The Project Gutenberg EBook of Auf Gottes Wegen, by Bjrnstjerne Bjrnson

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Title: Auf Gottes Wegen

Author: Bjrnstjerne Bjrnson

Editor: Julius Elias

Release Date: November 11, 2006 [EBook #19760]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUF GOTTES WEGEN ***




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ANMERKUNGEN ZUR TRANSKRIPTION

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BJRNSTJERNE BJRNSON

AUF GOTTES WEGEN

ROMAN

       *       *       *       *       *

S. FISCHER, VERLAG, BERLIN

1911

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Alle Rechte vorbehalten

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AUF GOTTES WEGEN

ROMAN




Inhaltsverzeichnis



Schultage 6

Jugend 56

Mannesalter 126



Meinem besten Freunde,

dem Staatsrat Frederik Hegel,

zur Erinnerung

       *       *       *       *       *

Aulestad, 11. September 1889.

    Nie warst Du hier; doch fast bestndig
    Auf Schritt und Tritt begegn' ich Dir.
    Es ist kein Weg, kein Zimmer hier,
    Wo Dein Gedchtnis nicht lebendig
    Und mich umhegt seit jenen Jahren,
    Da Deine Treue, Deine Tat
    In meinem Kampf mir Heimat waren.

    Wie oft, als ich dies Buch geschrieben,
    Sah mir Dein warmes Auge zu;
    Da waren eins wir, ich und Du
    Und das, was still zum Licht getrieben.
    Weil drum im Buch sich vielfach spiegelt
    Dein frischer Glaub' und echter Sinn, --
    Mit Deinem Namen sei's besiegelt.




Schultage


1

Im Tauwetter, auf der Felsenkuppe nach der See zu, stand im letzten
Sonnenglanz ein vierzehnjhriger Junge, ganz in sich versunken. Er
blickte gen Westen bers Meer hinaus, er blickte gen Osten, auf die
Stadt, den Strand, die mchtigen Berge, hinter denen noch hhere
Felsengipfel emporragten. Alles in klarer Luft.

Der Sturm hatte lange und furchtbarer gewtet, als die ltesten Leute
sich entsinnen konnten. Trotz der neuen Mole hatten sich Schiffe im
Hafen losgerissen und waren untergegangen. Der Telegraph meldete von
Schiffbrchen die Kste entlang; in der ganzen Umgegend gab es nichts
als zerrissene Netze, fortgeschwemmte Fischreusen, verschwundene
Bootstege. Und immer noch hatten die Leute Angst, das Schlimmste komme
noch erst.

Jetzt endlich -- seit ein paar Stunden -- war es vorber; der Sturm
hatte sich gelegt, die Windste, die ruckweise aufeinander gefolgt
waren, hrten auf; kaum noch ein letzter Nachhall war zu spren.

Nur das Meer wollte nicht gehorchen. Die Tiefen aufrhren und dann
einfach davonlaufen -- das geht doch nicht! Wellenzge, soweit das Auge
reichte, hher als haushoch, kamen in endlosen Reihen, mit schaumweien
Kronen und donnerndem Fall. ber Stadt und Strand hin drhnte ihr Tosen,
gewaltig, dumpfrollend, wie Bergrutsche in der Ferne.

Jedesmal, wenn die Wogen in voller Hhe gegen die Klippen strmten,
spritzte der Gischt meterhoch empor; von weitem sah es aus, wie wenn
weie Meeresungeheuer der alten Sagen hier ans Land emporzuklimmen
versuchten. Aber nur vereinzelte salzige Spritzer gelangten an ihr Ziel.
Sie brannten dem Knaben, der da stand, auf der Wange; doch er rhrte
sich nicht vom Fleck.

Gewhnlich sagten die Leute, nur der tollste Weststurm vermchte den
Wellenschaum so hoch emporzuschleudern; heute kam er bei stiller Luft.
Das hatte nur _einer_ erlebt; und das war der Junge!

Weit drauen im Westen verflossen Himmel und Meer in der Glut der
untertauchenden Sonne. Etwas wie ein goldenes Friedensreich breitete
sich da hinten aus. Alle die meerschwarzen, weikpfigen Wellen, die
sich, soweit der Blick reichte, von dort heranwlzten, waren vertriebene
Aufrhrer. Reihe auf Reihe kamen sie daher, unter millionenstimmigem
Protest.

Eben jetzt hatte der Farbenkontrast seinen Hhepunkt erreicht. Keine
Vermittelung mehr. Nicht der leiseste rote Schimmer drang mehr bis
herber. _Dort_ die warme Glut, _hier_ das kalte Schwarzblau
ber dem Meer und dem Schneemorast am Land. Was man hoch droben von der
Stadt sah, kroch in sich zusammen und ward immer kleiner mit jedem Male.
Der Junge wandte den Blick vom Meere landwrts. Und immer unruhiger
wurde er. Das kndete Unheil. Sollte wirklich noch mehr kommen? Seine
Phantasie war aufgeschreckt und, bernchtig wie er war, hatte er keine
Widerstandskraft.

Drauen die Pracht begann zu erlschen; alle Farben verblichen
gleichzeitig. Das Brllen von unten, wo die Ungeheuer heraufwollten,
klang strker; oder war er nur hellhriger geworden? Galt ihm das? Ihm?
Was hatte er denn wieder getan? Oder wrde er vielleicht bald irgend
etwas anstellen? Schon fter war diese unklare Angst eine bse
Vorbedeutung gewesen!

Nicht der Sturm allein hatte ihn geschreckt. Vor kurzem hatte ein
Laienprediger geweissagt, die Welt werde untergehen. Alle Anzeichen der
Bibel tten genau stimmen, und die Zahlen bei Jeremias und Daniel seien
nicht mehr zu mideuten. Der Prediger erregte solches Aufsehen, da die
Zeitungen sich der Sache bemchtigten und erklren muten, ganz dasselbe
sei schon unendlich oft prophezeit worden, und die Zahlen bei Jeremias
und Daniel htten _immer_ gestimmt. Aber als der Orkan losbrach,
entsetzlicher denn seit Menschengedenken, als Schiffe sich losrissen und
gegen die Brcken geschleudert wurden, zerschmettert und
zerschmetternd, und zumal als die Finsternis der Nacht das Erdreich
bedeckte, und smtliche Lichter in den Laternen erloschen ... als man
die Brandung blo noch hrte, ohne sie mehr zu sehen ... dazwischen
Kommandorufe, Getse, Gekreische, langgedehntes Jammergeschrei ... und
dabei in den Straen das Entsetzen, wenn ganze Dcher abgehoben wurden,
die Huser erbebten, Scheiben klirrten, Steine durch die Luft flogen,
Menschen flchteten, ferne Rufe die Angst erhhten ... ja, da gedachten
wohl manche der Worte des Laienpredigers: So helf uns Gott! Dies ist der
jngste Tag! Bald werden die Sterne fallen! Besonders die Kinder waren
in einer Todesangst. Die Eltern hatten keine Zeit, bei ihnen zu bleiben.
Denn noch in der letzten Stunde war man einigermaen im Zweifel, ob es
auch wirklich die letzte Stunde war, und nach alter Gewohnheit behielt
die Sorge um den irdischen Besitz doch die Oberhand. Man mute
verstecken und abschlieen und eilen, und nach dem Feuer sehen und an
allen Ecken und Enden sein. Den Kindern aber steckte man Gebet- und
Gesangbcher in die Hnde und hie sie lesen, was da von Erdbeben und
anderen Plagen und vom jngsten Tage stand; man schlug ihnen rasch die
Stellen auf und strzte davon. Als ob die Kinder jetzt htten lesen
knnen!

Sie verkrochen sich lieber im Bett und zogen die Decke ber den Kopf;
manche nahmen den Hund mit oder die Katze; sie fhlten sich geborgener
so; sie wollten zusammen sterben! Aber oft wollten Hund und Katze nicht
unter der Decke sterben, und dann setzte es einen Kampf.

Der Junge, der oben auf der hchsten Felsenkuppe stand, war vor Schreck
berhaupt rein von Sinnen gewesen. Aber er war einer von denen, die das
Entsetzen von einem Ort zum anderen hetzte, vom Haus auf die Strae, von
der Strae nach dem Hafen, vom Hafen wieder nach Hause. Nicht weniger
als dreimal war sein Vater hinter ihm her gewesen, hatte ihn
eingefangen, ja, smtliche Tren hinter ihm verrammelt; aber entwischt
war er doch. So etwas blieb doch sonst nicht unbestraft; kein Junge
wurde strenger gehalten und so reichlich mit Prgel bedacht wie Edvard
Kallem. Aber ein Gutes hatte der Sturm doch gehabt: Prgel setzte es
nicht in dieser Nacht.

Die Nacht verging, und noch standen die Sterne am Himmel; der Tag kam,
und die Sonne schien hell wie immer. Auch der Sturm ging vorber, und
mit ihm der letzte Rest von Angst.

Doch hat die Angst einmal ein Menschengemt so grenzenlos beherrscht, da
bleibt der Schrecken vor dem Schrecken zurck. Nicht allein in bsen
Trumen, nein, auch am Tage, wenn man sich am allersichersten whnt,
lauert sie in unserer Phantasie, um beim geringsten Auergewhnlichen
ber uns herzufallen, uns mit tckischen Augen und Nebelodem zu
verschlingen, uns bisweilen in den Wahnsinn zu treiben ...

Da stand der Knabe; es war ihm unbehaglich zu Mut in der sinkenden Sonne
und beim Toben der Brandung, --und da war auch schon die Hllenangst
wieder ber ihm; die Schrecken des jngsten Tages umbrausten ihn. Er
begriff nicht, wie er sich so gefhrlich weit hier herauf hatte wagen
knnen, und noch dazu allein! Wie gelhmt fhlte er sich; er wagte
nicht, den Fu zu heben --wer wei, ob er nicht beobachtet wurde;
Feindesmchte waren um ihn her. Er betete heimlich zu seiner
verstorbenen Mutter: wenn das wirklich das Ende sei, und die
Auferstehung sie befreie, so mge sie hier heraufkommen zu ihm; nicht zu
seiner Schwester --die hatte ja Rektors; er aber hatte niemand.

Doch alles blieb beim alten. Nur der Schimmer im Westen verblich, und im
Osten dunkelte es; der Geist der Klte schritt unerbittlich weiter und
wurde Alleinherrscher; das gab eine gleichmige Gre und die
Sicherheit der Einheit. Nach und nach schpfte Edvard wieder soviel Mut,
da er freier zu atmen wagte --erst versuchsweise, dann ganz tief, viele
Male. Jetzt fing er an, sich zu bewegen, leise, unmerklich und nicht
ohne Angst, da die Unsichtbaren hier oben Verdacht schpfen knnten, --
denn sie wollten ihn doch haben. Behutsam glitt er dem Abstieg zu und
fort vom Felshang. Keine Flucht, behte! Er wute gar nicht einmal, ob
er berhaupt gehen _wollte_; er wollte es nur versuchen, -- konnte ja
schlielich zurckkommen. Aber der Abstieg hier war nicht leicht und
mute eigentlich vor Einbruch der Dunkelheit gemacht werden; und es
wurde so furchtbar schnell dunkel jetzt. Wenn er nur so weit wre, da
er den Fuweg, der vom Fischerdorf drunten ber den Berg herauffhrte,
wieder erreicht htte, ja, dann war alle Gefahr berstanden; aber hier
-- nur vorsichtig, vorsichtig, ein ganz kleinwinziger Schritt, und noch
einer, und noch ein kleiner! Nur zum Versuch; er wrde schon
wiederkommen!

Doch kaum hatte er auf solche Art den obersten und schwierigsten Teil
der Kuppe zurckgelegt und fhlte sich sicher vor den Mchten da oben,
mit denen er feilschte, so schlug er ihnen auch grndlich ein
Schnippchen; in groen Stzen gings abwrts; wie ein Gummiball sprang er
von einem Felsvorsprung auf den andern, bis er pltzlich unten eine
Zipfelmtze auftauchen sah --so weit, weit unten, da er sie nur eben
erkennen konnte. Augenblicklich blieb er stehen. Seine Flucht, sein
ganzes Entsetzen, all das eben Erlebte war wie weggeblasen; nicht der
leiseste Gedanke mehr daran. Jetzt wollte _er_ Angst einjagen; auf _den_
dort hatte er schon die ganze Zeit gelauert! Bewegung, Augen, Haltung,
alles zeigte, wie er sich ber die Gewiheit freute, ihn nun bald in
Schuweite zu haben. _Der_ sollte es kriegen!

Der andere kam einhergeschlendert, ohne zu ahnen, welcher Gefahr er
entgegenging, langsam, als ob er seine Freiheit und Einsamkeit gensse;
bald hrte man seine schweren Stiefel, den Klang der eisenbeschlagenen
Abstze gegen die Steine.

Ein gutgewachsener Knabe, hellblond und vielleicht ein Jahr lter als
der andere, der ihm auflauerte; mit einem losen Friesanzug bekleidet,
einen wollenen Schal um den Hals, und groe Fausthandschuhe an den
Hnden; er trug einen lndlichen Korb -- blaugemalt, mit gelb-weien
Rosen.

Ein groes Geheimnis ging endlich seiner Offenbarung entgegen; seit
Tagen war die ganze Schule darauf gespannt gewesen, wie, wo und mit wem
der Zusammensto erfolgen werde, der jetzt drohte, wann der feierliche
Moment der Abrechnung komme, in dem Ole Tuft vor einem Mitglied der
gestrengen Schulpolizei endlich eingestehen mute, wo er sich
nachmittags und abends herumtrieb und was er da anstellte.

Ole Tuft war der Sohn eines wohlhabenden Bauern vom Strande drauen --
das einzige Kind. Sein Vater, der vor einem Jahr gestorben, war der
angesehenste Laienprediger der westlichen Lande gewesen und hatte schon
frhzeitig seinen Sohn zum Geistlichen bestimmt, weshalb dieser jetzt
das Gymnasium besuchte. Ole war begabt, fleiig und seinen Lehrern
gegenber von einer Ehrerbietung, die ihn zu ihrem erklrten Liebling
machte.

Aber die Haare allein machen noch nicht den Hund (trau', schau', wem?).
Dieser treuherzige, hchst ehrerbietige Junge blieb pltzlich den
Nachmittagsspielen der Kameraden fern; zu Hause war er nicht (er wohnte
bei einer Tante); bei Schultzes, wo er den Kindern Nachhilfstunde gab,
war er auch nicht -- das erledigte er gleich nach Tisch; auch nicht bei
Rektors, d. h. bei Rektors Pflegetochter, Josefine Kallem, Edvards
Schwester; Ole und sie waren dicke Freunde. Zuweilen sahen die Knaben
ihn dort ins Haus gehen, aber nicht wieder herauskommen; und trotzdem
war Josefine immer allein, wenn sie ihm nachgingen, um zu inspizieren;
sie hatten nmlich Wachen ausgestellt -- die Untersuchung wurde
systematisch betrieben. Bis zum Schulhaus konnten sie seine Spur
verfolgen; dort aber verschwand sie. Die Erde konnte ihn doch nicht
verschlungen haben! Das Haus wurde durchschnffelt von unten bis oben,
jede Ecke, jedes Schlupfloch wieder und wieder durchstbert. Josefine
selbst fhrte die Jungens herum, bis hinauf unters Dach, bis hinunter in
den Keller, in smtliche Rume, wo nicht gerade die Familie selber sich
aufhielt, versicherte auch auf Ehre und Gewissen, dort sei er nicht; sie
knnten selbst nachsehen. Wo in aller Welt steckte er nur?

Der Primus gewann in diesen Tagen bei einer Lotterie "=Les trois
mousquetaires=" von Alexandre Dumas dem lteren, ein Prachtwerk mit
Illustrationen; da er aber bald heraus hatte, da das kein Buch fr
einen Gelehrten war, setzte er es als Prmie aus fr _den_ Kameraden,
der entdecken wrde, wo Ole Tuft seine Nachmittage und Abende zubrachte,
und was er da trieb. Dies Angebot warf den zndenden Funken in Edvard
Kallems Phantasie; er hatte nmlich bis vor einem Jahr in Spanien
gelebt, er las Franzsisch wie seine Muttersprache, und "=Les trois
mousquetaires=" war der wundervollste Roman auf der ganzen Welt -- das
hatte er immer gehrt. Jetzt stand er hier auf der Lauer, fr "=Les
trois mousquetaires="! Hurra, alle Drei sollen leben! Jetzt hatte er
sie!

Leise, leise schlich er weiter, bis er den Fuweg erreicht hatte. Der
Snder war dicht vor ihm.

Edvard Kallems Kopf hatte etwas, das an einen Raubvogel gemahnte -- die
Nase wie ein Schnabel -- die Augen wild, schon an und fr sich und noch
mehr dadurch, da sie ein ganz klein wenig schielten. Die Stirn scharf
und niedrig, von lichtbraunem, kurzgeschorenem Haar umrahmt. Eine
auffallende Beweglichkeit lie ahnen, wie geschmeidig er war. Eben jetzt
wollte er ganz still stehen, aber der Krper bog sich, die Fe bewegten
sich, die Arme hoben sich, als wolle er im nchsten Augenblick durch die
Lfte stoen. "Bh!" schrie er aus aller Kraft seiner Lungen. Der
Ankmmling fuhr zusammen -- fast htte er seinen Korb fallen lassen. "So
-- jetzt _hab_' ich Dich! Jetzt hilft Dir keine Verstocktheit mehr!"

Ole Tuft wurde zu Stein. "Jawohl -- jetzt stehst Du da! Hoho! Was hast
Du in Deinem Korb?" Und er strzte auf Ole los. Der aber nahm
blitzschnell seinen Korb aus der rechten Hand in die linke und hielt ihn
auf den Rcken; es war Edvard nicht mglich, ihn hervorzuzerren.

"Was denkst Du Dir denn, Mensch! Glaubst etwa, Du knntst mir noch
entwischen? Her mit dem Korb!" -- "Du kriegst ihn nicht." -- "Wirst Du
wohl gehorchen? So geh ich einfach hinunter und frag'!" --"Nein, nein!"
-- "Doch! Zum Kuckuck, wenn ich's nicht tu!" -- "Du tust's nicht!" --
"Ich tu's!" -- Und schon drngte er an Ole vorber, den Berg hinab.

"Ich will's ja sagen -- versprich mir blo, da Du's nicht weiter
sagst!" -- "Nicht weiter sagen? Du bist wohl nicht bei Trost?" -- "Doch!
Du darfst nicht!" --"Bldsinn! was denkst Du Dir denn? Her mit dem Korb
-- oder ich geh'!" schrie Edvard. -- "Wenn Du's nicht weiter sagst --
--". Die Trnen traten Ole in die Augen. "Ich verspreche gar nichts!" --
"Nichts sagen, Edvard! Nein?" -- "Ich verspreche gar nichts. Den Korb
her! Fix!" -- "Es ist nichts dabei, Du!" -- "Wenn nichts dabei ist,
kannst Du's doch sagen! Fix!" Ole nahm das, nach Knabenmanier, fr ein
halbes Versprechen; flehend blickte er den andern an und fate sich ein
Herz: "Ich geh' dort hinunter, weil ich ... weil ich ... ach, Du weit
ja selber ... auf Gottes Wegen!" Das Letzte sagte er sehr verlegen und
brach in Trnen aus. -- "Auf Gottes Wegen?" fragte Edvard, ziemlich
unsicher. Er war aufs hchste verwundert.

Er erinnerte sich, wie der Geographielehrer in einer schlfrigen Stunde
einmal die Frage gestellt hatte: "Welche Wege sind die besten?" Im
Lehrbuch stand: "Fr den Warentransport sind noch immer die Seewege die
besten." -- "Na -- also welche Wege sind die besten? Du, Tuft?" --
"Gottes Wege!" antwortete Tuft. Die ganze Klasse war mit einemmal
munter; ein brllendes Gelchter verkndete das.

Aber bei alledem -- Edvard Kallem wute wirklich nicht recht, was
"Gottes Wege" bedeute. Ole -- drunten im Fischerdorf -- auf Gottes
Wegen? Vor lauter Neugier verga er ganz, da er Sittenpolizei war!
Gradheraus, wie jeder andere Junge, sagte er: "Ich versteh' nicht, was
Du damit meinst! Gottes Wege -- sagst Du?" Der andere bemerkte sogleich
die Vernderung. Die eben noch so scharfen Augen blickten freundlich;
nur der seltsame Glanz, der nie aus ihnen wich, lag noch darin. Unter
allen Schulkameraden bewunderte Ole in aller Stille keinen so sehr wie
den Edvard Kallem. Der Bauernjunge litt entsetzlich unter dem
berlegenen Scharfsinn und der Gewandtheit der Stadtjungen, und der
vornehmste Reprsentant dieser Eigenschaften war Edvard Kallem. Und noch
ein Glorienschein umgab sein Haupt ... er war der Bruder seiner
braunlockigen Schwester.

Einen unertrglichen Fehler hatte er: er war ein Erzspottvogel. Alle
Augenblicke setzte es deswegen Haue --mal von den Lehrern, dann vom
Vater oder von den Kameraden. Und in der nchsten Minute fing er schon
wieder an. Das ging ber den Verstand des Bauernjungen. Und darum wirkte
auch ein freundliches Wort, ein Lcheln von Edvard weit mehr, als es
eigentlich sagen wollte. Es hatte den Sonnenglanz der Gnade, der
Vornehmheit. Diese einschmeichelnden, milden Fragen, die der gewesene
Raubvogel (von dem jetzt blo noch der Schnabel brig war) stellte,
verflossen in eins mit dem Leuchten der Augen. Und Ole streckte die
Waffen. Sowie Edvard seine Taktik nderte und treuherzig bat, den Korb
sehen zu drfen, lieferte Ole ihn aus und fhlte sich vllig beruhigt
und kampfunfhig; er trocknete sich die Augen mit seinen groen
Fausthandschuhen, zog den einen aus und schneuzte sich in die Finger
--besann sich auf einmal, da er zu diesem Zweck ein karriertes Sacktuch
besa, suchte darnach und fand es nicht ...

Edvard hatte den Korbdeckel aufgemacht; ehe er ihn zurckschlug, blickte
er auf: "Du mchtest vielleicht lieber nicht -- --?" -- "Doch, gern!" --
Edvard schob den Deckel zur Seite. Ein groes Buch lag darunter --die
Bibel. Er wurde starr, beinah ehrfrchtig. Unter der Bibel lagen
verschiedene ungebundene Hefte. Er nahm ein paar heraus, drehte sie um
und legte sie wieder hinein. Es waren Traktate. Die Bibel legte er
behutsam wieder an ihren Platz, breitete das Tuch darber und machte den
Deckel zu. Im Grunde war er so klug wie zuvor, oder vielmehr nur noch
neugieriger.

"Du liest doch nicht etwa den Leuten da unten aus der Bibel vor?" fragte
er. Ole Tuft errtete. "Doch --manchmal --" -- "Wem denn?" -- "Ach, den
Kranken. Aber oft komm' ich ja nicht dazu --" -- "Zu den Kranken gehst
Du?" -- "Ja -- zu den Kranken geh' ich eben." -- "Zu den Kranken? Du?
Aber lieber Gott, -- was tust Du denn da?" -- "Oh, ihnen helfen --so gut
ich eben kann!" -- "Du?" fragte Edvard mit allem Erstaunen, dessen er
fhig war. Und nach einer Pause fgte er hinzu: "Mit was denn? Mit
Essen?" --"Das auch. Ich helf' ihnen eben mit allem, was sie brauchen.
Umbetten -- --" -- "Umbetten?" -- "Ja! Sie liegen doch auf Stroh. Und
darin liegen sie, bis es stinkt, weit Du. Manchmal machen sie's auch
noch schmutzig, wenn sie krank sind, und sich nicht selber helfen
knnen; tagsber ist ja oft kein Mensch bei ihnen. Die Leute sind bei
der Arbeit, und die Kinder in der Schule. Und wenn ich dann nachmittags
hinkomme, geh' ich hinunter zu den Bten, die mit Stroh fahren; das
kauf' ich und trag's hinauf und nehm' das alte weg." -- "Wo kriegst Du
denn das Geld her?" fragte Edvard. -- "Tante spart es mir zusammen, und
auch Josefine." -- "Josefine?" rief der Bruder. -- "Ja! Aber vielleicht
htt' ich das nicht sagen sollen."

"Von wem kriegt denn Josefine das Geld?" fragte Edvard mit der wachsamen
Strenge des lteren Bruders. Ole berlegte einen Augenblick und erwiderte
dann fest und bestimmt: "Von Deinem Vater." -- "Von Vater?" -- --

Edvard wute, selbst wenn Josefine ihn darum bte, so wrde der Vater
niemals Geld unntz ausgeben; erst mute er wissen, wozu er es gab. Der
Vater hatte also gebilligt, was Ole tat. Und damit war die Sache in
Edvards Augen ber jeden Zweifel erhaben. Ole fhlte augenblicklich
diesen vlligen Umschlag; er sah ihn auch Edvards Augen an. Jetzt kam
ihm die Lust, noch mehr zu erzhlen, und das tat er auch. Er berichtete,
er habe oft furchtbar viel Arbeit, wenn er komme. Feuer msse er machen,
das Essen aufsetzen, kochen ... -- "Kannst Du kochen?" -- "Freilich!
Und Reinmachen, und Einkaufen, und sehen, ob nicht irgend jemand
hinberrudert, den ich nach der Apotheke schicken kann; denn oft hat der
Doktor irgend was verschrieben, aber sie haben es nicht geholt." -- "Und
zu alledem hast Du Zeit?" -- "Ja. Bei Schultzes mach' ich's gleich nach
Tisch ab, und meine eigenen Schularbeiten mach' ich nachts." Und so
erzhlte er, des lngeren und breiteren, bis ihm selber einfiel, da sie
noch vor Einbruch der Dunkelheit unten sein mten.

In tiefen Gedanken ging Edvard voran; der andere mit dem Korb
hinterdrein.

Hier, wo die Klippe abfiel, hrte man das Tosen des Meers, als komme es
aus der Luft, wie das Sausen eines vorberziehenden Vogelschwarms --
hoch, hoch oben. Es wurde kalt; man sah den Mond; aber die Sterne noch
nicht. Doch -- einen einzigen. "Wie bist Du denn eigentlich darauf
gekommen?" fragte Edvard und wandte sich um. Ole blieb gleichfalls
stehen. Er nahm seinen Korb aus einer Hand in die andere. Ob er's wagen,
ob er alles sagen sollte? Edvard merkte sofort -- da steckte noch mehr
dahinter -- und zwar war _das_ das Wichtigste. "Kannst Du's nicht sagen?"
fragte er, als wenn es ihm ganz gleichgltig sei. -- "Oh doch -- ich
_kann_ schon!" Aber Ole fuhr fort, den Korb von einer Hand in die andere
zu nehmen, und sagte nichts weiter. Jetzt konnte Edvard nicht lnger an
sich halten; er fing an, Ole ordentlich deswegen zu qulen, was diesem
auch ganz lieb war -- doch immer noch berlegte er. "Es ist doch nichts
Bses?" -- "Nein, etwas Bses ist es nicht." Nach einer Pause fgte er
hinzu: "Im Gegenteil -- eher was Groes -- etwas wirklich Groes sogar!"
-- "Etwas wirklich Groes?" -- "Eigentlich das Grte in der Welt!" --
"Nanu!" -- "Wenn Du's blo nicht weitersagen wolltest! Keiner
Menschenseele! Hrst Du? Dann wollt' ich Dir's schon erzhlen!" --"Also
-- Du -- was denn?" -- "_Ich will Missionr werden_!" -- "Missionr?" --
"Ja -- Heidenmissionr! Ein richtiger, fr die Wilden, weit Du, die
Menschen fressen!" Er sah -- viel mehr konnte Edvard nicht ertragen;
deshalb beeilte er sich, rasch noch etwas ber Zyklone, wilde Raubtiere
und giftige Schlangen hinzuzufgen: "Auf so was mu man sich einben,
siehst Du!" -- "Einben? Gegen reiende Tiere und giftige Schlangen?"
Edvard fing an, das Unglaubliche glaublich zu finden. -- "Das Schlimmste
sind die Menschen!" sagte Ole, die Tiere umgehend. "Das sind nmlich
ganz frchterliche Heiden, diese Kerle, und wild, und bs, und grausam.
So ohne weiteres hinrennen -- das hat keinen Sinn. Man mu bung haben."
-- "Aber wieso kommst Du zu denen unten? Das sind doch keine Heiden --
die im Dorf?" -- "Das nicht. Aber man lernt doch allerhand auch bei
ihnen. Zimperlich darf man nicht bei ihnen sein -- im Gegenteil, die
rgsten Schweinereien muten sie einem zu. Wenn einer krank ist und
querkpfig, so ist er meist auch voller Mitrauen; manche sind geradezu
bsartig. Denk blo, neulich abends hat ein Weib mich sogar hauen
wollen." --"Hauen?" -- "Da hab' ich zu Gott gebetet, sie sollte es tun;
aber sie hat blo geflucht." Oles Augen glhten; sein Gesicht war
verzckt. "Hier, in einem Traktat, den ich in meinem Korbe hab', steht,
es sei der Fehler unserer Missionre, da sie hinausgingen, ohne sich
erst zu ben. Denn es sei eine groe Kunst, Menschen zu gewinnen, steht
da. Sie zu gewinnen fr das Reich Gottes, das sei die schwerste aller
Knste. Und eigentlich mten wir uns von Jugend, ja von Kindesbeinen
an darauf einben; so steht geschrieben, und das will ich tun. Denn
Missionr sein -- siehst Du -- das ist doch das Hchste auf Erden. Das
ist mehr als Knig sein, mehr als Kaiser und Papst sein; das steht in
dem Traktat. Und es steht auch darin, ein Missionr habe gesagt: Und
htte ich zehn Leben, ich gbe sie alle zehn hin fr die Mission ... Und
das will ich auch."

Sie gingen jetzt Seite an Seite. Ole hatte sich, ohne es zu wissen, den
aufleuchtenden Sternen zugekehrt. Beide standen eine Weile so und
starrten in die Luft. Unter ihnen der Hafen mit den Schiffen in
verschwommenen Umrissen, die Brcken, niedrig, schwer; die Stadt mit
ihren verstreuten Lichtern; weiter drauen der Strand, wollgrau von
Schnee, und daneben das schwarze Meer; hier unten hrte man es wieder,
wenn auch schwcher; das einfrmige Tosen verflo mit dem sternbesten
Halbdunkel. Zwischen den Knaben zitterten unsichtbare Fden hin und her;
Gefhle knpften sich an. Von keinem andern wnschte Ole so sehnlich,
gut beurteilt zu werden, wie von dem, der in seiner leichten Pelzmtze
vor ihm stand; und Edvard dachte, wie viel besser doch Ole sei als er.
Denn da er selber grlich war, das wute er; das hrte er ja alle
Tage. Er sah seitwrts auf den Bauernjungen; -- die tief ber die Ohren
gezogene Zipfelmtze, die groen Fausthandschuhe, der plumpe Schal, die
weite Friesjacke, die breiten Hosen, die schweren, eisenbeschlagenen
Stiefel --nur -- die Augen wogen das alles auf, und das treuherzige
Gesicht, wenn es auch ein bichen altklug war ... Ole wird einmal ein
groer Mann werden!

Sie trabten weiter, Edvard voran, Ole hinterher, hinunter zur
"Vorstadt". So hie der Stadtteil, der an den "Berg" stie und im
wesentlichen aus Arbeiterhusern, Werksttten und kleineren Fabriken
bestand. Ordentliche Straenanlagen oder Beleuchtung gab es hier noch
nicht; es war jetzt, beim Tauwetter, ein entsetzlicher Morast, der in
der Abendklte gerade zu gefrieren begann. Die paar Laternen, die
vorhanden waren, hingen an Stricken, die vom einen Haus zum andern quer
ber die Gasse gespannt waren, und hinauf- und hinuntergezogen werden
konnten. Sie waren schwarz von Qualm und daher uerst schlechter Laune.
Hier und dort hatte eine kleine Werkstatt ihre eigene kleine Laterne,
die ber der Haustreppe hing. Unter einer solchen Laterne blieb Edvard
stehen. Er mute wieder etwas fragen. Nmlich -- wer es eigentlich sei,
dessen Ole sich dort unten annahm? Einer, den sie beide kannten?
Frohgemut setzte Ole seinen Korb auf die Treppe und sttzte sich mit der
Hand darauf. Er lchelte: "Du kennst doch die Marte von der Werft?" Ja,
die kannte die ganze Stadt; eine tchtige Frau; aber sie trank; und oft
hatten die Schuljungen am Samstagabend ihren Jux mit ihr, wenn sie, an
eine Mauer gelehnt, dastand und sie ausschimpfte und sich schlielich
umdrehte und zum Zeichen ihrer Hochachtung -- na ja, wie das Zeichen
aussah, lt sich nicht gut beschreiben! Aber die Bengels warteten blo
darauf; und die Sache wurde stets mit Jubelgeheul begrt.

"Die Marte von der Werft!" rief Edvard. "Die willst Du bekehren?" --
"Still doch! Nicht so laut!" bat Ole. Er war flammend rot geworden und
sah sich erschrocken um. Edvard wiederholte flsternd: "Glaubst Du,
irgend ein Mensch knnte die bekehren?" -- "Ich glaube, ich bin auf dem
besten Wege!" flsterte der andere geheimnisvoll. -- "Du mut schon
entschuldigen -- aber ich glaub' es nicht!" Die Augen schielten, der
Mund verzog sich zu einem Lcheln. -- "Wart' nur erst und hr' mich an!
Du weit doch, im Winter ist sie auf dem Glatteis hingefallen und hat
sich bsen Schaden getan?" Jawohl, das wute er. -- "Seitdem liegt sie
im Bett, und kein Mensch hat Lust, ihr zu helfen. Sie ist doch so
bsartig und kratzbrstig. Gegen mich war sie anfangs widerwrtig --
kaum zum Aushalten war's. Aber ich achtete einfach nicht darauf, und
jetzt heit es nur noch 'mein Gottesengelchen', 'mein Lmmeken', 'mein
Goldshnchen', 'mein gutes Kind'. Denn ich habe sie umgebettet und
Kleider und Essen und Bettzeug fr sie gesammelt, und die rgsten Dinge
fr sie getan, siehst Du. Und doch hat sie eines Abends Miene gemacht,
mich zu schlagen, wie ich ihr aufhelfen wollte, und ihr krankes Bein ihr
dabei wehtat. Sie schrie wie besessen und hob ihren Stock gegen mich;
aber dann nahm sie sich zusammen und fluchte nur ganz frchterlich und
warf mir Schimpfworte an den Kopf. Jetzt ist sie wieder ganz sanft, und
neulich hab' ich's sogar gewagt, ihr aus der Bibel vorzulesen." -- "Der
Marte von der Werft?" -- "Die Bergpredigt. Und da Du's nur weit -- sie
hat geweint." -- "Geweint? Hat sie's denn verstanden?" -- "Nee, sie hat
so geweint, da sie nicht viel davon gehrt hat, glaub' ich. Aber die
Bibel war es doch, siehst Du. Sie fing schon an zu weinen, als ich das
Buch nur herauszog."

Die Knaben sahen einander an; vom Hof her klangen Hammerschlge und in
der Ferne eine Dampfpfeife; dann von der Gasse gegenber das leise
Weinen eines Kindes. -- "Hat sie was gesagt?" -- "Sie sagte, sie sei
viel zu schlecht, um so was anzuhren, hat sie gesagt. Und ich erklrte
ihr, da dem lieben Gott gerade die Geringsten die liebsten wren. Sie
tat aber, als hre sie das nicht, sondern sagte nur, ich solle doch
einmal beim Wscher-Lars nachsehen, ob er daheim sei." --"Beim
Wscher-Lars?" schrie Edvard, und Ole mute wieder "Psst!" sagen; der
Wscher-Lars war nmlich ihr guter Freund. -- "Du kannst mir's glauben,
der ist die ganze Zeit ber furchtbar nett gewesen. Im Wscher-Lars
steckt viel Gutes, das sagen alle. Jeden Abend kommt er und hilft ihr.
Heut Abend ist er frher gekommen als sonst, darum konnt' ich gehen;
sonst bleib' ich viel lnger." -- "Hast Du ihr noch fter vorgelesen?"
-- "Ja, heute wieder. Gleich fing sie wieder zu weinen an; aber heute,
glaub' ich, hat sie was gehrt. Denn wie ich ihr das vom verlorenen Sohn
vorlas, sagte sie: ich bin ja woll eins von seinen Schweinen!" -- Beide
Jungens lachten. "Da sagt' ich denn, das glaubte ich doch nicht. Dann
wollte ich versuchen, zu beten. Ach, das ntzt ja doch alles nichts!
sagte sie. Aber als ich dann das Vaterunser anfing, wurde sie ganz
verdreht, weit Du, gerad' als ob sie sich frchte, und sie richtete
sich auf und schrie, davon wolle sie nichts wissen --unter keinen
Umstnden! Und dann legte sie sich wieder hin und heulte." -- "Es wurde
also nichts?" -- "Nein, und dann kam der Wscher-Lars, und sie sagte,
ich solle gehen. Aber siehst Du, wie es gewirkt hat? Glaubst Du nicht,
da ich auf dem besten Wege bin?" -- Edvard war nicht so ganz sicher.

Seine Bewunderung hatte augenscheinlich einen kleinen Knax bekommen.

Bald darauf trennten sie sich.


2

In den hheren Schulen herrscht bisweilen ein Geist, der dem Geist der
Stadt, in der die Schule liegt, vllig entgegengesetzt ist; ja, in der
Regel steht die Schule in gewissen Stcken unter ganz selbstndigen
Einwirkungen. Ein einziger Lehrer vermag die Schler in seinem Bann zu
halten, ebenso wie es oft von einem Kameraden oder von ein paar abhngt,
ob unter den Knaben ein Geist der Ritterlichkeit oder das Gegenteil, ein
Geist des Gehorsams oder das Gegenteil herrscht. In der Regel bernimmt
irgend ein einzelner die Fhrung. Auch in sittlicher Hinsicht ist das
so. Die Knaben arten ihrem Vorbild nach, und meist hat einer oder haben
mehrere die Macht, als Vorbild zu wirken.

Gegenwrtig hatte der Primus Anders Hegge teilweise die Oberleitung in
Hnden. Einen so gelehrten Schler hatte die Schule seit ihrer Grndung
nicht gesehen; er war ein Jahr lnger geblieben als ntig, nur um der
Schule den Glanz eines unzweifelhaften =prae ceteris= zu verschaffen.
Die Knaben waren unglaublich stolz auf ihn. Bewundernd erzhlten sie,
wie er die Lehrer in der Gewalt habe, und da er seine Stunden nach
eigenem Belieben whlen und kommen und gehen knne, wie es ihm gerade
passe. Meist arbeitete er fr sich. Er besa eine Bibliothek, deren
Regale lngst die Wnde so angefllt hatten, da sie jetzt den Fuboden
entlang krochen. Ein langer Bcherstnder stand auf jeder Seite des
Sofas. Es gingen solche Wundergeschichten darber um, da sogar die
kleinsten Jungens ihn besuchen und mit eigenen Augen sehen muten. Und
mitten drin, am Fenster, sa er selber und rauchte, in einem bis auf die
Fe reichenden Schlafrock, dem Geschenk einer verheirateten Schwester,
auf dem Kopf eine Samtmtze mit Goldquaste, das Geschenk einer Tante, an
den Fen gestickte Pantoffeln, das Geschenk einer Patin. Er war ein
Damenprodukt -- wohnte bei seiner verwitweten Mutter, und fnf ltliche
Verwandte bezahlten seine Bcher, kleideten ihn und versahen ihn mit
Taschengeld.

Ein groer, krftiger Bursche mit einem regelmigen, feingeschnittenen
Gesicht, dem Gesicht eines alten Geschlechts. Es wre schn gewesen,
wenn es nicht Glotzaugen und einen gierigen und lauernden Ausdruck
gehabt htte. hnlich sein wohlgebauter Krper: er htte einen
stattlichen Eindruck gemacht, wenn er nicht vornber gebckt gegangen
wre, als drcke eine Last seinen Rcken, und einen ungleichmigen Gang
gehabt htte. Hnde und Fe waren zierlich; er konnte nicht leiden,
wenn man ihn anrhrte, war verfroren und zimperlich und hatte einen
durchaus weiblichen Geschmack.

Alles, was ihm einmal gesagt worden war, behielt er, Groes und Kleines,
ohne Unterschied; oder wenn ein Unterschied war, so bestand er darin,
da das Kleine ihm das wichtigste war. Wenige Dinge entgingen ihm;
sachte und nicht ohne eine Art Kunst stahl er sich in das Vertrauen
eines Menschen. Er kannte die Familiengeschichten aus dem ganzen Land,
auch solche aus fremden Lndern kannte er. Diese Geschichten zu erzhlen
-- am liebsten Skandalgeschichten -- und in aller Stille noch andere
einzuheimsen -- das war ihm des Daseins grte Wonne! Htten die Lehrer
geahnt, wie diese bewundernswerte Schubladeneinrichtung mit all ihrem
Inhalt die Luft der Schule verdarb -- sie htten ihn schwerlich noch ein
Jahr dabehalten. Die ganze Schule war nichts als Kritik und Zweifel;
Klatsch und Spott waren Hoftugenden, die am ehesten zu Gunst fhrten;
schlpfrige Geschichten waren die Festunterhaltung. Gierig nach Neuem
sa er inmitten seines Rauchgespinstes zwischen seinen Bcherregalen,
wenn jemand ihn besuchte. Und als Edvard an diesem Abend kam und
erzhlte, nun wisse er, wohin Ole gehe und was er treibe, und nun wolle
er seine Prmie, da stand Anders auf und bat ihn, doch einen Augenblick
zu warten; er wolle nur schnell etwas Bier holen; dann wollten sie sich
einen vergngten Abend machen.

Das erste Glas schmeckte vortrefflich, ein anderes halbes ebenso; und
dann erzhlte Edvard. Erst, da Ole unten im Fischerdorf Kranke pflege.

Anders war ungefhr ebenso paff, wie Edvard vorhin, als er die Bibel
sah. Edvard lachte herzlich. Aber es dauerte nicht lange, so uerte
Anders einen leisen Zweifel. Ole habe ihm wahrscheinlich nur etwas
weismachen wollen, um sich leichter aus der Patsche zu ziehen; dahinter
stecke etwas. Bauernjungen seien immer Heimlichtuer. Und zum Beweis
erzhlte er ein paar ganz amsante Geschichtchen aus der Schule. Edvard
gefiel dieses ewige Zweifeln nicht recht, und um ein Ende zu machen (er
war im Grunde furchtbar mde), berichtete er, sein Vater wisse alles, er
sei damit einverstanden und untersttze Ole mit Geld. Jetzt zweifelte
natrlich auch Anders nicht lnger. Aber trotz allem -- es konnte etwas
dahinterstecken; Bauernjungens seien nun mal solche Heimlichtuer.

Das wurde Edvard denn doch zu viel; er sprang von seinem Sitz auf und
fragte, ob Anders etwa glaube, da einer von ihnen lge.

Anders trank ruhig einen Schluck Bier und lie vorsichtig seine
Glotzaugen rollen. "Lgen" -- hm -- ein sonderbarer Ausdruck. Durfte
man vielleicht wissen, was das fr Kranke waren, mit denen Ole sich
beschftigte?

Darauf war Edvard nicht gefat. Er hatte sich vorgenommen, gerade soviel
zu sagen, als ntig war, um die Prmie zu bekommen, und kein Wort
darber. Er stand wieder auf. Wenn Anders es nicht glauben wolle, so
mge er's bleiben lassen; aber seine Prmie wolle er.

Es war nicht Anders Hegges Art, mit jemand zu brechen, was Edvard auch
recht gut wute. Natrlich sollte Edvard das Buch haben. Aber nun msse
er erst mal eine amsante Geschichte hren, wie sich die Kranken drauen
im Fischerdorf auffhrten. Der Armenarzt und seine Frau seien gestern
bei seiner Mutter gewesen, und da habe jemand nach der Marte von der
Werft gefragt, die man schon so lange nicht mehr gesehen habe. Ob sie
noch immer von ihrem Fall im Winter bettlgrig sei? Ja freilich; und sie
litte keine Not; denn die Leute schickten ihr unbegreiflicherweise
alles, was sie brauche, und der Wscher-Lars bringe ihr Abend fr Abend
Schnaps, so da sie sich manch liebes Mal einen recht fidelen Schwips
ansuselten. So bald stehe die gewi nicht wieder auf.

Edvard wurde feuerrot, was Anders wohl bemerkte. War etwa die Marte von
der Werft eine von denen, denen Ole "half"? Ja, es lie sich nicht
leugnen.

Die Glotzaugen weiteten sich ordentlich, um diese Beute aufzunehmen.
Edvard sah, wie sie eingesogen und verschlungen wurde, und ihm war, als
sinke er selber mit hinein und werde zerrissen und aufgefressen. Aber
wenn es etwas gibt, was ein Schuljunge nicht vertrgt, so ist es, sich
gefangen zu sehen in seiner eigenen Arglosigkeit. Er beeilte sich, den
ehrenrhrigen Verdacht, als ob er das Lcherliche an Ole Tufts Vorhaben
nicht durchschaue, von sich abzuwlzen. "Und denk Dir --aus der Bibel
hat er der Marte vorgelesen!" -- Ihr aus der Bibel vorgelesen? Wieder
wurden die Glotzaugen ganz gro, um zu schlingen; aber schnell zogen sie
sich wieder zusammen. Anders kam ins Lachen; er schttelte sich
geradezu; und Edvard mit.

Ja, er las der Marte aus der Bibel vor, die Geschichte vom verlorenen
Sohn; und Edvard erzhlte, was Marte gesagt hatte. Sie lachten um die
Wette und tranken den Rest des Biers aus. Alles, was an Anders
liebenswrdig und amsant war, kam zum Vorschein, wenn er lachte. Das
Lachen selbst hatte einen leichten Beiklang, wie wenn man jemand am Hals
kitzelt -- --es forderte zu immer neuer Heiterkeit heraus -- zu endlos
neuer Heiterkeit. Und Edvard mute alles erzhlen -- und noch ein
bichen mehr.

Als er spter mit dem Prachtband unterm Arm nach Hause lief, hatte er
ein scheuliches Gefhl. Der Bierdunst war verflogen; das Lachen reizte
ihn nicht mehr, und der gekrnkten Eitelkeit war Genge getan. Aber kaum
war er an der frischen Luft, da glaubte er auch schon Oles gute Augen
vor sich zu sehen. Er wollte das Gefhl abschtteln; er war so
entsetzlich mde; heut abend konnte er nicht mehr denken. Aber morgen --
ja, morgen wollte er Anders bitten, zu schweigen.

Doch am nchsten Morgen verschlief er die Zeit; er konnte nur gerade
noch in die Kleider springen -- und davonrasen -- mit einer Buttersemmel
im Mund und einem flchtigen Gedanken an "=Les trois mousquetaires=",
die jetzt ihm gehrten; heut nachmittag wrde er sie lesen. In der
Schule schlug er sich mit Hngen und Wrgen von einer Stunde zur andern
durch; er konnte keine seiner Aufgaben, und Sonnabends war gerade immer
so viel. Bis auf die beiden letzten Stunden vor Schulschlu war er
vollauf in Anspruch genommen; dann kam Franzsisch und Naturgeschichte;
von den beiden Fchern war er dispensiert. Und nun ging's die Treppe
hinunter, vor allen andern.

Wie er vor der Tr des Schulhauses stand, kam eben Anders von der andern
Seite her. Der hatte jetzt eine Stunde in der obersten Klasse.
Augenblicklich fiel Edvard der gestrige Abend ein, und es packte ihn
ein Schrecken, was Anders jetzt wohl erzhlen wrde. Fast in derselben
Sekunde aber erblickte er zwischen zwei Landungsbrcken ein Ungetm von
einem Dampfer, einen Havaristen, der sich langsam dem Hafen nherte.
Solch ein Riesenschiff war noch nie im Hafen gewesen, sagten die Leute,
die vorberliefen. Mastlos, mit zerbrochener Schanzverkleidung, mit
gesttzten Schornsteinen, bis oben voll gespritzt von weiem Gischt, nur
eben noch fhig, sich fortzubewegen -- so kam es angezogen. Vielleicht
im Schlepptau eines andern Dampfers --Edvard konnte der Brcken wegen
nichts sehen. Alles rannte hinunter; und er mit.

Unterdessen schritt Anders durch das Schultor. Eben als er ffnete,
leerten sich die Klassen; ihr ganzer Inhalt strzte die Treppe hinunter
in den Hof -- wie durch einen langen Trichter. Ein Orkan in einem
Riesenbauch --. Das Haus erdrhnte. Zuerst ein vereinzelter scharfer
Schrei -- die jubelnde Ichverkndigung des Ersten -- dann ein Gemisch
von Diskant- und Altstimmen -- dann gebrochene bergangsstimmen, die in
einer etwas dunkleren Klangfarbe darber hinwischten -- dann ein
gemeinsames Emporsprhen wie von einem gen Himmel flammenden Feuermeer,
bald ein halbes Erlschen hier -- bald eine freudig aufschieende
Feuersule dort; dann wieder ein einheitlicher, breiter Glanz ber dem
ganzen Hofe.

Ruhig kam Anders dahergegangen. Nicht wie in einem Feuermeer, mehr wie
durch gefahrvolle Brandungen getragen, gewiegt -- hin und her gesplt --
von einem Ufer zum andern. Aber sein Ziel hatte er vor Augen. Er wollte
sich vorsichtig durchschlagen bis zu dem Bretterhaufen am Zaun des
Nachbars; dort war es still; und dort konnte er, gegen das Holz gelehnt,
sich's ein bichen bequem machen.

Nachdem er sich diese Rckensttze gesichert und mit seinen Glotzaugen
vorsichtig ausgespht hatte, ob die Luft auch rein sei, glitt sein Blick
zufrieden ber die Menge hin; er geno das reizvolle Gefhl der
Gewiheit, diesen ganzen Aufruhr durch bloe drei, vier Worte -- seinem
Nachbar ins Ohr geflstert -- dmpfen zu knnen. Wie l auf eine tobende
See wrden sie wirken, und der Lrm wrde verstummen, sobald die paar
Worte ber ihn hinflossen. Wo war Ole? Da --ein groer Junge hielt ihn
gerade gepackt; sie hatten sich gegenseitig am Rockkragen und wirbelten
im Kreis herum; der Groe versuchte den Kleinen zu Fall zu bringen und
half mit dem Fu nach. Oles schwere Stiefel zappelten in der Luft; die
eisenbeschlagenen Abstze blinkten; er lachte aus vollem Halse; denn der
andere wurde immer wtender und aufgeregter, ohne ihn doch werfen zu
knnen.

Da beugte Anders sich zu dem ihm Zunchststehenden herab: "Jetzt wei
ich, was Ole Tuft jeden Abend treibt." -- "Ach, Quatsch!" -- "Doch, ich
wei es." -- "Wer hat's denn 'rausgekriegt?" -- "Edvard Kallem." --
"Edvard Kallem? Hat der das Buch bekommen?" -- "Freilich." -- "Nee -- so
was! Edvard Kallem!"

"Edvard Kallem? Was ist mit Edvard Kallem?" fragte jetzt ein Dritter.
Und der Zweite, der es eben gehrt hatte, berichtete sofort. Ein
Vierter, ein Fnfter, ein Sechster scho fort: "Edvard Kallem hat die
Prmie gewonnen! Anders Hegge wei jetzt, was Ole Tuft jeden Abend
treibt!" Und berall, wo die Worte erklangen, verstummte der Lrm; alles
wollte hren, alles strzte auf Anders Hegge zu.

Kaum war ein Viertel der Jungens zusammengelaufen, so wurden auch die
andern drei Viertel aufmerksam. Was in aller Welt mochte dort an dem
Bretterhaufen los sein? Warum liefen denn alle dorthin? Sie scharten
sich um Anders, sie kletterten auf den Holzsto, so viel ihrer berhaupt
Platz hatten. "Was ist los?" -- "Edvard Kallem hat die Prmie gewonnen!"
-- "Edvard Kallem?" Wieder loderte es auf. Alle fragten -- alle
antworteten --alle, auer Ole Tuft; der blieb stehen, wo der Kamerad ihn
losgelassen hatte.

Dann wurde es muschenstill. Anders Hegge erzhlte. Das war sein gutes
Recht; er hatte dafr bezahlt. Er erzhlte gut, in einer klaren,
trockenen Art, die allem einen Schimmer von Doppelsinnigkeit verlieh.
Erst erzhlte er, wo Ole sei und was er da treibe -- da er die
Werft-Marte umbette, sie herumschleppe und trage, ihr das Essen koche
und nach der Arznei in die Apotheke laufe; dann -- _weshalb_ er das tue;
er wolle Missionr werden und wolle sich an der Werft-Marte drunten
ben; er lese ihr aus der Bibel vor, und Marte heule, und wenn dann Ole
fort sei, komme der Wscher-Lars mit Schnaps, und dann trnken sich die
beiden, Marte und Lars, auf das Bibellesen hin einen ordentlichen
Schwips an. Zuerst standen die Jungens ganz starr -- so was war ihnen
noch nie vorgekommen! Sie faten es in der Hauptsache als eine Art
Zeitvertreib auf, und so, wie es erzhlt wurde, konnte es gar nicht
anders aufgefat werden. Aber Missionr und Bibelvorleser spielen? Das
hatten sie noch nie gehrt. Es war lustig, aber zugleich auch noch etwas
anderes; was? -- darber waren sie sich im Augenblick nicht klar. Da
niemand lachte, ging Anders weiter. Weshalb war Ole auf diesen Einfall
gekommen? Ganz einfach, weil er ehrgeizig war und ein Apostel werden
wollte; und das war viel, viel mehr als Knig werden, oder Kaiser, oder
Papst; das hatte Ole selber zu Edvard Kallem gesagt. Aber um das zu
werden, mute er "Gottes Wege" finden, und Gottes Wege -- nun ja, die
begannen dort unten bei der Marte von der Werft. Dort wollte er sich
ben, Wunder zu tun, sich mit Heiden und wilden Tieren und giftigen
Schlangen herumzuschlagen und Zyklonen Einhalt zu gebieten. Jetzt brach
das Gebrlle los. Doch gerade in diesem Augenblick lutete es; die
Jungens konnten nur eben noch, sich vor Lachen schttelnd, an Ole
vorberstrmen.

Schon einmal in seinem jungen Leben hatte Ole Tuft in einen bodenlosen
Abgrund geblickt; das war an dem Wintertag, als er am Grabe seines
Vaters stand und die ersten gefrorenen Erdschollen auf den Sarg poltern
hrte. Die Luft war voll treibenden Nebels, und das Meer wie Blei.
Alles, was er an Leid kannte, fhrte dorthin zurck; auch jetzt stand er
wieder dort; auch jetzt hrte er wieder die Kirchenglocke von damals.
Gerade als das hohle Drhnen auf den Treppen und Gngen verhallt, der
letzte Nachzgler verschwunden, die letzte Tr geschlossen und mit
einemmal alles so still war -- da, durch das Schweigen, durch die Leere,
vernahm er eine Glocke -- bimbam, dingdang -- und pltzlich war er auch
schon drauen, vor der geteerten Holzkirche am Strand; die langarmigen,
alten laublosen Birken an der Mauer und die ehrwrdige Tanne vor dem
Portal rauschten; Glockenklnge, schrill, dnn, kamen dahergewankt, und
die scharfen Erdschollen auf dem Sarg schlugen ihm Wunden frs ganze
Leben. Das unaufhaltsame Weinen der Mutter -- sie hatte es
zurckgehalten bis jetzt -- keinen Laut bis dahin -- nicht am Bett,
nicht, als sie ihn hinaustrugen; aber jetzt, mit einemmal -- ach, nicht
einzudmmen mehr! ... O Vater, Mutter, Mutter, Vater! ... Und auch er
brach in Trnen aus.

Schon aus dem Grunde konnte er den Kameraden nicht folgen; und er wollte
berhaupt nicht mehr in die Schule. Auf das hin konnte er keinem von
ihnen mehr begegnen, konnte nicht einmal mehr in der Stadt bleiben. In
zwei Stunden wrde jedermann es wissen und gaffen und fragen und
grinsen. Und das, was er vorhatte, war ja jetzt auch entweiht fr ihn;
wozu noch studieren! In eine andere Stadt wollte er auch nicht. Nein --
nur heim, heim, heim!

Aber wenn er lnger hier stehen bliebe, so wrden sie bald einen aus der
Klasse herunterschicken, um ihn zu holen; er mute gleich fort --. Nicht
erst nach Hause zur Tante; dort htte er erzhlen mssen. Nicht durch
das groe Tor und ber die Hauptstrae; die war immer so voll von
Menschen, und er sah so verheult aus! Nein, er mute durch das kleine
Schlupfloch fort, das Josefine ihm zurechtgemacht hatte, und durch das
sie ihm jeden Nachmittag hinaushalf, ohne da die Jungens es sahen.

Das Holz war gegen des Nachbars Bretterzaun aufgestapelt; aber zur
Rechten lehnte der Stapel an einem Schuppen, und dorthin lief jetzt Ole.
Er lste zwei Planken in der Wand, die nach dem Holzhaufen ging, kroch
hindurch und machte hinter sich wieder zu. Dieses Kunststck wre
unmglich auszufhren gewesen, wenn nicht zwischen Schuppen und
Bretterstapel ein freier Raum gewesen wre; und ein solcher befand sich
dort, dank einem Naturhindernis in Gestalt eines groen Steines, der
hher war als der Knabe und ein Stck von der Wand weg stand. Wre der
Stein nicht gewesen, so htte die zweite Holzschicht sich an die erste
angelehnt und ganz abgeschlossen; so aber blieb zu beiden Seiten des
Steins und darber ein freier Raum. Und hier hatten die Kinder sich
Stuben eingerichtet, eine auf jeder Seite und eine auf dem Stein selbst.
Die hintere war die bequemste; dort war ein Brett zum Sitzen, und wenn
es auf beiden Seiten in den Holzstapeln festgemacht war, so konnten die
Kinder zur Not sogar aneinander vorber. Oben drber hatten sie Bretter
gelegt, und darauf wieder Holz, damit niemand Verdacht schpfe; es war
ein tchtiges Stck Arbeit gewesen fr die zwei. Allzu hell war es ja
nicht gerade; aber das trug just dazu bei, es recht gemtlich zu machen.
Hier erzhlte sie ihm von Spanien und er ihr von den Abenteuern der
Missionre, sie von Stiergefechten, er von Kmpfen mit Tigern und Lwen
und Schlangen, von furchtbaren Zyklonen und Windhosen, von wilden Affen
und Menschenfressern. Seine Erzhlungen hatten nach und nach die ihren
bertrumpft; sie waren reicher und sie hatten ein bestimmtes Ziel. Sie
lebte von Erinnerungen, er von allem, was seine Phantasie nur zu
ergattern vermochte, und bei allem war er selber im Mittelpunkt der
Dinge. So lange schilderte er, und so glhend, bis auch in ihr die
Sehnsucht erwachte, im Mittelpunkt dieser Dinge zu sein! Erst schickte
sie ein paar vorsichtige Fragen voraus: ob es auch angehe, da Frauen
Missionre wrden? Das wute er nun zwar nicht; es war sicherlich doch
blo Mnnerarbeit, das Missionieren; aber Frauen von Missionren konnten
sie werden. Ob denn die Missionre verheiratet seien, fragte sie. Er
nahm das zunchst als dogmatische Frage. Einmal habe er seinen Vater
darber in einer Versammlung reden hren; irgendeiner habe Zweifel
darber geuert; denn Paulus, den man ja doch den ersten und grten
Missionr nennen msse, sei nicht verheiratet gewesen, ja, er habe sich
dessen sogar gerhmt. Aber der Vater habe erwidert, Paulus habe
geglaubt, Jesus werde bald wiederkommen, und darum habe er sich beeilen
mssen, berall umherzuwandern und das zu verkndigen, auf das die
Menschen sich bereithalten sollten. Die Missionre von heute dagegen
mten im Gegenteil auf einem und demselben Fleck Erde leben, und dazu
gehrten doch wohl auch Frauen. Er habe selber von Missionrsfrauen
gelesen, die Schule fr kleine Negerkinder hielten.

Weiter war keins von den beiden gegangen; aber da _sie_ doch ganz im
geheimen daran dachte, ging deutlich aus einigen Fragen hervor, wie z.
B., ob es wahr sei, da die Negerkinder Schnecken en? Das behagte ihr
nicht.

Und inmitten dieses Halbdunkels -- ihr brauner und sein blonder Kopf
dicht zusammengesteckt ber atembeklemmenden Abenteuern -- hatten sie
unter Palmen gesessen; es wimmelte von kleinen Schwarzen, und alle waren
sie artig und bekehrt, und zahme junge Tiger gab es da, die sich dicht
vor ihren Fen im Sand wlzten; gutmtige Affen bedienten sie,
Elefanten trugen sie behutsam, die Bume hingen voll der Nahrung, deren
sie bedurften.

Und jetzt kam Ole, um dies Eden zum letztenmal zu sehen und Abschied
davon zu nehmen.

Eben hatte er sich aufgerichtet, um ber den Stein zu klettern, als ihm
einfiel, heut sei Samstag. Samstag von elf Uhr ab hatte sie frei (sie
hatte Privatunterricht), und da setzte sie sich oft whrend der groen
Pause der Knaben hinter die Holzstapel.

Wenn sie jetzt eben dort se! Wenn sie alles gehrt htte! Schnell
hinauf auf den Stein, und richtig -- da sa sie unten auf dem Brett und
sah zu ihm hinauf.

Ihr bloer Anblick und mehr noch die Art, wie sie seinem Blick
begegnete, lie ihn von neuem in helle Trnen ausbrechen. "Ich -- will
-- heim!" schluchzte er, "und nie -- nie wiederkommen!" Und er lie sich
zu ihr hinuntergleiten. Sofort nahm sie sich seiner an, gab ihm
schleunigst ihr Taschentuch, damit er es sich vor den Mund halte, um
sich durch sein Weinen nicht zu verraten. Sie kannte den Schulhof, und
sie wute, man suche ihn jetzt auf dem Hof. Und er gehorchte, wie immer,
ihrer berlegenen Fhrung in den Dingen, die zur guten Erziehung
gehren; nur da er glaubte, es handle sich einmal wieder um das ewige
Geschnuze, und so schnuzte er sich denn und weinte, und weinte und
schnuzte sich. Da packte sie ihn hurtig mit ihrer derben
Kleinmdelfaust im Nacken, mit der andern umspannte sie mit festem Griff
seine Hnde mitsamt dem Taschentuch und prete ihm das in den Mund;
whrend sie gleichzeitig ihren dunkelhaarigen Kopf unheilverkndend
dicht vor seinem Gesicht schttelte. Jetzt begriff er! Es war auch die
hchste Zeit; denn schon rief man auf dem Schulhof seinen Namen, wieder
und wieder, in Zwischenrumen und aus verschiedenen Richtungen. Es fiel
ihm entsetzlich schwer, das Weinen zu unterdrcken, so da er am ganzen
Krper zitterte; aber er hielt es zurck. Hielt es zurck, bis sie den
Kameraden, den man nach ihm ausgeschickt hatte, wieder hinaufstrmen
hrten. "Ich -- will -- heim!" fing er dann gleich wieder an und heulte
von neuem drauflos -- er konnte nicht anders. Dann gab er ihr das
Taschentuch zurck, nickte, stand auf und zog die Planken in des
Nachbars Bretterwand weg -- immerzu laut schluchzend und in tiefstem
Entsetzen. Kaum waren die Planken weg, so war er auch im Loch; das auf
der Schulbank blank gescheuerte Hinterteil und die glnzenden,
eisenbeschlagenen Abstze schoben sich weiter und weiter hinein, bis sie
verschwanden. Auf der andern Seite stand er auf, drngelte sich zwischen
der Bretterwand und einem Holzhaufen durch, bis zu ein paar alten
Balken, die da lagen und vermorschten; von dort eilte er zur Hintertr,
und erst, als er drauen, auf freiem Grund und Boden, in einem engen
Gchen stand, fiel ihm ein, da er vergessen hatte, Josefine Lebewohl
zu sagen; ja, da er sich nicht einmal bei ihr bedankt hatte. Auch das
noch, zu all dem andern Unglck! Nun erst recht trieb es ihn im Galopp
zur Stadt hinaus, und er machte nicht eher halt, als bis er auf Umwegen
die Landstrae erreicht hatte. Der gehrte so gewissermaen zu seinen
Schildknappen, der alte Strandweg.

Josefine stand eine Weile da und blickte auf die Stelle, wo die
Absatzeisen verschwunden waren; aber nicht lange. Sie sprang auf den
Stein, glitt an der Wand wieder herab, schob die Bretter beiseite, kroch
hindurch und schob sie vorsorglich hinter sich zu. Gleich darauf
erschien sie ohne Hut in der Apotheke und fragte nach ihrem Bruder; erst
in der Apotheke selbst, wo er sich am liebsten aufhielt; aber da war er
nicht; er hatte nicht einmal seine Schulbcher abgegeben. Dann
durchsuchte sie oben alle Zimmer; dort war er ebenfalls nicht; aber vom
Fenster aus sah sie den groen fremden Dampfer, umringt von zehn, zwlf
Booten; natrlich, da war er! Also rasch hinunter zur Brcke. Sie machte
ihr eigenes kleines weigestrichenes Boot los und scho hinaus.

Sie ruderte, da ihr der Schwei von der Stirn lief, ruderte und blickte
sich um, bis sie das schwere Wrack erreicht hatte, das grne Ungeheuer,
das dort lag und unter den Pumpen sthnte. Weit drauen sah sie Edvard,
die Schulbcher unterm Arm, oben auf der Kommandobrcke stehen, im
Gesprch mit seinem Freund Rojert Mo.

Sobald sie nahe genug war, rief sie seinen Namen. Er und smtliche
Umstehenden hrten es. Die letzteren sahen ein braunhaariges Mdel, die
Ruder in der Hand, glhend rot vor Anstrengung, aufrecht dastehen und
nach der Kommandobrcke starren; sie besannen sich einen Augenblick, was
das wohl bedeuten knne, und vergaen es dann wieder; Edvard aber gab es
einen Stich: da war irgend etwas Unangenehmes geschehen; und wie der
Wind war er von der Kommandobrcke herunter, auf Deck, darber weg, an
der andern Seite des Dampfers hinab -- und ber die andern Boote in
ihres geturnt, das er gleichzeitig abstie. "Was ist los?" Die Bcher
legte er hinter sich ins Boot, nahm ihr die Ruder aus der Hand und
setzte sich. "Was ist los?"

Rot und atemlos, mit fliegenden Haaren, stand sie da und sah ihn an,
whrend er das Boot drehte. Dann stieg sie ber das mittlere Sitzbrett,
machte das zweite paar Ruder los und setzte sich ihm gegenber auf die
hinterste Ruderbank. Er hatte keine Lust, ein drittes Mal zu fragen, und
ruderte drauflos; und nun fing sie, die Ruder ber Wasser haltend, an:

"Was hast Du Ole Tuft getan?" Er wurde bla und rot; auch er hielt jetzt
die Ruder hoch.

"Es ist aus mit ihm in der Schule. Er ist nach Hause und kommt nicht
wieder."

"Ach was, Du lgst!" Aber seine eigene Stimme widersprach ihm. Er ahnte,
-- sie redete die Wahrheit. Er schlug aus Leibeskrften die Ruder ins
Wasser und ruderte, als wolle er hinter ihm drein.

"Jawohl, es ist schon das beste, Du ruderst drauflos!" Sie selber fing
an, nachzulassen. "Das beste, Du rennst ihm gleich nach, und wenn's bis
nach Store-Tuft ist! Sonst geht Dir's schlecht! Beim Vater und auch in
der Schule! So ein Jammerkerl, wie Du bist!" -- "Halt's Maul, Du!" --
"Wart' Du nur! Wenn Du ihm nicht augenblicklich nachsetzt und ihn wieder
mit nach Hause bringst, sag' ich's dem Vater und dem Rektor, -- verla
Dich drauf!"

"Bist selber ein Jammerkerl, und eine Petze bist Du, da Du's nur
weit!" -- "Httest blo hren sollen, wie Anders Hegge und die ganze
Schule sich auffhrten; alle haben sie Ole ausgelacht, alle, alle -- und
wie der arme Bengel geweint hat, als wrde er ausgepeitscht -- und dann
schnurstracks heimrannte! Pfui, schm' Dich! Wenn Du ihn nicht wieder
mitbringst, so wirst Du mal was erleben!" -- "Schafskopf! Siehst Du denn
nicht, da ich schon rudere, was ich nur kann!" -- Seine Ngel wurden
wei, sein Gesicht quoll auf, er beugte sich jedesmal fast bis auf den
Boden, um mglichst weit auszuholen. Ohne ein Wort weiter zu verlieren,
setzte sie sich auf die Bank dicht vor seiner und legte sich gleichfalls
tchtig in die Stangen.

Als er an der Brcke aufstand, um anzulegen, sagte er: "Heut morgen hab'
ich nicht mehr frhstcken knnen, und jetzt krieg' ich auch kein
Mittagessen. Hast Du Geld bei Dir, da ich mir ein paar Brezeln kaufen
kann?" -- "Ja, ein paar Pfennige hab' ich", und sie zog die Ruder ein
und holte das Geld heraus. "Nimm meine Bcher!" rief er und sprang
davon. Bald darauf war auch er drauen auf der Landstrae.


3

Der Tag war nicht ganz klar gewesen; eine Unruhe war in der Luft, die
Wolken jagten in anderer Richtung als der leichte Sdwind. Es war mild
und taute wieder. Die Wege waren jmmerlich, voll Schneeschlamm und
Schmutz, besonders hier, in der Nhe der Stadt, war alles zu einem Brei
zusammengetrampelt und -getreten.

Der Junge war noch nicht zehn Minuten unterwegs, als seine etwas dnnen
Stiefel auch schon von Wasser vollgesogen waren. Na, das machte nichts!
Schlimmer war es mit der letzten Brezel; denn satt war er nicht, nicht
im entferntesten! Aber auch das machte nichts. Er wrde Ole schon bald
einholen; er war schneller zu Fu, war beweglicher, und er legte ganz
gehrig los. Wenn er ihn nur erst eingeholt hatte -- in Ordnung bringen
wrde er die Sache schon, daran zweifelte er keinen Augenblick. Ole war
vertrglich, und er, Edvard, wrde bei den Jungens fr ihn eintreten;
das zum mindesten war er ihm schuldig. Und ihm selber machte es berdies
Spa; er wrde schon noch ein paar von den andern auf seine Seite
bringen, und dann sollte es eine Schlacht setzen!

Doch als er eine ganze Viertelmeile gegangen war, ohne in diesem Matsch
auch nur eine Spur von Oles Stiefeln, geschweige denn von ihm selber zu
entdecken, als er sich gar eine halbe Meile vorwrts geschleppt hatte,
durch die scheulichste Unwegsamkeit, mit patschnassen Fen,
abwechselnd schweitriefend und eiskalt, dann wieder halbtrocken und
wieder schweitriefend --dazu drohte Regen und Sturm, und die Landschaft
war schauerlich einsam mit ihren langen den Bergrcken und den
dazwischenliegenden Wldern -- da sank sein Mut bedeutend.

Und dann -- sonderbar! Nach der ersten Viertelmeile begegnete er keiner
Menschenseele mehr. Spuren sah er genug auf dem Wege, von Pferden und
Menschen und Hunden; alle liefen sie in derselben Richtung wie er, und
die meisten waren frisch. Aber keine Menschenseele war zu erblicken,
nicht einmal in den Gehften; keinen Hund hrte er bellen, keinen
Schornstein sah er rauchen; wie ausgestorben war alles. Eine leere Bucht
nach der andern; vorspringende Bergrcken, durch Gerll oder Erdrutsche
gebildet, trennten sie; immer wieder eine Bucht, und an jeder Bucht ein
Gehft oder mehrere, und ein Flu oder ein Bach; aber nirgends ein
Mensch. Ach, wie oft war der Junge schon einen kahlen Hang
hinangeklettert und oben weitergewandert, bis er die nchste Senkung
berschauen konnte, ohne Ole auf der Landstrae zu erblicken, ohne
berhaupt eine Menschenseele zu erblicken! Er merkte wohl, er wrde,
ausgehungert und mde, bis hinaus nach Store-Tuft traben mssen. Das
war fast eine Meile. Dann blieb er zu lange aus, der Vater wrde es
erfahren, es setzte dann doch Hausarrest und Verhr und Schelte und
Schlge, vielleicht kam's auch gar noch vor den Rektor, und die ganze
Geschichte ging noch einmal von vorn los ... Er war dem Weinen nahe.
Dieser verdammte Anders Hegge mit seinen lsternen Fischaugen und seinem
fetten Lcheln bei allem, was ihm behagte! Und die lauernde
Freundlichkeit, das kitzliche Lachen, das Geklatsche -- o pfui! So ein
Scheusal! Und dafr mute er hier mit schmerzenden Fen, mde und
verzweifelt, durch den Schmutz stapfen! Das also hatte seine
entsetzliche Angst gestern abend bedeutet! Das war's gewesen!

Ach was, zum Teufel mit dem Geflenne und der Kopfhngerei! Einmal mut
du ja hinkommen, und Schlge hast du schon mehr als einmal gekriegt!
Trallalla! Und er fing an, ein lustiges spanisches Lied zu singen, sang
Vers fr Vers -- kam auer Atem -- mute langsam gehen, und erschrak
doch, als er seine eigene Stimme nicht mehr hrte. Also ein neues Lied
-- und wieder einmal hinauf -- den ganzen langen Steinhang.

Auch da kein Mensch, blo Wagenspuren und Fuspuren von Erwachsenen und
Kindern und Pferden und Hunden aus den Gehften drunten. Alle vorwrts
laufend. Was war denn los? Eine Feuersbrunst? Auktion? Dazu htten sie
nicht das Fuhrwerk mitgenommen. Vielleicht irgendwo ein Bergsturz? Oder
ein groes Schiffsunglck gestern? Ach, ihm konnte das eigentlich gleich
sein! Gerade, als er ber den nchsten Bergrcken klettern wollte, der
eine lange Nase in den Fjord hinausstreckte, sah er zum erstenmal Oles
Spuren; da war er am Wegrand entlang gegangen; er kannte die
eisenbeschlagenen Abstze, ebenso die Holzflecken unter jedem Fu. Die
Spuren waren ganz frisch; jetzt konnte Ole nicht mehr weit sein! Das gab
ihm neue Kraft. Er lief wacker drauflos.

Ein hoher Tannenwald umfing ihn; alles war still. Als er beim Steigen
mit Singen aufhren mute, wurde ihm ganz unheimlich zumute. Je hher
er kam, desto dichter wurde der Wald; der Schnee lag fester, Steine und
Heidekrautbschel guckten neugierig daraus hervor wie Tiere. Und dann
raschelte es hier und knisterte es dort, und irgendwo schrie es; ein
groer aufgescheuchter Vogel flog mit entsetzlichem Flgelschlag auf;
der Junge suchte schweitriefend nach Oles Futapfen, um sie nicht zu
verlieren; die Angst von gestern war pltzlich wieder ber ihm. Wenn
er's doch ber sich brachte, recht draufloszurennen! Wenn der Wald doch
ein Ende nehmen wollte! Whrend der unverantwortlich langen Stille nach
dem Auffliegen des Vogels hatte er schlielich das Gefhl: wenn jetzt
blo noch das winzigste Bichen dazu komme, so wrde er verrckt! Und
der Hohlweg, durch den er mute! Schon ganz von weitem starrte er
hinein, zwischen die hohen, schwarzen Wnde; als ob sie ber ihm
zusammenklappen wollten -- sahen sie aus; von oben hingen ein paar
unheimliche Bume darber und sphten lauernd hernieder. Als er endlich
drin war, kam er sich wie die allerwinzigste kleine Ameise im Walde vor:
wenn sie blo stillstnden, bis er vorber war -- wenn blo keiner sich
auf einmal von oben herunterbeugte und ihn beim Kragen packte, oder
dicht vor ihm oder dicht hinter ihm sich fallen lie -- oder ihn anwehte
... Er ging mit starren Augen -- wie ein Nachtwandler; die
Kiefernwurzeln zogen sich krumm und verwittert ber den lehmigen Pfad
hin ... und alle lebten sie ... Aber nein ... Er tat, als merke er
nichts ...

Ganz fern, hoch oben in der Luft, flog ein Vogel nach der Stadt, aus der
er kam ... Ach! Wer auf seinem Rcken se! So deutlich sah er die
Stadt, die Schiffe im Hafen, hrte die frohen Weisen, das helle
Ankerrasseln ... das Drhnen an den Brcken ... den herzensfrohen Lrm
und Spektakel ... die Kommandorufe ... Nanu ... da hrte er ja _wirklich_
Kommandorufe ... Und eine Schiffspfeife ... und noch eine ... eine ganz
derbe ... Und Stimmen! ... Jawohl ... Stimmen ... und dazu
Pferdegewieher! Und Hundegeklff! Und wieder Stimmen und Stimmen! Er
war aus dem Hohlweg heraus, -- ganz kurz war der gewesen! -- und
zwischen den Bumen hindurch schimmerte die See ... und Schiffe ... Was
war denn das? War er denn wieder in der Stadt? War er im Ring
herumgelaufen? Er war doch immer am Strand entlang gegangen! Er fing an
zu rennen, in Stzen -- -- Freilich, jetzt kannte er sich wieder aus!
Ja, wahrhaftig, er war immer nur geradaus gelaufen! Und da ffnete sich
der Wald ... und die Bucht ... die hatte er doch schon einmal gesehen?
Und auch die Inseln erkannte er wieder ... Er war auf dem richtigen Weg
... nun war's nicht mehr weit bis Store-Tuft! ... Aber was taten denn
diese Boote da? Was bedeutete dies gleichmige, ununterbrochene Gelrm?
Ein Fischzug! Hurra! Ein Fischzug! Mitten in einen Fischzug war er
hineingeraten! Hurra! Hurra! Vorbei aller Hunger, alle Mdigkeit, alle
Furcht! In langen Sprngen setzte der Junge den Hgel hinunter.

Eins der Netze war eben an Land gezogen, eins stand ausgespannt im
Wasser, eins wurde eben eingeholt. Von allen Seiten strmte es herbei.
Aber es war Samstagabend, es hie warten, bis zum Sonntagabend, um die
unzhligen gefangenen Fische auszunehmen. Auf den ersten Blick hatte er
das begriffen.

Der ganze Strand war voll Menschen, bis hinauf zur Strae, zu beiden
Seiten, Leute berall, immer mehr Leute. Wagen und Schlitten
durcheinander standen da, mit und ohne Fsser und Tonnen, Pferde vor-
oder ausgespannt -- Hunde zu Haufen; berall junges Volk, und Lachen und
Lrm ... Und drauen, in der Bucht, Boote um die Netze ... die Netze,
die eingeholt werden muten, und ein Geschrei und ein Spektakel, und
hoch in den Lften ein Vogelschwarm, naseweise, kreischend,
flgelflatternd -- bis weit hinaus.

Der Himmel ward dunkler, der Dampferqualm machte die Luft noch dsterer
und drohender, die nackten Inseln paten zu dem heraufziehenden
Unwetter: sie sahen aus, als seien sie eben erst emporgestiegen; die
bewaldete Klippe weit drauen ragte geheimnisvoll, einsam im
Regenschauer empor; die Dampfer rauchten und kreischten und fauchten und
pfiffen um die Wette um sie her; die reinen Konkurrenten.

Die Mnner stampften in Flerstiefeln umher, lmntel ber ihrem
gewhnlichen Anzug; andere trugen -- mehr nach Bauernart -- Frieswams
und Pelzmtze. Die Weiber, dicke Tcher ber der gewohnten Kleidung oder
in Mnnerrcke eingemummt, arbeiteten mit den Mnnern um die Wette beim
Ausnehmen der Fische; der gewohnte stille Verkehrston war wie
ausgewechselt.

Schon fielen vereinzelte schwere Regentropfen, die dichter und dichter
wurden. Fast alle Gesichter, in die Edvard sah, waren durch und durch
na. Er wurde ordentlich begafft: ein schmchtiges Stadtjngelchen, --in
solch einem Treiben -- leicht gekleidet -- mit triefendem Gesicht --
auer Atem, die dnne Pelzmtze platt an den Kopf angeklebt!

Aber wen sah er da vor sich? War das nicht Ingebret Syvertsen, der
lange, schwarze Kerl, der mit Vater Kallem Geschfte machte? Dort stand
er nun und feilschte -- lang und hager -- in ltuch gewickelt von Kopf
bis zu Fen. Der war tchtig mit dabei gewesen! Wie Silberschimmer lag
noch der Gischt ber ihm! "Gr Gott, Ingebret!" rief der Knabe froh.
Der lange Kerl mit dem nassen Gesicht unter dem Sdwester, einen groen
herabhngenden Tropfen an der Nase, mit seinem dnnen schwarzen Bart und
den drei Zahnlcken im Oberkiefer, erkannte ihn auch sofort und lachte;
dann rief er: "Dein Vater ist auch unterwegs, Jung'! Zu Pferde!" --
Irgend jemand sprach in diesem Augenblick Ingebret an; er drehte sich
um, wurde rgerlich und verwickelte sich in viele Worte; und als er sich
wieder dem Jungen zuwandte, sah er ihn schon weit drauen, hinter dem
ganzen Fischertreiben, auf der Strae.

Edvard war in hellem Schreck davongelaufen ... und erst jetzt, auf der
Strae, fiel's ihm ein -- er lief ja dem Vater geradenwegs in die Arme.
Ob er berhaupt Store-Tuft noch erreichen konnte, bevor er den Vater
traf?

Aber -- was sollte er tun? Gesehen hatten sie ihn, alle diese Menschen;
und sie hatten ihn derart angestarrt, -- sie wrden's schon
herauskriegen, wer er war! Und wenn der Vater vorberkam, wrde er's
auch erfahren! Wozu also noch lange durchbrennen! Haue jetzt gleich --
oder Haue spter -- das kam auf eins heraus. Fast wollte er wieder
anfangen zu singen. Denn rger als es war, konnte es doch nicht werden.
Und wirklich -- er setzte auch ein, und zwar die Marseillaise auf
Franzsisch -- die pate just fr einen, den Schlge erwarteten ...!
Hurra! Aber er war noch nicht mit dem ersten Vers zu Ende, als ihm auch
schon das Herz in die Hosen sank. Die Stimme versagte, und auch der
Takt, und alles hatte auf einmal eine ganz andere Farbe. Ach, und wie
sauer ihm das Gehen wurde! Es regnete jetzt tchtig. Der Gesang wurde zu
abgerissenen Strophen, bis er ganz aufhrte. Die Gedanken des Knaben
hatten sich verfangen in etwas, das er krzlich in der Zeitung gelesen
hatte: die berschwemmung einer groen Kohlengrube in England. Die
Menschen waren davongestrzt, so schnell sie nur konnten, und die Pferde
hinter den Menschen her; dort unten wuten sie sich nicht selber zu
helfen. Die armen Tiere! Ein Junge hatte sich retten knnen, und der
erzhlte, wie ein Pferd hinter ihm hergekeucht war; der Junge war
hinaufgeklettert, das Pferd konnte nicht mit ... Edvard sah das Tier
ganz deutlich vor sich, den Kopf, die schnen glnzenden Augen, er hrte
das Schnauben und Wiehern, und jedesmal machte es ihn ganz krank. In
solchem Entsetzen sterben -- das war etwas! Und all das sollte am
jngsten Tag wieder auferstehen! Was da wohl alles aus den Eingeweiden
der Gruben und Eingeweiden der Erde hervorkommen wrde! Weshalb sollten
die Tiere nicht auch mit dabei sein? Sicher traten sie auch vor und
wieherten und klagten die Menschen an! Du groer Gott, muten das
Anklagen werden! Und so viele -- wenn man bedachte -- von der
Erschaffung der Welt an! Und wo waren sie alle zu finden? Auf der Erde
und unter der Erde und --und die Wesen, die im Meer lagen, auf dem
Grunde der See? Und die Geschpfe, die wieder unter ihnen lagen? Denn an
vielen Stellen war ja Land gewesen, wo jetzt See war. Ach ja!

Wie hungrig er war! Und nun fror ihn; er konnte nicht lnger schnell
gehen, und er war durch und durch na.

Viel Ursache, sich nach dem Ziel seiner Wanderung zu sehnen, hatte er ja
auch gerade nicht. Er kannte die neue Reitpeitsche nur zu gut; die alte
hatte er selber aus der Welt spediert; aber htte er gewut, da die
neue noch schlimmer ausfallen wrde -- er htte die alte vermutlich noch
ein paar Jahre lnger leben lassen. Au! Jetzt kribbelte es ihn auch noch
unter den Ngeln, und seine Finger wurden steif. Und die Fe! An die
durfte er gar nicht erst denken; dann wrden sie nmlich noch schlimmer;
horch, wie es in den Stiefeln klatschte! Er machte sich den Spa, die
Fe kreuzweise voreinander zu setzen; er wechselte von rechts nach
links und von links nach rechts; aber es machte ihn nur mde. Immer
zher und zher ging's, immer mhseliger wurde es; jetzt kam wieder eine
Steigung. Himmel, war das nicht die letzte? Lag nicht Store-Tuft in der
nchsten Senkung? Dicht am Fu der Anhhe? Natrlich, das war die
Tuft-Niederung! Vielleicht kam er doch noch vor dem Vater hin? Und wenn
es auch nur ein Aufschub war -- es war doch immerhin etwas!
Donnerwetter! Es war schon der Mhe wert, sich zu beeilen! In den Jungen
kam neues Leben. Frisch drauflos!

brigens -- der Vater war nicht blo streng! Er war auch gut. Besonders,
wenn Josefine zu Edvard hielt und ein gutes Wort fr ihn einlegte. Und
das wrde sie schon, wenn Ole wiederkam; dann hielt sie sicher zu ihm.
Sie wrden versuchen, auch den Apotheker zu gewinnen. Er war furchtbar
nett, der Apotheker, und es war auf alle Flle gut, Hilfstruppen zu
haben, so viel wie mglich. Herrgott, gab es denn nicht noch mehr ...?

Da tauchte der rote Pferdekopf ber der Hgellinie auf! Die groen
Strohschuhe, die der Vater im Winter als Steigbgel bentzte, standen zu
beiden Seiten des Fuchsen ab wie die Tatzen eines Raubtieres. Der Junge
wurde zu Stein und stand still.

"Rauen", der Fuchs, glotzte aus dem schweren, spanischen Sattelzeug
heraus Edvard an; er traute seinen eigenen klugen Augen nicht. Dem Vater
erging es augenscheinlich ebenso; denn sein runder Kopf in der grauen
Wollmtze streckte sich weiter und weiter ber den Pferdehals vor, bis
er sich mit beiden Hnden auf den Sattelknopf sttzen mute. Dieser
pudelnasse Bursche mit dem Pelzklex auf dem Kopf -- der dort, bla und
erschrocken, wie ein Gespenst mitten auf der Strae stand -- war das der
Junge, der um diese Zeit zu Hause sitzen und seine Aufgaben machen
sollte, bevor er sich berhaupt rhren durfte? Am Samstag nachmittag? In
solchem Wetter, bei solchem Schmutz, und so leicht gekleidet -- hier
drauen auf dem Weg nach Store-Tuft? Und das ohne Erlaubnis? "Hlle und
Teufel, was treibst Du hier?"

Das Pferd blieb stehen; der warme Atem fllte die Luft rings um den
Jungen und hllte ihn in Nebel und einen unangenehmen Schweigeruch.
Edvard vermochte sich nicht zu rhren, wagte nicht zu antworten. Er
starrte blo durch den Nebel bld und dumm zum Vater auf; zuletzt wute
er gar nichts mehr von sich.

Unverzglich stieg der Vater ab, und gleich darauf stand er, die Zgel
um den linken Arm, die Peitsche in der rechten Hand, vor ihm. "Was
gibts, he? Woher kommst Du? Hlle und Teufel, wirst Du wohl antworten!"

Edvard glitt mechanisch weiter und weiter zurck; der Vater ihm nach;
und ebenso mechanisch hob der Junge den rechten Arm, um das Gesicht zu
schtzen; den linken hielt er abwehrend vor sich ausgestreckt. "Wo
willst Du hin?" -- "Zu Ole Tuft." -- "Was willst Du da? He? Ist Ole Tuft
zu Hause?" -- "Ja." -- "Was willst Du bei ihm?" -- "Ich will -- ich will
-- --" --"He?" -- "-- ihn um Verzeihung bitten." -- "Um Verzeihung?
Nanu? Na? He?" -- Und die Peitsche fuhr in die Hhe. Der Junge beeilte
sich: "Er will nicht mehr in die Schule kommen." -- "So? Eklig gegen ihn
gewesen? He? Und Du an der Spitze? He?" -- "Ja." --"Also Deine Schuld,
was? He?" Er kreischte. -- "Ich hab' 'rausgekriegt --" Der Junge
stockte. -- "Was?" --"-- -- da er ... da er ..." Er fing an zu weinen.
"-- He?" -- "... da er Kranke pflegt." -- "Und hast's weitergesagt, he?
Gepetzt? He?" Edvard getraute sich nicht zu antworten, und nun begann
die Peitsche eklig zu werden. Beide Arme des Jungen gingen im Takt mit
der Peitsche auf und nieder, unsicher, wohin sie zielte. Er wich immer
weiter zurck. "Stillgestanden!", schnarrte es. Statt dessen sprang der
Junge mit einem Satz bis unmittelbar an den Rand des Straengrabens.
Zornig hob der Vater die Peitsche; das Pferd hinter ihm erhielt, ohne
da er es wute, einen tchtigen Hieb und zerrte so heftig, da der
Vater fast umgerissen wurde. Edvard vermochte beim besten Willen der
berwltigenden Komik dieser erlsenden Unterbrechung nicht zu
widerstehen; er fing schallend zu lachen an, erschrak aber gleich, als
er es selber hrte, so unsinnig, da er ber den Graben wegsprang und in
den Wald hineinrannte. Sobald er dem Vater den Rcken gedreht hatte,
konnte er sich nicht mehr halten, er mute wieder lachen, und wute das
durch nichts Besseres zu verdecken als durch ein lautes Geheul.

