Project Gutenberg's Kriegsbuechlein fuer unsere Kinder, by Agnes Sapper

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Title: Kriegsbuechlein fuer unsere Kinder

Author: Agnes Sapper

Release Date: April 18, 2004 [EBook #12075]

Language: german

Character set encoding: ASCII

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KRIEGSBUeCHLEIN FUeR UNSERE KINDER ***




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Kriegsbuechlein

fuer unsere Kinder


Von

Agnes Sapper


1914




Meinen lieben Enkeln

  Theo
  Otto
  Eduard

gewidmet im Kriegsjahr 1914




Inhaltsverzeichnis


Heimkehr aus Oesterreich
Der 4. August
Das Pfarrhaus in Ostpreussen
Die Konservenbuechsen
Zu welcher Fahne?
Der kleine Franzos
In Gefangenschaft
Der junge Professor
Allerlei Kriegsbilder




Die Heimreise aus Oesterreich


"Ist das ein koestlicher Friede hier oben! Kinder, wie haben wir's gut,
wie wollen wir die vier Wochen geniessen!" Frau Lissmann stand auf der
Altane eines kleinen Bauernhauses in einem weltentlegenen
oesterreichischen Doerfchen. Sie war am Vorabend mit ihren zwei juengsten
Kindern hierher in die Sommerfrische gekommen. Die Kinder--ein Knabe von
zehn und ein Maedchen von zwoelf Jahren sahen auch aus, als ob sie eine
Erfrischung brauchten. Beide hatten im Fruehjahr Scharlachfieber gehabt
und sich schwer davon erholt; auch die Mutter war angegriffen durch die
Pflege. So hatte Herr Lissmann, der in Muenchen Lehrer an einer
Kunstschule war, fuer diese drei Glieder seiner Familie einen stillen
Sommeraufenthalt in den Tiroler Bergen ausgewaehlt. Er selbst hatte Ende
Juli eine Studienreise nach Paris angetreten. Sein aeltester Sohn Ludwig
war in Passau, wo er sein Einjaehrigenjahr abdiente. Es blieb noch
Philipp, der siebzehnjaehrige, der Gymnasiast, zu versorgen. Der waere
wohl gerne mit Mutter und Geschwistern ins Gebirge gereist; allein er
war ein etwas leichtsinniger Schueler und hatte im Schuljahr so wenig
gearbeitet, dass er in den Ferien lernen musste. So uebergaben ihn die
Eltern einem Lehrer, der alljaehrlich eine Anzahl Ferienschueler aufnahm,
und Philipp musste sich darein ergeben, statt nach Tirol oder gar nach
Paris nach Hinterrohrbach zu reisen!

Wieviel hatten all diese Plaene zu ueberlegen gegeben, und welche Muehe war
es gewesen, fuer die nach verschiedenen Richtungen Abreisenden alles
Noetige herbeizuschaffen und die Koffer zu packen! Und dann die grosse
Wohnung abzuschliessen und alles gut zu versorgen fuer die lange
Ferienzeit! Kein Wunder, dass Frau Lissmann jetzt, nachdem all das hinter
ihr lag, aufatmete und mit Wonne in die stille Landschaft blickte.

"Herrlich ist's!"

Auf diesen Ausruf der Mutter waren beide Kinder herbeigeeilt und auf die
Altane getreten. Wie schoen war's, die Mutter fuer sich zu haben, die
Mutter, die nun Zeit und Ruhe hatte und so beglueckt in die schoene
Landschaft hinausschaute.

Ja, es war herrlich; zwar regnete es die ersten Tage, und in dem
Doerfchen wurden die Wege bodenlos; aber man war doch traulich beisammen,
konnte sich recht ausruhen und erholen. Nur eins vermissten unsere
Sommerfrischler: Nachricht von den fernen Lieben. Man war wie von den
Menschen abgeschlossen, in diesem von der Bahn weit abliegenden Oertchen,
in das nur zweimal woechentlich ein Postbote kam.

Eines Morgens brach die Sonne durch, waermte, trocknete und vertrieb die
Nebel. Die bisher verhuellten Bergspitzen hoben sich vom tiefblauen
Himmel ab und lockten hinaus. So wurde denn auch fuer den naechsten Tag
ein grosser Ausflug geplant, und am fruehen Morgen brachen sie auf, die
Mutter, Karl und Lisbeth mit Bergstoecken bewaffnet, mit Rucksaecken
versehen. Ihr Ziel war der Bergpass, von dem aus man hinuebersehen konnte
in die Gletscher der Venedigergruppe. Gute Fussgaenger machten das leicht
in einem halben Tag, aber sie wollten sich einen ganzen Tag dazu nehmen
und auf der Passhoehe uebernachten, wo eine einfache Unterkunft fuer
Sommergaeste war und von wo aus sie am naechsten Morgen den Sonnenaufgang
sehen konnten. "Wenn es uns gar zu gut gefaellt dort oben, bleiben wir
vielleicht zweimal ueber Nacht, also haben Sie keine Sorge um uns," sagte
die Mutter noch beim Abschied zu der freundlichen Baeuerin, bei der sie
wohnten.

Wie war das schoen fuer unsere drei Sommerfrischler, auf dem
Bergstraesschen, das sachte anstieg, immer weiter hinter in das enge Tal,
immer naeher auf die hohen Berge zu zu marschieren! Hie und da traf man
auch andere Wanderer, die den schoenen Tag benuetzten. Gegen Mittag wurde
im Freien getafelt und nach einer laengeren Rast ging es mit frischen
Kraeften vorwaerts. Die Strasse wurde steiler, der Anstieg muehsamer. "Nur
sachte voran," mahnte die Mutter, "wir haben viel Zeit vor uns. Schaut
euch um, es wird immer schoener."

Je hoeher sie kamen, um so mehr neue Bergspitzen stiegen auf, und
ploetzlich--die Passhoehe war erreicht--leuchtete das grosse Schneefeld des
Venedigers vor ihnen auf. Ein paar Schritte noch, und man stand an der
Unterkunftshuette und hatte vor sich das herrlichste Gebirgspanorama.

So grossartig und erhebend war der Anblick, dass sie wie aus _einem_ Mund
riefen: "Da bleiben wir, o da gehen wir nicht so schnell wieder
herunter!"

Und so kam es auch. Als einzige Gaeste der munteren Sennerin, die allein
die Huette bewirtschaftete, brachten sie zwei Tage in der stillen,
friedlichen Bergeinsamkeit zu. Nichts war zu sehen, als die erhabene
Gebirgswelt, nichts zu hoeren von dem, was tief unter ihnen die Menschen
in ihren Staedten beschaeftigte.

Am dritten Tag umwoelkte sich der Himmel, die hohen Berge waren verhuellt,
das erleichterte den Abschied. Mutter und Kinder traten den Heimweg an,
und hochbefriedigt von diesem ersten Ausflug planten sie weitere fuer die
naechsten Wochen.

Als gegen Abend in der Ferne das Doerfchen erschien, freuten sie sich
doch wieder auf dieses Heim. Endlich mussten ja auch Nachrichten
eingetroffen sein von den Lieben, die so weit zerstreut waren. Wie oft
hatten sie sie herbeigewuenscht, fast am meisten den siebzehnjaehrigen
Philipp, den lustigen Jungen, der nach Hinterrohrbach verbannt war und
arbeiten sollte, waehrend sie durch die herrliche Gebirgswelt streiften.
Nun kamen sie am ersten Haeuschen vorbei; unter der Tuere standen der
Bauer, seine Frau und die Kinder und vor ihnen zwei Burschen, jeder mit
einem Militaerkoffer in der Hand. Sie hatten voneinander Abschied
genommen. "B'huet Gott, b'huet Gott, kommt g'sund wieder," riefen ihnen
die Dorfbewohner nach. Der eine der Burschen wandte sich noch einmal um
und rief froehlich zurueck: "Eine jede Kugel, die trifft ja nicht!"

"Hast du gehoert, Mutter?" rief Karl, "die ziehen in den Krieg!"

"Ja, offenbar," sagte die Mutter, "aber es hiess doch, die Tiroler muessten
nicht einruecken. Bloss die Regimenter an der Grenze sollten gegen Serbien
ziehen."

Sie gingen weiter, kamen wieder an einem Haus vorbei, an dem eine Gruppe
von Leuten beisammen stand, die lebhaft miteinander sprachen. Im
Vorbeigehen hoerten sie sagen: "In Kufstein ist es schon vorgestern
angeschlagen gewesen."

"Was denn?" fragte Frau Lissmann und trat zu den Leuten.

"Dass die Russen den Krieg erklaert haben."

"Nein, wirklich?" sagte Frau Lissmann zweifelnd; "es wird ein falscher
Laerm sein."

Nun redeten alle zusammen: "Gestern ist's bekannt gemacht worden:
Allgemeine Mobilmachung.--Es geht nicht nur gegen die Serben, nein auch
gegen die Russen; die stecken dahinter. Ja, jetzt wird's ernst."

Ein Maedchen stand dabei, das schlug die Schuerze vor die Augen und ging
weinend ins Haus zurueck. Ihre Eltern sahen ihr nach: "Es ist hart fuer
sie, am Sonntag haette die Hochzeit sein sollen, nun muss er in den
Krieg."

Frau Lissmann konnte kaum glauben, was sie hoerte. "Kommt, Kinder, kommt
heim; vielleicht ist ein Brief da oder eine Zeitung, ich habe noch
keine gesehen, seit wir hier sind; es waere ja schrecklich, wenn dies
alles wahr waere!"

Sie eilten; wenn sie nur irgend eine Nachricht vorfaenden! Als sie sich
dem Haeuschen naeherten, kam ihnen die Baeuerin schon entgegen: "Kuess die
Hand, gnae' Frau! Gottlob, dass Sie da sind! Wir haben alleweil nach Ihnen
ausgeschaut. Dass Sie nur nicht erschrecken: zweimal ist der
Telegraphenbote da gewesen. Zwei Telegramme hat er fuer Sie gebracht. Es
wird halt alles wegen dem Krieg sein. Droben auf dem Tisch liegt alles
beisammen."

Nun eilten sie die Treppe hinauf. Telegramme, Zeitungen, einen ganzen
Pack, fanden sie vor. Das erste Telegramm, das Frau Lissmann oeffnete, kam
von dem Lehrer in Hinterrohrbach und lautete: "Bin einberufen, muss
Philipp heimschicken." Die Mutter und die Geschwister waren bestuerzt!
Heimschicken! Das Heim war ja verschlossen!

Nun das zweite Telegramm, das kam vom aeltesten Sohn Ludwig, von dem
Einjaehrigen: "Unser Regiment kommt an die franzoesische Grenze! Ich komme
noch fuer einen Tag nach Hause."

Ja, war denn nicht nur mit Serbien und Russland Krieg? Und nicht nur
Oesterreich, auch Deutschland machte mobil? "Die Zeitungen her, Kinder!"
Sie griffen alle drei gierig danach; da stand es ja in grossen Buchstaben
ueber das ganze Blatt: _Krieg mit Russland! Krieg mit Frankreich_!
Entsetzt stand Frau Lissmann. Krieg nach beiden Seiten! Und vom Vater,
der eben nach Paris gereist war, von ihm keine Nachricht? Und der
aelteste Sohn musste sofort mit in den Krieg! Und der juengere, wo trieb
der sich herum?

Einen Augenblick stand sie wie niederschmettert von all diesen
Nachrichten, die so viel Sorgen auf einmal brachten; und auch die Kinder
verstummten. Krieg! Das war etwas, von dem man nur in der
Geschichtsstunde gehoert hatte, und nun trat das ploetzlich herein, ins
eigene Leben, in die Familie! Die Mutter raffte sich auf: "Kinder, wir
muessen heimreisen so rasch wie moeglich!"--"Ja, Mutter, schnell,
schnell," rief Lisbeth aengstlich. "Die Brueder koennen ja gar nicht ins
Haus herein!" Karl war nicht so schnell gefasst. "Jetzt sollen wir schon
wieder abreisen? Einen einzigen Spaziergang haben wir erst gemacht!
Koennen wir nicht wenigstens morgen noch an den Schwarzsee? Kommt es denn
auf einen Tag an?"

Aber die Mutter antwortete darauf kaum. Sie fasste sich mit beiden Haenden
an den Kopf, alle Gedanken musste sie zusammennehmen. Sie holte den
Fahrplan, aber sie war kaum imstande, die kleinen Zahlen puenktlich
anzusehen. Krieg! Krieg! Das schreckliche Wort, das so aufdringlich
vorne in der Zeitung stand, raubte ihr die Besinnung. Sie konnte es noch
gar nicht fassen, dass sie so ahnungslos, so vergnuegt und gluecklich in
den Bergen herumgestiegen war, waehrend ein so grenzenloses Unglueck ueber
das Vaterland hereinbrach. Aber sie musste nun handeln, musste packen,
abreisen! Es war sechs Uhr abends; wenn sie den Wagen bestellte, der
sie von der Bahnstation hiehergebracht hatte, so konnte sie noch den
Nachtzug nach Muenchen erreichen. "Lisbeth, fange an einzupacken; wie es
kommt, nur schnell! Ich gehe mit Karl ins Wirtshaus, um den Wagen nach
der Bahn zu bestellen."

In der Dorfstrasse, an einem Scheunentor, war ein grosses Plakat
angeschlagen. "Sieh, Mutter," sagte Karl, "vom Kaiser von Oesterreich:
'An meine Voelker!' Das moechte ich lesen."--"So lies, ich gehe zum Wirt."
Der Wirt aber war mit den Pferden fort. Er hatte einen Leiterwagen voll
einberufener Burschen zur Station fahren muessen und konnte erst nachts
zurueckkommen. Andere Pferde gab's nicht--vor dem naechsten Morgen war
nichts zu machen. "Aber dann gewiss?" fragte Frau Lissmann. "Um wieviel
Uhr koennen wir wohl abfahren?" Die Wirtin konnte dies nicht sagen, sie
muesste erst mit ihrem Manne sprechen. Sie lasse dann durch einen Burschen
Bescheid sagen. "Um neun Uhr vielleicht."--"So spaet?"--Ja, die Pferde
muessten doch ausruhen und ihr Mann auch; der Knecht sei schon einberufen,
und ihre zwei Soehne, ihre einzigen Kinder, auch. Die Traenen traten ihr
in die Augen. Bekuemmert verliess Frau Lissmann das Haus.

Karl hatte inzwischen den Ausruf des Kaisers gelesen, mit der
begeisterten Aufforderung, in den Krieg zu ziehen, der dem Vaterland
aufgezwungen war. Und unter dem Ausruf war ein Telegramm angeschlagen,
das besagte, dass auch Deutschland, als treuer Bundesgenosse
Oesterreichs, seine ganze Heeresmacht mobil mache. Da fuehlte der Junge,
was das Grosses bedeute; er spuerte keine Lust mehr, spazieren zu gehen.
Nein, er begriff, dass der Mutter der Boden unter den Fuessen brannte und
dass sie ungluecklich war, nicht heim zu koennen, wo man sie so noetig
brauchte. Aber man musste sich bis zum naechsten Morgen gedulden. Die
Koffer wurden gepackt und alles zur Abreise gerichtet--daran sollte es
wenigstens nicht fehlen! Dann kam die Nacht. Sie brachte doch den Mueden
Schlaf; sie konnten sich ihm ja auch ruhig ueberlassen, wenn doch vor
neun Uhr keine Moeglichkeit war, fortzukommen.

Aber um fuenf Uhr morgens klopfte die Hausfrau. Die Wirtin schicke her;
ihr Mann muesse Burschen zum Fruehzug fahren, im Leiterwagen; wenn sie
aufsitzen wollten, es waere noch Platz. Aber sie muessten gleich kommen, es
sei schon angespannt.

Keinen Augenblick besann sich Frau Lissmann. "Jawohl, wir kommen, der
Wirt soll doch ganz gewiss warten!--Auf, auf, Kinder! Nicht waschen,
nicht kaemmen! Nur Kleider und Stiefel anziehen!" Die Kinder fuhren aus
den Betten und waren gleich munter. Sie lachten: Nicht waschen, nicht
kaemmen? So ein Befehl von der Mutter? Nur so vom Bett aus fort und mit
Bauernburschen auf einen Leiterwagen!

Solch ein Abenteuer! Und wie die Mutter alles zusammenraffte und in die
Reisetasche stopfte und wie sie sich alle den Mund verbrannten an der
frisch abgekochten Milch, die die Baeurin schnell brachte! Und wie sie
dann, noch mit dem Fruehstuecksbrot in der Hand, ueber die Dorfstrasse dem
Wirtshaus zuliefen und die Baeurin ihnen noch nachsprang mit Schwamm und
Kamm, die sie vergessen hatten!

Als sie vor dem Wirtshaus ankamen, stand da der Leiterwagen, aus dem
fuenf Bauernburschen ihnen neugierig entgegen sahen und der Wirt sass
schon oben, die Peitsche in der Hand, stieg aber noch einmal ab, als er
sah, wie Frau Lissmann ratlos am Wagen stand und nicht wusste, wie man den
erklettern musste. Er half kraeftig nach und so sassen sie bald alle drei
nebeneinander auf quer herueber gelegtem Brett und die Fahrt ging los.
Mit viel Jauchzen und Winken, das aus allen Fenstern erwidert wurde,
verliessen die Burschen das Doerfchen. Sie waren aus benachbarten Hoefen
und Weilern zusammengekommen, lauter grosse, kraeftige Leute; guten Muts
fuhren sie hinaus in den Krieg.

Die Zeit draengte, die Pferde wurden tuechtig angetrieben und der
Leiterwagen stiess, dass unsere drei leichten Staedter, die noch nie in
einem Wagen ohne Federn gefahren waren, ordentlich in die Hoehe flogen
und gar nicht wussten wie ihnen geschah. Lisbeth hielt sich krampfhaft
fest an den Brettern. Sie hatte noch immer Schwamm und Kamm in der Hand
und traute sich nicht loszulassen. Karl lachte und hatte seinen Spass an
dem "Hopsen". Der Mutter war es weniger zum Lachen; das Stossen tat ihr
weh. Einer der Burschen musste es ihr anmerken. Neben dem Wirt lag eine
Pferdedecke, die langte er herunter. "Frau," sagte er, "da setzen Sie
sich drauf und das kleine Fraeulein auch."

Sie nahmen es dankbar an und nun war Freundschaft geschlossen zwischen
den Reisenden, ohne viel Worte, denn die holperige Fahrt machte das
Verstehen schwer.

"Mein Sohn muss auch mit in den Krieg," sagte Frau Lissmann und sah die
jungen Leute warmherzig an, als kuenftige Kriegskameraden ihres Sohnes.

"Muss er sich in Wien stellen?"

"Nein, wir sind Deutsche, aber wir halten ja mit den Oesterreichern."

"Wohl, wohl; gegen den Russen und den Franzos. Das gibt Arbeit! Ein Volk
allein koennt's nicht ausrichten, aber Deutschland und Oesterreich
zusammen, die koennen's machen!"

Auf der Strasse sah man einen Burschen mit dem Militaerkoffer in der Hand.
Vom Wagen aus wurde er angerufen: "Steig ein, Kamerad!" Der Wirt murrte:
"Sind so schon genug!" Aber er fuhr doch langsamer und mit einem Satz
sprang der Soldat auf; sie rueckten kameradschaftlich zusammen und nun
ging's weiter im Galopp; denn der Wirt sah manchmal bedenklich auf seine
Uhr, ob es wohl noch bis zum Zugabgang reichen wuerde. Als endlich die
Stadt sichtbar wurde und der Leiterwagen ueber das Strassenpflaster
holperte, stimmten die kuenftigen Krieger ein Soldatenlied an, wodurch
die Leute an ihre Fenster gelockt wurden und mit lauten Zurufen und
Winken gruessten. Unsere drei Reisenden winkten ebenso eifrig, man hielt
sie natuerlich fuer die Angehoerigen dieser Burschen, so galten auch ihnen
die Gruesse.

Das Aussteigen war wieder ein Kunststueck, aber die Burschen kannten sich
jetzt schon aus und einer, der ein besonders grosser, staemmiger Kerl war,
hob ohne weiteres zuerst die Kinder, dann die Mutter herunter, die sich
ganz elend und zerschlagen fuehlte von dieser Fahrt im Leiterwagen. Aber
sie achtete nicht darauf; wenn es nur nicht zu spaet war!

Ein furchtbares Getriebe war am Bahnhof; eine Menschenmenge draengte sich
an den Schalter, wie es diese kleine Stadt vielleicht noch nie erlebt
hatte; zum Teil waren es Einberufene, zum groesseren Teil aber
Sommerfrischler, die alle des Krieges wegen heimreisen wollten. Mitten
in das Draengen und Druecken der Leute, die fuerchteten zu spaet zu kommen,
klang jetzt der Ruf eines Bahnbeamten: "Nichts zu eilen, der Zug hat
drei Stunden Verspaetung!"

Das war eine Nachricht! Allgemeiner Schrecken und Entruestung! "Nun, das
geht gut an! Ja, da erreicht man ja den Schnellzug nicht mehr! Ist das
ein Unfug, eine Ruecksichtslosigkeit!" Da erhob ein aelterer Herr mitten
im Gedraenge den Arm, man sah unwillkuerlich auf ihn und da das Murren
etwas verstummte, sprach er mit ernster Stimme: "Meine Herren, das ist
kein Unfug, das ist der Krieg. Wir werden noch ganz andere Dinge erleben
muessen als das!"

Da schwiegen die Leute und ergaben sich; holten sich ruhig nach
einander die Karten und suchten sich da und dort ein Plaetzchen zum
Ausruhen, eine Gelegenheit zur Staerkung, eine Zeitung mit neuen
Nachrichten. Sie zerstreuten sich, aber es zog sie doch alle bald wieder
an die Bahn. Jeder ahnte, dass es schwierig sein wuerde, im Zug Platz zu
bekommen. Auch Frau Lissmann stand bald wieder mit ihren Kindern im
dichten Gedraenge. In ihrer Naehe bemerkte sie die Gruppe der jungen
Leute, mit denen sie gefahren war, und es ueberkam sie das Verlangen,
diesen ins Feld ziehenden Burschen noch eine Freundlichkeit zu erweisen.
Welch' schweren Zeiten mochten sie entgegen gehen! Ihr junges, gesunden
Leben mussten sie einsetzen fuers Vaterland. Haette sie doch frueher daran
gedacht, wenigstens ein paar Zigarren zu kaufen! Sie sagte es den
Kindern. Die nahmen den Gedanken eifrig auf.

"Mutter, es dauert ja noch eine Viertelstunde, wir haben noch Zeit!
Draussen, am Obststand, waren auch Zigarren zu kaufen!" Sie draengten,
baten um das Geld, wollten durchaus noch einkaufen. Da gab die Mutter
nach. Es war schwierig, gegen den Strom der Menschen nach rueckwaerts zu
draengen. Mit Muehe schoben sie sich durch und erwarben die Zigarren. Aber
dann gelang es ihnen nicht mehr, ihren frueheren Platz in der Naehe der
Burschen zu erobern; andere hatten sich vorgedraengt.

"Allein kaeme ich schon durch," versicherte Karl.

"So nimm die Zigarren, gib sie ab und sage einen Gruss; wir wuenschten
ihnen von Herzen Glueck in den Krieg!" Der Knabe schlaengelte sich
geschickt zwischen den Leuten zu den Burschen hindurch. Die Mutter sah
von ferne, wie sie ueberrascht waren und einer nach dem andern dem jungen
Ueberbringer freundlich dankte. Der fand sich auch gluecklich wieder
zurueck und sie freuten sich zusammen ueber die kleine Liebesgabe, die sie
uebergeben hatten. Es war vielleicht eine der ersten von den Tausenden,
ja Millionen, die im Laufe des Krieges gespendet wurden.

Endlich--es war heisse Mittagszeit geworden--kam der Zug an! Aus allen
Fenstern johlten Burschen denen entgegen, die am Bahnhof standen und ein
unbeschreiblicher Laerm, ein beaengstigendes Draengen entstand. Die Wagen
wurden von den Maennern gestuermt, Frauen und Kinder blieben zurueck, und
wo sie hinein wollten, hiess es: "Voll, uebervoll!"

