinah glauben.

#Don't flatter me, Mr. Mac Karthy# wie die Wittwe sagte, meinte Jimmy
in einem breiten Schmunzeln.

Also es wird wohl noch Platz fr uns werden, nicht wahr Jimmy? nahm
Meier die vorige Frage wieder auf.

Platz? ja das wei ich wahrhaftig nicht; wenn's _gestern_ gewesen wre,
wo noch vernnftige Menschen im Hause regierten, ja, da wre Platz
_gemacht_ worden, wenn keiner mehr da war; ob sich aber der gestrenge
Herr von _Heute_ dazu verstehen wird, ist eine andere Frage -- es knnte
Einer von dem Bauerpack dabei _incommodirt_ werden, und in der Hinsicht
werden jetzt furchtbar strenge Rcksichten genommen.

Hm so? und erst seit heute Morgen?

Heute ist die Geschichte an den jungen Hamann bergeben worden, sagte
Jimmy leise, und der Alte lebt von jetzt ab von seinen Interessen.

Alle Wetter, da mu er sich einen hbschen Pfennig gespart haben,
sagte Meier, dem Barkeeper mit dem linken Auge zuwinkend, wenn _wir_
das htten, Jimmy, _wir_ legten's nicht hin, einen faulen Bauch bis an
sein Ende zu fttern, so viel wei ich.

Ne, das ist sicher, sagte Jimmy, der pltzlich wieder an seinen Fingern
begann, aber an unser Einen kommt so 'was auch nicht.

Ih nu, brummte Pelz, sich seinen kurzen Bart kratzend, die
Mecklenburger z. B., die vor ein paar Tagen hier eingezogen, sind doch
auch nur ganz gewhnliche Bauern, und _ich_ mcht' es nicht auf einmal
fortschleppen, was sie in ihren Koffern mit herumfhren.

Die Koffer sind mordmig schwer, betheuerte Jimmy.

Jimmy, 's ist wahrhaftig Schade, da Ihr hier Euere Fhigkeiten so
nutzlos verschwendet, Brandy und Bier einzuschenken, meinte Meier,
nach kurzer Pause -- ich wte eine famose Beschftigung fr Euch.

Und die wre? frug der Barkeeper neugierig.

Wir sprechen ein andermal darber, erwiederte Meier ausweichend,
wenn's nur einen Platz fr uns im Hause gbe.

Ich denke, ich kann noch einen schaffen, sagte Jimmy, sich die Sache
ein wenig berlegend -- Ihr macht Euch doch natrlich Nichts draus in
_einem_ Bett zu schlafen?

Keine Objektion in der Welt, betheuerte Meier.

Und die Aussicht ist auch ziemlich gleichgltig?

Total.

Gut, gleich ber den Mecklenburgern ist noch ein kleines Kfterchen mit
einem Bett drin, dicht unter dem Dach; sonst nicht viel Bequemlichkeiten
oben, aber famose frische Luft, wenn Ihr _das_ haben wollt, frag ich den
Schlaps, den jungen Herrn Hamann gar nicht, und schaff Euch hinauf. Aber
wo ist Euer Gepck?

Kommt in einer halben Stunde etwa mit der #dray#. -- Also sind wir
eingezogen?

Denke so, sagte Jimmy, die geleerten Glser mit dem dazu gelegten
Geld mit fortnehmend nach der Bar. Ohne dann weiter seinen jungen Herrn
um Erlaubni zu fragen, wie er den beiden neuen Gsten ihr kleines
Kmmerchen an, es ihnen selber berlassend, ihr Gepck hinaufzuschaffen,
und ging wieder in die Bar hinunter, wo er, die Hnde auf dem Rcken,
mit raschen Schritten und in tiefen Gedanken auf- und ablief. Das
Gesprch mit den beiden Leuten hatte ihn auf allerlei Ideen gebracht,
und Jimmy brauchte einige Zeit, die gehrig zu verarbeiten.




Capitel 6.

Kapellmeister Eltrich.


Das Paketschiff von Havre war angekommen, und von den verschiedenen
Passagieren desselben hatte sich Einer, der im St.-Charles-Hotel
abgestiegen, kaum Zeit genommen, seine Kleider zu wechseln und war dann,
jedenfalls dringende Geschfte zu besorgen, ein paar Stunden lang Strae
auf und ab in der Stadt gefahren, bis er endlich am unteren Markt sein
Fuhrwerk ablohnte, und mde und erhitzt in eine der dort befindlichen
kleinen Eisbuden trat, sich abzukhlen und ein Glas Sherbet zu trinken.

Die Passage da vorbei war sehr belebt, kleine Gruppen von Kaufleuten
standen berall zusammen, Geschfte wurden entrirt und abgeschlossen,
Auftrge gegeben und genommen und selbst neben dem Glas Gefrorenen in
der Bude, das oft unbeachtet zusammenschmolz, hatten die Leute ihre
Brieftafeln vor sich liegen, und notirten und rechneten mitsammen, und
ordneten die Bestimmungsorte jener Wlle von verschiedenen Waaren, die
drauen an der Leve durch Tausende von Hnden aufgehuft, und zugleich
wieder durch andere fortgefhrt wurden, ohne sich anscheinend zu
vermindern oder zu vermehren.

Nur der eben angekommene Fremde hatte, wie es schien, mit Geschften
Nichts zu thun; sein einziger Zweck war, sich auszuruhn und zu erholen,
und selbst das Leben und Treiben um ihn her interessirte ihn nicht, oder
war ihm bekannt, denn er nahm abwechselnd eine der verschiedenen, dort
liegenden Zeitungen zur Hand, flchtig die Spalten berfliegend, oder
sa auch wohl, in Gedanken vor sich niederschauend da, nicht einmal die
Vorbergehenden beachtend.

Tuschen mich meine Augen nicht, oder habe ich das Vergngen, Herrn von
Hopfgarten wieder einmal begren zu knnen? sagte in diesem Augenblick
eine feine, unserem alten Freund sehr wohl bekannte Stimme, der auch
rasch, aber zugleich erstaunt zu der breiten, korpulenten Gestalt des
vor ihm stehenden Mannes aufsah, und sich trotzdem auf das Gesicht
durchaus nicht besinnen konnte.

Ich wei nicht -- sagte er wirklich etwas verdutzt, von seinem Stuhle
aufstehend und die ganze Figur des Mannes, der jedenfalls seinen Namen
kannte, auf das Aufmerksamste betrachtend -- Gestalt und Stimme erinnern
mich allerdings an einen frheren Reisegefhrten, aber zu denen pat das
Gesicht durchaus nicht.

Ja, mein guter Herr von Hopfgarten, sagte wieder die nur zu wohl
bekannte Stimme, whrend der Mann selber vergngt dabei mit dem Kopfe
nickte -- ich bin es auch eigentlich nicht mehr; ich habe mich geschlt
und die Haut abgeworfen, wie eine Klapperschlange. Schner bin ich
dadurch freilich nicht geworden, aber heie doch noch immer Christian
Mehlmeier.

Also sind Sie's _doch_! rief Hopfgarten, ihm freundlich die Hand
entgegenstreckend, aber um Gottes Willen, Mann, was ist mit Ihnen
vorgegangen? ich htte Sie im Leben nicht wieder erkannt.

Ja, das ist anderen Leuten auch so gegangen, schmunzelte Mehlmeier
in seinen weichsten Tnen vor sich hin -- sehn Sie sich einmal mein
Gesicht genauer an.

Haben Sie die Blattern gehabt? frug Hopfgarten mitleidig -- es ist
voller Narben -- und die Augenbrauen fehlen ganz. Was in aller Welt
haben Sie mit sich angefangen?

Es ist mir wie Berthold Schwarz gegangen, sagte Herr Mehlmeier, mit
seinem vergngtesten Gesicht -- ich habe ebenfalls, freilich nach einem
vorgeschriebenen Recept, auf die Art wie er, das Pulver erfunden, war
jedenfalls ber die unerwartete Explosion eben so erstaunt wie er. Sie
-- Sie erinnern sich vielleicht noch des -- des Geschfts, was ich
damals betrieb, als Sie mich, hier ganz in der Nhe, dort am Markt
drben, fanden?

Sie verkauften Schwefelhlzer, wenn ich nicht irre --

Ich stand wenigstens zu diesem Zweck an einem jener Pfeiler, bettigte
Mehlmeier, verkaufte brigens ungemein wenig, und diente eigentlich, wenn
ich so recht an jene Zeit zurckdenke, nur dazu, etwa Vorbergehenden,
die mich um Feuer baten, ihre Cigarren anzuznden. Danke sagten
dann die Leute und damit war die Sache abgemacht; _sie_ gingen ihren
Geschften nach, und ich blieb an dem Pfeiler stehn, ber das meinige
Betrachtungen anzustellen.

Sie sehen jetzt weit besser, weit behbiger in Ihrem uern aus, sagte
Hopfgarten.

Das wre noch immer kein groes Lob, meinte Mehlmeier, denn
_schlechter_ wie ich damals aussah, kann der Mensch nicht gut
anstndiger Weise in der Welt herumlaufen. Hosen und Rock hielten
gewissermaen nur aus Geflligkeit fr mich zusammen, und auerdem
durfte ich nicht einmal vor Dunkelwerden Abends von meinem Pfeiler, den
ich mit der Dmmerung in Besitz nahm, weggehn, meines hinteren Menschen
wegen. Da traf ich _Sie_ und den fremden Herrn, der mit Ihnen war, und
von der Stunde an, mein guter Herr von Hopfgarten nderte sich mein
Loos. Ich hatte damals schon lange bemerkt, da die Leute, welche die
Streichhlzer fabricirten, einen recht hbschen Nutzen dabei machten,
whrend wir Verkufer daran verhungern konnten; von zu Hause aus war
ich auch mit der Fabrikation vollkommen gut bekannt, das Material dazu
htte ich hier billiger wie irgendwo gehabt, das Holz brauchte ich
nicht einmal zu kaufen, denn eine kleine Strecke von der Stadt entfernt,
konnte ich mir so viel davon selber nehmen, wie ich brauchte, aber -- ich
hatte kein Capital um damit zu beginnen, und meine tglichen Einnahmen
gelangten oft nicht einmal zu der Hhe, mich, worauf ich den ganzen Tag
hungerte, Abends satt zu essen. Ich mag beilufig bemerken, da ich der
Schrecken der verschiedenen kleinen Ebuden geworden war, in die ich,
sobald sich meine Kasse in den Umstnden befand, ein Abendessen zu
zahlen, hineinfiel. An jenem Tage nun gab mir jener fremde Herr fr
eine unbedeutende Nachricht ein Stck Geld -- ein Goldstck. Herr von
Hopfgarten -- ich will nicht versuchen, Ihnen zu schildern, was ich an
dem Tage ausgestanden habe -- sagte Mehlmeier; seine Stimme klang dabei
leise und heiser, inde ihm ein paar groe schwere Thrnen, trotzdem,
da er mit den Augen auf das Lebhafteste blinzte und sie zurckzudrcken
suchte, zwischen die Wimpern traten -- es war _kein_ verdientes Geld,
ich mochte dagegen argumentieren, wie ich wollte, setzte er dann nach
kurzer Pause hinzu, und ich -- ich war zuletzt fest davon berzeugt,
da ich die kleine Summe -- fr mich damals ein Capital -- mehr meinen
zerissenen Hosen, als der Nachricht verdankte.

Nein, lieber Herr Mehlmeier, rief aber Hopfgarten rasch dazwischen
-- die Kunde, die Sie uns gaben, htte tausend solcher Stcke verdient
-- der alte Herr suchte sein _Kind_ und Sie zuerst brachten ihn auf die
rechte Spur.

Es freut mich ungemein, wenn ich dem fremden Herrn ntzlich gewesen
bin, sagte Mehlmeier ruhig, _das_ aber war meine damalige Ansicht von
der Sache und -- hat sich auch bis jetzt noch nicht verndern knnen.
-- Aber meine Lage nderte sich damals. Fr zwei Dollar kaufte ich mir
ein blaues berhemd, eine solche Hose, wie sie die Feuerleute und Matrosen
tragen, ein paar Schuh, einen Hut und ein Halstuch. Trotzdem behielt
ich noch genug brig, mich einmal recht tchtig satt zu essen und -- es
war vielleicht eine Schwche, aber ich hatte eine unendliche Sehnsucht
danach -- ein Glas Bier zu trinken, und fr die brigen zwei Dollar
schaffte ich mir das nthige Material an, auf _meine_ Art _gute_
Streichhlzchen herzustellen. Mrser und sonstige Gerthschaften mute
ich mir allerdings im Anfang noch borgen, aber das Alles machte ich,
jetzt einmal in anstndigen Kleidern, wo ich mich wenigstens sehn lassen
konnte, mglich, und so klein die Quantitt sein mute, die ich mit
meinen geringen Mitteln zum ersten Mal fabricirte, so sehr sprach die
Qualitt an. Wohin ich Proben brachte, bekam ich Bestellungen, von denen
ich im Anfang nur einen kleinen Theil ausfhren konnte, mit jeder Woche
mehrte sich aber meine Einnahme, mit jeder Woche konnte ich grere
Mengen liefern, und war zuletzt sogar im Stande, mir erst einen, dann
zwei und mehre Arbeiter zu nehmen, dem immer steigenden Bedarf zu
begegnen. Gleich im Anfang, bei der Zusammenstellung einer Mischung,
passirte mir eines Abends das Unglck, da mir die ganze Masse im
Mrser explodirte, und ich fand mich erst am andern Morgen in der
entgegengesetzten Ecke meines Zimmers wieder, da die Nachbarn weiter
keine Notiz von dem Knall und Qualm genommen.

Seit der Zeit befinde ich mich aber ausnehmend wohl; ich _boarde_ in
einem anstndigen Franzsischen Kosthaus und beschftige jetzt elf
Arbeiter, lauter arme deutsche Einwanderer, die ich mir abrichte und gut
bezahle, verdiene dabei ein recht hbsches Geld und beginne sogar schon
an Sparen und Zurcklegen zu denken, drohenden Alters wegen.

Nun das freut mich wahrhaftig recht, recht herzlich von Ihnen zu
hren, sagte Hopfgarten, dem fast die Thrnen in die Augen gekommen
waren, bei der so anspruchslos und wirklich rhrend vorgetragenen
Erzhlung, indem er seinem alten Reisegefhrten die Hand reichte und
derb und freundlich schttelte; es giebt wenig Leute, lieber Mehlmeier,
die so ernst und entschlossen und so brav und rechtschaffen dabei, einem
einmal gesteckten Ziele entgegenstreben, und ich wnschte in der That
recht von Herzen Ihnen irgend einen Dienst erweisen zu knnen, um Ihnen
zu zeigen, wie sehr ich Sie achte und schtze.

Ich danke Ihnen recht herzlich, mein guter Herr von Hopfgarten, fr die
freundlichen Worte, sagte Mehlmeier, wirklich gerhrt, Sie thun mir
wohl -- und eine Bitte htt' ich wirklich an Sie, wenn Sie dieselbe
erfllen wollten.

Von Herzen gern -- und was ist es?

Sie kennen den Herrn, der -- der mir damals das Goldstck gab?

Sehr gut -- ich komme jetzt gerade von dort her -- war nmlich in der
Zeit wieder in Deutschland --

Sie waren in Deutschland? frug Mehlmeier, rasch und erstaunt, ja, hm
-- das ist eigentlich gar nichts so Wunderbares, denn man fhrt jetzt
rasch genug herber und hinber, aber -- es ist doch ein eigenes,
sonderbares Gefhl, wenn man so von Deutschland sprechen hrt, fortwhrend
Schiffe sieht, die hinber gehn und von dorther kommen, und -- so gern
man hinber _mchte_, und auch _knnte_, was eben die Passage betrifft,
doch auf der weiten Gottes Welt da drben, wo man doch eigentlich zu
Hause ist, Nichts weiter zu thun hat; Nichts wieder anfangen knnte, und
nun ganz allein aus dem Grunde hier bleiben mu.

Aber mit was sollte ich Ihnen dienen?

Ja, sagte Mehlmeier rasch, sehn Sie den Herrn -- wie war sein Name
gleich?

Dollinger.

Sehn Sie den Herrn Dollinger wieder?

Hoffentlich bald, jedenfalls schreibe ich ihm in den nchsten Tagen.

Mehlmeier griff in die Tasche, nahm ein Amerikanisches Goldstck heraus
und sagte, es Herrn Hopfgarten hinreichend:

Dann thun Sie mir die groe Liebe, mein bester Herr von Hopfgarten, und
geben Sie ihm das _Goldstck_ nicht allein zurck, sondern sagen dem
Herrn auch _wie_ Sie mich wieder gefunden haben, und da ich das nur
allein als _sein_ Werk betrachten knne, ihm auch ewig dankbar dafr
sein wrde.

Aber mein bester Herr Mehlmeier, rief Hopfgarten, das Goldstck
zurckweisend, Herr Dollinger ist ein reicher, ein _sehr_ reicher Mann,
und ich wei --

Und wenn er ein Millionair wre, sagte Mehlmeier fest und bestimmt,
es ist nicht der wenigen Thaler, es ist der Sache wegen, das Geld hat
mir auf der Seele gebrannt, und Sie erzeigen mir einen unendlich groen
Dienst, wenn Sie es dem rechtmigen Eigenthmer zurckerstatten. Es hat
mir genug gentzt, und da jetzt die _Ursache_ verschwunden ist, der ich
es verdanke -- und Mehlmeier warf einen wehmthigen Blick an seinen
Beinen hinunter -- so darf ich auch mit gutem Gewissen die Wirkung
zurckgeben. Sie thun mir einen _groen_ Gefallen mit der Erfllung
meiner Bitte, mein lieber Herr von Hopfgarten.

Sie sind ein wunderlicher Mensch, sagte der kleine Mann freundlich,
das Goldstck dabei nehmend und einsteckend, ich will es besorgen; aber
Herr Dollinger glaubt sich Ihnen nun einmal zu Dank verpflichtet, und
wird das auf andere Weise wieder gut machen wollen. Jedenfalls mu er
Ihnen die Quittung einsenden, da _ich_ wenigstens das Geld richtig
abgeliefert habe, und ich mchte Sie deshalb um Ihre Adresse bitten.

Das wird nicht nthig sein, sagte Herr Mehlmeier mit einem wehmthigen
Blick.

Nein, nein; es mu Alles seine Ordnung haben, rief Hopfgarten, also
Ihre Adresse?

Erlaube ich mir denn hier auf einem Exemplar meines Fabrikats zu
berreichen, sagte Mehlmeier mit einer etwas linkischen und verlegnen
Verbeugung Hopfgarten ein kleines elegantes Etui mit Streichhlzchen,
auf denen seine genaue Firma angegeben stand, bergebend, das sind
meine Visitenkarten, setzte er lchelnd hinzu.

Vortreffliche Visitenkarten, lachte Hopfgarten, sie betrachtend
und einsteckend; aber apropos, mein lieber Herr Mehlmeier, Sie als
wandernder Adrekalender sind vielleicht im Stande mir wieder eine
Auskunft zu geben. Knnen Sie mir vielleicht sagen, wo ich einen
gewissen Ledermann, einen Juristen, hier in der Stadt finde?

Ledermann? -- Ledermann? -- nein, der Name ist mir gnzlich unbekannt,
sagte Mehlmeier, sehr bestimmt mit dem Kopf nickend; Hopfgarten kannte
aber seine schwache Seite mit den verkehrten Gesticulationen, und wute
was er meinte.

Er arbeitete frher in dem Bureau des Mr. Mac Culloch, des Staatsanwalts,
setzte er dann hinzu, der ist aber in diesem Augenblick verreist und
sein Bureau geschlossen, und von den Hausleuten wollte ihn Niemand
kennen.

Ledermann? sagte Mehlmeier, die Hnde am Kinn, in tiefem Nachdenken.

Eine lange hagere Gestalt, half Hopfgarten seinem Gedchtni nach,
ein dnnes, mageres Gesicht und blonde Haare.

Hm, ich kenne einen Herrn _Fort_mann, der etwa auf diese Beschreibung
pate.

Donnerwetter, _Fort_mann! rief Hopfgarten, sich vor den Kopf schlagend,
jetzt hab' ich die Namen verwechselt -- Fortmann heit er ja auch
-- Mehlmeier, Sie sind ein kapitaler Mann -- _wo_ find' ich den?

Ja, wo Sie den _jetzt_ finden, wenn er nicht in seinem Bureau ist,
wei ich allerdings auch nicht -- er mte denn sonst vielleicht beim
Kapellmeister sein.

Was fr ein Kapellmeister? -- wo wohnt der?

Kapellmeister Eltrich, gar nicht weit von hier.

Eltrich? -- _unser_ Eltrich von der Haidschnucke? -- ich glaubte, der
sei ein Arbeiter an einem Dampf- oder Flatboot geworden.

Allerdings, im Anfang, weil ihm seine smmtlichen Sachen, selbst seine
Violine gestohlen worden; nachher aber hat er sich ganz tchtig wieder
herausgearbeitet, und jetzt eine brillante Anstellung an der hiesigen
franzsischen Oper erhalten.

Und dort ist Ledermann zuweilen?

Herr Fortmann? ja, aber wir gehn hier nur diese Strae hinunter, und
ich kann Ihnen dann das Haus zeigen.

Kommen Sie nicht mit hinauf?

Es ist meine Arbeitszeit jetzt, mein bester Herr von Hopfgarten, sagte
Mehlmeier, und ich habe mich berdie schon zu lange von meinen Leuten
entfernt -- jedenfalls hoffe ich Sie noch zu sehn ehe Sie New-Orleans
verlassen. Denken Sie sich lange hier aufzuhalten?

Einige Tage -- doch noch eins, mein lieber Mehlmeier, so viele Menschen
sind Ihnen hier vorgekommen -- wissen Sie vielleicht zufllig, wo sich
-- Herr Henkel jetzt aufhlt?

Nein, das ist merkwrdig, _den_ Herrn habe ich auch mit keinem Auge
wieder gesehn, seit wir gelandet sind. Im Anfang ging einmal ein dumpfes
Gercht, da doch nicht Alles mit ihm so in Ordnung -- nicht eben Alles
Gold sei, aber ich wei nicht, ich habe weiter Nichts darber gehrt und
-- wenn ich aufrichtig sein soll, mich nicht weiter darum bekmmert.
Sehn Sie dort? das ist die Wohnung Eltrichs -- das kleine freundliche
weie Huschen, mit den grnen Jalousieen, und dorthinein wohne _ich_.
Also mein lieber Herr von Hopfgarten, ich habe die Ehre mich Ihnen auf
das Freundlichste zu empfehlen.

Hopfgarten nahm herzlichen Abschied von ihm; der Mann hatte etwas rhrend
Hartnckiges in seinem ganzen Wesen, mit dem er dem Unglck die Spitze
geboten und sich, allen bsen Neigungen wacker dabei begegnend, an die
Oberflche gearbeitet.

Noch stand er in der Strae, unfern von Eltrichs Wohnung, und sah
dem rasch und geschftig davongehenden Manne nach, als ein, in einen
abgetragenen blauen Frack geknpftes Individuum an ihm vorberging,
ihn scharf fixirte, und sich rasch gegen ihn wendend die rechte Hand
-- unter dem linken Arm trug er ein Cigarrenkistchen -- nach ihm
ausstreckte und rief. Sieh da, sieh da Thimoteus, die Kraniche des
Ibikus -- Herr von Hopfgarten; eine hchst angenehme Erscheinung beim
Zeus, in diesem verdammten hausbackenen Land.

Herr Steinert? rief Hopfgarten erstaunt aus, ich htte Sie fast nicht
wieder erkannt -- wie geht es Ihnen?

Steinert zuckte die Achseln.

  Durch Unglck mehr als durch Versehn,
   Verlor Alcest im Handel sein Vermgen

-- verwnschte Geschichte das hier, man darf seinem eigenen Bruder nicht
trauen, wenn man wirklich einen hier hat. Ich habe bittere Erfahrungen
gemacht, Herr von Hopfgarten -- bittere Erfahrungen und -- wenn weiter
Nichts -- Menschenkenntni gesammelt, wie wohl kaum Einer vor mir. Ich
sage Ihnen, ich knnte eine Geographie des menschlichen Herzens, der
menschlichen Schwachheiten, Laster und Leidenschaften herausgeben.

Hopfgarten hatte sich indessen, so genau das geschehn konnte, ohne den
Mann durch ein zu scharfes Anschauen zu krnken, die vor ihm stehende
Gestalt betrachtet, und das Resultat fiel gerade nicht zu Steinerts
Vortheil aus. Sein Anzug, einst jedenfalls modern, war abgerissen, und
noch schlimmer, war schmutzig; eben so seine Wsche. Nur den ueren
Staat hatte er noch beibehalten; der groe Siegelring sa auf einer
ungewaschenen Hand, und neben den Uhrberloquen zeigte das Tuch hliche
farbige Flecke. Sein Gesicht sah dabei verwildert aus; die Augen lagen
ihm tief und durchschwrmte Nchte, wenn nicht Mangel kndend, in den
Hhlen, und flogen unruhig, ungeduldig, ohne auf irgend einem Punkte zu
haften, umher.

Und womit beschftigen Sie sich jetzt, sagte Hopfgarten endlich, dem
es unheimlich in der Nhe des Mannes wurde, haben Sie irgend eine
Anstellung? irgend ein -- ein --

Ein freies Leben fhren wir, unterbrach ihn aber Steinert, den rechten
Arm mit einer etwas theatralischen Bewegung zum Himmel hebend. Ich
konnte mich erstlich nie dazu verstehen, zu irgend Jemand in ein
dienstliches Verhltni zu treten -- der Gott, der Eisen wachsen
lie, der wollte keine Knechte -- und dann bin ich wohl ein halb Jahr
vergebens herumgelaufen, setzte er, wieder in eine natrlichere
Stellung zurckfallend, hinzu, ohne irgend einen passenden Platz fr
mich auftreiben zu knnen. Fr jetzt habe ich brigens eine famose
Quelle chter Havanna-Cigarren entdeckt, und er nahm bei den Worten
das Kstchen rasch unter seinem linken Arme vor, die ich Ihnen mit
gutem Gewissen empfehlen kann, mein bester Herr von Hopfgarten. Famose
Cigarren, sage ich Ihnen, und zu einem Preis, setzte er leise flsternd,
und mit einem scheuen Blick umher, hinzu, indem er das Kstchen sehr
aufmerksam und ngstlich ffnete, wie sie kein Mensch auf der Welt
liefern _knnte_, wenn sie eben nicht -- _geschmuggelt_ wren.