Die Verachtung des Vaters fr den Jungen war grenzenlos. Er selber wurde
dadurch ganz kaltbltig, brachte das Pferd zum Stehen und schwang sich
in den Sattel. "Komm!" sagte er ruhig und wies mit der Peitsche nach
Store-Tuft. Weitere Abrechnung folgt, wenn wir dort sind! dachte der
Junge.

Er gehorchte selbstverstndlich und kam eiligst --bis auf einen
gemessenen Abstand vom Pferd. -- Und diesen Abstand hielt er auch
unverndert ein. Das Pferd schritt schnell aus, so da es nicht ganz
leicht war.

Und nun jagte der graue Mann auf dem roten Pferd den Sohn erbarmungslos
vor sich her durch den Schneeschlamm, trotzdem die Fe des Jungen
wundgelaufen waren -- man sah es an der Art, wie er sie setzte; trotzdem
er erfrorene Hnde hatte -- er steckte sie ab und zu in den Mund;
trotzdem er bis auf die Haut durchnt sein mute -- die Pelzmtze
klebte am Kopf wie ein Waschlappen! Der graue Mann selber sa trocken,
in warmen, wasserdichten Kleidern, da, in der Hand die Peitsche, mitten
im Gesicht den groen Riecher, daneben zwei funkelnde Augen. Niemand,
der den Aufzug gesehen, htte ahnen knnen, da dieser gestrenge Herr
keinen hheren Wunsch hegte, als den Jungen, den er da so wtend vor
sich hertrieb, lieben zu knnen.

Aber um einen Menschen lieben zu knnen -- dazu gehrt, da er so ist,
wie wir wolle -- nicht wahr? Und wenn nun das der Junge nicht wollte?
Und wenn Kallem an Migeschick nicht gewhnt war? Das erste ernstliche
Migeschick, das ihn betroffen hatte, war der Tod seiner Frau gewesen,
und ganz kurze Zeit darauf kam das mit dem Jungen. Bis dahin hatten sie
alle im Ausland gelebt, Kallem in Frieden mit seiner Frau, seinem
Geschft und seinem Sport und seinen stillen Bchern -- er war nmlich
ein eifriger Leser; nichts hatte ihn je gestrt oder geplagt. Das
Geschft besorgte der Bruder seiner Frau; es ging ausgezeichnet; das
Haus besorgte seine Frau, ebenfalls ausgezeichnet. Alles ging ohne
Strung oder Sorge, genau so, wie es gehen sollte --bis zum Tode der
Frau.

Aber dann!

Weder er noch andere konnten anfnglich die unerwartete Vernderung
begreifen, die mit ihm vorging. Manche meinten, der Verlust seiner Frau
habe ihn verrckt gemacht; er selber meinte, das spanische Klima sei zu
warm fr ihn; er msse fort, er msse nach Hause. Der spanische
Geschftsfhrer stimmte sofort bei; es war nmlich eine ganz
ausgezeichnete Spekulation, das Hauptgeschft nach Norwegen zu verlegen
und in Spanien eine Filiale zu unterhalten. So brachen sie denn auf --
vor nunmehr etwa einem Jahr.

Aber der Junge, der schon in Spanien schuld war, da der Vater das
erstemal sich verga -- brigens auch ein zweites, und unglcklicherweise
ein drittes, viertes, fnftes, sechstes Mal -- immer war's der
Junge!--brachte ihn leider auch in Norwegen aus dem Gleichgewicht. Im
warmen wie im kalten Klima -- der Junge war immer gleich eklig!

Bald kamen auch aus der Schule Klagen ber ihn; dann aus der Apotheke,
wo sie bei Kallems altem Freund zur Miete wohnten; dann von den Leuten,
von den Nachbarn, von den Landungsbrcken. Vielleicht muten auch andere
Eltern Klagen anhren ber ihre Jungens; vielleicht waren die Leute in
dieser Gegend berhaupt schnell mit Klagen bei der Hand; davon wute
Kallem nichts; er war eine Einsiedlernatur. Soviel aber wute er: sein
Sohn war der begabteste Junge in der Schule; das versicherte ihn ein
Lehrer nach dem andern; er wute ferner, da es dem Sohn auch im brigen
an nichts fehle, weder an Gemt noch an Willen; nur --er war so
gleichgltig und selbstzufrieden, mochte sich immer nur amsieren,
mochte in alles, was ihn nichts anging, seine Nase stecken, war
gleichzeitig dreist und doch feig, ein schndlicher Spottvogel und
grenzenlos unartig. Einen Engel im Himmel konnte es um die Geduld
bringen; und nun gar Kallem, der berhaupt keine Geduld hatte.

Dieser schmchtige, geschmeidige Krabat, der da mit feigen Seitenblicken
auf das Pferd und die Peitsche vor ihm herhinkte, hatte den Unfrieden in
seines Vaters Leben gebracht. Nicht allein, da er ihn im tiefsten
Innern unsicher gemacht hatte, nein, er hatte ihn bisweilen seine
Ohnmacht fhlen lassen -- bis zur Hilflosigkeit; in solchen Augenblicken
htte er den Jungen am liebsten in Stcke geschlagen.

Dann wieder konnte er ihn vornehmen, konnte drohen, flehen. Noch in
dieser letzten Sturmnacht hatte er ihn ins Gebet genommen, hatte mit den
eindringlichsten Worten die schmhliche Angst des Knaben zu bannen
versucht, hatte ihn ermahnt, ihm durch Erzhlungen aus der
Naturgeschichte erklrt, wie alle Prophezeiungen vom Untergang der Welt
nur Erfindungen seien, Lgen... Der Junge antwortete: "Hm" und "Ja" --
und glaubte kein Wort von allem, was der Vater sagte! Sobald das
Unwetter losbrach, war er wie verrckt gewesen -- und auf und davon in
der jammervollsten Todesangst! Und heute trifft er ihn hier, auf offener
Landstrae, eine Meile vor der Stadt, in Regen und Wind und Schmutz
--selbstverstndlich ohne Erlaubnis! Erst verunglimpft er den bravsten
Jungen der ganzen Schule, einen kleinen Kerl, ber den Kallem sich manch
liebes Mal gefreut und den er oft mit ein paar Groschen bei seiner
kleinen Mission untersttzt hatte, wenn Josefine ihm davon erzhlte; --
und obendrein...

"Sieh mal an! Hlle und Teufel! Ob er nicht zu allem hin noch lacht!"
dachte er, whrend er dabei tat, als sehe er es nicht. Und worber
eigentlich? Na ja, ber das Pferd da hinter ihm, mit "Hlle und Teufel"
auf dem Rcken -- und die Peitsche -- und die gleichmigen schweren
Tritte im Schneeschmutz: schwapp-schwapp -- -- schwapp-schwapp -- --
schwapp-schwapp! Und das alles wuchs nach und nach ins Malose, wuchs
an, bis es zu einem ungeheuren, formlosen, verzerrten Etwas wurde ...
Der Junge versuchte hastig, an etwas anderes zu denken, -- er strzte
sich kopfber in die englische Steinkohlengrube, die sich mit Wasser
fllte -- er suchte das Pferd, das hinter dem Jungen herkeuchte. Aber er
kam nicht bis zur Grube hinunter; nichts als die helle Landstrae und
"schwapp-schwapp -- schwapp-schwapp" -- und Hlle und Teufel, und die
Peitsche, und er selber an der Spitze, auf anderthalb Beinen --
hi-hi-hi!

"He?" schrie es hinter ihm.

Der Laut rieselte dem Jungen den Rcken hinunter wie ein spitzes Stck
Eis. Unfern sah man jetzt Store-Tuft.

Dicht am Fu der Bschung lag es, die sie eben hinab muten. Es bestand
aus ziemlich vielen Gebuden, deren Mehrzahl im Viereck den Hof umgab.
Auf der andern Seite lrmte der Flu, mit Mhle und Sgwerk. Die Inseln
drauen und die Landspitzen zu beiden Seiten schlossen die Bucht so
vllig ab, da das Meer ganz still lag, wie ein Teich mit vereisten
Rndern. Am Strand lag eine Reihe von Bootsschuppen. Um smtliche
Gebude Obstgrten, zum Teil recht ansehnliche.

Aus dem Wohnhaus von Store-Tuft stieg Rauch auf --endlich! Dort kochte
die Mutter das Mittagmahl fr Ole. Und Hunger und Kummer und Entbehren
wurden bermchtig in dem Knaben, und vor lauter Sehnsucht nach einer
warmen Stube und trockenen Kleidern und Heimweh nach seiner Mutter und
der Heimat in Spanien htte er fast wieder zu weinen angefangen. Aber
dann dachte er daran, wie der Vater wieder sagen wrde: "Hlle und
Teufel! Jetzt flennt er!" Und da bezwang er sich.

ngstlich blickte er nach dem Hof.

Das Wohnhaus lag mit der Langseite nach dem Garten zu -- ein rot
angestrichener, zweistckiger Holzbau mit weien Fensterrahmen. Dahin
steuerten sie, der Knabe immer voran, der Vater hinterdrein.

An der Giebelseite vorbei gelangten sie in den Hof; gegenber lagen die
Stlle fr das Vieh -- Schafstall, Kuhstall, Pferdestall -- alles unter
einem Dach. Die Gebude waren ganz neu und lagen rechtwinklig zur
Scheune; gegenber der Holzschuppen und die anderen Wirtschaftsgebude.
Auf dem Hof standen Ziegen und knabberten Tannennadeln, umschwrmt von
Spatzen in unglaublichen Mengen; die Versammlung fand unmittelbar vor
der Kornscheuer statt.

Jetzt erblickten die Ziegen die Ankmmlinge. Sie hoben die Kpfe und
streckten die Hlse, alle auf einmal, Augen gespannt, Ohren gespitzt,
starr, den letzten Bissen unbeweglich im Maul, neugierig bis aufs
uerste. Blo der Bock kaute weiter, whrend er den beiden schwerfllig
und gleichmtig entgegensah. Der Spatzenschwarm schwirrte geruschvoll
davon.

Zwischen der Giebelseite des Hauptgebudes und dem Stall hielt der Vater
und stieg ab. Der Junge war schon drin und begaffte das Scheunendach,
das beschdigt war und eben ausgebessert wurde; Arbeiter waren jedoch
nicht zu sehen. Wahrscheinlich waren sie kurz vorher mit auf den
Fischzug gegangen; die Leiter stand noch auf ihrem Gestell gegen die
Scheune gelehnt. "Halt!" rief der Vater. Und der Junge blieb stehen und
wandte sich um. Der Vater war dabei, "Rauen" an einem Schleifstein
festzubinden, der an der Giebelwand des Hauptgebudes lehnte. Der Junge
sah zu. "Merkwrdig, wie ruhig er jetzt ist!" dachte der Vater. Er trat
vor und deutete mit der Peitsche nach der groen Steinschwelle vor dem
Hauseingang; dahin sollte der Junge vorangehen. Das tat er denn auch.
Erst kam er an einem Gitterschlitten vorbei; zwei Ktzchen spielten
zwischen den Sprossen, eins innen, das andere auen. Die Fenster, an
denen sie vorbeikamen, gingen so tief herunter, da sie durch die ganze
Schlafstube, die auf der andern Seite ebenfalls Fenster hatte, und dann
ebenso in die Wohnstube sehen konnten. Da sa Ole, in einem weien Hemd,
das ihm bis auf die Fe reichte, am Herd mit hochgezogenen Beinen;
neben ihm stand, ber ein paar Tpfe gebeugt, die Mutter. Mehr zu sehen
hatte Edvard nicht Zeit. Er stieg ber die Schwelle und hinein in den
Flur, aus dem ihm ein herber Fischgeruch, alter und frischer, und ein
Geruch von etwas, was er nicht kannte, entgegenstrmte. Wieder deutete
der Vater voran -- nach rechts; auch links war eine Tr, eine
feingemalte mit einer Messingklinke; da sollte er nicht hinein. Na,
dachte der Junge, soviel htt' ich auch gewut, da wir irgendwohinein
wollen, wo Menschen sind, und nicht in die kalte Gaststube! Er legte
seine steifen Finger auf die Klinke und drckte.

Der Herd war in der Ecke links, dicht an der Tr. Und groe Augen
machten sie, die zwei, die da saen! Oles Krauskopf guckte nur eben aus
Vaters blauweiem Leinenhemd heraus. Die Mutter war ziemlich
hochgewachsen und hatte feine Zge. Sie trug eine schwarze Haube. Das
blonde, mit Wasser glattgekmmte Haar schmiegte sich um die Wangen,
wodurch ihr Gesicht lang erschien. Sie richtete sich von ihren Tpfen
auf und wandte sich den Eintretenden zu, die sie alle beide kannte. Ihr
Gesicht war ernst, doch freundlich; ein bichen ngstlich schien sie,
oder unsicher; die Augen wollten anfangs auf keinem der beiden so
richtig ruhen. Oles Stiefel standen am Herd; seine Kleider samt Hemd und
Strmpfen hingen an einer Stange, die zwischen den Dachbalken befestigt
war, zum Trocknen; auf dem andern Gestnge lag Holz und allerlei sonst.
Ringsumher Hausgert und Geschirr, wie immer am Werktag.

Die Stube war nicht gemalt, sondern vertfelt; unter den Fenstern zu
beiden Seiten liefen rotgestrichene Bnke entlang; in der Ecke links,
auf der andern Seite des Fensters, stand ein Tisch mit einem Bcherregal
darber; am Tischende, gleich neben der Kammertr, hing die Schlaguhr;
sie ging so gleichmig und unbekmmert, als sei der Unfriede niemals
ber diese Schwelle gekommen. Drauen sah Edvard die Ktzchen im
Schlitten; das eine mit der Pfote von innen durchs Gitter heraus-, das
andere von auen hineingreifend. Und unmittelbar vor sich Oles Gesicht.
Ole lchelte; denn auch ihm war bang zumute. Aber die Tpfe!

Die Tpfe, die waren doch das Allerbeste, dachte der verhungerte und
durchfrorene Edvard. In dem einen kleinen waren Kartoffeln; die waren
schon fertig. Aber zwei hingen noch berm Feuer. Ob Fisch war in dem
einen? Und im andern -- --?

Die Mutter war verlegen; sie wute nicht, was anfangen. Da standen sie,
unbeweglich, der barsche Mann und der Junge. Gerade als sie die beiden
zum Sitzen auffordern oder irgend sonst etwas sagen wollte, da ergriff
der Vater das Wort. Sie werde ja wohl wissen, was geschehen sei -- he?
Der Bengel komme und wolle um Verzeihung bitten und sich seine Strafe
holen. Das sei notwendig; denn er sei ein bser Junge, bei dem nichts
ntze, als Strafe; im Guten sei bei ihm nichts auszurichten.

"Ach -- aber -- so schlimm ist es doch nicht!" sagte die Mutter mild.
Ihr war ganz angst, und Ole wurde so blulich bleich wie sein Hemd. --
"Doch! Er soll seine Haue haben! Aber erst bittest Du um Verzeihung! Und
zwar auf der Stelle -- das rat' ich Dir!" -- Ole fing zu weinen an.
Edvard nicht. Ole konnte nicht mehr sitzen bleiben. Er stand auf und sah
die Mutter an. "Da -- --" sagte er. Weiter brachte er nichts heraus.
Aber man sah, was er meinte: sie sollte sich ins Mittel legen.

"Bitt' um Verzeihung!" knirschte es. Die Peitsche zuckte. "Mutter!"
schrie Ole. Edvard mute vor. Ole hatte sich abgewendet; er wollte nicht
mehr sehen. So etwas war er nicht gewhnt. Edvard wich zurck; der Vater
hinterdrein, da die Sporen klirrten. Edvard lief, in seiner Not, mit
ausgestreckten Hnden auf Oles Mutter zu; sie nahm sie nicht, und Ole
fing an, aus vollem Hals zu schreien. So groes Mitgefhl war zuviel fr
den armen Edvard; auch er heulte los, whrend er rund um die Mutter
herumlief. Ein solcher Lrm war es, da die Ziegen wieder, mit dem
Futter im Maul, dastanden und glotzten und aufhorchten; die Spatzen, die
zurckgekommen waren, schwirrten husch-husch aufs Dach.

Und was geschieht? Die Spatzen wiesen dem Jungen den Weg. Mit einem
blitzschnellen Satz war er am Vater vorbei, zur Tr hinaus, die
weitoffen hinter ihm stehen blieb. Die Ziegen stoben nach allen Seiten
auseinander. Und der Junge -- die Leiter hinauf -- und aufs Dach. Sobald
er oben stand, fing er an, die Leiter nachzuziehen. -- "So ein Bengel!
So ein Bengel!" schrie der Vater, der am Fenster stand. "He?" -- Und
fort war er.

Sobald der Sohn ihn kommen sah, lie er die Leiter fahren, da sie
polternd herunterfiel. Der Junge selber lief wie eine Katze das Dach
hinauf, bis zum First, guckte sich um und balancierte da, als htt' er
sein Lebtag nichts anderes getrieben. Jetzt fhlte er augenscheinlich
keine Schmerzen mehr in den Fen!

Des Vaters Angst berstieg alle Grenzen. "So pass' doch auf, Du! Pass'
auf, sag' ich! Pass' auf! Willst Du wohl machen, da Du 'runterkommst!
Und zwar auf der Stelle! Mach', da Du 'runterkommst, Du Lmmel!" Und er
rannte in seinen Reitstiefeln im Hof herum und drohte hinauf.

"Fllt mir gar nicht ein! Ich spring' auf den Hof hinunter! Jawohl!"

"Bengel! Bist Du toll? Hlle und Teufel! Willst Du's wohl bleiben
lassen!"

"Ja, wenn Du mich nicht haust!" -- "Ich verspreche gar nichts!" -- "So?
Du versprichst gar nichts?" Und der Junge kletterte noch ein bichen
hher hinauf.

-- "Doch! doch! Du Spitzbub! Du Lump!" -- "Also Du versprichst es?" --
"Ich versprech's ja -- zum Teufel! Willst Du machen, da Du
'runterkommst?" --"Auch nicht an den Haaren reien -- und nicht hauen --
und nichts?" -- "Ja doch, ja! Mach', da Du 'runterkommst! Herrgott --
Du rutschst ja aus! Edvard!" -- Er kreischte. -- "Also es gilt --? Du
hast's versprochen?" -- "Junge, wenn ich Dich hier htte -- Du solltest
-- --" er drohte mit der Peitsche hinauf. "Ja doch -- ich hab's
versprochen! Ich versprech' alles! Pass' auf!" -- "Darf ich bis morgen
hier bleiben?" sagte jetzt der Junge, "bei Ole? Darf ich?" -- "Ich
antworte berhaupt nicht mehr, bis Du herunterkommst!" -- "Also nicht?
Na denn -- --" -- "Du Starrkopf! Du miserabler Bengel!" -- "Also Du
sagst ja?" -- "Ja doch, zum Teufel! Aber pack' Dich wenigstens fort vom
Dachrand, Du Satanslmmel!" -- "Du, Vater, eigentlich wr' mir's lieber,
wenn Du zuerst weggingst!" -- "O nein! Das schlag Dir nur aus dem Kopf!
Mach' was Du willst. Erst will ich Dich wieder hier unten sehen!" --
Schlielich war das dem Jungen auch recht. Der Vater legte die Leiter
an, und der Junge kletterte langsam herunter; immerhin nicht eher, als
bis der Vater ein Stck weit auf den Hof hinaus gegangen war. Und er
hielt sich in gemessenem Abstand, trotzdem der Vater gern mit ihm
geredet htte und beteuerte, er werde ihm nichts tun. Er ging auch nicht
ins Haus, solang der Vater da war, trotzdem er so na war, und zwang den
Vater dadurch, zu gehen.

Fnf, sechs Minuten darauf lagen beide Jungen strampelnd auf der Diele
-- Edvard in einem gleichgroen Hemd wie Ole und im brigen ebenso
unbekleidet; beide waren dabei, ein paar dicke wollene Strmpfe
anzuziehen, von der Art, wie die Bauern sie tragen, und die weit hinauf
bis an den Schenkel reichen. Sie fanden es am bequemsten, das Geschft
auf dem sandbestreuten Fuboden vorzunehmen. Sie pufften einander in die
Seiten und den Rcken und lachten, als sei all das, was wir soeben
miterlebt haben, schon vor wer wei wie langer Zeit geschehen. Ole
machte alles nach, was Edvard vormachte; und sie lachten so, da zuletzt
auch die Mutter mitlachen mute; dieser Edvard hatte auch die
unglaublichsten Einflle! Die Strmpfe muten sie anziehen, damit sie
nicht froren, wenn sie beim Essen am Tisch saen; denn da gab's keinen
Herd fr die Beine. Und endlich waren sie denn auch so weit fertig, da
sie aufstehen konnten. Nun zeigte es sich, was das andere Gericht war;
es war Rahmbrei. Das hatte Edvard noch nie gegessen. Ole sollte ein
bichen vergngter werden, als er bei seiner Ankunft war; darum hatte
die Mutter den Brei noch zugegeben. Edvard klatschte in die Hnde und
lachte das Essen an.

Aber Ole sa mit einemmal so ernst und still da! Nanu, was jetzt? Die
Hnde gefaltet, die Augen niedergeschlagen? Und die Mutter stand vor
ihnen -- auch sie ernst, die Hnde gefaltet, die Augen niedergeschlagen.
Ihr Gesicht neigte sich; es war, als glitte es weiter und weiter weg,
oder als schben sich Nebel davor und lschten alles Licht darin aus.
Und dann begann sie, wie aus weiter, weiter Ferne, mit einem langen,
langen Tischgebet, in einem einfrmigen, leisen Ton, als rede sie still
mit jemand anderm, an einem andern Ort als hier. Edvard fhlte sich wie
ausgestoen. Die Verlassenheit, die Angst kamen wieder ber ihn, die
alten Bilder, die alte Sehnsucht nach der Mutter. Dann war es weg,
zusammengerollt wie Nebel, die am Gebirg herunter sinken.

Edvard hatte noch nie an einem Tischgebet teilgenommen, und die Art und
das Wesen der Mutter waren fr ihn etwas ganz, ganz Neues; und er
verstand sie nicht, wenn sie so murmelte. Noch lange nachher sa er
still da. Ole sprach ebenfalls nicht; die ganze Zeit, solange sie aen,
war er einsilbig; kaum da er einmal lchelte. Das Essen war eine
Gottesgabe; deshalb mute Ernst herrschen.

Aber sie aen denn auch mit Ernst! Die Mutter fragte schlielich, ob es
nicht besser sei, ein bichen fr den Abend aufzuheben. Nein, meinten
sie, dies sei ja doch gleichzeitig auch Abendbrot. Sie durften zusammen
in der Altenteilstube schlafen, die als Gastzimmer diente; es war dort
schon alles zurecht gemacht; und jetzt wollten sie noch ein Stndchen am
Herd sitzen, dann aber zu Bett gehen.

Die Mutter merkte, da sie am liebsten allein sein mochten und lie sie
denn auch allein.

Und dann spter in der Schlafstube! Erst der entsetzlichste Spektakel!
Die Pelzdecken und Federbetten stoben nur so um sie herum; dann wurde es
allmhlich ruhiger, und endlich kam es zu einem Gesprch. Ole erzhlte,
wie die Jungens sich benommen hatten, und Edvard versprach, er wolle den
und jenen dafr durchhauen, und wenn es Anders Hegge selber wre; wenn
der nicht den Mund halte von "Gottes Wegen" und all dem, so wrde er,
Edvard, ihn ordentlich durchwichsen. Anders Hegge sei feig. Er wisse
schon, wer ihm dabei helfen wrde; das reine Kinderspiel!

Als sie mder wurden, kam die Sentimentalitt; Ole sprach von Josefine,
und Edvard ging auf seinen Ton ein und versicherte, sie sei
unvergleichlich gewesen heute; er beschrieb, wie sie ihm nachgerudert
war. Und Ole fand das gro. Ja, Josefine hatte etwas Groes; darin
stimmten sie beide berein.

Edvard konnte nicht begreifen, weswegen Ole Missionr werden wollte. Was
zum Kuckuck hatte es denn fr einen Sinn, auf wilde Abenteuer
auszuziehen, wo es doch hier in der Heimat genug zu tun gab? Ole sollte
Pastor werden, und er Arzt, und beide wrden sie im selben Kirchspiel
leben. Wre das nicht famos?

Edvard malte das immer weiter aus; sie wrden Hof an Hof wohnen und oft
zusammenkommen, besonders abends zu einem Glase Punsch, wie jetzt der
Vater und der Apotheker, und Schach spielen wie sie. Dann wollten sie
sich einen flotten Wagen kaufen, und jeder ein Pferd dazu halten, und
zusammen ausfahren; das war gemtlicher als allein. Oder sie konnten am
Strand wohnen und gemeinsam ein groes Boot haben -- alles gemeinsam.

Ole war es, als sei bei allem Josefine mit, wenn auch Edvard davon
nichts sagte. Aber es war klar, da sie mit dabei war. Und Ole fand
das so zart von Edvard, und war ihm so ungeheuer dankbar; und das
gab den Ausschlag. Josefine als Pfarrfrau, die auf dem Hof waltete
und schaltete ...

Also schlielich war er einverstanden; es wurde bestimmt, der eine
sollte Pastor werden und der andere Doktor, und sie wollten
zusammenwohnen. Das letzte, wovon sie sprachen, waren Fischzge.

Sie hrten noch gewissermaen die schweren Schritte und die Reden der
Mnner, die vom Fischzug heimkehrten, aber sie waren so mde.




Jugend


1

Erstes Paar vor!

Auf dem Land drauen, etwa fnf Kilometer von der Stadt entfernt, hatte
sich das junge Volk versammelt. Der Hgel, auf dessen nach der Bucht zu
abfallendem Teil sie saen, war lustig bunt von Sommerkleidern,
besonders von Mdchenkleidern:

"Gelbe, schwarze, braune, weie,
Grn und violett und blau --"

-- manche einfarbig, viele gesprenkelt, gewrfelt, gestreift; Filzhte,
Strohhte, Tllhte, Mtzen, unbedeckte Kpfe, Sonnenschirme. Eben stieg
ein harmonischer Gesang aus diesem Farbenmischmasch empor, Klnge eines
vereinten Mnner- und Frauenchors, in langen, farbenvollen Bogen. Kein
eigentlicher Vorsnger; ein junges, brnettes Mdchen in braunkariertem
Kleide lag in der Mitte der Schar, auf den einen Ellbogen gesttzt, und
fhrte mit einem Sopran an, der klarer und freier als die Stimmen der
andern war; und ihr folgten sie. Sie waren gut aufeinander eingesungen.
In der Bucht unter ihnen lag ein frischgestrichenes Deckboot mit neuen,
zur Hlfte gerefften Segeln; und das Wasser spiegelglatt.

Gesang und Boot vereinten sich zu einem lichten Bndnis unten in der
schwarzen, von nackten, im Hintergrund immer hher ansteigenden Klippen
berschatteten und eingeklemmten Bucht. Die Bucht selbst glich einem
Bergsee, der sich dereinst beim Schneegang gebildet hat und vergessen
worden ist. Die Berge -- wie schwer und stumpf in Linien und Farben --
holperig und bleiern; die letzten da hinten schwarzblau, mit Kappen
schmutzigen Schnees, -- Ungeheuer einer wie der andere.

In dem schwarzen Wasser lag das Boot, bereit zum Tanz; das war in
frhlicherem Verband daheim, als die Gesellschaft jener hohen Beisitzer
des Natur- und Menschenlebens es ist, Gesang und Boot waren ein Protest
gegen alles berragend Herrschschtige, alles unverschmt Stumpfe und
Rohe -- ein freischwebender Protest voll stolzer Farbenfreude!

Im brigen merkten die Berge so wenig etwas von diesem Protest, wie das
junge Volk begriff, da er von ihm ausging. Das "Hochgeborene", das
darin liegt, in einer Natur wie dem westlichen Norwegen zur Welt
gekommen und aufgewachsen zu sein, besteht eben darin, da die Natur den
Menschen zwingt, ihr Trotz zu bieten, wenn er nicht unterjocht sein
will; unter oder oben -- entweder -- oder! Und sie waren oben; denn das
Volk des Westlandes ist das lebhafteste, am reichsten begabte
Skandinaviens. In so hohem Grad sind sie die Herren der Natur, in der
sie leben, da auch nicht einer unter all diesen jungen Menschen jene
Berge als schwer oder farbenkalt empfand; die ganze Natur hier erschien
ihnen so stark und frisch wie nirgends sonst in der Welt.

Denn nicht nur die lichten Halden und das weite Meer hatten die
Menschen, die hier saen und sangen, geboren und aufgezogen; nein,
ebensogut waren sie Kinder der Berge, der Vorberge und der tiefer
landeinwrts gelegenen Hhen. Kurz vor dem Gesang noch war ein
Wortgefecht gewesen zwischen ihnen, so unerbittlich hart, so bleigrau
wie der grauste Berg. Und just um dies unheimlich Felsenharte in ihrem
eigenen Innern zu berwinden, hatten sie den harmonischen Gesang lange,
strahlende Bogen zwischen die Gipfel ber den Abgrnden spannen lassen.
Der Sommertag war an sich ziemlich grau; aber bisweilen, wie eben
jetzt, brach die Sonne mitten in Sang und Segel und Landschaft hinein.

Zwei waren da, an die war Sonne und Sang weggeworfen. Seht dort, den --
wie er da unten rechts, ein bichen abseits, auf seinen Ellbogen
gesttzt, im Gras liegt! Ein langer Bursch im hellen Sommeranzug, ohne
Hut. Ein runder, kurzgeschorener Kopf, eine breite, niedere Stirn, die
aussieht, als sei sie hieb- und kugelfest; _die_ Stirn mu gute Ste
ausgeteilt haben in seinen Knabenjahren! Unter der Stirn eine Nase wie
ein Schnabel und ein paar scharfe Augen, die gerade jetzt beinah ein
bichen schielen; aber entweder verdeckten es die Brillenglser, oder es
war an sich unbedeutend. Das ganze Gesicht hatte etwas Strenges, der
Mund war straff, das Kinn scharf. Doch wenn man es nher betrachtete, so
wechselte der Eindruck; das Scharfgeschnittene wurde eher Energie als
Strenge, und der Wille, der seinen Sitz in dieser Gebirgsgegend
aufgeschlagen hatte, konnte sicherlich auch gar freundlich und
schalkhaft sein. Selbst jetzt, wie er so dasa, voll Ingrimm, und sich
den Teufel um Gesang und Sonnenschein scherte, -- -- viel lieber htte
er sich eine Keilerei gewnscht! -- selbst jetzt flog ein Schimmer von
Humor ber die finsteren Brauen. Er war offenbar der Sieger.

Wer etwa zweifelte, der brauchte blo einen Blick auf die andere Seite
der Gruppe zu werfen, auf den, der dort links, ein bichen weiter oben,
an einen Baum gelehnt sa. Das Bild eines verwundeten Kriegers! Und noch
in den Zgen die zitternde Unruhe der Schlacht. Ein langes, blondes
Gesicht, das nicht an der Westkste daheim war, sondern im Gebirg oder
im Oberland. Entweder war er fremd hier oder von einer eingewanderten
Familie. Er hnelte auffallend den herkmmlichen Abbildungen von
Melanchthon; nur da vielleicht der Blick schmachtender, die Augenbrauen
ein bichen zu hoch geschrzt waren. Die hnlichkeit im ganzen --
besonders in Stirn, Augenstellung und Mund -- war so gro, da er unter
seinen Studienkameraden auch tatschlich den Namen Melanchthon fhrte.
Das war Ole Tuft, jetzt noch Student der Theologie, bald ausstudiert;
und der andere, der Sieger mit dem Adlerschnabel, der eben noch recht
krftig zugehauen haben mochte, war sein Jugendkamerad, der Mediziner
Edvard Kallem.

Vor mehreren Jahren schon waren ihre Wege auseinandergegangen, ohne da
es darum zu einem Zusammensto gekommen wre; heute aber war etwas
geschehen, das zu einer Entscheidung fhren sollte.

Mitten zwischen ihnen, also in der Mitte des Hgels, im Kreis der
Singenden, sa eine hochgewachsene Mdchengestalt in dotterfarbenem
seidenen Kleid, um den Hals eine breite, gelbe Spitze, die in tiefen
Falten bis an den Grtel hinabreichte. Sie sang nicht mit, sondern
reihte einen ganzen Berg Feldblumen und Grser zum Kranze. Man konnte
sofort erkennen, da sie die Schwester des Siegers sein mute, nur
dunkler von Haut und Haarfarbe. Dieselbe Kopfform -- wenn auch ihre
Stirn verhltnismig hher war, berhaupt das ganze Gesicht
verhltnismig grer -- zweifellos zu gro. Die scharfe Familiennase
war sanfter gebogen in ihrem regelmigen Gesicht; _seine_ schmalen Lippen
waren hier voll, sein Kinn gerundet, seine unebenen Brauen ebenmig,
die Augen grer --. Und doch war es dasselbe Gesicht. Der Ausdruck bei
beiden verschieden; bei ihr -- wenn nicht kalt, so doch verschlossen und
ruhig; niemand htte so leicht diese tiefen Augen ergrndet. Und doch
war auch der Ausdruck bei beiden merkwrdig verwandt. Der Kopf sa auf
einem starken, von krftig ausgebildeten Schultern getragenen Hals; auch
die Bste war recht ppig. Das dunkle Haar war zu einem eigenartigen
Knoten verschlungen. Den Hals trug sie frei; aber das gelbe Kleid mit
der gelben Spitze schmiegte sich eng an den sammetbraunen Krper, wie
berhaupt der ganze Anzug den Eindruck von etwas fest Zugeknpftem
machte; und ebenso ihr Wesen. Sie flocht, wie gesagt, einen Kranz und
wandte den Blick weder nach dem einen noch nach dem andern der zwei,
die da miteinander gefochten hatten.

Hervorgerufen war der Kampf durch einen groen, schwarzen Hund; der lag
jetzt da und tat, als ob er schliefe. Sein nasser, schwerer Pelz glnzte
in der Sonne. Ein paar junge Leute hatten Stcke ins Meer geworfen und
den Hund hinterher gehetzt; und dabei hatten sie jedesmal gerufen:
"Samson! Samson!" -- das war der Name des Hundes. Da sagte Edvard Kallem
zu einigen Umstehenden: "Samson -- das bedeutet Sonnengott". -- "Was?"
fragte ein junges Mdchen, "Samson bedeutet Sonnengott?" -- "Gewi. Wenn
auch die Theologen sich schwer hten, das zu sagen." Er sagte es ganz
jugendlich leichthin, gar nicht um jemand zu rgern oder um daran
weiterzuspinnen. Aber Ole Tuft hrte es zufllig und fragte etwas
berlegen: "Weshalb sollten denn die Geistlichen den Kindern nicht
sagen, da Samson Sonnengott bedeutet?" -- "Weil dann die ganze
Samsonerzhlung nicht mehr als Vorbild fr den Christusmythus zu
brauchen wre." Das Wort sa; und das sollte es auch. Lchelnd,
berlegen sagte Ole: "Samson lt sich wohl trotzdem als Vorbild
gebrauchen --ob er nun Sonnengott heit oder nicht!" -- "Ja -- ob er
Sonnengott _heit_ oder nicht; wenn er aber der Sonnengott _war_?" -- "So?
Also er war der Sonnengott?" rief Ole lachend. -- "Das sagt doch der
Name." -- "Der Name? Sind wir etwa Bren oder Wlfe, weil wir nach Bren
und Wlfen heien? Oder Gtter, weil wir nach Gttern heien."
Verschiedene aus der Gesellschaft hrten das mit an; jetzt kamen auch
andere hinzu, unter ihnen Josefine. Und beide wandten sich sofort an
sie.

"Der Fehler ist," sagte Edvard, "da in die Geschichten, die von Samson
handeln, berhaupt erst Sinn kommt, wenn man wei, da er der Sonnengott
war." --"Ach! Heutzutag mssen ja smtliche Ahnen und Urgeschichten
aller Vlker irgendwie auf die Sonnensage Bezug haben!" Und Ole gab ein
paar amsante Parodien auf diese wissenschaftliche Mode zum besten.
Allgemeine Heiterkeit; auch Josefine lachte. Sofort geriet Edvard in
Eifer und begann auseinanderzusetzen: als sich bei uns eine neue
Religion bildete, da wurden unsere eigenen Gtter, die ursprnglich
indische Sonnengtter waren, zu Stammvtern; ihre Altre, an denen das
Volk geopfert hatte, wurden in Grabsttten umgewandelt. Auf diese Weise
wurden auch die alten Sonnengtter der Juden umgewandelt in Stammvter,
als der Jahvekultus sie als Gtter verdrngte. -- "So? Und woher will
man denn das wissen?" -- "Wissen? Mach' doch die Probe mit Samson! Wie
sinnlos, zu glauben, da die Strke eines Menschen in seinen Haaren
liegen kann! Sobald wir aber davon ausgehen, da es die Sonnenstrahlen
sind -- zur Sommerzeit lang, im Scho des Winters kurz geschnitten --
kommt Sinn in die Sache. Und wenn die Strahlen gegen das Frhjahr hin
wieder wuchsen --nicht wahr? -- da konnte der Sonnengott wiederum die
Sulen der Welt umfassen!... Nie haben Bienen Honig gesammelt in einem
Aas; wenn wir aber hren, da es --so oft die Sonne durch ein
Himmelszeichen ging, z. B. durch den Lwen, -- hie: die Sonne schlug
den Lwen -- ja, dann verstehen wir, da die Bienen Honig im Aas des
erschlagenen Lwen sammelten, d. h. in der wrmsten Zeit des Sommers."

Jetzt waren alle ganz Ohr, und Josefine war im hchsten Grade
verwundert. Sie sah nicht zu ihrem Bruder auf, denn sie merkte, da er
sie ansah; aber es war nicht mizuverstehen: was Edvard anfnglich ohne
jeden andern Gedanken als den, ein bichen zu protzen, begonnen hatte,
das erhielt eine bestimmte Bedeutung dadurch, da Josefine zwischen
ihnen stand. "Bei den gyptern", erzhlte er, "begann der Frhling, wenn
die Sonne das Lamm schlachtete, d. h. durch das Zeichen des Lammes ging,
und aus Freude ber die Erneuerung schlachteten alle gyptischen
Familien an diesem Tag ein Lamm. Von ihnen haben es die Juden. Wenn die
Juden dies spter zu etwas umgewandelt haben, das sie von den gyptern
unterscheiden sollte, so ist das eine Flschung. Gerade wie mit der
Beschneidung; auch die haben sie aus gypten. Aber so was verschweigen
die Herren Pfaffen."

Von all dem wute Ole Tuft wenig oder nichts. Sein eifriges Studium
hatte sich streng auf die Theologie beschrnkt; er hatte auch gar keine
Zeit zu anderen Dingen und sein Glaube war altes Bauernerbe und in sich
selbst viel zu gefestigt, um sich mit wissenschaftlichen Zweifeln
abzugeben. Htte er das nun geradeheraus gesagt, so wre kaum weiter
etwas daraus entstanden. Aber auch er fhlte, da Josefine zwischen
ihnen stand und sich bestechen lie. So begann er voll Hohn alles als
bloe Erdichtung zu bezeichnen, die heute glnzt und morgen zergeht.

Das ertrug die Eitelkeit des andern nicht! "Den Theologen fehlt es ganz
einfach an der primitivsten Ehrlichkeit", schrie er. "Sie verschweigen,
da die wichtigsten Teile ihres Glaubens nicht den Juden offenbart,
sondern einfach irgendwo anders hergenommen sind. So der
Unsterblichkeitsglaube. Der stammt aus gypten. Ebenso die Gebote. Kein
Mensch klettert einen hohen Berg hinauf, um sich unter Donner und Blitz
offenbaren zu lassen, was die Leute schon tausend Jahre lang gewut
haben. Woher stammt der Teufel? Woher die Strafen der Hlle? Woher der
jngste Tag und das Gericht? Woher die Engel? Die Juden haben von all
dem nichts gewut. Die Pfaffen sind -- na, einfach Leute, die nicht
ehrlich nachforschen und dem Volk derartiges weismachen!" Josefine
senkte den Kopf; die Jugend, besonders die mnnliche, war offenbar auf
Kallems Seite. Freidenkertum war Mode; und sich ein bichen ber den
angestammten Glauben lustig machen, war ganz vergnglich.

Ein junger Mann ergo seinen Spott ber die Schpfungsgeschichte; Kallem
besa geologische und palontologische Kenntnisse und wute sie gut
anzubringen. Dabei konnte Ole Tuft noch weniger mit; er erwhnte blo
ein paar Versuche, die hier und dort gemacht worden waren, die
Bibellehre mit gewissen neueren Entdeckungen in Einklang zu bringen.
Aber er kam schlecht weg dabei. Und nun ging's, Trumpf ber Trumpf, von
einem Dogma zum andern; am lngsten stritten sie sich ber die Lehre von
der Vershnung; die stamme aus einer Zeit, so uralt, so roh, da noch
nicht einmal die persnliche Verantwortlichkeit des Individuums
existierte, blo die des Stammes und der Familie. Tuft war verzweifelt;
jetzt galt es! Mit lauter Stimme, bewegt und kraftvoll, fing er an,
seinen Glauben zu bekennen. Als ob _das_ was helfen konnte! Behauptungen
-- Behauptungen! Bring uns die Beweise! Zu spt erkannte Ole Tuft, da
er zu viel verteidigt und darum alles verloren hatte. Er empfand ein
tiefes Weh; er kmpfte ohne Hoffnung, aber er kmpfte dennoch und rief
es laut in alle Welt hinaus: wenn auch nur eine dieser Wahrheiten
zweifelhaft erscheine, so trage allein er die Schuld; er sei zu schwach,
sie zu verteidigen. Aber Gottes Wort bleibe unangetastet bestehen, bis
ans Ende der Welt! -- Ja, aber was denn eigentlich Gottes Wort sei? --
Gottes Wort -- das sei die Bibel, in ihrer Ganzheit und ihrem Geist, die
Schpfung (oho!), der Sndenfall (hrt! hrt!), der Erlsungstod (hrt!
hrt! hrt!) -- -- --Er schrie, die andern schrien, Trnen traten ihm in
die Augen; seine Stimme zitterte; er war bleich und schn.

Ganz so unbarmherzig wie Kinder sind junge Leute nicht; aber doch auf
dieselbe Art. Einigen tat Ole leid; andere wollten ihn jetzt erst recht
"reinlegen" -- und vor allen Edvard Kallem.

Josefine aber machte sich heimlich zu der Brnette mit der Sopranstimme.
Und augenblicklich stimmte diese eins ihrer Lieder an, und die andern
fielen nach und nach ein -- die Herren ein bichen spter als die Damen.
Die Gesellschaft bestand zufllig -- bis auf wenige Ausnahmen -- aus
einem Damen- und Herrenchor, die in den drei letzten Wintern mit einem
Flei und einer Eintracht gebt hatten, wie das nur in einer kleinen
Stadt mglich ist.

Josefine setzte sich mitten auf den Hgel; die anderen um sie herum. Sie
sang nicht mit; sie war mit ihren Blumen beschftigt.

Die ganze Gesellschaft war mit dem Schiff hergekommen, das dort unten so
heiter in der Sonne lag. Josefine, Edvard und Ole hatten dicht
beieinander gesessen; denn viel Platz war nicht. Keiner htte nach ihrer
heiteren, meist im Flsterton gefhrten Unterhaltung ahnen knnen, da
nicht alles zwischen ihnen die lautere Freundschaft und Gte war. Und
jetzt, kaum drei Stunden spter, sa Ole Tuft da als Ausgestoener. Wie
weh das tat! Ein pltzlicher Angriff auf seinen Beruf, seinen Glauben --
vor aller Augen! Und gerade von Edvard! Und so grausam! So erbarmungslos
hhnisch! Und Josefine! Kein Wort der Teilnahme von ihr -- keinen Blick!

Von Kindheit an hatten sie zusammengehalten, Ole und sie, hatten
einander geschrieben, als er in Kristiania war -- er alle vierzehn Tage;
sie, sooft sie etwas zu schreiben hatte. Wenn er in den Ferien zu Hause
war, kamen sie tglich zusammen. In den zwei Jahren, als sie in der
franzsischen Pension und in Spanien war, wurde der Briefwechsel
eifriger gefhrt, auch ihrerseits, -- und als sie wieder nach Hause kam
-- so sehr sie sich auch sonst verndert hatte -- im Verhltnis zu ihm
war sie dieselbe geblieben! Ihr Vater untersttzte ihn bei seinen
Studien, so da er sich mit voller Hingabe ihnen widmen konnte; zu
Weihnachten sollte er sein letztes Examen machen; und jedermann
prophezeite ihm, es wrde ganz glnzend ausfallen. Da man ihn so
untersttzt hatte, das verdankte er ohne Zweifel ihr, vielleicht auch
ihrem Bruder. Beide hatten ihn seinerzeit bei ihrem Vater, beim Rektor,
beim Apotheker und auch sonst eingefhrt; auch jetzt verschaffte sie ihm
Zutritt berall. Fr gewhnlich war sie wortkarg und manchmal recht
schwierig; aber in ihrem Freundschaftsverhltnis von unverbrchlicher
Treue. Sie konnte ihn auszanken (er war gar nicht immer so, wie's ihr
pate); aber das gehrte zu ihrem Verkehr; er nahm das weiter nicht
schwer, und sie erst recht nicht. Sie war ja vom ersten Tag an sein
Vormund gewesen. Noch hatte er nicht gewagt, ihr zu sagen, da er sie
liebe; es hatte ja auch keine Eile; und im Grunde war es viel zu heilig.
Er war ja ihrer so sicher wie seines Glaubens. Er war ein Bauer; sein
Wesen war Einheit, sein Grundton Gefestigtheit. Fr seinen Glauben
sorgte Gott. Fr sein Wohlergehen und seine Zukunft sorgte
selbstverstndlich auch Gott -- aber durch Josefine. Sie war in seinen
Augen das schnste, gesundeste, tchtigste Mdchen im ganzen Land -- und
sehr reich. Das zhlte auch mit; er war von kleinauf ein ehrgeiziger
Trumer gewesen. Nur da die Trume jetzt nach einer andern Richtung
gingen.

Seine Studienkameraden wuten das recht wohl; sie nannten ihn, auer
"Melanchthon", den "Bischofprtendenten der Fjorde" oder auch den
"Fjordbischof". Ihm selber war es geradezu ein Bedrfnis geworden, als
solcher betrachtet zu werden; und weil etwas Kindliches darin lag, stand
ihm diese lchelnde berzeugtheit ganz gut. Auerdem -- er sah so gut
aus -- hatte ein so hbsches, offenes, rosiges Gesicht --; da wirkt der
Ehrgeiz nicht leicht abstoend.

Und jetzt fhlte er -- er war abgestrzt von seiner ruhigen, lchelnden
Hhe! Jeder, der sich immer sicher gefhlt hat und zum erstenmal eine
grndliche Niederlage erleidet, wird dadurch aus allen Fugen geraten!
Das Schlimmste war -- Josefine verleugnete ihn. Wieder und wieder
blickte er zu ihr hin; aber sie ordnete ihre Blumen und Grser, als sei
er berhaupt nicht vorhanden.

Zuletzt war es wirklich, als rckten alle von ihm ab, oder als sei er
tatschlich nicht mehr da. Er sa, ohne zu sitzen, hrte, ohne zu hren,
sah, ohne zu sehen. Droben vor dem Haus deckte man den Tisch zum
Abendbrot. Sobald es fertig war, ging man hinauf, a, trank, schwatzte,
lachte; blo er war nicht mit dabei; er stand und starrte hinaus -- nach
dem jenseitigen Ufer der Bucht -- oder in weite, weite Fernen ... Ein
junger Kaufmann redete zu ihm ber Dampferlinien -- da sie so gar nicht
gnstig lgen. -- -- Ein Mdchen mit schrgstehenden Zhnen, roten
Zpfen und Sommersprossen -- er hatte ihr einmal Unterricht gegeben --
versicherte ihm, die Seeleute seien gar nicht so gebildet, wie man das
von so weitgereisten Menschen erwarten sollte. Die Wirtin kam und
fragte, warum er denn nichts esse, und der Wirt stie mit ihm an; sie
erwiesen ihm dadurch etwas vom alten Respekt; aber sie warfen beide
einen hastigen Blick auf seine Augen, vor dem er erbebte: er fhlte den
Zweifel. In seinem nagenden, immer mehr zunehmenden Schmerz sah er
berall Zweifel und Hohn, selbst in der Frhlichkeit der andern. Edvard
war lustig bis zur Ausgelassenheit, und alles drngte sich um ihn. Ihm
zu Ehren -- er war vor etwa vierzehn Tagen heimgekehrt -- war ja auch
der ganze Ausflug unternommen. Ole sah wie im Traum, da Josefines
Blumen jetzt auf dem Tisch standen, und hrte, wie die Zusammenstellung
der Farben gerhmt wurde. Sie selber hatte mit zwei Freundinnen an einem
kleinen steinernen Tischchen Platz genommen, an dem niemand weiter
sitzen konnte. Vielleicht, damit er sich nicht anschlieen sollte? Ganz
drben, auf der andern Seite war es. Er sah sie plaudern und lachen;
smtliche junge Herren bedienten sie. Edvard war auch ein paarmal dort,
und brachte sie zum Lachen. Und das alles beobachtete er mit einem
sonderbaren Gefhl von Angst. Der Lrm tat ihm weh, das Lachen war wie
ein Hohn, das Essen blieb ihm im Halse stecken, das Getrnk brannte, die
Menschen waren wie Automaten -- das Haus, die Bucht, das Boot, die Berge
so erdrckend nahe.

Da Windstille eingetreten war, mute die Gesellschaft zu Fu nach der
Stadt zurckgehen. In geschlossener Kolonne, singend, begann man zu
marschieren; aber bald kamen aus den umliegenden Gehften Sommergste
herzu, und da es Bekannte waren, machte man halt. Die Neuhinzugekommenen
schlossen sich ein Stck Wegs an; dann kamen weitere; und jedesmal gab
es einen Aufenthalt, und jedesmal lsten sich einzelne Gruppen los.
Dadurch gelang es Ole, unbemerkt zurckzubleiben. Er konnte die
Gesellschaft und ihre Lustigkeit nicht mehr ertragen.

Denn jetzt erst konzentrierte alles sich um Josefine. Edvards
pltzliches Umschwenken, sein Angriff, die Schmach der Niederlage, das
verletzte religise Empfinden ... alles verflo in dem _einen_ Gedanken,
da _sie_ nicht zu ihm gestanden war, mit keinem Wort, mit keinem Blick;
da sie ihm erst ausgewichen war und ihn jetzt ganz im Stich lie. Das
ertrug er nicht; denn sie war ihm viel zu teuer geworden. Er wute es
und er schmte sich dessen nicht. Sein frherer hchster Erdenwunsch --
Missionr zu werden -- war von ihm abgefallen wie eine Haut, als
Josefine keinen Wert mehr darauf legte. Jedesmal, wenn die Mutter ihm
gesagt hatte, er mge doch nur nicht Missionr werden, hatte er
erwidert: man solle Gott mehr gehorchen als den Menschen. Aber als
Josefine, in ihrer kraftvollen Art, in eine nhere Wirklichkeit
hineinwuchs, da gab er es auf, ohne da sie auch nur ein Wort darber zu
verlieren brauchte. Da es sich strafen msse, wenn man einen Menschen
_so_ liebe, das sagte er sich selber. Aber er konnte nicht anders.

Unter solchen und tausend hnlichen Gedanken blieb er nach und nach
zurck und bog vom Weg ab in ein Wldchen ein; dort warf er sich nieder
und wartete, bis die Sommergste zurck- und vorbeikommen wrden. Er
drehte sein Gesicht der Erde zu. Das khle Gras, das ihm Wangen und
Stirn kitzelte, und die feuchte Erde, die er einatmete, redeten zu ihm
... Solch drftiges, im Schatten wachsendes Gras hat keinen Duft; und so
war es auch mit ihm; durch sie hatte auch er die Sonnenseite kennen
gelernt; ohne sie war nichts als Schatten.

Und der Bruder hatte sie ihm genommen! schrie es in ihm.

Dieser Bruder, der sich bis vor wenigen Tagen nicht um sie gekmmert
hatte, whrend er, Ole, von Kind auf um sie gewesen war, mit ihr
gerudert hatte, ihr vorgelesen, ihr Bruder und Schwester zugleich
gewesen war und ihr geschrieben hatte, wenn sie fern voneinander waren!
Hatte ihr Bruder das je getan? Selbst seine Niederlage durfte er sich
zugute schreiben! Denn htte er's -- ihretwillen -- nicht so
gewissenhaft genommen mit dem Examen, zu dem ihr Vater ihm verholfen
hatte -- so htte er mehr gewut von den Dingen, um die sich's handelte
-- htte vielleicht keinen solchen Abfall erlitten. Auch das mute er um
seiner Treue willen erdulden.

Edvard war, in Josefines Kinder- und Backfischzeit, selten mit ihr
zusammen gewesen, ohne sie zu necken. Sie war immer ein hageres Ding
gewesen, mit groen schwarzen Augen, meist sehr zerzaustem Haar, roten
Hnden und einer "schlottrigen" Figur. Er hatte sie nur das "Entenkken"
genannt, und als sie einmal gefallen war und hinkte, "das lahme
Entenkken". Er konnte nie so recht klug aus ihr werden; sie war so herb
und trotzig und immer -- drei Schritt vom Leibe. Und dann -- sie war so
oft der Anla, da er Schlge bekam. Sie hielt es fr "gerecht", zu
erzhlen, wenn er etwas Dummes angestellt hatte. Und wenn er sie dafr
verprgelte, so war es "gerecht", auch das wieder zu erzhlen. Das
emprte ihn gegen sie. Bald kamen sie auch dadurch auseinander, da er
das vterliche Haus verlie. Nach jenem unglckseligen Tag, an dem Vater
und Sohn auf dem Weg nach Store-Tuft zusammengetroffen waren, erbarmte
sich der Apotheker seines alten Freundes und nahm den Jungen ganz
regelrecht als seinen eigenen Sohn zu sich. Und was dem Vater nicht
geglckt war, das glckte _ihm_. Der Junge wurde sofort aus der Schule
genommen und durfte seinem Hauptinteresse, den Naturwissenschaften,
leben. Chemische und physikalische Analysen oder botanische Ausflge
waren sein Hchstes, und zwei Jahre lang trieb er ausschlielich
derartige Studien. Die zum Abiturientenexamen notwendigen Fcher eignete
er sich dann durch Privatunterricht so rasch wie mglich an, und nach
der Prfung begann er sein medizinisches Studium. So lange er daheim
war, sah er seine Schwester nur, wenn sie ihn in der Apotheke besuchte,
und da ihre Interessen auseinandergingen, war der Verkehr eigentlich
gleich Null. Spter nahm ihn der Apotheker fast in jeder Vakanz mit ins
Ausland; Edvard hatte gute Sprachkenntnisse, und die gingen dem
Apotheker ab. Also kamen auch whrend der Ferien Bruder und Schwester
nur selten zusammen. Aber seit er als Student mit dem Apotheker seine
erste Reise ins Ausland gemacht und sie den heimgekehrten, erwachsenen
Bruder gesehen und gehrt hatte -- modern in Kleidung und Gedanken,
feurig, kraftvoll, das Ideal der gesamten Jugend, besonders der
weiblichen -- hatte sie ihn heimlich bewundert. Er seinerseits bersah
sie einfach; oder er zog sie auf; das kostete sie Stunden der Qual; aber
sie schluckte es tapfer hinunter, nur damit sie sein konnte, wo er war
-- wenn auch nur ganz still in einer Ecke.

Ole verstand sie, trotzdem sie sich nie verriet. Auch ihm gegenber
sprach sie selten anders von Edvard als von einem "Ekel", einem "Wicht",
einer "Plappermhle" usw. Aber durch die treuen Dienste, die er ihr
erwies, so oft sie vom Bruder bersehen oder gekrnkt dasa, sammelte
Ole sich Schtze in ihrem Herzen.

Mit Edvard war eine groe Vernderung vorgegangen; seine Neugierde war
zur Wibegier, seine Unruhe zu Energie geworden. Aber gleichzeitig
durchlief auch die Schwester verschiedene Stufen der Entwicklung, von
denen er nichts ahnte. Zweiundeinhalbes Jahr waren jetzt verflossen,
seitdem er sie zum letztenmal gesehen hatte; sie war zwei Jahre in
Frankreich und Spanien gewesen, und in den letzten Ferien, als sie zu
Hause war, hatte er mit dem Apotheker eine Reise nach England gemacht;
auch in diesem Jahr waren sie ein paar Monate zusammen fort gewesen. Die
Schwester, die er _jetzt_ sah, die kannte er nicht. Nach der ersten
Begegnung war er ganz von ihr erfllt.

Schn sei sie nicht, sagte er zu Ole (zu dessen grter Verwunderung),
sobald die beiden sich trafen. Aber er wurde nicht mde, von dem neuen
und eigenartigen Eindruck zu sprechen, den sie hier unter all den andern
mache. Ihre Mutter msse sich an einer Spanierin versehen haben, als sie
mit ihr schwanger ging. Wre nicht dieses Unnennbare -- die Augen
gewesen, was auf der ganzen Welt Volk von Volk unterscheidet -- wren
nicht die Augen gewesen, sie htte unter Spaniern ruhig fr eine
Landsmnnin gelten knnen. Wie das in einem norwegischen Hause wirkte!
Sie sprach gut --lebendig und rasch -- war aber eigentlich wortkarg, und
hielt sich zurck. Khn in ihrer Kleidung, mit einer Vorliebe fr starke
Farben, ganz modern, fast herausfordernd, aber in jeder andern Hinsicht
eher scheu.

Fortan war Edvard ihr Bruder. Der Vater war verreist, und whrend der
Zeit wohnte sie bei Rektors und war nicht immer zu haben; aber so oft es
sich machen lie, waren sie zusammen. Sie hatte die Empfindung, als ob
er sie gern "entdeckt" htte, und war auf ihrer Hut; aber es
schmeichelte ihr, da er in Gesellschaft seine Worte an sie richtete und
da seine Augen stets die ihren suchten.

       *       *       *       *       *

Whrend Ole, tief unglcklich, sein Gesicht ins Gras des Waldbodens
prete, standen sie alle vor ihm, die Stunden, da sie auf dem Ball den
Bruder hatte tanzen sehen -- mit der und mit jener -- manchmal mehrere
Tnze mit einer und derselben -- und mit ihr blo eine "Pflichttour".

Und jetzt?

Jetzt war sie Edvards Schwester -- seine geliebte Schwester -- und Oles
und ihre Wege gingen auseinander ...

Weshalb mute Edvard sich in ein Verhltnis eindrngen, von dem er doch
gar nichts wute? Sich Rechte anmaen, die er sich durch nichts verdient
hatte? Nach ein paar Tagen des Zusammenseins einfach entscheiden, wer
fr sie passe -- und wer nicht?

Weshalb vor aller Augen ihn angreifen und ihn verhhnen in dem, was ihm
Lebenssache war? Und nicht allein ihn -- sondern Gott selber.

Und wie Ole Tuft diesem Gedanken nachhing, verbreitete sich um ihn ein
seltsam heller Lichtschimmer -- und in diesem Schimmer stieg etwas
Groes empor ber den Bergen jenseits des Fjords ... Er fhlte, wie es
ihn im Nacken packte, whrend er so dalag, das Antlitz tief in den Rasen
gedrckt. Und es flsterte, und das Flstern erfllte den ganzen Raum --
von dort bis hier --: "Was hast Du aus mir gemacht?"

Ah -- wie plattgedrckt kam er sich vor -- wie in die Erde
hineingepret! Und er begriff jetzt, weshalb der Schmerz wie mit einem
Schermesser das Kranke aus seinem Fleische schnitt. Er hatte verloren
heute, weil er als Lgner dastand. "Du sollst keine anderen Gtter haben
neben mir!" "Gott, Gott! Vergib mir! Schone meiner! -- Und Deine
fleischlichen, Deine eitlen Trume!... Nimm, gleich Israel, der Nacht
wahr, um zu ringen mit mir!... Wurm, der Du Dich krmmst!" -- -- --

ber ihm den Raum durchbrauste der Klang von tausend Schwingen.

Es war nicht das erstemal, da der Ernst des Alten Testaments von den
Hhen auf ihn herniederstrzte und seine Wohnstatt aufschlug in ihm. All
diese Fragen -- ob "gro" -- oder "klein" -- ob er das "Hchste" wagen
oder sich, wie die andern, mit dem Mittelmigen begngen sollte -- sie
waren ihm nichts Neues.

Doch wenn er dann Josefine wieder traf -- bei guter Laune -- so waren
diese Fragen wie weggeblasen. Mit einem einzigen guten Hndedruck schob
sie sie beiseite. Auch jetzt war es wieder so. Ohne jeden bergang
strmte von ihr ein gesunder Protest in ihn ber. Nimmermehr htte
Josefine sich heut von ihm abgewandt, blo weil der Bruder es wnschte!
Nimmermehr! Wenn sie es so aufgefat htte, dann htte sie gerade
entgegengesetzt gehandelt. Nein -- weil er ein Schwchling war, wandte
sie sich von ihm ab, einzig deswegen. Vielleicht auch, weil sie sich
nicht gern in einen Streit mischen mochte; sie war so scheu. Sie wandte
sich ja eigentlich auch nicht dem Bruder zu. Sie hatte mitten unter den
andern auf dem Hgel gesessen und spter, beim Essen, mit einigen
Freundinnen an einem besonderen Tisch. Und auch beim Aufbruch hatte sie
sich nicht an den Bruder gehalten, der doch fast alle um sich
sammelte.... Warum hatte er denn daran nicht eher gedacht? Sie war ja
doch treu.... Ganz gewi! Sie war treu! Er stand auf. Wieso in aller
Welt hatte er das nicht gleich gesehen?

Er htte gern gehabt, da sie ihm auf eine oder die andere Weise
geholfen oder ihn wenigstens getrstet htte, ihm gezeigt htte, wie
leid er ihr tat. Aber dergleichen lag nicht in Josefines Natur. Was fiel
ihm denn nur ein? Besonders, wenn irgendwie ein Aufsehen entstanden war,
und die Leute sie beobachteten.

Ein rechter Schafskopf war er gewesen. Und im Bewutsein dieser
erfreulichen Entdeckung sprang er das Gehlz hinab ber den
Straengraben und machte sich ebenfalls auf den Heimweg.

Groer Gott im Himmel, wie er sie liebte! Er sah sie vor sich, wie sie
sein konnte, wenn er ihr zu kindisch war; er sah den guten, groen
Blick, bei all ihrer Majestt!...

Der spte Sonnenuntergang hinterlie keine Rte am Himmel; die Nacht war
grau und schlaff, der Weg, am Fu einer kahlen Anhhe entlang, anmutlos;
zu beiden Seiten kleine Anwesen, die Huser auf der Anhhe, rmlicher
Kleinbetrieb, da und dort ein paar drftige Sommervillen, niedrige Bume
und vereinzelte Bsche.

Er sah es und sah es nicht, whrend er seinen eigenen Gedanken nachhing.
Keine Seele unterwegs; ja, doch, ganz da vorn ein einzelner Mensch, der
auf die Stadt zuging. Ole migte seine Schritte, um diesen einen nicht
einzuholen, und merkte gar nicht, da vor dem, der dort ging, einer war,
der kam. Jetzt konnte er auf einmal beide unterscheiden. Himmel!... War
das nicht...? Oder tuschte er sich?... Nein, er kannte den Hut, und nun
auch den Gang, die Figur! Es gab nur _eine_ solche! Josefine kam zurck,
um ihn zu holen! Das sah ihr hnlich.

"Aber wo steckst Du denn?" sagte sie. Ihr groes Gesicht war gertet,
ihr Busen wogte, die Stimme klang gedmpft, der Sonnenschirm, den sie in
der linken Hand trug, war nicht ganz ruhig. Ole antwortete nicht; er sah
ihr Gesicht, ihr Kleid, die Hutfeder, die stolze Gestalt an, bis sie
unwillkrlich lchelte; so viel stumme Bewunderung und Dankbarkeit
durchbricht am Ende jeden Panzer. "Josefine, ach, Josefine!" Von seinem
flachen Strohhut bis zu den Stiefeln herab war alles ein einziger
Widerschein von Glck und Bewunderung. Da kam sie heiter heran, legte
ihre rechte Hand auf seinen linken Arm und schob ihn sachte vorwrts: er
solle gehen.

Sein Gesicht trug die Spuren des Grases, in das er sich geworfen hatte;
sie glaubte, er habe geweint. "Du bist zu dumm, Ole!" flsterte sie.

Die graue Sommernacht, die nicht schlafen kann und auch nicht wachen,
erweckt leicht das Gefhl von etwas Halberreichtem, -- fr die beiden
wurde sie, was ein halbdunkles Zimmer fr zwei heimlich Verlobte ist.
Sie lie ihre Hand auf seinem Arm liegen, und als seine Augen den ihren
begegneten, sah sie ihn an, wie wenn man ein Kind zudeckt. "Siehst Du,
ich dachte," sagte er, "ich glaubte, ja, denk' nur, ich glaubte ..."
Trnen standen ihm in den Augen. "Du bist zu dumm, Ole!" flsterte sie
wieder. Und damit waren die Strme des Tages abgetan.

Ihre Hand blieb auf seinem Arm liegen; es sah aus, als fhre sie einen
Arrestanten. Er fhlte kaum den Druck, aber es rieselte ihm durch Mark
und Bein. Ab und zu streifte ihr seidenes Kleid sein Bein; sie gingen im
Takt, der elektrische Strom ihrer Nhe trug ihn. Sie waren ganz allein,
und es war ganz still; sie hrten ihre eigenen Schritte und das Rascheln
des seidenen Kleides. Er hielt den Arm, auf dem ihre Hand lag, ngstlich
still, als knne sonst die Hand hinunterfallen und entzweigehen. Das
einzige Unvollkommene war -- denn etwas Unvollkommenes mu ja immer sein
-- da er eine steigende Lust versprte, die Hand zu nehmen und sie in
seinen Arm zu stecken -- auf die allgemein bliche Weise; dann konnte er
sie drcken. Aber er wagte es nicht.

Sie gingen und gingen. Er sah vor sich hin und entdeckte, da kein
Mondschein war. "Es ist kein Mondschein!" sagte er. -- "Sonst wre es
heller", erwiderte sie lchelnd. "Viel heller!" Die Stimmen waren
zusammengetroffen, die Klnge hatten sich vermischt und spielten noch
lange miteinander wie Vgel in der Luft.

Aber gerade darum war es schwer, weitere folgen zu lassen. Whrend Ole
darber nachsann, was er das nchste Mal sagen solle, wurde er gerhrt
und stolz. Er dachte an jenen Samstagabend im schmutzigen Schnee, als
sie auf dem Schulhof so schlimm gegen ihn gewesen waren, und er
davongelaufen war nach Store-Tuft; er gedachte seines damaligen Elends;
aber von diesem Elend schrieb sich seine Erhhung von heute her, heute,
da er von der andern Seite in die Stadt kam und sie am Arm fhrte....
Nein, doch nicht ganz! Das war das Unvollkommene dabei.

Sollte er es sagen? Wrde sie es zu dreist finden? "Wir sind wohl ganz
allein jetzt, wir zwei beiden?" --auf schlauen Umwegen wollte er darauf
zugehen; aber seine Stimme war nicht sicher; sie verriet ihn. Und so
antwortete Josefine gar nicht. Es wurde still zwischen ihnen, ganz
still. Und pltzlich glitt ihre Hand von selbst in seinen Arm, so, wie
es bei Verlobten Sitte ist. Ein Beben ging durch sein ganzes Wesen, und
mutig gab er ihr einen leisen Druck, wagte aber nicht, sie dabei
anzusehen. Sie gingen weiter.

Bald lag die Stadt, in Schleier gehllt, vor ihnen; das Takelwerk der
Schiffe flo zu Trmen zusammen; es sah aus, wie die zusammengelaufenen
Maste von Zuckerwerkschiffen. Die Huser in flaumigen Umrissen, fast
farblos; alles wohl eingepackt und verwahrt; die Berge standen und
hielten Wacht. Ein einziger, schwacher, unbestimmbarer, langgezogener
Laut, ein matter Streifen durch das lichtgraue Schweigen. "Mchtest Du
mir nicht etwas erzhlen?" fragte sie schnell, als knne sie es nicht
mehr aushalten. Er fhlte sich wie erlst und fragte, ob er vom -- Licht
erzhlen solle. "Ja, vom Licht!" erwiderte sie. War es Ironie?

Er fing an; aber er wute es nicht klarzumachen. Beim erstenmal, als sie
eine rasche Frage stellte, um die Sache bestimmter zu gestalten, fhlte
er -- er konnte nicht weiter; er war nicht gengend daheim in diesem
Stoff. "Ich will Dir lieber das Ende von Jeanne d'Arc erzhlen!" sagte
er. "Du weit, -- wo wir gestern unterbrochen wurden." -- "Also nehmen
wir Jeanne d'Arc!" sagte sie immer lustiger; sie lachte. -- "Du magst
nicht?" -- "Doch, doch!" Das sagte sie sanfter, als wolle sie das
Vorhergehende wieder gutmachen. So erzhlte er denn den Schlu der
Geschichte von Jeanne d'Arc, nach einem vor kurzem erschienenen Werk,
das er in diesen Ferien von ihrem Vater entlehnt hatte. _Der_ Stoff lag
ihm; seine westlndische, singende Stimme gab dem Ganzen etwas
Schwebendes, die streng schulgeme Behandlung des Wortes, die den
ehemaligen Bauern kennzeichnete, getragen vom gemilderten Tonfall des
Dialekts, paten dazu wie alte Schrift. Sein weiches, lichtes
Melanchthonantlitz schwrmte; sie blickte zu ihm auf, und blickte
jedesmal in sein reines Herz.

So kamen sie in die Stadt. Die Erzhlung ergriff sie, und beide waren so
eifrig geworden, da sie gar nicht darauf achteten, ob ihnen jemand
begegnen knne, oder da zu beiden Seiten Huser standen; er redete nur
ein bichen leiser, und sprach weiter.

Aber als sie sich der Strae nherten, wo seine Tante wohnte, und wo er
hinein mute, hielt er inne, trotzdem seine Erzhlung noch nicht zu Ende
war. Ob er sie wohl nach Hause begleiten durfte? Rektors wohnten ein
paar Huser weiter. Wenn er nicht mit durfte, so mute er sich hier von
ihr trennen. Dies Dilemma war brigens nicht neu.

Gerade deshalb meldete es sich jetzt auch bei ihr. Sie hatte dies
"Aneinanderkleben" -- da einer mitging bis an die Haustr des andern,
wenn doch sein eigener Weg in ganz anderer Richtung lag -- nie leiden
mgen. Schon seit ihrer Kinderzeit -- weil man sie immer mit ihm geneckt
hatte. Aber sie wute -- _er_ legte hohen Wert darauf.

Whrend des kurzen Stck Wegs, das sie beide noch gemeinsam hatten,
wurde diese Frage in ihnen beiden geradezu brennend. Sollen wir uns hier
verabschieden --? Oder --? Ursprnglich etwas ganz Kindisches, war es --
durch die Wiederholung -- etwas Groes geworden. Sie war sich selber
nicht klar ber den Grund; aber als sie am Kreuzweg standen, zog sie
sachte ihre handschuhlose Hand aus seinem Arm und bot sie ihm zum
Abschied. Sie sah, wie enttuscht er war. Und um es gleich wieder
gutzumachen, strahlte sie ihn aus ihren groen Augen an, drckte ihm
fest die Hand, und ihr "Danke, Du! Und auf Wiedersehen!" war von ganz
anderer Art und Farbe als sonst alle diese Jahre her. Wie ein Gelbde
frs Leben sprangen die Worte von Herz zu Herzen, und so waren sie auch
gemeint. Fr seine Treue dankte sie ihm, fr seine Liebe jetzt und
immerdar. Er war bleich geworden. Sie sah es und berlegte einen
Augenblick. Dann zog sie die Hand zurck und ging. Unten wandte sie sich
noch einmal nach ihm um -- dankbar, da er weder in Wort noch Tat _ihrem_
Willen widerstrebt hatte. Sie nickte zu ihm hinauf; er zog den Hut.

Wenige Minuten spter stand sie in ihrem Zimmer, viel zu erhitzt, um
sich zu Bett zu legen, und berhaupt hellwach. Sie hatte nicht die
geringste Lust, zu schlafen; sie wollte zum mindesten erst die Sonne auf
den Dchern -- oder gar den lichten Tag sehen! Ihr Zimmer ging auf den
Hof hinaus, den groen Schulhof, dessen Abschlu die Turnhalle bildete;
einige Turnapparate standen auch drauen. Von der Strae aus lag das
Zimmer im ersten Stockwerk -- von der Hofseite im Erdgescho; hundertmal
war sie als Kind zum Fenster hinausgesprungen, statt die Tr zu
bentzen. Sie ffnete das Fenster und versprte fast Lust, auch heute
wieder hinauszuspringen und auf dem Hof spazierenzugehen. Am liebsten
wre sie die ganze Nacht mit Ole umhergestreift; aber so etwas verstand
er nicht. Vielleicht hatte sie ihn blo deswegen schon oben
verabschiedet, weil er es nicht vorgeschlagen hatte.

Bei nherem berlegen getraute sie sich aber doch nicht auf den Hof
hinaus. Es geschah nicht selten, da junge Leute, wenn sie von einer
Land- oder Bootpartie oder aus einer Gesellschaft heimkehrten und dabei
an dem alten Schulhof vorbeikamen, auf den Einfall gerieten, den alten
Spielplatz ihrer Knabenjahre wieder aufzusuchen und sich ein paarmal am
Reck zu schwingen; und von halbbetrunkenen jungen Leuten gesehen werden
-- das wollte sie nicht. Sie nahm ihren Hut ab und blieb --
vornbergebeugt -- am offenen Fenster stehen -- -- sah vor sich, was
eben geschehen war, und was auch jetzt sie noch hinauszog.

Da hrte sie drauen Schritte -- erst auf der Treppe, dann auf dem
Sandweg, der hierherfhrte. Sollte das Ole sein --? War er so
sentimental, da es ihn trieb, unter ihrem Fenster zu schmachten? Wenn
er es wirklich wre! Gott gnade ihm, wenn er's war! -- Sie lauschte in
hchster Spannung. Nein -- die Schritte waren zu rasch. Das war -- --
sie fhlte es -- -- dort stand -- -- ihr Bruder ...

Ja, es war Edvard. Er war gar nicht verwundert, sie zu sehen; er kam
direkt auf sie zu. Als er unter dem offenen Fenster angelangt war,
streckte er seine rechte Hand hinauf; und sie nahm sie. Seine Augen
schielten ein bichen -- das sicherste Zeichen, da er erregt war. "Gut,
da Du noch wach bist; ich htte sonst geklopft." Forschend suchte sein
Blick den ihren; er lie ihre Hand nicht los. "Bist Du eben erst
gekommen?" -- "Ja, eben erst," -- Sie war pltzlich ganz in seiner
Gewalt; und htte er sie um das Unmglichste befragt -- sie htte
antworten mssen, solange diese Augen so in die ihren schauten. "Wie ich
Dich unter den Letzten nicht gefunden habe, dachte ich mir, Du wrst
zurckgegangen zu Ole." -- "Ja." -- Er hielt _inne_; seine Stimme
zitterte. "Ich war ein rechter Narr! Ihr seid wohl verlobt jetzt?" -- Es
dauerte eine Weile, obwohl die Antwort sofort in ihren Augen aufsprhte.
"Ich glaube!" sagte sie.

Voll Liebe, aber auch voll Kummer sah er sie an. Sie htte am liebsten
laut hinausgeweint. War es so tricht, was sie getan hatte? Eine
entsetzliche Angst berfiel sie. Da fate er mit beiden Hnden ihren
Kopf, zog ihn zu sich nieder und kte sie auf die Stirn. Sie brach in
Trnen aus und legte beide Arme fest um seinen Hals. So lagen sie --
Wange an Wange.

"Na ja -- wenn es nun einmal so ist -- so wnsch' ich Dir alles Gute,
Josefine, liebe Josefine!" Sie umschlangen sich noch fester. Dann lieen
sie einander los.

"Ich geh' heute fort!" flsterte er und ergriff ihre Hand. Sie reichte
ihm alle beide. -- "Heut, Edvard?" --" -- Ich war ein Narr! Leb' wohl,
Josefine!" Sie machte ihre Hnde frei, um ihr Taschentuch herauszuziehen
und an die Augen zu pressen. "Ich komm' noch und sag' Dir Adieu!"
schluchzte sie. "Nein, nein! Du mut nicht!... Noch einmal!" -- Und um
ein Ende zu machen, prete er sie wieder in seine Arme, kte sie und
ging davon, ohne sich umzusehen.


2

_Zweites Paar vor!_

Im Mrz des folgenden Jahres, just als Edvard Kallem vor seinem zweiten
medizinischen Examen stand, kamen pltzlich Dinge, die ihn auf ganz
andere Art in Anspruch nahmen.

Und das mssen wir jetzt berichten.

In der Zeit, als seine zusammenhangslosen naturgeschichtlichen Studien
mehr und mehr sich um die Physiologie kristallisierten, war unter allen
Physiologen der tchtigste ein junger Student der exakten
Wissenschaften, Tomas Rendalen. Er war etwas lter als Edvard Kallem,
und weil es an und fr sich merkwrdig war, da ein Nicht-Mediziner in
diesem Fach Hervorragendes leistete, fiel er allen auf, und somit auch
Edvard Kallem, ohne da dieser sich darum nher an ihn angeschlossen
htte. Rendalen gehrte auch keineswegs zu denen, die fr den ersten
besten zu haben sind.

Erst spter, eigentlich erst jetzt, nach Neujahr, als sie mit demselben
Dampfer aus den Weihnachtsferien nach Kristiania zurckfuhren, kam es zu
einer Art Annherung. Aber das erstemal, als Kallem Tomas Rendalen in
seiner Wohnung aufsuchte, blieb er auch gleich die Nacht ber. Und ein
paar Abende darauf, als Rendalen =ihn= besuchte, wanderten sie zwischen
ihren beiden Wohnungen, die brigens ganz nah beieinanderlagen, auf und
ab, bis morgens gegen drei oder vier. Ein so genialer Mensch war Edvard
Kallem seiner Lebtag noch nicht unter die Finger gekommen; und Rendalen
seinerseits kam eines Morgens, noch ehe Kallem nach der Klinik gegangen
war, dahergestrzt, blo um zu erklren, von all seinen Freunden und
Bekannten sei Kallem ihm der liebste.

Rendalen war eine ursprnglichere, kraftvollere Natur als Kallem; er war
eine Mischung von Zahm und Wild, von Leidenschaft, Schwermut, Musik,
voll hoher Mitteilungsfhigkeit, aber mit verschlossenen Kammern, die
sich selten oder nie ffneten. Eine grenzenlose Energie -- und dabei
manchmal so von aller Kraft verlassen, da er berhaupt nicht mehr
weiter konnte; die ganze Maschinerie in Unordnung, als wenn ein Rad
gesprungen wre. In der ganzen Charakterlandschaft nicht _eine_ gerade
Linie -- lauter Unebenheiten, und doch ber allem das Licht eines groen
Geistes. So unberechenbar die Schwankungen waren, so unangenehm die
Enttuschungen -- die ganze Persnlichkeit war in ihrer Unmittelbarkeit,
ihrer Geradheit so gewinnend, da man ihn lieben mute.

Sein ganzes Denken ging auf Schulwesen und Erziehung, und darin wiederum
auf den _einen_ Kern: jedes Kind ber das "gefhrliche Alter"
wegzubringen, das auf so ganz ungleiche Art sich uere. Manche gingen
daran zugrunde; manche trgen Wunden davon, die erst spt heilten; die
mit gesundem Geblt, unter besseren Verhltnissen Aufgewachsenen,
knnten heil ausgehen; aber jedenfalls seien sie in der Minderzahl. Alle
Erziehung, aller Unterricht msse sich auf das eine Ziel konzentrieren:
einen _sittlichen_ Menschen zu schaffen. Das war sein A und O.

Unermdlich war er im Vortrag seines Unterrichtplans, seiner
Behandlungsweise; im Beschreiben der Schuleinrichtung und des
Zusammenarbeitens mit der Familie. Seine Mutter war Vorsteherin einer
weithin bekannten Mdchenschule an der Westkste, und die wollte er
bernehmen, um seine Plne ins Werk zu setzen. Sein groes Ziel war die
Simultanschule --Knaben und Mdchen zusammen. Aber erst hie es, den
Unterricht in allen Hauptfchern reformieren, und zwar so, da die
Fcher leichter gemacht wurden, und nicht blo zugnglich fr die
Begabtesten. Und das wollte er an der Mdchenschule ausprobieren.

Er besa eine nicht unbedeutende Sammlung von Schulmaterial aus Amerika
und vielen europischen Lndern, einen Schatz, den er unablssig
vermehrte. Auch eine ganze Bibliothek von Schulliteratur nannte er sein
eigen. Er wohnte mit einem Kandidaten der Theologie, Vangen, zusammen,
der zu Weihnachten fertig geworden war und sich jetzt auf das praktische
Examen vorbereitete. Alle drei Zimmer, die sie gemeinsam bewohnten,
waren angefllt mit Rendalens Sammlungen und Bibliothek.

Sein ueres war auffallend. Rotes, ins Blonde hinberspielendes Haar,
das starr in die Hhe stand, Sommersprossen, blinzelnde graue Augen
unter weien, kurzhaarigen Brauen, die kaum zu sehen waren, die Nase
breit und leise aufwrts strebend, der Mund zusammengekniffen; kurze,
sommersprossige Hnde, jeder Finger voll Energie; nicht gro, aber
vorzglich gebaut; sein Gang, auf auswrts gerichteten Fen, war
leicht, als gehe er auf Tasten. Er war der erste Turner, wohin er auch
kam, und bei jeder Gelegenheit hing er an den Turnseilen. Auch Edvard,
der immer gern geturnt hatte, wurde durch ihn zu dreifachem Eifer
angespornt; denn Rendalen besa, wie kein zweiter, die Fhigkeit, andere
fr das, was er selbst liebte, zu gewinnen. Seine Hauptleidenschaft in
dieser Zeit war, auf den Hnden zu gehen; und gerade das konnte Kallem
zum Entzcken; dies setzte vielleicht der Achtung, die Rendalen vor ihm
hatte, die Krone auf.

Sie hatten viele Berhrungspunkte. Beide waren Spezialisten, beide
bedeutend in dem, was sie sich als Ziel gesteckt hatten; modern in ihrem
Denken, voll reformatorischen Mutes, beide zum uersten auf ihre Person
bedacht; beide kleideten sich mit Geschmack, --Rendalen legte sogar
bertriebenen Wert darauf. Beide hatten jenes lebhaft-wechselnde Spiel
der Gedanken, das schon errt, wenn erst die Hlfte gesagt ist. Beide
ergnzten sich gegenseitig in ihrem Wissen. Rendalen war musikalisch,
war ein Meister auf dem Klavier und sang recht gut. Kallem sang noch
besser, und Rendalen feuerte ihn immer mehr an.

So herzlich sich auch Rendalen im einzelnen und dem einzelnen hingab --
er hielt sich gleichzeitig immer in einer gewissen Distanz, ber die
niemand hinwegkam. Er liebte seinen Pflegebruder Vangen; aber gerade an
Vangen sah man recht eigentlich, da immer eine bestimmte Scheidewand da
war. Auch darin begegnete Kallem Rendalens Bedrfnis; er hatte ebenfalls
diese Unnahbarkeit, bei aller Hingabe.

Daneben gab es aber auch genug Ungleichheiten, die das Verhltnis
einerseits frisch erhielten, andrerseits erschwerten. Die
Schwierigkeiten kamen fast alle auf Rendalens Konto; Kallem war
geschmeidiger und fgsamer. Wenn Rendalen gerade einmal Lust hatte, so
spielte er stundenlang Klavier, spielte, als ob berhaupt niemand im
Zimmer sei; man konnte ebensogut gleich gehen. berhaupt war er es, der
bei jedem Zusammensein den Ton angab. Er war launisch und hatte lange
Schwermutsperioden, wo nur selten jemand ein Wort aus ihm herausbrachte.
Eine ungeheure Arbeitskraft, wenn er mit etwas beschftigt war, das
seine Seele gefangen nahm, und dann gab er allen den Laufpa. War er
aber in der mitteilsamen Laune und so recht "in Stimmung", so war die
ganze Luft um ihn herum mit Elektrizitt geladen.

Das medizinische Studium war fr Kallem jeden Tag eine neue Entdeckung,
und bei ihren gemeinsamen physiologischen Studien trugen sie einander
getreulich alles zu -- jeder von seiner Seite. Im Januar und Februar
waren sie fast jeden Abend zusammen, wenn nicht sonst, so doch sicher
von sechs bis sieben in der Turnhalle. Meist aen sie hinterher
zusammen, am liebsten bei Rendalen, der ein Klavier hatte.

Anfang Mrz kam Rendalens Mutter auf Besuch. Sie wohnte bei den
Wirtsleuten des Sohnes, die vor kurzem erst nach der Stadt gezogen
waren: ein blinder Mann aus Nordland, der noch dazu auf einer Seite
gelhmt war, und eine auerordentlich musikalische Frau, ganz jung, fast
noch ein Kind -- die seltsamste Ehe, die man sich denken konnte.
Rendalen sprach oft von ihnen. Solange die Mutter des Kameraden in der
Stadt war, hielt Kallem sich fern. Jedesmal, wenn sie vom Turnen kamen,
merkte er, da Rendalen seine Begleitung nicht wnsche. Aber auch, als
die Mutter nach acht Tagen abgereist war, blieb es dabei; entweder
turnte Rendalen lnger als Kallem, oder er ging nach den ersten paar
bungen gleich wieder weg; er wnschte offenbar nicht, da Kallem ihn
begleiten solle. Wahrscheinlich hat er wieder seinen Schwermutsrappel!
dachte Edvard.

Aber eines Vormittags, als Kallem etwas frher als gewhnlich nach Hause
gekommen war -- in der Regel war er den ganzen Vormittag fort -- hrte
er drauen luten. Das Mdchen ffnete, und Rendalens Schritt erklang im
Vorzimmer. Er trat hastig ein, -- finster, wortkarg. Er habe ein
Anliegen: ob Kallem nicht die Wohnung mit ihm tauschen wolle.

Kallem kannte ihn zu genau und war zu gutmtig, um sich irgendwelche
Verwunderung anmerken zu lassen; er fragte auch gar nicht nach dem
Grund, sondern sagte blo, seine beiden kleinen Zimmer wrden wohl
schwerlich fr Rendalens Sammlungen und sein Klavier ausreichen. Und
Vangen? Oder wolle er nicht lnger mit Vangen zusammenwohnen? Doch,
freilich! Aber neben Kallems zwei Stuben sei ein groer Saal, auf den
er, Rendalen, es schon lngst abgesehen habe; die Wirtin wrde ihn gern
vermieten. Und ihm passe er gerade. Allein schon Klavier zu spielen in
diesem Saal! -- "Hast Du bereits mit der Wirtin darber gesprochen?" --
"Nein; das will ich jetzt." Und damit war er hinaus. Dann kamen beide,
er und die Wirtin, wieder herein. Und wenige Minuten spter war alles
abgemacht. Schon am Nachmittag wurde der Umzug bewerkstelligt. Als der
wackere Vangen auf seinen langen Beinen vom Mittagessen nach Hause kam,
sa Kallem im ersten Zimmer rechts neben der Korridortr in Schlafrock
und Pantoffeln und erzhlte ihm, Rendalen wohne jetzt in der
Sehestedsstrae, in Kallems frherer Wohnung; sie htten getauscht.
Beide lachten.

"Und dabei gefiel es ihm hier so gut!" sagte Vangen. Das war aber auch
das einzige, was er sagte.