Die Beamten troesteten: "In drei Stunden kommt wieder ein Zug."

Aber wer wollte noch einmal warten, und wer wusste, ob es dann mehr Platz
gaebe? Frau Lissmann mit den Kindern lief hin und her, ueberall standen die
Leute bis an die Trittbretter und wollten niemand mehr einlassen. Da
ploetzlich hoerte sie eine Stimme: "Nur herein, es geht schon noch!" Ein
starker Arm streckte sich ihr entgegen und ehe sie wusste, wie es
zugegangen, stand sie mit den Kindern eingekeilt in dem schmalen Gang
eines Wagens dritter Klasse, obwohl sie Karten zweiter Klasse geloest
hatte. Der Zug fuhr ab, eine Menge verzweifelter Leute zurueck lassend.
"Gottlob!" rief Frau Lissmann, sie zitterte noch vor Erregung. "Wo ist
denn mein Hut?" fragte Karl, "man hat ihn mir vom Kopf gerissen!" "Macht
nichts," troestete die Mutter, "das ist der Krieg, hat der Herr gesagt.
Gottlob, dass wir alle drei im Zuge sind. Irgend jemand hat uns geholfen,
sonst waeren wir nicht herein gekommen."

"Das war ja der grosse Soldat, der uns aus dem Leiterwagen gehoben hat,
hast du ihn denn nicht erkannt, Mutter?"

"Nein, ich habe nur einen Arm gesehen, der sich nach uns ausgestreckt
hat. Ich konnte ihm auch gar nicht dafuer danken."

Ein Mitreisender hatte das Gespraech gehoert, er mischte sich ein: "Da ist
nichts zu danken. Sie sind Deutsche, wir sind Oesterreicher; wir sind
Verbuendete und helfen einander. Ich werde Ihnen jetzt einen Sitzplatz
schaffen" und er nahm seinen Handkoffer und stellte ihn auf den Boden
des Ganges. "So, nun nehmen Sie Platz," sagte er freundlich. "Fuer das
Toechterl bleibt auch noch ein Eckerl und der Bub, der will doch auch
einmal Soldat werden, der uebt sich einstweilen im Stehen."

Langsam fuhr der ueberfuellte Zug. An jeder Station gab es laengeren
Aufenthalt; eine Menge Einberufene draengten noch herein und immer wurden
sie mit froehlichen, heiteren Zurufen begruesst. Ein Wiener Zug, schon voll
eingekleideter Soldaten, die ins Feld zogen, fuhr vorbei. Aus den
Gueterwagen schauten die Bursche Kopf an Kopf, ihnen wurde besonders
lebhaft zugejubelt. Allerlei Aufschriften, mit Kreide an den Wagen
angeschrieben, bezeugten die froehliche Stimmung der Krieger. An einem
war zu lesen:

  Serbien
  Du musst sterbien!

Und unter dem Briefschalter des Postwagens stand: 'Hier werden noch
Kriegserklaerungen angenommen.' Unter Lachen und lautem "Heil, Heil"
rufen, fuhr man an dem Zug vorueber.

So verging Stunde um Stunde; immer dumpfer und drueckender wurde es in
dem Wagen. Ein kleines Kind schrie unablaessig; seine blasse Mutter
entschuldigte sich: sie kam schon aus Italien, fuhr seit zwei Tagen
ununterbrochen. Einer Frau wurde es schlecht; ein Bub stiess des Vaters
volles Bierglas um, das zum Fenster herein gereicht worden war; klebrig
und uebelriechend wurde der Boden. Aber niemand klagte--es war ja
Krieg--man musste sich in alles fuegen, musste froh sein, dass man ueberhaupt
noch fahren durfte; vom naechsten Tag an wurden nur noch Soldaten
befoerdert.

Gegen Abend kam man an die Grenzstation: Zoll, neuer Sturm auf einen
ebenso ueberfuellten Zug.

Wie ein Traum erschien es Frau Lissmann, als sie endlich spaet abends in
den Muenchner Bahnhof einfuhren. Eingekeilt in die Menge liessen sich
unsere mueden Reisenden vom Strom treiben, dem Ausgang zu. Nicht wie
sonst warteten hier die Angehoerigen; der Zutritt war fuer jedermann
gesperrt. Um so dichter stand die Menge an den Ausgangstoren des
Bahnhofgebaeudes und hier war es, wo ploetzlich eine Stimme, eine liebe,
bekannte, froehliche Stimme rief: "Mutter, gruess dich Gott, endlich kommt
ihr! Gebt nur euer Gepaeck her! Hergeben, Lisbeth, ich trage alles! Nur
her, Karl!"

"Philipp!" riefen sie alle erstaunt, "ja woher hast du denn gewusst, dass
wir jetzt kommen?"

"Einmal habt ihr doch kommen muessen! Siebenmal habe ich euch schon
erwartet, vorgestern, gestern und heute; ganz heimisch bin ich geworden
am Bahnhof. Warum seid ihr so spaet gekommen, habt ihr meinen Brief nicht
erhalten?"

"Nein, keinen Brief, auch nicht vom Vater."

"Der Vater kommt morgen. Hat telegraphiert. Auch Ludwig kommt morgen.
Das wird sein, wenn wir erst alle beisammen sind, Mutter. Jetzt kommt
nur heim, ihr seht gar nicht aus, als ob ihr aus der Sommerfrische kaemt.
Aber daheim ist schon der Tisch fuer euch gedeckt. Naemlich schon seit
zwei Tagen."

"Wie bist du denn ins Haus gekommen, es ist doch alles gesperrt?"

"Es gibt ja Schlosser! Ich habe dir alles geschrieben, Mutter, aber es
scheint, die Briefe gehen nicht mehr nach Oesterreich. Die ganze
Haushaltung habe ich in Gang gebracht, die Kathi herbeigeholt, ihr
werdet staunen. Duerft euch nur aufs Sofa setzen und es euch wohl sein
lassen."

Ja, es wurde ihnen jetzt schon wohl bei der freundlichen Aussicht. "Aber
weisst du, dass Krieg ist?" fragte Karl. Philipp lachte hell auf. "Besser
als du. Wisst ihr schon das Neueste? England hat uns den Krieg erklaert!"

Die Mutter blieb mitten auf der Strasse stehen: "England! Kinder, das ist
ja schrecklich! England auch! England mit den Slaven gegen uns? Ist es
denn amtlich mitgeteilt?"

"Amtlich, an allen Ecken kannst du das Telegramm lesen. Aber Mutter, nur
keine Angst, du wirst sehen, wir werden mit allen fertig. Aber wir
muessen auch alle zusammenhelfen. Jetzt heisses: Alle Mann auf Deck! Du
hast also meinen Brief nicht bekommen? Ich habe dir geschrieben, Mutter,
dass ich mich als Freiwilliger gemeldet habe."

Wieder stand die Mutter vor Schrecken still: "Philipp, du mit deinen
siebzehn Jahren!"

"Mit siebzehn wird man angenommen. Mutter, du warst nicht da und der
Vater nicht, da habe ich nicht lange fragen koennen. Ich habe mich
gemeldet, gleich wie ich hier angekommen bin. Und, Mutter, denke nur,
ich sei der erste, der sich hier gemeldet hat als Freiwilliger, sagte
der Kommandeur. Er war sehr freundlich, es hat ihn sichtlich gefreut."

"Aber er muss doch nach der Eltern Erlaubnis gefragt haben?"

"Freilich, das hat er getan. Ich habe gesagt: Der Vater ist in Paris,
die Mutter in Oesterreich, da kann ich natuerlich nicht warten, bis sie
heimkommen. Ich bringe aber den Erlaubnisschein, sobald sie da sind. Das
war ihm recht. Dann fragte er nach dem aerztlichen Zeugnis. Das habe ich
mir auch einstweilen verschafft. Auch einen Kriegskoffer, wie man ihn
so braucht, habe ich gekauft. Ich habe nicht mehr warten koennen, sie
gehen reissend ab, sind schon kaum mehr zu haben."

"Aber Philipp, alles ohne unsere Zustimmung!"

Bei diesem Vorwurf traten aber beide Geschwister auf einmal fuer den
Bruder ein. "Er hat doch geschrieben, wir haben nur keine Briefe mehr
bekommen!"

Philipp aber griff nach der Mutter Hand, seine Worte klangen jetzt
ruhiger, ernster, als es sonst seine Art gewesen: "Mutter, es ist eben
Krieg! Und was fuer ein Krieg! Da leidet es keinen zu Haus, der kaempfen
kann. Der Vater wird's begreifen, Ludwig auch!"

"Ich auch," "und ich," riefen die Geschwister. Die Mutter schwieg einen
Augenblick, dann sagte sie nachdenklich: "Die Englaender auch--eine Welt
von Feinden! Philipp, ich will dich nicht zurueckhalten!"

       *       *       *       *       *

Eine Weile spaeter sassen sie beisammen am gedeckten Tisch. Die Mutter sah
Philipp nach, der hin und her ging und fuer die erschoepften Reisenden in
liebevollster Weise sorgte. Ihr Philipp, ihr unnuetzer Schlingel; nein,
ihr Philipp, der kuenftige Soldat, der sein Leben geben wollte fuers
Vaterland; der zum Mann wurde durch den Krieg!




Der 4. August


Die Mutter und ich sind schon seit drei Wochen auf dem Landgut der
Grosseltern. Der Vater hat uns hieher begleitet, musste aber gleich wieder
abreisen. Wir sollen wegen der Mutter Gesundheit ueber die ganzen Ferien
hier bleiben.

Es ist herrlich hier bei den Grosseltern. Die Grossmutter hat mir ein
reizendes Maedchenstuebchen eingerichtet und der Grossvater, der im
siebziger Krieg als Offizier dabei war, erzaehlt uns viel und kann alle
Kriegsnachrichten fein erklaeren. Aber noch lieber haetten die Mutter und
ich doch diese Kriegszeit mit dem Vater erlebt und darum waren wir ganz
uebergluecklich, als er uns neulich telegraphierte, er wuerde uns auf der
Heimreise von Berlin besuchen. Heute ist er wieder abgereist, aber wir
sind noch ganz erfuellt von seinem Besuch und ich will mir alles
ausschreiben, was er uns erzaehlt hat; ich moechte garnichts davon
vergessen; denn ich bin stolz und gluecklich, dass der Vater so Grosses
miterlebt hat, und waehrend er uns erzaehlte, kamen mir vor Begeisterung
fast Traenen.

Der Vater kam also von Berlin; denn der Reichstag war wegen des Krieges
zu einer aussergewoehnlichen, ganz kurzen Tagung einberufen.

Schon das Wiedersehen mit all den Reichstagsabgeordneten muss ganz
anders gewesen sein als in gewoehnlichen Zeiten. Der Vater sagt, jedem
habe man angesehen, dass er die Wichtigkeit dieser Tage empfinde. Fast
vollzaehlig waren sie da, aber doch nicht _ganz_, weil einige schon zu
ihrem Regiment einberufen waren.

Um ein Uhr, glaube ich, war die feierliche Eroeffnung im Weissen Saal des
koeniglichen Schlosses. Der Reichskanzler, die Mitglieder vom Bundesrat,
Generale und andere Offiziere und die Reichstagsabgeordneten
versammelten sich. Die Kaiserin, die Kronprinzessin und die Prinzessin
Eitel Friedrich sassen in der Hofloge. Das war, glaube ich, alles nicht
viel anders, als es jedesmal bei der Eroeffnung des Reichstags ist. Aber
das war dann anders, und der Vater sagt, das mahnte gleich so ernst an
den Krieg, dass der Kaiser in der grauen, feldmarschmaessigen Uniform
erschien und auch der Kronprinz und die fuenf andern Prinzen, alle in
Felduniform. Der Kaiser schritt die Stufen des Thrones hinauf, bedeckte
sein Haupt mit dem Helm und las die Thronrede, laut, mit tief bewegter
Stimme. Er rief die Welt zum Zeugen auf, dass wir durch Jahrzehnte
unermuedlich bestrebt waren, den Frieden zu erhalten und dass nur mit
schwerem Herzen der Befehl zu mobilisieren ergangen sei. Dann sprach er
von unserer Bundestreue gegen Oesterreich und von der Feindschaft im
Osten und Westen, und der Vater sagt, man fuehlte bei dem begeisterten,
stuermischen Beifall, wie sehr er all den Anwesenden aus dem Herzen kam.
Am Schluss bat der Kaiser, der Reichstag moechte doch einmuetig und schnell
die noetigen Beschluesse fassen.

Nach dem Vorlesen der Thronrede geschah etwas ganz Ungewoehnliches: der
Kaiser sprach noch frei einige persoenliche Worte. Davon habe ich mir das
gemerkt, was mir besonders gut gefiel, er sagte: "Ich kenne keine
Parteien mehr, ich kenne nur Deutsche." Und dann bat er die Vorstaende
der Parteien, ihm in die Hand zu geloben, dass sie mit ihm durch dick und
duenn, durch Not und Tod zusammen halten wollten.

Da traten die Praesidenten und die Parteivorstaende, zu denen ja auch der
Vater gehoert, vor, und gelobten es durch Haendedruck. Ich weiss nicht, ob
der Vater dadurch dem Kaiser noch treuer gesinnt ist, als er schon
vorher war, aber ich bin's, das kann ich fuer ganz gewiss sagen.

Und ich begreife so gut, dass alle Anwesenden nach dem "Hoch" auf den
Kaiser, das sonst immer das letzte war, diesmal die Nationalhymne
angestimmt haben und alle mitsangen. Ich moechte nur gerne wissen, wer
den ersten Ton angestimmt hat, aber der Vater weiss es nicht; er sagt,
man hatte den Eindruck, als haetten es alle zugleich getan.

Die Sozialdemokraten waren ja bei dieser ganzen Feier nicht dabei; das
ist schade; aber spaeter waren sie sehr nett, das kommt nachher. Vorher
muss ich noch was Lustiges erzaehlen.

Als naemlich die Feierlichkeit vorbei war und die Hymne gesungen, verliess
der Kaiser den Saal. Im Vorbeigehen gab er noch einigen der Herrn, wie
z.B. dem Reichskanzler, dem Grafen Moltke und andern die Hand. Unter
diesen Herrn war auch ein Abgeordneter, ein Professor, der trug nicht
wie die Mehrzahl der Abgeordneten den schwarzen Gehrock oder den Frack,
sondern wie manche andere seine Uniform, ich glaube als Major der
Garde-Landwehr. Das fiel wohl dem Kaiser auf; er sah ihn einen
Augenblick an, drueckte ihm die Hand und dann machte er mit der geballten
Faust eine drohende Geberde wie einen Hieb nach unten und sagte zu dem
Herrn: "Nun aber wollen wir sie dreschen!"

Dies kraeftige Wort hat ganz Deutschland so gefreut, dass es zur Losung
fuer den Krieg geworden ist und auf allen moeglichen Postkarten sieht man,
wie wir uns das "Dreschen" ausmalen koennen.

Nachmittags um drei Uhr war dann die erste Reichstagssitzung.

Schon gleich der Anfang war grossartig. Von all den umstaendlichen
Vorbereitungen, die sonst immer die ersten Stunden des Reichstags so
unerquicklich ausfuellen, wollten die Abgeordneten diesmal gar nichts
wissen. Kein Namensaufruf, keine Neuwahl von Praesident und
Schriftfuehrern. Das war ihnen jetzt alles Nebensache. Einmuetig standen
die Abgeordneten aller Parteien auf zum Zeichen, dass ihnen der fruehere
Praesident und seine Mitarbeiter recht seien. Dann erhob sich der
Reichskanzler. Der Vater sagt, es sei bei seinen ersten Worten im ganzen
Haus eine Stille eingetreten, die man nicht mit einem lauten Atemzug
haette stoeren moegen. Die ersten Worte des Reichskanzlers waren: "Ein
gewaltiges Schicksal bricht ueber Europa herein." Dann legte er dar, wie
es nur durch die Schuld unserer Feinde zum Krieg gekommen sei. Wie die
Russen sich so heimtueckisch benommen haetten und wie die Franzosen ohne
Kriegserklaerung in die Reichslande eingedrungen seien, so dass wir nicht
laenger zuwarten konnten und nach Belgien hinein mussten, weil uns sonst
die Franzosen von dieser Seite angegriffen haetten. Wir koennten mit
reinem Gewissen in den Krieg ziehen, in dem wir unser Hoechstes
verteidigen muessen.

Im Lauf der Rede gab es immer mehr begeisterte Zurufe. Ganz hinreissend
sei der Schluss gewesen, als der Reichskanzler mit erhobener Stimme rief:
"Unsere Armee steht im Felde, unsere Flotte ist kampfbereit, hinter ihr
ist das ganze deutsche Volk!" Da brauste es durch den grossen Saal und
von den dicht gefuellten Tribuenen; der Beifall wollte garnicht enden und
der Reichskanzler wiederholte noch einmal die Worte: "das _ganze_
deutsche Volk!" Dabei machte er eine Handbewegung, mit der er ueber die
Sozialdemokraten hinwies, die ebenso stuermisch Beifall riefen, wie alle
andern Parteien.

Bei der zweiten Sitzung, die noch am Abend gehalten wurde, ging's ebenso
grossartig zu. Ich weiss aber nur noch das eine, dass alles, was die
Regierung beantragt hatte, einmuetig ohne irgend einen Widerspruch
durchging; so z.B. wurden gleich 5 Milliarden fuer die Kriegsausgaben
bewilligt. Das ist doch eine Riesensumme, aber keine Partei, nicht
einmal die Sozialdemokraten, erhoben irgend einen Widerspruch; im
Gegenteil, einer der Sozialdemokraten, der Abgeordnete Haase, sagte:
"Wir lassen in der Stunde der Gefahr das Vaterland nicht im Stich."

Das freute mich am allermeisten. Am Schluss der Sitzung dankte der
Reichskanzler im Namen des Kaisers dem Reichstag und es gab noch einmal
einen stuermischen Beifall, als er sagte. "Was uns beschieden sein mag,
der _4. August 1914_ wird bis in alle Ewigkeit einer der groessten Tage
Deutschlands sein."

Der Vater war selbst ganz bewegt, als er uns von diesem Tag erzaehlte. Er
sagte, den groessten Sieg haetten wir schon errungen, den ueber unsere
eigene Uneinigkeit; jetzt koennten wir guter Zuversicht sein. Der Kaiser
hat es ja auch in dem Ausruf: "An mein Volk" gesagt: "Noch nie ward
Deutschland ueberwunden, wenn es _einig_ war."

Die Eltern sprachen dann noch davon, wie sich all unsere Feinde aergern
werden, wenn sie in den Zeitungen die Berichte ueber diesen Reichstag
lesen. Sie rechnen immer auf unsere Uneinigkeit, das haben sie schon im
Jahr 1870 getan. Aber sie verrechnen sich. Wir sind einig gegen sie; wir
streiten nur untereinander, wenn es nach aussen nichts zu streiten gibt,
und das finde ich ganz natuerlich.

Der Vater ist noch ein paar Tage in Berlin geblieben, er hatte noch
einige Besprechungen, ueber die er aber nichts mitteilen darf. In diese
Tage fiel die Kriegserklaerung der Englaender. Diese taten, als muessten sie
Belgien schuetzen und leider deshalb in den Krieg ziehen.

Aber der Vater sagt, man haette gleich gewusst, dass das nur ein Vorwand
sei und England habe sich durch diese Ausrede nur veraechtlich gemacht.
Es sei eine grosse Schande, dass sie sich mit den Russen verbuenden und sie
wuerden dieses Unrecht schwer buessen muessen.

Fuer den Vater gibt es jetzt vermehrte Arbeit und wir werden ihn nicht
viel fuer uns haben, wenn wir heimkommen. Aber die Mutter kann ihm
wenigstens manches helfen, manches schreiben, was er den Schreibern
nicht gern anvertraut.

Wenn ich nur schon 18 Jahre alt waere statt 13, dann wuerde ich vielleicht
auch in manches eingeweiht. Statt dessen muss ich in die Schule gehen,
als wenn kein Krieg waere. Die Mutter versteht, dass ich keine Lust dazu
habe; als ich es aber vor dem Vater sagte, kam ich nicht gut an. Er sah
erstaunt auf mich und sagte: "Ich hoffe doch von meinem Maedel, dass es
dasselbe tut, wie unsere Soldaten!" Ich verstand nicht gleich, was er
damit meinte, bis er sagte: "Die Soldaten tun ihre Pflicht; mancher tut
sogar noch mehr. Wenn du in diesem Schuljahr noch mehr lernen willst,
als nur das Noetige, so soll es mich freuen."

Da schwieg ich ueber die Schule. Es ist ja auch einerlei; denn ob man zu
Hause ist, oder in der Schule, bei den Grosseltern auf dem Land oder bei
den Eltern in der Stadt, man denkt doch an gar nichts anderes, als an
den Krieg und man hat keinen andern Wunsch, als dass wir Deutsche siegen!




Das Pfarrhaus in Ostpreussen.


In Ostpreussen waren die Russen eingebrochen. Das herrliche, bluehende
Land, das an das riesige russische Reich grenzt, musste den ersten
Anprall der Feinde aushalten. Wohl kaempften die todesmutigen preussischen
Grenadiere gegen den eindringenden Feind und hinderten ihn, weiter nach
Deutschland vorzuruecken; aber Ostpreussen war der Kampfplatz und ehe das
Volk nur recht wusste, dass der Krieg erklaert sei, begann schon die
Verwuestung des Landes.

Ein Teil der Bewohner war noch rechtzeitig geflohen, aber wer Haus und
Hof, Aecker und Vieh besitzt, verlaesst nicht so leicht die Heimat.

Da lag ein Pfarrdorf friedlich in fruchtbarer Gegend. Mit Entsetzen
hoerten die Einwohner von der nahen Gefahr, aber sie flohen nicht. "Wir
koennen nicht," sagten sie zueinander, "wie sollten wir das machen?
Wohin? Wovon sollen wir uns ernaehren? Was mit den Kranken anfangen, und
wo das Vieh unterbringen? Nein, es geht nicht."

Vom Nachbarort hatte man freilich gehoert, dass viele Familien gefluechtet
waren, auch der Pfarrer.

"Unser Pfarrer wird auch gehen," sagten sie zu einander, "er hat seine
Mutter in Danzig. Dorthin wird er seine Frau und seine Kinder bringen;
da sind sie gut aufgehoben und bekommen ihr Brot umsonst. Wir wollen ins
Pfarrhaus gehen und hoeren, was der Herr Pfarrer meint."

Der Pfarrer sass am Schreibtisch und hatte die Zeitung aufschlagen vor
sich. Seine junge Frau lehnte neben ihm und sah zugleich in das Blatt,
aus dem er ihr die Kriegsnachrichten vorlas.

Jetzt wurden Schritte laut vor dem Studierzimmer. Die Pfarrfrau oeffnete
die Tuere. Eine ganze Anzahl Maenner und Frauen standen da. Sie sagten,
dass sie des Herrn Pfarrers Meinung hoeren wollten, ob man fliehen sollte.

Der Pfarrer riet zur Flucht: "Morgen schon koennen die Feinde hier sein,"
sagte er, "und wir wissen ja, wie sie hausen. Wir Maenner sind unseres
Lebens nicht sicher, Frauen und Kinder sind ihren Schandtaten
preisgegeben. Jetzt koennen wir noch fluechten; die Landsleute in
Westpreussen und in der Mark werden uns barmherzig aufnehmen, das bin ich
ueberzeugt."

"Also wollen Sie gehen, Herr Pfarrer?"

"Wenn ihr geht, ja."

"Und wenn wir nicht gehen?"

"Dann werde ich bei euch bleiben."