Sie wissen ja, bester Herr Steinert, da ich gar nicht rauche, sagte
Hopfgarten freundlich, ich bin auch wirklich in diesem Augenblick so
mit meiner Zeit --

Sie rauchen gar nicht? sagte Steinert etwas bestrzt, aber Sie haben
doch gewi Jemand, den Sie mit einem halben Tausend Regalias glcklich
machen wrden.

In der That Niemanden hier, mein bester Herr; es ist auch schon spt
geworden heute, und ich bin eben erst wieder angekommen.

Ich sehe, Sie sind in Eile, sagte der frhere Weinreisende rasch,
indem er das schon halb geleerte Kstchen -- was in Hopfgarten den
Verdacht aufsteigen lie, da er die Regalias auch im Einzelnen verwerthe
-- wieder an seinen frheren Platz zurckschob. Ich will Sie nicht
lnger aufhalten, aber -- ich drfte Sie wohl um eine Geflligkeit
bitten. Wir sind hier gerade in der Nhe und ich habe vergessen mein
Portemonnaie zu mir zu stecken -- bin jedoch einem Freund von mir da
drben fnf Dollar schuldig. _Wren_ Sie wohl so freundlich, mir diese
kleine Summe auf ein paar Stunden zu leihen?

Mit dem grten Vergngen, sagte Hopfgarten verlegen, und
unwillkrlich zugleich in seiner angeborenen Gutmthigkeit in die
Westentasche fahrend, ich wei nur nicht --

Philemon, der bei groen Schtzen ein edelmthig Herz besa, recitirte
Steinert.

Wenn Ihnen fr den Augenblick mit dieser Dollarnote gedient wre.

Sie sind sehr freundlich -- aber Sie erlauben mir, da ich es mir
gleich notire; ich habe so vielerlei im Kopf, und morgen zahle ich es
Ihnen jedenfalls zurck. Welches Hotel?

St. Charles --

Ah, desto besser; dort dinire ich auch gewhnlich -- Herr von
Hopfgarten Haben 1 Dollar.

Er hatte dabei eine rothe, ziemlich umfangreiche Brieftasche vorgenommen,
die Cigarrenkiste auf das linke emporgezogene und ziemlich geschickt
balancirte Knie gelegt, und notirte sich den Fall auf ein weies Blatt.

Mein guter Herr Steinert, ich habe indessen das Vergngen Ihnen einen
angenehmen Abend zu wnschen.

Ah, guten Abend, lieber Hopfgarten, guten Abend, rief Steinert, ihm,
immer noch in der vorigen Stellung, mit dem Bleistift freundlich
zuwinkend.

Hopfgarten benutzte die Gelegenheit, Eltrichs Haus zu erreichen, und
stieg die wenigen Stufen vor der Hausthr, an deren Klingel er zog,
rasch hinan.

Ein wunderhbsches, nur etwas krnklich aussehendes, beinah weies
Mdchen, aber doch mit dem eigenen dunkeln Teint und fast blauschwarzen
Haar dieser Race, das die Quadroonin verrieth, ffnete ihm die Thr,
frug den Erstaunten in deutscher Sprache was er wnsche, und fhrte
ihn dann in das untere Zimmer, wo Hopfgarten zu seiner nicht geringen
Genugthuung -- denn Mehlmeier hatte ganz recht gehabt -- Herrn Ledermann
#alias# Fortmann, am Kaffeetisch bei Eltrichs traf, und von den dreien
auf das Herzlichste begrt wurde. Eltrichs kleine reizende Frau war
besonders glcklich den alten Reisegefhrten, der sich schon an Bord von
allen Cajtspassagieren immer am freundlichsten gegen sie benommen, bei
sich zu sehn und bewirthen zu knnen, und verschwand gleich aus dem
Zimmer, aufzutragen, was nur, trotz Hopfgartens Protestiren, Kche und
Keller vermochte.

Nach den ersten Begrungen aber lag Hopfgarten viel zu sehr daran zu
erfahren was er von Ledermann hinsichtlich seiner Nachsprungen nach
jenem Soldegg hren sollte. Eltrich wute berdie von der Sache, ber
die Ledermann schon oft mit ihm gesprochen, und Hopfgarten erfuhr jetzt
da von Soldegg selber allerdings nicht das Mindeste wieder gesehen
wre, seit Herr von Hopfgarten die letzten Nachrichten von ihm mit
aus Milwaukie gebracht, da aber ein Compagnon von ihm, jener Goodly,
unter einem falschen Namen in New-Orleans ertappt sei, und einen
Schlupfwinkel gestohlener Gter verrathen habe, in dem man auch einen
nicht unbetrchtlichen Theil von Herrn Dollingers Waaren gefunden htte.
Nach allen verschiedenen Staaten, selbst nach Canada hinauf, war inde
geschrieben worden, des Burschen habhaft zu werden, doch umsonst;
entweder war er untergegangen, oder lebte irgendwo, unter einem falschen
Namen, von seinem Raube, wo es freilich dem Zufall berlassen bleiben
mute, ihn einmal auszuspren und zu Tag zu bringen.

Herr _Fort_mann, der brigens Eltrich gegenber sein Incognito nicht
beibehalten konnte, da Beide schon in Heilingen befreundet, wenigstens
bekannt gewesen waren, wnschte, wie sich wohl denken lt, ebenfalls
etwas Neues von dort zu hren, das ihm Hopfgarten denn auch nicht
vorenthielt. Whrend Frau Eltrich nun dem Gast, der endlich eingestehn
mute, da er in aller Eile heute auf Amerikanischem Boden noch nicht
einmal zu Mittag gegessen, ein kleines Mahl mit Claret und Eis
herrichtete und ihn selber dabei, trotz allen Einwendungen, bediente,
mute er erzhlen, wie er es in Heilingen gefunden, wie es dort aussah,
was die Leute dort trieben und -- wie es vor allen Andern der Frau
Aktuar Ledermann ging, fr die sich Frau Eltrich ganz speciell
interessirte.

Hm, ja, sagte Hopfgarten lchelnd, und emsig dabei beschftigt ein
kaltes gebratenes Huhn zu zertheilen, gut -- sehr gut -- hat ihre
Trauer -- die Huhn ist wirklich delikat -- hat ihre Trauer abgelegt und
wohnt jetzt bei ihrem Bruder.

Existirt der Lump auch noch? frug Ledermann.

Wollte wieder ein Geschft erffnen, fuhr Hopfgarten langsam fort,
scheint aber doch nicht, nach den beiden vorher erfolgten Fllen, das
nthige Vertrauen gefunden zu haben, und hat sich, auf dringendes
Anrathen des Herrn J. G. Weigel entschlossen, mit seiner Schwester --

Den Teufel auch! rief Ledermann von seinem Stuhl aufspringend, und in
jher Angst den Schlu des Satzes errathend.

Mit seiner Schwester, fuhr Hopfgarten ruhig fort, nach Amerika
auszuwandern.

Was fr ein rhrendes Wiederfinden das werden wrde, Herr Ledermann,
lachte diesen Frau Eltrich schelmisch an.

Man soll den Teufel nicht an die Wand malen, rief aber der Aktuar
wirklich bestrzt -- tollere Sachen sind schon vorgefallen, und _mir_
bliebe nachher Nichts brig, als mir eine Kugel vor den Kopf zu schieen.
-- Aber -- nicht wahr, lieber Herr von Hopfgarten, Sie machen nur Spa?
das ist Ihr Ernst nicht. -- Meine Frau, ich meine die verwittwete Frau
Aktuar Ledermann, denkt nicht daran nach Amerika zu kommen?

Ich gebe Ihnen meinen Ehrenwort, da die Sache schon so gut wie
abgemacht war; das Ziel aber, soviel wie ich davon erfahren konnte, lag
nach den nrdlichen Staaten, New-York oder Baltimore, wo Sie denn hier
allerdings nicht viel zu befrchten htten; ich habe mich, wie Sie
sehen, genau nach Allem erkundigt.

Der Henker traue, rief Ledermann, unruhig im Zimmer auf- und abgehend,
wenn die Frau erst einmal nicht mehr durch das ganze Weltmeer von mir
getrennt ist, findet sie mich auch wieder heraus, und wenn sie nur erst
einmal eine Ahnung davon bekmmt, da ich noch lebe, bin ich verloren.

Eltrich und Hopfgarten lachten ber die Angst des armen Teufels, der eine,
vielleicht noch jahrelang entfernte Gefahr schon jetzt heraufbeschwor,
sich selber zu qulen; Ledermann konnte aber den Gedanken nicht los
werden, und Hopfgarten ihn endlich nur dadurch beruhigen, da er ihm
versicherte, der Schiffsakkord fr seine Frau wre erst fr das nchste
Jahr abgeschlossen, bis wohin noch mancher Tropfen Wasser den Berg
hinunter fliee. brigens schien kein Mensch in ganz Heilingen, seiner
Betheuerung nach, eine Ahnung zu haben, da der Aktuar _nicht_ ertrunken,
sondern nach Amerika geflchtet sei. Der Krper war allerdings, trotz
hartnckigem Suchen, _nicht_ gefunden worden, aber das _Spielen vor_her,
und die kalte, ruhige, sehr gut geheuchelte Verzweiflung _nach_her,
schienen bei den in solcher Art auch eben nicht mistrauischen Heilingern
keinen Zweifel mehr brig gelassen zu haben. #Dr.# Hayde besonders
hatte die Gelegenheit gleich wahrgenommen, einen langen, allerdings
etwas schlecht stylisirten Artikel im Tageblatt zu schreiben, worin
er nachwie, da der Selbstmord nur eigentlich, trotz einzelner
Ausnahme-Fllen, ein durchaus _brgerliches_ Laster sei, (und spter
dafr von seiner Regierung den gelben Sperlings-Orden fnfter Klasse
erhielt;) die Sache war dadurch, wenn auch eben nicht bewiesen, doch
auer allen Zweifel gesetzt. Es dachte sich in der That Niemand die
Mglichkeit eines anderen Falles, und Therese Ledermann selber, wenn
ihr ja einmal ein solcher Gedanke dunkel und unbestimmt vor der Seele
aufgestiegen sein sollte, verwarf ihn eben so rasch wieder. Wo htte
Ledermann den Muth herbekommen, sich ihrem Regiment auf eine solche
Weise zu entziehn.

Herrn Hopfgarten lag aber auch jetzt daran zu erfahren, wie Eltrich, von
dem er doch durch Maulbeere gehrt, da er an einem Boote als Handlanger
arbeite, sich so rasch und glnzend heraufgeschwungen habe, und dieser,
seine kleine Frau dabei rasch zu sich nieder auf seinen Stuhl ziehend,
gab ihm gern Bescheid.

Vor allen Dingen erzhlt er ihm seine erste Landung, wie sie, durch das
viele Neue verwirrt, den Karren aus den Augen gelassen htten, auf dem,
von einen Neger gezogen, ihre smmtlichen Sachen, selbst sein Instrument,
gelegen. Der diebische Schwarze war damit durchgegangen, und nie wieder,
trotz allen Nachforschungen, aufzufinden gewesen. In der ungeheueren
Stadt, wo noch dazu weder ber Kommende noch Gehende auch nur die
geringste ernstliche Controlle gefhrt wird, htte nur der Zufall sie
auf die Spur des Diebes bringen knnen.

Dort begann eine schwere Zeit, besonders fr seine arme Frau, die, von
allem entblt, mit dem Kinde der dringenden Noth entgegen ging. Noth
aber lehrt nicht allein beten, sondern mehr noch arbeiten, und fest
entschlossen, sich durch Nichts beugen zu lassen, sondern dem Schicksal
fest und trotzig die Stirn zu bieten, lief Eltrich, mit _ganz_ andern
Hoffnungen nach Amerika gekommen, und als andere Schritte fehl schlugen,
in der Stadt herum _Arbeit_ zu suchen; Arbeit wie sie vorkam, hart oder
leicht, nur Brod zu verdienen, fr sich und die Seinen. Nach einiger
Anstrengung gelang ihm das auch -- er wurde zuerst auf einem Flatboot
zum Ausladen der Fracht engagirt, mit einem Dollar den Tag; wie das
beendet war, fand sich Arbeit auf einem anderen, und ihre Existenz war
wenigstens gesichert.

Aber er brauchte mehr als das -- er mute Geld verdienen, wieder eine
Violine, und zwar ein tchtiges Instrument zu kaufen; er mute Geld
verdienen, sich wieder anstndige Tuch-Kleider anzuschaffen, in denen er
Besuche machen konnte, und seine Finger, die ihm spter in seiner Kunst
sein Brod verdienen sollten, ruinirte er indessen mit Fsser rollen und
dem scharfen Tau der Winde. Unermdlich aber, unverdrossen, schaffte
und arbeitete er dabei im gieenden Regen, wie in der brennenden Sonne,
und sparte jeden Cent, den sie nicht nothwendig zum Leben brauchten,
whrend sich die Frau ebenfalls Mhe gab Geld zu verdienen, und es
endlich mglich machte, erst von der Frau des Hausbesitzers, und dann
durch diese empfohlen, auch von einigen Nachbarn feine Wsche zum
Waschen und Pltten zu bekommen.

Es war dabei eine recht traurige und entmuthigende Zeit fr mich,
erzhlte Eltrich, denn whrend ich meinem nchsten Ziel, mir wieder
ein Instrument und uns beiden anstndige Kleider zu kaufen, wohl
entgegenrckte, sah ich doch um mich her eine Menge Leute meiner Kunst,
die mit ziemlichem Talent und guten Empfehlungsbriefen ausgerstet,
ankamen, eine Weile sich schwimmend ber Wasser hielten, und dann
spurlos verschwanden. Ich wute dabei nicht, ob sie untergegangen, oder
nur von der Strmung mit fortgerissen waren, und mute mir zu meiner
Beschmung gestehn, da ich wahrscheinlich jetzt mit meiner Hnde
Arbeit, als gewhnlicher Tagelhner, _mehr_ verdiente, wie es mir
mglich sein wrde mit meiner Kunst zu erschwingen; nichts destoweniger
lie ich den Muth nicht sinken. Dabei hatten wir Glck; meine Frau gab
unserer Wirthin, die sich berhaupt sehr freundlich gegen uns bewie,
Clavierunterricht, da sie dorthin unseren Knaben mitnehmen konnte. Unser
Schicksal war dabei durch unsere Wirthsleute bekannt geworden, und ich
wurde von dem Eigenthmer unserer Wohnung eines Abends, wo ich gerade
von der Arbeit zu Hause kam, aufgefordert, in einer Gesellschaft, die er
gab, zu spielen. Ein Instrument sollte ich dort vorfinden, und leichte,
anstndige Sommerkleider besa ich schon, Dank unseren Ersparnissen;
aber meine Finger waren steif geworden, und nicht ein einziges Mal hatte
ich die ganze Zeit gebt. Die Sache ging mir, wie Sie wohl denken knnen,
im Kopf herum -- trotzdem nahm ich, mit einer mir selbst jetzt noch
unerklrlichen Keckheit, die Einladung an, und die Sehnsucht, wieder
einmal einen Bogen in der Hand zu fhlen, mochte wohl grtentheils die
Schuld dabei tragen. Dann aber war ich es auch meiner armen kleinen Frau
schuldig, Alles zu thun, was in meinen Krften stand, unsere Lage zu
verbessern, und dadurch geschah vielleicht der erste Schritt.

Die Gesellschaft versammelte sich ziemlich zahlreich, und ich spielte,
zu Adelens Entsetzen, aber aus sehr natrlichen Grnden, spottschlecht.
Nichts destoweniger waren die Leute freundlich genug gegen mich -- sie
wuten ja, da ich den Tag ber Porkfsser gerollt und Maisscke
geschleppt hatte; der Wirth aber berlie mir von da an die Violine
zum ben, bis ich mir selber eine kaufen konnte, und -- veranstaltete
heimlich, aber in meinem Namen, ein Concert. Ich spielte, und es ging
nicht allein vortrefflich, sondern ich kam dadurch auch pltzlich und
eigentlich ganz unerwartet in den Besitz eines Capitals von hundert und
einigen achtzig Dollarn, mit denen ich allerdings jetzt ein neues Leben
beginnen konnte. Am nchsten Tage mute ich freilich noch einmal Fsser
rollen -- ich hatte dem Mann versprochen gehabt zu kommen und hielt auch
Wort; aber es war das letzte Mal, und ich begann eine neue Existenz.
Allerdings stand ich nicht mehr allein und freundlos da, denn die
Amerikaner und Franzosen, mit denen wir bekannt geworden, und die
doch wohl fanden, da wir Beide nicht in die Masse der gewhnlichen
Einwanderer gehrten, nahmen sich unserer auf das Herzlichste an. Ich
sowohl, wie meine Frau, bekamen eine Menge Stunden zu geben, und Madame
Fleurette, unsere freundliche Wirthin, lie es sich nicht nehmen, den
Knaben indessen bei sich zu behalten. Wieder gab ich jetzt mit meiner
Frau zusammen zwei Concerte, und whrend andere, weit grere Knstler
als ich, kaum die Kosten solcher Abende herausgeschlagen, traf ich Zeit
und Umstnde so glcklich, da ich das erste Mal einen berschu von
zwei-, das zweite Mal von dreihundert Dollar hatte. Ich bekam einen Ruf
in New-Orleans, und um kurz zu sein, zuletzt die Stelle am hiesigen
Franzsischen Theater, mit einem recht anstndigen Gehalt, habe dabei
Stunden zu geben, so viel ich geben kann, und befinde mich jetzt mit
meiner kleinen Familie wohl und zufrieden.

Hopfgarten sprach seine innige Freude ber das glckliche Gedeihen in
Eltrichs Verhltnissen aus, und erzhlte jetzt auch wie er die beiden
frheren Freunde, Steinert und Mehlmeier, gefunden habe.

Herr Steinert ist ein Lump, sagte da Eltrich, und Mehlmeier, trotz
einigen Eigenheiten, die er an sich haben mag, ein Ehrenmann. Wie
Mehlmeier im Unglck war, und Steinert noch Leute fand, die ihm borgten,
hat er den armen Teufel nicht einmal mehr angesehn, und sich seiner
Bekanntschaft geschmt; ihn jetzt aber, wo sich Mehlmeier herausgearbeitet
hat, schon drei oder vier Mal angeborgt. Mehlmeier in seiner Gutmthigkeit
lt sich auch beschwatzen, er wird aber doch endlich einmal klug
werden, und aufhren sein Geld in diesen Schmutzbrunnen zu werfen.

Wie der Trunk hier in Amerika die Leute ruiniren kann, sagte Ledermann,
davon habe ich in der kurzen Zeit meines Aufenthalts hier, schon mehre
recht traurige Beispiele gesehn. So traf ich heute Morgen erst wieder
einen alten Bekannten, und frher sehr wohlhabenden Mann aus oder bei
Heilingen, den Wirth des rothen Drachens dort, den ich in brillanten
Verhltnissen in Deutschland zurcklie.

Lobsich? -- hier in New-Orleans? -- was ist mit dem? rief Hopfgarten.

Kennen Sie ihn?

Von Milwaukie her -- das ist ja derselbe Wirth, in dessen Hause ich
verhaftet wurde; aber was treibt er jetzt? hat er sein Gasthaus
aufgegeben?

Seine Frau, die das Ganze zusammengehalten zu haben scheint, ist ihm
gestorben, sagte Ledermann, und der Mann hat dann wahrscheinlich durch
den Trunk -- denn er taumelte selbst hier, als ich ihn sah -- sein
Geschft nach und nach ruinirt.

Hat er Sie gesehn? frug Hopfgarten lchelnd.

Brille und Bart haben mich sehr verndert, erwiederte Ledermann etwas
verlegen; ich kann darin ziemlich sicher sein; dennoch fhle ich mich
nicht wohl hier, und werde mich wahrscheinlich in nchster Zeit weiter
in das Innere zurckziehn; es kommen doch fast zu viel Bekannte
hierher.

Ledermann mute jetzt Herrn von Hopfgarten erzhlen, was er von den
hiesigen Verhltnissen seiner Bekannten wute, und besonders interessirte
ihn dabei Hedwig Loenwerders glckliche Verbindung, die sie in eine
angenehme und unabhngige Stellung gebracht hatte. Er trug auch Briefe
fr Hedwig von Clara, wie die Hinterlassenschaft ihres Bruders bei
sich; ebenso die in den gelesensten deutschen Blttern verffentlichte
Erklrung der Gerichte selber, nach denen der damals angeschuldigte, und
durch unglckliche Umstnde zum Selbstmord getriebene Franz Loenwerder
von jeder Schuld an dem ihm zur Last gelegten Diebstahl freigesprochen,
und sein Name von jedem auf ihm haftenden Makel gereinigt wurde. Herr
Dollinger selber hatte dann noch eine eigene Erklrung erlassen, und
berhaupt Alles gethan, was in seinen Krften stand, wenigstens das
Andenken des armen unglcklichen Menschen von jedem bsen Leumund zu
befreien, und seinen ehrlichen Namen wieder herzustellen. Ein einfacher
Stein auf seinem Grabe erzhlte ebenfalls in kurzen schlichten Worten
seine Leidensgeschichte, und was er unschuldig getragen -- guter Gott,
er war todt, und gedruckte, und in Stein gegrabene Worte konnten das
Unrecht nicht ungeschehen machen, das ein armes, treues Menschenherz in
Gram und Schmerz gebrochen.

Wie froh, aber auch wie schmerzlich mute die arme Hedwig eine solche
Nachricht bewegen, und Adele bat deshalb ihren Mann die junge Frau,
die sie schon auf dem Schiffe lieb gewonnen, und mit der sie auch in
New-Orleans fter zusammengekommen, heute Abend _mit_ dem jungen Hamann
hierherzuholen, und ihr die Briefe hier zu bergeben. Eltrich verstand
sich gern dazu, und er und Hopfgarten beschlossen augenblicklich hinber
nach Fayetteville zu fahren und die jungen Leute gleich mitzubringen.
Ledermann hatte noch einige Geschfte zu besorgen, versprach aber auch
gegen Abend zurckzukommen und diesen in ihrer Gesellschaft zu
verbringen.

Als Hopfgarten mit Eltrich wieder durch das Haus ging, ffnete ihnen das
junge Quadroon-Mdchen die Thr.

Wetter noch einmal, was ist das fr ein liebes freundliches Gesicht,
sagte Hopfgarten, als sie drauen auf der Strae waren, und dem nchsten
Omnibus zugingen, doch mit Negerblut in den Adern.

Es ist das erste gute Werk, das ich in Amerika habe thun knnen,
lchelte Eltrich, eine durch mich befreite Sclavin.

Was? rief Hopfgarten, sich rasch und erstaunt nach ihm umdrehend, das
hab' ich ja gar nicht gewut, da Sie schon Zeit zu Entfhrungen gehabt
-- davon haben Sie mir ja kein Wort erzhlt.

Die Sache hat auch keineswegs einen solchen poetischen Hintergrund
-- ich habe sie, mit Hlfe meines frheren Wirthes, der mir die Hlfte
der Summe vorgestreckt, _gekauft_, und diese zweite Hlfte arbeitet sie
nun selber ab, so da sie, mit den Geschenken, die sie bekommt, denn
alle meine Freunde nehmen Theil an ihr, schon wahrscheinlich in zwei
Jahren, vielleicht noch frher, vollkommen frei und ihre eigene Herrin
sein wird. Ich erzhle Ihnen die Geschichte ein ander Mal, denn hier
ist unser Omnibus, der uns hinber nach Fayetteville nehmen soll.

Sie stiegen in den schon ziemlich gefllten, auf Rdern gestellten
unfrmlichen Kasten, der dazu diente, Passagiere von einem Ende der
Stadt zum andern zu befrdern, und muten eng zusammenrcken, da der
Bursche hinten am Schlag hinein befrderte, was eben Passage bezahlte,
gleichviel wie viel Platz der inwendige Raum bot.

Dicht vor ihnen, auf der gegenber befindlichen Bank, da ihre Kniee
ineinanderpreten, sa ein sehr anstndig gekleideter Mann, der Hopfgarten
ungemein bekannt vorkam. Auch dieser fixirte ihn und Eltrich in der
schon einbrechenden Dmmerung ein paar Augenblicke, und dann dem
letztern die Hand entgegenstreckend sagte er freundlich:

Ich glaube, da wir zum zweiten Male Reisegefhrten sind -- Herr
Eltrich -- Herr von Hopfgarten -- nicht wahr?

Leupold, wahrhaftig! rief Eltrich, rasch und freundlich die
dargebotene Hand nehmend und schttelnd, wir haben uns nicht gesehn
seit wir das Schiff verlassen; wie geht es Ihnen?

Krperlich _recht_ gut, sagte Leupold, doch ein recht wehmthiger Zug
um den Mund strafte ihn Lgen dabei, oder verbarg mehr als er sagen
wollte.

Sie sind hier in New-Orleans etablirt? frug ihn Hopfgarten.

Ja, Herr Baron, und ich mu gestehen, ich habe viel Glck gehabt
-- wie man hier so im gemeinen Leben sagt -- in meiner Familie aber
destomehr Leid.

Ist Ihre Mutter krank geworden? frug Eltrich.