Kallem dachte natrlich ber die Ursache dieses hastigen Umzugs nach und
hatte auch die Absicht, sich jedesmal einen ausfhrlichen Schwatz mit
dem Mdchen zu leisten, wenn es kam, um nach dem Ofen zu sehen oder ihm
Frhstck und Abendbrot zu bringen, das er im Hause einnahm. Sie sah
aus, als wisse sie etwas. Marie hatte ein eigentmliches Lcheln,
ungefhr als wenn sie sagen wollte: "O -- ich durchschau' Euch alle
miteinander -- auch Dich, Du Schlauberger!" Gleich als sie ihm zum
erstenmal die Tr aufmachte, hatte sie dieses Lcheln. Ihre Augen waren
bis ber die Hlfte verhllt von den Lidern, die in einer hngenden
Falte darber lagen. Die Nase war platt und aufgestlpt und zog beim
Lachen den Mund wie an zwei straffen Bndern in die Hhe, da die
Oberlippe vorstand und eine Reihe Zhne zeigte, die sich um den Platz zu
streiten schienen; sie blitzten mit dem Lcheln um die Wette. Alles, was
sie sagte, hatte einen Unterton von Schelmerei und Spottlust; unter den
Lidern scho es hervor, in den Mundwinkeln spielte es. Dabei eine weiche
Stimme. Im brigen ein kerniges Mdel, gut gebaut, klug wie der Teufel
und trotz ihrer lachlustigen Kritik zurckhaltend und vorsichtig in
Worten und Benehmen. Aber das Lachen lag immer auf der Lauer. Als er
sagte: "Mein Name ist Edvard Kallem -- ich werde in Herrn Rendalens
Zimmern wohnen!" antwortete sie lchelnd: "Oh!" -- als kenne sie alle
seine Geheimnisse von Kindesbeinen an. Erwhnte er Rendalen irgendwie,
so sah sie aus, als wisse sie einen ganzen Haufen lustiger Geschichten
von ihm; aber trotzdem -- zum besten gab sie nichts.

Das Haus, in dem er jetzt wohnte, war ein Eckgebude, schrg gegenber
der Universitt. Die Haustr ging auf die Strae, an der auch Kallems
Zimmer gelegen waren. Sie lagen im zweiten Stock, auf demselben Korridor
wie die Wohnung der Wirtsleute, d. h. das eine Zimmer -- das andere,
sein Schlafzimmer, lag auerhalb mit eigenem Eingang. Rendalen hatte
noch ein drittes Zimmer gehabt, das Eckzimmer weiter drinnen. An der
Korridortr befestigte Kallem seine Visitenkarte, unter einem groen
Schild, auf dem "Sren Kule" stand; das war der Name des Wirts. Tags
darauf, an einem Sonntag, machte er seinen Antrittsbesuch.

Der blinde, gelhmte Mann sa in einem groen Rollstuhl. Er war noch
jung, der Unglckliche, kaum ber dreiig, von bermig dicker Gestalt,
mit schweren Gesichtszgen und schwerer Zunge. Schon sein: "Herein!" auf
Kallems Klopfen klang schwerfllig. Kallem nannte seinen Namen. Der
andere sa da, ohne sich zu rhren und antwortete langsam: "So, so! --
Ich bin nmlich blind. -- Und kann mich auch nur wenig bewegen." Er
sagte es mit nordlndischem Tonfall. Die einzelnen Silben kamen wie das
plumpe Trotten von Londoner Bierbrauerpferden heraus. Die Gesichtszge
waren, trotz ihrer Flle, scharf geschnitten und klar; es war
augenscheinlich Rasse in dem Mann. Kallem war Mediziner genug, um auf
der Stelle zu erkennen, was die Ursache seiner Blindheit und Gelhmtheit
war. Verschiedene Stahlstiche, Holzschnitte und Photographien von
Spanien an den Wnden brachten ihn auf den Gedanken, da er vielleicht
von dort das Geschenk mitgebracht hatte, mit dem das galante Vlkchen da
unten so freigebig ist.

"Bitte, nehmen Sie Platz!" ertnte es endlich wieder. In die bewegliche
Seite des Krpers schien eine Art Leben zu kommen, whrend er den Kopf
nach einer Tr links wandte. "Ragni!" Niemand antwortete; niemand kam.
Die Stille frbte sich grau vor seiner Stimme, seinem gleichgltigen
Wesen, seiner schwerflligen Ruhe. Kallem sah sich um. Wahrhaftig -- da
lagen Kinderspielsachen! War es ihm nicht, als habe er Kinderstimmen
gehrt? _Hier_ waren Kinder? "Ragni!" drhnte es noch einmal, langsam.
Dann --leiser: "Sie wird in der Kche sein und das Essen richten!"
Wieder dieselbe graue Stille. Schellengelut von der Strae her zerri
sie einen Augenblick; dann zog sie sich um so lastender wieder zusammen.
Die Mbel waren -- fr eine kleine norwegische Stube im Winter -- zu
schwer und zu dunkel; auch waren sie zerschlissen und verblichen. Die
Kupferstiche und Photographien hingen in groen Rahmen, die nicht dicht
schlossen, so da Staub und teilweise Feuchtigkeit das Papier verdorben
hatten. Nur das Kinderspielzeug und der Flgel hoben sich von dem andern
ab; der Flgel schien ganz neu zu sein und stammte von der besten
Pariser Firma -- augenscheinlich ein Konzertflgel. "Die gndige Frau
spielt so gut -- habe ich gehrt?" -- "Ja." -- Kallem wute, da sie
sich von Kind auf fr die Musik ausgebildet hatte, und -- um etwas zu
sagen --griff er dies Thema auf. "Sie hat auf dem Konservatorium in
Berlin studiert, nicht wahr?" -- "Ja!" --Im Zimmer rechts, das an das
Eckzimmer stie, wurden Sthle gerckt. Kallem griff dies Thema auf. --
"Ich bekomme im Eckzimmer einen Nachbarn, wie ich hre?" -- "Ja." --
"Ein Verwandter von Ihnen?" --"Ja, eine Tante." -- Wieder wandte Sren
Kule den Kopf nach links und rief gleichgltig: "Ragni!" Niemand
antwortete, niemand kam. "Mir war, als hrte ich drauen jemand gehen",
sagte er, wie um sich zu entschuldigen, da er gerufen hatte. Kallem
stand auf und verabschiedete sich.

Einige Tage spter gab er Rendalen eine humoristische Schilderung dieses
Besuchs. Rendalen lachte. Er selber sei nur selten dort gewesen; aber er
habe viel gehrt von "Sren Kule". Er versicherte, seinetwegen mge den
Kerl der Teufel holen -- er habe nicht die geringste Lust, ber ihn zu
sprechen. Und er setzte sich ans Klavier und spielte.

Wieder einige Tage spter -- wem begegnete Kallem drauen im Korridor?
Wem anders, als seinem zuknftigen Schwager, Herrn Ole Tuft --
Kandidaten der Theologie und zurzeit in Kristiania, um sein
Schluexamen zu machen. Groe Wiedersehensszene! Der eine hatte keine
Ahnung von Kallems Umzug, der andere keine, da Ole Tuft im Hause
verkehre. Kallem lud ihn ein, mit ihm auf sein Zimmer zu kommen und
erfuhr nun, da Ole heute zum erstenmal hier war. Er verkehrte bei der
Tante der Wirtsleute, die gestern hier eingezogen war. Edvard Kallem
wute jetzt gleich, zu welcher Art Menschen sie gehre, und lie das
Thema augenblicklich fallen. Er fragte, ob Ole den Sren Kule kenne.
Nein, nur durch die Tante. Die ganze Familie stamme aus Nordland. Wer
eigentlich dieser Sren Kule sei? Ein wohlhabender Fischhndler, der
blind und lahm geworden sei; er habe sein Geschft verkaufen mssen und
dies Haus in Kristiania erstanden; davon und von seinen Zinsen lebe er.
Sie htten Verwandte in der Stadt und seien erst im Oktober hergekommen.
-- Ob Ole Tuft wisse, was die Ursache seiner Blindheit und Gelhmtheit
sei? -- Nein. -- Kallem erklrte, wie darber eigentlich kein Zweifel
sein knne. Ole Tuft war ganz entsetzt! "Wie darf er's dann wagen, zu
heiraten! Und dazu zweimal!" --"Er ist zum zweitenmal verheiratet?" --
"Ja! Seit etwa einem halben Jahr -- oder auch vielleicht einem Jahr.
--Mit der Schwester seiner verstorbenen Frau." -- "So stammen die Kinder
aus seiner ersten Ehe?" -- "Ja. Sie selber ist ja noch ein Kind. Denk
doch -- achtzehn Jahre! Und bald ein Jahr verheiratet!" -- "War er schon
so, wie er sich zum zweitenmal verheiratete?" --"Nein, das glaub' ich
doch nicht. Krnklich, ja -- aber nicht so. Die wenigsten werden es ja
begreifen knnen." -- "Hast Du sie gesehen?" -- "Nein. Aber sie soll ein
'feines' kleines Geschpf sein, sagt die Tante, und musikalisch. Sie hat
schon ffentlich gespielt." -- "In Nordland wahrscheinlich?" -- "Sie
sollen ungeheuer kritisch sein da oben." -- Er kam wieder auf die Ehe
zurck. "Vielleicht haben die Eltern sie zustande gebracht --der Kinder
wegen." -- "Also Pfarrersleute?" -- htte Kallem fast gesagt; aber er
besann sich beizeiten. "Whlerisch ist sie jedenfalls nicht -- bei
Gott!" --sagte er statt dessen. Sie sprachen dann noch ein bichen ber
gleichgltige Dinge. Die Schwester wurde nicht erwhnt. Eine Weile
spter ging Ole zur Tante hinein, die er hatte besuchen wollen. Kallem
war diesen Vormittag zufllig daheim und hrte die Frau des Hauses
spielen. Erst Tonleitern, nichts als Tonleitern; dann aber ein Stck, so
meisterhaft vorgetragen, da er einen Spalt seiner Tr ffnete, um
besser zu hren. Sie spielte vor allem so gesangvoll! Wie in aller Welt
konnte ein Weib, so jung, von diesem Kunstverstand und dieser Lyrik,
solch einen verfaulten Fleischklumpen heiraten? Es war ein Rtsel. Er
ging damit zu Rendalen; aber Rendalen wute gar nichts. Immerhin war er
just bei guter Laune und uerte sich voller Begeisterung ber ihr
Spiel; wenig Khnheit war darin, aber ein Gesang, ein erotischer
Farbenreiz, die ihresgleichen suchten. Er spielte ein russisches Stck
-- wie sie --oder doch -- wie er hinzufgte -- so ungefhr; er spielte
es ausgezeichnet. Kallem wollte wissen, wie sie aussehe. "Dumm sieht sie
aus!" schrie Rendalen. "Einfach dumm! Die Stirn knnte ihre Rettung
sein; aber da zerrt sie die Haare darber. Auch die Augen knnten sie
retten. Aber mein Lebtag hab' ich noch kein Wesen gesehen, das so
bldsinnig schchtern gewesen wre mit seinen Augen!" -- "_Hat_ sie denn
Augen?" -- "Herrgott! Und was fr vieltnige! Die meisten singen glatt
unisono -- wenn's hoch kommt zweistimmig! Aber manche -- ganz wenige --
singen strahlende Akkorde! Wenn sie beim Spiel aufblickt, dann fhlst
Du's. Aber fr gewhnlich kleben sie an den Tischbeinen oder bohren
Lcher in die Ecken -- oder znden das Feuer im Ofen an. Manchmal fahren
sie ein Stck an der Wand hinauf, wie eine Ratte, die keinen Ausweg
findet." Er war ganz belustigt ber seine eigenen Bilder und setzte sich
an's Klavier, um einen raschen Tanz zu spielen. -- "Ist das nun nicht
des Teufels, da solch ein musikalisches Geschpf -- ach was! Blo
nicht sentimental werden, Alter!" Er wollte in's Theater, und Kallem
mute mit.

Acht Tage waren vergangen, und noch hatte Kallem sie nicht gesehen, wie
sehr er sich auch bemhte hatte. Dann machte er einen Familienball mit,
-- der Sohn des Hauses war sein Studienfreund -- und bei einer
Kotillontour kam der Freund mit zwei Damen und fragte, was er whlen
wolle -- "Nukern" -- oder "Heckenrschen"? Besonders geistvoll war es
ja nicht; aber Edvard whlte die "Heckenrose". Die Heckenrose hatte eine
Musikerstirn und reizende, gewlbte Augenbrauen; im brigen war sie
schweigsam und unbedeutend. Ziemlich gro, abfallende Schultern, schne
Arme, nicht voll, aber wohlgeformt; gerade eigentlich wie der ganze
Mensch. Sie tanzte gut; aber es hatte den Anschein, als mchte sie so
rasch wie mglich von ihm loskommen; und wie er sie an ihren Platz
zurckfhrte, hatte sie ihn kaum angesehen. Er war hchst erstaunt, als
sie ihn bei der nchsten Tour holte. Vielleicht kannte sie nicht viele
Menschen, und ihre Bekannten waren gerade nicht frei. Sie sah sich scheu
um, kam dann mit kleinen, zaghaften Schritten auf ihn zu und verbeugte
sich, ohne jedoch aufzublicken. Es schien fast, als frchte sie sich,
und darum wollte er ganz besonders freundlich zu ihr sein und setzte
sich neben sie. Aber als sie auf alles, was er auch sagen mochte, nur
mit "Ja" oder "Nein" oder "Vielleicht" antwortete, wurde das einem so
gefeierten Kavalier doch zu viel; er stand auf und verlie sie. Kurz
darauf hatte er wieder die Wahl zwischen dem "Nukern", den er vorhin
verschmht hatte, und einem "Bonbon", und jetzt nahm er den "Nukern".
Die gefiel ihm besser; ein rundliches, bewegliches Ding, das eine
Mischung von nordlndischem und Bergener Dialekt sprach. Sie erzhlte
ihm, ihr Vater stamme aus Bergen und sei jetzt Pastor in Nordland. Sie
sei hier bei ihrer Schwester zu Besuch und mache viele Blle mit; sie
htten so viele Verwandte in der Stadt. Alles das singend -- echt
nordlndisch. Leider msse sie bald wieder nach Hause; sie bangten sich
so nach ihr daheim, und die alten Leute mchten nicht gern allein sein.
Kallem war natrlich der galante Mann und tat, als interessiere ihn das
alles sehr; sie waren bald dicke Freunde. Sie plapperte wie ein Mhlrad;
sie sei hierhergekommen, um ihrer Schwester beim Umzug zu helfen. Die
Schwester sei so unpraktisch -- ganz im Gegensatz zu _ihr_; sie knne
berhaupt nichts als Klavierspielen. Von kindauf habe sie gespielt, und
sie sei zwei Jahre in Berlin gewesen. Jetzt begann Kallem die Ohren zu
spitzen. Und wirklich -- die Schwester war seine Tnzerin von vorhin,
die er so langweilig gefunden hatte -- seine Hauswirtin, Frau Ragni
Kule. Der "Nukern" war brigens gar nicht ihre Schwester; sie waren
Stiefschwestern. Und der "Nukern" war auch nicht, wie er glaubte, die
ltere; im Gegenteil -- die Schwester war bald neunzehn und _sie_ knapp
siebzehn.

Sofort engagierte er Frau Kule und sagte ihr ganz erstaunt, sie sei ja
seine Wirtin? Ob sie das wisse? Ob sie ihn darum vorhin geholt habe? Sie
sah aus, als fhle sie sich auf einer Snde ertappt und wute nichts zu
ihrer Entschuldigung vorzubringen. "Aber warum haben Sie mir denn das
nicht gesagt?" fragte er eifrig und eindringlich. ber diese neue Snde
-- da sie es verschwiegen hatte -- wurde sie noch viel zerknirschter;
sie wute keine Silbe zu erwidern. Da sagte er -- bermtig und
ungeduldig: "Das Sprechen fllt Ihnen wohl schwer, gndige Frau?" Sie
wurde sehr bla. In ihr Gesicht trat zu dem Schrecken etwas
herzzerreiend Unglckliches. Seine ganze Ungezogenheit kam natrlich
daher, da er von vornherein wegwerfend von einem Geschpf dachte, das
sich dazu hergegeben hatte, solch einen Klumpen verdorbenen Fleisches zu
heiraten. Aber ihre blasse Hilflosigkeit erweckte so unmittelbar sein
Mitgefhl, da er rasch hinzufgte: "Ich wei ja, Sie verfgen ber eine
Sprache, die Ihnen leichter fllt, als den meisten andern." Und nun ging
er ganz natrlich auf ihre Musik ber, fhrte sie zu einem Platz,
erzhlte, er habe sie spielen hren, und erwhnte Rendalens kompetentes
Urteil. Dann lenkte er die Unterhaltung auf allerhand berhmte
Virtuosen, die er selber gehrt hatte und fesselte sie auf diese Art;
denn auch sie hatte viele von ihnen gehrt. Nach und nach fate sie
soviel Zutrauen, da sie nach Rendalen zu fragen wagte; sie habe ihn
nicht wiedergesehen, seitdem er ausgezogen sei. -- Es gehe ihm recht
gut. --Und nun schilderte er Rendalens Eigenheiten so, da sie lachen
mute. Sie sah nicht dumm aus, wenn sie lachte; ganz und gar nicht.
Einen Augenblick konnte dann auch das "Vielstrahlige" in ihre Augen
kommen. "Weshalb ist Herr Rendalen ausgezogen?" fragte sie. Es klang
ebenfalls ein bichen singend nordlndisch; aber weniger als bei der
Schwester. Die Stimme war in all dem Lrm ziemlich schwach, aber sehr
s. Er antwortete mit einer Gegenfrage. Nein; sie wisse nichts; und
dabei sah sie ihn an. Waren das Augen! "Ob es wegen des Zimmers war?" --
"Des Zimmers?" fragte er zurck. -- "Ja -- da er vielleicht gehrt hat,
die Tante mchte es gern -- die Tante meines Mannes!" berichtigte sie
und war schon wieder ganz verlegen. -- Ob sie ihm denn gekndigt htten?
-- Keineswegs! -- "Na, dann konnte er sich doch auch nicht gekrnkt
fhlen!" -- Nein, das meinte sie auch. Aber Rendalen sei nicht einmal
gekommen, um sich zu verabschieden. Die Verlegenheit verlie sie nie
ganz; sie stand ihr gut, wie ein Schleier bisweilen kleiden kann. "Waren
Sie oft mit seiner Mutter zusammen?" -- "Ja!" sagte sie und lchelte. --
"Weshalb lcheln Sie?" --"Ach -- es ist vielleicht nicht ganz recht --
aber sie war wie ein Mann." -- Kaum hatte sie das gesagt, so wurde sie
verlegen und wollte es zurcknehmen; sie habe blo gemeint, Frau
Rendalen sei so tchtig. Kallem hielt sie aber dabei fest und trieb Ulk
damit; sie mute wieder lachen, und wie gesagt, wenn sie lachte, war sie
s. "Aber Sie knnen ja sprechen?" Sie sah ihn verstohlen an; machte er
sich lustig ber sie? Dann erinnerte er sich, da Rendalen ihr gesagt
hatte, sie solle die Stirn frei tragen; und heute abend trug sie die
Stirn frei. Schau', schau'!

Wie schn sie tatschlich war! Da er das nicht gleich gesehen hatte!
Da andere es nicht sahen und davon sprachen! Das Gesicht freilich
kindlich, unentwickelt, und die schlanke Figur ein bichen schmchtig.
Ihre Stirn war entzckend; die Brauen waren fein gebogen, aber hell und
nicht stark. Die Augen bekam man auch jetzt nur schwer zu sehen; aber er
wute nun, da sie in ihrer graublauen Scheuheit treuherzig und da sie
reich waren. Weich und unbestimmt waren Wange, Kinn und Mund; -- der
Mund stand ein bichen offen; er war klein, und wirkte dadurch ganz
besonders "s". Die Nase war unbedeutend, und auch etwas schief. Das
Haar nicht stark, jedoch mit einem rtlichen Schimmer ber dem Blond.
Aber die Hautfarbe! Vom reinsten zartesten Wei. -- Man konnte den Blick
nicht mehr davon wenden, wenn man es einmal entdeckt hatte! Man sah es
freilich nicht gleich, wenn die Farbe des Kleides sie nicht hob und die
Beleuchtung schlecht war. Sie trug keinen Schmuck, nicht einmal ein
Armband. Die Handgelenke lieen eine lange, schmale Hand ahnen, die er
gern gesehen htte. "Sie lieben also die Musik ber alles?" -- "Ja,"
erwiderte sie; "es ist ja das einzige, was ich kann!" Sie blickte vor
sich nieder. Er berlegte, ob er eigentlich nichts fragen knne, was sie
nicht als Schande empfinden konnte. Aber vor allem mute er sich selber
in acht nehmen; war er nicht auf dem besten Weg, sich zu verlieben?
Leider msse er jetzt weiter, um mit andern zu tanzen und sich zu
unterhalten. Sobald er sie verlassen hatte, war ihm, als finde er sie
nicht wieder; aus der Entfernung wurde sie gewissermaen unsichtbar.
Sobald es der Anstand erlaubte, war er wieder bei ihr. Sie hatte
augenscheinlich nichts dagegen. Diesmal war sie ein bichen
zutraulicher, ja, sie sah ihn sogar ein paarmal an und lchelte ihm
gerade in die Augen. Ei, ei! Das war mehr, als Rendalen erreicht hatte!
Seine Verliebtheit hatte begonnen durch ihre Verlegenheit und wuchs
durch ihre Zutraulichkeit. Er fragte, ob er die Damen nach Hause
begleiten drfe. Er habe doch ein greres Anrecht darauf als andere,
weil sie seine Wirtin sei. Das wurde sofort angenommen; sie berlegte
gar nicht. Allerdings, sagte sie, ihr Neffe, der vorhin Kallem zwischen
"Nukern" und "Heckenrose" hatte whlen lassen, wrde sie begleiten;
aber sie knnten ja beide mitkommen. -- "Natrlich!" sagte er munter;
heimlich dachte er: "der Neffe" kann dann den "Nukern" nehmen!

Eine feuchte Nacht mit leisem Schneefall. Die Schneesterne sanken
vereinzelt und bedchtig, als whle jeder sich seinen Platz und habe
jeder sein Geschft. Kein Windhauch mischte sich darein. Die beiden
Damen erschienen, wohl eingemummt, mit Finnen-Schuhen[1] an den Fen.
Drinnen waren Musik und Tanz noch in vollem Gang; im Vorsaal und auf der
Treppe klang helles, junges Lachen und von drauen das Schellengelut
der zum Abholen bestellten Schlitten. Der "Neffe" konnte so frh nicht
fort, da er Wirt war; aber er schaffte einen Stellvertreter herbei, der
auch sofort seine Dame unter den Arm nahm und in groen Stzen mit ihr
den Hgel hinabjagte. Als jedoch Kallem es mit der seinen ebenso machen
wollte, wurde sie ngstlich, klammerte sich fest an ihn, whrend sie
mitrennen mute, rannte atemlos und bat, er mge das doch lassen. Sie
benahm sich, als wenn sie nicht gut she. Er blieb stehen und fragte, ob
das der Fall sei. Nein, aber sie habe eine Todesangst, sie knne fallen.
"Sie sind wohl berhaupt sehr ngstlicher Natur, wie?" -- "Ja, das bin
ich", sagte sie treuherzig. S war sie ja; aber im Grunde doch eine
rechte Zimperliese. Sie gingen nun ein Stck weit, ohne zu sprechen; die
beiden andern waren nicht zu sehen. Bah, dachte er, es ist nicht der
Mhe wert, sich darber zu rgern; sie wird eben nicht anders knnen.
"Es ist noch nicht einmal ein Uhr", sagte er. -- "Nein, aber das jngere
von den Kindern ist nicht wohl; das Mdchen wacht bei ihm, und die mu
morgen wieder frh heraus." Der nordlndische Singsang ihrer Stimme
versetzte ihn ans Meer. "Ich vermisse jetzt im Winter das offene Meer
so", sagte er. "Hier ist nichts als Eis. Es wird wohl allen Westlndern
so gehen!" Sie antwortete, in Berlin habe sie oft, besonders beim
Spielen, das Meer geradezu gehrt. "Aber ist es nicht wunderbar, da das
Meer einen immer frisch macht, wenn man in seiner Nhe ist, und
schwermtig, wenn man daran denkt?" -- -- Ein paar Schlitten kamen rasch
von oben herunter; die beiden muten ausweichen, und sie zog ihn mit
sich bis an den uersten Rand des Wegs, whrend es vorbersauste, drei
Schlitten hintereinander, in rasendem Tempo.

Sie gingen weiter und lauschten dem Schellengelut, bis es sich verlor;
wieder trat die Stille ein, deren die Schneeflocken bedurften, um sich
bemerkbar zu machen.

"Man sollte eigentlich nicht reden, wenn Schnee fllt", sagte sie.

Jetzt warteten die beiden andern auf sie, und das Gesprch ging eine
Zeitlang zwischen dem "Nukern" und den Herren hin und her, bis wieder
ein Hgel kam, den das erste Paar im Sturm nahm. Die andern sahen sie
nur noch durch den Schneeschleier, ohne sie zu hren. Aber sobald die
Strae dichter bebaut war und der Verkehr lebhafter wurde, schlossen
sich die Paare wieder zusammen, und damit war auch der angenehmere Teil
der Wanderung zu Ende.

Hinterher verwuchsen die Eindrcke mit dem Naturbild: sie -- mitten
unter den Schneesternen -- das Weieste, Feinste, was er je gesehen
hatte. Was sie vom Meer und vom Schneefall gesagt hatte, war voll
musikalischer Phantasie; zuletzt schwebte die ganze Gestalt in weicher
Unbestimmtheit. Allmhlich, whrend alle diese Eindrucksperlen vom
Grunde seiner Seele aufstiegen, gerieten seine Sinne in wirren
Liebestaumel. Sie war in diesen Zimmern; so oft eine Tr zum Vorsaal
sich ffnete, gab es einen Widerhall in ihm; ging ein leichter Schritt
ber den Gang, so war sie es; er hatte fast ein Gefhl, als ginge es
ber ihn selber hinweg. Im Grunde frchtete er sich davor, ihr wieder zu
begegnen; da schwand wohl alles wieder in nichts zusammen. Jetzt war das
Bild so schn. Und wirklich, so geschah es auch ... Als er fnf oder
sechs Tage spter von der Universitt kam, begegnete er ihr und ihrer
Schwester mit zwei kleinen Kindern. Es gingen viele Menschen auf dem
Fusteig zwischen ihnen, so da er sie erst erkannte, als sie einander
gegenberstanden. Er grte; der "Nukern" lchelte und grte auch;
aber die andere wurde rot und verga zu gren, und jetzt sah sie nichts
weniger als talentvoll aus. Er hielt sie an, erkundigte sich, wie ihnen
der Abend bekommen sei, und begann ein Gesprch mit der Schwester. Die
andere beugte sich ber die Kinder, -- zwei reizende kleine Mdchen,
angezogen wie Puppen, das eine drei, das andere etwa vier Jahre alt. Er
lud die Gesellschaft in die Konditorei ein, was nach einigem Schwanken
angenommen wurde. Aber die junge Frau blickte nicht mehr auf, und im
Lokal konnte er sie kaum dazu bewegen, sich zu setzen. In ihrer
Verlegenheit und vor lauter Unruhe begann sie an den Kindern
herumzubasteln, bis die Kleinen ungeduldig wurden. Er bot ihnen Wein und
Kuchen an, aber sie wute nicht, was sie nehmen sollte; zuletzt berlie
sie die Wahl der Schwester. Ihr Gesicht war heute von einer Mtze mit
Ohrenklappen eingerahmt, unter der die Stirn vllig verschwand, wodurch
das Gesicht rund und nichtssagend wurde. Ihre Figur steckte in Kleidern,
die ihr alle zu weit waren -- spter hrte er, da sie von ihrer
verstorbenen Schwester sie geerbt habe. Erst als er selber sich mit den
Kindern beschftigte, wozu er -- als groer Kinderfreund -- ein
auffallendes Geschick hatte, kamen sie sich wieder nher; noch dazu
unten auf dem Fuboden. Das Kleinste hatte sich mit dem
Schlagsahnekuchen beschmiert, den die Frau in ihrer Ungeschicklichkeit
fr das Kind gewhlt hatte, und als sie es, jedes mit seinem
Taschentuch, abwischten, zerflo sie im demtigen Gefhl ihres Vergehens
und konnte nicht aufhren zu danken. Nun wollte die Kleine, die sich so
wundervoll beschweint hatte, noch einen Kuchen von derselben Sorte,
beileibe keinen andern, und Kallem war -- obgleich er wute, da
allzuviel nicht gut war fr das Kind -- natrlich vllig damit
einverstanden. Aber er nahm es auf den Scho, lie sich eine Serviette
geben und pate auf, bis der letzte Bissen verspeist war. Die junge Frau
stand daneben und lie sich voll Demut belehren. Jetzt wollte die Kleine
noch einen dritten Kuchen, und auch damit war Kallem einverstanden. Die
ltere, die bis dahin geduldig zugesehen hatte, wie ihre Schwester a,
wagte nun auch zu bitten; da nahm er sie auf sein zweites Knie und
ftterte alle beide. Alle Teile amsierten sich whrend dieser wichtigen
Handlung, sogar Frau Ragni fand den Mut, zu lachen. Und wie gesagt, wenn
sie lachte, war sie "s". Die Erwachsenen tranken noch ein Glas Wein.
Auf dem Heimweg trug Kallem das kleinste Mdelchen auf dem Arm. Sie
waren bald dicke Freunde, er und die Kleine; ihre Stiefmutter war auf
den Wein hin mutiger geworden und sagte: "Ist sie nicht s, die kleine
Juanita?" Sie reichte ihre Hand hinauf, und die Kleine patschte mit
ihrem Fausthandschuh hinein; die junge Frau hielt ihn im Gehen eine
Weile fest.

Kallem trug das Kind die Treppe hinauf und versumte nicht, ihm sein
Zimmer zu zeigen und beide einzuladen, ihn am nchsten Vormittag zu
besuchen. Es war ein Sonntag. Gleich nach Tisch kaufte er Apfelsinen,
pfel, Feigen und kandierte Frchte, um etwas zu haben, wenn sie kmen.

"Ist sie nicht s, die kleine Juanita?" -- mit ihrem leisen
nordlndischen Tonfall! Er setzte es in Musik und summte es vor sich
hin, so oft er an sie dachte. Dann hrte er die Stimme, sah die Augen,
wie sie zu dem Kind aufblickte, die ausgestreckte Hand. "Ist sie nicht
s, die kleine Juanita?" wurde eine Lieblingsstrophe, die er auch
Rendalen lehrte; sie begrten sich damit abends beim Turnen. Aber da
sie verlegen geworden war, als sie ihn wiedersah -- vielleicht, weil es
heller Tag war --, das behielt Kallem fr sich. Er erzhlte, wie putzig
sie gewesen war in ihren zu groen Kleidern, die aussahen, als seien sie
fr einen Backfisch gemacht, der noch wchst. Aber da sie in der
Konditorei unruhig geworden war, als er sie ansah, davon sagte er keinen
Ton.

Die Kinder waren oft bei ihm. Er schenkte ihnen Apfelsinen und se
Frchte, lief vor ihnen auf den Hnden und sprang ber die Sthle, und
sie waren unbndig vergngt! Blo das Mdchen verdarb ihm allen Spa; er
las in ihrem Lcheln nur zu deutlich: "Du bist ein Schelm! Du tust ja
doch alles nur der Mutter wegen!"

Er war feig genug, ihr zu sagen, die Kinder drften jetzt eine Zeitlang
nicht mehr kommen. Es schnitt ihm ins Herz, als er am nchsten Abend
hrte, wie die ltere die Tr aufmachte und schon auf dem Korridor war,
um zu ihm herberzulaufen, und dann zu weinen anfing, als man sie
zurckholte. Er klingelte nach dem Mdchen und befahl ihr, den Kindern
den Rest von dem, was er fr sie gekauft hatte, zu bringen. Sie nahm es.
"Das ist aber zu viel!" sagte sie und sah ihn verschmitzt lchelnd an;
prgeln htte er sie knnen. Aber dann dachte er: "Zum Kuckuck auch,
wenn sie doch Verdacht hat bei allem, was ich tue, dann knnen auch die
Kinder wiederkommen!" Und am nchsten Abend holte er sie selber aus der
Kche zu sich herein.

Eines Tags begegnete er der Schwester, die eben ausgehen wollte. Sie
grte frhlich und sagte: "Gut bekommen neulich?" "Denken Sie nur,"
fgte sie hinzu, "in ein paar Tagen reise ich nach Hause." Er meinte, da
gehre es sich doch, da sie Abschied feierten, etwa in der Konditorei.
Das fand sie auch, und sie verabredeten, sie wollten sich am nchsten
Tag treffen, ganz wie neulich, auch die Kinder mit dabei, und alles
sollte wiederholt werden. So geschah es auch. Frau Ragni war nicht ganz
so verlegen wie das letzte Mal, er noch munterer, die Kinder
ausgelassen. Die ganze Tollheit des Verliebten war ber ihm, als sie
voll Frhlichkeit nach Hause zurckkehrten. Er tanzte, Juanita auf dem
Kopf, voraus und lehrte die Schwestern singen: "Ist sie nicht s, die
kleine Juanita?"

Als die Schwester abreiste, kam er auf den Bahnhof. Eine Menge Verwandte
und andere Menschen waren da, um Abschied zu nehmen. Beide Schwestern
waren tief unglcklich, am unglcklichsten wohl die zurckbleibende. Sie
weinte unaufhrlich, auch nachdem der Zug schon fort war. Einen
Augenblick dachte er daran, sich zurckzuziehen und sie mit den
Verwandten allein zu lassen; aber sie sagte: "Ach bitte, gehen Sie
nicht!" Dabei wollte sie eigentlich gar nichts von ihm; sie ging neben
ihm her wie neben den andern und weinte den ganzen Weg ber; auch als
die andern gegangen waren, und er und sie vor der Haustr standen, wute
sie nichts zu sagen, sondern ging ohne weiteres hinauf. Auf der Treppe
fragte er, ob sie und die Kinder nicht ein bichen mit ihm spazieren
fahren wollten; das wrde sie zerstreuen. Sie schttelte nur den Kopf.
"Aber morgen vielleicht?" fragte er ehrerbietig, whrend er ihr die Tr
ffnete. Sie ging hinein, kam jedoch wieder zurck. "Danke, morgen
vielleicht!" sagte sie, gab ihm die Hand und sah ihn mit ihren guten,
trnenvollen Augen an.

Aus diesem tiefen Schmerz glaubte er schlieen zu knnen, da sie sich
verlassen fhlte. Im Alltagsleben vielleicht nicht; denn da fllte sie
die Zeit mit ihrer Phantasie aus; wenn aber etwas geschah, das sie aus
dem Traum herausri, so wachte sie auf, blickte um sich und fand sich
einsam.

Am nchsten Tag sa sie mit den Kindern in einem Schlitten, den er
selber fuhr. Nach der Fahrt ging er mit hinein zu Kule, der sich auf
seine schwerfllige Art dafr bedankte, da er so freundlich gegen die
Kinder sei. Kallem lie sich alle ihre Spielsachen zeigen, und Kule bat
seine Frau, etwas Musik zu machen. Die Kinder wurden hinausgeschickt; er
selber sa dabei und paffte aus einer langen Pfeife, die ihm seine Frau
hatte stopfen sollen, was Kallem ihr jedoch abgenommen hatte. Heute sah
Kallem auch zum erstenmal die Kchin, ein derbes, ltliches Mannsweib,
deren nordlndischer Singsang wie Vogelgeschrei ber der Meeresbrandung
klang. Sie war in der Kche und hatte zugleich Kule zu bedienen. Die
Frau des Hauses widmete sich augenscheinlich nur ihren eigenen
Angelegenheiten, d. h. den Kindern und ihrer Musik. Sie spielte in
diesem Augenblick dasselbe russische Stck, das Kallem von seinem Zimmer
aus gehrt hatte; vielleicht noch besser. Nicht, da er besonders
aufmerksam zugehrt htte; er sah nur sie selbst an. Die obere Partie
des Gesichts, das jetzt ber Notenblatt und Tasten leuchtete, war eine
ganz andere, als die, die er kannte. Das war wohl, was Rendalen gesehen
hatte. Welche Entwicklung mte sie erst durchmachen, damit auch die
untere Hlfte dazu stimmte! Vor einigen Tagen hatte er einen Brief von
einem Vetter aus Madison in Wiskonsin erhalten, der zum Professor an der
dortigen Universitt ernannt worden war; seine Frau, eine Norwegerin,
studierte bei ihm. So etwas war ntig, um diese matte Wange und dieses
schlaffe Kinn, den willenlosen Mund mit der sprden Haut auf den Lippen
zu wecken und zu formen. Aber wie rhrend war dabei diese ganze
kindliche Unmndigkeit! Dicht daneben sah er die ungeheure Faust des
Mannes auf der Stuhllehne -- der ganze Kerl lag im Stuhl wie ein toter
Flugott in Hosen! Whrend des Spiels ffnete sich die Tr rechts, und
herein trat ein drittes berlebensgroes Nordlandwesen, eine alte Dame
mit weien Haaren, einem groen vollen Gesicht und einer Hornbrille. Das
war die Tante. Sie war grer als Kallem und entsprechend stark. Die
junge Frau kreuzte zwischen ihnen wie eine Lustjacht zwischen
schwerbefrachteten Ozeandampfern. Eben blickte sie zu Kallem hin wie zu
einem Vertrauten. Sie hatte ihm freilich nichts anvertraut; aber ihre
gemeinsame Jugend fand sich zusammen gegen all das, was so unbegreiflich
schwerfllig und hinderlich war. Seine Liebe verlangte ungeduldig, sie
frei zu machen; da er es nicht konnte, lastete wie eine Schwle in der
ganzen Stube. Es qulte ihn, dieses unfabare Verhltnis.

Der Eindruck, den er von dem Besuch mitnahm, strte ihn bei den
Vorarbeiten zum Examen, die er bis zu diesem Tag regelmig betrieben
hatte. Er entwarf die wildesten Plne, ja, er schrieb sogar an seinen
Vetter in Amerika und fragte an, ob sie geneigt seien, eine junge Dame
bei sich aufzunehmen. Er vertraute sich Rendalen an, der anfnglich voll
Ingrimm dagegen protestierte, sich aber spter doch gewinnen lie. Das
Gefhl ihrer Verantwortung sich selbst gegenber mute geweckt werden;
sie mute die Gefahren eines fortgesetzten Zusammenlebens kennen lernen;
vor allem mute sie fort, weit fort, damit sie geistige Freiheit zu
ihrer Entwicklung habe. Kallem wurde kraft dieser selbst bernommenen
Frsorge immer sicherer und seine Liebe immer mchtiger. Jede Begegnung
mit ihr, wie kurz sie auch war, ja, nur ein Gru auf der Strae oder im
Korridor bestrkte ihn in dem Gefhl, da sie ihm und keinem andern
gehre, und da sie befreit werden msse!

Und das alles, eh' er ein einziges Wort zu ihr selbst gesagt hatte.

Er war schon oft verliebt gewesen, hatte sich schon oft hingegeben, auch
ohne es zu sein. Aber dieses zarte und unvollkommene, dieses begabte und
verlassene Wesen begehrte er zu retten und zu formen; das lag in seiner
Natur, und darum gab er sich mit ganzer Seele hin. Sie ihrerseits verlor
mit jeder Begegnung ein bichen von ihrer Scheu; es war, als vermge er
sie zu trsten ber die Abreise der Schwester, ja, wenn er sich nicht
tuschte, so war er ihr mehr als ein Ersatz. Ein untrgliches Zeichen
hatte er jedenfalls. Er hatte ihr gesagt, da er abends zu Hause bleibe,
hauptschlich, um sie spielen zu hren, und da er immer einen Spalt
seiner Tr ffne; und seitdem spielte sie jeden Abend, oft lange.

Wenn er ihr mit den Kindern begegnete und sie mit in die Konditorei
nahm, hatte er die grte Lust, sich auszusprechen; aber ihr Wesen war
nicht darnach. Besonders ihre Treuherzigkeit war im Wege; er durfte sie
nicht erschrecken. Seine eigene Energie drngte zu einer Lsung; aber
seine Liebe beugte sich vor ihrem Bedrfnis nach poetischem Spiel, bei
dem die Liebe nicht bei Namen genannt wurde, und doch alles zu ihrer
Bilderschrift wurde. Das gab dem Verhltnis eine Sigkeit, der nichts,
was er bisher kennen gelernt hatte, gleich kam.

Einen Abend in der Woche nahm sie teil an einer Art Privatkonzert, oder
wie man es nennen wollte, das bei Verwandten ihres Mannes stattfand,
denselben Leuten, wo sie damals getanzt hatte. Dazu verschaffte sich
Kallem durch seinen Studiengenossen, ihren Neffen, Zutritt. Natrlich
blo, um sie nach Hause begleiten zu knnen. Es war um die Zeit der
Schneeschmelze, und die Straen waren voll Eis. Als er ihr sagte, da er
auch hinkme, und bat, sie nach Hause bringen zu drfen, -- worber sie
sehr erfreut war -- nahm sie als selbstverstndlich an, da er im
Schlitten oder Wagen kommen werde.

Nach einem langen Abend mit zuviel Musik in zu engen Rumen brachen sie
endlich auf. Sie zog rasch ihren Mantel an und eilte mit ihm hinaus.
Drauen nahm er ihren Arm. "Das trifft sich gut," sagte er --"eben geht
der Mond auf." Sie dachte, sie wrden einen von den Schlitten nehmen,
die da standen, oder den Wagen, der eben kam. Es war Glatteis gleich vor
der Haustr, und sie stie einen kleinen Schrei aus, schritt aber
tapfer aus. Inzwischen fuhr ein Schlitten nach dem andern davon und
zuletzt auch der Wagen. "Fahren wir nicht?" fragte sie. Der Schelm
lachte; er habe es sich gerade so hbsch gedacht, zu gehen. Sie
versuchte ihre Enttuschung zu verbergen; aber nach einigen
verzweifelten Versuchen bat sie ganz rhrend, sie wollten doch fahren.
Ihm fiel ein, wie ngstlich sie das erste Mal gewesen war, und unter
Gewissensbissen versicherte er, sie wrden nur bis zum nchsten
Halteplatz gehen, der nicht weit entfernt war. Der Weg war nicht so
besonders glatt, aber abschssig; sie klammerte sich an seinen Arm,
starrte geradeaus und stie leise Schreie aus; etwas weiter wurde es
schlimmer; die ganze Breite des Wegs war manchmal von Eis bedeckt,
trotzdem auch hier einzelne sichere Stellen waren. Jetzt verlor er ein
bichen den Mut, besonders, da er sie nicht dazu bewegen konnte, zu
schlittern. Etwas so Furchtsames war ihm doch noch nie vorgekommen.
Natrlich ging es nur Schritt fr Schritt vorwrts, mit vielen langen
Pausen.

Die umliegenden Grten und Felder waren teils nackt, teils mit Schnee
oder Eis bedeckt; dorthinaus wollte sie. Aber er zeigte ihr, da bald
ein Haus, bald ein geschlossener Garten den Weg versperrte; es war nicht
wie auf dem Lande. Die Felder sahen zerrissen aus, ebenso der Himmel.
Lange Wolkenherden zogen durch das schwarze Blau dort oben, genau wie
das Eis zwischen den kahlen Stellen hier unten lag. Der Mond schien in
rasender Hast hinter den Wolken herzujagen, sie einzuholen, durch sie
hindurch und weiter zu fahren. Da droben mute ein Orkan toben; hier
unten war es still. Kallem fhlte sich unglcklich und unsicher seines
Fehlgriffs wegen. Das unstte Licht ber der Landschaft mit ihren
zerrissenen Farben erhhte diese Stimmung noch; ganz gewi wrde etwas
Schlimmes geschehen. Und wie immer, wenn dieses Gefhl ber ihn kam, zog
jene Schreckensnacht aus seiner Kindheit mit allen Konsequenzen an
seiner Seele vorber. Sollte denn dies angstvolle Vorgefhl eigener
Fehlgriffe sein ganzes Leben verfolgen? Er spannte alle seine Sinne an:
sie durfte nicht hinfallen. Ohne ihre Hasenherzigkeit wren die Hgel
eine einzige lustige Schlitterbahn gewesen; nun machte sie auch ihn
ngstlich. Jede glatte Stelle wurde zu einer wirklichen Gefahr, und die
Errettung aus der einen brachte nur eine neue Gefahr, in die sie
gerieten. Sie sprachen nicht, sahen sich nicht an, beide ngstlich und
ungeduldig. Minuten brauchten sie, wo Sekunden gengt htten; der eine
schob im Stillen die Schuld auf den andern, whrend sie kmpften, als
gelte es das Leben. Nur ein atemloses: "O Gott!" oder "Nehmen Sie sich
ja in acht hier!" oder ein hoffnungsloses: "Nein, es geht ja nicht!" und
ein "Versuchen Sie's noch einmal! Kommen Sie!" Zuletzt nicht einmal mehr
das. Sie mochte jammern, verzweifeln, beinahe weinen -- er antwortete
nicht mehr. Und so sehr war sie von ihrer Angst erfllt, da sie den
bergang nicht einmal merkte.

Da sahen sie in der Ferne die Rettung, nmlich zu beiden Seiten hohe
Huser, die Schutz boten gegen die Sonne, so da der Schnee nicht
geschmolzen war. Dorthin galt es zu kommen, dort war auch ganz in der
Nhe ein Schlittenhalteplatz. Endlich war es geglckt. Sie blieb stehen,
holte tief Atem und versuchte zu lachen; aber es ging nicht. "Wir wollen
einen Augenblick stehen bleiben!" bat sie aufs neue tief aufatmend. Sie
lieen einander los; weiter unten hrte man Schellengeklingel; beide
lauschten. "Wenn nur nicht der letzte. Schlitten gerade wegfhrt!" sagte
sie. "Es ist spt." Sie nahm seinen Arm und sie gingen weiter. Ganz
leicht war es auch hier nicht, der Schnee war festgetreten, aber auf dem
Fuweg war gestreut. Sie gingen jetzt schneller und allmhlich sicherer.
"Gott sei Dank!" sagte sie erleichtert, als komme sie vom Eismeer
zurck. Aber kaum hatte sie es gesagt, so lag sie auch schon am Boden.
Sie waren an eine tckische Stelle geraten, wo ausgegossenes Wasser
gefroren war und sich spter mit einer Reifschicht berzogen hatte. Sie
glitt aus und zwar gerade ber einen seiner Fe, so da auch er
ausglitt und fiel -- der eine ber den andern. Er machte seinem
bervollen Herzen in einem Fluch Luft und war sofort wieder auf den
Beinen, um ihr zu helfen. Aber sie lag regungslos, mit geschlossenen
Augen da.

Es berlief ihn eisig. Eine Gehirnerschtterung? Er hob sie auf und
legte sie ber sein Knie, zog mit den Zhnen seinen rechten Handschuh
aus und machte ihr den Kragen auf. Ihr Arm hing herunter, ihr Gesicht
war totenbla. Er ffnete ihren Mantel, um ihr Luft zu schaffen. Jetzt
rhrte sie sich. "Ragni!" flsterte er. "Ragni!" und beugte sich tiefer
auf sie herab, "se, se Ragni! Verzeih mir!" Sie schlug die Augen
auf. "Verzeih mir, hrst Du!" In ihren Wangen stieg die Rte auf, ihre
Hand griff nach dem Mantel, der offen war; sie hatte es also gefhlt,
nur in der Betubung des Schreckens gelegen. Er konnte seine Freude
nicht mehr zgeln, -- er zog ihren Kopf zu sich empor und kte sie
ein-, zwei-, dreimal. "O Du -- wie ich Dich liebe!" flsterte er und
kte sie wieder. Sie wollte sich aufrichten; er merkte es, stand sofort
auf und zog sie mit empor. Aber sie konnte nicht allein stehen, sondern
taumelte, so da er sie an den Gartenzaun gerade vor dem Hause lehnen
mute. Daran hielt sie sich und neigte sich darber, als knne sie
allein sich nicht tragen. Er lie sie los, um zu sehen, ob sie sich
aufrecht halten konnte; ja, es ging. "Ich laufe nach einem Wagen!" sagte
er, und fort war er. Im Laufen fiel ihm ein, da er das von Anfang an
htte tun knnen, dann htte sich alles das vermeiden lassen. Ob noch
ein Wagen zu haben war? Wenn nicht, so rannte er eben weiter. Wenn sie
nur stehen konnte! Wenn nur niemand kam ... Er sprang, er glitschte, und
als er einen Schlitten stehen sah, sprang er hinein und befahl dem
Kutscher, draufloszufahren, was das Pferd nur laufen knne, ohne ihm zu
sagen, wohin. Erst als dies erledigt war und der Schlitten davonsauste,
kam ihm zum Bewutsein, was er gesagt und getan hatte, whrend er sie
in seinen Armen hielt. Es hatte wohl in ihm fortgetnt, aber jetzt erst
brach es in voller Melodie hervor.

"Fahren Sie zu! Dort steht sie, dort rechts! Wir sind gefallen, und sie
hat sich wehgetan. Ja, dort!" Er sprang heraus und eilte zu ihr hin,
whrend der Kutscher umwendete und dicht heranfuhr. Sie lehnte noch
immer am Zaun, aber jetzt halb mit dem Rcken und halb von der Seite.
Den Mantel hatte sie wieder zugeknpft und den Schleier herabgezogen.
Als er kam, streckte sie die Hand aus, um sich zu sttzen; er nahm sie,
legte aber seinen andern Arm um ihren Leib, um sie vor sich herzufhren;
er wollte nicht noch einmal riskieren, da sie ihm ein Bein stelle. Es
ging gut, er hob sie in den Schlitten, packte sie ein, bezahlte den
Kutscher und nannte die Adresse. Sie bat ihn, nicht mitzufahren. Sie
sagte nicht gute Nacht, sie blickte nicht auf. Und der Schlitten fuhr
ab.

Er fhlte sofort -- jetzt ging sie von ihm. -- -- --

Nichts macht einem wackern Burschen soviel zu schaffen wie seine eigene
Dummheit und Ungebrdigkeit. Stundenlang strich er diese Nacht durch die
Straen und schlich dann nach Hause wie ein geprgelter Hund. Am
nchsten Morgen wagte er nicht, das Mdchen zu fragen. Aber abends
erzhlte sie ungefragt, die gndige Frau sei nicht wohl gewesen; sie
habe Erbrechen gehabt und liege zu Bett; immerhin gehe es besser. Maries
mitwissendes Lcheln versetzte ihn in ohnmchtige Wut. Sie hatte noch
obendrein die Unverschmtheit, in seinem Gesicht zu forschen. Trotzdem
mute er sich den Tag darauf bequemen, zu fragen. Ja, die gndige Frau
sei auf, und es gehe ihr ganz gut. Aber weder diesen, noch den nchsten
Tag bekam er einen Schimmer von ihr zu sehen; auch von den Kindern hrte
er keinen Ton. Sie spielte auch nicht am Abend; er blieb eigens zu
Hause, um zu horchen. Weder sie selbst, noch die Kinder kamen den
gewohnten Weg an seiner Tr vorbei, wenn sie ausgingen; sie gingen die
Hintertreppe hinunter. Nie traf er sie mehr. Sie whlte neue Wege.

Bisher war seine Liebe ein heimliches Glck voll von Plnen gewesen.
Jetzt war er gewaltsam ins Heiligtum eingebrochen, und ein endloser
Traum, ein fruchtloses Grbeln lste seine klaren Tage und seine
gesunden Nchte ab. Er ging alles durch, was geschehen war, jedesmal mit
brennender Selbstqulerei. Er verachtete sich selbst, lie sich zu
Kneipereien mitschleppen und verachtete sich noch mehr. Seitdem er ihre
Lippen berhrt, ihr Ohr beleidigt hatte, war ihr Bild wie mit einem
Schleier berzogen; er sah nicht das reine Taubenweie, das von Musik
Getragene in all seiner Anmut und Hilflosigkeit; er sah ein Weib, das er
begehrte. Aber er hatte Sinn fr Humor und eine gesunde Natur; er wollte
sich nicht in Selbstqulerei und trichter Begierde verzehren. Er wollte
sogleich ausziehen, und zwar unter dem Vorwand einer Reise. Damit
glaubte er ber alle Schwierigkeiten hinwegzukommen wie ber einen Zaun.
Er hielt es nicht aus, da ihm das Haus verschlossen war; er hielt nicht
einmal das unverschmte Lcheln des Mdchens mehr aus.

Auf einmal frappierte ihn die hnlichkeit, die sein Umzug mit dem
Aufbruch Rendalens hatte. Auch Rendalen hatte kurzen Proze gemacht. Es
war doch nicht etwa aus demselben Grund gewesen -- --? Er schlug eine
Lache auf. Natrlich -- genau dasselbe war auch dem widerfahren!

Rendalens Mutter war in der Stadt gewesen und hatte hier gewohnt;
whrend der Zeit war Ragni viel mit den beiden zusammen gewesen;
Rendalen und sie hatten vierhndig gespielt. Das hatten sie auch nach
der Abreise der Mutter fortgesetzt -- und immer auf seinem Flgel, das
wute er ... Er empfand dieses Zusammentreffen wie eine Demtigung.

Eine feinere, edlere Natur als Rendalen kannte Kallem berhaupt nicht;
der hatte sich auch nicht das Geringste erlaubt. Aber da sie auch ihn
so unruhig machte, da er auszog! Sie mute also etwas derartiges an
sich haben? Das redete er sich zu seiner Entschuldigung ein. Ja, noch
mehr, er empfand es als eine gesteigerte Versuchung. Am selben Abend
noch sagte er Marie, er msse verreisen, entweder morgen oder den Tag
darauf, das wisse er noch nicht; jedenfalls solle sie um die Rechnung
bitten; selbstverstndlich bezahle er das volle Quartal. Das Mdchen sah
ihn an; sie erriet sofort den tieferen Zusammenhang. Weidete sie sich
daran, -- hatte sie etwas zu erzhlen? Sie fragte in ihrer bescheidenen
Art, ob er die Rechnung sogleich wnsche. Nein.

Am nchsten Tag kam es nicht zum Umzug; aber am folgenden sollte er vor
sich gehen. Er wollte ein paar Tage verreisen, sich aber zuerst eine
neue Wohnung suchen und seine Sachen hinbringen lassen. Nachmittags ging
er aus und mietete -- und zwar in einem ganz andern Teil der Stadt. Dann
berlegte er eine Weile, was er als Grund angeben solle, namentlich
Rendalen gegenber. Er beschlo, ihm die volle Wahrheit zu sagen, den
andern einfach, er sei in seiner jetzigen Wohnung mehrfach gestrt
worden; es war ja auch wahr. Gegen fnf Uhr kam er wieder nach Hause,
ging ins Schlafzimmer, zog Schlafrock und Pantoffel an, ging dann wieder
ins Nebenzimmer und legte sich aufs Sofa, wo er in einen tiefen Schlaf
fiel; den hatte er auch ntig. Gegen sieben kam das Mdchen und heizte
ein, ohne da er es merkte. Etwas spter erwachte er, hrte das Prasseln
und sah die Helle und schlo daraus, da es ber sieben sein msse.
Seine Gedanken waren sofort drben bei ihr. Er hoffte ganz heimlich,
wenn sie erfhre, da er fortziehe, so wrde er sie noch einmal spielen
hren. Bisher hatte er sich hierin getuscht; aber trotzdem konnte er
den Glauben, da seine Abreise ihr naheging, nicht aufgeben. Er lag auf
dem Bett und lauschte. Sollte er ohne weiteres zu ihr hineingehen und
Abschied nehmen? Sollte er Licht anznden? Sollte er wieder ausgehen? Er
stand auf und starrte ins Ofenfeuer. Da hrte er im Vorsaal eine Tr
gehen und mehrere Stimmen -- ein paar Damenstimmen mit stark
nordlndischem Tonfall. Er dachte, es seien wohl neu angekommene
Verwandte, die zum Besuch dagewesen waren. Die Damen wurden bis zur Tr
begleitet; er hrte die langsame Sprechweise der Tante, auch eine
Mnnerstimme hrte er -- war das Ole Tuft? Nur die, nach der er
lauschte, hrte er nicht. Allgemeines Abschiednehmen, die Tr wurde
zugemacht. Dann die Stimme der Tante und Ole Tufts -- wirklich, es war
seine Stimme. Er mute also eben gekommen sein, als die andern gingen.
Beide verschwanden im Zimmer der Tante, die Tr schlo sich hinter
ihnen, gleichzeitig wurde weiter hinten eine Tr geschlossen. Wieder
klingelt es, wieder geht eine Tr auf und herausstrmen jubelnd die zwei
Kinder; sie wollen die Gelegenheit bentzen und zu Kallem hinein; aber
sie drfen nicht. Unter Gelchter wird im Korridor Jagd auf sie gemacht;
sie werden eingefangen, und eine Tr wird hinter ihnen zugeschlagen;
gleichzeitig ffnet sich die Entreetr; eine der Damen hatte ihre
berschuhe vergessen. Und jetzt hrte er Ragnis Stimme: sie wolle Licht
holen, es sei ja ganz dunkel hier. Im Singsang der nordlndischen
Schifferlieder wurde das abgelehnt. Hier waren die Gummischuhe, gleich
an der Tr; sie seien nur nicht leicht anzuziehen -- es seien ganz
"neue"! So! Nun saen sie. Wieder ein zrtliches "Adieu, adieu!" und als
Antwort ein "Auf Wiedersehen am Freitag!" Das letzte sagte Ragni.
Tuschte er sich --oder klang es wirklich wie die Stimme eines Menschen,
der sich in der Nhe einer Gefahr glaubt? Nicht so recht ihre gewohnte
Stimme? Sprach sie, ohne es zu wollen, von ihm? Er schnellte auf und war
an der Tr, noch ehe sie drauen zugemacht hatte. Wenn er ffnete,
standen sie sich Auge in Auge gegenber. Sollte er --? Er lauschte wie
auf ein Zeichen. Er hrte sie nicht gehen; vielleicht stand sie drauen?
Sein Herz schlug Sturm, whrend die Hand leise, leise auf die Trklinke
drckte und lautlos ffnete. Vor seinen Augen, die in das Ofenfeuer
gestarrt hatten, lag der Gang drauen im Stockfinstern. Er tastete sich
nach der Entreetr, fhlte das Schlo, tastete sich weiter vor; aber es
war niemand da. Sollte sie mit hinausgegangen sein? Nein, sie hatte sich
ja verabschiedet und von Wiederkommen am Freitag gesprochen. Weshalb
hatte er sie dann nicht gehen, keine Tr hinten ffnen hren? Sie mute
hier im Flur sein. -- Er hrte sein eigenes Herz schlagen; aber vorwrts
mute er. Jetzt fhlte er Kleider zwischen den Fingern; eisig
durchrieselte es ihn; aber gleich kam ihm die Besinnung wieder -- die
Kleider waren kalt und leer. Dann rusperte sich drinnen jemand -- das
war Kule. Von der Kche oder vom Ezimmer her tnte Geplauder -- das
waren die Kinder. Bei diesen freundlichen Lauten aus einer Welt des
Guten stand er still wie ein Verbrecher. Er htte das nicht tun sollen.
Nun hrte er die langgezogenen Fragen der Tante und Oles klare
Antworten, d. h. die Tne, nicht die Worte. War Ragni im Korridor? Sie
konnte ja etwas gesucht haben und, erschrocken ber sein Auftauchen,
stehen geblieben sein. Wenn er weiter ging, konnte er sie erschrecken,
so da sie geradenwegs auf eine Tr zustrzte und sie ffnete. Dann
stand er im vollen Lichte da! -- -- --

Nein, dazu war sie zu furchtsam. Wieder ein paar Schritte vorwrts. Er
hatte Pantoffel an; man hrte ihn kaum; aber er wnschte, sie mchte
nicht da sein. Die Kinder plauderten gerade am andern Ende des
Korridors; je nher er kam, desto deutlicher hrte er es; er sah sie im
Geist auf ihren Sthlchen knien und Huser auf dem Tisch bauen. Er
schmte sich. Was wollte er eigentlich? Aber whrend er sich das fragte,
ging er weiter; er tastete von einer Seite zur andern, von einem Mantel
zu einem Schal, vom Rahmen einer Tr nach den Vorsaalfenstern, von denen
er einen Schimmer sah. Ein Wagen rumpelte vorbei, gleich darauf erklang
gedmpftes, ungleiches Schellengelut; bei diesem bergangswetter
bentzte man beides, Wagen und Schlitten. In der Kche fiel etwas zu
Boden; Kule rusperte sich wieder; die Zeit mute ihm lang werden;
vielleicht brauchte er Licht? Zwischen dem Kinderzimmer und der Kche
stand anscheinend die Tr offen, denn auf einmal waren die Kinder
drauen und fragten, was hinuntergefallen sei. Das Nordlandmdchen
antwortete schwerfllig, in langgezogener, slicher Freundlichkeit,
eine Un-ter-tas-se wre hinuntergefallen, sie sei vom Bo-rt
heruntergerutscht. Weiter! War Ragni berhaupt hier, so stand sie in der
hintersten Ecke. Wie sie sich ngstigen mute! Was mochte sie von ihm
denken! Und wenn er umkehrte, nahm er sich aus wie ein ertappter Dieb.
Jetzt vermochte er am Fenster ein klein wenig zu sehen; aber weiter
hinten wieder nichts, kein Lichtschimmer unten oder oben an den Tren,
auch aus den Schlssellchern nicht; nicht einmal geradeaus vor dem
Kinderzimmer. Ob sie vielleicht dort stand? Er bildete sich ein, da er
sie dann sehen msse.

War sie vielleicht zur Tante hineingegangen -- dicht neben seiner Tr?
Oder hatte sie ganz einfach die Tr zur Stube der Kinder oder zum Zimmer
Kules hinter sich offen stehen lassen, als sie herauskam, und sie im
selben Moment geschlossen, als er seine ffnete? Und sa nun drinnen und
trumte? Das nahm er jetzt als ganz sicher an; denn er wnschte, es
mchte so sein. Dennoch ging er weiter. Endlich stand er ganz hinten an
der Tr; er hrte die Kinder und links die Kchin, die in ihrer Kche
rumorte und ab- und zuging. Jetzt kehrte er um und fhlte sich gleich
freier. Mit ausgestreckten Hnden ging er zurck, diesmal schneller. Da
fate er einen warmen, festen Arm. Er erbebte, erschauerte, Funken
sprhten vor seinen Augen; er blieb stehen. Aber der Arm regte sich
kaum, und er fate wieder Mut. Langsam lie er die Hand vom Arm um ihren
Leib gleiten und umschlang sie behutsam. Warm und weich fhlte es sich
an; sie stand ganz still, aber ein Zittern ging durch ihren Krper. Er
zog sie leise an sich. Mit der andern Hand fate er die ihre und
drckte sie; auch diese zitterte. Er drckte sie wieder -- und nun
glitten sie langsam, Schritt fr Schritt vorwrts -- sie ohne
Widerstreben, aber auch nicht freiwillig. Er hrte kaum seine eigenen
Schritte, die ihrigen gar nicht. Die Kinder plauderten leise. Aus den
Zimmern Kules und der Tante kam jetzt kein Laut; vor ihnen ein schwacher
Schimmer aus seiner eigenen Tr. Jetzt waren sie dort; er stie die Tr
behutsam auf und wollte sie hineinfhren. Aber nun blieb sie stehen und
wollte ihm ihre Hand entziehen. Er hrte ihr Atmen, fhlte ihren Hauch,
sah das blasse Gesicht, whrend er sie sachte bis zur Schwelle schob
--dann hinber -- und die Tr hinter ihnen anlehnte. Drinnen lie er sie
los, um so leise wie mglich ganz zuzumachen. Sie blieb stehen, wie er
sie verlassen hatte, mit dem Rcken gegen ihn, beide Hnde vors Gesicht
gepret. Als er kam, fing sie zu weinen an. Er umschlang sie, um sie an
sich zu drcken, und jetzt ging ihr Weinen in Schluchzen ber. Sie
schluchzte so schmerzlich, so unglcklich, da sein Blut nchtern wurde,
und er auf ganz andere Gedanken kam. Willenlos lie sie sich nach dem
Sofa fhren; sie weinte so verzweifelt, da ihn pltzlich nach Licht
verlangte, wie wenn jemand krank wird. Darum machte er hastig die Lampe
zurecht; dann fiel ihm ein, da er erst die Gardinen zuziehen mute; und
nun erst zndete er an.

Nur ein Mensch, der sein Leid Tage und Nchte lang in seinem Innern
verschlossen hat, kann so weinen. Der Tisch zitterte, an den sie sich
lehnte.

Hundertmal hatte er ber Liebhaber in Romanen und Theaterstcken
gespottet, die auf die Knie sinken. Jetzt schob er das eine Tischende
beiseite und lie sich vor ihr aufs Knie gleiten wie der demtigste
Snder. Er suchte ihr Gesicht; aber sie hielt mit beiden Hnden ihr
Taschentuch vor. Kopf, Brust, Schultern bewegten sich stoweise unter
ihrem heftigen Schluchzen. Er fhlte jeden Ruck und bat und bat, sie
mge ihm doch vergeben! Er sei nicht Herr seiner selbst gewesen, als er
damals, auf dem Eis, so zu ihr gesprochen habe. Er liebe sie, sie
gehrten zusammen. "So weine doch nicht so!" bat er, "das halt' ich
nicht aus!" Er nahm sie bei den Hnden, zog sie neben sich aufs Sofa,
lehnte ihren Kopf an seine Brust und schlang die Arme um sie; er kte
ihr Haar, er lehnte ihre feuchte Wange an seine. Was er auch begann --
sie weinte. Er wollte ihr Wein zu trinken geben. Nein, nein! Aber dieses
Schluchzen war zu entsetzlich! War der Grund, weil er sie mit zu sich
hereingenommen hatte? Er habe sich so nach ihr gesehnt, da er nicht
habe widerstehen knnen, als er sie drauen im Gang gehrt habe. Sie
knne doch nicht wollen, da er ohne Abschied weggehen solle? Und sie
nie wieder sehen? Sie schttelte den Kopf, machte sich von ihm los,
legte das Gesicht auf den Tisch und weinte in ihr Taschentuch hinein,
noch heftiger als zuvor. "Soll ich _nicht_ fort?" fragte er. Doch sie
hrte es gar nicht. Da lie er sie ruhig weinen; erst nach einer langen
Pause beugte er sich zu ihr nieder und sagte: "Ich tue alles, was Du
willst." Da hob sie sich und all ihr Weinen vom Tisch und schmiegte sich
an seine Brust. Er umschlang sie mit beiden Armen, und whrend er sie so
hielt, fhlte er --sie fate es schner und tiefer auf als er.

Ein Gerusch wurde an der Tr hrbar und gleich darauf wurde sie
geffnet. Das Mdchen kam mit dem Abendessen. Erschrocken lie er die
Frau los und stand auf. Ragni aber legte sich einfach wieder ber den
Tisch und schluchzte. Das Mdchen setzte das Brett behutsam auf die Ecke
des Tisches, die frei war, stellte ebenso behutsam die Lampe weg und
schob das Brett nach. Sie war rot und sah keins von den beiden an; aber
das Lcheln war da und sagte deutlich: "Das hab' ich schon lngst
erwartet!" So wunderbar verschieden kann man eine und dieselbe Sache
sehen, da Kallem jetzt fand, es liege eine verschwiegene, schalkhafte
Freude darin. Still war das Mdchen gekommen, still ging es wieder
hinaus und schlo die Tr hinter sich, so leise wie er selber vorhin.

"Gott im Himmel, Ragni!" rief er. Sie antwortete nicht; ihr schien das
alles viel zu klein; das Leid, das sie bedrckte, berwog alles. Er kam
zurck und prete sie wieder an sich; da sagte sie: "O Gott, was bin ich
unglcklich!" -- und das war eigentlich das einzige, was sie sagte,
solange sie da war. Er konnte nichts erwidern; alles was ihm einfiel,
kam ihm dumm vor. Er machte wohl einen leisen Versuch, und half mit
Liebkosungen nach; aber sie wehrte das eine wie das andere ab; sie stand
auf -- sie wollte fort. Er fhlte sich auerstande, sie zurckzuhalten,
sondern geleitete sie zur Tr. Ehe sie ffnete, wandte sie sich nach ihm
um, voll schmerzlicher Hingebung, wie in der Todesstunde. Er lschte die
Lampe, und sie glitt hinaus.

Aber im selben Augenblick, als sie die Tr hinter sich schlo, fiel ein
schwacher Lichtschein auf sie; er kam aus der Vertiefung, die zum Zimmer
der Tante fhrte; dort wurde eben die Tr geffnet, und sie selbst stand
davor -- in Ragnis aufgescheuchter Phantasie gro wie ein aufgerichteter
Walfisch. Natrlich -- die Tante hatte Ragni im Zimmer des Mieters
schluchzen hren und sofort erfat, was Ragnis seltsames Wesen in all
den Tagen zu bedeuten hatte. Nun stand sie vor ihrer Tr Wache, und im
selben Moment, als Ragni aus Kallems Zimmer kam, stie die Tante ihre
Tr auf, so da der Lichtschein auf die Kommende fiel. Die Tante
streckte die Hand aus; das hie so viel als: "Hier herein, mein Kind!"
Und Ragni kam. Die Tante lie sie an sich vorber. Sie war nicht allein.
An der Wand gegen das Zimmer hin, das Ragni eben verlassen hatte, stand
ein Sofa, und aus der Sofaecke erhob sich ein hochgewachsener blonder
Mann mit mildem Antlitz -- Ole Tuft. Er war zuerst auf ihr Weinen
aufmerksam geworden und war sogar an Kallems Tr gewesen. Ragni sank auf
einen Stuhl zwischen Sofa und Tr.

       *       *       *       *       *

Tags darauf lag sie zu Bett. Aber bevor Kallem ausging, schickte sie ihm
einen Zettel, auf dem sie schrieb, die Tante habe gehrt, wie sie bei
ihm geweint habe, ebenso Herr Tuft; er sei sogar an der Tr gewesen.
Weiter kein Wort; doch -- ganz unten, fast unleserlich: "Nie wieder!"

Mitten in der Angst, die auch ihn jetzt befiel, fand Kallem diese beiden
armen Wrtchen: "Nie wieder!" doch so beredt, da sich seine Augen mit
Trnen fllten; aber auch sein Herz mit Mut. Jetzt mute etwas
geschehen! Die Tante und Ole Tuft hatten sie ins Gebet genommen! Er
hatte nichts gehrt; es mute sehr still zugegangen sein, oder sie waren
nicht im anstoenden Zimmer gewesen. Arme, arme Ragni!

Tiefstes Mitleid ergriff ihn und heftigster Ingrimm, Furcht, Rachelust,
grenzenlose Liebe, Enttuschung, Wut!

Er kleidete sich an und eilte auf die Strae. Wohin? Richtig! Zu Ole
Tuft, diesem verdammten Duckmuser, der sich in seine Angelegenheiten
mischen wollte! Spion und Angeber also? Was zum Teufel wollte er denn
eigentlich? Was beabsichtigte er? Waren das vielleicht auch "Gottes
Wege"? Durch Schlssellcher gucken und an den Tren horchen? Dieser
Kerl, der ihm "auf Gottes Wegen" seine prchtige Schwester genommen
hatte -- wollte der ihm nun auch seine Liebe nehmen? Weshalb kam er
nicht zu ihm selber? Weshalb es der Tante sagen?

Er hatte die grte Lust, ihn aufzusuchen und ihn tchtig durchzubluen,
ihn halbtot zu schlagen! Verdient htte ers, wei Gott! Er schlug
wirklich die Richtung nach Ole Tufts Wohnung ein; aber da stiegen die
groen Augen seiner Schwester vor ihm auf und sahen ihn fest an. Er
konnte sich wenden und drehen, wie er wollte -- sie waren da, die tiefen
Augen. Und dann fhlte er ihre Wange an der seinen, wie an jenem letzten
Abend. Das Ende vom Liede war, da er vorbeiging. Aber damit war er in
die Nhe seiner frheren Wohnung gelangt, und da fiel ihm Rendalen ein.
Zu dem wollte er! Kein Tttelchen wollte er ihm verheimlichen; es war ja
allein schon ein Glck, sich aussprechen zu knnen. Als er sich
Rendalens Haustr nherte, sah er jemand herauskommen. War das nicht --
--? Ole Tuft! Ole Tuft in eigener Person! Der Schurke! ... In Kallem
kochte es; aber Tuft ging nach einer andern Richtung und sah den
Schwager nicht.

Kallem kannte Tuft, so wie er jetzt war, nicht. Htte er ihn gekannt, so
htte er begriffen, da es ihm nur galt, zwei Seelen vom Untergang zu
retten. Um dieser beiden teuren Seelen willen lebte er in einem
schlaflosen Fieberzustand; ihretwillen rief er andere zu Hilfe. Eher
konnte er sich weder Rast noch Ruhe gnnen. Selbst zu Kallem zu gehen --
das hatte seine Gefahren, wre auch sicherlich zwecklos gewesen. Hier
muten andere einschreiten. Htte Kallem das geahnt, er wre -- anstatt
zu Rendalen zu gehen -- Tuft nachgelaufen und htte ihn durchgeprgelt,
bis er kein Glied mehr htte rhren knnen.

Glcklicherweise ahnte er jedoch nichts und klingelte bei Rendalen, ganz
erfllt von dem, was er mitzuteilen hatte. Rendalen ffnete selbst, und
zwar sofort; er stand zum Ausgehen gerstet da, hatte den Hut auf und
den berzieher berm Arm und war aufs sorgfltigste gekleidet und
geschniegelt. Kaum erblickte er Kallem, so warf er den Kopf zurck wie
ein Pferd, das einen Feind vor sich sieht. "Du!" rief er. Kallem trat,
aufs uerste erstaunt, rasch ein. Rendalen machte die Tr zu, schlo
sogar ab, und schleuderte Hut und berzieher hin. "Zu Dir wollte ich
eben!" zischte er. Er war ganz wei zwischen seinen Sommersprossen, die
schmalen Lippen waren zusammengepret, die grauen Augen sprhten. Und
nun ballte er seine breiten, kurzen Hnde, diese Hnde eines Hnen, bis
sie ganz wei wurden. Sein aufrechtstehendes rotes Haar schien mit den
Augen um die Wette Funken zu sprhen; die ungeheure persnliche Macht,
die dem Mann eignete, beunruhigte und erschreckte Kallem. "Was zum
Henker ist denn los?" Der andere antwortete in hchster Wut, aber doch
gedmpft: "Tuft ist hier gewesen und hat mir alles erzhlt. Aha! Jetzt
wirst Du bleich!" Er kam noch dichter heran: "Sie war das Unschuldigste
unter der Sonne -- Du Schurke!" Seine Stimme zitterte.

"Na, hr mal!" sagte Kallem. Ihm wurde eiskalt. Der andere aber war ganz
von Sinnen und unterbrach ihn: "Du meinst wohl, das ginge mich nichts
an? Alle Menschen geht so etwas an! Und weit Du, warum ich ausgezogen
bin? Glaubst Du, ich htte weniger Macht ber ein Menschenkind als Du?
Du feiger, verfluchter Schurke!" Gleich wilden Schreien entrangen sich
die dickunterstrichenen Worte seinem wilden Sinn, obwohl sie noch leiser
gesprochen waren als die vorhergehenden. Eine derartige Wut und ein
derartiger Hohn wirken ansteckend.

"Na, na, nur nicht eiferschtig werden, mein Junge!" rief Kallem. Wenn
man eine Btte mit Blut ber ihn ausgegossen htte, Rendalen htte nicht
rter werden knnen. Gleich darauf wurde er wieder wei. Vergebens
versuchte er zu sprechen, und da es ihm nicht gelang, so ging er
geradenwegs auf Kallem zu, die Augen in seine gebohrt, da sie
tatschlich brannten. "Ich htte die grte Lust, Dich ... Dich zu
schlagen!" brachte er nur heraus. "Bitte!" sagte Kallem und nahm
Stellung. Kaum hatte er es voller Hohn herausgestoen, als auch schon
Rendalens rechte Hand niedersauste. Kallem bckte sich und stand
unverletzt, mit spttischer Miene da. Rendalen nahm einen zweiten
Anlauf, Kallem wich abermals behende aus. "Bist Du denn ganz verrckt?"
rief er, so laut er konnte.

Als wenn einer ihn von hinten gepackt htte und festhielte, stand
Rendalen pltzlich da, und nach und nach kam es ber ihn wie eine Art
Ohnmacht. Bleich, steif starrte er vor sich hin, bis er mit dem Aufgebot
seiner ganzen Willenskraft vermochte, sich umzuwenden, langsam nach dem
Fenster zu gehen und still, mit leerem Blick hinauszusehen. Sein Atem
ging so heftig, da Kallem glaubte, der Schlag msse Rendalen treffen.
Kallem selbst stand, ohne sich zu rhren, da; denn immerhin war er
selber doch auch so wtend, da er es nicht ber sich brachte, zu ihm
hinzugehen. Rendalen war ihm ein Rtsel -- eben noch der wildeste
Ausbruch von Leidenschaft, und jetzt wie gelhmt! Nichts als sein
heftiges Atmen war zu hren. Und dabei dieses unglckliche Gesicht -- so
ber alle Beschreibung unglcklich! Was in aller Welt bedeutete denn
das? Er blickte auf den Freund, bis die alte Wrme fr ihn wieder
erwachte, und ohne weiteren bergang trat auch er ans Fenster und
stellte sich neben ihn. "Du brauchst es Dir nicht so zu Herzen zu
nehmen", sagte er. "So schlimm, wie Du vielleicht glaubst, ist es
nicht." Der andere antwortete nicht; vielleicht hrte er es nicht; er
sah noch immer zum Fenster hinaus. Oder glaubte er ihm nicht -- meinte,
es sei Spott? Da lchelte Kallem ihn an -- und dies Lcheln war nicht zu
verkennen; es war gut und aufrichtig. In Rendalens Gesicht kam wieder
Bewegung und Farbe; er wandte den Kopf. Voll froher Eile sagte Kallem:
"Nicht ein Haar habe ich ihr gekrmmt, wei Gott, alter Junge!" Rendalen
begriff den Sinn der Worte nicht gleich; er vermochte nicht, das Ganze
so pltzlich am andern Ende zu fassen. Aber als Kallem seinen Kopf noch
dichter zu ihm hinberbeugte und sagte: "Ich gebe Dir mein Ehrenwort --
ich habe ihr nichts getan!" da jubelte es in Rendalen auf, und er
schlang die Arme um des Freundes Hals.

Sie waren beide zu tief ergriffen, als da das gegenseitige Vertrauen
hinterher nicht unbedingt gewesen wre. Rendalen erfuhr alles, genau,
wie es zugegangen, wie in den beiden Menschen die Liebe erwacht war. Es
machte einen tiefen Eindruck auf ihn, was er auch gar nicht verbergen
wollte oder konnte. Kallem fragte nun offen, ob auch er sie liebe? Da
aber wurde Rendalen wieder bla und zornig, und Kallem war unglcklich
ber seine Unbedachtsamkeit; aber sie war nicht wieder gutzumachen. Das
Gesprch stockte; Rendalens Augen wichen den seinen aus. Endlich, als er
die Form gefunden hatte fr das, was er antworten wollte, sagte er: "Ich
habe kein Recht, zu lieben. Darum bin ich ausgezogen."

Es ging Kallem durch Mark und Bein. Rendalen hatte die Arme auf den
Tisch gesttzt, zwischen den Hnden hielt er ein Buch, das er
unaufhrlich hin- und herdrehte und von auen und innen besah. "In
unserer Familie ist der Wahnsinn erblich ... durch lange Generationen.
Mein Vater war geisteskrank. In mir -- ja, Du kennst ja das Unbndige in
mir ... ist es hart an der Grenze. Geradeso war mein Vater. Darum, als
Du das sagtest ... Du weit schon ... vom Verrcktsein ... das traf! Es
sind die Worte meiner Mutter. Ich darf mir nicht nachgeben. Also auch
nicht in der Liebe. Trotzdem hab' ich's nicht immer knnen. Nein
--beichten kann ich nicht. Die Musik ist mein Betubungsmittel. Aber
hier hat auch sie mich im Stich gelassen. Wie auch schon frher." -- Er
legte das Buch weg, nahm ein anderes, legte es auf das erste und
wirbelte beide auf dem Tisch herum. Da hrte er Kallem halb lachend
sagen: "Und da hast Du mich zum Stellvertreter gewhlt?" -- "Was Teufel
sollt' ich denn sonst machen? Ich hab' Dich fr einen anstndigen Kerl
gehalten."

       *       *       *       *       *

Am Nachmittag verfate Kallem im Schwei seines Angesichtes einen Brief
an den Apotheker, der ihm helfen sollte. Je mehr er schrieb, desto
unmglicher schien es ihm, dem alten Hagestolz und grilligen
Naturforscher verstndlich zu machen, was Liebe ist, und was fr tiefe
Not das Wesen litt, fr das er um Hilfe bat. Er zerri den Brief. Rasch
entschlossen schrieb er seinem Vater. Dieser brauchte ja jetzt Ole Tuft
nicht mehr zu untersttzen; ob er vielleicht einem andern helfen wrde?
Sein Vater war ein Sonderling, aber ein warmherziger Mensch, der alle
Ungerechtigkeit hate. Und etwas Ungerechteres als Ragnis
selbstgewhltes Geschick kannte Kallem nicht; er war fast berzeugt, da
sein Vater dasselbe fhlen mute. So erzhlte er ihm denn von ihrer
Liebe -- ganz ohne Vorbehalt; er gelobte, wenn der Vater ihr helfen
wrde, so wolle er diesen Bund heilig halten. Von jetzt ab wolle er
seine Studien ernsthafter betreiben als je; er wolle versuchen, das
Hchste zu erreichen, was zu erreichen sei. Und wenn es auch seiner und
ihrer Ausbildung wegen lange dauern wrde, bis sie sich heiraten knnten
-- er wolle ebenso treulich auf sie warten, wie sie auf ihn; das sei
sein feierliches Gelbnis. Er hoffe, der Vater habe keinen Grund, zu
glauben, da er es brechen wrde, sondern werde ihn vielmehr beim Wort
nehmen und ihr helfen.

Und er hatte sich nicht getuscht. Drei Tage darauf hatte er die
telegraphische Antwort, da alles nach seinem Wunsche geordnet sei, und
da das Ntige mit der ersten Post eintreffe. Mit diesem Siegestelegramm
bewaffnet, begann er nun seinen und Rendalens gemeinschaftlichen Plan --
sie zu seinem Vetter in Madison hinberzuschaffen -- ins Werk zu setzen.
Er schrieb sogleich an den Vetter und bat um Kabelantwort: "Ja" oder
"Nein".

Das Mdchen, das sich als Ragni vllig ergeben erwies, vermittelte ihre
erste Zusammenkunft. Sie fand auf der Strae statt und auerhalb der
Stadt, und war nur kurz; das Mdchen begleitete sie. Er teilte ihr
sofort mit, um was es sich handle, wie alles geordnet werden knne, und
wer dabei beteiligt sei. Sie erschrak so, da er es fr unmglich hielt,
weiter zu gehen. Unter keinen Umstnden wollte sie die Kinder verlassen.
Er war ganz verzweifelt nach dieser Begegnung und ging zu Rendalen, um
ihm sein Herz auszuschtten. Dieser schlug sogleich vor, die Kinder zu
seiner Mutter zu schicken; er wrde ihr darber schreiben. Als Kallem
dies bei der nchsten Begegnung Ragni mitteilte, schien sie immerhin zu
berlegen; sie gab demtig zu, so gut knne sie selber sie nicht
erziehen. Aber immer, wenn sie an einem Tag so halbwegs auf etwas
eingegangen war, nahm sie es am andern wieder zurck; jedesmal, wenn sie
wieder mit den Kindern zusammengewesen war, erschien es ihr als
Unmglichkeit. Und da sie jedesmal dermaen aufgeregt wurde, da alle
Vorbergehenden sie anstarrten, konnten sie sich nicht lnger auf der
Strae treffen. Nun kam kein anderer Ort in Frage als Rendalens oder
seine Wohnung; aber Ragni war wieder so scheu geworden, da er an ihrer
Einwilligung zweifelte. Er bereitete sie in Briefen darauf vor und bat
Marie, sie ebenfalls zu berreden und selbst mitzukommen. Hierauf waren
sie ein paarmal ganz kurze Zeit auf seinem Zimmer, ein einziges Mal auch
bei Rendalen zusammen; aber immer war es ein unbestimmtes Hin und Her.
Nie wute sie, was sie tun solle, und immer war sie voll Verzweiflung.
Sie frchtete sich auch vor der Reise selber. So ganz allein nach
Amerika! Und von New-York allein nach Madison -- das war noch das
Allerschlimmste! Unmglich, ganz unmglich! Marie erbot sich,
mitzugehen, und Kallem versprach, auch ihre berfahrt zu bezahlen. Aber
beide die Kinder verlassen -- das konnten sie unter gar keinen
Umstnden; der bloe Gedanke schon war ein Unrecht! Marie mute also
bleiben, bis die Kinder gut versorgt waren.

Wenn sie selber wirklich reiste, so mute sie an Bord gebracht werden,
ohne da jemand davon erfuhr. Also mute das Ntigste fr die Reise
gekauft werden; das mute selbstverstndlich umsichtig vorbereitet
werden. Hier erwartete er abermals Widerstand; aber so kindlich war sie
noch, da sie sich, noch ehe etwas Bestimmtes ber die Reise selbst
ausgemacht war, verfhren lie, die Reisegarderobe einzukaufen; das
machte ihr Spa. Wenn er nur einmal lnger mit ihr htte sprechen
knnen, oder wenigstens eine Weile tglich; aber sie war vorsichtig bis
aufs uerste. So schrieb er denn ellenlange Briefe; zu antworten wagte
sie nicht, da sie sich von der Tante und von der Kchin berwacht
glaubte. Aber weil die Briefe mit aller Macht der Liebe zu ihr sprachen,
und da sie auch alle List der Liebe anwandten, indem sie auf ihre
Phantasie einzuwirken suchten, so richteten sie mehr aus als die
Zusammenknfte. Da die Briefe an ihr Ziel gelangten, verdankten sie der
schlauen Marie, die sowohl der Tante als der Nordlandkchin ber war.
Kallem lebte, solange diese Unterhandlungen andauerten und seine ganzen
Krfte in Spannung erhielten, fr nichts anderes. Beharrlichkeit erhht
den Mut; und als endlich das Kabeltelegramm die Antwort "Ja" brachte,
wagte er es, einen khnen Plan zu entwerfen. Dieser bestand darin, bis
zur nchsten Abfahrt des groen englischen Dampfers alles fertig zu
machen, Ragni selbst kein Wort zu sagen, sondern sich nur zu
vergewissern, da sie an dem Tage einen Vorwand hatte, frhzeitig
auszugehen und lange fortzubleiben, und endlich es so einzurichten, da
auch Marie frei war. Auf zwei Stunden vor der Abfahrt des Dampfers war
Ragni in seine Wohnung bestellt; Gepck und Billet waren lngst dort.

Am bestimmten Tage und zur bestimmten Stunde kamen Marie und sie. Ragnis
Gepck war schon frh am Morgen an Bord gebracht worden, auch der Wagen,
der sie abholen sollte, bestellt und bezahlt. Nichts im Zimmer erinnerte
an eine Abreise; aber die Art, wie er sie empfing, erweckte in ihr die
Furcht, da etwas im Werke sei. Sonst war er immer sehr zurckhaltend
gewesen, schon weil Marie dabei war; heute umarmte er Ragni mit all der
Innigkeit, die er fr sie empfand, und schien sie kaum lassen zu knnen.
Sein Schmerz nahm keine Rcksicht und kannte keine Umwege mehr; er nahm
ihre beiden Hnde in seine, und Auge in Auge erzhlte er ihr hastig,
alles sei an Bord gebracht; in zwei Stunden gehe der Dampfer; und hier
sei das Billet.

Sie begriff sofort: jetzt mute sie whlen zwischen ihm und allem
brigen -- ohne Bedenkzeit. Und das brachte ihm den Sieg. Erst stand
sie in stummer Hilflosigkeit da; dann schmiegte sie sich still an ihn
und verharrte so. Er kte sie -- wie zum Willkommen --sie hielten sich
eng umschlungen und weinten. Das Mdchen sah drauen vor den Fenstern
jemand vorbeikommen und lie die Gardinen herunter; es wurde halbdunkel,
und in diesem Halbdunkel hrten sie auch Marie im Nebenzimmer weinen.
Ihre Umarmung ging endlich in ein Flstern ber, erst abgerissen, dann
von gedmpftem Schluchzen begleitet, das verstummte und wiederkehrte wie
Sordinespiel. Und das Flstern sprach von dem Tag, an dem er ihr
nachreisen wrde, um sich nie wieder von ihr zu trennen; welch ein
treuer Freund er ihr sein wrde, und wie die Zukunft, die ihnen winke,
wohl all dieser Opfer wert sei; wie ihre Briefe Tagebcher sein sollten
-- seine und ihre. Kurze, hastige Worte von grenzenloser Liebe -- und
all die Worte waren seine; von ihr nur das sordinierte Schluchzen.