Einer sah den andern an, sie waren still und ueberlegten. Die Pfarrfrau,
die neben ihrem Manne stand, hatte noch kein Wort gesprochen; aber jetzt
unterbrach sie das Schweigen und sagte fast bittend mit erregter Stimme:
"Warum wollt ihr denn nicht fort? Ihr koennt ja doch Haus und Hof nicht
schuetzen, rettet doch wenigstens das Leben! Ach wir wollen fliehen,
gleich heute, sonst ist es zu spaet!"

Da wandte einer der Bauern sich an sie: "Frau Pfarrer, ich glaube es
nicht, dass die Russen hier durchkommen; unser Ort liegt nicht an der
grossen Strasse; die Russen wollen doch auf Berlin marschieren, nach
Sudehnen werden sie schwerlich kommen. Wenn wir unsere Heimat verlassen,
dann geht sie uns verloren, denn allerhand Raubgesindel treibt sich
herum in solcher Zeit. Und in der Fremde werden wir alle ins bitterste
Elend kommen. Ich meine, wir sollten bleiben."

Die Andern stimmten zu. Die Pfarrfrau erblasste. Wohl legte ihr Mann den
Leuten noch mit der Landkarte in der Hand die Gefahr dar, aber sie
fuehlte: es ist umsonst, was er redet, sie koennen sich nicht trennen von
ihrer Heimat.

So kam es auch; die Leute verabschiedeten sich: "Wir danken auch, dass
Sie bei uns bleiben, Herr Pfarrer."

Sie gingen hinaus durch den Pfarrgarten. Dort spielten noch die Kinder
der Pfarrleute. Der Kleine sass in der Schaukel, das fuenfjaehrige Fickchen
kam zutraulich heran, sie kannte fast alle die Leute. Im Fortgehen
deutete einer der Maenner auf die Kinder: "Die haben wir auf dem
Gewissen, wenn sie in die Haende der Kosaken fallen. Was die Frau Pfarrer
betrifft, die waere gern geflohen."--"Ja, und der Herr Pfarrer war auch
dafuer."

"Kein Wunder; den Herrn Pfarrer Amelung aus Tenlauken sollen die Kosaken
erstochen haben, weil er ihnen nicht sagen konnte oder mochte, wo die
deutschen Truppen stehen."

Mit schwerem Herzen gingen sie heim; zur Sorge kam noch die innere
Unruhe, ob sie recht taten. Sie hatten den Pfarrer um Rat gefragt und
dann doch beschlossen, gegen seinen Rat zu handeln.

Die Leute hatten kaum das Studierzimmer verlassen, so zog der Pfarrer
seine Frau an sich mit grosser, innerer Bewegung: "Wir muessen uns
trennen, Luise, du und die Kinder sollt in Sicherheit kommen."

"O Johannes!" rief sie, "warum hast du ihnen versprochen zu bleiben! Ich
habe im stillen schon angefangen die Koffer zu packen, wir wollten doch
zu deiner Mutter!" Sie weinte bitterlich. Er drueckte sie innig an sein
Herz: "Du sollst auch zur Mutter, sollst fort mit den Kindern; nur ich
kann nicht, unmoeglich. Ich darf doch meine Gemeinde in dieser schweren
Zeit nicht verlassen. Denke dich hinein! Sie haetten keinen Gottesdienst,
keinen Zuspruch in Unglueck, Krankheit und Todesnot. Keine Einsegnung auf
dem Friedhof, wenn einer stirbt. Luise, denke an den Spruch: Sei getreu
bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben. Ich will
mein Amt treu verwalten; mache mir's nicht schwer, jetzt, wo wir uns
trennen muessen."

"Trennen?" sagte sie, "wenn du bleibst, bleiben auch wir. Du hast das
rechte Wort gesagt. Sei getreu bis in den Tod. Auch ich bleibe bei dir
bis in den Tod."

Es gelang ihm nicht, sie zu ueberreden, dass sie sich mit den Kindern
fluechtete. Von dieser Stunde an klang es immer in dem Herzen der
Pfarrfrau: "Sei getreu bis in den Tod." Ruhig und mutig sah sie dem
entgegen, was kommen sollte; die Angst war von ihr gewichen.

Ein Tag und eine Nacht waren vergangen und ein strahlend schoener Sonntag
war angebrochen. Die Kirche fuellte sich wie an einem hohen Festtag.
Jeder wollte im Gotteshaus beten, jeder wollte die Predigt des Pfarrers
hoeren, der treu bei seiner Gemeinde ausharrte. Nie hatte so stille
Andacht die ganze Kirche erfuellt wie heute. Als nach dem Gottesdienst
der Pfarrer im Talar dem nahen Pfarrhaus zuging, sah er von ferne eine
Anzahl Leute von der Landstrasse her auf das Dorf zurennen. Schon von
weitem hoerte man ihren Schreckensruf: "Die Kosaken kommen! Ein ganzer
Trupp ist hinter uns her!"

Der Pfarrer eilte zu seiner Frau. "Luise, es wird ernst! Die Feinde
kommen! Gott sei uns gnaedig!" Er wollte den Talar ablegen.

"Behalte ihn an," bat seine Frau, "vielleicht achten sie dies Gewand!"

"Meine gute, kluge Frau!" rief er und drueckte sie an sein Herz, "was
wird nun ueber uns kommen?"

"Was sollen wir tun?" fragte sie dagegen, "das Hoftor und die Haustuere
schliessen?"

"Das hat keinen Wert; sie schlagen die Tueren ein und dringen dann schon
in feindlicher Stimmung ins Haus. Nein, wir wollen sie wie
Einquartierung behandeln, gutwillig geben, damit sie keine Gewalt
brauchen. Trage auf, was du irgend Gutes im Haus hast und zeige keine
Furcht." Er rief seinen beiden Kleinen, die noch ahnungslos im
Nebenzimmer spielten: "Kinder, es kommen Soldaten ins Dorf,
wahrscheinlich kommen auch welche zu uns zum Mittagessen."

"Keine Feinde, gelt Vater?" sagte Fickchen, als es des Vaters ruhige
Worte hoerte.

"Hungrige Soldaten," erwiderte dieser ausweichend. "Hilf der Mutter den
Tisch decken, Stuehle herbei tragen; so ist's recht, meine Kleine."

Die Pfarrfrau breitete ein frisches Tafeltuch auf und richtete den Tisch
wie fuer Gaeste.

In diesem Augenblick kam aus der Kueche Maruschka, das Maedchen, totenblass
herein; sie hatte vom Fenster aus in der Ferne russische Reiter traben
sehen und konnte vor Schreck kaum stammeln.

"Still, Maruschka, still; wir bekommen wahrscheinlich Einquartierung.
Sieh, dass das Essen recht gut ausfaellt. Man muss den hungrigen Soldaten
gut zu essen und zu trinken geben. Geh in die Kueche, ich komme gleich
nach."

"Ei, Mutti," sagte Fickchen, "ich glaube, Maruschka ist bange vor den
Soldaten. Ich gar nicht, ich habe gern Einquartierung."

Eine Weile herrschte tiefe Stille im Ort; kein Mensch wagte sich auf die
Strassen, alle verkrochen sich in Todesangst in ihre Haeuser.

Dann ploetzlich hoerte man von ferne Pferdegetrabe, hoerte ein Signal, die
Kosaken hielten im Dorf. Ihr Anfuehrer liess in deutscher Sprache
ausrufen, dass keiner der Einwohner den Ort verlassen duerfe. Bei
Todesstrafe sei es verboten, durch Signale, durch Glockenlaeuten oder
sonst auf irgend eine Weise die Anwesenheit der Kosaken zu verraten.
Nach dieser Androhung stiegen sie vom Pferd und zerstreuten sich im Ort.

Es dauerte nicht lange, so hatten sie das schoene Pfarrhaus, obwohl es
abseits lag, entdeckt. Ein Trupp von vier Mann kam misstrauisch um sich
schauend durch den Garten auf die Haustuere zu; voran einer, der der
Anfuehrer zu sein schien. Der Pfarrer kam ihnen zuvor und machte die Tuere
weit auf. Als seine grosse Gestalt im langen, schwarzen Talar ploetzlich
vor ihnen auftauchte, stutzten die Kosaken einen Augenblick. Der Pfarrer
machte eine einladende Handbewegung und sagte ruhig und furchtlos in
russischer Sprache: "Kommt herein, der Tisch ist schon fuer euch
gedeckt!"

Sie folgten ihm. Es war ein freundlicher Anblick, dieses Wohnzimmer mit
dem grossen weissgedeckten Esstisch. Die Kosaken mochten in solchem Raum
noch nicht oft gewesen sein. Eine Christusfigur an der Wand, die Haende
segnend ausgebreitet, schien die Eintretenden willkommen zu heissen. Die
Frau des Pfarrers mit den Kindern stand gerade unter der Figur.

"Das ist meine Frau und meine Kinder," sagte der Pfarrer ruhig. Die
beiden Kleinen traten zutraulich heran. "Meine Frau kann nicht russisch,
aber sie kann gut kochen. Bringe du das Essen selbst auf den Tisch,
Luise," fuegte er in deutscher Sprache hinzu.

Neugierig sahen die Kinder zu, wie die Soldaten nun ihr Gepaeck ablegten.
Der eine warf das seinige auf das Sopha; da bedeutete ihm der Anfuehrer,
es auf den Boden zu legen. In der feinen Umgebung, bei der gastlichen
Aufnahme, wollten sie auch nicht die rohen Kerle sein. Und nun trug die
Pfarrfrau das Essen auf, die Kinder traten an den Tisch und falteten die
Haende. Der Pfarrer sprach das Tischgebet, die Kosaken taten mit, sie
waren ganz im Bann des Pfarrhausfriedens.

Was draussen in der Kueche Maruschka zitternd und bebend zubereitet hatte,
was sie aus dem Keller herausgeholt, das schmeckte den Kosaken aufs
beste.

Waehrend des Essens besorgte Maruschka eifrig, was ihr die Pfarrfrau
aufgetragen: die schoenen Betten im Gastzimmer ueberzog sie mit frischer
Waesche. Nach Tisch geleitete der Pfarrer die mueden Soldaten hinauf und
lud sie ein, es sich behaglich zu machen. Die Pfarrleute atmeten
erleichtert auf; der Pfarrer wagte den Talar abzulegen, seine Frau
sorgte voraus fuer das Abendessen und hatte die gute Zuversicht, dass die
Kosaken in den weichen Betten wohl bis zum Abend schlafen wuerden.

So kam es auch; aber nach dem Essen gingen die Soldaten fort und suchten
ihre Kameraden im Wirtshaus auf. Dort war ein wuestes Treiben; das ganze
Wirtshaus lag voll Kosaken, die assen und tranken bis tief in die Nacht
hinein, und zuletzt brach Streit aus. Der Wirt wollte den
Kellerschluessel nicht ausliefern, den die Kosaken verlangten. Er
weigerte und wehrte sich; ploetzlich zog einer der Soldaten die Pistole
und schoss den Wirt nieder.

Noch in der Nacht kam die Nachricht von der Gewalttat ins Pfarrhaus und
am fruehen Morgen, waehrend die Russen noch schliefen, schickte die Wirtin
einen Buben zum Pfarrer, er moechte doch den Toten beerdigen, den die
Soldaten nicht im Haus dulden wollten.

Der Pfarrer liess sagen, man moege das Grab richten, er werde den Toten
beerdigen, aber es muesse in aller Stille und Heimlichkeit geschehen, um
die Feinde nicht zu weiterer Gewalttat zu reizen.

Vom Dorf aus brachten vier Traeger den Sarg mit dem Toten. Niemand als
seine Frau und seine Kinder begleiteten ihn. Am Eingang des Friedhofs
trat der Pfarrer zu ihnen und ging dem Zug voraus. Als sie durch das Tor
des Friedhofs traten, wurde, wie es der Brauch war, das
Friedhofgloecklein gelaeutet. Der Pfarrer blieb bestuerzt stehen: "Wer
laeutet? Wisst ihr nicht, dass die Kosaken auch das Laeuten bei Todesstrafe
verboten haben?"

"Ach, Herr Pfarrer," sagte die Frau erschreckt, "es ist ja nur das
Sterbegloeckchen! Ich habe den Messner gebeten, dass er laeutet. Das werden
die Unmenschen doch erlauben. Mein Mann soll doch nicht ohne Gelaeute zu
Grabe getragen werden."

Der Pfarrer hoerte kaum auf sie, er wandte sich an ihren aeltesten Buben:
"Spring zum Messner! Er soll das Laeuten sein lassen, es kann ihm das
Leben kosten!"

Der kleine Leichenzug war am Grab; der Sarg wurde eingesegnet und
versenkt. Aber in das Gebet, das der Pfarrer in tiefem Ernst ueber dem
Grab sprach, drang von ferne wildes Geschrei. Die Kosaken waren beim
ersten Glockenton vom Lager aufgefahren, sie hielten sich fuer verraten.
Im Nu war ein ganzer Schwarm beisammen. Wuetend stuermten ein paar von
ihnen nach der Kirche. Der Gloeckner wurde in einem Augenblick
ueberwaeltigt und lag tot im Glockenturm. Nun suchten sie nach dem
Pfarrer, denn der hatte gewiss das Zeichen zum Verrat gegeben. Sie
drangen in den Friedhof ein, der hinter der Kirche lag. Beim Anblick der
wilden Rotte liefen die Sargtraeger und die Wirtin mit ihren Kindern
unter lautem Geschrei davon. Der Pfarrer allein blieb, das Kruzifix in
der Hand, an dem noch offenen Grab stehen. Er deutete hinein. "Ich habe
nur getan was meines Amtes ist," sagte er zu ihnen in ihrer Sprache,
"das Laeuten der Sterbeglocke geschah gegen meinen Willen." Da wechselten
sie ein paar Worte mit einander und beschlossen, den Pfarrer gefesselt
fortzufuehren. Im Augenblick waren ihm die Haende auf den Ruecken gebunden.
Dabei riss einer der Kosaken ihm das Kruzifix aus der Hand. "Versuendige
dich nicht," sagte der Pfarrer, "lege es dem Toten auf sein Grab," und
der Kosak gehorchte seinem Gefangenen.

Sie fuehrten den Gefesselten durch das Dorf. Die Strassen waren leer,
niemand traute sich hinaus, denn alle Bewohner waren in Todesangst. Aber
hinter ihren Fenstern schauten sie auf die Strasse und mit Entsetzen
sahen es viele, wie ihr Pfarrer gefesselt auf den Platz vor dem
Wirtshaus gefuehrt wurde, auf dem sich die Kosaken sammelten.

Nur die Pfarrfrau wusste nichts von allem, was geschehen. Zwar ueber das
Laeuten war sie erschrocken; aber sie hatte keine Zeit, darueber
nachzusinnen. Ihre Kosaken, oben im Gastzimmer, waren auf einmal munter
geworden; sie hoerte sie lebhaft reden und eilte, Fruehstueck fuer sie zu
bereiten. So frueh hatte sie sie nicht erwartet. Und sie wollte sie doch
wieder durch gastliche Behandlung in gute Stimmung versetzen. Eilig trug
sie auf, hoffte auch jeden Augenblick, dass ihr Mann wieder vom Friedhof
zurueck kaeme.

Schwere Tritte kamen jetzt die Treppe herunter; sie musste sich wohl
darein finden, die Kosaken allein am Tisch zu haben; wenn sie nur ihre
Sprache gekonnt haette! Sie oeffnete die Tuere; aber die Soldaten schienen
nicht vor zu haben, zum Fruehstueck zu kommen, sie gingen auf die Haustuere
zu.

"Tee?" fragte die Hausfrau und deutete auf das Zimmer. Durch die offene
Tuere war der einladende Teetisch zu sehen. Einen Augenblick zoegerten bei
diesem verlockenden Anblick die Kosaken und wechselten ein paar Worte;
dann traten sie ein, setzten sich aber nicht, sondern schoben nur in
Eile in ihre Taschen alles, was da stand an Brot und Speck, an Kaes und
Eiern, und verschwanden dann eiligst durch den Garten auf die Strasse.
Sie konnte sich dies sonderbare Benehmen nicht erklaeren, ging hinauf in
das Gastzimmer, um nachzusehen, ob die Kosaken wohl all ihr Gepaeck
mitgenommen hatten. Ja, das war so. Also mussten sie wohl heute frueh
schon wieder weiter ziehen? Waren vielleicht schon verspaetet und deshalb
so eilig? O Wonne, diese Gaeste gluecklich los zu sein!

Vom Gastzimmer aus konnte man hinueber blicken nach dem Friedhof. Der
lag still und verlassen. Aber wo war dann nur ihr Mann? Wohin konnte er
so frueh gegangen sein? In das Trauerhaus zu der Wirtin? Mit dem Talar?
Ja, vielleicht; in dieser Kriegszeit tat man manches, was vorher
unmoeglich schien.

Es war so ruhig im ganzen Haus und nach all den Aufregungen hatte diese
Stille etwas Bedrueckendes. Es froestelte sie. Sie ging wieder hinunter in
die Wohnstube. Ihr Blick fiel auf die grosse Teekanne. Ja, eine Tasse Tee
wuerde ihr jetzt gut tun; und dann die Teekappe ueber die Kanne, dass der
Tee schoen heiss bliebe, bis ihr Mann endlich kaeme. So sass sie ganz allein
an dem grossen gedeckten Tisch und trank langsam, weil sie immer wartete
auf ihren treuen Gefaehrten, der doch auch noch kein Fruehstueck hatte.

Jetzt endlich hoerte sie Schritte, rasch kamen sie durch den Garten,
durch die Flur; die Wohnzimmertuere ging auf--ihr Mann stand vor ihr.

"So, endlich!" sagte sie und streckte ihm die Hand entgegen, "jetzt
komme nur gleich, der Tee wird kalt!"

Er aber war sprachlos. Er, der sich schon im Geist nach Sibirien
transportiert gesehen hatte, er, der seine Frau in Jammer und
Verzweiflung vorzufinden glaubte, fand sie ruhig am Teetisch mit der
einzigen Sorge: der Tee wuerde kalt.

Sie sah jetzt seine Erregung. "Was ist denn geschehen?" fragte sie
aengstlich.

"Du weisst wohl von gar nichts?"

"Nein, wo warst du denn?"

"Nun, ich war in russischer Gefangenschaft! Freilich nur eine
Viertelstunde; aber eine Viertelstunde, die ich nie vergessen werde.
Gefesselt bin ich vom Friedhof herein gefuehrt worden, ganz nahe an
unserem Haus vorbei. Luise, wie mir da zu Mute war! Ich mag dir's
goennen, dass du mich nicht gesehen hast! Sie haben das Laeuten der
Sterbeglocke fuer Verrat gehalten; dem Gloeckner hat es das Leben
gekostet, mich wollten sie fortschleppen. Sieh die roten Striemen an
meinen Handgelenken! Aber du wirst ganz weiss, Luise; es ist nichts mehr
zu fuerchten. Du siehst ja, ich bin wieder frei, dank unserer
Einquartierung. Unsere vier Leute sind fuer mich eingetreten, haben fuer
mich gesprochen, bis man mich losgebunden hat. Und jetzt ist die ganze
Horde abgezogen, Gott Lob und Dank!"

"Ja, Gott Lob und Dank!" Die Pfarrfrau war so erschuettert, sie konnte
sich gar nicht fassen. Freilich fuer diesmal war die Gefahr ueberstanden;
aber noch heute konnten groessere feindliche Heere das Land ueberfluten.

Aus der Ferne hoerte man noch Pferdegetrabe, die Kosaken waren abgezogen.

Und nun trauten sich die Leute wieder auf die Strasse und wieder kamen
sie in grosser Menge ins Pfarrhaus; aber jetzt waren sie anders gesinnt.
Sie wollten fluechten; alle waren einig, so schnell wie nur moeglich;
keinen zweiten Einfall wollten sie abwarten. Der Tod des Wirtes, des
Gloeckners, das Bild ihres gefesselten Pfarrers, das alles hatte ihnen
einen Schreck eingefloesst, so dass es von Mund zu Mund ging:

"Nur fort, nur fort!"

Die Pfarrfrau packte ihre Koffer, das ganze Dorf trug seine
Habseligkeiten zusammen, Wagen um Wagen wurden gefuellt, Kranke und
Kinder auf Betten gelegt, ja auch Hunde, Kanarienvoegel u. dgl. durften
mit. Das Vieh wurde losgebunden und mitgetrieben.

Unterwegs stiess man auf Leidensgenossen, bei denen die Russen ganz
anders gehaust und Greuel veruebt hatten, bei deren Bericht man
schauderte. Ein unabsehbarer Zug bewegte sich landeinwaerts; aengstliche,
bekuemmerte Leute, die mit bitterem Schmerz ihre Heimat verliessen und mit
schwerer Sorge in die Zukunft sahen.

Als unsere Pfarrfamilie in Danzig ankam, sah sie Scharen von solchen
geflohenen Familien. Eine endlose Flucht. Von Wagen erfuellte die Strassen
und Plaetze, ganze Herden heimatlosen Viehs stauten sich bruellend in den
engen Strassen.

Aber es wurde Ordnung geschafft und mit ruehrender Naechstenliebe wurden
in kurzer Zeit all die armen Fluechtlinge untergebracht, wurde Dach und
Fach, Arbeit und Verdienst fuer sie geschafft.

Am besten hatten es freilich solche, die wie unser Pfarrer mit Frau und
Kindern von der Mutter mit offenen Armen aufgenommen wurden. Aber auch
sie trauerten um das schoene Land, das vom feindlichen Heer verwuestet
wurde, und um die unglueckseligen Opfer russischer Grausamkeit. Keiner
konnte froh sein, wenn auch ihm selbst nichts abging; alle Deutschen
Ostpreussens hatten _ein_ gemeinsames Leid, _eine_ gleiche Sehnsucht.
Und sie warteten Tag um Tag, Woche um Woche, ob die Heimat nicht aus der
Hand der Feinde gerettet wuerde.

Und der grosse Tag kam; der Retter Ostpreussens erschien: Generaloberst
_von Hindenburg_, der die Russen bei Tannenburg und an den masurischen
Seen besiegte und dadurch das Land wieder befreite.

Was war das fuer ein Jubel im ganzen deutschen Vaterland!

Am Abend, da diese herrliche Nachricht durch ein Telegramm des
Generalquartiermeisters von Stein bekannt worden war, gingen unser
Pfarrer und seine Frau in jedes Haus, wo Leute aus ihrer Gemeinde
untergebracht waren. Sie wollten sie selbst sehen, die armen
Fluechtlinge, die nun mit leuchtenden Augen davon sprachen, dass sie bald
wieder in die geliebte Heimat zurueck koennten. Alles Schwere, alles Leid
versank, jetzt galt nur die Siegesfreude und die Dankbarkeit gegen Gott,
der dem Leid ein Ende gemacht.

Freilich, noch lange wird es dauern, bis alle wagen duerfen
zurueckzukehren, denn noch immer koennen sich feindliche Einfalle an der
Grenze wiederholen. Inzwischen ist der Winter gekommen und bringt harte
Not fuer die Fluechtlinge, die all ihr Hab und Gut verloren haben. Wir
wollen an sie denken und ihnen Gaben schicken, wir alle, die wir so
gluecklich sind, weit weg vom Feind zu wohnen. Unsere Heimat blieb
verschont, erbarmen wir uns der Heimatlosen!




Die Konservenbuechsen.


In der Mittagsstunde stand der Sattlermeister Krauss unter seiner
Ladentuere und sah die Strasse hinunter, immer nach einer und derselben
Ecke. Offenbar erwartete er jemand von dorther. In dem Haus gegenueber
sah eine Frau durchs Fenster, ebenso beharrlich nach derselben Ecke, und
sie rief dem Nachbar zu: "Kommt sie noch nicht?"--"Sie muss gleich
kommen."