Sie starb vorigen Herbst am gelben Fieber; erwiederte Leupold, auch
ein Knabe, der vor zwei Jahren beide Eltern an der Seuche verloren,
und den ich an Kindesstatt zu mir genommen hatte, nur irgend Jemand zu
haben, den ich lieben konnte, der mich liebte. Sie sind Alle todt, und
ich arbeite jetzt eigentlich fr weiter Nichts, als eben zu essen und zu
trinken.

Doch sonst geht es Ihnen gut? frug Hopfgarten.

Was pecunire Verhltnisse betrifft, allerdings. Wie das gelbe Fieber
diemal nahte, floh Alles, was nur fortkommen konnte. Ich selber hatte
eine stille Hoffnung, da mich Gott ebenfalls abrufen wrde; ohne Zweck
und Ziel sich so allein in der Welt herumzutreiben wird Einem doch zuletzt
verleidet; ich wurde aber nicht einmal krank. Ich war bei, Gott wei wie
vielen Leichen, fertigte Srge so viel ich mit vier bei mir ausharrenden
Gesellen fertigen konnte, und verdiente ungezhltes Geld in der Zeit
-- ich ginge auch gern zurck nach Deutschland, aber -- ich habe den Muth
nicht dazu -- ich werde die nchste gelbe Fieberzeit noch abwarten, und
sehen was da wird.

Sie fhlen sich nicht wohl in Amerika? sagte Hopfgarten mitleidig.

Wie soll man sich da wohl fhlen, wenn man Alles verloren hat, was
Einem noch lieb und theuer auf dieser Welt war, und fr das nur einzig
und allein man arbeitete. Das Amerika ist ein recht guter Platz Geld zu
verdienen, wenn man fleiig ist, aber das ist auch Alles; ja wenn es
mir in Deutschland schlecht gegangen wre. -- Aber ich will Ihnen nicht
die Ohren voll lamentiren -- berhaupt ist hier die Strae, wo ich
aussteigen mu. Es hat mich _herzlich_ gefreut Sie wieder einmal begren
zu knnen!

Er reichte ihnen die Hand, schttelte sie freundlich, und drngte sich
dann durch die ihm mrrisch Raum gebenden Passagiere der Thre zu, den
Omnibus zu verlassen.

Dem armen Mann ist Amerika theuer zu stehn gekommen, sagte Eltrich
traurig, lieber Gott, wenn ich mich in seine Lage setze, kann ich mir
recht gut denken, wie furchtbar es ihm sein mu, jetzt so allein und
verlassen dazustehen. Was hilft ihm das Geld, das er verdient, wenn er
Niemanden hat, der es mit ihm theilt, fr den er spart.

Es ist seine eigene Schuld, sagte aber Hopfgarten achselzuckend,
er hat uns selbst erzhlt, da es ihm in Deutschland nicht schlecht
gegangen wre; weshalb wandert er da aus? -- Das kommt von dem
thrichten Misvergngtsein ohne Grund.

Lieber Gott, es lt sich da doch Manches zur Entschuldigung sagen,
seufzte Eltrich, wir knnten es auch den Trieb sich zu verbessern
nennen, den doch jeder Mensch in der Brust mit herum trgt -- warum ihm
den schlimmsten Namen geben? Thten die daheim, deren _Pflicht_ es wre,
fr das wahre Glck der Vlker zu sorgen, etwas mehr ihren Unterthanen
das Leben daheim ertrglich zu machen, bedchten sie, da das Von Gottes
Gnaden nicht nur auf _ein_ Haupt niedergeht und da ruhen bleibt, als
auf etwas ganz Besonderem -- wie oft nur auf etwas sehr Gewhnlichem
-- sondern niederfllt, wie Thau und Regen auch auf die kleinste
unscheinbarste Wiesenblume. Stke mit einem Wort einer Masse Menschen da
drben nicht der verdammte Dnkel zu fest in der Stirne aus einem ganz
besonders feinen Porcellainteig geknetet und gebrannt zu sein, Tausende
wrden nicht daran denken, die Heimath zu verlassen, sondern in einer
mglich brgerlichen Existenz gern und freudig ausharren. Die Noth
treibt vielleicht nur zwei Dritttheile aller Auswanderer ber das groe
Wasser, der Ekel das andere -- und _das_ gerade thut Deutschland weh
-- unendlich weh, denn _was_ fr wackere Krfte sind ihm dadurch
verloren gegangen.

Ja, die Geheimenrthe wandern nicht aus, lachte Hopfgarten.

Nein, leider Gottes, seufzte Eltrich, _die_ liegen an zweifarbigen
Bndchen fest vor Anker. Der Deutsche theilt sich in seiner Unschuld in
Nhr-, Wehr- und Lehrstand -- da er den _Zehr_stand gar nicht dabei
bercksichtigt. Wie war Ihnen zu Muthe, als Sie jetzt wieder nach
Deutschland zurckkamen?

Wunderbar, lachte der Gefragte, unendlich wunderbar -- ich gebe Ihnen
mein Wort, es kam mir in einem fort so vor, als ob die Leute nur Comdie
spielten -- und sie thun's auch. Wenn man hier aus dem frischen, freien
Leben, das allerdings viele, unendlich viele Mngel und Schwchen hat,
aber dem Menschen doch seine freie, ihm von Gott zugesprochene Entwickelung
garantirt, wieder hinber in das abgetheilte, angeblich _geordnete_
Leben kommt, wo die Menschen wie in Gefachen, mit kleinen darauf
geklebten Zettelchen eingeschachtelt liegen, sieht wie die untersten,
bequemsten Gefache fortwhrend herausgezogen und gebraucht werden,
whrend auf den oberen der dicke ehrwrdige Aktenstaub liegt, und dann
zurckdenkt, wie das Alles gar nicht nthig ist, und wie es noch eine
andere Welt giebt, in der Gottes Creaturen frei und frhlich aufathmen
drfen; wenn man sieht, wie das dort kriecht und scharwenzelt, und auf
Kindereien sein hchstes Ziel setzt, wenn man einen Blick wieder auf
jenen Beamten-Wust wirft, der einem in das Kleinste zergliederten,
auf das peinlich kunstvollste hergestellten und berechneten Rderwerk
gleicht -- einfach einen Stein zu drehn und Brod zu mahlen, dann wundert
man sich wirklich, da die eigentlichen Menschen nicht _Alle_ auswandern
und das ganze kunstvolle Beamtensystem, wie ein von Insekten
skelettirtes Blatt als Satz zurckbleibt.

Und doch wollen Sie wieder nach Deutschland? frug Eltrich.

Es ist ja das Vaterland, sagte Hopfgarten herzlich, der Himmel
ist doch nirgends so blau, die Erde nirgends so grn wie daheim. Sie
mgen mich auslachen, lieber Eltrich, aber wie ich im vorigen Herbst
zurckfuhr, und in der Nordsee die nackten Sanddnen, den Thurm von
Wanger-Ooge wieder sah, hab' ich geweint wie ein Kind -- es giebt doch
nur ein Deutschland.

Ja, leicht knnen sie's nicht todtmachen, rief Eltrich, aber ich
kehre doch nicht dahin zurck.

Verschwren Sie's nicht, rief Hopfgarten; es kommt doch eine Zeit, wo
es uns wieder hinberzieht -- das Grab unserer Vter ist ein heiliger
Platz, wo wir mit beiden Hnden anfassen mssen, wenn wir unser Herz
davon losreien wollen. Mit dem Leben dort, was man die eigentliche Welt
da nennt, mag ich auch Nichts mehr zu thun haben, dafr bin ich schon zu
viel Amerikaner geworden; aber ich ziehe mich auf das Land zurck und
lebe mir und den Meinen. Denken Sie nie an unsern Frhling, wenn die
Lerche an zu wirbeln fngt, wenn die Birken keimen -- werden Sie das je
vergessen knnen?

Ich will's versuchen, sagte Eltrich seufzend, aber hier ist unser
Halteplatz -- dort in der Strae liegt fr jetzt unser Deutsches
Vaterland.

Ein trauriger Ersatz, lchelte Hopfgarten, als der Wagen hielt, und
sie, an ihrem Ziele angekommen, aussteigen muten.




Capitel 7.

Meier, Pelz & Co.


Es war indessen, bis sie die Strae erreichten, in welcher das Deutsche
Vaterland lag, schon vollstndig dunkel geworden, denn der kurzen
Dmmerung in Amerika folgt rasch und fast pltzlich die Nacht. Dicht
vor der Thr des Gasthauses standen drei Leute in leisem, flsternden
Gesprch, und als sich Eltrich im Vorbergehn nach ihnen umsah, glaubte
er bei zweien, auf die gerade das Licht der Gaslaterne fiel, bekannte
Gesichter zu erkennen, wenn er sich auch nicht gleich auf das Wo und
Wann einer Begegnung erinnern konnte. Die Mnner wandten sich aber rasch
von ihnen ab, und gingen langsam in dasselbe Haus, doch nicht in das
Schenkzimmer, sondern in die kleine Hausthr, die mit der Treppe nach
oben in Verbindung stand.

Natrlich achteten sie nicht weiter darauf, und ffneten gleich nachher
die Glasthr des unteren Schenkraumes, wo sie den jungen Hamann allein,
und mit verschrnkten Armen und finster zusammengezogenen Brauen auf und
abgehend, fanden. Freundlich begrte er Eltrich, mit dessen kleiner
Familie er, wie seine Frau, schon manchmal zusammengekommen waren, und
hrte mit groer Theilnahme, wie jener schndliche Verdacht endlich auch
ffentlich von dem unglcklichen Bruder seiner Frau gewlzt sei, und
diese sich doch nun wieder froh und glcklich fhlen wrde, mit solcher
Sorge vom Herzen.

Die freundliche Einladung Eltrichs, den heutigen Abend mit Hedwig bei
ihnen zuzubringen, mute er aber, wenigstens fr sich selber, ablehnen,
wenn auch die Frau kein Hinderni hatte, und unter Eltrichs Schutz die
Herren gern begleiten wrde.

Ich habe heute einen schlimmen rger und bsen Auftritt im Haus gehabt,
setzte er, sich entschuldigend, hinzu, und meinen Barkeeper, einen
nichtsnutzigen, frechen Gesellen, den ich, wie ich fast frchte, auf
verbotenen Wegen ertappte, zum Teufel jagen mssen.

Ihren Jimmy? rief Eltrich -- Gott sei Dank, da der Bursche fort ist;
wenn irgend Jemand auf der Welt, so hatte der eine bse, galgenwrdige
Physiognomie, und ich bin fest berzeugt, er strafte die auch nicht
Lgen.

Was ich heute von ihm gesehn habe, meinte Hamann, widersprche dem
wenigstens nicht, denn ich fand ihn ber Tisch in dem Zimmer einiger
meiner Boarder, die, wie vermuthet wird, viel Geld bei sich haben, bei
einer sehr verdchtigen Untersuchung des einen Koffers, fr dessen sehr
hbsche Arbeit er sich angeblich interessirte. Ich bin brigens froh,
den Burschen, den ich sonst noch htte einen vollen Monat behalten und
fttern mssen, auf solche Art so rasch losgeworden zu sein, nur mu ich
jetzt, bis ich mich morgen nach einer passenden Persnlichkeit dafr
umsehen kann, selber die Stelle verwalten. Sie thun mir brigens einen
Gefallen, setzte er dann hinzu, wenn Sie selber zu meiner Frau hinauf
gingen und es ihr sagten; Sie werden sie jetzt warscheinlich in meines
Vaters Zimmer finden. Sie, Herr Eltrich, kennen ja den Weg. Meine Gste
sind drin beim Abendbrod, und ich mu indessen hier in der Bar bleiben;
hab' ich aber heut Abend zugeschlossen, was heute frher als gewhnlich
geschehen wird, komme ich noch selber zu Ihnen hinaus und hole Hedwig in
meinem kleinen Wagen ab.

Die Herren waren eben im Begriff, der Bitte Folge zu leisten, als die
Thr aufging und ein junger Mann hereinkam, Hopfgarten und Eltrich aber
kaum erblickte, als er auch schon mit einem lauten, etwas exaltirten
Freudenruf auf sie zusprang, ihre Hnde ergriff, und wie es schien, sich
alle Gewalt anthun mute, ihnen nicht auch um den Hals zu fallen.

Ach Herr von Hopfgarten -- ach Herr Kapellmeister -- welch glckliches
Zusammentreffen -- nein, ich kann Ihnen gar nicht sagen, _wie_ froh
ich bin, Sie endlich einmal wieder zu sehn. Wie geht es Ihnen? -- was
machen, was treiben Sie -- Herr Hamann, darauf mssen wir ein's trinken,
bitte meine Herren, was nehmen Sie -- ich habe ja berhaupt hier noch
eine kleine Kreide stehn --

Herr Theobald! rief Hopfgarten erstaunt aus, den Dichter dabei mit
einem flchtigen Blick, eben nicht zu dessen Gunsten, von oben bis unten
messend -- wie kommen Sie wieder nach New-Orleans?

Ich? -- lieber Gott, wo kommt man nicht in diesem verwnschten Lande
hin! rief Theobald mit einer gewissen Wehmuth aus --

  Treibt auf wildbewegtem Meere
   Auch mein schwank-gebrecher Nachen,
   Drut mir auch der Wogen Schwere,
   Soll's mich doch nicht muthlos machen --

wo kommt man hier _nicht_ hin? -- sag' ich noch einmal -- Sie kennen ja
die alte Geschichte, bester Baron, willst Du in meinem Himmel mit mir
leben -- # la bonheur#, aber auf Erden sind alle Kmmerchen vermiethet
-- Nichts wie Prosa, Nichts wie gemeine, hausbackene Wirklichkeit, in
der das dumme Volk auch nicht einmal eine Ahnung hat, da ein hher
begabter Mensch auch noch mit etwas Anderem _arbeiten_ knnte, als mit
Spitzhacke und Schaufel. _Arbeiten_ schreien sie -- _arbeiten_, immer
nur arbeiten, und was der Geist dabei thut, rechnen sie nicht, das nennen
sie faullenzen. Aber zum Henker mit der Bande, wenn's uns hier nicht
lnger gefllt, Herr von Hopfgarten, dann gehn wir nach Amerika! und
jetzt wollen wir trinken, Herr Hamann hat uns schon die Glser
aufgestellt -- bitte, was nehmen Sie?

Ich danke wirklich herzlich, sagte Hopfgarten ablehnend -- Theobald
sah ihm gar nicht danach aus, als ob er so viele Sechs-Cent-Stcke
wegzuwerfen htte, fr Andere zu bezahlen, und zugleich lie sein
ganzes, auergewhnlich aufgeregtes Wesen auch noch berdie darauf
schlieen, da er schon selber eigentlich mehr wie seine tgliche
Quantitt getrunken habe -- bitte, erzhlen Sie mir lieber, wie es
Lobensteins geht, was sie thun und treiben und wie der Professor mit
seinen Arbeiten vorwrts rckt.

Bah -- _so_ viel fr den Professor, rief Theobald mit einer wegwerfenden
Bewegung -- ein Schwachkopf, der sich einbildet, von Landwirthschaft
und Poesie gleich viel zu verstehn, und wirklich gleich viel davon
versteht. Er ist ruinirt, und Eduard, der groe Nimrod, hat sich auf der
Jagd todtgeschossen --

Heiland der Welt, rief Hopfgarten entsetzt aus, das ist ja furchtbar,
und Sie erzhlen das hier, als ob Sie die Leute nicht das Mindeste
angingen.

Thun Sie auch nicht, sagte Theobald ruhig -- wenn Jemand
Verbindlichkeiten gegen den Anderen hat, so ist es der Professor gegen
_mich_; ich habe ihm meine Krfte nicht allein, ich habe ihm auch meinen
Geist geliehen; aber die Rathschlge, die ich ihm gab, konnten ihn nur
noch eine Zeit lang ber Wasser halten -- sein eignes Gewicht zog ihn in
die Tiefe.

Und was ist aus ihnen geworden? frug Hopfgarten.

Oh sie sind fr jetzt wohl noch, so viel ich wei, in Indiana, sagte
Theobald, der Professor wird jedoch jedenfalls gezwungen sein, seine
Farm zu verkaufen, weil er Schulden hat, die er nicht tilgen kann. Aber
kommen Sie, meine Herren, kommen Sie, der Brandy wird kalt.

Auch Eltrich suchte sich von der Einladung loszumachen, Theobald
drang aber auf das Ungestmste in sie, und da es in Amerika fr eine
Beleidigung gilt, mit Jemand, von dem man eingeladen wird, nicht zu
trinken, traten die beiden Mnner, um ihn nur loszuwerden, mit ihm an
den Schenktisch.

Die Glser waren gefllt und Hopfgarten wie Eltrich hoben sie mit einem
hflichen Nicken gegen den jungen Mann, der mit einer hochtragischen
Bewegung, den Arm ausstreckend, rief:

Halt! nicht also drfen wir, verehrte Gnner und Freunde, die edle
Gottesgabe unseren Kehlen zusenden. Der Geist verlangt Geist:

   So fliee denn dieser edle Trank,
   Ein perlender Tropfen Himmelsthau,
   Als Weiheopfer, als Gottes Dank,
   Den schnen Augen der schnsten Frau.
   Wie er zittert im Glase, wie funkelndes Blut --
  _Sie_, deren Bild uns im Herzen ruht,
       Lebe hoch!

Lebe hoch! stimmte Eltrich gutmthig mit ein, indem sie ihre Glser
leerten.

Also Sie haben auch ein paar schne Augen? lachte der Kapellmeister,
die Ihnen im Herzen ruhn? sollt' ich sie am Ende kennen? -- an Bord
ging einmal ein unbestimmtes Gercht --

Theobald wandte den Kopf von ihm fort, und streckte den Arm abwehrend
aus:

  Tief begraben hier drinnen da ruhet ihr Bild,
   Da ruht mit dem Bild auch der Namen,
   Ein dsterer Schleier decket das zu --
  _Ich_ bin zu dem Bild nur der Rahmen --

aber apropos -- wandte er sich dann rascher und lebhafter pltzlich an
den Kapellmeister -- ich habe ein paar prchtige Lieder fr Sie zum
Komponiren, lieber Eltrich -- ich wei, da Sie in neuerer Zeit einige
Lieder von Heine und Freiligrath reizend in Musik gesetzt haben, das
sind aber natrlich nur immer gerade zufllig passende Sachen, die Sie
sich in Ermangelung eines Besseren heraussuchen muten. In den meinigen
werden Sie _Deutschen_ Geist in Amerikanischer Hlle finden, etwas
Passendes, Zeitgemes, mit dem Sie, wie ich fest berzeugt bin, Ihre
Hrer entzcken knnen, und ich bin gern erbtig, Ihnen nicht allein
die Wahl zwischen einigen fnfzig vortrefflichen Sonetten zu gestatten,
sondern Ihnen auch das Stck der ausgewhlten mit zwei Dollar zu
berlassen.

Sie sind _sehr_ gtig, lieber Theobald, sagte Eltrich, verlegen, wie
er das Anerbieten abweisen sollte, und doch auch wieder zu gutmthig,
geradezu nein zu sagen. Sie werden mir erlauben, da ich die Sachen
einmal gelegentlich durchsehe, denn in der nchsten Zeit bin ich zu sehr
mit andern Sachen beschftigt, an irgend eine Composition denken zu
knnen --

Oh gewi -- gewi, rief Theobald rasch -- aber -- mit dem Lesen,
wissen Sie, ist es eine unangenehme Sache; ich wei zu gut, wie ungern
Leute Manuscript lesen, und wie verschieden sich auch etwas im Manuscript
und Vortrag ausnimmt. Wie wre es also, wenn Sie mir jetzt ein halbes
Stndchen gnnten, und ich Ihnen die Kleinigkeit -- er holte dabei ein
etwa daumenstarkes, sehr eng beschriebenes Manuscript aus der Tasche
-- einmal hier flchtig vorlse; es wrde --

Lieber Eltrich, drngte Hopfgarten, wir _mssen_ hinaufgehn, es wird
die hchste Zeit, wenn wir Frau Hamann noch heute Abend mit fortnehmen
wollen, und Sie wissen, ich habe _wichtige_ Sachen mit ihr zu besprechen.

Sie haben recht, rief Eltrich -- wir mssen uns wahrhaftig heute
entschuldigen, Herr Theobald -- wenn Sie mir spter das Manuscript
vielleicht einmal anvertrauen wollen, so wrde ich --

Ich werde mir selber das Vergngen machen, es Ihnen in Ihrer eigenen
Wohnung vorzulesen, sagte Theobald rasch entschlossen -- zu welcher
Zeit trifft man Sie am Besten?

Es ist jetzt _sehr_ unbestimmt, sagte Eltrich, den ungeduldigen Winken
Hopfgartens nachgebend und seinen Hut nehmend -- vielleicht einmal
Nachmittags -- also auf Wiedersehn, Herr Theobald --

Auf Wiedersehn, lieber Kapellmeister -- auf Wiedersehn Herr von
Hopfgarten.

Gott sei Dank, da wir den schrecklichen Menschen los sind, sagte
Hopfgarten, als sie durch den dunklen Gang, der im Hause hin zur nach
oben fhrenden Treppe gingen, der wre im Stande gewesen und htte uns
die halbe Nacht seine faden Mondscheinerge vorgelesen. Aber -- alle
Wetter, Eltrich -- hier ist's dunkel -- kennen Sie den Weg?

Ja -- ich bin freilich nur erst einmal Abends hier oben gewesen, und da
dcht' ich, htte eine Laterne auf der Treppe gebrannt; aber kommen Sie
nur -- hier ist das Gelnder -- fassen Sie mich an -- so -- sehn Sie?
-- hier steigen wir hinauf, und nun wei ich auch Bescheid, denn gleich
oben an der Treppe, zwei oder drei Schritt an der rechten Seite, ist die
Vorsaalthr, die zu dem alten Hamann fhrt.

Es soll nicht besonders mit ihm gehn, meinte Hopfgarten.

Ach der ist zh, sagte Eltrich, der kann noch lange leben; sehn Sie,
da sind wir schon -- fallen Sie nicht wieder rckwrts hinunter, es geht
ganz hlich steil ab. Da die Leute hier auch keine Laterne brennen,
man knnte ja Hals und Beine dabei brechen. Hier hab' ich die Klingel!
und den kurzen Griff fassend, zog er daran, da die kleine Glocke
drinnen hell und klar ertnte.

Alles todtenstill -- kein Laut antwortete.

Sie haben es nicht gehrt -- ziehn Sie noch einmal, sagte Hopfgarten.

Eltrich klingelte noch einmal, strker als vorher, und legte dann das
Ohr an die Thr, ob er nicht Schritte hren knne.

Hlfe! tnte da ein wilder, markdurchschneidender Schrei zu ihm herber
-- Hlfe! rief es noch einmal, aber mit schwacher, gedmpfter, doch
nichtsdestoweniger deutlicher Stimme, als ob eine Hand den rufenden Mund
zu schlieen suchte.

Was ist das? rief Eltrich; Hopfgarten hatte den Schrei aber ebenfalls
gehrt, und ohne sich weiter zu besinnen, ohne irgend eine Frage zu
thun, oder ein Wort weiter zu verlieren, fhlte er nach der Thr, und
fhrte im nchsten Augenblick einen so gut gemeinten und krftigen Tritt
gerade nach der, eben nicht bermig dicken Fllung, da er diese
gleich mit dem ersten Sto nach innen trat. Ein zweiter machte die
Bresche passirbar, und sich in wilder Hast, von Eltrich dicht gefolgt,
hindurchdrngend, fand er sich wenige Secunden spter in dem inneren
Raum, den zu durchfliegen und der nchsten Stubenthr, aus der ein
Lichtstrahl drang, zuzuspringen, das Werk weiterer, nur weniger Secunden
war.

       *       *       *       *       *

Es dmmerte, und am Ufer des Flusses gingen, nur die Fronte des einen
#square# haltend, zwei Mnner in eifrigem, aber mit unterdrckter Stimme
gefhrten Gesprch, mit raschen Schritten auf und ab. Allem Anschein
nach erwarteten sie Jemanden, der sich ihnen auch endlich, nach einigem
Herber- und Hinbersuchen, anschlo.

Nun, Jimmy, wie ist's? frug der Eine von ihnen, Meier (der Andere war
sein Reisegefhrte Pelz), den eben Gekommenen -- wird's noch was heute
Abend?

Jetzt oder nie, flsterte Jimmy mit leiser, ngstlicher Stimme, denn
schon heut' Morgen war die Rede davon, da sie den Alten am nchsten Tag
hinberbetten wollten, wo die jungen Leute ihre Zimmer haben, damit er
dort mehr Pflege htte; wenn das geschieht, kann kein Teufel mehr dazu.

Und lohnt's wirklich? frug Meier, noch immer mistrauisch.

_Lohnt's?_wiederholte Jimmy rgerlich -- glaubt Ihr, da _ich_
meinen Hals an so eine Geschichte setzen wrde, _wenn's_ nicht eben
was Auerordentliches wre?

Na, ob _Dein_ Hals das gerade ist, brummte Meier.

Jetzt ist keine Zeit zu Albernheiten, sagte aber Pelz mrrisch, also
Ihr glaubt wirklich, da wir mit dem einen Schlag _genug_ kriegen
knnen, Jimmy.

Ich _glaube_ gar Nichts, rief dieser rasch und eifrig, ich _wei_,
da der Alte in dem einen kleinen, erbrmlichen Holzschrank, den er
nicht gegen einen eisernen vertauscht hat, um sich nicht in den Verdacht
zu bringen, da er wirklich etwas Stehlenswerthes in seiner Wohnung
habe, fr vielleicht hunderttausend Dollar Juwelen, Geld, Papier und
Aktien liegen hat, und mit einem einzigen Faustschlag kann man den
Deckel sprengen.

Und der Alte?

Ist in einer halben Stunde etwa, auf dreiig oder fnf und dreiig
Minuten allein, denn der junge Lmmel mu heute, weil ich nicht da bin,
in der Bar bleiben, und die Frau guckt nach der Kaffeekanne im Ezimmer,
da Niemand eine Tasse zu viel trinkt.