Trotzdem die Stunde, die sie jetzt zusammen verlebten, die
Abschiedsstunde war, so war es doch die erste Stunde ungestrter
Hingabe, die sie verbrachten. Das Neue, das hierin lag, leuchtete so in
den Schmerz hinein, da er wie zu einem Sonnennebel um sie her ward. Ihr
leises Schluchzen ging bald in Flstern ber; bei den ersten Worten, die
sie sprach, wollte er sie ansehen; aber sie lie es nicht zu. Wenn er
ganz still sitzen und sie nicht ansehen wolle, so wrde sie ihm etwas
sagen. Er sei der weie Pascha! Sie wollte nicht recht mit der Sprache
heraus, was sie damit meine; das wrde zu lang werden. Von Kind auf habe
sie auf den weien Pascha gewartet, d. h. seit ihres Vaters Tode; damals
sei sie zwlf Jahr alt gewesen. Es sei ihr immer traurig ergangen, am
traurigsten, als sie von Berlin heimgekommen sei und nicht den Mut
gehabt habe, ffentlich zu spielen. Aber davon wolle sie auch nicht
weiter erzhlen; es wrde zu lange dauern. Die ganze Zeit habe sie von
dem weien Pascha getrumt -- wenn er doch nur kommen wolle! Da er
kommen wrde, das wute sie ganz sicher. Sogar als sie zu den
"Walfischen" hinunterstieg, wute sie, er wrde ihr nachkommen; er fand
schon den Weg. Einmal hatte sie geglaubt, Rendalen sei der weie Pascha;
aber da er's nicht war, mute er ausziehen, damit der richtige kommen
konnte. -- Am ersten Abend hatten sie sich mitten in dem leisen
Schneefall getroffen. Weshalb muten sie sich gerade da treffen? Da
hatte sie ihn angesehen und gedacht: ob er wohl der weie Pascha sei?
Das nchste Mal, als sie sich trafen, hatte er die kleine Juanita
getragen; da war sie schon beinah sicher, da dies keinem andern habe
einfallen knnen. Aber dann war alles so berstrzt gekommen, und so
ganz anders, als sie sich's gedacht hatte. -- Er fragte, ebenfalls
flsternd, ob sie ihm nicht erzhlen wolle, was sie damals, vor einem
Jahr, veranlat habe, zu den "Walfischen" hinunterzusteigen. Ein
Schauder durchflog sie bei seiner Frage. -- Und trotzdem -- obgleich sie
verheiratet gewesen sei, habe sie noch immer auf den weien Pascha
warten knnen? -- Mehr als je. --Ob sie denn nicht gewut habe, was Ehe
ist? -- Sie schmiegte sich enger an ihn und schwieg.

Obgleich er nun bei dem angelangt war, was er am liebsten htte wissen
mgen, brach er dennoch ab.

Er erzhlte ihr, es sei verabredet, da Rendalen sie an Bord erwarte;
dieser wolle gleichzeitig auf ein paar Tage nach Hause reisen und werde
fr sie sorgen. Sie standen beide auf.

Ob Kallem sie denn nicht aufs Schiff begleite? Er umfate sie, barg
seinen Kopf an ihrer Brust und sagte, es sei besser, nicht. Das war das
Schwerste. Einen Augenblick lang war sie ganz auer sich; sie setzten
sich aufs neue und nun kam ein langes, aufreibendes Abschiednehmen.
Marie stand wie auf Kohlen. Bis an den Wagen wollte er sie wenigstens
begleiten. Aber Marie untersagte es ganz bestimmt; niemand drfe sie
zusammen sehen.

Er hrte den Wagen davonfahren, ohne ihn zu sehen, und in all den
folgenden Jahren erschien ihm dieser Augenblick als das Grausamste, was
er je durchgemacht hatte.

Er ging nicht hinunter, um das Schiff noch von fern zu sehen; erst
nachmittags ging er zu der Stelle, wo es gelegen hatte.

Von dort machte er einen weiten Spaziergang, und zwar so, da die Tante
ihn sehen mute. Damit verfolgte er eine bestimmte Absicht.

Das lenkte eine Zeitlang den Verdacht von ihm ab. Man konnte sich nicht
denken, da der Mann zurckblieb, der Ragnis Flucht ins Werk gesetzt
hatte, um dessentwillen es geschah.

Jeder, der sich der Begebenheit erinnert, wird sich entsinnen, wie
streng Ragni verurteilt wurde. Fremd, ohne Verkehr, scheu, hatte sie nur
die Erinnerung an ein erotisch-gesangvolles Klavierspiel zurckgelassen;
und das konnte sie hier nicht verteidigen. Vor einem Jahr hatte sie es
bernommen, fr die Kinder ihrer verstorbenen Schwester zu leben; und
jetzt lief sie davon. Der blinde Mann, den sie geheiratet hatte, war
ihre eigene Wahl gewesen; sie hatte keinerlei Beschwerden durch ihn
gehabt.

Wenn sie es jetzt bereute -- warum hatte sie es nicht gesagt? Weshalb
sich so hinterlistig benehmen?

Fr Kallem war es nicht leicht, das mitanzuhren; hatte er ihren Ruf
zugrunde gerichtet? Schon jetzt nahmen alle als sicher an, da sie ein
Verhltnis mit einem andern gehabt habe; und die Stunde war nicht fern,
da alle wissen wrden, da er der Schuldige war.

Eines Tages traf er die Kinder mit Marie vor der Universitt, und beide
steuerten sofort auf ihn zu. Was htte er nicht darum gegeben, wenn
Ragni lchelnd hinter ihnen hergekommen wre! Natrlich nahm er die
Kinder mit in die Konditorei und hrte, wie sie erzhlten, da "Mama"
auf einem groen Schiff fortgereist sei; "Mama" komme aber zu
Weihnachten wieder und bringe ihnen neue Kleider und neue Puppen mit.

Auf dem Tisch lag eine illustrierte Zeitschrift; Juanita kam auf den
Einfall, alle Damen auf den Bildern seien "Mama"; wenn die ltere
Schwester das bestritt, rckte sie blo ihren kleinen Finger auf eine
andere: "Das ist Mama."

Kallem hatte am selben Tage einer verunglckten Operation beigewohnt;
infolge eines bsen Migeschicks hatte der Patient sich verblutet. Bei
seiner gegenwrtigen Nervositt hatte das groen Eindruck auf ihn
gemacht. Und als er die Kinder verlassen hatte und zum Mittagessen ging,
kam es ihm vor, als sei er selber der unglckliche Operateur. Er hatte
Ragni retten wollen, und hatte es nur schlimmer gemacht; jetzt
verblutete ihr guter Name. Und das Gesellschaftsleben ist ein Gewebe von
Muskeln, Sehnen und Adern ...

Einige Tage spter sa er auf der Universittsbibliothek und studierte
in einem Kartenwerk, als pltzlich lchelnd und frisch Ole Tuft vor ihm
stand. Er wisse nicht, wo Kallem jetzt wohne, und habe ihn darum hier
aufgesucht. Kallem stand auf und setzte sich zu ihm.

Der Schwager hatte jetzt nichts mehr von Kallems Wildheit zu frchten;
Kallem hatte kein Verlangen mehr, ihn "halbtot" zu schlagen, nicht
einmal mehr, ihn vorwurfsvoll anzusehen; er war sehr zufrieden, wenn Ole
ihn nicht vorwurfsvoll ansah. Ole wute wahrscheinlich, was bald alle,
die der Sache nherstanden, erfahren muten -- da Edvard Kallem der
Snder war, wuten es von Josefine, die es vom Vater gehrt hatte. Oder
irrte er sich? Versteckte sich hinter Oles Freundlichkeit nicht Zweifel,
Verdacht an seiner vollen Ehrenhaftigkeit -- die Prophezeiung, da ein
solcher Anfang nie zum Siege fhren wrde? War diese Herzlichkeit echte,
ungemischte "Brderlichkeit", verdnnt mit dem Gehorsam eines jungen
Theologen gegen das Gebot: "Liebet alle Menschen"?

Ole war gekommen, um ihm mitzuteilen, da er fertig sei und nach Hause
zurckkehre; das Glck strahlte ihm aus den Augen. Er fragte, ob er
Gre bestellen solle, und erzhlte, er habe Hoffnung, bald zu Amt und
Wrden zu gelangen. Er lie durchblicken, was dann geschehen wrde; der
Weg lag gebahnt vor ihm, und seine Ziele waren zweifellos keine
geringen. Der stattliche Bursch erregte Aufmerksamkeit bei allen, die in
der Bibliothek aus- und eingingen.

Edvard blieb mit unbedecktem Kopf oben auf der Bibliothekstreppe stehen,
whrend Ole Tuft in seiner etwas schwerflligen Art ber den Platz
schritt. Wahrlich --da ging einer, der sicher war in sich selbst; _sein_
Anfang war ganz, so wie seine Natur ganz war.




Mannesalter


1

"-- -- Die Rechtfertigung hat ihren Ursprung in der gttlichen Gnade.
Sie kann ihn nicht im Snder, in seiner sittlichen Arbeit an sich selbst
haben; denn dieser ist ein Ungerechter. Als solcher verdient er sie auch
nicht, ebensowenig wie er Rechtsanspruch darauf erheben kann. Nur Gottes
erhabener Wille kann ihn rechtfertigen."

Der Pastor ging auf und ab, ein Heft in der Hand, aus dem er flsternd
auswendig lernte. Die Sonne schien hell durch die beiden Fenster, die
nach Sdwesten lagen und weit offen standen; durch das hintere ergo
sich milchweier Glanz ber den graugestrichenen Fuboden; das unruhige
Laub junger Espen zeichnete sich auf den Scheiben ab; die Espen mit
ihren zitternden Blttern standen drauen am Staket. Aus dem Garten
strmte der Duft von Aurikeln, Flieder und Goldregen herein; der Pastor
unterschied jede Mischung in den Luftstrmungen; er hatte die Bume und
Blumen selbst gepflanzt; sie liebkosten ihn geradezu. Sobald der Luftzug
nur um ein Winziges strker wurde, so sandten die sprossenden Birken und
die frischen Triebe der Tannen, die auerhalb seines Pfarrhofs standen,
eine scharfe Welle herein, die rcksichtslos die Strmung des Gartens
wegsplte, und jedesmal flutete eine ganze Gesellschaft
verschiedenartiger Gerche vom offenen Feld nach. Es roch nach Wachstum.

Psst!

"-- -- Was kann Gott dazu bewegen, so gndig zu sein gegen den armen
Snder, der aus sich selbst nicht das Geringste vermag? Seine
unbegreifliche Liebe zum Snder, seine unverdiente Barmherzigkeit kann
ihn dazu bewegen."

Jetzt pfiff das Dampfschiff zum drittenmal. Nein --da konnte er nicht
widerstehen -- er mute den Dampfer sehen, wie er in groem Bogen von
der Brcke weg ber die Bucht fuhr und den Wasserspiegel in zwei Hlften
teilte; der grere fiel der Insel drauen zu, der kleinere dem Strand
vor der Stadt. Der Pastor nahm sein Fernrohr vom Pult. Die Brcke unten
war voll bunter Sonnenschirme; dazwischen Mnnerhte, meist in dunklen
Farben; hie und da leinene Hauben und Kopftcher, gewhnlich mehrere
beieinander.

Jetzt hrte man von rechts Schritte im Sand; sie kamen aus dem Garten
seiner Mutter und lenkten auf den seinen zu -- Schritte eines
Erwachsenen, und auf jeden Schritt des Erwachsenen zwei Kinderschritte.
"Du, Mutter, was hat das Dampfschiff im Bauch?" --"Haha!" -- Die Gestalt
einer Frau tauchte auf, die den Eindruck von Kraft hervorrief. Ein
starker Hals und eine volle Brust, der ganze Wuchs ungewhnlich schn;
das Gesicht dunkel, ziemlich gro, mit gebogener Nase; das Haar fast
schwarz. Sie trug ein cremefarbenes, mit hochroten Blumen gemustertes
Musselinkleid mit einer Passe von hochroter Seide, um den Leib einen
seidenen Grtel von gleicher Farbe. Zu ihrer dunkeln Haut, dem schwarzen
Haar und den tiefen Augen bildete das einen bezaubernden Gegensatz; sie
pries den warmen Frhlingstag mit kundiger Farbenpracht. Aber sobald sie
in das lchelnde Melanchthonantlitz am Fenster sah, senkte sich der rote
Sonnenschirm zwischen sie und ihn. An der Hand fhrte sie ihren
vierjhrigen Knaben, ein hbsches Kerlchen mit blondem Haar und einem
Gesicht wie das Antlitz des Mannes im Fenster. Der Junge lie die Hand
der Mutter fahren, ffnete die Tr zwischen den beiden Grten und sprang
vorbei, um die nchste Tr, auf den Weg hinaus, zu ffnen. Als die Frau
vorberkam, flsterte der Pastor: "Ich gratuliere! Du siehst ja reizend
aus!" Es klang bitters. Wie konnte eine Pastorsfrau sich so kleiden!

Ohne den Sonnenschirm zu senken schritt sie nach der offenen Gartentr
und weiter auf dem Weg nach der Stadt zu. "Wohin?" -- "Zum Schiff, und
zusehen!" rief der Junge, davonspringend. Ihr Nacken unter dem Hut, ihre
Figur im Sonnenlicht, der Gang, die Farben ... der Pastor lag im
Fenster, trommelte auf den Fenstersims und pfiff lautlos. Die warmen
Augen flogen ihr nach, bis er sich mit einem krftigen Aufstemmen aller
fnf Finger von der Fensterbank erhob.

"-- -- Gott straft nicht, er erbarmt sich unser. Doch nicht wie ein
Heerfhrer einen Waffenstillstand gewhrt oder ein Knig eine Amnestie
erlt (nein, 'Amnestie', das verstehen vielleicht nicht alle; wie sag'
ich gleich -- Erla? ... Nein, das gengt nicht. 'Gnadenerla'! Also:)
Doch nicht, wie ein Heerfhrer Waffenstillstand gewhrt oder ein Knig
einen Gnadenerla, ist die gttliche Rechtfertigung; nein, das
widersprche der Allheiligkeit Gottes. Die Rechtfertigung ist allerdings
eine Gnade; aber sie ist auch eine Gerichtshandlung. Sie mu eine
rechtliche Grundlage haben, d. h. den Forderungen des Gesetzes, die
Gottes eigene sind, mu _Genge geschehen_."

Eigentlich ist das doch sehr juristisch.

Der Pastor sah in das Heft, das aufgeschlagen auf dem Pult zwischen den
zwei Fenstern lag; er verglich es mit dem, was er in der Hand hielt.
Dabei hrte er das laute Getse des Dampfers, der jetzt gerade auf der
Bucht unten vorberfuhr. Er mute aus dem Fenster sphen, und die Folge
davon war, da er, ohne es zu wissen, sich behaglich hinauslehnte. Die
Sonne schien auf das weie Leinwanddach des Dampfers, die Schaumlinie
zwischen Land und Insel war wie eine straffe Schnur; am Himmel kein
Wolkenstreifen, so da der Rauch sich vom freien Grund abhob; ebenso
ungedmpft hrte man den Lrm. Der Pastor lie den Blick vom Dampfer
nach der Stadt, zum Strand, ber die Bucht hin schweifen, bis zu den
Bergen auf der andern Seite der Bucht; die ganz hinten, die blauen
drben waren noch nicht frei von Schnee. Das Getse des Dampfers hallte
ber die weite Landschaft hin wie eine Predigt, die seine eigene
ablste. Ein bescheidener Duft aus dem Garten lenkte sein Auge vom
Groen aufs Kleine. Das alles hatten er und Klein-Edvard miteinander
geschafft, oder vielmehr, er hatte gearbeitet und der Kleine hatte sich
unntz gemacht. Der Pastor besah sich namentlich die Beete, auf denen
bis jetzt noch nichts kam; dann die ersten, die schon ganz fertig waren
und leider auch schon gejtet werden muten. Dabei konnte Edvard auch
helfen. Langweilig war es ja; aber er hatte sich nun einmal vorgenommen,
in diesem Jahre solle kein anderer den Garten anrhren; auerdem war das
Bcken gesund, da mischte sich die Galle mit dem Blut. Ohne es zu wollen
dachte er daran, wie ihm seine Frau dann manchmal ein Glas Wein und ein
Stckchen Kuchen brachte; es liegt in der Natur des Weibes, unsere
Schwchen zu ahnen und schwach gegen sie zu sein. Er blickte hinber auf
den Weg, wo sie verschwunden war, und richtete sich straff in die Hhe:

"-- -- Den Forderungen des Gesetzes, die Gottes sind, mu Genge
geschehen. Knnte das durch den Snder selbst geschehen, so wre die
Rechtfertigung keine Gnade; folglich mu es durch den _Geist_ geschehen.

Aber auch diese Erfllung des Gesetzes durch einen andern mu aus Gottes
erlsender Gnade kommen, wenn sie nicht die Rechtfertigung (hu, wie
juristisch!) aufheben soll. Und soll ferner diese neue Gnadenhandlung
allen zugute kommen, so mu die Gesetzerfllung fr das _ganze sndige
Menschengeschlecht_ gelten. Einzig Gott selbst kann eine solche
Erfllung, einen solchen 'Vergleich', eine solche, 'Shne'
zustandebringen.

Fr den Christen ist es eine Tatsache des Glaubens, da diese Grundlage
fr eine Weltshne, diese Auslsung der Schuld des ganzen
Menschengeschlechts ein fr allemal durch _Jesum Christum_ geschaffen
worden ist, und da sie jedem einzelnen Snder zugute kommen kann."

Der Pastor blickte auf. Wie weit wohl das Dampfschiff ...? Was, nirgends
mehr? Er ging ans Fenster und blieb dort stehen. In einer geraden Linie
scho jetzt das Boot auf die Landspitze zu, die so weit hinausragte, da
sie fast bis an die Insel stie. Das groe Kirchdorf drben rechts auf
der Hhe, deren Ende die Landspitze bildete, schaute vom Hang herber.
Die Bucht lag dazwischen. Hof an Hof sonnte sich dort, grn und
fruchtbar; stolze Besitztmer -- das sah man an der Entfernung zwischen
den einzelnen Gehften. Die Seite des Hgels, die sich nach der Insel
erstreckte, hatte die Form einer flachen Zange; und dort, durch den
Sund, mute das Dampfschiff in den groen Fjord verschwinden.

Dies dumpfe Drhnen des Dampfers! Ist es nicht, als habe die Natur
Sprache bekommen? Die ganze Landschaft, nicht nur ein Teil. Wenn
z. B. ber die ganze Landschaft eine Saite gespannt wre, und ein
Bogen striche darber, dann mte das klingen wie das Drhnen des
Dampfers. -- --

Psst!

"-- -- Gott hat gewollt und bewirkt, da ein Snder gerechtfertigt
werden kann durch Gottes Gnade, und zwar dadurch, da Christus dem
Gesetz Genge getan hat. Christi Verdienst, Christi Gerechtigkeit haben
die Schuld bezahlt. Jeder kann sich sozusagen sein Stck von der
Gerechtigkeit abschneiden, die Christus fr die Welt gewonnen hat. --
Nein -- das klingt vielleicht zu weltlich. Wenn es auch der Sinn ist."

Bald darauf lag er wieder im Fenster, breit auf beide Ellbogen gesttzt,
als wolle er berhaupt nicht mehr aufstehen. Er sah den Weg hinunter,
auf dem Josefine mit dem Kleinen verschwunden war; er blickte ber die
Bucht weg nach der Insel, und dachte an das Inselkindchen, das dort
drben links spielte; von hier aus konnte er es nicht sehen, aber er
wute, da es dort spiele, und wie niedlich es sei. Von den Bergen
wieder geschwind zum Dampfer, der auf den Sund lossteuerte. Dort drauen
hatte die Insel einen Waldhut auf, dem der Rauch des Dampfers eben einen
Flor umlegte. Der Wind ging dort anscheinend in anderer Richtung? Nein,
jetzt ging er auch hier in der gleichen. Um diese Zeit schlgt er so oft
um. Jetzt duftete es nicht mehr vom Garten und von den Bumen und
Feldern herein; bald wird wohl ein Flgelschlag schwarze Streifen ins
Wasser ritzen! Eine Dampfpfeife sthnte und keuchte links unten an der
Bucht; da ging ein Zug ab, oder ein Gterzug rangierte.

Wie still es sonst war! Er hrte in weiter Ferne ein paar Kinderstimmen,
jede Schwingung darin. Ab und zu klopfte und hmmerte es in dem neuen
Haus drunten an der Ecke der Strandstrae und des Wegs, der hier
herauffhrte. Es klang, wie es in leeren Rumen zu klingen pflegt. In
der Ferne immer noch gedmpfte Staccatotne des Dampfergedrhns. Das
Haus, in dem er wohnte, lag frei, und diesem Umstand war es zu
verdanken, da er einen so weiten Blick und einen so hellhrigen
Standort hatte. Aber wenn die Felder in Grundstcke parzelliert wurden,
so war es damit vorbei.

Darber verfiel er in Nachdenken; sollte er nicht selber aufkaufen? Er
htte es gern getan; aber Haus und Grundbesitz und alles, was sie
hatten, gehrte seiner Frau. Der Rest seines eigenen kleinen Vermgens
steckte in dem kleinen Haus mit Garten rechts nebenan, in dem seine
Mutter wohnte.

Es hat mancherlei Vorteile, mit einer reichen Frau verheiratet zu sein,
selbst wenn im Ehekontrakt steht, da sie allein das Verfgungsrecht
ber ihr Vermgen hat; manche Bequemlichkeiten fallen ab, die das Leben
freundlicher und die Arbeitsbedingungen leichter gestalten; es ist auch
meist der Schlssel zu einer gewissen Macht -- namentlich fr einen
Pastor. Viel Gutes lt sich damit tun, was andere sich versagen mssen,
und das setzt sich um in Macht. Er hatte das empfunden, und hatte es mit
Behagen empfunden. Das pate ihm.

Aber. -- Ja, alle "Aber" wurzeln in dem einen Punkt: wie die Frau ist,
die ber das Vermgen zu verfgen hat. "Aber wie nun die Gemeinde ist
Christo Untertan --."

Psst! -- Er begann wieder zu lesen, diesmal laut: "Die uere Grundlage
fr die Rechtfertigung war also, da Jesus dem Gesetz Genge getan hat;
die innere Bedingung ist, da der Snder das _glaubt_. Wie vershnt auch
Gott mit der Welt sein mag, er kann einzig dem Snder seine Gnade
schenken, der in Gemeinschaft steht mit Christus, '_weil er an ihn als
seinen Erlser glaubt_'."

Das Heft sank; der Pastor wute selber nicht, was er las. Denn die
Stelle im Epheserbrief hielt seine Gedanken gefangen. Ist das Weib nicht
Untertan in allen Dingen,... ja, dann st eben der Umstand, da die Frau
das Verfgungsrecht ber das Vermgen hat, eine Saat der Ungleichheit.

So tief war er hiervon berzeugt, so stark waren die Beweise, die er
sich dafr zurechtlegte, da er fern und nah nichts mehr sah und hrte,
-- es nur noch wie die Erzhlung eines andern in sich aufnahm. Er
trommelte auf die Fensterbank und blickte auf den Weg hinunter. Die
beiden eben ausgekrochenen Schmetterlinge, die in endlosen Schwingungen
sich ber und unter seinem Fenster umkreisten, hatten keine Ahnung von
all den Schwierigkeiten, die es mit sich bringt, wenn man ein Vermgen
besitzt, ber das man nicht verfgen kann. Etwas weiter drben, hinter
dem Schemel des Jungen, der seit ein paar Tagen vergessen dalag,
lutete eine anmutige Declytera mit langem Bltenstengel voll roter
Glckchen zur Hochzeit -- zur Hochzeit -- ohne das geringste Verstndnis
fr Epheser 5 Vers 24. Der Pastor bersah sie darum auch. Ja, nicht
einmal Grtner Nergaards Bienen, die jedenfalls dieses Jahr zum
erstenmal hier oben waren (wahrhaftig! sie kannten den Weg wieder, seit
der Wind umgeschlagen war und der Duft lockte!) -- nicht einmal die
Bienen hrte er, wie sie um die frischen Triebe hinter dem Haus surrten.
Eheliche Kmmernisse im Sinne Epheser 5 Vers 24 ziehen einem eine Kappe
ber den Kopf, und wenn auch die Sonnenstrahlen aufs Haar brennen! ber
das sanft abfallende Kirchdorf drben zur Rechten mit seinen drei
Schattierungen von Grn: Wiesen, cker und Wald, --glitten seine Augen
so blind hin wie der Wind. Eben jetzt zog sich ein Streifen Schwarz ber
die Bucht, wie versuchsweise, -- ein paar vereinzelte Furchen; er war
mitten drin und sah es nicht. Irgendwo von oben muhte eine angepflockte
Kuh sehnsuchtsvoll nach: Wasser -- Wasser! Alles um ihn her ein Warten
-- und ungesehen ..., bis ein verzweifelter Kinderschrei die warme
Bltenduftluft zerri ... ein einziger, langgezogener Schrei. In diesem
Schrei hrte er jede Schwingung; der packte ihn an der Brust wie eine
erbarmungslose Hand. Er fuhr auf und stand mit angehaltenem Atem still
und wartete auf den nchsten. Aber er kam nicht, der nchste ... es
mute schon beim ersten sich vollstndig erschpft haben ... nein! da
gellte es wieder! War der erste Schrei verzweifelt gewesen, so war
dieser die Todesangst selbst ... und wieder einer ... und noch einer!
Der Pastor stand bla -- alle Sinne gespannt -- da. Da erklangen von
rechts rasche Schritte im Sand. Es war seine Mutter, die an dem Trchen
zwischen den beiden Grten zum Vorschein kam, eine alte, hagere Frau mit
schwarzer Haube ber dem schneeweien Haar, das an den Wangen
herabgekmmt war und einen steifen Rahmen um das vorsichtige, ein
bichen trockene Gesicht bildete.

"Nein!" stie der Pastor hervor, "nein, Gott sei Dank, Edvard ist das
nicht! Solches Getue leistet sich der nicht, wenn er weint! _Mein_ Bengel
macht kein solches Geschnrkel! Der heult schlankweg drauf los!"

"Schlimm genug ist's -- einerlei, wer's ist!" antwortete sie.

"Hast recht, Mutter!" Und er betete im Herzen sogleich fr den armen
Knirps, der da so jammervoll schrie. Aber nachdem das erledigt war,
dankte er doch Gott, da es nicht _sein_ Junge war. Das mute man ihm
schon erlauben!

Whrenddessen kam ein hochgewachsener Mann in hellem Anzug und Panamahut
den Weg herauf. Die ganze Zeit ber blickte er nach dem Haus und dem
Garten. Der Pastor sah auch ihn an, erkannte ihn aber nicht. Der Fremde
kam ber die Strae herber und geradenwegs auf die Treppe zu. Ein
hochgewachsener Mann mit kurzem, sonnverbranntem Gesicht, einer Brille,
und eigentmlich raschem Gang. Wer in aller Welt...? -- Der Pastor trat
vom Fenster zurck, eben als der Fremde die Treppe erreichte. Er mute
sie in zwei Stzen genommen haben, denn schon erklangen Schritte im
Gang. Es klopfte.

"Herein!"

Die Tr wurde geffnet; doch der Fremde blieb drauen stehen.

"Edvard!"

Der andere antwortete nicht. "Aber, Edvard! Du hier! Und ohne Dich
anzumelden? Bist Du's denn wirklich?" Und der Pastor lief auf ihn zu,
streckte ihm beide Hnde entgegen und zog ihn herein. "Willkommen!
Herzlich willkommen, alter lieber Kerl!" Sein Gesicht strahlte vor
Freude.

Edvards sonnverbrannte Hnde drckten zur Antwort des Schwagers Hnde,
seine Augen glnzten hinter der Brille; gesprochen hatte er noch nicht.

"Warum redest Du denn kein Wort, Alter?" rief der Pastor und legte beide
Hnde auf Edvards Schultern. "Bist Du denn Deiner Schwester nicht
begegnet?" --"Doch! Von ihr hab' ich erfahren, wo ihr wohnt." --"Und Du
bist ihr davongelaufen? Wolltest wohl eher hier sein? Es ging Dir wohl
zu langsam mit dem Jungen, was?" fragte der Pastor. Seine warmen Augen
blickten voll ungeteilter Freude in die Augen des andern. --"Nicht nur
deswegen. Du wohnst hbsch hier."

"Ja, nicht wahr? Und Du sollst gerade so hbsch wohnen, wenn ich auch
unseren Stadtteil im Norden dem Zentrum vorgezogen htte." -- "Ich hatte
ja wohl keine Wahl." -- "Nein, das ist wahr. Wenn Du das Krankenhaus
bernehmen wolltest, so mutest Du auch die Doktorwohnung dazu nehmen;
die beiden gehren zusammen. brigens nicht zu teuer -- das sagen alle.
Und sehr bequem -- und eine Menge Grundbesitz dabei. Na, jetzt hast Du
Dich aber auch lang genug drauen herumgetrieben. Wahrhaftig -- mehr als
lang -- so in einer Tour. Aber warum hast Du denn nicht geschrieben?
Warum Dich nicht angemeldet? Herrgott -- ich hab' Dich ja nicht einmal
gleich erkannt! Und dabei hast Du Dich eigentlich gar nicht verndert!"
Er betrachtete das hagere Gesicht des Schwagers, das ihm nur weicher im
Ausdruck erschien als frher. Dabei plauderte er unaufhrlich weiter,
whrend sie auf und ab gingen oder am Fenster standen. Jetzt wandte
Edvard sich zu ihm: "Aber Du, Ole -- Du hast Dich verndert!" --
"Wirklich? Das htt' ich nicht gedacht. Die andern finden das nicht." --
"Doch -- Du hast so einen geistlichen Anstrich bekommen." -- "Geistlich?
Haha! Du meinst, ich bin ein bichen dicker geworden? Ich kann Dir
versichern, ich tue alles, was ein Mensch tun kann, um dem abzuhelfen;
ich arbeite im Garten, ich mache weite Spaziergnge; aber -- -- --
siehst Du, meine Frau pflegt mich eben zu gut. Und die Menschen hier
sind zu liebenswrdig zu mir." -- "Du solltest es machen wie ich." --
"Wie machst Du's denn?" -- "Ich lauf' auf den Hnden!" -- "Hahaha! auf
den Hnden? In meiner Stellung?" -- "In Deiner Stellung? Wenn Du einmal
durch das ganze Kirchenschiff auf den Hnden liefest -- _das_ wre eine
Predigt!" -- "Hahaha! Und Du kannst wirklich noch auf den Hnden
laufen?" -- "Und ob!" -- Und im selben Augenblick lief er auch schon.
Die lose, kurze, rohseidene Jacke hing ihm dabei ber den Kopf, der
Pastor betrachtete sie, das Rckenteil der Weste, das Hemd zwischen
Weste und Hosenbund, ein Stck von den Hosentrgern, die Hosen, die
Strmpfe, die braunen Segeltuchschuhe mit den dicken Gummisohlen. Kallem
hatte mittlerweile schon fast die Runde um das Zimmer gemacht. Der
Pastor wute nicht recht, wie er sich dazu verhalten solle. Kallem stand
tiefatmend und erhitzt auf, nahm seine Brille ab, putzte sie und begann
kurzsichtig die Bcherregale zu betrachten.

Nun fhlte der Pastor, da irgend etwas vorgefallen war -- etwas,
worber der Schwager sich rgerte. Hatte die Schwester etwas gesagt, das
ihn verstimmen konnte? Doch nein -- was htte das wohl sein sollen! Bei
ihrer Bewunderung fr ihn! Das beste war -- gleich ehrlich und offen
fragen; warum nicht lieber gleich Klarheit schaffen? Kallem hatte die
Brille wieder aufgesetzt und ging an ihm vorbei, zum Pult; darber hing
ein Christus von Michelangelo -- ein Holzschnitt. Er sah flchtig zu ihm
auf, dann auf das Heft, das aufgeschlagen auf dem Pult lag. Und ehe der
Pastor noch eine Frage tun konnte, sagte Kallem: "Johnsons systematische
Theologie? Die hab' ich mir gleich in Kristianssand gekauft." -- "Die?
Du?" -- "Ja. Ich hab' sie seither nie bekommen knnen. Dort lag sie im
Schaufenster aus. Es war wie ein Wahrzeichen der Heimat." -- "Nein! Das
ist nicht Norwegen!" sagte der Pastor. "Das ist in der Hauptsache nichts
als unhaltbare Juristerei." Verwundert ber diese Antwort des Pastors
und den Ton, in dem sie vorgebracht wurde, wandte Kallem sich um: "Ist
diese Denkweise unter den jngeren norwegischen Theologen allgemein?" --
"Ja. Ich habe mir das alles wieder zusammengesucht, um morgen die
verschiedenen Ansichten ber die Vershnungslehre genau
auseinandersetzen zu knnen." -- "Aha! Na ja -- eine ganz gute Manier!"
-- Kallem sah zum Fenster hinaus. Zum vierten oder fnften Male schon.
Sicher -- da stimmte irgend etwas nicht. "Da sind sie!" sagte er. Er
stand am hinteren Fenster, der Pastor am vorderen, von wo aus er jetzt
den roten Sonnenschirm seiner Frau ber dem Musselinkleid auftauchen
sah. Sie ging langsam und hielt den Jungen an der Hand, der anscheinend
unaufhrlich plapperte, denn sein kleines Gesicht war fortwhrend zu ihr
emporgewandt, whrend er den unebenen Weg entlang stolperte. Die beiden
gingen drben auf der andern Seite. Aber hier unmittelbar am Zaun ging
eine Dame ... Eben hob sie ihren grnen Sonnenschirm in die Hhe (wie
hbsch der war!) -- eine Dame, nicht so gro wie Josefine, aber
schlanker; sie sah sich um; ihre Bewegungen waren merkwrdig leicht; ihr
Haar war rotblond, und sie trug ein schottisches Reisekostm von
fremdartigem Schnitt; es mute eine Auslnderin sein. Freilich, jetzt
erklrte es sich, weshalb Edvard vorausgegangen war; er hatte allein
sein und die beiden allein lassen wollen. "Wer ist denn die Dame, die da
neben Josefine geht? Sie mu mit demselben Dampfer gekommen sein wie
Du?" -- "Ja." -- "Du kennst sie?" -- "Ja. Es ist meine Frau." -- "Deine
... Du bist verheiratet?" Er sagte es so laut, da beide Damen
heraufsahen. Er zog den Kopf zurck und wandte sich um. Aber er sprach
ins Leere. Der Doktor sah noch immer zum Fenster hinaus. Die Antwort kam
auch von drauen: "Ja, seit sechs Jahren." --"Seit sechs --?" Des
Pastors Kopf fuhr wieder zum Fenster hinaus; ein aufs hchste
verwundertes Gesicht starrte Kallem an. Seit sechs Jahren! dachte er.
Wie lang ist es doch her, da ...? Mein Gott, es ist ja knapp sechs
Jahre her, da ...

Die Damen waren mittlerweile vor dem Garten angelangt, die Fremde dicht
am Zaun, whrend Josefine und der Junge jetzt herberkamen. "Du,
Mutter, warum fallen denn kleine Jungs immer grad' auf den Kopf?" Keine
Antwort. "Mutter, warum fallen sie denn nicht auf die Beine?" Keine
Antwort. "Weil der Oberkrper schwerer ist, mein Junge!" Kallem sagte
es. Alle drei sahen hinauf.

Im selben Augenblick verlie er das Fenster, um ihnen entgegenzugehen;
der Pastor hinterdrein; aber er blieb auf der untersten Treppenstufe
stehen.

Die Augen der Dame fllten sich mit Trnen, whrend Kallem auf sie
zukam; vergebens versuchte sie, es zu verbergen, indem sie bald nach
rechts, bald nach links blickte. Josefines Augen waren kalt. Der kleine
Edvard war auf seinen Vater zugelaufen und erzhlte ihm, Nicolai
Andersen sei auf "die Leiter" hinaufgeklettert (er deutete dabei nach
dem neuen Haus hinunter) "und 'runtergepurzelt". Und "die neue Dame"
habe ihm ihr Taschentuch um den Kopf gebunden. Das schien den Pastor
gerade jetzt nicht so stark zu interessieren, als der Junge erwartet
hatte; deshalb lief er ums Haus herum zur Gromutter, um es der zu
erzhlen.

"Ich brauche sie Dir wohl nicht vorzustellen?" sagte Edvard Kallem,
whrend er die Hand seiner Frau fate und dem Pastor in die Augen sah.
Dieser suchte nach Worten, fand keine und schielte zu Josefine hinber,
die jedoch keine Miene machte, ihm zu helfen.

Vor kaum acht Tagen hatte der eifrige Geistliche gegen die vielen
Scheidungen mit darauffolgender neuer Ehe im "Morgenblatt" einen Artikel
geschrieben mit der berschrift: "Ehe oder Hurerei?" Und hatte darin mit
unwiderleglichen Beweisen dargetan, da nach der heiligen Schrift kein
anderer Scheidungsgrund gelte als Untreue. Wer seinen Ehegenossen beim
Ehebruch betreffe, sei frei und knne sich wieder verheiraten; wenn
jedoch ein Mensch sich aus anderen Grnden scheiden lasse und sich
wieder verheirate, whrend sein Ehegenosse noch lebe, so bestehe die
erste Ehe fort und die zweite sei Hurerei. Vor noch nicht acht Tagen
hatte er unter voller Zustimmung seiner Frau das geschrieben. Und eben,
weil jene Begebenheit mit Kallem und Ragni Kule ihm noch frisch im
Gedchtnis stand, erzhlte er in diesem Artikel, wie die Frau eines
kranken Mannes der Stellung, die Gott ihr zuerteilt hatte, berdrssig
geworden sei und heimlich ein Liebesverhltnis mit einem andern
unterhalten habe, wie sie dann gleich nach der Entdeckung geflchtet sei
und sich habe scheiden lassen. "Gesetzt nun den Fall," schrieb er, "da
eine solche Frau sich wieder verheiratet und noch dazu mit dem, der ihr
geholfen hatte, ihren Mann zu betrgen? Wer knnte eine solche Ehe
anders nennen als fortgesetzten Ehebruch?"

Wort fr Wort hatte er so geschrieben. Seine Frau stimmte vllig mit ihm
berein; sie hate die Frau, die ihren Bruder verfhrt hatte, im voraus.
Und nun standen beide vor ihr. Und Ragni war des Bruders Frau.

Etwas Undenkbareres htte das Wiedersehen gar nicht bringen knnen! Und
dabei waren sie so sicher gewesen, da der Bruder all solche
Leichtfertigkeit von sich abgetan hatte! Er war ja jetzt ein Mann der
Wissenschaft, dem schon eine Professur angetragen war, unter smtlichen
jngeren rzten vielleicht der Mann, von dem die Kollegen am meisten
erwarteten.

Das war eine Enttuschung, die nicht zu verwinden war! Und der Gedanke,
da sie nun mit diesen beiden an einem und demselben Ort leben, sie
ihren Bekannten in der Gemeinde als Herr und Frau Kallem vorstellen
sollten! Nachdem Tuft unter seinem vollen Namen ihr Zusammenleben fr
Ehebruch erklrt hatte!

Natrlich hatte Kallem es gelesen, er, der so eifrig nach der
Wesenseigentmlichkeit des zeitgenssischen Norwegens forschte, da er
sogar Johnsons Dogmatik las! Natrlich las er vor allem die Zeitungen.
Er hatte es gelesen, und das erklrte alles! Sie stand da und wute
nicht wohin, klammerte sich blo an ihn an. Und er? Sein rechter Arm
umschlang sie jetzt, als wollte er sich laut zu ihr bekennen. Sie hielt
mit ihrer Rechten hartnckig den Sonnenschirm ber sich, als knne der
sie schtzen; aber auf die Dauer ging das nicht, das Taschentuch mute
heraus, und weil sie ihr eigenes nicht hatte, nahm sie verstohlen das
ihres Mannes.

"Wollen wir nicht hineingehen?" sagte der Pastor mechanisch. Das
geschah. Er fhrte sie im Haus umher, whrend Josefine sich entfernte,
um fr Erfrischungen zu sorgen. Vom Studierzimmer, das nach dem Garten
zu gelegen war, kamen sie ins Wohnzimmer, das nach der Strae ging, dann
in die dahinter liegende Estube, von dort in die Kche, die an der
Nordseite des Hauses lag und einen besonderen Eingang hatte. Auf
derselben Seite lag noch die Speisekammer und ein Fremdenzimmer, das an
das Studierzimmer stie und eine Altane hatte, die mit der Treppe am
anderen Ende der Fassade korrespondierte. Im Oberstock verschiedene
Schlafzimmer usw. Das Herumfhren dauerte kaum fnf Minuten. Von Seiten
des Pastors nur die allernotwendigsten Worte; von Seiten Kallems ein
paar spttische Bemerkungen, erst als er aus mehreren Anzeichen ersah,
da der Pastor zurzeit im Fremdenzimmer schlief und Josefine mit ihrem
kleinen Sohn oben, und dann, als er die seltene Sammlung von Bildern
berhmter Theologen sah, die, um Luthers Bild gruppiert, an der groen
Wand des Wohnzimmers hingen. Die Erfrischungen, die Josefine anbot,
lehnte er ab, verabschiedete sich und ging.

Ragni war wie eine Unsichtbare nebenher gegangen. Jetzt, zum Schlu,
glitt ihre lange, schmale Hand durch die Hnde des Schwagers und der
Schwgerin wie ein Hermelinschwnzchen durch ein Mauerloch. Die Augen
huschten scheu ber sie hinweg wie der Schatten eines Flgels. Der
Pastor gab bis an die Treppe das Geleite; Josefine blieb an dem groen
Fenster stehen.

Kallem ging so rasch, da Ragni alle drei Schritt einen kleinen Sprung
machen mute. Der Pastor stand noch drauen und sah es. Diese Hast
steigerte die Erregung, in der sie sich befand, und als sie ungefhr in
der Mitte zwischen der Strandstrae und dem Pfarrhof waren, bat sie
ihn, stehen zu bleiben, und fing zu weinen an.

Kallem stutzte ber diese von der seinen so verschiedene Gefhlsskala;
er war emprt. Aber bald merkte er, da sie wahrscheinlich gerade ber
seine eigene Art sich zu benehmen weinte. Er zog sie mit sich an den
Zaun, und stellte sich mit dem Rcken dagegen: "Hab' ich mich nicht
richtig benommen?" -- "Du warst so bse -- hu, so bse, und nicht blo
gegen sie und ihn, sondern auch gegen mich; ja, Du, -- ganz besonders
gegen mich! -- Nicht angesehen hast Du mich -- berhaupt nicht die
geringste Rcksicht darauf genommen, da ich dabei war!" -- "Aber,
liebes Herz, das hab' ich doch gerade Deinetwegen getan!" -- "Dann la
mich lieber gleich wieder fort! Das halt' ich nicht aus!" Und sie warf
sich an seine Brust. -- "Aber, Kind, --hast Du denn nicht gesehen, wie
Josefine war?" --"Ja doch!" erwiderte Ragni, und hob den Kopf; der Hut
sa im Nacken, das Haar war zerzaust. "Sie wird mich noch einmal tten!"
Und wieder flchtete sie an seine Brust. -- "Na, na!" sagte er, "sie
soll Dir schon kein Hrchen krmmen. Aber verteidigen werd' ich Dich
wohl noch drfen!" -- Sofort tauchte ihr Kopf wieder auf. "Nicht so! Ich
htt' berhaupt nie geglaubt, da Du so sein knntest! Es war so ... so
unvornehm, Edvard!" Und sie fate ihn am Rockkragen und zupfte daran. --
"Nun hr' einmal", sagte er ruhig, -- "das, was der Kerl ber uns
geschrieben hat, das war unvornehm! Und ihr Schweigen? Ich finde, das
war noch schlimmer als alles, was er geschrieben hat." Hierauf erwiderte
sie nichts. Nach einer Weile hrte er ein leises: "Ich passe nicht da
hinein!" Er beugte sich ber ihren Kopf; der Hut fiel zu Boden; keins
von beiden achtete darauf. Leise redete er in ihr rotblondes Haar
hinein: sie msse nicht gleich so verzweifelt sein, nicht gleich von
Sterben oder Fortgehen sprechen. "Wir mssen das mannhafter nehmen,
verstehst Du, Schatz?" -- "Ja." Ihr zerzauster Kopf richtete sich
wieder auf. "Aber Du mut nicht vergessen, da ich jetzt dabei bin; Du
kannst nicht so sein, als wenn Du allein wrst!" -- Nein, das merkte er
denn auch, und hatte ein recht bses Gewissen.

       *       *       *       *       *

Zur selben Zeit war Josefine wieder in dem Zimmer, das nach der Strae
hinausging; es hatte ein einziges Fenster, das grer als zwei
gewhnliche war, und da stand sie und lehnte den Kopf ans Fensterkreuz.
Der Pastor stand hinter ihr. Er nannte es einen bsen Zufall, da er das
im "Morgenblatt" geschrieben hatte. "Dein Bruder hat mir erzhlt, er sei
schon seit sechs Jahren verheiratet." Josefine fuhr hastig herum. Aber
nach einer Weile des Nachdenkens sagte sie nur: "Unsinn!" und wandte
sich wieder zum Fenster zurck. Der Pastor meinte auch, das knne nur
ein schlechter Witz sein. Sie htten sich doch nicht trauen lassen
knnen, ehe sie gesetzlich geschieden war. -- "Ganz merkwrdig war er --
auf einmal fing er an, auf den Hnden zu laufen!" Wieder wandte sie sich
nach ihm um, mit ihren grten Augen. "Jawohl, auf den Hnden ist er
gelaufen", versicherte der Pastor. "Ums ganze Studierzimmer herum. Er
behauptete, so sollte ich einmal zum Altar gehen. Wenn er Luther
verhhnt, so mu ich mich ja wohl damit abfinden, da er auch mich
verhhnt!"

Sie wnschte offenbar nicht, da er gerade jetzt ber diese Begegnung
sprechen sollte; es tat ihr zu weh. Er zog sich ins Studierzimmer
zurck; aber er sah keineswegs blo mivergngt aus, whrend er sich
seine Pfeife stopfte.

Josefine hatte sich so unendlich viel von dem Wiedersehen und dem
Zusammenleben mit dem Bruder versprochen. Sie hatte nicht die leiseste
Andeutung hren wollen, da es mglicherweise anders kommen knne, als
sie erwartete. Wer wei -- was sie jetzt litt, war ihr vielleicht ganz
gesund!

Aber war er denn selber heut so gewesen, wie er htte sein sollen? O
ja, er glaubte doch wohl. Gebe Gott, da er es nur immer so sanftmtig
ertrug! Denn bei dem einen Mal blieb es nicht; das ahnte er wohl.

Die Pfeife schmeckte, und das Predigtheft wurde wieder zur Hand
genommen; aber der Gedanke an Josefine drngte sich dazwischen. Nie
hatte er in ihrem ehelichen Verhltnis die Sicherheit gefhlt, deren
andere sich erfreuten. Sie hatte ihre schwierigen Zeiten --und dies
letztemal war es schlimm gewesen. Zweifellos, weil alle ihre Gedanken
sich mit dem einen beschftigten, der nun bald zurckkehren wrde ...

"Psst!"

"-- Die Rechtfertigung ist eine Tat des Augenblicks in uns, ein Vorgang
ein fr allemal. Alle Snden sind ausgelscht; in Gottes Augen sind wir
ebenso rein und heilig wie Christus."


2

Die beiden, die dort unten auf der Strae Frieden geschlossen hatten,
wanderten Arm in Arm weiter. An der Ecke der Strandstrae stand auf
einem Gerst Maurer Andersen, ein vierschrtiger Mensch mit langem,
braunem Bart und einer Schutzbrille -- der ganze Mann wei von Kalk. Er
erkannte die hellgekleidete Dame wieder, die seinem Jungen beigesprungen
war, und da sie jetzt Arm in Arm mit dem Brillenmann einherkam, den er
vorher hatte hinaufgehen sehen, dachte er sich, das msse der neue
Doktor sein. Der Pastor war ja sein Schwager; von dem kamen sie jetzt
jedenfalls zurck. Andersen hielt mit der Arbeit inne und grte; Ragni
hielt ihren Mann an und sagte etwas -- das sah Andersen. Er rief den
Arbeitern, die da hmmerten, zu, sie mchten einen Augenblick still
sein, und fragte dann, was sie gesagt habe. Sie wollte wissen, ob der
Junge jetzt schlafe. Jawohl; aber sie mchten doch recht gern, der Herr
Doktor solle nach ihm sehen, wenn er wieder wach sei; "Sie sind ja doch
wohl der neue Herr Doktor?" -- "Richtig geraten!" Jetzt kamen sofort
die Leute im Haus drinnen an die Fenster, ebenso die im nchsten Haus;
ein Vorbergehender blieb stehen, guckte die beiden an, ging weiter und
erzhlte es der ganzen Strae. Andersen bentzte die Gelegenheit, auch
gleich mit seinen schwachen Augen zu kommen. Jawohl, die wrde sich der
Doktor nchstdem einmal ansehen. Aus den Fenstern und auf der Strae
sahen ihnen die Leute nach. Sie waren jung, was brauchte es weiter? Bald
hatten sie vergessen, was krzlich vorgefallen war, und fhlten -- hier
konnten sie heimisch werden!

Unter denen, die unwillkrlich grten, befand sich ein junger Mann mit
fast zu ppigem Haarwuchs, blassem, merkwrdig gewlbtem Gesicht,
schmchtig gebaut und hoch aufgeschossen; etwas Feines, Befangenes lag
ber ihm. Als sie ihn ansahen, errtete er. "Da hast Du wahrhaftig schon
eine Eroberung gemacht!" flsterte Kallem. Kurz darauf kam ein
sonderbarer Gesell ihnen entgegen, lang, vornbergebeugt, in Bluse und
Schurzfell. Schwarzes, verstaubtes Haar, das Gesicht ungewaschen, fast
ruig. Er trug allerlei Handwerkszeug in seinen schmalfingrigen Hnden;
die hingen an auergewhnlich langen Armen, die im Bogen hinter ihm
herschlenkerten. Htten sie im Takt geschwungen, sie htten
zusammenstoen mssen. Eine Mtze trug er nicht; das kurzgeschnittene
Haar lie die ganze Kopfform erkennen. Die Stirn war weder breit noch
hoch, aber ungewhnlich fein gebaut. Die Wangenpartie lnglich, mit
vortretenden Backenknochen. In den kleinen, eiskalten Augen und um den
zusammengekniffenen Mund etwas Hhnisches. Die Nase klein und flach, das
Kinn ziemlich lang. "Du, sieh doch den!" flsterte Kallem. "Pfui!"
antwortete sie. Jetzt strich der Mensch mit forschendem Blick an ihnen
vorber. Kallem blickte ihn ebenfalls an, und als sie aneinander vorbei
waren, drehten sich beide um. Eine alte Frau kam gewatschelt. "Wer ist
der Mann da?", fragte Kallem. Sie sah erst Kallem an, und dann den
andern. "Das ist Kristen Larssen." -- "Ein Feinschmied?" -- "Was fr'n
Ding?" -- "Feinschmied." -- "O ja. Aber Uhrmacher ist er auch. Und
Bchsenmacher. Alles mgliche."

Der Strandweg war gegen die Bucht hin offen, ohne Steindamm. Im Wasser
lag allerhand verfaultes Zeug, ebenso am Lande. Die ganze Stadt hatte
etwas Unfertiges. Ein groes Haus neben einem kleinen; einmal ein
steinernes Haus, dann ein hlzernes; und alles wie in der Eile und mit
geringen Mitteln errichtet. Die Huser lagen nicht einmal in einer
geraden Linie, und die Strae war kaum eine Strae zu nennen. Die Leute,
denen sie begegneten, noch nicht Stdter, und doch auch nicht mehr
Landleute. Durchgehends "mitrauisch und freundlich", wie Kallem sagte.
"Mischware".

Jetzt waren sie auf dem Marktplatz angelangt, von wo der Weg zur Kirche
hinauffhrte. Diese lag frei, hoch und schlank auf der Hhe. Hier waren
sie Josefine begegnet, eben als sie hatten hinaufgehen wollen; denn dort
oben, rechts von der Kirche, frei, in einem Park mit einem Garten vorn,
lag ihr Haus. Von hier aus konnte man es nicht sehen.

Die Strae gabelte sich unmittelbar vor der Kirche und fhrte nach zwei
Seiten weiter. An dem Weg rechts mute ihr Heim liegen. Als sie sich der
Kirche nherten, sahen sie den Park hinter ihrem Haus und darin das Dach
des groen Krankenhauses. Endlich --sie gingen ganz langsam, voller
Spannung, ohne ein Wort zu reden -- endlich der groe Garten, und darin
ihr Haus! Ein Holzbau im Schweizerstil, etwas zu breit, die Fenster gro
und alle weit offen. Eine Veranda auf einen sandbestreuten Platz hinaus,
zu dem eine Treppe hinunterfhrte. Daneben der Blumengarten, weiterhin
der Gemsegarten, und zu beiden Seiten, der Stadt zu, ein ziemlich
groer Obstgarten. Die beiden nahmen alles gleichzeitig in sich auf. Das
also war es! Sechs lange Jahre hatten sie -- jedes fr sich -- dafr
gearbeitet, es ertrumt in wer wei wie vielen Formen -- nur nicht in
dieser! Es hinverlegt nach wer wei wie vielen Orten -- blo nicht
hierher! All die getrumten Bilder waren ausgelscht von dem, was sie
hier vor sich sahen! Beide wandten sich um, maen Weite und Leuchtkraft
der Landschaft, und wandten sich dann lchelnd einander wieder zu.
Seltsam --gerade in diesem Augenblick kein Mensch zu sehen --kein Laut,
kein Gerusch, das an etwas -- nah oder fern -- erinnerte! Sie und ihr
Heim! Das eine von ihnen sah, was das andere sah; des einen Sehen und
Fhlen wurde geschrft durch das Bewutsein, da das andere ebenso sah
und fhlte. Ragni lste ihren Arm aus Kallems Arm, ging nach dem Zaun
hinber -- er war aus Wachholderstben --, fate durch die Stbe, und
pflckte ein paar Grser und einen grnen Zweig; damit kam sie zurck
und befestigte es an seinem Rock. Er sah etwas weiter oben einen Bschel
Glockenblumen, ging hin, griff durchs Gitter darnach und kam damit
zurck; sie nahm sie und sammelte noch mehr dazu; als es schlielich
viele waren, sah es hbsch aus.

Neben dem Haus und auf dem Hof lagen Kisten, unausgepackte Mbel, Stroh,
Sgespne, Matten. Ragnis groen Flgel hatte man augenscheinlich soeben
ausgepackt und die Beine daran geschraubt; aber kein Mensch war zu
sehen.

Ein groer, freistehender Taubenschlag war da. "Denk doch, wenn jetzt
Tauben angeflogen kmen? Tauben mssen wir uns halten!" -- "Aber denk
erst, wenn ein Hund gesprungen kme! Einen Hund mssen wir uns halten!"
-- Von hier aus fhrte keine Tr ins Haus; erst vom Weg aus, der Park
und Garten trennte. Hier blieben sie stehen und wandten sich noch einmal
um, der weiten Landschaft zu.

In der reichsten Gegend vielleicht, die das Land besa, der
sonnenfreudigsten, da lag den beiden das eigene Heim, die Mitte des
Kompasses. Ragni lugte seitwrts, ob das Pfarrhaus zu sehen sei. Keine
Spur! Kallem ahnte, nach was sie sah, und lchelte. Sie hrten durch
die offenen Fenster drin die Arbeiter; jetzt hrte man sie mit Radau und
Gelchter die Verandatreppe herunterkommen; sie gingen auf den Flgel
los, ohne die beiden zu beachten, die weiter oben standen. Sie
schwatzten, probierten, mhten sich ab, unter all dem berflssigen
Gelrme, das eine Arbeit, an die die Leute nicht gewhnt sind, zu
begleiten pflegt. Dann zogen sie mit dem Flgel zur Veranda ab, und bald
hrte man sie wieder auf der Treppe trampeln. Kallem und Ragni blickten
in den Park; hohe, schne Bume und hinten zwischen den Stmmen das
Krankenhaus, ein mchtiger Holzbau auf Steinfundament, mit groen,
kleinscheibigen Fenstern. Dann gingen sie durch die Tr in den Garten
und auf ihr eigenes Haus zu.

Zuerst ein kleines Wirtschaftsgebude; sonst aber lag das Hauptgebude
nach allen Seiten frei.

Die Obstbume fingen schon zu blhen an; es mute warm sein hier oben.
Und der Garten! Ragni dachte mit keinem Gedanken daran, da der
wohlbestellte Garten Josefines Werk war; sie freute sich darauf, selbst
zuzugreifen. Das Haus mute neu gestrichen werden; es sollte auch eine
andere Farbe bekommen, nicht diese rmliche gelbe. _Ihr_ Haus, _ihr_ Heim!
Kallem trat dreimal fest auf die Erde; der Boden war sein! Er wollte
gleich von hier ins Haus; aber nein, sie wollte zum Vordereingang
hinein, die Verandatreppe hinauf. So gingen sie zwischen den Kisten und
dem Stroh hindurch und guckten zu den Fenstern hinein. Das Haus war im
Verhltnis zu seiner Lnge und Breite niedrig, das Dach ragte weit vor
und lag schwer darauf. Aber es war gut.

Auch die Veranda hatte keine Verhltnisse; sie war breit und die Treppe
bequem.

Arm in Arm gingen die beiden hinauf; das erste, was ihnen in die Augen
fiel, war eine Enttuschung; die Eingangstr, eine Glastr, befand sich
nicht in der Mitte des Zimmers, sondern ganz unten in der sdlichen
Wand. Sie sahen bald, da es nicht anders mglich war, wenn die Veranda
in der Mitte des Hauses liegen sollte; rechts lagen nmlich noch zwei
Zimmer in einer Flucht mit dem Verandazimmer. Jetzt kamen die Mnner,
die den Flgel hineingetragen hatten, alle wieder heraus; sie dachten
sich gleich, wer die beiden waren, und als sie Ragni erblickten, nahm
erst der eine, dann nahmen alle andern Hut oder Mtze ab. Kallem grte,
Ragni schlpfte zu ihrem Flgel hinein, der mitten im Zimmer stand,
holte den Schlssel hervor und ffnete ihn, als msse sie ihn gleich auf
der Stelle genau prfen; sie konnte nicht anders, sie mute hren, ob er
noch gestimmt war. Mit den Handschuhen an den Hnden schlug sie
Longfellows "Sweet home" an. Bei den ersten Klngen dieser Hymne an die
Heimat nahm Kallem den Hut ab. Die andern sahen das, glaubten wohl, es
sei ein Choral, und folgten seinem Beispiel.

Ragni hatte ihnen den Rcken zugewandt und bemerkte daher nicht, da nun
von rechts noch zwei Leute zum Vorschein kamen, ein Mann mit rundem,
glnzendem Gesicht, und hinter ihm ein kleines Weibchen, das gern
hereingeguckt htte und doch auch nicht gern gesehen sein wollte. Aber
jetzt ffnete sich auch die Tr gerade vor ihr, und ein Bauernmdchen
sphte bescheiden herein, was das wohl fr seltsame Tne sein mochten.
Ragni dachte sich gleich, da es ihr Dienstmdchen sei, das aus der
Kche kam, und ging ihr entgegen. "Du bist Sigrid?" -- Ja, freilich, es
war Sigrid. -- "Und wir sind Doktors." -- "Kann mirs denken!" sagte sie
und kam jetzt ganz herein, ein krftiges, anmutiges Geschpf. "Ist es
das erstemal, da Du bei fremden Leuten bist?" fragte Kallem. -- Jawohl,
es sei das erstemal. -- "Und bei uns ist es das erstemal, da wir
haushalten," sagte Kallem; "das wird ganz famos gehen!"

Ragni ging mit hinaus in die Kche. Dort fiel ihr sofort ihr neues
Tischservice in die Augen, das eben ausgepackt und abgewaschen war.
Jetzt aber konnte sie es nicht mehr aushalten; sie ging hinaus in den
Korridor und die Treppe hinauf; sie mute allein sein. Die Tr zu ihrem
Schlafzimmer stand gerade vor ihr offen; sie ging hinein und trat auf
die Altane, die ber der Veranda lag. Womit hatte sie solch groes Glck
verdient? Was wog ihre Arbeit, ihre Sehnsucht im Vergleich zu dem, was
hier in dem Haus eines reichen Mannes fr sie bereit stand? Und doch --
in diesem groen, unverdienten Glck war eine Angst ... Auch von hier
sphte sie hinber -- gen Norden. Ob das Pfarrhaus zu sehen war? Nein,
es war nicht zu sehen.

Josefine hegte einen Groll gegen sie; das hatte sie sogleich gefhlt.
Und ob der Bruder das auch hlich fand -- er hing doch an seiner
Schwester; ja, etwas war an ihr, das er ganz besonders liebte; in
solchen Dingen tuschte sie sich nie.

Kallem besah sich die Rume unten. Das Paar an der Tr rechts hatte sich
wieder zurckgezogen, und die Mnner waren bei der Arbeit. Das
Verandazimmer war gro; die Fenster gingen auf einer Seite nach der
Kirche, auf der andern nach dem Garten; aber er wrde Ragni vorschlagen,
jene zu verhngen. Einfarbige, hellgraue Wnde, die Decke hellblau mit
goldenen Sternen; die Farben waren alt; nur der Fuboden war neu
gestrichen, ebenfalls hellgrau. Im Zimmer links waren sie noch dabei,
frisch zu tapezieren. Was, immer noch nicht fertig? Und auch im nchsten
Zimmer noch nicht? Zwei waren dort an der Arbeit, der Mann und die
kleine Frau, die vorhin in der Tr aufgetaucht waren. "Guten Tag!"
grte Kallem. "Guten Tag!" erwiderte das runde, glnzende Gesicht mit
dnischem Tonfall. Kallem trat nher an den Tisch heran, vor dem der
Mann stand und die Tapeten zurecht schnitt. Die Frau hielt sich dicht an
seiner Seite; jetzt verkroch sie sich ganz hinter ihm. "Ist das Ihre
Frau?" -- "Jawohl, meine Frau; und auerdem mein Gesell; Gesell und
Frau; aber meine Gesellenfrau ist sie darum doch nicht!" Das kleine
Weibchen hinter ihm kicherte, wenn auch fast unhrbar. Der Mann hatte
hervorstehende rollende Augen, in denen ein Schelm sa. "Ich dachte, Ihr
wrt fertig." -- "Man arbeitet unter Hindernissen, Herr Doktor!" Sie
gluckste vor Lachen, aber immer wie aus einem dicken Pack heraus. --
"Ist Ihre Frau auch Dnin?" -- "Nein, Norwegerin; aber wir passen
trotzdem gut zueinander." Sie duckte sich, fortwhrend kichernd, noch
tiefer hinunter.

Der Raum, in dem sie standen, war lang und schmal; Kallem sah sofort,
da es das Ezimmer werden mute, wahrscheinlich auch das Wartezimmer
fr die Kranken. Das dahinter, mit den Fenstern nach vornheraus und nach
Sdost, war selbstverstndlich sein Arbeitszimmer, in dem er Patienten
empfing, wenn er nicht im Krankenhaus war. Er ging gar nicht erst
hinein, sondern vom Ezimmer gleich hinaus auf den Gang. Da war rechts
die Kchentr. Auf dem Kchentisch sah er eine Reihe Bierflaschen
stehen; einige leer, andere noch voll. "Wem gehren die Flaschen?" --
"Dem Sattler." --"Sie meinen dem Tapezierer?" -- Kallem begriff mit
einemmal, was da fr "Hindernisse" vorgelegen hatten, und da der Mann
betrunken war, und die Frau noch mehr. _Da_rum waren die Mnner so lang im
Hause geblieben, bis sie den Flgel geholt hatten! Sie waren mit Bier
traktiert worden. "Bitte, rufen Sie mir den Dnen mal heraus!" Das
Mdchen ging, und sofort kam auch das runde, glnzende Gesicht mit
hundert Schelmen in den Augen zum Vorschein und dahinter die Frau, die
einmal rechts und einmal links davon hervorguckte.

"Die Flaschen da gehren Ihnen?" -- "Nicht so ganz!" -- "Ihr seid also
mehrere?" -- "Ja -- beim Trinken!" -- "Aber Sie haben sie bezahlt?" --
"Das Bier, ja; aber nicht die Flaschen; die mu man zurckgeben." Die
Frau kicherte.

"Darf ich fragen, wie Sie heien?" -- "Sren Pedersen heiss' ich,
jawohl, Sren Pedersen!" -- "Also hren Sie mal, Sren Pedersen, wollen
Sie mir die Flaschen da verkaufen?" -- "Das Bier, meinen Sie?" -- "Das
Bier." -- "Aber gern!" -- "Dann haben wir heut Nacht doch was zu
trinken; wir mssen nmlich durcharbeiten heut Nacht; wir mchten morgen
fertig sein. Wir arbeiten mit. Wollen Sie?" -- "Wenn der Herr Doktor
befehlen." -- "Und dann darf ich Sie wohl bitten, heute mit uns zu Abend
zu essen?"

In drei, vier Stzen sprang Kallem jetzt die Treppe hinauf. Ragni stand
im Sonnenglanz drauen auf der Altane. Sie wandte sich nach ihm um. Er
fragte, ob sie ihr Gebet verrichtet habe. Ja; sie sei fertig.

Auch er blieb ein Weilchen auf der Altane stehen und sah nach dem
Inselkindchen hinaus, das da vor seiner Mutter spielte -- von hier aus
konnte man es sehen -- auf die Bucht mit den Wasserfurchen, auf die
Berge dahinter in ihrer vornehmen Ferne. Er blickte hinber, nach
rechts, wo Pastors wohnten; sie merkte es wohl. "Sie knnen uns doch zum
Donnerwetter nicht behandeln, als ob wir nicht verheiratet wren? Nicht?
Das wollen wir doch sehen!"

Sie zog ihn ins Zimmer und wies auf die Farbe der Wnde in ihrem
Schlafzimmer; mattweier lanstrich, wie sie es sich gewnscht hatte.
Alles sollte wei sein hier oben, mit Ausnahme der langen Gardinen und
Portieren, die von der Decke herab ber den beiden Betten, dem
Altanfenster und der Tr hngen sollten. Die waren blau in Farbe und
Muster, zu den Ornamenten an den Betten und brigen Mbeln passend. Sie
wurde ganz gesprchig; aber Kallem mute das Krankenhaus besehen; und da
wollte sie mit.

Das erste, was er auszusetzen hatte, als sie im Park davor standen,
waren ein paar alte schne Bume: die standen viel zu nah -- die muten
weg. Statt ihrer sah er im Geist schon einen groen freien Platz mit
einem Springbrunnen in der Mitte, von dem nach allen Seiten hin Wege in
den Park fhrten. Das Krankenhaus war zweistckig, gelb gestrichen, mit
ungewhnlich groen Fenstern, aber sehr kleinen Scheiben. Im Unterbau,
einem mchtigen Steinsockel, war die Wohnung fr die Dienerschaft und
den Verwalter eingerichtet. Es sah sehr behaglich aus; Gardinen an allen
Fenstern, und Blumen davor. Der Eingang befand sich an der linken Seite
des Hauses; ein dichtes, hohes Gitter hegte einen sehr groen Hofraum
ein. Kallem freute sich, als er lngs des Gitters Ahornbume stehen sah;
er wute, in vierzehn Tagen konnten hier amerikanische Zelte fr die
Kranken aufgeschlagen sein -- den ganzen Sommer ber.

Die Haustr war offen; kein Portier. Im Fenster der Portierloge lagen
fromme Schriften und Traktate zum Verkauf aus. Kein Anschlag an der Tr,
der angab, wann Besuchszeit sei fr die Kranken. Den Portier sahen sie
dann im inneren Hof; ein lterer Mann mit ernsten, forschenden Augen; er
trug eine Brille, ber die er hinwegblickte, und die er abnahm, als er
merkte, wen er vor sich hatte. "Sie sind der neue Herr Doktor?" -- "Ja."
Jetzt nahm er auch seine Mtze ab: "Willkommen!" Der Patient, mit dem er
sich eben unterhalten hatte, schlich davon; er war bleich und trug
--trotz des sommerlich warmen Tags einen dicken wollenen Schal um den
Hals; er hielt sich in der Entfernung, grte auch nicht. Der Portier
ging mit ihnen.

Das Haus hatte -- zu beiden Seiten eines hellen Korridors -- je eine
Reihe Zimmer, die nach vorn gro, die nach dem Hof zu kleiner; in beiden
Stockwerken gleich. Der Portier war nicht nur Portier, sondern auch
Verwalter und ltester Aufseher des Hauses. Als solcher stellte er die
brigen Beamten vor, wie sie ihnen gerade in den Weg liefen. Ganz nette
Leute, Mnner wie Frauen; unter den letzten zwei Diakonissinnen, -- die
waren die allerfreundlichsten.

Das erste, was Kallem notwendig erschien, war, das Haus von den alten,
verpesteten Typhusstuben zu reinigen und einen besonderen Typhuspavillon
fr den Winter zu errichten. Der Operationssaal war recht hell; aber ein
neuer, gebohnter Fuboden mute sogleich gelegt werden. Der
Ventilationsapparat war miserabel. Mit Ausnahme dieser und noch einiger
geringerer Mngel -- z. B. die kleinscheibigen Fenster -- war das Haus
gut; die Zimmer hoch, die Gnge gerumig; das Ganze machte den Eindruck
von Helle; es gefiel ihm sehr.

Der Krankenbestand war in Anbetracht der Jahreszeit gar nicht gering.
Sein Spezialstudium, die Tuberkulose, war durch drei Patienten vertreten
-- zwei Knaben und ein etwa zehnjhriges Mdchen, magere, wachsbleiche,
armselige Geschpfe. Er freute sich darauf, sie bald in seine
amerikanischen Zelte legen zu knnen. Der frhere Besitzer des
Krankenhauses, der alte Doktor Kule -- ein Onkel von Ragnis erstem Mann
--, war gestorben. Kallem hatte es sehr billig erstanden, da sich im
Augenblick niemand anders fand, der es bernehmen wollte. Hier konnte er
sich einrichten und seine Zeit einteilen, ganz wie er wollte; er hatte
freie Hand. Der Bezirk gab einen Beitrag; ein Komitee, bestehend aus dem
Distriktsarzt und einem zweiten Arzt, fhrte die Oberaufsicht; aber er
war ganz sein eigener Herr. Dieser erste Besuch machte ihnen beiden
Freude. Sie kehrten in ihre Wohnung zurck, guten Muts und frchterlich
hungrig, nahmen in der Kche eine kleine Vespermahlzeit zu sich, tranken
ein Glas Wein dazu, und dann noch eins auf das groe Ereignis: da sie
zum erstenmal im eigenen Hause aen.

Im Wohnzimmer stand noch alles bunt durcheinander. Trotzdem ging Ragni
an den Flgel. Sie hatte sich --seit fnf oder sechs Jahren -- ganz
heimlich an bersetzungen aus der englischen Literatur, besonders der
Versliteratur versucht. Ein bichen warm vom Wein -- ein bichen
verlegen -- schlug sie ein paar Akkorde an -- bat ihn, sich nicht vor
sie hin zu stellen -- schlug wieder Akkorde an und sang mit einer
kleinen, weichen Stimme, die mehr rezitierte als sang:

    Wir sind daheim!
    Unser Wesen und Sein
    Soll hier blhn und gedeihn
      Aus zartestem Keim!
    In Dingen, Gedanken,
    In Stimmen, in Blumen,
    Soll alles sich ranken
      Um uns.

      Hier wird mein Sinn
    Durch dich offenbart.
    Und du, der nun sehend ward,
      Sieh, wer ich bin,
    Die sndig und selig-frhlich,
    Beglckt dich und krnkt,
    Und stets sich versenkt
    Harmonisch und selig
      In dich!


3

Den nchsten Morgen wachten sie durch ein lautes, anhaltendes Drhnen
auf. Als sie ganz munter wurden, merkten sie, da es die Kirchenglocken
waren, die zum Kirchgang luteten; beide hatten lang geschlafen; aber
sie hatten auch bis gegen drei Uhr, also bis in den hellen Morgen
hinein, gearbeitet.

Eins, zwei, drei war Kallem aus dem Bett und im Badezimmer nebenan, wo
er sich mchtig abduschte. Dafr hatte der alte Doktor also doch Sinn
gehabt! Und kaum war er halb angezogen, so lief er auch schon hinaus auf
die Altane, zu der herrlichen Aussicht. Er rief Ragni zu, sie solle
ebenfalls duschen und sich ankleiden und herauskommen; aber sie hatte
schon gestern gemerkt, wie grlich kalt das Wasser war und lag nun mit
groen, offenen Augen da und berlegte, ob sie mogeln oder es wirklich
wagen solle. Sie zog es vor, zu mogeln und stand gleich darauf in einem
allerliebsten Morgenkleid neben ihm. Aber wie unschuldsvoll sie ihn auch
anblickte, und wie eifrig sie die wundervolle Aussicht, den kstlichen
Tag rhmte -- er verga die Dusche nicht. Sie hatte gestern feierlichst
gelobt, sie gleich vom ersten Tag an zu nehmen; eben weil sie sich so
leicht erkltete, sollte sie sich's zum tglichen Brot machen, und ganz
besonders hier, wo Wrme und Klte so schroff wechselten. Also --! Sie
setzte ihr klglichstes Frtzchen auf -- sie versuchte, darber
wegzuscherzen; aber er deutete unbeirrt auf das Badezimmer. Wollte sie
ihr Gelbde brechen? Wenn sie's ein erstes Mal tat, so tat sie's spter
noch oft. Sie kte ihn und sagte, er sei ein Scheusal; er kte sie,
und sagte, sie sei ein ses Ding. Aber die Dusche! Sie rannte hinein,
streifte ihren Morgenrock ab, als wolle sie unter die Dusche gehen ...
Aber husch! lag sie wieder unter der Decke. Als er kam, zog sie die
Decke ber den Kopf. Da nahm er ohne weiteres Decke samt Inhalt und trug
beides nach der Tr; und jetzt bat sie so rhrend um Gnade, und das
klang so verngstigt, da er alles beides wieder zurcktrug. Sie schlang
die Arme um ihn und zog ihn zu sich nieder; und vor ihren warmen
Gliedern zerschellte alle Logik.

Die Glocken luteten und luteten. Wagen rollten vorber, alle von der
Stadt her. Kaum war der eine vorbei, so kam schon ein anderer. Die Tr
stand offen. Sooft die Glocken nach ihren drei bekannten Schlgen
aussetzten, hrte man im Zimmer das Surren der Fliegen, und von drauen
die Vgel. Jetzt vernahmen sie auch von der Bucht her das Schnauben
eines kleinen Dampfers; sie hatten ihn vorhin vom jenseitigen Ufer
abstoen sehen, vermutlich mit Ausflglern an Bord. Irgendwo mute ein
Fest sein, zu dem die Leute strmten.

Von Sdwest wehte eine leichte Brise, und bei jedem Windsto fllte sich
das Zimmer mit Wohlgeruch; es strmte frmlich von Bumen und Wiesen
herein. Zwischen dem Glockenklang flsterte es und wisperte; die Luft
war trunken.

Eine Weile spter standen sie wieder auf der Altane und sahen die Leute
zur Kirche gehen. Aber fortwhrend zogen daneben mit Menschen
vollgepfropfte Wagen an der Kirche vorber und weiter. Der Dampfer war
schon ganz nahe; da pfiff es auch von der Eisenbahn her. Beide
verfolgten nun mit den Augen zwei Schwalben, die offenbar mit ihrem
eigenen Schatten auf dem Sand vor der Veranda spielten. ber- und
nebeneinandervorbei flogen sie -- die Schatten auf dem Sand machten die
Schwingungen nach; die Vgel waren bald ganz unten, dann wieder hher;
wenn sie zu hoch geflogen waren und die Schatten verloren hatten,
senkten sie sich wieder und suchten nach ihnen. "Nchstes Jahr", sagte
sie flsternd, "wollen wir Nistksten anbringen!"

Sie kleideten sich vllig an, gingen hinunter und frhstckten. Sren
Pedersen und seine Frau waren lngst da und hatten lngst gefrhstckt;
sie waren schon in voller Ttigkeit.

Sie erfuhren jetzt, da fast alle Leute in das benachbarte Kirchspiel
fuhren, wo der Bezirkspfarrer Meek sein fnfzigjhriges Jubilum feierte
und zugleich seine Abschiedspredigt hielt. Seit heut frh seien schon
die Fugnger unterwegs; jetzt kmen die zu Wagen, und auerdem noch ein
ganzes Schiff voll Menschen vom andern Ufer. Meek sei die ganzen fnfzig
Jahre in einer und derselben Gemeinde gewesen -- "ein ganz
absonderlicher Mann". Kallem und Ragni frhstckten im Verandazimmer.
Aber das Frhstck wurde unterbrochen. Es klopfte, und herein trat
lchelnd, bescheiden, ein lterer hagerer Mann mit einer Hornbrille; es
war Doktor Kent, der zeitweilige Leiter des Krankenhauses. Er kam eben
von dort. Kallem und Ragni standen beide auf. Doktor Kent hatte eine
angenehme, leise Stimme und ein ruhiges Lcheln bei allem, was er sagte.
Er setzte sich etwas abseits, whrend sie weiter aen, und machte einige
kurze Angaben ber die Kranken in der "Anstalt" und ber den allgemeinen
Gesundheitszustand in Stadt und Umgegend. Auf Befragen erteilte er
bndigen Bescheid, welchen von den Beamten Kallem seine Aufwartung
machen msse, welches die Stadtverordneten, Gemeindevorsteher und
Mitglieder des Amtsgerichts waren, deren Bekanntschaft wnschenswert
sei. Selbst das rein Geschftsmige klang freundlich in Doktor Kents
Mund. Als sein leichter Einspnner vorfuhr -- er hatte einen
Krankenbesuch auf dem Lande zu machen -- bat Kallem, er mge ihn
mitnehmen; sofort war auch Ragni dabei, und so bestellten sie denn einen
greren Wagen und saen bald alle drei darin. Als sie eben abfahren
wollten, fiel Ragni ein, da der Flgel leicht bergestimmt werden
mute, und sie fragte Sren Pedersen, ob er jemand wisse, der stimmen
knne, wenigstens einmal frs erste. Freilich -- Kristen Larssen. So kam
es, da die Fahrt mit Mitteilungen ber Kristen Larssen begann. Kent
erzhlte, er sei in einer der abgelegensten, elendesten Gemeinden
aufgewachsen, und dereinst einer Lappalie wegen mit dem Gesetz in
Konflikt geraten -- Kent hatte eine schwache Erinnerung, als sei es
geschehen, weil er einen Tanz, den er spielte, die "Vergebung der
Snden" betitelt hatte. Kristen Larssen sei Erfinder; eine jetzt ganz
allgemein verbreitete Strickmaschine und verschiedenes Handwerksgerte
stammten von ihm. Er sei ein kalter Mensch --kalt, wie Eisen im Winter,
und Sren Pedersen und seine Frau seien sein einziger Umgang. Was denn
das eigentlich fr Leutchen seien? -- Ihre Antezedentien kenne er nicht;
_sie_ stamme aus hiesiger Gegend, _er_ von Fnen. Beide tchtig in der
Arbeit; aber man habe bald gemerkt, da sie tranken. Der Pastor hatte
dem abzuhelfen versucht; er hatte sie liebgewonnen, whrend sie bei ihm
in seinem Haus arbeiteten. Merkwrdigerweise glckte es; sie hrten
nicht allein auf zu trinken, sondern Sren Pedersen wurde ein beraus
eifriger Temperenzler und uerst fromm; er konnte schlielich die ganze
Bibel auswendig. Buchstblich wahr -- ganz auswendig! Er erzhlte selber
oft, da es sein grtes Vergngen sei, wenn Aase ihm zuhre, und in
kleineren Versammlungen trug er ganze Kapitel aus der Bibel aus dem
Kopfe vor, whrend die Leute dabei saen und nachlasen. Der Pastor
meldete ihn in einer Bibelschule an, und er selbst hatte keinen hheren
Wunsch, als dahin zu kommen; aber Aase mute auch mit! Da man ihm hierin
nicht willfahren konnte, verzichtete er auf die Bibelschule und wurde an
allem irre.

So traf er mit dem Tausendknstler Larssen zusammen, der sich gerade
damals hier in der Stadt niederlie. Kristen Larssen hatte von Sren
Pedersens Gabe zum Auswendiglernen gehrt und versuchte, hinter den
Mechanismus der Sache zu kommen. Aber da war keinerlei Mechanismus;
"alles ist eine Gnadengabe Gottes; denn bei Gott ist kein Ding
unmglich."

"Das steht in Matthus", antwortete Kristen Larssen; "aber im Buch der
Richter steht, da der Herr mit Juda war, aber Juda vermochte nicht den
Feind aus dem Tal zu vertreiben, weil der Feind eiserne Wagen hatte!"

Der ehrliche Sren Pedersen erschrak aufs tiefste darber, da der Gott
der Juden die eisernen Wagen nicht besiegen konnte. -- "In einem und
demselben Buch Mosis", fuhr Kristen Larssen fort, "steht ferner
geschrieben: Du sollst nicht tten! -- und gleichzeitig auch, da der
Herr unablssig gebot, zu tten. Also sind da Widersprche."

Das war fr Sren Pedersen etwas ganz Neues, trotzdem er die Bibel
auswendig konnte. Er wollte wissen, wie das zusammenhnge, und verlangte
nun in jeder religisen Versammlung Auskunft darber. Schlielich hatte
er mindestens hundert Widersprche herausgefunden, nach denen er fragte;
es war nicht mehr auszuhalten. Die einen lachten sich halb krank, die
anderen nahmen rgernis daran. Zuletzt wurden er und Aase von den
Zusammenknften ausgeschlossen. "Ich wei nicht, ob ich es Ihnen
erzhlen darf" -- sagte Doktor Kent -- "aber Ihr Schwager hat Sren
Pedersen und Frau Aase eigenhndig hinausgeworfen -- zum Betsaal hinaus!
Sie waren frher als die andern gekommen und wollten nicht gehen. Ihr
Schwager ist sehr stark; aber Sren Pedersen behauptete sich, bis der
Pastor auf den Gedanken kam, erst Aase vorzunehmen, und nun rissen sie
sich um die Frau, als sei sie ein Stck Holz." Kallem und Ragni lachten
ausgelassen. "Ich habe selber einen andern Zusammensto miterlebt", fuhr
Doktor Kent fort. "Der Pastor hielt Prfung ab in der Schule; ich gehre
zur Schulkommission. Sren Pedersen und Frau Aase waren auch da und
allen ahnte Unheil. "Gott kann nicht lgen!" sagte unter anderem der
Pastor. Da stand Sren Pedersen auf: "Es steht geschrieben: Siehe der
Herr hat einen falschen Geist gegeben in aller dieser seiner Propheten
Mund." Wieder wurde Sren Pedersen hinausbefrdert."

Die Landschaft, durch die sie unter solchen schnurrigen Histrchen
fuhren, war eine hochgelegene, frhlingshelle freie Ebene, unterbrochen
von greren oder kleineren Stcken Waldes, oder besser gesagt -- eines
Waldes, der von bebauten Feldern durchzogen war. Die Gehfte stattlich,
die Felder fruchtbar, der Weg fhrte in Windungen abwechselnd durch
Wlder und Felder, ber Hgel und Bche. Steingehege, wo man's am
wenigsten vermutete, und Wege und Stege die Kreuz und die Quer. Wer von
den Prrien Amerikas und dem Flachland Mitteleuropas kam, den mute all
diese Unruhe in gute Laune versetzen. Derselbe flimmernde Sonnenschein
wie gestern, der gleiche krftige Duft von Wiese und Wald -- und dazu
eine Blumenpracht und ein Vogelsang! Da rief der Kuckuck!

Es war kurz vor Johannis mit seiner ppigen Flora. Ragni freute sich
ber den Reichtum ringsumher. Von allen Fchern war ihr Botanik das
liebste, und der Gegensatz zwischen der Flora, die sie studiert hatte,
und dieser hier interessierte sie lebhaft. Sie fragte, ob in vielen
Gegenden Norwegens Berberitze und Akelei wild wchsen? Doktor Kent
meinte, sie mten vor langer Zeit einmal eingefhrt worden sein,
vielleicht von den Mnchen aus dem Kloster drunten.

Als sie aus den Wiesen wieder in einen kleinen Streifen Wald,
grtenteils Tannenwald, kamen, sah sie zum drittenmal Linna; da hielt
es sie nicht lnger im Wagen; alle drei stiegen aus.

Die Linna hatte eben angefangen ihre glockenfrmigen lichtroten Blten
zu ffnen. Ragni und sie begannen sogleich miteinander zu wispern und zu
tuscheln: ach, wenn sie nur einmal miteinander allein sein knnten!
Sechs Jahre lang hatten sie sich nicht mehr gesehen -- nein, sie war ja
im Frhling abgereist -- also sechseinhalb Jahre! Sie hob einige zu sich
empor; und da entdeckte sie auch die =Pyrola uniflora=[2] -- einsam, mit
wehmtig gesenktem Kpfchen. Kallem hatte gerade auch eine gefunden; sie
fragte, wie sie auf norwegisch heie. Er fragte Kent, ob man sie nicht
den "Leuchter des heiligen Olaf" nenne. Er fragte wie ein Apotheker und
erhielt Antwort wie aus einem Herbarium. Ragni verlor sich immer weiter
von den beiden weg. Der Duft, der ihr aus dem Bltenkelch
entgegenstrmte, mahnte sie, weiter vorzudringen; die Blume war ja
gesandt, um sie immer tiefer hineinzulocken. Tiefer hinein und ein
bichen weiter zurck -- fort von den andern. Sie hrte sie plaudern; im
Wald klingt jeder Laut so deutlich; sie hrte ein paar aufgescheuchte
Vgel. Doch jetzt, nur ein Stckchen weiter weg, hrte sie blo noch das
Knistern ihrer eigenen Schritte auf dem Waldboden. Eine einzige kleine
Sauerkleeblte fand sie noch, einen kleinen Nachzgler. Verstimmt lugte
sie aus ihren vielen kleeartigen Blttchen hervor; -- ob sie wute, da
sie ihre Genossen verloren hatte?

"Weiter, weiter!" sagten sie alle; ja, dort hinein lockten sie alle, die
Linnen und die heiligen Leuchter und der Sauerklee; blo deswegen war
der eine, letzte noch zurckgeblieben. Und jetzt war Ragni bei den
Siebensternen[3], die groe Familienzusammenkunft abhielten. Alle
warteten darauf, sie zu sehen; kein Fu noch war hier geschritten in
diesem Jahr. Ragni kniete zwischen ihnen nieder und erzhlte, da sie
von weit, weit hergekommen sei -- erzhlte ohne Worte; die waren unter
ihnen nicht ntig: Tr um Tr hatte sie aufgeschlossen, um in Norwegen
einzudringen; kaum hatte sie die eine geffnet, so lag dahinter eine
andere ... bis Ragni jetzt endlich zu ihnen kam. Gleich, als sie die
Linna sah, wute sie -- jetzt stand sie vor der letzten Tr. Und hier
war das Innerste. All das Groe, Gefahrvolle drauen -- vom Meer an --
all das Mchtige und Bse, das Bunte und Geschftige, all die
Herrlichkeit und all die Schrecken,.. sie wiesen nur tiefer hier herein;
hier herein mssen wir, um zu verstehen, weshalb nicht alles in tausend
Stcke bricht. Ihr hier drinnen, ihr sitzt am Steuer.

"Auch wir haben auf Dich gewartet. Hier ist das innerste Geheimnis." --
"Ach! Sagt es mir!" -- "Gut sein!" -- "Ach ja, ich glaube, das ist auch
das einzige, wozu ich wirklich Anlage habe. Wenn nun aber die andern
nicht -- --?" -- "La die andern sein, wie sie wollen. Du aber sei gut!"

Und sie verstand jetzt, denn sie war ja ins Innerste gedrungen. Sie
verstand jetzt, was das Strkste war. Die Sternblumen.

"Ragni!" rief Kallem aus weiter Ferne; der Wald hallte wieder von seiner
klaren Stimme. "Ja!" -- Ein paar von der Familie wollten gern mit; sie
hob sie zu sich empor. Dann eilte sie wieder dem Wege zu. Am Waldrand
stand eine =Actaea=[4] -- die stand dort, damit sie ihr den Weg ins
Innere htte weisen knnen, falls sie hier ausgestiegen wre. Jetzt
wollte sie mit. Und dicht am Weg stand ein Busch und darunter,
wohlverborgen, eine ganze Gesellschaft Maiglckchen; wo hatte sie nur
ihre Augen gehabt? Sie wuten, woher sie kam; auch sie waren als Wachen
ausgestellt, um ihr den Weg ins Innere zu zeigen. Sobald sie einander
sahen, verstanden sie sich. Das ist so bei allen, die "von einem Stamme
sind". Einige wollten mit.