Des Sattlers Buben spielten vor dem Haus; der groessere von beiden sah
aber nebenbei auch immer wieder die Strasse hinunter. "Jetzt kommt sie!"
rief er und rannte davon.--Sie, nach der sich alles sehnte, war die
Zeitungsaustraegerin, eine dicke Frau, die so schnell watschelte, als sie
es mit dem schweren Pack Zeitungen vermochte, den sie unter dem Arm
trug. Sie war froh, dass ihr viele Blaetter auf der Strasse abgenommen
wurden und sie sich manche Treppe ersparen konnte; heute besonders. Man
hatte in der Stadt schon etwas von einem grossen Sieg der Deutschen
gehoert und war gespannt, ob es auch gewiss wahr sei. Wer seine Zeitung
gluecklich in Haenden hatte, las sie schon auf der Strasse. Auch Georg, so
schnell er mit dem Blatt auf den Vater zulief, las doch schon
unterwegs, was mit grossen Buchstaben ueber das ganze Blatt gedruckt stand
und rief dem Vater zu: "_Grosser Sieg ueber die Russen, sechzigtausend
Mann gefangen_."--"Wirklich? gib her, Georg!" Der Vater verschwand im
Laden, die Buben folgten ihm. Bald lag das Blatt auf dem Ladentisch,
auch die Mutter lehnte sich darueber; der Vater las laut und alle freuten
sich. Aber nun kam ein Offiziersbursche in den Laden, der brachte
Riemenzeug, an dem etwas zu verbessern war, und die Zeitung musste
beiseite gelegt werden. Die Mutter ging an ihre Arbeit in der Kueche, die
Jungen folgten ihr. "Das haette ich so gerne noch gehoert," sagte
Georg, "was der Vater eben angefangen hat zu lesen von den
Konservenbuechsen."--"Was fuer Buechsen sind denn das?" fragte der kleine
Hans.--"Blechbuechsen, in denen allerlei eingekocht ist, Obst, Gemuese und
Fleisch, was die Soldaten im Krieg zum Essen noetig brauchen, wenn sie
gerade nichts Frisches haben koennen. Der Vater wird schon nachher
weiterlesen. Geh du einstweilen, Georg, und hole den Kaes zum Vesper fuer
den Vater und den Gesellen. Ein Viertelpfund, es darf auch um ein paar
Pfennige mehr sein, wenn es ein schoenes Stueck ist. Ich gebe dir 35 statt
30 Pfennig mit."

Georg ging mit dem Geld in die naechste Strasse und verlangte in dem
Warengeschaeft ein Viertelpfund Kaes. Ein Stueck wurde abgeschnitten und
gewogen. "Diesmal haben wir's gerade erraten, ein Viertelpfund, 30
Pfennig," sagte die Verkaeuferin. Waehrenddessen hatte Georg auf dem
Ladentisch einen Glaskasten mit sehr verlockend aussehenden
Schokoladestangen erblickt. Das Stueck fuenf Pfennig, stand auf dem
Kasten. Und fuenf Pfennig hatte er doch gerade auch in der Hand. Auf
diese fuenf Pfennig kam es der Mutter nicht an; sie waeren ja auch weg
gewesen, wenn er sie fuer den Kaes ausgegeben haette. "Und eine
Schokoladestange fuer fuenf Pfennig," sagte er; bekam sie, ging hinaus,
liess sich die Schokolade schmecken und hatte auch kein schlechtes
Gewissen dabei; "wegen der fuenf Pfennig". Er war schon mit Essen fertig,
als er heimkam. Die Mutter nahm ihm den Kaes ab. "Komm, der Vater ist
allein im Laden, er liest uns noch mehr aus der Zeitung vor." Bald
standen sie wieder zu vieren beisammen, und der Sattler las: "Unter den
Gepaeckwagen, die unsere wackeren Soldaten den Russen abnahmen, fand sich
zur grossen Freude unserer Krieger auch ein mit Konservenbuechsen
angefuellter. Die Buechsen waren verloetet und jede trug die Gewichts- und
Inhaltsangabe der verschiedenen Gemuese- und Fleischgerichte. Als aber
eine und dann immer mehr dieser Buechsen geoeffnet wurden, fand sich, dass
sie, anstatt mit Esswaren, mit Sand und Spaenen gefuellt waren. Dieser
Betrug ist wieder ein Beispiel von der tiefen Verderbtheit, die im
russischen Volk herrscht."

"Nein, solch eine Gemeinheit, so etwas gibt's doch bei uns Deutschen
nicht!" rief die Frau empoert.--"Ja es ist unglaublich!"--"Was denn,
Mutter, was ist denn so schlimm, erklaere mir's doch," draengte
der Kleine, der mit Aufmerksamkeit zugehoert, aber doch die
Zeitungsmitteilung nicht recht verstanden hatte.

"Begreifst nicht?" sagte die Mutter, "wenn ich dir einen Nickel gebe und
sage, du sollst mir Salz holen, dann darfst du nicht hingehen und dir
Gutele darum kaufen; gelt das waere nicht recht? Da hat aber der
russische Kaiser vielleicht 1000 Mark hergegeben, hat zu seinen Leuten
gesagt, sie sollen Buechsen mit Fleisch und Gemuese fuellen fuer die
Soldaten. Die haben aber das Geld fuer sich behalten, haben kein Fleisch
und Gemuese gekauft, sondern sie haben Sand geholt und in die Buechsen
getan und haben sie zugeloetet."

"Die Russen haben das getan?" fragte Hans, der mit groesster Spannung
zugehoert hatte.

"Ja die Russen, die Deutschen nicht, die tun so etwas nicht, die sind
ehrlich."

"Mit wieviel Jahren wird man denn ein Deutscher?" fragte Hans wieder,
"ich moechte auch ein Deutscher werden."

Sie lachten ueber den Kleinen und die Mutter streichelte ihm den
Blondkopf: "Bist schon laengst einer, Hans, schon seit du auf der Welt
bist. Bist kein Russe, nein, sondern ein ehrlicher, deutscher Bub!"
Georg, der am Ladentisch lehnte, hatte aus den Worten der Mutter gehoert,
dass der Deutsche ehrlich sei; und er wurde ganz nachdenklich. Die fuenf
Pfennig, die fuer den Kaes bestimmt waren, hatte er fuer Schokolade
ausgegeben; wie die Russen, dachte er. Aber ich bin doch ein Deutscher.
"Wenn einer einmal ein wenig unehrlich ist, deswegen bleibt er doch ein
Deutscher, gelt Mutter?" sagte er, "nur natuerlich so etwas, wie mit den
Buechsen, darf er nicht tun!" Der Vater blickte von der Zeitung auf und
sah Georg an. "Mit der kleinen Unehrlichkeit faengt's allemal an," sagte
er, "es hat keiner gleich 1000 Mark. Aber wenn er zuerst um einen
Pfennig betruegt, so kommt er immer weiter."

"Das ist doch ein Unterschied, auf fuenf Pfennig kommt's doch nicht an,"
beharrte Georg.

"Auf die Pfennige kaeme es vielleicht nicht an, aber auf die Ehrlichkeit,
die darf eben keinen Flecken haben; da muss sich einer rein halten, schon
als Bub, dann bringt er's auch als Mann zustand. Was meinst du, warum
soll es leichter sein, auf 1000 Mark zu verzichten, die man sich
erschwindeln kann, als auf fuenf Pfennig? Wer das eine nicht kann, wird
auch das andere nicht koennen."

Jetzt wurde es Georg ganz angst; er wuerde doch nicht spaeter einmal so
etwas tun, wie es die Russen getan hatten?

"Gelt, dich drueckt etwas," fragte die Mutter ihren Grossen, der in
sichtlichem Unbehagen dastand, "hast was auf dem Gewissen, Georg?"

"Ja, fuenf Pfennig vom Kaes. Die waren uebrig und ich hab mir Schokolade
dafuer gekauft und schon gegessen, sonst moecht' ich sie gleich hergeben."

"So, so!" sagte der Vater und besann sich ein wenig. Eigentlich gehoerte
doch Strafe auf so etwas; aber er strafte so ungern. Waehrend er sich so
besann, faltete er das Zeitungsblatt zusammen, sodass die erste Seite
wieder obenauf lag mit der grossen, frohen Siegesnachricht ueber die
Russen. "Ja, ja," sagte er ploetzlich und sah hell auf, "die Russen haben
wir besiegt; die ganze Russenart muessen wir unterkriegen; denn etwas
davon gibt's auch bei uns Deutschen, aber wir kaempfen dagegen an. Wir
sehen's jetzt im Krieg, wohin das fuehrt. Ehrliche Deutsche wollen wir
sein, keinen Fuenfer erschwindeln, dann gibt's keinen Sand in den
Buechsen, gelt du?"--"Ja, Vater!"--"Da drueben ziehen sie die Fahne auf!"
rief der Kleine und sie traten alle unter die Ladentuere. "Ja, Sieg ueber
die Russen und ueber die Russenart!"




Zu welcher Fahne?


Unter den vielen Deutschen, die sich in Paris aufhalten, war zur Zeit
des Kriegsausbruchs ein Bankbeamter namens Kolmann. Er war von Geburt
Elsaesser; auch seine Frau stammte aus dem Elsass. In Strassburg hatten sie
ihren Hausstand gegruendet, dort waren auch ihre beiden aeltesten Kinder,
zwei Knaben, geboren, die jetzt sechs und acht Jahre alt waren. Spaeter
war die Familie Kolmann nach Paris uebergesiedelt, wo dem Manne eine gute
Stelle an einem grossen Bankgeschaeft angeboten war. Sie lebten nun seit
drei Jahren in Paris und dort war zu den beiden kleinen Bruedern noch ein
Schwesterchen gekommen. Fuer die Elsaesser war das Eingewoehnen in Paris
leicht gewesen; von Jugend an war ihnen die franzoesische Sprache
vertraut; sie sprachen auch mit ihren Kindern franzoesisch und jedermann,
der nicht naeher mit ihnen bekannt war, hielt sie fuer Franzosen. Paul und
Emil, die beiden kleinen Jungen, gingen mit den franzoesischen
Altersgenossen zur Schule.

Aber jetzt kam der Krieg. Er drohte schon in der letzten Woche des Juli
und brachte schwere Sorgen und Ueberlegungen fuer viele Deutsche in Paris.

In dem Bankgeschaeft, fuer das Kolmann arbeitete, waren mehrere junge
Deutsche angestellt. Sie waren schnell entschlossen abzurufen; wussten
sie doch, dass ihres Bleibens nicht mehr war, und dass sie jeden Tag ihre
Einberufung erwarten mussten. So verliessen sie Frankreich noch vor dem
eigentlichen Ausbruch des Krieges und eilten in ihr Vaterland zurueck.

Der Direktor der Bank, fuer den die ploetzliche Abreise mehrerer
Angestellter sehr stoerend war, sprach mit Kolmann. Er sagte ihm, dass er
darauf rechne, ihn, den Elsaesser, zu behalten. Im Kriegsfall kaeme ja
Elsass doch wieder an Frankreich. Die Elsaesser wuerden alle gleich bei
Beginn des Kriegs zu den Franzosen uebergehen; daran sei gar nicht zu
zweifeln.

Darauf entgegnete Kolmann, er habe in Deutschland gedient und wuerde im
Kriegsfall einberufen werden.

"Dagegen gibt es ein sehr einfaches Mittel," meinte der Direktor; "Sie
duerfen sich nur naturalisieren lassen, das heisst wieder Franzose werden.
Im uebrigen ist ja immer noch Hoffnung, dass es nicht zum Krieg kommt; die
Gefahr kann auch wieder vorueber gehen. Einstweilen moechte ich Sie
ersuchen, moeglichst die Arbeit der abgereisten Kollegen zu uebernehmen,
wofuer ich Ihren seitherigen Gehalt verdoppeln werde."

Sehr nachdenklich kam an diesem Abend Kolmann vom Geschaeft heim. Seine
drei Kinder waren schon zu Bett gebracht. In einem reizenden, kleinen
Salon erwartete ihn seine Frau.

"Wie spaet du heimkommst," klagte sie. "Das kann doch nicht so weiter
gehen! Der Direktor kann nicht von dir verlangen, dass du die Arbeit der
Herrn uebernimmst, die abgereist sind."--"Ich muss es ja nicht umsonst
tun. Der Direktor hat mich heute darum gebeten und mir den doppelten
Gehalt angeboten."

"O wie fein!" rief Frau Kolmann, "den doppelten Gehalt! Ja, dann werde
ich nicht murren, wenn du spaeter von der Bank kommst; wir werden den
Abend um so vergnuegter verbringen. Gehen wir gleich heute noch ins
Odeon? Oder wo feiern wir sonst diese frohe Botschaft?"--"Bitte, lass uns
nur ruhig zuerst zu Abend essen. Ich bin wirklich muede und gar nicht in
der Stimmung auszugehen."

"Schade," sagte die junge Frau, "wie kann einer nicht in guter Stimmung
sein, wenn man ihm unvermutet einen so glaenzenden Gehalt anbietet? Aber
ich will dich nicht plagen, mein Lieber; mich hat diese Nachricht
wirklich in die allerbeste Stimmung zersetzt. Komm ins Esszimmer, der
Tisch ist gedeckt. Wir werden Champagner aus dem Keller holen lassen und
auf das Wohl deiner Herrn Kollegen trinken, die ihren Gehalt im Stich
gelassen haben und uns zu reichen Leuten machen. Wie toericht sie waren,
so schnell abzureisen; es kommt garnicht zum Krieg gewiss nicht, ich habe
es heute erst im Figaro gelesen."

"Glaube den franzoesischen Zeitungen nicht, sie luegen!"

"Aber nein, gewiss nicht; was ich gelesen habe, kann nicht erlogen sein:
der Zar hat dem deutschen Kaiser telegraphiert, er wolle keinen Krieg.
Auch der Koenig von England versichert, er habe den ernsten Wunsch,
einen europaeischen Krieg zu verhindern. Dass die Franzosen den Krieg
fuerchten, wissen wir doch ganz gewiss und ebenso, dass die Deutschen nie
anfangen. Also, wie soll es einen europaeischen Krieg geben? Komm, sei
nicht so schwarzsichtig, lass dir das Essen schmecken. Denke nicht mehr
an den Krieg. Du hast noch gar nicht nach den Kindern gefragt."

"Ja, wie geht es ihnen?"

Die Mutter erzaehlte nun froehlich, dass die kleine Mimi, die einjaehrige,
schon die ersten Schrittchen allein mache und wie Emil und Paul zaertlich
seien mit dem kleinen Liebling. Ueber diesem Geplauder wurde auch der
Vater wieder heiter, die Kinder waren seine Herzensfreude.

Am naechsten Morgen machte sich Kolmann fruehzeitig auf den Weg zur Bank.
Er wusste, dass viel Arbeit auf ihn wartete, und verabschiedete sich von
Frau und Kindern mit den Worten: "Auf Wiedersehen um zwei Uhr." Zaertlich
kuesste er seine zwei Knaben, die mit der Mutter beim Fruehstueck sassen,
ging auch noch in das Kinderzimmer, wohin ihn das Stimmchen der Kleinen
lockte. Sie wurde eben von der "Bonne" in ein weisses Kleid gesteckt und
streckte verlangend dem Papa die Aermchen entgegen. Nur einen Augenblick
hatte er Zeit, das Kind auf den Arm zu nehmen; dann gab er es wieder der
Kinderfrau zurueck und verliess eilends das Haus.--Er war noch keine
hundert Schritte gegangen, als ihm ein Junge ein Zeitungsblatt anbot:
"Es ist der Krieg!" rief der Junge, erhielt einen Sou und eilte zum
naechsten Voruebergehenden mit dem Ruf: "Es ist der Krieg!"

Kolmann hielt mit vor Aufregung zitternden Haenden das Blatt und las, dass
die Franzosen ueber die deutsche Grenze geschritten und in die Vogesen
eingedrungen waren. Daraufhin hatte Deutschland an Frankreich den Krieg
erklaert.

Da wandte Kolmann seine Schritte zurueck und nach wenigen Minuten war er
wieder in seinem Haus, trat in das Zimmer, in dem seine Frau friedlich
mit den beiden Knaben am Fruehstueck sass, und sagte auch nur die vier
Worte: "Es ist der Krieg!" Sie griff nach dem Blatt, das er ihr
hinhielt. Sie las es. "Also wirklich?" Nun musste auch sie an den Krieg
glauben. Das Blatt fiel ihr aus den Haenden, Paul nahm es auf. Er las,
was mit grossen Buchstaben dastand, und weil er mit seinen Kameraden gern
Krieg spielte, so dachte er sich hinein, wie die grossen Leute nun wohl
den Krieg fuehren wuerden. Vater und Mutter sprachen halblaut miteinander
und sprachen deutsch, wie sie es meist taten, wenn das franzoesische
Dienstmaedchen im Zimmer nebenan war. "Papa," fragte Paul--er redete
franzoesisch--"Papa, die Bonne hat gestern gesagt, die Russen und die
Englaender halten zu uns, ist das wahr?"--"Zu uns?" Der Vater sah seinen
Jungen an. Er hatte nie mit ihm darueber gesprochen, dass sie Elsaesser und
also Deutsche waren, denn er wollte, dass seine Kinder sich ganz heimisch
und wohl fuehlten unter den franzoesischen Kameraden. Und jetzt, in dem
Augenblick, da Krieg ausbrach, war es noch bedenklicher, davon zu
sprechen. "Bitte Papa, sage mir's!" wiederholte Paul, "haelt England zu
uns?"

"Franzosen, Englaender und Russen halten zusammen," sagte Herr Kolmann
ausweichend.--"Dann werden wir leicht fertig mit den Deutschen; oder
haben die auch Freunde?"

"Ja, Oesterreich geht mit Deutschland."

"Papa, wer wird's gewinnen?"

"Wir, Paul," sagte der Vater und er dachte dabei "wir Deutschen", aber
er merkte wohl, dass Paul dachte: Wir Franzosen. Paul war befriedigt; er
forderte den juengeren Bruder auf, mit ihm hinueber zu gehen ins
Kinderzimmer, sie wollten Soldaten spielen.

Die Eltern blieben allein zurueck. "Paul meint, wir seien Franzosen,"
sagte Kolmann. "Das ist ja nur gut," entgegnete seine Frau, "Elsass kommt
nun sicher wieder an Frankreich. Ich hoerte es neulich erst sagen, ganz
Elsass freue sich auf einen Krieg und werde in der ersten Stunde zu
Frankreich uebergehen."

"Was man wuenscht, das glaubt man gern. Charlotte, ich glaube es nicht,
und von all den Elsaessern, die wie ich im deutschen Heer gedient haben,
wird das keiner glauben. Denke an deinen Bruder; weisst du nicht mehr,
wie er begeistert war fuer das deutsche Heer? Meinst du, dass er ueberginge
zur franzoesischen Fahne?"

"Der freilich nicht," sagte sie nachdenklich und nach einer Weile fuegte
sie hinzu: "Gottlob, dass du nicht in den Krieg musst; es waere ja
schrecklich, wenn man nicht wuesste, zu wem man halten sollte." In
sichtlicher Unruhe ging Herr Kolmann hin und her. Sie sah ihm nach.

"Was beunruhigt dich so?" fragte sie teilnehmend.

Er schwieg.

"Sage es mir doch, lieber Freund," bat sie zaertlich.

Da blieb er vor ihr stehen. "Ich muss es dir ja freilich sagen, wenn du
es dir nicht selbst denken kannst. Du irrst dich, wenn du meinst, meine
dreissiger Jahre entheben mich der Militaerpflicht. Mir bleibt nur die
Wahl: entweder ich stelle mich sofort in Deutschland--dann muessen wir
alles aufgeben, was wir hier haben und Paris verlassen--; oder ich werde
Franzose, wie mir der Direktor geraten,--dann gehoeren wir kuenftig der
franzoesischen Nation an. Schon lange habe ich gefuerchtet, dass ich einmal
vor diesen Entscheid gestellt wuerde, nun ist die Stunde gekommen."

"Aber Liebster, wir koennen uns doch gar nicht besinnen. Hier haben wir
unser reizendes Heim, hier hast du eine glaenzende Stellung; so bleiben
wir doch natuerlich hier und werden Franzosen. Denn was sollten wir in
Deutschland tun? Ganz von vorne anfangen, das waere doch zu toericht!"

"Ja, ja, ganz recht; es waere toericht und fuer dich zu schwer," antwortete
er; aber wieder trieb es ihn unruhig im Zimmer herum.

"Unsere Grosseltern waren noch Franzosen," sagte sie, "so koennen wir es
doch wieder werden. Sag, Liebster, was spricht dagegen?"

"O nichts," sagte er bitter, "nichts als das, dass ich als Soldat zur
deutschen Fahne geschworen habe. Und dass es mir ein sonderbares Gefuehl
ist, den Fahneneid, den ich in voller Begeisterung geschworen hatte, zu
brechen, in der Stunde, wo ganz Europa sich gegen das deutsche Heer
ruestet, dem ich als junger Mann angehoert habe mit Leib und Seele. Es ist
das schoenste, beste Heer mit seinen praechtigen Offizieren und seinem
edlen Kaiser. Aber jetzt, in der Stunde der Not, verlasse ich es. Pfui!
All die deutschen Offiziere--voran mein Hauptmann, der etwas auf mich
hielt und den ich verehrte--alle duerften mir zurufen: Pfui!"--

Charlotte stand ergriffen.

In diesem Augenblick kamen die zwei Knaben hereingesprungen, mit roten
Koepfen; lustig war ihr Eifer anzusehen: "Mama, wir sind schon in Berlin
gewesen und haben die Deutschen besiegt. Und ihren Kaiser haben wir
gefangen, dem soll es schlecht gehen!"

"Schweigt!" rief der Vater und in aufwallendem Zorne gab er dem aeltesten
eine Ohrfeige. Sehr bestuerzt ueber diese ganz ungewohnte Behandlung
verzogen sich die zwei kleinen Soldaten. Ihrer Mama kamen die Traenen.

"Verzeih," sagte der Mann, "ich war zu heftig. Aber ich kann's nicht
hoeren, dass meine Kinder gegen den Kaiser sind; es regt mich auf. Am
besten ist's, ich gehe jetzt fort, auf die Bank. Adieu!"

Er streckte ihr die Hand hin, sie griff darnach, aber sie weinte nur
noch bitterlicher. Beguetigend sagte er: "Ich werde Paul noch ein
freundliches Wort sagen, ich weiss ja, er hat die Ohrfeige nicht
verdient. Du musst nicht mehr darueber weinen!"

"Ach, das ist's nicht," sagte sie schluchzend, "aber geh nur jetzt, wir
koennen ja mittags alles besprechen."

Da verlief er das Haus, ging durch die Strassen zwischen der aufgeregten
Menge hindurch, hoerte nichts als Krieg und wieder Krieg; fand in der
Bank ein grosses Gedraenge von Menschen, die alle besorgt waren um ihr
Geld; sah den Bankdirektor selbst an einem Schalter stehen und hoerte,
wie er die Aengstlichen zu beruhigen suchte. Sein spaetes Kommen musste dem
Direktor aufgefallen sein. Er hatte wohl schon Sorge gehabt, auch dieser
Beamte moechte abreisen. Nun winkte er Kolmann freundlich zu und dachte,
es sei doch gut gewesen, dass er ihm schon gestern doppelten Gehalt
angeboten hatte. So etwas schlaegt keiner aus--meinte der Direktor.

Sobald der Vater die Wohnung verlassen hatte, suchten die Kinder ihre
Mutter auf. Aber sie fanden die Mama nicht heiter und froehlich wie
sonst; verweint sah sie aus, gab ihnen ein paar Bonbons und sorgte, dass
sie moeglichst schnell mit dem Schwesterchen unter der Aufsicht der
Kinderfrau spazieren gingen. Denn sie wollte allein sein, um ordentlich
nachdenken zu koennen. Bisher hatte sie das Nachdenken ihrem Mann
ueberlassen; er hatte alles fuer die Familie aufs beste eingerichtet und
jederzeit gewusst, was geschehen musste. Nur heute nicht. Es war ihr
ungewohnt und schrecklich, ihn so unsicher und aufgeregt zu sehen. Die
Ohrfeige, die kam doch nur daher, dass er es nicht ertragen konnte, wenn
sein Bub gegen die Deutschen Partei nahm. Also war er mit seinem Herzen
auf deutscher Seite und es zog ihn jetzt hinueber zum deutschen Heer.
Aber sie konnten doch nicht fort und alles preisgeben, was sie hatten!
Bei dem blossen Gedanken war ihr, als wankte der Boden unter ihren Fuessen.
Waehrend sie so in der Stille darueber nachdachte, glaubte sie im
Kinderzimmer die Stimme ihres Paul zu hoeren. Aber der war doch wohl fort
mit der Kinderfrau? Sie ging nachzusehen. An dem grossen Tisch stand Paul
ganz allein, eifrig beschaeftigt Soldaten aufzustellen, denen er laute
Befehle gab.