Ich wei nicht -- mir ist nicht recht wohl bei der Geschichte, meinte
Meier -- ja wenn ich selber den Grund und Boden, und die Winkel und
Schliche da kennte, wo man hinausfahren mu, wenn's Noth thut, dann wr'
mir's gerade recht; aber mich so von Jemand Anderem in ein ganz fremdes
Haus, denn in dem Theil sind wir doch noch nicht gewesen, hineinfhren
zu lassen, das hat mir 'was verdammt Unbehagliches. Passirt 'was, so
drckt sich Jimmy sachte ab, und wir Andern sitzen drin.

Aber ich bitt' Euch um Gottes Willen, was soll passiren? rief Jimmy
-- wir brauchen auf der Welt weiter Nichts zu thun, als die Treppe im
Haus hinaufzugehn; in der Tasche hab' ich den Schlssel zur Thr -- die
schlieen wir hinter uns zu, wer dann hinein will, mu klingeln, und die
Thr vom Alten, der in der Zeit mutterseelensallein ist, steht auf.

Wenn's aber weiter Nichts wre, brummte Meier, da httet Du ja auch
die ganze Geschichte allein machen, und den Profit allein in die Tasche
stecken knnen.

Das htt' ich auch, sagte Jimmy, halb verlegen, halb mrrisch, aber
-- es ist mir so ein eignes, wunderliches Gefhl mit dem Alten. Mit
_einer_ Hand knnte man ihn zusammendrcken, und doch -- doch _frcht'_
ich mich vor ihm; sein Blick sieht Einem bis in die Kniekehlen hinunter,
und er schlft -- Ihr mgt mich auslachen, wie Ihr wollt -- mit einem
Auge offen.

Vor dem Sohn frchtest Du Dich nicht? lachte Meier.

Da ihn der gelbe Jack hole, fluchte Jimmy -- ich vergelte ihm die
heutige Behandlung, oder ich will im Leben keinen Brandy wieder trinken;
er soll's noch bereuen, mich auf diese Weise behandelt zu haben. Doch
jetzt kommt, denn wir haben keine Zeit mehr zu verlieren; mit dem
Schlage sieben gehen die Leute zu Tisch, und von da bis halb acht sind
wir sicher; lnger keine Secunde.

Und wenn Jemand, inde wir drinnen sind, an die Thre drauen kommt und
hinein will? frug Meier.

Neben der Stube ist eine Schlafkammer, sagte Jimmy, und aus dieser
fhrt eine stets offen stehende Thr nach dem Gang hinaus, der in den
andern Theil des Hauses luft -- aber es _kommt_ auch Niemand, zum
Donnerwetter noch einmal; und wenn auch, so wr's vielleicht der junge
Tlpel selber, und dazu seid Ihr zwei baumfeste Kerle, die dem wohl
einen Schlag ber den Schdel geben knnen, da er ein paar Secunden
ruhig ist. Erst einmal wieder unten auf der Strae, und in der
Menschenmenge, die dort noch auf- und niederstrmt, ist eine Verfolgung
ganz unmglich. Ja, wenn's nach zehn Uhr Abends wre, da knnte uns eine
einzige Wachtmann-Rassel ein ganzes Viertel Nachtwchter ber den Hals
ziehn.

Meier schien, von Pelz dabei noch heimlich bearbeitet, seine letzten
Bedenklichkeiten endlich, wenn nicht ganz berkommen, doch bei Seite
gestellt zu haben, und die drei Mnner schritten jetzt raschen Ganges,
sich unterwegs das Weitere berlegend, ein Stck noch am Wasser, und
dann die Strae hinauf, die nach dem Deutschen Vaterland zufhrte.

Gerad um sieben kamen sie dort an; durch die mit Flaschen und Karaffen
besetzten Fenster des Barrooms konnten sie von auen ganz deutlich die
kleine Uhr im Innern erkennen, die drei Minuten ber sieben zeigte.
Dennoch zgerten sie einen Augenblick, ganz sicher zu sein, da sie
nicht zu frh kmen, und blieben indessen vor der Thr stehn. Da der
junge Hamann allein in der Bar war, konnten sie von auen ebenfalls
deutlich erkennen; so weit stand die Sache gnstig genug fr sie, und
die Gste waren jedenfalls schon drin bei Tisch.

Zwei Mnner kamen dicht an ihnen vorbei, und gingen auf die Thr des
Schenkzimmers zu; Meier und Pelz drehten sich nach ihnen um, wandten
sich aber auch fast unwillkrlich wieder ab, und schritten dem kleinen
Thorweg zu, der neben dem Schenkzimmer in das Haus fhrte.

Weit Du, wer die Beiden waren? flsterte Meier Pelz zu.

Ja! nickte dieser leise -- ein paar alte Bekannte; das schadet Nichts
-- im Gegentheil, die halten den jungen Laffen da drin um so sicherer an
der Flasche fest, und in zehn Minuten knnen wir wieder unten sein.

Jimmy fhrte sie indessen, ohne weiter ein Wort mit ihnen zu wechseln,
rasch die schmale, hlzerne Treppe hinauf, an der oben ein Licht
brannte; an diesem zndete Pelz, wie schon vorher verabredet, seine
eigene kleine Blendlaterne an, und blie es dann aus, und oben wollten
sie ihren Weg wieder fortsetzen, als sie leichte Schritte auf dem Gange
hrten und einen fremden Lichtschimmer bemerkten, der diesen herunter
und auf dieselbe Thr zukam, in der auch _ihr_ Ziel lag.

Hll und Teufel, flsterte Jimmy leise und ingrimmig vor sich hin
-- das ist die Madame -- was zum Donnerwetter hat denn _die_ heute
Abend bei dem Alten zu suchen? -- Ruhig Leute, wir mssen hier einen
Augenblick warten; sie wird nicht lange bleiben.

Es war Hedwig, die mit dem Licht den schmalen Gang herber kam, nach dem
Kranken zu sehn; sie ffnete mit einem Schlssel, den sie bei sich trug,
die Thr, und sah sich dabei nach der ausgegangenen Lampe an der Treppe
um, unter der die drei Schurken kauerten, betrat jedoch, ohne diese zu
entznden, den Vorsaal, und klinkte die Thr nur einfach hinter sich
in's Schlo.

So, jetzt sitzen wir hier auf der Treppe, brummte Meier finster vor
sich hin, und wenn Jemand heraufkmmt, findet er das ganze Nest.

Das wr' weiter keine _Gefahr_, flsterte Jimmy zurck, wir gingen
nur einfach die Treppe hinunter und kein Teufel wte in der Dunkelheit,
wer's gewesen ist.

Und das Geld? frug Pelz.

Wre dann allerdings zum Henker, fluchte Jimmy zwischen den
zusammengebissenen Zhnen durch, indem er wieder anfing, seine Finger
zu knacken.

Was zum Teufel machst du denn da? rief ihn mit unterdrckter, doch
zorniger Stimme Meier dabei an, willst Du das verdammte Knacken lassen,
das hrt man ja durch's ganze Haus; das fehlte auch noch, da wir Dich
als Sturmglocke dabei htten. brigens seh' ich nicht ein, weshalb wir
zgern, setzte er rasch hinzu, ob die Madame da drin ist oder nicht,
wenn wir's mit weiter Niemand als dem Alten zu thun haben. Wir sind
unserer drei, und mit einer solchen Aussicht vor uns, da _wir_ knftig
von unseren Interessen leben knnen und eben nur zuzulangen brauchen,
sollte uns _das_ wenigstens nicht abhalten.

Nur um Gottes Willen kein Blut vergieen, bat Jimmy, ngstlich werdend
-- Ihr habt mir das schon vorher versprochen, denn _da_mit mchte ich
Nichts zu thun haben.

Unsinn, brummte Meier, wer spricht denn davon? wir verlangen von
denen da drinnen weiter Nichts, als da sie ein paar Minuten das Maul
halten, und dazu knnen wir sie schon bringen, ohne ihnen gleich den
Hals abzuschneiden.

Wenn wir nur noch einen Moment warten, ermahnte Jimmy noch einmal;
sie _mu_ gleich wieder zurckkommen.

Die beiden Mnner erwiederten Nichts darauf, sondern kauerten eine ganze
Weile, dem Rathe folgsam, auf der Treppe, gleich vorsichtig dabei nach
oben wie unten horchend, ob sich kein gefhrliches Gerusch irgendwo
vernehmen lasse. Es blieb todtenstill, denn im Haus war Alles im
Ezimmer versammelt, die Frau kam aber eben so wenig zurck, und Jimmy
selbst fhlte jetzt, da es die hchste Zeit wrde, ihr Vorhaben
auszufhren, wenn sie nicht die gnstige Periode des Abendessens, und
damit Alles versumen wollten. So als Pelz endlich erklrte, wenn Sie
nun nicht an's Werk gingen, wolle _er_ mit der Sache nichts weiter zu
thun haben, da er hier auf der Treppe nervs wrde, stand er langsam
auf, bat die Mnner noch einmal sich jeder Gewaltthtigkeit zu
enthalten, und stieg langsam, von ihnen dicht gefolgt, die wenigen
Stufen noch hinauf.

Ihrem verabredeten Plane nach sollten sie, was sie auch jetzt thaten, so
geruschlos als mglich die Vorsaalthr ffnen und mit dem Schlssel,
den Jimmy bei sich fhrte, wieder hinter sich schlieen, dann ber den
Vorsaal schleichen, wo sie hatten vorsichtig an der Thr des Alten
anklopfen wollen, erst zu sehn ob dieser wache. Da aber das Erscheinen
der Frau diesen Angriffsplan jetzt gendert hatte, glitten sie nur, so
leise sie konnten, ber den kleinen, dunklen, schmalen Vorplatz hin,
wobei ihnen Pelzes Blendlaterne leuchtete, Jimmy ergriff dann die
Thrklinke, und diese rasch und pltzlich ffnend, sprangen alle drei zu
gleicher Zeit, und ehe die im inneren Raum Befindlichen auch wirklich
nur einen Schrei der berraschung ausstoen konnten, auf sie zu. Pelz
warf sich dabei auf den Alten, der neben seinem Bett auf einem groen
Stuhle sa, whrend Meier Hedwig ergriff, sie an der Kehle fate und ihr
mit augenblicklichem Tode drohte, wenn sie auch nur einen Laut von sich
gebe.

Nicht so leichtes Spiel sollte Pelz haben, denn der alte Geizhals, stets
in Furcht bestohlen zu werden, hatte, ohne da selbst Jimmy etwas davon
wute, fortwhrend ein paar geladene Pistolen neben sich auf demselben
Tisch, auf dem seine Arznei stand, mit einem seidenen Tuch bedeckt
liegen, und fast instinktartig nach diesen in demselben Moment
gegriffen, als er die Thre seines Zimmers so pltzlich aufreien sah.
Spannen und Abdrcken war auch wirklich nur das Werk eines einzigen
Augenblicks, und um Pelz wre es, auer dem gefhrlichen Knall des
Gewehres fr die beiden Anderen, jedenfalls geschehen gewesen, htte
die Pistole, die da schon Gott wei wie lange geladen lag, nicht
versagt. Der alte Gauner erschrak aber doch nicht wenig ber die
nahe Todesgefahr, und als Hamann, den Anspringenden mit dem linken
ausgestreckten Arm noch von sich drckend, nach der zweiten Waffe griff,
fhrte er mit einem ingrimmigen Fluch und einer in der Hand verborgenen
Kugel einen so gut gemeinten Schlag nach ihm, da er ihn besinnungslos
zu Boden streckte.

Jimmy indessen sprang, ohne sich weiter um die brigen zu bekmmern,
die er in guten Hnden wute, mit einem Satz nach dem alten hlzernen
Secretair, in dem des Wirthes Schtze lagen. Mit einem Stemmeisen, das
er bei sich fhrte, brach er diesen auch rasch und ohne Mhe auf, und
leerte den Inhalt der Gefache in einen zu dem Zweck mitgenommenen
Leinwandsack.

Hedwig sah das Alles, wie in einer Art wachen Traumes; sie fhlte dabei,
wie die Hand des Mrders, dessen Gesicht sie trotzdem erkannte, auf ihr
lag, und vermochte keinen Laut auszustoen, htte sie der Bube selbst
frei und unberhrt gelassen. Jimmy arbeitete indessen mit einer
fabelhaften Geschftigkeit, und Pelz, der ihm der Sorge um den Alten
enthoben dabei half, schob in die eigenen Taschen, was er hineinbringen
konnte, als pltzlich drauen, scharf und hell, die kleine Klingel an
der Vorsaalthr ertnte.

Wie ein Schlag fuhr der klare durchdringende Laut in aller Glieder
-- die Ruber schreckten, aufhorchend, empor, und selbst Meier lie in
seinem Griff an Hedwig -- nur erst zu wissen, welcher Art die Gefahr
sei, die ihnen drohe, etwas nach. Hedwig aber, der dieser Laut wie neues
Leben durch die Adern scho, warf mit pltzlicher Anstrengung den Arm,
dessen Finger ihre Kehle umspannt hielten, zurck, und stie, unbekmmert
um jede Gefahr, die ihr selber drohen konnte, jenen wilden gellenden
Hlferuf aus.

Bestie! knirrschte Meier zwischen den Zhnen durch, und suchte mit
seiner breiten Hand, der sie sich umsonst erwehrte, ihren Mund zu
decken.

Hlfe! sthnte Hedwig, und drauen brach und prasselte in dem
Augenblick die dnne Thr zusammen.

Herr Du mein Gott! schrie Jimmy, in aller Angst den Leinwandsack
fallen lassend und nach der Kammerthr fahrend. Hier aber mute er an
Meier vorbei, und dieser, der nicht gesonnen war allein in dem fremden
Haus im Stich gelassen zu werden, fate ihn und hielt ihn, whrend Pelz
an den Beiden vorberglitt und in die Kammerthr verschwand, am Kragen
fest. --

Nicht ohne mich, Kamerad. knurrte er dabei, den Weg mut Du mir
wenigstens zeigen, und da _Du_ hier, mein Tubchen, uns nicht indessen
vor der Zeit das ganze Haus ber den Hals schreist, nimm _das_ indessen,
und sie loslassend fhrte er, whrend er sprach, einen gewi gut
gemeinten Schlag mit der Faust nach der Stirn der jungen Frau, der
dieser wahrscheinlich verderblich geworden wre, wenn sie nicht, die
Gefahr sehend, ihren Kopf unter seinen linken Arm geworfen, und sich
fest an ihn angeklammert htte.

Hlfe, Hlfe! schallte dabei ihr gellender Schrei, jetzt um das eigene
Leben ringend und Jimmy, den Moment benutzend, ri sich von Meiers Griff
los, und sprang ebenfalls in die Kammer, whrend dieser inde umsonst
versuchte die Frau von sich abzuschtteln oder in den Schwung seines,
nach ihr schlagenden Arms zu bringen. Hedwig, ihre schwachen Krfte zu
wilder verzweifelter Anstrengung getrieben, hielt ihn fest umklammert,
und Meier, endlich selbst zum uersten gebracht, ri ein Messer aus
seinen Grtel, als die Stubenthr auf- und Hopfgarten in demselben
Moment auch in gnzlicher Verachtung der eben so rasch auf ihn
gerichteten Waffe, gegen den Mrder anflog.

Mit dem linken Arm den nach ihm gefhrten Sto, so gut das im Augenblick
ging, abwehrend, warf er sich mit dem ganzen Gewicht seines Krpers
so voll und gut gewillt gegen ihn, da er den sonst viel strkeren,
jetzt aber auch noch durch die Frau behinderten Mann zum Taumeln
brachte, und Meier fand sich, wenige Secunden spter unter den ihn fest
niederhaltenden Armen Hopfgartens und Eltrichs, die er jedoch Beide mit
seinem Messer verwundet hatte, am Boden liegen, whrend aus dem ganzen
Haus schon die Leute, durch das Geschrei aufmerksam gemacht, herbei und
zur Hlfe strmten.

Hopfgarten, sthnte inde der Ruber, in der Anstrengung seine Arme
wenigstens frei zu bekommen, und mit der Angst jetzt vor der gerechten
Strafe, lassen Sie mich los -- ich -- ich wei, wen Sie suchen -- ich
wei -- ich wei wo er steckt. Henkel ist hier in der Stadt -- aber
-- heut Abend noch oder morgen frh geht er fort von hier -- lassen
Sie mich frei, und ich sage Ihnen, wo Sie ihn finden knnen!

Alle Wetter! rief Hopfgarten berrascht, da knnte man einen Wolf mit
dem andern fangen.

Glauben Sie doch nicht was der Schurke sagt, rief aber Eltrich, der
das warme Blut an seiner Schulter niederrieseln fhlte, der Bursche ist
zum Galgen reif -- Hlfe -- Hlfe hierher.

Der Ruf galt einer neuen, verzweifelten Anstrengung des Rubers, aber
die Hinterthr, die in die Schlafkammer fhrte, und _nicht_ verschlossen
gewesen war, wurde in diesem Augenblick von den herbeistrmenden
Boarders, mit dem jungen Hamann an der Spitze, gesprengt, whrend von
der Strae herauf ebenfalls die Leute herbeisprangen. Wenige Minuten
spter war das Zimmer mit Menschen gefllt, und Hopfgarten und Eltrich,
den Gefangenen der Masse berlassend, konnten jetzt daran denken das
wild umhergestreute und gefhrdete Eigenthum des alten Mannes in
Sicherheit zu bringen. Die indessen ohnmchtig gewordene Frau sahen sie
in dem Schutz ihres Gatten, und den noch immer am Boden ausgestreckten
alten Mann hatten unter der Zeit ein paar Nachbarn aufgehoben und auf
sein Bett getragen.

Unter den Fremden waren brigens auch zwei Constabler mitgekommen,
die sich als solche zu erkennen gaben, und Meier vor allen Dingen in
Gewahrsam nahmen. Andere, die von unten heraufkamen, hatten eine dunkle
Gestalt zum Haus hinauslaufen sehen, und Einige unter dem, nach dem Hof
zufhrenden Kammerfenster eine goldene Uhr gefunden, die der Ruber dort
wahrscheinlich, nach einem verzweifelten, aber glcklich abgelaufenen
Sprung aus dem Fenster, verloren haben mute.

Nur erst als sich Hedwig, unter den zrtlichen Bemhungen ihres Gatten
wieder soweit erholte sprechen zu knnen, erfuhren sie, da drei Mnner:
der Gefangene, ein frherer Reisegefhrte Pelz, und ihr heute
fortgeschickter Barkeeper, die Ruber gewesen seien. Hopfgarten, der
sich indessen mit dem alten Mann beschftigt hatte, fand in diesem
Augenblick die Wunde an seinem Kopfe, und konnte nun keinen Augenblick
mehr zweifeln, da er _todt_ sei.

Die Verwirrung, die jetzt folgte, ist kaum zu beschreiben, Alles schrie
und drngte durcheinander, und Meier, mit auf dem Rcken festgeschnrten
Ellbogen konnte nur wirklich durch die Constabler vor der Wuth der
Brger geschtzt werden, die groe Lust hatten, ihn gleich an Ort und
Stelle, als warnendes Beispiel aus dem Fenster hinauszuhngen.

Jimmy mute brigens, da die wider Erwarten sehr starke Kammerthr
verschlossen gewesen, und erst von den zur Hlfe Eilenden durch
gemeinsames Dagegenwerfen gesprengt war, jedenfalls mit seinem anderen
Kameraden, Pelz, aus dem Fenster in den Hof hinunter entkommen sein,
denn aus der Thr hatte er nicht entziehen knnen. Die Constabler
kannten ihn aber, und versprachen dem jungen Hamann ihr Mglichstes
zu thun, ihm die Flucht aus der Stadt abzuschneiden, und ihn in den
unzhligen Diebeswinkeln, die New-Orleans hat, herauszustbern.

Der Gebundene sollte jetzt abgefhrt werden, und Hopfgarten, die
erhaltene Wunde im Oberarm, durch dessen dickes Fleisch das Messer
gefahren war, gar nicht achtend, suchte ihn dahin zu bringen, ihm
Nheres ber den Aufenthalt Henkels, von dem er behauptet, da er darum
wisse, mitzutheilen.

Geht zum Teufel, knurrte ihn aber der Gefangene an, macht mit mir was
Ihr wollt, Ihr _habt_ mich einmal, doch verlangt dann nicht auch noch
_Geflligkeiten_ von mir. Vorhin war's Zeit; wenn Sie nicht holzkpfig
gewesen wren, wten Sie jetzt was Sie wollen; nun knnt Ihr mir aber
die Zunge aus dem Halse reien, ehe ich eine von Eueren Fragen
beantworte. Hole Euch Alle der Henker.

Der wird Dich zeitig genug bekommen, mein Bursche, sagte der eine
Constabler, ein Deutscher, indem er ihn vor sich her stie. Fort mit
Dir; was aus Dir herauszukriegen ist, werden wir schon kriegen, hab'
keine Furcht; mit solcher Art wissen wir schon umzugehen. Herr Hamann,
Sie werden gut thun sich die Zeugen, die Sie brauchen, zu notiren, da
man sie finden kann; der Coroner mit dem Arzt wird wohl auch nicht lange
auf sich warten lassen. Einer von unseren Leuten mag indessen noch vor
der Hand unten im Haus bleiben, vielleicht ist doch noch etwas von Einem
der andern beiden Burschen aufzufinden. Jedenfalls mssen wir uns genau
berzeugen, wo die Herren heraufgekommen sind, und mit welcher Hlfe,
und ob sie nicht im Haus noch andere Helfershelfer haben.

Der Gefangene wurde jetzt fortgefhrt, der Platz von den Fremden gerumt,
und Hamann, der Hopfgarten und Eltrich bat, ihn nur jetzt nicht zu
verlassen und bei ihm und seiner Frau zu bleiben, machte dann mit dem
rasch herbeigerufenen Arzt, der nachher auch die beiden Freunde zu
verbinden hatte, den freilich vergeblichen Versuch, seinen Vater in's
Leben zurckzurufen. Der Schlag mit der Schlingkugel, die noch in der
Stube auf dem Boden lag, hatte dem alten Mann den Schdel eingeschlagen
und augenblicklichen Tod herbeigefhrt.

Im Hof, wo die beiden anderen Verbrecher aus dem etwa sechzehn Fu hohen
Fenster hinuntergesprungen sein muten, war indessen auch nichts weiter
zu erkennen. Das Fenster stand offen, und lie, mit der unten gefundenen
goldenen Uhr allerdings keinen Zweifel ber die Art der Flucht; obgleich
aber der Hof nicht gepflastert, und der Boden ziemlich weich war, hatten
doch die seit der Zeit darauf herumgeschwrmten Menschen Alles derart
zertreten, da es sich nicht mehr unterscheiden lie wohin sich die
Beiden gewandt. Das Wahrscheinlichste blieb brigens, da sie durch den
schmalen Gang auf die Strae geflohen wren, und eine Verfolgung war
dorthin nicht mehr mglich. Nur um die nchste Ecke, und die Ruber
konnten in dem Menschengedrnge der Strae ihren Weg ruhig und
unbeachtet fortsetzen.

Der junge Hamann hatte indessen seine arme kleine Frau, deren zarte
Glieder der rauhen Behandlung des Buben fast erlegen waren, auf ihr
Zimmer gebracht, und sie dort der Pflege von ein paar im Hause wohnenden
Frauen, die sich freundlich dazu erboten, bergeben, wonach er wieder zu
dem Todtenbette seines Vaters zurckkehrte, und jetzt auch die beiden
Freunde bat, ernstlich nach ihren Wunden zu sehn, da sich dieselben
nicht durch Vernachlssigung verschlimmerten. In der Aufregung aber, in
der noch Beide waren, dachten sie kaum an die Fleischrisse, lieen sich
jedoch von dem Arzt einen Verband darum legen und suchten dann wieder
den Sohn ber den ihn betroffenen Verlust zu trsten.

Der junge Hamann, mit der ersten wilden und aufreizenden Erregung
vorber, sa, in sich zusammengeknickt, in der kleinen Kammer neben dem
Bett, auf dem der Ermordete lag, und starrte mit fest und krampfhaft auf
den Knieen zusammengefalteten Hnden still und schweigend vor sich
nieder.

Lieber Herr Hamann, sagte Hopfgarten, freundlich auf ihn zutretend
und seine Hand ergreifend, geben Sie sich Ihrem Schmerze nicht also hin.
Es ist ein trauriges Geschick was Sie betroffen hat, aber es war Gottes
Wille, ohne den kein Sperling vom Dache fllt. Ich will Sie nicht etwa
trsten, setzte er freundlich und teilnehmend hinzu, Ihr Schmerz mu
sein Recht und seine Zeit haben -- ich wei das gut genug, und gerade
die Zeit allein kann ihn lindern, zuletzt heilen -- aber man mu ihm
auch nicht in dem ersten Moment so ganz die Gewalt ber sich lassen,
denn gerade dann ist er am gefhrlichen, und fllt uns das ohnedie
genug gequlte Herz mit bitterer Angst und Weh zum berlaufen voll.

Mein armer, armer Vater, sthnte Franz, und auf so schmhliche,
schndliche Weise um sein Leben zu kommen, das ihm berdie nur noch in
Spannen zugemessen war. --

Nun hoffentlich entgehen die Buben der gerechten Strafe nicht, sagte
Eltrich; der deutsche Constabler hatte alle Hoffnung Ihren sauberen
Barkeeper wenigstens abzufangen. Er behauptete die Schlupfwinkel genau
zu kennen, die jener frequentirt, und wir haben ihm auf die Seele
gebunden, kein Geld zu sparen, den Schurken aufzufinden, ehe er
vielleicht im Stande wre New-Orleans zu verlassen.

Eine eigen, wunderliches Gerusch schallte in diesem Augenblick durch
das stille Zimmer, und Franz fuhr, wie von einem Blitz getroffen, von
seinem Stuhle auf.