"Ragni!" rief Kallem. "Ja, ja!" Und sie trat auf den Fahrweg hinaus.
Jetzt sah sie, wie weit zurck sie war. Die beiden Mnner standen am
Wagen und unterhielten sich; sie waren ganz oben auf der Hhe. Die
schlanke Gestalt Kallems und die kleine, schmchtige Figur des Doktors
hoben sich scharf ab. Beide hatten alle Hnde voll. Sie kam eilig heran
und hrte schon von weitem Kallem Vortrag halten ber einen jungen
Sturmhut, den er in der Hand hielt und hin und herschwenkte; er gab, auf
Deutsch, die begeisterten Worte eines deutschen Botanikers ber diese
prachtvolle Giftpflanze wieder, die er in Norwegen gefunden hatte.
Doktor Kent berreichte ihr liebenswrdig eine =Pelygala amara=[5]; er
wute, da ihr, die von Amerika kam, diese blaue Blume neu war. Sie
bedankte sich herzlich. Sie stiegen in den Wagen und fingen gleich an,
ihre Ausbeute zu ordnen. Die Herren baten Ragni, sich auszusuchen, was
ihr gefiel. Sie kamen von einem kleinen Moor; Kent hatte die Blte einer
Moortanne im Knopfloch stecken; sie hatten berhaupt alles mitgenommen,
sogar ein Schmerkraut. -- "Das Raubtier!" sagte Ragni. Das wollte sie
nicht haben; es sei auch so "schmierig"! -- "Du bist doch in allem
sthetiker!" bemerkte Kallem. Sie warf ihm einen gewrzten Blick zu,
etwa wie der Duft ihrer Linnen. "Ist Ihnen aufgefallen, da wir ganz
allein unterwegs sind?" fragte Doktor Kent. Er erzhlte, alle Leute
seien in der Kirche: der alte Meek halte heute, an seinem
fnfzigjhrigen Jubilum, seine Abschiedspredigt. Mit zwanzig Jahren war
er bei seinem Vater Vikar gewesen -- wie das damals so Sitte war -- und
hatte nach ihm das Amt geerbt. Jetzt war er siebzig, und wollte mit
seiner Enkelin eine Reise ins Ausland unternehmen! -- "Also ein rstiger
Herr?" -- "Ja, und lebt gesund. Immer unterwegs, und immer zu Fu. Er
war unser Zwischenhndler." -- "Zwischenhndler?" -- "Nun ja, jeder
Bezirk hier hat so eine Art Vermittler zwischen Wissenschaft und
Praxis. Ihm hat die Gemeinde viel von ihrem Wohlstande zu verdanken, und
durch die eine Gemeinde auch die andern." -- "Er ist also beliebt?" --
"Er ist der beliebteste Mann weit und breit in der ganzen Umgegend." --
"Wie ist er denn auf der Kanzel?" -- "Na ja, er hat fnfzig Jahre lang
von seiner Kanzel herunter Geschichtchen erzhlt. Seinerzeit wurde viel
darber gespottet; manche fanden es auch profan; aber jetzt machen es
ihm verschiedene nach." -- "Was fr Geschichten denn?" -- Also -- die
letzte, die Kent gehrt hatte, handelte von einer Frau in St. Louis in
Amerika, die dreiig Jahre lang im Gefngnis gesessen hatte und trotz
ihrer siebzig Jahre noch immer die unbotmigste Gefangene war. Da
sollten die Gefangenen in ein anderes Haus berfhrt werden, dessen
Vorsteherin Qukerin war. Die Alte wollte sich nicht wegschaffen lassen;
sie setzte sich aus Leibeskrften zur Wehr, so da man sie binden und
auf einem Stuhl forttragen mute. Als sie mit ihr ankamen, stand die
Leiterin des Gefngnisses in der Tr und nahm das rasende Weib in
Empfang. "Bindet sie los!" sagte sie. -- "Aber wird das auch gehen?" --
"Bindet sie los!" Man tat es. Sobald die Alte frei war, beugte ihre neue
Oberin sich ber sie, umarmte sie und gab ihr einen Willkommenku, wie
eine Schwester der Schwester. Da fiel die alte Frau auf die Knie und
sagte: "Kannst Du wirklich glauben, da an mir noch was Gutes ist?" Und
von Stund an gehorchte sie ihr.

Jetzt stiegen Kallem und Kent aus; sie bogen in einen Bauernhof ein, der
ein Stck oberhalb des Weges lag. Vor der Altane sprang ein groer
schwarzer Hund auf; er sah den Wagen und bellte ihn an, aber blo ein
paarmal; dann lief er den beiden einige Schritte entgegen, beschnupperte
sie, lief zurck und legte sich wieder.

Sonst war niemand zu sehen. Der Junge lenkte die Pferde um und fuhr ein
bichen zur Seite. Die beiden rzte gingen zu dem Kranken hinein, Ragni
wanderte auf dem Hof auf und ab. Durch das Fenster sah sie einen Alten
im Bett liegen; seine Frau sa neben ihm; sie sang mit zitteriger Stimme
dem Kranken etwas vor und fuhr auch, als die Tr sich hinter ihr
ffnete, ruhig fort.

Ragni sah sich auf dem Hof um; dann setzte sie sich auf die
Scheunentreppe.

Nichts, was in uns alles so in Stille einwiegen knnte, wie ein ruhender
Bauernhof! Nicht der Wald, denn irgendwo raschelt und raunt es da immer;
man mu lauschen oder Umschau halten; nicht das Meer, selbst wenn es
schweigt; vllig in Frieden ist es nie. Nicht die Wiese; denn da wimmelt
es von Leben. Und so berall. Aber in einem abgeschlossenen Bauernhof
--. Das Hhnervolk umpickt und umgackert dich so anheimelnd, der Hund
liegt ganz still und die Katze geht ein paar Schritte, und bleibt
stehen, und geht wieder ein paar Schritte; die Pflugschar lehnt neben
der Egge, der Schleifstein ist trocken, die Wagen lassen die Deichsel
hngen, die Gesindeglocke schweigt; alles, was sonst da lebt, ruht wie
du; und was sich etwa noch regt, erhht nur den Frieden. Das Schwein,
das du ganz dort hinten whlen siehst, ist nur mit sich selber
beschftigt; das Pferd, das kaut und die Fliegen wegwedelt, kennt nur
sein eigenes Behagen; die Vgel, die kommen und dich gren, tragen dir
die Sorglosigkeit zu, die in allem Frieden liegt.

Doch mitten in der Ruhe scho in Ragni wieder die Angst auf, die sie
seit der Begegnung mit Josefine verfolgte. War etwas in ihrem eigenen
Gewissen, das sie anklagte? Nein, und tausendmal nein! Nicht einmal die
Kinder ihrer Schwester? -- Nein! Denn unter solchen Verhltnissen htte
sie nicht einmal denen etwas sein knnen. Also, was denn? Was hatte sie
getan? Ihn geliebt. Weshalb sollte sie das nicht drfen?

Die Stille war weg. Ragni ging hinter den Hofgebuden herum, und da fand
sie zwei Arten =Orobus=[6], nicht weit voneinander -- erst drauen auf
der Wiese die Vogelerbse, und dann noch eine andere Art im Gebsch; auf
den Namen der letzteren konnte sie sich nicht besinnen. Als sie
zurckging, fand sie einen prchtigen Hahnenkamm und eine dritte Art
Veilchen; zwei hatten die andern ihr schon gegeben. War das eine Flora!
Und da! Da wieder! Die entzckendste Veronica; o weh, die Krone fiel ab;
aber da ist wieder eine; die hlt. Spter hrte sie, da in dieser
Gegend die sprde Blume auch "Mnnertreu" genannt wurde.

Und jetzt wieder auf den Hof. Durch die Fenster sah sie, wie Kallem,
tief ber den Kranken gebckt, dessen Brust behorchte. Bald darauf kam
Kent heraus, neben ihm die alte Frau. Er schrie, so laut er konnte, aber
sie schien trotzdem fast nichts zu verstehen. Jetzt stand Kallems hohe
Gestalt in der Tr; er kam auf sie zu. Wie sie ihn liebte!

       *       *       *       *       *

Nachmittags saen sie zusammen in dem nach Sdosten gelegenen
Arbeitszimmer des Doktors. Bis auf die Bcher war jetzt alles in
Ordnung. Sren Pedersen kam, begleitet von Aase, zur Ezimmertr herein;
er pfiffig, sie verschchtert. Eben kmen der Herr Pastor und seine Frau
durch den Garten.

Kallem sah, wie Ragni bleich wurde. In Gegenwart der beiden begngte er
sich damit, frischweg zu sagen: "Komm, Ragni!" und ging dann ins
Verandazimmer und von dort auf den Korridor, um die Gste zu empfangen.

Die Begrung war steif. Der Pastor bat, die ungelegene Besuchszeit zu
entschuldigen; ihm passe es so am besten, da er gerade vom
Abendgottesdienst komme. Sie htten berhaupt blo anfragen wollen, ob
Schwager und Schwgerin nicht heute bei ihnen zu Abend essen wollten?
Sonntags sei ja ein Geistlicher erst abends so recht sein eigener Herr.
-- Die Stimme hatte noch etwas von dem feierlichen Predigerton, und
Gesicht und Wesen trugen einen Abglanz der Kirche. Josefine stand ganz
still und sah sich im Zimmer um; und bald ging auch der Pastor dazu
ber.

Er fand es "zu gemtlich" hier! Der Flgel war ein "Prachtstck".
Whrend sie ihn betrachteten, wandte sich Josefine zu Ragni; es waren
die ersten Worte, die sie sprach: "Sie spielen ja so schn?" -- "O-- --"
-- n"Wollen Sie uns nicht etwas vorspielen?" Und der Pastor fgte hinzu:
"Ach ja, bitte!"

Ragni sah ihren Mann an -- wie ein Ertrinkender, der nach Hilfe
ausschaut. "Ragni mu in Stimmung sein, um spielen zu knnen!" sagte er.
"Natrlich -- Sie werden mde sein!" entschuldigte der Pastor. Man
setzte sich; Kallem und der Pastor einander gegenber, Josefine ein
bichen abseits; Ragni blieb stehen.

"Natrlich -- Ihr mt beide mde sein!" fuhr der Pastor fort. "Die
lange Reise -- -- und jetzt das ganze Einrichten hier! Wie ich von
Doktor Kent hre, seid Ihr bald fertig?" -- Ja. Sie htten aber auch
eine ganz ausgezeichnete Hilfe gehabt an Sren Pedersen und seiner Frau.
Ragni frchtete auf einmal, die beiden knnten noch im Ezimmer sein und
lief hinein; nein, sie waren fort. Auch im Zimmer des Doktors waren sie
nicht.

Das Gesicht des Pastors hatte einen ganz eigenen vterlichen Ausdruck
angenommen. "Wir haben Sren Pedersen und seine Frau fr Euch nehmen
mssen, weil sonst niemand zu haben war. Aber eigentlich mte man
solchen Leuten berhaupt keine Arbeit geben." -- "So?" - "Tchtige
Arbeiter; aber sie vertrinken alles, was sie verdienen, und bleiben
tagelang von der Arbeit weg, wie auch hier. Sie erregen groes rgernis
in der Gemeinde." -- "Alle Wetter!" Ragni strich dicht an Kallem vorbei
und fuhr ihm leicht mit der Hand ber den Kopf; sie tat, als wolle sie
etwas vom Flgel holen. Der Pastor lie sich durch den leichtfertigen
Ton des Doktors nicht abschrecken. "Wir haben alles versucht bei den
beiden, was wir nur konnten -- sie trinkt geradeso wie er. Ihr wrdet
Euch wundern, wenn Ihr wtet, wie gut alle Leute gegen sie gewesen
sind. Aber alles vergebens -- ja, schlimmer als vergebens! Nun, ich will
nicht nher auf die Sache eingehen." Und er blickte hinber zu seiner
Frau, die in ihrem enganschlieenden Kleid dasa, kraftvoll,
undurchdringlich, aus einem Gu und tadellos vom Scheitel bis zur Sohle.
Die Augen mit dem wohlgeschulten Blick, der alles sieht, ohne bestimmtes
eigentliches "Sehen". Kallem wre am liebsten aufgesprungen und htte
sie angeschrien. Aber Ragni stand, im Hintergrund, unbemerkt von den
andern, ihm gerade gegenber.

"Zu dumm," sagte er, "da der alte Doktor ein Haus dicht neben das
Krankenhaus gebaut hat. Da man fremde Menschen immer so dicht auf dem
Leibe haben mu!" -- "Der Alte hat es fr seinen Schwager gebaut. Und
nun ist der auch tot." -- "Ja, das hab' ich gehrt. Wenn ich in der Lage
wre, noch mehr Geld in Huser zu stecken, so wrd' ich es kaufen,
trotzdem ich keine Verwendung dafr habe." Josefine wandte sich kaum
merkbar um, vermutlich um zu sehen, ob Ragni noch da war. "Ich glaube
nicht, da es zu verkaufen ist!" sagte sie. "Ich kenne die Erben." Eine
Weile war es still.

Der Pastor schlug ein neues Thema an. Er hatte heut vormittag im
"Morgenblatt" einen Artikel ber die Unsicherheit der amerikanischen
Verhltnisse im einzelnen und allgemeinen gelesen. Er sprach wie einer,
der die Sache kennt, und wandte sich dabei stets an seine Frau. Wenn er
einmal jemand anders ansah -- wie eben Ragni, die ja aus Amerika kam --
so war das nur vorbergehend; gleich wandte er sich wieder seiner Frau
zu.

Pastor Tuft war ein recht stattlicher, hbscher Mann, besonders seit
eine gewisse Behbigkeit den knochigen Untergrund des Gesichts
ausgefllt hatte; die Stimme klang frisch, und die Melanchthonaugen
strahlten warm in alles, was er sagte. Seine Worte und sein ganzes
Auftreten hatten etwas Mildberredendes; aber man fhlte hinter der
Milde die Kraft!

Ganz unerwartet machte Josefine eine aufwrtsdeutende Bewegung mit dem
Kopf. "Ja, natrlich, es ist Zeit, da wir gehen!" sagte Tuft und stand
auf. "Ich verschwatze mich immer. -- Also, Ihr kommt mit, nicht?"
Josefine stand auf, und ebenso Kallem. Aber der hatte auch noch eine
Frau, die ihm Blicke zuwarf -- graue -- und sehr weiche. "Danke! Aber
wir sind zu mde. Ein andermal!"

Damit geleiteten sie die beiden hinaus. Kallem trat dann ans Fenster und
sah ihnen nach, wie sie hoch und stattlich davonschritten. Bald lag die
Kirche hinter ihnen. Alle Vorbergehenden grten ehrerbietig. Als sie
schon nicht mehr zu sehen waren, stand er noch da. Dann schlenderte er
ein paarmal durchs Zimmer und schlug pltzlich einen Purzelbaum. "Du,
hol mir doch Sren Pedersen und Frau Aase!" und gleich darauf war er
drauen, um sie zu suchen. Aber sie waren nirgends zu finden. Sigrid
berichtete, sie seien gleich gegangen, als Pastors erschienen.
"Schockschwerenot! Pass' auf, jetzt trinken sie sich einen an! Lauf
schnell und lade sie zum Nachtessen ein! Sag' ihnen, wir seien allein!"
Das Mdchen rannte davon. "La nicht locker!" rief Kallem ihr nach. "Ob
sie wollen oder nicht!"

"Hren Sie mal, Herr Sattlermeister!" sagte der Doktor, als die beiden
wieder im Wohnzimmer standen, sie natrlich hinter ihm -- "Hren Sie
mal, der Herr Pastor sagt, Sie trinken, Sie und Ihre Frau, und er habe
Sie nicht davon abbringen knnen?" -- "Da sagt der Herr Pastor blo, was
wahr ist." -- "Aber das ist eine bse Krankheit, Pedersen!" -- "O ja --
hinterher!" -- "Wollen Sie es mir berlassen, Sie zu kurieren?" -- "I,
warum denn nicht, Herr Doktor! Aber im Ernst -- es wird lange dauern."
-- "Zwei Minuten." -- "Zwei Minuten?" Er lchelte. Aber bevor er
ausgelchelt hatte, hatte Kallem ihn schon in der Gewalt seiner Augen,
die einen mchtigen, verwirrenden Ausdruck haben konnten. Der Sattler
wechselte die Farbe und wich zurck. Der Doktor ging ihm nach und hie
ihn sich setzen. Er gehorchte augenblicklich. "Sehen Sie mich an!" Aase
wurde es fast bel. "Sie setzen sich ebenfalls!" sagte der Doktor ber
die Achsel zu ihr, und wie hingeweht sa sie auf einem Stuhl. Der Doktor
hatte gestern sofort erkannt, wen er da vor sich hatte; es dauerte keine
zwei Minuten, so war Sren Pedersen weg und ebenso Frau Aase, trotzdem
diese nur zugesehen hatte. Der Doktor befahl ihnen, die Augen wieder zu
ffnen; beide gehorchten sofort. "Nun hren Sie mich an, Pedersen: von
jetzt ab hren Sie auf, Branntwein oder Spiritus in irgendwelcher Form
zu trinken; auch keinen Wein, kein starkes Bier --_einen_ -- _einen ganzen_
Monat lang! Hren Sie? Wenn der Monat vorbei ist -- es ist jetzt halb
sieben --so kommen Sie wieder hierher -- auf die Minute!"

"Und Sie auch, Aase. So oft er trinken will, schreien Sie. Und hinterher
singt Ihr beide." -- "Wir knnen nicht singen." -- "Einerlei? Ihr
singt!"


4

Josefine verlie die Stadt. Sie nahm ihren Jungen mit nach der
Westkste, wo er Seebder nehmen sollte. Der Pastor wollte etwas spter
nachkommen; er hatte, seit er Pastor war, noch keinen Urlaub gehabt.
Gleich nach dem Examen war er als Hilfsprediger hierher gekommen und
hatte das Zutrauen der Gemeinde in so hohem Mae gewonnen, da sie, als
vor zwei Jahren die Stadt aus der Dizese ausgepfarrt wurde, einstimmig
um seine Berufung einkam; und er erhielt das Amt. Fast sechs Jahre lang
hatte er nun streng gearbeitet und konnte ein paar Wochen Ferien wohl
gebrauchen. Josefine ging eines Tages zu ihrem Bruder hinauf, als er
nicht zu Hause war, erzhlte Ragni, da sie verreise, verabschiedete
sich und bat, den Bruder zu gren.

Ragni war sich sofort klar darber, da diese Reise nur ein Vorwand war,
um sie nicht in die Gesellschaft einfhren zu mssen; sie wollten nicht
fr sie eintreten. Zu Kallem, der weniger mitrauisch war, sagte sie
jedoch nichts davon. Er verga bald die ganze Geschichte; denn er hatte
ungeheuer viel zu tun. Doktor Kent wollte ins Ausland, und Kallem mute
seine Praxis bernehmen zum Dank dafr, da Kent vor Kallems Ankunft das
Krankenhaus beaufsichtigt hatte. Der dritte Arzt am Ort war ein junger
Militrarzt und augenblicklich bei den bungen. Er hie Arentz und
zeichnete sich durch beraus breite, tadellos geplttete Vorhemden aus.
Kallem erkannte in seinem korrekten Wissen Wort fr Wort das Lehrbuch
wieder -- er mute sich anfangs Mhe geben, ihn nicht "Niemeyer"[7] zu
nennen; aber er mochte ihn seiner unbedingten Ehrenhaftigkeit wegen gern
leiden. Da das Herumliegen auf Landwegen und Straen Kallem unertrglich
wurde, dachte er daran, Arentz zum Assistenten zu nehmen; wollte er
selber ein freier Mann sein, so mute er sich anders einrichten.

Ragni sah ihn nur mittags das Essen hinunterschlingen und spt abends
heimkommen. Vielleicht sa er einmal ein Weilchen bei ihr auf der
Veranda, oder ging im Garten umher und half ihr, wenn sie gerade bei der
Arbeit war; aber selten. Er mute wieder hinein, zu seinen Bchern.
Anders gestaltete es sich, als sein Kollege wieder zurckkam; er
glaubte, die versumte Zeit nachholen zu mssen und fortan sa er
bestndig im Laboratorium oder in seinem Arbeitszimmer. Schlielich
siedelte auch Ragni dahin ber; sie bekam ihren eigenen Stuhl und ihre
eigenen Bcherfcher; das Studierzimmer wurde zur Wohnstube.

Stundenlang lasen sie, jedes fr sich, und wechselten kaum zehn Worte.
Er versenkte sich immer mehr in ein langes, einsames Studium und ahnte
nicht, was fr einen Eindruck es machte, wenn er sich in einer Pause
aufs Sofa warf, so lang er war, und sie ansah, ohne ein Wort zu reden,
oder -- wie es meist der Fall war -- am Fenster stand und hinausstarrte.
Kam er ins Zimmer zurck, so war es nur, um sich wieder ans Fenster zu
begeben. Er behauptete, nirgends knne er so gut denken, wie da; das
habe er von seinem Vater.

An seinem Heim hatte er eine groe Freude; selten kam er nach Hause,
ohne es zu rhmen, und dann wanderte er umher, sorglos und munter wie
eine Schwalbe. Nach Tisch hrte er gern Musik, doch achtete er nicht
immer darauf, was sie spielte.

Und sie? Von Tag zu Tag fhlte sie sich inniger in Wesen und Dinge ihres
Heims ein. Ihn nannte sie wieder ihren "weien Pascha", den Flgel "das
Mrchen". "Jetzt ein Mrchen!" sagte sie, wenn sie spielen wollte, und
gewhnte es ihm ebenfalls an. Das Schlafzimmer nannte sie "zwischen den
Sternen", die Tauben, die sie zu Pfingsten bekommen hatte, "meine
Pfingstlilien", Sigrid "die Siebenarmige". Wenn sie und Kallem im
Arbeitszimmer saen und lasen, hatte sie das Gefhl, als segelten sie
beide fort, jedes in seinem Boot, jedes nach seinem Land. "Wollen wir
jetzt hinein und segeln?" sagte sie.

Er kannte dies Bedrfnis nach Bildern aus ihren amerikanischen Briefen.
"Wir arbeiten uns jeder von einem Ende eines Welttunnels langsam
zueinander hin", schrieb sie; und auf dies Bild vom Tunnel kam sie immer
wieder zurck; zuletzt "waren sie einander so nahe, da sie ihn sprechen
hren konnte." Von den Dampfern, die "droben, ber ihnen, aneinander
vorbeischwammen mit ihren Briefen", schrieb sie: "die Sehnsucht des
einen zieht und die des andern schiebt nach."

Eines Abends auf der Veranda -- es regnete, aber sie selber saen
trocken unter dem vorstehenden Dach -- sagte sie: "Solche Huser mten
einen Kopf haben." -- "Einen Kopf?" -- "Ja, zwischen den Flgeln, wie
jedes andere brave Huhn." -- "Ach, so meinst Du's!" -- "Ich habe immer
das Gefhl, als se ich unter Flgeln und wrde bebrtet." -- "Sag'
mal, wie kommt es, da Du in Deiner Kindheit nicht in den Bildern der
Bibel heimisch geworden bist?" -- "Weil ich einen Vater hatte, der mir,
als ich zehn Jahr alt war, vom Ursprung der Arten erzhlte; Pflanzen,
Tiere und Menschen wurden zu _einer_ Familie. Das war so etwas fr mich.
Als ich dann einen Stiefvater bekam, der Geistlicher war und behauptete,
Erde und Menschen seien gleich bei der Erschaffung vollkommen gewesen
und alles sei nur um der Menschen willen da, da glaubte ich das nicht.
Auerdem war mein Vater ein stiller, krnklicher Mann, den ich lieb
hatte, und mein Stiefvater ein starker, jhzorniger Mensch, den ich
frchtete."

Kallem fragte, ob sie ihm nicht einmal ihre Kindheit und Entwicklung
schildern wolle. Aber darauf antwortete sie bestimmt: "Nein!"

       *       *       *       *       *

Kristen Larssen arbeitete hin und wieder beim Doktor, -- so bei der
Einrichtung des Laboratoriums, des Ventilationsapparates usw. Mit einem
schweigsameren, mitrauischeren Menschen hatte Kallem es noch nie zu tun
gehabt, aber auch noch nie mit einem klgeren. Eines Sonntags, Anfang
August, kam er herauf, in seinem hchsten Staat -- einem langschigen,
braunen Rock mit auerordentlich engen rmeln, einer karierten, zu
kurzen Weste und einer grauen Hose von sogenanntem englischen Leder.
Alltags trug er meist keine Kopfbedeckung; Sonntags, wenn er Staat
machen wollte, trug er den Hut in der Hand; er konnte nichts auf dem
Kopf ertragen, wenn es nicht ganz besonders kalt war. Jetzt stand er da
im Studierzimmer, lang, hager, kurzgeschoren, reingewaschen, mit
schwarzen Bartstoppeln. Das einzige halbwegs Freundliche an der ganzen
Erscheinung war der ber ein rotgewrfeltes Halstuch heruntergeklappte
weie Hemdenbund. Der Doktor bat ihn, Platz zu nehmen und fragte, was
ihm fehle. Als Antwort kam erst ein forschender Blick, dann die
Erklrung, er habe ja gar nicht gesagt, da ihm etwas fehle.

Kallem merkte, da es Larssen nach dieser Antwort nicht leicht fallen
wrde, mit seinem Anliegen herauszurcken; aber er dachte: Geschieht dir
ganz recht!

Na ja, endlich sagte er denn, er wisse, die "Frau Doktern" sei fnf oder
sechs Jahre in Amerika gewesen; ob sie ihm vielleicht ein paar englische
Bcher leihen knne? Vielleicht wrde sie ihm auch sagen, wie er sich am
besten weiterhelfen knne; er habe auf eigene Hand ein bichen Englisch
gelernt.

Ob er denn ans Auswandern denke? -- Ja, knnte schon sein; "aber
hinbergehen, und drben auch fr die Norweger schuften ... dazu hab'
ich keine Lust." -- "Wie alt sind Sie?" -- "O, so reichlich an die
Vierzig!" Er sah aus, als sei er schon fnfzig. "Da fllt mir ein,
Larssen, -- meine Frau wird Sie sicher gern Englisch lehren, etwa
abends." Nein, das wollte er unter gar keinen Umstnden. Aber Kallem
machte ihm begreiflich, da man die Aussprache nur durch mndlichen
Unterricht lernen knne. Im selben Augenblick kam Ragni herein, und der
Doktor erklrte ihr, da fr Kristen Larssen die englische Sprache
gleichbedeutend sei mit einem paar Flgel. Erst wurde sie ein bichen
rot; es war keineswegs die einzige unangenehme Aufgabe, die Kallem ihr
aufbrdete; er schien wirklich der Ansicht zu sein, sie habe nicht genug
zu tun. Sie selber war der Ansicht, da sie gern mglichst frei sein
wollte. Aber whrend sie so stand und Kristen Larssen ansah, und daran
dachte, wie Kallem gesagt hatte, er habe noch nie einen klgeren
Menschen getroffen, wurde sie von Mitleid erfat. Eben vertiefte er sich
in ein englisches Buch; er verstand zur Not, wovon es handelte. Und da
erbot sie sich nicht nur, ihm zu helfen, sie ntigte ihm ihre Hilfe
geradezu auf. Schon am selben Nachmittag um fnf Uhr kam er, und sie
saen zusammen am Tisch und buchstabierten sich durch einen leichten
Text durch. Kallem kam nach Hause und sah die beiden Kpfe ber dasselbe
Buch gebeugt, der eine lang, dunkel und eckig, der andere klein,
feingeformt, rtlich; ein eiskaltes, dunkles Gesicht, durchfurcht,
verkniffen -- ein warmes Frhlingsauge, eine blendende Haut, eine
sonnige Laune. Sie hielt ihr Taschentuch vor den Mund und mute sich
offenbar zwingen, neben ihm zu sitzen. Kallem erinnerte sich jetzt, da
auch ihm schon Kristen Larssens unangenehmer Atem aufgefallen war. Er
sorgte sogleich dafr, da sie zwei Bcher bekamen und da jedes an
einer Seite des Tisches sa. Sobald sie konnte, machte sie sich davon.
Um das wieder gut zu machen, lud Kallem Larssen zum Abendessen ein und
versuchte, ihn zum Auftauen zu bringen; aber als er ging, war er noch
ebenso kalt und vorsichtig wie beim Kommen. Jetzt begann dieser Mann ihn
zu beschftigen. Was in aller Welt war das fr ein Mensch, und wie war
er so geworden?

Bei Gelegenheit suchte er ihn unter einem Vorwand in seinem Hause auf.
Hier traf er die Frau, ein mageres, drres Frauenzimmer, dessen Kopf
dicht in ein groes Tuch eingewickelt war; was der Mann zu wenig auf dem
Kopf hatte, das hatte sie zu viel. Kein Kind. Kein Feuer auf dem Herd;
sie koche immer gleich auf mehrere Tage, sagte sie. Vorsichtig und
mitrauisch ging sie ab und zu und strickte. Kallem dachte sich, sie
mten wohl bereingekommen sein, so drftig zu leben, damit sie fr die
Reise zurcklegen konnten. Nur um einen Vorwand zu haben, hatte er einen
Revolver mitgenommen, der nicht richtig funktionierte; die Waffe lag in
einem Kasten, und er hatte den ganzen Kasten mitgenommen, dachte aber
jetzt erst daran, da auch die Munition darin lag. Er zeigte es ihr.
"Ach, bei uns liegt viel solches Zeugs herum!" sagte sie und nahm den
Revolver ohne eine Spur von Furcht in die Hand. "Der ist aber fein!" Und
sie legte ihn in den Kasten zurck, schlo ihn zu und stellte ihn auf
ein Wandbrett ber der Werkzeugbank des Mannes. Brett und Bank lagen
voll Sachen zum Reparieren; "er hat jetzt zu viel auer dem Haus zu
tun," sagte sie, "das Kleinzeug da mu warten!" Der eine Raum diente
als Werkstatt, Kche und Schlafstube. Eine Uhr an der Wand, ein Tisch,
ein Bett, eine Schlafbank, drei hlzerne Sthle; sonst alles kahl; und
berall ein scharfer, bler Geruch.

Den Rckweg nahm er am Sattlerladen von Sren Pedersen vorbei, dem er
bei der Etablierung eines Geschfts geholfen hatte, das recht gut ging.
Da stand Kristen Larssen; in der einen Hand hielt er ein Glas, in der
andern eine Flasche, und Sren Pedersen und seine Frau schrien oder
sangen Glas und Flasche an; es klang wie ein langgezogenes, klgliches
Hundegeheul. Kristen Larssen lachte -- ein Lachen, wie es nur aus den
tiefsten Tiefen des Menschen kommt. Eine breite Seligkeit lag in diesem
weitaufgerissenen Maul -- die innerste Offenbarung eines bosheitsvollen
Herzens, das wildeste Freudenhalleluja des Entdeckers. Vielleicht auch
ein Interesse fr die beiden -- wer wei? Ob er das Tag fr Tag so
trieb?

       *       *       *       *       *

Das Talent Kallems, andere in Arbeit zu setzen, sollte Ragni noch in
hherem Grade kennen lernen.

In einer kleineren Gesellschaft bei Doktor Kent sollten sie den alten
Pastor Meek und seine Enkelin, Tilla Kraby, kennen lernen; die beiden
waren von ihrer Reise ins Ausland zurckgekehrt, wollten aber bald
wieder von hier weg. Whrend ihres kurzen und wahrscheinlich letzten
Aufenthalts in der Gegend wurden sie sehr gefeiert; auch diese
Gesellschaft wurde ihnen zu Ehren gegeben, und Kallem und seine Frau,
die sonst ganz zurckgezogen lebten, gingen heute nur hin, um sie doch
wenigstens einmal gesehen zu haben. Die Ehrengste lieen auf sich
warten; und unterdessen wurde Ragni eine ungewhnlich starke Dame
vorgestellt, kaum dreiig, lebhaft und hbsch; gleich ihre ersten Worte
jagten der jungen Frau einen Schreck ein. "Ich wei nicht, ob es Ihnen
unangenehm ist," sagte sie -- -- "ich bin nmlich die Schwester von
Sren Kule." Als sie Ragnis tiefe Verlegenheit bemerkte, zog sie sie
schnell beiseite: "Denken Sie nur ja nicht, da ich es nicht ganz genau
ebenso gemacht htte, wie Sie!" flsterte sie. "Noch dazu, wenn man
einen Mann findet, wie Ihren!" -- -- und sie drckte Ragnis Arm. Sie war
sehr gewandt und fesch und hatte keine Ahnung, wie sie das feine
Geschpf peinigte, das sie da am Arm hielt. Schon da ihr Gesicht und
ihre Figur von der "Walfischart" waren, war ja genug; Ragni kannte das
alles so gut -- bis auf die eigentmliche Bewegung der "Flossen"; sie
mute an Tran denken. Jetzt sah man den alten Pastor Meek und seine
Enkelin eintreten; der Gastgeber und seine Schwester -- Dr. Kent war
nicht verheiratet -- gingen ihnen entgegen -- auch die brigen fast
alle. Zwischen das "Guten Tag!" und "Willkommen!" der Vordersten klang
das: "Nein! wie prchtig er aussieht!" und "Was diese Tilla fr Reisen
macht!" der Fernerstehenden. Und whrend der ganzen Szene fragten Kallem
und Ragni sich, wem die beiden hnlich shen; diese Gesichter hatten sie
schon irgendwo erblickt.

Pastor Meek war ber mittelgro, breitschulterig, ein bichen
wohlbeleibt. Den Kopf, der breit und leuchtend war, trug er stark
zurckgeworfen; dichtes, weies Haar umrahmte das Gesicht. "Jetzt wei
ich's!" flsterte Ragni. "Sie mssen verwandt sein mit dem jungen
Menschen, dem wir am ersten Tag begegnet sind. Du weit doch -- der so
schn war?" -- "Ja, richtig! Dasselbe gewlbte Antlitz! Man knnte
glauben, sie gehrten zu den Bourbonen." -- Der Alte dankte fr die
Willkommgre mit einer tiefen, wohlklingenden, langsamen Stimme. Die
Augen waren nicht unbefangen -- eher forschend und resigniert. Kein
Eindruck von Sicherheit, wohl aber von groem Wohlwollen und von
Nachdenklichkeit. Jedesmal, wenn einer der hheren Beamten ihn anredete,
kam etwas altmodisch Zeremonielles, Reserviertes ber ihn. Der "neue
Doktor" wurde vorgestellt, und Frau Lili Bing sagte, wie aus einer
inneren Eingebung heraus zu Ragni: "Sie beide mssen zueinander passen!
Darf ich vorstellen: Frau Kallem -- Frulein Kraby." Ein bichen
schchtern begrten sie einander und sprachen bald darauf von dem
jungen Mann, der ihr so hnlich sah. Es war ihr Vetter, und er war sehr
musikalisch. Dadurch kamen sie auf Musik zu sprechen und gingen den
ganzen Abend berhaupt nicht mehr voneinander.

Selten -- ja, Kallem ausgenommen, vielleicht niemals -- hatte Ragni
jemand gefunden, zu dem sie sich gleich so hingezogen gefhlt hatte.
Dies stille und zugleich so lebhafte blonde Wesen hatte eine so
liebenswrdige Art, und alles, was sie sagte, war so ganz ihr eigenstes
Denken. Und in wenigen Tagen verlie sie die Stadt fr immer! Es gab
ihrem Zusammensein einen eigenen, wehmtigen Reiz, da sie sich heute
wahrscheinlich zum ersten- und letztenmal sahen. Es bewirkte auch, da
Ragni spter, als der Gastgeber sie in seiner schalkhaften Weise bat,
etwas zu spielen, gleich bereit war. Sie wollte der neuen Freundin
soviel von sich geben, als sie konnte.

"Bitte," flsterte sie ihr zu, "stellen Sie sich so, da ich ein
vertrautes Gesicht vor mir habe!" Dann stimmte sie "Solvejgs Lied" aus
"Peer Gynt" an. Man hatte ein Bravourstck erwartet, nicht ein einfaches
Lied; aber als sie es auf dem Flgel zu Ende "gesungen" hatte, waren
alle so hingerissen, da der Brgermeister, der bei solchen
Gelegenheiten gern das groe Wort fhrte, um Wiederholung bat. Sie
spielte es noch einmal. Darnach den unvergleichlichen, humpelnden
Gnomenmarsch aus derselben Suite; und gleich darauf Seimers
"Kinderspiel" -- der feinste, anmutigste Gegensatz. Sie spielte es mit
derselben tiefeindringenden Interpretation des kleinsten Details. Dann
eine Weise von Sinding -- im alten Stil -- jeder Ton ein Wort fr sich;
dann eine heitere, kernfrische Melodie von Svendsen; zum Schlu den
Festmarsch von Seimers. Heute hatte sie keine Angst; ihre Augen
wanderten mit reicher Botschaft zu Tilla, von ihr zu den anderen -- --
reine Mrchenbotschaft! Die Gesellschaft war ganz hingerissen; der
Brgermeister wanderte durch die Zimmer wie eine schmetternde Trompete.
Der alte Meek kam voll altfrnkischer Ehrerbietung; "Grovater ist so
musikalisch!" flsterte Tilla.

Eine Stunde darauf verabschiedete sich der alte Meek; er blieb nie
lnger in Gesellschaft. Seine Enkelin begleitete ihn; Kallem und Ragni
schlossen sich an.

Der Abend war milde, trotzdem es Ende August war, Tage, an denen die
bergnge in der Temperatur nach Sonnenuntergang meist schroff sind;
immerhin nicht so mild, da Sommermntel und berzieher berflssig
gewesen wren. berall Spaziergnger. Als man beim Doktorhaus angelangt
war, fragte Ragni, die sonst so zurckhaltend war, ob sie nicht mit
hinein kommen wollten. Und der alte Pastor erwiderte voll Galanterie,
wenn sie die Hoffnung hegen drften, noch ein bichen Musik zu hren, so
sei ihnen die Einladung nur zu willkommen. Die Lampen im Verandazimmer
wurden angezndet, der Flgel wurde geffnet, und eine italienische
Barkarole ruderte zu den offenen Fenstern hinaus. Der alte Meek war ganz
beglckt und wagte sich mit der Frage heraus, ob nicht sein Enkel, der
hier die Schule besuche, einmal kommen drfe, um die Frau Doktor spielen
zu hren -- natrlich blo, wenn es ihnen nicht ungelegen sei. Er sei
leider ein solcher Musiknarr, da er mit neunzehn Jahren noch nicht
einmal sein Abiturium gemacht habe. Aber weil man das Unglck nun eben
nicht ndern knne, so sei es immerhin das Beste, wenn er nur _gute_ Musik
hre. Ragni erwiderte, es wrde ihr ein Vergngen sein. Kallem fragte,
ob er den jungen Mann aufsuchen und es ihm sagen solle. Dafr war der
Alte ungeheuer dankbar und sagte, er wre dem Doktor noch dankbarer,
wenn er ihn auch gleich untersuchen wolle; denn irgend etwas sei da
nicht in Ordnung. Kallem sagte, er habe das schon gemerkt; er glaube
auch zu wissen, was es sei.

Jetzt setzte sich der Alte an den Flgel.

"Da sollen Sie eins von seinen Liedern hren!" sagte er. Und mit
Fingern -- viel weniger steif, als man es ihm zugetraut htte -- und
einer Stimme, so leise, als ob man mit dem Finger an eine Kirchenglocke
rhre -- vor allem mit einer ganz eigentmlichen Anwendung der Fistel,
summte er:

    Wann wird es wirklich Morgen?
    Wenn goldner Strahlenglanz
    ber Firnen hpft im Tanz,
    Tief in den Abgrund dringend,
    Beschwingend
    Den zum Lichte kletternden Stengel,
    Da er sich trumt als seligen Engel.
    Dann ist es Morgen,
    Wirklich, wirklich Morgen.
      Doch wenn's wettert und sprht,
      Und krank mein Gemt,
      Kann das Morgen sein?
      Nein.

    Wohl ist es wirklich Morgen,
    Wenn Blmlein im Frhlicht blinken,
    Und Vglein Tautropfen trinken
    Und zwitschernd dem Baum zum Lohne
    Eine Krone
    Von jungfrischem Grn versprechen,
    Vom Meere erzhlen den sehnenden Bchen.
    Dann ist es Morgen,
    Wirklich, wirklich Morgen.
      Doch wenn's wettert und sprht
      Und krank mein Gemt,
      Kann das Morgen sein?
      Nein.

    Wann wird es wirklich Morgen?
    Wenn die Kraft, die das Leid durchdringt,
    Sonne der Seele bringt,
    Wenn in deinen Armen
    Erwarmen
    Alle die Menschen, gro und klein,
    Dann gegen alle nur gut zu sein.
    Dann ist es Morgen,
    Wirklich, wirklich Morgen,
      Die gefhrliche Kraft,
      Die das Hchste schafft,
      Ist sie's, die dir nah?
      Ja.

Melodie wie Begleitung waren ganz eigenartig. "Wie das sich Hals
ber Kopf hinauswirft!" sagte Ragni. Kallem fragte, was das fr
ein Frauenzimmertext sei. Tilla erwiderte, er habe in irgendeiner
Zeitung gestanden; wahrscheinlich eine bersetzung. Als aber die
andern gegangen waren, vertraute Ragni ihrem Mann an, der
"Frauenzimmertext" sei eine von ihren bersetzungen. Sein Vetter habe
sie an ein norwegisch-amerikanisches Blatt eingeschickt, und von da sei
sie weitergegangen. Dies Zusammentreffen bewirkte, da Kallem schon am
nchsten Tag Karl Meek aufsuchte, und da dieser drei Tage darauf samt
Klavier, Bchern und Kleidern in dem groen Giebelzimmer in Kallems Haus
installiert war -- in der Stube, die nach dem Park hinausging. Kallem
hatte auch den strksten Widerstand von seiten Ragnis berwunden.


5

Fortan sa ein langhaariger, aufgeschossener Mensch mit am Tisch, -- die
Beine um die Stuhlbeine geschlungen --und mit schmalen, roten Fingern,
die voller Frostbeulen waren und so feucht, da Ragni es nicht ber sich
brachte, sie zu berhren. Auch reden konnte sie nicht mit ihm, nach dem,
was Kallem ihr von ihm gesagt hatte; all das Schne, das sie bei der
ersten Begegnung an ihm gesehen hatte, war durch diese Worte wie
ausgelscht. Er trat hastig ein, als habe er es sich eingebt; und
regelmig blieb dann sein Rock oder sein rmel an der Trklinke hngen,
oder die Tr wollte nicht beim ersten Versuch zugehen -- oder er
verhedderte sich mit den Beinen, oder er ri einen Stuhl um oder rannte
mit dem Mdchen zusammen, die etwas hereingebracht hatte und wieder
hinausging. Er sah den Menschen nie ins Gesicht; die schnen Augen waren
schlfrig und erloschen, die Gesichtsfarbe aschgrau; er studierte das
Muster auf dem Teller und dem porzellanenen Brotkorb, die vor ihm
standen. Nie redete er ein Wort. Wenn jemand ihn ansprach, fuhr er auf,
und antwortete "Ja" oder "Nein" -- als habe er glhende Kohlen im Mund.
Aber fressen tat er -- nach Ragnis Ausdruck -- wie ein Scheunendrescher.
Und wenn er dann mit den feuchtkalten Hnden an seinen Hosen
herunterstrich oder sich durch das dicke, fettige Haar fuhr, dann war er
noch schlimmer als Kristen Larssen!

Jeden und jeden Tag diesen ekligen Bengel am Tisch! Und abends Kristen
Larssen! Dazu noch die vielen alten Weiber, die Kallem ihr schickte,
damit Ragni sie mit wollenem Zeug versehe! Kinder, die sie oft von Kopf
bis zu Fu neu kleiden mute, -- alle seine Tuberkulosefreunde!

Nicht nur, da die Menschen an sich ihr unangenehm waren; sondern da
alle Tren offenstanden --! Sie hatte keine Freistatt mehr, war nicht
mehr Herr ihrer Zeit! Mit ihm darber zu sprechen, -- was hatte das fr
einen Zweck? Wenn das, was _ihr_ die tiefste Qual bereitete, _seine_
hchste Freude war? Ein bichen Eifersucht war auch dabei: er hatte
berhaupt keinen Blick mehr fr sie und das, was ihr lieb war! Die Sache
mit seiner Schwester lie er auch einfach so hngen. Pastors waren schon
lngst wieder da. Josefine hatte eines Morgens einen flchtigen Besuch
gemacht -- im Garten -- und hatte Blumen vom Grab des alten Kallem
gebracht; die beiden Schwger trafen sich auf der Strae und an den
Krankenbetten; auch seine Schwester traf Kallem bisweilen dort; sie tat
viel fr die Armen. Aber weder kam sie zu ihm, noch er zu ihr; Pastors
gaben auch keine Gesellschaft fr sie, wie jedermann doch erwartet
hatte; sie gaben berhaupt keine Gesellschaften mehr. Ragni war sich
keinen Augenblick unklar ber den Grund. Kallem merkte nicht, wie dies
Unausgesprochene sie peinigte, auch nicht, da es ihr in gewisser Art
die Stadt verschlo. Und sie mochte ihn damit nicht qulen. Er hatte die
ganze Freiheit des vielbeschftigten Mannes, der ber alles hinweggeht,
was ihm nicht "bequem" ist. Bei seiner tglichen Jagd auf Tuberkulose
waren ihm die alten Weiber und die Kinder, die er angeschleppt brachte,
weit wichtiger als "diese ganzen religisen Katzbalgereien", -- leider
auch wichtiger als die Anmut und Traulichkeit, die _ihr_ ein
Lebensbedrfnis waren.

Ganz hinten in dem groen Krankenhausgebude war ein langgestrecktes
Vorratshaus, mit Holzschuppen usw. Dort richtete Kallem einen Turnsaal
ein, und dorthin ging's in Gesellschaft des aschgrauen Burschen jeden
Abend von sechs Uhr an. Solange das dauerte, kam er pnktlich nach
Hause, machte selber seine Turnbungen, forderte seinen Begleiter zu
einem Wettstreit heraus und brachte Ordnung und Schwung in die Sache.
Der verschchterte Junge hatte, seitdem er ins Haus gekommen war, sein
Klavier kaum angerhrt; er war zu befangen der Hausfrau gegenber.
Deshalb setzte sich Kallem tglich gegen Abend eine halbe Stunde mit
einem Buch zu ihm aufs Zimmer; und whrend der Zeit mute Karl spielen.
Als Arzt hatte er sich sein Vertrauen erzwungen und war nun mit immer
wacher Freundlichkeit auf dem Posten, und bald kam der Junge wirklich
schon viel sicherer ins Wohnzimmer und schlich auch nicht gleich wieder
heimlich hinaus. Schlielich -- auf eindringliches Zureden Kallems --
fate sie sich ein Herz und sagte eines Sonntagmorgens zu Karl: "Gehen
Sie nicht auf Ihr Zimmer, bitte! Wollen wir nicht einmal ein bichen
vierhndig spielen? Wir nehmen etwas ganz Leichtes!" fgte sie hinzu.
Verzweiflung erfate ihn; aber das Glck wollte, da er fast seinen
Klaviersessel umri, als er sich setzen wollte, und beim Rettungsversuch
beinah auch ihren umwarf -- und darber kamen sie beide ins Lachen, und
das half ber das Schlimmste hinweg.

Da sa sie nun -- frisch und schlank, in einem rotseidenen Kleid, um
Hals und Handgelenk Spitzen, die weien langen Spielfinger neben seinen
schmalen, roten; ihr geistvolles Gesicht oft ihm zugewandt; ein
Resedaparfm entstrmte ihrem Kleid -- ein Duft ihrem Haar ... Er
zitterte vor Verlegenheit. Wie hlich er sich selber vorkam! Und wie
sein eigenes Haar roch! Er strengte sich so an beim Spielen, da er bald
ganz mde war und lauter Dummheiten machte. "Sie sind gewi nicht recht
aufgelegt heute!" sagte sie und stand auf.

Wie ein begossener Pudel zog er ab; er wand und krmmte sich -- er
wollte davonlaufen -- zum neunundneunzigstenmal. Mittags kam er nicht
zum Essen, war berhaupt im ganzen Hause nicht zu finden. Kallem fragte
nach ihm. Da erzhlte Ragni, wie klglich es gegangen sei; schon nach
einer halben Stunde sei er mde gewesen. Ein junger Mensch, der so wenig
leisten knne -- das sei ihr einfach widerlich! "Ach, Du mit Deiner
ewigen sthetik!" Und er machte sich auf die Suche nach dem Jungen,
opferte seinen ganzen schnen Sonntagnachmittag und kam endlich, gegen
Abend, mit ihm zurck. Drinnen, im Studierzimmer, beteuerte sie
flsternd, sie wolle lieb sein jetzt. Und Kristen Larssen kam, und
geduldig wie ein geprgelter Hund setzte sie sich zu ihm und las mit ihm
Englisch.

Anfangs hatte sie mit diesem wunderlichen Menschen Mitleid gehabt; aber
in seiner Gesellschaft, unter dem Hauch seines Atems gefror sie zu Eis.
Eben darum fand sie es selber grlich feig, da sie weitermachte, ohne
zu mucksen; aus Mitleid geschah es ganz gewi nicht! Zh, -- pnktlich
auf den Glockenschlag, erschien er in seinem langen, braunen,
engrmeligen Rock, mit dem unertrglichen, jahrealten Schweigeruch des
Arbeiters, der aus Kleidern und Krper aufstieg. Der Atem drang ber den
ganzen Tisch herber; sie fhlte ihn, sogar wenn er nicht bis zu ihr
drang. Kristen Larssen zog den Stuhl vor, setzte sich, schlug sein Buch
auf, und wenn er die Stelle gefunden hatte, bohrte er seine kalten,
frchterlichen Augen in ihre warmen, angstvollen Taubenblicke, die
furchtsam im ganzen Zimmer umherflatterten. Seine langen, dunkeln
Finger, schwarz behaart wie die ganze Hand, griffen fest zu; die Finger
der Linken um das Buch, die Rechte fuhr nach. Dann rusperte er sich;
und endlich begann er; in der Regel mit irgendeiner Frage, die noch auf
die vorige Lektion Bezug hatte, immer klug, -- immer mitrauisch auf
irgendeinen Irrtum, einen Mangel an Verstndnis oder Logik bei ihr
lauernd. Er machte sie unsicher, selbst in den sichersten Dingen.

Wenn er so dasa und langsam, wohlberlegt sich Wort fr Wort
durcharbeitete, und sie sich einmal unterstand, ihn zu unterbrechen,
weil er einen Fehler gemacht hatte, so setzte er seine Finger nur um so
fester auf, um ja die Stelle zu behalten, wo sie ihn unterbrochen hatte;
und dann blickte er auf -- unwillig, mitrauisch. Sie wiederholte ihre
Korrektur -- unsicher, bang; aber nie konnte sie es ihm klar genug
machen; immer mute er um eine noch deutlichere Erklrung bitten. Also
sagte sie es zum drittenmal, und endlich war er so gndig, es hingehen
zu lassen -- auf ihre Verantwortung! Und sooft sie unterbrach, wute sie
es -- wute, was jetzt kommen wrde, wute, da der bse Atemhauch sie
berfluten wrde, Welle um Welle.

Was es diesen Mann kostete an Arbeit, da er so sicher aufzutreten
vermochte, niemals einen Fehler, der einmal berichtigt worden war,
wieder machte, was fr Fhigkeiten in ihm steckten, da er diese vielen
seltsamen Fragen, die jedem Philologen Ehre gemacht htten, berhaupt
stellen konnte -- das bersah sie keineswegs. Aber immer war er ihr
frchterlich -- von innen heraus frchterlich. Er war so ganz und gar
wie ein alter Affe, den sie einmal gesehen hatte, der ehrbar mit einem
silbernen Lffel speiste. Und dieses Bild umschwebte ihn verzerrend, wie
zur Rache.

Ein sehr angenehmes Verhltnis entwickelte sich daneben in ihrem
tglichen Leben: das Zusammenarbeiten mit dem Mdchen. Sie freundeten
sich an. Beide gleich geschickt -- Ragni im Anordnen, das Mdchen im
Ausfhren. Ragni arbeitete gern und rasch; das Mdchen war klug und
wibegierig. Eins freute sich am andern.

Vierzehn Tage nach dem miglckten Versuch mit dem Vierhndigspielen
sagte sie zu Karl Meek: "Was meinen Sie? Wollen wir's noch einmal
versuchen?" -- "Danke, nein ... es geht doch nicht!" erwiderte er
entsetzt. -- "Ich habe schon etwas Vierhndiges hervorgesucht, das Ihnen
sicher nicht zu schwer ist!" -- Und sie legte es aufs Klavier, whrend
er -- auf zwei Meter Abstand -- stehen blieb und herberschielte, rot
und immer rter wurde und sich mit den Hnden durchs Haar fuhr. "Kennen
Sie das?" Er antwortete nicht; das war ja eins von seinen Stcken!
"Bergbach" hatte er es betitelt; er hatte es oben auf seinem Zimmer
Kallem fters vorgespielt. Da stand es -- fr vier Hnde gesetzt; sie
wollte auf diese Weise alles wieder gut machen.

"Also, kommen Sie!" Dasselbe rotseidene Kleid, dieselben Spitzen um die
langen Spielfinger -- dieselbe Bste -- dieselben seltsam traumvollen
Augen, die ihn manchmal anblickten, da er erschauerte. Aber er selber
war heut auch neu gekleidet, und sein Haar und seine ganze Person
zurechtgestutzt und gestriegelt. Und nun hpfte unter ihren
geschmeidigen Fingern der "Bergbach" hervor; wo Karl nicht folgen
konnte, wartete sie, und nahm ihn dann wieder mit. Zuletzt ging es, wenn
auch nicht gut, so doch immerhin nicht schlechter als das letztemal, und
sie versprach gndigst, nach diesem Anfang noch hufiger mit ihm zu
spielen.

Er verbeugte sich und wollte gehen. "Heut ist Sonntag", sagte sie. "Sie
haben doch nichts zu tun?" -- "Nein." -- "Wollen wir einen kleinen
Spaziergang machen?" -- "Gewi ... wenn Frau Doktor ... ja, gern!"

Wie der Blitz war er wieder da in berzieher und Pelzmtze, sie wartete
schon in ihrem hbschen Kragen und flotten, amerikanischen Federbarett.

"Wir wollen meinem Mann entgegengehen." Und sie gingen. Sie fhlte, sie
allein msse die ganze Zeit ber reden; und so schilderte sie denn die
Schneestrme auf den amerikanischen Prrien, und was fr Folgen sie fr
Menschen und Vieh htten. Er sah, wie ihre Wangen sich nach und nach
rteten, wie ihre kleinen Fe spielend ausschritten. Der Oktobertag war
sonnenlos, aber nicht kalt. Die Felder dunkel, mde; der Laubwald im
Entblttern. Aber er sah nichts von alledem; er war wie im Rausch: sie
ging neben ihm her, sie, die feinste, die musikalischste Frau, die er
kannte! Er htte sich freudig fr sie in den Straenstaub werfen, sich
erschieen, ins Wasser springen knnen! Und das war keine erdichtete
Frauengestalt -- sondern Frau Ragni Kallem, in ihrem roten Seidenkleid
unter dem weichen Umhang und dem amerikanischen Federbarett, die Frau,
fr die alle seine Kameraden schwrmten. Ihre Augen sahen ihn an, und er
wagte es nicht, ihnen auf den Grund zu schauen. Vor aller Blicken ging
sie da neben ihm, unterhielt sich mit ihm. Und auch er fing an, zu
erzhlen, als sie vom amerikanischen Winter auf den Winter in den
heimischen Wldern zu sprechen kam. Sein Vater, der Sohn des alten
Pastor Meek, war Arzt, hatte aber in ein groes Bauerngut des
Waldbezirks hineingeheiratet und lebte nun dort als Bauer. Karl war oft
mit ihm hinaufgewandert ber das Flueis -- in die unendliche Einsamkeit
der Waldberge; war mitgewesen beim Holzfllen, beim Fallenstellen, auf
der Jagd. Er schilderte Landschaften und Eindrcke, von denen sie keine
Ahnung hatte; schilderte das Aussehen eines Birkhahns, sein Werben und
Spielen, seinen Flgelschlag, sein Geschrei so lebendig, da sie ihn
fortan nur noch "den Birkhahn" nannte.

Sie trafen Kallem nicht und gingen deshalb denselben Weg zurck. Noch
einmal spielten sie das vierhndige Stck, und viel besser. Sie wollten
es gut einben und es eines Abends Kallem vorspielen, wenn er in seinem
Arbeitszimmer sa. Kallem -- das war fr ihn das Hchste, was er kannte.

Nach und nach erlangte sie eine Art Herrschaft ber den "Birkhahn"; sie
gewhnte sich an sein ovales Gesicht, sein ungleiches Wesen, -- bald
bermtig heiter, bald voll Mimut, ungeduldig und auffahrend,
demtig-unterwrfig - mit kurzen Anfllen von Flei und langem =Dolce
far niente=; ungeheuer geschniegelt und dabei mehr als schlampig; sie
fing an, ihn wieder fast schn zu finden, und berwand sich sogar, ihm
die Hand zu geben. Sie half ihm bei seinen Schularbeiten, besonders beim
Englischen. Seine Kenntnisse waren so ungleich, da Kallem ihm
vorschlug, lieber die Schule zu verlassen und in Privatstunden das
nachzuholen, was ihm fehlte; er schrieb auch in dieser Angelegenheit an
Karls Vater. Seitdem sa Karl oft mit seinen Bchern und Aufstzen im
Wohnzimmer, lernte, spielte Klavier, spielte Klavier oder lernte -- fr
sich oder mit ihr.

Nachmittags konnte man ihnen auf langen Spaziergngen begegnen. Sobald
der erste Schnee gefallen war, -- er kam schon Anfang November -- gingen
sie Kallem entgegen und fuhren mit ihm heim -- jedes auf einer
Schlittenkufe. Als die Bucht zufror, gehrten sie drauen auf dem Eis zu
den Allereifrigsten. Nur einen Sport betrieben Kallem und Karl fr sich
allein: Karl sollte auf den Hnden laufen lernen. Mit ungeheurem Ernst
hob der Doktor die langen Beine des andern in die Hhe und hielt sie
fest, whrend Karl zu gehen versuchte, bis er nicht mehr konnte. Anfangs
nur im Turnsaal, bald aber auch im Zimmer, auf dem Flur, auf der Treppe,
vor dem Mittagessen, vor dem Abendbrot. "Beine hoch, Junge!" Wie Ragni
lachte, wenn sie immer wieder herunterpurzelten! Nach und nach aber
wurde er eifrig. Einmal mute es ja doch gelingen! Es gelang nmlich
nie -- -- er war "zu lappig"! Schlielich wurde es fr ihn eine
Ehrensache; und fr sie im Grunde ebenfalls. Es war ihr ganz ernstlich
darum zu tun, da er ein "ganzer Kerl" wurde; sein weiches Wesen, sein
Hang zum Trumen, zum "die Zeit verquasen", verdro sie; und das sagte
sie ihm auch. Aber Vorwrfe vertrug er nicht und wurde fast ungezogen.
Dann strafte sie ihn durch khle Zurckhaltung. Es half ihm nichts, da
er zerknirscht war, da er hundert Annherungsversuche machte, da er
sogar weinte, -- sie lie ihn in der tdlichen Angst, da sie ihn bei
Kallem verklagen werde; sie half ihm ohne eine Miene, ohne ein Wort, das
nicht zur Sache gehrte; sie ging nicht mit ihm spazieren, sie sah ihn
berhaupt nicht -- bis sie in Kallems Gegenwart wieder redete, als wenn
nichts geschehen sei. Von dieser Schattenseite ihres Zusammenlebens
hatte Kallem keine Ahnung.

Kallem hatte keinerlei Verkehr; er hatte keine Zeit dazu. Seine Praxis
mute er einschrnken, weshalb er auch mit seiner Absicht, Doktor
Arentz, den jungen Militrarzt, zu seiner Hilfe heranzuziehen, Ernst
machte. Ende November wurde das geordnet, und fortan nahm er mehr teil
an dem Zusammenleben und dem Unterricht, die dadurch festeren Halt
gewannen.

Karl Meeks Vater kam eigens zu dem Zweck in die Stadt, um ihnen beiden
zu danken und sie zu bitten, zu Weihnachten mit seinem Sohn in ihr
Waldnest hinaufzukommen. Otto Meek war grer und strker als sein
Vater, sein Gesicht grozgiger -- mehr "bourbonisch"; aber es hatte
etwas Schwermtiges oder besser gesagt Schweres. Kallem nahm die
Einladung an und traf sofort die ntigen Verabredungen mit seinen
Kollegen, damit er abkommen knne. Aber als die Zeit herankam, wurde
Doktor Kent krank, und Ragni mute, so ungern sie es auch tat, mit Karl
allein reisen; Kallem wollte nachkommen. Ein Reisepelz wurde fr sie
gekauft, pelzgeftterte Stiefel und ein Fusack, auch eine kostbare
Pelzmtze, ein Geschenk Karls. Wie eine Grnlnderin sah sie aus, als
sie alles anhatte.

Kallem begleitete sie zur Bahn; Ragni hatte ein bichen geweint -- es
war die erste Trennung, seit sie verheiratet waren. Als sie schon im Zug
sa und Kallem noch vor dem Wagen stand, wollte sie wieder heraus;
Kallem mute einsteigen und schelten. Sobald der Kummer gestillt war,
stieg er wieder aus und blickte Karl an, der frisch und frhlich dasa.
"Hr' mal, lieber Birkhahn, von heut ab sag ich Du und Karl zu Dir! Du
bist ein braver Junge!" Karl aber sprang heraus und fiel ihm um den
Hals.

Dann fuhren sie davon.

Kallem arbeitete und fand es gar nicht so bel, da er einmal vllig
Frieden hatte; sie hatten ihn in der letzten Zeit doch recht gestrt.
Aber schon am dritten Tage, dem heiligen Abend, war es ihm langweilig.
Er nahm sich vor, sie zu berraschen; Doktor Kent ging es besser.

Am heiligen Abend, als er eben von Kent kam und ins Krankenhaus wollte,
sah er von fern eine Menge Menschen vor dem Tor stehen. Ein
Langschlitten mit einem Pferd davor fuhr gerade heraus; im Schlitten
lagen Stroh und Betten -- man mute einen Kranken gebracht haben. Er
hrte Kinder weinen. Wer war da verunglckt? Maurer Andersen war's --
der Mann, der Kallem und Ragni an ihrem Ankunftstag in der Stadt oben
vor dem neuen Haus begrt hatte. Im Winter, whrend das Handwerk brach
lag, zog Maurer Andersen als Hausierer umher, und auf einem steilen
Waldweg hatte er sich verirrt, war abgestrzt und nur durch einen Zufall
hatte man ihn gefunden. Drinnen bei den Krankenschwestern traf Kallem
die untrstliche Frau, die erzhlte, wie der unermdliche Mann noch bis
Weihnachten herumgewandert sei; damit er zum heiligen Abend daheim wre,
habe er einen abkrzenden Weg eingeschlagen -- er sei nun mal so ein
"Haushammel". Aber er habe schwache Augen und sei auf seinen
Finnenschuhen abgerutscht und gestrzt und habe das Bein gebrochen. Und
da liege er nun, und knne sich nicht rhren. Das sei nun sein
Weihnachten! "Und wir haben gewartet und gewartet!" schlo sie. "Und
erst die Kinder!"

Kallem eilte zu dem Kranken, der schon im warmen Zimmer im Bett lag. Der
starke Mann mit dem groen braunen Bart, der ber das Hemd wallte, war
nicht wiederzuerkennen. Die Augen zusammengedrckt, die Lider
geschwollen, starr. Die Schleimhaut des Auges ganz entzndet, die
Hornhaut bedroht, und da ihn der geringste Lichtschimmer schmerzte, war
vielleicht noch grere Gefahr im Anzug. Das Gesicht aufgedunsen, mit
blulichroten Flecken; die Finger an beiden Hnden wei und gefhllos;
die Handrcken noch einmal so gro wie sonst und mit Wasserblasen
bedeckt. Das rechte Bein war am oberen Ende der Wade gebrochen, und der
Bruch ging bis ins Kniegelenk; die Wunde war so gro wie ein Markstck;
ein Knochensplitter ragte daraus hervor -- wie ein Finger. Dem gegenber
war die ganze brige Verletzung des Beins berhaupt nicht von Bedeutung.

Andersen konnte kaum sprechen, und lallte nur dann und wann, das Bein
drfe nicht abgenommen werden. Das knne man erst am andern Morgen
entscheiden, wenn es hell sei, beruhigte Kallem ihn immer wieder,
whrend er ihn zurecht legte. Er lie das Zimmer sofort halbdunkel
machen, lie Borwasserumschlge ber die Augen legen und beorderte eine
regelmige Aufsicht zum Wechseln der Kompressen. Das Gesicht des
Kranken wurde mit l bestrichen und mit einer dnnen Watteschicht
bedeckt; ebenso verfuhr man mit den Hnden. Die Beinwunde wurde mit
Karbolwasser ausgespritzt und eine kleine blutende Ader unterbunden; die
Wunde dann mit Jodoform bestrichen, mit Watte umwickelt und in eine
Drahtbandage gelegt. Wenn er aufwachte und sich schwach fhlte, sollte
er alle zwei Stunden Naphtha bekommen -- bei zu groen Schmerzen eine
Morphiumeinspritzung.

Daraufhin schlief der Kranke ein, klagte jedesmal, wenn er erwachte,
ber unleidliche Schmerzen, weniger an der Bruchstelle als hauptschlich
im Schienbein, in der Nhe des Spanns; bestndig qulte ihn die Angst,
da ihm der Fu abgenommen wrde.

Am nchsten Tag um neun Uhr fand Kallem ihn viel wohler, in jeder
Beziehung. Auch die Gedanken waren klarer; aber fortwhrend drehten sie
sich um den Fu, der erhalten bleiben sollte. Er uerte den Wunsch, den
Pastor, der sein guter Freund war, zu sehen; seine Frau, die eben da
war, machte sich sofort auf den Weg, um den Pastor zu bitten, vor der
Kirche bei ihm vorzusprechen. Unterdessen wurden die Augen des Kranken
untersucht; sie waren weniger geschwollen, aber uerst lichtscheu; man
wandte Atropin an, und die Umschlge wurden durch eine leichte Binde
ersetzt. Kallem war gerade im Krankenzimmer, als die Frau mit dem Pastor
kam; er ging den beiden entgegen. Nach seiner Ansicht mute Andersens
rechtes Bein exartikuliert, d. h. unter dem Kniegelenk abgenommen
werden. Aber das durfte der Kranke vorlufig noch nicht erfahren. Da
brach die Frau, die bisher ihr Schicksal mit Fassung ertragen hatte,
zusammen, so da Kallem sie gar nicht hineinlassen durfte; der Pastor
ging mit.

Es machte einen tiefen Eindruck auf ihn, als er in dem groen
halbdunkeln Zimmer neben seinem kranken Freund stand und ihn daliegen
sah, diesen Riesen, mit verbundenen Augen, unkenntlichem Gesicht,
umwickelten Hnden, und ihn klagen hrte. Aber bald fhlte er nur noch
Bewunderung -- so stark, so sicher war der Kranke im Glauben. Er uerte
den Wunsch, man mge heut in der Kirche fr ihn beten; "Sie kennen mich
ja alle!" sagte er. Der Pastor versprach ihm das. Dann aber betete er
noch von Herzen am Schmerzenslager fr den Kranken und seine
Angehrigen. Das Gebet wirkte belebend auf den Kranken; er flsterte:
"Ich habe einen Bund geschlossen mit Gott, des Fues wegen!" und lag
dann ganz still, whrend der Pastor den Segen Paulus' sprach. Kaum eine
Stunde darauf kam Doktor Arentz, und Andersen wurde in den
Operationssaal geschafft. Man sagte ihm, er solle chloroformiert werden,
damit man den Schaden grndlich untersuchen knne, und da die Schmerzen
noch immer unertrglich waren, willigte er sogleich ein; "aber der Fu
darf nicht abgenommen werden!"

Die genauere Untersuchung ergab, da das obere Ende des Wadenbeins bis
schrg an das Kniegelenk hinauf zersplittert war, leider auch, da eine
grere Blutader zwischen den Bruchenden so eingeklemmt lag, da sie mit
einer groen Blutpfropfthrombe, die sich einige Zoll den Schenkel hinauf
erstreckte, gefllt war.

Das Bein wurde selbstverstndlich abgenommen; in einer Viertelstunde war
es geschehen.

Alle, die mit ihm zu tun hatten, erhielten strengste Anweisung, ihn in
dem Glauben zu lassen, da das Bein ihm erhalten sei. Man mute ihn vor
jeder Gemtsbewegung schtzen, damit er ja nicht in Versuchung komme,
sich aufzurichten, den Fu zu bewegen oder seine Lage zu ndern; wenn
ein Blutspfropfen sich von der Thrombe lste, konnte es mit ihm zu Ende
sein. Er wurde in eine Stahldrahtbandage gelegt, die vom Hftgelenk bis
an das Bettende herunterreichte; der Stumpf wurde mit Karbolgaze und
Jute verbunden und mit der Auenseite an einen langen Klotz
festgebunden.

Jetzt wurde Andersen wieder geweckt, und man bedeutete ihm, sich ganz
ruhig zu verhalten. Er bekam Wein, aber lffelweise, damit er sich nicht
rhrte, ebenso Fleischbrhe mit Eigelb; bald fiel er in Schlaf.

Sowie Kallem sich umgezogen hatte, ging er hinunter in das Zimmer der
Pflegerinnen, wo die Frau wartete, und erzhlte ihr den ganzen Hergang,
wies sie auch auf die Gefahr hin, die drohte, wenn Andersen sich bewege.
Er gewann ihr breites, kluges Gesicht mit der Adlernase geradezu lieb;
eine reinere Seelenstrke hatte er kaum je gesehen. "Sollte es schlimm
ablaufen," schlo er, "so haben Sie viele Freunde!" -- "Gott lebt
noch!" flsterte sie.

Zwischen drei und vier Uhr erwachte Andersen, und bekam wieder
lffelweise Wein, Brhe mit Eigelb, Milch; er versicherte, er fhle sich
wohl, nur sein Schienbein tue ihm weh; manchmal fhle er Schmerzen in
der Ferse. Im Lauf des Nachmittags strkten sich seine Lebensgeister,
und er wnschte, der Pastor mge wiederkommen. Gerade als die Frau ihn
holen wollte, kam er von selbst. Kallem hatte ihn gebeten, zu tun, als
ob der Fu noch nicht abgenommen sei.

Es zeigte sich gleich, da Andersen keinen anderen Gedanken hatte, als
seinen Fu. "Ich glaube, ich darf jetzt wohl sagen, da Gott mich erhrt
hat!" sagte er; "dafr mssen wir ihm auch gebhrend danken!"

Das rhrte den Pastor, und er schickte sich an, ein warmes Dankgebet
dafr emporzusenden, da der Fu dem Kranken ein Pfand der gttlichen
Gnade geworden sei und ihn noch inniger mit seinem Erlser verbunden
habe. Andersen schien darber nachzusinnen; endlich sagte er: "Jetzt
mssen Sie noch beten, da er mir auch spter den Fu nicht nimmt!" --
Wie er darauf komme? -- "Weil ich solche Schmerzen drin habe." -- Aber
eben habe er doch geglaubt, da Gott ihn erhrt habe? "Ja, aber man mu
beten ohne Unterla!" Der Pastor weigerte sich; sofort wurde der
hartnckige Mann unruhig, und die Frau flsterte flehend, der Herr
Pastor mge Andersen doch den Willen tun. Da tat er's; aber er tat es
mehr auf ihre Verantwortung hin als auf seine eigene, und es wirkte in
ihm nach. Kallem war eben nach Hause gekommen, als der Pastor ganz bla
bei ihm erschien und erzhlte, was vorgefallen war. "Das tu' ich nicht
noch einmal!" schlo er. "Ich kann Dir versichern, Du hast ein gutes
Werk getan!" Der Pastor stand in berzieher und Mtze, die Hand auf der
Trklinke, da; Kallems Worte und der Ton, in dem sie gesagt wurden,
verletzten ihn. "Nur in der Wahrheit knnen wir uns dem Gott der
Wahrheit nhern! Adieu." Der Doktor kam ihm nach: "Du glaubst also,
wenn Du Andersen jetzt sagst, da das Bein abgenommen ist, so kann ihn
Gott erretten?"

"Ja!" antwortete der Pastor rgerlich, ohne sich umzuwenden.

Kallem wagte unter diesen Umstnden nicht, zu verreisen. Er schrieb
ausfhrlich an Ragni und versprach, zu kommen, sobald er knne.

Am nchsten Morgen fand er alles in gewnschter Ordnung, betonte aber
wieder, der Kranke msse vllig still auf dem Rcken liegen, drfe auch
nicht so viel sprechen. Am Nachmittag verlangte Andersen das heilige
Abendmahl, doch die Pflegerin entgegnete, er knne keine Gemtsbewegung
vertragen. "Ich will meinen Bund mit Gott erneuern!" gab Andersen
zurck.

Das wagten sie ihm nicht abzuschlagen; aber sie wagten es auch nicht
zuzulassen, ohne vorher den Doktor zu fragen, und dieser war am
Vormittag an ein Wochenbett gerufen worden. Die Krankenschwester beriet
sich also mit dem Hausmeister, der von altersher allmchtig war im
Hause. Auch ihm gegenber wiederholte Andersen seinen Wunsch aufs
bestimmteste, und der Hausmeister glaubte, man msse ihm willfahren; er
wolle die Verantwortung auf sich nehmen. Eine Weile darauf war der
Pastor bei ihm in der Portierstube, um den Wein anzuwrmen; das Wetter
war umgeschlagen, und es war ein bitterkalter Abend. Dann gingen die
beiden hinauf. Andersen freute sich, als er hrte, wer kam. "Das wut'
ich!" sagte er.

Der Pastor fragte, ob er einen besonderen Wunsch habe.

"Jawohl."

Die ndern gingen hinaus. Jetzt erzhlte Andersen, da er in seiner
Kindheit einmal einem Jungen ein Bein gestellt habe mit eben dem Fu,
der jetzt krank sei. Gott werde ihn doch nicht etwa dafr jetzt strafen
wollen? "Nein, nein!" -- Er sei nun aber einmal auf den Gedanken
gekommen, und fhle das Bedrfnis, das heilige Abendmahl zu nehmen. --
Weiter liege nichts Besonderes vor? -- Nein. -- Der Pastor bat ihn, sich
zu sammeln; sie wollten miteinander beten. Andersen schwieg und sie
beteten. Nach dem Gebet erteilte ihm der Pastor die Vergebung der Snden
und wollte ihm das Brot und den Wein reichen. -- "Nein, warten Sie noch
ein bichen! Vergebung der Snde habe ich nun; jetzt ist die Tafel
blank. Jetzt schreiben wir den Fu darauf, damit man's im Himmel lesen
kann. Ich fhle mich so froh, so von Herzen froh!"

"Der ganze Mensch ist mit in den Bund einbegriffen, lieber Andersen." --
"Ja, aber diesmal verspricht unser Herrgott meiner Frau und meinen
Kindern, da mein Fu wieder gesund wird. Jetzt kommen Sie!" Und er
streckte die erfrorenen Hnde aus.

Dem Pastor trat der Schwei auf die Stirn. "Das kann ich nicht!"
flsterte er, vllig ohne Bewutsein dessen, was er sagte.

Andersens Lippen bebten, die umwickelten Hnde tasteten umher; er wollte
sich damit in die Augen fahren, stie jedoch auf den Verband. "Wir
knnen nicht in Gottes Ratschlu eindringen!" sagte der Pastor.
"Gesetzt, -- das, was wir wollen, wre unmglich?" War es ein Etwas in
des Pastors Stimme, oder war es der Widerstand an sich, was Andersen
mitrauisch machte?

Ohne zu antworten ri er sich den Verband von den Augen, richtete sich
auf, ganz rasch, warf die Decke zur Seite und fiel wieder auf das Kassen
zurck. Er fate nach seiner Brust, schrie, er msse ersticken, und fing
an zu keuchen und zu rcheln; ein Blutstropfen war in die Lunge
gedrungen.

Der Pastor hatte das, was er in Hnden hielt, weggestellt und eilte nach
der Tr, vor der der Hausmeister und die andern warteten; sie rannten zu
Doktor Arentz und Doktor Kent; aber noch eh einer von ihnen kam, war
Kallem zurck. Der Pastor war schon fort. In der Nacht starb Andersen.


6

Der Hausmeister war der erste, der es ben mute. Noch am selben Tag
mute er aus dem Hause.

Sodann ging Kallem hinunter zu Andersens Witwe. "Sie sind eine
auergewhnlich tchtige Frau. Wenn Sie wollen, knnen Sie den
Hausmeister- und Verwalterposten am Krankenhaus haben. Greifen Sie zu,
packen Sie gleich morgen Ihre Sachen zusammen und ziehen Sie mit den
Kindern hinauf. Dann denken Sie weniger an Ihren Kummer! Haben Sie ein
gutes Dienstmdchen?" -- "Ja." -- "Nehmen Sie die mit. Mehr ist nicht
ntig. Alles andere finden Sie dort oben, und die Schwestern werden
Ihnen helfen."

Die Oberschwester erhielt eine scharfe Zurechtweisung; aber dabei lie
es Kallem bewenden. Ihr Versehen konnte sie am besten dadurch wieder gut
machen, da sie Mutter Andersen nach besten Krften untersttzte.

Den Pastor suchte er nicht auf; ebensowenig der Pastor ihn. Von andern
hrte er, da er erkrankt sei, und fand es auch ganz erklrlich.
Josefine begegnete Kallem ein paar Tage spter auf der Strae; sie tat,
als she sie ihn nicht.

Wie dieser Vorfall wirkte, ist gar nicht zu beschreiben. Die ganze Stadt
geriet in Aufruhr. War es nicht etwas Seltsames um den Glauben, wenn
sogar der Glaube an eine Lge einen Menschen vom sichern Tod htte
retten knnen?

Der Hausmeister und seine groe Familie fielen natrlich dem Pastor und
seiner Frau zur Last. Josefine mute Geld herausrcken zu einer
Buchhandlung -- und zwar weit mehr, als ihr lieb war.

An diesem Mann hatte Kallem seitdem einen treuen und aufrichtigen Feind.
--

Unmittelbar darauf fuhr Kallem nach dem Walddorf hinauf. Er meldete sich
nicht an; er kam abends bei Mondschein vom Bahnhof her auf dem Gut
angefahren, just als der Gutshof und die Landstrae drauen von
angespannten Schlitten, vollen und leeren, wimmelten. Alt und jung
wollte eine Schlittenpartie machen; von hier sollte die Fahrt ausgehen,
und hierher wollte man am Schlu zurckkehren und noch tanzen.

Man beachtete den Ankmmling nicht weiter; man glaubte, er gehre zur
Gesellschaft. Erst als er im Flur stand, wo die Hausbewohner und Gste
sich eben anzogen, bemerkten einige, da er fremd war; aber sie dachten
nicht weiter darber nach; es trotteten ja so viele pelzvermummte
Gestalten aus und ein. Ragni hatte gerade ihren Pelz angezogen, als sie
sich von rckwrts her umschlungen fhlte. Sie stie einen Schrei aus
und sah auf. Nein, war das eine Freude! Karl, der abseits in einer Ecke
stand und sich gerade in seine Pelzstiefel hineinqulte, zog sie, ohne
ein Wort zu sagen, wieder aus, ebenso Mantel und Mtze, schmi die Beine
in die Luft und lief Kallem auf den Hnden entgegen; jetzt war die Kunst
erlernt! Der Vater mit seinem mchtigen Haar und schwermtigen Gesicht
stand daneben; er stellte Kallem seiner Frau vor, einem blassen, stillen
Geschpf; sie sprach den Dialekt der Gegend und hatte eine zarte Stimme
-- das war so ziemlich alles, was Kallem bemerkte. Es blieb ihm zu
nichts anderem Zeit; er mute einfach mitfahren.

Pferdegewieher und laute Rufe, Gekreisch und Gelchter, bis die Meldung
kam, auf der ganzen Linie sei alles bereit; der erste Schlitten mit
einer Dame und einem Pelzmann hintenauf, sauste davon; und ihm nach
Schlitten auf Schlitten, breite und schmale, einspnnige und
zweispnnige. Eine lange, wellenfrmige Schnur mit grauschwarzen Knoten
-- im Mondschein -- ber das Schneefeld, dem Wald zu, in dem es bald
zwischen den Stmmen widerhallte von Schellen, Hundegebell, Lachen und
Geschwtz. Einige fingen zu singen an, andere fielen ein; aber es war
unmglich, Takt zu halten; zusammen stimmte es nie. Kallem sa mit
seiner Frau in einem Breitschlitten; sie sah so reizend aus in ihrem
vielen Pelzwerk, da er nicht anders konnte -- er mute ihr ab und zu
einen Ku geben. Eine schwierige Aufgabe! Ach, und was sie alles erlebt
hatte! Whrend er ihr zuhrte, wurde ihm klar, da sie erst jetzt ihre
Jugend erlebte! Nie hatte er etwas so Frhliches gesehen! Nie hatte er
gewut, da sie diesen Drang nach Freude in sich trug! Derselbe Gedanke
kam ihm, spter am Abend, als alles tanzte, spielte, lachte, schwatzte,
tollte, a: sie holte die Frhlichkeit vieler Jahre nach. Ob ein dicker
Waldbesitzer ihre zarte Gestalt umfat hielt und sie dahintrug, da sie
kaum mit den uersten Zehenspitzen den Boden berhrte; ob sie sich eins
der Kinder geholt hatte und mit dem loswalzte, oder ob Karl oder
irgendein anderer Gymnasiast oder Student sie links herumschwenkte wie
einen Kreisel -- immer dasselbe strahlende Gesicht, derselbe heilige
Eifer. Tanz und Spiel gingen in einer Eckstube vor sich, die die ganze
Breite des Hauses einnahm; aber oft flutete der Tanz auch in die anderen
Zimmer, sogar bis in die Kche auf der andern Seite des Hauses hinber.
Die Kchentr stand offen. Ein paar ltere Herren versuchten, in einer
Ecke ein Spielchen zu machen; aber sie muten es aufgeben. In einemfort
wurden sie zum Tanz geholt. Alt und jung -- alles war gleich frhlich.

Am andern Morgen um elf Uhr schlief Ragni noch, und als sie gegen Mittag
hinunterkam, ein bichen mde und taumelig und sehr verwundert, da sie
gar nicht gehrt hatte, wie Kallem aufgestanden war, erfuhr sie, da er
abgereist sei. Ein Telegramm von Kent, dem es wieder schlechter ging,
hatte ihn heimgerufen. Ein kurzer Brief, den er beim Frhstck noch
hingekritzelt hatte, trstete sie ein bichen. Er schrieb, er habe sie
nach der durchtollten Nacht nicht wecken, noch weniger sie mitnehmen
mgen; aber eine grere Freude habe er noch nie erlebt, als sie so
frhlich zu sehen.

Das erste, was Kallem bei seiner Rckkehr vorfand, war eine
Balleinladung vom "Verein". Die wollte er annehmen. Die Einladung war
von der Hand seiner Schwester geschrieben (sie war im Vorstand) und
lautete auf "Doktor Kallem und Frau". Sieh mal an!

Ob er an Ragni telegraphierte? Nein, er lie sie lieber, wo sie war;
besser konnte sie es ja nicht haben.

Indessen kam er selber in eine recht ernste Sache hinein. Sein erster
Krankenbesuch noch am selben Abend galt einer armen Mutter mit vielen
Kindern, Sissel Aune, einer Waschfrau unten in der Stadt, die an einer
Lungenentzndung darniederlag. Hauptschlich um ihretwillen hatte Kent
telegraphiert. Der siebente Tag war ohne Krisis hingegangen, und wenn
nun die kommende Nacht halb vorber war, so war auch der neunte Tag
vorbei. Wrde sie ihn berleben? Der obere und der untere Lungenflgel
waren angegriffen, das Herz begann auszusetzen, der Puls war sehr
schwach -- dazu noch andere schlimme Zeichen -- sollte er dem Herzen in
dem letzten Kampf mit Atropin nachhelfen? In einem solchen Fall war das
Mittel noch nicht erprobt; aber immerhin -- rationell war es. Wo er ging
und stand, was er auch vornahm -- berall verfolgte ihn diese Frage. Die
fnf Kinder der Kranken waren bei Sren Pedersen und Aase untergebracht;
in solchen Fllen waren die Zwei unbezahlbar.

Als er zum zweitenmal hinging, blieb er gleich da; es war ein Ringkampf
-- Aug' in Auge mit dem Tod.

Eine kleine, sehr saubere Stube mit drei Betten. Im Fenster ein
kmmerlicher Geraniumstock, und an der Wand ein Bild von Knig Karl XV.
zu Pferd -- unter Glas und Rahmen --, ein paar mit Stecknadeln
befestigte Photographien und eine Geige mit drei Saiten, die vierte hing
herab. Die dalag, war dereinst eine schne Frau gewesen, war sicher auch
jetzt noch stark und kernig, wenn sie wieder gesund wurde. Jetzt lag sie
da, abgemagert bis auf die Knochen, die zerschundenen Arbeitshnde auf
einer zerlumpten Decke. Aber der Mann, der neben ihr sa, der war nicht
stark, wie sie -- ach nein -- der war ein rechter Schwchling! Ein gutes
Gesicht, und verwandt mit der Geige an der Wand insofern, als
vielleicht auch in ihm eine Saite gesprungen war, bis die dort an der
Wand so verwahrloste. Mde, abgezehrt von Nachtwachen sa er da --
allein --, nicht weil die Nachbarn ihm nicht geholfen htten, sondern
weil die Hilfe, die zuletzt am Bett gesessen hatte, eben ausruhte, bis
das Schwerste beginnen wrde. Es hatte Kallem gerhrt, zu sehen, wie die
Nachbarn zu beiden Seiten des Hauses Wache standen; sie wollten
verhindern, da allzu frhliche Weihnachtsgste hier vorbeizgen; nachts
lsten sich die Wachen ab. Er hrte das von der Frau, die gegen elf Uhr
wiederkam, um zu helfen. Es war nicht viel zu tun -- auer fr den
Doktor, und der wute nicht, ob er wagen drfe, etwas zu tun.

Zuerst machte er eine Einspritzung von ein Drittel Milligramm; darnach
wurde der Puls krftiger. Kallem fate Hoffnung, wagte aber nicht, sie
den flehenden Augen des Mannes zu bermitteln. Sie konnte trgen. Ein
paar Stunden lang hielt sich der Puls; dann sank er wieder. Wieder eine
Dosis; und wieder hob er sich. In grter Spannung sa er da und
beobachtete. Er hatte sich ein Buch mitgebracht, versuchte es, unter die
Lampe zu halten, brachte auch dann und wann einmal Sinn in einen Satz,
verga ihn aber sofort wieder. Gesprochen wurde gar nichts, nur gesthnt
und geseufzt. Der letzte Ruf aus der Ferne, das letzte Schellengelute
war lngst verklungen, die letzte Tr geschlossen -- die Nacht leer und
grau. Fnf Kinder -- das lteste zehn Jahre -- konnten in jeder Sekunde
ihre Versorgerin verlieren; und der Mann, der dort sa und bald nickte,
bald sich ber die Knie strich, bald die Ellbogen darauf legte und die
Hnde faltete -- und von der Frau hinberstierte zum Arzt -- auch der
verlor seine Versorgerin.

Sowie der Puls nachlie, eine neue Dosis; und immer wurde er wieder
krftiger; es schien also wirklich richtig, was er tat. Aber die Krise
wollte nicht eintreten; es war Mitternacht vorber, der neunte Tag war
-- demnach, was die Leute sagten -- abgelaufen -- und noch immer
derselbe aufreibende Kampf. Kallem stand auf, zwischen Furcht und
Hoffnung schwankend, nahm sein Buch, hielt es gegen das Licht, legte es
wieder weg, und ging wieder ans Bett, um zu messen. Ja -- jetzt war es
bald zu Ende mit den Krften. Der Mann sah es ihm an und kmpfte, um
nicht laut aufzuweinen. Der Doktor gebot ihm Schweigen. Wieder ein
Versuch; und bald darauf schlief sie ein. War es denn wirklich Schlaf?
Die andern sahen ihn an und er sie. Er ging auf ein Weilchen vom Bett
weg, um mit frischen Sinnen aufs neue zu horchen. Sie schlief! Einen
ruhigen, echten Schlaf! Er wandte sich dem Manne zu, der es seinem
Gesicht ablas; und ein Widerschein vom Licht des Lebens sprang von des
Arztes Gesicht ber auf seines. Der Mann stand auf -- wieder krampfte
alles in ihm sich zusammen -- gleich wrde es ausbrechen. "Gehen Sie zu
Bett!" flsterte der Doktor. Der Mann warf sich ber eins der drei
Betten, prete das Gesicht in die Kissen, -- und jetzt brach es los.

Flsternd erteilte Kallem der Frau, die am Kochherd sa und sich jetzt
erhob, seine Anweisungen. Er versprach, am Vormittag wiederzukommen. Sie
half ihm in seinen Mantel; leise ffnete er die Tr und zog sie hinter
sich zu. Aus dem trben Wetter war starker Schneefall geworden; nirgends
Licht, in keinem Fenster, nur das eine, das ber dem neuentzndeten
Lebensfunken wachte. Kallem konnte es sich nicht versagen, als er am
Sattlerladen vorbeikam, anzuklopfen; aber die da drinnen schliefen fest.
Er klopfte noch einmal; denn er wute ganz sicher -- die beiden hatten
ihr Bett und ihre kleine warme Stube den Kindern berlassen und
bernachteten selber im Laden. So war es auch! "Wer ist da?" fragte
Sren Pedersens fnische Stimme. "Sagen Sie den Kindern, wenn sie
aufwachen, da ihre Mutter wieder gesund wird." -- "Das ist aber ein
Segen!" antwortete der Fne, und hinter ihm hrte man Aases
hochlndisches: "Ach nee -- ist's denn die Mglichkeit?" -- "Kommt
morgen mit den Kindern zum Mittagessen zu mir!" rief Kallem.


7

Die ganze Nacht und den ganzen Tag ein unglaublicher Schneefall, und
gegen Abend Sturm, der den frischgefallenen Schnee zu groen Wehen
zusammenfegte. Der Sturm ging vorber, doch der Schneefall dauerte mit
ungeschwchter Kraft fort. Alles vom Lande, was auf den Ball wollte,
mute bis zur Stadt mit dem Schneepflug fahren; in der Stadt selber ging
er heut schon zum zweitenmal. Zum Ball! Zum Ball! Der erste groe
Weihnachtsball!

Zum Ball! Zum Ball! In den greren Stdten, wo der Tanz ein Geschft
ist, das die Jugend abwechselnd in den verschiedenen Vereinen und
Familien betreibt, hat man keine Vorstellung davon, was in der
Kleinstadt alles von der Aussicht auf den ersten Weihnachtsball
aufgewirbelt wird, besonders auch unter der lndlichen Jugend, die mit
dicken Pelzen ber dem Ballstaat zur Stadt fhrt. Aber wie der
Schneepflug gutmtig den berflssigen Schnee beiseite fegt, so fegt die
bestehende Sitte, die natrliche Schchternheit mehr als die Hlfte von
dem weg, was man sich zusammenphantasiert hat. Und was zusammenkommt,
ist eine sittsame, ehrbare Gesellschaft, die sich anfangs gegenseitig
kaum zu kennen scheint.