"Mama," sagte er, "die Bonne hat mir erlaubt daheim zu bleiben, wenn ich
ganz still im Zimmer spielen wuerde. Sie meinte, es werde dir schon recht
sein, und wir wollten dich nicht stoeren. Mama, warum bist du so traurig,
und warum ist Papa auch nicht wie sonst?"

"Das kommt vom Krieg, Kind."

"Mama, die Bonne hat mich gefragt, ob wir richtige Franzosen seien, weil
wir alle Deutsch koennten. Der Hausmeister hat ihr gesagt, wir seien
Elsaesser. Wie ist das eigentlich?"

"Es ist am besten, du redest nicht mit den Leuten darueber."

"Das will ich auch nicht, nur wissen moechte ich es, Mama. Sieh, da
stehen meine Franzosen und da die Deutschen; wenn ich nun Elsaesser
habe, wohin muss ich sie stellen?"

Er sah auf und wunderte sich, dass die Mutter keine Antwort gab. "Bitte,
sage mir nur noch das eine, dann lasse ich dich wieder ganz in Ruhe.
Sieh, da ist unsere franzoesische Fahne und hier die schwarzweiss-rote,
das ist die deutsche. Zu welcher gehoeren die Elsaesser?"

Der Mutter, die nicht gern antwortete, kam von aussen Hilfe. Es
klingelte. Sie erkannte an der Stimme einen Freund ihres Mannes, der
anfragte, ob er sie in so frueher Morgenstunde einen Augenblick sprechen
koennte. Sie empfing ihn im Salon. Er und seine Frau waren Deutsche. "Ich
wollte nur noch schnell Abschied von Ihnen nehmen," sagte Herr Frank.
"Meine Frau laesst Sie herzlich gruessen, sie hat alle Haende voll zu tun.
Wir reisen heute ab. Man kann nicht schnell genug fortkommen aus dem
Feindesland. Was sagt Kolmann zu diesem Krieg? Wie falsch und tueckisch
fallen die Feinde von allen Seiten ueber Deutschland her! In Lug und Trug
sind sie verbuendet. Aber ganz Deutschland wird aufstehen. Kein Mann wird
zurueckbleiben. Mir brennt das Herz, zur Fahne zu eilen. Wann reisen
Sie?"

"Ich weiss nicht," sagte Frau Kolmann; "vielleicht--ich weiss nicht; was
macht Ihre Frau?"

"Meine Frau draengt fast noch mehr, sie mag die Franzosen nicht mehr
sehen, ihnen kein Wort goennen."

"Aber was wird aus Ihrem Geschaeft? Wo werden Sie Unterkunft finden mit
Ihren Kindern?"

"Das wissen wir alles noch nicht. Wer kann jetzt an sich denken, wenn
das ganze Vaterland in Gefahr ist! Wir wissen nur, dass wir nach
Deutschland muessen, und wenn es auch nur waere, um mit ihm zu leiden. Ihr
Mann denkt sicher ebenso. Ich muss gehen, gruessen Sie ihn. Wir treffen uns
unter der Fahne! Meine Frau und ich, wir danken Ihnen fuer alle
Freundschaft. Vielleicht fuehrt uns das Leben noch einmal zusammen im
stolzen, sieggekroenten Vaterland!" Er drueckte ihr die Hand zum Abschied
und ging.

Frau Kolmann stand allein. Aber der Freund hatte etwas zurueckgelassen,
einen Hauch der Begeisterung, der in sie drang, sie erfuellte und ihr,
der unsichern, verzagten Frau, den Weg wies. Wie gross war das, zu sagen:
Wer kann an sich denken, wenn das Vaterland in Gefahr ist? Sie hatte
sich geschaemt, dem Freund nur auszusprechen, dass sie daran daechte, in
Frankreich zu bleiben. Wieviel mehr muesste ihr Mann sich schaemen, er, der
Deutschland Treue geschworen hatte! Nein, er sollte nicht um ihretwillen
zurueckbleiben! Alle Unsicherheit und Schwaeche war von ihr gewichen.
Raschen Schrittes kehrte sie ins Kinderzimmer zurueck.

"Nun, Paul," sagte sie in ihrer gewohnten, frischen Weise, "was wolltest
du wissen? Wohin die Elsaesser gehoeren? Zu den _Deutschen_ gehoeren sie,
das musst du doch wissen! Wir sind Elsaesser und Elsass gehoert zu
Deutschland."

"So?" sagte der Knabe nachdenklich, "ja, dann muss ich alles anders
aufstellen; dann muessen die Deutschen meine besten Kanonen bekommen und
muessen oben stehen, damit sie siegen koennen!"

"Ja, mach' das so. Und wenn Papa heimkommt, zeigst du ihm das, es wird
ihn freuen."

"Das haettest du mir schon lang sagen sollen, Mama. Ich habe mit den
Schulkameraden immer gegen die Deutschen gekaempft und zu den Franzosen
gehalten."

"Das wird jetzt alles anders, Paul, jetzt ist Krieg!"

       *       *       *       *       *

Kolmann empfand eine helle Freude, als er bei seiner Heimkehr eine
entschlossene, tapfere Frau fand, die auf Reichtum und Behagen
verzichten wollte und bereit war, mit ihm nach Deutschland zu ziehen,
wohin ihn Ehre und Treue riefen. Alle Unsicherheit war nun vorbei. In
aller Eile wurde die Abreise vorbereitet, jedes Opfer, das damit
verbunden war, wollten sie bringen und alles Schwere auf sich nehmen.

Und das Schwere kam bald genug. Gegen diejenigen Elsaesser, die nicht,
wie man von ihnen erwartet hatte, zu Frankreich uebertreten wollten,
wandte sich der groesste Hass der Franzosen. Der Bankdirektor wollte den
Gehalt nicht zahlen, den er Kolmann schuldete; der Hausherr forderte die
Miete fuers ganze Jahr; die Koechin wurde durch ihn aufgehetzt, verlangte
ihren Lohn und verliess sofort das Haus. Das Gasthaus weigerte sich,
Speisen abzugeben, und der Gepaecktraeger kehrte den Ruecken, als er
aufgefordert wurde, das Gepaeck zu besorgen. Die Leute aus dem
Hinterhaus warfen Steine nach den Fenstern der Wohnung.

Kolmann ging auf die Polizei und erbat Schutz. Die Beamten zuckten die
Achseln und erklaerten, sie koennten nichts machen. Auf dem deutschen
Konsulat waren alle Raeume ueberfuellt mit ausgewiesen Deutschen, denen das
Reisegeld fehlte, und mit hilflosen Maedchen, die Schutz suchten. Da
sagte sich Kolmann: "Hilf dir selbst!" Mit viel Geld, mit guten und
boesen Worten, mit List und Klugheit gelang es doch, dass er am naechsten
Morgen mit seiner Familie am Bahnhof stand, wo ein besonderer Zug die
Ausgewiesenen bis an die Grenze bringen sollte.

Der Zug hatte nicht genug Wagen, trotzdem die Leute Kopf an Kopf, sogar
in den Viehwagen standen. In dem furchtbaren Gedraenge, bei der
boshaften, schadenfrohen Gesinnung der Bahnbeamten geschah es, dass,
waehrend die Mutter mit der Kleinen und der Vater mit Emil einstieg, Paul
weggestossen wurde und zu Boden fiel in dem Augenblick, da der Zug sich
in Bewegung setzte. Niemand kuemmerte sich um den Jammer der
Zurueckbleibenden, kein Schaffner achtete auf den verzweifelten Schrei:
"Mein Kind, mein Kind!", der aus dem Wagen drang, in dem die Familie
Kolmann davon fuhr. Sie wussten nicht, war ihr geliebtes Kind ueberfahren
oder stand es hilflos und verzweifelnd in der feindlichen Stadt.

Der Zug fuhr ohne Aufenthalt immer weiter, immer zu. Keine Moeglichkeit,
irgend etwas zu tun fuer das verlorene Kind; kein mitleidiger Beamter,
kein hilfreicher Telegraph stand zur Verfuegung, feindselig waren alle
Einrichtungen; es war Krieg.

Und doch kam nach einer Stunde Fahrt ein kleiner Trostschimmer. Eine
Mitreisende, ein junges deutsches Maedchen, das in einem der hintersten
Wagen gewesen, draengte sich allmaehlich vor und fragte in jedem Wagen:
"Sind hier die Eltern, die einen Knaben verloren haben?" Schliesslich kam
sie mit der Frage in den richtigen Wagen. "Ja, ja!" riefen Pauls Eltern
wie aus einem Mund. "Ich wollte Ihnen nur sagen, dass ich vom Fenster aus
gesehen habe, wie der Junge, den man zu Boden geworfen hatte,
aufgestanden ist und offenbar keinen Schaden genommen hatte." Frau
Kolmann stuerzten die Traenen aus den Augen: "Aber verloren ist er!"
schluchzte sie laut. "Ich sah noch," fuhr das Fraeulein fort, "dass eine
Frau, es schien mir eine einfache deutsche Buergersfrau, die mit ihren
kleinen Kindern abreisen wollte, Ihren Jungen angeredet hat. Sie sah ihn
muetterlich freundlich an; ich denke mir, sie wird sich seiner annehmen
und ihn mit nach Deutschland nehmen. Ich wollte Ihnen dies nur zum Trost
sagen."--"Danke, danke!" Frau Kolmann konnte nichts weiter
hervorbringen; sie wandte alle Kraft an, um Herr zu werden ueber ihre
Traenen. Es war doch schon ein Trost fuer die Eltern, dass sie wussten, ihr
Kind war nicht unter die Raeder gekommen, und sie hielten das Bild fest,
wie eine deutsche Frau sich ihm teilnehmend zugewandt hatte. Kam er
wirklich nach Deutschland, so wuerden Eltern und Kind sich auf allen
Wegen suchen und endlich auch sich zusammenfinden.

Es war eine greuliche Fahrt, die all' die Deutschen in diesem Zug
durchzumachen hatten. In grausamer Weise wurde ihnen alles verweigert,
was sie begehrten; an keiner Station durften sie aussteigen, keinen
Trunk Wasser, keinen Schluck Milch fuer die kleinen, schreienden Kinder
konnten sie sich verschaffen, und wo sie Aufenthalt hatten, wurden sie
vom Poebel beschimpft, ohne dass es irgend einem Beamten eingefallen waere,
die Wehrlosen zu schuetzen.

Frau Kolmann graute vor dem Volk, das sich so gehaessig zeigte. So
Schweres sie jetzt schon erlebt hatte, sie bereute doch nicht, dass sie
Paris den Ruecken gewandt hatte. Ihre Kinder sollten nicht Franzosen
werden; fort, fort aus diesem Land, das unschuldige Menschen so grausam
behandelte!

Die bedauernswerten Reisenden wurden nicht einmal bis zur Grenze
gebracht. Zwei Stunden vor dem Grenzort mussten alle aussteigen und von
da an konnten sie selbst zusehen, wie sie mit Kindern und Gepaeck
vollends hinueber kaemen.

Aber mit dem Augenblick, wo sie endlich die Grenze erreicht hatten, trat
ihnen deutsche Herzensguete entgegen. Man hatte den Strom der
Vertriebenen erwartet und fuer die Nacht Unterkunft bereitet. Maenner und
Frauen, die das Zeichen des Roten Kreuzes auf ihren Armbinden trugen,
standen bereit, sie zu empfangen. Den todmueden Muettern wurden die Kinder
abgenommen und mit warmer Milch gelabt, fuer die Erwachsenen waren
Kessel voll Tee und Kaffee zur Stelle, und so viele der Ausgewiesenen es
auch waren, alle bekamen Obdach und Lager fuer die Nacht. Manche waren zu
Traenen geruehrt ueber diese unerwartete Hilfe, alle segneten ihr
wiedergewonnenes deutsches Vaterland!

       *       *       *       *       *

Wochen waren seitdem vergangen. Die Familie Kolmann hatte in Strassburg
eine kleine Wohnung genommen. Jetzt waren sie noch beisammen, aber schon
in dieser Woche konnte Kolmann ausmarschieren muessen. Er brachte seine
Tage auf dem Exerzierplatz zu, nur in den Mittagspausen und abends war
er daheim. Unermuedlich waren in dieser Zeit seine Bemuehungen, durch
Anfragen bei Behoerden, durch Briefe und Zeitungen Erkundigungen ueber das
verlorene Kind einzuziehen. Bis jetzt war alles vergeblich gewesen.
Bahn, Post und Telegraph waren fast nur fuer das Militaer zu haben und
auch die Teilnahme der Beamten konnte man nicht so viel in Anspruch
nehmen. Schon waren grosse Schlachten geschlagen und viele Opfer
gefallen; lange Verlustlisten erschienen und in jeder derselben kam das
Wort "vermisst" vor. Wie konnte man verlangen, dass alle sich bemuehen
sollten, nach dem einen kleinen Vermissten zu forschen?

Das grosse Leid, das der Krieg so vielen auferlegte, wollte still und
tapfer getragen sein. Auch Frau Kolmann trug ihren Schmerz im
verborgenen; sie wollte ihrem Mann, der nun bald in den Krieg ziehen
sollte, das Herz nicht schwer machen. Vielleicht kam er nicht wieder aus
dem grossen Kampf, dem kein Ende abzusehen war; fuer die kurze Zeit, die
sie ihn noch bei sich haben durfte, wollte sie ihm die kleine
Haeuslichkeit behaglich machen, die ihr doch selbst so gering vorkam,
nach den glaenzenden Pariser Verhaeltnissen. Sie waren gluecklich,
beisammen zu sein, aber im stillen fuerchteten sie beide den Tag, an dem
sie sich trennen sollten, und wenn sie daran dachten, wie Unzaehligen
derselbe Abschied bevorstand, so fuehlten sie, dass es ihnen schwerer
wurde als anderen, weil der Schmerz um das verlorene Kind sie so tief
bedrueckte.

Eines Abends sassen sie in Gedanken verloren, Hand in Hand. Die Kinder
schliefen, es war stille im Haus. Die Hausglocke stoerte die Stille. "Wer
kommt so spaet noch?" Herr Kolmann ging zu oeffnen. Ein Brieftraeger stand
aussen. "Der Herr Postmeister schickt Ihnen ein Zeitungsblatt, er meint,
es koennte Sie interessieren; die Stelle ist angestrichen." Der Bote
ging.

"Gewiss eine erfreuliche Kriegsnachricht," sagte Kolmann, indem er sich
wieder zu seiner Frau setzte. Nein; der angestrichene Satz lautete: "Auf
Ersuchen aus unserem Leserkreis sind wir gerne bereit, in unserem Blatt
eine Liste solcher Familienglieder aufzunehmen, die durch die
Kriegswirren--namentlich in Ostpreussen und im Elsass--von ihren
Angehoerigen getrennt wurden, und zugleich die Adressen derer, die nach
solchen suchen."

Es folgte eine Liste. Sie begann:

  "Berta Schwarz, Lehrerin aus Lyck, gesucht von Frau Elise Schwarz
  in Berlin, Passauerstrasse 6."

  "Ernst und Max Gullasch, 12 und 14 Jahre alt, gesucht von Lehrer
  Gullasch in Heinrichswalde."

  "Familie Schneider, gesucht von Anna Schneider in Altkirch im
  Elsass."

  "Administrator Bajohr mit 40 Familien aus Milluhnen, gesucht von
  Grau Donalus, Fasanenstrasse."

  "Dienstmaedchen Ida Kern, gesucht von Dr. Mayer in Muehlhausen im
  Elsass."

So ging das weiter, eng gedruckt, eine lange Spalte.

"Ja," sagte Herr Kolmann, indem er die Liste ueberflog, "an diese Zeitung
wollen wir uns wenden, ich werde gleich schreiben." Er stand auf, das
Schreibzeug zu holen.

Im selben Augenblick stiess seine Frau einen Schrei aus: "Liebster, hoere
nur: 'Bankier Kolmann und Frau gesucht von ihrem Sohn Paul in Ulm,
Walfischgasse 3, bei Frau Peter.' Sieh doch, lies nur, ist's denn wahr?
Herzensmann, lies!"

Die Freude benahm ihnen schier den Atem, als sie zusammen lasen und aus
den wenigen Worten herausfanden, dass ihr geliebtes Kind wieder gefunden
war. "Er sucht uns!" rief Frau Kolmann bewegt, "'gesucht von ihrem Sohn'
heisst es. Wer hat ihm nur geholfen, dass er diesen Ausweg fand? O diese
Frau Peter, die moechte ich in Gold fassen! Waere nur schon die Nacht
vorbei! Was machen wir nun? Soll ich gleich abreisen?"

"Zuerst telegraphieren, morgen in aller Fruehe!"

Am naechsten Tage gingen Telegramme hin und her. Soviel erfuhren die
Eltern, dass Paul gesund sei und gleich abreisen wuerde; ihn abzuholen,
sei unnoetig.

"Also wird ihn Frau Peter bringen," schloss Frau Kolmann, "denn allein
kann das Kind doch nicht reisen."

Sie telegraphierten noch einmal; es kam die Antwort: Paul sei schon
abgereist.

Die Zuege gingen so unregelmaessig, man wusste nie, wann einer kam.

Aber Frau Kolmann machte unermuedlich mit ihren zwei Kindern den Gang an
die Bahn und einmal, als sie wieder am Bahnsteig stand, da sprang ein
Junge aus dem Zug--ihr Junge; und war im Nu bei ihr, herzte und kuesste
sie, lachte vor Glueck und weinte vor Freude; gab dem Bruder einen Kuss,
hob die Kleine auf den Arm und rief: "Ich kann sie ganz nach Hause
tragen. Unseren Kleinen, weisst du, den von Frau Peter, habe ich auch
immer getragen. Wir haben keinen Kinderwagen. Wir waren sehr arm, Mama,
in der ersten Zeit; aber jetzt haben wir eine Naehmaschine, da kann Frau
Peter viel mehr verdienen, jetzt geht es schon besser."

"War sie gut, die Frau Peter?"

"O ja, Mama. Sie hat mich von Paris mitgenommen an die Grenze. Dort darf
niemand hinueber, der nicht auf dem Pass genannt ist. Da hat sie mich
Johann genannt, weil so ihr Kleiner heisst und auf dem Pass stand. Der
Beamte wollte uns aber doch nicht durchlassen, er sagte, es stehe nur
ein Kind auf dem Pass. Da hat Frau Peter den Kleinen, der gerade
moerderisch nach seiner Milch schrie, dem Mann hingehalten und hat ihn
angefahren: "So nehmen Sie den Schreihals, den geb ich billig!" Da ist
der Beamte ordentlich zurueckgebebt und hat uns durchgelassen. Ich habe
so lachen muessen, dass ich uns fast verraten habe.--Dann sind wir nach
Ulm, in Frau Peters Heimat gefahren. Dort hat sich eine Dame um uns
angenommen und uns ein Stuebchen und Arbeit verschafft. Fuer mich haette
sie eine Familie gewusst, die mich aufgenommen haette, aber Frau Peter und
ich wollten doch lieber beisammen bleiben. Die Dame hat auch die Anzeige
in die Zeitung gesetzt und dann ist Euer Telegramm gekommen."

Immerzu erzaehlte Paul; sein Herz war uebervoll von all den Erlebnissen.

Als sie zu Hause ankamen und die kleine Wohnung betraten, bewunderte er
die Zimmer, die ihm schoen und gross vorkamen. Darueber musste sich sein
Bruder Emil wundern. "Uns gefaellt es gar nicht"; sagte er, "wir haben
doch in Paris eine schoenere Wohnung gehabt!"

Aber Paul liess sich nicht beirren, ihm kam alles wunderschoen vor, und
die Mutter war froh darueber. Sie merkte es aus allem: in grosser Armut
hatte ihr Kind diese Wochen verlebt, aber es hatte ihm nicht geschadet,
im Gegenteil.

Nun kam der Abend und brachte den Vater. In Uniform trat er, strammer
als sonst, herein--Paul war einen Augenblick ganz befremdet; aber der
Vater zog ihn so warm an sein Herz, dass die alte Vertraulichkeit gleich
wieder da war.

"Der Papa geht jetzt in den Krieg," erklaerte Emil.

"Gegen die Franzosen, gelt, Papa, ich mag sie nicht mehr. Sie haben die
Mama so grob gestossen beim Einsteigen, und mich haben sie auf den Boden
geworfen. Aber die Deutschen waren so gut gegen mich. Frau Peter hat
gesagt, ich soll nur ruhig allein nach Strassburg reisen--es tue mir
niemand was in Deutschland und es koste sonst so viel Geld, und wir
hatten nicht mehr viel. Papa, hast du noch welches? Weisst du, die
Naehmaschine haben wir natuerlich nicht gleich ganz bezahlen muessen, die
muss monatlich abbezahlt werden. Das macht so viel Sorgen. Kannst du Frau
Peter nicht etwas schicken?"

"Wieviel habt ihr denn noch abzubezahlen?" fragte der Vater laechelnd.

Paul machte ein sehr ernstes Gesicht: "Fuenfzig Mark! Aber wenn du ihr
zehn schicken koenntest? Frau Peter ist wirklich eine sehr gute Frau!"

"Wir schicken ihr fuenfzig und das gerne, mein Kind; und alles was sie
fuer deine Kost und deine Reise ausgegeben hat, soll dieser guten Frau
reichlich bezahlt werden. Wir wollen sie auch spaeter nie vergessen."

Paul strahlte vor Freude. Es war ein unbeschreibliches Glueck an diesem
Abend.

Freilich, wenige Tage nachher kam der Ausmarsch, die Trennung. Aber sie
wurde standhaft ertragen. Kann nicht wieder ein so beglueckendes
Wiedersehen folgen?

Sie hoffen darauf in guter Zuversicht und denken treulich aneinander.




Der kleine Franzos.


Als das deutsche Heer im August nach Frankreich einmarschierte, kam es
gar schnell auf den grossen Strassen, die nach Paris fuehren, vorwaerts.

Die Franzosen hatten sich das ganz anders gedacht. Sie wollten auf
unsere Hauptstaedte losgehen, wir sollten nicht wieder in _ihr_ Land
eindringen wie im Jahr 1870. Als sie nun doch wieder sehen mussten, wie
unsere Soldaten unaufhaltsam vordrangen, da wurde die ganze franzoesische
Bevoelkerung von furchtbarem Grimm gegen die Deutschen erfasst. Maenner und
Frauen liessen ihre Wut sogar noch an unsern Verwundeten aus und nach der
Schlacht, wenn unsere Soldaten friedlich durch ein Dorf zogen, schossen
sie heimtueckisch, hinter den Fenstern versteckt, aus ihren Haeusern
heraus.

Da machten unsere Offiziere bekannt, wenn unsere Soldaten friedlich in
ein Dorf einzoegen, duerfe keinem von ihnen etwas geschehen. Die Einwohner
sollten sich hueten und wenn kuenftig nur auch _ein_ Schuss fiele, so wuerde
das ganze Dorf verbrannt.

Aber die Wut und der Hass waren zu gross; auch glaubten die Leute nicht,
dass unsere Soldaten mitten im Krieg gegen die Maenner, die keine Waffen
trugen, und gegen die Frauen und Kinder freundlich sein wuerden. Man
hatte ihnen so viel vorgelogen, dass sie meinten, die Deutschen seien
grausame Barbaren. So kam es immer wieder vor, dass sie wie Meuchelmoerder
aus dem Hinterhalt auf die einziehenden Deutschen schossen; dann gaben
die Offiziere den Befehl, das ganze Dorf in Brand zu schiessen, und das
geschah.