Was haben Sie? -- was ist? frug ihn Hopfgarten erstaunt.

Hrten Sie Nichts? flsterte Franz, mit geffnetem Mund und
ausgerecktem Arm, ein regungsloses Bild der gespanntesten
Aufmerksamkeit.

Hrten? -- _was_? rief Hopfgarten, sich ebenes berall in dem leeren
Raume umschauend.

Es war beinah, als ob Jemand mit den Fingern schnalzte, sagte Eltrich.

Das war Jimmy! schrie aber Franz, wild auffahrend, ich will nicht
selig werden, wenn das nicht das Fingerknacken des Buben war. An die
Thren, Herr von Hopfgarten -- um des Heilands Willen an die Thren
-- der Bube ist hier noch im Zimmer versteckt!

Aber wo? rief dieser, den jungen Mann erstaunt ansehend.

Haben Sie dort in dem Kleiderschrank? -- haben Sie hier unter dem Bette
nachgesehn?

Aber ich bitte Sie um Gottes Willen.

Er ist hier, ich schwre es Ihnen zu, rief aber Franz, ich kenne das
unselige Knacken, durch das sich der Bube jetzt verrathen hat, und das
Licht vom Tisch aufgreifend, hatte er es kaum an die Erde gehalten,
unter das Bett zu leuchten, auf dem der Ermordete lag, als auch die
klgliche Stimme des dort versteckten, und also ertappten Barkeepers
jedem weiteren Zweifel der Mnner ein Ende machte.

Ach mein bester, bester Herr Hamann, flehte dieser mit winselnder,
klglicher Stimme, ich bitte Sie doch um tausend und tausend
Barmherzigkeits Willen, haben Sie Erbarmen mit einem unglcklichen,
verfhrten, zu Grunde gerichteten Menschen -- oh Jesus, oh Jesus, thun
Sie mir Nichts -- ich will ja vorkommen, ich will ja Alles gestehn,
Alles was ich wei -- Alles herausgeben was ich habe -- thun Sie mir
nur Nichts.

Giebt es etwas Erbrmlicheres auf der weiten Welt als _diesen_
Menschen? rief Franz, das Licht auf den Tisch zurckstellend, und mit
zusammengeschlagenen Armen jetzt, wo er seines Opfers gewi war, ein
paar Schritte von dem Bette zurcktretend, dem Elenden Raum zu geben
vorzukommen.

So 'was ist mir aber in meinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen!
rief Hopfgarten erstaunt aus, der Mensch verdiente wahrhaftig allein
seiner Dummheit wegen begnadigt zu werden.

Ach bester Herr, bitten Sie -- bitten Sie fr mich! schrie Jimmy, der
jetzt rasch vorgekrochen war, sich an das Wort klammernd, indem er gegen
Hopfgarten an auf den Knieen fortrutschte, und die Hnde verzweifelnd
rang. Ja ich _bin_ zu dumm, ich bin zu entsetzlich dumm, und habe mich
ja allein verfhren lassen zu dem schlechten, nichtsnutzigen Streich
-- o Gnade, Gnade, Barmherzigkeit.

Hopfgarten, ohne alle Antwort, deutete nur auf die Leiche hin, und
Jimmy, der mit scheuem Blick der Richtung des Armes folgte, sah kaum
die furchtbare Lsung der Bewegung, als er auch mit einem wilden
Aufschrei des Entsetzens, Herr Jesus -- mein Herr Jesus, nach dem Bette
zufliegen wollte; Franz aber fate ihn am Kragen und schleuderte ihn mit
unwiderstehlicher Kraft davon ab.

Zurck von da! zrnte er dem winselnd Niederbrechenden zu, feiger,
erbrmlicher Mrder -- rhre die Leiche nicht an!

Ach Herr Hamann, Herr Hamann, ich bin unschuldig, ich bin unschuldig.
schrie aber Jimmy, ich bin ein Dieb, ein nichtsnutziger, erbrmlicher,
gemeiner Dieb, Herr Hamann, aber kein Mrder -- bei Allem was mir und
Ihnen heilig ist, schwre ich es Ihnen zu, ich bin unschuldig an dem
Blut, ich wei Nichts davon, ja Pelz und Meier haben es mir hoch und
theuer versprechen mssen, kein Blut zu vergieen.

Hopfgarten, der die Zerknirschung des Burschen zu benutzen wnschte,
forderte ihn jetzt auf Alles zu erzhlen von Anfang an, wie es gekommen
und geschehn, und Jimmy, der mit der Leiche vor sich, eine furchtbare
Angst ber sich kommen fhlte, beichtete mit gefalteten Hnden, und nur
von einzelnen Ausrufungen um Erbarmen und Gnade unterbrochen, Alles
was er wute, von dem Augenblick an, wo er sich mit seinen beiden
Helfershelfern besprochen, bis wo sie auf der Treppe Hedwig hatten in
das Zimmer gehn sehn, und in der Besorgni, die Zeit nicht zu versumen,
eingebrochen waren. Was in dem Zimmer selber geschehen sei, davon wollte
er keine Sylbe wissen, und schwur und winselte wieder, bei Allem was er
ber und unter der Erde zu schwren fand -- und er sprach diemal die
Wahrheit -- da er nur Hals ber Kopf gesucht habe Schmuck und Geld, was
in dem Secretair gelegen, in seinen Leinwandsack hineinzupacken. Pelz
und Meier htten es bernommen gehabt, die beiden im Zimmer
befindlichen Personen indessen ruhig zu halten.

Der junge Hamann bat jetzt Herrn Eltrich um die Geflligkeit, den
Constabler heraufzuholen, inde sie Beide den Burschen bewachen wollten;
Jimmy hrte aber kaum das fr ihn furchtbare Wort, als er sich wieder
vor Franz auf die Erde warf, seine Knie umfate und um Gottes Willen
bat, ihn nur die eine Mal den Gerichten nicht zu bergeben; er wolle
so 'was ja in seinem ganzen Leben nicht wieder thun, und Alles
herausgeben, was er schon in seinem Koffer habe, ja fr Herrn Hamann
arbeiten von frh bis spt, um Nichts wie die Kost -- _nur_ keinen
Constabler. Der junge Mann mute sich mit Gewalt von dem Burschen frei
machen, und Eltrich fing schon fast an Mitleid mit ihm zu fhlen, aber
ein Blick auf die Leiche zerstrte das bald wieder, und seinen Hut
aufgreifend, verlie er rasch das Zimmer, den verlangten Constabler
herbeizubringen, der wenige Minuten spter den zitternden, weinenden
Jimmy in Empfang nahm, und mit sich fortfhrte.




Capitel 8.

Die berraschung.


Hopfgarten verbrachte in krperlicher wie geistiger Hinsicht eine
peinliche Nacht. Die Wunde, so wenig gefhrlich sie auch sein mochte,
war doch durch das ganze Fleisch des Oberarmes gedrungen, und schmerzte
ihn sehr, und dabei qulte ihn der Gedanke, den der Gefangene in ihm
wach gerufen, da Henkel oder Soldegg, wie der Schuft nun auch hie,
hier in New-Orleans und zwar im Begriff sein solle wieder abzureisen.
Zwar stellte er sich selber wieder und wieder vor, da jenes Versprechen
des ertappten Rubers eben nur eine wilde leere Ausflucht gewesen sei,
Rettung zu finden vor dem Arm des Gerichts, und da jener Meier so wenig
von Soldeggs Aufenthalt wisse, wie er selber. Und doch auch wieder
hatte eben die _Mglichkeit_ der Sache auch etwas Wahrscheinliches, da
derartiges Gesindel, mochte es nun im gesellschaftlichen Leben stehen
auf welcher Stufe es wolle, wenn einmal im Verbrechen erst so weit
gediehen, auch gegenseitig Kenntni von einander habe, und die
verschiedenen Schlupfwinkel und Wege kenne.

Und wie nun, wenn jener schurkische Soldegg, den zu fassen und
unschdlich zu machen, hauptschlich aber das Band zu lsen, das sein
unglckliches Weib noch an ihn fesselte, er allein zum zweiten Mal nach
Amerika gekommen, jetzt hier fast in Arms Bereich von ihm war, und ihm
vielleicht mit nchstem Morgen wieder hinaus in alle Weite entfloh?
-- wie dann, wenn jener Meier wirklich recht gehabt, und er nun auf den
zahllosen Dampf- und Segelschiffen, Fhren und Booten, die New-Orleans
von Tagesanbruch bis in die spte Nacht verlieen, umsonst umherrannte
den Verbrecher zu finden. Und einmal entschlpft, konnten dann nicht
Jahrelang dazu gehren, bis er wieder zufllig mit ihm zusammentraf?
-- ja war es nicht sogar mglich, da der Bursche, mde der Gefahr, in
den Staaten doch einmal gefangen zu werden, mit seinem Raube hinber
nach Frankreich oder England, oder hinunter nach Texas oder Mexico ging?

Der Kopf wirbelte ihm von all dem Denken und Sinnen, und als er endlich
in einen wilden, unruhigen, fieberhaften Schlummer fiel, qulten ihn
tolle Trume noch mehr, als selbst das wachende Nachdenken es gethan.
Da fand er den Betrger, wohin er trat, und berall ffte ihn die,
ihm unter den Hnden wegschwindende Gestalt; zu Pferd wollte er ihn
verfolgen, und der Sattel rutschte ab -- das Pferd strzte, ri sich
wieder auf und kam in Moorboden, in dem es stecken blieb; schieen
wollte er nach ihm, und sein Gewehr war nicht in Ordnung -- der Pfropfen
ging nicht in den Lauf hinunter, die Zndhtchen glitten ihm durch
die Finger, und als er endlich geladen hatte, versagte das Gewehr; zu
Schiff wollte er ihn verfolgen, und das flchtige Dampfboot brauste und
schnaubte hinter dem kleinen Kahn her, in dem sich der Bube zu retten
suchte, da pltzlich rannten sie auf eine Sandbank; das Dampfboot sa
fest, peitschte vergebens mit seinen Rdern die schumende Fluth und in
weiter Ferne verlor er den Kahn, der den hohnlachenden Verbrecher trug,
aus den Augen -- zu Wagen war er hinter ihm drein und die Strnge
rissen, ein Rad brach, die Pferde strzten -- sie kamen nicht von der
Stelle, und vor sich -- immer dicht vor sich mute er das Hohnlachen des
Buben hren.

In Schwei gebadet, und an allen Gliedern wie zerschlagen, wachte er
endlich mit Tagesgrauen etwa auf, und verlie, wenngleich ihm der linke
Arm arg geschwollen war und sehr weh that, doch augenblicklich sein Lager,
wusch sich und zog sich an und schrieb dann, trotz seiner Aufregung
und seinen krperlichen Schmerzen, einige Zeilen an den Professor
Lobenstein, in denen er ihm seine Rckkunft von Deutschland meldete und
ihn bat, sich, wenn er ihm in _irgend etwas_ dienen knne, ohne Rckhalt
und vertrauungsvoll an ihn zu wenden. Den Brief brigens behielt er noch
in seiner Brieftasche, erst den heutigen Tag und seinen Erfolg
abzuwarten, um seine Adresse sicher angeben zu knnen.

Die Sonne war indessen aufgegangen und er eilte jetzt, nach rasch
eingenommenem Frhstck, an die Dampfbootlandung hinunter, die dort
liegenden Boote zu besuchen und ihre Passagiere zu revidiren. Vergebens
aber kletterte er an Bord aller der Dampfer, deren Schornsteine rauchten,
in Cajte wie Zwischendeck herum, kein bekanntes Gesicht traf er an,
und ob er sich gleich die Mhe nicht verdrieen lie und _smmtliche_
Privat-Cajtenthren, eine nach der anderen, ffnete und hineinsah, fand
er doch nicht den Gesuchten.

Ein Paketschiff nach Liverpool lag zum Auslaufen fertig; er ging an Bord
-- von Soldegg keine Spur, und Ledermann, den er abgeholt, und der den
besonderen Auftrag bekommen hatte, die Fhrboote zu berwachen, schien
eben so erfolglos gesucht zu haben. Meier hatte jedenfalls nur die Lge
rasch ersonnen, seine eigene Haut in Sicherheit zu bringen.

Um elf Uhr sollte nach Verabredung Ledermann, der von dem Staatsanwalt
einen neuen Verhaftsbefehl gegen den Verbrecher bekommen, Hopfgarten
wieder an der Dampfbootladung treffen, das Weitere dort zu berathen, und
dieser scho indessen in fieberhafter Aufregung, mit dem schmerzenden
Arm in der Binde, hin und her an der Landung, nur erst einmal, und immer
vergebens, eine Spur des Gesuchten zu finden.

ber den Strom herber von Algier, dem andern Ufer, kam ein groer
Dampfer herber und legte an der Landung an. Vorn am Boilerdeck trug er
wie gewhnlich ein kleines Schild, das unter dem Namen den Ort seiner
Bestimmung und die Stunde der Abfahrt anzeigte. Es war der:

  _CHIKASAW_
  fr Little Rock.
  Abfahrt _zehn_ Uhr!

Der Chikasaw hatte in Algier Fracht fr Arkansas eingenommen und jetzt
an der New-Orleans-Landung noch einmal angelegt, etwaige Passagiere fr
Arkansas, oder die dazwischenliegenden Pltze, die schon durch die
Zeitungen darauf aufmerksam gemacht waren, an Bord zu nehmen. Die Glocke
lutete dabei, rasche Abfahrt kndend, und der Rauch wirbelte dick und
schwarz in die reine klare Luft hinauf.

_Nach Little Rock!_ -- Hopfgarten gab es ordentlich einen Stich
durch's Herz, als er den Namen las. Wenn Soldegg wirklich heute
beabsichtigte, New-Orleans zu verlassen, so war Nichts wahrscheinlicher,
als da er wieder nach dem Westen gehen wrde. Jedenfalls lag hier die
Mglichkeit, ihn zu finden, und sich den Hut tief in die Stirn ziehend,
da an Bord, oben von der Cajte aus, Niemand sein Gesicht erkennen
konnte, schritt er rasch ber die schmale Planke an Deck und stieg auf
das Boilerdeck hinauf, die dort versammelten Passagiere zu mustern.

Henkel war nicht unter ihnen, aber noch die Mglichkeit nicht
ausgeschlossen, da er vielleicht eben nur die wirkliche Abfahrt des
Bootes erwarten wrde, an Bord zu gehn, und Hopfgarten beschlo,
jedenfalls, bis die Planken eingezogen wrden, in der Cajte zu bleiben.

Unruhig hier auf- und abgehend, hielt er sich fortwhrend in der Nhe
des Boilerdecks, von wo aus er einen freien Blick ber die Leve und
Landung hatte, und besonders die Planke des Bootes selber im Auge
behielt, ohne selber auffallend sichtbar zu sein. Es konnte dieses
Niemand, ungesehn von ihm, betreten.

Eine Menge Passagiere kamen, als die Glocke zum zweiten Mal lutete,
heran; Mnner mit Koffern auf den Schultern und Hutschachteln in der
Hand, oder Reisescken unter dem Arm, Auswanderer von Deutschland, ihre
schweren, riesigen, hlzernen, buntbemalten Koffer zu zweien im Schwei
ihres Angesichts, und in der Furcht zurckgelassen zu werden, ber die
Leve schleifend -- die Frauen Kinder auf Rcken und Armen. Auch ein
Transport Altenburger Bauern, in ihrer Nationaltracht, schritt herunter
zum Boot, sich nach dem fernen Westen einzuschiffen, und die Amerikaner,
die fast alle Trachten der Welt zu sehn bekommen, und sich um keine gro
bekmmern, blieben stehn, sahen den Leuten nach, und lachten ber die
wunderliche Kleidung.

Jetzt kam ein ganzer Trupp braun gekleideter Mnner, mit breitrndigen
Hten und weien Halsbinden, von zwei Gterkarren begleitet, die
ihr Gepck fhrten, die Leve nieder und auf das Boot zu. Es waren
jedenfalls Geistliche, und Hopfgarten wandte sich an den neben ihm
stehenden Clerk oder Buchhalter des Bootes mit der Frage, ob er wisse,
wer die Herren wren, und wohin sie in solcher Menge gingen.

Ah blos Methodistenprediger, lachte dieser -- ein ganzer Schwarm, den
wir vor acht Tagen von Little Rock mit herunter gebracht haben. Es sind
meist Circuit-rider aus dem Westen, die hier zu einer protestantischen
Versammlung, wirksame Maasregeln gemeinschaftlich gegen den Antichrist
zu berathen, wie sie uns selber sagten, heruntergekommen sind, und jetzt
wieder auf ihre Posten zurckgehn. Es ist eine Vergngungsreise fr die
Herren, zu der sie vorher natrlich eine tchtige fromme Sammlung
gemacht haben.

Die Geistlichen, elf an der Zahl, kamen inde an Bord und die
Boilerdeckstreppe herauf in die Cajte. Hopfgarten blieb an der Thr
stehn, und sah sie einzeln neben sich vorbergehn. Es waren meist
ausdruckslose Gesichter, einzelne aber auch mit verschmitzten Augen, und
scharfgeschnittenen Zgen; der Deutsche hatte jedoch kein Interesse an
ihnen, und wollte seine Aufmerksamkeit eben wieder der Leve zuwenden,
als Einer der Geistlichen ihn mit einem langsamen, salbungsvollen
Kopfnicken grte, und an ihm vorbei die Cajte betrat.

Hopfgarten sah ihn berrascht und verwundert an; der Mann trug allerdings
einen sehr anstndigen, braunen, langen Rock von feinem Tuch, eine
schneeweie Halsbinde, blank gewichste Stiefeln und einen breitrndigen,
schwarzen Filzhut, wie die Anderen, aber _das_ Gesicht war nicht zu
verkennen, und, wenn einmal gesehn, nicht wieder zu vergessen.

Herr Maulbeere! rief Hopfgarten, in diesem Augenblick selbst Henkel
vergessend, trume ich denn oder wach ich -- sind Sie es, oder sind Sie
es nicht?

Mein lieber Herr von Hopfgarten, sagte der Angeredete, dem wirklich
Verblfften, mit einem milden Lcheln in dem glatt rasirten Gesicht,
die Hand reichend und feierlich schttelnd, es ist mir ein ungemein
wohlthuendes Gefhl, Sie nach so langer Trennung wieder einmal begren
zu knnen -- ich habe in meinen Gebeten manches Mal recht freundlich
Ihrer gedacht.

Hopfgarten blinzte mit den Augen, trat sich auf den Fu und suchte sich
im Anfang wirklich erst ordentlich gewaltsam davon zu berzeugen, da er
nicht trume, und mit wachenden Augen den schmutzigen Scheerenschleifer
Maulbeere, den Schnapsprediger von der Haidschnucke, solcher Art
ausgekrochen und als Schmetterling -- als Braunes Ordensband -- der
Gedanke kam ihm unwillkrlich -- in der sonnigen Luft herumflattern zu
sehn. Aber Maulbeere lebte und athmete, that auch Nichts, das Erstaunen
des vor ihm Stehenden zu beseitigen, sondern schien sich eher an dessen
berraschung zu weiden.

Aber wie, um Gottes Willen, kommen Sie in _diesen_ Rock, in _diese_
Gesellschaft? rief er endlich, jede weitere Hflichkeit bei Seite
setzend, aus -- ja, wenn mir Jemand des Himmels Einsturz --

Spotten Sie nicht, oder profaniren Sie nicht eine so heilige, ernste
Sache -- unterbrach ihn aber Maulbeere schnell und fast ngstlich. Da
der Herr da oben -- und er warf einen frommen Blick nach der Decke
hinauf, _Wunder_ thut, brauche ich Ihnen, als gebildetem Mann, nicht
zu sagen. _Sein_ Geist hat mich erleuchtet -- Sein Hauch den Teufel
ausgeblasen, der in mir lebte und thtig war -- der Herr hat Gruel an
den verkehrten Herzen, und Wohlgefallen an den Frommen -- der Gottlose
ist wie ein Wetter, das berhingeht, und nicht mehr ist, der Gerechte
aber bestehet ewiglich -- der Mund des Gerechten bringt Weisheit,
aber das Maul des Verkehrten wird ausgerottet -- rhme Dich nicht des
folgenden Tages, denn Du weit nicht, was heute sich begeben mag.

 [Illustration Capitel 8]

Aber wie ist es mglich gewesen, in der kurzen Zeit eine solche
Verwandlung --

Der Herr ist Allen gndig, sagte Maulbeere, mit einem zweiten frommen
Blick die Hnde faltend, und erbarmet sich aller seiner Werke -- des
Herrn Geist stieg auf seinen Knecht nieder in der Nacht des Unglaubens,
da Alles finster war, und siehe da, ein feines Lmplein wurde
aufgestellt in dem Tummelplatz des Satans, und sein helles, goldenes
Licht trieb die Snde aus dem gereinigten Gef!

Hopfgarten schttelte immer noch, wie seinen Sinnen nicht recht trauend,
den Kopf. Die Gestalt vor ihm aber hatte Fleisch und Bein, und der
braune Rock so wenig, wie die schneeweie, reine Binde lieen sich
wegleugnen.

Die brigen Geistlichen hatten sich inde in der Cajte versammelt, ein
paar Minuten leise mitsammen geflstert, und Einer von ihnen kam jetzt
wieder der Thre zu, wo die Beiden standen und sagte mit einem milden,
lchelnden Blick:

Der Bruder Mulberry wird freundlich von uns aufgefordert, an einem
stillen Dank, dem Hchsten fr die glckliche Beendigung unserer frommen
Sendung zu bringen, Theil zu nehmen.

Maulbeere neigte langsam sein Haupt, und sich dann wieder zu Hopfgarten
wendend, sagte er:

Wir haben wohl das Vergngen, mit Ihnen zusammen die Reise nach Little
Rock zu machen?

Nein, bester Herr Maulbeere, das thut mir wahrhaftig leid, erwiederte
dieser -- ich bin nur an Bord gekommen, Jemand zu suchen.

Das schmerzt mich in der That, sagte Maulbeere, indem er in die Tasche
griff und ein kleines Paket Bcher und eine Visitenkarte herausnahm
-- sollten Sie aber spter einmal wieder in unser wildes, westliches
Land kommen, so wird es mich herzlich freuen, zu sehn, da es Ihnen gut
geht -- diese Karte hier enthlt meine Adresse -- und mich _glcklich_
machen, zu hren, da auch Sie den _wahren_ Frieden in Gott gefunden,
und die Bahn des Heils betretend, den breiten, ebenen Weg verlassen
haben, der hinab zu Snde und Verdammni fhrt. Gott sei mit Ihnen -- er
erleuchte Sie -- er neige sein Antlitz ber Sie, und gebe Ihnen seinen
Frieden -- Amen!

Und mit einer halb segnenden, halb grenden Handbewegung gegen Herrn
von Hopfgarten, der Bcher und Karte fast unbewut in der Hand behielt,
und dann ebenso in die Tasche steckte, drehte er sich langsam von ihm
ab, und schritt seinen Gefhrten am andern Ende der Cajte zu.

Ein neuer Trupp Fremder zog in diesem Augenblick die Aufmerksamkeit
unseres Freundes auf sich, die Glocke lutete dabei zum dritten Male,
und das Boot machte Anstalt zur Abfahrt. Nirgends aber lie sich eine
Gestalt erkennen, die der des Gesuchten auch nur im Entferntesten
geglichen htte, obgleich Hopfgarten vollkommen darauf vorbereitet war,
das Gesicht Soldeggs durch Bart oder Brille vielleicht so viel als
mglich unkenntlich gemacht zu sehn. Mit dem Chikasaw beabsichtigte
dieser keinesfalls, den Strom hinaufzugehn, und er mute zuletzt, als
die Planken und Taue eingeholt wurden und die Rder nach rckwrts an zu
arbeiten fingen, das Boot in den Strom hinauszuschieben, an Land
springen.

Auf seiner Uhr war es jetzt halb elf Uhr, und er ging, die Ankunft
Ledermann's hier verabredeter Maen zu erwarten, indessen ungeduldig an
der Leve auf und ab. Seine rechte Hand in die Tasche schiebend, fhlte
er dort die vorher in Gedanken eingesteckten, ihm von Maulbeere
bergebenen Schriften, und nahm sie heraus, zu sehn, was sie enthielten.

Es waren natrlich Trakttchen. Das eine handelte ber die Heiligkeit
des Sabbaths und die Gefahr der Sabbathschndung, mit einem
abschreckenden Beispiel, wie ein Knabe an einem Sonntag einmal den Flu
befahren hatte und ertrunken war -- whrend Millionen Beispiele,
dasselbe Verbrechen jeden Sonntag verbend, glcklich abfuhren und eben
so landeten -- das andere ber die Bibelvertheilung, und die brigen
ber das Missionswesen, und dessen dringende Nothwendigkeit; jedes am
Schlusse mit einer Bitte um die Untersttzung der frommen Mnner, die in
die Wildni, unter wilde Bestien und wildere Menschen zgen, und von
Wurzeln und Rinde lebten, das Evangelium zu predigen. Auf der Karte
stand:

   #The Reverend Zachus Mulberry.#
         #Little Rock. Arks.#

Die Karte steckte Hopfgarten zum Andenken ein, die Bcher warf er fort.

Und Ledermann kam noch immer nicht -- es war schon fast drei Viertel auf
elf, und Hopfgarten ging wie auf Kohlen, in Angst und Ungewiheit, den
Strahlen der heien Sonne ausgesetzt, an der Landung auf und ab.

Gott der Gerechte, der Herr Baron, redete ihn da pltzlich eine Stimme
an, und als er sich rasch danach umdrehte, stand ein Mann, augenscheinlich
ein Israelit, von dessen Gesicht Hopfgarten aber keine Ahnung hatte, in
einem dunklen, anstndigen Rocke, mit einem kleinen Strohhute auf, vor
ihm, und machte ihm eine tiefe Verbeugung; der Mann mute aber jedenfalls
sehn, da ihn der Herr, den er angeredet hatte, nicht erkannte und er
fuhr lchelnd fort:

Gottes Wunder -- hob' ich mich denn gar so sehr verndert, da so an
lieber Herr anen alten Raisegesellschafter sollte vergessen haben.
Kennen Sie den Veitel Kochmer nicht mehr?