Kallem lag auf dem Sofa. Er war in bester Stimmung. Die prchtige Sissel
Aune erholte sich; der Mann war heute ganz berauscht von Lebenslust und
Branntwein, den die Nachbarn ihm eingegossen hatten. Die Kinder waren
zum Mittagessen dagewesen, obgleich das Mdchen keineswegs davon erbaut
war; in solchen Sachen war sie genau wie Ragni; die beiden waren sich
berhaupt hnlich.

Die Kinder von Sissel Aune waren nicht ganz so verlegen gewesen, wie die
von Maurer Andersen, die auch dabei waren. Kallem hatte ihnen schlecht
Klavier vorgespielt und war ihnen prachtvoll auf den Hnden vorgelaufen,
und der Sattler hatte unaufhrlich von Maurer Andersens Tod geredet:
Maurer Andersen sei an der Wahrheit gestorben. "Und es gibt gerade
genug, die von der Lge leben, da es wirklich einmal nottut, da einer
an der Wahrheit stirbt" -- und hnliches Gewsch, das Aase hchst
bedeutend fand.

Ein langer, strahlend vergngter Brief von Ragni lag auf Kallems Bauch.
Er hatte ihn schon zum zweitenmal gelesen. Karl hatte einen Bericht ber
ihr Befinden seit des Doktors Abreise beigelegt; ganz witzig --
namentlich eine Beschreibung ihrer ersten Skitour (die auch ihre letzte
war). Er hatte ihre tiefinnerlichste Feigheit gut gezeichnet.

Und jetzt mute er also auf einen Ball, an dessen Spitze eine
Pastorsfrau stand. Sie und ihre fesche Freundin, Frau Lilli Bing! Ob
Josefine das wohl gegen den Willen ihres Mannes tat? Es war brigens ein
ffentliches Geheimnis; Lilli Bing hatte es ihm verraten. Die Pastorin
war die gefeiertste Tnzerin der Stadt. Die Herren wetteiferten
miteinander, nur um im Kotillon einmal mit ihr herumtanzen zu drfen. Er
sah sie vor sich -- hochgewachsen, mit bloem Hals, dunkelugig, glhend
vom Tanz. Ja, er wollte mit ihr tanzen! Er sehnte sich nach ihr -- er
verhehlte es sich nicht. Ragnis Brief legte er beiseite, ebenso den von
Karl und das Buch, in dem er gelesen hatte; dann stand er auf, schraubte
die Lampe nieder, sagte dem Mdchen Bescheid und ging hinauf, um sich
umzukleiden!

Merkwrdig, wie das schneite! Nicht in Flocken, sondern in groen
Fetzen, die einander jagten. Wre es nicht windstill gewesen, man htte
berhaupt nicht den Weg gefunden. Die Laternen verdrossen; kaum da ihr
Schein ber den Lichtkern hinausreichte; ringsum kein Laut. Der Regen
hat Klang und Landschaft; der Schnee verdeckt alles; nie ist der Mensch
so einsam, wie im Schnee. Nicht einmal einen Zaun hatte Kallem zur
Begleitung; kein Stein am Weg, der ihn begrt htte; kein Baum im
Garten beugte sich vor ihm; er sah sie berhaupt nicht mehr; sie waren
weg -- eingehllt -- fort. Die Kirche stand noch da; aber umgewandelt
in einen weien Steinhaufen, mit einem weien Stab darber. Er und die
Kirche -- die Kirche und er; und sonst nichts! Die Huser unten in der
Strae wichen zurck; sie spielten Versteckens -- mit ausgestreckten
Pranken; die Pranken waren einmal Treppen gewesen. Und unten am
Strandweg lagen ein paar umgestrzte Boote; sie sahen aus wie weie
Elefanten, die schliefen. Die Bucht ein Schneemeer; sonderbar -- die
Insel hatte sich losgerissen und war davongeschwommen; man sah sie
nirgends mehr. Nach dem Kalender war Vollmond; und es war nicht ganz
finster; obgleich auch der Mond weggeschneit war aus dieser
verwunschenen Welt.

Kallem stapfte vorwrts wie ein umgestlpter Zuckerhut. Er und der
Schnee, der fiel -- das war das einzige, was sich regte. Nicht einmal
aus dem Huschen glommen Feueraugen, obgleich es kaum zehn Uhr war.
Erloschen und zugeschlossen und zugeschneit. Nur die verdrossenen
Lichtkerne in den Laternen bezeugten, da hier zu Zeiten eine lebendige
Stadt war.

Jetzt hrte er eine Klarinette dudeln und einen Ba rumpeln -- Fuchs und
Eisbr, die irgendwo miteinander hopsten. Es trippelte und es humpelte,
die Schneeflocken rieselten herab, und die Huser standen und
faulenzten.

Endlich war er so weit gekommen, da er inmitten eines qualmigen
Feuernebels ein groes Haus erblickte; da drin war's -- da dudelte es
und stampfte. Und er steuerte drauf los.

War er fehlgegangen? Er platzte in eine Art Kneipe oder etwas hnliches
-- mitten in Tabaksqualm, Punschdampf und Speisendunst hinein. Dort sah
er ein paar dicke Herren wie Schweine in ihrem Fett hocken. Sie waren
nicht im Ballanzug; wohl aber die andern, die eben hereinkamen. Und als
er sich endlich zur richtigen Treppe durchgefunden hatte, begegneten ihm
noch mehrere Herren im Frack, die an ihm vorbeistrmten, dem Tabak und
dem Punsch zu. Kallem hate und verachtete Tabak und Punsch und
Wirtshausleben, und vor allem die Herren, die nicht tanzen konnten, ohne
sich zu "strken".

Man sollte nie zu spt auf einen Ball kommen. Er sah auf die Uhr -- es
war elf und nicht erst zehn, wie er geglaubt hatte -- entweder war er zu
spt nach Hause gekommen, oder er hatte zu lange gelesen. Ein paar
glhende, schwitzende junge Leute, die eben aus dem Qualm auftauchten --
jedesmal, wenn die Tr aufging, drang ein qualmiger Nebel heraus --
begrten ihn und besttigten dadurch sein Kommen; so ging er denn
mechanisch weiter und zog seinen berzieher aus. Im Flur noch weitere
solcher berhitzten, schwitzenden Menschen. Der eine schien nur
hinunterzulaufen, weil der andere lief; nichtssagende Worte -- unstete
Augen -- ihr Lachen wie hohle Trommelwirbel. Auch Damen kamen, immer
drei oder vier zusammen, wie aufgeblhte Rosen sahen sie aus; sie
lachten -- ber nichts, schwatzten -- von nichts, stets auf dem Sprung,
da man sie wieder in Musik und Geplapper hineinfhren sollte. Die Musik
schrill, die Gasflammen in einem Flor von Qualm, die Kronleuchter in
gelbrotem Dunst.

Ein berfllter Ballsaal; man hatte Mhe, sich durch die vielen
Kavaliere hindurchzuwinden, die mig, in Klumpen zusammengedrngt, an
der Tr herumstanden. Eine Mischung von fein und grob -- eine echt
norwegische Mischung.

Es wurde gerade der Walzer im Kotillon getanzt. Kallems Brillenglser
waren jetzt wieder trocken, und bei seiner Lnge sah er bald, da seine
Schwester nicht unter den Tanzenden, augenscheinlich berhaupt nicht im
Saal war. Doch er verga sie; denn der Anblick hier war in gewisser Art
neu fr ihn; er kannte von Norwegen nur die Westkste und Kristiania.
Ein Ball in einer kleinen norwegischen Binnenstadt ist etwas ganz
Eigenartiges. Damen und Herren, die einem eleganten Pariser Ball Ehre
machen wrden, gleiten leicht dahin zwischen jungen Menschen, die einen
schweren Alltagsschritt, die niemals die Kunst des Tanzes erlernt haben,
sondern ehrlich und unverdrossen wie Taglhner, den Takt treten. Herren
im Gehrock, Herren im Frack, Damen in ausgeschnittener Balltoilette,
Damen in biederen, dunkeln, hohen Kleidern, manche lter, manche
blutjung, und jeder auf seine Weise und fr sich vergngt.

Von dem Augenblick an, als Kallem das Pech hatte, in die Restauration
zu geraten oder vielmehr nur in ihre Nhe -- mit ihrem Punschgeruch
und Tabaksqualm, die er hate, war er bellaunig und verdrossen
gewesen. Aber hier im Ballsaal, angesichts so viel genufroher
Selbstverstndlichkeit verzog sich das. Da walzten zwei vorber -- er im
Frack, sie im dunkeln Wollkleid, wie mit einem Schlo zugeschlossen; sie
hielten sich so treulich umschlungen, machten keine Pause, drehten sich
nur unablssig, ernsthaft und bedchtig. Dort streifte ein langer,
blonder Bursch in kurzer Jacke, wahrscheinlich ein junger Seemann, der
zu Weihnachten nach Hause gekommen war, an ihnen vorbei; er tanzte mit
einer Frau von mindestens vierzig Jahren, -- zweifellos seine eigene
Mutter; wenn die nicht so aussah, als knne sie noch eine tchtige
Marssegelkhlte bestehen! Dort ein bekannter Eisenbahnbeamter, das
Gesicht in die Hhe gewandt, ein dnnes Kerlchen im schwarzen Frack, das
unter fortwhrenden Krperverrenkungen herumhpfte; trat er auf den
rechten Fu, so neigte er sich nach rechts -- trat er auf den linken
Fu, beugte er sich nach links -- immer ganz gewissenhaft im Takt, und
dabei so vergngt, so lokomotivenpfeifenvergngt! Seine Tnzerin lachte
nur immerzu, aber gar nicht etwa verlegen, im Gegenteil -- sie amsierte
sich! Und sie tanzten und tanzten, und wenn sie sich eben erst gesetzt
hatten, standen sie auch schon wieder auf. Da fegte ein junger Kaufmann
vorber, und dicht hinterdrein ein junger Offizier, beide tadellos, mit
frischen, jungen ballmig gekleideten Tnzerinnen; darnach ein ganz
verrckter Kerl mit einer hohen Haartolle und einem groen, schwarzen
Frauenzimmer. Sie rasten durch die Mitte des langen Ballsaals hin und
zurck, da alles erschrak und auswich wie vor Pferden. Da wirbelte ein
Turm vorbei -- ein dicker, hoher, runder Turm, mit einer kleinen,
schmchtigen Dame, die an ihm lehnte wie eine Leiter. Nach oben zu
rhrte sich der Turm berhaupt nicht; er drehte sich nur; htte man ihm
einen Teller Suppe auf den Kopf gesetzt, es wre auch kein Tropfen
bergeschwappt. Da kamen zwei, die die Hnde von sich streckten wie
Segel, zwei groe Menschen, die Platz fr drei normale Paare wegnahmen.
Aber es schien althergebrachtes Ballgesetz zu sein, da jeder Recht
hatte auf soviel Platz, wie ihm pate, auf soviel Gerase und Getolle,
wie ihm beliebte, berhaupt das Recht, ganz nach seiner eigenen Fasson
selig zu sein! Hier tanzte jeder einfach fr sich, und keiner, um zu
tanzen, sondern alle, um sich zu amsieren.

Aber -- Donnerwetter -- da kamen zwei, die konnten tanzen! Sie kamen
aus einem Nebenzimmer -- ein flotter, bartloser Kavallerieleutnant und
eine hohe, ... Josefine! Sie war in roter Seide, mit Schwarz; der feste
Hals, die gedrechselten Arme in ihrer warmen Farbe -- das ppige Haar,
in den gewohnten Knoten gebunden -- die wilden Augen -- ja, wild waren
sie! --und die Figur! Ja, sie war die Ballknigin! Wie sie tanzte!
Jetzt sah man erst die ganze Kraft und Geschmeidigkeit ihres Krpers!
Und jetzt blitzte das irische Blut auf! Das war sie! Der Bruder drngte
sich weiter vor; es war, als versage ihm der Atem. Ihm war, als ob
alles nur auf diese beiden starrte, die sich bald rechts-, bald
linksherumschwenkten, bald auf einem Fleck wirbelnd, bald den ganzen
Saal umkreisend. Kein neues Paar kam hinzu; alle schauten und schauten,
und nach und nach hielten die meisten der Tnzer inne; sie wollten
zusehen. Der Kavallerist hatte nur den einen Fehler, da er nicht grer
war als seine Dame; aber er war ein kraftvoller, mnnlicher Kerl, der
vorzglich fhrte. Der Tanz war diesen beiden kerngesunden Menschen
Leidenschaft und Rausch; das sah man. Und wie ein Rausch wirkte es
auch. Kallem konnte nicht widerstehen; auch er mute tanzen -- und zwar
mit ihr -- und auf der Stelle! Als sie das nchstemal in einem
glnzenden Bogen vorbeikamen, sah er sie an -- sah sie so an, da er
wute, sie _mute_ dahin blicken, wo er stand. Und so war es auch. Als
ob jemand sie umfat und zum Stehen gebracht htte, stand sie still.
"Vielen Dank!" sagte sie zu ihrem Herrn. Und schon war auch der Bruder
an ihrer Seite; ebenso schnell aber auch ihre Freundin Lilli Bing.
"Komm, setz' Dich zu mir!" sagte sie, und gleich darauf, zu Kallem
gewandt: "Wie nett von Ihnen, da Sie gekommen sind!" -- "Ich habe zu
danken -- fr die Einladung!" erwiderte er sich an beide wendend. "Aber
ich hab' eine solche Lust, mit Dir zu tanzen, Josefine --" er zog seine
Handschuhe an -- "Sie gestatten?" Und er verbeugte sich vor dem
Leutnant, der sich hflich wieder verbeugte. "Hast Du auch Lust?" wandte
er sich zu Josefine. Sie war vom raschen Tanzen auer Atem; aber ihre
dunkeln Augen strahlten. "Ja!" antwortete sie leise. Der Saal hatte sich
inzwischen wieder mit Tnzern gefllt; deshalb warteten sie ein
Weilchen. Aber als das Gedrnge nicht abnehmen wollte, umfate er sie,
um zu beginnen. "Es geht nicht!" flsterte sie. "Doch es geht!" sagte er
und schwenkte sie an den andern vorber, ohne anzustoen, ohne sich
aufhalten zu lassen; wurde es gefhrlich, so trug er sie mehr, als da
er sie fhrte. Aber bald merkte er, wie unntig das war; sie bog sich
und schmiegte sich in seinem Arm dem leisesten Druck. Sie waren sich
nicht so gleich, da es "klebrig" wirkte, und doch auch nicht so
ungleich, da es abstie; sie wurden sich gegenseitig interessant und
genossen diesen Augenblick der Vershnung vor neuem Kampf. Ab und zu
sahen sie einander an, immer gleichzeitig -- er sehr rot, sie sehr
bleich.

Jetzt strahlten die Lampen hell, die Musik war heiter, die Menschen
frhlich und natrlich, der Ballsaal prchtig! Sie hatten nicht
miteinander getanzt, seit er Balllwe und sie ein unausstehlicher
Backfisch war, mit dem er aus Gnade ein paarmal herumwalzte. Aber in
Haltung, Rhythmus, in ihrer ganzen Art zu tanzen waren sie wie
aufeinander eingespielt; sie tanzten so leicht -- sie waren glcklich.
Whrend sie sich umfangen hielten, konnten sich ihre Gedanken nicht
voneinander lsen; sie hatten sich ineinander verschlungen. Sie gehrten
zueinander in starkem Naturzusammenhang, nun sie bis auf den Urgrund der
Natur gedrungen waren. Und weil das, was sie gemeinsam erlebt hatten,
eigentlich in ihrer Kindheit lag, in einem fernen Land, so flchteten
sie beide dorthin. In die brennendheie Luft, Seite an Seite auf ihren
kleinen Ponys, zwischen ihnen der wunderliche Vater; er war so schn zu
Pferde!

Der Bruder, der die Schwester berragte, blickte hinab auf ihre breite
Kopfform; daran erkannte er den Vater wieder. Sie dachte ebenfalls an
den Vater, whrend sie in sein scharfgeschnittenes Gesicht emporblickte;
und trotzdem hnelte er der Mutter, mehr als sie. Sie erkannte im Bruder
das Gtige und Kluge der Mutter, wenn auch die Gewitterzge des Vaters
dazwischen kreuzten. Sie htte sich an ihn schmiegen mgen wie an ihre
Mutter, in dem Gefhl tiefster Geborgenheit -- wie an jenem letzten
Abend in ihrer Fjordstadt. Und eine grere Sehnsucht kannte sie nicht
auf Erden.

Da hrte die Musik auf.

Arm in Arm gingen sie zu dem Platz zurck, den Lilli ihr angeboten hatte
-- voll Wrme und Dankbarkeit. Sie trafen dort Lilli und den
Kavallerieleutnant -- sie in ihrer ppigkeit ganz auer Rand und Band,
er, wie immer, korrekt und ehrerbietig.

Bald darauf war Kallem in berzieher und Seehundsstiefeln, die Hnde
tief in die weiten Taschen vergraben, wieder drauen im Schneegestber.

Entweder htten die beiden Geschwister jetzt allein sein mssen, oder er
mute gehen. Es hatte ihn zu gewaltig gepackt. Er hatte sie unendlich
lieb, und sie ihn vielleicht noch mehr. In solchen Augenblicken -- wenn
ihr Wesen sich ganz mit dem seinen verschmolz, da formte es sich so, wie
es wollte und konnte; fr gewhnlich hielt etwas sie gebunden; das
Christentum war es kaum -- was aber war es? Sie tat alles, was sie
wollte, bis zur Rcksichtslosigkeit; und dennoch war sie gebundener als
die meisten.

Es schneite und schneite; die Luft war mondhell, trotzdem man den Mond
nicht sah. Und vor sich in der Luft sah er seine Schwester, barhaupt,
mit nackten Armen, mit Glutaugen, und in der Ferne Musik!

Als er aber in sein weies Schlafzimmer trat, in dem das aufmerksame
Mdchen eingeheizt hatte, da sah er die droben im Walddorf tanzen --
Ragni, getragen von einem dicken Waldbesitzer, da sie den Boden kaum
mit den uersten Zehenspitzen berhrte; -- sie wirbelte mit den kleinen
Kindern im Kreis herum, sie hpfte mit dem "Birkhahn" oder einem
schneidigen Jungen aus der Hauptstadt davon; er sah ihre Glckseligkeit
nach jedem Tanz, er hrte ihr: "Nein, wie ich mich amsiere, Edvard!" --
und damit schlief er ein.

Und am andern Tag -- er hatte eben sein einsames Mittagessen beendet und
war gewohnheitsmig in die Wohnstube gegangen -- denn da pflegte Ragni
ihm vorzuspielen -- da ffnete sich die Tr und -- er traute seinen
eigenen Augen kaum -- ja, wirklich, in dieser Pelzvermummung steckte
Ragni! Er rief sie herbei, so, wie sie war, wei und rosig und mollig
und zrtlich -- und hob sie in die Hhe.

"Ach nein," sagte sie, als sie ein Weilchen nachher friedlich
beisammensaen -- "weit Du, es war doch immer wieder dasselbe, und dann
-- ich hatte Sehnsucht." -- "Du hast eine schiefe Nase!" -- "Und Du --
na, warte nur -- auf dem Ball bist Du gewesen!" -- "Du hast eine schiefe
Nase!" -- "Das sieht man fast gar nicht. Du, aber weit Du -- Karl ist
gar nicht immer lieb. Das will ich Dir nur sagen!" -- "Karl?" -- "Gegen
mich, ja! Gegen mich ist er riesig nett -- man kann sich gar nicht
vorstellen, wie nett. Aber gegen meine Geschwister ist er ganz anders
-- heftig -- furchtbar heftig, und launisch, ein Starrkopf." -- "O, das
kann ich mir ganz gut denken." -- "Und weit auch Du, warum ich
abgereist bin? Wir wollen einmal allein sein. Nicht? Wir haben ihn ja
immer um uns." --"Du lieber Gott -- hast Du _den_ nun _auch_ schon wieder
satt?" -- "Das hab' ich doch gar nicht gesagt; aber so immer um einen
-- -- -- das wird --" -- "Langweilig?" -- "Na ja, meinetwegen langweilig;
aber es ist so. Ich bin grlich, ich wei! Du, und um noch was mcht'
ich Dich bitten; aber sei gut und sag' nicht gleich sthetiker!" --
"Nun, und --?" -- "Sag' Kristen Larssen nicht, da ich wieder da bin!
Bitte, bitte nicht! Wir wollen einmal ganz ungestrt sein, ja?" -- "Aber
ich hab' eben jetzt ein paar Kinder, die -- --" -- "Nein, nein! Auch
keine Kinder! Ach nein!" Und sie fing zu weinen an.

"Aber liebste, seste Ragni --!" -- "Ach Gott, ich wei ja, es ist
schrecklich egoistisch; aber ich _kann_ ganz einfach nicht! Ich bin fr so
was nicht geschaffen!"

Eine Weile spter sang der Flgel in seinen vollsten Akkorden die
Jubelhymne ihrer Heimkehr! Die Geister der Schnheit nahmen Besitz vom
Haus. Sie flogen aufs Dach, zu den Fenstern und Tren hinaus, ins
Schlafzimmer hinauf, in die Kche, ins Studierzimmer hinber. Sie
sangen, sangen, sangen, da die Tuberkelbazillen, die der Doktor eben
untersuchte, geradenwegs lostanzten auf das, was sie vernichten sollte;
sie sangen die Kchentr auf, da der ganze Aufwaschtisch tanzte und der
Kaffeekessel berkochte; und das neue Kleid, das Sigrid zu Weihnachten
von Frau Doktor bekommen hatte, fix und fertig, mit Sammetbesatz und
Jakett, mit Schnren und Quasten besetzt, hoch oben auf dem Dachboden,
zu alleroberst im ganzen Haus, auf Ballgedanken verfiel.


8

Tags darauf kam Kallem von Sissel Aune, der Waschfrau. Er hatte sich
ber den Mann gergert, der in bermiger Freude seine Geige hatte
herrichten lassen und jetzt bei allen mglichen Gelagen aufspielte und
sich volltrank. Er wollte mit ihm denselben Versuch machen wie mit Sren
Pedersen und Aase, und ging deshalb zu ihnen, um mit ihrer Hilfe dem
lyrischen Aune beizukommen. Aber er fand die "Gattin Aase" allein im
Laden, wo sie eben einem von Sissels Kindern auf einen Sattel half; vier
hatte sie bei sich im Laden, das fnfte lag daneben in der Stube. Sren
Pedersen sei nicht zu Hause, er sei bei Kristen Larssen, der krank sei.
Kristen Larssen? -- Ja, er habe frchterliches Erbrechen gehabt, zuletzt
das reine Blut; aber dem Doktor wolle er nichts sagen. Kallem wollte
sofort zu ihm, aber erst wollte er noch einen kleinen Beitrag zum
Unterhalt der Kinder geben; das wurde jedoch nicht angenommen. Aase
hatte heute zwei Sttel und eine Sprungfedermatratze verkauft; eine
Nichte von ihr arbeitete jetzt mit in der Werkstatt; eine Frau, die
ebenfalls Aase hie; um die zwei voneinander zu unterscheiden, nannte
Sren die Nichte: "Aases Aase".

Kallem fand Kristen Larssen im Bett. In seinen langbehaarten Fingern
hielt er eine Arbeit; Sren Pedersen las ihm vor. In der Ecke zwischen
Fenster und Tisch, ganz eingeklemmt in einen Winkel, sa die Frau und
strickte; das Kopftuch hatte sie so tief hereingezogen, da das Gesicht
ganz im Schatten lag. Eine entsetzlich schlechte Luft war in der Stube.
Als Kallem den Kranken sah, erschrak er; noch schmutzig-grauer, noch
hagerer als sonst sah er aus. "Haben Sie etwas Fettes gegessen in den
Weihnachtstagen?" -- "Hm ... Slze haben wir gehabt." -- "Haben Sie
schon frher solche Anflle gehabt?" -- "O ja ... ab und zu." -- "Aber
nicht so schlimm, wie diesmal!" sagte sie, und strickte. -- "Haben Sie
Schmerzen jetzt?" -- "Jetzt nicht. Aber manchmal ..." -- "Unter der
Brust und im Magen?" --"Ja." -- "Und die Schmerzen kommen hufig
wieder?" -- "O ja." -- "Mit jedem Tag fter!" sagte die Stimme aus der
Ecke. Kallem begann sofort mit der Untersuchung und fand in der
Magengrube eine Geschwulst von der Gre einer Wallnu. Kristen Larssen
wute schon lange davon. -- "Ist sie gewachsen?" -- "O ja." --"Jeden Tag
mehr!" sagte die Stimme in der Ecke. Kallem ward es hei und heier.
Weshalb hatte er sich bei Larssens abweisender Art beruhigt? Die Augen
der Frau folgten ihm -- ihre Stricknadeln gingen immer langsamer -- es
war, als erstarre sie nach und nach; der Doktor versuchte, seine ruhige
Miene zu bewahren; aber sie lie sich nicht tuschen -- er merkte es.
Und Kristen Larssens kalte Augen folgten ihm -- forschend. Kallem hie
sie die Herdklappe ffnen und sie offen lassen -- Tag und Nacht --
wieviel Holz es auch kostete. Sren Pedersen stand auf, voller Eifer,
und ffnete das Ventil. Kristen Larssen und seine Frau verfolgten sein
Tun mit mibilligenden Blicken; _sein_ Holz war es freilich nicht! Um Zeit
und Ruhe zu gewinnen, bltterte Kallem in den Bchern, die herumlagen.
Es waren seine eigenen englischen, und ein Buch ber Mechanik. Dann sah
er das Schiffchen an, das der Kranke zwischen den Fingern hielt. "Was
ist denn das?" Und Sren Pedersen erklrte, es sei eine Verbesserung der
von Kristen Larssen erfundenen Strickmaschine. Und whrend er das
erklrte, handhabten Larssens Finger die Rder und Nadeln so zart, so
behende, da seine ganze Gedankenkraft, seine ganze Liebe zur Sache
dabei deutlich zum Vorschein kam.

Die ganze Stube, die Arbeitsbank, der Fuboden, der Tisch -- alles lag
wieder voll von Sachen, die neu hergerichtet werden sollten -- Gewehre,
Uhren, Nhmaschinen, Kaffeemhlen, Schlsser, zerbrochene Werkzeuge.
Kallems Revolver lag neben dem Kasten, und Kallem hrte, das sei das
einzige, was Larssen ber die Weihnachtszeit fertiggemacht habe. Whrend
Sren Pedersens Wortschwall hatte Kallem berlegen knnen; jetzt wute
er, wie er's anzugreifen hatte. Er sprach von Dit und schmerzstillenden
Mitteln und forderte dann Sren Pedersen auf, mitzukommen.

Sowie sie auf der Strae waren, sagte ihm Kallem, da es mit Kristen
Larssen zu Ende gehe. Es sei ohne Zweifel ein weitvorgeschrittener
Magenkrebs.

Die selbstzufriedene Pfiffigkeit in Sren Pedersens runder, glnzender
Fratze stahl sich pltzlich auf allerhand Schleichwegen fort; das
Gesicht blieb ganz leer -- mit offenen Tren und Fenstern -- zurck.

"Ich werde Ihnen bald Bestimmtes sagen; und dann mssen Sie, der ihn
besser kennt als ich, es ihm sagen." Aune, ber die er eigentlich hatte
sprechen wollen, verga Kallem ganz und gar.

Innerhalb weniger Tage wute die ganze Stadt, da der Tausendknstler
Kristen Larssen an Magenkrebs hoffnungslos darniederlag; sogar ins Blatt
kam es. Er wurde darin als "ein in der ganzen Umgegend wohlbekannter
Mechaniker und Erfinder" erwhnt. Kein Haus, in das Kallem kam, kein
Bekannter, den er auf der Strae traf, ohne da man sich nach Kristen
Larssen erkundigt htte. Das nchste Mal, als er den Kranken besuchte,
-- nachdem Sren Pedersen sich seiner Mission entledigt hatte -- wurde
die Sache mit keinem Wort erwhnt. Larssen lag da, wie immer, zwischen
den Fingern seine Erfindung -- ein bichen matt, nach einem
frchterlichen Anfall von Schmerzen. Der Bart war gewachsen; er sah
abschreckend hlich aus. Die Frau strickte; nur da sie ein bichen
nher am Bett sa. Die englischen Bcher lagen nicht mehr da; und das
war das einzige uere Zeichen, da die Zukunft aufgegeben war.

Kallem ging von da zu Sren Pedersen, der ihm erzhlte, der frhere
Hausmeister des Krankenhauses sei bei Larssen gewesen und habe versucht,
ihn zu bekehren; damit er doch nicht geradenwegs in die Hlle kme.
Larssen hatte blo geantwortet, man mge ihn doch nicht aufhalten; er
habe eben eine Arbeit vor, die beinahe fertig sei. Dann war der Pastor
gekommen; der ging taktvoller und behutsamer zu Werke; aber vielleicht
gerade darum hatte Larssen diesmal die Geduld verloren; seine
aufgespeicherte Bitterkeit machte sich in flammenden Worten Luft, und
die Frau mit dem vorgezogenen Kopftuch und den ewigen Stricknadeln hatte
sich dicht neben die Tr gestellt. Der Pastor hatte verstanden -- und
entfernte sich geduldig; seit der Geschichte mit Maurer Andersen war er
nicht mehr der Alte. In der Gemeinde freilich erregte das
verschiedentlich rgernis.

Nach einer Sitzung im Jnglingsverein versammelte sich der Jnglingschor
vor Kristen Larssens Haus und stimmte gedmpft einen Choral an. Andere
kamen dazu, in aller Stille. Es traf sich, da der Kranke eben einen
Anfall hatte. Er sagte, es sei, als ob Tausende von Stecknadeln ihn
unablssig stchen -- und bei seinen Leiden reizte der Gesang ihn so,
da Kallem einschreiten und alle derartigen Demonstrationen untersagen
mute. Zwei Laienprediger, der ehemalige Hausmeister und noch einer
suchten den Doktor im Krankenhaus auf und erklrten, wie alles blo in
bester Absicht geschehen sei, und wie man doch unmglich einem
Sterbenden Gottes Wort vorenthalten drfe. Kallem wurde heftig und
antwortete grob.

Als er abends zur gewhnlichen Zeit bei Kristen Larssen war, glaubte er
ganz bestimmt, durch das Fenster ein Gesicht hereinschauen zu sehen. Der
Kranke fragte eben, wie lange er berhaupt noch zu leben habe, und ob
die Schmerzen immer zunehmen wrden. Und Kallem kmmerte sich darum
weiter nicht um die Sache drauen; er bat nur, man mchte die Fenster
verhngen. Er erwog, ob er Larssen die reine Wahrheit sagen knne, und
kam zum Schlu: ja, es ist das beste. Also erklrte er ihm, es knne
noch zwei bis drei Monate dauern --die Schmerzen wrden sich immer
hufiger einstellen --wenn auch nicht alle Tage gleich oft und gleich
heftig. Die Frau hrte es mit an.

Niemand war am Fenster, als Kallem herauskam; aber auf der Strae -- in
einiger Entfernung -- ging eine Dame, langsam, als warte sie auf jemand.
Als sie ihn erblickte, kam sie sogleich auf ihn zu. Es war seine
Schwester. "Hast Du vorhin bei Kristen Larssen zum Fenster
hereingesehen?" -- "Ich --," und er sah, wie ihr Gesicht rot wurde unter
der Kapuze -- "ich bin nicht der Mensch, der andern in die Fenster
sieht!" --"Entschuldige! Aber ich hab' wirklich jemand vor dem Fenster
gesehen. Und Du weit, wer es war?" -- "Ja. Aber ich bin gekommen, um
mit Dir zu sprechen, Edvard. Ich wei, wann Du gewhnlich hier bist." --
"Was soll ich?" Und nun erst bemerkte er, da sie in voller Aufregung
war.

"Ist es wahr, da Du gesagt hast, Du nhmest die Verantwortung auf Dich,
wenn Larssen in die Hlle komme?" -- "Ich glaube berhaupt an keine
Hlle!" -- "Und das hast Du ausgesprochen?" -- "Ich wei nicht. Ich
glaube nicht." -- "Es gibt nmlich Menschen, die sind anderer Ansicht
als Du, und die sind emprt ber derartige Aussprche. Durch dergleichen
verlierst Du alles, was Du Dir hier erarbeitet hast; das kann ich Dir
nur sagen." -- Kallem kannte sie so ganz wieder in diesen Worten. "Ja,
natrlich ist es dumm, so etwas auszusprechen. Aber ist es nicht ebenso
verrckt, einen Mann wie Kristen Larssen so zu plagen! Solang er noch
bei Verstand ist, bestimmt niemand ihn, an eine Hlle zu glauben. Also
sollen sie ihn doch in Ruhe lassen!" --"_Das_ verlangen sie doch auch gar
nicht von ihm!" --"So? Und was denn?" -- "Das weit Du so gut wie ich,
Edvard. Und ich bitte Dich um Deiner selbst willen -- verhhne nicht
ernste und wohlmeinende Menschen!" -- "Ich habe nicht hhnen wollen. Ich
sage blo -- sie knnen sich und ihm die Mhe sparen." -- "Ist er denn
so kalt?" -- "Kalt oder warm -- das kommt lediglich auf die Veranlassung
an, und darauf, wie ein Mensch sein Leben gelebt hat!" -- "Aber der
Mensch kann sich eine Seelenklte anleben; und ganz gewi -- so ist es
bei ihm gewesen!" -- "Vielleicht. Aber ich kenne jemand, der recht warm
ist, und der doch genau so denkt wie Kristen Larssen. Also das ist es
nicht!" -- "Ja, was ist es dann?" -- "Tausenderlei. Die, die ich meine,
denkt fast immer in Bildern, und seitdem sie einmal ein uraltes Bild der
Dreieinigkeit gesehen hat -- ein mchtiger Krper mit drei Kpfen darauf
-- und hrte, da der Kopf in der Mitte der Sohn der beiden an der Seite
-- Vater und Mutter -- sei (Du weit doch, der heilige Geist war im
Anfang weiblichen Geschlechts --) konnte sie nicht mehr an die
Dreieinigkeit glauben. Sie lachte darber. Und wie gesagt -- sie ist
recht warm!" -- "Pfui!" stie Josefine in tiefstem Zorn heraus; "warm
mag sie ja sein; aber jedenfalls ist sie _unrein_!" -- Kallem fhlte im
Herzen einen Stich; das ging auf Ragni! Die Schwester war bse und sah
bse aus, wie in ihren Backfischtagen! Und sofort wurde er auch wieder
der Junge von damals: klatsch! Da hatte sie eine Ohrfeige! Sie traf nur
die Kapuze; aber sie kam von Herzen.

Mit blitzenden Augen sprang sie auf ihn los, wie in den Tagen, als sie
sich noch prgelten. "Ich glaube beinah, Du", -- zischte sie! Und
sprhte vor Hohn und Wut. -- -- Und wandte sich voll Verachtung ab --
und ging.

Ob jemand sie beide gesehen hatte? Sie waren allein auf der Strae. Aber
er empfand eine unbestimmte Angst. Vielleicht mute Ragni es entgelten!

Das Wort "unrein" in Josefines Mund -- meinte Kallem -- sei auf die
Vergangenheit gemnzt. Und darum war er emprt. Wieviel grer wre erst
seine Emprung gewesen, wenn er gewut htte, da es eigentlich auf die
Gegenwart ging? Da Pastors sich nach ihrer Heimkehr zurckhielten,
hatte auch darin seinen Grund, da der Gotteslsterer Larssen Liebkind
war in Kallems Haus, da Ragni Englisch mit ihm trieb, da Kallem wie
ein Kamerad mit ihm verkehrte. Kristen Larssen war fr den grten Teil
der Gemeinde eine Art Teufel, und wenn diese Ankmmlinge, Mann und
Frau, Gemeinschaft hielten mit ihm (wie frher mit Sren Pedersen und
seiner Frau) -- so war das eine Herausforderung. Kurz darauf war Karl
Meek ins Haus gekommen, und seitdem sah man Ragni nie anders als in
seiner Begleitung. Schlielich reisten sie sogar zusammen in das
Walddorf hinauf -- so viel war gar nicht einmal ntig, wo es sich um
eine geschiedene Frau handelte, die "freie" Ansichten hatte und schon
einmal beim Ehebruch ertappt worden war.

Josefine war in der aufrichtigen Absicht gekommen, ihren Bruder zu
warnen. Htte sie in Ruhe sprechen knnen, so htte sie ihm das alles
gesagt; sie war unerschrocken, und sie hatte ihn lieb. Jetzt ging sie
mit dem Brandmal seiner Verachtung nach Hause zurck.

Und nun brach ihre zurckgedrngte Leidenschaft sich Bahn; zuerst in
bitterem Ha auf die Leute, die Bruder und Schwester auseinandergebracht
hatte, allmhlich aber auf alles, was zwischen ihnen stand: Maurer
Andersens Tod -- je tiefer er ihren Gatten bewegte, desto schrfer trat
der Gegensatz zwischen ihnen zutage, und das zur ungnstigsten Zeit.
Alles, dessen Tuft sich selbst anklagte, waren ja Zugestndnisse, die er
_ihr_ gemacht hatte; und gerade jetzt wollte er damit aufrumen. Schlimmer
konnt' es sich gar nicht treffen.

Im Haus nebenan wohnte eine vertrocknete Alte, des Pastors Mutter; sie
lebte in stndigem Protest gegen das Vorderhaus. Nie setzte sie einen
Fu ber die Schwelle, wenn Besuch da war, auch sonst nur selten, auer
zu den Hausandachten und an kirchlichen Festtagen zum Mittagessen. Das
ganze Wesen der Schwiegertochter, ihr Tanzen, ihre Toilette, ihre
Freundinnen waren ihr ein rgernis, -- des Pastors stndiges Werben um
sie ein Frevel. Der kleine Junge wurde ihr Spion. An einem Sommertag
hatte Josefine auf der andern Seite der offenen Tr gesessen und gehrt,
wie sie ihn ausfragte, wer am Tag vorher dagewesen sei, was sie gegessen
htten, ob sie Wein getrunken htten und wievielerlei Sorten.
"Gromutter hat gefragt, ob Mutter heut schon wieder aus ist!" sagte er
ein andermal. "Und sie hat gefragt, was Vater zu Mutter sagt, wenn
Mutter nach Hause kommt, und ob Vater oben bei uns geschlafen hat!"

Josefine ertrug das mit Ruhe. Aber da sie wute --hinter den
christlichen Ermahnungen des Pastors steckte die Schwiegermutter, -- das
machte sie nicht gerade nachgiebiger. Sie gedachte ihr Leben zu fhren,
wie es ihr pate -- mochte er dasselbe tun.

Fr ihn war es immer derselbe Kampf, von Jugend an, von der Zeit, da er
um ihretwillen den Missionsgedanken aufgegeben hatte; und immer mit
demselben Ausgang: er unterlag seiner Verliebtheit. Nicht da sie ihn
dazu verlockt htte -- im Gegenteil! Wenn sie ihn bisweilen genug hatte
-- sie hatte immer rasch alles genug -- starke Strmungen gingen in ihr
-- dann erschien sie ihm am schnsten, am begehrenswertesten, wie die
Frauen der alten Sagazeit. Dann vermochte er nicht zu widerstehen.

Aber die groe Aufgabe, vor die Gott ihn am Krankenbett seines Freundes
gestellt hatte, die zeigte ihm, was er in seinem Leben versumt hatte.
Das war die Frucht der Nachgiebigkeit!

Als er in seiner Selbstprfung so weit gekommen war, da er mit seiner
Frau darber htte sprechen knnen --da war _sie_ stumm -- in ihrem
eigenen Kampf. Nach dem Schlag, den sie erlitten hatte, war sie sich
sofort klar ber das, was jetzt die Gerechtigkeit erfordere --sich
rchen nannte sie's immer --, aber bald auch darber, da ihr Bruder ihr
eigenes unklares Verhltnis durchschaut hatte. Seit sie mit ihm getanzt
hatte, wute sie, da niemand sie so verstand wie er; seit ihrer letzten
Begegnung wute sie, da er ihre Einmischung in Glaubenssachen
verachtete; und darin hatte er recht. Nie hatte sie endgltig
abgerechnet; immer nur sich damit begngt, ihres Gatten Glaube und
Handeln geachtet zu sehen, und selber ihren Frieden zu haben. So konnte
es nicht lnger bleiben; ihres Bruders Verachtung ertrug sie nicht.

Im Pastorhause war morgens und abends Andacht; dazu kam regelmig die
Gromutter, nach ihr die Mdchen und gleich darauf der Pastor. Zur
Morgenandacht kam Josefine nicht immer, und die Abendandacht fiel aus,
wenn Gste da waren. Der Pastor sprach zur Einleitung und zum Schlu ein
Gebet, wie es sich eben fr die Gelegenheit schickte. In dieser Zeit
waren diese Gebete lang und inbrnstig -- und Josefine blieb weg.

Diese feierlichen "Abrechnungen" waren ihr ein Greuel -- die
ffentlichen noch mehr als die privaten. Die letzten fanden meist abends
statt, wenn es Schlafenszeit war, und der Junge zu Bette und die
Hausandacht beendet war. Wenn Josefine es voraussah, hinauf -- zu Bett;
da kam er ihr meist nicht nach. Der Boden da oben war schlpfrig! Aber
heut Abend kam er. Sie hatte es an den Schritten unten im Studierzimmer
gehrt, und jetzt vernahm sie ihn auf der Treppe. Sie riegelte nicht ab,
und lie die groe Lampe brennen. Aber als er drauen an die Trklinke
fate, sagte sie: "Du darfst nicht herein." -- "Doch!" -- "Nicht, solang
ich beim Auskleiden bin!" -- "Ich werde warten." --Er ging wieder
hinunter, und sie machte sich langsam fertig.

Die Schlafstube lag nach dem Garten zu, ber dem Studierzimmer; rechts,
durch eine Portiere getrennt, das Ankleidezimmer, ber dem
Fremdenzimmer; links eine Tr zur Garderobe. Dicht daneben fhrte eine
Korridortreppe vom Arbeitszimmer herauf. Und da hrte sie ihn jetzt
kommen -- zum zweitenmal -- mit festem Schritt. Sie lag schon zu Bett.
Die Zimmertr lag in der Mitte, den Fenstern gegenber; die Betten
standen rechts von der Tr; das ihre zunchst. Der Junge schlief auf der
andern Seite, nach der Garderobe zu.

Er fragte nicht mehr, ob er eintreten drfe; er ffnete einfach die Tr.
Sie lag da, in ihrem weien Nachtkleid, das schwarze Haar in einem
Knoten, wie immer, den Kopf in die linke Hand gesttzt, wie auf dem
Sprung, sich aufzurichten.

Er setzte sich zu ihr auf die Bettkante. Sofort rckte sie etwas von ihm
ab, als sei ihr die Berhrung unangenehm. Er sah finster drein. --
"Josefine, Du weichst mir aus. Das ist nicht recht von Dir. Ich brauche
Trost und Rat. Die alte Pein ist wieder ber mir. -- Und wir drfen die
Abrechnung nicht lnger hinausschieben!" -- Er sah sie an -- voll
Schmerz. Sie sah ihn an -- stumm. -- "Du weit, was es ist. Ich lebe
hier, bei Dir in Wohlsein und Genu und drauen in der Gemeinde
allgemein verehrt. Aber in einem solchen Leben wchst sich der
Gottesmensch nicht zu seiner natrlichen Entwicklung aus! Und vor kurzem
wurde ich gewogen -- und zu leicht befunden!" -- Er barg sein Antlitz in
den Hnden und sa lange ganz still, als bete er. "Liebe, liebste
Josefine!" Und er blickte auf. -- "Hilf mir! Ich mu alles anders machen
um mich her! Ich mu mein ganzes Leben anders gestalten!" --"Wieso?" --
"Ach -- ich bin kein Pfarrer, und Du bist keine Pfarrersfrau! Wir gehen
beide zugrund -- an unserem Eigenwillen!" -- "Alle die -- die Versuche,
die Du machst, Ole, anders zu leben, fangen immer bei mir und meinem
Haus an! Fang einmal bei Dir selber an! Ich bin, wie's mir pat. Sei Du,
wie's Dir pat! Und unser Haushalt -- nun ja, der ist einfach nicht
anders, als eine Familie von Geschmack und Vermgen ihn erfordert;
behagt es Dir nicht, so hast Du ja Deine eigenen Zimmer; richte Dich
ein, wie Du magst. Wnscht Du eine getrennte Lebensweise -- bitte! Sag'
es nur!" -- "Ach!" erwiderte er, "Du degradierst das Ganze zu einem
Umzug im Haus oder einem vernderten Kchenzettel!" -- "Immer dieselben
allgemeinen Anklagen! Keinen Pfifferling Respekt hab' ich vor ihnen!" --
"Weil Du den geistigen Grund in ihnen nicht erfat!" -- Sie wurde bla.
-- "Soviel ich wei", sagte sie hart, "pate es _mir_ nicht, so
fleischlich zu sein wie Du. Und damit hat es angefangen!" -- "Das
lssest Du mich jedesmal wieder hren. Aber ich schme mich nicht, da
die erste Krise von meiner allzu heien fleischlichen Begierde und von
Deinem Widerstande kam; das hat mich geweckt. Nein, ich schme mich
dessen nicht. Denn als ich die Absicht uerte, einmal von Grund aus zu
reformieren --" -- "Hab' ich Dir das etwa verboten?" unterbrach sie ihn.
"Ja, bei mir anzufangen, das hab' ich Dir verboten! Fang bei Dir selber
an, Ole!" -- Er stand auf. "Du verstehst mich nicht! Du verstehst nicht,
was Gott von uns will! Ich bleibe dabei -- es ist etwas Ungeistliches an
Dir, Josefine! Nie bist Du aufgegangen in Reue und Gebet! Nie hast Du
Dich hingegeben in inbrnstiger Andacht! Du kennst nicht die Sehnsucht
nach dem Unendlichen -- sondern nur nach dem Irdischen. Den Willen,
Christin zu sein, hast Du wohl; aber etwas dafr tun magst Du nicht! --
Du antwortest nicht? Mchtest Du's nicht wenigstens versuchen? Jetzt --
zusammen mit mir? Ach, Josefine, wie ich leide -- auch um Deinetwillen!"
Er setzte sich demtig wieder zu ihr hin. "Meinst Du damit, ich solle
Dir zu den Zulukaffern folgen?" entgegnete sie kalt. -- "Ich meine, wir
sollen uns gemeinsam in allem Guten vervollkommnen, liebe Josefine, dann
wird Gott uns weiterhelfen." -- "Leeres Geschwtz versteh' ich nicht!"
erwiderte sie. "Sag' gerad' heraus, was wir tun sollen!" -- "Wir sollen
im Glauben an Jesum Christum mit den Geringen und fr sie leben." --"
Mein lieber Ole, das kann ich besser als Du! Du wachst niemals eine
Nacht am Krankenbett in einem armen Haus; ich tu' es oft. Und ich habe
auch die 'Gegenseitigkeit' gegrndet" (so nannte sich ein Verein von
besser situierten Frauen der Stadt, deren jede ihre Armen hatte, denen
sie Arbeit und Untersttzung verschaffte. Josefine war Vorsitzende der
Gesellschaft und verteilte die Arbeit). -- "Ja," antwortete ihr Mann
zustimmend, "administratives Talent hast Du wie Dein Bruder. Aber darin
besteht es nicht -- selbst als groe Dame zu leben und dann und wann
einmal sich zu den Geringen herabzulassen; nein --man mu mitten unter
ihnen und ganz fr sie leben!" -- "Sollen wir das Haus verkaufen? In die
Vorstadt ziehen? Sag', was Du willst!" -- "Wenn Gott uns dazu treibt --
ja! Aber es mu in und aus Glauben geschehen, um Jesu willen. Sonst hat
es keinen Wert." -- Sie antwortete mit keiner Silbe.

"Was meinst Du, Josefine? Wollen wir nicht versuchen, ein echtes
Christenleben zu fhren?" Seine Augen flehten; seine Hand suchte die
ihre: "Josefine!" Sie zog ihre Hand weg. "Nein! Du weit ja, ich sehe
nicht ein, warum ich mir mein eigenes Leben unbehaglich machen soll; das
wrde keinem ntzen, und mir wrde es schaden." -- "Sag' das nicht! Wenn
wir es nun einmal versuchten? Im Glauben an Jesu miteinander ganz dafr
leben, andern Gutes zu tun?" --"Ach was, Unsinn! Und wenn es Dich auch
verletzt --einerlei! Aber da ich an Jesus glauben mu, um den Armen zu
helfen, ist Unsinn! Es hilft nichts, ich rede wie ich denke." -- "Wenn
Du an Jesus _glaubtest_, so wrdest Du den Grund erfassen." -- "Ich habe
nie gesagt, da ich nicht an Jesus glaube." -- "Ach, Josefine, das ist
kein Glauben! So verstehst Du also nicht einmal, was Glauben ist! Diesen
schweren Schaden an Deiner Seele habe ich zu verantworten! Ich, der
jahraus, jahrein mit Dir lebt und nichts weiter erreicht hat!" Er beugte
sich ber sie; Trnen standen in seinen Augen. "Wie herrlich knnten wir
miteinander leben, wenn Du Dich vor Gott beugen wolltest -- bei den
Gaben, die Du hast -- und bei meiner Liebe zu Dir!" Er wollte sie
zrtlich umfassen. -- "Weg!" sagte sie und setzte sich auf.

Er fuhr auf, wie von einer Natter gestochen. Sie legte sich wieder
zurck, beide Hnde unter dem Kopf; ihre Brust wogte; sie war in vollem
Aufruhr. "Ich wei nicht, ob wir es vor Gott verantworten knnen, unter
diesen Umstnden zusammenzubleiben", sagte er. --"Gut! Tu, was Du
willst!"

Er wandte sich ab; er fand es unter seiner Wrde zu antworten. Der
Kleine sthnte im Schlaf und wlzte sich herum, als beunruhige ihn
etwas. Tuft sah ihn an; mit halboffenem Mund lag das Kind auf dem einen
Arm. Tuft kannte diese Stirn, er hatte sie bei seinem Vater gesehen, es
war auch seine eigene, ebenso das Haar, der Bau der kleinen Hand, die
Finger, ja sogar die Nagelstellung. Aber er sah den Tag kommen, da auch
der Junge nicht mehr sein eigen sein wrde, wenn es so weiterging.

"Nein, Josefine, es soll auch nicht so weitergehen! Gott helfe uns
beiden! Aber fortan ruht der Kampf nimmermehr!"

Das Breite und Mchtige in ihm, das hinter der Herzensgte lag, war am
Hervorbrechen; sie fhlte es. Und auch in ihr quoll es empor. Sie hrte
ihn im Studierzimmer auf- und abgehen, ohne Ruhe, aber auch ohne
Zweifel. Sie konnte nicht schlafen.

       *       *       *       *       *

Am Tag, nachdem Kristen Larssen die volle Wahrheit ber seine Krankheit
erfahren hatte, erscho er sich. Das jagte den Leuten einen furchtbaren
Schreck ein; etwas Gruseliges ging von ihm aus; man wagte kaum, am Haus
vorbeizugehen. Es verbreitete sich ein Gercht, Kallem habe Larssen
seinen Revolver zu diesem Zweck berlassen; doch wurde das von der Frau
selbst, von Sren Pedersen und durch Kallems eigene Aussage widerlegt.

Kristen Larssen hatte sich gedrckt, ohne Ankndigung, ohne Dank. Zu
seiner Frau hatte er gesagt, ein rascher Tod sei fr ihn das beste. Aber
auch zwischen ihnen beiden war nichts weiter besprochen worden,
keinerlei Abschlu, kein Abschied hatte stattgefunden. Er hatte sie
gebeten, zu Sren Pedersen zu gehen, und whrend der Zeit war er aus dem
Bett gekrochen und mit der ihm eigenen berlegenen Grndlichkeit hatte
er die Tat vollbracht.

Das herkmmliche Begrbnis wurde verweigert und eine Ecke an der
nrdlichen Mauer angewiesen. Dort arbeiteten drei Mnner stramm, um ein
Grab zu graben. Es war ein bitterkalter Tag, der Tag, an dem man ihn in
die Erde bettete; und es gab Leute, die auch darin eine Fgung Gottes
sahen. Zu einer ungewhnlichen Zeit, nmlich nachmittags, ohne
Glockenluten, ohne Pfarrer und ohne Gesang wurde Kristen Larssen
hinabgesenkt. Unter den wenigen, die zugegen waren, fiel am meisten Aune
auf; er war betrunken und machte sich fortwhrend bemerkbar; dabei war
er so dnn gekleidet, da man fror, wenn man den blaugefrorenen Kerl nur
ansah. Sren Pedersen bat ihn mehrere Male, sich ruhig zu verhalten;
aber vergebens. Von Srens blankem Gesicht sah man nur die Augen, die
Nase und etwas von den Backen; das brige war von unten durch einen
mchtigen, mehrmals um den Hals geschlungenen wollenen Schal und von
oben durch eine bis in die Augen gezogene Pelzmtze verdeckt. Die Hnde
staken in nordlndischen Handschuhen, -- einem Paar von jenen
Ungeheuern, wie sie die Leute dort zum Fischfang tragen -- und die Fe
in Pelzschlurren. Sren Pedersen war in die Breite gegangen; der
berzieher war ihm zu eng geworden; mit diesen Auswchsen sah er wie ein
Hummer aus. Aase in kurzem Mantel und Baschlik hielt sich an der rechten
Seite der Witwe, die lang und hager dastand, in Finnenschuhen und einem
bis an die Fe gehenden, oben und unten gleich weiten Sack, um den Kopf
ein dickes wollenes Umschlagtuch; sie hatte es offenbar darauf angelegt,
ihr Gesicht zu verbergen. Aune schwankte umher und erzhlte, er habe ihr
geholfen, ihre Sachen nach der Bahn zu schaffen. Jetzt hatte er das Haus
abgeschlossen; den Schlssel trge er in der Tasche. Und er zog ihn
hervor. Die Witwe wollte von hier aus gleich auf den Bahnhof und bei
Verwandten -- ein paar Meilen von hier --bleiben; spter wollte sie dann
weiter nach ihrem Heimatort. Auer diesen vieren waren nur noch zwei
Mnner da, die das Grab gegraben hatten; der eine stand auf sein
Grabscheit gelehnt, trug Rock und Fausthandschuhe und kaute ohne
Unterla Tabak. Der andere hauste hinter einem braunen Bart und war
verwachsen und triefugig.

Etwas abseits an der Mauer war ein festgestampfter Schneehgel; Karl
Meek und Ragni, die eben zusammen anlangten, stellten sich dorthin. Alle
warteten auf Kallem, dem eine Abhaltung dazwischen gekommen war, und der
jetzt eilends herbeistrzte. Er nahm vor der Witwe seine Mtze ab, die
andern grten ihn; dann trat er ans Grab. Er wollte gern einige Worte
sprechen, wartete aber, ob nicht vorher sonst etwas geschehen wrde. Als
nichts geschah, sagte er:

"Ich kenne die Vergangenheit des Mannes, den wir hier begraben, nicht;
ich kannte auch ihn selbst nicht. Er hat in religisen Dingen anders
gedacht als die Menschen, unter denen er lebte, und er hat dafr ben
mssen. Sein und seiner Frau Lebensziel war, hinberzugelangen nach dem
freien Amerika." (Bei dem Wort Amerika begann hinter den Taschentchern
ein Keuchen und Schneuzen). "Er versuchte, allein Englisch zu lernen;
das war fr ihn, als schfe er sich Flgel damit. Wenn ich jedoch dies
gesagt und noch hinzugefgt habe, da er der begabteste Mensch war, dem
ich hier begegnet bin, so habe ich ungefhr alles gesagt, was ich von
ihm wei.

Darum will ich auch nicht von denen sein, die ihn verurteilen. Oft, wenn
wir zusammen waren, hatte ich den Eindruck, als ob ihn frre. Die Klte,
die ihn rings umgab, war in sein Inneres gedrungen.

Es hat sich so gefgt, da nur wir fnf oder sechs ihm Lebewohl sagen.
Aber alle, denen seine sinnreiche Arbeit von Nutzen war, und besonders
alle die Tausende, denen seine Erfindungen das Leben erleichtert und
damit mehr Freude geschaffen haben, worauf es doch ankommt -- alle die
schulden ihm Dank; und den bringe ich ihm dar!"

Es wurde still. Der kalte Schnee knirschte, wenn einer oder der andere
sich rhrte; aber keiner machte Anstalt zum Gehen. Da schwankte Aune an
das Grab. "Na ja, und nun will ich Dir man auch noch fr die Violine
danken! Und -- und -- vergib uns unsre Schuld! Und -- und -- leb' wohl!"
Beinah wre er hineingetaumelt. Sren Pedersen packte ihn rgerlich am
Arm, wandte sich zu seiner Frau und sagte: "Hr' mal, Aasechen, Du
betest das Vaterunser so schn! Sag' es doch einmal!" Und sie trat einen
Schritt vor, zog die Handschuhe aus und faltete die Hnde. Die Mnner
nahmen die Mtzen ab und alle senkten den Kopf; dann betete Aase das
Vaterunser.

Darauf fielen die ersten schweren Schollen auf den Sarg; es klang, als
wolle er in Stcke gehen.

Die Frau trat auf Kallem zu. Erst jetzt konnte er sie in der Nhe sehen,
in Trnen aufgelst, erschpft von Nachtwachen, fast all ihrer Kraft und
ihrer letzten Hoffnung beraubt. Aber mit festem Griff nahm sie Kallems
Hand, mit starkem, tiefem Blick sah sie ihm in die Augen, in
grenzenlosem Schmerz, in verhaltener Bewegung nickte sie nur; sprechen
konnte sie nicht. Nie ist einem Menschen wrmer gedankt worden. Ebenso
nahm sie die Hand Ragnis; und Ragni erschrak; denn sie wute in ihrem
Innern, da sie es nicht verdiene. Die Witwe eilte an den andern vorbei,
der Stadt zu; Sren Pedersen und Aase hatten Mhe ihr zu folgen. Ragni
aber nahm Kallems Arm; sie htte sich ihm an die Brust werfen und laut
weinen mgen.


9

Kristen Larssens Haus stand leer; kein Kufer oder Mieter fand sich. Das
Unheimliche, das ihm anhaftete, fiel auch auf die zurck, die seine
Freunde gewesen waren. Htte Sren Pedersen nicht grere Kundschaft auf
dem Land als in der Stadt gehabt, es wre ihm schlecht ergangen. Ragni
merkte nicht, da man sie in dieser Zeit noch mehr beobachtete, noch
mehr ber sie sprach, als vorher; sie war nicht im mindesten
vorsichtig. Schon da Pastors nicht mit ihnen verkehrten, machte sie zur
Zielscheibe des Klatsches; etwas Neues durfte nicht mehr hinzukommen.

Gegen das, worauf man jetzt verfiel, war sie wehrlos, weil sie nichts
davon ahnte. Wenn sie und Karl Meek Hand in Hand Schlittschuh liefen,
wenn er sie zum Lachen brachte, whrend er ihr die Schlittschuhe anzog,
oder wenn sie versuchte, ihn hinunterzupuffen, whrend sie, jeder auf
einer Kufe, auf des Doktors Schlitten standen; oder wenn sie zusammen
Kjaelke[8] fuhren oder, -- war Besuch da -- vierhndig spielten: immer
hatte man einen Blick aufgefangen, der nicht mizuverstehen war, oder
ein Wort gehrt, das eine Nebenbedeutung hatte, oder Freiheiten
beobachtet, die nur mglich waren zwischen Menschen, die an noch grere
gewhnt waren. Das erste Mal mit einem Zimmerherrn, nun wieder mit einem
-- was konnte Kallem anders erwarten? Das war nur seine gerechte Strafe.

Sren Kules Familie stand an der Spitze; es war eine im ganzen Oberland
verbreitete Familie, die eine blhende Phantasie hatte, besonders in
sinnlichen Dingen.

Man mute nur Lilli Bing loslegen hren, wie Ragni Kule seinerzeit
"Abend fr Abend" zu dem Studenten Kallem auf sein Zimmer ging; es lag
ja auf demselben Flur. "Mein Gott, was war denn Schlimmes dabei, wenn
sie sich liebten? Wer konnte es auch mit dem widerwrtigen Sren
aushalten!"

Da die jetzige Frau Kallem nicht einmal ber den Korridor zu gehen
brauchte, lie sie immer dabei durchblicken. Einmal sagte sie: "Wenn sie
keine Kinder kriegt, was schadet's denn eigentlich!" Da keiner von
denen, ber die es herging, etwas davon hrte?

Da nicht einer von den blichen anonymen Briefen hereinplatzte! Das
eine lt sich nur damit erklren, da sie fast keinen Umgang hatten,
das andere damit, da man vielleicht glaubte, Kallem wrde sich nicht
darum kmmern; Freidenker haben ja meist lockere Begriffe in sittlicher
Beziehung! Im Frhjahr sah man Kallem seine Frau und Karl Meek zum
Dampfschiff begleiten; sie fuhren hinber zum anderen Ufer; Montag frh
sah man, wie er sie an der Brcke wieder abholte. Man wute, da er
selbst den ganzen Tag auswrts war und die beiden den ganzen Tag in Haus
und Garten zusammen steckten.

Karl bestand sein Examen recht gut, wenn auch unter allseitiger
Spannung; der Tag nahte, an dem er seine Freunde verlassen mute. Ragni
hatte im ganzen Freude an dem Zusammensein mit ihm gehabt; aber sein
unsteter Flei hatte ihr Mhe verursacht, und sein leidenschaftliches
Wesen nahm mit der Krperkraft noch zu. Seine tiefe Ergebenheit fr sie
dmpfte es; aber auch die Form dieser Ergebenheit peinigte sie oft; sie
liebte Gleichmigkeit und Frieden. Sie prophezeite ihm, es werde ihm
einmal schlimm ergehen; er fhre viel zu groe Segel.

Sie sehnte sich nach dem Alleinsein. Als sie es Kallem sagte, neckte er
sie: nach drei Wochen werde sie Karl vermissen. Karl wollte jetzt, in
den Sommerferien, zu Hause sein, dann aber nach Deutschland gehen, um
sich der Musik zu widmen. Obgleich er sich daran gewhnt hatte, unter
Ragnis Augen zu denken und zu leben, -- im Kampf mit ihr, im Gehorsam
gegen sie, und immer voll Anbetung fr sie, so freute er sich doch
darauf, selbstndig zu werden. Die Trennung wrde keine Schwierigkeiten
machen.

Da geschah es, da er an einem der letzten Tage bei einem Freund war,
dem einzigen, mit dem er dann und wann noch zusammenkam, seit er in
Kallems Hause wohnte; und als er von seiner Abreise sprach, sagte der
Freund: "Was ist denn eigentlich mit Dir und Frau Kallem?" Karl verstand
nicht, was er meinte, und flo ber von Lobpreisungen und Bewunderung
fr sie. Der andere unterbrach ihn. "Ja, ja, das wei ich alles! Aber
-- offen gesagt -- hast Du nicht ein Verhltnis mit ihr? Die Leute sagen
es." Karl fuhr auf! Was unterstand er sich? Er solle Rechenschaft
ablegen fr seine Worte! Aber es war des Freundes ernstliche Absicht,
Karl zu warnen; er habe selber erst krzlich von dem Gercht erfahren;
allgemein verbreitet sei es noch nicht. Geduldig ertrug er Karls Raserei
und machte ihm klar: er knne es nicht anders erwarten, als da die
Leute sich -- bei ihrer beiderseitigen Unvorsichtigkeit -- allerhand
dchten. -- --

Zu Haus bei Kallem begriff man nicht, was auf einmal in Karl gefahren
war. Die paar letzten Tage kam er nie zu ihnen herein, war selten
daheim, und war wieder ebenso stumm, scheu und finster wie damals, als
er ins Haus zog. Der nchstliegende Gedanke war ja, da er unglcklich
war ber die Trennung, besonders von Ragni; aber es war doch merkwrdig,
da die Verzweiflung genau zwischen drei und fnf Uhr am Mittwoch
Nachmittag begonnen hatte! Um drei hatten sie in heiterster Stimmung
miteinander vierhndig gespielt; um fnf wollte sie etwas aus seinem
letzten Examenfach mit ihm durchnehmen; und da war er so sinnlos
geistesabwesend nach Hause gekommen, da sie es aufgeben mute. Und so
war er seitdem immer. Kallem neckte Ragni damit, da der Junge verliebt
sei; eben vor des "Abschieds bittrer Stunde" sei es in ihm aufgeblht.
Und er sang: "Zwei Drosseln saen im Buchenlaub" und prophezeite, da
sie in allernchster Zeit eine Liebeserklrung bekommen wrde,
wahrscheinlich in Versen -- er habe selbst seinerzeit mehrere
verbrochen. Vielleicht wrde Karl sich auch erschieen. Sie solle sich
nur ja nicht einbilden, da jemand in dem Alter billiger von ihrer
schiefen Nase als mit einem kleinen Herzensschnupfen loskomme.

Wenn der Junge dasa und sie in frchterlichem Schweigen anstarrte,
nicht a, nicht sprach; wenn er den Schwermtigen spielte und sich von
ihnen in die Einsamkeit zurckzog, sagte Kallem: "Hu! Das Leben ist
schwarz!" Er ahmte den Jungen nach, sah sie mit ersterbenden Augen an,
seufzte ber drei Treppenstufen herauf, durchwhlte mit beiden Hnden
sein Haar und heulte. Gegen Karl selbst jedoch war er die Herzlichkeit
selbst.

In der Stunde der Trennung aber hrte aller Spa auf; denn Karl war
so verzweifelt vor Schmerz, da man berhaupt nicht mit ihm sprechen
konnte und den Abschied nur mglichst beschleunigen mute. Ragni
wollte nicht mit zum Bahnhof fahren; sie frchtete sich vor seinen
berschwenglichkeiten. Aber als Karl sah, da sie auf der Treppe stehen
blieb, sprang er aus dem Wagen und noch einmal zu ihr hinauf. Sie wich
zurck, er kam ihr nach, sah sie an und weinte so, da das Mdchen, das
etwas weiter hinten stand, wirkliches Mitleid mit ihm empfand und
ebenfalls zu weinen anfing. Ragni wurde kalt und stumm; sie konnte nicht
ahnen, da Karl in diesem Augenblick das Schnste tat, was er je getan,
das Tiefste fhlte, was er _je_ gefhlt hatte.

Auf dem Bahnhof bemerkten verschiedene Leute seine Verzweiflung, sowie
Kallems Ernst. Besonders aber auch, da Ragni nicht mitgekommen war. Ob
Kallem es nun erfahren hatte?

       *       *       *       *       *

Dieser Abschlu ihres Zusammenlebens mit Karl Meek hinterlie einen
unangenehmen Nachgeschmack. Sie sprachen nicht gern von ihm, ja, sie
machten sich beide Gedanken darber, ob sie sich eigentlich auf einen
solchen Versuch htten einlassen sollen; sie htten vielleicht
voraussehen mssen, da es so enden wrde. Doch davon sagte keines etwas
zum andern. Ihr eigenes Zusammenleben wurde inniger; nie war Kallem
soviel zu Hause gewesen wie jetzt, noch nie hatte er ein solches
Verstndnis fr alles gehabt, was sie anging.

Der Sommer wurde ganz dem "Fieberpavillon" gewidmet; sie konnten sich
beide nicht satt daran sehen, wie er gebaut wurde, wie man ihn
einrichtete, wie man alles zum Gebrauch fertig machte. Jetzt, seit alle
Sommerzelte aufgeschlagen waren, war die gute Einrichtung und Ordnung
des Krankenhauses in aller Munde.

Aber whrend sie so allein waren und ihre Zeit zwischen dem Krankenhaus,
ihren Studien, dem Garten und dem Klavier teilten, drngte sich, gerade
weil sie allein waren, zwischen alle ihre Interessen ein Gedanke, den
sie beide lngst gedacht hatten, und der immer mehr wuchs, eben weil er
nie ausgesprochen wurde. Bald konnten sie nicht mehr Zusammensein, ohne
da der eine etwas davon in den Augen des andern zu lesen glaubte.

Weshalb hatten sie kein Kind? Lag der Fehler an Ragni? Wollte sie nichts
dafr tun?

Er hatte sich nach und nach davon berzeugt, sie sei zu scheu, als da
_er_ den Anfang htte machen drfen. Warum wagte sie nicht selbst davon zu
sprechen? Warum wagte sie nicht einmal den Wunsch zu verraten, davon zu
sprechen, damit er ihr htte weiterhelfen knnen? Was war der Grund? Die
Angst vor der Untersuchung -- vor der Operation? Er sah sie selten, ohne
da er fhlte: jetzt dachte sie daran. Und sie wieder fhlte: er
entbehrt das Kind. --

Ende August erhielt Ragni einen dicken Brief aus Berlin -- von Karl
Meek! Er war ihnen beiden willkommen, ja, mehr als sie sich zuerst
eingestehen mochten.

Karl hatte die Festspiele in Bayreuth besucht und schilderte nun seine
Eindrcke in glhenden Farben und mit berschwenglichen Worten. Der
ganze Brief handelte nur davon, zuletzt vier bis fnf Zeilen des Dankes,
Gre, und schlielich die Frage: "Darf ich Ihnen fter schreiben?"
Beide merkten sofort, da die vier oder fnf Zeilen den eigentlichen
Brief bildeten, und alles andere nur geistreiche Einkleidung war. Gerade
das gefiel Kallem, und er uerte den Wunsch, da sie mit ihm in
Briefwechsel treten solle. Das knne ihm in mehr als einer Hinsicht
whrend seines Aufenthaltes im Ausland von Nutzen sein.

Ohne besondere Lust, wie oft in der Zeit, als sie noch mit Karl
gearbeitet hatte, mehr aus Gehorsam und Gte setzte sie sich hin,
schrieb -- humoristisch -- weil sie so am besten damit fertig wurde, und
erhielt Antwort -- erst eine, dann noch eine, lange Antworten, ganze
Tagebcher.

An einem der ersten Oktobertage war Ragni im Garten, um Obst und Gemse
zu ernten. Sie ging gerade auf den Zaun am Kirchweg zu, als ein Wagen
langsam vorberfuhr. Darin sa ein vierschrtiger Kerl, der sich vom
Rumpeln des Wagens hin- und herwerfen lie, wie Milch in einem
Butterfa. Ragnis Tauben schwirrten eben vom Kirchendach ber den Wagen
weg aufs Haus zu; bei dem eigentmlichen Laut des Flgelrauschens wandte
der Fremde den Kopf nach der Richtung, in der sie flogen. "Waren das
nicht Tauben?" fragte er, und der Kutscher antwortete.

Ragni wollte eben auf eine Leiter steigen, um pfel zu brechen; aber sie
mute sich festhalten. Diese schwere Stimme, dieser langsame Takt, diese
nordlndische Einfrmigkeit -- das war Sren Kule! Seine blinden Augen
waren halb nach der Richtung der Tauben gewandt, halb dahin, von wo die
Antwort kam, whrend der Wagen schlottrig weiterrumpelte.

Sren Kule hier? Ein blinder, halbgelhmter Mann ist nicht auf Reisen!
Ob ihn die doppelte Erbschaft, die ihm zugefallen war, hierhergefhrt
hatte?

Bald darauf kam Kallem. Auch er war Kule begegnet; sie sah es ihm sofort
an -- und er sah sofort, da sie in die Wohnstube geflchtet war, um
sich zu verbergen. Da trafen sie einander; sie prete ihren Kopf an
seine Brust; sie witterte bse Geister in der Luft.

Kallem sagte sich: falls Sren Kule eine von den Besitzungen bernimmt,
die den Geschwistern zugefallen sind, also hierherzieht, dann hat
Josefine ihre Hand dabei im Spiel; da ist ihr "Gerechtigkeitsgefhl" bei
der Arbeit gewesen!

Denn er empfand: der einzige Mensch auf Erden, gegen den er unrecht
gehandelt hatte, ohne es wieder gutzumachen, war dieser blinde Mann.

Ich will ihn aufsuchen, dachte er. Ich will offen und ehrlich mit ihm
reden. Dann kann ich ihm zugleich begreiflich machen, da er um Ragnis
willen nicht seinen Wohnsitz hier haben darf.

Er erfuhr bald, wo Kule wohnte: in dem Haus gleich hinter ihnen; im Park
neben dem Krankenhaus!

Dieser Teil der Erbschaft also war ihm zugefallen! Und in solcher Nhe
sollten sie ihn jetzt tglich haben! Lange ging er umher, um seine
Selbstbeherrschung wieder zu gewinnen; aber noch als er vor dem Haus
stand, war er so aufgeregt, da er mhsam an sich halten mute. Ein
kleines zweistckiges Backsteinhaus mit einem Garten davor. Im Hausflur
hrte er von der Kche her das Gerusch des Aufwaschens und sah hinein;
da stand das nordlndische Hnenweib mit aufgestreiften rmeln, so
unverndert, als htten sie sich erst gestern gesehen. Als die Tr
aufging, sah sie sich um und erkannte sofort den groen Brillenmann mit
der krummen Nase und den dichten Augenbrauen wieder; sie lchelte und
wandte sich ganz nach ihm um. "Ei, wirklich -- der Herr Kallem?" sagte
sie singend. "Ja." -- "Gestern hab' ich's gehrt, da Sie hier wohnen."
Ihr Lcheln wurde breiter. Du Tranfisch Du! dachte er, Du hast es schon
lngst gewut! "Wann sind Sie angekommen?" --"Gestern." -- "Von
Kristiania?" -- "Ja, von Kristiania. Kule hat das Haus hier geerbt; und
das Leben soll hier billiger sein." Hinter Kallem ffnete sich eine Tr;
er wandte sich um. Ein vierschrtiger Kerl mit kleinen schlauen Augen,
die mitrauisch dreinsahen, streckte vorsichtig seinen Kopf aus der
Zimmertr. Kallem schlo die Kchentr; der andere trat in den Flur und
machte die Stubentr hinter sich zu; dann standen sie einander
gegenber. Aber die Kchentr ffnete sich wieder und die Nordlandkchin
guckte heraus und lchelte dem Vierschrtigen zu. Kallem ahnte ein ses
Geheimnis. "Ist das _Dein_ Mann?" -- "Ja, seit'n Sommer." Der Bursche sah
wie ein Seemann aus. "Ist Herr Kule zu sprechen?" Der Vierschrtige
setzte eine feierliche Miene auf; er wollte hineingehen und fragen. Er
blieb lange fort, Kallem hrte, da drinnen unterhandelt wurde. Bald
vernahm er Kules schleppende Stimme, bald die knappen, trockenen, in
Trondhjemer Dialekt gesprochenen Worte des andern, beides gedmpft.
Inzwischen erzhlte Oline, ihr Mann sei ursprnglich Seminarist gewesen,
habe das Steuermannsexamen gemacht, sprche Spanisch und sei Kules
Sekretr und Bevollmchtigter. Dann erzhlte sie, da "die Kinderchens"
im Westland in Frau Rendalens Pensionat seien, d. h. es gehre jetzt
nicht mehr Frau Rendalen, sondern dem Sohn, "dem Herrn, der auch mal bei
uns gewohnt hat". Und pltzlich fragte sie: "Na, und die gnd'ge Frau?
Was macht denn die gnd'ge Frau? So haben Sie sich doch noch gekriegt,
wa--as? Das wird aber eine Freude werden!" Jetzt ffnete sich die Tr,
der Vierschrtige stellte sich drauen auf, und Kallem ging an ihm
vorbei zu Kule hinein.

Kule sa in demselben plumpen Rollstuhl mit demselben Brett vor den
Beinen; dieselben spanischen Bilder an der Wand; dieselben Mbel, nur
da sie einen andern verblichenen berzug hatten. Nur kein Flgel und
kein Kinderspielzeug.

Kule selber war grau und bedeutend dicker geworden. Die "Flossen" lagen
auf den Armlehnen, wie gewhnlich; eine riesige Tabakspfeife stand
unbenutzt daneben.

Kallem nannte seinen Namen; Kule antwortete nicht. Aber eine kleine
Bewegung der gesunden Hand und ein paar heisere sthnende Laute deuteten
an, da die Wogen in ihm hoch gingen.

Auch Kallem mute sich zusammennehmen, damit er ruhig bleibe. Um die
Qual abzukrzen, sagte er sofort, Herr Kule wisse vielleicht nicht, da
sie Nachbarn seien. -- Doch, das wisse er. -- "Das htte ich nicht
gedacht," erwiderte Kallem und lie den Ton seiner Worte erklren, was
er damit meine. Kule schwieg.

"-- Sie werden hier wohnen bleiben?"

"Ja."

Kallem blickte in das blinde Gesicht; es war kalt und verschlossen. Er
fhlte, es war unmglich, auch nur einen Funken Mitleid mit Ragni darin
zu erwecken. Ein entsetzlicher Widerwille packte ihn. "Dann habe ich
nichts weiter zu sagen!" sprach er und erhob sich.

Die Kchentr stand halboffen. "Bitte, auch 'n schnen Gru an die
Gn--di--ge!"

Erst drauen erinnerte sich Kallem seiner ursprnglichen Absicht; aber
diese neue Roheit Kules befreite ihn davon. Also -- fortan war er ihr
Nachbar. So hie es eben versuchen, die eigene Vergangenheit zu tragen,
wie andere auch.

Er wanderte zur Stadt hinaus; er hatte nicht den Mut, sogleich nach Haus
zu gehen. Schlechtigkeit ertrug sie nicht -- in keiner Form. Er mute
erst berlegen, wie er es ihr beibringen sollte.

Ragni war im Studierzimmer und hatte schon lngst die Lampe angezndet,
als er heimkam. Sie las ihr Urteil sogleich auf seinem Gesicht -- ja,
sie hatte es schon an seinem Schritt gehrt. Sie sank in einen Sessel,
und ihr war, als sei von nun an alle Freude dahin.

Er versuchte, ihr klarzumachen, da sie, eben weil sie schuldlos war,
nichts zu frchten brauche. Sie schttelte nur den Kopf. Das war es ja
nicht. Nein, die Schlechtigkeit war es, _die_ konnte sie nicht ertragen,
die Klte. Und sie erinnerte ihn an das, was er selber an Kristen
Larssens Grab gesagt hatte.

Aber sie knnten sich doch nicht mit Kristen Larssen vergleichen? Sie
htten doch vieles, was Wrme gab. Freilich -- aber der gute Ruf! "Wenn
sie mir den nehmen, nehmen sie mir auch alle Wrme!" Und nach einer
Pause fuhr sie fort: "Das ist -- die Klte!" Sie weinte nicht, wie sie
es sonst so leicht tat.

"Dann ziehen wir fort!" rief Kallem.

Als wenn sie das schon lang erwogen htte, antwortete sie: "Wo gibt es
einen Arzt, der so reich wre, da er alles, was Du hier hineingesteckt
hast, kaufen knnte? Und Deine Arbeit? Fr die Du lebst, die Dich
glcklich macht? Nein, Edvard!" -- "Aber wenn Du unglcklich bist, kann
ich nichts mehr leisten." Und er kte sie. Sie antwortete nicht. "Woran
denkst Du?" -- "Ich glaube doch, da Du's kannst." -- "Was?" -- "Ohne
mich arbeiten und glcklich werden!" erwiderte sie und brach in Trnen
aus. Er zog sie dicht an sich und wartete; sie mute ja fhlen, da sie
ihm wehgetan hatte. "Eigentlich passe ich nicht zu Dir!" -- "Aber
Ragni!" -- "Ja, als Dein guter Kamerad -- der beste, den Du auf Erden
hast! Wenn ich es doch lange sein drfte!" --

Sie schmiegte sich eng an ihn, als wolle sie ihm das Siegel des
Schweigens auf den Mund drcken.


10

Am nchsten Tag war Nebel. Obwohl Ragni gut und traumlos geschlafen
hatte, war ihr doch der Kopf schwer. Sie ging umher und sah alles nur in
dem kalten Licht von gestern; nirgends mehr ein Glanz ber den Dingen.
Erst wollte sie gar nicht in die Kche hinaus; sie bildete sich ein, man
knne von dort das Haus sehen, in dem Kule wohnte. Schlielich wurde ihr
das aber doch zweifelhaft, und sie getraute sich hinaus; nein, es war
nicht zu sehen. Dann wagte sie nicht ihre Morgenrunde durch den Garten
zu machen; er konnte ja vielleicht gerade vorberfahren. Endlich setzte
sie sich an den Flgel, stand aber wieder auf, ohne gespielt zu haben.
Sie schrieb einen Brief an Karl; sie war ihm auf zwei Briefe Antwort
schuldig, und irgend etwas mute sie ja vornehmen. Sie schrieb -- aus
ihrer Stimmung heraus -- Schlechtigkeit in jeder Form, wie Lge, Verrat,
Hinterlist, herrschschtige Verfolgung, Tcke, Betrug -- sei _Todesklte_.
Die sei es, gegen die wir kmpften. Leben sei Wrme. Manche Menschen
seien mehr anfllig fr Erkltungen als andere, gerade wie der eine
empfnglich sei fr Tuberkulose und der andere nicht; und sie sei
sicher eine von jenen Unglcklichen. Von frhster Kindheit an habe sie
den Hauch der Klte gesprt, und zuletzt wrde wohl dieser kalte Strom
strker werden als die Wrme, die sie ihm als Widerstand
entgegenzusetzen vermge; das sei die ganze Frage.

Der Brief war nicht lang; denn whrend sie so an ihre Kindheit dachte
und an das, was sie spter durchgemacht hatte bis zu ihrer Verheiratung
mit Kule, kam ihr die Lust, es aufzuschreiben, um es gelegentlich einmal
in Kallems treues Gedchtnis niederzulegen. Mndlich erzhlen konnte sie
es nicht; aber es aufschreiben --ja, jetzt konnte sie es. Auch trieb sie
eine unbestimmte Furcht, und noch am selben Tage fing sie an.

Sie bot ihre ganze Kraft auf, um ruhig und gefat zu sein, als Kallem
nach Hause kam. Er sah sie forschend an, war aber selbst in grter
Spannung -- einer ganz anderen, neuen Sache wegen. Er wollte eine
Operation vornehmen, an deren Gelingen die beiden anderen rzte und noch
ein dritter, der von weither geholt worden war, Zweifel hegten.

Einer der angesehensten Mnner der Umgegend, Oberst Bajer, litt seit
etwa einem Monat an Magenhautentzndung mit Anzeichen von Septichmie.
Doktor Arentz war sein Hausarzt und behandelte ihn in der blichen Weise
mit Wasserumschlgen und Opium. Aber die Krankheit wurde bedenklich und
Arentz riet, Kallem zu Rate zu ziehen. Die Frau des Obersten widersetzte
sich -- nicht gerade, weil sie eine eifrige Christin war, sondern weil
ihr Kallem an sich unsympathisch war. Sie war ein gutes, warmherziges
Wesen, aber hysterisch, und solche Menschen ergreifen leicht Partei fr
oder wider. Pastor Tuft hatte sie einmal gerettet; sie war krank gewesen
an Schwche, nichts wollte helfen, bis er gekommen war und ihren Willen
durch den Glauben gestrkt hatte -- eine Tatsache, die niemand
bestreiten konnte; seitdem schwrmte sie fr ihn.

Der Arzt des Nachbarbezirks und Doktor Kent wurden zugezogen; aber beide
waren ehrlich genug, einzugestehen, da nichts mehr zu machen sei; der
Oberst sei ein Todeskandidat und eine Operation unmglich.

Jetzt siegte die Liebe zum Gatten ber allen Widerwillen; sie lie
anspannen und fuhr selbst zu Kallem, der sich sofort und unbedingt
bereit erklrte, die Operation vorzunehmen. Ohne sich von den
Einwendungen der andern abhalten zu lassen, ffnete er die Bauchhhle
und fand Eiter; dann ffnete er den Dickdarm. Besonders da die andern
abgeraten hatten, erforderte dies Ereignis seine ganze Charakterstrke.
Der Oberst war als Ehrenmann bekannt, in Stadt und Land nahm man Anteil,
und der Zustand der Frau war derartig, da sie wahnsinnig werden mute,
wenn der Mann starb. Ihre Abneigung gegen Kallem schlug in unbegrenztes
Vertrauen um; es war, als habe seine Nhe sie magnetisiert. Alles das
erfllte Kallem mit tiefer Besorgnis.

Nun hatte Ragni an anderes zu denken als an sich selbst; denn sie sah,
welche Seelenqual das Gefhl der Verantwortung unmittelbar vor der
Operation und mehr noch in den Tagen nachher in ihm erregte. In solchen
Zeiten hielt sie mit seltener Kunst alles Kleinliche von ihm fern,
ermutigte ihn, heiterte ihn auf, lebte berhaupt ausschlielich fr ihn.
Einem solchen Mann etwas sein zu knnen -- das war "Wrme" genug!

Der Oberst erholte sich; Kallem war bei bersprudelnder Laune. Ragni
spielte wieder, nahm ihre brigen Arbeiten wieder auf, ja, sie wagte
sich sogar in den Garten und lie die Augen zu dem Haus oben
hinberschweifen. Sie hrte den Wagen vorbeirollen, ohne mehr als
hchstens ein ganz klein bichen zu zittern; sie wurde von der
Nordlandskchin, die mit ihrem Korb auf den Markt ging, angesprochen,
und obgleich sie dabei ein Gefhl hatte, als werde sie von einer
Schlange gebissen, starb sie doch nicht daran. Es kam sogar der Tag, da
sie mit ihr plaudern konnte, zuletzt konnte sie sogar jeden Morgen ihr
Kommen abwarten, ohne davonzulaufen. Das geschah nicht etwa aus Mut --
beileibe nicht -- aber es geschah; und sie fhlte sich wohl dabei.

Das Wetter schlug um und kehrte seine allerrauhste Seite hervor. Die
Bltter stoben im Nordwind, die Erde war festgefroren und jeden Morgen
mit Reif bedeckt. Die fen zogen, da es nur so krachte, und ihr
Prasseln wetteiferte mit dem Wagengerassel, das drauen ber den hohlen
Boden zog. Jeden Tag fragte man sich, ob man nicht die Doppelfenster
einsetzen und die Verandatr schlieen solle. Und jeden Tag schob man es
wieder auf; wer wei -- vielleicht kamen noch schne Tage!

Eines Tages brachte die Post Ragni Briefe aus Amerika, aus Nordland und
aus Berlin; einer war von Karl. Sie hatte alle geffnet, aber keinen
gelesen; es war zu vielerlei zu tun, damit das Haus fr den Winter in
Ordnung komme. Den Brief der Schwester las sie aber doch am Nachmittag;
und er machte sie betrbt; der Schwester ging es nicht gut. Ragni dachte
daran, sie zu sich zu nehmen. Die letzten zwei oder drei Briefe von Karl
hatten stark nach Heimweh geschmeckt; er war schwermtig, und sie hatte
deshalb nicht sonderliche Lust, seinen neuesten Brief zu lesen. Sie war
gerade mitten in einem amerikanischen Roman, einem der besten von
Howell; es war ein tiefeindringendes, spannendes Seelengemlde; und so
nahm sie zuerst ihr Buch vor, als sie sich gegen Abend ins Studierzimmer
setzte. Aber etwas in der Erzhlung erinnerte sie an Karl; sie legte das
Buch weg und nahm seinen Brief vor. Wie immer, ganze Bogen, auch recht
interessant, aber der Ton geradezu seelisch krank. Als sie an den
letzten Bogen kam, sah sie darber in roter Tinte die Worte: "_Bitte
allein lesen_!"

Er schrieb: "Seit ich Ihren Brief ber die 'Klte der Schlechtigkeit'
erhalten habe, war ich in Zweifel, ob ich Ihnen sagen solle, da ich es
sogleich verstanden habe. Ich habe schon lngst gewut, was man von uns
gesagt hat. Solch eine rohe Verleumdung! Das war es, was mich diesen
Sommer beinahe zum Wahnsinn getrieben hat, als ich es -- kurz vor
unserer Trennung --erfuhr. Ist es nicht furchtbar? Damals dachte ich,
es knne berhaupt nichts mehr kommen, was mich noch tiefer treffen
knnte; aber nun ist doch noch etwas gekommen: auch _Sie_ haben es
erfahren! Denn natrlich ist das der Sinn ihres Briefes.

Wochenlang habe ich hin- und hergesonnen. Aber um meinet- und um
Ihretwillen ist es besser, wenn wir davon sprechen. Lassen Sie Kallem
nichts davon erfahren! Ich schme mich so entsetzlich -- ich bin so
unglcklich -- ach, wenn Sie wten, wie unglcklich ich bin! -- Aber
ihm wollen wir es ersparen!

Darum schreib' ich das auf einen besonderen Bogen; ich werd' es fortan
immer so machen. Auch des andern wegen, das nun kommt, Sie Liebe,
Liebste!

Von der ersten Zeit an, als Sie so gut zu mir waren, hab' ich Sie
unendlich lieb gehabt. Ich htte nie gedacht, da ich Sie oder berhaupt
einen Menschen noch lieber haben knnte. Jetzt aber sind wir in dieser
Schmach und diesem Schmerz gleichsam miteinander verschmolzen; wir beide
sind die einzigen, die darum wissen; und jetzt, -- Gott ist mein Zeuge!
-- lebe und leide und arbeite ich nur noch in Gedanken an Sie! Immer
sind Sie um mich -- vom Morgen bis zum Abend und bis in den Traum meiner
Nchte!