So kam es, dass eine ganze Anzahl von Doerfern niederbrannten. Viele der
Bewohner fluechteten in die naechsten Orte und erzaehlten dort die
Schauergeschichte von dem Brand; aber das erzaehlten sie nicht, dass sie
selbst an diesem Unglueck schuld waren. So wurde die Angst vor den
Deutschen und der Hass gegen sie immer groesser.

Ein grosses Dorf, das durch einen Bach in zwei Teile geteilt war, wurde
auf diese Weise auch in Brand geschossen; aber nur _der_ Teil, aus dem
geschossen worden war. Kirche, Schule und eine Reihe von Haeusern rings
herum waren verschont geblieben. Dort quartierten sich die Deutschen am
Abend ein; aber sie liessen auch die franzoesischen Familien ruhig in
ihren Haeusern.

So war auch ein deutscher Leutnant ganz friedlich bei zwei alten Leuten
einquartiert, die ihren kleinen Enkel bei sich hatten, einen etwa
neunjaehrigen Knaben. Der Junge gefiel dem Offizier, er sah sehr klug aus
und war artig gegen seine Grosseltern. "Komm doch einmal her zu mir!"
rief der Offizier, der beim Fruehstueck sass, in franzoesischer Sprache dem
Jungen zu.

Ohne Scheu folgte der Knabe.

"Wie heisst du denn?"--"Pierre".

"Bist du immer bei den Grosseltern?"

"Ja, wenn Schule ist. Aber in den Ferien bin ich daheim bei meinen
Eltern im naechsten Dorf; dort ist keine Schule."

"So; komm einmal mit mir, Pierre, und fuehre mich in die Schule!"

Aengstlich sahen die alten Leute den Knaben an der Hand des Offiziers
hinausgehen. Unter der Tuere blickte der Kleine noch einmal zurueck und
rief: "Keine Angst, gute Grossmama!" Die Strassen waren noch von Rauch und
Brandgeruch erfuellt; im untern Teil des Dorfes gluehten noch die
Brandstaetten des gestrigen Abends. An der Kirche vorbei fuehrte der Knabe
den Leutnant zum Schulhaus. Die Tuere stand offen. Sie gingen hinein.
Rechts vom Eingang deutete der Kleine auf ein offenes Schulzimmer: "Das
ist unsere Klasse. Gestern waren wir gerade in der Schule, als es hiess:
"Die Ulanen kommen!"

"Dann seid ihr alle ausgerissen."--"Ja."

Der Offizier ging zu der grossen Schultafel, die vorn beim Fenster war.
Die ersten Zahlen einer Rechnung standen darauf. Der deutsche Offizier
nahm vom Boden die Kreide, die wohl gestern dem franzoesischen
Schulmeister im Schrecken aus der Hand gefallen war, und nun schrieb er
mit grosser Schrift in franzoesischer Sprache an: Die deutschen Soldaten
tun keinem Menschen etwas zuleide, wenn man ihnen nichts zuleid tut. Die
deutschen Soldaten verbrennen jedes Dorf, aus dem geschossen wird.

"So, kannst du das lesen?"

"Ja, gut!" sagte der kleine Bursche und las laut und deutlich das
Geschriebene vor.

"Nun, Pierre, gehe und sage allen Leuten, was da steht, und dass sie
kommen sollen und es lesen. Hast du nicht selbst gesehen, dass es wahr
ist? Haben wir nicht das Unterdorf verbrannt, weil man von dort auf uns
schoss? Haben wir nicht das Oberdorf geschont? Sind wir zwei nicht ganz
gut Freunde?" Er streckte dem Buerschchen die Hand hin. Es hat verstanden
und schlug ein. "Nun so spring, kleiner Kamerad." Der Knabe rannte davon
und machte sich sehr wichtig mit seiner Nachricht. Alle Leute mussten die
Schrift lesen.

Einen Tag hatte die Truppe auf nachfolgendes Militaer zu warten, am
naechsten Abend traf dieses ein und nun sollte es weiter gehen in der
Richtung nach Paris. Aber ehe noch die Truppen abzogen, war ihnen der
kleine Pierre vorausgeeilt in das Doerfchen, wo seine Eltern lebten. Es
lag in der Richtung nach Paris, zwar nicht an der grossen Strasse, aber
nahe dabei, in einem Seitental. Wer konnte wissen, ob nicht ein Teil der
Soldaten sich dorthin wenden wuerde? Er liess sich nicht von den
aengstlichen Grosseltern zurueckhalten, ihn trieb es ins Elternhaus, er
wollte warnen.

Die Kunde vom Nahen der Feinde, von verbrannten Doerfern, war schon in
das abgelegene Oertchen gedrungen und allerlei unwahre Schauergeschichten
waren dazugedichtet worden; mit Entsetzen sah man der Zukunft entgegen.
Die einzige Hoffnung war, dass die Flut nicht bis in das Seitental
dringen moechte!

Unwillkuerlich sahen die wenigen Leute, die da hinten lebten und ihre
Felder bestellten, unzaehlige Male nach dem Weg hinunter, der von der
grossen Strasse ab zu ihnen fuehrte und beruhigt waren sie, dass sie keinen
Menschen sahen.

Niemand ging in dieser Zeit ohne dringende Not von Ort zu Ort. Aber
einmal entdeckten sie in der Ferne einen kleinen, schwarzen Punkt, der
sich vorwaerts bewegte und der allmaehlich groesser wurde. Da hielten sie an
mit der Arbeit.

"Nur ein Kind," meinte jetzt einer.

"_Unser Kind_," sagte eine Frau. Es war die Mutter von Pierre; sie
erkannte ihn und rief den andern, die weiter oben im Feld arbeiteten,
zu: "Pierre kommt und wie er laeuft und winkt! Er hat etwas zu sagen.
Heilige Maria, Mutter Gottes, wie das Kind springt!"

Da legten sie alle ihr Geraete aus der Hand und gingen dem Knaben
entgegen.

Der war nicht wenig stolz, als sie ihn nun alle umstanden und lauschten,
was er zu Berichten wusste. Dass das untere Dorf in Brand geschossen war
und viele Menschen dabei umgekommen seien.

Aber bald geriet der kleine Mann in Zorn; denn sie hoerten ihn nicht ganz
an. Von der Schule und der Schrift an der Tafel wollten sie nichts
wissen, und ihm war das doch die Hauptsache. Er wusste doch, wie man es
machen musste, damit die Haeuser nicht verbrannt wurden, und war deshalb
in solcher Eile zwei Stunden weit gelaufen, dass er noch gluehte und kaum
Atem fand.

Nun jammerten die Weiber: "Was tun, wohin fliehen vor diesen Barbaren?"
Die Maenner waren ja fast alle in den Krieg gezogen, nur einer stand
dabei, der ganz verwachsen war. Dieser stiess wilde, drohende Flueche aus
gegen die Deutschen. Sie sollten nur kommen, ganz nahe heran, und aus
dem Heuschober an der Strasse wollte er sie niederknallen.

"Ja, ja, holt eure Buechsen," schrieen die Frauen.

"Ich hole die von meinem Mann!" rief Pierre's Mutter und alle liefen in
ihre Haeuser.

Waeren die Deutschen in dieser Stunde gekommen, es waere vielleicht einer
von ihnen getroffen worden, und ganz gewiss waeren die Bauernhoefe mitsamt
ihren Bewohnern in Brand geschossen worden. Aber zum Glueck zeigten sich
noch keine Deutschen und allmaehlich beruhigten sich die Leute ein wenig.
Pierre folgte seiner Mutter, die nach des Vaters Pistole suchte. Da
griff er nach ihren vor Aufregung zitternden Haenden und flehte sie an:
"Mutter, ich schwoere dir's bei allen Heiligen, es geschieht uns nichts,
wenn ihr nicht schiesst! Ich habe es doch gesehen: Im obern Dorf haben
sie nicht geschossen und es ist keinem was geschehen und ich war doch
selbst dabei, wie es der Offizier an die grosse Schultafel geschrieben
hat, und er hat neben uns geschlafen heute Nacht, hat an unserm Tisch
gefruehstueckt und freundlich mit mir geredet. An seiner Hand bin ich ganz
allein mit ihm im Schulhaus gewesen und es ist mir nichts geschehen."

"Du ganz allein mit einem deutschen Offizier! Das ist ein Wunder Gottes!
Hoert man doch immer, dass sie die Kinder aufspiessen, die Unmenschen!" Da
stampfte der Bub zornig auf den Boden. "Es sind keine Unmenschen, es
ist verlogen! Aber natuerlich, wenn ihr schiesst, dann koennen wir alle
braten in den Flammen unserer Haeuser!"

Jetzt staunte die Mutter ueber ihren Buben und sie legte die Pistole weg.
"Wenn das so ist, Pierre, warum hast du es den andern nicht gesagt?"

"Sie haben mich ja nicht hoeren wollen, haben alle
zusammengeschrieen."--"So komm mit, Pierre, komm, du musst es ihnen allen
erzaehlen; mach schnell, schnell, dass sie's hoeren, ehe die Deutschen
kommen."

Sie gingen miteinander, um den Buckeligen aufzusuchen; die Frauen kamen
auch herzu und jetzt horchten sie alle und staunten den Pierre an, der
Hand in Hand mit einem deutschen Offizier gegangen und nicht aufgespiesst
worden war. Dann wurden sie nachdenklich, ob man wirklich trauen koenne,
sprachen lebhaft hin und her, bis eine rief: "Da unten kommen sie!"

Ein kleiner Trupp Deutscher bewegte sich zwischen Wiesen das Tal herauf.
Ein Offizier mit Mannschaften, die einen leeren Wagen mit sich fuehrten.
Wie gebannt standen die Leute; wussten nicht, sollten sie davonlaufen
oder sich verstecken. Aber es war kein Wald in der Naehe, Felder und
Wiesen ringsum.

Als die Feinde naeher kamen, zogen sie sich alle in das naechste grosse
Bauernhaus zurueck und beobachteten mit Todesangst, was nun geschehen
wuerde. Pierre und seine Mutter waren auch dabei. Ploetzlich rief der
Knabe: "Seht ihr den grossen Offizier, es ist derselbe, der so freundlich
gegen mich war. Das ist gut, den verstehen wir auch, er redet
franzoesisch. Dem kann man gleich sagen, dass von uns niemand auf ihn
schiesst. Sagst du es ihm, Mutter?"

"Wie werde ich den Offizier anreden, ich fuerchte mich zu Tode, wenn er
kommt!"

"Ich nicht, ich gar nicht, ich springe ihm gleich entgegen!" Und
richtig, der kleine Bursche sprang die Wiese hinab, dem Feinde entgegen.
Mit Herzklopfen sahen alle ihm nach. Die Truppe mochte wohl sehr
erstaunt sein, dass hier ein Knabe zutraulich ihnen entgegenkam, anstatt
von ihnen davonzurennen, wie es sonst geschah. Aber der Leutnant
erkannte den kleinen Burschen sofort wieder, redete ihn freundlich an
und fuehrte ihn an der Hand.

Pierre verstand nicht die deutschen Worte, in denen der Offizier seinen
Leuten die Bekanntschaft erklaerte und ahnte nicht, dass er sagte:
"Vorsicht! Es kann eine List sein, mit der man uns in irgend einen
Hinterhalt locken will. Bleibt nahe bei mir! Solange wir das Kind vorne
haben, werden sie schwerlich auf uns schiessen."

Nun kamen sie den Haeusern ganz nahe. "Dort ist meine Mutter," sagte
Pierre und vom Haus aus sahen alle die Geaengstigten, dass Pierre den
Soldaten den Weg zu ihnen wies. Pierre wollte nun vorausspringen.

"Bleib bei mir, kleiner Freund," rief der Leutnant und hielt den Knaben
fest. Da sah dieser betroffen auf.

"Hab' keine Angst, wir tun niemand etwas, wenn sie uns nichts tun. Aber
bis ich das weiss, musst du bei mir bleiben."

Das kluge Buerschlein verstand sofort, wie das gemeint war. Wusste er doch
selbst, dass dem Buckligen nicht zu trauen war. Der Kleine musste den
grossen Offizier schuetzen.

Nun waren sie am Haus. Das Kind an der Hand, trat der Leutnant ein,
gefolgt von seinem Trupp. Er machte die Stubentuere auf, sah vor sich ein
paar Maenner und eine ganze Anzahl Weiber und Kinder, die sofort anfingen
zu schreien, wie wenn sie schon am Spiess steckten.

Der Leutnant rief mit fester, lauter Kommandostimme: "Wir kommen nicht
als Feinde in euer Haus. Keinem wird ein Haar gekruemmt, wenn ihr nicht
feindlich gegen uns seid. Wenn aber irgend etwas gegen uns geschieht,
wird sofort auf euch geschossen und die Haeuser verbrannt!"

Totenstille herrschte jetzt. Da wagte doch Pierre's Mutter ein Wort:
"Mein Kleiner hat uns schon gesagt, dass der Herr so gut ist und niemand
wird etwas Feindseliges tun."--"Nein, niemand," betaetigte der Chor der
Weiber. Aber das scharfe Auge des Offiziers hatte im Hintergrund den
boesen Blick des Buckligen gesehen und--eine Pistole in seiner Hand. "Die
Pistole weg oder ihr seid alle des Todes!" Die Weiber kreischten auf vor
Schrecken, aber der Bucklige hatte die Pistole schon auf den Tisch
gelegt und laechelnd entschuldigte er sich: "Pardon, es war nur Zufall,
ich wollte nichts mit der Pistole, wirklich nicht, im Krieg hat man eben
seine Waffe bei der Hand!"

Der Offizier ging an den Tisch, nahm die Pistole zu sich und sagte ruhig
zu dem Buckligen: "Sie werden einstweilen bei meinen Leuten bleiben, bis
wir fertig sind." Ein Wink und die Soldaten fuehrten den Buckligen ab.

"Haende hoch!" befahl der Offizier. Alle Anwesenden hielten die Haende
hoch--keine Waffe, kein Messer zeigte sich.

"Es ist gut," sagte der Offizier und liess seinen kleinen Kameraden frei.
Dann erklaerte er den Leuten in freundlichem Ton, dass er gekommen sei,
bei ihnen Lebensmittel einzukaufen fuer die Soldaten. Sie sollten nun
alle aus ihren Haeusern bringen, was sie an Butter und Eiern, an Gemuesen,
Fleisch und sonstigen Lebensmitteln irgend entbehren koennten und sollten
es an den Wagen bringen. Es wuerde alles gut bezahlt werden, was sie
freiwillig braechten; nur wer nichts braechte, dem wuerden seine Leute
nachhelfen ohne Bezahlung. Da sprang nun wieder Pierre allen voran, zog
seine Mutter mit sich und trieb sie an, sodass sie die ersten waren, die
einen Korb mit Lebensmitteln brachten. Stolz war Pierre, als er sah, wie
"sein" Offizier alles bar zahlte. Allmaehlich kamen aus allen Haeusern die
Frauen mit Vorraeten und fuellten den Wagen. Auch aus dem Haus des
Buckligen wurde viel herbeigeschleppt; denn dem war es angst und bang
zwischen den Soldaten. Die hatten ihn der Bequemlichkeit wegen an den
Wagen angebunden, damit sie ihn nicht immer bewachen mussten. Er aber
wollte sie gut stimmen, denn er traute den Feinden nicht, so rief er
seiner Schwester, die mit ihm hauste, immer zu: "Noch mehr, bringe noch
dies und das!" Die leerte Kueche und Speisekammer, aber ihr allein wurde
nichts bezahlt.--Der Wagen war voll. In aller Freundschaft
verabschiedeten sich die Soldaten, die einen guten Trunk bekommen
hatten, von den Leuten.

Der Offizier sah sich den Buckligen an, er traute ihm nicht. Der konnte
ihnen noch waehrend sie abzogen schaden, er mochte wohl noch eine Buechse
besitzen. Er besprach sich mit seinen Soldaten. Darauf gingen zwei von
diesen noch einmal in das Haus zurueck, suchten, machten da und dort eine
Tuere auf und zu; was wollten sie wohl? Neugierig folgte ihnen Pierre.

"Hier," riefen sie, "hieher bringt ihn!" Der Bucklige wurde
hereingebracht, der Offizier folgte. Sie standen vor einer
Getreidekammer ohne Fenster. "Hier nehmen Sie Platz," sagte der
Offizier. Wortlos folgte der Bucklige, gluecklich, dass er nicht, wie
gefuerchtet, fortgefuehrt wurde. Die Kammertuere hatte ein grosses, schweres
Schloss, der Offizier schloss zu und schob den Schluessel ein. "So,
Pierre," sagte er, "du kannst uns noch ins Tal hinunter begleiten und
dann darfst du den Schluessel wieder heraufbringen und den Herrn wieder
befreien!"

Da lachte Pierre laut auf vor Vergnuegen, denn er hatte einen Grimm auf
den Buckligen wegen der Pistole.

Froehlich zog er mit den Soldaten hinunter. Sie setzten ihn auf den
Proviantwagen, hatten ihren Spass mit ihm, und fragten sich: wie es wohl
ohne diesen kleinen Franzosen abgegangen waere? Und die von oben sahen
dem Zug nach und dachten: Wer weiss, ob wir nicht alle dem Kleinen unser
Leben verdanken?




In Gefangenschaft.


Als in die Familie des Buchhaendlers Schreiber die erste Kunde vom Krieg
kam, da wussten Vater und Mutter, dass ihre beiden Soehne Lutz und Wilhelm
sofort mit mussten. Denn der eine stand eben beim Militaer, der andere
hatte im vorigen Jahr gedient. Beide waren gesunde, kraeftige Leute; wenn
die nicht ausziehen wuerden, wer dann? Darueber war also kein Zweifel! Es
galt nur, so schnell wie moeglich alles zu bedenken und zuzuruesten, was
die Krieger im Felde bedurften. Die Mutter war unermuedlich taetig und
Anna, die 14jaehrige Schwester, half, soviel sie nur konnte; denn ihre
beiden Brueder standen ihr sehr nahe, ihnen sollte nichts fehlen von
allem, was sie im Krieg brauchen konnten. Auch der Vater, der sonst den
ganzen Tag in seinem Geschaeft, einer grossen Buchhandlung, taetig war, kam
nun gar oft herauf, um auch guten Rat zu geben und noch bei seinen
Soehnen zu sein; er nannte sie immer noch "seine Buben", obwohl sie ihm
beide ueber den Kopf gewachsen waren. Die tuechtigen, jungen Burschen
waren sein Stolz und seine Freude.

Lutz und Wilhelm waren in heller Begeisterung seit der Kriegserklaerung.
Wohl wussten sie: der Krieg ist ein Unglueck; aber dass er gerade _jetzt_
ausbrach, wo sie beide mittun konnten, das war doch ein unerhoertes
Glueck! Losziehen gegen die Feinde, die ringsum anstuermten, das Vaterland
schuetzen, das von allen Seiten bedroht wurde, das war eine herrliche
Aufgabe, keine grossartigere konnte das Leben bringen.

Im ganzen Haus kam keine andere Stimmung auf als diese; fuer Vater,
Mutter und Schwester gingen die Tage der Vorbereitung wie in einem
grossen Begeisterungssturm dahin.

Und dann wurde es ploetzlich still; der erste Abend ohne die Brueder! Die
waren nun fort, in der Richtung nach Frankreich,--mehr wusste man nicht.
Aber die Zurueckgebliebenen begleiteten sie in treuem Gedenken, und der
Vater, der den Krieg 1870 mitgemacht hatte, erzaehlte jetzt mehr von
seinen Kriegserinnerungen, als in den vier Jahrzehnten vorher.

"So glaenzend wie damals wird es jetzt nicht mehr gehen," sagte er. Aber
siehe da, keine acht Tage waren seit dem Ausruecken der Truppe vergangen,
da verkuendete ein Telegramm des Generalquartiermeisters von Stein: _Die
Festung Luettich erobert!_

Das war ein glaenzender Anfang und Wilhelm hatte auch seinen Anteil
daran. Bald kam ein Brief voll Glueck und Stolz: "Ich bin in Luettich
dabei gewesen und habe mitgekaempft! Ihr habt gewiss in der Zeitung
gelesen von dem Riesengeschuetz, der "fleissigen Berta", womit wir so
schnell die stolze Festung zu Fall gebracht haben. Ihr koennt Euch nicht
vorstellen, was das fuer ein Hoellenlaerm ist, wenn unser grosser Brummer
loslegt und wie der Boden wankt von der Erschuetterung. Und ist es nicht
grossartig, dass niemand etwas ahnte von solchem Riesengeschuetz? Ganz im
geheimen wurden sie in Krupps Fabrik angefertigt und alle Welt ist damit
ueberrascht worden. Es ging aber heiss her und es waren schwere Gefechte,
bis wir am 7. August als Sieger in die Stadt einziehen konnten. Dann
aber war's schoen! Anna, einmal haette ich dich hergewuenscht, du haettest
gelacht, wenn du gesehen haettest, wie ein paar von uns eine
schwarz-weiss-rote Flagge zusammen naehten, denn es war keine bei der
Hand. Wir nahmen zum schwarzen Streifen ein Stueck aus einer schnell
zerschnittenen belgischen Hose, zum weissen ein Handtuch, der rote fiel
etwas duenn aus, war ein halbes belgisches Halstuch. An einen abgehackten
Besenstiel genagelt, gab das die Flagge, die auf dem Wall aufgepflanzt
wurde. Es kann nichts Schoeneres geben, als nach hartem Kampf eine
deutsche Flagge hissen!--Was wohl Lutz erlebt, wir wissen nichts
voneinander. Gruesst ihn."

Kaum zwei Wochen spaeter laeuteten wieder die Siegesglocken in der Stadt,
und von Mund zu Mund ging's: _Grosser Sieg in Lothringen_, 10000
Franzosen gefangen, 50 Geschuetze erobert. Diesmal war es Lutz, der
jubeln konnte: Ich war auch dabei! Und sein Brief zeigte, dass er den
Lieben daheim das Herz nicht schwer machen wollte. Er schrieb: "Von all
den Toten und Verwundeten schreibe ich nicht, Ihr werdet genug davon
lesen und hoeren. Aber ich sage Euch, nichts Erhebenderes gibt es als
mitzuerleben, wie so viele Tausende mit Kampfesmut ins Feuer sehen und
nichts Beglueckenderes, als nach gewonnener Schlacht die Freude und den
Stolz unserer Offiziere zu sehen und ihren Dank, ja den Dank von unserem
obersten Kriegsherrn, von unserem Kaiser, zu hoeren. Wohin wir jetzt
kommen, weiss ich nicht."--

Ja, jetzt wurde es still; eine Woche, zwei Wochen vergingen, von den
beiden Bruedern kam keine Nachricht. Das war eine bange Zeit daheim!
Warum schrieben sie nicht? War die Post schuld oder lagen sie irgendwo
schwer verwundet oder tot? Es kamen immer neue Verlustlisten. Mit
Herzklopfen wurden sie durchgelesen; das tat der Vater unten im
Geschaeft. Er suchte so eifrig nach den Namen seiner Soehne und suchte
doch mit der Hoffnung, sie nicht zu finden. Und wenn er die Listen
durchgesehen hatte, kam er herauf ins Wohnzimmer und sagte beruhigend:
Nichts gefunden.

Aber eines Tages--die Mutter und Tochter waren eben beschaeftigt fuer
jeden der Brueder ein Paeckchen mit warmen Socken zu packen--da trat der
Vater mit der Verlustliste in der Hand herein.