Veitel Kochmer? -- nein --

Kennt den Veitel Kochmer nicht mehr; lachte der Alte, mit dem Kopf
dabei schttelnd -- den Mann mit der Holzharmonika, dem Sie an
Concertchen zusammengebracht haben an Bord, als an guter und
freundlicher Herr.

Veitel Kochmer, rief Hopfgarten, sich jetzt des Namens entsinnend,
ja Euch htte ich allerdings nicht wieder erkannt -- Ihr seht ganz
anders aus -- tragt den langen Bart nicht mehr und den Kaftan -- es geht
Euch gut?

Gott soll gedankt sein, ja.

Und Euer Sohn --

Mai Sohn? -- wie hait mai Sohn -- sagte der Mann, ungeduldig den Kopf
schttelnd -- das Jngelche, was ich bei mer hatte, mit die hibsche
Stimme -- wenn's ane bessere Lunge und a schlechtere Stimme gehabt
htte, lebt es _noch_.

Ihr habt ihn sich todt singen lassen, sagte Hopfgarten ernst.

_Ich_ hab' ihn sich todt singen lassen? -- wie hait? -- soll sich die
Lunge beim Magen beschweren -- der Eine arbeitet mit die Hndcher, der
Andere mit die Lunge, aber Alle arbeiten mer um ze leben, ze essen un
ze trinken, und an Rock auf dem Leib ze haben -- hob ich en nich acht
Wochen gepflegt, als _ob_ er mai Sohn gewesen wre, und stirbt er mer
nich zuletzt wie zum Possen? -- Soll mer Gott helfen, als ich nich hob'
Schaden gehabt an dem Jngelche. -- Aber Herr Baron -- kennten wir zwei
Beide nich a klanes Geschftche zesammen machen; hob' ich was ganz
Extraes von gute Staincher, vor solch einen frnehmen Herrn, wie der
Herr Baron.

Ich danke, lieber Kochmer, ich brauche Nichts in der Art, sagte
Hopfgarten, wieder nach seiner Uhr sehend, kann mich auch
augenblicklich gar nicht damit befassen -- haben Sie eine Uhr bei
sich?

Ja wohl, Herr Baron -- werd' ich ka rche haben, un a Staatsrche is
es, fuhr er fort, eine goldene Cylinderuhr aus der Tasche nehmend,
geht se doch um drei Minuten besser wie die Sonne -- s' ist gerade
sieben Minuten ber dreiviertel auf elf -- kennten wir _damit_
vielleicht en Handelche machen?

Ich danke wirklich -- ich habe selber eine ganz gute Uhr und brauche
keine, wollte auch nur sehen ob die meinige richtig ginge.

Wenn Sie die Staincher emol shen, wrden Sie Appetit kriegen -- se
sain zum 'Reinbeien, fuhr aber Veitel, nicht so leicht abgewiesen, in
seinem Anpreisen der Juwelen fort, hob ich die Musik doch jetzt ganz
an den Nagel gehngt un mich auf die Staincher gelegt. Wer die Sache
versteht ist's a solides, prchtiges Geschftge hier in Amerika -- wenn
mer sai Zeit kann abpasse. Und er nahm dabei ein kleines Etui aus
seiner Brusttasche, das er ffnete und dann, den Kopf schrg zur Seite
davon zurckhaltend, die Sonnenstrahlen auf die wirklich schnen Steine,
die in tausend Lichtern funkelten, wieder fallen lie.

Hopfgarten hatte indessen die Leve auf und abgesehn, den so sehnlich
Erwarteten endlich irgendwo zu ersphen, aber vergebens; Ledermann lie
sich nirgends blicken und der Zeiger seiner Uhr, den er ungeduldig und
ununterbrochen fragte, schien nicht von der Stelle zu rcken.

Ich danke Euch Veitel -- ich brauche wirklich Nichts der Art, sagte
er zerstreut, trage weder Ringe noch Tuchnadeln, und mu hier im Lande
auf- und abreisen, wo man solche Sachen am allerwenigsten bei sich
fhren kann.

Aber so sehn Sie nur emol die Pracht an, drngte Veitel.

Ja, sehr schn -- wirklich brillant, sagte Hopfgarten, einen flchtigen
Blick darauf werfend, und dann durch das Feuer derselben doch verlockt
sie aufmerksamer zu betrachten; sehr schne Steine in der That, aber
wie gesagt, Nichts fr mich.

Und _das_ Stainche hier vor a Tuchnadel -- ah? sagte Veitel, vor
Hopfgartens Augen ein Trquis in der Sonne blitzen lassend.

Mensch, wo hast Du den Stein her? rief aber Hopfgarten unwillkrlich
erschreckt aus, als sein Blick auf einen sehr schnen groen _dreieckigen_
Trquis fiel, den Veitel zwischen den Fingern hin und her drehte.

Woher? -- Gottes Wunder! rief der Jude erschreckt, ehrlich gekauft,
soll mer Gott helfe.

Ich sage ja Nichts dagegen, Veitel, rief Hopfgarten rasch, ihn zu
beruhigen, gewi ist er ehrlich gekauft, aber von wem? ich kenne den
Stein -- habe wenigstens von ihm, oder einem ganz hnlichen gehrt, ich
mchte gern --

Von wem? von em achtbaren, soliden Herrn, von em wahren Schentelmenn in
sein Handeln und Geschftcher, sagte Veitel, immer noch in der Meinung,
ein Verdacht ruhe auf ihm, und wenn er nicht hait Morgen abgereist
wre, kennten Se ihn selber fragen, Herr Baron -- ist en alter
Bekannter von Sie, noch vom Schiff her.

Heute Morgen abgereist? -- wohin Veitel? sagte Hopfgarten, der sich
krampfhaft mit der rechten Hand in die Seite griff, nur um ruhig zu
bleiben und seine Aufregung nicht zu verrathen, wer war es denn
eigentlich -- der -- der Doktor Hckler?

Gott soll bewahren, der Herr Henkel, und mit dem Schtiemer ist er fort
nach der Havanna.

Mit dem Postdampfer nach Havanna? rief Hopfgarten, jetzt wirklich
_nicht_ mehr im Stande sich zu migen -- und der ist heute Morgen
fort?

_Hait_ Morgen wird er fort sain, sagte Veitel, Gottes Wunder was is
jetzt dermehr?

Ledermann! schrie da Hopfgarten, Veitel gar nicht mehr beachtend, den
Freund an, der eben jetzt, so lang schon herbeigewnscht, gerade ber
die Leve herber und auf Herrn von Hopfgarten zukam, wann, um Gottes
Willen, geht der Havanna Steamer?

Die Cuba? -- um elf Uhr, sagte dieser erstaunt.

Groer Gott -- es mu gleich schlagen -- so ist er noch nicht fort?

Dort drben knnen Sie ihn sehn, sagte Ledermann, der von der hohen
Leve aus ein paar Momente mit den Augen in den Flu hinein gesucht
hatte -- gerade zwischen den beiden ausgezackten Schornsteinen jenes
Bootes dort -- das groe Dampfschiff, aus dem der Rauch so dick
aufsteigt.

Henkel ist an Bord! war Alles was Hopfgarten herausbringen konnte,
groer Gott, da wir nicht an das Havanna-Schiff gedacht.

Gott der Gerechte! rief Veitel, seine Steine einsteckend und in
Verwunderung die Hnde zusammenschlagend, was han Se uf amol vor a Eil;
wird der Herr Henkel doch wiederkommen in vier oder fnf Woche, wie er
mer hot gesagt.

Noch ist es vielleicht Zeit, rief aber Ledermann, der inde rasch das
Terrain berschaut hatte; _so_ pnktlich gehen die Dampfer nicht ab;
einzelne Passagiere zgern immer etwas lnger am Ufer, oder der Capitain
kann auch seine Geschfte nicht so rasch besorgen. Dort fhrt ein Cab
-- gegenber dem Dampfer nehmen wir ein Boot, und einmal von den Schiffen
frei, da sie an Bord unser Tcherschwenken sehen knnen, und wir kommen
noch zur rechten Zeit.

Veitel! rief Hopfgarten, sich rasch nach diesem umdrehend, kommt
morgen frh zu mir in das St. Charles Hotel -- verstanden? -- bringt
Euere Steine mit -- und nun fort Ledermann, fort! und diesem voran
laufend winkte er schon von weitem dem kleinen einspannigen Cabriolet
zu, dessen Kutscher, Passagiere suchend, langsam die Leve an der
Dampfbootlandung hinabfuhr. Der Mann zgelte sein Pferd ein und
Hopfgarten bot ihm einen Dollar, wenn er sie so rasch das Pferd laufen
knne dem Havanna Steamer gegenber die Strae niederfhre.

Halt, dort geht ein Constable! rief ihm aber Ledermann zu, den nehmen
wir mit.

Kann nicht drei Passagiere fahren, Sir, sagte der Kutscher.

Du bekommst einen Dollar fr jeden, wenn Du uns rasch an Ort und Stelle
bringst! rief der Deutsche, dem Angst und Aufregung fast die Sprache zu
nehmen drohte. Ledermann lief indessen, so rasch ihn seine langen Fe
trugen, und sehr zum Ergtzen der ihm Begegnenden, der nchsten Straenecke
zu, an der er einen ihm bekannten Constable erspht hatte. Wenige Worte
gengten, diesen mit Allem bekannt zu machen was Noth that, und zwei
Minuten spter galopirte das eben nicht sehr krftige Pferd, von der
wacker gefhrten Peitsche seines Herrn getrieben, in flchtigen Stzen
die Strae nieder. Unterwegs unterrichtete der Constable diesen dabei,
dem groen Dampfschiff gegenber, das sie jetzt deutlich erkennen
konnten, anzuhalten, wo er Miethboote wte.

Ay ay Sir! sagte der Mann, und hieb strker auf sein Pferd, kommen
noch zurecht, wenn mein alter Jack nicht bis dahin zusammenbricht. Das
Pferd hielt sich aber wacker, und pltzlich gegen die Leve anfahrend,
denn den Wasserrand konnten sie von da aus, des hochaufgeworfenen Dammes
wegen nicht sehen, hielt er an.

Boot Sir? -- Boot fr den Steamer? riefen ihnen hier schon vier, fnf
Bootsleute zu gleicher Zeit entgegen, die sich herbeidrngten, die
geglaubten Passagiere nach dem Dampfschiff zu bringen; dieses konnte
seines Tiefgangs wegen hier nicht dicht am Ufer anlanden, und mute ein
Stck drauen im Strom vor Anker liegen; hchste Zeit, Gentlemen, aber
wir bringen Sie hinber.

Fnf Dollar, wenn wir zur rechten Zeit kommen.

Hier Sir! hier ist ein Boot das es thun kann! schrie Einer Hopfgarten
am Arm ergreifend.

Mit dem alten Kasten kommst Du nicht vor Abend hinber, berschrie ihn
ein Anderer, _meins_ ist der Clipper, Gentlemen, der ber das Wasser
fliegt.

Der Constable hatte indessen von der Leve aus mit einem Kennerblick die
Boote rasch bersehen, und den beiden Fremden winkend ihm zu folgen,
sprang er in das, was ihm am tchtigsten schien, hinein, und hinten an
das Steuer. Die beiden Bootsleute, die dazu gehrten, nahmen mit einem
Hohnlachen ber die besiegten Gefhrten ihre Sitze ein, und wenige
Sekunden spter scho das scharfe, wackere Boot, die gelbe Fluth zu
beiden Seiten in Schaum hinauswerfend, zischend und spritzend ber den
breiten Strom dem Dampfer zu.

Wir kommen wahrhaftig zu spt! rief Hopfgarten in Todesangst mit der
rechten Hand sein Tuch schwenkend, dort pufft das Schiff schon seinen
Dampf aus, und die Rder fangen an zu arbeiten.

Nur keine Furcht Sir, sagte der eine der Bootsleute, der einen Blick
ber seine Schulter weg nach dem nher und nher rckenden Fahrzeug
warf, sie arbeiten nur gegen die Strmung langsam an, den Anker
heraufzuheben; die Kette ist noch unten.

Er hat recht, rief aber auch der Constable jetzt, die Kette ist noch
aus und wir kommen zur rechten Zeit.

Gott sei Dank, sagte Hopfgarten leise, aber tief aufseufzend vor sich
hin, und von dem Augenblick an schien es, als ob jede Unruhe, jedes
Schwanken von ihm genommen sei. Ruhig ein Bein ber das andere gelegt,
beobachtete er ihre Annherung an das keuchende, gewaltige Dampfschiff,
und berflog mit seinem Blick nur manchmal rasch und forschend das
aufgebaute Quarterdeck des Fahrzeugs, zwischen den dort auf- und
abgehenden Passagieren den Gesuchten herauszufinden; aber er bemhte
sich nicht mehr sein Gesicht zu verbergen -- der Verbrecher konnte ihm
nicht mehr entgehen.

An Bord traten jetzt ein paar Mann, das nahende Boot bemerkend, oben an
die noch aushngenden Fallreeps; der eine von diesen hielt ein dnnes
zusammengerolltes Tau in der Hand, und warf es dem einen der Bootsleute
zu, der es durch den Ring vorn zog und um die vordere Queerbank
schlug. Im nchsten Augenblick lag das kleine schwanke Boot, auf
den kurzen Wellen tanzend, die das Starbordrad schlug, dicht an die
steilaufsteigende Seitenwand des mchtigen Fahrzeugs an, und der
Constable rief hinan:

Ein Tau hier herunter, Boys, fr den Gentleman; er hat einen kranken
Arm und kann sich nicht halten.

Wenige Secunden spter war dem Rufe Folge geleistet; der Constable legte
das Seil um Herrn von Hopfgartens Mitte, und whrend die Matrosen oben
langsam anzogen und ihn dadurch sttzten, lief derselbe rasch an der
steil niederhngenden Fallreepstreppe auf.

Danke -- danke herzlich, sagte dieser, whrend sein Blick an dem
Quarterdeck hing; aber auch dort sah er nicht den, den er suchte, und
sich an den Steuermann des Schiffs wendend, der seine Leute eben gefragt
hatte, ob der Herren _Gepck_ schon an Bord sei, bat er diesen ihm zu
sagen wo er den _Clerk_ der Cuba fnde.

Dort oben, Sir -- an der Starbordtreppe; der mit dem Panama-Hut auf,
Sir, und dem kleinen Buch in der Hand.

Sie wnschen Pltze in der Cajte, Sir? frug ihn dieser freundlich,
der Steward soll Ihnen gleich Ihre #staterooms# anweisen.

Bitte, mein Herr, sagte Hopfgarten, dem seine beiden Begleiter auf dem
Fue folgten, knnen Sie mir nicht Auskunft geben, ob ein gewisser
_Soldegg_ an Bord ist?

Soldegg? -- Soldegg? sagte der Clerk nachdenkend sind dabei sein
kleines Buch ffnend, eine dort eingetragene Liste mit den Augen
berfliegend, ist noch nicht notirt, Sir.

Oder Henkel?

Ebenfalls nicht, lautete die Antwort, nach kurzer Pause.

Oder Holwich?

Keiner der drei Herren; aber es sind einige Gentlemen erst in der
letzten halben Stunde an Bord gekommen, deren Namen ich noch nicht
eingeschrieben habe. Sie werden unterwegs Zeit genug bekommen deren
Bekanntschaft zu machen; soll ich Ihnen indessen --

Bitte, mein Herr, mein Besuch ist anderer Art, sagte Hopfgarten ruhig;
ich habe einen Verhaftsbefehl mit gegen einen gefhrlichen Verbrecher,
und ich glaube, ja ich wei ihn an Bord.

Oh wenn das ist, lachte der Clerk, dann hat der Herr auch vielleicht
einen andern Namen angegeben; nichts leichter als das. Wohl ein Constable,
der eine der Herren? -- dieser nickte mit dem Kopf -- #well#, dann
bemhen Sie sich nur geflligst selber in die Cajte hinunter, und sehn
Sie sich dort um; ich werde es indessen dem Capitain melden, und Ordre
geben, da das Schiff nicht unterwegs geht.

Hopfgarten blieb einen Augenblick stehn, Athem zu holen, so prete ihm
die Aufregung dieses Momentes Brust und Herz zusammen, uerlich aber
war er vollkommen ruhig, und Ledermann und den Constable bittend, ihn
vorangehn zu lassen, und erst nach ein paar Minuten zu folgen, stieg er
mit festen, ruhigen Schritten die Quarterdeckstreppe hinauf, und die
breiten Mahagonystufen, die von da in die untere Cajte fhrten, wieder
hinunter, und ffnete, von dem Steuermann begleitet, dem der Clerk ein
paar Worte ber den Zweck dieses Besuches zugeflstert, die Thr der
Cajte, in der einige zwanzig Passagiere in den verschiedensten
Stellungen umhersaen und standen, und ziemlich ruhig die nahe Abfahrt
des Dampfers, dessen Maschine schon unter ihnen arbeitete, zu erwarten
schienen.

Aber Hopfgarten sah nur _Einen_ von allen diesen; auf dem mittleren
Sopha, das eine Bein behaglich ber das andere gelegt, und neben sich
auf einem kleinen Tisch eine Flasche mit Rothwein und ein Gef mit
groen, klaren Eisstcken, ein Buch in der Hand, in dem er nachlssig
bltterte, lag _Henkel_ und schien so sorglos und unbekmmert die
Abfahrt des Bootes zu erwarten, so sicher seiner Umgebung zu sein, da
er nicht einmal aufsah, als Hopfgarten langsam auf ihn zuging, bis
dieser neben seinem Tische stehn blieb und Henkel jetzt, mit einem
leisen Schrei der berraschung emporfahrend, ganz pltzlich seinen alten
Reisegefhrten neben sich erkannte.

Alle Wetter! Herr von Hopfgarten, sagte er aber, sich rasch sammelnd;
das ist ein prchtiges Zusammentreffen, und wir sind auf's Neue
Reisegefhrten? -- Schade, da Frau von Kaulitz nicht da ist, fr den
dritten _Mann_.

Wir bekommen noch Gesellschaft, sagte Hopfgarten, sich ruhig umsehend
und den jetzt eben eintretenden Ledermann heranwinkend -- Herr Henkel
oder Soldegg oder Holwich -- ich wei nicht unter welchem Namen Sie
jetzt reisen -- ich habe ihnen hier einen alten Bekannten vorzustellen,
der eine weite Reise im Auftrag seiner Regierung gemacht hat, nur das
Vergngen Ihrer werthen Begleitung zu haben.

Was soll das? -- was wollen Sie von mir? sagte Henkel finster, sich aber
doch leicht entfrbend, als er den Aktuar von Heilingen pltzlich hier
erkannte. Einen forschenden, unruhigen Blick warf er dabei in der Cajte
umher, der inde weiter Nichts Beunruhigendes bot, da der Steuermann an
die Bar getreten war, und der Constable, der Gruppe die Seite zudrehend,
eine Zeitung aufgenommen hatte, als ob er mit zu den Passagieren gehrte
-- ich bin gerade nicht aufgelegt zu scherzen, sonst knnte ich Ihnen
vielleicht wieder meinen -- Zwillingsbruder schicken, sich mit dem
abzufinden.

Herr Henkel, sagte Ledermann ruhig -- wir haben ein Boot unten
liegen, und ersuchen Sie, uns gutwillig und ohne weiteres Aufsehn zu
erregen, da hinein zu folgen, das Weitere werden wir an Land abmachen.
So viel genge Ihnen zu wissen, da wir autorisirt sind, in dieser Weise
zu handeln -- ich habe einen Verhaftsbefehl fr Sie in der Tasche.

Haho! rief Soldegg aber, dem im Nu die ganze Gre der ber ihn
hereinbrechenden Gefahr klar wurde -- Herr von Hopfgarten will
sich revangiren -- hahaha -- aber die Herren haben sich verrechnet
-- _lebendig_ bekommen sie mich nicht -- und berdie -- wer giebt
Ihnen das Recht, mich hier verhaften zu wollen? Seine rechte Hand glitt
dabei rasch und verstohlen unter die Weste, die Bewegung aber war
dem Constable, der ihn indessen scharf und aufmerksam von der Seite
beobachtet hatte, nicht entgangen, und seinen Rock zurckwerfend, unter
dem er sein Polizeizeichen trug, ging er auf den wild und drohend zu ihm
aufblickenden Verbrecher zu und wollte, mit den Worten: #You are my
prisoner!#[5], die Hand auf dessen Schulter legen, als Henkel, unter
dem Arm fortgleitend, einen Schritt zurcksprang; mit der rechten aber
zu gleicher Zeit ein mchtiges, blitzendes Bowiemesser aus der Weste
ri, und mit wildem, hhnischen Lachen schrie:

Lebend nicht -- Bahn frei, oder, beim Teufel, ich hacke Pastetenfleisch
aus Euch! Zu gleicher Zeit fhrte er einen Hieb nach dem Constable, dem
dieser nur durch ein jhes Zurseitespringen entgehn konnte, und warf
sich auf Hopfgarten, wieder die Klinge zum Hieb gehoben. Dieser aber,
ohne einen Zoll breit zu weichen, hatte eine gleiche Waffe gezogen,
und bereitete sich, den Schlag zu pariren, als der Steuermann, etwas
hnliches schon lange erwartend, ohne sich aber selber zwischen die
gehobenen Messer hineinzuwagen, einen Stuhl aufgriff und Henkel so
geschickt vor die Fe schleuderte, da dieser im vollen Wurf darber
hinflog.

Brav gemacht! schrie der Constable, der inde einen Revolver aus
seinem Grtel gerissen hatte, Gewalt mit Gewalt zu begegnen -- jetzt
bekommen wir den Burschen lebendig. Und um den Stuhl flog er herum,
zwischen die Thr und den Gefangenen zu kommen, und diesem den Weg
abzuschneiden. Henkel aber, zum uersten getrieben und recht gut
wissend, was ihn erwartete, wenn er in die Hand der Feinde fiel,
schnellte im Nu, sein Messer noch fest im Griff haltend, vom Boden
wieder auf und sprang gegen die Thr an, von der fort die zufllig
dort herabkommenden Passagiere, vor der drohenden Gestalt mit der
geschwungenen Waffe scheu zur Seite stoben.

Halt! schrie der Constable, im Namen des Gesetzes!

Henkel hatte die Thr erreicht und stie sie vor sich auf, als ein
scharfer Knall, und gleich darauf weier Pulverrauch den Raum fllte
-- ein wilder Schrei und eine blutende, todtenbleiche Gestalt, der die
blanke Waffe entfiel und klirrend die Stufen zurckrollte, taumelte die
Treppe hinauf an Deck, zwischen die entsetzten Passagiere.

#You are my prisoner Sir!# schrie der Constable, den Flchtling
einholend und an der Schulter fassend.

#Ready for hell!#[6] sthnte dieser, lie die Arme sinken, drehte sich
einmal im Kreise herum und brach, wo er stand, zusammen.

_Den_ Passagier knnt Ihr von der Liste streichen, Clerk, sagte der
Steuermann ruhig zu diesem, als er an Deck kam -- steht bei hier,
Jungen, und hebt den Cadaver einmal in's Boot hinunter, und zwei von
Euch waschen die Flecken hier weg und die Treppe rein. Marsch mit Euch
und ein Bischen schnell -- ist der Anker auf?

Alles klar, Sir!

Gut, in fnf Minuten mssen wir unterwegs sein -- die Herren mgen die
Geschichte dann selber an Land ausmachen.

Hopfgarten stand neben der Leiche und sah tief aufseufzend in die
bleichen Zge, in die stieren zu ihm aufgedrehten Augen -- aber er
sprach kein Wort; nur das Messer, das er noch offen in der Hand trug,
barg er wieder in der Scheide, und einen kleinen weien Handschuh aus
seiner Brust nehmend, bog er sich nieder, und netzte das zarte
schneeige Leder mit dem quellenden Blut des Gerichteten.

Zwei Matrosen faten die Leiche jetzt auf und trugen sie zu der
Fallreepstreppe, wo Andere mit den Tauen standen und sie hinunter
lieen; der Constable hatte sich indessen vom Clerk das Gepck, das
dem Gericht verfallen war, ausliefern lassen.

Hallo, da kommt noch ein Passagier! rief der eine Bootsmann, als die
Seeleute die Leiche rasch nach unten viehrten -- dacht' es mir beinah,
wie ich den Schu hrte.

Hast eine gute Nase, Kamerad, rief Einer der Matrosen nieder, das
aber da ist nur Ballast; schlagt die Taue los!

Die Koffer folgten dem Krper, und diesen die Passagiere -- oben lutete
die Glocke, die Rder rauschten und peitschten den gelben Schaum zu
wirbelnden Wellen auf -- stromauf arbeitete das gewaltige Schiff, einen
weiten Bogen beschreibend in der kochenden, zischenden Fluth, und
whrend es sich stromab wandte, und das flatternde Banner der Vereinigten
Staaten lustig im Winde wehte, ruderte das kleine Boot mit seiner
traurigen Last langsam dem Lande wieder zu.




Capitel 9.

Das Haus im Walde.


Wieder keimten und sproten die Blumen im lieben deutschen Vaterland;
die Wiesen hatten sich mit frischem Grn gedeckt, im Wald rauschte
und flsterte der Wind gar so traulich und heimlich durch die jungen,
saftigen Bltter, und schaukelte die langen, duftenden Zweige der Birke,
und trug die wirbelnde Lerche hoch in die blaue, sonnige Luft hinein.