Ich liebe, liebe, liebe Sie! Ich schreib' es -- unter Trnen. Ich liebe
Sie -- ich liebe Sie -- ich liebe Sie!

Vielleicht erschreckt Sie das Wort, erschreckt Sie mehr als das andere,
das es heraufbeschworen hat! Aber wenn Sie wten, welch eine Wonne es
fr mich ist, es blo niederschreiben zu drfen, blo zu wissen, da Sie
es lesen! Sie sind so gut -- Sie wissen, welch grenzenlose Ehrfurcht ich
vor Ihnen habe -- -- --"

Als Kallem um acht Uhr nach Hause kam, stand der Abendtisch im Ezimmer
gedeckt; im Studierzimmer war geheizt und die Lampe angezndet; aber
beide Zimmer waren leer; in der Wohnstube war es dunkel. Sigrid brachte
den Tee und berichtete, Frau Doktor seien zu Bett gegangen. -- "Zu Bett?
Fehlt ihr etwas?" -- "Ich glaube, sie war nur mde."

Kallem eilte sofort hinauf. Es war dunkel; doch im Mondschein sah er
einen Arm im weien Nachthemd sich ihm entgegenstrecken. "Verzeih!"
sagte sie. "Ich war so mde; und dann hatte ich auch einen Brief von
meiner Schwester, der mich traurig gemacht hat. Nein, mach' kein Licht,
bitte! Es ist so schn so!" -- Was fr ein frischer, gesunder Duft von
ihm ausstrmte! Wie voll Kraft seine Stimme klang, whrend er
antwortete: "Von Deiner Schwester?" -- "Ja, sie fhlt sich unglcklich
da oben." -- "Wie wr's, wenn wir sie zu uns nhmen?" -- "Ich wollte
Dich eben darum bitten. Wie gut Du bist!" -- Sie weinte. -- "Aber
Schatz, warum weinst Du denn? Glaub' mir, der einzige Grund, weshalb ich
das nicht schon lange vorgeschlagen habe, war Dein Wunsch, wir sollten
allein sein miteinander." --"Ja, das ist ja auch das Allerschnste! Aber
wenn nun eins von uns krank wird?" -- "Dummes Zeug! Wir werden nicht
krank! Du bist doch so wohl jetzt! Die Stirn ist ein bichen warm! La
mal Deinen Puls fhlen! Na ja, ein bichen Ruhe hast Du ntig, weiter
nichts. Es war ganz richtig, da Du zu Bett gegangen bist. Ich gehe
jetzt hinunter und esse; ich habe einen Brenhunger. Dann hast Du Ruhe.
Karl hat geschrieben?" -- "Ja. Der Brief liegt auf Deinem Schreibtisch."
-- "Schn! Ich werd' ihn beim Essen lesen. Nachher hab' ich noch viel zu
tun. Gutnacht, Kleines!" -- Er kte sie; Ragni schlang beide Arme um
seinen Hals, zog seinen Kopf dichter zu sich heran und kte ihn. "Du
herrlicher Mensch!"

Er ging. Sie hrte seine raschen Schritte auf der Treppe und unten im
Korridor, hrte, wie er die Tr ffnete und hinter sich schlo.

Wieder dieser Schmerz in der Brust, den sein Kommen gemildert, sein
Schritt verscheucht hatte! Etwas Schweres, Entsetzliches -- nie wieder
wrde sie es los werden -- und dabei fror sie so. Die Klte, die Klte,
die Klte -- jetzt war sie ihr bis ins Innerste gedrungen. Jetzt begriff
sie -- zu Eis erstarrend -- weshalb der "Walfisch" gekommen war und
sich in das kleine Haus nebenan gewlzt hatte und nicht wieder hinaus
wollte. Jetzt wute sie, weshalb die andern das zugegeben hatten.

"Gott, ach Gott -- wie hat das nur kommen knnen? Was hab' ich denn
getan?" klagte sie und verkroch sich vor sich selber. Wie ein Flstern
durch Meeresbrandung tnten Karls Liebesworte hindurch. Armer Junge! Da
lag sie -- im Dunkeln -- damit keiner sie sah --damit sie nachdenken
konnte. Was sollte sie tun? Den letzten Bogen hatte sie herausgenommen.
Sollte sie ihn Kallem zeigen?

Als Kallem nach zwlf Uhr heraufkam, um zu Bett zu gehen, war sie ber
all ihren traurigen Erwgungen eingeschlafen. Er steckte hinter ihr das
Licht an, sah ihr ins Gesicht, horchte auf ihren Atem. Sie schlief
--unschuldig -- mit offenem Mund.

Am nchsten Vormittag wanderte sie auf der Sdseite des Hauses umher,
auf und ab, auf und ab, noch immer gleich verstrt, gleich ratlos. Es
hatte geschneit, zum erstenmal dieses Jahr; der Schnee war schon halb
wieder geschmolzen. ber den Bergkmmen lag dichter Nebel, so dicht, da
er aussah wie festes Land, trotzig, undurchdringlich -- ein Land, das an
die Berge grenzte und sich ber den ganzen Horizont erstreckte. Das
seltsame Land sandte eine lange Zunge hernieder nach dem Wald -- wie das
uerste Zngeln eines Geheimnisses. Sie fror. Weit konnte sie nicht
gehen, ohne da der Schutz des Hauses aufhrte und man sie vom Weg aus
sehen konnte; und heut ertrug sie es nicht, da man sie sah; vielleicht
nie wieder.

Welch ein kindischer Wettkampf das war zwischen den Baumarten da
drauen, rings um die Gehfte! Am fernsten von den Husern Nadelwald;
bei trbem Wetter war er fast schwarz. Mehr in der Nhe mischte Laubholz
sich dazwischen, langhalsige Espen, verrenkte Birken, die lichtgelb aus
dem Dunkel leuchteten; noch nher Eberesche und Faulbaum, blutrot;
dazwischen Ahorn und anderes; von flachsweien bis rotgoldnen. Hohe
Erlen und Espen, die zu alt waren, um berhaupt noch Laub zu treiben,
ragten mit nackten Zweigen ber der Farbenpracht der andern empor gleich
blaugrauem Rauch.

Sie stampfte mit den Fen, die gar nicht warm werden wollten, die nicht
wuten, ob vorwrts oder rckwrts, weil sie selber nicht wute, wohin.
Wenn Kallem es erfhre -- was dann? Und wenn er es nicht erfhre?

Die Wiesen waren von schwarzerdigem, gepflgtem Ackerland
durchschnitten. Dazwischen mattgrne, mit Wintersaat bestellte
Roggenfelder und stoppelige Kleecker. Aber dort -- weit hinter den
Husern -- mivergngte, graue Erdflecken, die man berhaupt nicht
beachtete, auer, wenn es sich darum handelte, sie zu plndern; nur zu
viele solcher gab es hier zu Lande.

Juanita? Wie kam das Kind auf einmal mitten in das Herbstbild? Diese
frischeste, lebendigste Erinnerung an den ersten Frhling? Ach, hier
drauen wachte die Sehnsucht nach den Kindern auf! Jetzt wute sie, da
er nicht war, wo die Kinder waren; jetzt konnte sie zu Rendalens reisen
und die Kinder sehen!

Solange sie auf der Reise war, brauchte sie auch nicht zu entscheiden,
was das Richtige sei; und sie bedurfte dringend des Aufschubs. Nur ein
kurzer Brief an Karl Meek, da er vorlufig nicht mehr schreiben solle;
sie werde ihm spter vielleicht Nachricht zukommen lassen. Ob sie die
paar Worte telegraphierte? Nicht von hier aus! Aber auf der Stelle
abreisen und von unterwegs telegraphieren.

Ein Vorsatz, ein inneres Gehei, so stark, als habe sie berhaupt weiter
nichts mehr zu tun als noch einmal die Kinder zu sehen, stieg in ihr
auf. Als Kallem etwas spter nach Hause kam, wanderte sie im Zimmer auf
und ab, um sich warme Fe zu machen, und sagte ihm selber, sie _msse_
die Kinder sehen. Er empfing den unfehlbaren Eindruck, da die
Erinnerung an ihr Zusammenleben mit Kule in Sehnsucht nach den Kindern
umgeschlagen sei. Das war ganz natrlich. "Reise nur gleich!" sagte er;
"spter wird es zu kalt." Damit meinte er freilich nicht, da es gerade
heut noch sein sollte; aber sie wollte es so, und am Nachmittag brachte
er sie zur Bahn.

Gleich nach ihrer Ankunft bei Rendalens kam ein verzweifelter Brief: das
Wiedersehen mit den Kindern war grausam gewesen. Sie hatten sie nicht
wiedererkannt! Und auch sie die Kinder nicht. uerst wohlerzogene
Kinder, gewi! Aber nicht ihrer Schwester Kinder! Nicht verwandt mit ihr
selber. Nur mit ihm! -- Sein Blut war strker als ihres. Groe, dicke
Kinder, die sie ansahen, als begriffen sie nicht, was sie wolle. Und
dazu diese vielen fremden Menschen, die sie bestndig beobachteten! Am
liebsten wre sie gleich wieder heimgereist, wenn sie nicht so erkltet
gewesen wre. --Ein spterer Brief lautete ein bichen lebensfroher.
Nicht da sie zufriedener gewesen wre mit den Kindern; die waren noch
gerade so fremd und "materiell"; sooft sie die Kinder mit sich auf ihr
Zimmer nahm, um mit ihnen zu plaudern oder ihnen vorzuspielen, fhlte
sie, da sie sie nur aufhielt. Aber das Zusammensein mit den prchtigen
Menschen in und auerhalb der Schule machte ihr Freude; "htten wir doch
etwas hnliches!" seufzte sie.

Auch von Rendalen erhielt Kallem einen Brief, der in schwungvollen
Worten ausdrckte, wie sich die ganze Kolonie freue, Ragni in ihrer
Mitte zu haben. Er bermittelte die "einstimmige Bitte", sie ihnen doch
noch eine Zeitlang zu lassen; sie sei auch mde von der Reise und nicht
ganz wohl; die Ruhe scheine ihr gut zu tun.

So blieb sie acht Tage und noch einmal acht Tage fort. Mittags an einem
kalten Wintertag kam sie zurck, bla, noch immer erkltet, ngstlich,
unfhig, zu sagen, wie frchterlich es ihr war, wieder unter Menschen zu
kommen, die sie fr eine ehrlose Frau hielten. Kallem erschrak ber ihr
Erkltetsein und ihr schlechtes Aussehen; ihr Wiedersehen war kein
frohes Wiederfinden, sondern eine besorgte Untersuchung ihrer Brust und
ein bichen mattes Erzhlen; sie war mde und verlangte ins Bett.

Kallem fragte, ob Karl geschrieben habe; hierher sei kein Brief von ihm
gekommen. -- Nein, sie habe auch keinen erhalten. -- Ob sie denn nicht
geschrieben habe? -- Nein. Karl habe eine Vertraulichkeit gezeigt, die
ihr nicht gefiele. -- Es waren schon oft kleine Reibereien zwischen den
beiden vorgekommen, von denen er erst spter gehrt hatte; und da sie
ihn nicht ansah, fhlte er, da er nicht fragen drfe.

Mehrere Tage htete sie das Bett. Ein leidiger trockener Husten wollte
nicht weichen; sonst waren keinerlei besorgniserregende Indizien
vorhanden. Als sie wieder aufstand, kam sie ihm merkwrdig mager vor;
das Gesicht hatte einen matten krnklichen Zug; unter den Augen lagen
dunkle Ringe. Sie sehnte sich hinaus --in die frische Luft. Aber sie
weigerte sich auf das bestimmteste, auerhalb des Gartens spazieren zu
gehen. Erst behauptete sie, das sei langweilig; als er sie aus dieser
Stellung vertrieb, verschanzte sie sich hinter eine strkere: sie fing
zu weinen an. Er hielt das fr ein verdchtiges Zeichen; sie war am Ende
gar schwanger? In dieser Hoffnung gab er sich zufrieden und wartete. Sie
machte ihre Spaziergnge im Garten und erzhlte es ihm voll Stolz; aber
da sie fast immer nur in der Dmmerung ging, das verschwieg sie. Nach
und nach fand sie selber, da ihr besser war; und er fand das auch.

So verging eine Zeit. Er wartete auf das, was er so gern gehrt htte,
glaubte da und dort Anzeichen zu bemerken; zwischendurch aber ngstigte
es ihn, da sie immer magerer zu werden schien; er konnte sie auch nicht
zum Essen bewegen. Eines Abends, als er fort gewesen, war sie wie
gewhnlich drauen in der Dmmerung spazieren gegangen und hatte nachher
Schttelfrost und Beklemmungen. Als Kallem zu Bett ging, schlief sie;
aber ihr Husten weckte ihn. Er machte Licht und sah, da sie die Hand
gegen die Brust prete. "Tut das weh?" -- "Ja." -- "Wo?" -- "Hier!"
--Und sie zeigte auf das rechte Schlsselbein. -- "Hast Du Stiche da,
wenn Du hustest?" -- "Ja." -- Im selben Augenblick hatte sie einen
heftigen Hustenanfall. Er stand auf, zog sich an, legte im Ofen nach,
klingelte und schickte das Mdchen nach der Apotheke. Unterdessen
untersuchte er sie und fragte sie dabei aus. Er hrte von dem
Schttelfrost gestern Abend, und wie sie ihre Spaziergnge am liebsten
in der Dmmerung mache. "In der Dmmerung!" rief er; mehr war nicht
ntig; sie versteckte ihren Kopf in den Kissen. -- Das mge sie doch in
Zukunft geflligst bleiben lassen! Und vorlufig msse sie das Bett
hten, und zwar mehrere Tage. Das Senfpflaster auf der Brust war ihr
unangenehm, mit den Hustenpillen hatte er mehr Glck. Er verbarg seine
Besorgnis hinter allerhand Scherz und Zrtlichkeit; und wirklich -- nach
ein paar Tagen war sie wieder so wohl, als er kaum zu hoffen gewagt
hatte! Auch ganz gehorsam war sie geworden; vierzehn Tage lang hielt sie
sich still im Zimmer. Der Husten kam seltener; die einzelnen heftigen
Anflle stachen zwar in der Brust; aber sonst fhlte sie sich ganz wohl;
nur ungeheuer matt und kurzatmig, so da sie nicht einmal mehr Lust
hatte zu spielen.

Im Garten wurde ein Weg fr sie gebahnt, und zum erstenmal ging sie --
mit Kallem -- wieder bei Tag aus, kehrte aber gleich wieder ins Haus
zurck. Erst ngstigte ihn das, ngstigte ihn merkwrdig; aber aus ihrer
Art und Weise schlo er, da es nur Laune sei. Sie fhlte sich indessen
matter, als sie gestehen wollte. Am Tag darauf versuchte sie es mit
Sigrid. Aber nach den ersten Schritten versagte ihr der Atem; sie mute
ausruhen, und bat Sigrid, nichts zu sagen; es werde schon vorbergehen,
wenn sie "mehr trainierte". Das Wetter wurde milder; ber Mittag waren
sogar ein paar Grad Wrme. Sie fhlte sich wohler und konnte lnger
gehen; Kallem freute sich, als er eines Tages sah, da sie das Klavier
ffnete. -- --

Eines Abends erschien Sren Pedersen; bleich --allein -- beides uerst
ungewhnlich. Was war denn los? Kristen Larssen ginge um! Kallem brach
in schallendes Gelchter aus. Sren verzog keine Miene: Kristen Larssen
ginge, wahrhaftigen Gott, um! Im letzten Jahr seines Lebens hatte er nie
mehr Geige gespielt; er hatte seine Geige Aune gegeben. Aber jetzt
spiele er Geige in seinem alten Haus. -- Ob denn niemand drin wohne? --
Nein. Das Haus sei abgeschlossen; aber er spiele darin! Mehrere hatten
es gleichzeitig gehrt; nicht der leiseste Zweifel sei mglich. -- Ach
was -- da habe sich einfach irgendein Schelm eingeschlichen! Wer den
Schlssel habe? --Der Neffe seiner Frau. -- "Wer ist das?" -- "Aune!"
--"Na, siehst Du wohl!" -- "Aune hat ja aber selber das ganze Haus mit
durchsucht; und Aune hat am meisten Angst von uns allen!" -- Ein
Mdchen, die ein krankes Kind hatte -- Kallem kannte sie, er war ihr
Arzt --hatte eines Nachts Kristen Larssen an der Hauswand entlang
schleichen sehen. Seitdem hatten noch mehrere ihn gesehen. "Zweifeln tat
keiner daran!" schlo Sren. Wie wollte der Herr Doktor denn das
erklren, da Frau Bajer, die Frau des Obersten, eines Tags zu ihnen in
ihren Tapezierladen gekommen sei, und ihnen erzhlt habe, sie habe
getrumt, Kristen Larssen sitze in einer langen Stube zwischen vielen
groen, gelehrten Mnnern, die alle buchstabieren lernten? Sie hatte
sich gedrungen gefhlt, Sren Pedersen, den Kristen Larssen ja doch
verfhrt hatte, das zu erzhlen. "Und denken Sie sich, Herr Doktor,
gerade in der Nacht vorher haben wir beide, Aase und ich, getrumt, die
Frau Oberst komme zu uns in den Laden!"

"Ich will Ihnen etwas ebenso Merkwrdiges erzhlen, Pedersen. Am ersten
Tag, als meine Frau und ich hier in der Stadt waren, begegneten wir
Maurer Andersen, Karl Meek, Kristen Larssen, Sigrid, Ihnen und Ihrer
Frau -- alles im Lauf einer Viertelstunde!" Pedersen rollte seine
Kugelaugen, ohne zu verstehen. Daran war doch weiter nichts Besonderes?
-- "Nein, denn auf die hundert anderen, denen wir begegneten, gaben wir
gar nicht acht. Genau so wie Sie, Sren Pedersen, nicht acht geben auf
die Hunderte, von denen Sie und Aase trumen, -- wenn Sie sie nicht
gerade tags darauf in Ihrem Laden sehen!"

Sren Pedersen war aber nicht berzeugt.

Der Aberglaube lag nun einmal in der Luft. Einer steckte den andern an;
bald sprach die ganze Stadt von nichts weiter; besonders, nachdem sich
auch der Pastor in die Sache gemischt hatte. Seit dem Frhjahr hatte er
allein gehaust mit seiner Mutter -- Frau und Sohn waren erst krzlich
wiedergekommen -- und in dieser ganzen Zeit hatte seine Lehre zugenommen
an Strenge, -- in der letzten Zeit mit einem Geprge von Leidenschaft,
das Unheil prophezeite. Jetzt verkndete er im Betsaal, jeder Glubige
wisse ganz wohl, da Geister unter uns lebten und wirkten, und da viele
nach dem Tode den Weg der Ruhelosen wanderten; das seien erwiesene
Tatsachen, die sich als Mahnung von Geschlecht zu Geschlecht
wiederholten.

Als Kallem davon hrte, machte er ernst mit einem Gedanken, den er schon
lngst gehabt hatte -- nmlich: sich Aunes zu bemchtigen. Aune hatte
gar keine Lust und war erfinderisch genug, ihm immer wieder zu
entschlpfen; er besa eine groe berredungsgabe, mit der er auch
Kallem oft zum Besten gehabt hatte; aber jetzt mute er heran! Die Frau
war vollkommen einverstanden, und in ihrer Gegenwart nahm Kallem ihn
eines Sonntag vormittags im Krankenhause vor -- zunchst wegen des
Trinkens, dann aber vor allem, um Licht in die Spukgeschichte zu
bringen, die natrlich kein anderer als dieser Erzschelm selbst in Szene
gesetzt hatte. Und so war es auch! Jetzt kam aber die Schwierigkeit:
wurde das bekannt, so war Aune zugrunde gerichtet. Das war der Frau
sofort klar, und sie bat fr ihn. Darum lie sich nichts anderes tun in
der Sache, als es ihm zu verbieten und zu schweigen.

Natrlich hinderte das Kallem nicht, auf seiner Vormittagsrunde Doktor
Kent, der so wenig an den Spuk glaubte, wie er selbst, zu erzhlen, man
wisse jetzt, wer die ganze Geschichte mit Kristen Larssen in Szene
gesetzt habe; den Namen drfe man nicht nennen; aber das Ganze sei ein
abgekartetes Spiel. Kent, der bei einem Kranken Josefine traf und wute,
da nichts ihr willkommener war als eine Nachricht von ihrem Bruder,
wiederholte ihr Kallems Worte. Beim Mittagessen erzhlte der kleine
Edvard, der tglich von diesen Spukgeschichten voll war, jetzt htten
auch zwei Jungens Kristen Larssen gesehen, Aunes Junge und der Sohn des
Laienpredigers. Edvard funkelte vor Eifer. Da erklrte die Mutter ihm
kurz und bestimmt, das sei ein Betrug; einer der rzte aus der Stadt
wisse, von wem der Betrug herrhre; es gebe keinen Kristen Larssen, der
umgehe.

Als der Junge sich entfernt hatte, sagte der Pastor, er finde ihr
Benehmen rcksichtslos. "Wieso rcksichtslos?" -- "Nun, da _Du_ dem
Jungen das sagst; Du hast doch gehrt, da er sich gleich dahinter
verschanzte, _ich_ glaubte auch an Gespenster!" Des Pastors Ton war nicht
berlegen, nicht einmal vorwurfsvoll; sie fhlte, er hatte recht, und
antwortete darum nicht. Aber es wirkte nach, und eine Weile darauf stand
sie im Studierzimmer.

"Ich habe ber das nachgedacht, was Du vorhin sagtest." Er lag auf dem
Sofa und rauchte, erhob sich aber, um Platz zu machen. Es tat ihm wohl,
da sie zu ihm hereinkam. Aber sie blieb stehen. "Soll etwas, das Du dem
Jungen einmal gesagt hast, fr ihn eine Wahrheit sein, auch wenn es
nicht wahr ist?" -- "Nein. Aber Du knntest es mir berlassen, es zu
berichtigen!" -- "Und wer sagt mir, da Du es berichtigen willst?"
--"Was soll das heien?" -- "Das soll heien, da Du dem Jungen
fortwhrend Dinge beibringst, an die Du selber unmglich glauben
kannst." -- "Was fr Dinge?" --Er wurde rot; denn er begriff, jetzt kam
es zu einer Abrechnung. -- "Ich habe in der letzten Zeit oft daran
gedacht, mit Dir darber zu reden," sagte sie, "und nun soll es einmal
geschehen. Du selbst glaubst nicht daran, da die Welt vor etwa
sechstausend Jahren in sechs Tagen geschaffen worden ist, oder da die
Sagen von den ersten Menschen und den Patriarchen etwas anderes seien
als Sagen, nicht wahr? Ebenso die ganze Geschichte vom Paradies. Erde
und Menschen knnen nicht gleich von Anfang an vollkommen gewesen sein.
Aber die Kinder lehrst Du das, und in der letzten Zeit auch Edvard." --

Er schritt im Zimmer auf und ab; sie stand zwischen den beiden Tren,
die zum Flur und zum Wohnzimmer fhrten. So oft er sich ihr nherte,
schaute er sie mit einem starken, ja mchtigen Blick an; so sieht ein
schlechtes Gewissen nicht aus; das fhlte sie. Und um ihr zu zeigen, in
welchem Geist hier verhandelt werden mute, blieb er stehen und sagte
ruhig: "Wollen wir uns nicht setzen, Josefine?" -- "Nein", erwiderte
sie. "Ich wrde ja doch gleich wieder aufstehen!"

"Das, was Du Sage nennst," sagte er, "trgt in sich die ewige Wahrheit,
da Gott alles und alle geschaffen hat, und da die Snde ein Abfall von
ihm ist." --"Weshalb es nicht so lehren, anstatt in unwahren Bildern?"
-- "Kinder fassen es am besten in Bildern, Josefine." -- "Dann sage
ihnen, da es nur Mrchen sind." -- "Darauf kommt es nicht an." --
"Gewi kommt es darauf an, da die Kinder ewige Wahrheiten nicht in
unwahren Bildern lernen, meine ich!" -- Er sah, wie leidenschaftlich sie
die Sache nahm, und warnte sie; sie mten ohne Leidenschaft darber
reden knnen. "Nein", sagte sie, "das kann ich nicht. Denn Du mut
wissen -- es geht um die Zukunft unseres Kindes --und um Deine und
meine!" Und sie trat an den Schreibtisch, wie um ihm nher zu kommen,
vielleicht auch, um sich zu sttzen.

Aber er lie sich nicht beirren. "Wrst Du selber so durchdrungen von
jener ewigen Wahrheit, die Du im Munde fhrst, Josefine, -- kmpftest Du
nur um sie, so wre all dies fr Dich etwas ganz Untergeordnetes. Das,
was wir an Stelle des Alten setzen knnten, ist ja auch nichts Sicheres;
wir wissen, so, wie das ehrwrdige Buch es berichtet, kann es schwerlich
zugegangen sein; aber wir wissen auch nicht, wie es in Wirklichkeit
gewesen ist. Blo das wissen wir: von Gott stammt unser Leben, in Gott
sind wir glcklich -- im brigen la Kinder und Erwachsene die ersten
Vorgnge auffassen nach der Vter Weise -- bis auf weiteres." Die
ehrliche Kraft der berzeugung lag in seinen Worten, und sie verfehlten
ihre Wirkung nicht. Darum schwieg sie lange. Dann aber brach pltzlich
etwas anderes hervor. "Weit Du, da -- ohne die grenzenlose
Verschandelung meines Verstandes und Willens in meiner Kindheit auch ich
anders geworden wre, als ich jetzt bin?" -- "Ja," sagte er kalt, "wie
ich hre, hast Du es in der letzten Zeit so weit gebracht, den Glauben
fr das Unglck Deines Lebens zu halten!" -- "Das hab' ich nie gesagt!"
fuhr sie auf und wurde sehr bla. "Und auch niemals gemeint!" Ruhiger
fgte sie hinzu: "Den Glauben an Gott und die Erlsung durch Jesus hab'
ich niemals als Zwang an meinem Verstand empfunden. Niemals!" --
"Wirklich? Das ist ja schn!" sagte er, seufzte aber gleich darauf tief.
-- "Gut! Wenn Du mich nicht anhren willst," sagte sie, "so will ich
mich kurz fassen. Entweder Du hrst auf, dem Jungen Mrchen zu erzhlen,
die nicht unschuldig sind, wenn sie seinen Kinderverstand einengen
knnen; oder ich halte Dich nicht mehr fr vollkommen gewissenhaft,
Ole!"

Es war nicht das erste Mal, da sie harte Worte brauchte; sie hatten
lange und schwere Kmpfe miteinander gehabt. Aber nie hatte sie so hart
gesprochen, niemals seinen Glauben angegriffen. Sie hatte ihr Recht
verteidigt, so zu sein, wie sie war, wenn auch mit heftigen Ausfllen
gegen die Art, wie er war; sie war seinen Herausforderungen mit
schneidiger Waffe begegnet; aber niemals, bis zu diesem Augenblick,
hatte sie etwas derartiges gesagt oder Bedingungen gestellt. Er hatte
schon ziemlich lange das drckende Gefhl gehabt, da sich in ihr etwas
zusammenzog; aber ihr fest gewappneter Vorsatz -- von solchem Zorn,
solchem Willen getragen --! So standen sie sich gegenber, Aug' in Auge;
und wollten die Tiefe ihres Willens aneinander messen. Auch in ihm
kochte es auf zu gewaltigem Zorn, und um von vornherein jede falsche
Hoffnung abzuschneiden, sagte er: "Der Junge bleibt bei mir!" -- "Bei
Dir?" -- Sie wurde aschfahl. "Hast _Du_ ein greres Anrecht an ihn als
ich? Bist _Du_ seine Mutter?" -- "Ich bin sein Vater. Bibel und Gesetz
machen den Vater zum Eigentmer des Kindes."

Jetzt begann sie auf- und abzugehen; aber nur zwischen Fenster und Tr,
wie zwischen den Stben eines Kfigs. Ihre Brust wogte; ihr Atem ging
hrbar; ihre Gesichtsfarbe, ihre Augen, ihre Stimme verrieten, in welch
furchtbarer Aufregung sie war. Sie hatte nie geglaubt, da er zu so
etwas imstande sei. -- "Schmst Du Dich nicht? Du wolltest den Jungen
behalten?" -- "Das will ich, so wahr Gott es mir gebietet! Du sollst
unsern Jungen nicht verderben." -- "Ihn verderben? Ich? Das ist zu viel!
Jetzt sollst Du die Wahrheit hren! Von Kindheit an hast Du Macht ber
mich gewonnen -- _dadurch_! Hast Macht gewonnen ber meinen Verstand durch
Deinen unerschtterlichen Glauben, ohne da ich es merkte, weil Du gut
warst und Dich hingabst. Und damit hast Du meine Natur verpfuscht -- ja,
das hast Du! -- denn ich war anders geartet. Du hast meinem Leben Bahn
und Ziel gewiesen, ich merkte es selber nicht. Ich sag' es, wie es ist;
ich messe Dir keine Schuld bei. Aber Du sollst wissen, weshalb Du nicht
auch Macht gewinnen darfst ber mein Kind! Das darfst Du nicht --
solange noch ein Funken Leben in mir ist -- trotz Gesetz und Bibel!
Jetzt weit Du's --und Du wirst es sehen!"

Htte sie geahnt, da er schon lange, lange darauf gewartet hatte, sie
mge ihm einmal so gegenberstehen, sie htte es sich erspart, mit
solch sprhender Leidenschaftlichkeit zu reden. Er selber war vollkommen
Herr seiner Gefhle. "Ja, Deine gttlichen Gefhle hab' ich auf Abwege
geleitet -- das wei ich lngst. Ich hab' es getan durch den Glauben,
der nicht der Deine wurde. Das hab' ich gewut, mein Kind, noch ehe Du
wegreistest!" Er sagte es breit und sicher. -- "Nun, also dann weit Du
es!" schrie sie mit derselben funkelnden Leidenschaft. "So weit Du es!
Dein Glaube ist niemals der meine geworden! Er pate mir nicht! Aber
auch zu keinem andern Glauben bin ich gekommen. Immer dachte ich, es sei
Snde, da ich nicht glauben konnte wie Du! Es lag wie ein Stein auf
mir, da ich nicht alle meine Krfte aufwenden konnte fr etwas, das
mein war! Darum bin ich nicht geworden wie andere. Alles war
verpfuscht!" -- "Und was htte denn aus Dir werden sollen, wie?" -- "Oh
-- wenn Du gleich das Tollste wissen willst -- Kunstreiterin!"
antwortete sie, ohne mit der Wimper zu zucken. Er blieb stehen; er
traute seinen Ohren und Augen nicht. "Kunstreiterin!" Er lachte
hhnisch. "Wahrlich -- ein groer Verlust fr die Welt und fr Dich, da
Du das nicht geworden bist, Josefine!" -- "Das wut' ich, da Du so
denken wrdest. Aber wenn es mein Los gewesen wre, einen Zirkus zu
leiten, so htt' ich Hunderten Brot und Tausenden ein gesundes Vergngen
verschafft. Das ist gar nicht so wenig, Du -- das ist mehr, als die
meisten Menschen leisten! Und was hab' ich so geleistet? Mit was fr
Kleinkram hab' ich mich beschftigt? Was hab' ich erreicht? Da ich nahe
daran bin, Dich und mich zu verachten! Was ist aus unserm Leben, was ist
aus unserer Ehe geworden? Kannst Du ehrlich behaupten, Du fhltest noch
Liebe zu mir? Kann ich behaupten, ich htte Dich noch lieb?" -- "Nein,
Josefine -- wen Du lieb hast, das wissen wir beide!"--Wenn er sie
geschlagen htte, wie ihr Bruder, sie htte nicht rasender sein knnen;
erstens weil es berhaupt ausgesprochen wurde -- sie wute ja kaum, da
man wagen konnte, es zu denken -- und dann, weil der Mann es aussprach,
der ihrem Bruder und ihr alles verdankte, was er war, und der trotzdem
Schuld daran trug, da die Geschwister entzweit waren. "Allerdings -- _er_
hat, was Du nicht hast!" antwortete sie, um ihn so recht empfindlich zu
verletzen. "Im brigen ist es erbrmlich von Dir, so etwas zu sagen." --
"So? Glaubst Du, ich wte nicht, da es seine Schuld ist, wenn ich Dich
verloren habe, Dich und meinen huslichen Frieden und dadurch die
Freudigkeit fr meinen Beruf, und da mir nun auch noch die Gefahr
droht, mein Kind zu verlieren?"

Seine Stimme zitterte; er hatte anfangs im Zorn gesprochen, doch der
Zorn ging ber in tiefes Leid, und der gleiche Vorgang war in ihr. Sie
htte am liebsten laut geweint. Doch keines wollte einem weicheren
Gefhl nachgeben. Sie stand am Fenster und blickte hinaus. Er ging im
Zimmer auf und ab. Ein langes, langes Schweigen. Und whrenddessen
gewann in ihr der Zorn wieder die Oberhand. Seine schweren Schritte
klangen ihr voll Trotz; auch in dem Schweigen lag Trotz. Und das, was er
vorhin gesagt hatte, war schndlich.

"Also," sagte sie, ohne ihn anzusehen, "Du kennst nun die Bedingung.
Solche Mrchen, wie die Spukgeschichte von Kristen Larssen ... erzhlst
Du, und hast sie dabei nicht einmal untersucht. Und genau so ist es mit
den Mrchen vom Paradiese, an die glaubst Du nicht einmal und erzhlst
sie doch. Kann ich Achtung haben vor so etwas? Da ist mein Bruder doch
ein anderer Mensch! Der ist doch aufrichtig. Kommst Du meinem Jungen
noch weiterhin mit solchen Mrchen, ohne ihm zu sagen, da es Mrchen
sind," -- und jetzt wandte sie sich um -- "so ist es aus mit uns beiden,
Ole! Bei Gott, es ist aus! Niemals wird es Dir gelingen, ihn mir
wegzunehmen durch so etwas!" Sie trat auf ihn zu. "Darin gebe ich nie
und nimmer nach, Ole!" Sie ging.

       *       *       *       *       *

Am selben Sonntag und zur selben Zeit kam Kallem nach Hause zum
Mittagessen, das bei ihm etwas spter lag als bei seinem Schwager.

Schon durch die Kchentr sah er Ragni in einer groen Schrze, die bis
unters Kinn reichte, am Kchentisch stehen und Gemse putzen. Er legte
im Flur ab und ging zu ihr hinein; in letzter Zeit war in ihm eine
stetig wachsende Angst, die er ihr jedoch verbarg. War es die weie
Schrze, die einen so bleichen Schein ber sie warf, oder der Dampf von
Sigrids Braten -- Ragni sah entsetzlich schlecht aus. Und sie hatte
sicher geweint! Das schnitt ihm ins Herz. Sie sah nicht von ihrer Arbeit
auf, sondern sagte: "Wir haben einen Gast zu Tisch." --"So?" -- "Ja,
Otto Meek, Karls Vater, ist heut Vormittag dagewesen und kommt zum
Essen." -- "Wie geht's denn Karl?" -- "Nicht gut. Da kommt ja Herr
Meek." Der groe Kopf in der Pelzmtze tauchte jenseits des Zaunes auf;
jetzt trat Meek in den Garten; und Kallem ging ihm entgegen. Frher, als
Meek noch praktizierte, hatte auch er sich besonders mit
Brustkrankheiten befat, die in dieser Gegend des Landes nur allzu
verbreitet waren, und er verfolgte Kallems Arbeit am Krankenhaus und
seine Schriften mit reger Teilnahme; Kallem freute sich ber sein
Kommen. Whrend er ihm half, den berzieher abzulegen, sagte er, Ragni
habe ihm erzhlt, es ginge Karl nicht gut. "Nein, es geht ihm nicht
gut." -- "Was ist es denn?" --"Ja, deshalb bin ich gerade gekommen,"
erwiderte Meek. -- "Haben Sie mit meiner Frau darber gesprochen?" --
"Ja." Sie gingen beide ins Zimmer. Es war warm und gemtlich drin; der
Flgel stand offen. Hatte sie gespielt, als Meek gekommen war? Dann
konnte es ihr nicht so schlecht gehen, wie es aussah; er brannte darauf,
sie zu untersuchen.

Meek war heute noch schwerflliger und schweigsamer als gewhnlich.
"Na," sagte Kallem, "haben Sie sich ber Karl geeinigt, Sie und meine
Frau?" -- Meek sah ein bichen verwundert auf. "Sie meinen, da man ihm
schreiben soll?" -- "Na ja, das auch. Es hat natrlich -- wie schon oft
-- eine kleine Reiberei gegeben?" -- "Ja", antwortete Meek und schwieg
dann wieder. --"Sie denken wohl, ich wte etwas davon? Nein, mein
Bester, keinen Schimmer!" Meek schien immer nachdenklicher zu werden.
"Ich habe Ihrer Frau gesagt, sie msse es Ihnen sagen. Es ist ja schn
von ihr, da sie es nicht getan hat. Aber die Sache fngt an, eine
gefhrliche Wendung zu nehmen." Seine schwermtigen Augen blickten in
Kallems Augen. -- "Gefhrlich, sagen Sie?" -- "Ja. Ich mu ihn nach
Hause kommen lassen." -- Kallem sprang von seinem Stuhl auf; Meek fuhr
fort: "Es hat gar keinen Zweck, da er dort ist." --"Aber, mein Gott,
was ist denn los? Wollen Sie, da wir es wieder mit ihm versuchen?" --
Kallem dachte, der Junge habe mglicherweise einen Rckfall gehabt. Meek
sah ihn forschend, beinah erschrocken an. "Wie geht es eigentlich Ihrer
Frau?" Kallem wurde rot; das traf wie ein Schu mitten in seine
heimliche Angst. "Sie hat sich eine hliche Erkltung zugezogen, die
nicht weichen will; ich habe eine Zeitlang geglaubt, ... Wissen Sie was?
Knnten Sie sie nicht einmal untersuchen?" Sein Zweifel war zur
Gewiheit geworden; sein Herz schlug so, da er selber sie nicht htte
untersuchen knnen. Meek sah ihn noch immer an; und Kallems Angst wurde
immer grer. "Ich bitte Sie, wollen Sie sie nicht untersuchen?" --
"Doch, natrlich. Sie haben es in der letzten Zeit nicht getan?" --"In
der allerletzten Zeit nicht. Ich wollte sie nicht ngstigen. Ihre
Phantasie bemchtigt sich gleich der Sache, und das ist bei ihr
furchtbar gefhrlich. Auerdem war da noch etwas anderes ... Aber jetzt
werd' ich --" Er wollte hinausgehen und sie holen. "Haben Sie ihren
Vater gekannt?" fragte Meek. Kallem berlief es kalt. "Haben _Sie_ ...?"
-- "Ja. Ich war Fischerarzt dort oben." -- "_War er_ --?" fragte Kallem
atemlos, und verschluckte den Schlu. Meek nickte blo. Kallem griff
sich mit beiden Hnden an den Kopf, eilte nach der Tr, und kam wieder
zurck: "Wollen Sie jetzt gleich, auf der Stelle, sie untersuchen, ja?"
-- "Wie Sie wnschen." -- Kallem fhrte sie behutsam herein, ohne da
sie erst hatte die Schrze abbinden knnen; sanft zog er sie ans
Fenster. Ja, sie hatte geweint. Und diese Ringe um die Augen, die
Magerkeit, die Farbe --! Sie sah sein Entsetzen und deutete es falsch.
Drauen in der Kche hatte sie gedacht: jetzt sprechen sie von Karl.
Jetzt erfhrt Kallem, was geschehen ist, und warum ich keine Briefe mehr
von ihm haben will. Als sie nun Kallems Aufregung sah, dachte sie: ist
er bse, weil ich nichts gesagt habe? Das konnte sie nicht ertragen; ihr
wurde kalt und hei. -- "Liebe, liebste Ragni, darf Doktor Meek nicht
mal Deine Brust untersuchen?" Also das war es --! Sie erschrak aufs
heftigste und sah ihn wie ein wundes Tier an, das um Schonung fleht.
Aber er bat wieder und begann behutsam ihr die groe Schrze abzubinden;
und gehorsam wie sie war, fgte sie sich.

Gleich an der ganzen Art, wie und wo Meek innehielt und wieder horchte,
merkte Kallem, da da etwas Entsetzliches ber sie beide hereingebrochen
war. Ihre verngstigten Blicke suchten die Augen des Gatten und
vermehrten seinen eigenen Schmerz -- ahnte sie es selbst? Oder war es
ein Vorwurf, da er einen andern das tun lie?

Jetzt lag der groe Kopf an ihrem Rcken. An der rechten Seite -- da ...
Verdichtung in der Lungenspitze? Kavernen im Gewebe? Er dachte sich das
Schlimmste -- und sie auch; das sah er. Wute sie vielleicht mehr, als
sie hatte sagen wollen? Verheimlichte sie ihm etwas, ebenso wie er seine
Furcht verheimlichte? O Gott, so kummervoll fragend sucht kein Auge das
andere, es sei denn in Todesangst! Auch ihn packte sie.

"Haben Sie in der letzten Zeit auergewhnlich viel gehustet?" Sie
schien unsicher, was sie antworten solle, und blickte flehend auf
Kallem. Ihre Hnde zitterten, und sie wollte es verbergen; Meek sah es.
"Fhlen Sie sich sehr matt, wenn Sie spazieren gehen?" fragte er. Wieder
blickte sie verzweifelt auf Kallem, als wolle sie ihn dafr um
Verzeihung bitten. "Kommen Sie leicht auer Atem?" fuhr der andere fort.
-- "Ja." -- "Fhlen Sie sich manchmal sehr entkrftet, -- fast als ob
Sie ohnmchtig werden wollten?" In schrecklicher Angst sah sie jetzt
Kallem an. -- "Sind Sie etwa schon in Ohnmacht gefallen?" -- "Ja." --
"Ist das wahr?" rief Kallem. -- "Ja, heute", sagte sie hastig, mit
zitternder Stimme. -- "Nachdem ich mit Ihnen gesprochen hatte?" -- "Ja.
Ich wollte gern ein bichen frische Luft schpfen, und ..." Bei diesen
Worten brachen die Trnen hervor.

Meek wartete eine Weile. "Wenn Sie husten, --haben Sie dann Schmerzen
hier?" er zeigte auf das rechte Schlsselbein. Sie nickte. "Haben Sie
jemals Ihren Auswurf angesehen?" Sie antwortete nicht. "Haben Sie ihn
nie angesehen?" -- "Doch, gestern Abend." -- "Nun, und -- ?" Sie schwieg
und starrte zu Boden. -- "War Blut darin?" -- Sie nickte; die Trnen
liefen ihr ber die Wangen; sie wagte nicht mehr aufzusehen.

Kallem stand da, unfhig zu sprechen. Meek fragte nicht weiter. Ragni
ordnete ihre Toilette. Meek reichte ihr stillschweigend ein Tuch, das
sie abgenommen hatte, als die Untersuchung begann. Und whrend sie
hilflos dasa und es wieder umzubinden versuchte, schien Kallem etwas
einzufallen, was er im Arbeitszimmer holen mute. Er kam nicht wieder.
Sie wute weshalb; und eine Weile zweifelte sie, ob sie berhaupt
aufstehen knne, und hatte ein Gefhl, als wrde sie wieder ohnmchtig
werden; aber der Gedanke an ihn, der da drin in seinem Studierzimmer
sa, berwand die Ohnmachtsanwandlung; sie wollte zu ihm. Sie bat Meek
um Entschuldigung, stand auf, ging auf die Ezimmertr zu und
verschwand. Auch sie kam nicht wieder.

Meek wartete eine Weile, wartete lang und lnger. Dann ging er auf den
Flur, zog seinen Mantel an, rief zur Kchentr hinein, er msse gehen,
und bat, die Herrschaften zu gren.

Sigrid suchte sie in der Wohnstube, klopfte an die Tr des
Arbeitszimmers, -- keine Antwort. Sie horchte und ffnete schlielich.
Kallem lag auf dem Sofa; Ragni kniete, an ihn gelehnt, vor ihm. Leise
meldete Sigrid, das Essen sei fertig, und Doktor Meek sei fortgegangen.
Keines antwortete; keines blickte auf.

Edvard und Ragni hatten bis jetzt geglaubt, der Tag, an dem Ragni nach
Amerika gereist, sei der schwerste ihres Lebens gewesen; brieflich und
mndlich hatten sie einander gesagt, das sei ein Gefhl gewesen, als
mten sie sterben. Aber der Tod ist noch anders; er gleicht nichts
sonst auf der Welt. Das erfuhren sie jetzt. --

Auf diesen Tag folgte eine lange Zeit voll Kampf ohne Hoffnung, voll
Verzweiflung ohne Worte, voll innigster Liebe ohne Freude. Ragni hatte
allerlei zu "ordnen", womit sie in der Stille anfing. Sie hatte auch
verschiedenes zu schreiben, und so oft sie nur irgend konnte, machte sie
sich daran, schrieb, strich aus, -- nach langer Arbeit wurde das Ganze
nur kurz. Aber so lange sie mit dem beschftigt war, was sie sich zu
erledigen vorgenommen hatte, ging es ihr leidlich. Kallem war ganz
erstaunt.

Er selbst hatte allen Mut verloren. Er sah das Schlimmste kommen. Am
lngsten strubte er sich, ihren Auswurf zu untersuchen; ... er wute im
voraus, da er den Tuberkelbazillus darin finden wrde, den Feind, zu
dessen Bekmpfung er Vermgen und Leben eingesetzt hatte. Nun war er vom
Feind in seinem eigenen Hause besiegt worden. Aber eines Tages mute er
doch darangehen; und er fand ihn. Er rannte nicht im Laboratorium auf
und ab, er weinte nicht, er rang nicht die Hnde. Er versuchte nur, ob
er ohne sie denken knne; aber immer dachte er nur an sie. Von der
ersten Stunde ihrer Begegnung an -- all die kleinen Zge, die
unbedeutendsten Beweise ihrer Anmut und Begabung, ihre Schwchen ebenso
wie ihre schweigende, poetische Liebe -- alles durchlebte er noch einmal
mit der gleichen Wonne, dem gleichen Schmerz; alles war ihm gleich lieb,
gleich unentbehrlich; unzhlige Begebenheiten voll Humor, Wrme, Furcht,
Schnheitssinn, Hingebung an den Augenblick -- alle sahen sie ihn an wie
Augen. Wo sollte er hin? Was sollte er weiter? Sie war ja auch in all
seinen Arbeiten. Ihr Bild aus dem dritten Jahr in Amerika stand drben
auf dem Kaminsims; es war seinerzeit gekommen als erster Abdruck dessen,
was ihr geistiges Entwicklungsleben in Gesicht und Augen
hineinmodelliert hatte, eine wundervolle Besttigung dessen, was er
geahnt hatte, als er sie hinberschickte. Aus dem Bild heraus suchten
ihre Augen wie immer die seinen; dieses Lcheln ihrer Augen war ihm in
der Wartezeit wie eine Verheiung alles Guten gewesen! Und was war es
ihm eben dadurch nicht alles gewesen! Jetzt strmten wieder die
Erinnerungen herbei an ihr erstes Wiedersehen, an die ersten Worte, die
erste Verlegenheit ber das Fremde, das hinzugekommen war, das erste
ganze, volle Wiedererkennen, die erste Umarmung ...

Und das nur, um zu sagen, da nun alles zu Ende gehe! Auch alles, was er
im Zusammenleben mit ihr gedacht und getan hatte, seine Freude daran,
seine Kraft, sein Glaube. Was in aller Welt war nur geschehen? Er mute
wirklich einmal mit ihr darber sprechen. Da war etwas, was sie ihm
verheimlichte. Eine Unvorsichtigkeit, die sie nicht einzugestehen wagte?
Was konnte es sein? Aber in sie dringen mochte er nicht.

Dann, eines Tages, als er nach Hause kam, fand er sie nicht unten. Und
als er hinaufkam, lag sie im Bett! Sie streckte ihre Hand aus -- wie
mager die geworden war! -- und richtete die groen Augen mit einem
matten, halbverschleierten Ausdruck auf ihn: "Ich hab' mich ein bichen
hingelegt", flsterte sie; "blo auf einen Augenblick!" Sie sah nicht
einmal so schlecht aus, vielleicht weil sie lag. Er setzte sich an ihr
Bett und hielt ihre lange, magere Hand zwischen seinen beiden Hnden.

"Hinter all dem", begann er vorsichtig, "steckt etwas, in das ich nicht
eingeweiht bin. Einmal war ich auf vollstndig falscher Fhrte; aber
auch spter ist es schneller gegangen, als ich begreife -- einfach, weil
ich nicht wachsam genug gewesen bin. Da steckt etwas dahinter,
irgendeine groe, vielleicht wiederholte Unvorsichtigkeit, die ich nicht
mit in Rechnung gezogen habe. Schatz, sag' es mir jetzt; sonst hab' ich
keine Ruhe."

"Ich will es Dir sagen. Ich habe es mir eben berlegt. Drunten in meinem
Schreibtisch sind ein paar Papiere, im ersten Fach links; die sind alle
fr Dich. Die sollst Du lesen, wenn --" sie unterbrach sich selbst.
"Spter!" fgte sie hinzu und drckte schwach seine Hand. --"Also jetzt
soll ich es nicht erfahren:" -- "Doch, das, wonach Du fragst, gewi. Ich
kam nur nicht so weit." Sie bat ihn, sie etwas anders zu legen, und er
half ihr. --"Doch, Du sollst es wissen. Nur Dir zuliebe habe ich es
verheimlicht," -- ihre Augen fllten sich mit Trnen, -- "Du, mein ..."
Wieder ein leiser Hndedruck und ein Lcheln. Er trocknete ihre Trnen
mit seinem Taschentuch ab und wischte sich heimlich die Augen hinter der
Brille. Sie lag und sah ihn an, ohne zu sprechen; hatte sie es vergessen
oder berlegte sie? Er beugte sich ber sie: "Nun --?" fragte er;
"willst Du es mir nicht sagen?" -- "Doch! Das, was zu oberst liegt, von
Karls Hand, das kannst Du gleich lesen. Das andere nicht." -- "Steht es
denn in Karls Brief?" Sie nickte. "Der Schlssel?" flsterte er. "Der
steckt", antwortete sie, ohne die Augen zu ffnen, und lie seine Hand
los.

Er ging hinunter, ffnete das Fach und nahm den Brief heraus, den wir
kennen; dann setzte er sich hin, um ihn grndlich zu lesen.

Sein Entsetzen! Und seine Emprung, -- und seine Ohnmacht! Und davon
hatte er nichts erfahren, als es noch Zeit war! Er lief wie ein Rasender
auf und ab; dann setzte er sich aufs neue hin, wie gelhmt. Er fate
Entschlsse und verwarf sie wieder! Vor alle Welt wollte er hintreten
und ihnen zurufen, es sei eine Lge! In den Betsaal wollte er
einbrechen, wenn er gesteckt voll war, auf die Kanzel steigen und sie
des feigsten, erbrmlichsten Mordes anklagen! ... Und dann wieder fiel
ihm ein, da Ragni, selbst wenn sie ganz gesund gewesen, an so etwas
gestorben wre.

Er selbst lebte nur dafr, den Menschen so viel Gutes zu erweisen, wie
er nur konnte; und nicht ein einziger unter ihnen war ehrlich genug, war
dankbar genug oder auch nur emprt genug, ihm zu sagen, da er wachen
msse ber seinem und seiner Frau guten Namen, ber der Ehre seiner Ehe!
So viel trge Verantwortungslosigkeit! So viel Raum fr
Splitterrichterei und Bosheit in dieser "christlichen" Gesellschaft!
Jetzt verstand er seine Schwester! Diese Verleumdung hatte sie geglaubt!
Das also war es, worber sie mit ihm hatte reden wollen an jenem Abend,
als sie auf ihn gewartet! Und aus Emprung ber das, was sie so steif
und fest glaubte -- was trauen die Menschen einem Freidenker nicht alles
zu? -- hatte sie ihnen den "Walfisch" auf den Hals geschickt! Alle, die
nicht fnfe gerade sein lieen, glaubten daran, alle verurteilten,
niemand erhob Einspruch, niemand kam!

Das also hatte nun Ragni von ihrer Herzensgte gegen Karl! Sie war um so
uneigenntziger gewesen, als sie anfangs und auch spter noch oft nur
mit berwindung ihrer eigensten Natur darangegangen war; erst jetzt,
hinterher, hatte er das erfahren. Er kannte kein lieberes Geschpf als
sie! Und ihr groes, warmes Gemt, das sollten diese ...! Diese
Schurken, diese gewissenlosen Zionswchter, diese psalmodierenden
Egoisten und herzenskalten Gebetmacher! Er las Karls Brief noch einmal;
Karl tat ihm so herzlich leid. Armer, armer Junge! Natrlich hatte die
Liebe in ihm erwachen mssen! Welcher brave Kerl wrde nicht ein Wesen
anbeten, dem die Menschen um seinetwillen so schweres Unrecht antaten?
Da mute ja die Dankbarkeit und Bewunderung des Jungen zuletzt zu Liebe
werden! Sowie Karl zurckkehrte, sollte er zu ihnen kommen! Ganz sicher!
Und hier sollte er bleiben, bis sie ihren letzten Atemzug getan hatte!
Und _seinen_ Arm wollte er nehmen, seinen und keinen andern ... an jenem
furchtbaren Tag ... hinter ihrem Sarg ...! Er warf sich aufs Sofa und
schrie laut auf.

Vielleicht war er zu sehr von seinen eigenen Interessen eingenommen
gewesen; er htte mehr mit Menschen umgehen, htte sie unter Menschen
bringen sollen; dann wre das nie geschehen. Keiner, der einen tieferen
Eindruck von ihrer reinen Seelengte empfangen htte, wrde gewagt haben
... obgleich -- wer wei? Dogmenblinde Gewohnheitstiere sehen nicht.

Sigrid kam gerannt: der Frau Doktor sei wieder schlecht geworden; ein
Hustenanfall. In neun, zehn Stzen nahm er Zimmer, Flur und Treppen; der
Anfall war vorber, als er kam; sie lag da, in Schwei wie gebadet, so
matt, so hinfllig, da sie jeden Augenblick ohnmchtig werden konnte.
Ihr Auswurf war grnlich, mit ziemlich viel Blut darin; er kannte das.
Er erklrte es sich damit, da er zu lange weggeblieben war; ihre
Spannung hatte sich gesteigert, sie war hei geworden, hatte sich
aufgedeckt ... Sie lag mit geschlossenen Augen da und er verhalf ihr zum
Schlafen. Fortan verlie sie das Zimmer nicht mehr.

Von ihrem Bett ging er sogleich an seinen Schreibtisch, um Doktor Meek
mitzuteilen, was geschehen war, und ohne sich auf weiteres einzulassen,
schlo er: "Wenn Karl zurck ist, so sehen wir ihn wohl bald? Ich wei
jetzt alles."

Dann ging er aus, um eine Pflegerin zu besorgen, und sowie er zurckkam,
wieder zu ihr hinauf. Sie schien sich leichter zu fhlen und schlief;
und als sie endlich aufwachte, war er das erste, was ihre Augen trafen.
Er gab ihr zu trinken, liebkoste sie, und die Fragen in ihren Blicken
erwiderte er mit Kssen auf ihre magere Hand, whrend es um seinen Mund
zuckte und Trnen die Brillenglser benetzten.

Aber sie redeten von ganz anderen Dingen: da ihre Schwester nicht
kommen knne, und da er Sissel Aune zu Ragnis Pflege geholt habe; sie
eigne sich von allen, die er kenne, am besten dazu und sei ihnen treu
ergeben. Ragni nickte zustimmend. Und dabei sahen sie einander an, wie
Menschen, die sich nicht satt aneinander sehen knnen. Und beide dachten
an das, was sie nun beide wuten -- an die Ursache, weshalb sie jetzt so
dalag. "Der arme Karl!" flsterte sie. "Der arme Karl!" wiederholte er.

Er mute aufstehen und tat, als habe er unten etwas vergessen; irgendein
Vorwand fand sich ja immer.

Htte er nur wenigstens mit ihr reden knnen! Aber er wagte es nicht. Er
hatte auch keine Zeit, mit sich selber allein zu sein. Er machte nur die
notwendigsten Besuche im Krankenhaus und schrnkte seine Sprechstunden
mglichst ein; von allem andern machte er sich vllig frei, um bei ihr
sitzen zu knnen.

Er hatte den Menschen sein Vermgen und seine Arbeit geopfert, und nun
lohnten sie ihm damit, da sie sein Lebensglck mordeten -- wie grausam
fand er das! Was ist das fr ein Ma, mit dem die Menschen messen, wenn
nicht ein Blick auf Ragni ihnen sagt, da sie das feinste, reinste
kleine Wesen unter der Sonne ist? Das war und blieb ihm unfalich! Diese
Blindheit emprte ihn immer wieder! Von denen, die er kannte, schlo er
auf die andern: nichts als Mittelware, fr gewhnlich nicht uneben, aber
selbstverstndlich nie ber die Grenzen hinaus! Alle gingen sie in die
Kirche, viele noch obendrein in die Betstunde -- Pastor Tufts Leibgarde.
Unter ihr hatte er auch mehrere ganz anstndige, vorsichtige Menschen
getroffen. Und trotzdem -- ebenso gewissenlos in ihrem Urteil, so
liebevoll-grausam -- lauter makellose Mrder!

Nicht einer, den er an der Gurgel packen konnte: "Du bist es! Du sollst
mir Rede stehen!" Alle -- und keiner. Sanfte Mitwisser, liebenswrdige
Mitschuldige. Eine war da -- die stand abseiten -- Josefine. Josefine
hatte die Geschichte nicht aufgebracht; das war nicht ihre Art. Aber
glauben, was einmal im Umlauf war, wenn es jemand galt, gegen den sie
eingenommen war, --ja. Mit eisigem Schweigen lie sie dann die andern
bei ihrem hlichen Glauben beharren -- oder schrte ihn noch gar. Wie
sein Herz sich mit Erbitterung gegen sie fllte! Trotzdem sie sicher
nicht der Urheber war --das wiederholte er sich wieder und wieder; sie
htte die Verleumdung gar nicht ber ihre Lippen gebracht, dazu war sie
zu vornehm, -- aber Josefine trug die Hauptverantwortung fr diesen
Mord! Er war berzeugt -- so wenig sie selbst Christin war -- die
christliche Dogmensucht hatte sich auch in ihr beleidigt gefhlt durch
die Unglubigkeit eines kleinen Menschenwesens, -- sich beleidigt
gefhlt, weil ein so schuldbeladenes Geschpf es wagte, _ihren_ Glauben zu
verwerfen. Daher jene merkwrdig peinliche "Gerechtigkeit", die so
sicher und so wohlmeinend ttete.

Aber so weit war er ihr verwandt, da auch ihn jetzt die tiefsten
Schauer der Rachsucht durchtobten. Auch er nannte sie "Gerechtigkeit";
und auch er hatte keine Ahnung, da er sich selbst belog. Wenn er bei
Ragni sa, fhlte er nichts davon; ihre Nhe allein machte ihn gut. Bei
ihr wurde er, wenn ihm solche Gedanken kamen, furchtbar aufgeregt,
streichelte ihre Hand, strich ihr ber die Stirn, sah ihr ins Auge,
rckte ihr die Kissen zurecht -- bis er gehen mute; denn sonst wre er
niedergekniet und htte alle Selbstbeherrschung verloren.

Da sa nun die stattliche Sissel Aune. Ihre dunkeln Augen wachten mit
verstndiger Ruhe und wandten sich zuweilen teilnahmsvoll ihm zu. In ihr
hatte er alle die Menschen um sich, denen er etwas gewesen war, die ihm
gern geholfen htten, jetzt, wenn sie's nur gekonnt htten. Aase und
Sren Pedersen kamen jeden Morgen an die Kchentr geschlichen, um
nachzufragen, wie es gehe; und je mehr die Kunde sich verbreitete,
desto mehr Menschen kamen -- alle still und voll Teilnahme. Sigrid
selber fiel es schwer, zu Ragni hinaufzugehen; sie mute dann immer
gleich weinen. Aber manchmal kam sie doch -- z. B. wenn Frau Oberst
Bajer eine schne Topfblume abgab, die sie den Winter ber mit Liebe
grogezogen hatte und der strengen Klte wegen unter dem Mantel
daherbrachte. Die mute Sigrid doch ins Krankenzimmer hinauftragen und
so stellen, da Ragni sie sehen konnte. Ein Mdchen, deren Kind Kallem
von schwerer Krankheit geheilt hatte -- dieselbe, die Kristen Larssen
hatte spuken sehen -- und die ebenfalls einen Blumentopf besa, einen
einzigen, brachte ihn auch an, als sie von der Gabe der Oberstfrau
hrte. Der Topf, in dem die Pflanze stand, war mehr als einfach; aber
was tat's?

Kallem htte es ja sonst nicht ausgehalten.

Eines Tags, als er vom Krankenhaus zurckkam, wo etwas Besonderes
vorlag, und gedankenvoll durch den Flur ging, sah er fremde Reisekleider
dort hngen. Bevor er selber ablegte, ffnete er die Wohnzimmertr. Am
Verandafenster standen Otto und Karl Meek. Karl wandte sich zuerst um,
ging auf Kallem zu und fiel ihm um den Hals. Er sah schlecht aus und
hatte etwas Unruhiges, fast Verwirrtes. Sein langes Haar war ungepflegt,
sein ovales Gesicht, schon an sich gro, schien noch grer geworden zu
sein. Die Augen darin brannten schmachtend, mit einer Leidenschaft, wie
sie Kallem nicht an ihm kannte. Und diese Augen lieen die seinen nicht
los. Ein Flehen um Nachsicht war in ihnen, die Geschichte eines groen
Schmerzes, der ihn verfolgte, wo er ging und stand. Karl konnte seine
Bewegung nicht meistern, vermochte nicht ruhig zu sein; und als Kallem
nun auch mit dem Vater reden mute, fing er an, sich umzusehen, ging zum
Flgel hin, strich mit der Hand ber die Tische, betastete die Blumen,
bltterte in den Noten, ging dann ins Ezimmer, in die Studierstube.
Dort blieb er lange -- allein. Dann ging er hinaus in die Kche, zu
Sigrid, und blieb drauen. Kallem sah sich wiederholt nach ihm um;
Doktor Meek bemerkte es und sagte: "Wir Meeks haben alle starke Gefhle.
Wir haben versucht, sie zu zgeln; aber der dort kann seine nicht
zgeln; sie werden blo eingezwngt auf der einen Seite, um auf der
andern wieder hervorzubrechen." Karl trat wieder ein; ganz verweint.
Kallem wollte nicht, da er so zu Ragni hinaufgehe; jedenfalls msse er
erst warten, bis er ruhiger geworden sei. Karl beteuerte, oben wrde er
sogleich ruhig werden; er bat instndig, man solle ihn hinauf lassen;
umsonst. Er sollte sie heute berhaupt nicht mehr sehen. Der Abend war
immer ihre schlimmste Zeit; sie durfte gar nicht einmal wissen, da er
berhaupt da sei.

Am andern Vormittag, als sie zurecht gemacht war, teilte Kallem ihr mit,
da Doktor Meek in der Stadt und gestern Abend dagewesen sei, um sich
nach ihr zu erkundigen. -- "Und Karl?" fragte sie. -- Ja, Karl sei auch
mitgekommen. -- Eine Weile lag sie da, ohne etwas zu sagen. "Wenn unten
gespielt wird, mu ich es hier hren!" -- "Ja, wenn die Tr offen ist;
aber meinst Du wirklich ...?" Der Flur war warm und abgeschlossen; durch
ihn wurden alle Rume oben gelftet; also in der Beziehung stand nichts
im Wege. "Glaubst Du wirklich, Du knntest Musik vertragen?" -- "Ich
sehne mich nach Musik!" erwiderte sie. Sissel Aune sah den Doktor an;
sie war augenscheinlich nicht dafr. "Karl darf Dich wohl nicht
begren, wie?" Ragni faltete den Zipfel des Leintuchs mit der einen
Hand zusammen; in der andern hielt sie das Taschentuch. Sie antwortete
nicht; es war ihr offenbar peinlich. "Aber Doktor Meek darf Dir doch
guten Tag sagen?" -- "Mu es sein?" --Kallem wre es lieb gewesen, wenn
er sie gesehen htte. Spter kam Doktor Meek, und Kallem erzhlte ihm
alles. Karl bat voller Demut, ob er nicht -- hinter den andern -- an der
Tr stehen drfe. Er wolle kein Wort reden, sich nicht rhren, gleich
wieder gehen. Kallem fhlte Mitleid mit ihm und mochte es ihm nicht
abschlagen. Er ging erst zu Ragni hinein und meldete Doktor Meek; dann
kam dieser; und sein breiter Rcken verdeckte Karl, der sich an der Tr
aufstellte. Ragni lag mit dem Antlitz dem Licht abgekehrt, also nach der
Tr zu. Sie sah Karl nicht, er aber sah einen flchtigen Augenblick lang
ihr abgemagertes, hohlwangiges Antlitz, die Fieberrosen, die trockenen
Lippen; die Augen mit ihrem Glanz glichen einem langen Notschrei. Um den
zehrenden Durst zu lschen, der sie Tag und Nacht qulte, trat auch
Sissel ans Bett, halb vor sie hin und sttzte und erquickte sie.

Meek fragte nach diesem und jenem; sie antwortete zerstreut und sphte
furchtsam nach beiden Seiten an ihm vorber; ahnte sie, da Karl da war?
Nachher vernderte sie ihre Lage etwas und Sissel glitt wieder zur
Seite; jetzt htte sie Karl sehen mssen; aber er war schon fort.

Sie fanden ihn nachher im Wohnzimmer, in sich verkrochen, verzweifelt.
Aber er bat, man mge ihn dalassen, ihm sein altes Zimmer wieder geben;
auch wenn er sie nicht wieder sehen drfe -- er knne nicht fort von
hier. Kallem wagte nicht, es ihm abzuschlagen; auch sein Vater schien es
zu wnschen. Etwas an seinem ganzen Zustand ngstigte sie beide.

Am nchsten Vormittag spielte Karl. Die Tr unten stand offen; Ragnis
Tr war angelehnt; es klang gedmpft und schn. Er hatte im Spielen
Fortschritte gemacht; das Stck kannte sie nicht, aber es ergriff sie.
Sie bat, ihn zu gren und ihm ihren Dank zu bestellen. Spter spielte
er noch einmal, am nchsten Vormittag wieder. Schlielich erlaubte sie
ihm, heraufzukommen und sie zu begren. Karl versprach, ganz, ganz
still zu sein und nur einen Augenblick zu bleiben. Schon im Flur ging er
auf den Zehen und glitt wie ein Schatten ins Zimmer. Trotzdem kostete es
ihn die grte Mhe, sich zu beherrschen. Aber sobald er unter der
Gewalt ihrer Augen stand, wie in alten Tagen, empfand er, da sie bang
war vor ihm und es am liebsten gesehen htte, wenn er gleich wieder
gegangen wre. Das drckte ihn nieder; er stand da wie eine zaghafte
Bitte, bleiben zu drfen. Sie fhlte die Vernderung, die in ihm
vorging; Kallem nahm ihre Hand, und sie beruhigte sich. Je lnger er so
dastand, desto greres Mitleid empfand sie mit ihm. Er hatte gelitten,
er war ein guter Junge; sie versuchte zu lcheln, ja, sie streckte sogar
ihre magere Hand aus. Karl sah Kallem an und nahm die Hand nicht, kam
auch nicht nher; aber eine heie Bewegung stieg in ihm auf, und wie um
sie zu dmpfen flsterte sie: "Guter Karl!" Da ging er.

Nach dieser Begegnung war er still und in sich gekehrt, als grble er
ber einen Entschlu. Er sprach seltener mit Kallem, mit anderen gar
nicht. Jeden Vormittag durfte er einen kurzen Augenblick zu ihr hinein;
unten spielte er fr sie und hielt sich im brigen den ganzen Tag
abseiten.

Eines Vormittags, als er wieder spielte, hrte sie gleich am ersten
Anschlag, da das etwas von ihm selber war. Schon ein paarmal hatte er
kleine Bruchstcke gespielt, die augenscheinlich von ihm waren; diesmal
aber folgte er neuen Vorbildern; das Eigenartige seiner Begabung litt
darunter. Dieses neue Stck war der Anlauf zu etwas Grerem, eine wilde
Einleitung, aufgewhlte Leidenschaft -- mein Gott, gewi soll das er
selber sein! dachte sie. Zuletzt, mitten in den Braus hinein, kam eine
Stille, und eine Melodie lste sich daraus, treuherzig und zart; ob _ich_
das wohl sein soll? Dann fing es an zu schreien und zu heulen um diese
friedvolle, kleine Melodie herum -- ein paar Takte Melodie, darauf Takte
voll Jammer und Geschrei -- das erste Thema schmetterte und sprudelte
ber das andere hinweg -- -- uerst natrlich gemacht -- zu natrlich,
denn es wirkte unwiderstehlich komisch. Sie mute sich zusammennehmen,
um nicht zu lachen; so etwas vertrug sie gar nicht. Sie sah Sissel Aune
an, um sie zu bitten, doch schnell hinunterzugehen und dem Spiel ein
Ende zu bereiten; aber auch auf Sissel Aunes klugem Gesicht lag ein
solches Erstaunen ber dies natrliche Geschrei -- ja, knnen denn die
Leute auch in der Musik schreien? Der letzte vergessene Rest von Ragnis
alter Lustigkeit brach sich in einem hellen Lachen Bahn -- und noch
einem -- und dann Husten! Wieder Husten, und wieder und wieder -- ein
Anfall, schlimmer, als sie ihn je gehabt hatte.

Karl hrte mitten im Spiele, da es in der Kche klingelte und
klingelte; er hrte Sigrid die Treppe hinaufstrmen und gleich darauf
wieder zurckkommen und nach dem Doktor rufen. Er wute, da der Doktor
soeben ins Krankenhaus gegangen war, und lief selber, ohne Mantel und
Hut, ihm nach, fand ihn aber nicht gleich, so da beide erst kamen, als
der Anfall schon vorbei war. Mehr Blut als gewhnlich im Auswurf. Kallem
war sehr erschrocken; Karl, der ihm, ohne es selber zu wissen, ins
Krankenzimmer gefolgt war, sah es und zog sich augenblicklich zurck.

Spter wurde das Zimmer gelftet; Kallem war noch immer bei Ragni. Da
kam Karl an die Tr und hrte ihn sprechen; er wagte, hineinzublicken.
Ragni lag matt in ihrem Bett; Kallem hatte sie eben gefragt, ob sie
nicht ein bichen Erleichterung spre. Undeutlich sah sie Karl, sein
groes, erschrockenes Gesicht. Sie dachte daran, da sie ihn ausgelacht
hatte; sie hatte durch Kallem gehrt, wie er in seiner Angst ohne Hut
und Mantel davongestrmt war. Und sie gab Kallem ein Zeichen, Karl
hereinzulassen. Sie lchelte ihm zu, hob sogar ein wenig -- ein ganz
klein wenig -- die Hand. War es, um zu danken? Er wagte sich nher
heran; heute wollte er ihre Hand fassen; noch mehr wollte er -- er
wollte sich ber sie beugen; in seinen Augen glomm es auf. Kallem, der
rechts von Ragni stand, sah es, sah zugleich, da die Hand, ber die
Karl sich beugen, die er vielleicht kssen wollte, das Taschentuch
hielt; hastig sagte er: "La, Karl!" Karl richtete sich auch wieder auf
und sah sie beide an; aber wieder glomm es wunderlich in seinen Augen
auf, und wie der Blitz hatte er sich ber Hand und Taschentuch gebeugt
und beide gekt. Eh noch Zeit war, ein Wort zu sprechen, stand er
wieder aufrecht, -- stand da, wie einer, der zum Kampf gerstet ist oder
eine groe Tat vollbracht hat. Ragni lag da, mit Augen ohne Hoffnung,
ohne Verstndnis; sie verstand seine kriegerische Haltung, seinen
erhabenen Vorsatz nicht; desto besser aber seine erschreckende
Unberechenbarkeit. Und Karl war schon zur Tr hinaus.

Wenn es seine Absicht war, mit ihr zu sterben, so hatte er die Rechnung
ohne den Wirt gemacht, und unter andern Umstnden htte es komisch
wirken mssen, besonders wenn man bedachte, da sie nach ihrem Anfall
eben wieder frisch zurecht gemacht worden, und da das Taschentuch ganz
frisch war. Aber Kallem dachte blo daran, wie trichte Menschen doch
die beste Absicht ins Schlechteste verkehren knnen: fr sie war es ein
Schreck gewesen.

Sobald er konnte, suchte er Karl auf. Der hatte sich gerade zum Ausgehen
angezogen. "Wo willst Du hin?" sagte Kallem. Karl antwortete nicht; er
war im Innersten aufgewhlt; er wollte einfach hinaus! Kallem zog ihn
mit sich ins Zimmer, stellte sich vor ihn hin und blickte ihm fest ins
Auge; dann legte er den Arm um seinen Hals. Da brach Karl in Trnen aus.
Er sei ein unmglicher Mensch, klagte er, berflssig, fertig, bevor er
berhaupt angefangen habe, untauglich zu allem. Lange gelang es Kallem
nicht, ein Wort dazwischen zu werfen, geschweige denn, ihn zu trsten;
seine Erbrmlichkeit, seine Unwrdigkeit seien zu gro; er habe auch gar
kein Talent. Seine letzte Komposition, seinem eigensten Leben
entsprungen, wie keine andere, das wahrste, was er zu schaffen imstande
war, habe er heut Vormittag gespielt; und da sei sie ihm einfach
komisch, furchtbar komisch vorgekommen! -- Aha! dachte Kallem. Da liegt
der Hase im Pfeffer!

Und so war's. In ihrer Gegenwart fhlte er auch unwillkrlich ihr
Urteil.

Kallem merkte, was fr ein Migriff es gewesen war, ihn hierherkommen
zu lassen. Mit Schrecken dachte er daran, was Ragni seinerzeit mit ihm
hatte ausstehen mssen. Ihm selber machte es jetzt nicht geringe Mhe,
ihn im Gleichgewicht zu halten.

Eines Tages -- sie hatte eben nach Karl gefragt -- sagte er zu ihr:
"Sicher hast Du mehr Schererei mit ihm gehabt, als ich gewut habe?" Sie
schlo die Augen, ffnete sie wieder und lchelte.

Karl ging nicht mehr zu ihr hinauf, bat auch nicht mehr darum. Spielen
konnte er in all seiner Selbstqulerei nicht; Kallem mute ihn geradezu
zwingen, ihm ein paar von seinen kleinen Stcken vorzuspielen. Er tat es
nur bei geschlossenen Tren; aber Ragni hrte es doch und sagte zu
Kallem, sie seien gut, was auch er fand. Dieses Lob machte Karl wieder
froh; und so leise gewann er wieder ein bichen Selbstvertrauen; nach
und nach wurde er umgnglicher.

Sobald Kallem um sich her ein bichen Ruhe geschaffen hatte, kam er
selber an die Reihe. Sein mannhaftes Kmpfen hielt nicht immer stand,
und Karl gingen endlich doch auch die Augen dafr auf, da es noch
andere Menschen gab, die litten, und da man sich auch um andere kmmern
konnte. Und nun schlug er vollstndig um, lebte nur noch fr Kallem, war
voller Aufmerksamkeit, voller Sorgfalt. Ein Trostmittel, das nie
fehlschlug, wandte er am hufigsten an: von Ragni sprechen, sie bis ins
einzelne schildern. Er konnte ein feines Bild von der Eigenart ihres
Wesens, ihres Talentes geben, eine Handlungsweise, ein Wort von ihr
knstlerisch darstellen; und die Vergtterung, mit der er das tat, war
gerade, was Kallem brauchte; er _brauchte_ die leuchtende Wrme des
Mitgefhls; denn mit ihrer zunehmenden Entkrftung brach auch er
zusammen. Sie konnte nicht einmal mehr den Kopf auf dem Kissen halten;
bald glitt er zur einen, bald zur andern Seite; ihre Augen hatten etwas
bersinnliches, das alles verklrte, was sie ansah; ihre schmalen,
stimmlosen Lippen waren offen vor Atemnot; wie sie so dalag, in dem
weien Zimmer, dem weien Bett, in dem weien Nachtgewand, glich sie
einem federlosen Vgelchen, das in einem verlassenen Daunennest nach
Luft schnappt. Oft, wenn Kallem ihr Zimmer verlie, weil er seinen
Schmerz nicht mehr beherrschen konnte, oder weil er am Rande seiner
Kraft, war es Karl, der ihn zur Ruhe brachte, der das rechte Wort fand,
oder auch ganz allmhlich ihn in einen endlosen Lobgesang auf sie
hinberleitete.

Sie vermochte nur wenig zu sprechen, hatte auch keine Lust dazu; aber
aus allem, was sie sagte, ging hervor, da sie sich nicht einen
Augenblick lang ber ihren Zustand tuschte, wie etwa andere
Lungenkranke es tun. Eines Tags machte sie Kallem ein Zeichen, er mge
sich tiefer herabbeugen. "Kristen Larssen!" flsterte sie. "Dort, in der
Ecke." Dann lchelte sie und fgte nach einem Weilchen hinzu: "Jetzt
frcht' ich mich nicht mehr vor ihm." Ein andermal schickte sie nach
Kallem, blo um ihm zu sagen: "Du sollst niemand gram sein --
meinetwegen!" Sie nannte keinen Namen. Kallem drckte ihre durchsichtige
Hand; ihr Blick umflo sie wie ein ganzer Himmel von Gte. Zuweilen
versuchte sie, noch ein Lcheln hinzuzufgen, das sie doch nicht mehr
besa. Wenn sie seine Trnen sah, winkte sie ihm, er solle sich bcken,
und fuhr ihm mit den Fingern durchs Haar. Einmal, als er ihr in dieser
Stellung dankte fr alles, was sie ihm gewesen war, von der ersten
Begegnung an bis jetzt, versuchte sie ihn an den Haaren zu zupfen; so
etwas solle er bleiben lassen.

Fortan wurde zwischen ihnen kaum noch ein Wort gesprochen. Nur noch ihre
Augen und Hnde sprachen. Sie waren eins in ihrem Schmerz und besaen
nichts mehr, was unausgesprochen war. Fr die Dankbarkeit, die sie
empfanden, fr das Grauen, das sie vor dem Scheiden hatten, gab es ja
auch keine Worte. Die Stunde nahte.

Eines Nachmittags hrten sie Sissel klingeln, klingeln, klingeln. Sigrid
strzte hinauf, Kallem, Karl; Karl blieb vor der Tr stehen. Er hrte,
da sie wieder einen Hustenanfall hatte, einen entsetzlichen. Er begriff
nicht, da sie berhaupt noch so viel Kraft hatte; jeder Hustenausbruch
zerri ihm die Brust, schnitt ihm ins Fleisch, zerbrach ihn; ihr
Schmerzgesthne dazwischen trieb ihm den Schwei auf die Stirn; er
_konnte_ nicht lauschen und wagte auch nicht, zu gehen. Das mute ihr
Letztes sein. Er hrte Sigrid weinen, hrte sie rufen: "Frau Doktor!
Frau Doktor!" Und gleich darauf: "Sie stirbt!" Da ffnete er die Tr.
Das erste, was er sah, war Blut. Da wurde ihm schlecht, und er fiel in
Ohnmacht.

Als er erwachte, lag er auf seinem Bett. Sigrid sa davor und weinte.
Das war das erste, was er begriff. Dann fiel ihm das andere ein und er
fragte: "Ist sie tot?" -- "Der Herr Doktor glaubt, da es bald zu Ende
ist."

Spter durften sie zu ihr, alle beide. Sie lag im Bett, als schliefe
sie, wei wie die Bettcher, in denen sie lag. Kallem hielt ihre Hand.
Sein Gesicht sahen die Eintretenden nicht; aber von Zeit zu Zeit ein
Zusammenzucken der Schultern; und sie hrten ihn sthnen. Auf der andern
Seite stand Sissel. Seltsam, wie verschiedene Grade des Schmerzes es
gab! Obgleich auf ihrem krftigen, offenen Gesicht viel Mitgefhl lag --
es war doch das einer Fremden; meilenweit entfernt von Kallems stummer
Verzweiflung sah sie es mit an. "Ist sie tot?" flsterte Sigrid. Sissel
schttelte den Kopf. Und Ragni hrte die Frage; sie blickte auf. Mit
ihrer allerletzten Kraft wollte sie ihnen noch einmal etwas Liebes
erweisen -- sie versuchte -- man konnte nicht sagen zu lcheln -- dazu
war sie nicht mehr imstande -- aber ihnen noch einmal Kunde von sich zu
geben. Erst Sigrid und Karl; dann aber ausschlielich Kallem. Bald
darauf war sie tot.

Die andern gingen; Kallem blieb.

Als er hinunterkam, fand er niemand. Karl war auf sein Zimmer gegangen;
Sigrid sa mit Sissel in ihrer Kammer. Leer die Kche, leer die Stuben,
leer das Studierzimmer. Er hatte ihr versprochen, etwas zu lesen, was
sie geschrieben hatte -- es lag unter Karls Brief. "Nachher!" stand
darauf. Aber er konnte jetzt nicht, berhaupt nicht, solang sie noch im
Hause war. Er stellte sich vor ihren Bcherstnder und sah ihn an; auch
der war ein Bild von ihr. Wie oft hatte er da gestanden und gelchelt,
wenn er die Bchertitel las! Jetzt fiel sein Auge auf die "Wildente" von
Ibsen. Bei seiner Gre konnte er das Buch gerade so weit von oben
herunter sehen, um zu bemerken, da zwischen den letzten Blttern eine
Lcke war. Er zog das Buch heraus. Wirklich, sie hatte die Bltter, auf
denen Hedvigs unglckliche Geschichte abschliet, -- wie sie sich
erschiet und was darauf folgt -- herausgeschnitten! Herausgeschnitten!
Als habe es _so_ nicht kommen drfen!

Nichts htte ihn tiefer ergreifen knnen. Er warf sich aufs Sofa und
schluchzte wie ein mihandeltes Kind. Ja, sie war zu fein gewesen und zu
furchtsam. Die Welt, in der wir kmpfen, ist noch zu roh. Sie mu erst
besser werden, bis solche Wesen mitleben knnen. Sie hatte versucht, aus
der Welt herauszuschneiden, was sie nicht mochte, -- nun war sie selber
herausgeschnitten worden.


11

Schon einige Tage vor dem Sonntag, da es den Kampf um die Erziehung des
kleinen Edvard gab, hatte der Junge gehustet. Abends ging es ihm gar
nicht gut, so da er das Zimmer hten mute.

Nach einigen Tagen durfte er wieder hinaus und schien auch leidlich wohl
zu sein; doch eines Abends war er wieder fiebrig und verdrielich und
hatte einen trockenen Husten. Die folgenden Tage mute er wieder das
Haus hten. Weil er an die frische Luft gewhnt war, wurde er weinerlich
und verlor den Appetit; Josefine hatte viel Mhe mit ihm und wurde
zuletzt streng. Der Junge jammerte -- er wolle zur Gromutter! Das
durfte er nicht. Als jedoch die Gromutter zu ihm herberkam, war er
eigensinnig und lief zum Vater. Von dort kam er weinend zurck: der
Vater hatte ihm nicht erlaubt, die Bcher aus den untersten Fchern
herauszunehmen und Huser damit zu bauen.

Er wurde ins Bett gesteckt, hei, aufgeregt; dabei klagte er ber Stiche
auf der rechten Seite der Brust beim Husten; nachts hatte er
Fieberanflle und phantasierte: Kristen Larssen lief mit einem groen
Sack hinter den Jungens her und wollte sie in die Hlle schleppen.

Josefine doktorte mit Terpentinumschlgen an ihm herum; aber am Morgen,
als der Pastor heraufkam, bat sie ihn, nach dem Arzt zu schicken.

Kent war ihr Hausarzt; er konnte erst gegen Abend vorsprechen, und da
konstatierte er, da der Junge eine Brustfellentzndung auf der rechten
Seite hatte. Was Josefine angewandt hatte, war ganz richtig gewesen; er
selber verordnete Dit und alle zwei Stunden eine Medizin und sagte,
wenn die Temperatur 39 Grad bersteige, solle man ihn rufen lassen.

In den folgenden Tagen besserte sich das Befinden des Jungen; er a und
hustete weniger; Temperatur abends nie mehr als 38 Grad. Gott sei Dank!

So gering auch die Gefahr gewesen war -- Tuft und Josefine hatten beide
das Gefhl, als lege sich eine unsichtbare Hand mit leisem Druck auf
ihre Schultern. Sie wandten sich ganz allmhlich einander wieder zu und
suchten Gelegenheit, miteinander zu sprechen --freilich nur ber den
Zustand des Kindes; aber durch Stimme und Wesen klang es wie eine Bitte
um Verzeihung.

Der Husten und der Schmerz in der Seite lieen nach; das Befinden des
Jungen besserte sich scheinbar; aber der Appetit wollte nicht recht
kommen, das Fieber wollte nicht ganz weichen, und so nahmen auch die
Krfte nicht zu. Man kaufte ihm neue Spielsachen, die ihm einen Tag lang
Spa machten und ihn am nchsten schon langweilten. Die Mrchen, die
Vater und Mutter ihm abwechslungsweise erzhlten, hrte er an, ohne
dazwischenzufragen; den Besuch der Gromutter beachtete er gar nicht.
Einmal war er pltzlich ganz hei, dann fror er wieder. Am meisten
beunruhigte es Kent, da gegen Abend die Temperatur immer stieg; er fing
an, Chinin zu geben, und legte eine spanische Fliege. Josefine wich
nicht vom Bett und wollte von Ablsung nichts wissen; der Junge duldete
auch nicht, da andere ihm nahe kamen.

Aber es wurde besser, und eines Abends, als sie die Temperatur gemessen
hatten, sagte der Pastor: "Ich glaube, wir kommen mit dem Schreck davon,
Josefine!" Sie sah ihn an; er streckte seine Hand aus; sie legte die
ihre flchtig hinein, schien sich aber dessen zu schmen und zog sie
gleich wieder zurck.

Doktor Kent hatte ihnen erzhlt, Frau Kallem sei schwer krank und
verlasse ihr Zimmer im Oberstock nicht mehr. Von anderer Seite hrten
sie spter, es sei Schwindsucht; sie fragten -- jeder fr sich -- Doktor
Kent; und er sagte, es sei sogar galoppierende Schwindsucht.

Josefine gegenber erwhnte der Pastor nichts; aber zu Kent uerte er,
es sei jedenfalls ein Glck fr seinen Schwager; vielleicht werde er
jetzt ein freier Mann und wrde die Schwingen regen.

Josefine hatte eine andere Auffassung; das sah er daran, da sie sich
vllig in sich selbst zurckzog. Kaum, da er dann und wann ein paar
Worte von ihr zu hren bekam.

Eines Nachmittags, lange Zeit nachher, als sie auf ihrem Bett lag und
nachsann, wie ihr Bruder Ragnis Tod ertragen wrde, sah sie ihn
pltzlich. Sie dachte sich erst nichts dabei; aber das Bild wurde
seltsam deutlich. Sie sah ihn, so lang er war -- auf dem Sofa seines
Studierzimmers liegen, sie sah den ganzen Raum, die Gardinen, die
Bcherregale, die Bcher, den Schreibtisch, die zwei Tische, einen
groen Lehnsessel, verschiedene aufgeschlagene Bcher, beschriebene
Papiere bogenweise nebeneinander, ... alles sah sie, jedes Blatt, jeden
Buchstaben, -- und ihn selber, in einem braunen Anzug, den sie nicht
kannte. Und dabei war sie nie in dem Studierzimmer gewesen, seit es
mbliert war, und hatte die Mbel nie gesehen, auch nicht die Gardinen,
die Teppiche; aber sie zweifelte keinen Augenblick, da es genau so war,
wie sie es sah. Zu jeder andern Zeit wrde das einen seltsamen Eindruck
auf sie gemacht haben; aber jetzt wurde alles verdrngt durch sein
Aussehen. Er war so ganz verzehrt von Kummer! Je genauer sie ihn ansah,
desto schlimmer wurde es. In einer solchen Verzweiflung sah sie ihn, da
es sie packte, wie nichts in ihrem Leben, nicht einmal des Vaters Tod
sie gepackt hatte. Sie sah, wie er sich herumwarf und laut aufweinte,
sah, wie er die Hnde zusammengekrampft vors Gesicht hielt, sah zuletzt
blo noch ihn, den Jammer dieser Augen unter der Brille und den
buschigen Brauen, und eine groe de um ihn her. In kaltem Schwei
gebadet, wachte sie auf, so matt, da sie kein Glied rhren konnte.
Fortan lebte sie wie unter dem Druck einer unklaren Angst, die ihr den
Schlaf raubte. Galt es ihrem Bruder oder ihrem Kinde? Dort neben ihr lag
der kleine Edvard, atemlos, hustend, wie ein schon weit Entfernter.
Seine hohe Stirn schien unbewohnt; seine Augen sahen ins Leere; seine
Hnde -- das waren nicht mehr die derben Bubenfustchen, nicht mehr
lebendig.... Zuweilen strzte sie an sein Bettchen, blo um ihn wieder
zu haben, und war's auch nur in einem flchtigen Blick! Ja, ja ... da
war er! Aber ... Gott im Himmel! -- Wenn sie ihn hergeben mute? Und in
diesem Leid fhlte sie den Schmerz des Bruders mit, fhlte sich eins mit
ihm. Das Schicksal des Jungen verknpfte sich ihr mit dem Schicksal
Ragnis. In wachen Nchten und bangen Tagen flssen die beiden so
unauflslich ineinander, da sie beide fr sie eins wurden.