Die Mutter sah ihn an und wurde bleich. "Was ist's?" "Keine
Todesanzeige, keine Verwundung. Aber hier; Lutz Schreiber, vermisst." Und
er fuegte hinzu: "Wir brauchen uns nichts Schlimmes vorzustellen. Ihr
werdet euch erinnern, dass erst kuerzlich in einem Artikel ausgefuehrt
wurde, wie bei jeder Schlacht einzelne versprengt werden, von ihrer
Truppe abkommen und sich einem andern Regiment anschliessen, weil sie
nicht gleich die Moeglichkeit finden, zu ihrer Truppe zurueckzukehren."
"Ja," sagte Anna, "bei dem Bruder meiner Freundin war es ja auch so,
weisst du noch, Mutter?" Vater und Tochter hatten dasselbe Gefuehl: sie
wollten der Mutter Mut machen. Sie hatte nach dem Blatt gegriffen; das
zitterte aber so sehr in ihren Haenden, dass sie nicht lesen konnte. Sie
legte es weg. "Setze dich, Mutter!" Anna schob ihr einen Stuhl hin; die
Mutter griff nach der Hand ihres Mannes und sagte: "Bleibe noch ein
wenig oben bei uns, es ist so schwer!"

Und wie in der ersten Stunde, so hielten die drei zusammen in den
langen, schweren Zeiten der Ungewissheit, die nun folgte. Gegenseitig
machten sie sich Mut und trugen in Geduld die Sorge.

Dann kam wieder ein Lichtstrahl, eine Karte von Wilhelm: "Wochenlang
habe ich nichts von euch gehoert, ihr wohl auch nicht von mir? Die Post
hat versagt. Aber heute: sechs Paketchen und Briefe von euch und dazu
vier gewaltige Kisten voll Liebesgaben fuer unser Regiment. Warme,
saubere Hemden! Ihr wisst nicht, was das fuer eine Wonne ist! Ich und fuenf
Kameraden steckten seit vierzehn Tagen in feinen, weissen,
spitzenbesetzten Damenhemden; die fanden wir in einer halb abgebrannten
Villa eines verwuesteten Dorfes und zogen sie an, weil unser Zeug in
Lumpen war. Jetzt schwelgen wir in warmer Unterwaesche, in Zigarren und
Wuersten und sagen tausend Dank fuer alle Liebesgaben. Was wisst ihr von
Lutz?"

Die Wochen vergingen. Wieder kam der Vater mitten am Nachmittag herauf;
er hatte einen Brief in der Hand. "Von Lutz," sagte er; aber es klang
nicht froehlich, und auf die gespannten, fragenden Blicke von Frau und
Tochter antwortete er: "Er ist gesund, aber gefangen ist er!"--"Also
doch, o Gott, gefangen!" rief die Mutter.--"Aber er lebt doch und ist
gesund," troestete Anna; "bitte, Vater, lies seinen Brief vor!"

"Ja, es steht nicht viel darin; jedenfalls werden die Briefe gelesen und
deshalb ist er in einem unnatuerlich gezwungenen Ton geschrieben; manches
ist wunderlich." Er las vor: "Liebe Eltern! Ich bin gefangen in
Frankreich; man sagt uns nicht wo. Ich habe ueber nichts zu klagen und
bin gesund. Schreibt mir an die Adresse, die aussen auf dem Brief
angegeben sein wird. Ich wuesste so gern, wie es Euch und Wilhelm geht. Es
ist hier eine schoene Gegend und waermer als bei uns. Ich gruesse Euch alle.
Meine liebe Schwester Anna soll Pater Renatus, Onkel Valentin, Exzellenz
Neuburg und Christine Ebner, mein Liebchen, von mir gruessen. Hebt auch
fuer meine Markensammlung die franzoesischen Marken gut auf. Euer treuer
Sohn und Bruder Lutz."

Sie sahen sich alle drei betroffen an. "Der Brief ist gar nicht von
Lutz!" rief Anna. "Die Leute, die wir gruessen sollen, kennen wir ja gar
nicht. Einen Pater, einen Onkel Valentin, die Exzellenz."--"Ja, es ist
ganz wunderlich; und wie sollte Lutz so ganz gewoehnliche Marken fuer
seine Sammlung wollen. Es sind vier Fuenfcentimes-Marken."--"Aber doch
fragt er nach Wilhelm, und es ist ja seine Schrift, seht nur, darueber
kann doch kein Zweifel sein."

"Dann ist er verwirrt im Kopf, fieberkrank vielleicht."

Sie schwiegen alle drei und gruebelten ueber den merkwuerdigen Brief. Da
leuchtete es ploetzlich in Annas Gesicht auf: "Darf ich den Umschlag
haben, Vater? Ich moechte die Marken abloesen."

"Warum?"

"Er moechte sie doch haben!"--"Da nimm!"

Mit grosser Vorsicht befeuchtete Anna den Umschlag mit Wasser. Die Marken
fingen an sich zu loesen, behutsam hob sie ein Eckchen und sah darunter.

"Da steht etwas geschrieben," rief sie, "ich habe mir's doch
gedacht!"--"Nur sachte, sachte!"

Alle drei waren in hoechster Spannung, bis die vier Marken gluecklich
geloest waren. Es kamen Worte zum Vorschein, in winzigen Buchstaben mit
spitzem Bleistift geschrieben, und sie entzifferten folgendes:

  Duerfen die Wahrheit nicht schreiben. Behandlung schlecht, aber wir
  sind gesund, halten es gut aus. Sorgt Euch nicht, wir leiden fuers
  Vaterland, dem Gott den Sieg geben wird. Froehliches Wiedersehen im
  Frieden.

Ja, aus diesen Worten erkannten sie ihren tapfern Sohn und Bruder
wieder! Immer aufs neue lasen sie das winzige Brieflein und waren tief
bewegt.

"Bitte Vater, gib mir den andern Brief, sagte ploetzlich Anna lebhaft,
ich glaube, ich bringe auch da noch einen Sinn heraus. Er schreibt ja,
ich soll seine Gruesse ausrichten. Warum soll gerade ich den Onkel
Valentin und die andern Herrschaften gruessen, die doch gar nicht
existieren? Das bedeutet etwas. Die Brueder und ich haben ja frueher zum
Spass oft Geheimschriften betrieben. Ich werde schon etwas
herausbringen!"

Da sass sie nun eine Weile mit Bleistift und Papier, sann nach ueber die
geheimnisvollen Namen und endlich kam sie darauf, die Anfangsbuchstaben
zusammenzusetzen von _P_ater _R_enatus, _O_nkel _V_alentin, _E_xcellenz
_N_euburg, _C_hristine _E_bner, und diese Buchstaben zusammen ergaben
das Wort: Provence. "In der Provence ist er," rief sie triumphierend und
sie lachte froehlich, wie in der gluecklichen Zeit, wo sie mit den Bruedern
ihren Spass gehabt hatte. "Mutter," sagte sie, "du darfst dich nicht zu
arg bekuemmern um Lutz, der ist noch ganz fidel; er haette doch ebensogut
einfache Namen waehlen koennen. Aber das hat ihm nun gerade Spass gemacht,
und ich kann mir denken, wie er gelacht hat ueber den Pater, die
Excellenz und gar ueber das Liebchen, Christine. Ich werde ihm auch einen
schlauen Brief schreiben, mit dem soll er sich die Zeit vertreiben."

So kam es, dass Eltern und Schwester, trotzdem sie Lutz in der
Gefangenschaft wussten, doch getroster waren, als in den vorhergegangenen
Wochen der Unsicherheit. Sie wussten nun doch, wo sie mit ihren treuen
Gedanken den Sohn zu suchen hatten, und wenn er auch schlecht behandelt
wurde, er nahm es ja tapfer auf. Auch sie wollten tapfer bleiben;
manchem, der fuers Vaterland in den Krieg zieht, faellt dies traurige Los.
Keiner darf sagen: alles nur dies nicht! Nein, was da kommt, moechte es
auch das Schwerste sein, willig muss es ertragen werden.

Einige Tage nach dem Eintreffen dieses Briefes kam in die Stadt ein
grosser Transport von franzoesischen Gefangenen. Eine Menge Menschen lief,
sich diese anzusehen, als sie vom Bahnhof durch die Stadt hinausgefuehrt
wurden auf den Schiessberg, wo grosse hoelzerne Baracken fuer sie errichtet
und mit starkem Stacheldraht umzaeunt waren.

Aber aus der Familie Schreiber mochte niemand hinausgehen, die
Gefangenen zu sehen. Es war ihnen zu traurig, sie mussten dabei zu
schmerzlich an ihren Gefangenen in Frankreich denken. Es lockte sie
nicht, die Waffenlosen zu sehen, die mit gesenktem Kopf an der gaffenden
Menge vorbeizogen, und auch die nicht, die frech oder hasserfuellt mit
feindlichen Blicken nach den Deutschen sahen.

Dennoch beschaeftigten sich die Gedanken des Buchhaendlers immer mit den
Gefangenen und ganz im stillen reifte in ihm ein Plan. Aber er konnte
sich nicht entschliessen, davon zu sprechen; denn es war etwas, das
seiner Frau sehr schwer fallen wuerde, und sie hatte doch schon so viel
zu tragen.

Eines Abends kamen sie miteinander aus der Kirche. Ein
Kriegsgottesdienst war gehalten worden und die mahnenden Worte klangen
in ihnen noch nach: "_Helfen_, wo wir irgend helfen koennen, _tragen_,
was immer uns auferlegt sein mag." Da fand Herr Schreiber den Mut,
seiner Frau den Plan mitzuteilen; und er sprach zu ihr, waehrend er sie
am Arm durch die dunkelnden Strassen fuehrte: "Pauline, wenn du noch etwas
mehr _tragen_ willst zu allem, was dir schon auferlegt ist, so koennte
ich noch etwas _helfen_."

Auch sie war noch erfuellt von dem, was sie eben im Gottesdienst gehoert
hatte. "Natuerlich tragen wir und helfen wir so viel wir irgend koennen.
Was meinst du?"--"Ich habe mich erkundigt, ob man mich trotz meiner
Jahre noch brauchen koennte zur Aufsicht bei gefangenen Offizieren. Und
ich bekam den Bescheid, dass dies bei meiner frueheren militaerischen
Stellung wohl sein koennte und dass meine gute Kenntnis der franzoesischen
Sprache hierfuer wertvoll waere. So wuerden sie mich also wieder in Uniform
stecken und auf irgend einer Festung anstellen. Also muesstest du auch
deinen Mann noch hergeben."

"Koenntest du nicht bei den hiesigen Gefangenen sein?"

"Hier sind keine Offiziere und das, was ich erstrebe, kann ich am ersten
bei Offizieren erreichen. Sieh, meine Hoffnung ist, dass ich mit meinem
Dienst bei franzoesischen Gefangenen den deutschen Gefangenen dienen
kann. Unter den franzoesischen Offizieren ist eine ganze Anzahl, die in
ihrem Land eine hohe Stellung einnehmen und deshalb Einfluss ausueben,
sogar waehrend der Gefangenschaft durch ihre Briefe und Beziehungen.
Gelingt es mir, diesen Offizieren Achtung einzufloessen durch gerechte
Behandlung und ihnen ein besseres Verstaendnis fuer deutsche Art
beizubringen, so koennte das guten Einfluss ausueben auf die Behandlung
unserer Gefangenen in Feindesland. Wer kann sagen, das sei unmoeglich?"

"Ich nicht, ich gewiss nicht. Nur denke ich, bei uns behandelt jedermann
die Gefangenen gut."

"Gut, was heisst gut? Neulich erzaehlte mir jemand, dass elf franzoesische
gefangene Offiziere, denen Schweinebraten und Sauerkraut vorgesetzt
worden waren, diese Speise, die ihnen nicht behagte, mitsamt den Tellern
unter die Bank geworfen haben. Diese Gefangenen waren zu gut behandelt
worden, sonst haetten sie sich solche Frechheit nicht erlaubt. Zu gut ist
aber nicht mehr gut, zu gut ist schlecht, macht uns laecherlich und
veraechtlich in den Augen der Feinde. Nur wer streng ist und mit festem
Charakter auftritt, kann _die_ Guete zeigen, die nicht missbraucht wird."

Da erwiderte seine Frau nachdenklich: "Ja, ich glaube, dass dir das
gelingen wuerde; du koenntest da Gutes wirken. Du _koenntest_ nicht, du
kannst. Wenn du mich fragst, ich halte dich nicht zurueck, zu helfen, ich
will die Trennung tragen."

"An der tragen wir beide gleich schwer," sagte der Mann und fuehlte, wie
weh ihm der Abschied tun wuerde, den er doch freiwillig auf sich nahm.

Schon nach kurzer Frist kam die Einberufung, kam die Trennung und die
grosse Stille im Haus. Aber an dem Abend, da Mutter und Tochter zum
ersten Male zu zweien am Tisch sassen und ihre Vereinsamung so recht
schmerzlich empfanden, traf ein Telegramm ein von Wilhelm. Es lautete:
"Komme morgen mit ganz leichter Verwundung einige Wochen heim."

Ja, eine schwere Zeit, aber eine Zeit voll Ueberraschungen ist der Krieg!




Der junge Professor


Als das neue Schuljahr begann, hatten wenige von den Schuelern und auch
wenige von den Lehrern Freude daran. Waehrend der Ferien war der Krieg
ausgebrochen; seitdem mochte man nichts hoeren, nichts reden, nichts
lesen als vom Krieg; und nun sollte wieder Schule gehalten werden, wie
wenn es gar keinen Krieg gaebe!

Einer aber freute sich doch darueber. Das war der junge Lateinschullehrer
Jahn. Er lebte mit seinen alten Eltern zusammen, war ihr einziger,
geliebter Sohn, und die drei verstanden sich praechtig. Aber still war es
in diesem Heim, und so freute sich der junge Mann immer schon am Ende
der Ferien auf die Zeit, bis er wieder seine Jungen in der Klasse um
sich hatte.

In diesem Jahr ganz besonders. Mit ihnen zusammen wollte er die grossen
Kaempfe durchleben und sich ueber die deutschen Siege freuen, mit ihnen,
den kuenftigen Soldaten Deutschlands!

Er selbst waere ja so gerne gleich mit hinausgezogen ins Feld! Aber bis
jetzt war er noch nicht einberufen, und die Eltern waren gluecklich, dass
ihnen ihr Einziger blieb. So sprach er nicht viel davon, wie es ihn
draengte, mit ins Feld zu ziehen. Er sagte sich: Vielleicht kannst du
auch unter deinen Jungen etwas fuers Vaterland wirken. Er wusste noch
nicht auf welche Weise; aber die warme Liebe, in der sein Herz fuers
Vaterland gluehte, die musste doch auch die Herzen der Jungen erwaermen.

Der erste Schultag kam. Im Gymnasium war vieles veraendert. Mehrere
Lehrer fehlten; sie waren einberufen worden. Die Klasszimmer waren anders
eingeteilt; denn man hatte Platz machen muessen fuer einige Klassen
Volksschueler. Das grosse, neue Volksschulgebaeude, das nahe dem Gymnasium
lag, war als Lazarett fuer Verwundete eingerichtet und die Schueler mussten
in andere Schulen verteilt werden. Solch eine Klasse Volksschueler war
auf demselben Stock und gerade gegenueber dem Klassenzimmer
untergebracht, in dem nun Professor Jahn seine Schueler wiederfand. Es
waren Jungen im Alter von 11-12 Jahren, die er schon im Vorjahr gehabt
hatte. Frisch und gesund sahen sie fast alle aus nach der Ferienzeit und
lebhafter als frueher blickten sie aus den Augen, hatten sie doch alle so
Grosses erlebt. Erwartungsvoll schauten sie nun ihren Lehrer an; der
wuerde gewiss etwas ueber den Krieg sagen; oder sollte er doch gleich mit
dem Latein anfangen?

Bewahre! Das konnte er nicht. Er redete mit seinen Schuelern ueber das,
was das deutsche Vaterland in den letzten Wochen erlebt hatte. Er wollte
auch wissen, ob es ihnen allen ganz klar sei, dass wir ohne Schuld zu
diesem furchtbaren Krieg gezwungen wurden. Dann fragte er nach den
Feinden und sie riefen durcheinander: Russen, Franzosen, Serben,
Englaender, Belgier, Japaner, Montenegriner.--Und unsere Freunde? Da
schallte das einzige Wort durch die Klasse: Oesterreich!

"Ja, so viele Feinde und nur einen Freund! Da haben wir armen Deutschen
wohl auch noch gar keinen Sieg erfochten? Oder wisst ihr einen zu
nennen?"

Da bruellten sie durcheinander: "In Lothringen, Luettich, in Ostpreussen,
Namur, Maubeuge, Bruessel!"

Einer rief: "Paris!"

"Halt, halt, soweit sind wir noch nicht!"

"Aber soviel wie besiegt ist's!"

"Aber doch nicht besiegt. Nur kein Wort mehr sagen, als wahr ist! Ueber
was beschweren wir uns denn so sehr bei unseren Feinden, wer weiss es?"

"Ueber die Grausamkeit," rief einer.

"Ja, ich meine aber etwas anderes."

"Ueber das, dass sie gegen uns Krieg fuehren," meinte ein kindliches
Buerschlein.

"Ja freilich, aber das tun die Feinde meistens. Ich meine etwas, das mir
eingefallen ist, weil einer von euch schon Paris gerufen hat."

Jetzt kam es vielen zumal: "Ueber die Luegen."

"Jawohl, sie luegen. Pfui, das wollen wir ihnen nicht nachmachen; und wer
sonst manchmal uebertrieben oder geschwindelt hat, der soll sich's in
diesem Krieg abgewoehnen. Wer ein ehrlicher Deutscher ist, der sagt nicht
mehr als die Wahrheit."

Ploetzlich unterbrach sich der Lehrer: "Kinder, es ist schon halb neun
Uhr, schnell die Buecher her! Um zehn Uhr sprechen wir weiter. Ich moechte
von euch allen wissen, ob jemand aus euer Familie im Krieg ist. Das
erzaehlt ihr mir dann. Jetzt muss gelernt werden und zwar fest. Stramm an
die Pflicht wie unsere Soldaten!"

Es war heute ein guter Geist in der Klasse, fast ein militaerischer;
etwas vom Krieg war hereingeweht.

Um zehn Uhr wurde Professor Jahn zum Rektor gebeten, so konnte er nicht
bei seinen Schuelern bleiben. Als er nach der Pause zurueckkam und ueber
den grossen Vorraum ging, in dem sich sonst seine Klasse tummelte, traf
er dort nur die Knaben der Volksschule, keinen einzigen seiner Schueler.

"Seid ihr die ganze Zeit ueber im Schulzimmer geblieben?" fragte er, als
er wieder in seine Klasse trat. Erwin Planck, ein frischer Bursche, der
oft den Sprecher fuer die Klasse machte, gab auch jetzt aufrichtige
Antwort: "Draussen ist ein ganzer Haufen Volksschueler; da koennen wir
nicht hinaus. Wir haben oft Haendel mit ihnen gehabt, wenn wir an ihrer
Schule vorbeigekommen sind."--"Die gehoeren auch nicht herein ins
Gymnasium!" Der ganze Schuelerchor stimmte zu.

Der junge Lehrer dachte daran, wie soeben der Rektor darueber gesprochen
hatte, es werde schwierig sein, dass sich die Schueler der verschiedenen
Anstalten gut miteinander vertragen. Er hatte recht gehabt. "Vielleicht
laesst es sich so einrichten, dass auf unser Stockwerk keine
Volksschulklasse kommt," entgegnete er, "ich werde noch mit dem Herrn
Rektor darueber sprechen."

Die Arbeit begann nun wieder, aber dem jungen Lehrer gingen allerlei
Gedanken durch den Kopf und eine halbe Stunde vor Schulschluss hielt er
es nicht mehr aus. "Macht eure Buecher zu," rief er, "ich will das schon
verantworten vor dem Herrn Rektor. Wir muessen uns doch erst miteinander
aussprechen. Wir gehoeren zusammen, haben das letzte friedliche Schuljahr
miteinander verbracht und wollen auch diese Kriegszeit zusammen erleben.
Das ist aber nicht ein Krieg, der uns so fern steht wie die andern
Kriege, die wir ganz kuehl in der Geschichtsstunde durchnehmen; das ist
ein Krieg, der uns allen zu Herzen geht und in unsere Haeuser, in unser
Leben eindringt; hat er ja doch bis in unser Schulhaus herein seine
Wirkung gezeigt. So duerfen wir uns auch die Zeit goennen, miteinander
davon zu reden. Einer ist unter uns, der hat schon seinen Vater
verloren. Helmut Hartmann, nicht wahr, dein Vater ist als Offizier in
der Schlacht bei Luneville gefallen? Du tust mir herzlich leid; aber
einen schoeneren, ehrenvolleren Tod als den im siegreichen Kampf gibt es
nicht. Ich fordere euch, ihr Kameraden von Helmut Hartmann, auf, dass ihr
alle aufsteht, um eurem Mitschueler die Teilnahme und seinem Vater die
Ehre zu erweisen!"

Da erhoben sich alle und standen lautlos still; Helmut aber war tief
bewegt von der Ehrung.

"Nun sage uns doch, Helmut, habt ihr Naeheres gehoert ueber den Tod deines
Vaters?"

"Ja," antwortete dieser, nahm sich fest zusammen und stand stramm, wie
er's wohl von klein auf bei den Offiziersburschen gesehen hatte, die
seinem Vater etwas zu melden hatten. "Ja, wir haben gehoert, dass mein
Vater im Gefecht von einem Schrapnell getroffen und am linken Arm
verwundet wurde. Ein Soldat, der hinter ihm stand, sah, wie er blutete,
mein Vater achtete in der Hitze des Gefechtes nicht darauf und drang mit
seiner Truppe weiter auf den Feind ein. Da traf ihn wieder ein Geschoss,
diesmal an den Kopf. Er stuerzte, war aber nicht tot. Soldaten hoben ihn
auf und trugen ihn beiseite hinter ein Gebuesch, dass ihn der Feind nicht
saehe, und legten ihm einen Notverband an. Dann mussten sie wieder ins
Gefecht, das sich noch eine Stunde weiter hinzog, und es wurde Nacht,
bis der Feind zurueckgedraengt und geschlagen war. Man konnte die vielen
Verwundeten in der stockfinstern Regennacht nicht mehr heimholen; aber
die zwei Soldaten, die meinen Vater geborgen hatten, gewannen noch zwei
aus ihrer Truppe, dass sie doch noch miteinander auszogen, ihren Offizier
zu suchen, obwohl es fast unmoeglich schien in dem fremden Gelaende und in
der finsteren Nacht. Aber sie fanden ihn, und er lebte noch und dankte
ihnen, dass sie zu ihm gekommen waren. Sie gaben ihm Wein, legten ihn auf
einen Mantel und trugen ihn sorgsam bis in das Dorf, in dem ein
Feldlazarett aufschlagen war. Dort wurde er verbunden, dort hat er auch
noch erfahren, dass die Schlacht gewonnen war, und hat uns Gruesse
schreiben lassen.--Am Tag darnach ist er gestorben. Vor seinem Tod hat
er gesagt: 'Lasst mich auf dem Schlachtfeld begraben.' Seine Soldaten
haben ein Grab geschaufelt und Ehrensalven darueber abgegeben. Aus zwei
Latten haben sie, ehe sie weiter ziehen mussten, ein Kreuz gemacht und
haben das Grab mit Feldblumen bestreut."

Der tapfere Offizierssohn hatte mit klarer Stimme vom Tode seines Vaters
berichtet. Sein Lehrer war ergriffen. "So liegt er auf dem Schlachtfeld
begraben," sagte er, "das ist das ehrenvollste Soldatengrab. Habt ihr
gelesen, was man nach dem Tode des Prinzen Ernst Ludwig von Meiningen in
seinem Feldnotizbuch aufgezeichnet fand? 'Wenn ich auf dem Feld der Ehre
fuer Deutschlands Groesse fallen sollte, so begrabt mich nicht in meiner
Fuerstengruft, sondern scharrt mich in das Grab meiner tapferen Kameraden
ein. Gruesst mir meinen Kaiser.'--Seht, so schreibt ein Fuerst. So mag sich
auch jeder Sohn, jede Frau, jede Mutter troesten, wenn ihr gefallener
Held nicht auf dem heimischen Friedhof ruht.