Wie das drauen in den Feldern so regsam schaffte und arbeitete; wie
die Heerden so frhlich blkten, die wieder hinaus durften in die warme,
sommerliche Flur; wie die Schwalben -- die lieben, lieben Schwalben
so froh durch den ther strichen und die Strche, von den Kindern mit
scheuer Ehrfurcht betrachtet, klappernd und von ihren Reisen erzhlend,
auf den Dchern standen, oder langsam ber die feuchten Wiesenflchen
schritten, alte Jagdgrnde zu revidiren.

[Illustration: Capitel 9]

Wie das zwitscherte und klang und sang und schmetterte in dem weiten,
lichtdurchflutheten Raum, und die Luft mit seinem Glanz und Jubel
fllte, jeder Ton ein Loblied dem Herrn, jedes grne Blatt, jeder
duftende Kelch, jeder Thautropfen am schwankenden Halm, ein Dankesopfer
seiner Allmacht und Gte. Oh wie sich auch die Menschenbrust da so froh
und frhlich hebt, und das Herz mit jauchzt und jubelt, und hinauf
mchte, hher und hher hinauf, der steigenden Lerche nach, die mit
zitterndem Flgelschlag, ein lebendiges Bild der Lust und Wonne, dort
oben steht und betet. Wie es da stammelnd danken und preisen mchte auch
in _seiner_ Weise, und nicht Worte, nicht Ausdruck findet fr die
Seligkeit, die in ihm glht und lebt, und seine Adern fllt, und deren
Wiederglanz nur in der Thrne zittert, die hei und doch so lindernd da
in's Auge steigt.

Der Winter war vorbei -- die Natur erwacht, und Gottes Odem wehte,
ein Segen, ber das weite, wundervolle Land, Luft und Frieden in der
Menschen Herzen gieend -- aber nicht in alle. -- Den schmalen Pfad der,
das Dorf Waldenhayn umgehend, nach dem dunklen, die Hgel deckenden
Kieferwald hinauffhrte, schritt eine schlanke, bleiche Frau, einsam und
allein; sie sah krank und hlfsbedrftig aus, und die bloen, wegwunden
Fe lieen hie und da in den Spuren Blutflecken zurck, wo ein scharfer
Stein sie verletzt; der Straenstaub deckte dabei ihr Gewand, und die
weie, fast durchsichtige Hand klammerte sich fest und wie krampfhaft an
den rohen Eichenstock, der ihr zur Sttze diente.

Neben ihr auf stieg wirbelnd die Lerche, und im Korn lockte das Rebhuhn
und die Wachtel; -- sie blieb stehn und horchte dem Laut, aber nicht vom
Boden nahm sie den Blick, schauderte zusammen, als ob selbst diese sen
Tne nur furchtbare Erinnerungen fr sie htten, und schritt langem
weiter ihre stille Bahn, dem Walde zu.

Nur einmal blieb sie noch stehn, und zitterte, und wre fast in die Knie
gesunken, als vor ihr, bis jetzt von Birken- und Weidenbschen verdeckt,
ein kleines, einsam gelegenes, des Huschen, mit halb geffneter Thr
und ausgebrochenen Fenstern sichtbar wurde; aber wie gewaltsam raffte
sie sich zusammen, fate ihren Stab fester und schritt auf das niedere,
verlassene Gebude zu.

Als sie die Schwelle erreichte, luteten unten die Glocken den
Nachmittagsgottesdienst aus, und als ob _die_ Tne sie mit furchtbarer,
unwiderstehlicher Gewalt getroffen, brach sie zusammen in die Knie, und
lag lange Minuten wie betend da. Dann erhob sie sich langsam wieder,
warf noch einen scheuen Blick ber das, unten das kleine Thal fllende
Dorf, und verschwand dann in dem dunklen Raum der Htte.

       *       *       *       *       *

Unten im Dorf luteten die Glocken den Nachmittagsgottesdienst aus, und
der wrdige Pastor Donner, dessen Haar die letzten drei Winter doch um
ein Bedeutendes gebleicht, kam freundlich, rechts und links die noch vor
der Kirche stehenden Kinder und Gemeindemitglieder grend, die ihn, mit
dem Hut in der Hand, vorbeilieen, seiner kleinen Wohnung, dem duftigen,
schattigen Garten zu, wo ihn zu dieser Zeit der Nachmittagskaffee in der
blhenden Fliederlaube erwartete. Aber mehr als das harrte heute sein.

Vater -- lieber Vater! jubelten ihm die Kinder entgegen, Bltter
Papier hoch und jauchzend empor haltend -- Brief von Georg ist gekommen
-- Brief vom Bruder Georg; er kommt herber in ein oder zwei Jahren mit
seiner _Frau_! -- er hat geheirathet, Vater -- Bruder Georg hat
geheirathet und es geht ihm gut!

Der Pastor blieb stehn, und als die Kinder auf ihn zugesprungen kamen
und ihm in ihrer frohen Kindeslust den Brief entgegen hielten, bog er
sich zu ihnen nieder und kte sie, aber die Mutter folgte ihnen, und
barg ihr Haupt an des Gatten Brust. Sie hatte sprechen -- erzhlen
-- mit den Kindern jubeln wollen, und kein Wort brachte sie jetzt vor
Thrnen ber die Lippen -- aber es waren _Freudenthrnen_.

Georg hat geheirathet! jubelte Fritz dabei, der jngste Sohn, den
Brief in der Hand schwenkend, und um die Anderen herumspringend -- ich
bin jetzt ein _Schwager_ geworden, und Du, Louise und Du Trinchen, Ihr
seid Schwgerinnen -- hurrah, Bruder Georg soll leben!

Und es geht ihm gut? flsterte der Pastor, der Gattin an ihn gelehnte
Stirn wieder und wieder kssend.

Gut -- recht, recht gut, Gott sei ewig gelobt und gedankt, schluchzte
die Frau -- da, lies nur selbst -- ich habe vor Thrnen nicht weiter
lesen knnen.

Auch Louise, die ltere Tochter, kam mit ihrem Brutigam, einem jungen
Geistlichen aus Heilingen, dem Vater freudestrahlenden Auges entgegen,
und whrend die Glocken von dem alten Thurm noch klangen und tnten,
und den tiefen harmonischen Laut weit aus ber das stille Dorf und an
die sonnbeschienenen Hnge der blhenden Hgel sandten, saen die
glcklichen guten Menschen in der duftenden Laube, und horchten der
lieben, lieben Botschaft des fernen Bruders und Sohnes, der ihnen Gre
und Ksse weit ber das Meer herbergesandt, und ihre Herzen mit Glck
und Wonne und Dank, heiem Dank gegen den Hchsten erfllt hatte.

-- -- Seit drei Tagen bin ich jetzt mit meiner Marie vermhlt,
und der glcklichste Mensch unter der Sonne. In den angenehmsten
Familienverhltnissen dabei, hat sich unsere Farm, die mein Schwiegervater
schon im Begriff war um ein Spottgeld zu verschleudern, auf eine ganz
unerwartete und kaum geahnte Weise verwerthet, denn ich habe beim Graben
eines Brunnens, in der Nhe einer neu errichteten Mhle, selber ein
_Kohlen_lager entdeckt, das, wenn auch noch nicht fr den Augenblick,
doch fr die Zukunft einen bedeutenden Ertrag verspricht. Ein Amerikaner
hat mir schon fr die Bearbeitung eine sehr bedeutende Summe baar geboten,
aber ich zgere noch sie anzunehmen. Dabei bin ich ganz gegen meinen
Willen, und durch einige glckliche Kuren in den Ruf eines geschickten
Arztes gekommen, und da sich unsere Gegend, durch die Unmasse der hier
eintreffenden Einwanderer, sehr belebt, bleibt mir schon gegenwrtig
kaum mehr Zeit, meinen lndlichen Arbeiten so obzuliegen, wie ich es
eigentlich wnschte -- -- -- --

-- Noch eine andere Nachricht aus unserer Familie, die auch Euch
interessiren wird, habe ich Euch mitzutheilen. Meine Schwgerin Anna,
die ltere Schwester Mariens und ein sehr liebes, braves Mdchen, hat
ganz unerwarteter Weise einen Heirathsantrag aus Deutschland und zwar
aus Heilingen, von dem frhern Krschnermeister Kellmann bekommen.
Kellmann ist, so weit ich ihn kenne, ein braver, rechtschaffener Mann
und Anna scheint ihm auch gut zu sein. Er hat geschrieben, wenn sie ihm
ein freundliches Ja schicke, wolle er ungesumt herberkommen -- ich
denke, wir werden ihn wohl nchstens hier sehn -- -- -- --

-- Der Rosensenker von Mutters Strauch vor dem Fenster, den mir Louise
noch an jenem schmerzlichen Abend der Trennung gegeben, hat den
Ehrenplatz in unserm freundlichen Garten, und grnt und blht, da es
eine Lust und Freude ist, -- die einliegende Knospe hat er getragen. Oh,
wie mich der Blthenstock an Euch erinnert; ich habe ihn so lieb, und
doch treten mir jedes Mal Thrnen in die Augen, wenn ich ihn ansehe.
Meine Marie pflegt ihn selber; sie wird _Euch_ auch gefallen. Hat sich
das Geschft mit dem Kohlenlager erst geordnet, und sich dasselbe so
eintrglich erwiesen, wie ich es jetzt wirklich glauben mu, dann komme
ich mit ihr hinber, Euch zu besuchen. Lieber Gott, es ist ja doch unser
Aller Wunsch, spter einmal wieder nach Deutschland zurckkehren und
dort unsere Tage beschlieen zu knnen. -- -- -- --

Unten am Brief in einer Nachschrift stand:

-- ber den Steffen, der bei uns der schwarze Steffen hie, und von dem
ich Euch schon frher schrieb, wie ich mit ihm zusammengekommen, habe
ich nichts Nheres erfahren knnen. Auch seine Frau, die sich von ihm
getrennt hatte, ist aus dem kleinen Stdtchen, wo sie die letzte Zeit
still und fleiig, und mit keinem Menschen verkehrend, gearbeitet hatte,
spurlos verschwunden; Amerika ist zu gro, solche Leute im Auge behalten
zu knnen. --

Du guter, barmherziger Gott, sagte die Frau Pastorin, seufzend die
Hnde faltend, ich begreife, wie schlechte Menschen einen Anderen
aus Geldgier oder Rache, oder sonst in bser, sndhafter Leidenschaft
_morden_ knnen, aber da Eltern im Stande sein sollen, ihre _Kinder_
auf solche Art zu verlassen, begreife ich _nicht_. Das unvernnftige
_Thier_ thut das ja nicht, sorgt fr seine Jungen, und vertheidigt sie
in Gefahr, und der _Mensch_ soll schlechter sein, als das Thier?

Fr die Kinder war es ein Glck, sagte der Pastor, seufzend mit dem
Kopfe nickend -- _was_ htten sie von solchen Eltern gelernt, _wie_
wren sie von ihnen erzogen worden, und jetzt sind sie bei guten
Menschen untergebracht und versorgt.

Ein paar Knaben aus dem Dorfe kamen in diesem Augenblick athemlos an den
Garten gerannt, rissen die Mtzen vom Kopfe, und schauten mit den roth
erhitzten, dicken, gutmthigen, jetzt aber jedenfalls durch irgend etwas
sehr erregten Gesichtern durch die Gitterthr hinein, wo der Geistliche
sa.

Was wollt Ihr, Kinder? sagte dieser freundlich, indem er von seinem
Sitze aufstand und auf sie zuging.

Oben am Berge spukt's! rief aber der Eine von ihnen, in aller Eile
und Geschftigkeit ganz den sonst gewi nicht versumten Gru vergeend
-- am schwarzen Steffen seinem Hause geht's um!

Am Hause des schwarzen Steffen? rief Pastor Donner, erstaunt den Platz
gerade jetzt, wo sie sich selber damit beschftigt, genannt zu hren
-- wer hat Euch den Unsinn wei gemacht?

Ne, wahrhaftig, rief der Andere betheuernd aus -- Hollebens Liese und
Gutegrunds Annamarie haben den Geist von der stolzen Jule gesehn, der
oben herumgeflogen ist.

Nur mit Mhe bekam der jetzt aufmerksam werdende Geistliche heraus, da
zwei Mdchen aus dem Dorfe oben am Wald auf dem kleinen, dem Haus gerade
gegenber liegenden Hang gewesen waren, Blumen zu suchen, und an der,
von den Dorfbewohnern ngstlich gemiedenen Htte des schwarzen Steffen
eine Gestalt gesehen htten, von der sie erklrten, da sie der Geist
der stolzen Jule sei. Sie habe keine Ruhe im Grabe, und ginge dort an
der Stelle um, wo sie ein Verbrechen begangen, fr das wir in der sonst
so reichen deutschen Sprache nicht einmal einen Namen haben. Die Htte
lag auch noch, gefrchtet und gescheut, unberhrt so, wie man die Kinder
damals darin gefunden, und nur mit dem Bettzeug und dem besten
Hausgerth herausgenommen hatte, und die Leute in den Spinnstuben
erzhlten sich Abends schauerliche Geschichten von dem Ort.

Pastor Donner schttelte unglubig den Kopf zu der Erzhlung, Andere
aber aus dem Dorf kamen nach, und der Schultze, der von den jungen
Mdchen selber den Bericht gehrt, den sie mit bleichen Wangen und
zitternden Lippen in's Dorf getragen, folgte den brigen, besttigte dem
Herrn Pastor, was sich die Leute erzhlten, und bat ihn, mit ihm hinauf
zu gehn nach dem alten Hause, das Gercht zu widerlegen, das sonst leicht
mehr Nahrung gewann und von dem aberglubischen Volke ausgeschmckt
wurde, oder sich zu berzeugen, was Wahres an der Sache sei.

Die Frau Pastorin wollte mit den Kindern ihren Mann begleiten, er bat
sie aber, zurckzubleiben, und schritt dann, seine Amtstracht ablegend
und Hut und Stock nehmend, an der Seite des Schultzen durch das Dorf
hin, den kleinen, mit Unkraut berwucherten und fast verwachsenen
Pfad hinauf, der zu dem, etwa eine kleine halbe Stunde von Waldenhayn
entfernten Gebude fhrte. Eine Menge der Dorfbewohner schlo sich ihnen
unterwegs an, sie zu begleiten.

Als sie den Platz erreichten, war Alles todtenstill; nur hie und da
zwitscherten die Vgel in den Zweigen, und auf dem alten Eichbaum neben
dem Haus sa ein Rabe, drehte, als er die Menschen auf sich zukommen
sah, den Kopf scheu nach rechts und links hinber, und strich dann mit
seinem tief und unheimlich krchzenden _krah -- krah_ -- von dem
Zweige ab, auf dem er gestanden, dem Holze zu!

Das war sie -- das war sie! flsterten die Frauen untereinander,
inde sie sich nher zusammendrckten, und scheu nach dem schwarzen
Galgenvogel hinberschauten, jetzt werden sie Nichts mehr finden; die
ist fort, und in der Nacht kommt sie wieder und sitzt dort auf dem alten
Dach. Ich gehe nicht weiter mit -- ich auch nicht -- Gott soll mich
bewahren vor _der_ Stelle, die ewiglich verflucht ist. rief eine andere
Frau. Man sollte Feuer anlegen und das Nest von der Erde vertilgen,
sagte Einer der Mnner dann, _ich_ wenigstens mchte nicht einmal einen
von den Balken in meinem Ofen brennen.

Die Thr steht offen, da sie immer recht bequem aus und ein knnen,
flsterte wieder eine Andere, huh, wie mag's da drinnen um Mitternacht
zugehn -- der Schornstein sieht auch nicht umsonst so gelb und schweflig
aus, und unsere Annakathrine hat neulich die Irrlichter hier oben wie
toll herumtanzen sehen.

Die Leute aus dem Dorf blieben wirklich, als sie den kleinen freien
Platz vor dem Haus erreichten, scheu an dessen Grenze stehn, und nur
Pastor Donner schritt, von dem Schultzen begleitet, langsam dem Hause
selber zu.

Ich habe schon lange einmal heraufgehen wollen, zu sehn, wie der Platz
hier eigentlich aussieht, sagte dieser endlich, bin aber immer nicht
dazu gekommen. Hm, wie de und unheimlich das hier ist -- es wundert
mich gar nicht, da sich die Kinder davor frchten, ist mir's doch
selber ein ganz eignes, unbehagliches Gefhl hier herzugehn -- es ist
fast, als ob man eine Richtsttte betrte.

Wohl ist es so, sagte Pastor Donner feierlich und mit halb unterdrckter
Stimme, als ob er selber sich scheue, an diesem Orte laut zu sprechen.
Aber wir wollen hier nicht stehen bleiben; die Leute dort hinten
murmeln schon miteinander, und glauben sonst, da wir selber uns
frchten, das Haus zu betreten.

Aber was sollen wir darin? sagte der Schultze ausweichend, und es lag
ihm wirklich Nichts daran, dort hineinzugehen, 'was Lebendiges hlt
sich hier oben nicht auf, sonst htte der scheue Rabe da nicht im Baum
gesessen, und an Gespenster glauben wir doch alle Beide nicht.

Ich bin einmal oben, sagte der Geistliche mit seinen eigenen Gedanken
beschftigt, denn vor seinen Augen schwebte in diesem Augenblick die
Scene auf dem Amerikanischen Dampfboot, die ihm in einem frheren Briefe
der Sohn beschrieben, und mchte auch das Innere des Hauses sehn, das
ich seit jenem Tag, wo wir die armen, halb verhungerten Kinder hier oben
abholten, nicht betreten.

Langsam schritt er, von dem Schultzen nur widerstrebend gefolgt,
der Thre zu, schob diese noch etwas weiter auf, mehr Licht und Luft
hineinzulassen, und betrat, durch den schmalen dunklen Gang gehend,
die frhere Stube des schwarzen Steffen. Dort aber schrak er selber
einen Schritt zurck, denn auf dem Boden vor ihm lag ausgestreckt und
regungslos eine menschliche, weibliche Gestalt.

Was giebt's? -- was ist? rief der Schultze, der den unwillkrlich
ausgestoenen Ruf des Erstaunens gehrt, und auf der Stelle stehen
blieb, wo er gerade stand, whrend sich eine Anzahl Burschen aus dem
Dorfe nher herandrngten, die Frauen und Mdchen aber noch scheuer
zurckwichen, und sich schon halb zur Flucht wandten.

Pastor Donner winkte aber dem Schultzen langsam und traurig nher zu
kommen, und als dieser die Schwelle betrat, deutete er nieder auf den
vor ihm ausgestreckten Krper der Unglcklichen, die Gram und Reue, und
der nagende Wurm im Herzen wieder herber, zurckgetrieben hatte durch
das weite, wilde Land, ber das weite Meer, an dem Ort, wo sie so
furchtbar sich vergangen -- _zu sterben_.

Jetzt rasteten die blutigen, nackten Fe von der weiten Wanderschaft,
jetzt ruhte das arme Herz, das in Verzweiflung und Gram wohl manche
lange furchtbare Nacht _die_ Stunde hier herbeigesehnt, mit dem Kopf
auf den zerfallenen Kasten gesttzt, der dem jngsten Kind in frherer
Zeit zu seinem Bettchen gedient hatte, aus von seinem Leid und Weh. Der
Krper selber war abgefallen und mager, die Wangen hohl und dnn, aber
ein ruhiges, seliges Lcheln zog sich um die bleichen, kalten Lippen,
die der Tod fr immer geschlossen. Was sie verbt, was sie gesndigt,
sie hatte schwer gelitten -- hatte tief bereut, und wie, als ob die
Krfte ihr nur eben noch gehorcht, _die_ Stelle zu erreichen, war hier
der Tod, ein willkommener lieber Freund, zu ihr getreten, sie zu erlsen
von ihren Leid.

Neugierig und muthig gemacht, durch das Verweilen der beiden Mnner im
Haus, drngten die brigen Dorfbewohner jetzt auch nach und nach heran,
und der Ruf. die stolze Jule -- die stolze Jule liegt todt im Haus!
fllte den kleinen Raum bald mit einem Theil der Schaar, die jedoch die
Leiche immer noch scheu und furchtsam umstanden. ber ihr aber faltete
Pastor Donner die Hnde und sagte mit leiser, tiefbewegter Stimme:

Gott hat in seiner Vaterhuld sich Dein erbarmt, Du armes verirrtes Kind
-- Du hast schwer gesndigt -- schwer und furchtbar, aber auch viel, viel
gelitten, und Gram und Reue haben ihre Zge mit scharfen Furchen in Dein
Angesicht gegraben. Er sei Deiner armen Seele gndig!

Und seinen Hut abnehmend, welchem Beispiele rasch und scheu alle brigen
folgten, betete er still und brnstig ber der abgerufenen Snderin.




Capitel 10.

Der rothe Drachen bei Heilingen.

Schlu.


Im rothen Drachen bei Heilingen herrschte heute ein reges, geschftiges
Leben; Kellner liefen und strzten durcheinander hin, Tische wurden
gerckt, Sthle getragen, Tischtcher ausgebreitet, und Krbe mit Flaschen
und Getrnken angeschleppt, als ob ein Regiment damit versorgt werden
sollte. Im Garten, der mit einer Masse Krnze und Blumen und Guirlanden
geschmckt war, standen noch einzelne Arbeiter, die mit frischem Sand
bestreuten Gnge von den hineingefallenen Blttern und Zweigen des
Ausschmucks zu reinigen, und unter einem kleinen, erst krzlich
aufgeschlagenen und ganz mit frischen Blumen besteckten und behangenen
Zelt, lagen eine Reihe breitbauchiger Bierfsser mit eingesteckten
geflligen Hhnen, nur der Hand harrend, die sie aufdrehen wrde, ihr
schumendes, krftiges Na zu spenden.

Den Pfad herunter, der von Zurschtel niederfhrte, kam ein Bettler an
einer Krcke daher gehinkt. Es war sonst eine breitschultrige, krftige
Gestalt, aber mit eingefallenen Backen und hohlliegenden Augen, das
linke Bein ziemlich dick in alte zerlumpte Tcher und Lappen eingeschlagen,
und die linke Seite seines Gesichts ebenfalls mit einen schmutzigen Tuch
verbunden.

Als er die Gartenthr erreichte, blieb er stehen, und sah hinein, betrat
aber den Garten selber nicht, und schaute still und aufmerksam nach dem
Haus hinber.

Den breiten Gang herunter, der von der Guirlanden geschmckten Hausthr
in gerader Linie nach dem Thore zu fhrte, schritt der Eigenthmer des
Grundstcks, Herr Kaspar Helker, nach seinen Arbeitern zu sehn. In die
Nhe des Bettlers gekommen, zog dieser den Hut ab, und sagte mit
bittender Hflichkeit:

Wren Sie wohl so gut, lieber Herr, mir zu sagen was heute hier los ist
im rothen Drachen, mit all den Krnzen und Blumen, und welches Fest Sie
feiern?

Ja wohl Freund, sagte Herr Kaspar Helker, den armen zerlumpten Teufel
dabei mit aufmerksamem, vielleicht nicht besonders befriedigtem Blick
betrachtend, Herr von Hopfgarten feiert heute seine Vermhlung mit des
reichen Dollinger jngster Tochter, die frher, ich wei nicht, ob Ihr
die Geschichte kennt, an einen, jetzt gestorbenen, Amerikaner verheirathet
war.

Herr von Hopfgarten -- hm -- Herr von Hopfgarten -- der Name ist mir doch
gar bekannt; stammt er von hier?

Nein, aus dem Mecklenburgischen. -- Kommt Ihr weit her? -- Ihr seht mde
und krank aus.

Sehr weit -- bin aber wohl mehr hungrig und durstig, wie krank, sagte
der Mann, mit einem scheuen Blick nach den Brod- und Kuchenkrben
hinber.

So kommt herein und et und trinkt, lud ihn der Wirth freundlich ein,
und Ihr habt _mir_ nicht einmal dafr zu danken, setzte er rasch
hinzu; Herr von Hopfgarten hat strengen Befehl gegeben, Niemand heute,
wer es auch sei, ungespeist von dannen zu lassen. Es ist frei Bier und
Essen hier im Haus.

Hm, da bin ich gerade zur rechten Zeit gekommen, sagte der Mann, immer
aber noch zgernd den Garten zu betreten.

So kommt herein und setzt Euch gleich dort in eine von jenen kleinen
Lauben, sagte der Wirth; die werden heute nicht benutzt und Ihr -- Ihr
seht eben nicht appetitlich genug aus zwischen den andern Gsten zu
sitzen. Es soll Euch aber an Nichts fehlen, fgte er rasch hinzu, heh
Wilhelm! besorgen Sie mir einmal fr den Alten dort in die Laube ein
Mittagsessen und Bier.

Bier kann ich nicht gut vertragen -- wenigstens nicht gleich auf den
leeren Magen hinein -- gben Sie mir einen Schnaps vorher?

Auch den sollt Ihr haben -- heh Wilhelm -- ein Glas Kmmel -- aber ein
groes Glas, und dann drft Ihr ihm Bier geben, was er trinken will.

Danke, sagte der Bettler, und hinkte an seiner Krcke in den Garten
hinein. An der Schwelle blieb er noch einmal stehn, und warf einen
scheuen Blick nach rechts und links, und wandte sich dann der kleinen
Laube zu, in deren Schatten er verschwand.

Dort kommen die Wagen! rief da Einer der Kellner, der vor die Thr
getreten war, den Weg hinunter zu sehen, hierher, Herr Helker -- sie
kommen!

Der Wirth sprang mit seinem Kellner der Thr zu, die Gste zu empfangen,
und die Wagen rasselten unter dem frhlichen Schmettern der Posthrner
lustig die Strae herunter.

In dem vordersten sa Herr von Hopfgarten mit seiner jungen Frau, sein
gutmthiges Gesicht ordentlich verklrt, seine Augen blitzend in Wonne
und Seligkeit, und auch in Claras liebe Zge war das frohe, se Lcheln
zurckgekehrt, das ihrem Antlitz sonst einen so unwiderstehlichen Reiz
verliehen. Die dstere trbe Zeit lag hinter ihr, wie ein bser Traum,
und hell und freundlich glhte wieder das Sonnenlicht auf ihren Weg.