Bisher war ihr Gottesgefhl eigentlich nur Freiheitsdrang und eine nie
versagende Wahrheitsliebe gewesen. In der Angst wurde es ihr zum
Schicksal, zum unbeugsamen, mystischen Schicksal. Alles erschreckte sie;
sie sah in allem Zeichen und Vorbedeutungen. Der Junge schien nur auf
der kranken Seite liegen zu knnen; sonst schmerzte es ihn so, da er
laut jammerte, ... und jedesmal, wenn sie ihm dabei helfen mute, kam
ihr das ganz unbegreiflich vor. Sie schob ihm Luftkissen unter; seine
einzige Antwort bestand in herzzerreienden Bitten, sie mge ihn doch
ruhig liegen lassen. Sie wute nicht mehr, was richtig war und was
falsch. Nicht einmal an seine Beine durfte sie mehr rhren; er zog die
Knie herauf, das eine ber das andere ... lauter unerklrliche Einflle,
durch die sie sich gnzlich berflssig oder sogar lstig vorkommen
mute. Ob das bedeutete, da sie sich an den Gedanken gewhnen mute,
da sie im Grund _ganz_ berflssig war?

Schlielich mute sie das ja aufreiben. Schon die Angst vom einenmal zum
andern, wenn sie ihn anrhren mute, wre genug gewesen. Aber die
Gedanken, die dabei mit unterliefen, machten sie geradezu verrckt.
Sprechen konnte sie mit niemand darber. Die Sache mit den Beinen
hauptschlich kam ihr so ganz mystisch-widersinnig vor, da sie sich
frmlich ngstigte vor ihrem Jungen; er gehrte nicht mehr ihr. Erst
spter, und ganz zufllig, entdeckte sie eine Anschwellung um die
Knchel. Das -- so hatte sie immer gehrt -- war der Anfang vom Ende.
Sie vermochte sich kaum die Treppe hinunterzuschleppen ins
Studierzimmer, wo der Pastor in einer Rauchwolke sa. Er sah sie,
bleich, entsetzt in ihrem Nachtkleid vor sich stehen. "Was ist denn,
Du?" Er hrte ihren Bericht, ging mit ihr hinauf, sah ebenfalls die
Schwellungen, fiel vor dem Bett auf die Knie, den Kopf in die Hnde
gedrckt: er betete. Die kurzen, hastigen Atemzge des Kleinen, die
glnzenden und doch gnzlich gleichgltigen Augen, mit denen er seinen
Vater ansah, -- das schrie frmlich zu ihr ber des Vaters Kopf weg.
Auch sie htte beten mgen; aber im selben Augenblick schob der Junge
den Vater mit der Hand weg; der Tabakgeruch strte ihn. Und damit schob
er sie weg vom Gebet.

Doktor Kents ruhiges Lcheln, sein stilles, bestimmtes Urteil, da die
Krankheit noch dieselbe sei wie damals, als er zuerst die Entzndung
entdeckt hatte, da nichts Schlimmeres hinzugekommen sei, und die
Anschwellung sicher nur von der unglcklichen Lage der Knie herrhre,
erleichterte sie beide so, da Josefine vor Freude weinte. Die
Untersuchung des Urins besttigte seine Diagnose.

In dieser Nacht schlief Josefine wieder besser als seit langer Zeit;
trotzdem fhlte sie sich matter als vorher.

Wieder verging eine Zeit; da kamen eines Abends der Pastor und Doktor
Kent mit einer gewissen Feierlichkeit herauf. Josefine lag in den
Kleidern auf dem Bett und richtete sich empor, um aufzustehen; aber Kent
und der Pastor baten sie, sich wieder hinzulegen. Doktor Kent erzhlte,
gestern sei Frau Kallem gestorben. Beide Mnner blickten Josefine an;
sie schlo die Augen. Eine Weile tiefes Schweigen. Als aber mehrmals ein
Zucken ber ihr Gesicht lief, sagte Tuft hastig: "Unter diesen Umstnden
ist es fr Edvard nur gut, Josefine. Natrlich geht es ihm jetzt nahe;
aber spter wird alles gut werden. Er wird daran wachsen." Josefine
wandte den Kopf ab. Ihre Augen blieben geschlossen; aber dann brachen
die Trnen hervor.

Im selben Augenblick fhlte er, was er da gesagt hatte, war etwas
Eingelerntes; ja, er hatte sich einer Roheit schuldig gemacht. Whrend
der Krankheit seines Jungen, im angsterfllten Zusammenleben dieser
letzten Zeit war er ein anderer geworden. Diese Worte aus einem frheren
Dasein -- eben weil sie in dieser Stunde fielen, auf ihren brennenden
Schmerz hin -- weil sie ber ihrem eigenen kranken Kind fielen --
gewannen selbstndiges Leben, wurden ihm zu einem stummen Gefolge --
"Sendboten Gottes".

Bis diese Worte fielen, hatte Josefine in der Stille mitgebetet, wenn
der Pastor betete; nun tat sie es nicht mehr. Sie hatte dasselbe Gefhl,
wie in der ersten Zeit ihrer Ehe, wenn er so malos war und doch
zugleich von ihr forderte, da sie mit ihm fromme Lieder singen solle.
Damals hatte er nichts gemerkt; heute fhlte er es sogleich. Aber gerade
darum _verlangte_ ihn nach einer Gemeinschaft, vor allem im Gebet fr sein
krankes Kind. Er wandte sich an die Freunde der Betstunde; deren war er
sicher. Die ganze schmerzliche Abrechnung dieser Tage, das Zittern um
das Leben des Kindes, seine freudlose, wunde Liebe, all das wirkte
zusammen zu einer starken Erschtterung. Er bat sie alle, mit ihm zu
beten, er strmte Gottes Barmherzigkeit; wenn er nur einer hheren
Gemeinschaft mit Gott wrdig befunden wurde, so war die Prfung nicht zu
hart.

Er leuchtete von Glaubenskraft, als er nach Hause kam und berichtete.
Wenn das Strkste in ihm einmal aufwachte, so war er wie kaum ein
anderer; aber es kam so selten dazu.

Josefines Zustand wurde besorgniserregend. Frische Luft und regelmigen
Schlaf entbehren, Woche um Woche, -- den Appetit verlieren durch die
unaufhrliche Spannung -- das war fast genug, um selbst kerngesunde
Naturen wie die ihre zu brechen. Tuft sprach heimlich mit Kent darber;
aber es war nichts zu machen, wenn sie nicht selber wollte.

Whrend er jede ihrer Bewegungen berwachte, mute er ihr, gegen seinen
Willen, eines Tages mitteilen, da Ragni nicht hier, sondern im Friedhof
des Nachbardorfs beerdigt werden sollte. Darin offenbarte sich doch des
Schwagers Groll, ja Abscheu auf die denkbar strkste Weise. Zweifellos
war dieser Entschlu gegen die Gesellschaft im allgemeinen, am meisten
aber gegen sie beide gerichtet.

Was Josefine fhlte, erfuhr Tuft nicht; ihm selbst ging es nahe. Ein
einziges Mal verriet sie, wie ungeduldig sie geworden war. Er hatte sich
ber den Jungen gebeugt und kam ihm dabei etwas zu nah; Edvard sthnte
und schob ihn mit der Hand von sich. "So la doch das ewige Rauchen!"
sagte sie erbittert. Er wandte sich nach ihr um: "Das werd' ich auch!"
antwortete er sanft. Als er sich dann wieder aufrichtete, fgte er
bekmmert hinzu: "Heute steht es nicht gut mit ihm!" --"Nein", erwiderte
sie still; die Art, wie er das aufgenommen hatte, beschmte sie.

Der Doktor wurde geholt. Er war an diese pltzlichen Botschaften
gewhnt, daher nahm er sie mit Ruhe auf, und er besa die unschtzbare
Gabe, diese Ruhe auch andern mitzuteilen. Sofort schien es den Eltern,
als esse der Junge mit mehr Appetit und sei freundlicher gegen die
Gromutter. Viermal am Tag kam sie herber, und die Art, wie er sie
empfing, galt als Barometer.

Die Gromutter war oben im Krankenhaus gewesen und hatte von dort Kallem
und Karl Meek mit Ragnis Leiche wegfahren sehen. Der Sarg war wei und
stand auf einem schwarzen Schlitten; vorn neben dem Kutscher sa Sigrid;
Kallem und Karl fuhren in einem Breitschlitten hinterdrein. Das war das
ganze Gefolge.

Der Bericht ber Ragnis letzte Fahrt kam ihnen berraschend. Und da
Karl Meek dabei gewesen war, er ganz allein! Bedeutete das, Kallem hege
keinen Argwohn gegen ihn? Oder, was wahrscheinlicher war: er habe
vergeben? Wollte vielleicht die Tatsache bemnteln und ihr so diesen
letzten Dienst erweisen? Wer doch auch so gut sein knnte!

In der Nacht darauf kam Josefine zu ihrem Mann herunter, als er schon
schlief. Ihr Haarknoten hatte sich gelst; mit dem groen, hohlugigen
Gesicht, von dem das schwarze Haar abstand, den Augen, die starr ber
die Lampe wegstierten, die sie trug, sah sie aus wie eine Besessene oder
eine Nachtwandlerin. Er richtete sich im Bett auf und wollte aufstehen.
Sie hielt ihn mit der Hand zurck und sagte eintnig: "Ich mu mit Dir
reden, Ole; ich kann nicht schlafen. Diese Frau, die Frau meines
Bruders, wird uns unsern Jungen nehmen."

Er fhlte, wie ihm alles Blut zum Herzen strmte. "Was sagst Du da?"
flsterte er.

"Wir sind zu hart gewesen, wir beide. Jetzt mssen wir bezahlen; und mit
weniger begngt sie sich nicht." -- "Liebste Josefine, Du bist ja ganz
auer Dir. Wir wollen uns doch nach Hilfe umsehen ...!" Und er sprang
aus dem Bett. -- "Ja, Hilfe suche ich! Alle, die beten knnen, mssen
mir jetzt beistehen! Hrst Du, Ole!"

"Aber liebste ...!"

"Oder glaubst Du nicht, da Ihr strker seid als diese Frau? Glaubst Du
es nicht? Neulich bist Du so freudig aus der Betstunde heimgekommen --
ach, Du kennst die Leute ja, ... rufe sie, sie sollen kommen, -- hrst
Du, Ole!" Und sie fing zu jammern und zu weinen an. "Es ist doch
Christenpflicht, uns zu helfen! Sie drfen es doch nicht ruhig mit
ansehen, da sie ihn uns nimmt!" Die Stimme klang in einem langen
Klageton aus. Er sa auf dem Bettrand; die Unterkleider hatte er
angezogen, hielt aber nun, die Hosen in der Hand, inne. "Liebe, Liebste,
so glaub' doch nur -- Gott hat die Macht, und kein anderer! Du bist
krank, Josefine!" -- Er war voll Sorge und Liebe und eilte, sich fertig
anzukleiden. "Du holst sie, nicht wahr?" sagte sie erfreut und stellte
die Lampe hin. "Ich wute es ja! Ich danke Dir! Sei heilig versichert,
Ole -- es eilt!" Er zog sich rasch weiter an, sagte aber: "Du weit,
Josefine, wir mssen vorsichtig sein, wenn wir fr nicht-geistliche
Dinge beten!" Das machte sie unruhig; sie streckte die Hnde nach ihm
aus. Alles an ihr war lose und offen, die rmel glitten zurck --
unglaublich mager war sie geworden! Eine groe Angst berfiel ihn. Ihr
wildes Aussehen, die fieberkranke Sprache, die abgezehrte Gestalt....
"Um Gotteswillen, Josefine, Du darfst nicht alles so aufs Gebet setzen!
Du knntest darber zusammenbrechen, so, wie Du jetzt bist...." --
"_Glaubst_ Du denn nicht, Ole?" Es entfuhr ihr wie ein Blitz. "Doch, doch!
Aber wenn nun Gottes Wille nicht der unsere ist, Kind?" -- Die
schmerzliche Erinnerung an Andersens Sterbebett stieg in ihm auf. "Du
betest um nicht mehr und nicht weniger als um ein Wunder!" -- "Ja.
Natrlich! Selbstverstndlich! Um was beten wir denn sonst?" -- "Wir
beten, um Gemeinschaft zu finden mit Gott, Josefine. Wenigstens darum
bete _ich_. Dann ist alles gut; dann ist meine Seele gestrkt -- und ich
bedarf dessen oft so sehr!" -- "Gottes Herz erweichen, so steht es
geschrieben. Steht es nicht geschrieben? Gottes Herz erweichen! Hrst
Du, Ole! Gottes Herz erweichen? So antworte doch!" -- Er war vor dem
Ofen niedergekniet, in der einen Hand ein Holzscheit, in der andern ein
Messer; er wollte Feuer anmachen; sie war so leicht bekleidet. Aber
jetzt hielt er inne und sah sie voll Trauer an: "Um ein Wunder beten --
das darf ich nicht, Josefine! Ich bin dessen nicht wrdig!" Und whrend
er das sagte, wuchs es in ihm, und eh' er es wute, war er so erregt,
da er das, was er in Hnden hielt, fallen lassen mute, um sein Gesicht
zu bedecken. Als er aber wieder aufsah, sprang er in die Hhe; wenn sie
in ihrem Scho das kostbarste Porzellan gehalten und es htte fallen
lassen, da es in tausend Stcke zersprang -- sie htte nicht anders
dastehen knnen -- starr, von Entsetzen gelhmt, die Hnde ausgestreckt
ber dem, was ihr entglitten, die Augen auf ihn geheftet, der Sinne
beraubt, als msse sie auf der Stelle umsinken. Aber das geschah nicht;
denn als er sie anfate, erwachte sie, fate sich sofort und sagte rasch
ohne bergang: "Dann mssen wir nach meinem Bruder schicken! Dann kann
nur er sie bewegen, von dem Jungen abzulassen!" Diese Worte, aus diesem
wunderlichen Gedankengang geboren, klangen ihm wie eine Eingebung.
Tausendmal hatte er dasselbe gedacht; der Fall mit dem Oberst hatte
schon den Wunsch in ihm erweckt, viele hatten es ihm geraten. Aber bis
jetzt hatte er sich immer geschmt.

Ein paar Minuten spter war er auf dem Weg zu Doktor Kent, der zuerst
gefragt werden mute.

Eine klare, kalte Nacht, der Weg vom Tag aufgeweicht, in der Nacht
gefroren, so da Tuft aufpassen mute -- dazu die Gedanken, die ihn
hetzten -- es war schwierig genug. Was wurde aus den Dogmen der Bibel,
von Schpfung, Sndenfall und all dem andern -- was war es wert, wenn
der Tod anklopfte? Was war dann Nummer eins und was Nummer zwanzig?

In Kents Haus wollte niemand wach werden; er klingelte und klingelte,
ohne selber den Klang der Glocke zu hren; sie mute abgestellt sein. Er
fing an, gegen die Tr zu donnern; es klang hart und hohl; und ihm, der
an den Tod dachte, war, als klopfe der an; es war ja auch so! Endlich
kam, etwas verdrossen, ein Mdchen; als sie jedoch sah, da es der
Pastor war, ging sie, um Doktor Kent zu benachrichtigen. Der geduldige
Kent erschien, hie ihn eintreten und hrte ihn an. Mit Freuden wolle er
zu Kallem gehen; htte er nur gewut, ob es tunlich sei, so htte er es
schon lngst getan.

Josefine war oben bei dem Jungen, als Tuft zurckkam; sie verstand ihn
nicht richtig und glaubte, ihr Bruder werde sogleich kommen; und als er
um sieben, um acht, um neun noch nicht da war, frchtete sie, er wolle
nicht, und geriet vllig auer sich; der Pastor mute sich wieder auf
den Weg machen. Kent war nicht gleich zu finden, gab aber Bescheid,
Kallem und er wrden Punkt elf Uhr kommen. Sie kamen auch; aber da war
der Pastor eben abgerufen worden, so da niemand zu ihrem Empfange da
war. Kallem hatte seinen Fu nicht mehr auf diese Treppe gesetzt seit
dem Tag und der Stunde, da er die Stadt betreten hatte.

Wenn man sich nach etwas sehnt, geht es einem leicht wie jetzt
Josefinen: seit der Nacht war der Bruder stndig in ihren Gedanken
gewesen; als er nun aber mit Kent endlich ber die dicken Lufer die
Treppe heraufkam, dachte sie nicht an ihn. Sie stand gerade ber den
Jungen gebeugt und gab ihm zu trinken; als es klopfte, schrak sie auf
und die Stimme versagte ihr. Die Tr wurde trotzdem geffnet; Kent lie
Kallem zuerst eintreten.

Ein leiser Schrei tnte ihm entgegen. Fast htte sie zu Boden fallen
lassen, was sie in der Hand hielt. Wie sah er aus! Das war der Tod
selbst, der da eintrat, knchern, schneidend scharf, -- nicht um zu
helfen, sondern um ber ihr Kind das Urteil zu sprechen; das fhlte sie
sofort.

Kurz, erbarmungslos sah er sie an, ohne einen Funken Mitgefhl, obwohl
auch sie von Kummer mitgenommen war. Als er nher gekommen, blickte er
auf den Knaben; und fortan existierte sie nicht mehr fr ihn. Sie trat
auch ganz von selbst beiseite. Kent kam auf sie zu und begrte sie
freundlich; dann ging er zu Kallem zurck. Und jetzt ging es wie
gewhnlich -- wie es Kallem selbst neulich mit Doktor Meek gegangen war:
Kent sah das Kind auf einmal mit andern Augen, mit Kallems Augen; das
Aussehen des Jungen wurde pltzlich ein ganz anderes und erschreckte ihn
aufs tiefste. Was er bisher weit von sich gewiesen hatte -- jetzt
drngte es sich ihm von selbst auf: "Empyme?" flsterte er auf
franzsisch Kallem zu. Der antwortete nicht, trat nur nher, fhlte des
Knaben leichten, schwachen Puls, beklopfte leise die Brust, horchte auf
die hastigen Atemzge, besah sich die Temperaturliste und den letzten
Auswurf des Jungen. Darauf eine kurze Beratung der rzte; Josefine hrte
jeden Laut, obwohl sie ein ganzes Stck entfernt, auf der andern Seite
des Bettes stand -- das Bett des Jungen war da, wo frher das des Vaters
gestanden hatte. -- Aber sie begriff die technischen Ausdrcke und darum
auch deren Bedeutung nicht. Irgend etwas unerhrt Entsetzliches war es;
das fhlte sie; ihre Hnde krampften sich unter der Brust zusammen,
whrend ihre Augen von einem zum andern wanderten. Endlich machte Kent
ein paar Schritte auf sie zu. Er wolle nur fragen, ob sie erlaube, da
man eine nadelfeine Spritzenspitze in die Brusthhle einfhre? "Eine
Operation?" flsterte sie und mute sich sttzen.

"Das werden wir dann sehen", erwiderte er ebenso leise. Sie sank auf
einen Stuhl. Ihr Bruder wartete die Antwort nicht ab, sondern zog seine
Verbandtasche hervor, nahm daraus etwas Blankes, Dnnes, Langes und
beugte sich damit ber den Jungen. Mehr sah sie nicht, dachte auch
nichts mehr --, sie fhlte blo noch eins: nicht nachgeben! Sie hrte
den Jungen jammern und "Mutter" rufen -- angstvoll, immer wieder; aber
sie konnte nicht aufstehen, sie getraute sich nicht aufzustehen. Dann
hrte sie Kent sagen: "So, jetzt ist's vorbei, Jungchen!" Aber was
vorbei war, das sah sie nicht.

Der Kleine jammerte und jammerte: die Mutter solle wieder zu ihm kommen.
Sie versuchte es ein paarmal; aber es ging nicht; der Bruder drckte sie
immer wieder in den Sessel nieder, trotzdem er sie berhaupt nicht
ansah.

Dann ging die Tr. Er war fort; und sie atmete auf. Kent trat auf sie
zu, mild, teilnahmvoll: "Es ist eine Operation ntig, Frau Pastor!"
flsterte er. "Wozu denn?" Sie wute ja, es ntzte doch nichts; sie
hatte es in ihres Bruders Gesicht gelesen. "Weil wir alles versuchen
mssen", erwiderte Kent. Der Junge bat jetzt im klglichsten Ton die
Mutter, sie mge zu ihm kommen. "Ich komme schon!" Sie kniete bei ihm
nieder und brach in Trnen aus. "Es hat so weh getan!" klagte er. Ach,
wenn sie htte antworten knnen: "damit Du gesund wirst und wieder
aufstehen kannst!" Aber nicht einmal Kent wagte das. Sie suchte nach
Mut, um die Operation zu verbieten; aber sie wagte es ihrem Bruder
gegenber nicht. Kent wartete; das fhlte sie zuletzt und sah ihn
verzweifelt an. Er beugte sich zu ihr hinab: "Ihr Bruder schickt
gewhnlich jemand von seinen Leuten vorher zum Desinfizieren und
Vorbereiten", sagte er leise. "Heute schon?" flsterte sie und
schluchzte bitterlich. "Nein, aber mit dem Reinmachen und Auslften mu
jedenfalls heute begonnen werden. Die angrenzenden Zimmer mssen wir
auch dazu nehmen." Sie hatte ihren Kopf wieder neben den ihres Jungen
gelegt und antwortete nicht; sie hrte ihn weggehen.

Als der Pastor nach Hause kam, eilte er gleich ins Krankenzimmer hinauf
und war nicht wenig verwundert, dort die Gromutter und -- Sissel Aune
zu finden. Die letztere hielt Wacht bei dem Jungen, der uerst
empfindlich war und niemand als die Mutter um sich dulden wollte; auch
den Vater nicht; der roch noch immer nach Tabak; obgleich er das Rauchen
aufgesteckt hatte. Der Pastor fand Josefine im Studierzimmer auf dem
Sofa, verzweifelt, aufgelst; sie stammelte zusammenhangslose Worte:
"Das Todesurteil!" antwortete sie fast auf alles, was er sagte.

Am Nachmittag kam eine Krankenhausschwester und bernahm die Aufsicht;
mit ihr rckten neue Leute ein; das ganze Haus war in der Gewalt
Fremder. Das Scheuern klang wie das Hobeln der Sargbretter. Die
Dienstmdchen kummervoll; die Gromutter in Trnen; und als das Bett des
Kindes in ein anderes Zimmer getragen wurde und sie die Tritte der
Trger hrten, saen die Eltern Hand in Hand und zitterten.

Wenn jetzt jemand gesagt htte: "Es ist gut fr die Eltern, wenn der
Junge stirbt. Freilich, jetzt sehen sie das noch nicht ein; aber sie
werden daran wachsen!" Wenn jemand die Roheit htte, ihnen so etwas zu
sagen! Tuft _mute_ mit Josefine darber sprechen, mute ihr bekennen, was
seine eigenen Worte in ihm bewirkt hatten. Sie drckte ihm stumm die
Hand.

Abends, als wieder Ruhe im Hause war, waren beide oben beim Jungen, und
beiden war es, als habe der Tod ihn schon gezeichnet. Die Hand der
Mutter in der seinen schlief er ein; dann fhrte Tuft sie sanft hinweg.
Es war ihr jetzt nur willkommen, da jemand sie fhrte; infolge der
vielen Umnderungen im Hause war auch ein zweites Bett im Fremdenzimmer
aufgeschlagen worden.

Am nchsten Tag saen die Eltern von frh an bei dem Kleinen. Sobald sie
weg waren, sollte er in sein ehemaliges Zimmer geschafft werden; dort
war alles zur Operation bereit. Um zehn Uhr kamen die rzte. Josefine
lag auf dem Sofa im Studierzimmer. Als sie die Mnner kommen hrte,
hielt sie sich die Ohren zu; die Teppiche waren fortgenommen, so da man
das leiseste Stiefelknarren hrte. Sie lie sich nicht trsten, lie
sich nicht zureden, verfiel wieder in den halbbesinnungslosen Zustand,
in dem sie schon einmal gewesen war; sie wollte um jeden Preis hinauf zu
dem Jungen; er konnte ihnen ja unter den Hnden sterben. Der Pastor
htte gern mit den rzten gesprochen; aber sie hngte sich an ihn: sie
wollte mit. So blieb er unten. Wenn irgend jemand oben einen Fu rhrte,
so wute sie gleich, wer es war; bewegten beide rzte sich zu gleicher
Zeit, dann ging etwas Besonderes vor; dann krmmte sie sich und sa in
sich zusammengekauert da, die Hnde vor den Ohren. In ein anderes Zimmer
wollte sie sich nicht bringen lassen; hier wollte sie bleiben, und
Qualen erleiden. Manchmal, wenn sie sich halb zu Tode gehetzt hatte,
flchtete sie zu Tuft, wie zu einem stillen Hafen; "hilf mir!" flsterte
sie; es ginge um ihren Verstand, um ihr Leben; immer habe sie gewut,
da es einmal ein jammervolles Ende mit ihr nehmen wrde.

Tuft bewog sie endlich, sich aufs Sofa hinzulegen und sich kalte
Umschlge machen zu lassen; er bat sie so innig, und seine Liebe war so
stark, da sie ihr einen Halt gab. "Danke, Ole, danke!" Darnach wurde
sie still.

"Er schreit!" rief sie pltzlich und setzte sich auf; sie wollte hinauf.
Der Pastor beteuerte, er hre nichts; aber im selben Augenblick hrten
sie es beide. "Ja, ja!" rief sie und wollte hinauf. Tuft umschlang sie
mit beiden Armen, bat und beschwor. Und wieder wurde sie still. Von oben
kam kein Laut mehr jetzt.

Oben ging alles schnell. Auf Kallems Verantwortung wurde der Junge
chloroformiert, und das Schreien, das die Eltern gehrt hatten, galt der
Flanellmaske, die Kent ihm vors Gesicht hielt. Der Junge schob sie weg;
er meinte, er msse ersticken. "Mutter! Mutter!" Aber bald schlief er
ein. Die Gromutter sa in einem frischgewaschenen Kleid auf der andern
Seite am Kopfende und hielt seine Hand; sie zitterte, die Alte. Aber sie
sa da, und sie wollte da sitzen bleiben, bis alles zu Ende war. Niemand
hatte sie darum gebeten; aber sie hatte ihren Gott darum gebeten. Sobald
der Junge eingeschlfert war, forderte Kallem sie jedoch hflich auf, zu
gehen. Langsam und stumm entfernte sie sich.

Nun gings ans Werk. Zwischen den Rippen auf der rechten Seite wurde ein
acht Zentimeter tiefer Einschnitt gemacht. Mit stumpfen Instrumenten
bohrte Kallem tief hinein, kam bis an den Rippenrand und sgte ein
kleines Stck heraus; der Eiter strmte aus der Wunde.

In diesem Augenblick wurden alle von einem wilden Schrei im Hintergrund
aufgeschreckt. Josefine hatte blitzschnell die Tr aufgerissen, sah die
weien Operationsmntel, sah Kallem voller Blut in der Brust ihres
Kindes whlen, -- und strzte kopfber zu Boden.

"War die Tr nicht abgeschlossen?" fragte Kallem. Sissel kam von innen
gelaufen, der Pastor von auen, und zusammen trugen sie sie hinaus.
"Achten Sie auf den Puls!" wurde der Diakonissin zugeflstert. "Und
schlieen Sie die Tr zu!" -- "Und Sissel --?" -- "Mu drauen bleiben!"

Man hrte Josefine bald darauf an der Tr; aber niemand achtete ihrer.
Eine Drainrhre wurde in die Brusthhle eingefhrt, diese wurde
ausgespritzt und vorsichtig ein Gazeverband darum gelegt. Die Rhre
mute ein paar Tage liegen bleiben und die Zimmertemperatur gleichmig
auf 15 Grad gehalten werden. Bald darauf zog Kallem sich samt seinen
Instrumenten ins nchste Zimmer zurck und war verschwunden, bevor noch
irgend jemand, der nicht der Operation beigewohnt hatte, wute, da er
fertig war.

Die Gromutter, die rmste, war wieder hinaufgegangen, um an der Tr zu
horchen, als Sissel, die jetzt im Zimmer war, ffnete und etwas unter
der Schrze davontrug. Im Vorbeigehen erzhlte sie schnell, es sei
alles vorber. Die Gromutter wagte sich hinein; aber als sie das blasse
Kind sah, verlor sie alle Herrschaft ber sich selbst; sie ging schnell
wieder hinaus und erreichte ihr Haus mit Mhe und Not.

Dieses Petrefakt von der Meereskste, pietistisch plattgedrckt, in die
Nordwand des Hauses eingemauert, war fr gewhnlich gnzlich
unzugnglich; der einzige Mensch, mit dem sie eine Art Gemeinschaft zu
haben schien, war der Knabe. Ihr ganzes Haus war seine Spielstube;
alles, was er nur wollte, durfte er ihr hineinschleppen; sie schleppte
es wieder hinaus; sie hatte ja nichts anderes zu tun, als hinter ihm her
aufzurumen. Man htte denken sollen, er mte deswegen an ihr hngen;
aber es war eigen: seit er krank war, mochte er die Gromutter gar nicht
mehr sehen. Das klare Wesen der Mutter hatte, bei aller Strenge, seine
Phantasie gefangen genommen; die Nachgiebigkeit der Gromutter, mit all
ihrer Hinterhltigkeit und ihren Verboten, mit all den Gebeten, die er
auswendig lernen sollte, und all den biblischen Geschichten, die er
nicht verstand, hatte ihn geqult. Nun er matt und krank war, durfte sie
berhaupt nicht mehr reden. Ein Jammer ist es mit diesen alten Leuten!
Auch ihr Sohn vernachlssigte sie, seit Josefine wieder zugnglicher
war. Wre nicht die Diakonissin gekommen -- die Operation wre
vielleicht vor sich gegangen, ohne da die Alte darum gewut htte.

Einige Stunden spter schlich sie sich wieder hinauf, lauschte drauen,
hrte nichts, dachte, es sei vorbei und wagte sich hinein. Sissel sa da
und nickte; aber sie sah gleich auf. "Lebt er?" fragte die Gromutter.
"Ja", antwortete Sissel, nur ebenso laut, da man es hrte; grer
schien auch ihre Hoffnung kaum. Die Gromutter konnte nicht mehr; sie
ging. Aber schon etliche Stunden darauf war sie wieder da. Er lebte noch
immer. Diesmal hatte sie ihre Brille mitgebracht und ein altes, liebes
Buch; Sissel konnte schlafen; sie wrde hier sitzen bleiben, bis es zu
Ende war. Sissel sagte ihr, was zu tun sei, und legte sich dann auf
Josefines Bett.

Erst um sechs Uhr abends streckte der Pastor den Kopf zur Tr herein.
Erst jetzt wagte er, Josefine auf einen Augenblick zu verlassen. Er sah
seine Mutter dasitzen, mit ihrer Brille und der alten Postille; er trat
nher und forschte in ihrem Antlitz wie in einer Schrift: "Er lebt!" las
er darin. Sie nickte, wie vorhin Sissel, -- im selben Sinne. Vor dem
leichenblassen, schlafenden, schlaffen Gesicht des Jungen schauderte er
zurck und ging.

Ganz, ganz still war das Haus. In der Kche, die abseits lag, hrte man
leise reden; berall waren die Trangeln gelt, berall lagen wieder
Lufer und Teppiche. Allstndlich kam der Pastor, immer auf den
Zehenspitzen; und immer derselbe Bescheid: bis jetzt lebe er noch. Alle
kamen und gingen, lautlos, als wandelten Gespenster. In dem
Fremdenzimmer, wo Josefine lag, und in seiner Nhe gab es keine Worte
mehr, nur noch Zeichen.

Die Nacht war womglich noch schweigsamer. Gromutter sa nicht mehr am
Bett, sondern Sissel; in der Kche brannte das Feuer, und irgend jemand
wachte da immer, fr den Fall, da etwas sich ereignen sollte. Auch der
Pastor wachte und ging ab und zu. Aber gegen drei Uhr schliefen er und
die Kchenwache ein. Als die Gromutter gegen vier kam, schlief auch
Sissel. Gromutter setzte sich wieder an ihren Platz. Nirgends ein Laut,
bis gegen sieben Uhr. Gromutter sah nach dem Ofen und gab dem Kranken
die Medizin; atmete der kleine Edvard leichter? Oder tuschte sie sich?

Gegen sieben Uhr ging langsam die Tr auf. Sie glaubte, es sei ihr Sohn;
aber es war Josefine, die hereintrat. Im Zwielicht sahen ihr groes
Gesicht unter dem wirren Haar, ihre wilden Augen noch entsetzlicher aus;
die Alte, die lngst fr ihren Verstand gefrchtet hatte, erschrak. Aber
Josefine blieb an der Tr stehen; sie hrte Sissels feste Atemzge, aber
nicht die des Jungen; da wagte sie nicht weiterzugehen. Das sah die
Gromutter und nickte ihr ermunternd zu. Ein paar Schritte vorwrts --
und die Mutter sah ihren Jungen -- zum Erschrecken bla, ohne jedes
Lebenszeichen. Aber Gromutter nickte wieder; da wagte sie sich weiter
vor. Die Gardinen waren noch zugezogen, deshalb sah sie nicht
deutlicher; aber jetzt schien ihr doch, als atme er! Sie kniete nieder.
Atmete er wirklich leichter, oder...? Sie hatte sich so verrannt in
ihren Glauben an das Todesurteil, da sie gar nicht hrte, was sie
hrte. In uerster Spannung lauschte sie, berlegte, hielt den Atem an,
und erst, als sie die Gewiheit hatte, da er leichter atmete, lie sie
den eigenen Atem unwillkrlich mit voller Gewalt ber das Gesicht des
Jungen hinstrmen. Der warme Hauch weckte ihn; er schlug die Augen auf
und sah seine Mutter an, und es schien, als besinne er sich. Ja, es war
die Mutter; sie war wieder da! Seine Augen wurden lebhafter, klarer, als
man sie seit Wochen gesehen hatte, und sie blickten in die ihren, bis
Josefines Augen von Trnen berflssen.

Kein Wort sagte er, kein Glied regte er aus Furcht vor den alten
Schmerzen; und ihr war, als msse ihm der Lebensgeist entfliehen, wenn
er es tue oder wenn sie ihn anrhre oder anrede. Ja, sie dachte sogar,
sie atme zu laut, atmete leiser, bewegte keine Hand, wandte nicht den
Kopf. Und in dieser bewegungslosen Stille war ihr, als seien Flgel
ausgebreitet ber ihnen beiden. Der Augenblick glich dem, da sie ihn
geboren, da sie den ersten kleinen Laut seiner lebendigen Stimme gehrt
hatte. Jetzt begann das Leben zum zweitenmal, jetzt, in diesen ersten,
scheuen Atemzgen. Seine Augen waren wie Licht im Schnee. Nicht satt
konnte sie sich sehen an ihrem frischen Glanz; sie beide schwebten
miteinander, als ob es nimmer enden solle.

Aber dem Jungen wurde die Macht ihrer Augen zu schwer; er gab sich der
Sicherheit ihrer Nhe hin und schlo die Augen wieder, ffnete sie noch
ein paarmal, um sich zu vergewissern, ... ja, sie war noch da, und dann
schlief er ein.

Eine Weile darauf stand sie im Studierzimmer. Drauen war heller Tag;
herein damit! Sie zog die Gardinen auf; der Tag fllte den hohen Raum
mit dem Leben des Lebens, fllte ihre eigene Seele bis in den
verborgensten Winkel; sie stie die Tr zum Fremdenzimmer auf und
stellte sich in die ffnung.

Da lag Tuft, breit und stark, mit ausgestrecktem Arm, das dichte Haar,
die hohe Stirn noch glnzend vom gestrigen Schwei, um den Mund ein
Lcheln. Jetzt weckte das Licht ihn halb aus dem Schlaf. "Ole!" sagte
sie. Er ffnete die Augen weit, kniff sie aber gleich wieder zu. Im
Geist ordnete er, was er da mit einem Blick gesehen hatte, und zugleich
hrte er aus all dem Licht heraus Josefines Stimme: "Er lebt!"

       *       *       *       *       *

Am Sonntag sprach in der Kirche von der Kanzel herab ein Mann aus dem
heraus, was er gelernt hatte.

Darber nmlich, was fr uns alle das Grte ist.

Der eine vergit es in seinem Strebersinn, der andere in seinem
Kampfeseifer, ein dritter in seiner Verranntheit und ein vierter ber
seiner eigenen Weisheit, ein fnfter in seinem Alltagstrott, und alle
haben wir es mehr oder minder verkehrt gelernt. "Denn fragte ich nun
Euch, die Ihr mir zuhrt, so wrdet Ihr alle, just weil ich von dieser
Sttte aus frage, mir gedankenlos antworten: 'Das Hchste ist der
Glaube'."

"Ich aber sage Euch: wahrlich er ist es nicht! Sitz am Bett Deines
Kindes, das daliegt in Atemnot, am Rande des Todes; oder la Dein Weib,
aufgerieben von Angst und Nachtwachen, dem Kinde nachgleiten bis an
diesen uersten Rand -- da lehrt Dich die Liebe, da _das Leben das
Hchste_ ist. Und nie wieder von diesem Tag an werde ich Gott oder Gottes
Willen zuerst in einer Formel, in einem Sakrament oder in einem Buch
oder einer Bibelstelle suchen, als sei er vor allem hier oder dort;
nein, vor allem im Leben, in dem Leben, das der Tiefe der Todesangst
abgerungen ist, im Sieg des Lichts, in der Inbrunst der Liebe, in der
Gemeinschaft der Lebenden ist Gott. Gottes vornehmstes Wort an uns ist
das Leben; unsere hchste Gottesverehrung die Liebe zu den Lebenden.
Dieser Lehre, so selbstverstndlich sie ist, bedurfte vor allen andern
ich. Diese Lehre hatte ich aus verschiedenen Grnden und auf mancherlei
Weise abgelehnt -- am strksten in letzter Zeit. Aber niemals wieder
soll das Wort mir das Vornehmste sein, ebensowenig die Zeichen; nein,
das Grte soll mir sein die ewige Offenbarung des Lebens. Niemals
wieder will ich festfrieren in einer Lehre; die Lebenswrme soll meinen
Willen lsen. Niemals wieder will ich Menschen richten nach Dogmen und
nach der Gerechtigkeit vergangener Zeiten, wenn sie nicht den Mastab
der Liebe unserer Zeit tragen. Niemals, so wahr ein Gott lebt! Und das,
weil ich an ihn glaube, an den Gott des Lebens, und an seine unablssige
Offenbarung im Leben!"


12

Am selben Nachmittag erschien bei Tuft ein seltener Besuch. Es klopfte
leise an, und auf das erste "Herein" zeigte sich niemand. Auf das zweite
wurde die Tr bedchtig geffnet von Sren Pedersen, und hinter ihm
tauchte nach langem Zgern und in groer Verlegenheit Aase auf.

Sie wollten nichts Geringeres als dem Herrn Pastor fr die heutige
Predigt danken. "Denn niemand, Herr Pastor, kann leben ohne Gott;
wenigstens wir ungelehrten Leute nicht. Es geht nicht, es geht ganz
einfach nicht. Und so kommen wir wie der verlorene Sohn -- d. h. Aase
wre da wohl die verlorene Tochter -- (komm nur nher! Na, so mach', was
Du willst!) und bitten Sie, ob Sie nicht zu Gott um Gnade fr uns beide
beten wollen, Herr Pastor!" Und Tuft tat es mit einer Inbrunst, wie nur
er sie in ein Gebet zu legen vermochte. Sren sagte dann, sie wollten
jetzt gleich zu Herrn Doktor Kallem gehen. "Ganz gewi ist er der beste
Mensch auf der ganzen Erde, jedenfalls hier in der Stadt. Aber in diesen
Dingen ist er im Irrtum, Herr Pastor. Es gibt ganz sicherlich einen Gott
und auch Geister, und das wollen wir ihm jetzt sagen."

Tuft selber hatte beschlossen, an diesem Nachmittag noch Kallem
aufzusuchen. Er war ihm dankbar, und es drngte ihn, zu bekennen, da
ohne das Unrecht, das sie an Ragni begangen hatten, nicht einmal die
Erlebnisse dieser Tage ihm zur Erkenntnis der Lebenswerte verholfen
htten. Vor allem wollte er Josefine rechtfertigen, indem er ihre Schuld
auf sich nahm. In der geschftigen Dogmen-Postkutsche, in der er getrabt
war wie ein Postpferd mit Scken voll Papier beladen, hatte sie
mitfahren mssen, ob sie nun wollte oder nicht. Und durch dies Unrecht
war sie mitrauisch und hart geworden.

Als er sich eine Stunde spter auf den Weg machte, stand ihre gemeinsame
Kindheit merkwrdig lebendig vor ihm. Damals hatte er Missionr werden
wollen; jetzt wrde er es vielleicht im Ernst werden. Die Evolutions-
und Entwicklungslehre auch ins Religise zu bertragen, das war eine
Mission wert, und sie gedachte er auf sich zu nehmen. Der kleine
Dogmengott vergangener Zeiten und seine Priester muten berwunden
werden wie die Gtzen und Wundertter der Heiden. Und hatte er spter in
theologischem Machtbegehr davon getrumt, Bischof zu werden -- nun wohl!
Hier war ein gefahrvolles Bistum -- aus leicht erklrlichen Grnden --
frei in Norwegen.

Auf der Treppe zum oberen Eingang wartete Sigrid, als Pastor Tuft mit
langen Schritten ber den Hof gesteuert kam. Sie war schwarzgekleidet
und trug ein schwarzes Tuch ber dem lichtgelben Haar. "Herr Doktor ist
nicht zu Hause!" sagte sie in ihrer stillen Art. Er machte sofort Kehrt
und ging entschlossen nach dem Krankenhaus hinauf. Dort stand Mutter
Andersen, ebenfalls in Schwarz und einer Haube mit schwarzen Bndern.
"Tragen Sie noch immer Trauer um Ihren Mann?" -- "Nein, jetzt um Frau
Kallem." -- "Ist Doktor Kallem hier?" -- "Nein, er ist vor einer Weile
nach Hause gegangen."

Da irrst Du! dachte Tuft und schlug den Weg nach der Landstrae ein; er
konnte inzwischen eine tchtige Promenade machen.

Es waren viele Spaziergnger unterwegs; sie grten ihn voll freudiger
Teilnahme, das war zweifellos. Mutter Andersens strenges Gesicht hatte
einen Schatten ber ihn geworfen; aber vor der Milde der andern zog sich
der Schatten zurck. Wieder berkam den Pastor der strmende Mut, den er
vor einer Weile noch gehabt hatte, und der den meisten Neubekehrten
eigen ist. Dicht beim Krankenhaus begegnete er Sren Pedersen und seiner
Frau; auch sie wollten sich an diesem lichten Sonntagabend voll
Frhlingsverheiung einen kleinen Spaziergang leisten. "War er zu
Hause?" fragte Tuft. "Ja, Herr Pastor", erwiderte Pedersen hchst
aufgerumt. "Na, was hat er denn gesagt, der Doktor?" -- "Es hat mir
gefallen, was er sagte, Herr Pastor. Es gibt zwei Arten von Menschen,
sagte er; die eine glaubt nur das, was sie wei; die andere tut das
auch, aber das, was sie glaubt, lt sich nicht beweisen -- wenigstens
fr niemand, als sie selber." -- "Er hat recht." Tuft lachte und eilte
weiter. Aber sowie er allein war, berfiel ihn Markus 16, Vers 16; das
lag noch von seiner "rechtglubigen" Zeit her im Hinterhalt und lauerte
ihm auf. "Wer aber nicht glaubet, der wird verdammt werden!" Gott
respektiert also nicht "zwei Arten Menschen". Tuft setzte sich eifrig
zur Wehr; vom neunten Vers bis zum sechzehnten Kapitel ist alles ein
spterer Zusatz, von dem die ltesten Handschriften nichts wissen. Wenn
diese Stelle unecht ist, so enthlt keins der drei Evangelien eine
Stelle, die auch nur annhernd so furchtbar wre. Und das vierte, das
sie enthlt, hat damit sich selbst "verdammt". Nein -- das Leben ist
alles -- und der Glaube ist der wunderbare Weg zur Erklrung des Lebens,
d. h. zu Gott. Auf diesem Wege werden wir dereinst die hchste
Gemeinschaft mit ihm erlangen, wenn nicht hienieden, so doch im
Jenseits. Der Glaube soll uns nicht zum Gericht werden, sondern zum
Fhrer. Menschen um ihres Glaubens willen zu verdammen, mochte in
entschwundenen Zeiten als Wahrheit gelten; in unserer Zeit stt es ab.
Gott offenbart sich unserem Verstand auf hhere Weise. Wieder schritt er
eilig ber den Hofraum.

Aber wieder kam Sigrid auf die Treppe: "Herr Doktor ist nicht zu Hause."
Die verschleierten Augen wichen den seinen aus; aber sie blieb
unbeweglich stehen, das Gesicht dicht eingerahmt von ihrem Tuch. Das
Haus hinter ihr war wie ein Geheimnis, eine geschlossene Gemeinschaft,
etwas in sich Treu-Gefestigtes, von dem er ausgeschlossen war.

Jetzt begriff er.

Der Preis, um den er hier Einla fand, war doch wohl hher, als er
gedacht hatte. Demtig ging er heim; Josefine gegenber schwieg er von
der Sache.

Die Zurckweisung war ihm ein neuer Ansporn, weiter auf dem Wege
vorzudringen, der einzig die Geschwister wieder zusammenfhren konnte.
Und das war die Bedingung fr alles andere. Er gestand sich ehrlich ein,
da er war auf seinen Schwager eiferschtig gewesen. Dies rein
persnliche Gefhl hatte groen Einflu auf die Beschrnktheit seiner
Lehre gehabt.

Da kam ihm von auen her Hilfe. Zuerst verwunderte Fragen,
zurckhaltendes Wesen, was ihm wehtat, ihn zuweilen schwankend machte;
bald aber offener Kampf mit seinen treusten Anhngern. Und das trieb ihn
vorwrts. Sein alter Freund, der ehemalige Krankenhausverwalter, schien
nur auf die Gelegenheit gewartet zu haben, um sich von einem
Dankbarkeitsverhltnis, das ihm lstig war, freizumachen; er schlug
gewaltig Lrm und zog Hilfstruppen sogar aus der Hauptstadt herbei.
Seminarlehrer, Schulmeister, Wanderprediger und verschiedene Pastoren
gingen Pastor Tuft in der Betstunde mit allen mglichen theologischen
Instrumenten zuleibe. Vor allem lernte er, sich deutlich ausdrcken;
denn die meisten Punkte, in denen sie ihn angriffen, beruhten auf
Miverstndnissen. Er lernte aber auch den Gebrauch von Krften und
Kenntnissen, die er bis jetzt nicht gebt hatte.

Im ersten Monat war Josefine nur mde und stumpf; sie war mehr
heruntergekommen, als sie wute. Aber nach einiger Zeit fing sie an, dem
Bauernjungen, der einst ihr Herz mit seinem lichten Glauben gefangen
hatte, zu folgen.... Ob er wiederkam?

Ein Ereignis, das sie ihrem Mann verheimlichte, hatte sie wieder so
zurckgebracht, da sie nur langsam zu Krften kam. Auch sie war nmlich
in aller Stille bei ihrem Bruder gewesen, sobald sie wieder ausgehen
konnte; auch sie war von Sigrid auf der Treppe empfangen worden mit dem
Bescheid, er sei nicht zu Hause; aber sie hatte ihn, als sie kam, auf
der Veranda stehen sehen! Mit knapper Not hatte sie sich heimgeschleppt.

Sie hatte ja das tiefste Mitgefhl mit ihm gehabt und war zu jedem
Zugestndnis bereit gewesen; seine Unerbittlichkeit jedoch weckte ihren
Trotz. Von ihrer eigenen Eifersucht auf Ragni hatte Josefine selbst
keine Ahnung, also auch nicht davon, wie dadurch ihr eigenes Wesen
beeinflut worden war. Sie sah ihre Schuld darin, da sie unvertrglich
gegen eine Frau gewesen war, die im Grunde eben doch eine Snderin war.
Wenn Sissel Aune oben bei dem Jungen sa und ihm von Ragni erzhlte, wie
liebevoll sie bis zum letzten Augenblick gewesen sei, dann empfand sie
das Unmenschliche ihres Betragens, da sie Ragnis Herzensgte, da sie
Kallems Liebe hatte bersehen knnen. Aber abgesehen von dieser
Unvershnlichkeit fhlte sie sich nicht schuldig.

Die Enttuschung war um so grer und htte schwere Folgen gehabt, wenn
nicht gerade jetzt ihres Mannes Kampf sie mitgerissen htte. Ein
unklarer Mensch, der wesentlich nur in Trotz gelebt hat, kann nur durch
eine groe Begebenheit erlst werden. Und zu einer solchen wurde ihr
der Tag, als Tuft zu ihr sagte: "Josefine -- hierfr mssen wir Amt und
Vermgen einsetzen!"

Drei Monate waren vergangen, da fhlte sie sich, neubelebt vom Kampf,
stark genug, es mit ihrem Bruder aufzunehmen. Sie schrieb ihm, was
sie auch verbrochen htten -- es msse Klarheit sein zwischen ihnen;
einer Anklage wenigstens mten sie gewrdigt werden. Ihre Dankbarkeit
gegen ihn sei gro, ebenso gro aber ihr Bedrfnis, mit ihm
zusammenzuarbeiten, nun, da sie ihre frhere Unvertrglichkeit bereuten
und dem Geist der Liebe und der Gerechtigkeit, den sie verkannt htten,
jedes nur mgliche Opfer zu bringen bereit seien.

Ein sehr geschickter Brief; das sagte auch ihr Mann.

Aber Tag auf Tag verging ohne Antwort. Es war ein wahres Glck, da
gerade diese Tage die schwersten Kampftage fr Tuft waren. In der
Betstunde und nachher auch in der Kirche hatte er die Worte angewendet,
mit denen Josefines Brief schlo: "Gerechtigkeit und Liebe" ohne
Unterschied des Glaubens (wie in der Erzhlung vom barmherzigen
Samariter) sei der Kern des Christentums; deshalb msse alles mit diesem
Ma gemessen werden, in erster Linie die Lehre selbst, bis jedes
Krnlein, das sich nicht daran messen liee, vor der Offenbarungsmacht
der Gerechtigkeit unserer Zeit fallen msse als eine Gotteslehre ferner
und harter Zeiten.

Dafr wurde er noch am selben Tage zur Disputation geladen.

Zwei Versammlungen wurden abgehalten im Verlauf der Woche, alle drei
stark besucht. Sein Hauptgegner war ein Pastor und Redakteur einer
theologischen Zeitschrift aus der Hauptstadt. Die Lehre von der Hlle
war fast ausschlielich der Gegenstand, um den es sich drehte, und Tuft
hielt daran fest: alles, was Paulus darber gesagt habe, sei vllig
verschieden z. B. von der Offenbarung Johannis. Nach Paulus sei das
Leben hier und im Jenseits ein stetiges Fortschreiten, das damit ende,
da Gott "Alles in Allem" werde. Diese Lehre halte das Ma der
Gerechtigkeit und der Liebe, -- und es machte Eindruck, als er mit
seiner metallreichen Stimme in der lebhaften, westlndischen Tonart ber
die dichtgedrngte Versammlung hinrief, ob sie denn glaubten, Krieg und
Unterdrckung durch den Strkeren wrden ein Ende nehmen, solange die
Lehre von der Hlle mit ihrer grausamen Rachsucht und Roheit in allen
Schulen und Kirchen als Gottes Gerechtigkeit und Liebe gelehrt wrde!

Die Gegner waren ganz im "Stil der Hllenlehre", indem sie alles taten,
ihn zu verketzern und zu verdammen. Unter den Zuhrern herrschte nur
eine Meinung: in Klarheit und berzeugungstreue war Tuft den andern
allen ber.

Das letzte Mal war auch Doktor Kallem zugegen; er sah auch Josefine mit
flammenden Augen dasitzen; und am nchsten Tag gegen Abend kam seine
Antwort.

Sie stand gerade vor dem Haus und sah ihrem Jungen zu, wie er mit der
Gartenspritze spielte, als der Brief kam; sofort erkannte sie die
Handschrift, und zitterte so, da sie ihn gar nicht ffnen konnte. Es
erschreckte sie, wie wenig krftig sie im Grunde doch noch war. Sollte
sie die Gesundheit ihrer Jugend nie wieder erlangen?

Sie ging also auf ihr Zimmer und riegelte hinter sich ab. Ein dicker
Brief! Sie drehte und wendete ihn, setzte sich und berlegte, ob sie ihn
vielleicht nicht doch Tuft zuerst lesen lassen sollte. Aber
mglicherweise stand etwas ber ihn darin, was er nicht sehen durfte.

Sie ffnete.

Kein Wort von ihrem Bruder, kein Wort an sie! Das erste, was sie sah,
war von fremder Hand geschrieben; das nchste ebenfalls, das bernchste
auch, zwei verschiedene Handschriften. Ein paar zusammengeheftete Bogen,
einige Briefe, ein paar lose Zettel ... von Edvard kein Wort.

Was bedeutete das? Aus all den Papieren zog Josefine unwillkrlich das
kleinste hervor, ein Zettelchen mit drei Zeilen darauf:

"Sie haben meinen guten Namen gettet und ich hab' es nicht gewut. Denn
ich wute nicht, da ich einen hatte, bis er gettet war."

Auf einem andern Zettel blo die feingeschriebenen Worte: "Vergib ihnen;
sie wissen nicht, was sie tun."

Diese zarte, leichtschwingende Handschrift war natrlich Ragnis.
Josefine begann zu zittern, und wute doch nicht warum.

Da lag ein Brief von einer andern Hand geschrieben, die ersten Worte in
roter Tinte. Keine Unterschrift. Aber als sie las, da Kallem dies nicht
sehen drfe, vermutete sie einen Liebesbrief von Karl Meek, den Kallem
nach ihrem Tode gefunden hatte. Was sollte sie damit? Flchtig las sie
die ersten Worte, hielt aber inne, als es "Sie" hie -- als er von einem
Schmerz sprach, den er hatte allein tragen wollen, der nun aber auch sie
betroffen htte, eine Verleumdung...? War es Verleumdung gewesen?

berall die allerehrerbietigsten Ausdrcke! -- Wann war der Brief
geschrieben? Es war kein Datum angegeben; aber der Schreiber war im
Ausland; also nach ihrem Zusammenleben hier. Der Brief war ein einziger
groer Schrei, ein Schmerz, so echt, wie sie einen greren nie gelesen
hatte.

Josefines Hand zitterte; sie mute den Brief auf den Tisch legen.

Sie las, wie Karl infolge dieser grausamen Verleumdung an niemand anders
und an nichts anderes zu denken vermochte; sie las, wie dadurch seine
Liebe zu Ragni erwacht war; Josefine sah diese Liebe, aus Kummer,
Dankbarkeit, Anbetung geboren, ihr entgegenatmen, -- in den reinsten,
rhrendsten Ausdrcken.

Ragni unschuldig? Gott im Himmel, war sie wirklich unschuldig? Dann
waren die ergreifenden Szenen zwischen Edvard und ihr, whrend der Tod
sie Zoll fr Zoll auseinanderri (Sissel Aune hatte sie ihr
geschildert) ja nicht zu ertragen gewesen! Ja, dann begriff sie,
weshalb er mit ihrer Leiche von hier weggezogen war und Karl Meek
mitgenommen hatte. Sie begriff nur das eine nicht: da er es berlebt
hatte.

Es klopfte an die Tr; sie sprang auf; es war blo das Mdchen, das sie
zum Abendessen holen wollte. Sie vermochte nicht zu antworten. Es
klopfte wieder. "Nein, nein!" wrgte sie endlich heraus, whrend sie
sich wand vor Scham und Schmerz. Sie mute zu ihrem Bruder! Sie mute zu
ihm! und sollte sie auf den Knien zu ihm rutschen!

Aber da waren noch mehr Papiere; und sie hatte ein Gefhl, als ob ihr
Bruder neben ihr stehe und ihr gebiete zu lesen. Zitternd las sie:

"Ich will jetzt abschreiben, was ich nach vielen Versuchen und
Ausstreichen ber meine Kindheit und meine erste Ehe zustande gebracht
habe; aber ich fhle mich auf einmal so mde und so fertig. Immer hatte
ich mir ausgedacht, ich wolle ein paar Worte als Einleitung schreiben,
und hatte mich darauf gefreut. Jetzt ist es zu spt. Jetzt kann ich Dir
blo noch sagen, Du 'weier Pascha' meines Lebens, wie das alles so mit
mir gekommen ist. Ganz kurz hab' ich's gesagt, weil es mir eine Qual
war. Ich hab' es auch nur gesagt, damit Du mich verteidigen kannst,
sollte irgend jemand es noch der Mhe wert finden, von mir zu sprechen,
wenn ich fort bin. Liebster Freund, ich klage nicht. Ich habe das
Schnste erlebt, was ich erleben konnte; nur da es so kurz war! Du mut
Dir blo vorstellen -- ich hatte mich selber aus bloer Furcht vor noch
etwas Schlimmerem weggeworfen; und da hast Du mich emporgetragen aus der
Tiefe des Meeres zum Frieden, zu allem Guten in guter Menschen Obhut --
bis Du dann zum zweitenmal kamst und mich noch weitergetragen hast -- zu
Dir selbst. Und hier, in Deinem Heim, alles zu eigen zu haben, Dich, und
alles, was Dir gehrt -- ohne es zu verdienen; ich hab' es oft schwer
empfunden; aber glcklich war ich doch."

"Ich wei, ich fllte meinen Platz nicht aus; aber nun, da es zu Ende
geht, ist mir, als schade auch das nichts mehr. Du httest Nachsicht
gehabt mit mir, wie lang es auch gedauert htte; das wei ich ja gewi."

"Liebster, wenn ich Dir auch alles sagen wollte, was von Dank und
Bewunderung fr Dich in mir ist --Du wrdest es nicht begreifen; so
selbstverstndlich war es Dir, da alles Frohe in Deinem Leben von mir
kam. Und das ist auch in meinem Leben das Schnste gewesen."

"Aber Du liest das ja erst, wenn ich nicht mehr im Sessel neben Dir
sitze, und da ist nichts, was die Erinnerung an mich besser in Dir
wachhalten knnte, so wie ich sie in Dir lebendig wissen mchte, als ein
groes unendliches

    ich danke Dir!"

Das war die Ehe, der sie den Namen Ehe hatte absprechen wollen! Sie,
Josefine, im Vergleich mit ihrer eigenen!

Sie glitt hernieder vom Stuhl, auf die Knie. Sie schluchzte, schluchzte
-- und zwang sich, still zu sein, damit niemand sie hier finden solle,
zusammengekauert, zusammengebrochen unter der Schmach ihres Verbrechens.
Ihre Hnde tasteten um Ragnis Handschrift, ihr Kopf sank auf die Hnde:
"Vergib! Vergib!" flsterte sie, und sie wute, da niemand, niemand sie
hre, und da niemand, niemand ihr vergeben knne.

Und blitzschnell erfate sie, da Ragni auch in ihrer ersten Ehe rein
gewesen, da sie auch in ihr verleumdet worden war. Die Schriftstcke
ber diese Ehe, wie sie zustande gekommen war, -- sie brauchte sie
nicht, sie konnte sie nicht lesen. Mit fiebernden Hnden packte sie
alles zusammen -- Ole sollte es lesen. Jetzt mute _er_ ihr helfen; es
galt ja ihr Leben. Sie war mitschuldig des Mordes, des Mordes an einer
ganz Unschuldigen! Nicht durch Worte oder Hetzereien; gesagt hatte sie
nichts; aber gerade durch ihr Schweigen, gerade dadurch, da sie Ragni
vom ersten Tag an von sich gestoen hatte -- gerade dadurch war die
rmste rettungslos verloren gewesen; das hatte sie getroffen wie der
Blitz; das hatte sie betubt, schreckerstarrt zu Boden geschlagen. Das
Urteil, das sie in ihres Bruders Augen gelesen hatte, das Todesurteil,
-- sie hatte nicht falsch gelesen! -- nur galt es nicht ihrem Sohn, ihr
selber galt es. _Sie_ verdiente den Tod!

Entsetzen packte sie; der Schwei brach ihr aus wie nach einem
betubenden Schlag.... _Jetzt war es da_!

Ja, jetzt war es da, wovor sie Jahr um Jahr erschauernd gebangt hatte,
-- etwas ber alle Maen Grauenhaftes, das sie zu Staub zermalmen wrde.
Nichts war sie gewesen; nichts hatte sie gewollt, nichts geleistet; und
dabei hatte sie getrotzt und verurteilt und das hchste Spiel gespielt!

Jetzt war es da! Sie hatte geglaubt, die Sache mit dem Jungen sei das
uerste gewesen; nein, erst jetzt war es da, jetzt, seit sie wieder ein
frohes Zusammenleben mit ihrem Mann und festen Boden unter den Fen
gewonnen hatte.... _Jetzt_ traf es sie -- und traf sie tdlich.

Sie eilte hinunter ins Studierzimmer, whrend Tuft noch a, und legte
den Brief auf seinen Tisch; Hut und Tuch hatte sie schon an; und nun
lief sie mehr als sie ging zum Haus des Bruders. Nun galt es biegen oder
brechen.

An einem Fuweg bog sie nach der Kirche ab; dabei dachte sie an Oles
letzte Predigt. Wenn ihr Zusammenleben von Anfang an so freie Wahl, auf
solche Ziele eingestellt gewesen wre! Sie weinte und lief auf das
frchterliche Haus zu. Links hinter dem Laub erblickte sie auch die
weie Hauswand des andern, in dem Kule wohnte -- das Mordinstrument!
Nein, nein, nein! Sie hatte ihn nicht kommen heien; sie hatte keinen
Teil daran! Doch -- sie hatte gehrt, wie man davon sprach, und es fr
ganz gerecht gehalten. Einige hatten es als guten Witz aufgefat, andere
wieder ernst, ja, religis. Josefine erinnerte sich jedes Wortes, zu
dem sie geschwiegen, jedes Gedankens, den sie im Stillen gehabt hatte.

Mord, Mord! Da gab es keine Vergebung, das wute sie. Was wollte sie bei
dem Bruder? Er hatte ihr Kind gerettet; darber hinaus wollte er nichts
mit ihr zu schaffen haben. Und dennoch -- ihr Leben hing von jetzt an
diesem Fleck Erde; sie mute hin, und wenn es ihr Tod war! Und sie
hastete weiter.

Ihr Leben war geschndet; sie konnte keinem ehrlichen Menschen mehr ins
Auge sehen. Mit Klte und Bosheit hatte sie ein vllig, vllig
unschuldiges Menschenkind gettet -- hatte ihres Bruders Heim zerstrt!
Wie sollte sie darnach noch weiter leben? Was wollte sie jetzt? Ihre
gerechte Strafe suchen? Aber die konnte nur sie selbst sich auferlegen.
Zuerst mute sie ihn gesehen, ihn gehrt, selber mit ihm gesprochen
haben -- ja -- -- denn sie hatte auch etwas zu sagen, -- -- er wute ja
gar nicht, wie sie ihn liebe, wie sie ihn immer geliebt hatte; -- er
kannte sie berhaupt nicht. Und sie weinte und hastete weiter.

Sie sah ihn im Garten zwischen dem Haus und den Nebengebuden stehen,
ber irgend etwas gebckt, was er eben in der Hand hielt. Sie sah ihn --
ber die Johannisbeer- und Stachelbeerhecke weg, wo die hheren
Obstbume ein bichen weiter auseinanderstanden. Ein Frsteln durchrann
sie; aber sie schritt weiter. Bald war sie unter den Bumen des Parks,
und bog dann nach dem Hof ab; nur die Mauer der Stallgebude war noch
dazwischen; jetzt trat Josefine hervor.

In einem hellgelben, rohseidenen Rock, demselben vielleicht, in dem er
vor zwei Jahren gekommen war, stand er da -- die rmel aufgestreift, die
Manschetten abgelegt -- und wusch unter der Pumpe einen Reisekoffer; die
vielen Zettel, die die verschiedenen Eisenbahnen bereinander
daraufgeklebt hatten, muten aufgeweicht werden. Wollte er verreisen? Er
war sonnverbrannt und mager; im Profil erschien sein Gesicht noch
schrfer. Jetzt hrte er ihre Schritte und blickte auf.

Blickte ihr in das verweinte, flehende Gesicht. Von ihrer einstigen
farbenfrohen Kleidung keine Spur mehr; ein dunkles Sommerkleid; um die
Taille einen Grtel; auf dem Kopf ein breitrandiger Strohhut mit braunem
Band; ber dem Arm lose ein Tuch. Ihre Trnen brachen hervor. "Edvard!"
rief sie verzweifelt; weiter kam sie nicht....

... Denn er hatte den Koffer fallen lassen und sich hoch emporgerichtet;
eine Stimme, die in zwei Oktaven zu klingen schien, sagte: "Nie verzeihe
ich Dir, Josefine!" "Edvard -- so la mich doch erklren ... --" Sie
wandte sich dem Haus zu, voll Angst und Verzweiflung, so streng sah er
aus. Er glaubte, sie wolle hineingehen.

"... Nie kommst Du ber diese Schwelle!" Und er stemmte die Hnde in die
Seiten, als wolle er Wache halten.


13

Tuft ging vom Abendbrot in sein Studierzimmer, sah aber die Briefe nicht
liegen, weil er gar nicht auf den Schreibtisch blickte. Wie so hufig
abends machte er einen kleinen Spaziergang; wre Josefine dagewesen, so
htte sie ihn wohl begleitet, dachte er. Wohl eine Stunde ging er auf
und ab; es war Sonnabend, und er berdachte seine Predigt fr morgen.
Als er nach Hause kam, setzte er sich mit einem Buch ans Fenster und
las, wanderte dazwischen auf und ab, las wieder, bis es zehn Uhr war.

Er ging nach oben, um sich zu legen; Josefine war nicht da; nicht in
ihrem eigenen Zimmer, nicht im ganzen Haus. So stieg er wieder hinunter
ins Arbeitszimmer, um auf sie zu warten; wo konnte sie nur sein? Bei
einem Kranken? Er wute von keinem. Gedankenlos griff er nach dem Brief,
whrend er am Schreibtisch vorberging; sein Name stand darauf -- von
Josefines Hand! Hei stieg es in ihm auf; er ging ans Fenster, um besser
sehen zu knnen. Kein Siegel; blo verschiedene Papiere; und obendrauf
ein Zettel mit folgenden, von Josefine geschriebenen Worten: "Ich bin
zu ihm gegangen -- es gilt mein Leben." Was war das?

Eine Viertelstunde spter war auch Tuft auf dem Weg zur Kirche; auch er
lief mehr als er ging. Er war der allein Schuldige; er hatte seinerzeit
Josefine den Gedanken eingegeben, Ragni sei ihrem ersten Mann untreu
gewesen, und damit alles ins Rollen gebracht, was seitdem geschehen war!
Und wenn er nicht auf seinen Schwager eiferschtig gewesen wre, so
htte er kaum dessen Bruch mit der Kirche, den Verkehr mit Spttern zum
Vorwand genommen, sich von den beiden zurckzuziehen. Und wenn der
Schwager antworten wrde: Josefine sei ja berhaupt gar nicht Christin
genug, um aus diesem Grund Ragni zu verdammen, oder darum gleich das
Schlimmste von einem Freidenker anzunehmen -- er, Tuft, wrde antworten,
da solche, die so etwas tun, eben keine Christen sind, sondern
Halbchristen. Der, dem die Liebe zu Gott Lebensgesetz geworden ist,
urteilt berhaupt nicht; aber die anderen tun das um so eifriger.
Josefine hatte nach ihrem ganzen Lebensgang eine Halbchristin werden
mssen, und das war wiederum seine Schuld. Das theologische Studium
unterbindet alles Wachstum des Mannes.

Wie klar er das alles jetzt berschaute! Und darum war es ihm auch so
unertrglich, sie in dieser Seelennot zu wissen. Er rannte so, da er
ganz auer Atem in den Park, ans Tor, ber den Hof und auf die Treppe
kam. Die Haustr war verschlossen, -- es war doch kaum ber zehn! Er
klingelte wieder und wieder, und bald hrte er im Korridor Schritte,
Mnnerschritte. Kallem war es, der ffnete.

"Ist Josefine nicht hier?" -- "Nein." -- "Ist sie nicht hier gewesen?"
-- "Doch, vor anderthalb Stunden." --"Und -- --?" -- "Ich habe ihr mein
Haus verboten." -- "Du hast nicht mit ihr gesprochen?" -- "Nein." -- Da
streckte Tuft die rechte Hand aus: "Jetzt bist auch Du dogmenbesessen!"
wandte ihm den Rcken und strzte fort. Sein breiter Hut ber den
breiten Schultern war wie ein vierkantiger Nachdruck auf seine letzten
Worte.

Es war schon ber elf Uhr -- da klingelte es wieder. Genau auf dieselbe
Art. Kallem erschien sofort. Er war also nicht zu Bett gewesen.

Wieder war es Tuft, der dastand; aber, soweit Kallem zu unterscheiden
vermochte, noch ehe er ihn nher sah, ein ganz anderer, ein verstrter,
verzweifelter Mann. "Wo, denkst Du, knnte sie hingegangen sein,
Edvard?" -- "Ich denke, zu Ragnis Grab wird sie gegangen sein!"

Ein wunder Laut aus der Kehle, ein fast sichtbares Aufwallen von
Schmerz. Und wieder war er auf und davon. Seine schweren Schritte
klangen noch lange herauf durch die Stille der Nacht.

Gegen ein Uhr wieder das Klingeln; aber nur einmal, zaghaft --
angstvoll. Kallem kam sofort aus dem Wohnzimmer; er war also noch immer
auf.

Eine Frau stand vor der Tr. Der kurzsichtige Kallem ging hastig auf sie
zu und erkannte Sissel Aunes Stimme. "Liebster, bester Herr Doktor,
seien Sie doch gut und barmherzig!" fing sie an zu jammern. "Liebster,
bester Herr Doktor!" -- Kallem glaubte, sie komme seiner Schwester
wegen; ihr sei etwas geschehen. Es berlief ihn kalt. Aber Sissel fuhr
fort: "Niemand kann ihn mehr bndigen; jede Nacht ist er wie verrckt."
--"Aune?" fragte Kallem. "Ja. Er glaubt, Kristen Larssen sei hinter ihm
her, und da rennt er davon, immerzu, wer wei, wie weit, in den Wald und
auf die Landstrae; heut ist's die dritte Nacht; und ich _kann_ nicht
mehr! Liebster, bester Herr Doktor -- ich hab' ja sonst niemand, zu dem
ich gehen knnte!" -- sie fing zu weinen an -- "und niemand kann ihn ja
bndigen, auer Ihnen!"

Der muntere Buchbinder und Spielmann verrckt geworden? Also hatte er
sich seiner Macht entzogen? Oder trank er wieder? War es Delirium? Nein,
es war einfache "Verrcktheit" aus Angst vor Kristen Larssens Geist.
Kallem ging sofort mit.

Der Himmel war bewlkt; eine dunkle Nacht. Aber ein frischer Nordwind
begann die Wolken auseinanderzufegen. Er rttelte auch die Bume am Weg;
das laubdichte Rauschen fragte und sprte so manches auf, whrend sie
vorbergingen. War es nicht auch seltsam und wunderlich, da Aune, der
unter den Leuten den Glauben an Kristen Larssens Spukerei aufgebracht
hatte, jetzt selber davonrannte, in sinnlosem Entsetzen -- vor seiner
eigenen Luggeschichte? Jeden Abend, sobald es dunkel wrde, versicherte
Sissel, erschiene ihm Kristen Larssen und wolle ihn in die Hlle mit
sich nehmen! -- "Aber liebe Sissel, es gibt ja gar keine Hlle!" -- Im
selben Augenblick hrten sie aus weiter Ferne einen Schrei, einen
einzigen, endlosen, schneidenden Hilferuf. Wie ein Gespenst stieg er auf
durch die Nacht -- man sah ihn beinahe. "Das ist er!" rief Sissel und
faltete die Hnde. "Jesus Christus! Hilf!" schrie sie und fing zu laufen
an. Kallem eilte ihr nach. "Ruhig, Sissel! So kommst Du blo langsamer
vorwrts. Ruhig gehen, ruhig! Hrst Du?" Sie gehorchte sofort, wandte
sich aber leidenschaftlich zu ihm: "Wer anders als der Satan kann einen
Menschen so hetzen?" fragte sie schweratmend. Da schlug in der Nhe ein
Hofhund an; der Schrei hatte ihn aufgeschreckt; er klffte unaufhrlich.
Kallems Stimme berschrie den Hund: "Aune ist so wenig vom Satan
besessen als der wtige Kter dort! Weit Du, wie berhaupt die Leute
den Satan erfunden haben? Sie glaubten, alles sei vollkommen erschaffen
auf Erden; und da hatten sie niemand, dem sie Schuld dafr geben
konnten, da die Snde in die Welt gekommen war."

Im selben Augenblick fiel der rasende Hund sie an. Sissel flchtete zu
Kallem. "So ein wtiger Pfaff!" rief der und bckte sich nach einem
Stein. Da wich der Kter ein Stck zurck. Ein neuer Schrei -- nher als
der erste -- ein Notschrei aus der letzten Kraft eines Menschen. Ein
Schauder berlief sie; sogar der Hund stutzte. Aber dann setzte er, an
ihnen vorbei, in einem groen Bogen auf den Spuk los. "Gott steh uns
bei -- jetzt hat er ihn!" weinte Sissel auf und strzte vorwrts; dem
Hund durfte der Besessene auf keinen Fall zwischen die Zhne laufen! Und
dabei hrten sie den Kter bellen, bellen, als ob er eine wilde Bestie
vor sich habe, die er im nchsten Augenblick zerreien wollte. Jetzt
liefen sie beide, so schnell sie konnten; Kallem war Sissel bald weit
voraus. Aune konnte es kaum sein, der da in Gefahr war, aus solcher Nhe
hatte der letzte Schrei nicht geklungen. Das rasende Tier war ber den
ersten besten hergefallen. Wer aber war das? Seit seiner Kindheit war
Kallem nicht so gelaufen; er hrte am Bellen des Hundes, da der Gegner
sich wehrte, und lief mit erneuter Kraft. Bald sah er am Wegrand vor
einem Gehlz etwas Groes, Schwarzes, und davor den Hund. Noch einmal
durchschnitt ein Schrei die Nacht; ja, er kam von dort her! Was war das
fr ein groer, schwarzer Klumpen? Doch kein Tier?

Nein, ein Mann war es, ein groer Mann, der mit einem kleineren rang,
und auf beide ging der Hund los. Der Groe schlug nach ihm, sie drehten
sich umeinander; und zugleich hielt der Groe mit der Linken einen
andern gepackt. Und nun erkannte Kallem den breiten Hut ber den breiten
Schultern; Tuft war es, der Aune festhielt, mit Riesenkraft; der Hund
wollte auf Aune los, und Tuft stie ihn jedesmal mit einem Futritt weg.
Wer wei -- Aune mochte glauben, der Hund sei der Teufel und Kristen
Larssens Gespenst halte ihn gepackt; denn der Unglckliche schlug um
sich mit Hnden und Fen, sperrte sich, bi um sich, zerrte und ri, um
loszukommen; jetzt warf er sich hintenber und mit dem letzten heiseren
Rest seiner Stimme kreischte er: "Hilfe! Hilfe!" War seine Angst vorher
schon gro gewesen, so wurde sie erst recht gro, als er Kallem aus dem
Halbdunkel herauswachsen sah: er warf sich zu Boden und brllte. Der
Hund packte ihn sofort am Bein; der Pastor zog beide Beine gleichzeitig
in die Hhe; so rasend war die Bestie, da sie Kallem nicht bemerkte,
bis der ihr einen Futritt versetzte, der sie ein paar Meter weit
wegschleuderte. Ein einziges kurzes Aufheulen, ein Schnappen -- ein Arzt
versteht zu treffen -- und sie sahen und hrten nichts mehr von ihr;
vielleicht war sie tot.

Jetzt nahm Kallem Aune beim Arm und der Pastor lie ihn los. Er war
wirklich bel zugerichtet, der Rock schleppte zerrissen hinter ihm her,
der rmel hing ihm in Fetzen auf die Hand herunter, ebenso sein wollenes
Hemd. Das Blut quoll ihm aus Bi- und Kratzwunden; aber er war so angst-
und wutentflammt, da er berhaupt keinen Schmerz fhlte. Kallem packte
den armen Narren mit beiden Hnden am Kragen, hob ihn zu sich empor und
bohrte mit all seiner durch den raschen Lauf und die Gemtserregung noch
gesteigerten Energie den Blick in die Augen des andern, bis sie ganz
gro und dumm und glasig wurden; mit aufgerissenem Mund und schlaffen
Gesichtsmuskeln hing der Kerl da, wie ein ausgenommener Hering. Als
endlich Sissel atemlos und weinend anlangte, lag Aune unter den Bumen
im Gras und schlief. Die beiden Mnner standen vor ihm. Kallem meinte,
Aune knne da liegen bleiben; Tau wrde nicht fallen, da es windig sei.
Spter wrde man sie beide abholen. Er denke, er werde schon Herr dieser
Verrcktheit werden.

Der Pastor hatte seinen Rock ausgezogen, sich das Blut abgewischt und
wurde, so gut es ging, verbunden; dann gingen er und Kallem heimwrts.

Kein Wort mehr von Aune oder wie er auf ihn gestoen war; aber kaum
standen sie auf dem Weg, sagte Tuft klagend: "Da war sie auch nicht,
Edvard! Da war sie auch nicht!" Und kurz darauf: "Jetzt wei ich nichts
mehr, nein, jetzt wei ich nichts mehr! Da Du sie hast von Dir stoen
knnen, Edvard!" Das laubschwere Sausen der Bume wiederholte es,
wiederholte unaufhrlich: "Da Du sie hast von Dir stoen knnen,
Edvard!"

"Weit Du, was sie geschrieben und neben die Briefe von Dir hingelegt
hatte? Um meines Lebens willen gehe ich zu meinem Bruder!"

Kallem berrieselte es eisig. "Um meines Lebens willen!" sauste es
tausendstimmig, und das Sausen umwand ihn, enger und enger, bis er kaum
mehr Atem zu holen vermochte.

Der Morgen begann zu dmmern; Tufts heies, verzweifeltes Antlitz war
gen Osten gekehrt, als flehe er unaufhrlich: "Gnade, Gnade fr sie!" Er
schritt aus, so schnell er konnte; er wute nicht, wo er sie suchen
sollte; aber er mute gehen, gehen, gehen; -- und Kallem mit.

"Ach, die Angst, die Angst!" jammerte er wieder. "Erinnerst Du Dich noch
der Sturmnacht in unserer Kindheit, Edvard? Wir glaubten, die Welt wrde
untergehen. Weit Du noch, wie Du Dich gefrchtet hast, am Abend darnach
auf den Klippen? Diese ganze Nacht haben auch nach mir die
'Meerungeheuer' gezngelt! Die Angst, die Angst! Die Seelenangst vor der
Sndenstrafe! Von Kindheit an peitscht sie alles Verstndnis aus uns
heraus, gerade wenn wir es am meisten ntig haben! Und wir laufen davon
und verzweifeln, oder werfen uns vor Gott in den Staub. Das Angstdogma
werden wir spter vielleicht los, aber das Anererbte, das Eingebte! Und
eben wie ich darber nachdachte, stolperte ich ber den verrckten Kerl;
er sprang auf -- die Angst war in ihm -- er glaubte, ich sei ein
Gespenst und der Hund sei der Teufel! Und Josefine! Auch sie verzweifelt
und luft davon! Und Du, Edvard! Auch Du, auch Du stehst unter dem
Eindruck dieser Angst, wenn Du das Herz hast, sie noch mehr zu peinigen,
als sie selbst sich schon peinigt! Denn das ist das schlimmste bei
dieser Angst -- sie macht uns schlecht; wer selber geschreckt worden
ist, lernt andere schrecken!" -- Die Worte fielen schwer, wie seine
Schritte schwer klangen; Kallem redete nicht; wenn er litt, war er
stumm.

Der Sohn des Laienpredigers aber hatte von kindauf alles Erleben in
Lehren umsetzen hren. Er verblutete in seinem Innern; aber er sprach
die ganze Zeit. Kallem drfe nicht an Josefine zweifeln; sie sei das
ehrlichste, wahrhaftigste Geschpf auf Erden. In dieser Sache sei sie
von ihm irregeleitet worden. Voll innigstem Mitgefhl legte er die
Geschichte ihrer Seele blo, so wie er selbst sie sah, und bewies
deutlich -- wenn ihr Bruder sie _jetzt_ von sich stiee, so knne sie
nicht weiterleben.

Kallem warf dann und wann ein "Lieber Ole!" -- "Hr' mal, Ole!"
dazwischen -- aber weiter kam er nicht. Denn selbst, als er den Schwager
mit sich nach Hause nahm, um seine Wunden genauer zu untersuchen, redete
Tuft unaufhrlich. Es war, als ob das Entsetzen, die Ungewiheit ihn
bermannen wrden, wenn er schwiege; und dann -- Edvard _sollte_ sie so
sehen, wie _er_ sie sah, und vor allem, er sollte ihr helfen! "Allen, die
gefehlt haben, mssen wir helfen; und vor allem mssen wir denen helfen,
die gegen _uns_ gefehlt haben, sobald wir selber ihre Schuld einsehen!
Gottes Vergebung besteht darin, da er uns dann weiter hilft!" -- Noch
als Kallem ihn zur Tr begleitete, fuhr er in seiner Auseinandersetzung
fort; seine Riesenkraft gab auch jetzt noch nicht nach. O Gott! Wenn sie
vielleicht doch mittlerweile zu ihrem Kind und zu ihm zurckgekehrt
wre! Seine Hoffnung war freilich nur gering; aber er lief doch, so
rasch er konnte.

Es wurde heller und heller. Kallem konnte nicht schlafen. Schlielich
hielt er es gar nicht mehr aus. In einer Angst, grer als er seinem
Schwager hatte zeigen wollen, wanderte er durch alle Zimmer, wieder und
wieder, als msse er das Haus durchsuchen. Denn es war ja wahr: auch er
hatte nur geurteilt und verdammt.

Die Schwester hatte immer mehr an ihm gehangen, als er an ihr. Seitdem
sie diesen Winter zusammen getanzt hatten, wute er, da ihre Liebe sich
nicht verringert hatte. Ja, selbst als er sie geschlagen hatte -- war
sie da nicht zu ihm gekommen, um ihm Gutes zu erweisen? Ihr Ausfall
gegen Ragni damals ... natrlich steckte da noch mehr dahinter als
Dogmenblindheit, -- Eifersucht! Eifersucht war es, weil er alles nur
noch Ragni war und ihr nichts mehr. Er htte die beiden Frauen
zusammenfhren knnen; daran war kein Zweifel mglich. Aber hatte er
auch nur einen Finger deswegen gerhrt?

Je mehr er in die Tiefe stieg, desto mehr schrumpfte sein Recht, streng
zu sein, zusammen; er war ja mitschuldig! Die groen Augen der Schwester
von gestern Abend, ... jetzt schauten sie ihn in der uersten Not an,
jetzt _sah_ er sie! Ihr ganzes Leben lang hatte sie, unklar und scheu,
wenn nicht die Leidenschaft einmal die Luft reinigte, eingezwngt in
widernatrliche Lehren, trotzig auf ihrer Wahrhaftigkeit beharrend,
ausgeschaut nach ihm, Jahr fr Jahr, Monat fr Monat, Tag fr Tag. Und
als er endlich kam, stie er sie beiseite. Stie sie beiseite um einer
Frau willen, die seiner nicht wrdig war -- so wie _sie_ die Sache
auffassen mute.

Arme, arme Josefine! Er war ihr tatschlich nie etwas gewesen, hatte ihr
nur wehgetan, und doch hatte sie sich so treulich nach ihm gesehnt!

Es wurde ihm schwl in den Zimmern; und eine Angst berkam ihn. Es trieb
ihn hinaus, die Schwester zu suchen. Heller und heller wurde es; im
Vorgefhl des Morgens schlug er die Verandatr zurck. Aber er hatte ja
da drauen nichts zu schaffen; im Gegenteil, er mute sie wieder
schlieen, wenn er ausgehen wollte. Er trat hinaus, um sie wieder
zuzumachen, und blickte dabei zufllig zur Seite: von der Veranda gegen
den Nordwind geschtzt, auf Ragnis Bank unter den Fenstern seines
Studierzimmers sa Josefine, ihr Tuch ber den Knien. Sie sah ihn und
kroch in sich zusammen wie ein flgellahmer Vogel, der sich nicht vom
Fleck rhren kann und doch Angst hat, man knne ihn sehen. Und doch sa
sie ja blo dort, damit er sie sehen solle! Nirgends anders konnte sie
sein; sie hatte es versucht! Er eilte die Treppe hinunter, auf sie zu.
Da zitterte sie. "Ach nein, nein Edvard! La mich sitzen!" bat sie und
brach in Trnen aus. Und noch als er ihren Arm fate und sie emporhob,
flehte sie, weich wie ein Kind: "Ach nein, Edvard, la mich!" Weiter
aber kam sie nicht. Sie fhlte, da sie an seiner Brust lag, fhlte die
Bewegung, die sein Innerstes erschtterte. Nein, er war nicht bse! Er
wrde sie doch vielleicht anhren! Und sie schlang ihre Arme um ihn, und
ihre Trnen mischten sich mit seinen. So standen die beiden Geschwister,
Kopf an Kopf, Wange an Wange; und alles Verwandte in ihren Nerven und
ihrem Blut, das lteste und ursprnglichste in ihrem Fhlen, das
heimisch-vertraute in ihrem Erinnern, bis auf den leisen Geruch ihrer
Kleidungsstcke drauen im Flur bei Vater und Mutter, all das strmte
jetzt zusammen im Verlangen, nimmermehr voneinander zu lassen.

Und dennoch -- als er mit ihr der Veranda zuschritt, zgerte sie; sie
wagte nicht, ihm dahinein zu folgen. Durch Trnen sah sie zu ihm auf; er
zwang sie vorwrts, Schritt fr Schritt; noch auf der Treppe zgerte
sie. Aber er zog sie weiter, bis sie in der Wohnstube standen; hier
schlang sie wieder die Arme um ihn, sank dann auf einen Stuhl und barg
das Gesicht in den Hnden; das ganze Zimmer lauschte lange ihrem Weinen;
und er mit.

Endlich ging er zu ihr hin und strich ihr bers Haar; aber er wute,
nicht er war es, der das tat; sondern Ragni.

Dann schritten sie in der Sommernacht Arm in Arm durch eine morgenwache
Stadt, wo die Menschen noch schliefen. Der edle Gang der beiden hohen
Geschwistergestalten hallte im Takt der alten Tage. Ohne ein Wort
darber zu verlieren, gingen sie, um Ole zu suchen, verpaten aber den
Richtweg und kamen hinunter auf die Strandstrae. Bald bogen sie ab,
hinauf nach dem Pfarrhaus; sie waren schon ein paar Schritte auf diesem
Weg gegangen, als Josefine, wie aus einem Zwang heraus, den Kopf nach
dem Strand zurckwandte. Sofort hielt sie Edvard an. "Da ist er!"
flsterte sie. Von dort her kam Tuft. Er ging schnell, schnell, hielt
aber den Kopf so tief gesenkt, als vermge er dessen Last nicht mehr zu
tragen. Vergebens hatte er den ganzen Strand abgesucht nach ihr; nun
wollte er weiter suchen, in sdlicher Richtung -- ebenso vergeblich,
aber ebenso schnell. Beide verstanden; ihr Arm zitterte im Arm des
Bruders. Fest schmiegte sie sich an ihn; denn vor wenigen Augenblicken
noch hatte sie ihm gesagt: htte der Bruder sie aus seinem Garten
verjagt, dann --! Still! Sie wandten um und gingen Ole entgegen.
Hellhrig, wie er war, vernahm er sofort die Schritte -- er blickte auf,
erkannte sie, breitete die Arme aus; weitergehen konnte er nicht mehr,
auch nicht sprechen. Josefine aber machte sich los vom Arm des Bruders
und eilte zu ihm.

       *       *       *       *       *

Langsam gingen alle drei nach Hause; der Pastor, Josefine am Arm, -- auf
der andern Seite Kallem. Immer wieder sagte er: "Auf Gottes Wegen! Auf
Gottes Wegen!"

"Aber ich bin nicht Deines Glaubens!" versuchte Kallem einzuwenden.
"Nein, nein, nein!" rief der Pastor eifrig. "Wo gute Menschen gehen, da
sind Gottes Wege!"FOOTNOTES:

Anmerkungen:

[Anmerkung 1: Halbhohe, geftterte Schuhe aus weichem Renntierleder.]

[Anmerkung 2: Eine Erika-Art.]

[Anmerkung 3: Eine Violenart.]

[Anmerkung 4: Von der Familie der Ranunkeln.]

[Anmerkung 5: Kreuzkraut.]

[Anmerkung 6: Linsenwicke.]

[Anmerkung 7: _Felix Niemeyer_ (1820--1871), Arzt, Universittsprofessor in
Greifswald und Tbingen. Hauptschlich bekannt durch sein "Lehrbuch der
speziellen Pathologie und Therapie".]

[Anmerkung 8: Kleiner Stoschlitten.]






End of Project Gutenberg's Auf Gottes Wegen, by Bjrnstjerne Bjrnson

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUF GOTTES WEGEN ***

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assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