"Nun aber moechte ich euch auch etwas zu bedenken geben. Wer hat denn
diesem tapferen Offizier, von dessen Tod wir gerade gehoert haben, den
letzten Liebesdienst erwiesen? Wer hat ihn aus dem Gefecht getragen? Wer
hat ihn nach stundenlangen Kaempfen, selbst todmuede und durchnaesst noch
nachts gesucht, gestaerkt, getragen und den Sterbenden auf ein Ruhebett
gebracht? Das waren gemeine Soldaten. Kinder, das waren vielleicht alle
einmal Volksschueler. In der Schlacht, im fuerchterlichsten Ernst des
Lebens, da erkennt man, wie nichtig diese Klassenunterschiede sind. Und
nun moechte ich euch fragen: wollt ihr nicht das in dieser Kriegszeit
beweisen, dass wir Deutsche alle Brueder sind, alle zusammen gehoeren,
reich und arm, vornehm und gering, Lateinschueler und Volksschueler! Unser
Kaiser hat gesagt: 'Nun kenne ich keine Parteien mehr, ich kenne nur
noch Deutsche.' Wollt ihr sagen: 'Wir kennen keinen Klassenunterschied
mehr, nur deutsche Kameraden?'"

"Ja, bei Gott, das wollen wir." Helmut, der Offizierssohn, hatte das
gerufen, und das "ja" ging durch die ganze Klasse.

Am Abend dieses ersten Schultags suchte Professor Jahn den
Volksschullehrer auf, dessen Klassenzimmer dem seinigen gegenueber lag.
Er sprach mit diesem Lehrer, der schon ein aelterer, erfahrener Mann und
Oberlehrer der Volkschule war. Die beiden Herren verstanden sich gut. Am
naechsten Morgen, vor der Pause, redete der Oberlehrer seine Volksschueler
an: "Haltet Frieden mit den Lateinschuelern, die alberne Feindschaft
verbitte ich mir. Wenn draussen Krieg ist, muss im Land Frieden sein, auch
unter den Buben. Verstanden?"

Einer gab Antwort: "Die wollen gar nichts von uns, die sind
hochmuetig."--"Ja manche, aber nicht alle; und ihr seid neidisch--auch
nur manche, nicht alle. Da tut mir die Wahl weh, was schlimmer ist. Aber
den Hochmuetigen vergeht der Hochmut im Krieg und den Neidischen der
Neid; weil sie alle zusammen _eine_ grosse Aufgabe haben und nur _einen_
Wunsch: dass wir siegen. Siegen koennen wir nur, wenn wir alle einig
sind. Und siegen muessen wir doch oder nicht?"--"Ja, ja!" das kam allen
aus dem Herzen.

Um zehn Uhr, waehrend der Pause, kam die ganze Klasse von Professor Jahn
auf den Vorplatz, in dem sich schon die Volksschueler des gegenueber
liegenden Zimmers aufhielten. Heute kam auch der Oberlehrer und
Professor Jahn dazu. Die beiden Herrn traten am Ende des geraeumigen
Ganges zusammen und standen schon eine Weile plaudernd unter dem
Fenster. Nun kamen sie zu den Knaben, die zwar friedlich, aber doch
fremd einander gegenueberstanden. Der Oberlehrer redete sie an:
"Wahrscheinlich sind an der Post wieder neue Telegramme angeschlagen.
Herr Professor Jahn und ich wollen jeden Tag um zehn Uhr zwei von euch
abschicken, dass sie nachschauen und dann berichten." Darauf erfolgte ein
grosses Hallo, natuerlich waeren am liebsten alle davon gesprungen,
Volksschueler und Lateinschueler, die einen so gut wie die andern.

"Herr Professor, schicken Sie mich," baten alle Gymnasiasten und
umdraengten ihren Lehrer.

"Ihr kommt alle an die Reihe, habt keine Angst, der Krieg geht nicht so
schnell zu Ende. Wir nehmen zuerst solche, die ihren Vater oder ihre
Brueder im Feld stehen haben, die haben den Vorzug." Noch ehe er
weiterreden konnte, rief ein kleines Buerschlein: "Ich, Herr Professor,
ich, meine drei Brueder sind im Feld!"

Jetzt liess sich ein Volksschueler vernehmen: "Von mir vier Brueder!"

Dagegen konnten die andern nicht aufkommen; der Lateinschueler und der
Volksschueler sprangen also miteinander davon.--Die zwei Klassen waren in
dem Gedraenge durcheinander gekommen und jetzt sprachen sie zusammen ueber
die Brueder und wo sie standen; ueber die Vaeter, und dass die Briefe so
lange ausblieben. Da fand es sich, dass einer von der Volksschule und
einer von dem Lateinschule ihre Brueder in dem gleichen Bataillon hatten,
und dass sie in den Vogesen gekaempft hatten. Nun lagen sie beide schwer
verwundet in dem gleichen Feldlazarett; der eine hatte sechs Wunden, der
andere hatte ein Bein verloren. Daraufhin kamen alle ueberein, dass diese
beiden morgen miteinander nach den Telegrammen laufen duerften.

Die zwei Klassen verstanden sich immer besser. Einmal als die beiden
Abgesandten die Nachricht von dem Fall der Festung Antwerpen brachten,
gab Professor Jahn ein kleines Fest. Er lud aus beiden Klassen die
Schueler zu sich, deren Angehoerige in Belgien fochten. Es waren ihrer
acht, die sich nicht wenig darueber freuten. Sie wurden bewirtet von der
freundlichen Mutter des Professors und erzaehlten aus den Feldpostbriefen
ihrer Angehoerigen.

Und wieder gab es fuer einen Teil der Schueler ein kleines Fest, als ein
Telegramm von neuen Heldentaten der tapferen "Emden" berichtete; diesmal
waren solche geladen, die Verwandte bei der Marine hatten. Einer
derselben, ein Volksschueler war es, war selbst schon in Kiel gewesen,
hatte die grossen deutschen Kriegsschiffe gesehen und wusste es schon
ganz gewiss, dass es einmal wie sein Kieler Vetter, zur Marine gehen
werde. Auf ein Unterseeboot wollte er und dann so kuehne Unternehmungen
mitmachen wie die Mannschaft von _U 9_, von deren Heldenmut alle
Zeitungen voll waren.

Aber einmal hielten die beiden Lehrer eine Trauerfeier. Eine grosse
Verlustliste war herausgekommen, aus der mehrere Schueler den Tod ihrer
Angehoerigen erfahren hatten. Unter diesen war auch der Volksschueler, der
vier Brueder im Feld gehabt hatte; drei waren in _einer_ Woche gefallen.
Der Oberlehrer sprach von den herben Verlusten und schilderte die
schweren Kaempfe. Da war grosse Teilnahme in allen Herzen. Professor Jahn
sagte am Schluss der kleinen Trauerfeier: Besser als ich's vermoechte
spricht ein Gedicht aus, was uns bei dieser langen Reihe von
Todesanzeigen bewegt. Ein Freund von mir, ein junger Pfarrer, hat es
gemacht. Ihm ist der Tod so vieler Tapferen tief zu Herzen gegangen. Ich
moechte es euch vorlesen und will es jedem von euch, der in Trauer
gekommen ist, abschreiben und mit heimgehen.--Er las das Lied vor:

  Die Toten.

  Herr Gott, nun schliess den Himmel auf,
  Es kommen die Toten, die Toten zuhauf,
  Aus schwerem Kampf, aus blut'gem Krieg,
  Reich' ihnen den Lorbeer und ewigen Sieg!
      Wir koennen sie nicht mehr schmuecken,
      Nicht mehr die Haende druecken
      Den vielen, vielen Scharen,
      Die unsre Brueder waren.

  Herr Gott, nun trockne selber du
  Die Traenen im Aug', gib Fried' und Ruh'
  Dem wunden Herzen, dem stillen Haus,
  Fuehr alles Dunkle zum Licht hinaus.
      Dieweil wir Eltern und Frauen
      In zuckender Wehmut schauen
      Die vielen, vielen Scharen,
      Die unsre Brueder waren.

  Herr Gott, nun segne dem deutschen Land
  Seinen gefallenen Heldenstand
  Gib _allen_ freudigen Opfergeist,
  Der auch im _Frieden_ sich stark erweist,
      Weil doch ihr herrliches Leben
      Fuer uns zum Opfer gegeben
      Die vielen, vielen Scharen,
      Die unsre Brueder waren.

  _Georg Merkel._

Zwei Wochen spaeter an einem Montag frueh, als die Schueler von Professor
Jahn in ihre Klasse kamen, stand da ein fremder Lehrer. Professor Jahn
war einberufen worden. Und wieder nach kurzer Frist hoerten die Schueler,
dass ihr geliebter Professor auf dem Schlachtfeld von Ypern gefallen und
begraben sei.

Am Tag darnach sprach der Oberlehrer in der Pause die Klasse der
Lateinschueler an und sagte: "Die Eltern von Professor Jahn haben mir
erzaehlt, dass er kurz vor seinem Tode in sein Notizbuch schrieb: 'Gruesst
mir meine Buben!' Ihr habt einen edlen Lehrer gehabt, bleibt ihm treu;
denn wie es in seinem Lieblingsgedicht steht, auch er hat 'sein
herrliches Leben fuer uns zum Opfer gegeben!'"




Allerlei Kriegsbilder

nach Briefen und Zeitungen.


Der Turmbau zu Babel.


Zwei Offiziere der Kavallerie ritten zusammen und besprachen sich ueber
das Voelkergemisch, das gegen uns in den Krieg zieht, ueber die Neger, die
Inder, Turkos und Japaner, die mit Franzosen, Belgiern, Englaendern und
Russen vermischt uns angreifen, und einer sprach den Zweifel aus, ob wir
auch wirklich ueber all' diese Herren Herr wuerden. Der andere sagte:
"Gerade das Voelkergemisch gibt mir die Zuversicht, dass wir siegen
werden, denn das ist schon in der Bibel beim Turmbau von Babel zu
finden. Im naechsten Quartiere werde ich mir eine Bibel verschaffen und
vorlesen, was da steht."

Sie waren noch keine 50 Meter weitergeritten, so sah der Offizier auf
der Strasse, von einem Huf in den Schmutz getreten, ein Buch. Er liess es
sich von einem Radfahrer geben: es war eine Bibel. Nun konnte er seinem
Kameraden sofort die Stelle ueber den Turmbau zu Babel, 1. Mose 11,
vorlesen. So kam der eine der Offiziere zu einer Kriegsbibel, der andere
zu der beruhigenden Ueberzeugung, dass das Sprachgewirre den Feinden zum
Schaden gereichen werde.


Erbprinz Luitpold.

Im Monat August durchbrauste ganz Deutschland die frohe Kunde von dem
glaenzenden Sieg, den der bayrische Kronprinz Rupprecht mit seiner
tapferen Armee in Lothringen errungen hatte. Von nah und fern jubelte
man dem Sieger zu und wuenschte ihm aus dankbarem Herzen alles Gute. Aber
mitten in diese Glueckwuensche traf den Kronprinzen die Botschaft eines
schweren Ungluecks. Sein aeltester Sohn, der Erbprinz Luitpold, erkrankte
an einer Halsentzuendung und starb fern vom Vater, in Berchtesgaden.

Tief erschuettert war der Kronprinz von der Trauerkunde; aber er gab sich
nicht dem Schmerz hin, sondern sprach die tapfern Worte: "Jetzt ist
nicht Zeit zu trauern, es gilt zu handeln."

Die Teilnahme am Tod des jungen Prinzen war ganz allgemein. Man kannte
in Muenchen Prinz Luitpold wohl. Er besuchte das Gymnasium und wollte
dort keinen Vorzug vor anderen Schuelern haben. Wenn ihn ein Lehrer mit
"Koenigliche Hoheit" oder ein Schueler mit "Sie" anredete, so verbat er
sich dies und verkehrte ganz kameradschaftlich mit den Klassengenossen.
Als er zum Sommeraufenthalt in Berchtesgaden weilte, fehlte es dort--wie
ueberall--in der Kriegszeit an Erntearbeitern; und es erging an die
Jugend die Bitte, zu helfen und die Maenner auf dem Feld zu ersetzen.
Prinz Luitpold war sogleich bereit, dem Ruf zu folgen und half tapfer
mit bei der schweren Feldarbeit. Die Erinnerung daran ist in dem
folgenden Gedicht festgehalten:

  Auch ein junger Koenigsprosse,
  Dem der Sinn nach "Dienen" stand,
  Steigt von seiner Vaeter Schlosse,
  Bietet freudig seine Hand.

  Zu der ungewohnten Muehe
  Auf dem Feld im Sonnenbrand,
  Gleich den Andern spaet und fruehe,
  Tapfer in der Reih' er stand.

  Schweigend schau'n die Berge nieder,
  Dunkel liegt der Koenigssee,
  Nirgends toenen frohe Lieder,
  Auf der Welt rings lastet Weh.

  Zarter, lieber Koenigsknabe,
  Banges Ahnen fasst mich an,
  Dass du dort zu deinem Grabe
  Selbst den Spatenstich getan!

  Denn indes dein Heldenvater
  Sieg auf Sieg der Welt verschafft,
  Hat dich kleinen Erntehelfer
  Schnitter Tod hinweggerafft.

  Mag des Helden Herz erschauern,
  Da von fern dies Wort er spricht:
  "Jetzt ist nicht Zeit zu trauern,
  Handeln heischt allein die Pflicht!"

  Doch indes er weiter lenken
  Muss das Schicksal der Armee,
  Sehnend wird er heimwaerts denken,
  Manche Nacht in tiefen Weh:

  Deine Mutter musst ich geben
  Laengst der Erde schon zurueck,
  Doch sie liess von ihrem Leben
  Mir in dir ein koestlich Stueck.

  Nun auch dieses hingeschwunden,
  Auf, mein Schwert! Fest fass' ich dich!
  Ringsum bluten tausend wunden--
  _Eine_ weiss ich, die traf _mich_.

  _Johanna Klemm_


Kein Standesunterschied.

Eine Berliner Zeitung hat eine grosse Menge Liebesgaben gesammelt und sie
dann durch ihren Vertreter an eines unserer Regimenter bringen lassen,
das dicht am Feind stand. Als er einem jeden gegeben hatte, was er sich
ausgebeten hatte, trat ein Soldat an ihn heran, der eben zwei Eimer voll
Wasser herbeigeschleppt hatte. "Haben Sie vielleicht noch ein Hemd
uebrig?" fragte er bescheiden, "ich habe seit vier Wochen keines bekommen
koennen."--"Ja, hier haben Sie ein Hemd," entgegnete der Verteiler, sah
sich dabei den Soldaten genauer an und erkannte in dem Mann, der ihn um
ein Hemd bat, einen Universitaetsprofessor.

Bei St. Quentin wurden an einem Tag eine ganze Menge Verwundete in ein
Lazarett gebracht, das von deutschen Schwestern versorgt wurde. Es gab
viel Krankenbetten zu richten, Strohkissen zu fuellen, Matratzen zu
tragen und dergl. Ein Verwundeter bemerkt zwei Soldaten in einer ihm
unbekannten Uniform; sie fielen ihm durch die liebenswuerdige Art auf,
mit der sie den Schwestern halfen, ueberall anpackten und fuer die
Verwundeten Karten schrieben. "Was sind das fuer Kameraden?" fragte er.

"Das sind unseres Kaisers Soehne, die uns heute besucht haben, Prinz
Adalbert und Prinz August."


Der Hornist.

Eine feine List gelang einem wuerttembergischen Hornisten. Sein Regiment
stand im Gefecht mit franzoesischer Infanterie und geriet in bedraengte
Lage durch die Ueberzahl der Feinde. Der Hornist erkannte die Gefahr.
Rasch entschlossen blies er das franzoesische Rueckzugssignal. Die
Franzosen liessen sich taeuschen, folgten dem Signal und machten Kehrt.
Der Hornist wurde mit dem eisernen Kreuz ausgezeichnet.


Der Lokomotivfuehrer.

Ein oesterreichischer Lokomotivfuehrer hatte einen Eisenbahnzug mit
Schiessvorrat zu befoerdern. Die russische Artillerie hatte Nachricht
davon bekommen und beschoss den Zug. Obwohl sie weit entfernt war,
schlugen doch die Kugeln in unmittelbarer Naehe des Zuges ein und seine
wertvolle Ladung war aeusserst gefaehrdet. Da kam dem Lokomotivfuehrer ein
guter Gedanke. Als wieder ein Geschoss in naechster Naehe platzte, oeffnete
er rasch den Dampfhahn, so dass der Dampf mit Gewalt entwich und der
ganze Zug in einer weissen Wolke verschwand. Die Russen in der Ferne
mussten meinen, ihre Geschosse haetten die Lokomotive in die Luft
gesprengt. Sie stellten ihr Feuer ein und der Zug war gerettet.


Das Extrablatt.

In einer deutschen Maedchenschule ist der Beschluss gefasst worden, keine
Fremdwoerter mehr zu gebrauchen. Wer es doch tat, muss fuenf Pfennig in die
Rotkreuzkasse einlegen. In kurzer Zeit hat eine Klasse 13 Mark
gesammelt. Aber der Herausgeber des Tagblattes erhaelt von den Maedchen
dieser Klasse einen Brief des Inhalts: "Es kostet uns unser ganzes
Taschengeld, wenn Sie taeglich ein _Extra_blatt ausgeben; denn wir muessen
immer fuenf Pfennig zahlen, wenn wir Extrablatt sagen."

Der Herausgeber des Blattes hatte Mitleid mit der Klasse und schon vom
naechsten Tag an erschien bei ihm ein _Sonder_blatt.


Die allgemein verstaendliche Sprache.

Eine Truppe Deutscher kam nach schweren Gefechten in ein eben
eingenommenes franzoesisches Dorf. Seit 24 Stunden hatten sie nichts zu
essen gehabt und den staerksten Hunger mit rohen Kartoffeln gestillt, die
sie sich gelegentlich aus dem Acker gruben. Nun wollten sie sich's wohl
sein lassen im Dorf. Viel gibt's da nicht zu essen, aber ein Huhn waere
doch wohl aufzutreiben. Wie kann man sich nur verstaendigen mit den
franzoesischen Bauern! Doch man weiss sich zu helfen. Ein Soldat geht in
die Kueche, wo die Baeuerin, zitternd vor der deutschen Einquartierung,
wartet, was nun geschehen werde. Der Soldat nimmt einen Kochtopf, fuellt
ihn mit Wasser, haelt ihn der Baeuerin unter die Nase, deutet in den
Kochtopf und ruft Kikeriki! Da nickt sie verstaendnisvoll und bald kocht
ein Huhn im Topf.


Die Gefangenen.

Ein preussischer Wachtmeister hatte gefangene Russen zu bewachen. Aber
seine Uebermuedung ist zu gross. Er faellt um und schlaeft. Entsetzt faehrt er
morgens aus dem Schlaf--ob die Gefangenen nicht entwichen sind? Er
schaut nach, traut seinen Augen kaum: es sind 120 mehr als es am Abend
waren. Die haben sich aus Gefangenenlager herangeschlichen und lassen
sich gefangen nehmen. Sie wissen, bei den Deutschen geht es ihnen gut.


Der Generaloberst v. Hindenburg.

Ein Mann von gewaltiger Groesse und Staerke, mit einem Angesicht voll Guete
und Wohlwollen ist unser Generaloberst v. Hindenburg, der Retter
Ostpreussens, der Russenschreck, wie ihn die Soldaten nennen, seitdem er
bei Tannenberg und an den masurischen Seen die russische Armee
geschlagen und in die Suempfe gedraengt hat.

Dieser ungeheure Erfolg war das Ergebnis seiner Lebensarbeit, seiner
laengst erprobten Plaene. Schon seit Jahrzehnten vertrat Herr v.
Hindenburg die Ansicht, dass, wenn einmal die Russen kaemen, sie in die
masurischen Seen gedraengt werden muessten. Andere Offiziere meinten im
Gegenteil, die Russen duerften gar nicht in die Naehe der Seen kommen. Er
gab aber nicht nach. Hindenburg war irgendwo in der Provinz
Korpskommandant, als eines Tages im deutschen Reichstag die Idee
auftauchte, es gehe nicht an, dass ein so grosses Gebiet unfruchtbar
bleibe: die masurischen Seen muessten ausgepumpt und aus ihnen fruchtbarer
Boden geschaffen werden. Der alte General hatte keine Ruhe mehr; man
wollte _seine_ Seen, _seine_ Suempfe, die er alle persoenlich kannte,
anruehren! Er reiste sofort nach Berlin, erklaerte, protestierte,
agitierte! Er lief zu Abgeordneten, zu Parteifuehrern, zu Kommissionen
und, als alles nichts nuetzte, zum Kaiser. Er hat auch den Kaiser solange
nicht verlassen, als er ihm nicht versprach, dass man die Seen in Ruhe
lassen werde.

Alljaehrlich zu den Manoevern wurde Hindenburg zu den masurischen Seen
geschickt. Dort, wie bei allen Manoevern, trug der eine Teil der Armee
ein weisses, der andere Teil ein rotes Band auf der Kappe. Die Roten
waren die Russen, die Weissen wurden von Hindenburg befehligt; sie hatten
Ostpreussen zu verteidigen. Wenn die Soldaten bei den Uebungen erfuhren,
dass sie gegen Hindenburg zu kaempfen haetten, wiederholte sich alljaehrlich
der anlaesslich der Uebernahme der roten Baender fast sprichwoertlich
gewordene Ausruf: "Heuer gehen wir baden!" Denn sie wussten, dass da alles
vergeblich ist: ob sie von links, ob von rechts kommen, ob sie von vorn
angreifen, oder von rueckwaerts jagen, ob sie mehr oder wenig sind, das
Ende ist doch immer dasselbe: dass Hindenburg sie in die masurischen Seen
einklemmt. Und jedes Jahr, wenn abgeblasen wurde, stand die rote Armee
bis zum Hals im Wasser. Die Offiziere gingen nur noch in wasserdichten
Uniformen zu den Hindenburg-Manoevern.

Dann ging der alte General in Pension. Doch weiterhin verbrachte er die
Sommermonate bei den masurischen Seen. Er entlehnte sich in Koenigsberg
eine Kanone und liess sie von frueh bis spaet aus einer Lache in die andere
schleppen. Er wusste genau, welcher Sumpf von der Artillerie passiert
werden kann und in welchem der Feind stecken bleibt.

Da brach der Krieg aus und was so lange nur Manoeveruebungen gewesen
waren, jetzt wurde es ernst.

Sobald der Kaiser hoerte, dass die Russen in Ostpreussen eingebrochen
seien, berief er Hindenburg und forderte ihn auf, jetzt seine Kunst zu
zeigen. Unverzueglich reiste dieser vom westlichen Kriegsschauplatz nach
Osten. Schon waehrend der Fahrt erteilte er telegraphische Befehle und
als er ankam, war alles vorbereitet.

Auch die Russen waren da; die Russen, die nun unerbittlich samt Pferden
und Geschuetzen in die masurischen Seen gejagt wurden.

Seitdem ist durch ganz Deutschland Hindenburgs Ruhm erklungen, wir sind
ihm dankbar und sind stolz auf ihn. Er selbst aber ist wie alle wirklich
grossen Maenner bescheiden geblieben. Er nimmt die Ehre nicht fuer sich
allein an, er erkennt gern an, was andere leisten. Von seiner Armee
ruehmt er: "Sie hat einen herrlichen Geist; jeder vom obersten General
bis zum untersten Mann ist voll sieghafter Zuversicht. Prachtvoll sind
auch meine Flieger, sie haben schon heldenmuetige Aufklaerungsdienste
geleistet. Auch unsere Verbuendeten, die Oesterreicher, sind ausdauernd,
tapfer und zaeh."

Wohl uns, dass wir solches hoeren duerfen! Es bestaerkt uns in der stolzen
Zuversicht:

  _Wir werden siegen_!






End of Project Gutenberg's Kriegsbuechlein fuer unsere Kinder, by Agnes Sapper

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KRIEGSBUeCHLEIN FUeR UNSERE KINDER ***

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