Den zweiten Wagen fllte die Dollingersche Familie, der alte Herr mit
Frau, Tochter und Schwiegersohn, denn auch Sophie war im vorigen Herbst
an einen reichen Gutsbesitzer, aber ebenfalls einen alten Bekannten
von uns, verheirathet worden. Herr Baron von Benkendroff nmlich hatte
sich nach seiner Rckkehr von Amerika zufllig einige Zeit in Heilingen
aufgehalten, dort die schne reiche Kaufmannstochter gesehn und kennen
gelernt, sich zu gleicher Zeit sterblich in sie verliebt und seine
Hochzeit, da ihn auch Sophie lieb gewonnen, gleich in demselben Monat
noch gefeiert.

In den anderen Kutschen, aber alle von mit Blumen geschmckten
Postillionen gefahren, saen die Hochzeitsgste aus der Stadt, bunt
gemischte, aber frhliche Menschen, und unter ihnen das gutmthige
Gesicht unseres alten Freundes Kellmann, neben der scharfgeschnittenen
aber heute ebenfalls zufrieden lchelnden Physiognomie seines
unzertrennlichen Gesellschafters, des Apotheker Schollfeld.

An der Gartenthr von dem Wirth und einer Schaar geschftiger Kellner
empfangen, stiegen die jungen Eheleute aus, und begrten hier zuerst
ihre Gste, und whrend das, hinter einer knstlichen Blumenhecke
aufgestellte Militair-Musikchor -- eine berraschung Kellmanns
-- pltzlich mit schmetternden Trompeten in Mendelsohns herrlichen
Hochzeitsmarsch des Sommernachtstraums einfiel, und dem kleinen
glcklichen Hopfgarten vor Rhrung auf einmal die groen hellen Thrnen
in die Augen traten, setzte sich der Zug in Bewegung, dem Hause zu.

Das Mahl ging vorber, wie derartige Mahlzeiten gewhnlich thun; eine
Menge Toaste wurden ausgebracht, und die glcklichen Menschen jubelten,
lachten und erzhlten bis spt am Nachmittag, wo der Kaffee im Garten
selber servirt werden sollte, und die Gste dann zusammen in das
Dollingersche Haus eingeladen waren, wo Herr Dollinger einen kleinen
Ball fr den Abend arrangirt hatte.

Im Garten, bei lustig tnenden Fanfaren, bildeten sich dann kleine
Gruppen, und Benkendroff, Kellmann und Schollfeld hatten sich nchst
dem Thor auf dem kleinen Vorbau, wo sie die wundervolle Aussicht nach
dem grnen herrlichen Thal und den fernen Bergen genieen konnten,
zusammengefunden ihre Cigarre zu rauchen. Nach einer Weile fand sich
auch Hopfgarten zu ihnen, sie zu bitten, sich bereit zu halten, da die
Wagen bald wieder vorfahren wrden.

Wer uns das damals gesagt htte, Hopfgarten, rief Benkendroff, seine
Hand lchelnd auf des Freundes Schulter legend, als wir auf der
Haidschnucke zusammen Whist spielten, oder selbst als wir in New-Orleans
von einander Abschied nahmen, da wir _heute_ hier _so_ zusammenstehen
wrden.

Dem wr' ich schon damals vor Freude um den Hals gefallen, Benkendroff,
sagte der kleine Mann mit leuchtenden Augen.

Es ist eine merkwrdige, mir aber hchst interessante Thatsache, rief
da Herr Schollfeld, sich die Hnde reibend, da _die_ Menschen, die
einmal in Amerika _gewesen_, und glcklich wieder, ein sehr seltener
Fall, zurckgekommen sind, sich am wohlsten fhlen. Und trotzdem, trotz
allen schlagenden Beweisen, will sich dieses unglckselige Menschenkind,
dieser frhere Krschnermeister hier, nicht warnen lassen, sondern
ebenfalls mit einem Leichtsinn, den man kaum einem jungen Menschen von
achtzehn Jahren verzeihen wrde, hinber nach diesem gottvergessenen
Lande der Freiheit ziehn, und _das_ nennt er _sich zu Ruhe setzen_. Es
wre mehr Verstand darin, wenn er hier Nachtwchter oder Brieftrger
wrde.

Aber bester Herr Schollfeld, sagte Hopfgarten, Sie wissen ja, da
er um seine jetzige Braut erst _dort_ angehalten hat, und von Frulein
Lobenstein doch nicht verlangen kann herber _zu ihm_ zu kommen; er mu
sie doch wenigstens _abholen_.

Ich will auch noch gar nicht verschwren, da ich drben _bleibe_,
sagte Kellmann ruhig, mir aber jedenfalls die Verhltnisse dort
ordentlich ansehn. Meines knftigen Schwagers, Georg Donners, Beschreibung
des dortigen Landes lautet keineswegs entmuthigend; von anderer Seite
habe ich ebenfalls recht gute Berichte ber das wirkliche Farmerleben
gehrt, und kann ich mir dort mit meinem Capital, und von dem Rath
meiner guten Freunde untersttzt, eine ruhige, _glckliche_ Stellung
grnden, warum nicht? -- Freund Schollfeld mssen Sie aber viel zu gut
halten, mein lieber Herr von Hopfgarten; er ist als ein Antiamerikaner
hier schon bekannt.

Und hab' ich nicht recht? rief dieser hitzig, hatt' ich nicht recht
auch mit jenem lebendigen Loblied Amerikas, jenem Weigel, der
Betrgereien halber landesflchtig werden mute.

Das war ein einzelner Lump und kann nicht als Maasstab gelten, sagte
Kellmann.

Lassen Sie das gut sein, nahm Benkendroff hier des Apothekers Parthie,
Herr Schollfeld hat sehr gediegene und vernnftige Ansichten ber
Amerika, und Sie werden mir zugeben, da _ich_ ebenfalls im Stande bin
ein Urtheil darber zu fllen; ich kenne das Land aus Erfahrung, aus
eigener, persnlicher Anschauung.

Hopfgarten wechselte mit Kellmann einen gutmthig lchelnden Blick, und
sagte, sich an diesen wendend:

Wie kommt es nur, da Sie Frulein Lobenstein, wenn Sie dieselbe schon
so lange geliebt haben, von hier fortziehen lieen, ohne ihr Ihr Herz zu
ffnen?

Weil es ein wahnsinnig, unnatrlich verschmter Krschnermeister war,
rief Schollfeld, die Antwort fr seinen Freund aufnehmend, wie
Lobensteins hier fort waren, ging er herum wie ein begossener Pudel,
sprach mit Niemandem, trank nicht mehr, schnitt ein Gesicht, als ob er
pfelwein getrunken htte, und wollte keinem Menschen Rede stehn, beinah
zwei Jahre lang. Endlich bekam ich's heraus, und da gestand er mir, da
er -- sehn Sie sich den Menschen einmal an -- _keine Courage htte_ den
Schritt zu wagen, obgleich er selber fast hoffe, Anna Lobenstein sei
ihm nicht ganz abgeneigt. Da hrt denn doch Alles auf. Na ich nahm ihn
dann ordentlich in's Gebet, schon meiner selbst willen, denn es ist ja
langweilig mit einem solchen verliebten Kopfhnger umgehn zu mssen.
Er lie sich auch endlich berzeugen, und ist mir nachher, wie er den
Zusagebrief erhielt, um den Hals gefallen, und hat mich sein liebes
Schollfeldchen genannt -- und so ein Mensch will nach Amerika.

Die Mnner lachten ber Schollfelds komischen Eifer und Hopfgarten
sagte, noch immer lchelnd. Sie reden gerade als ob Amerika ein
_Unglck_ wre.

Ist es auch, rief Schollfeld hitzig, ist es auch, und der arme Teufel,
der Ledermann, sonst so ein netter, rechtschaffener Kerl, wute wohl,
was er that. _Der_ htte auch nach Amerika gehn knnen, aber was ich
ihm darber die ganze Zeit vorgepredigt, hatte gute Frchte getragen;
er sprang lieber in's Wasser, Ruh zu haben, ehe er solch verzweifelten
Schritt that. Ist mir brigens doch Leid um ihn, und ich htte ihm etwas
Besseres gewnscht -- das verfluchte Spiel.

Seine Frau ist noch in Heilingen? sagte Hopfgarten.

Ja, sagte Schollfeld mrrisch, will aber wirklich dieses Frhjahr mit
ihrem Bruder auswandern. Das ist auch so ein Lump, hat zweimal Bankerott
gemacht, und nun natrlich nichts Gescheuteres zu thun, als da er nach
Amerika geht. Solche Leute gehren auch dorthin, aber vernnftige und
rechtschaffene Menschen sollten besser wissen, was sie sich und ihren
Familien schuldig wren.

Apropos, lieber Kellmann, sagte Hopfgarten da pltzlich an diesen
gewandt, erinnern Sie mich doch daran; ehe Sie fortgehn, mchte ich
Ihnen noch ein paar Zeilen an einen sehr lieben Freund von mir, einen
Herrn _Fortmann_ in New-Orleans, mitgeben; er kann Ihnen dort von Nutzen
sein.

Ich danke Ihnen, ich werde es nicht vergessen -- Sie haben ja wohl
heute Briefe von dort bekommen?

Ja -- eben von Fortmann. Das wird Sie auch interessiren; Sie wissen
doch, da der arme, unglckliche Loenwerder eine Schwester hatte?

Lieber Gott, sagte Kellmann, hinauf auf die Strae deutend, an
_dieser_ Stelle trafen wir das arme Kind, Ledermann und ich, an jenem
Abend, wo sie hier allein und zu Fu in die Stadt kam, und noch keine
Ahnung von der furchtbaren Nachricht hatte, die ihrer wartete. Es geht
ihr gut jetzt, wie Sie uns schon frher sagten.

Besser jetzt wenigstens wieder -- Fortmann schreibt mir eben, da auer
der bei dem Raubanfall erlittenen Mishandlung Schreck und Aufregung sie
so ergriffen htten, sie lange Monate an ihr Lager zu fesseln. Hamann
hat auch deshalb besonders sein Geschft aufgegeben, und sich weiter den
Strom hinauf in ein gesnderes Klima gezogen. Der Nachla seines Vaters
ergab brigens, wie es scheint, ganz unerwarteter Weise, ein gar nicht
geahntes, hchst bedeutendes Vermgen, das der alte Geizhals von dem
Schwei und Blut armer Auswanderer zusammengescharrt. An Aktien und
Papieren, Geld und Juwelen, ganze Sle voll Leinwand und anderen Sachen
gar nicht gerechnet, fanden sich weit ber hunderttausend Dollar. Der
junge Hamann ist aber ein braver, rechtschaffener Kerl, der gern wieder,
wenigstens einen Theil dessen gut machen mchte, was sein Vater schlecht
gemacht, und Fortmann schreibt mir eben, da er, besonders von seiner
Frau dazu angeregt der Stadt New-Orleans die volle Hlfte des ganzen
Vermgens zur Verfgung gestellt habe, wenn sie das andere Geld zuschieen
und ein groes Auswanderungshaus, das unter stdtischer Aufsicht steht,
grnden wolle, wo der Einwanderer vor Betrug sicher sei, und der arme
hlfsbedrftige Arbeiter auf eine gewisse Zeit, seinen ersten Aufenthalt
zu decken, selbst unentgeldlich Obdach und Nahrung fnde. Wenn es zu
Stande kme, wre es ein Segen fr Tausende, und New-Orleans, als
Theil der Staaten, erfllte damit nur eine schon lngst schwer auf ihm
gelegene Pflicht der Hafenstdte, Tausende von Unglcklichen, die nach
Amerika kamen, dem Lande ihre Krfte zu weihen, vor Verderben und
Untergang, wenigstens vor grenzenloser Noth zu bewahren. Gott gebe
seinen Segen dazu.

Wie wunderbar doch Gottes Wege sind, sagte Kellmann, langsam mit dem
Kopf dazu schttelnd; das arme Kind, das wenige Jahre frher, ohne
einen Groschen, seine Nachtherberge zu zahlen, barfu hier die Strae
wanderte, verfgt jetzt ber Tausende, und sucht Schmerz und Elend zu
lindern, das sie selber ja so schwer aus ihrem eigenen Leben kennt.

Da kommen die Damen, sagte von Benkendroff, der sich fr die Leute
nicht im mindesten interessirte, und indessen langsam seinen Kaffee
getrunken und seine Cigarre geraucht hatte, Schwiegermama scheint
aufbrechen zu wollen, die Anordnungen zum Ball zu revidiren. Dort
rasseln auch schon die Wagen heran, rief er seine Cigarre wegwerfend,
also meine Herren, auf Wiedersehn heute Abend.

Die Kutschen kamen jetzt, unter dem frhlichen Hrnerschmettern des
Postillions, um die Gartenwand gefahren und die erste hielt vor dem
Thor, in die Hopfgarten wieder, als Ehrenpaar den Zug anzufhren, seine
junge, lchelnde Frau hineinhob, und dann Platz an ihrer Seite nahm.
Langsam fuhr dann der Postillion voraus, bis smmtliche Gste ihre Sitze
eingenommen hatten, und der ganze Zug unter dem Hurrahgeschrei der
smmtlichen Dorfbewohnerschaft, der ebenfalls fr den Abend hier drauen
ein Fest bereitet worden, rasch die Strae nach Heilingen hinabrollte.

Der Wirth hatte seine innigsten Glckwnsche smmtlich angebracht, und
seine tiefen und freundlichen Bcklinge noch gemacht, bis der letzte
Wagen schon lange sein Grundstck passirt war, drehte sich dann mit
demselben freundlichen Gesicht um, gab einem der in die Lehre genommenen
jungen Kellner, der mit offenem Maule neben ihm stand, eine Ohrfeige,
und schickte den darber auf's uerste Erstaunten an seine Arbeit, und
lief selber in das Haus zurck, das Wegrumen der nicht getrunkenen
Weine zu berwachen.

Nur der Oberkellner blieb, sich vergngt die Hnde reibend, und mit
schmunzelnden, ein vortreffliches Trinkgeld verrathendem Antlitz noch
einen Augenblick in der Thre stehn, bis auch die letzte Staubwolke auf
der Strae verschwunden war, und wandte sich eben, seinem Principal zu
folgen, als der alte Bettler, der bis dahin vollkommen unbeachtet in
der dichten Laube gesessen hatte, daraus hervor und auf ihn zu hinkte,
den Garten zu verlassen.

Nun, Alter, hat's geschmeckt? sagte der Oberkellner mit einem
huldvollen Lcheln ihm zunickend -- seid Ihr satt geworden?

Vollkommen, Gott lohn' es Ihnen! seufzte der Mann und strich sich mit
der Hand ber das Gesicht -- aber eine Frage htt' ich noch, die Sie
mir wohl beantworten knnen. Jener Herr von Hopfgarten --

Ja? frug der Kellner, die Augen fest zusammenpressend, und sich wieder
aus Leibeskrften die Hnde reibend -- der eben fortfuhr?

Ja, derselbe -- war der Herr auch schon einmal in Amerika?

Der? -- nun ja, gewi; auf der Hinreise hat er ja seine jetzige Frau,
die frhere Madame Henkel kennen lernen.

Hm -- ja _Henkel_, wiederholte der Mann leise vor sich hin.

Dort hat er auch, fuhr der Kellner, seinem Ideenlauf folgend, der ihn
besonders interessiren mochte, fort -- den frheren Wirth hier vom
rothen Drachen, den Lobsich, gefunden, der in Milwaukie ebenfalls einen
rothen Drachen errichtet hat. Bei Tisch erzhlte er uns die Geschichte
-- hahahahaha -- es war zu komisch. Na adieu Alter -- glcklichen
Marsch, und den Mann in der Thre stehn lassend, ging er vor allen
Dingen in die Laube, wo jener gesessen, zu sehn, ob er auch weder Messer
noch Gabel mitgenommen und scho dann, wieder wie vorher die Hnde
reibend, als ob er sie in Feuer bringen wollte, nach dem Speisesaal
hinber.

Der Bettler drehte sich langsam ab von ihm.

'S ist mir doch 'was Unbedeutendes! flsterte er leise und tief
aufseufzend vor sich hin, und hinkte, whrend ihm eine groe Thrne ber
die eine offene Backe hinunter und in das Tuch lief, dem nicht mehr
fernen Heilingen zu.




FUSSNOTEN -- FOOTNOTES


 1: In Arkansas kann und darf kein Ansiedler wegen irgend welcher
    Schulden gepfndet werden, wenn er nicht mehr hat, als ihm das
    Gesetz an Eigenthum gestattet und fr seine Existenz fr nthig
    hlt. Seine Wohnung, sein Bett, seine Bchse, sein Ackergerth,
    sein Pferd und zwei Khe drfen nicht angerhrt werden, und
    so gerecht und wohlthtig das Gesetz auch sein mag, lt sich
    denken da es manchmal gemibraucht wird, indem der Farmer sein
    berzhliges Vieh nur auf kurze Zeit zu verleugnen und einem
    andern Nachbar zuzusprechen braucht.

 2: Ich frug einst in Arkansas die Frau, in deren Hause ich wohnte, eine
    geborene Irlnderin und sonst ganz vernnftige, brave Matrone, die
    ebenfalls dieser Sekte angehrte, ohne jedoch selber jemals vom
    Geiste befallen zu werden, ob sie denn wirklich glaube, da die
    in solchen Zustand verfallenden Menschen etwas Derartiges ohne
    ihren freien Willen, ohne jede Absicht thten, und also wirklich
    begeistert wrden? -- worauf sie mir antwortete: Ja! -- ich habe
    auch frher geglaubt, die Menschen verstellten sich, wenn ich mir
    auch den Schaum auf den Lippen nicht erklren konnte; ich dachte
    aber doch, der _Wille_ des Menschen vermchte auch die zu
    bewirken, und so sehr mich die Religion der Methodisten erfate
    und zu sich hinzog, so sehr schreckte mich diese Begeisterung, die
    ich fr Heuchelei hielt, zurck. Da kam ich eines Abends auch aus
    einer solchen Versammlung zu Hause, und war recht traurig, uneinig
    mit mir selber; ich wute nicht was ich thun, was lassen sollte,
    und bat den lieben Gott noch unterwegs recht inbrnstig, er solle
    mir ein Zeichen geben. Als ich mein Haus betrat hrte ich ein
    Flattern und mit den Flgeln Schlagen; ich hatte ein paar kleine
    zierlich gefleckte Hennen, die oft zu mir ins Haus (das Zimmer
    ist in Arkansas gewhnlich gleich das ganze Haus) kamen, und die
    Brosamen aufsuchten. Ich sah mich danach um, und fand das eine von
    den beiden Hhnern unter dem Bett, anscheinend in Krmpfen, mit
    den Flgeln schlagend, mit den Beinen strampelnd, die Augen
    verdrehend, gerade wie ich die Bewegungen bei den Begeisterten
    gesehen hatte, und -- es gab mir ordentlich einen Stich in's Herz
    -- mit Schaum am Schnabel. _Da_ war ich berzeugt; das Huhn -- ob
    sich die Menschen verstellten -- das Huhn verstellte sich _nicht_;
    _das_ war Natur; der Zustand _war_ also natrlich, er existirte,
    und von dem Augenblick an beschlo ich zu dieser Sekte
    berzutreten.

 3: Das Prairiehuhn ist ein Mittelding etwa zwischen dem wilden Truthahn
    und Rebhuhn; es erreicht die Gre eines gewhnlichen Haushuhns, hat
    aber einen ziemlich langen Hals und befiederte Stender, den kurzen,
    niedergekehrten Schwanz aber vom Rebhuhn. Das Fleisch ist nicht
    besonders, ziemlich dunkel und leicht zh; nur die Brust ist gut,
    doch trocken zu essen. Sie finden sich in ungeheueren Mengen ber
    die ganzen Prairieen von Illinois, und schaaren sich im Winter
    besonders zu Vlkern von vielen hunderten zusammen. Aufgescheucht
    gehen sie aber ziemlich weit, ehe sie wieder einfallen, und
    verlangen einen tchtigen Schu und schweren Schroth, erlegt zu
    werden.

 4: Zweites Frhstck

 5: Sie sind mein Gefangener.

 6: Fertig fr die Hlle!




TRANSCRIBER'S NOTE -- ZUR KENNTNISNAHME

The original text is printed in Fraktur type, with Roman type being
used for foreign terms or quotations. The symbol # has been used to
highlight these in this plain text version.

Das Original wurde in Fraktur gedruckt, whrend Antiqua fr
fremdsprachliche Ausdrcke und Zitate diente. Diese wurden in
dieser Textfassung mit dem Symbol # hervorgehoben.

Contemporary spellings have generally been retained even when
inconsistent. A small number of obvious typographical errors have been
corrected and some names regularised; missing punctuation has been
silently added.

Zeitgenssische Schreibungen wurden generell beibehalten, auch wenn
gelegentlich mehrere Variaten auftauchen. Einige wenige orthografische
Fehler wurden korrigiert und Namen vereinheitlicht; fehlende
Zeichensetzung wurde ergnzt.

The following additional change has been made:

Die folgende zustzliche nderung wurde vorgenommen:

 das junge, ngstlich umherschauende   das junge, ngstlich umherschauende
 und ihrem Glck noch immer nicht      und _seinem_ Glck noch immer
 trauende Mdchen                      nicht trauende Mdchen



***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK NACH AMERIKA! SECHSTER BAND***


******* This file should be named 30289-8.txt or 30289-8.zip *******


This and all associated files of various formats will be found in:
http://www.gutenberg.org/dirs/3/0/2/8/30289



Updated editions will replace the previous one--the old editions
will be renamed.

Creating the works from public domain print editions means that no
one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
(and you!) can copy and distribute it in the United States without
permission and without paying copyright royalties.  Special rules,
set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark.  Project
Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
charge for the eBooks, unless you receive specific permission.  If you
do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
rules is very easy.  You may use this eBook for nearly any purpose
such as creation of derivative works, reports, performances and
research.  They may be modified and printed and given away--you may do
practically ANYTHING with public domain eBooks.  Redistribution is
subject to the trademark license, especially commercial
redistribution.



*** START: FULL LICENSE ***

THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK

To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
distribution of electronic works, by using or distributing this work
(or any other work associated in any way with the phrase "Project
Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
Gutenberg-tm License (available with this file or online at
http://www.gutenberg.org/license).


Section 1.  General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
electronic works

1.A.  By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
and accept all the terms of this license and intellectual property
(trademark/copyright) agreement.  If you do not agree to abide by all
the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.

1.B.  "Project Gutenberg" is a registered trademark.  It may only be
used on or associated in any way with an electronic work by people who
agree to be bound by the terms of this agreement.  There are a few
things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
even without complying with the full terms of this agreement.  See
paragraph 1.C below.  There are a lot of things you can do with Project
Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
works.  See paragraph 1.E below.

1.C.  The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
Gutenberg-tm electronic works.  Nearly all the individual works in the
collection are in the public domain in the United States.  If an
individual work is in the public domain in the United States and you are
located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
are removed.  Of course, we hope that you will support the Project
Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
the work.  You can easily comply with the terms of this agreement by
keeping this work in the same format with its attached full Project
Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.

1.D.  The copyright laws of the place where you are located also govern
what you can do with this work.  Copyright laws in most countries are in
a constant state of change.  If you are outside the United States, check
the laws of your country in addition to the terms of this agreement
before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
creating derivative works based on this work or any other Project
Gutenberg-tm work.  The Foundation makes no representations concerning
the copyright status of any work in any country outside the United
States.

1.E.  Unless you have removed all references to Project Gutenberg:

1.E.1.  The following sentence, with active links to, or other immediate
access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
copied or distributed:

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org

1.E.2.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
and distributed to anyone in the United States without paying any fees
or charges.  If you are redistributing or providing access to a work
with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
1.E.9.

1.E.3.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
with the permission of the copyright holder, your use and distribution
must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
terms imposed by the copyright holder.  Additional terms will be linked
to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
permission of the copyright holder found at the beginning of this work.

1.E.4.  Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
License terms from this work, or any files containing a part of this
work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.

1.E.5.  Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
electronic work, or any part of this electronic work, without
prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
active links or immediate access to the full terms of the Project
Gutenberg-tm License.

1.E.6.  You may convert to and distribute this work in any binary,
compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
word processing or hypertext form.  However, if you provide access to or
distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
form.  Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
License as specified in paragraph 1.E.1.

1.E.7.  Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.8.  You may charge a reasonable fee for copies of or providing
access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
that

- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
     the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
     you already use to calculate your applicable taxes.  The fee is
     owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
     has agreed to donate royalties under this paragraph to the
     Project Gutenberg Literary Archive Foundation.  Royalty payments
     must be paid within 60 days following each date on which you
     prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
     returns.  Royalty payments should be clearly marked as such and
     sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
     address specified in Section 4, "Information about donations to
     the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."

- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
     you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
     does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
     License.  You must require such a user to return or
     destroy all copies of the works possessed in a physical medium
     and discontinue all use of and all access to other copies of
     Project Gutenberg-tm works.

- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
     money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
     electronic work is discovered and reported to you within 90 days
     of receipt of the work.

- You comply with all other terms of this agreement for free
     distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
your equipment.

1.F.2.  LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees.  YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH F3.  YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

1.F.3.  LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
written explanation to the person you received the work from.  If you
received the work on a physical medium, you must return the medium with
your written explanation.  The person or entity that provided you with
the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
refund.  If you received the work electronically, the person or entity
providing it to you may choose to give you a second opportunity to
receive the work electronically in lieu of a refund.  If the second copy
is also defective, you may demand a refund in writing without further
opportunities to fix the problem.

1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
the applicable state law.  The invalidity or unenforceability of any
provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://www.gutenberg.org/about/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://www.gutenberg.org/fundraising/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit:
http://www.gutenberg.org/fundraising/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.

